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Item 1
Id 79646257
Date 2026-10-12
Title Ukraine und USA in der Krise: Was folgt auf den Diesel-Deal mit Russland?
Short title Ukraine-Krieg: Trumps Diesel-Deal mit Russland und die Folgen
Teaser Donald Trump will den Kauf russischen Diesels erlauben, was im In- und Ausland kritisiert wird. Was ist der Grund für die Entscheidung des US-Präsidenten und was soll die Ukraine tun? Die DW hat mit Experten gesprochen.
Short teaser US-Präsident Donald Trump will den Kauf russischen Diesels erlauben, was kritisiert wird. Was soll die Ukraine tun?
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Der Diesel-Deal zwischen US-Präsident Donald Trump und Russlands Staatschef Wladimir Putin sorgt in der Ukraine für Verärgerung. Moskau darf damit russischen Dieselkraftstoff in die Weltmärkte liefern. Dies sei eine Reaktion darauf, dass Kyjiw den Forderungen Washingtons nicht nachkomme, die Angriffe auf Raffinerien in Russland zu stoppen, schreibt die US-amerikanischen Nachrichtenseite Axios. Trump erklärte zudem, es sei für die Ukraine an der Zeit, "einen neuen Führer zu bekommen, der einen Deal machen könnte".

Die Vereinbarung über den Dieselverkauf wurde verkündet, während Gespräche zwischen ukrainischen, amerikanischen und europäischen Vertretern in Miami liefen. "Ich glaube, unser Team wird lediglich als Deckmantel missbraucht. Das ist definitiv nicht fair", sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kurze Zeit später vor Journalisten und bezeichnete Trumps Beschluss als "eine schwache Entscheidung starker Partner".

Vom Oval Office nach Miami

Für Kyjiw ist das nicht die erste Krise im Verhältnis zur Trump-Administration. Im Februar 2025 warf Trump im Oval Office Selenskyj vor, er habe "im Moment keine Karten". Auf den Eklat im Weißen Haus folgte ein Stopp der Waffenlieferungen und des Austauschs geheimdienstlicher Informationen. Die US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner sollen laut Medienberichten während der Gespräche in Miami erneut mit einem Informations-Stopp gedroht und das mit den ukrainischen Angriffen auf russische Raffinerien begründet haben. US-Vertreter bestritten diese Darstellung.

Dennoch ähnele die aktuelle Situation dem damaligen Streit im Weißen Haus, sagt Mychajlo Hontschar vom ukrainischen Zentrum für Globale Studien "Strategie XXI" im DW-Gespräch. Es gebe aber keinen Grund für die Ukrainer, jetzt in Panik zu geraten. "Auch im vergangenen Jahr gab es Drohungen und Unterbrechungen der Geheimdienstinformationen sowie Lieferengpässen bei den Waffen. Dann erkannten die Amerikaner, wie sehr es ihnen selbst schadet, und nahmen widerwillig alles wieder auf."

Sucht Trump einen "Sündenbock"?

Alle von der DW befragten Experten sehen einen Zusammenhang zwischen Trumps Drohgebärden gegenüber der Ukraine und den Zwischenwahlen in den USA am 3. November. Bei den Midterms werden alle Sitze des Repräsentantenhauses und ein turnusmäßiger Teil des Senats neu gewählt. Iwan Us vom Nationalen Institut für strategische Studien in Kyjiw erwartet eine krachende Niederlage der Republikaner. Hauptgrund dafür seien die hohen Treibstoffpreise.

"Donald Trump will mit aller Macht davon ablenken, dass die hohen Preise mit seinem Iran-Krieg und den Problemen in der Straße von Hormus zusammenhängen. Dafür braucht er einen Sündenbock. Und er hat entschieden, dass es die Ukraine ist", betont der Experte.

Mychajlo Hontschar sieht in Trumps Deal mit Putin vor allem Vorteile für Russland. "Dieses ganze Dieselgeschäft wirkt wie eine verkappte Bitte Putins an Trump, Einfluss auf die Ukraine zu nehmen." Hontschar bringt die Vereinbarung auch mit einem möglichen Verkauf der Auslandsbeteiligungen des russischen Ölkonzerns Lukoil in Verbindung. Laut der New York Times gehören zu den potenziellen Käufern dieser Beteiligungen Investoren aus Trumps Umfeld.

Wie lässt sich die Krise bewältigen?

Oleksandr Krajew vom ukrainischen Thinktank "Ukrainisches Prisma" warnt vor drastischen Schritten. "Wenn wir beleidigt die Tür zuschlagen, wird uns das ganz sicher nicht helfen. Dann werden die Sicherheitsunterstützung und die Geheimdienstinformationen vom Tisch sein. Das können wir uns nicht leisten. Es mag schwierig sein, manchmal auch widerwärtig, aber wir müssen den Kontakt zu den Amerikanern aufrechterhalten", findet der Experte. Parallel dazu könne die Ukraine mit Deutschland, Dänemark, Großbritannien und Frankreich dafür sorgen, dass Lieferungen von russischem Dieselkraftstoff "einfach unrealistisch" würden. Schließlich müssten die Tanker durch Hoheitsgewässer dieser Länder in die USA fahren und die Partner hätten schon erklärt, dies nicht zulassen zu wollen.

Ivan Us rät, scharfer Rhetorik nicht zu viel Bedeutung beizumessen. "Man kann öffentlich sagen, was man will, Hauptsache, man macht weiter wie bisher", lautet seine Einschätzung zum möglichen Verhältnis zwischen Kyjiw und Washington. Die ukrainische Diplomatie sollte mit den US-Republikanern und der MAGA-Bewegung zusammenarbeiten. Dort werde Trumps Vereinbarung mit Putin bereits kritisiert und der Verdacht geäußert, Russland könne mit dem Geld aus dem Dieselgeschäft den Iran unterstützen.

Us schließt zudem nicht aus, dass Trumps Entscheidung vor Gericht angefochten wird. Der republikanische Senator Tom Tillis sagte im US-Sender NBC, der Präsident verstoße wahrscheinlich gegen das Gesetz aus dem Jahr 2022, das den Import von russischem Öl und weiteren Energieträgern verbiete.

Die US-Drohungen, die Ukraine von geheimdienstlichen Informationen oder Waffen abzuschneiden, hält Iwan Us ohnehin für "Angstmacherei" im Vorfeld der Wahlen. "Die USA geben solche Erklärungen nicht ab, um etwas zu unternehmen, sondern um die Märkte glauben zu lassen, dass sie nun Druck ausüben werden, und die Preise sinken", so Us.

Was ändert sich ab dem 3. November?

Die drei Experten sind sich einig, dass Kyjiw die Lage bis nach den US-Wahlen aussitzen sollte. Oleksandr Krajew ist überzeugt, dass Trump nach den Wahlen in dieser Angelegenheit nachgeben könnte. Denn die Ukraine im Stich zu lassen würde bedeuten, Schwäche gegenüber China zu zeigen, das die Situation um Taiwan genau im Blick habe.

Mychajlo Hontschar weist darauf hin, dass Trumps Deal mit Putin bereits von Republikanern im Senat und im Repräsentantenhaus kritisiert werde. Zudem habe der Kongressabgeordnete Brian Fitzpatrick einen nach dem ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan benannten parteiübergreifenden Gesetzentwurf initiiert, um den Kauf von russischem Öl zu blockieren. "Trotz aller Drohungen und vielleicht sogar einiger Versuche, vorübergehende Maßnahmen gegen Kyjiw zu erlassen, ist es unwahrscheinlich, dass Trump noch weiter gehen wird. Die Lage sollte man nicht in apokalyptischen Tönen darstellen", so Hontschar. Zudem sorge Trump mit seinem Druck nur für einen noch engeren Schulterschluss zwischen der Ukraine und ihren europäischen Partnern.

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

Author Lilia Rzheutska
Item URL https://www.dw.com/de/ukraine-und-usa-in-der-krise-was-folgt-auf-den-diesel-deal-mit-russland/a-79646257?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Hohe Kraftstoffpreise an amerikanischen Tankstellen
Image source Patrick T. Fallon/AFP
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Item 2
Id 79640933
Date 2026-10-12
Title Indien: Frauen kämpfen gegen den Kohlenstaub
Teaser Kohlenstaub belastet die Menschen in Jharkhand. Eine Gruppe Frauen misst selbst die Luftqualität und dokumentiert extreme Werte. Mit den Daten bringen sie Behörden zum Handeln.
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Kohlebergbau und Luftverschmutzung belasten viele Menschen im ostindischen Bundesstaat Jharkhand. Im Distrikt Bokaro leiden Bewohner unter Kohlestaub und Atemwegserkrankungen. Doch Frauen aus der Region wollen das nicht länger hinnehmen. Als „Freundinnen der Umwelt“ messen sie selbst die Luftqualität und dokumentieren hohe Schadstoffwerte. Mit ihren Daten üben sie Druck auf Bergbauunternehmen und Behörden aus und erreichen erste Maßnahmen gegen den Staub. Ihr Ziel: saubere Luft für alle.

Author Arunima Kar, Wolf Gebhardt
Item URL https://www.dw.com/de/indien-frauen-kämpfen-gegen-den-kohlenstaub/video-79640933?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image source DW
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Item 3
Id 79631337
Date 2026-10-12
Title Anna Netrebko: Umstrittener Auftritt in Bonn
Short title Anna Netrebko: Umstrittener Opernstar in Bonn
Teaser Ein Weltstar kommt in das kleine Opernhaus in der ehemaligen Bundeshauptstadt. Der Jubel ist groß. Die Kritik ebenso laut – und nicht nur an ihrer Person.
Short teaser Ein Weltstar kommt in der ehemaligen Bundeshauptstadt. Der Jubel ist groß. Die Kritik ebenso laut.
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"Hallo, liebe Freunde! Hier Anna Netrebko! Ich erwarte euch in Bonn bei zwei Aufführungen – "Nabucco" im November und "La Bohème im Januar!".

Mit dieser Nachricht,veröffentlicht auf Instagram Ende September 2026, überraschte die Sängerin nicht nur ihre 738 000 Follower weltweit, sondern auch die Bevölkerung der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn und besonders deren Musikliebhaber.

Denn das gab es noch nie: "La Netrebko" kommt an den Rhein, in ein Opernhaus, das nicht zu den führenden der 83 deutschen Opernhäuser gehört. Und sie singt nicht etwa ein bis zwei Arien an einem honorarstarken Gala-Abend, sondern wird in zwei ihrer abendfüllenden Paraderollen zu erleben sein: als Mimi in "La Bohème" und als Abigaille in "Nabucco". Begleitet wird sie vom Städtischen Beethovenorchester Bonn mit Unterstützung der Ensemblemitglieder einschließlich des Kinderchores.

Theater Bonn: Erfolg auf der ganzen Linie

Für Bernhard Helmich, Intendant der Bonner Bühnen, ist Netrebkos Zusage ein Coup, und zwar künstlerisch wie finanziell: "Sie gehört nicht nur zu den bekanntesten Opernsängerinnen der Welt, sie ist die bekannteste Opernsängerin der Welt schlechthin", bringt er es im DW-Gespräch auf den Punkt.

"Eine große Freude gibt es aber auch bei unserem kaufmännischen Direktor", versichert der Intendant, auch wenn Netrebkos Honorar durchaus ihrem Niveau entspricht (und damit laut Quellen der DW je nach Auftritt das Zehn- bis Zwanzigfache des Durchschnittshonorars eines Opernsolisten beträgt). Netrebkos Zusage sei exzellenten Kontakten der Stabstelle der Oper zu verdanken, so Helmich, man habe lange daran gearbeitet, eine Lücke im Terminkalender des Stars zu finden.

Mit der schlechten finanziellen Lage der Kulturstätten der Stadt Bonn und der drohenden Gefahr einer Schließung des Opernhauses habe das Unterfangen nichts zu tun, so der Intendant. Einige Gesprächspartner, die nicht namentlich genannt werden möchten, sagten gegenüber der DW, dass Netrebkos Erscheinen am Rhein auch eine gewisse Schutzmaßnahme des Theaters und vielleicht auch eine Solidaritätsbekundung für die berühmte Sängerin sei. Schließlich hat Anna in einem Interview gesagt, ihr Zuhause sei überall da, wo (noch) ein Opernhaus stehe – also auch in Bonn.

Bonner Opernliebhaber: Jubel und kritische Stimmen

Der Jubel ist groß. Schon vor dem Start des Vorverkaufs am 5. Oktober waren die Schlangen an den Kassen lang, die Tickets nach wenigen Stunden vergriffen, der Server für den Online-Verkauf zusammengebrochen – und das trotz Preisen, die man in Mailand oder Salzburg gewohnt ist, jedoch nicht in Bonn.

"Ich will unbedingt die Netrebko hören, sie ist fantastisch!", schwärmen einige Damen in der Ticket-Schlange gegenüber der DW.

"Ich bin gespannt, was sie mit der Rolle der Mimi noch machen kann", sagt ein junger Opern-Fan. "Es ist eine Anerkennung für Bonn, für diese kleine Oper", freut sich ein älterer Herr. "Man muss nicht alles verfluchen, was aus Russland kommt!"

Genau zu diesem Thema gibt es - so das Bonner Theater nach eigenen Angaben - aber auch kritische Zuschriften, unter anderem von Organisationen, die ukrainische Flüchtlinge in der Stadt unterstützen. Bonn unterhält seit dem 9. Februar 2023 eine Solidaritätspartnerschaft mit der ukrainischen Stadt Cherson. Auch aus dem Lager der Lokalpolitik sind kritische Töne zu vernehmen: ob es angemessen sei, so viel Geld für einen Star auszugeben, während sich die Krisensituation in der städtischen Kultur allgemein verschärfe.

Ein Symbol der "russischen Gleichgültigkeit"?

Eine Nähe zum Regime in Russland, die man Anna Netrebko in Verbindung mit dem Ukraine-Krieg unterstellt hatte, wurde von der Sopranistin 2022 revidiert. Die aus dem Süden Russlands stammende Sängerin, die einen ukrainischen Nachnamen trägt, hatte sich vom Angriffskrieg distanziert. "Ich verurteile den Krieg gegen die Ukraine ausdrücklich und meine Gedanken sind bei den Opfern dieses Krieges und ihren Familien", ließ die Sängerin über ihre Anwälte mitteilen. "Meine Position ist klar. Ich bin weder Mitglied einer politischen Partei noch bin ich mit irgendeinem Führer Russlands verbunden." Für die Mehrheit der Opern- und Konzerthäuser weltweit war diese Erklärung ausreichend, und so ist Netrebkos Kalender längst wieder mit Namen führender Kulturinstitutionen wie der Mailänder Skala oder der Wiener Staatsoper gefüllt.

Dass Netrebko 2012 Wladimir Putin in seiner Wahlkampagne als "Vertrauensperson" unterstützte, Staatsorden aus seiner Hand entgegennahm oder vor fünf Jahren, wenige Monate vor Kriegsausbruch, ihren 50. Geburtstag im Kreml feierte, war noch vor dem Angriff auf die Ukraine. 2014 annektierte Russland völkerrechtswidrig die Halbinsel Krim. Im Februar 2022 griff die russische Armee weite Teile der Ukraine an. Der Angriffskrieg durch Russland dauert bis heute an.

Ein großes Talent mit weltweitem Ruf wie dem von Anna Netrebko bedeutet in den Augen vieler Menschen, insbesondere der Ukrainer, geradezu eine Verpflichtung zu mehr Engagement. So wäre etwa die Spende mindestens eines Teils des Bonner Honorars zugunsten der Flüchtlinge oder kriegsversehrter Kinder aus der Ukraineein klares und überfälliges Zeichen. Um die Flüchtlinge und kriegsversehrten Kinder kümmert sich unter anderem die Bonner Begegnungsstätte Freundschaft e. V.. Die Initiative fordert eine "öffentliche Auseinandersetzung“ mit der Entscheidung, die Sopranistin auftreten zu lassen.

Axel Brüggemann: "Zweimal Minus bringt nicht Plus"

Axel Brüggemann, einer der renommiertesten Musikjournalisten Deutschlands, betrachtet den Fall differenzierter: "Ich persönlich würde sie zwar nicht hören", sagt Brüggemann der DW, "aber sie ist für mich ganz anders glaubhaft als zum Beispiel ein Teodor Currentzis, der immer noch in Russland auftritt und auch mit seinen Orchestern und seinem Festival Geld vom russischen Staat kassiert."

Anna Netrebko habe große soziale und politische Fehler gemacht, indem sie eine Spende an das Theater im Donbass geleistet habe, sagt Brüggemann. Das war im Zuge der Annexion der Halbinsel Krim. Sie habe sich auch immer wieder mit Wladimir Putin gezeigt oder sei zur Eröffnung der Olympischen Spiele im Februar 2014 in Sotschi aufgetreten, analysiert Axel Brüggemann im DW-Gespräch.

"Aber ich kann bei Anna Netrebko schon erkennen, dass sie aus diesen Fehlern eine Konsequenz gezogen hat." Netrebko ist seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges 2022 nicht mehr in Russland aufgetreten, hat nicht einmal das Land besucht. "Nur, wer nicht aus Fehlern lernt und wer sie nicht korrigiert, ist wirklich untragbar." Anna Netrebko habe ihre Lehren daraus gezogen, so Brüggemann.

Braucht es einen Star in der Bonner Oper?

Einen Skandal sieht der Experte an anderer Stelle: Brüggemann stört es, dass "ein deutsches Stadttheater, das dafür da ist, spannendes Theater vor Ort zu machen, junge Sängerinnen und Sänger zu fördern und ein Repertoire und einen Spielplan aufzubauen, offensichtlich auf einen Star setzt." Es sei wesentlich einfacher, eine Lücke im Terminkalender einer Anna Netrebko zu finden, als eine qualitätsvolle, spannende Premiere mit eigenem Ensemble zu bestücken und damit Publikum - auch junge Menschen - zu begeistern.

Und ob Netrebko tatsächlich die Nummer eins unter den Opernsängern der Welt sei, ist für Brüggemann auch nicht in Stein gemeißelt, gerade mit Blick auf die jüngere Sängergeneration: "Der verflossene Glanz einer Anna Netrebko soll jetzt den verflossenen Glanz der ehemaligen Bundeshauptstadt aufwerten. Aber zweimal Minus bringt nicht Plus." Zumindest nicht auf der Opernbühne.

Item URL https://www.dw.com/de/anna-netrebko-umstrittener-auftritt-in-bonn/a-79631337?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Kommt nach Bonn: Anna Netrebko ist die Nummer eins der Opernbühne
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Item 4
Id 79641448
Date 2026-10-12
Title Klimaziel kostet Deutschland laut Studie Billionen
Short title Klimaziel kostet Deutschland laut Studie Billionen
Teaser Um bis 2045 klimaneutral zu werden, müssen in Deutschland einer Studie zufolge sechs Billionen Euro investiert werden. Nach Überzeugung der Autoren lohnen sich die Ausgaben, weil ihnen ein hoher Nutzen gegenübersteht.
Short teaser Den Berechnungen zufolge sind Investitionen in Höhe von sechs Billionen Euro nötig, um bis 2045 klimaneutral zu werden.
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Laut der Studie des Prognos-Forschungsinstituts im Auftrag der Förderbank KfW müssen sich damit die bisherigen Ausgaben für den Klimaschutz mehr als verdoppeln. Den Großteil der Investitionen müssten demnach Verbraucher und Unternehmen stemmen, auf den Staat entfielen nur zwölf Prozent.

Beim Blick auf die Zahlen ist aber wichtig: Nur knapp die Hälfte aller Investitionen fiele zusätzlich an, weil auch dann Geld ausgeben würde, wenn man weiter auf fossile Energieträger wie Kohle, Öl und Gas setzen würde. "Der Betrag relativiert sich dadurch, dass Deutschland auch beim Festhalten an fossilen Technologien stark investieren müsste", erklärte KfW-Vorstandschef Stefan Wintels.

Von den zur Zielerreichung nötigen Investitionen von ungefähr 290 Milliarden Euro pro Jahr blieben also netto noch rund 145 Milliarden Euro übrig. Das ist der Teil, der durch die Umstellung auf mehr Klimaschutz hinzukommt.

Klimaziel ist gesetzlich festgeschrieben

Bis 2045 will Deutschland klimaneutral sein, also nicht mehr Treibhausgase ausstoßen, als wieder gespeichert werden können. Das ist gesetzlich festgeschrieben.

Die höchsten Ausgaben entfallen auf den Verkehrssektor, der fast die Hälfte ausmacht. Hier geht es vor allem um die Anschaffung von Pkw mit klimafreundlicheren Antrieben. Da aber ohnehin Autos gekauft würden und der Preisunterschied zwischen Elektroautos und Wagen mit Verbrennungsmotor schrumpft, müssten die Investitionen netto nur um ein knappes Fünftel steigen.

Ein Viertel der sechs Billionen Euro fällt im Energiesektor an. Hier sind die Nettoinvestitionen besonders groß, weil das Energiesystem komplett umgebaut werden müsste, wenn Strom aus Wind und Sonne eine größere Rolle spielt. Insbesondere in die Stromnetze muss dann Geld fließen. Hier sind besonders viele staatliche Investitionen nötig.

Rund ein Fünftel macht der Gebäudesektor aus, und zwar vor allem Wohngebäude. Hier sind laut Studie die meisten Extra-Investitionen nötig, also Ausgaben, die ohne mehr Klimaschutz nicht anfallen würden.

Energieintensive Unternehmen unter Druck

Ein knappes Zehntel der nötigen Investitionen bis 2045 fällt auf die Industrie - dennoch seien damit hohe Belastungen verbunden, so die Autoren der Studie. Die Investitionen konzentrierten sich auf wenige, besonders energieintensive Unternehmen. "Häufig sind hiermit auch einschneidende Änderungen der Produktionsprozesse und des Geschäftsmodells verbunden. Einzelne Unternehmen müssen sehr hohe Summen in neue Produktionsanlagen investieren."

Viele dieser Unternehmen stünden zudem im internationalen Wettbewerb und könnten höhere Kosten nicht immer über steigende Produktpreise an ihre Kunden weitergeben. Auch die Produktionskosten könnten mit dem Abschied von fossilen Energieträgern wie Kohle und Gas steigen.

Investitionen in den Klimaschutz und entsprechende Technologien kosten aber nicht nur Geld, sie können es auch sparen. "Die Abkehr von fossilen Energieimporten spart Kosten und reduziert Abhängigkeiten", betonen die Autoren.

Andersherum berge der Klimawandel große wirtschaftliche Risiken: So habe etwa die Hitzewelle 2026 die deutsche Wirtschaftsleistung deutlich geschmälert. Die durch Extremwetterereignisse verursachten Vermögensschäden in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren werden der Förderbank zufolge auf mehr als 50 Milliarden Euro geschätzt.

gri/pgr (dpa, kna)

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Image caption Wie hier am Rhein in Köln gab es in diesem Jahr vielerorts extremes Niedrigwasser - wohl eine Folge des Klimawandels
Image source Oliver Berg/dpa/picture alliance
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Item 5
Id 79518510
Date 2026-10-12
Title Verschwörungstheorien: Wie prüfe ich, was stimmen könnte?
Short title Verschwörungstheorien: Wie prüfe ich, was stimmen könnte?
Teaser Verschwörungen gibt es und wird es immer geben. Die Frage ist, wie sich absurde von wahrscheinlichen Verschwörungstheorien unterscheiden lassen. Dabei hilft ein gewisses Maß an Misstrauen - auch sich selbst gegenüber.
Short teaser Um absurde Verschwörungstheorien zu identifizieren, hilft ein gewisses Maß an Misstrauen - auch sich selbst gegenüber.
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"Birds aren't real", Vögel gibt es nicht. Das kritzelte der US-amerikanische Student Peter McIndoe auf ein Stück Pappe und mischte sich 2017 bei einer Demonstration unter die Anhänger des US-Präsidenten Donald Trump.

Auf seinen Slogan angesprochen erzählte er: Die US-Regierung habe alle Vögel umbringen lassen und sie durch Überwachungsdrohnen ersetzt. Vögel säßen auf Stromleitungen, um sich aufzuladen, Vogelkot sei ein flüssiges Ortungsgerät.

Das ist eine Verschwörungserzählung. Eine andere geht so: Der Ölkonzern ExxonMobil wusste bereits seit den 1970er-Jahren von der Bedrohung durch den Klimawandel. Vom Konzern bezahlte Forschende haben den globalen Temperaturanstieg ziemlich präzise eingeschätzt.

Die internen Analysen von ExxonMobil standen allerdings immer in heftigem Kontrast zu ihren öffentlichen Erklärungen, in denen der Klimawandel kleingeredet, Mythen verbreitet und Unwissenheit vorgetäuscht wurde.

Echte und erfundene Verschwörungen: Warum der Unterschied wichtig ist

Peter McIndoe erzählte der New York Times 2022, dass seine "Birds aren't real"-Verschwörung Satire gewesen sei. Er habe damit darauf aufmerksam machen wollen, wie schnell Menschen an erfundene Verschwörungserzählungen und Desinformationen glauben.

ExxonMobils Machenschaften wurden 2015 durch investigative Journalisten aufgedeckt, die Zugang zu internen Dokumenten und Forschungsberichten hatten. 2020 reichte der Generalstaatsanwalt von Washington D.C. Klage gegen ExxonMobil und weitere Ölkonzerne ein. Eine 2023 im Fachmagazin Science erschienene Studie wertete die internen Forschungsergebnisse des Unternehmens aus und bestätigte die Verschwörungserzählung: Exxon wusste seit Jahrzehnten von den Folgen des Klimawandels.

Es gibt also beides: wenig plausible und plausible Verschwörungserzählungen. Die Frage ist nur, wie sich die eine von der anderen unterscheiden lässt. Es gibt ein paar Prüfkriterien, die dabei helfen können.

Verschwörungstheorien erkennen: Wie plausibel ist die Geschichte?

Eine Voraussetzung dafür ist: innehalten und nachdenken. Nichts tun, außer sich selbst ein paar kritische Fragen zu stellen.

Eine dieser Fragen ist die nach der Logik, sagt Lotte Pummerer, Sozialpsychologin und Postdoc an der Universität in Mannheim, wo sie zu Verschwörungstheorien forscht.

Wie viele Menschen müssten eingeweiht sein und welche Motive sollten sie haben, die Verschwörung geheim zu halten? Um bei dem Beispiel mit den falschen Vögeln zu bleiben: Neben den Drahtziehern müssten alle Ornithologen und Vogelschützer Bescheid wissen und dichthalten. Und das seit Jahrzehnten. Ohne einen einzigen Whistleblower. Wie logisch ist das?

Kognitive Verzerrungen: Warum wir an Verschwörungserzählungen glauben

Auch die eigenen Motive sollten einmal unter die Lupe genommen werden, sagt Pummerer. "Kann es sein, dass ich gerade bewusst nur in eine bestimmte Richtung nach Informationen suche? Gibt es einen Grund, dass ich eine schnelle, befriedigende Antwort will oder wäre es okay für mich, zu dem Ergebnis zu kommen, dass ich diese Antwort aufgrund meiner derzeitigen Informationen nicht bekommen kann?"

Solche Fragen sollen mögliche kognitive Verzerrungen (cognitive bias) überprüfen, für die wir alle anfällig sein können. Es handelt sich dabei um systematische Denk- und Wahrnehmungsfehler, die unsere Entscheidungsfindung, Urteilsbildung und Wahrnehmung beeinflussen und zu falschen Annahmen führen.

Ein Beispiel für eine kognitive Verzerrung ist der sogenannte Bestätigungsfehler (confirmation bias): Wir bevorzugen tendenziell Informationen, die am besten in unser Weltbild passen und unsere ohnehin vorhandenen Annahmen bestätigen.

Aufgrund dieser kognitiven Verzerrungen sei es wichtig "mal ganz bewusst den Gegencheck zu machen", sagt die Sozialpsychologin. Und sich zu fragen: "Bin ich bereit, mich überzeugen zu lassen, wenn die wissenschaftliche Evidenz in eine andere Richtung weist?"

Pummerer nennt 9/11 als Beispiel. Die Verschwörungserzählung, dass die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon 2001 von der US-Regierung inszeniert waren, hält sich hartnäckig. Die Türme können nur gesprengt worden sein, sie wären sonst nie zusammengefallen. Oder hätten zur Seite kippen müssen.

Umfangreiche Ermittlungen vieler unabhängiger Expertinnen und Experten haben ergeben: 9/11 war ein islamistischer Terroranschlag. Es war der Einschlag der beiden Flugzeuge, der die Türme zum Einsturz gebracht hat. "Da sind viele Leute, die in den entsprechenden Bereichen viel mehr Expertise haben als ich, angefangen von Bauingenieuren, Menschen, die Flugschreiber und Flugradare auslesen, bis hin zu Investigativjournalistinnen. Warum sollte ausgerechnet ich, die ich nicht dafür ausgebildet bin, zu der entscheidenden Erkenntnis kommen?", fragt Pummerer.

Experten, Wissenschaft und die Frage nach Vertrauen

"Es gibt einen Wissensunterschied zwischen Leuten, die Experten sind und einem selbst, wenn man kein Experte ist", ergänzt Marlene Altenmüller, ebenfalls Sozialpsychologin und Juniorprofessorin für Wissenschaftsrezeption am Leibniz-Institut für Psychologie in Trier. Es sei wichtig, diesen Unterschied anzuerkennen, denn "wir leben in einer komplexen Welt und können gar nicht alles selbst durchdringen und verstehen."

Bedeutet auch: Ohne Vertrauen geht es nicht. Das heißt aber nicht, dass wir blind vertrauen sollten, im Gegenteil. Misstrauen sei wichtig und konstruktiv, sagt Altenmüller. "Misstrauen und Zweifel sind zentraler Bestandteil wissenschaftlicher Prozesse."

Sie bezeichnet Wissenschaft als "institutionalisierten Zweifel". Studien werden immer wieder von unterschiedlichen Forschenden kritisch geprüft und oft auch wiederholt, um frühere Ergebnisse abzusichern und besser zu verstehen. Aus diesem Grund, sagt Altenmüller, sei Wissenschaft "die beste Annäherung an die Wahrheit, die wir haben".

"Wissenschaftlicher Konsens" bedeutet, dass sich die Argumente durchgesetzt haben, deren Datenbasis einer wiederholten, kritischen Prüfung standgehalten haben. Der menschengemachte Klimawandel ist ein Beispiel für wissenschaftlichen Konsens.

"Dieses ständige Hinterfragen und der produktive Prozess des Misstrauens, der dann zum Konsens führt, sollte viel überzeugender sein als eine Einzelperson mit einer Meinung", sagt Altenmüller.

Der letzte Prüfstein: Gelten für alle die gleichen Maßstäbe?

Es liegt in der Natur wissenschaftlicher Erkenntnisse, dass sie nie als absolut unumstößlich angesehen werden, sondern immer mit einer gewissen Unsicherheit behaftet sind. Ein Umstand, den sich ExxonMobil in seinen öffentlichen Stellungnahmen zum Risiko durch die globale Erwärmung zunutze gemacht hat: Unsicherheiten in Bezug auf die Klimawandelforschung wurden besonders betont und übertrieben.

Die Wissenschaftlerin Lotte Pummerer wünscht sich an dieser Stelle ein bisschen mehr selbstkritisches Hinterfragen und weniger Doppelstandards: Wenn von einer politischen oder wissenschaftlichen Institution eine lückenlose Beweiskette verlangt werde, wie könne dann gleichzeitig irgendeiner Person auf einem Sofa in einem YouTube-Video geglaubt werden, die beim Schminken was von geheimen Machenschaften erzähle?

Author Julia Vergin
Item URL https://www.dw.com/de/verschwörungstheorien-wie-prüfe-ich-was-stimmen-könnte/a-79518510?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Vögel gibt es nicht, sie sind alle Überwachungsdrohnen - eine satirische Verschwörungserzählung, die aber tatsächlich Anhänger fand
Image source David Canales/SOPA Images/ZUMA/picture alliance
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Item 6
Id 43060864
Date 2026-10-12
Title 125 Jahre "Buddenbrooks" von Thomas Mann
Short title 125 Jahre "Buddenbrooks" von Thomas Mann
Teaser Erfolg, Pflichtgefühl und der Druck, Erwartungen zu erfüllen: In den "Buddenbrooks" erzählt Thomas Mann vom Zerbrechen einer Familie. Ein Roman, der nichts von seiner Aktualität verloren hat.
Short teaser Erfolg, Pflicht, Absturz: Warum die "Buddenbrooks" bis heute gelesen werden.
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Wer hätte das anfangs erahnt. Ein 26-jähriger junger Mann ohne Abitur aber mit großen Ambitionen schreibt einen kilodicken Wälzer mit düsterem Grundton. "Ich bin nicht gerade entzückt", lautet der erste Kommentar seines Verlegers, der das Buch dann doch, mehr aus Wohlwollen als Überzeugung, veröffentlicht. Am Ende steht eine beispiellose Erfolgsgeschichte.

Thomas Manns "Buddenbrooks" gilt vielen als DER deutsche Gesellschaftsroman schlechthin. Ein Klassiker, der seinem Autor 1929 den Nobelpreis für Literatur bescherte. Weltruhm, internationaler Bestseller, Pflichtlektüre. Wer Thomas Mann sagt, denkt die "Buddenbrooks" automatisch mit. Warum eigentlich?

Das eigene Leben als Vorlage?

Mag es an der biografischen Nähe zwischen Werk und Autor liegen? Thomas Mann, der Lübecker Sohn einer Kaufmannsfamilie, der mit seinen künstlerischen Idealen so gar nicht in das bürgerliche Milieu passte, schöpfte aus der eigenen Biografie, als er seinen Debütroman schrieb. Dass er, der feinsinnige Bohemian, unfähig war, das altehrwürdige Familienunternehmen nach dem Tod des Vaters weiterzuführen, wurde naserümpfend registriert und bespöttelt.

Ein privilegiertes Leben in einer wohlhabenden, aber vom Abstieg bedrohten Familie und das Scheitern an all den Erwartungen – auch der junge Thomas Mann musste seinen Traum, als Künstler zu leben, gegen Widerstände verteidigen. So wie seine Romanfigur Hanno. Doch so sehr sich Thomas Mann auch von der Wirklichkeit inspirieren ließ, so konsequent verfremdete er für sein Werk die biografische Vorlage – und drückte dem Ganzen seinen ganz eigenen literarischen Stempel auf.

Mehr Schein als Sein

Was hilft das allerdings gegen die Kritik all jener, die den feinen Unterschied zwischen Werk und Autor nicht zu sehen vermögen? Obwohl der Name Lübeck kein einziges Mal fällt, fühlte man sich in der Geburtsstadt Thomas Manns nach der Veröffentlichung der bedrückenden Verfallsgeschichte zutiefst beleidigt. Denn das Bild, das der Autor zeichnet, ist kein Postkartenidyll einer Hansemetropole, sondern das einer Stadt, in der Tradition und Moderne nur schwer miteinander zu versöhnen sind.

Dieser Widerspruch spiegelt sich auch in jeder einzelnen Figur im Roman. Nichts ist so, wie es zunächst scheint. Thomas Mann legt den Grundstein dieser Skepsis schon in der Anfangsszene. Es ist ein normaler Donnerstag im Oktober 1835. Die Familie Buddenbrook trifft sich traditionell zu einem späten Mittagessen.

"Man saß auf hochlehnigen, schweren Stühlen, speiste mit schwerem Silbergerät schwere, gute Sachen, trank schwere, gute Weine dazu und sagte seine Meinung. Man war bald bei den Geschäften und verfiel unwillkürlich mehr und mehr dabei in den Dialekt, in diese behaglich schwerfällige Ausdrucksweise, die kaufmännische Kürze sowohl wie wohlhabende Nachlässigkeit an sich zu haben schien und die hie und da mit gutmütiger Selbstironie übertrieben wurde."

Das grandioses Scheitern

Da ist der Seniorchef der Handelsfirma, Johann Buddenbrook der Ältere samt Gattin sowie sein Sohn Konsul Jean mit Familie. Am Tisch sitzen auch die Enkel – die verträumte Tony, der hadernde Rebell Christian und Thomas, der Älteste. Auf seinen Schultern ruht später die Last, die Familientradition fortzuführen – egal um welchen Preis. Um diese Kernfamilie und über mehrere ihrer Generationen spinnt Thomas Mann sein Werk.

Doch der propere Schein trügt. Man ahnt schon den schleichenden Niedergang. Das neue Haus hatten die Buddenbrooks von einer Familie übernommen, die einst ebenso angesehen gewesen war wie sie selbst, wirtschaftlich jedoch ruiniert wurde und das Feld räumen musste. Johann und seine Familie sind fest entschlossen, es besser zu machen. Sie entscheiden sich fortan immer wieder für das ökonomisch Gebotene und scheitern – finanziell, zwischenmenschlich, psychisch. Die Kinder Tony und Thomas verlieben sich in nicht standesgemäße Partner und haben dann doch nicht die Kraft, sich gegen ihre Eltern durchzusetzen. Sie gehen zum Wohle der Familie Vernunftehen ein. Paradoxerweise sind es erst diese Zweckgemeinschaften, die die Katastrophen einleiten.

Sprache als Spiegel

Thomas Mann war schon früh von Schopenhauers pessimistischem Gedanken eines blinden, in der Welt waltenden Willens beeinflusst. Und so gibt es auch kein Entrinnen für die Buddenbrooks. Es wird von Gefühlen, von Moral geredet, aber primär ans Geld, an das Ökonomische gedacht. Das Scheitern, der Ruin oder auch der Tod scheinen da nur der einzig mögliche Ausgang zu sein. Thomas Mann unterstreicht diese Ausweglosigkeit auch stilistisch, indem er ganze Passagen wortwörtlich wiederholt, Motive wie das Familienbuch oder das Buddenbrook-Anwesen immer wieder durchdekliniert.

Die Fallhöhe dieses Untergangs wirkt sprachlich ausgeformt und auf die Spitze getrieben. Die Buddenbrooks, die stolze, weltläufige Hansefamilie, spricht Mundart mit französischen Floskeln.

"Je, den Düwel ook, c’est la question, ma très chère demoiselle!"

Die niederen Dienstboten, die Dirnen und Halbseidenen – sie alle reden den Jargon der Straße: roh, ungeschliffen. Thomas Mann orchestriert dieses Stimmgewirr virtuos zu einem Gesellschaftspanorama des 19. Jahrhunderts. Der Standesdünkel der Buddenbrooks wirkt dadurch wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Ein Ausdruck ihrer Unfähigkeit, sich dem Wandel, dem Fortschrittsglauben anzupassen.

Windige Ehemänner und ängstliche Söhne

Dass dieses überbordende, mehrere Generationen umspannende Werk trotzdem nicht an seinem ästhetischen Überschuss erstickt, liegt allein an Thomas Manns schriftstellerischer Genialität. Er vermag es, jeder seiner unzähligen Figuren mit Worten Leben einzuhauchen. Ein Leben, komplex, voller Widersprüche und Doppeldeutigkeiten. Einige dieser Figuren begleiten den Leser Seite um Seite, andere begegnen einem nur kurz.

Und doch beginnt man darüber nachzudenken, wie aus Grünlich solch ein windiger Ehemann ohne Skrupel werden konnte, und ertappt sich dabei, den ängstlichen Hanno aus dem Klavierzimmer zu jagen und ihm entgegen zu rufen: "Geh, stürz dich ins Leben! Du bist kein Versager." Es ist genau diese Empathie, die einen Nächte durchlesen und über die allzu verschachtelten Sätze und philosophischen Exkurse schmunzeln lässt. Und die aus einer zufälliger Buddenbrooks-Leserin einen neugierigen Thomas-Mann-Fan macht.

Dieser Artikel wurde erstmals 2018 veröffentlicht.

Thomas Mann wurde 1875 als Sohn einer angesehenen Patrizier- und Kaufmannsfamilie in Lübeck geboren. Er starb 1955 in Zürich (Schweiz). Neben dem Literaturnobelpreis, mit dem er 1929 für seinen Erstlingsroman "Buddenbrooks" ausgezeichnet wurde, erhielt er viele Preise und Ehrungen für sein umfangreiches Erzählwerk, darunter "Der Tod in Venedig" (1911), der Roman "Der Zauberberg" (1924), die Tetralogie "Joseph und seine Brüder" (1933-1943). Thomas Mann emigrierte 1933 in die Schweiz und 1938 in die USA. Von dort aus richtete er sich in seinen ab 1940 von der BBC ausgestrahlten Radioansprachen 'Deutsche Hörer!' gegen das NS-Regime. 1952 kehrte er in die Schweiz zurück.

Author Petra Lambeck , Aygül Cizmecioglu (spe)
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Image caption Emigrierte in die USA: Thomas Mann im Jahr 1947
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Item 7
Id 79583983
Date 2026-10-11
Title Der Südsudan auf ungewissem Weg zu den ersten Wahlen
Short title Der Südsudan auf ungewissem Weg zu den ersten Wahlen
Teaser Im Dezember sollen die ersten Parlamentswahlen im Südsudan abgehalten werden. Doch anhaltende Unsicherheit, politische Spannungen und eine fehlende Wählerregistrierung werfen Fragen auf, ob das gelingen kann.
Short teaser Im Dezember soll im Südsudan gewählt werden. Doch bisher steht nicht mal das Wählerregister.
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Endlich soll es so weit sein: Für den 22. Dezember hat der Südsudan Parlamentswahlen angesetzt - es wären die ersten seit der Unabhängigkeit des Landes vom Sudan im Jahr 2011. Doch die Vorbereitungen bleiben hinter dem Zeitplan zurück, die politischen Spannungen sind groß.

Präsident Salva Kiir hatte am 22. September die Übergangsregierung der nationalen Einheit aufgelöst, um eine neue Übergangsregierung zu bilden. Seitdem spitzt sich die Debatte um die Wahl zu.

Kann das klappen? Skepsis unter Wählern

Denis Logonyi, ein in Juba ansässiger Journalist, nimmt viel Skepsis wahr: Viele Menschen seien besorgt - nicht nur wegen der logistischen Herausforderungen, die zu bewältigen seien, sondern auch wegen der unsicheren Lage in dem Land, das für gewalttätige Machtkämpfe und politische Instabilität bekannt ist.

"Die Menschen haben unterschiedliche Ansichten zu diesen Wahlen", sagt Logonyi gegenüber der DW. "In politischen Kreisen und in den sozialen Medien hört man Diskussionen darüber, aber die einfachen Bürger sprechen nicht viel über die Wahlen."

Ein potenzieller Wähler in der Hauptstadt Juba stellt fest: "Es hat bisher weder Wähleraufklärung noch eine Wählerregistrierung stattgefunden, und es bleiben nur noch wenige Monate." Ein anderer Wähler erklärte, dass die Südsudanesen zwar sehnlichst auf einen glaubwürdigen Wahlprozess hofften, das Land jedoch nicht ausreichend darauf vorbereitet sei. Die Lebensmittelpreise würden steigen, Beamte erhielten keine Gehälter, und Vertriebene hätten es schwer, bemängelt er im DW-Gespräch.

Politiker bekennen sich zum Wahlzeitplan - trotz "Hindernissen"

Die politischen Parteien haben bis zum 22. Oktober Zeit, ihre Wahlprogramme vorzulegen und sich registrieren zu lassen. Am vergangenen Mittwoch (7. Oktober) schloss der Südsudan einen zweiwöchigen parteiübergreifenden Dialog ab. 39 Parteien nahmen an den Diskussionen über die entscheidenden Themen im Vorfeld der Wahl teil. Das Treffen wurde von Kiir initiiert. Laut Logonyi wurden einige zivilgesellschaftliche Gruppen nicht einbezogen.

Der Minister für Kabinettsangelegenheiten, Dr. Martin Elia Lomuro, skizziert einige der Herausforderungen: "Eine verspätete Mittelbereitstellung könnte die politische Bildung und die Wahlinfrastruktur erheblich beeinträchtigen." Es bedürfe eines klaren rechtlichen Rahmens für die Beteiligung der Verwaltungsbezirke des Landes. "Die drei Verwaltungsbezirke sind im nationalen Wahlgesetz nicht eindeutig geregelt, was jedoch eine Voraussetzung dafür ist, dass die Wahlergebnisse anerkannt werden", sagt Lomuro.

"Für glaubwürdige Wahlen ist die Gewährleistung der Sicherheit während des gesamten Wahlzyklus erforderlich - einschließlich Wahlkampfveranstaltungen, Wahllokalen, der Stimmabgabe, der Auszählung und der Übermittlung der Ergebnisse. Die vereinigten Sicherheitskräfte sind noch nicht vollständig im Einsatz."

Laut Albino Akol Atak, dem stellvertretenden Berichterstatter des parteiübergreifenden Dialogs und Minister für humanitäre Angelegenheiten und Katastrophenschutz, haben sich die Parteien einstimmig darauf geeinigt, den Wahlzeitplan einzuhalten. "Der Wahlzug hat den Bahnhof verlassen, und er hat keinen Rückwärtsgang. Wir versuchen, den Weg dafür zu ebnen, dass dieser Zug am 22. Dezember 2026 ohne Hindernisse ankommen kann", sagt Atak.

Unterdessen erklärte Changkuoth Bichok Reath, Generalsekretär der Oppositionsallianz des Südsudan (SSOA), der Erfolg der Wahl hänge vollständig von einer dringenden und umfassenden Zusammenarbeit ab. "Die Oppositionsallianz des Südsudan ist der festen Überzeugung, dass eine erfolgreiche Durchführung der Wahl am 22. Dezember ein koordiniertes und inklusives Vorgehen aller nationalen Institutionen, politischer Parteien, Sicherheitsakteure, der Zivilgesellschaft und anderer Interessengruppen erfordert", so Reath.

"Angesichts der knappen verbleibenden Zeit sollte der Schwerpunkt auf der Klärung offener rechtlicher Fragen und der Gewährleistung eines konstruktiven Dialogs zwischen den politischen Akteuren liegen. Außerdem müssen politische Parteien finanziell unterstützt werden, um wichtige Anforderungen zu erfüllen, denn ein Mangel an finanziellen Mitteln würde uns nur zurückwerfen."

Südsudans Wahl-Verschiebe-Spiel

Der Südsudan hat jahrzehntelange Konflikte durchlebt, angefangen bei den langwierigen Kriegen vor der Unabhängigkeit bis hin zu einem verheerenden Bürgerkrieg, der nur zwei Jahre nach Erlangung der Souveränität ausbrach. Im Rahmen fragiler Friedensabkommen - darunter das "Revitalized Peace Agreement" vom September 2018 - wurden Übergangsregierungen mit Machtteilung gebildet. Seitdem wurden wiederholt Wahlen geplant und dann wieder verschoben.

Bewaffnete Oppositionsgruppen sind nach wie vor aktiv, und viele Bürger befürchten, politische Spannungen könnten erneut zu Gewalt führen. "Die Abwesenheit von Riek Machar im politischen Prozess gibt Anlass zu großer Sorge", sagt Journalist Logonyi. "Wenn es Wahlen oder einen sinnvollen politischen Dialog geben soll, sind viele der Meinung, dass er daran beteiligt sein muss." Das Abkommen zur Machtteilung aus dem Jahr 2018, durch das Kiir Präsident und Machar - sein langjähriger Rivale und wichtigster Oppositionsführer - Vizepräsident wurde, sorgte für eine kurze Stabilisierung des Landes.

Die Spannungen zwischen den beiden hielten jedoch an. Im März 2025 wurde Machar unter Hausarrest gestellt und später vor Gericht gestellt. Zu den Vorwürfen zählen Hochverrat und Mord.

Altes Friedensabkommen noch nicht erfüllt

"Die Regierung hat gezeigt, dass sie an der Durchführung der Wahlen interessiert ist", sagt Wambui Njehu Nzigo, Analystin bei Control Risks. "Es gibt jedoch wichtige Prozesse, die noch nicht stattgefunden haben." Die mangelnde Wählerregistrierung gehört zu den größten Sorgen. "Wenn bald Wahlen stattfinden sollen, würde man erwarten, dass es bereits ein Wählerverzeichnis gibt", erläutert Nzigo. "Dafür bleibt nur sehr wenig Zeit."

Auch die im Rahmen des Friedensabkommens von 2018 geforderten Sicherheitsreformen sind noch nicht abgeschlossen. Dazu gehört die Vereinigung bewaffneter Gruppen, um die Voraussetzungen für einen stabilen Übergang zu schaffen. Analysten warnen schon seit Langem davor, dass die Legitimität jeder Wahl untergraben würde, wenn diese zentralen Themen nicht behandelt würden.

"Die Wahlen würden in einem Umfeld stattfinden, in dem in einigen Teilen des Landes noch immer aktiv gekämpft wird", betont Nzigo. "Die Tatsache, dass der wichtigste Oppositionsführer unter Hausarrest steht, wirft die Frage auf, ob es sich hierbei um einen echten Wettbewerb handeln wird." Laut Logonyi fordern zivilgesellschaftliche Gruppen vor der Abstimmung mehr Dialog, politische Teilhabe und Schutzmaßnahmen für Journalisten und Aktivisten.

Auch Überschwemmungen könnten die Wahl beeinträchtigen

Im Südsudan kommen schwere Überschwemmungen, eine hohe Anzahl Vertriebener und Ernährungsunsicherheit in ungünstiger Weise zusammen. Diese Umstände könnten es einigen Bürgern erschweren, die Wahllokale zu erreichen, sagt Nzigo. Insbesondere für durch Konflikte vertriebene Bevölkerungsgruppen besteht Unsicherheit darüber, wie sie sich registrieren und ihre Stimme abgeben sollen. Experten warnen davor, dass eine Wahl ohne breite Beteiligung zu einem umstrittenen Ergebnis führen und den Konflikt verschärfen könnte.

Es wird erwartet, dass regionale Organisationen wie die Afrikanische Union und internationale Partner weiterhin einen inklusiven politischen Prozess fördern. Analysten argumentieren, dass der Schwerpunkt nicht nur darauf liegen sollte, die Durchführung der Wahlen sicherzustellen, sondern auch darauf, die Voraussetzungen für deren Glaubwürdigkeit zu schaffen. Für viele Südsudanesen jedenfalls steht außer Frage: Wahlen allein garantieren keine Stabilität.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert. Er enthält Inhalte, die von künstlicher Intelligenz (KI) auf Grundlage des AfricaLink-Podcasts generiert wurden.

Author James Shimanyula, Eddy Micah Jr., Isaac Mugabi, Isaac Kaledzi
Item URL https://www.dw.com/de/der-südsudan-auf-ungewissem-weg-zu-den-ersten-wahlen/a-79583983?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Geschichtsbild mit Flagge: Im Januar 2011 hatten die Menschen im Südsudan zuletzt die Gelegenheit, ihren Willen an der Wahlurne kundzutun - damals ging es in einem Referendum um die Abspaltung vom Sudan
Image source Mohamed Messara/picture alliance/dpa
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Item 8
Id 79594065
Date 2026-10-10
Title "Ragebait" ist Jugendwort des Jahres 2026
Short title "Ragebait" ist Jugendwort des Jahres 2026
Teaser Es war ein knappes Rennen der Top drei Kandidaten für das Jugendwort des Jahres: "Ragebait" hat die Abstimmung knapp vor "Peak" und "Crashout" gewonnen.
Short teaser Es war ein enges Rennen der Top drei Kandidaten: "Ragebait" hat die Abstimmung knapp vor "Peak" und "Crashout" gewonnen.
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Kein Grund, gleich Crashout zu gehen: "Ragebait" ist peak Jugendsprache. Wer bis hierhin nur Bahnhof verstanden hat: "Ragebait" ist das Jugendwort 2026. Das hat der Langenscheidt Verlag, Ausrichter der Wahl, auf der Frankfurter Buchmesse verkündet. Rund eine Million junger Menschen im Alter von elf bis 20 Jahren hatten nach Verlagsangaben über die Top drei Jugendwörter abgestimmt.

Mit "Ragebait" (36,5 Prozent der Stimmen), wörtlich übersetzt "Wutköder", sind provokante Meinungsäußerungen oder oftmals offensichtliche Falschbehauptungen im Netz gemeint, die das Ziel haben, Wut auszulösen - und damit in den sozialen Medien möglichst viele Kommentare, Shares und Reichweite zu generieren. Inzwischen wird das Wort auch außerhalb der digitalen Welt benutzt, zum Beispiel: "Wir kriegen in der letzten Stunde eine Vertretungslehrerin statt frei? Das kann doch nur Ragebait sein."

Auch die anderen beiden Begriffe, die es in die Endrunde der Top drei geschafft hatten, "Peak" und "Crashout", sind englischen Ursprungs - ein klares Indiz dafür, dass das Englische längst einen wesentlichen Teil der deutschen Jugendsprache ausmacht.

"Peak" (33,8 Prozent): Wenn etwas "Peak" ist, dann ist es das Beste vom Besten. Es wird in der Gamingszene und im Sport benutzt, wenn zum Beispiel jemand auf der Höhe seines oder ihres Könnens ist. In der deutschen Jugendsprache wird es wie ein Adjektiv eingesetzt: "Das Finale war Peak."

"Crashout" oder "Crashout gehen" (29,7 Prozent) kommt ursprünglich von "to crash out", was "vor Erschöpfung direkt einschlafen" bedeutet. Über Social Media und Games veränderte sich dann die Bedeutung, jetzt nutzt man es, um deutlich zu machen, dass man komplett die Fassung verliert, ausrastet oder emotional explodiert. Es wird gerne mit einem Augenzwinkern benutzt. Beispiel: "Habe den Bus verpasst, ich geh Crashout."

(Die hier genannten Beispiele würden die meisten Jugendlichen in Textnachrichten allerdings komplett kleinschreiben, auch Zeichensetzung gilt als seltsam oder "cringe", wie man noch vor ein paar Jahren gesagt hätte, Anmerkung d. Redaktion)

Der Langenscheidt Verlag kürt seit 2008 das Jugendwort des Jahres, bereits zum vierten Mal wurde es im Rahmen der Frankfurter Buchmesse bekanntgegeben. In früheren Jahren hatte eine Jury darüber abgestimmt; seit 2020 entscheiden junge Menschen selbst, welches Wort ihr wichtigstes oder aktuellstes ist. Beleidigende, rassistische oder diskriminierende Begriffe sind nicht zugelassen.

2025 hatte "das crazy" die Wahl gewonnen. Wenn man überrascht ist oder einem im Gespräch einfach keine bessere Antwort einfällt: "Das crazy!" geht immer.

Author Katharina Abel, Petra Lambeck
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Image caption "Ragebait" ist das Jugendwort 2026
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Item 9
Id 79621750
Date 2026-10-10
Title Tigray: Eritrea schickt Truppen, Äthiopien Beschwerdebriefe
Short title Tigray: Eritrea schickt Truppen, Äthiopien Beschwerdebriefe
Teaser Äthiopien gibt Eritrea die Schuld an einer Eskalation in Tigray. Eritrea schickt Truppen. Das Bündnis gegen Premier Abiy rückt enger zusammen - die möglichen regionalen Auswirkungen sind kaum zu überschätzen.
Short teaser Äthiopien gibt Eritrea die Schuld an einer Eskalation in Tigray. Die Gegner von Premier Abiy rücken enger zusammen.
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Eritreische Streitkräfte haben die Grenze zu Äthiopien überquert: Das haben inzwischen mehrere Quellen bestätigt. Ein AFP-Bericht zitiert eine anonyme Sicherheitsquelle, die von 5000 bis 8000 Soldaten auf äthiopischem Gebiet ausgeht.

Am Donnerstag forderte die äthiopische Regierung in einem Schreiben an den UN-Sicherheitsrat den sofortigen Abzug eritreischer Truppen aus ihrem Hoheitsgebiet. Die Präsenz der ausländischen Truppen lasse Äthiopien "keine Wahl, als sich gegen Eritrea zu verteidigen", hieß es in dem Schreiben, das den Nachrichtenagenturen Reuters und AFP vorliegt.

Eritrea hat wiederholt rhetorisch Kontra gegeben. Informationsminister Yemane Meskel warf der Regierung von Premierminister Abiy Ahmed vor, "unaufhörlich die Kriegstrommeln zu rühren". Am Freitag veröffentlichte das Ministerium eine Erklärung auf der Landessprache Tigrinya. "Der souveräne Staat Eritrea ist durch Blut und Gesetz gebunden", hieß es dort: "Wehe denen, die ihn antasten."

Die offene Kriegsrhetorik ist die jüngste Entwicklung in einem Konflikt, der sich in den letzten Wochen rasch verschärft hat. Experten zufolge könnte Äthiopien die Eskalation bewusst herbeigeführt haben. Erst letzte Woche hatte das Land eritreische und ägyptische Diplomaten ausgewiesen - woraufhin Eritrea seinerseits die diplomatischen Beziehungen kappte.

Als Premierminister Abiy Ahmed am Montag für weitere fünf Jahre vereidigt wurde, bezeichnete er den Zugang zum Meer als Priorität. Das schürte neue Gerüchte, dass Abiy bereit sein könnte, Eritreas strategisch wichtigen Hafen Assab mit Gewalt einzunehmen.

Abiys interne Opposition: Tsimdo und die Alliance for Survival

Für Abiy läuft es gerade eigentlich nicht schlecht: Die äthiopische Armee (ENDF) erobert mit Unterstützung der Miliz "Tigray Peace Force" in großem Tempo besetzte Gebiete zurück - darunter die Landeshauptstadt Mekelle. Doch der Widerstand gegen die Regierung in Addis Abeba findet neue Kanäle.

Einer davon ist die Tsimdo-Bewegung (Tigrinya für "Engagement"). Die hat schon mehrere Metamorphosen hinter sich, berichtet Jalale Getachew Birru, Ostafrika-Analystin beim US-Krisenmonitor ACLED. "Das Tsimdo-Konzept tauchte erstmals im Rahmen grenzüberschreitender Friedensinitiativen auf, an denen Aktivisten, religiöse Persönlichkeiten und lokale Gemeinschaften in den Grenzdörfern von Tigray und Eritrea beteiligt waren", schreibt Jalale der DW. Heute zählen sich verschiedene ethnische Gruppen dazu, die teils schon lange mit der Bundesregierung im Konflikt stehen.

Aus dieser Bewegung ging die im September ausgerufene "Allianz der äthiopischen Volkskräfte für das Überleben" (Englisch kurz: Alliance for Survival) hervor. Laut Jalale zielt dieses Bündnis darauf ab, die derzeitige Regierung abzusetzen und einen Verfassungsdialog anzustoßen.

Für Analyst Abdurahman Sayed vom Londoner Thinktank "Horn of Africa Centre for Regional Integration" sagt das Bündnis viel über Äthiopiens zahlreiche ungelöste Konflikte. "Die Kämpfe in Äthiopien haben nie aufgehört", sagt Sayed der DW. "Was die Oromo Liberation Army betrifft, dauern sie schon seit Jahrzehnten an, bei den Amhara sind es mindestens drei Jahre."

Die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) wiederum - eine der zentralen Konfliktparteien im Tigray-Krieg von 2020 bis 2022 - habe sich vom Pretoria-Abkommen, das damals die Kämpfe beendet hatte, enttäuscht gezeigt. Denn das habe keinen nachhaltigen Frieden gebracht.

ACLED stellt jedoch fest, dass von den sieben Gruppen der Allianz bisher nur drei an den jüngsten Kämpfen beteiligt seien: die Tigrayan Defence Forces (TDF), die Amhara Fano National Movement (AFNM) und eine relativ neue Gruppe der Afar-Ethnie namens Ugugumo. Der Erfolg der "Alliance for Survival" hängt laut ACLED zu einem großen Teil von der Unterstützung ab, die sie durch externe Akteure erhält.

Gemeinsame Erklärung des Sudan mit Ägypten, Eritrea und Somalia

Zu diesen externen Akteuren gehört ein loses Bündnis der Nachbarländer Sudan, Ägypten, Eritrea und Somalia. "Alle diese Länder hegen Vorwürfe gegen die Regierung von Premierminister Abiy Ahmed", betont der Londoner Analyst Abdurahman Sayed. In Ägypten gehe es um die Nutzung des Nilwassers: Seit Jahren gibt es Streit um einen Mega-Staudamm auf äthiopischer Seite. Im Sudan sorge es für Unmut, dass Äthiopien die Rapid Support Forces unterstütze, die im Bürgerkrieg den Regierungstruppen gegenübersteht.

Im Falle Somalias geht es - wie auch in Eritrea - um einen Hafen: 2024 hatte Äthiopien mit dem selbstverwalteten Gebiet Somaliland Vorabsprachen über eine Nutzung des dortigen Hafens in Berbera getroffen. Obwohl Somaliland schon seit Jahrzehnten autonom regiert wird, ist es bisher international (mit Ausnahme von Israel) nicht anerkannt. Somalia sah durch die Verhandlungen seine Souveränität verletzt, erst eine türkische Mediation konnte die Lage etwas beruhigen.

"All diese Nachbarländer sind der Ansicht, dass sie der von Äthiopien ausgehende Bedrohung gemeinsam begegnen müssen", folgert Sayed.

Ein Gipfeltreffen der vier Länder am vergangenen Sonntag und eine gemeinsame Abschlusserklärung sprechen Bände: Zwar wird Äthiopien nicht erwähnt, doch die Botschaft ist deutlich.

So betonen die Staatschefs die Bedeutung des Völkerrechts, "insbesondere die Achtung der Souveränität, Unabhängigkeit und territorialen Integrität der Staaten der Region". Und sie erklären, dass "die Verwaltung des Roten Meeres in der alleinigen Verantwortung der Anrainerstaaten liegt". Immerhin enthält die Erklärung auch ein Bekenntnis, "friedliche Lösungen für Konflikte" zu fördern. Doch die Realität vor Ort könnte dieses Bekenntnis schon bald obsolet machen.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt.

Author Philipp Sandner
Item URL https://www.dw.com/de/tigray-eritrea-schickt-truppen-äthiopien-beschwerdebriefe/a-79621750?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Die Provinzhauptstadt Mekelle ist zurückerobert, Bundespolizisten patrouillieren - doch was nun? Äthiopische Truppen könnten bald auf neue Gegner treffen.
Image source AFP
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Item 10
Id 79610073
Date 2026-10-10
Title Gewaltwelle mit Messerattacken erreicht polnische Schulen
Short title Gewaltwelle mit Messerattacken erreicht polnische Schulen
Teaser Polen gilt als ein sicheres Land. Amokläufe an Schulen kannten die Polen bisher nur aus ausländischen Medienberichten. Nach einer Serie von Messerattacken wächst jetzt die Angst vor Nachahmungstätern.
Short teaser Eine Serie von Messerattacken an den polnischen Schulen hat das bisher als sicher geltende Land erschüttert.
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Eine Grundschule im Zentrum Polens wurde am Donnerstag (8.10.2026) zum Ort eines schrecklichen Verbrechens. Im Dorf Leszczydol-Nowiny nordöstlich von Warschau betrat kurz nach neun Uhr ein 15-Jähriger das Schulgebäude und stach der Hausmeisterin mit einem Messer in den Hals. Die 37-jährige Mutter von zwei Kindern starb trotz Belebungsversuchen am Ort des Geschehens. Der Schulleiter überwältigte mit Hilfe einer Lehrerin den Angreifer. Beide wurden dabei selbst verletzt. Der Täter war kein Unbekannter - er stammt aus dem Dorf und hatte erst im Juni die Grundschule absolviert.

Wie kurz nach dem Attentat bekannt wurde, trug der Angreifer einen Helm mit einer Kamera, mit der er den Überfall filmen konnte. Er wurde auf dem Schulgelände festgenommen und in eine Polizeiwache gebracht. Er soll drei Messer bei sich gehabt haben.

Polen galt bisher im Vergleich zu Westeuropa und Amerika als ein sicheres Land. Doch die Messerattacke vom Donnerstag war nicht die einzige in jüngster Zeit. Mehrere Vorfälle der vergangenen Tage stellen Polens Ruf als Land mit sicheren Schulen nun in Frage.

Am Mittwoch war es zu einem Messerangriff in einer Berufsschule im Ort Ostroleka, im Nordosten des Landes, gekommen. Ein 19-Jähriger verletzte dort mit einem "scharfen Gegenstand" - Medien berichteten von einer Machete - neun Personen: Lehrer, Schüler sowie während seiner anschließenden Flucht aus der Schule zwei Passanten. Im Rucksack hatte er eine selbstgebaute Bombe, die aber nicht explodierte. Nach der Tat versuchte sich der Attentäter selbst zu verletzen. Die Polizei nahm ihn kurz darauf am Stadtrand fest.

Am selben Tag wurde ein 17-Jähriger in Sierpc in Zentralpolen festgenommen. Er soll einen Anschlag an seiner Schule geplant haben. Weil er vorher ankündigte, er werde den anderen "etwas Böses antun", warnten die Mitschüler den Lehrer, der wiederum die Polizei alarmierte. Bei der Durchsuchung wurden in seiner Wohnung zwei Messer sichergestellt. Im Internet erkundigte er sich, wie man ein Attentat in der Schule durchführt.

Premier Tusk reagiert auf "schwarze Serie"

Die "schwarze Serie", so die Zeitung Rzeczpospolita, rief am Donnerstag den polnischen Regierungschef Donald Tusk auf den Plan. Auf einer ad hoc einberufenen Konferenz, an der Polizeichef Marek Boron sowie Innenminister Marcin Kierwinski und Digitalminister Krzysztof Gawkowski teilnahmen, lobte der Premier den Heldenmut der Lehrer und kündigte schärfere Schutzmaßnahmen an. Ab sofort soll die Polizei ihre Präsenz nicht nur rund um die Schulen verstärken, sondern auch mindestens einmal am Tag auf dem Schulgelände patrouillieren.

"Das ist ein Warnzeichen. Polen war bisher ein sehr sicheres Land, was die Terrorgefahr an den Schulen betrifft. Mit großer Sorge verfolgten wir die Dramen an den Schulen in anderen Ländern, vor allem in Amerika", sagte Tusk. "Wir haben es zum ersten Mal mit einem minderjährigen Mörder zu tun, der einen Helm mit einer Kamera trug. Er hatte vor, seine Messerattacke zu filmen", so der Regierungschef. Er warnte vor Nachahmungstätern, die durch die Gewaltwelle im Internet zu weiteren Attacken ermuntert werden könnten.

Laut der polnischen Polizei kann man beim Vorfall vom Donnerstag nicht ausschließen, dass es um eine "Challenge" als Tatmotiv ging, obwohl im Moment keine Beweise für eine Verbindung zwischen den Taten vorliegen. Bei so genannten Challenges - das englische Wort bedeutet eigentlich Herausforderung - stellen sich jugendliche User über Social-Media-Plattformen wie TikTok, YouTube oder Instagram Aufgaben und dokumentieren im Netz ihre Erfüllung.

Wie Tusk betonte, habe die Regierung aktuell keine Instrumente, um strafrechtsrelevante Inhalte im Netz, etwa Anstiftung zur Gewalt oder Menschenhandel sowie Hasssprache, schnell zu entfernen. Präsident Karol Nawrocki hatte im Januar 2026 ein entsprechendes Gesetz mit einem Veto blockiert. Er begründete seine Entscheidung mit dem Schutz der Meinungsfreiheit. Nawrockis Veto hat die Umsetzung des EU-Gesetzes über digitale Dienste in Polen verhindert.

Wie die Tageszeitung Rzeczpospolita berichtet, soll es in sozialen Medien Informationen über einen "blutigen Freitag" gegeben haben. Dieser Tag sollte der Höhepunkt angeblicher Challenges zwischen den beteiligten Jugendlichen sein. Eine 18-jährige Schülerin namens Nikola sagte dem TV-Sender Polsat News am Donnerstag, die jugendlichen Gewalttäter hätten in einer geschlossenen Facebook-Gruppe zusammengearbeitet. "Es gibt Gerüchte, dass es morgen angeblich einen Höhepunkt geben soll", sagte das Mädchen. Ihr Bruder besucht die Schule in Leszczydol-Nowiny, wo es am Morgen zur Messerattacke gekommen war. "Wir prüfen alle Informationen", sagte die Sprecherin der polnischen Polizei, Katarzyna Kucharska, dazu.

Angst vor Nachahmungstätern

Aus Angst vor Nachahmungstätern sollten am Freitag alle Grundschulen in der Gemeinde Wyszkow, zu der das Dorf Leszczydol-Nowiny gehört, geschlossen bleiben. Auch in einigen anderen Regionen Zentralpolens wurde der Unterricht eingestellt. Digitalminister Gawkowski versuchte am Freitagmorgen seine Landsleute zu beruhigen. "Es gibt keine gesamtpolnische Challenge. Das ist eine Desinformation", sagte er dem Fernsehsender TVN.

Nach den jüngsten Messerattacken hat die polnische Polizei 10.000 Schulen und Bildungseinrichtungen kontrolliert und im Zusammenhang mit im Netz verbreiteten Drohungen 10 Personen festgenommen, darunter drei Jugendliche im Alter zwischen 13 und 15 Jahren, die in sozialen Medien zur Tötung anderer Personen aufgerufen hatten, meldete die Polnische Nachrichtenagentur PAP.

Die Zeitung Rzeczpospolita erinnerte am Donnerstag an ein Interview, das der Chef des Inlandsgeheimdienstes ABW, Rafal Syrysko, der Zeitung bereits im Mai gegeben hatte. Er hatte damals vor der wachsenden Radikalisierung Jugendlicher gewarnt. "Die Radikalisierung der Jugendlichen erfolgt hauptsächlich durch dass Internet - durch soziale Plattformen, Foren oder Räume, die mit der Welt der Games verbunden sind, wo die Anonymität sehr groß ist. Die Geheimdienste sind außerstande, das ganze Netz zu kontrollieren", so Syrysko.

Die Regierungskoalition nutzte die Debatte über die Sicherheit an Schulen, um das Gesetz über die digitale Sicherheit erneut zur Abstimmung im Parlament zu bringen. Am Donnerstagabend wurde das Gesetz, das eine schnelle Löschung krimineller Inhalte im Netz ermöglicht, im Sejm mit großer Mehrheit beschlossen. Ob Präsident Nawrocki diesmal unterzeichnet, ist offen.

Author Jacek Lepiarz ((aus Warschau))
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Image caption Nach der Messerattacke an einer Grundschule im polnischen Dorf Leszczydol-Nowiny: Eltern umarmen ihre Kinder
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Item 11
Id 79596931
Date 2026-10-09
Title Autor oder Algorithmus? Literatur in der Krise
Short title Autor oder Algorithmus? Literatur in der Krise
Teaser Auf der Frankfurter Buchmesse ist das Thema KI dringender denn je. Ein internationaler Literaturskandal wirft die Frage auf, ob sich menschliche und maschinelle Texte künftig überhaupt noch unterscheiden lassen.
Short teaser Auf der Frankfurter Buchmesse ist KI das große Thema. Ist die ganze Branche in Gefahr?
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Es ist das Aufregerthema der Frankfurter Buchmesse: Wie stark wird Künstliche Intelligenz die Buchbranche verändern und wo lässt sich dieser Wandel überhaupt noch regulieren? Angesichts von Warnungen vor den langfristigen Risiken der Technologie für die Menschheit überhaupt mögen solche Debatten kleinteilig wirken. Tatsächlich aber geht es um sehr konkrete Fragen: den Schutz von Urheberrechten, die Macht großer Tech-Konzerne und die Zukunft kreativer Arbeit. Einig sind sich viele Beteiligte, dass die bisherigen politischen Maßnahmen nicht ausreichen.

In diesem Jahr kommt noch ein weiterer Aspekt in die Debatte, akuter als in den Jahren zuvor: Erkennen wir überhaupt noch, wenn ein Text mit Hilfe Künstlicher Intelligenz geschrieben wurde? Lässt sich das überhaupt beweisen? Wie brisant das Thema ist, zeigt der aktuelle Literaturskandal um den haitianisch-kanadischen Autor Thélyson Orélien. Sein Debütroman "C'était ça ou mourir" erschien bereits im Frühjahr in Kanada, im Spätsommer dann in Frankreich. Eine Migrationsgeschichte, die ausnahmslos gefeiert wurde, die Rechte in mehr als 20 Sprachen verkauft, das Buch auf der Longlist des renommierten Prix Goncourt.

Doch dann taucht plötzlich der Vorwurf auf, das Buch sei fast vollständig mit KI verfasst. Der Literaturstar Orélien gilt plötzlich als Betrüger, obwohl er alle Vorwürfe bestreitet. Die Nominierung für den Prix Goncourt – zurückgezogen. Wem glauben wir nun: dem Autor oder der KI, die die KI identifiziert haben will?

Wenn die Herkunft von Texten ungewiss wird

"Wir werden mit dem Zweifel leben müssen", sagt Hannes Bajohr, Germanistikprofessor an der University of California in Berkeley. Er beschäftigt sich seit Jahren damit, wie KI das Schreiben und auch das Lesen verändert. Seine Prognose: wenn die Herkunft von Texten nicht mehr zuverlässig feststellbar ist, dann werden wir Texte anders bewerten müssen. Was zählt, ist allein seine Qualität und nicht mehr die Frage, ob beim Schreiben KI benutzt wurde.

Damit will sich Nina George, Bestseller-Autorin und Ehrenpräsidentin des European Writers Council, nicht zufriedengeben. Sie ist auf der Frankfurter Buchmesse für ihr Engagement unter anderem zum Thema KI und Urheberrecht mit dem Friedrich-Perthes-Preis ausgezeichnet worden. George ist vor dem Europäischen Parlament aufgetreten, auch vor dem Bundestag, und spricht und schreibt unermüdlich über die Gefahren von KI-Modellen. Es sei doch pervers, sagt sie, dass ein Autor plötzlich beweisen soll, dass sein Schreiben menschlich ist. Für sie liegt der Fokus ihres Engagements weiter auf der Selbstbedienungsmentalität der großen Konzerne und dem Schutz des Urheberrechts.

Kann jeder mit KI Autor oder Autorin werden?

Was aber, wenn der Autor die KI nicht als Feind, sondern als Tool sieht, das ihm das Schreiben erleichtert? Der US-amerikanische Autor und Künstler Luke Stoffel, hat in seinem Memoir "How To Win One Million Dollars and Shit Glitter" ganz bewusst KI eingesetzt und das auch offen bekannt. "Ich bin Legastheniker", sagt er im Video-Interview, "ich habe immer geschrieben und mir Geschichten ausgedacht, aber mich nie getraut, mehr daraus zu machen." Erst die KI habe ihm die Erfüllung seines Traums ermöglicht, ihn auf Schwächen in seinem Text aufmerksam gemacht und ihm ein Marketingkonzept vorgeschlagen, das dann tatsächlich funktionierte. Die Belohnung: Im Mai 2026 erhielt er für das Buch einen Preis der Unabhängigen Verleger (IBPA).

Für die Südafrikanerin Coral Hart ist KI sogar die Grundlage ihres Geschäftsmodells. Unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlicht sie jedes Jahr über 200 verschiedene Romane: Romance, Thriller und Mystery, alle im Selbstverlag. Dabei sieht sie sich als Ideengeberin ebenso wie als Lektorin und Verlegerin. Auch wenn noch kein Bestseller darunter war, lohnt sich das Geschäft. Insgesamt erreiche sie, so die Autorin, mit jedem ihrer Bücher mehr als 5000 Menschen.

Viele Verlage arbeiten längst mit Künstlicher Intelligenz

Der New Yorker Autor Luke Stoffel findet die ganze Debatte verlogen. Viele Verlage arbeiteten längst mit KI-Tools. Und er ist sicher: "Gerade im Moment wird ein Millionen-Bestseller gedruckt, der mit Hilfe von KI entstanden ist. Der Autor wird's nicht zugeben, und dann gibt's einen Skandal." Gut möglich, dass der Skandal um Thélyson Orélien diese Geschichte ist. Aber wissen tun wir das womöglich nie.

Und so geht es zunächst einmal weiter mit dem Kampf gegen die Tech-Konzerne, die ja mittlerweile selbst die Sorge umtreibt, die Kontrolle zu verlieren. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat gleich zum Auftakt der Messe einen Appell an die Politik in Berlin und in Brüssel gerichtet, Künstliche Intelligenz stärker zu regulieren, eindringlicher als je zuvor. 140 Verlage haben den bereits unterschrieben. Aber es bleibt eben nur ein Appell. Und was den Autoren selbst im Umgang mit KI erlaubt ist, darüber wird sicher auch in Zukunft noch weiter gestritten werden.

Author Kieselbach Sabine, Petra Lambeck
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Image caption Der Pavillon des Gastlandes Tschechien auf der Frankfurter Buchmesse 2026
Image source Hannes P. Albert/AFP
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Item 12
Id 79600306
Date 2026-10-09
Title Frankreichs Schulkrise: Viel Geld, wenig Vertrauen
Short title Frankreichs Schulkrise: Viel Geld, wenig Vertrauen
Teaser Seit Wochen protestieren Schüler gegen ein marodes Bildungssystem. Obwohl Paris im internationalen Vergleich viel in Bildung investiert, wächst die Unzufriedenheit. Das dürfte auch mit den Prioritäten zusammenhängen.
Short teaser Seit Wochen protestieren Schüler gegen ein marodes Bildungssystem. Das dürfte auch mit den Prioritäten zusammenhängen.
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Ratten in Toiletten, undichte Dächer und kaputte Heizungen. Handyvideos französischer Schüler machen derzeit die Runde in den sozialen Netzwerken. Sie dokumentieren eine marode Infrastruktur in zahlreichen Bildungseinrichtungen des Landes.

Am Lycée Paul Éluard im Pariser Vorort Saint-Denis, einem der Zentren der Protestbewegung, berichten Jugendliche über Ungeziefer im Gebäude und regelmäßige Wasserschäden. Im benachbarten Pantin klagen Schüler über Fenster, die sich auch bei Temperaturen von bis zu 40 Grad im Sommer nicht öffnen lassen.

Die wackeligen Aufnahmen in den sozialen Netzwerken sind zu Symbolen der landesweiten Schulproteste geworden, deren Ende bislang nicht absehbar erscheint. Die Unzufriedenheit reicht über marode Schulgebäude hinaus. Auf ihren Demonstrationen beklagen die Jugendlichen auch überfüllte Klassen und hohe Unterrichtsausfälle.

Problem Zentralstaat

Dabei investiert Frankreich mit 6,7 Prozent der Wirtschaftsleistung im europäischen Vergleich viel Geld in sein Bildungssystem. Dass sich diese Investitionen nicht in besseren Lernbedingungen niederschlagen, dürfte auch mit den Zuständigkeiten zusammenhängen.

Der aus Paris gesteuerte Zentralstaat bezahlt vor allem die Lehrkräfte und bestimmt landesweit die Lehrpläne für alle Schulformen. Für den Unterhalt der Gebäude sind dagegen die Gemeinden bei Grundschulen, die Départements bei Collèges (Sekundarstufe I) und die Regionen bei Lycées (Sekundarstufe II) verantwortlich.

Je nach Region verfügen die Gebietskörperschaften über unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten und müssen Sanierungsprojekte selbst planen. So kommen Verbesserungen oft nur langsam voran. Zudem sind mehr als zwei Drittel des Budgets durch Personal und Pensionszahlungen festgelegt, der Raum für Investitionen ist überschaubar.

Marode Infrastruktur

Über 80 Prozent der Grundschulgebäude in Frankreich sind älter als 50 Jahre, schätzungsweise zehn bis zwanzig Prozent aller Schulgebäude gelten als stark sanierungsbedürftig. Die Politik hat das in vielen Fällen auf dem Schirm. Allein die Hauptstadtregion Île-de-France hat für die Jahre 2017 bis 2027 ein Sanierungs- und Ausbauprogramm im Umfang von 6,6 Milliarden Euro beschlossen.

Nach Angaben der Regionalregierung besuchen inzwischen zwei Drittel der Oberstufenschüler eine neue oder renovierte Schule. Doch selbst wenn Schimmel beseitigt und Dächer saniert sind, bleibt ein wirksamer Schutz vor der Sommerhitze weiterhin Mangelware. Hinzu kommt eine bittere Pointe: Bei den jüngsten Ausschreitungen wurden auch Schulgebäude beschädigt, die erst vor wenigen Jahren mit großem Aufwand neu gebaut oder jüngst saniert worden waren.

Macron wollte gegensteuern

Auch bei den laufenden Bildungsausgaben zeigt sich eine Schieflage. Während in Frankreich in die Oberstufe vergleichsweise viel Geld fließt, investiert Paris nach OECD-Berechnungen pro Grundschüler weniger als der Durchschnitt der Industriestaaten. Bildungsforscher verweisen darauf, dass gerade in diesen Jahren die Grundlagen für einen späteren Schulerfolg gelegt werden.

Die Regierungen unter Präsident Emmanuel Macron haben versucht gegenzusteuern. Seit 2017 wurden in sozial benachteiligten Gebieten die Klassengrößen der ersten Grundschuljahre halbiert - und dafür rund 16.000 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen. Nach den anhaltenden Schulprotesten will Frankreich jetzt kurzfristig mehr als 3.000 Vertretungslehrer organisieren. Eine Software solle dabei die Schulen anzeigen, die sich in einer problematischen Situation befänden, so Bildungsminister Édouard Geffray.

Mit ihren Ankündigungen geht die Regierung erstmals konkret auf die Forderungen der Schüler ein, die seit knapp zwei Wochen für eine bessere Ausstattung der Gymnasien, mehr Vertretungslehrer und Investitionen in das Bildungswesen demonstrieren.

Defizite werden größer

Wie groß die aktuellen Probleme im Bildungssystem sind, zeigen die jüngsten PISA-Ergebnisse vom September 2026. In Mathematik erreicht inzwischen mehr als jeder dritte 15-Jährige nicht das grundlegende Kompetenzniveau.

Auch Macrons Reform der gymnasialen Oberstufe steht in der Kritik. Die Abschaffung der bisherigen Zweige zugunsten individuell wählbarer Schwerpunktfächer sollte den Schülern mehr Freiheit geben. Doch die zahlreichen Fächerkombinationen erschweren die Stundenplanung. Jugendliche beklagen zusätzliche Freistunden und längere Schultage.

Die Probleme reichen aber auch bis an die Hochschulen. Eine Dozentin an einer Pariser Universität berichtet von einem Seminar mit 50 Studierenden, bei dem Studierende Stühle aus benachbarten Räumen holen oder auf dem Boden sitzen müssen. Die Verwaltung sehe bislang tatenlos zu.

Problem Unterrichtsausfall

Im Vergleich zu anderen EU-Staaten haben französische Schüler eine hohe Zahl an Unterrichtsstunden pro Schuljahr. Auf dem Papier. In der Realität kommt der Rechnungshof für das Schuljahr 2023/24 auf neun Prozent Unterrichtsausfall an öffentlichen Collèges. Lediglich rund zwölf Prozent der kurzfristig ausgefallenen Stunden werden durch andere Lehrer vertreten, wie eine Untersuchung aus dem Schuljahr 2024/25 nahelegt.

Die im Vergleich zu Nachbarländern schlechte Bezahlung der französischen Lehrer gilt als weiteres Problem. Nach OECD-Daten verdienen französische Lehrkräfte an Collèges nach 15 Berufsjahren nur etwa halb so viel wie ihre deutschen Kollegen.

Das enttäuschte Gleichheitsversprechen

Frankreich ist stolz auf sein republikanisches Schulmodell. Es soll allen Kindern unabhängig von ihrer Herkunft die gleichen Chancen eröffnen. Tatsächlich hängt der Bildungserfolg in Frankreich jedoch heute überdurchschnittlich stark vom sozialen Hintergrund der Eltern ab. Das zeigt sich auch daran, dass Kinder aus ärmeren Familien deutlich häufiger von Unterrichtsausfällen betroffen sind.

Der finanzielle Spielraum der Regierung ist angesichts der prekären Haushaltslage begrenzt. Zwar sieht der Haushaltsentwurf für 2027 rund 1,2 Milliarden Euro zusätzlich für das Bildungsministerium vor, zugleich sollen aber mit Verweis auf sinkende Schülerzahlen Lehrerstellen gestrichen werden.

Protest mit Blick auf die Präsidentenwahlen

In den sozialen Netzwerken verbreiten sich längst nicht mehr nur Videos von maroden Schulgebäuden. Zu sehen sind auch Demonstrationen mit Palästinenserfahnen und politischen Parolen, die wenig mit Bildungspolitik zu tun haben. Andere Aufnahmen zeigen brennende Barrikaden und Zusammenstöße mit der Polizei.

Vor allem die linksradikale Partei La France insoumise (LFI) sucht die Nähe zur Protestbewegung. Ihre Abgeordneten zeigen sich bei Schulblockaden und verbreiten entsprechende Videos. Die Regierung wirft LFI vor, die Wut der Jugendlichen gezielt zu instrumentalisieren, die Partei weist das zurück. Ein halbes Jahr vor der französischen Präsidentenwahl ist der Protest gegen die Bildungsmisere längst auch zu einem Machtkampf zwischen den politischen Lagern geworden.

Author Andreas Noll
Item URL https://www.dw.com/de/frankreichs-schulkrise-viel-geld-wenig-vertrauen/a-79600306?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Keine Ende der Proteste in Sicht: Schüler und Studierende blockieren den Eingang der Universität Avignon
Image source Christophe Agostinis/MAXPPP/picture alliance
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Item 13
Id 79582495
Date 2026-10-08
Title Iran: Mehr Druck auf Frauen ohne Hidschab
Short title Iran: Mehr Druck auf Frauen ohne Hidschab
Teaser Immer mehr Frauen in der Islamischen Republik widersetzen sich der Hidschab-Pflicht. Hardliner setzen zunehmend auf sozialen Druck - statt auf die "Sittenpolizei" auf der Straße.
Short teaser Islamische Hardliner setzen zunehmend auf sozialen Druck - statt auf die "Sittenpolizei" auf der Straße.
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Frauen, die in der Öffentlichkeit ohne Hidschab unterwegs sind, gehören inzwischen in vielen Teilen Irans zum alltäglichen Straßenbild. Es ist eine der sichtbarsten gesellschaftlichen Veränderungen seit den Protesten der Bewegung "Frau, Leben, Freiheit" im Jahr 2022. Ausgelöst wurden diese nach dem Tod der jungen Frau Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam, die wegen eines angeblich nicht korrekt getragenen Kopftuchs festgenommen worden war.

Den Behörden ist es bislang nicht gelungen, das Ausmaß an Straßenkontrollen aus der Zeit vor den Protesten wiederherzustellen. Der teilweise Rückzug der berüchtigten "Sittenpolizei" bedeutet jedoch nicht, dass sie die Durchsetzung der Hidschab-Pflicht für Frauen aufgegeben haben.

Behörden und konservative Kreise suchen nach neuen Wegen, den gesellschaftlichen Wandel einzudämmen, ohne die offenen Konfrontationen auf der Straße wiederzubeleben, die 2022 maßgeblich zu den Protesten beigetragen hatten. Justizchef Gholamhossein Mohseni Ejei forderte kürzlich ein härteres Vorgehen gegen das, was er als gesellschaftliche "Abweichungen", "Unsittlichkeit" und "Nacktheit" bezeichnete. Staatsanwälte sollten dabei enger mit Polizei, Geheimdiensten und staatlichen Institutionen zusammenarbeiten.

Gleichzeitig werben Unterstützer der Hidschab-Pflicht in Online-Kampagnen dafür, Geschäfte von Frauen zu meiden, die sich nicht an die staatlichen Kleidervorschriften halten. Stattdessen sollen Kundinnen und Kunden gezielt bei Frauen einkaufen, die den Hidschab tragen. Die Folge ist eine stärker zersplitterte Form der Kontrolle, die sich zunehmend von Polizeipatrouillen hin zu Arbeitsplätzen, Unternehmen und alltäglichen Dienstleistungen verlagert.

Soziale Kontrolle statt Polizeikontrollen

Die Initiatoren der Online-Kampagnen sprechen von "bewusstem Konsum" und rufen dazu auf, gezielt Anbieterinnen zu unterstützen, die den Hidschab tragen. Eine Anwältin aus Teheran erklärt gegenüber der DW unter der Bedingung der Anonymität, solche Kampagnen könnten gesellschaftliche Spaltungen vertiefen, statt die Einhaltung gesellschaftlicher Normen zu fördern. "Dies ist ein gezielter Versuch, Menschen über ihre Identität zu kategorisieren und gegeneinander auszuspielen", sagt sie.

Wirtschaftlichen Druck allein aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes auszuüben, gehe über das Recht des Einzelnen hinaus, frei zu entscheiden, wo er einkaufen wolle. "Wenn gegen es selbst (das Regime) Sanktionen verhängt werden, spricht das Regime von Druck, Ungerechtigkeit und Wirtschaftskrieg", sagte die Juristin. "Wenn dieselbe Logik jedoch im eigenen Land angewendet wird, um einen Teil der Gesellschaft zu einem bestimmten Verhalten zu zwingen, heißt es plötzlich: Unterstützung von Werten".

Zugleich stellt sie die Annahme infrage, dass Frauen, die sich an einen bestimmten Dresscode halten, automatisch die gesellschaftlichen Werte Irans verkörpern: "Die iranische Gesellschaft ist wesentlich komplexer als das."

Berichte iranischer Frauen in sozialen Medien deuten darauf hin, dass die Kontrolle von Kleidungsvorschriften mittlerweile auch bei Alltagsdienstleistungen eine Rolle spielt. Einige Frauen sagen, ihnen sei wegen fehlenden Kopftuchs der Zugang zu Kliniken oder Banken verweigert worden.

Wenn der weibliche Körper zum Politikum wird

Shirin Shams, iranische Exilaktivistin und Leiterin der Organisation Women's Revolution Organization, sieht in den aktuellen Kampagnen den Versuch, gesellschaftliche Gräben wiederherzustellen, die während der Bewegung "Frau, Leben, Freiheit" überwunden worden seien.

"Die Islamische Republik versucht seit Jahren, Frauen anhand ihrer Kleidung gegeneinander auszuspielen", sagt die in Deutschland lebende Aktivistin der DW. Für sie stellt die Hidschab-Pflicht eine der wichtigsten ideologischen Grenzlinien des iranischen Staates dar. Die große Zahl von Frauen, die inzwischen ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit erscheinen, zeige jedoch, wie weit sich die gesellschaftliche Realität von den offiziellen Vorstellungen entfernt habe.

Die aktuellen Kampagnen seien deshalb weit mehr als eine Debatte über Kleidung. Es gehe darum, die Trennlinie zwischen Frauen, die sich den Vorgaben fügen, und jenen, die dies nicht tun, erneut zu etablieren.

Auch der in Frankreich lehrende Soziologe Saeed Paivandi sieht darin einen grundlegenden Konflikt um gesellschaftliche Kontrolle. Der Professor der Universität Lothringen erklärt gegenüber der DW, die Behörden hätten über Jahre hinweg zwischen "korrekt verschleierten" und "schlecht verschleierten" beziehungsweise unverschleierten Frauen unterschieden. "Die Regierung macht den Körper von Frauen erneut zu einer sozialen, moralischen und sogar sicherheitspolitischen Frage", sagte Paivandi.

Eine Frau ohne Kopftuch werde nicht lediglich als jemand wahrgenommen, der eine individuelle Entscheidung trifft. Teile des politischen Establishments betrachteten sie vielmehr als sichtbare Herausforderung für die ideologische Ordnung des Staates.

Hardliner gegen gesellschaftliche Realität

Während Präsident Massud Peseschkian wiederholt die Bedeutung gesellschaftlichen Zusammenhalts und nationaler Einheit betont hat, fordern konservative Richter und Politiker weiterhin eine strengere Durchsetzung der Kleidervorschriften. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld innerhalb des iranischen Machtapparats. Ein Teil des Establishments scheint sich bewusst zu sein, dass eine Rückkehr zu großflächigen Konfrontationen zwischen Polizei und Frauen erhebliche gesellschaftliche und politische Kosten verursachen könnte.

Andere wiederum wollen die zunehmende Normalisierung des Auftretens von Frauen ohne Hidschab nicht akzeptieren. Das Ergebnis ist weder eine Rückkehr zum früheren System flächendeckender Straßenkontrollen noch das Ende der verpflichtenden Kleidervorschriften. Stattdessen zeigt sich der Druck punktuell und auf unterschiedlichen Ebenen: vor Gerichten, am Arbeitsplatz, in Unternehmen, bei Behördengängen oder durch gesellschaftliche Kampagnen.

Kontrolle ohne Sittenpolizei

Nach Ansicht Paivandis hat die direkte staatliche Repression ihre Grenzen erreicht. Deshalb suchten Befürworter der islamischen Kleidervorschriften nach alternativen Möglichkeiten, gesellschaftliche Konformität durchzusetzen. Dadurch werde ein Teil der Verantwortung von staatlichen Institutionen auf die Gesellschaft selbst verlagert.

Bankangestellte, Klinikmitarbeiterinnen, Arbeitgeber, Geschäftsinhaber oder Kunden könnten so zu Akteuren der Kontrolle werden, selbst wenn kein Polizist anwesend sei. Die Grenze zwischen Gesetz, persönlichem Ermessen und ideologischem Druck verschwimme dadurch zunehmend.

Zugleich warnt Paivandi, dass die Verbindung von Religion mit Ausgrenzung, Erniedrigung und Zwang besonders junge Iranerinnen und Iraner weiter von religiösen Institutionen entfremden könnte. Auch Frauen, die sich freiwillig für das Tragen eines Hidschabs entscheiden, könnten in einen Konflikt hineingezogen werden, den sie selbst nicht gewählt haben, wenn ihre Kleidung zunehmend als Zeichen politischer Loyalität interpretiert werde.

Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert.

Author Amir Soltanzadeh
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Image source Vahid Salemi/AP Photo/picture alliance
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Item 14
Id 79577044
Date 2026-10-08
Title Klimawandel gefährdet Sardinen - das "Superfood der Adria"
Short title Klimawandel gefährdet Sardinen - das "Superfood der Adria"
Teaser Einst standen Sardinenfabriken für den industriellen Aufbruch an der kroatischen Küste. Nun bedrohen Klimawandel und Fischschwund den verbliebenen Rest der Branche. Doch der Tourismus ist keine nachhaltige Alternative.
Short teaser Die Sardinenfabriken in Kroatien sind bedroht. Der Tourismus ist keine nachhaltige Alternative.
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"Die Sardinen in der Adria schrumpfen" - so berichtete Anfang des Jahres ein Nachrichtenportal aus der kroatischen Region Istrien. Forscher hätten herausgefunden, dass die durchschnittliche Größe der Sardinen in den vergangenen zwei Jahrzehnten um drei bis vier Zentimeter abgenommen habe.

Die Nachricht wühlte auf, denn die Fische sind als Nahrungsmittel bei Menschen jenseits der Küsten, aber gerade auch in der Region äußerst beliebt. Ihnen sind sogar eigene Feste gewidmet. Allerdings sind es auch die Menschen, die für die Schrumpfung verantwortlich sind: Als Gründe haben die Forscher Überfischung und den Klimawandel ausgemacht.

Einen Sommer mit Rekordhitze später, in dem die Adria Oberflächentemperaturen von 30 Grad erreicht hat, ist die Zukunft der Sardine hier noch ungewisser - und damit auch der Fortbestand der lokalen Fischkonservenherstellung, einer der ältesten Industrien entlang der kroatischen Küste überhaupt. Es wäre für viele ein schwerer Verlust, der auch in seiner Symbolik kaum zu unterschätzen ist: Damit würde erneut ein Industriezweig Kroatien verlassen. Dabei haben gerade die Adria-Küstenregionen seit den 1990er Jahren ohnehin schon eine starke Deindustrialisierung erlebt, was zu beträchtlicher Frustration führte.

Adria erwärmt sich überdurchschnittlich

Das baldige Ende eines weiteren Kapitels wird nun immer wahrscheinlicher. Die Adria, eine Art maritime Sackgasse, erhitzt sich deutlich schneller als andere Regionen des Mittelmeers. Ein kroatisches Forschungsinstitut stellte fest, dass sich das Tiefenwasser im letzten Jahrzehnt vier Mal so stark erwärmt hat wie im gesamten Jahrhundert zuvor. Das hat vielfache Folgen auch für das natürliche Habitat. Für die Sardine, die bestimmte Temperaturen zur Fortpflanzung braucht, wird es zunehmend ungemütlich.

Und ohne Sardine keine Ölsardinenkonserven. Noch bewirbt der im pittoresken Rovinj in Istrien beheimatete Produzent "Mirna" seine Produkte als "Superfood aus der Adria". Man ist stolz darauf, in der Adria gefangene Sardinen zu verarbeiten, denn der heimische "kleine blaue Fisch", wie er in Kroatien genannt wird, sei besonders delikat. Besagt zumindest die Werbung.

Stolze Vergangenheit

Stolz ist man auch auf die lange Geschichte: Die Herstellung von Fischkonserven war eine der ersten Industrien, die in den einst armen Küstenabschnitten entlang Istriens und Dalmatiens Menschen die Möglichkeit der Lohnarbeit eröffnete; genauer gesagt: Frauen, denn die überwiegende Mehrzahl der Beschäftigten in den Fabriken war und ist weiblich. Am Fließband stehen kaum Männer - in den Führungsetagen dafür schon.

Die Wurzeln der Industrie in dieser Region liegen im späten 19. Jahrhundert, als habsburgische und französische Unternehmen den Sardinenreichtum der Adria zur industriellen Verarbeitung nutzten. Die erste Fischkonservenfabrik auf dem Gebiet des heutigen Kroatiens wurde 1882 in Rovinj eröffnet. Allein k.u.k. Hoflieferant Carl Warhanek, ein aus Böhmen stammender Unternehmer, betrieb zwölf Konservenfabriken, von der Gegend um Triest im Norden bis zu den süddalmatischen Inseln.

In den meisten dieser Orte war die Konservenfabrik das einzige Zeugnis der industriellen Revolution, die ansonsten einen weiten Bogen um das damals österreichisch-ungarische Dalmatien machte. Über die nächsten Jahrzehnte kamen dutzende Konservenfabriken hinzu - im Laufe der Zeit operierten rund 35 solche Fabriken in Istrien, Dalmatien und auf den kroatischen Inseln. Hier bekamen die Beschäftigten nicht nur Lohn. Ehemalige Arbeiterinnen dieser Fabriken berichten mit Stolz von ihrer Tätigkeit, so schwer sie auch war. Vor allem während des jugoslawischen Sozialismus boten die Konservenfabriken in marginalisierten Gebieten Frauen die Chance auf ein regelmäßiges Einkommen und viele Sozialleistungen. Und sie waren auch für die Gemeinschaftsbildung wichtig.

Tourismus versus Fischverarbeitung

Heute gibt es nur mehr vier Fischkonservenfabriken in Kroatien. Dieser Rückgang verweist auf eine andere Herausforderung dieser Industrie, die damit beispielhaft für die ökonomische Transformation Kroatiens steht: An der Küste ist für das produzierende Gewerbe neben dem Tourismus kaum noch Platz, und zwar wortwörtlich, denn die Konservenfabriken stehen oft an Orten, auf die Hotelentwickler ein Auge geworfen haben. Gleichzeitig sind Urlauber wenig von den olfaktorischen Dimensionen industrieller Fischverarbeitung begeistert.

In Banjole unweit der größten istrischen Stadt Pula steht nun ein großes Hotel, wo sich einst eine Sardinenfabrik befand - an die heute nur noch ein Denkmal erinnert. Die Löhne in dieser Industrie sind heute gering, es fällt ihr schwer, lokale Arbeitskräfte zu rekrutieren, kann man doch an der Küste durch Vermieten an Touristen mehr verdienen.

Als "Mirna" in Rovinj vor ein paar Jahren moderne Produktionsanlagen installierte und eine zweite Schicht einführte, mussten Arbeitskräfte aus den verarmten Gegenden Binnenkroatiens sowie aus Bosnien-Herzegowina angeheuert werden. Manchmal zieht die Fischverarbeitung inzwischen sogar vom Fisch weg, dorthin, wo es billige Arbeitskräfte gibt: Die Maschinen einer Konservenfabrik auf der Insel Vis wurden vor 20 Jahren nach Nis im Süden Serbiens verlagert.

Verlagerung von Industrien liegt in der Natur des wirtschaftlichen Wandels. Für die lokalen Gemeinschaften bedeutet dies aber nicht nur das Ende einer langen industriellen Tradition, sondern einen weiteren Schritt in die totale Abhängigkeit vom Tourismus, der jedoch nur saisonal Beschäftigung schafft, die Infrastruktur im Sommer an ihre Grenzen bringt, durch den Bauboom die Küste verschandelt und die Innenstädte in riesige Souvenirläden verwandelt. Hinzu kommt: Touristenströme sind ähnlich unvorhersehbar wie der Bestand an Sardinen. Das wurde während der Corona-Pandemie deutlich, als plötzlich die Urlauber wegblieben.

Letztlich bedroht der Klimawandel nicht nur den kleinen blauen Fisch, sondern auch den Tourismus, da es den Gästen schlicht zu heiß werden wird. Nicht nur für die Sardinen im, sondern auch die Menschen am Wasser sind die Zukunftsaussichten an der Adria unvorhersehbar geworden.

Prof. Dr. Ulf Brunnbauer ist Südosteuropahistoriker und Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg. Unter anderem beschäftigt er sich mit maritimen Industrien sowie mit Migrationsbewegungen.

Author Ulf Brunnbauer , Sanja Blagojevic
Item URL https://www.dw.com/de/klimawandel-gefährdet-sardinen-das-superfood-der-adria/a-79577044?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/79572977_607.jpg
Image caption Fischer sortieren im Hafen von Rijeka in Kroatien ihren nächtlichen Sardinenfang
Image source Goran Kovacic/PIXSELL/picture alliance
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Item 15
Id 79588996
Date 2026-10-08
Title Südostasien im Smog: Kaum Lehren aus vergangenen Krisen
Short title Südostasien im Smog: Kaum Lehren aus vergangenen Krisen
Teaser Nach verheerenden Flächenbränden im Jahr 2015 versprachen die Regierungen effektive Gegenmaßnamen. Elf Jahre später leidet Südostasien aber erneut unter grenzüberschreitendem Smog.
Short teaser Nach verheerenden Flächenbränden im Jahr 2015 hatten die Regierungen effektive Gegenmaßnamen versprochen - ohne Erfolg.
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Seit Wochen wüten Wald- und Flächenbrände in Teilen der indonesischen Inseln Sumatra, Borneo und Papua. Der dabei entstehende Rauch breitet sich über große Teile des Landes aus und zieht auch in die Nachbarstaaten Malaysia und Singapur. Indonesien erlebt seine schlimmste Waldbrandsaison seit mehr als einem Jahrzehnt.

Die ungewöhnlich lange Trockenzeit in Indonesien im Jahr 2026, kombiniert mit dem diesjährigen El-Niño-Phänomen, hat eine Krise verschärft, die inzwischen nahezu jährlich auftritt. Millionen von Menschen sind gefährlichem Rauch ausgesetzt. Er enthält mikroskopisch kleine Partikel, die der Gesundheit schaden.

Mehr als 170.000 Fälle akuter Atemwegsinfektionen registrierte das indonesische Gesundheitsministeriums zwischen August und Mitte September in den von Smog betroffenen Gebieten. Darunter befanden sich über 40.000 Erkrankungsfälle bei Kleinkindern.

Der Rauchsmog hat in Malaysia dazu geführt, dass hunderte von Schulen schließen mussten und 1,4 Millionen indonesische Schülerinnen und Schüler zum Fernunterricht gezwungen wurden.

Wird schwerer Rauchsmog künftig häufiger auftreten?

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise sind bislang noch nicht zur Gänze bekannt. Die extremen Wetterbedingungen dieses Jahres erklären die Situation nur teilweise. In Südostasien wird Feuer seit Langem als kostengünstige Methode zur Rodung von Flächen für die Landwirtschaft eingesetzt. Gleichzeitig hat die Ausweitung von Palmöl- und Zellstoffholzplantagen dazu geführt, dass große Gebiete von Torfmooren entwässert und geschädigt wurden.

Die Parallelen zum Jahr 2015 sind dabei unübersehbar. Die damaligen Brände zerstörten nach Angaben der Weltbank rund 2,6 Millionen Hektar Land, verursachten monatelang dichten Rauchsmog in ganz Südostasien und führten in Indonesien zu wirtschaftlichen Verlusten in Höhe von schätzungsweise 16 Milliarden US-Dollar (14,2 Milliarden Euro).

"Rauchsmog, der früher vor allem ein Problem im maritimen Südostasien war, ist mittlerweile für die meisten Länder der Region zu einer Herausforderung geworden", erklärt die Expertin Paruedee Nguitragool, gegenüber der DW. Laut der außerordentlichen Professorin an der Chiang Mai University in Thailand wächst die Gefahr, dass schwerer Rauchsmog aufgrund sich verschlechternder klimatischer Bedingungen künftig häufiger auftreten wird.

Landwirte und Unternehmen "benötigen alternative Methoden zur Flächenrodung sowie Anreize, diese anzuwenden. Gleichzeitig müssen Maßnahmen zur Wiederherstellung von Land- und Waldflächen umgesetzt werden", fordert Nguitragool. "Verbraucherinnen und Verbraucher müssen sich stärker bewusst machen, ob die von ihnen gekauften Produkte aus nachhaltiger Produktion stammen und ob bei ihrer Herstellung Brandrodungen eingesetzt wurden."

In diesem Kontext müssten die Regierungen der Mitgliedstaaten des südostasiatischen Staatenbundes ASEAN (Verband Südostasiatischer Nationen) "offener miteinander umgehen und enger zusammenarbeiten", fordert die Expertin.

Maßnahmenkatalog der indonesischen Regierung

Die Katastrophe von 2015 veranlasste die Regierungen, weitreichende Aktionspläne auf den Weg zu bringen. Indonesien verstärkte die Wiederherstellung von Torfmoorgebieten, die Überwachung von Bränden, die Durchsetzung von Umweltvorschriften sowie die Brandbekämpfung. Gleichzeitig baute ASEAN die grenzüberschreitende Zusammenarbeit aus, wie David Mark Taylor erläutert, Professor für tropischen Umweltwandel an der National University of Singapore.

Im Jahr 2016 gründete Indonesien eine Agentur für die Wiederherstellung von Torfmooren, mit dem Ziel, Millionen Hektar geschädigter Torfgebiete zu sanieren. Ihr Auftrag wurde später auf die Wiederherstellung von Mangroven ausgeweitet.

Auch geht die Justiz inzwischen häufiger gegen Unternehmen vor, die Umweltschäden verursachen. So verurteilte im vergangenen Jahr ein Berufungsgericht das Palmölunternehmen PT Banyu Kahuripan Indonesia zur Zahlung von rund 14 Millionen Euro Schadensersatz für Umweltschäden infolge von Bränden auf mehr als 3300 Hektar seiner Konzessionsflächen.

Auf regionaler Ebene verabschiedete ASEAN eine neue Strategie für das Torfmoor-Management sowie einen zweiten Fahrplan für eine rauchsmogfreie Region (2023-2030).

Probleme bestehen weiter fort

"Das zugrunde liegende Problem besteht jedoch weiter, ebenso dessen Ursachen", kritisiert Taylor. Große Flächen von Torfgebieten seien weiterhin geschädigt, darunter auch gerodete Flächen, die bislang nicht produktiv genutzt werden. Solche schlecht bewirtschafteten oder brachliegenden Torfgebiete könnten während längerer Dürreperioden leicht in Brand geraten, warnt Taylor.

Zudem gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, wie erfolgreich die Renaturierungsmaßnahmen Indonesiens tatsächlich waren. So stellte die Agentur für die Wiederherstellung von Torfmooren und Mangroven Ende 2024 ihre Arbeit ein. Ihre Aufgaben wurden wieder auf verschiedene Ministerien und andere staatliche Institutionen verteilt. Auch die ASEAN-Gruppe stößt an ihre Grenzen. Der Staatenbund verfügt nur über wenige Möglichkeiten, Regierungen zur Erfüllung ihrer Verpflichtungen zu zwingen oder Versäumnisse zu sanktionieren.

Letztlich sei die Hauptursache des Problems jedoch die weltweite Nachfrage nach günstigen Plantagenprodukten wie Palmöl, Zellstoff und Papier, für die "wir alle eine Mitverantwortung tragen", so Taylor. "Solange diese Nachfrage besteht, wird auch der Druck anhalten, Torfgebiete und Wälder in Plantagenflächen umzuwandeln."

Kann ASEAN die nächste Krise abwenden?

Die diesjährigen Brände haben den Fokus von der Ausarbeitung neuer Abkommen hin zu der Frage verlagert, wie die Regierungen Südostasiens bestehende Mechanismen effektiv nutzen können.

"Um eine weitere Verschlimmerung zu verhindern, ist eine echte Bündelung der Kapazitäten innerhalb der ASEAN erforderlich. Trotz all seiner Bemühungen verfügt Indonesien nicht über die Kapazitäten, diese Lage allein zu bewältigen“, erklärte Helena Varkkey, Dozentin an der Universiti Malaya, gegenüber der DW.

Die bestehenden ASEAN-Mechanismen für eine gemeinsame Reaktion auf Notfälle müssten einsatzbereit gemacht werden, fügte sie hinzu. Dies hätte jedoch bereits vor Beginn der Smog-Saison geschehen müssen, da meteorologische Berichte schon früh im Jahr auf einen bevorstehenden "Super-El-Niño" hingewiesen hätten.

"Die Regierungen Südostasiens müssen zusammenarbeiten, um Episoden der Biomasseverbrennung zu verhindern, indem sie strenge Gesetze zur Bekämpfung von Torf- und Waldbränden durchsetzen. Sie müssen gemeinsam alle verfügbaren Technologien nutzen, um sich auf Trockenperioden vorzubereiten", sagte Mohd Talib Latif, Professor an der Universiti Kebangsaan Malaysia, gegenüber der DW.

"Der Smog muss als Katastrophe für diese Region betrachtet werden", fügte er hinzu.

Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand

Author David Hutt, Shabnam von Hein
Item URL https://www.dw.com/de/südostasien-im-smog-kaum-lehren-aus-vergangenen-krisen/a-79588996?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Rauchschwaden von Waldbränden über dem Kapuas Fluss in West-Kalimantan, Indonesien: El Nino und eine außergewöhnliche Dürre im Sommer 2026 haben die Situation verschärft
Image source Willy Kurniawan/REUTERS
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Item 16
Id 79548310
Date 2026-10-08
Title So gewinnt man den Literaturnobelpreis
Short title So gewinnt man den Literaturnobelpreis
Teaser Die kanadische Schriftstellerin Anne Carson gewinnt den diesjährigen Literaturnobelpreis. Doch wie wird eigentlich entschieden, wer den Literaturnobelpreis erhält? Ein Blick hinter die Kulissen.
Short teaser Wie wird eigentlich entschieden, wer den Literaturnobelpreis erhält? Ein Blick hinter die Kulissen.
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Am Donnerstag (08. Oktober) um 13:00 Uhr MESZ blickte die Literaturwelt gespannt nach Stockholm: Da trat die neue Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie, Ingrid Carlberg, vor die Presse und verkündete die kanadische Schriftstellerin Anne Carson als Preisträgerin des Literaturnobelpreises 2026. Es war das Ende eines langen Auswahlprozesses, der offiziell bereits ein Jahr zuvor begonnen hat.

Literaturnobelpreis: So wird nominiert

Die Schwedische Akademie ist das Gremium, das mit der Vergabe des Preises beauftragt ist. Sie besteht aus 18 Mitgliedern: Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Professorinnen und Professoren, Intellektuellen. Im September des Vorjahres verschickt das Nobelkomitee der Akademie Formulare an Hunderte von Personen und Organisationen, die berechtigt sind, Nominierungen für den Nobelpreis für Literatur einzureichen.

Nach Angaben der Website nobelprize.org sind dies unter anderem Professorinnen und Professoren für Literaturwissenschaft und Sprachwissenschaft an Universitäten und Hochschulen, außerdem frühere Literaturnobelpreisträger und -trägerinnen sowie Vorsitzende jener Autorenverbände, die für das literarische Schaffen in ihren jeweiligen Ländern repräsentativ sind. Wer zu einer dieser Gruppen gehört, aber kein Formular erhalten hat, darf ebenfalls einen Vorschlag machen.

"Die Liste der Nominierten kann bis zu 200 Namen pro Jahr umfassen", erklärt Gisèle Sapiro, Forschungsdirektorin am Centre National de la recherche scientifique. Sie untersucht, wie der Nobelpreis als weltweite Instanz die globale Zirkulation von Literatur, Machtverhältnisse im Literaturbetrieb und Übersetzungsmärkte beeinflusst. "Das Komitee kann auch selbst noch Namen hinzufügen, etwa solche, die schon in früheren Jahren nominiert wurden."

Im Frühjahr wählt das Nobelkomitee nach Angaben von nobelprize.org dann in einem mehrstufigen Prozess fünf Namen aus, die es der Akademie vorlegt. Über den Sommer lesen die Mitglieder der Akademie die Werke der Vorgeschlagenen und diskutieren miteinander. Anfang Oktober wird die Entscheidung verkündet. Nach welchen Kriterien die Akademie ihre Entscheidung trifft - das behält sie am liebsten für sich.

Geheimakte Literaturnobelpreis

Wer zu den Nominierten gehört und leer ausgegangen ist, erfährt die Öffentlichkeit erst 50 Jahre später - so lange dauert es, bis die Akademie die Liste freigibt. Der Blick in das Archiv zeigt: Manchmal vergeht viel Zeit zwischen erster Nominierung und dem Erhalt des Preises. Die Britin Doris Lessing etwa wurde 2007 erst 35 Jahre nach ihrer ersten Nominierung ausgezeichnet.

Alfred Nobel, der Stifter des Preises, hatte in seinem Testament bestimmt, ausgezeichnet werden solle, wer "das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen hat". Das lässt viel Raum für Interpretationen.

Ziel der Akademie sei es, anspruchsvolle Literatur auszuzeichnen, die einflussreich sei und zum Beispiel eine neue Strömung begründet habe, sagt Gisèle Sapiro. "Außerdem muss das Werk universell sein und über die eigene Kultur hinausreichen." Ein Gradmesser dafür seien Übersetzungen. "Ich habe bei meinen Recherchen festgestellt, dass alle Preisträger und Preisträgerinnen seit 1990 zuvor ins Englische, Französische und Deutsche übersetzt worden sind", erklärt Sapiro, "mit Ausnahme von Abdulrazak Gurnah (tansanisch-britischer Nobelpreisträger 2021, Anm. d. Red.), dessen Werke es bis dahin noch nicht auf Deutsch gab. Diese drei Sprachen sind also am wichtigsten."

Sehr hilfreich sei es auch, wenn die Nominierten bereits andere große Literaturpreise wie den International Man Booker Prize, den Cervantes-Preis oder den Büchner Preis gewonnen hätten, so Sapiro.

Jedes Genre ist erlaubt

Auch die Politik kann Entscheidungen der Schwedischen Akademie beeinflussen; mehrfach wurden Schriftstellerinnen und Schriftsteller bedacht, die in offener Opposition zu den Regimen ihrer Heimatländer standen, wie etwa 2015 die Belarusin Swetlana Alexijewitsch. Sie gilt als scharfe Kritikerin von Machthaber Alexander Lukaschenko. Das Genre dagegen spielt keine Rolle, so wurden Preisträgerinnen und Preisträger in der Vergangenheit nicht nur für ihre Romane, sondern auch für Lyrik und Theaterstücke ausgezeichnet - oder, im Falle Alexijewitschs, für ihre eigene literarische Gattung der dokumentarischen Stimmencollage.

2016 erhielt Singer-Songwriter Bob Dylan den Preis für seine Liedtexte. Der US-Amerikaner ist einer von nur 33 Preisträgern, die nicht aus Europa stammen (122 gab es bislang insgesamt). Und auch bei der Verteilung von Männern und Frauen gibt es ein klares Ungleichgewicht. Erst in den vergangenen acht Jahren wechselten sich Frauen und Männer bei den Auszeichnungen ab, was den prozentualen Anteil der Frauen an der Gesamtzahl der Preisträger deutlich erhöhte - auf 14,9 Prozent.

Author Katharina Abel, Petra Lambeck
Item URL https://www.dw.com/de/so-gewinnt-man-den-literaturnobelpreis/a-79548310?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Die Schwedische Akademie sitzt über dem Nobelpreismuseum in Stockholm
Image source Steffen Trumpf/dpa/picture alliance
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Item 17
Id 79582865
Date 2026-10-08
Title Aufrufe zu Friedensgesprächen: Wird die Ukraine kriegsmüde?
Short title Aufrufe zu Friedensgesprächen: Wird die Ukraine kriegsmüde?
Teaser Forderungen nach einem "Friedensplan" sorgen in der Ukraine für Aufsehen. Warum kommen sie gerade jetzt? Um welche Zugeständnisse an Moskau geht es? Und welche Meinung herrscht in der ukrainischen Öffentlichkeit vor?
Short teaser Forderungen nach einem "Friedensplan" sorgen in der Ukraine für Aufsehen. Warum kommen sie gerade jetzt?
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Drei bekannte ukrainische Politiker haben dazu aufgerufen, den Krieg durch Verhandlungen mit Russland zu beenden. Wie etwa der Parlamentsabgeordnete Oleksij Hontscharenko von der Partei "Europäische Solidarität", der in sozialen Medien erklärte: "Die Realität sieht derzeit so aus: Wir verlieren den Krieg. Wir verlieren unzählige Menschen. Uns fehlt das Geld, um nicht nur den Krieg zu finanzieren, sondern überhaupt das Land am Laufen zu halten."

Hontscharenko schlägt vor, mit Moskau über Neutralität und den Verzicht auf einen NATO-Beitritt, die Aufhebung von Sanktionen, den Status der russischen Sprache und Kirche in der Ukraine sowie des Donbass zu verhandeln: "Mit dem ganzen Land für eine NATO-Mitgliedschaft zu sterben, ist meiner Meinung nach absurd."

Danylo Hetmanzew ist Mitglied der regierenden Partei "Diener des Volkes" und Vorsitzender des parlamentarischen Finanzausschusses. Er schrieb am selben Tag in sozialen Medien, dass "die Aktivierung von Verhandlungen und Frieden unsere oberste Priorität sein sollten" , die endgültigen Friedensbedingungen müssten in einem Referendum bestätigt werden. Und der Bürgermeister von Charkiw, Ihor Terechow, kritisierte eine politische Logik, in der ein Krieg alternativlos bleibe. Er betonte aber gleichzeitig, dass ein Frieden auf Fähigkeiten zur Verteidigung und konkreten Garantien der Partner beruhen müsse.

Was sagen der Präsident und die Opposition?

Prompt kamen mahnende Wort von Staatschef Wolodymyr Selenskyj. Er erinnerte die Volksvertreter daran, dass sie für die Geschlossenheit im Innern des Landes mit verantwortlich seien und keine Panik geschürt werden dürfe. "So schwer es auch für uns sein mag, wir dürfen uns Putin und Russland nicht beugen, denn das wird die Ukraine zerbrechen", so der ukrainische Präsident.

Die oppositionelle Parlamentsfraktion "Europäische Solidarität" hat Hontscharenko umgehend aus ihren Reihen ausgeschlossen. Seine "Positionen zum Kriegsende und zur künftigen Sicherheitsarchitektur der Ukraine weichen von der Position der 'Europäischen Solidarität' und ihren ideologischen Grundsätzen ab", teilte die Fraktion mit. Zu den nicht verhandelbaren Werten zähle eine starke Armee, Ukrainisch als Amtssprache, eine eigene ukrainische orthodoxe Landeskirche sowie eine EU- und NATO-Mitgliedschaft.

"Testballon" zur Vorbereitung auf Wahlen?

Der Zeitpunkt für die Friedensaufrufe komme nicht zufällig, meint Professor Oleksij Haran von der Kyjiw-Mohyla-Akademie. "Ein harter Winter steht bevor, die Menschen sind erschöpft und alle reden von Verhandlungen - sowohl ukrainische Vertreter als auch US-Präsident Donald Trump", erläutert der Politikwissenschaftler im DW-Gespräch. Einige Politiker beeilten sich bereits, bei künftigen Wahlen eine "Ernte" einzufahren. Zudem schließt Haran nicht aus, dass die Aufrufe "Testballons" sein könnten, um zu schauen, wie die Gesellschaft reagiert.

Der Politologe vom ukrainischen "Zentrum für Analyse und Strategien", Ihor Tschalenko, betrachtet die Äußerungen der ukrainischen Politiker eher mit Blick auf mögliche Gespräche Abu Dhabi. Dort soll es bei einem trilateralen technischen Treffen um sektorale Waffenstillstände und die Aktivierung von Trumps Friedensplan gehen. Einige dieser Politiker hätten gute Kontakte zum Team des US- Präsidenten, sagt Tschalenko. Trump sei an einem schnellen Ergebnis noch vor den Kongresswahlen am 3. November interessiert. "All dies zielt primär auf die Organisation eines solchen Treffens ab, um Russland in Verhandlungen hineinzuziehen", glaubt er. Gleichzeitig wolle man mit den Äußerungen der Politiker testen, inwieweit die Öffentlichkeit zu Kompromissen bereit sei.

Was halten die Ukrainer von Verhandlungen?

Laut einer Umfrage des Kyjiwer Internationalen Instituts für Soziologie (KIIS) von Mitte September befürworten 75 Prozent der Ukrainer Verhandlungen mit Russland zur Beendigung des Krieges, 21 Prozent lehnen sie ab. Das KIIS betont, dass sich die Frage nur auf die Möglichkeit von Verhandlungen bezog, nicht auf Zugeständnisse. 69 Prozent würden einen sofortigen Waffenstillstand entlang der aktuellen Frontlinie unterstützen, vorausgesetzt, die Ukraine erkennt die besetzten Gebiete nicht als russisch an, stärkt ihre Armee weiter und strebt eine Annäherung an die EU und die NATO an. 62 Prozent sind bereit, den Krieg so lange wie nötig zu ertragen, in Kyjiw sind es sogar 72 Prozent. 79 Prozent glauben an einen Sieg der Ukraine, obwohl der Anteil derjenigen, die absolut daran glauben, seit Ende Juli von 60 auf 47 Prozent gesunken ist.

"Die Aussagen einzelner Politiker spiegeln nicht die Meinung der Mehrheit der Ukrainer wider", sagt Anton Hruschezkyj vom KIIS. Ein Teil der Bevölkerung sei jedoch bereit, eine Kapitulation zu akzeptieren. Vor etwa einem Jahr hätten rund 20 Prozent der Befragten den russischen Friedensplan mit einem ukrainischen Truppenabzug aus dem Donbass und einer Entmilitarisierung befürwortet. "Aber das ist eine Minderheit", betont der Soziologe. Die Mehrheit sei pragmatisch, zwar offen für schwierige Kompromisse, aber nicht für eine Kapitulation.

Ist Russland wirklich zu Gesprächen bereit?

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte jüngst Vorschläge für einen gegenseitigen Stopp von Angriffen auf Energieanlagen und Zivilschiffe als "sinnlos" zurückgewiesen. "Die fehlende Bereitschaft Russlands ist eine fundamentale Tatsache", betont Politikwissenschaftler Tschalenko. Eine Spaltung der Öffentlichkeit in eine "Kriegspartei" und eine "Friedenspartei" hält er für herbeigeredet. "Es gibt keine größere Gruppe, die einen ewigen Krieg befürworten würde. Die Position der Ukraine wird sich auf die Kontaktlinie und Sicherheitsgarantien beschränken, was schon eine Konzession ist, und eine größere kann es nicht geben."

Auch Professor Haran betont, dass die aktuelle Position der Ukraine ein bitterer Kompromiss sei. "Jetzt sprechen wir über ein Einfrieren. Das ist schon ein kolossales Zugeständnis", sagt er. Dazu seien die meisten Ukrainer zwar bereit, für einen Truppenabzug aus dem Donbass oder die Anerkennung der besetzten Gebiete als russisch fände sich jedoch keine Mehrheit. Entsprechende Äußerungen würden nur schaden. "Das Problem sind nicht Verhandlungen und Kompromisse, sondern dass Putin uns in einem schwierigen Winter bringen will, damit wir einknicken. Was Hontscharenko und andere jetzt sagen, spornt Putin nur an", warnt Haran.

Kann ein Erschöpfungs-Szenario gelingen?

Für seine Ziele setzte Moskau auf massive Angriffe auf den ukrainischen Energiesektor, auf Rechenzentren, Lagerhallen und Brücken der Hauptstadt Kyjiw sowie auf die Metallindustrie, erläutert Politologe Tschalenko. "So will man die Bevölkerungsschicht stärken, die ein Kriegsende unter allen Umständen fordert. Sobald der Widerstand der Gesellschaft nachlässt, will man größere Zugeständnisse von den ukrainischen Staatsmacht fordern."

Anton Hruschezkyj macht darauf aufmerksam, dass die reale Stimmung der Menschen auf der Straße zunehmend von dem abweicht, was in sozialen Netzwerken zu sehen ist, wo es viele Bots gibt und stark mit Emotionen gespielt wird. "Der Durchschnittsbürger ist viel gelassener, selbst bei schwierigen Fragen. Kompromisse, zu denen die Ukrainer bereit sind, dürfen keine einseitigen Zugeständnisse sein und einer Kapitulation der Ukraine gleichen. Die Ukrainer wollen weiter für einen echten Frieden kämpfen."

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

Author Lilia Rzheutska
Item URL https://www.dw.com/de/aufrufe-zu-friedensgesprächen-wird-die-ukraine-kriegsmüde/a-79582865?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/79510948_607.jpg
Image caption Ein Wohngebäude in Kyjiw nach einem Angriff russischer Kampfdrohnen
Image source Valentyn Ogirenko/REUTERS
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Item 18
Id 79584814
Date 2026-10-07
Title Berlin erinnert an den 7. Oktober: Kerzen, Stille - Streit
Short title Berlin erinnert an den 7. Oktober: Kerzen, Stille - Streit
Teaser "Nie vergessen. Niemals schweigen." In Berlin hatte das Gedenken an den Terroranschlag viele Facetten: vom frommen Gesang am Morgen bis zu Beschimpfungen im Bundestag.
Short teaser Frommer Gesang am Morgen, Gedenkreden, Beschimpfungen im Bundestag - so wurde in Berlin an den Terroranschlag erinnert.
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"Ani MaAmin", singt Kantor Arie Zaloshinsky zum Beginn der Feier" in der Chabad-Synagoge in Berlin-Wilmersdorf. Der hebräische Gesang, auf Deutsch "Ich glaube", steht für den Kampf ums Überleben. Er wurde, so heißt es, auch in Waggons gesungen, in denen Juden im Nationalsozialismus zur Ermordung nach Auschwitz gekarrt wurden.

An diesem Mittwochmorgen trägt Zaloshinsky, spürbar ergriffen, das Lied im Gedenken an die Opfer des 7. Oktober 2023 vor, ermordet beim Terrorangriff der radikal-islamistischen Hamas auf Israel.

Ein "Gedenk- und Toleranzgebet" bei Rabbiner Yehuda Teichtal eröffnet in Berlin den dritten Jahrestag des Angriffs auf Israel. In den Straßen um die Synagoge sind viele Polizei-Fahrzeuge zu sehen. Im Gebäude begrüßt Teichtal führende Vertreter der SPD, der Linken und der CDU aus der Berliner Landespolitik, nicht dabei ist die Linken-Politikerin Elif Eralp. Gekommen sind einige Bundespolitiker, viele Freunde seiner Gemeinde, der israelische Botschafter in Deutschland.

Es ist eine ruhige Stunde. Teichtal nennt Namen von Ermordeten, erinnert an die, wie er sagt, sehr starke Solidarität in Berlin in den Tagen nach dem Angriff. "Wir werden uns nie unterkriegen lassen. Never ever", sagt er: "Aber wir schaffen das nicht alleine." Er beschwört die Solidarität. Und mahnt: "Wir brauchen jetzt Taten." Es gehe nicht um gute Worte der Solidarität, es gehe um Unterstützung.

"Das ist ein Tag, den wir Israelis niemals vergessen werden", sagt auch Israels Botschafter Ron Prosor in der Synagoge. Er beginnt seine fast leise vorgetragene Rede mit "sechs Uhr achtundzwanzig", der Uhrzeit, zu der nach israelischer Zeit die Attacke losbrach.

Und wieder: "Kauft nicht bei Juden"

Auch Prosor kommt schließlich zum Thema Antisemitismus auf Deutschlands Straßen. Plötzlich gebe es wieder Boykottaufrufe, die an das "Kauft nicht bei Juden" der Nazi-Zeit erinnerten. Jüdische Musiker würden aus Ensembles verdrängt. "Man muss die jüdische Identität an der Garderobe abgeben, damit man akzeptiert wird", sagt Prosor. Jüdische Familien schickten ihre Kinder aus Angst auf jüdische Schulen. Der Botschafter mahnt: "Die Brandmauer gegen Antisemitismus muss auf allen Seiten stehen."

Die dichtesten Momente hat die Feier beim Gesang, beim Entzünden von Kerzen, bei der Verlesung von drei Psalmen. Ein junger Mann, dessen Großmutter den Terror in einem der Kibbuzim überlebte, liest. Dann Botschafter Prosor. Schließlich zwei junge Schülerinnen aus einer der jüdischen Schulen der Stadt. Langsam wandern ihre Finger über den Text. Zum Ende sagt Teichtal: "Ihr seid die Zukunft".

Während bei Teichtal die Gedenkfeier lief, haben Mitglieder der "Jüdischen Studierenden Union" (JSU) auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor leere Stühle aufgebaut, gedeckte Tische. Darauf Fotos von Ermordeten, rote Papierblumen, die Anemonen nachempfunden sind. "Kein Vergeben. Kein Vergessen.", steht auf einem großen Transparent.

Wo sonst Touristen Selfies oder Schulklassen Gruppenfotos machen, bleiben Passanten an den Tischen stehen. Viele bleiben stehen, nicht wenige bedankten sich, sagt einer der JSU-Akteure später. Ganz selten habe es kritische Rufe gegeben. Auch Angehörige Ermordeter kamen vorbei, das war berührend, berichtet er.

Klage über Antisemitismus und Linke, "die keine Empathie zeigen"

Ein junges Paar mit einem Kleinkind legt weiße Rosen auf einige der Teller, verweilt. Sie spürten "nach wie vor einfach großen Schmerz", sagt der Mann der DW. Es sei unfassbar wichtig, dass die jüdischen Studierenden diese Erinnerung wachhielten. Dann bricht es aus ihm förmlich heraus. Derzeit nehme der Antisemitismus "von allen Seiten so krass zu", insbesondere bei der gesellschaftlichen Linken. Er spricht von progressiven Kräften, "die einfach leugnen, was am 7. Oktober passiert ist, und keine Empathie zeigen". Er habe viele Freundschaften verloren.

Ein paar Minuten vom Pariser Platz entfernt eröffnet Bundestagspräsidentin Julia Klöckner nach dem Mittag die Plenarsitzungen des Bundestags für die laufende Woche. Bevor sie zur Tagesordnung kommt, erinnert die CDU-Politikerin, heute schwarz gekleidet, an den Jahrestag des Terrors. Von den Gräueltaten der Hamas, den Morden an Kindern und Familien und dem Schicksal der Geiseln kommt sie auf den Antisemitismus in Deutschland zu sprechen.

Sie mahnt zum Widerspruch. Es liege an jedem, dies im eigenen Alltag zu tun und auch lauter zu tun, "vor der Haustür, am Arbeitsplatz, in der Freizeit". Juden müssten in Deutschland frei und sicher leben können, mahnt Klöckner. Die Realität sei erschreckend anders. "Ob rechtsextrem, linksextrem oder islamistisch begründet: Extremisten wollen, dass wir uns an die Stigmatisierung von Juden gewöhnen." Es sind ruhige knapp fünf Minuten.

Es ist ein heller Tag in Berlin, mit Sonne und Wärme. Einige hundert Menschen versammeln sich am Nachmittag auf dem Bebelplatz, eine jener Stätten in der Hauptstadt, die für Nazi-Unrecht stehen, die Bücherverbrennung 1933. Hier findet die ganz offizielle Gedenkfeier dieses Berliner Tages statt. Sie steht unter dem Motto "Nie vergessen. Niemals schweigen". Einige stumme Zeugnisse wie der Nachbau eines zerstörten Wohnzimmers oder die verbrannten Bücher einer Geisel sind zu sehen.

Neben Prosor ist Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) einer der Hauptredner. Er habe "die grausamen Bilder des Terrors im Kopf. Und ich spüre, dass der Schmerz für immer bleiben wird", sagt er. Dobrindt kommt auf seinen Besuch im Kibbuz Be'eri in der Nähe des Gazastreifens zu sprechen, einem Ort, der vom Terror der Hamas besonders grausam getroffen wurde. Dort bekam der CSU-Politiker, schildert er nun, Videobilder aus den Bodycams der Mörder zu sehen. Da bricht ihm die Stimme weg, Dobrindt, selbst Vater, ringt sichtlich mit den Tränen.

Jüdisches Leben gehöre zu Deutschland. Wer das nicht akzeptiere, "kann kein Teil Deutschlands sein", bekräftigt der Minister. Für seine Rede bekommt er ungewöhnlich langen Applaus.

Scharfer Streit im Bundestag

Im Plenarsaal des Bundestags folgt knapp zwei Stunden später ein politisches Gedenken. Binnen Minuten wird aus jeder Nachdenklichkeit ein heftiger Schlagabtausch. Der CDU-Politiker Jürgen Hardt wirft der Linken-Abgeordneten Cansin Köktürk, die vor Tagen in einem Video Israel als "genozidalen Apartheitsstaat Israel" beschimpft hatte, Antisemitismus vor. Sie gehöre wohl eigentlich in die AfD-Fraktion. Köktürk kündigt an, anwaltlich gegen Hardt vorgehen zu wollen. All das passt zum Streit um Antisemitismus und den Kurs der Linkspartei, der in Deutschland derzeit hochkocht.

Es ist das erste Berliner Gedenken, bei dem es zwar auch um den Terroranschlag und das bleibende Trauma Israels geht, um die knapp 1200 Ermordeten und rund 250 Geiseln. Aber immer wieder kommen Rednerinnen und Redner zu sprechen auf den Krieg Israels gegen Gaza, in dem zehntausende Palästinenser durch israelische Angriffe starben und viele weitere verletzt wurden.

War es im Bundestag hässlich laut, bleibt ein interreligiöser Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Abend ruhig. Die beiden Bischöfe der Hauptstadt, evangelisch und katholisch, ein Rabbiner, ein Imam, auch die Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses beteiligen sich. Und auch Elif Eralp nimmt teil, dieWahlsiegerin der Linken bei der Landtagswahl vom September, um deren Rolle in der Stadt gestritten wird.

Die Berliner Polizei sei rund um die Gedenkveranstaltungen des Tages mit rund tausend Beamten im Einsatz gewesen, rund 700 Einsatzkräfte mehr als an einem gewöhnlichen Wochentag, sagt Polizeisprecher Florian Nath der DW am Abend. An den verschiedenen Standorten seien mehrere tausend Menschen gewesen, "alles störungsfrei".

In die abendliche Dunkelheit hinein wird das Bild der israelischen Flagge auf das Brandenburger Tor projiziert. Wie am Abend des 7. Oktober 2023, als israelische Sicherheitskräfte noch gegen Terroristen kämpften, wie an den Jahrestagen 2024 und 2025.

Eine seltene Geste. Als würde die Stadt Berlin ihre gute Stube Freunden überlassen.

Author Christoph Strack, Andrea Grunau
Item URL https://www.dw.com/de/berlin-erinnert-an-den-7-oktober-kerzen-stille-streit/a-79584814?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/79585604_607.jpg
Image caption Ein Licht des Erinnerns, entzündet in einer Synagoge in Berlin in der Dunkelheit der Trauer um die Opfer des Terroranschlags am 7. Oktober 2023 in Israel
Image source Soeren Stache/dpa/picture alliance
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Item 19
Id 79502652
Date 2026-10-07
Title Steinmeiers Staatsbesuch in Frankreich in unruhigen Zeiten
Short title Steinmeiers Staatsbesuch in Frankreich in unruhigen Zeiten
Teaser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier reist nach Paris und Bordeaux. In Deutschland wie in Frankreich stehen die amtierenden Mitte-Regierungen unter Druck von rechts, alte Gewissheiten sind passé.
Short teaser Bundespräsident Steinmeier reist nach Paris. Ein Abschied vor einer möglichen rechtspopulistischen Präsidentin Le Pen?
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Der Staatsbesuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Frankreich vom 7. bis 9. Oktober ist der erste eines deutschen Staatoberhauptes seit 2013. Damals war es Joachim Gauck. Sein Besuch in Oradour-sur-Glane, wo die Waffen-SS 1944 ein Massaker an Zivilisten anrichtete, wurde zu einem emotionalen Höhepunkt.

Doch das gesamte politische Umfeld heute ist weit dramatischer als damals: 2026 herrscht Krieg in Europa, und sowohl Deutschland als auch Frankreich als Unterstützer der Ukraine sehen sich von Russland bedroht.

Auch im Inneren sind die Zeiten angespannt: In Berlin wie in Paris steht jeweils eine EU-freundliche Mitte-Regierung unter starkem Druck von rechts. In Deutschland hat die konservative CDU, die Partei von Bundeskanzler Friedrich Merz, im September mehrere herbe Wahlverluste erlitten; in den bundesweiten Umfragen liegt die in Teilen rechtsextreme AfD seit Monaten weit vorn. In Frankreich amtiert eine zentristische Minderheitsregierung, und Staatspräsident Emmanuel Macron kann bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Frühjahr nicht mehr antreten. Marine Le Pen vom rechtsnationalen Rassemblement National (RN) hat nach Umfragen gute Chancen, nächste Präsidentin Frankreichs zu werden. AfD wie RN sind europaskeptisch und betonen das Nationale.

Im deutsch-französischen Verhältnis und in der Europapolitik führt das dazu, "dass in beiden Ländern das innenpolitische Kalkül einen sehr breiten Raum einnimmt, man nicht mehr sich traut oder die Handlungsspielräume hat, weitreichende europäische Initiativen und Vorschläge zu machen, weil man unter diesem großen Druck der Innenpolitik ist." Das sagt Stefan Seidendorf, stellvertretender Direktor des Deutsch-Französischen Institut im baden-württembergischen Ludwigsburg, der DW. In beiden Ländern gebe es eine öffentliche Debatte, "in der dieses bisher Selbstverständliche, nämlich Frankreich, Deutschland gemeinsam als Paar oder als Motor der Europäischen Union nicht mehr ohne weiteres gegeben ist".

Frankreichs Botschafter: Haben Schocks in Deutschland unterschätzt

Hinzu kommt nach Einschätzung des französischen Botschafters in Berlin, Francois Delattre, eine fundamentale Umwälzung in Deutschland, die in seinem Heimatland leicht übersehen werde. Delattre sagte kürzlich im Podcast der französischen Journalistin Hélène Kohl: "In Frankreich hat man das Ausmaß der Schocks für Deutschland seit Beginn des Ukraine-Kriegs unterschätzt." Neben dem Schock des Krieges selbst nennt er seine Folgen für Deutschland: schwierigere Energieversorgung, Deindustrialisierung.

Dazu komme noch die enorme wirtschaftliche Konkurrenz aus China, die schwierige Trump-Administration in den USA und innenpolitisch der Aufstieg der AfD. Das früher selbstbewusste Deutschland sei sich selbst nicht mehr sicher, habe Zweifel und Ängste, glaubt Delattre. Das sei neu für viele Franzosen.

Frankreich bietet seinen Nuklearschutz

Probleme im bilateralen Verhältnis kommen hinzu. Wichtige gemeinsame Rüstungsprojekte sind erst vor wenigen Wochen gescheitert. Neben dem Kampfflugzeugprojekt FCAS, das offiziell beendet wurde, wurde auch das Panzerprojekt MGCS de facto aufgegeben, weil die gemeinsame Entwicklung einer Fahrzeugplattform beendet wurde. Damit sind gleich zwei französisch-deutsche Prestigeprojekte geplatzt, in die viele Jahre investiert wurde.

Doch es gibt Lichtblicke, sagt Stefan Seidendorf: "Nachdem das Projekt mit dem Kampfflugzeug gescheitert war, hat man sich gleichzeitig auf etwas sehr Weitreichendes eingestellt, nämlich Macrons Angebot und die positive Reaktion der Bundesregierung auf eine Ausweitung des französischen Nuklearschutzes." Damit verbunden sind gemeinsame europäische Rüstungsprojekte bei Fernaufklärung und Präzisionswaffensysteme. Allerdings, betont Seidendorf: Der Nuklearschirm "bleibt letztlich in französischer Hand".

Differenzen bei Nahostkonflikt und Finanzen

Dissonanzen gibt es auch auf diplomatischem Parkett. Macrons Vorstoß zur Anerkennung eines palästinensischen Staates stieß in Berlin auf große Vorbehalte. Deutschland unterhält enge Beziehungen zu Israel, die Bundesregierung betrachtet die Sicherheit Israels als Staatsräson. Zwar hat diese Freundschaft wegen des harten israelischen Vorgehens im Gaza-Streifen unter der Regierung Netanjahu gelitten, eine deutsche Anerkennung Palästinas ist aber weiter undenkbar.

Auf europäischer Ebene schließlich drängt Frankreich schon lange auf gemeinsame Euro-Anleihen und gemeinsame europäische Schulden. Zwar hat auch die Bundesregierung - im Gegensatz zu Merz' Zusage vor der Wahl - riesige neue Schulden aufgenommen. Aber das gilt für die nationale Ebene. Auf europäischer Ebene befürchtet die Bundesregierung, dass das finanziell immer noch vergleichsweise solide Deutschland für Frankreichs gewaltigen Schuldenberg einstehen muss. Daher sperrt sich Berlin auch gegen eine deutliche Erhöhung des mehrjährigen EU-Haushalts.

Merz würde auch mit einer Präsidentin Le Pen zusammenarbeiten

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte nach dem Wahlsieg Anfang 2025 großen Wert auf ein Zeichen Richtung Frankreich gelegt und war nach Paris gereist, sogar noch bevor er zum Bundeskanzler gewählt war. Auch danach sprach er immer wieder davon, wie wichtig die Beziehungen seien. Das gilt weiterhin, und das betonen auch beide Seiten immer wieder.

Doch was würde es für die Beziehungen bedeuten, wenn sich die politischen Gewichte deutlich verschieben sollten? Eine von der AfD geführte Bundesregierung ist bisher nicht in Sicht. Durchaus denkbar ist aber, das zeigen zahlreiche Umfragen, dass Marine Le Pen vom rechten Rassemblement National im kommenden Frühjahr Staatspräsidentin wird.

Dass man sich in Berlin bereits Gedanken darüber macht, bestätigte Merz schon im Sommer, als Le Pen ihre Kandidatur bekanntgab: "Die deutsche Hand bleibt immer ausgestreckt zur vertieften und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Frankreich, ganz unabhängig davon, wie die Wählerinnen und Wähler in unseren beiden Ländern entscheiden", sagte der Bundeskanzler Mitte Juli bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Emmanuel Macron.

Die Freundschaft besteht aus mehr als Politik

Stefan Seidendorf vom Deutsch-Französischen Institut erwartet für diesen Fall zwar Schwierigkeiten, aber keine Katastrophe: "Man kann sich gut vorstellen, dass Le Pen sich zunächst innenpolitisch profilieren möchte mit europaskeptischen und deutschlandfeindlichen Tönen", sagt er. Vielleicht werde Le Pen dann ihre erste Auslandsreise als Präsidentin nicht nach Berlin, sondern nach Brüssel oder Rom machen und deutsch-französische Ministerräte ausfallen lassen. "Man wird sich darauf einstellen müssen, dass alle möglichen politischen Verhandlungen erst einmal viel schwieriger werden."

Doch er betont, dass das französisch-deutsche Verhältnis nicht nur aus Politik besteht. Es gibt Städtepartnerschaften, Schüleraustausch, Freundschaftsvereine - die ganze Bandbreite des zivilgesellschaftlichen Austauschs. Und Umfragen bestätigen immer wieder, dass die Franzosen die Deutschen als wichtigsten Partner sehen, umgekehrt genauso.

Auch der französische Botschafter Francois Delattre ist optimistisch und sagt im Interview mit Hélène Kohl: "Es gibt keine zwei Länder der Welt, die so enge Beziehungen haben wie Deutschland und Frankreich."

Author Christoph Hasselbach, Ralf Bosen
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Image caption Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (re.) war 2024 zu einem Staatsbesuch in Deutschland, diesmal reist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (li.) zum Besuch nach Frankreich
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Item 20
Id 79580076
Date 2026-10-07
Title Nach langer Krise hat Kosovo wieder eine Präsidentin
Short title Nach langer Krise hat Kosovo wieder eine Präsidentin
Teaser Nach 20 Monaten politischer Blockade hat die Republik Kosovo eine Präsidentin. Justina Shiroka-Pula wurde kurz vor Ablauf einer Frist gewählt, die Neuwahlen bedeutet hätten. Nun ist der Weg für einen Neubeginn offen.
Short teaser Nach 20 Monaten politischer Blockade hat die Republik Kosovo wieder eine Präsidentin.
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Nach einer langen politischen und institutionellen Krise hat Kosovo in den letzten Stunden vor Ablauf einer verfassungsrechtlichen Frist - um Mitternacht am 6. Oktober 2026 - eine Präsidentin gewählt und damit wiederholte Neuwahlen innerhalb eines Zeitraums von zwei Jahren vermieden.

Neue Präsidentin der Republik Kosovo ist die 72-jährige Ökonomin Justina Shiroka-Pula. Sie ist damit bereits die dritte Frau im Präsidentschaftsamt des jüngsten europäischen Staates. Ihre Nominierung und Wahl waren das Ergebnis eines Kompromisses zwischen dem derzeitigen kosovarischen Ministerpräsidenten Albin Kurti, dessen Partei Vetevendosje die Parlamentswahl vom Juni 2026 gewonnen hatte, und der Demokratischen Partei Kosovos (PDK), die nach dem Kosovo-Krieg von dem ehemaligen Staatspräsidenten Hashim Thaci gegründet wurde.

Thaci war gemeinsam mit drei weiteren ehemaligen Führern der Befreiungsarmee Kosovos (UCK) am 16. September 2026 in erster Instanz wegen Kriegsverbrechen vom in Den Haag ansässigen Kosovo-Sondertribunal verurteilt worden.

Noch vor der Wahl von Justina Shiroka-Pula verabschiedete das Parlament in der Nacht des 6. Oktober mit Mehrheitsbeschluss auch Änderungen am Gesetz über das Sondertribunal. Dieses Justizorgan war 2015 vom kosovarischen Parlament selbst eingerichtet worden, um mutmaßliche Kriegsverbrechen der UCK während des Kosovo-Krieges 1998/99 zu untersuchen. Die Änderung dieses Gesetzes war eine Bedingung der PDK an den Ministerpräsidenten Albin Kurti und seine Partei. Dadurch sollte Kurti sein Regierungsmandat weitere vier Jahre fortsetzen können, ohne wegen des Scheiterns der Präsidentenwahl erneut Neuwahlen ausrufen zu müssen.

Ministerin und Akademie-Präsidentin

Die neue Präsidentin Kosovos, Justina Shiroka-Pula, war von 2008, dem Jahr der Unabhängigkeitserklärung des Landes, bis 2011 Energie- und Bergbauministerin in der damaligen Regierung unter Hashim Thaci. Von November 2025 bis zu ihrer Wahl hatte sie das Amt der Präsidentin der kosovarischen Akademie der Wissenschaften und Künste inne. Die erste Aufgabe der neu gewählten Präsidentin besteht nun darin, das neue Gesetz zu verkünden, das die Befugnisse des Sondertribunals in gewissem Umfang einschränkt.

Mit den Änderungen am Gesetz über das Sondertribunal und der Wahl der Präsidentin will Kosovo institutionell eine Verteidigungsstrategie für das Berufungsverfahren vor dem Sondertribunal aufbauen. Ziel ist es, das Verfahren zu gewinnen und die insgesamt 81 Jahre Haft aufzuheben, zu denen die ehemaligen UCK-Führer Hashim Thaci, Kadri Veseli, Jakup Krasniqi und Rexhep Selimi verurteilt wurden. In Kosovo gelten sie als Helden des Krieges zur Befreiung des Landes von Serbien.

Der kosovarische Ministerpräsident Albin Kurti erklärte, das Sondertribunal sei mit seinem Urteil vom 16. September zu "mehreren Schlussfolgerungen gelangt, die sachliche, historische und rechtliche Fehler enthalten - Fehler, die in der zweiten Berufungsinstanz korrigiert werden müssen".

Auch der PDK-Vorsitzende Bedri Hamza, dessen Partei die Gesetzesänderungen initiiert hatte, erklärte: "Das Gesetz zielt weder darauf ab, das Sondertribunal aufzulösen noch die Ermittlungen zu den Fällen zu verhindern, für die es eingerichtet wurde, einschließlich der Vorwürfe des Organhandels. Vielmehr sollen die Grenzen des Mandats und der Befugnisse des Gerichts klarer definiert werden."

Brücke zwischen den beiden größten Parteien

Doch wie beurteilen Analysten das Ziel der politischen Führung Kosovos, über das geänderte Gesetz über das Sondertribunal eine institutionelle Abstimmung in einem Gerichtsverfahren herbeizuführen, das unabhängig sein sollte?

Naim Rashiti, Politikexperte der Balkan Policy Research Group (BPRG), sagt der DW, die Wahl der Präsidentin und die Verabschiedung der Änderungen am Gesetz über das Sondertribunal stellten die erste Brücke zwischen den beiden größten Parlamentsparteien Kosovos dar - der einen in der Regierung und der anderen in der Opposition.

"Die Wahl der Präsidentin ist im Einklang mit dem Verfassungssystem Kosovos erfolgt. Jetzt wird erwartet, dass Kosovo politische und institutionelle Stabilität schafft und sich auf wichtige Themen konzentriert: Entwicklung, den Dialog mit Serbien, die Mitgliedschaft im Europarat und die internationale Agenda. All dies wird für das Land dringend benötigt."

Einmischung in die Arbeit des Tribunals?

Was die Änderung des Gesetzes über das in Den Haag ansässige Sondertribunal durch das kosovarische Parlament betrifft, sagt Rashiti, das Vorgehen Kosovos komme "zu spät und könnte als Einmischung in die Arbeit des Sondertribunals erscheinen". Er glaube jedoch nicht, "dass Kosovo in einem solchen Ausmaß eingreifen kann oder Maßnahmen ergreifen wird, die die Arbeit und das Mandat des Gerichts beeinträchtigen".

Nach Ansicht Rashitis sei das Sondertribunal "seit seiner Einrichtung außerhalb jeglichen Kontrollmechanismus belassen worden - sei es durch Kosovo, EU-Institutionen, internationale Organisationen oder auch spezialisierte internationale Institutionen". Kosovo habe es versäumt, im Laufe der Zeit spezialisierte internationale Mechanismen zur Überwachung des Sondertribunals einzubinden. Politischer und öffentlicher Druck helfe Kosovo nicht.

Mit internationalen Partnern beraten

Ein weiterer Experte für das Justizsystem, Ehat Miftaraj vom Kosovo Institute of Justice, sagt der DW, die Änderung des Gesetzes über das Sondertribunal und dessen Umsetzung seien ein komplexer Prozess. Ohne die Beteiligung internationaler Partner und deren Expertise sei es schwierig, dass das Gesetz in der Praxis rechtliche Folgen oder Auswirkungen auf bereits in Den Haag laufende Verfahren habe.

"In dieser Hinsicht sollten unverzüglich Konsultationen und eine Zusammenarbeit mit den wichtigsten Ländern der Europäischen Union und den USA beginnen, damit diese Änderungen Wirkung entfalten und in der Praxis anwendbar sind."

Proteste gegen Gesetz

Das vom kosovarischen Parlament geänderte Gesetz über das Sondertribunal schränkt das Mandat des Gerichts zur Fortsetzung von Ermittlungen wegen des mutmaßlichen Organhandels während des Kosovo-Krieges nicht ein.

Das geänderte Gesetz sieht jedoch in mehreren Bereichen eine Einschränkung des Mandats des Sondertribunals vor. Dazu gehört insbesondere der vom Gericht erfasste Zeitraum: Während das bisherige Gesetz den Zeitraum von Januar 1998 bis Dezember 2000 vorsah, wird er nun auf den 1. Juli 1999 bis zum 31. Dezember 2000 verkürzt.

Das Gesetz sieht außerdem eine Höchststrafe von 15 Jahren Haft, die Verbüßung der Strafe in Kosovo sowie die Möglichkeit einer Begnadigung durch den Präsidenten für Personen vor, die rechtskräftig verurteilt wurden.

In den vergangenen Tagen hatte es in der kosovarischen Hauptstadt Prishtina teils gewaltsame Proteste gegen die Art und Weise gegeben, wie das Gesetz über das Sondertribunal geändert worden war. Die Demonstranten hatten gefordert, das Gesetz nicht zum Gegenstand eines politischen Deals um die Präsidentschaftswahl zu machen. Sie wollten erreichen, dass die Parlamentsabgeordneten möglichst geschlossen für Änderungen am Sondertribunal stimmen - als Ausdruck eines nationalen Konsens gegen die Verurteilung ehemaliger UCK-Führer, die für die Unabhängigkeit und Freiheit Kosovos gekämpft hätten.

Author Bekim Shehu ((aus Prishtina)), Sanja Blagojevic
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Image caption Die neue Präsidentin der Republik Kosovo, Justina Shiroka-Pula
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Item 21
Id 79577720
Date 2026-10-07
Title Springt Äthiopiens Tigray-Krieg auf Eritrea über?
Short title Springt Äthiopiens Tigray-Krieg auf Eritrea über?
Teaser Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed festigt seine Macht - und kalkuliert mit einem regionalen Krieg in Tigray. Doch seine Gegner schließen die Reihen.
Short teaser Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed ist neu vereidigt - doch regional weitgehend isoliert.
Full text

Inmitten des eskalierenden Konflikts in Tigray ist Abiy Ahmed für eine weitere Amtszeit als Premierminister Äthiopiens vereidigt worden. Er hat nun weitere fünf Jahre vor sich - und zudem eine gestärkte Regierungskoalition im Parlament hinter sich, die in der nahen Zukunft auch über eine weitere Ausweitung seiner Kompetenzen entscheiden könnte.

Doch der Krieg ist nicht weit weg: Kurz nach der Zeremonie am Montagnachmittag bekräftigte Abiy seinen Willen, dem Binnenland einen direkten Zugang zum Roten Meer zu verschaffen. "Auf der Grundlage des Prinzips von Geben und Nehmen werden wir uns mit Nachdruck dafür einsetzen, dass Äthiopien einen Zugang zum Meer erhält", sagte Abiy. Auf welche Weise das geschehen soll, ließ er offen - und dürfte damit dazu beitragen, dass sich die ohnehin belasteten Beziehungen mit dem Nachbarland Eritrea weiter verschärfen. Schon lange erhebt Äthiopien Ansprüche auf den eritreischen Hafen von Assab.

DW-Korrespondent Solomon Muchie verfolgte die Vereidigungszeremonie in Addis Abeba aus nächster Nähe. Er sagt Abiy schwierige Zeiten voraus: "Die neue Amtszeit verleiht Premierminister Abiy Ahmed mehr politische Autorität. Doch die komplexen innenpolitischen und regionalen Herausforderungen des Landes könnten es erschweren, diese Autorität in dauerhafte Stabilität umzusetzen", sagt Muchie.

Er führt als Beispiel ein regionales Treffen an, das am Sonntag stattfand: "Die Staats- und Regierungschefs Ägyptens, Eritreas, Somalias und des Sudans erörterten regionale Fragen, doch Äthiopien wurde von diesem Treffen ausgeschlossen - ein Vorgeschmack auf das, womit die Regierung von Premierminister Abiy Ahmed in den kommenden Jahren konfrontiert sein wird." All diese Länder lehnen Abiys Regierung offen ab.

Zugang zum Meer um jeden Preis?

Nach Ansicht des Analysten Abdurahman Sayed, der das in London ansässige "Horn of Africa Centre for Regional Integration" leitet, droht Eritrea nun, in den Krieg in Tigray hineingezogen zu werden - und zwar nicht wie im vorangegangenen Krieg 2020 an der Seite Abiys, sondern als Gegner. In den letzten Jahren machte Äthiopien keinen Hehl daraus, Kontrolle über den Hafen von Assab erlangen zu wollen, auf den es historische Ansprüche geltend macht. Bis 1993 waren beide Länder - gegen den Willen Eritreas - eine politische Einheit.

"Eritrea hegt berechtigte Bedenken hinsichtlich der Absichten Äthiopiens, wenn möglich das Land zu besetzen - und falls dies nicht gelingt, zumindest den Hafen von Assab einzunehmen. Assab ist nicht nur für den Handel, sondern auch strategisch von großer Bedeutung", sagt Sayed im DW-Interview. "Es liegt an der Meerenge von Bab al-Mandab, die den südlichen Zugang zum Roten Meer bildet. "Ohne diesen Hafen würde die strategische Bedeutung Eritreas nahezu auf null sinken, dann hätte Eritrea keinerlei Bedeutung mehr."

Vergangene Woche verwies Äthiopien diplomatische Vertreter von Eritrea und Ägypten des Landes. Laut Sayed könnte dies ein Zeichen dafür sein, dass die Regierung entschlossen ist, ihre angeblichen Ansprüche auf den Hafen am Roten Meer notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Auch die erneuten Kämpfe in Tigray könnten demnach auf dieses Ziel ausgerichtet sein.

Vor wenigen Tagen haben die äthiopischen Nationalen Verteidigungskräfte die Kontrolle über Mekelle, die Hauptstadt von Tigray, übernommen. Am Montag berichtete ein regierungsnahes Medium, dass die äthiopische Armee damit begonnen habe, ihre Truppen an der eritreischen Grenze zu mobilisieren, nachdem sich die oppositionelle Tigray People's Liberation Front (TPLF) in das Gebiet um Adigrat zurückgezogen hatte, einem wichtigen Tor nach Eritrea und zum Roten Meer. Am Mittwoch meldeten nun lokale Behörden, dass auch Eritrea seit dem Wochenende Soldaten in die äthiopische Region entsandt hätte.

"Das Volk der Tigrer hat kulturelle, sprachliche und religiöse Verbindungen zu den Menschen im Süden Eritreas", sagte Sayed. "Die Machthaber in Eritrea weisen viele Gemeinsamkeiten mit den Menschen in Tigray auf." Ein Überspringen der Kämpfe hält er für wahrscheinlich, insbesondere jetzt, da die TPLF aus Mekelle vertrieben wurde und möglicherweise auch aus anderen größeren Städten abgezogen ist.

Laut Sayed warten die äthiopische Regierung und die Armee nur darauf, dass Eritrea in den Krieg eintritt. Zwar seien die TPLF-Kämpfer gut ausgerüstet und nicht unbedingt auf militärische Unterstützung aus Eritrea angewiesen. "Aber die Äthiopier würden das nur zu gerne sehen, damit sie ihren Angriff auf Eritrea damit rechtfertigen können, dass sie angeblich als Erste angegriffen wurden."

Aufrufe zur Diplomatie

Über die vielfachen Verflechtungen der Geschehnisse am Horn von Afrika und im Nahen Osten ist viel berichtet worden. Indessen haben sich Akteure aus dem globalen Norden relativ zurückgehalten - auch wenn Experten wie Abdurahman Sayed eine Erklärung der Vereinigten Staaten begrüßt haben, in der eine Wiederaufnahme der diplomatischen Bemühungen gefordert wurde. Ein entscheidender Faktor könnte daher der Zugang zu Dschibuti sein, dem einzigen Land am Horn von Afrika, mit dem Äthiopien seit langem gute Beziehungen unterhält.

Bei einem Webinar der unabhängigen Konfliktbeobachtungsstelle ACLED ging die Ostafrika-Analystin der Organisation, Jalale Getachew Birru, näher darauf ein. "Äthiopiens wichtigste Handelsroute verläuft über Dschibuti, und deshalb verläuft eine der Fronten in Afar" - der Region, die auf äthiopischer Seite an Dschibuti grenzt, erklärte sie. "Genau wie im letzten Krieg will die TPLF die Hauptroute von Dschibuti nach Addis Abeba kontrollieren."

Die diplomatischen Beziehungen am Horn von Afrika hätten im vergangenen Jahr eine neue Dynamik erhalten, seit Israel die autonome Region Somaliland in Somalia offiziell als unabhängigen Staat anerkannt habe, sagt Jalale. "Dschibuti hat sich manchmal auf die Seite von Eritrea, Ägypten und anderen geschlagen, aber sie versuchen auch, neutral zu bleiben", sagte Jalale.

Derzeit scheinen jedoch sowohl Äthiopien als auch Dschibuti entschlossen zu sein, den Handel aufrechtzuerhalten, von dem beide profitieren. "In Äthiopien herrscht Hyperinflation", sagt Analyst Abdurahman Sayed. "Und wenn es zu Versorgungsengpässen und Ölknappheit kommt, kann das die äthiopische Regierung von heute auf morgen erheblich unter Druck setzen." Zudem haben zahlreiche Länder Luftwaffenstützpunkte in Dschibuti, das strategisch günstig am Eingang zum Roten Meer liegt - darunter die USA, China, Frankreich, Italien und Japan.

Die Unterbrechung der Handelsroute des Landes zum afrikanischen Festland könnte der entscheidende Punkt sein, der internationale Akteure endlich dazu veranlasst, ihre Stimme zu erheben und Druck auf Äthiopien auszuüben, den Konflikt zu beenden.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt.

Author Philipp Sandner
Item URL https://www.dw.com/de/springt-äthiopiens-tigray-krieg-auf-eritrea-über/a-79577720?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Am Montag ist Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed für weitere fünf Jahre vereidigt worden
Image source Ethiopian PM Office
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Item 22
Id 79547549
Date 2026-10-07
Title Pest-Verdacht in Sibirien: Was bisher bekannt ist
Short title Pest-Verdacht in Sibirien: Was bisher bekannt ist
Teaser Nach dem Tod einer Labormitarbeiterin wächst die Sorge vor der hochansteckenden Lungenpest. Während Russland einen Ausbruch dementiert, fordern internationale Behörden Aufklärung. Was über den Erreger bekannt ist.
Short teaser Tödlicher Labor-Zwischenfall in Sibirien: Spekulationen über Lungenpest-Erreger sorgen international für Alarm.
Full text

Russland stellte am Montag (05.10) klar: Der Tod einer Labormitarbeiterin sei nicht auf einen Pesterreger zurückzuführen. Die 28-Jährige sei an einer "Lungenentzündung unbekannter Herkunft" gestorben, zitiert die russische Nachrichtenagentur Interfax die russische Seuchenbekämpfungsbehörde Rospotrebnadsor.

Demnach seien in Proben der Toten keine Mikroorganismen nachgewiesen worden, "die mit ihrer beruflichen Tätigkeit in Zusammenhang stehen". Damit widerspricht die Behörde bisherigen Informationen.

Lokale Medien hatten zuvor berichtet, dass die Mitarbeiterin eines Instituts zur Bekämpfung von Pesterkrankungen ein Reagenzglas habe fallen lassen. Kurz danach sei sie am vergangenen Freitag im Kreiskrankenhaus der Stadt Schelechow bei Irkutsk in Sibirien gestorben.

USA beobachten die Situation genau

Die US-Nachrichtenseite Axios hatte als einer der ersten über den vermeintlichen Vorfall berichtet. Dort wurde ein Mitarbeiter der Trump-Regierung mit den Worten zitiert, man sei sich der Lage bewusst, "beobachte den Ausbruch und prüfe Optionen". Axios hatte auch berichtet, dass rund 200 Menschen unter Beobachtung gestellt wurden, die mit der Verstorbenen in Kontakt gekommen waren. Auch Donald Trump hat sich mittlerweile zu der Situation geäußert und Russland Hilfe angeboten.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft die Pestgefahr in Irkutsk derzeit als moderat bis niedrig ein , fordert aber Aufklärung. Ähnlich sieht es auch das Europäisches Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten ECDC. In einer am 6. Oktober 2026 veröffentlichten Mitteilung erklärte die Organisation jedoch, dass "auf der Grundlage der derzeit nur begrenzt verfügbaren Informationen keine Berichte über Sekundärfälle vorliegen und es keine Hinweise auf eine anhaltende Mensch-zu-Mensch-Übertragung gibt."

Offiziellen russischen Angaben zufolge wurden zwei Krankenhäuser und eine Kinderklinik unter Quarantäne gestellt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts befanden sich örtlichen Berichten zufolge an ihrem Arbeitsplatz in Quarantäne. Es habe keine weiteren Infektionen gegeben.

Dennoch herrscht weiter Misstrauen, was die russische Informationspolitik angeht. Auf einem russischsprachigen Social-Media-Kanal der DW schreibt eine Nutzerin: "Es würde mich nicht wundern, wenn es dort jetzt zu einer Katastrophe kommt, sowohl was die Ausbreitung als auch die Quarantänemaßnahmen angeht." Wie sich die Situation tatsächlich entwickelt, bleibt abzuwarten.

Aggressivste Form der Pest

Die Lungenpest ist eine von drei Pestformen - Beulenpest, Pestseptikämie und Lungenpest -, die alle durch dasselbe Bakterium verursacht werden. Das Bakterium nennt sich Yersinia pestis und kommt üblicherweise in Nagetieren vor. Flöhe dienen als sogenannte Vektoren und können das Bakterium dann auf den Menschen übertragen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt die Lungenpest als die aggressivste Form der Pest. Ihre Inkubationszeit kann bei nur 24 Stunden liegen, und sie ist die einzige Form, die leicht von Mensch zu Mensch übertragen wird. Das geschieht vor alle durch Atemwegspartikel, die beim Husten eines erkrankten Patienten freigesetzt werden. Deshalb könne die Lungenpest schwere Epidemien auslösen.

Die Symptome treten schnell auf: hohes Fieber, Kopfschmerzen und Schwäche, gefolgt von einer sich rasch verschlechternden Lungenentzündung mit Atemnot, Brustschmerzen und einem Husten, der häufig Blut hervorbringt.

Eine Person kann sich mit Lungenpest infizieren, indem sie die Bakterien direkt einatmet, oder die Krankheit entwickelt sich, wenn eine andere Form der Pest, meist die Beulenpest, auf die Lunge übergreift.

Beulenpest, Pestseptikämie und Lungenpest

Der Unterschied liegt darin, wo sich die Infektion im Körper festsetzt. Das bestimmt, wie sich die Krankheit ausbreitet und wie tödlich sie ist. Die Beulenpest ist die häufigste Form und jene, bei der die meisten Menschen an den Schwarzen Tod des Mittelalters denken, der etwa 25 Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

Sie wird meist durch einen Flohbiss verursacht. Die Bakterien wandern zum nächstgelegenen Lymphknoten, der sich zu einer schmerzhaften Schwellung - einer Beule - entwickelt. Bleibt die Beulenpest unbehandelt, können sich die Bakterien weiter im Körper ausbreiten. Gelangen sie in den Blutkreislauf, entwickelt sich die Pestseptikämie.

Diese kann Blutungen unter der Haut und Organversagen verursachen. Erreichen die Bakterien die Lunge, entsteht die Lungenpest - die Form, die von Mensch zu Mensch über die Luft übertragen werden kann. Die Pestseptikämie und die Lungenpest können sich auch direkt entwickeln, ohne dass zuvor eine Beule auftritt.

Unbehandelt tötet die Beulenpest laut WHO zwischen 30 und 60 Prozent der Patienten. Die Pestseptikämie und die Lungenpest sind ohne Behandlung immer tödlich.

Behandlung der Lungenpest

Die Lungenpest ist heilbar - aber nur, wenn die Behandlung schnell beginnt. Die WHO warnt, dass sie ohne Behandlung innerhalb von 18 bis 24 Stunden nach den ersten Symptomen tödlich enden kann. Gängige Antibiotika können die Infektion heilen, und die Heilungsraten sind hoch, wenn Patienten innerhalb von etwa einem Tag nach Erkrankungsbeginn behandelt werden.

Ärzten wird geraten, nicht auf eine Laborbestätigung zu warten, sondern mit der Antibiotikagabe zu beginnen, sobald der Verdacht auf Pest besteht, so die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Die eingesetzten Medikamente sind handelsübliche, weit verbreitete Antibiotika, und Patienten benötigen in der Regel eine Behandlung von bis zu zwei Wochen. Um eine Ausbreitung der Infektion zu verhindern, werden Patienten isoliert. Laut WHO hilft auch das Tragen von Masken.

Vorbeugende Antibiotika und Isolation

Personen, die engen Kontakt zu einem Patienten hatten, werden auch behandelt, selbst wenn sie keine Symptome zeigen. Sowohl die WHO als auch die CDC empfehlen für enge Kontaktpersonen von Lungenpest-Erkrankten eine siebentägige vorbeugende Antibiotikabehandlung.

Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) kommt die Pest noch in Ländern Afrikas, Amerikas und Asiens vor. In Deutschland hingegen nicht. Das Risiko der Einreise eines mit dem Pesterreger Infizierten sei gering. Auch gebe es wirksame Maßnahmen, um eine Ausbreitung zu verhindern.

Der Artikel wurde am 07.10 aktualisiert.

Author Kaukab Shairani, Nicolas Martin, Insa Wrede
Item URL https://www.dw.com/de/pest-verdacht-in-sibirien-was-bisher-bekannt-ist/a-79547549?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Warnzeichen für sogenannte Biogefährdung. Russland dementiert dass es zu einem Fall von Lungenpest gekommen ist. Dennoch sind zwei Krankenhäuser und eine Kinderklinik unter Quarantäne gestellt.
Image source Britta Pedersen/dpa/picture alliance
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Item 23
Id 79563814
Date 2026-10-07
Title Die Wahl des neuen "Reis-ul-Ulema", des Oberhaupts der bosnischen Islamischen Gemeinschaft, ist auch für Muslime anderswo in Europa bedeutend
Short title Bosniens Muslime wählen ihr neues Oberhaupt
Teaser Die Wahl des neuen Oberhaupts der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina ist auch für Muslime anderswo in Europa bedeutend - denn der Reis-ul-Ulema in Sarajevo verkörpert einen Islam europäischer Prägung.
Short teaser Die Wahl des neuen Oberhaupts der bosnischen Islamischen Gemeinschaft ist auch für Muslime anderswo in Europa bedeutend.
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Das Amt des Reis-ul-Ulema ist einzigartig: Das Oberhaupt der Muslime in Bosnien und Herzegowina vertritt die Muslime gegenüber dem Staat, äußert sich zu politischen, moralischen und gesellschaftlichen Fragen und steht für die Unabhängigkeit der Islamischen Gemeinschaft in dem Westbalkanland gegenüber Versuchen der Einflussnahme von außen.

Der derzeitige Reis-ul-Ulema, Husein Kavazovic, darf nach zwei siebenjährigen Amtszeiten nicht erneut antreten. Drei Kandidaten stellen sich am 10. Oktober 2026 als Nachfolger zur Wahl: Neben dem Mufti von Mostar, Salem Dedovic, kandidieren Nedzad Grabus, der Mufti von Sarajevo, und der Leiter der Abteilung für religiöse Angelegenheiten im Verwaltungsgremium der Islamischen Gemeinschaft (Rijaset), Mensur Malkic.

Der Fokus von Malkic liegt auf der religiösen und institutionellen Stärkung der Islamischen Gemeinschaft, während Dedovic ankündigt, das Amt politischer zu verstehen und sich stärker in gesellschaftliche Debatten einbringen zu wollen. Nedzad Grabus verfügt als langjähriger Vorsitzender der Muslime in Slowenien über die meiste internationale Erfahrung. Er will die Gemeinschaft in Zeiten von Globalisierung und Säkularisierung festigen.

"Keine andere islamische Persönlichkeit in Europa hat eine Position wie der Reis-ul-Ulema in Sarajevo", sagt Imam Benjamin Idriz aus Penzberg in Bayern. "Daher hat diese Wahl eine besondere Bedeutung über Bosnien hinaus für Muslime, aber auch für Nicht-Muslime in Europa."

Eine Religionsgemeinschaft wie die Kirchen

"Die Wahl ist für uns wichtig, weil wir mit der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien historisch, theologisch und institutionell eng verbunden sind", sagt Zenahir Mrakovic, Vorstandsvorsitzender der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland e.V. (IGBD). "Bosniaken" nennen sich die bosnischen Muslime heute selbst. Mit rund hundert Moscheegemeinden in ganz Deutschland gehört die IGBD hierzulande zu den kleineren muslimischen Verbänden.

Seit Jahrhunderten leben Muslime in Bosnien und Herzegowina. Der Islam war mit der Ausbreitung des Osmanischen Reiches nach Südosteuropa gekommen. Die Organisationsstruktur der Islamischen Gemeinschaft wurde geschaffen, nachdem Bosnien beim Berliner Kongress von 1878 Österreich-Ungarn zugeschlagen worden war: Die neuen Herrscher erkannten den Islam nach dem Vorbild der christlichen Kirchen offiziell als Religionsgemeinschaft an und führten 1882 das Amt des Reis-ul-Ulema ein.

Einzigartige Form muslimischer Selbstorganisation

Diese Form muslimischer Selbstorganisation könnte Vorbild für Muslime in ganz Europa sein: Die Islamische Gemeinschaft in Bosnien ist unabhängig vom Staat und finanziert sich selbst aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen und Zakat, den Zuwendungen der Gläubigen. Sie verfügt über eine Art Parlament, den Sabor, sowie ein Verfassungsgericht. Es wacht darüber, dass das Wirken der Gemeinschaft mit der Verfassung des Landes im Einklang steht. Der Verwaltungsapparat Rijaset ist für die praktische Umsetzung von Beschlüssen verantwortlich.

Der Reis-ul-Ulema wird von einem Wahlgremium ernannt, das aus Vertretern des Sabor und des Rijaset, Muftis und Hauptimamen, Vorstehern der islamischen Verwaltungseinheiten, den Direktoren von Schulen und islamischen Fakultäten sowie Vertretern der Diaspora und der Auslandsbüros besteht. Frauen sind mit nur 13 von 398 Mitgliedern des Wahlgremiums unterrepräsentiert.

Selbstverständlich gelebte Koexistenz

Die Islamische Gemeinschaft in Bosnien hat in den vergangenen 150 Jahren zahlreiche politische Systeme überlebt und sich immer wieder an neue Kontexte angepasst. Nach dem Osmanischen Reich kamen die Monarchie Österreich-Ungarns, das Königreich Jugoslawien und dann das kommunistische System Titos, danach der Zerfall Jugoslawiens und der Bosnienkrieg, der 1995 mit dem Vertrag von Dayton endete.

Heute ist Bosnien ein säkularer Staat mit einer demokratischen Verfassung. Von radikalen Tendenzen hat sich die Islamische Gemeinschaft stets klar distanziert. Mit Christen und Juden gibt es eine selbstverständlich gelebte Koexistenz. Das prägt auch die rund 400.000 in Deutschland lebenden Muslime bosnischer Herkunft.

Autochthone europäische Muslime

"Im Prozess der Institutionalisierung des Islam in Deutschland sollte man stärker auf die Erfahrungen der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken setzen als bisher", sagt Esnaf Begic, ehemaliger Imam und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. "Denn wir sind autochthone europäische Muslime und haben in manchen Belangen mehr Gemeinsamkeiten mit den Deutschen als mit Muslimen aus Afghanistan, Iran oder Saudi-Arabien."

Die bosnische Erfahrung, religiöses Leben in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft zu organisieren, könne auch im Verhältnis zu anderen muslimischen Communities hilfreich sein, meint auch IGBD-Vorstandsvorsitzender Mrakovic. "Es geht dabei nicht darum, anderen vorzuschreiben, wie sie ihren Islam leben sollen, sondern darum, unsere eigene Erfahrung einzubringen: wie wir die eigene religiöse Identität bewahren und gleichzeitig selbstverständlich Teil einer europäischen, demokratischen Gesellschaft sein können."

Den europäisch geprägten Islam sichtbarer machen

Es sei wichtig, diese gelebte Realität eines europäisch geprägten Islam sichtbarer zu machen, "nicht nur, wenn über Integration, Migration oder Konflikte gesprochen wird". Die IGBD tue dies, indem sie die Moscheegemeinden ermutigt, ihren Platz in der Gesellschaft aktiv wahrzunehmen, "nicht nur als Orte des Gebets, sondern als Orte der Begegnung - mit Schulen, Vereinen, Kirchen und der Nachbarschaft".

Hier könne aber noch mehr passieren, meint der Wissenschaftler Begic. "Die bosnischen Muslime müssen noch mehr auf die deutsche Politik, die Medien und die Öffentlichkeit, aber auch Kirchen und die jüdischen Gemeinden zugehen." Damit dies nachhaltiger geschehen könnte, müssten die in Bosnien ausgebildeten Imame der IGBD noch besser auf ihren Einsatz in Deutschland vorbereitet werden, denn die Lebenswirklichkeit hierzulande sei eine andere als in Bosnien. Der neue Reis-ul-Ulema sollte dieses Thema voranbringen.

Auch für die IGBD geht es darum, wie die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden in Deutschland und der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien künftig gestaltet wird. "Für uns wird wichtig sein, welche organisatorischen und strategischen Schwerpunkte die neue Führung setzt", sagt Zenahir Mrakovic. "Unsere Gemeinschaft in Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen und hat heute eigene Gemeinden, Imame, Bildungsangebote und eine junge Generation, die hier aufgewachsen ist."

Ein Amt in fordernden Zeiten

Das neue Oberhaupt der bosnischen Muslime tritt sein Amt in schwierigen Zeiten an: Die Staatlichkeit von Bosnien und Herzegowina ist fragil, ausländische Akteure bemühen sich um mehr Einfluss. "Versuche der Einflussnahme kommen dabei nicht nur aus Ankara oder Riad, sondern auch aus Washington, Berlin oder Brüssel. Auch sie versuchen, in ihrem Sinne auf den Reis-ul-Ulema einzuwirken", sagt der Theologe Esnaf Begic.

Gleichzeitig haben antimuslimischer Rassismus und Islamophobie in Europa Ausmaße angenommen, die für Muslime immer beängstigender werden. Rechtspopulisten erstarken, extremistische Parteien bekommen mehr und mehr Zulauf. Sie wollen Muslimen das Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft absprechen. In dieser Situation gibt es die Erwartung, dass sich der neue Reis-ul-Ulema mit der ganzen demokratischen und historischen Legitimität seines Amtes stärker in die Debatten über den Islam in Europa einbringt.

Das erhofft sich auch der Imam Benjamin Idriz aus Penzberg. Der Reis-ul-Ulema könne nicht nur den Bosniaken, sondern allen Muslimen in Europa Zuversicht vermitteln, meint er, und den Mehrheitsgesellschaften ein Signal senden, dass der Islam ein Bestandteil Europas sei und Werte wie Rechtsstaatlichkeit, Geschlechtergerechtigkeit und Meinungsfreiheit vom Islam bejaht und verinnerlicht werden. "Das sollte der Reis-ul-Ulema in Zukunft noch stärker betonen", wünscht sich Idriz.

Author Claudia Mende
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Image caption Blick auf die Gazi-Husrev-Beg-Moschee in der Altstadt der bosnischen Hauptstadt Sarajevo
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Item 24
Id 79564001
Date 2026-10-07
Title Iran: Die politische Macht der Musik
Short title Iran: Die politische Macht der Musik
Teaser Iranische Behörden wollen bekannte Sänger aus der Diaspora zurückholen. Der Staat versucht, Musik für sich zu instrumentalisieren. Doch Musik ist zugleich Ausdruck des Widerstands.
Short teaser Der Staat versucht, Musik für sich zu instrumentalisieren. Doch Musik ist zugleich Ausdruck des Widerstands.
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Nach 47 Jahren im Ausland ist der iranische Musiker Bijan Mortazavi in seine Heimat zurückgekehrt. Mortazavi gehört zu den bekanntesten iranischen Violinisten, Sängern und Komponisten. Im Juli 2026 trat er mit seiner berühmten weißen Geige bei der Abschlussveranstaltung der Fußball-Weltmeisterschaft mit dem New York Philharmonic Orchestra auf.

Auf Videos, die er und seine Frau nun in sozialen Netzwerken veröffentlicht haben, ist das Paar bei Spaziergängen durch die Stadt Teheran zu sehen. Passanten begrüßen den Musiker freundlich und heißen ihn willkommen.

Auch der Sänger Mohsen Namjoo ist nach rund 20 Jahren im Exil in den Iran zurückgekehrt. Der für seine experimentelle persische Musik international bekannte Sänger verbindet traditionellen persischen Gesang und poetische Texte mit Elementen aus Blues, Rock, Jazz und Folk.

Namjoo war 2009 in Abwesenheit von einem Gericht in Teheran zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Ihm wurde unter anderem vorgeworfen, heilige Stätten beleidigt und Verse aus dem Koran verhöhnt zu haben. Seine Rückkehr in den Iran begründete er in einem Video mit dem Wunsch, mehr Zeit mit seiner Familie und seinen Freunden zu verbringen.

Rückkehr als politisches Instrument

Am Donnerstag, dem 27. August, erklärte der Minister für Kultur und Islamische Führung, Abbas Salehi, in einem Interview mit der Zeitung "Farhikhtegan", sein Ministerium habe Listen mit den Namen von mehr als 100 prominenten Iranern erstellt, die im Ausland leben. Ziel sei es, Hindernisse für deren Reise oder Rückkehr in den Iran zu beseitigen.

Auch "Kritiker der Islamischen Republik" könnten jederzeit zurückkehren, betonte Salehi. Die Rückkehr von Künstlern müsse dabei nicht bedeuten, dass sie im Iran auftreten, sie könnten das Land auch lediglich besuchen.

Der Menschenrechtsanwalt Sina Yousefi verweist im Gespräch mit der Deutschen Welle auf das internationale Recht, insbesondere auf Artikel 12 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte, dem auch der Iran beigetreten ist. Demnach darf niemand willkürlich daran gehindert werden, in sein eigenes Land einzureisen. Dieses Recht könne nicht davon abhängig gemacht werden, wie loyal sich ein Bürger gegenüber der Regierung verhalte.

"Die Idee, nach bestimmten bekannten Persönlichkeiten zu suchen, von denen vor allem die Reformisten glaubten, dass sie die roten Linien weniger stark überschritten, und sie für eine Zusammenarbeit zu gewinnen oder zurückzuholen, ist nicht neu", sagt die Ethnomusikologin Sepideh Raissadat im Gespräch mit der DW. Raissadat beschäftigt sich seit Jahren mit der Geschichte und Entwicklung der persischen Musik.

Als international renommierte Interpretin der klassischen persischen Musik verbindet sie ihre künstlerische Arbeit mit wissenschaftlicher Forschung. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit dem Leben iranischer Sängerinnen seit 1979.

Zwischen Kontrolle und Widerstand

"Die Revolution von 1979 im Iran war eine Revolution gegen die Musik. Musik gehörte zu den roten Linien", sagt Raissadat. Sie verweist dabei auf Aussagen des Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Khomeini, der Musik bereits im Juli 1979 öffentlich als schädlich für die Gesellschaft bezeichnet und ihre vollständige Abschaffung gefordert hatte.

In einer Ansprache an Mitarbeiter von Radio Darya am 21. Juli 1979 soll er Musik als "Verrat am Land" und als "Verrat an der Jugend" bezeichnet haben. Wenige Tage später wurde Khomeini von der iranischen Zeitung "Keyhan" mit den Worten zitiert, Musik sei "wie eine Droge" und müsse vollständig beseitigt werden.

Während des Iran-Irak-Krieges von 1980 bis 1988 kehrte Musik jedoch in Form revolutionärer und religiöser Lieder zurück. Sie wurde dabei auch eingesetzt, um Gefühle von Nationalstolz und Zugehörigkeit zu mobilisieren. Auch die weibliche Stimme ließ sich nicht vollständig aus dem öffentlichen Raum verdrängen. "Sie konnten nicht einmal die Stimme der Frau vollständig beseitigen. Die weibliche Stimme kehrte über den Chorgesang zurück", sagt Raissadat.

Doch der Konflikt zwischen dem Staat und der Musik ging weiter. Jahrelang durften im iranischen Fernsehen keine Musikinstrumente gezeigt werden. Auf den Straßen wurden Instrumente beschlagnahmt oder zerstört. Musiker wagten es kaum, ihre Instrumente offen mitzunehmen; manche versteckten sie im Auto.

"Wenn man verbotene Musik zu Hause hört, ist das eine politische Handlung. Und als Frauen begannen zu singen, wurde auch das zu einer politischen Handlung", sagt Raissadat.

Auch die Entwicklung der iranischen Popmusik war Teil dieses politischen und kulturellen Spannungsfelds. "Die neue einheimische Popmusik begann man in Konkurrenz zur Musik aus Los Angeles zu produzieren", sagt Raissadat.

Gleichzeitig haben die sozialen Netzwerke in den vergangenen zehn Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Sie stehen nicht vollständig unter der Kontrolle der Regierung und haben dadurch einen großen Einfluss. Heute zeigt sich dieser Wandel besonders deutlich bei jungen Menschen: Junge Frauen spielen ohne Kopftuch Gitarre und treten öffentlich auf.

Musik als Ausdruck des Protests

Eine besondere Entwicklung beobachtet Raissadat bei den Angehörigen der jungen Menschen, die bei den landesweiten Protesten Ende Dezember 2025 und im Januar 2026 getötet wurden. Die Proteste begannen am 28. Dezember 2025 und wurden von den Sicherheitskräften gewaltsam niedergeschlagen. Menschenrechtsorganisationen berichten von Tausenden getöteten Demonstrierenden; genaue Zahlen sind aufgrund der weitgehenden Informationssperre nicht bekannt.

"Das Wichtigste, was wir in diesen Jahren gesehen haben, war die Nutzung von Musik durch die Hinterbliebenen der bei den Protesten Getöteten. Das steht in völligem Gegensatz zur schiitischen Tradition und zu unserer Geschichte", sagt Raissadat.

Bei einigen Beerdigungen verwandelten Familien die Trauerfeier um das gestohlene Leben ihrer Angehörigen in eine neue Form des Protests. Statt religiöser Gesänge erklang Musik, die Angehörigen sangen und tanzten dazu. Damit setzten sie einen bewussten Kontrast zu den traditionellen religiösen Trauerritualen.

"Musik wurde zu einer Waffe: Die Trauernden konnten selbst eine Verbindung zu ihr herstellen, und zugleich stand sie im Widerspruch zu dem, wofür das politische System steht", sagt Raissadat und fügt hinzu: "Auch das Tanzen in weißer Kleidung sei zu einem Ausdruck dieses Widerstands geworden".

Author Shabnam von Hein
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Image caption Ein Konzert unter dem Azadi (Freiheits-) Turm in Teheran ist für viele Sängerinnen und Sänger ein großer Traum
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Item 25
Id 79568186
Date 2026-10-07
Title Donald Trumps Wahlkampf auf Kosten der Steuerzahler
Short title Donald Trumps Wahlkampf auf Kosten der Steuerzahler
Teaser Geldversprechen, ein Sonderparteitag und ungewöhnliche Wahlwerbespots: Donald Trump zieht vor den wichtigen Zwischenwahlen in den USA alle Register. Einige seiner Methoden könnten aber illegal sein.
Short teaser Geldversprechen und ungewöhnliche Wahlwerbespots: Trump zieht vor den Zwischenwahlen in den USA alle Register.
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Das ist weder ein Witz, noch "fake news", sondern eine Meldung von Anfang der Woche: Donald Trump macht einen Rückzieher. Der US-Präsident verkündete, eine Reihe von Werbespots, die seit September im US-Fernsehen ausgestrahlt werden und die Erfolge der Trump-Regierung loben, werde zukünftig nicht mehr von Steuergeldern finanziert.

"Die radikale Linke regt sich darüber auf, dass ich Werbespots, die ich als positive Werbung für unsere großartige USA ansehe, mit US-Geldern bezahle", schrieb Trump am Montag auf seiner Plattform Truth Social. Die Finanzierung solcher Spots durch die US-Regierung sei zwar "ziemlicher Standard", so der Präsident weiter, aber er werde kommende Spots nun mit dem Geld bezahlen, das seine Unterstützer ihm spenden.

Die Werbespots hatten in den USA eine handfeste Kontroverse ausgelöst. Sie wurden im September während beliebter Sendungen wie "Saturday Night Live" und Football-Spielen ausgestrahlt und waren mit dem Schriftzug "Finanziert durch die US-Regierung", also durch Steuergelder, gekennzeichnet.

Zu sehen waren beispielsweise die Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch US-Truppen, hauptsächlich aber Fotos und Videoaufnahmen von Trump, unterlegt mit kämpferischen Äußerungen darüber, dass er die "Kriegstreiber" und "die kranke politische Klasse" aus der US-Verwaltung vertreiben und verhindern werde, dass die USA zu einem kommunistischen Staat werden.

Steuergelder für Eigenlob

Bei politischen Gegnern und NGOs stießen die Werbungen auf scharfe Kritik, weil Wahlwerbung auf Kosten der Steuerzahler in den USA verboten ist – und die Spots kurz vor den Midterms, den wichtigen Zwischenwahlen im Land, erschienen. Das US-Ministerium für Homeland Security soll laut Berichten des Senders CBS einer Agentur 20 Million US-Dollar für die "nationale Medienkampagne" gezahlt haben.

Der "Standard" von dem Trump sprach, gilt für sogenannte "public service announcements", also TV-Spots, die die Bevölkerung beispielsweise auf Hilfsprogramme aufmerksam machen sollen. Das seien diese Videos aber nicht, sagt unter anderem die NGO Public Citizen, die sich für Verbraucherrechte einsetzt.

"Das Gesetz verbietet explizit die Nutzung von öffentlichen Geldern für Regierungspropaganda, Eigenlob oder politische Werbung für eine Partei", so die Organisation. "Aber die Werbespots von Trump sind genau dieser Natur."

Auch Experten sehen die Spots kritisch. Patrick Malone, Professor im Bereich öffentliche Verwaltung und Politik an der American University, sagt, gerade zu diesem Zeitpunkt seien die Videos sehr fragwürdig.

"Man soll keine Steuergelder für Dinge verwenden, die mit Wahlkampf zu tun haben. Streng genommen macht [Trump in den Videos] auch keinen Wahlkampf, er sagt nicht 'Stimmt für mich!'", sagt Malone der DW. "Aber das Schwierige hier ist das Timing. Wenige Wochen vor den Midterms ist das ein wirklich großes Problem."

Die Midterms: Behalten Republikaner die Macht?

Bei den wichtigen Zwischenwahlen steht nicht der Präsident zur Wahl; stattdessen geht es um die Zusammensetzung des US-Kongresses. Am 3. November stimmen US-Wahlberechtigte über alle Sitze im Repräsentantenhaus und rund ein Drittel des US-Senats ab. Außerdem stehen in einigen US-Bundesstaaten Posten wie der des Gouverneurs zur Wahl.

Trump hebt vielleicht auch deswegen die Erfolge seiner Partei hervor, weil die Republikaner in Umfragen nicht allzu gut dastehen. Aktuell haben sie noch in beiden Kongresskammern, Repräsentantenhaus und Senat, die Mehrheit – im Senat mit 53 von 100 Sitzen, im Repräsentantenhaus mit 219 von 435 Sitzen. So kann Trump verhältnismäßig leicht viele seiner Vorhaben durchbringen.

Doch eine am 5. Oktober veröffentlichte Midterms-Umfrage des Ipsos-Instituts in Zusammenarbeit mit der Nachrichtenagentur Reuters zeigt, dass sich das ändern könnte. Bei älteren Befragten über 50 Jahren lagen die Republikaner mit 44 Prozent nur noch zwei Prozentpunkte vor den Demokraten. Diese Altersgruppe beteiligt sich traditionell mehr an Zwischenwahlen, als jüngere Amerikanerinnen und Amerikaner. Bei der Wählerschaft unter 50 liegen die Demokraten mit einem Abstand von 18 Prozentpunkten klar vorn.

Um Trumps eigene Umfragewerte steht es auch nicht besser: Nur 32 Prozent der Befragten fanden, der Präsident mache einen guten Job. Das ist laut Ipsos und Reuters das gleiche Rekordtief, auf das Trumps Werte das erste Mal im September 2026 fielen.

Republikaner wollen keine Wahlkampfhilfe von Trump

Wohl auch deshalb sind einige republikanische Kandidatinnen und Kandidaten nicht erpicht darauf, gemeinsam mit dem Präsidenten Wahlkampfauftritte zu absolvieren – etwas das sonst als Highlight im Wahlkampf einer Senatorin oder eines Anwärters auf einen Sitz im Repräsentantenhaus gilt.

Viele Amerikanerinnen und Amerikaner assoziieren Trump mittlerweile mit hohen Lebenshaltungskosten oder dem nun mehr als einem halben Jahr andauernden Krieg mit Iran. Sollte der Präsident in einem umkämpften Staat auftreten, um Wahlkampf für die Republikaner zu machen, würden "meine Kandidaten an COVID erkranken" um nicht hingehen zu müssen, sagte ein republikanischer Wahlkampforganisator, der anonym bleiben wollte, dem Online-Magazin Politico.

Auch zu Trumps großangelegtem Parteitag im September, der so eigentlich nur vor Präsidentschaftswahlen und nicht vor Midterms abgehalten wird, kamen einige republikanische Kandidatinnen und Kandidaten nicht, obwohl die Veranstaltung ihnen im Wahlkampf eine Bühne sein sollte.

Susan Collins aus Maine und Dan Sullivan aus Alaska beispielsweise, deren Senatssitze bei der Zwischenwahl auf dem Spiel stehen, erschienen nicht auf dem Parteitag. Das gleiche galt für Anwärter auf Sitze im Repräsentantenhaus aus den hart umkämpften Bundesstaaten Arizona, Iowa und Michigan.

Trump verspricht 5000 Dollar für jeden, falls Republikaner gewinnen

Sie verpassten ungewöhnliche Wahlkampfmaßnahmen ihres Präsidenten. Um die Menschen zum Wählen zu bewegen, schlug Trump dem Publikum mehrmals vor, es sollte einfach so tun, als stünde er selbst auf dem Wahlzettel. Falls das noch nicht reichte, versprach Trump außerdem, bei einer Mehrheit der Republikaner in beiden Kongresskammern würde jeder wahlberechtigte Amerikaner 5000 US-Dollar bekommen. Das würde die USA mehr als eine Billion US-Dollar kosten, doch soweit wird es vermutlich nicht kommen.

"Er hat gar kein Geld, mit dem er das tun kann – das müsste vom Kongress autorisiert und verteilt werden", erklärt Malone. "Ich halte die Wahrscheinlichkeit für sehr gering. Genau so etwas haben wir schon bei unerfüllten Versprechen wie 'Mexiko wird für die Grenzmauer bezahlen' gesehen."

Ob Trumps Werbespots und die in Aussicht gestellte Belohnungszahlung dennoch genug Wähler für die Republikaner begeistert haben, wird sich nach den Zwischenwahlen am 3. November zeigen.

Author Carla Bleiker
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Image caption Trump begeisterte Fans beim Parteitag der Republikaner im September, aber seine Wahlkampfmethoden sind hoch kontrovers
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Item 26
Id 79566009
Date 2026-10-06
Title Wohin steuert Spanien nach der Neuwahlankündigung?
Short title Wohin steuert Spanien nach der Neuwahlankündigung?
Teaser Ministerpräsident Pedro Sánchez setzt alles auf eine Karte und lässt Spanien vorzeitig wählen. Wohnungskrise, Migration und der Aufstieg der rechtspopulistischen Partei Vox dürften den Wahlkampf prägen.
Short teaser Wohnungskrise, Migration und der Aufstieg der rechtspopulistischen Partei Vox dürften den Wahlkampf prägen.
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Die Wirtschaftsdaten in Spanien waren zuletzt positiv, doch politisch steckt das Land seit Monaten in einer Dauerkrise. Am Montag reagierte der sozialistische Regierungschef Pedro Sánchez mit einem überraschenden Befreiungsschlag: Für den 29. November ruft er die Spanier vorzeitig an die Urnen.

Warum lässt Sánchez jetzt wählen?

Der Entscheidung für vorgezogene Parlamentswahlen ging eine politische Niederlage der Regierung voraus. Am Freitag (2. Oktober) scheiterten Sánchez' Notdekrete zur Wohnungskrise im Parlament. Die sieben Abgeordneten der konservativen separatistischen Katalanen-Partei Junts, auf deren Zustimmung die Regierung seit 2023 angewiesen war, brachten das Vorhaben zu Fall. Nun wirbt Sánchez für eine "viel breitere progressive Mehrheit".

Die Niederlage traf eine Regierung, deren parlamentarische Basis schon seit Monaten brüchig geworden war. Auch die Krise um die massenhafte Migration nach Ceuta und mehrere Korruptionsaffären im Umfeld der Spanischen Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) und von Sánchez belasteten die Regierung.

Und dann kam Maricarmen. Die Zwangsräumung der Wohnung der 87-jährigen Maricarmen Abascal machte die Wohnungsnot schlagartig zum beherrschenden politischen Thema. Die Ablehnung der Dekrete erlaubt Sánchez nun, sich als Beschützer der Mieter zu positionieren. Ob dieses Kalkül aufgeht, ist allerdings völlig offen.

Welche Rolle spielt der Druck der Straße?

Die Wohnungsnot steht bei den Spaniern schon seit gut drei Jahren ganz oben auf der Sorgenliste. Nach Schätzungen der spanischen Zentralbank fehlen im Land aktuell rund 750.000 Wohnungen, bis 2028 könnte die Marke von einer Million überschritten werden. Mehr als die Hälfte der 18- bis 34-Jährigen lebt bei den Eltern oder ist finanziell von ihnen abhängig. Die Immobilienpreise stiegen zuletzt dreimal so schnell wie die Löhne, und mit einem Anteil von lediglich rund 1,7 Prozent Sozialwohnungen liegt Spanien am unteren Ende der Skala in der EU.

Kein Wunder also, dass als Reaktion auf Maricarmen Abascal in Madrid und anderen Orten Protestcamps entstanden und landesweit Zehntausende auf die Straße gingen. Nach dem Scheitern der Regierungsdekrete kündigten die Gewerkschaften CCOO und UGT sogar einen 24-stündigen Generalstreik für den Herbst an.

Dabei verlaufen die Fronten keineswegs einfach zwischen Regierung und Opposition. Der Mieterbewegung gehen auch Sánchez' Pläne nicht weit genug. Die konservative Opposition (PP) und Teile der Wirtschaft warnen dagegen, strengere Mietpreisbegrenzungen könnten das Problem noch verschärfen.

Ist Sánchez' bisheriges Regierungsmodell am Ende?

Seit der Wahl 2023 regierte Sánchez ohne eigene Mehrheit im Parlament. Seine Sozialisten bildeten zwar eine Koalition mit dem linken Bündnis Sumar, waren aber zusätzlich auf die Stimmen kleinerer Parteien angewiesen. Dazu zählten baskische und katalanische Regionalparteien, aber vor allem die katalanischen Separatisten von Junts. Deren sieben Abgeordnete konnten deshalb immer wieder darüber entscheiden, ob ein Gesetz der Regierung eine Mehrheit bekam. Im Laufe der Legislatur wurde diese Konstruktion zunehmend instabil. Allein im ersten Halbjahr 2026 verlor die Regierung fast jede vierte Abstimmung.

Wie groß die Blockade inzwischen war, zeigt der Staatshaushalt. Spanien arbeitet noch immer mit dem Budget von 2023, weil der Premier während der gesamten Legislatur keinen neuen Haushalt durch das Parlament bringen konnte. Schließlich verweigerte Junts ihm auch bei der Wohnungspolitik die Gefolgschaft und damit bei einem Thema, das nach den landesweiten Protesten ganz oben auf der politischen Agenda steht.

Was ist aus der Ceuta-Krise geworden?

Ende Juli überschritten binnen kurzer Zeit mehr als 70.000 Menschen von Marokko aus die Grenze nach Ceuta. Obwohl die Regierung die Krise schon kurze Zeit später für beendet erklärt hatte, waren auch zwei Monate später immer noch mindestens 10.000 Migranten in der nur rund 80.000 Einwohner zählenden Exklave. Erst am vergangenen Sonntag räumte die Polizei ein improvisiertes Lager, in dem rund 3000 Menschen gelebt hatten.

Die Krise hat sogar Sánchez' bislang relativ liberale Migrationspolitik verändert. Ein der Nachrichtenagentur Reuters vorliegender Entwurf sieht beschleunigte Asylverfahren und Rückführungen sowie schärfere Regeln vor. Menschenrechtsorganisationen kritisierten das scharf.

Wie stark ist die Opposition?

Auf den ersten Blick geht Spaniens konservative Volkspartei PP als Favoritin für die stärkste Fraktion in die vorgezogenen Parlamentswahlen Ende November. Der eigentliche Gewinner der vergangenen Monate ist allerdings die rechtspopulistische Vox. Sie erreicht inzwischen gut 18 Prozent und damit rund sechs Prozentpunkte mehr als bei der Wahl 2023. Ein starkes Vox erhöht für PP-Chef Alberto Núñez Feijóo die Chancen, dass die Parteien rechts der Mitte zusammen genügend Sitze für eine Regierungsmehrheit bekommen.

Doch Vox-Chef Santiago Abascal stellt mittlerweile selbstbewusst Bedingungen für eine Kooperation. Vorrang für spanische Staatsbürger, wirtschaftliche Deregulierung und eine deutlich härtere Migrationspolitik bis hin zur sogenannten "Remigration", also der Rückführung von Migranten in ihre Herkunftsländer. Feijóo droht damit ein schwieriger Spagat. Um Sánchez abzulösen, muss er auch Wähler aus der politischen Mitte gewinnen. Gleichzeitig könnte er für eine Regierungsmehrheit einen Partner brauchen, der den Wahlkampf deutlich weiter rechts führt.

Wird Spanien auch über Trump und Europas politischen Kurs abstimmen?

In der internationalen Berichterstattung gilt Ministerpräsident Sánchez aktuell als Europas wichtigster Trump-Kritiker. Der Regierungschef widersetzte sich Trumps Forderung nach Verteidigungsausgaben in Höhe von fünf Prozent des BIP, verweigerte die Nutzung spanischer US-Stützpunkte für den Krieg gegen Iran und kritisierte die US-israelischen Angriffe. Trump drohte daraufhin zeitweise sogar mit dem Abbruch der Handelsbeziehungen. Gleichzeitig stellt Sánchez seine liberalere Migrationspolitik explizit Trumps Abschiebungspolitik gegenüber und attackiert die von ihm sogenannten "Tech-Oligarchen" aus den USA.

Sánchez ist aber auch einer der prominentesten sozialdemokratischen Regierungschefs eines großen EU-Staates. Bei einer Wahlniederlage der Linken würde mit Sánchez im Europäischen Rat eine der lautesten Stimmen gegen Trump verschwinden. Ein Regierungschef, der sich gegen immer höhere Verteidigungsausgaben positioniert, in der Migrationspolitik einen liberaleren Kurs verteidigt und im Gaza-Krieg deutlich schärfer Kritik an Israel geübt hat als die meisten europäische Amtskollegen.

Author Andreas Noll
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Image caption Am Montagfrüh verkündete Regierungschef Sánchez vorgezogene Parlamentswahlen
Image source LA MONCLOA/AFP
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Item 27
Id 79530386
Date 2026-10-06
Title Der lange Weg zur Cyber-Sicherheit
Short title Der lange Weg zur Cyber-Sicherheit
Teaser Digitale Attacken auf Wirtschaft und kritische Infrastruktur nehmen zu. Dazu kommt: KI-Programme hacken jetzt auch - und zwar selbsttätig. Kann man sich davor schützen? Eines jedenfalls ist sicher: Das wird teuer.
Short teaser Kann man sich vor Cyber-Crime schützen? Eines jedenfalls ist sicher: Das wird teuer.
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Es ist bemerkenswert, wenn Unternehmer davor warnen, ihre Produkte zu nutzen. Doch das ist den letzten Wochen mehrfach geschehen. So hatten etwa die KI-Entwickler Anthropic und OpenAI mehrere Fälle gemeldet, in denen KI-Systeme sich selbständig gemacht und eine Reihe von Cybersicherheitsvorfällen ausgelöst hatten.

Die Chefs der beiden Unternehmen, Dario Amodei und Sam Altman, riefen deshalb zu einer kollektiven Verlangsamung der KI-Entwicklung auf - und das trotz des harten Konkurrenzkampfs beider Unternehmen. Der amtierende US-Präsident will von staatlicher Regulierung aber nichts wissen: Donald Trump setzt auf die Eigenverantwortung der Branche.

"Deutlicher Evolutionsschritt"

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) stellt fest, dass der Einsatz künstlicher Intelligenz die Bedrohungslage erheblich verändert. Entscheidend bleibe daher, dass "Unternehmen und Organisationen sich bestmöglich schützen. Dafür können und sollten sie bestenfalls ebenfalls KI einsetzen, um deren Geschwindigkeitsvorteile zu nutzen", so ein Sprecher des Amtes zur DW.

BSI-Sprecher Joachim Wagner schrieb der DW von einem "deutlichen Evolutionsschritt". Aktuelle Modelle seien "in der Lage, Sicherheitslücken quasi auf Knopfdruck zu finden und den passenden Angriff gleich mitzuliefern." Das biete Chancen, etwa wenn "bestehende Software mit derartigen Modellen auf Schwachstellen geprüft und diese mit Sicherheitsupdates geschlossen" würden. Es bestehe aber eben auch die Gefahr, dass "staatliche Angreifer oder kriminelle Akteure schneller" seien und ihnen die KI Vorteile verschaffe.

Vorteil für die hybride Kriegsführung

Gefragt, wo denn die größten Gefahren lauern würden, nimmt Andreas Schepers, Sprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) das ganze Bild in den Blick. Für Deutschland sei der "Knowhow-Abfluss ist ein sehr großes Risiko". Deutschland sei ein "attraktives Ziel für Wirtschaftsspionage."

Bei der hybriden Kriegsführung, schrieb er der DW, stehe die kritische Infrastruktur im Vordergrund: "Wir müssen besser werden nicht nur zentrale Kraftwerke, Bahnhöfe oder Krankenhäuser zu schützen, sondern in der Fläche auch Stromtrassen, Transformatoren, Schienenverbindungen und Stellwerke, aber auch einzelne Arztpraxen."

Felix Kuhlenkamp, Leiter Sicherheit beim Digitalverband Bitkom, sieht eine veränderte Bedrohungslage: "Die Grenzen verschwimmen. Spionage, Sabotage und hybride Angriffe gehen ineinander über, und KI verstärkt alle drei. Besonders alarmierend ist die Rolle staatlicher Akteure: 37 Prozent der betroffenen Firmen konnten 2026 Angriffe Geheimdiensten zuordnen, 2023 waren es nur sieben Prozent."

Veränderte Bedrohungslage

Sind deutsche Unternehmen zurzeit denn ausreichend auf diese Bedrohungslage vorbereitet? "Nein", schrieb Manuel Atug, Gründer und Sprecher der AG KRITIS (Kritische Infrastrukturen). Nötig sei "ein funktionales Krisen- und Notfallmanagement, so dass "Auswirkungen von Angriffen möglichst gering ausfallen oder gar nicht von der Bevölkerung bemerkt werden."

Auch der KI-Bundesverbandsgeschäftsführer Daniel Abbou sieht Deutschland noch lange nicht am Ziel: "Die Bedrohungslage verändert sich aktuell deutlich schneller als die Strukturen. Angreifer nutzen KI inzwischen ganz selbstverständlich, wodurch Sicherheitslücken inzwischen schneller und in größerer Zahl gefunden werden, als Behörden und Unternehmen sie schließen können."

Hohe Kosten

Felix Kuhlenkamp, Leiter Sicherheit beim Digitalverband Bitkom, rechnet vor, dass "die Schäden durch Cyberattacken allein für die deutsche Wirtschaft bereits heute zwischen 160,4 und 205,8 Milliarden Euro pro Jahr liegen." Er schränkt ein, dass sich die nötigen Investitionen nicht seriös berechnen ließen. Aber ein Beispiel hat er dennoch: "Alleine das BMDS (Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung) plant für den Haushalt 2027 Ausgaben in Höhe von 501 Millionen Euro für den Schutz der informationstechnischen Systeme des Bundes."

Daniel Abbou betont der DW gegenüber, die Abwehr von Cyber-Bedrohungen dürfe "keine reine Kostenfrage sein, sondern ist auch Standortsicherung. Wir fordern deshalb mindestens eine Verdreifachung der öffentlichen Mittel für die europäische KI-Modellentwicklung."

Manuel Atug hat ein klares Ziel vor Augen: Resilienz. Es brauche ein begründetes Vertrauen, "dass alles morgen noch weiterläuft, egal ob es sich um eine Vorsatzhandlung, einen Unfall, ein Klimaereignis oder den Einsatz einer Software zur Automatisierung von Angriffen handelt."

So sieht das auch Andreas Schepers vom DFKI. Es gelte, "wirksame Strukturen zu erarbeiten, um die öffentliche Infrastruktur vor Angriffen durch KI-Agenten, durch ausländische Akteure oder inländische Extremisten zu schützen."

Felix Kuhlenkamp vom Digitalverband Bitkom nennt auch Zahlen: "Wir brauchen klare Zuständigkeiten und der Staat muss Informationen und Erkenntnisse mit der Wirtschaft teilen. Aber auch die Unternehmen müssen nachlegen: Der Anteil des IT-Budgets für Sicherheit stagniert bei 18 Prozent, wir empfehlen mindestens 20 Prozent."

Braucht es eine Internationale Antwort?

Ja! Da sind sich alle befragten Experten einig. "Wir sollten dabei konsequent europäisch denken", sagt Kuhlenkamp: "Angreifer machen an Landesgrenzen nicht halt. Wir brauchen einheitliche Regeln statt 27 Sonderwege, gemeinsame Lagebilder und eine enge Verzahnung mit der Wirtschaft. Dann ist Europa wehrhaft."

DFKI-Sprecher Schepers weist auf die chronische Langsamkeit der EU hin, sie sei oft sehr schwerfällig. Es stimme, dass "die EU zwar sehr viel erreichen kann, aber für die Umsetzung noch zu viel Zeit braucht. Das Problem ist bekannt, und ich glaube, es wird adressiert."

KRITIS-Gründer Manuel Atug ist sich sicher: "Eine funktionierende Sicherheitsstruktur auf EU und deutscher Ebene gibt es, wenn der politische Wille da ist. Dann geht das, ja."

Author Dirk Kaufmann
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Image caption Eine Kunstausstellung in Frankfurt zeigt, was mit künstlicher Intelligenz nicht nur in der Kunst machbar ist
Image source Dagmara Jakubczak
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Item 28
Id 79552376
Date 2026-10-05
Title Sparen trotz Protest: Frankreichs schwieriger Balanceakt
Short title Sparen trotz Protest: Frankreichs schwieriger Balanceakt
Teaser Premierminister Lecornu verspricht bessere Schulen und muss Milliarden sparen. Die Regierung steckt in einem Dilemma, das auch andere EU-Länder betrifft: Wie lässt sich sparen, wenn die Bürger mehr Staat erwarten?
Short teaser Premierminister Lecornu verspricht bessere Schulen und muss Milliarden sparen. Die Regierung steckt in einem Dilemma.
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Ein ruhiges Wochenende dürfte Frankreichs Premierminister Sébastien Lecornu nicht gehabt haben. Seit fast zwei Wochen protestieren Schülerinnen und Schüler in Frankreich gegen den grassierenden Unterrichtsausfall, große Klassen und marode Schulgebäude. Inzwischen werden die Proteste von schweren Ausschreitungen überschattet. Zugleich wirft die Regierung der Linkspartei La France insoumise (LFI) vor, die Proteste politisch zu instrumentalisieren und die Blockaden anzuheizen. Am Freitag versuchte Bildungsminister Édouard Geffray, die Lage mit einem Treffen mit Schülervertretern zu beruhigen. Erfolglos. Stattdessen folgt nun am Dienstag ein landesweiter Protesttag.

Am Sonntagabend machte der Regierungschef die Krise zur Chefsache. In einem Brief an mehrere Minister verlangte Lecornu konkrete Vorschläge: Unterrichtsausfälle sollen schneller aufgefangen, Gebäude für die heißeren Sommer ertüchtigt und das umstrittene Hochschul-Zulassungsverfahren "Parcoursup" transparenter werden. Erste Entscheidungen samt Finanzierung und Zeitplan sollen noch im Oktober fallen. Das Problem: Der Macron-Vertraute Lecornu muss den Jugendlichen mehr staatliche Leistungen versprechen, während seine Regierung dem Land gerade einen Sparhaushalt verordnet.

Signal an die Märkte

Am vergangenen Donnerstag hatte die Regierung ihren Haushaltsentwurf für 2027 ins Parlament eingebracht. Das Staatsdefizit soll von voraussichtlich 5,4 Prozent der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr auf fünf Prozent 2027 sinken. Dafür sind Einsparungen und zusätzliche Einnahmen in Milliardenhöhe vorgesehen. Frankreich steht bereits unter einem EU-Defizitverfahren und soll das Haushaltsloch wieder in Richtung der europäischen Drei-Prozent-Grenze drücken.

"Es ist ein Sparhaushalt", sagt Eileen Keller vom Deutsch-Französischen Institut (dfi) in Ludwigsburg. Der Entwurf sei zugleich ein Signal an die Finanzmärkte. Die Regierung wolle zeigen, "dass sie zu ihrer Verantwortung steht" und einen Weg zum Abbau des Defizits aufzeigen.

Keine Mehrheit für Haushalt in Sicht

Sparen will die Regierung beim Staat selbst, den Gebietskörperschaften, aber auch im Sozialbereich. Insgesamt will Paris den Haushalt gegenüber der bisherigen Ausgabenentwicklung um rund 54 Milliarden Euro entlasten. Allein bei den Renten sind Einsparungen von rund 5,5 Milliarden Euro vorgesehen; auch im Gesundheitsbereich soll gekürzt werden.

Ob der Haushalt in dieser Form überhaupt verabschiedet wird, ist allerdings völlig offen. Lecornus Regierung verfügt über keine eigene Mehrheit im Parlament und ist auf Stimmen der Opposition angewiesen. Doch vor den Präsidentenwahlen im kommenden Frühjahr ist ein Sparhaushalt für die Opposition noch unattraktiver als ohnehin schon.

Mehr Geld für Schulen – trotzdem Protest

Ausgerechnet das Thema Bildung zeigt allerdings, dass sich Frankreichs Problem nicht auf die einfache Formel "Der Staat spart zu viel" reduzieren lässt. Der Bildungsetat soll 2027 um rund 1,2 Milliarden Euro steigen. Gleichzeitig rechnet die Regierung bis 2035 mit rund 1,7 Millionen Schülerinnen und Schülern weniger.

Für Keller zeigt dieser Widerspruch, dass Geld nur ein Teil des Problems ist. Die Unzufriedenheit betreffe auch die "Prioritätensetzung" und die grundsätzliche Ausrichtung des Bildungssystems, etwa den Übergang von der Schule an die Hochschulen.

Finanzierung wird immer teurer

In Frankreich kommt allerdings ein weiterer Faktor hinzu: die Finanzmärkte. Frankreich hat sich über viele Jahre daran gewöhnt, hohe Schulden zu vergleichsweise niedrigen Zinsen finanzieren zu können. Doch diese Zeiten sind vorbei. Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen ist zuletzt stark gestiegen. Der Zinsabstand zu deutschen Bundesanleihen stieg zeitweise auf rund 1,5 Prozentpunkte, also den höchsten Stand seit der Euro-Schuldenkrise 2011. Die Wirtschaftszeitung "Les Échos" titelte am Montag, das Land befinde sich im "Auge des Zyklons".

Die Skepsis der Märkte trifft Frankreich in einer besonders heiklen Lage. Mit rund 119 Prozent der Wirtschaftsleistung ist Frankreich fast doppelt so hoch verschuldet wie Deutschland, dessen Schuldenquote bei rund 64 Prozent liegt.

Schritt für Schritt müssen nun auch alte Staatsanleihen, die noch zu sehr niedrigen Zinsen aufgenommen wurden, zunehmend durch neue und teurere ersetzt werden. Die Folgen sind im Haushalt 2027 deutlich sichtbar. Mit rund 74 Milliarden Euro muss der Staat mehr für Zinsen aufbringen als er für die Schulbildung oder die Verteidigung ausgeben kann. Nach Angaben von Finanzminister Roland Lescure verschlingen die Zinszahlungen damit bereits mehr als die Hälfte des gesamten Haushaltsdefizits.

Für Keller ist deshalb entscheidend, dass Frankreich von den Investoren weiterhin als "glaubwürdiger Schuldner" wahrgenommen wird. Denn diese Glaubwürdigkeit hängt inzwischen nicht nur von Wirtschaftsdaten ab.

Wahlkampf unter Markt-Beobachtung

Im Frühjahr 2027 wählen die Franzosen einen neuen Präsidenten. "Der jetzt an Intensität aufnehmende Wahlkampf steht unter der Beobachtung der Finanzmärkte", sagt Keller. In einer Analyse für das dfi beziffert sie den Konsolidierungsbedarf je nach Berechnung auf 75 bis 160 Milliarden Euro.

Aus Sicht der Märkte wäre deshalb ein politischer Konsens über die Notwendigkeit der Konsolidierung hilfreich. Doch Klarheit ist nicht in Sicht. Wie die Lasten in Zukunft verteilt werden, dürfte stattdessen zu einer zentralen Streitfrage des Wahlkampfs werden.

Ein französisches Problem mit europäischer Dimension

Frankreich ist ein besonders zugespitzter Fall. Doch auch in vielen anderen europäischen Staaten gibt es derzeit ein Ringen um Haushaltskonsolidierung und die Finanzierung des Staates. Europa will mehr für Verteidigung ausgeben, seine Infrastruktur modernisieren und in die Energiewende investieren. Die Erwartungen der Bürger an Bildung, Rente oder Gesundheitsversorgung werden gleichzeitig nicht kleiner.

In Frankreich lässt sich dieser Konflikt derzeit beinahe in Echtzeit beobachten. Dabei geht es nicht nur darum, ob die Regierung Antworten auf die Forderungen der Jugendlichen findet, sondern auch, ob es gelingt, eine weitere Eskalation der Gewalt zu verhindern. Eine neue breite soziale Bewegung, wie einst bei den Gelbwesten, gilt in Paris als Schreckgespenst. Für Premierminister Sébastien Lecornu werden die kommenden Tage zur großen Bewährungsprobe.

Author Andreas Noll
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Image caption Protest vor dem Lycée Sophie Germain in Paris: Frankreichs Schüler fordern bessere Bedingungen an den Schulen, während die Regierung Milliarden im Staatshaushalt einsparen will
Image source Eric Baradat/REUTERS
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Item 29
Id 79542661
Date 2026-10-05
Title Medizin-Nobelpreis: Deutsche Forscher geehrt
Short title Medizin-Nobelpreis für zwei Deutsche und US-Forscher
Teaser Der Medizin-Nobelpreis geht an Peter Hegemann, Georg Nagel und Karl Deisseroth. Die Forscher werden für die Entwicklung der Optogenetik geehrt - eine Methode, mit der sich Zellen gezielt durch Licht steuern lassen.
Short teaser Peter Hegemann, Georg Nagel und Karl Deisseroth werden für ihre Forschung zur Optogenetik ausgezeichnet.
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Der diesjährige Nobelpreis für Medizin geht an Peter Hegemann und Georg Nagel aus Deutschland sowie den US-Forscher Karl Deisseroth. Das Karolinska-Institut in Stockholm würdigt damit ihre Entdeckungen zu lichtgesteuerten Ionenkanälen und zur Optogenetik.

Hegemann forscht an der Humboldt-Universität zu Berlin, Nagel an der Universität Würzburg. Deisseroth ist US-amerikanischer Neurowissenschaftler. Das Preisgeld von zwölf Millionen schwedischen Kronen, umgerechnet rund einer Million Euro, wird zu gleichen Teilen auf die drei Wissenschaftler aufgeteilt.

Nervenzellen mit Licht steuern

Die Optogenetik ermöglicht es, die Aktivität einzelner Zellen mithilfe von Licht präzise zu beeinflussen. Dabei werden genetische und optische Methoden kombiniert. So lassen sich etwa Nervenzellen in lebendem Gewebe gezielt an- oder abschalten.

Eine Grundlage dafür schufen Hegemann und Nagel mit der Entdeckung des Proteins Kanalrhodopsin. Es macht Zellen lichtempfindlich. Deisseroth übertrug das Gen für das Protein anschließend in Nervenzellen von Ratten. Dadurch konnte er die Neuronen mit Licht aktivieren.

Nobelstiftung erhöht Preisgeld

Die Nobelstiftung hatte die Dotierung erst kürzlich von elf auf zwölf Millionen schwedische Kronen angehoben. Anlass ist das 125-jährige Bestehen des Nobelpreises. "Aus diesem Anlass freuen wir uns, das Preisgeld um eine Million erhöhen zu können", sagte Geschäftsführerin Hanna Stjärne im September.

Seit der ersten Verleihung 1901 wurde die Höhe des Preisgelds mehrfach verändert. Damals erhielt der deutsche Bakteriologe Emil Adolf von Behring den ersten Medizin-Nobelpreis. Er wurde für die Entdeckung einer Therapie gegen Diphtherie ausgezeichnet.

Vor der diesjährigen Auszeichnung haben insgesamt 232 Menschen den Medizin-Nobelpreis erhalten, darunter 14 Frauen.

Auftakt der Nobelpreis-Woche

Im vergangenen Jahr waren Mary Brunkow und Fred Ramsdell aus den USA sowie Shimon Sakaguchi aus Japan ausgezeichnet worden. Ihre Forschungen zur sogenannten peripheren Immuntoleranz lieferten Erkenntnisse darüber, wie verhindert wird, dass das Immunsystem den eigenen Körper angreift.

Mit der Bekanntgabe des Medizin-Nobelpreises beginnt traditionell die Nobelpreis-Woche. Am Dienstag und Mittwoch folgen die Auszeichnungen für Physik und Chemie. Danach werden die Nobelpreise für Literatur und Frieden bekanntgegeben. Den Abschluss bildet am kommenden Montag der von der schwedischen Zentralbank gestiftete Wirtschaftsnobelpreis.

Die Preise werden traditionell am 10. Dezember überreicht, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel. Bereits am 30. September waren in Stockholm die diesjährigen Träger des Right Livelihood Awards bekanntgegeben worden, der auch als Alternativer Nobelpreis bezeichnet wird.

pgr/wa (dpa, rtr)

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Image caption Der Medizin-Nobelpreis gehört zu den renommiertesten Auszeichnungen für wissenschaftliche Forschung weltweit
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Item 30
Id 79537306
Date 2026-10-04
Title Kunst als DNA der Freiheit: Maria Kolesnikowa sprach beim Beethovenfest
Short title Kunst als DNA der Freiheit: Maria Kolesnikowa in Bonn
Teaser Die belarussische Oppositionelle und Musikerin Maria Kolesnikowa trat beim Beethovenfest in Bonn mit einer Grundsatzrede zur Bedeutung der Kunst auf. Und besuchte die DW.
Short teaser Maria Kolesnikowa trat beim Beethovenfest mit einer Grundsatzrede zur Bedeutung der Kunst auf. Und besuchte die DW.
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"Die äußere Freiheit kann man einem Menschen nehmen, manchmal fast vollständig. Man kann seine Bewegungsfreiheit einschränken, seine Kontakte zu anderen Menschen und seinen Zugang zu Informationen. Aber viel schwieriger ist es, das zu kontrollieren, was bereits Teil seiner Erinnerung, seiner Vorstellungskraft und seiner inneren Erfahrung geworden ist. Und genau darin liegt für mich die Erklärung, warum Kultur für eine freie Gesellschaft so wichtig ist, und warum autoritäre Systeme ihr so oft mit Misstrauen begegnen."

Maria Kolesnikowa weiß, wovon sie spricht: Fünf Jahre hat die belarussische Flötistin und Oppositionelle in Haft verbracht, davon drei in Einzelhaft. Festgenommen wurde die politische Aktivistin und Künstlerin vom Lukaschenko-Regime nach der Zerschlagung der friedlichen Revolution in ihrer Heimat im Sommer 2020. Landesweite Massenproteste und eine demokratische Bürgerbewegung flammten nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl am 9. August 2020 auf.

Während der Haft habe sie ihre Welt, ihre Erfahrung in sich getragen, so Kolesnikowa, deswegen sei sie frei gewesen und habe sich nie als Opfer gefühlt. Genau das sei die Kraft der Kunst. Und genau deswegen hassten alle Diktatoren dieser Welt, ob Stalin und Hitler, oder aber Putin und Lukaschenko unabhängige Kultur, auch wenn diese nicht direkt politisch ist, so Kolesnikowa.

Während einer Podiumsdiskussion formulierte Kolesnikowa ihre Botschaft noch direkter: "Oft wird die Frage gestellt: Was schützen wir in der Ukraine? Warum brauchen wir so viel Geld und immer neue Waffen? Für mich ist es komplett klar: Der Krieg, den Russland angefangen hat, ist nicht nur ein Krieg gegen die Ukraine. Es ist ein Krieg gegen europäische Werte und europäische Kultur. Es ist ein Krieg gegen unsere Zivilisation." Das sei ihr sofort klar geworden, als sie im Gefängnis vom Überfall Russlands im Februar 2022 erfuhr.

Musik hat sie gerettet

Seit mittlerweile zehn Monaten ist Maria Kolesnikowa wieder frei – ein Wunder, an das sie selbst kaum glauben konnte und das einer Meisterleistung der internationalen Diplomatie zu verdanken ist. Dass sie nicht als gebrochene Gestalt, sondern als strahlende Siegerin in ihr Leben zurückkehrte, hat Maria Kolesnikowa, die in Minsk und Stuttgart als Flötistin und Fachfrau für alte und zeitgenössische Musik ausgebildet wurde, nicht zuletzt Beethoven und Bach zu verdanken: "Ich habe sehr viel Zeit in völliger Stille verbracht. Aber diese Stille war fast nie leer, weil in meinem Kopf ständig Musik klang", sagte Kolesnikowa in Bonn. "Wir Musiker kennen diesen Zustand sehr gut: Manchmal bleibt eine Melodie oder eine musikalische Phrase so hartnäckig im Kopf, dass man sie einfach nicht loswird. Im normalen Leben kann das sogar nerven. Im Gefängnis habe ich zum ersten Mal verstanden, dass genau das ein großes Glück sein kann."

Während ihres Bonn-Besuchs besuchte Kolesnikowa auch die DW und nahm an der Live-Sendung "DW Novosti" des russischen Programms teil.

Ihre große Aufgabe sieht die ehemalige politische Gefangene, die auf Einladung der Bundesregierung in Berlin lebt und sich langsam von dem durchlebten Horror erholt, darin, an die Schicksale anderer politischer Gefangenen in ihrer Heimat (es sind momentan noch immer über 800 politische Gefangene) zu erinnern, aber auch generell an die Bedeutung und Fragilität des freien Kunstausdrucks. Am 2. Oktober sprach sie in Bonn bei der vom Beethovenfest mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes organisierten Konferenz für Kulturveranstalter unter dem Titel "Kulturveranstaltungen als politische Orte?"

"Ambivalenz ertragen": Konzertsaal als Ort der Freiheit

In der frisch renovierten Beethovenhalle kamen am Abschluss-Wochenende des Beethovenfestes über 200 Vertreter der Konzert-Institutionen und Musikfestivals aus ganz Deutschland, um über innovative Formate und Formen des Musiklebens zu diskutieren, aber auch um über den Tellerrand des Musikbetriebes hinauszuschauen.

"Es ist nicht die Aufgabe von Kultur oder Kunst, bestimmte parteipolitische Positionen einzunehmen oder explizite politische Statements zu machen", sagte Steven Walter, Intendant des Beethovenfestes und Gastgeber der Konferenz, der DW. "Was die Kunst aber immer macht, ist Begegnungsräume schaffen, Orte, wo Menschen Ambivalenz auch ertragen können. Und das ist ein so wichtiger Muskel für unsere Gesellschaft, dass wir es aushalten, etwas gemeinsam zu erleben." Und es seien Menschen der Kunst und Kultur, die Räume für selbstständiges Denken, eigene Interpretationen, auch für Zweifel schafften. "Vielleicht gibt es in der Natur der Kunst tatsächlich so etwas wie eine DNA der Freiheit", so Steven Walter im DW-Gespräch am Rande der Konferenz.

Erfolgreichstes Beethovenfest seit Jahren

Nach der Konferenz ging es für zahlreiche Teilnehmer und Gäste an die gewohnte Arbeitsstätte – in den Konzertsaal. Den feierlichen Schlusspunkt des Beethovenfestes 2026 setzte am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, das Konzert mit dem BBC Philharmonic Orchestra unter der Dirigentin Anja Bihlmaier. Aufgeführt wurde Johannes Brahms "Ein deutsches Requiem", ein ikonisches Werk, das Versöhnung und Vertrauen beschwört.

Nach vier Wochen verzeichnete das Beethovenfest 2026 die höchste Besucherzahl seit zehn Jahren - rund 35.000 Gäste kamen zu den mehr als 100 Konzerten und Veranstaltungen, um Kunst gemeinsam zu erleben, zu feiern und zu diskutieren.

Author Marco Müller
Item URL https://www.dw.com/de/kunst-als-dna-der-freiheit-maria-kolesnikowa-sprach-beim-beethovenfest/a-79537306?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Ungebrochen: Maria Kolesnikowa kämpft weiter
Image source Sebastian Gollnow/dpa/picture alliance
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Item 31
Id 79497576
Date 2026-10-04
Title Irland boykottiert erneut - dennoch befindet sich der Eurovision Song Contest weiter auf Expansionskurs
Short title Trotz Konflikten: Eurovision treibt Expansion voran
Teaser Der Eurovision Song Contest 2026 wurde von Boykotten überschattet: Mehrere Länder protestierten wegen des Gaza-Kriegs gegen die Teilnahme Israels. Trotzdem will der Wettbewerb weiter wachsen.
Short teaser Der Eurovision Song Contest 2026 wurde von Boykotten überschattet. Dennoch will der Wettbewerb weiter wachsen.
Full text

"Die Welt durch Musik zusammenzubringen, war schon immer eine unglaublich kraftvolle Idee. Und sie hat sich seit 70 Jahren bewährt", sagte Eurovision-Direktor Martin Green am Rande des jährlichen Workshops der Europäischen Rundfunkunion (EBU) Mitte September gegenüber der DW. "Ich denke, je schwieriger die Welt um uns herum wird, desto wichtiger werden diese Shows als Zeichen der Einheit und des Zusammenhalts."

Während Green die verbindende Kraft des internationalen Musikwettbewerbs betont, der im Mai sein 70-jähriges Jubiläum feierte, war die Ausgabe 2026 zugleich von einer beispiellosen Welle der Kritik überschattet.

Politisch motivierte Boykotte wegen Israels Teilnahme am ESC während des laufenden Kriegs im Gazastreifen führten zu einem deutlichen Rückgang bei Beteiligung und Einschaltquoten. Die Zuschauerzahl sank von 166 Millionen im Jahr 2025 auf 131 Millionen im Jahr 2026.

Und auch der Eurovision Song Contest 2027 dürfte von geopolitischen Spannungen beeinflusst bleiben. Von den fünf Ländern, die die Veranstaltung 2026 boykottierten - die Niederlande, Spanien, Island, Slowenien und Irland - hat eines, Irland, bereits bestätigt, auch im kommenden Jahr nicht teilzunehmen.

Der bisherige niederländische Eurovision-Sender Avrotros hatte ebenfalls angekündigt, dem Wettbewerb erneut fernzubleiben. Zur Begründung hieß es, man wolle nicht an einer Veranstaltung teilnehmen, die "nicht länger als neutral betrachtet werden kann, solange ein teilnehmendes Land in einen groß angelegten militärischen Konflikt verwickelt ist". Doch die Dachorganisation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (NPO) sprang ein und entschied, das Land 2027 wieder teilnehmen zu lassen.

Spanien, Island und Slowenien haben noch keine endgültige Entscheidung für den ESC 2027 bekannt gegeben.

Offizielle Regeländerung für den ESC

Im August führte die EBU eine neue Regel zur Vergabe des Gastgeberrechts ein. Demnach werde künftig der Sieger-Sender "automatisch von der Ausrichtung des Wettbewerbs ausgeschlossen, wenn ein bewaffneter Konflikt, eine angespannte geopolitische Lage oder eine sonstige Situation die Sicherheit oder Stabilität seines Staates oder seiner unmittelbaren Region erheblich beeinträchtigt", so die EBU.

Normalerweise richtet das Gewinnerland den Wettbewerb im Folgejahr aus. Eine Ausnahme gab es 2023, als Großbritannien die Veranstaltung stellvertretend für die Ukraine austrug, die den Wettbewerb im Vorjahr gewonnen hatte. Aufgrund des russischen Angriffskriegs konnte die Ukraine den ESC nicht selbst ausrichten.

Darüber hinaus planen die Organisatoren Änderungen am Abstimmungssystem, um politisch motivierte Stimmabgaben einzudämmen. Für Aufsehen sorgte 2025 eine Kampagne der israelischen Regierung, die Bürgerinnen und Bürger dazu aufrief, mehrfach für den israelischen Beitrag abzustimmen.

Derzeit können Zuschauerinnen und Zuschauer bis zu zehn Stimmen für ihren Favoriten abgeben, per Telefon, SMS oder online. Künftig soll die Abstimmung ausschließlich online erfolgen. Darüber hinaus ist geplant, dass nicht mehr nur ein Beitrag ausgewählt wird, sondern drei.

ESC 2027: Bulgarien bereitet sich vor

Nach dem Sieg der bulgarischen Sängerin Dara mit ihrem Song "Bangaranga" beim Eurovision Song Contest 2026 in Wien wird Bulgarien im kommenden Jahr Gastgeber des Wettbewerbs sein.

Austragungsort wird die Stadt Burgas am Schwarzen Meer sein. Als die Entscheidung bekanntgegeben wurde, feierten die Menschen in der Stadt mit spontanen Musik- und Tanzaktionen sowie Flashmobs, sagte Milena Milotinova, Generaldirektorin des bulgarischen öffentlich-rechtlichen Senders BNT, der den Wettbewerb organisieren wird.

"Ich freue mich, dass die Menschen in Bulgarien eine solche Begeisterung für den Eurovision Song Contest zeigen", so Milotinova in einem Interview mit der DW. "Zum ersten Mal richtet Bulgarien eine Veranstaltung dieser Größenordnung auf einem derart hohen Niveau aus." Das Balkanland nimmt seit 2005 am Eurovision Song Contest teil. Nun muss die Infrastruktur für das internationale Großereignis zügig ausgebaut werden.

"Das Wichtigste ist, dass wir bereits über eine geeignete Halle verfügen. Die Bühnengestaltung wird darauf aufbauend entwickelt", so Milotinova. Die Vorbereitungen liefen bereits auf Hochtouren. "Es gibt keine freien Tage. Wir hoffen, alles rechtzeitig fertigzustellen und eine spektakuläre Eurovision-Show von Weltklasse auf die Beine zu stellen."

Asiatischer Ableger des ESC im November

Neben den Einbußen bei den Zuschauerzahlen musste der Eurovision Song Contest auch einen erheblichen finanziellen Rückschlag verkraften: Mit dem Rückzug des spanischen Senders RTVE verlor der Wettbewerb einen Vertreter der sogenannten "Big Five", die einen wesentlichen Teil der Finanzierung des Wettbewerbs sichern.

Inmitten dieser Unsicherheiten wollen die Organisatoren die internationale Reichweite der Marke "Eurovision" ausbauen. Im November soll der "Eurovision Song Contest Asia" erstmals stattfinden. Austragungsort ist die thailändische Hauptstadt Bangkok. Nach Angaben der Veranstalter nehmen elf Länder teil; zudem wird bereits über eine Erweiterung des Teilnehmerfelds in den kommenden Jahren gesprochen.

Auch ein Ableger für Lateinamerika ist seit einigen Jahren im Gespräch, wurde aber bislang nicht umgesetzt. "Wir prüfen fortlaufend neue Regionen der Welt, in die wir das Format bringen können", erklärte Martin Green.

Kanada neues Mitglied der ESC-Familie

Eine Entwicklung, die die Organisatoren besonders hervorheben, ist der Beitritt Kanadas zum Eurovision Song Contest. Die Teilnahme des Landes wurde im Juli bekannt gegeben. "Wir freuen uns sehr, dass sich die Kanadier entschieden haben, Teil unserer Familie zu werden“, sagte Green.

Die Teilnahme am Eurovision Song Contest ist nicht auf Europa beschränkt. Teilnehmen können die aktiven Mitglieder der Europäischen Rundfunkunion (EBU). So nimmt Israel bereits seit 1973 am Wettbewerb teil. Australien wurde 2015 zunächst einmalig als Gastland eingeladen, gehört wegen der großen Popularität des Wettbewerbs dort inzwischen aber dauerhaft zum Teilnehmerfeld.

"Wir lernen noch, was es braucht, aber wir werden unser Bestes geben und der Welt zeigen, was Kanada zu bieten hat", sagte Jennifer Dettman, Kanadas Delegationsleiterin für den Eurovision Song Contest, im Gespräch mit der DW. Die Teilnahme ist zugleich Teil der Strategie der Regierung von Premierminister Mark Carney, die kulturellen und diplomatischen Beziehungen zu Europa zu vertiefen. Im Haushalt der Regierung wurden dafür 150 Millionen kanadische Dollar (rund 93 Millionen Euro) für den zuständigen Sender bereitgestellt. "Dies ist das größte Musikevent der Welt. Es bietet unseren Künstlerinnen und Künstlern die Chance, sich auf einer globalen Bühne zu präsentieren", so Dettman. "Darauf freuen sich die Menschen sehr."

Adaption aus dem Englischen: Petra Lambeck, die Interviews führte Jakov Leon.

Author Elizabeth Grenier, Petra Lambeck
Item URL https://www.dw.com/de/irland-boykottiert-erneut-dennoch-befindet-sich-der-eurovision-song-contest-weiter-auf-expansionskurs/a-79497576?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78342765_607.jpg
Image caption Darina Nikolaeva Yotova aus Bulgarien, auch bekannt als Dara, gewann den ESC 2026 mit dem Song "Bangaranga"
Image source Georg Hochmuth/APA/AFP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78342765_607.jpg&title=Irland%20boykottiert%20erneut%20-%20dennoch%20befindet%20sich%20der%20Eurovision%20Song%20Contest%20weiter%20auf%20Expansionskurs

Item 32
Id 79528258
Date 2026-10-03
Title Trump: Diesel-Drohung war nicht ernst gemeint
Short title Trump: Diesel-Drohung war nicht ernst gemeint
Teaser Die G7-Staaten haben - auch auf Druck der USA - ihre Diesel-Reserven freigegeben. Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump mit einem Exportstopp gedroht. Nun rudert er zurück.
Short teaser Die G7-Staaten geben ihre Diesel-Reserven frei - auch auf Druck von US-Präsident Donald Trump. Der rudert nun zurück.
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Wiederholt hatte der US-Präsident gedroht, Diesel-Exporte aus den Vereinigten Staaten zu stoppen, sollte die Gruppe der großen demokratischen Industrienationen G7 nicht ihre Notreserven für diesen Treibstoff auf den Markt bringen. Nun teilte Donald Trump mit, er habe die Drohung nicht ernst gemeint.

Ein solches Verbot habe niemals wirklich zur Debatte gestanden, ⁠sagte ⁠der 80-Jährige am Freitag vor Reportern in Washington. Er werde ein solches Verbot auch nicht verhängen. Trump sagte zudem, die USA hätten sehr gute Beziehungen zu Europa.

Freigabe von bis zu 100 Millionen Fass

Die G7-Staaten hatten sich zuvor auf die Freigabe von bis zu 100 Millionen Fass Rohöl und Diesel aus ihren strategischen Reserven geeinigt. Damit reagierte das Bündnis auf Trumps Druck, das Angebot zu erhöhen. Die Hoffnung ist, dass die Kraftstoffpreise sinken, die unter anderem wegen des von den USA und Israel begonnen Iran-Kriegs stark gestiegen sind.

Auch wenn ein US-Exportstopp laut Trump angeblich nie zur Debatte stand: Europas Regierungen hatten entsprechende frühere Statements des US-Präsidenten sehr ernst genommen. Noch am 22. September hatte er sich für einen solchen Schritt ausgesprochen und am Donnerstag erklärt, die USA erwögen ihn weiterhin.

Ein US-Exportstopp hätte die Versorgung insbesondere in der Europäischen Union treffen können: Rund die Hälfte der Diesel-Importe der EU kommt aus den USA.

Spritpreise als Thema im US-Wahlkampf

Die hohen Spritpreise sind für Trump und seine Republikaner vor den wichtigen Zwischenwahlen im November in den USA zu einem ⁠politischen Problem geworden. Das gilt vor allem für die ländlich geprägten US-Bundesstaaten, in denen der Kraftstoff für die Landwirtschaft, den LKW-Verkehr und das verarbeitende Gewerbe von großer Bedeutung ist.

In einer Erklärung der G7 vom Freitag heißt es, die Freigabe solle "sofort beginnen". Sie solle sich über vier Monate erstrecken, "einschließlich einer vorgezogenen umfangreichen Dieselfreigabe innerhalb der ersten 20 Tage". Zu den G7 gehören neben den USA, Frankreich, Deutschland, Italien, Großbritannien, Kanada und Japan.

Bundesregierung zeigt sich zufrieden

Die deutsche Bundesregierung wertete die Einigung bei einer G7-Videokonferenz, an der auch Kanzler Friedrich Merz teilnahm, als "wichtiges Zeichen für die Handlungsfähigkeit und Geschlossenheit der G7". Die Freigabe sei ein "substanzieller Impuls, um die Versorgungslage und das Marktgeschehen zu stabilisieren", hieß es aus Regierungskreisen in Berlin.

Die Freigabe der Erdölprodukte soll über die Internationale Energieagentur (IEA) erfolgen. Die G7 schlossen auch nicht aus, weitere Mengen freizugeben. Aus deutschen Regierungskreisen hieß es, Ziel sei eine breite Beteiligung aller IEA-Partnerländer. Zugleich seien noch genügend weitere Reserven vorhanden, um bei Bedarf die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Die G7 verpflichteten sich zudem, untereinander keine Exportbeschränkungen für Energie und Energieprodukte zu verhängen. Auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP erklärte Deutschlands Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, die G7 hielten "ihre Energieflüsse untereinander offen, koordinieren Raffineriekapazitäten und erhöhen die Auslastung, wo das möglich ist".

Die Ministerin unterstrich die Bedeutung leistungsfähiger Raffinerien: "Sie sichern Kraftstoffe für Verkehr und Krisenvorsorge und sind Teil zentraler industrieller Wertschöpfungsketten."

Sofortige Auswirkungen auf dem Öl-Markt

Die G7-Entscheidung wirkte sich unmittelbar auf die Ölpreise aus. In den USA fiel der Preis fürs Öl zeitweise um bis zu fünf Prozent, der Preis für ein Fass der Nordseesorte Brent sank vorübergehend wieder unter 100 Dollar.

Vor allem bei Diesel bleibt die Versorgungslage angespannt. Zwar nähern sich die Rohölexporte aus dem Nahen und Mittleren Osten wieder dem Niveau vor dem Iran-Krieg, doch beschädigte Raffinerien schränken die Produktion von Treibstoffen ein.

Dazu kommt, dass im Zuge des Ukraine-Kriegs auch russische Produktionsstätten beschädigt wurden und ausgefallen sind, was zusätzliche Auswirkungen auf das globale Kraftstoffangebot hat. Ein von Russland verhängter Diesel-Exportstopp trägt ebenfalls zum Druck auf den Weltmarkt bei. In der EU erreichte der Dieselpreis an den Tankstellen zuletzt im Wochendurchschnitt mit 2,24 Euro je Liter einen Rekordwert.

Macron kündigt weitere Maßnahmen an

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte den Vorsitz bei der G7-Videokonferenz. Er hoffe, so Macron im Anschluss, dass die Maßnahmen zu einem Rückgang der Preise auf den Weltmärkten führen. Außerdem wollten die G7-Länder sich dabei koordinieren, die Margen der Raffinerien und Transportkosten zu senken. Letztere seien wegen der Blockaden der Straße von Hormus deutlich gestiegen.

"Anschließend werden wir sehr darauf achten, dass sich dies so schnell wie möglich an der Tankstelle niederschlägt", so der französische Staatschef. Er betonte zudem, dass die Preise auch aufgrund von Spekulationen gestiegen seien, insbesondere wegen der "Gerüchte" über ein US-Exportverbot.

Angesichts des durch den Iran-Krieg ausgelösten Preisanstiegs hatten die 32 IEA-Mitgliedstaaten bereits im März eine Freigabe von 400 Millionen Fass Ölreserven beschlossen. Es war die größte Freigabe in der mehr als 50-jährigen Geschichte der Internationalen Energieagentur. Nach Angaben von IEA-Chef Fatih Birol ist etwa ein Drittel davon noch nicht auf den Markt gekommen.

AR/haz (rtr, afp, dpa, ebu)

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Image caption US-Präsident Trump: "Sehr gute Beziehungen zu Europa"
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Item 33
Id 79497580
Date 2026-10-03
Title Depression: Autoritäre Erziehung macht Kinder krank
Short title Wie autoritäre Erziehung Kinder psychisch krank macht
Teaser Ob Depressionen oder Verhaltensstörungen - psychische Probleme von Kindern hängen oft mit der Erziehung zusammen. Eltern können nicht alles richtig machen, aber es gibt ein paar Dinge, die sie wirklich nicht tun sollten.
Short teaser Eltern können und müssen nicht alles richtig machen, aber es gibt ein paar Dinge, die sie wirklich nicht tun sollten.
Full text

Alle Eltern kennen das: das Kind bekommt eine Aufgabe und lässt sich davon ungefähr so beeindrucken, als hätte man mit dem Toaster gesprochen. Irgendwann ist der elterliche Puls bei 180 und es gibt Geschrei. Ist nicht schön, passiert aber.

Problematisch wird es dann, wenn der Erziehungsstil hauptsächlich von derart negativen Interaktionen geprägt ist. Eine aktuelle Studie aus China kommt zu dem Schluss, dass harte, autoritäre Erziehung das Risiko für depressive Symptome und aggressives Verhalten bei Kindern erhöht. Damit bestätigen die Forschenden etwas, das andere Experten und Expertinnen ebenfalls beobachten.

Eine harte, autoritäre Erziehung ist mehr als einzelne Ausraster. Vielmehr gehe es hier "um unterschiedliche Formen von Gewalt, Disziplin und Kontrolle", sagt Psychiater und Psychologe Stephan Bender.

Gewaltvolle Erziehung erhöht das Risiko für Depressionen

Schläge oder körperlicher Zwang seien dabei nur eine Form der Gewalt. Die andere ist psychischer Natur: verletzende Kritik, aggressive Sprache, Manipulation oder Liebesentzug. Gut möglich, dass Kinder dann zwar auf der Stelle gehorchen, aber dieser angstgetriebene Gehorsam hat einen Preis. "Eine gewaltvolle Erziehung fördert Ohnmachtssituationen und die sind ein wichtiger Risikofaktor für Depressionen", sagt Bender im DW-Gespräch. "Eine chronisch zu harsche Erziehung ist durchaus eine chronische Traumatisierung."

Kinder, die immer wieder die Erfahrung machten, dass sie als Person mit ihren Gefühlen nicht berücksichtigt würden, könnten ihre Emotionen schlechter wahrnehmen und regulieren, sagt Bender. Wer mit Gewalt und ohne Freiheiten erzogen werde, erlebe sich auch nicht als selbstwirksam. Selbstwirksamkeit meint die Überzeugung, durch eigene Fähigkeiten Herausforderungen zu überwinden und Ziele zu erreichen.

Damit diese Überzeugung ausgebildet werden kann, müssen Kinder lernen, dass sie Probleme eigenständig und erfolgreich bewältigen können. Selbstwirksamkeit ist wichtig, um mit Emotionen umgehen und das eigene Verhalten steuern zu lernen, und um Selbstvertrauen zu entwickeln. Eine Erziehung, die auf Gewalt und Zwang beruht, verhindere das, sagt Bender, der die Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes und Jugendalters am Universitätsklinikum in Köln leitet.

Mit ganz unterschiedlichen Folgen für die Kinder. In seinem Klinikalltag sieht Stephan Bender, dass Jungen eher zur sogenannten Externalisierung neigen: Das empfundene Leid wird nach außen getragen und äußert sich häufiger in einem gestörten Sozialverhalten bis hin zu kriminellem Verhalten.

Mädchen dagegen würden eher internalisieren, sagt der Psychiater und Psychologe Bender: "Das heißt, die bekommen emotionale Probleme, Depression, Angststörungen oder auch Essstörungen, vor allem ab der Pubertät."

Hinweise auf epigenetische Veränderungen durch autoritäre Erziehung

Evelien van Assche ist Psychiaterin und leitende Oberärztin der Klinik für Psychische Gesundheit am Universitätsklinikum in Münster. Sie hat Hinweise darauf gefunden, dass sich eine autoritäre Erziehung in der DNA verankert und so das Risiko für eine spätere Depression erhöhen könnte.

Die Psychiaterin untersuchte im Rahmen ihrer Promotion, ob sich eine autoritäre Erziehung in der Epigenetik der jugendlichen Probanden widerspiegelt. Die Epigenetik beschäftigt sich mit der Verbindung von Umwelteinflüssen auf die DNA: Sie bestimmt mit, wann welche Gene an- oder ausgeschaltet werden. Dies geschieht unter anderem durch die sogenannte Methylierung der Gene. Dabei handelt es sich um eine Genregulation, die Einfluss darauf, welche körperlichen oder psychischen Merkmale ausgeprägt werden.

Grundlage für van Assches Studie waren vorangegangene Untersuchungen mit eineiigen Zwillingen, von denen einer eine Depression hatte. Zwei unabhängige Gruppen fanden heraus, dass der Zwilling mit der Depression eine größere Bandbreite an DNA-Methylierung aufwies als der gesunde. "Wir haben diese Analyse mit unserer Stichprobe wiederholt", sagt van Assche im DW-Gespräch.

Mit einem ähnlichen Ergebnis: Die Jugendlichen, die ihr Elternhaus als eher gewaltvoll beschrieben, zeigten ebenfalls eine größere Methylierungsvarianz als die Kontrollgruppe. Van Assche selbst sagt, dass ihre Untersuchungen Hinweise liefern, mehr nicht. Aber eben Hinweise, die sich mit den Ergebnissen anderer Untersuchungen decken.

Was Kinder brauchen: Nähe, klare Regeln und Grenzen?

Evelien van Assche sagt, wesentlich ist, dass die Eltern emotional verfügbar seien: den Kindern zuzuhören, ihre Sorgen und Ängste ernst zu nehmen. "Wenn ich grundsätzlich eine gute Beziehung habe, dann hat vereinzeltes Sauersein natürlich eine andere Gewichtung."

Neben der emotionalen Validierung des Kindes seien aber auch Regeln und Grenzen wichtig für Kinder, sagt die Psychiaterin. Diese Erwartungen müssten offen und klar kommuniziert werden und bei Grenzüberschreitungen mit angemessenen Konsequenzen geahndet werden.

"Je jünger die Kinder sind, desto größer ist die Rolle, die die Eltern spielen", sagt Stephan Bender von der Uniklinik Köln. Deshalb hat sein Team Trainings konzipiert, in denen Eltern lernen, wie sie ihre Kinder in verschiedenen Situationen am besten unterstützen können.

Evelien van Assche ist es wichtig, zu betonen, dass die meisten Eltern vieles richtig machen. Aber entscheidend für die Psyche der Kinder sei die Beziehung zu den Eltern. Ein weiterer Grund, seinen Kindern gut zuzuhören.

Author Julia Vergin
Item URL https://www.dw.com/de/depression-autoritäre-erziehung-macht-kinder-krank/a-79497580?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Kinder brauchen das Gefühl, gesehen und gehört zu werden. Zwang und Gewalt erhöhen das Risiko für psychische Erkrankungen.
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Item 34
Id 79424653
Date 2026-10-02
Title Franz von Assisi: Vom Bettelmönch zur globalen Ikone
Short title Franz von Assisi: Vom Bettelmönch zur globalen Ikone
Teaser Er wollte weder Macht noch Ruhm. Doch Leben und Lehren des Heiligen Franz von Assisi inspirierten über Jahrhunderte hinweg Päpste, berühmte Dichter und sogar das faschistische Regime Mussolinis.
Short teaser Er wollte weder Macht noch Ruhm. Doch sein Leben inspiriert bis heute Menschen auf der ganzen Welt.
Full text

Auf den ersten Blick erscheint es widersprüchlich: Franz von Assisi entschied sich für ein Leben in Armut, heute ruht er in seiner italienischen Heimatstadt Assisi in einer prächtigen Basilika, geschmückt mit Fresken bedeutender mittelalterlicher Künstler.

Er predigte Demut, heute ziehen seine sterblichen Überreste, die zum 800. Jahrestag seines Todes der Öffentlichkeit präsentiert wurden, Hunderttausende Menschen an.

Er inspirierte Päpste, Umweltbewegungen und sogar die Propaganda des italienischen Faschistenführers Benito Mussolini.

Wie würde der heilige Franz von Assisi wohl über den Ruhm denken, dem er zu Lebzeiten bewusst aus dem Weg ging?

Vom Reichtum zur Armut

Franz von Assisi wurde 1181 oder 1182 als Giovanni di Pietro di Bernardone in Assisi geboren, einer kleinen Stadt auf einem Hügel in Mittelitalien. Sein Vater, ein wohlhabender Tuchhändler mit engen Geschäftsbeziehungen nach Frankreich, gab ihm später den Namen Francesco.

Mittelalterliche Schreiber, die sein Leben festhielten und das Bild prägten, das spätere Generationen von ihm hatten, beschrieben ihn als einen lebhaften, geselligen jungen Mann, der gerne sang, Feste feierte und die Vorzüge des Reichtums genoss.

Er wollte jedoch nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten, sondern träumte davon, Ritter zu werden. Im Jahr 1202 schloss sich Franziskus den Truppen von Assisi in einer Schlacht gegen das benachbarte Perugia an. Er wurde gefangengenommen, verbrachte ein Jahr im Gefängnis und kehrte erschüttert und krank nach Hause zurück. Diese Erfahrung und eine Reihe weiterer Ereignisse lösten einen Gesinnungswandel in ihm aus.

Einschneidend war das folgende Erlebnis in der kleinen, verfallenen Kirche San Damiano außerhalb von Assisi: Franziskus war überzeugt, Jesus Christus habe ihn aufgefordert: "Baue meine Kirche wieder auf." Er nahm dies wörtlich und begann, örtliche Kapellen zu reparieren. Als ihm das Geld ausging, verkaufte er Stoffe aus dem Laden seines Vaters - was diesen in Rage versetzte und zu einer dramatischen Episode auf dem Stadtplatz von Assisi führte.

Vor dem Bischof und den versammelten Stadtbewohnern legte Franziskus seine edlen Kleider ab und entsagte seinem Vater, seinem Erbe und allen materiellen Annehmlichkeiten. Er verpflichtete sich zu einem Leben in Armut und Demut und verschrieb sich der Fürsorge von Armen und Kranken.

Ein Heiliger als Identifikationsfigur

Als Wanderprediger scharte Franz von Assisi immer mehr Anhänger um sich und gründete schließlich den Orden der Minderbrüder; heute kennt man sie als Franziskaner. Franziskus gilt als der erste Heilige, der auf wundersame Weise die Stigmata erhielt - körperliche Wunden, die denen am gekreuzigten Leib Jesu Christi ähneln. Am 16. Juli 1228, zwei Jahre nach seinem Tod, wurde er von Papst Gregor IX. heiliggesprochen. Diese ungewöhnlich schnelle Heiligsprechung verbreitete seinen Ruhm weit über Assisi hinaus.

In den folgenden Jahrhunderten wurde Franziskus zu einem der am häufigsten dargestellten Heiligen in der westlichen Kunst. Er inspirierte Dante zur "Göttlichen Komödie" und war Vorbild für Filme, Kinderbücher und 1980 sogar einen Marvel-Comic.

"Die meisten Heiligen gelten als unnahbar und wenig greifbar, doch Franziskus’ Geschichte von lebenslanger Bekehrung und dem Wunsch nach einer positiven Beziehung zu anderen, zu Gott und zur übrigen Schöpfung spricht Menschen über Zeiten und Kulturen hinweg an", erklärt der Theologe und ehemalige Franziskanermönch Daniel P. Horan gegenüber der DW.

Laut der Kulturhistorikerin Amanda Minervini hat es einen Grund, dass Franziskus über Jahrhunderte hinweg so beliebt ist: "In Franziskus scheint für jeden etwas dabei zu sein: der Pazifist, der Asket, der Freimaurer, der Umweltschützer, der Minimalist, der Tierliebhaber, der von Tieren zurückgeliebt wird, der Diplomat, der Mystiker, der Radikale, der Künstler und sogar das Vorbild für eine bestimmte Art von Männlichkeit", erklärt sie gegenüber der DW.

Aushängeschild eines faschistischen Regimes

Sein Bild sei im Laufe der Geschichte immer wieder neu konstruiert worden, betont Minervini. Sie hat die politische Vereinnahmung des Franziskus durch das faschistische Regime Benito Mussolinis untersucht. In ihrem kürzlich erschienenen Buch ""St. Francis and Mussolini: Fascist Appropriations of a Beloved Italian Saint" (Deutsch etwa: Der heilige Franziskus und Mussolini: Faschistische Aneignungen eines geliebten italienischen Heiligen) (2026) erläutert sie, wie die faschistische Rhetorik die Stigmata des Franziskus als Symbol für heldenhaftes Leiden und Opferbereitschaft umdeutete.

"Die Wunden des Heiligen wurden herangezogen, um das Opfer zu verherrlichen und die italienische Jugend zum Kriegseinsatz zu inspirieren."

Mussolini ließ sich 1927 erneut taufen, um sein Bündnis mit dem Vatikan zu stärken: "Der heilige Franziskus bot sich an, um politischer Macht religiöse Legitimität zu verleihen", so Minervini. Ihre Forschungen zeigen, dass Franziskus’ Pazifismus - "wahrscheinlich, weil er wusste, was Krieg bedeutete" - bewusst heruntergespielt wurde.

In ihrem Buch findet sich eine vertrauliche Notiz, die 1929 an Militärseelsorger gerichtet war: Darin kam die Sorge zum Ausdruck, sie könnten den Truppen Friedensideale predigen. "Dieses Dokument liefert einen klaren Beweis dafür, dass der Frieden ein Aspekt von Franziskus’ Vermächtnis war, den faschistische Gruppen eher unterdrücken als fördern wollten."

Darüber hinaus waren die Alliierten, nachdem Italien im Zweiten Weltkrieg die Seiten gewechselt und sich ihnen angeschlossen hatte, oft bereit, Italiens Verbrechen zu dulden oder zu übersehen, anstatt die faschistische Vergangenheit des Landes aufzuarbeiten. "In diesem Klima blieben viele Faschisten auf ihren Posten, und das politisch angeschlagene Image von Franziskus wurde stillschweigend beiseitegeschoben“, erklärt Minervini.

Mittelalterlicher Friedensbotschafter

Franziskus' Friedensbemühungen sind jedoch geschichtlich überliefert. Im Jahr 1219, während des Fünften Kreuzzugs, reiste er mit dem Kreuzritterheer nach Damiette, einer Hafenstadt im Norden Ägyptens. Dort erhielt er die Erlaubnis, das muslimische Lager zu betreten und sich persönlich mit dem Sultan Malik al-Kamil zu treffen. Sein Ziel war es, den Sultan zu bekehren und dem blutigen Konflikt ein Ende zu bereiten.

Minervini beschreibt sein Vorgehen als "eine außerordentlich kühne Tat" und erklärt, dass die Begegnung zwar nicht zum politischen Durchbruch oder gar zur Bekehrung des Sultans führte, auf die Franziskus vielleicht gehofft hatte. Seine unversehrte Rückkehr sorgte jedoch dafür, dass frühe Quellen auf ihn aufmerksam wurden.

Daniel Horan fügt hinzu, dass Franziskus, obwohl Christen Muslime damals als Feinde betrachteten, "sich dieser entmenschlichenden Sichtweise nicht anschließen wollte" und stattdessen "die gemeinsame Menschlichkeit und Brüderlichkeit, die er im Sultan erkannte", würdigte.

Vom Bettelmönch zur Klima-Ikone

Am bekanntesten ist er jedoch als Tierliebhaber und früher Verfechter des Umweltbewusstseins. "Er war seiner Zeit sowohl theologisch als auch im Hinblick auf die modernen Naturwissenschaften voraus und erkannte die Komplexität des Kosmos sowie die Tatsache, dass auch Menschen Geschöpfe sind, die in Beziehung zur uns umgebenden Welt stehen", sagt Daniel Horan, Autor des Buches "Francis of Assisi and the Future of Faith" (dt. Franz von Assisi und die Zukunft des Glaubens) (2012).

1979 erklärte Papst Johannes Paul II. Franziskus zum Schutzpatron der Ökologie. Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio wählte den Heiligen als seinen Namenspatron, als er 2013 zu Papst Franziskus ernannt wurde.

Dieser Papst veröffentlichte 2015 die Enzyklika "Laudato si’" - in Anlehnung an den Lobgesang des Heiligen aus dem Jahr 1225, den "Sonnengesang", in dem er die Elemente der Natur als "Bruder Sonne", "Schwester Mond" und "Schwester Mutter Erde" anspricht.

In seiner Enzyklika stellte der Papst einen direkten Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung und menschlichem Leid her, kritisierte zudem den Konsumismus und die "Wegwerfkultur" und forderte die Menschheit nachdrücklich zu einer "ökologischen Umkehr" auf.

"Ich glaube auch, dass der heilige Franziskus in einer Zeit tiefer Polarisierung und wirtschaftlicher Ungleichheit ein anderes Modell des In-der-Welt-Seins vorlebt, bei dem Beziehungen und Gemeinschaft Vorrang vor individuellem Gewinn und Macht haben", sagt Horan.

Was würde Franziskus wohl zu seinem heutigen Ruhm sagen?

"Es ist immer schwierig zu erraten, was der heilige Franziskus, der im Oktober vor 800 Jahren starb, heute über irgendetwas denken würde. Unsere Welt unterscheidet sich so sehr von seiner eigenen. Aber wir wissen, dass es ihm zu seiner Zeit sehr unangenehm war, wie positiv er und seine Mitbrüder in ganz Europa aufgenommen wurden", sagt Horan.

Minervini vermutet, dass er sich mit Darstellungen von sich selbst als pazifistischem Heiligen vielleicht wohler gefühlt hätte. "Ich glaube, er wäre zutiefst beunruhigt, vielleicht sogar wütend - denn es ist bekannt, dass er sich aufregen konnte -, über den Zustand unserer spätkapitalistischen, technokratischen Welt und darüber, wie wir uns weiterhin als von den anderen Geschöpfen getrennt und ihnen überlegen verstehen."

Adaption aus dem Englischen: Suzanne Cords

Author Brenda Haas, Katharina Abel
Item URL https://www.dw.com/de/franz-von-assisi-vom-bettelmönch-zur-globalen-ikone/a-79424653?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Franz von Assisi kennen viele vor allem wegen seiner tiefen Verbundenheit mit der Natur und all ihren Kreaturen
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Item 35
Id 79498718
Date 2026-10-01
Title Film "NAZA": Israelische Armee veröffentlicht Stellungnahme
Short title Film "NAZA": Israelische Armee veröffentlicht Stellungnahme
Teaser Der preisgekrönte Dokumentarfilm "NAZA" sorgt in Israel weiter für Kontroversen. Die israelische Armee hat nun ein mehrseitiges Papier veröffentlicht, in dem sie von einer "verzerrten" Darstellung spricht.
Short teaser Der Dokumentarfilm "NAZA" sorgt in Israel für Kontroversen. Die Armee hat nun ihre schriftliche Erwiderung vorgelegt.
Full text

Bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig Mitte September bekam der Film gute 25 Minuten lang stehende Ovationen und den Spezialpreis der Jury. In Israel aber löste "NAZA" heftige Debatten aus. Der israelische Kulturminister Miki Zohar bezeichnete die Arbeit der beiden Filmemacher - Rachel Szor und Yuval Abraham - als Landesverrat und forderte, ihnen die Staatsbürgerschaft zu entziehen.

Auch die israelische Armee (IDF) hatte die im Film thematisierten Vorwürfe über ihr Vorgehen in Gaza entschieden zurückgewiesen. Nun hat sie ein mehrseitiges Dokument veröffentlicht, in dem sie den Filmemachern vorwirft, ein "verzerrtes, irreführendes und unaufrichtiges Bild" zu zeichnen. Die Darstellung des Films beruhe auf "erheblichen sachlichen Fehlern", so heißt es weiter, die aus "manipulativen Falschdarstellungen der Realität" resultierten.

Blick hinter die Kulissen des Krieges

Der 80-minütige Dokumentarfilm "NAZA" untersucht die Vorgehensweise der israelischen Armee im Gaza-Krieg. Er basiert auf Interviews, die mit 24 anonymen Militär- und Geheimdienstangehörigen geführt wurden. Diese schildern interne Abläufe und Entscheidungsprozesse bei der Auswahl von Angriffszielen im Gazastreifen. Nach Darstellung der Gesprächspartner wurden dabei hohe zivile Opferzahlen teils bewusst einkalkuliert.

Die israelische Armee widerspricht dieser Darstellung. So habe die Armee niemals Angriffe geplant oder durchgeführt, bei denen Hunderte zivile Todesopfer erwartet worden seien. Auch die Behauptung, Künstliche Intelligenz habe eigenständig Angriffsziele ausgewählt, sei falsch. Entscheidungen über Ziele und Angriffe seien stets von Menschen getroffen worden.

Zugleich wirft die Armee den Filmemachern vor, wichtige Aspekte auszublenden. Der Film zeige weder die Rolle von militärischen Rechtsberatern und Kommandeuren bei der Prüfung und Freigabe von Angriffen noch thematisiere er die Maßnahmen der Streitkräfte zum Schutz von Zivilisten. Außerdem räume er dem Hamas-Überfall auf Israel vom 7. Oktober 2023 nicht das aus Sicht der Armee angemessene Gewicht ein.

Das Vorgehen Israels im Gaza-Krieg wird von mehreren internationalen Menschenrechtsorganisationen und einer UN-Kommission als Genozid eingestuft. Nach Angaben lokaler Gesundheitsbehörden sowie weiterer Quellen wurden seit Beginn des Krieges mindestens 74.000 Palästinenserinnen und Palästinenser im Gazastreifen getötet.

"Naza" weltweit in den Kinos

Bei der Preisverleihung in Venedig Mitte September sagte Co-Regisseur Yuval Abraham: "Wir glauben, dass die Leugnung eines Verbrechens dazu beiträgt, dass es fortbesteht. Und deshalb ist es für uns wirklich, wirklich besonders wichtig, dass Israelis diesen Film sehen." Rachel Szor und Yuval Abraham hatten auch an dem Film "No Other Land" mitgewirkt, der 2025 einen Oscar als bester Dokumentarfilm bekommen hat.

"NAZA" leitet sich vom hebräischen Ausdruck "Nezek Agavi" für Kollateralschaden ab. Nach Darstellung eines im Film befragten Soldaten bezeichnet das Kürzel im Militär die geschätzte Zahl der Zivilisten, die bei einem Angriff sterben könnten.

Neben Kulturminister Miki Zohar hat auch Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Dokumentation scharf kritisiert. Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen, darunter die israelische Organisation B'Tselem, stellen sich hingegen hinter die Regisseure. Nach seiner Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Venedig startet der Film derzeit in zahlreichen Ländern weltweit in den Kinos.

Author Petra Lambeck (mit dpa, epd, kna), Katharina Abel, Kyra Levine
Item URL https://www.dw.com/de/film-naza-israelische-armee-veröffentlicht-stellungnahme/a-79498718?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Szene aus dem Dokumentarfilm "NAZA"
Image source Venice Film Festival/AP Photo/picture alliance
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Item 36
Id 79488108
Date 2026-10-01
Title PTBS in der Ukraine: Wie der Krieg die Psyche belastet
Short title PTBS in der Ukraine: Wie der Krieg die Psyche belastet
Teaser Fast ein Drittel der ukrainischen Bevölkerung erfüllt die Kriterien für eine Posttraumatische Belastungsstörung. Ein zentraler Auslöser sind Russlands Angriffskrieg und seine Folgen – auch jenseits der Front.
Short teaser Fast einem Drittel der Bevölkerung drohen Posttraumatische Belastungsstörungen - vor allem durch Russlands Krieg.
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Mehr als vier Jahre dauert Russlands umfassender Angriffskrieg gegen die Ukraine bereits an. Er wird nicht nur an der Front geführt. Immer wieder zerstören Raketen auch Wohnhäuser und zivile Infrastruktur, wie etwa Anlagen zur Stromversorgung.

Tote, Verwundete, Zerstörung, Flucht – all das hinterlässt auch Spuren, die erst auf den zweiten Blick sichtbar werden: In der ukrainischen Zivilbevölkerung erfüllt fast jede und jeder Dritte (31,2 Prozent) die Kriterien für eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder sogar für eine sogenannte komplexe PTBS, eine noch schwerere Form.

Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage, die das internationale Forschungsnetzwerk "Kooperation und Konflikt im östlichen Europa" (KonKoop) durchgeführt hat. Die Forschenden aus den Bereichen psychische Gesundheit und Sozialwissenschaften befragten mehr als 2500 Ukrainerinnen und Ukrainer, die in den Regionen leben, die weiterhin oder wieder unter Kontrolle der Regierung in Kyjiw sind. Die Studie wurde vom deutschen Forschungsministerium (BMFTR) gefördert und in der Fachzeitschrift European Journal of Psychotraumatology veröffentlicht.

Posttraumatische Belastungsstörung - wenn der Alltag zur Qual wird

Von einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) spricht man, wenn Menschen ein Trauma erleben – also eine potenzielle oder reale Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit oder des Lebens bei sich oder anderen – und sich dieses Erlebnis in der Psyche festsetzt. Betroffene durchleben das traumatisierende Ereignis in sogenannten Flashbacks immer wieder, leiden unter Angstzuständen, Reizbarkeit und Schlafstörungen. In der Regel treten die Symptome erst einige Zeit nach dem Erlebten auf.

Weltweit finden sich bei weniger als zehn Prozent der Allgemeinbevölkerung die Kriterien einer solchen Belastungsstörung, so schätzen Fachleute. In der ukrainischen Bevölkerung ist der Wert laut der neuen Studie also gut dreimal so hoch.

Die Studie beruht auf selbst berichteten Symptomen. Das Ergebnis könnte also davon beeinflusst sein, wie die Teilnehmenden die Fragen interpretierten, so die Forschenden.

Russlands Krieg gegen die Ukraine – ein kollektives Trauma?

"Besonders auffällig an den Ergebnissen ist das enorme Ausmaß der Traumatisierung", so Studienleiterin Deirdre MacManus, Dozentin für Forensische Psychiatrie am King's College London (KCL) in einer Pressemitteilung.

Mehr als 90 Prozent der Befragten gaben an, dass sie mindestens ein traumatisches Erlebnis im Erwachsenenalter hatten. Nicht alle, aber doch viele dieser Erlebnisse hatten mit dem Krieg zu tun. Die Hälfte gab an, einen Angehörigen im Fronteinsatz zu haben. Mehr als 70 Prozent haben Beschuss in ihren Wohngebieten erlebt und 65 Prozent generelle Zerstörungen durch den Krieg.

"Es gibt in der Ukraine keine Familie mehr, die nicht unter dem Krieg gelitten hat, in der jemand entweder gestorben oder im besetzten Gebiet zurückgeblieben ist", berichtet Ruslana Lutsyk-Andrushko der DW. Sie arbeitet als psychosoziale Beraterin für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in der ukrainischen Stadt Winnyzja.

"Wir können die Ursache nicht allein der Invasion zuschreiben, da es andere Traumata gegeben haben mag, die zur Entwicklung einer PTBS beigetragen haben", sagt die Hauptautorin der Studie, Emma Facer-Irwin. Die Wissenschaftlerin am KCL ist auch als klinische Psychologin bei der britischen Gesundheitsbehörde mit den Schwerpunkten Trauma und PTBS tätig.

Je mehr traumatische Ereignisse eine Person im Laufe ihres Lebens erlebe, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt, erklärt Facer-Irwin im DW-Gespräch. Aber: "Wenn man bedenkt, dass es sich hier um die Zivilbevölkerung handelt, nicht um Militärangehörige oder ausschließlich um Vertriebene oder Flüchtlinge, dann können wir schon vermuten, dass der Krieg ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung und Verbreitung von PTBS ist."

Gemeinschaft kann Traumata lindern

Viele Menschen in der Ukraine seien täglich der Bedrohung durch Beschuss, Vertreibung, Trauer und Ungewissheit ausgesetzt, betont Studienleiterin MacManus. "Trotz dieser Umstände gelingt es vielen weiterhin, unter außerordentlich schwierigen Bedingungen zu funktionieren und sich anzupassen."

So berichteten zwar viele Menschen von traumatischen Erlebnissen, aber nicht alle von ihnen entwickelten anhaltende Belastungsstörungen, so Facer-Irwin. "Das sagt uns, dass zwei Drittel der Bevölkerung traumatische Ereignisse anders verarbeiten."

Möglicherweise spiele dabei auch das starke ukrainische Nationalbewusstsein eine Rolle, meint die Psychologin: "Dieses Gefühl einer starken kollektiven Kultur, in der man gemeinsam gegen die Invasion vorgeht." Die Forschung zeige, dass das Gefühl, sozial aufgefangen und verbunden zu sein, vor Posttraumatischen Belastungsstörungen schützen kann.

"Deshalb geht es auch darum, unterstützende Umgebungen zu schaffen. Viele Menschen leben in Situationen, denen sie aufgrund des andauernden Krieges nicht einfach entfliehen können. Wir brauchen also PTBS-Traumatherapien, aber auch soziale Hilfsangebote, die einer größeren Bevölkerungsgruppe angeboten werden können."

Einen solchen Ansatz verfolgt das Rehabilitationszentrum von Ärzte ohne Grenzen im ukrainischen Winnyzja. "Wenn Menschen zu uns kommen, sind Stabilisierung und Ressourcenaufbau der erste Schritt", erklärt Ruslana Lutsyk-Andrushko. Erst wenn sich die Menschen besser fühlten, könnten die traumatischen Erinnerungen bearbeitet werden. In einer dritten Phase folge dann die Reintegration der gewonnenen Erfahrungen.

"Dieser Plan zielt darauf ab, Selbsthilfe zu vermitteln, also was man in einer Stresssituation tun kann. Nach dem Aufenthalt im Zentrum verfügen die Betroffenen dann über eine Art Erste-Hilfe-Set, das sie für sich selbst, ihre Kinder, ihre Freunde und in schwierigen Situationen nutzen können."

Ausmaß an Traumatisierung in der Ukraine noch nicht absehbar

Derzeit verstärkt Russland seine Angriffe auf die Ukraine, und das belaste die psychische Gesundheit vieler Ukrainerinnen und Ukrainer, berichtet Lutsyk-Andrushko. "Wenn ein Mensch unter Stress lebt und keine Hoffnung auf Besserung sieht, dann ist das natürlich zermürbend. Die Menschen brauchen Zuversicht, Vertrauen in eine bessere Zukunft."

Und so sei ihre Studie vor allem eine Momentaufnahme, sagt Psychologin Facer-Irwin. Die gesamten Auswirkungen des Krieges auf die psychische Gesundheit ließen sich noch gar nicht abschätzen. "Die langfristigen Folgen werden vermutlich erst deutlich, wenn die Menschen die Möglichkeit hatten, sich in Sicherheit zu bringen und sich vollständig vom Krieg zu erholen."

Author Jeannette Cwienk, Julia Vergin
Item URL https://www.dw.com/de/ptbs-in-der-ukraine-wie-der-krieg-die-psyche-belastet/a-79488108?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/68630377_607.jpg
Image caption Zuflucht in einer U-Bahnstation in Kiew: Viele Menschen in der Ukraine leben unter ständiger Bedrohung
Image source Alina Smutko/REUTERS
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Item 37
Id 79476933
Date 2026-09-30
Title US-Satiriker macht Druck im Cornell-Vergewaltigungsfall
Short title US-Satiriker macht Druck im Cornell-Vergewaltigungsfall
Teaser Eine Klage wegen mutmaßlicher sexueller Gewalt an der Cornell-Universität löst in den USA eine landesweite Debatte aus. Angeheizt wird sie von einer Website, die die sieben Beschuldigten öffentlich identifiziert.
Short teaser Eine Klage wegen mutmaßlicher sexueller Gewalt an der Cornell-Universität sorgt in den USA für Debatten.
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Der Satiriker und Drehbuchautor Toby Morton, der mehrere Folgen der Animationsserie "South Park" schrieb, hat eine Website veröffentlicht, die sich mit einem mutmaßlichen Fall sexueller Gewalt an der Cornell University befasst. Auf der Seite werden die Namen von sieben Studenten einer Studentenverbindung veröffentlicht, denen vorgeworfen wird, im Jahr 2024 eine 20-jährige Frau sexuell missbraucht zu haben. Den Vorwürfen zufolge soll die Frau nach der Verabreichung von Alkohol und Drogen bewusstlos gewesen sein. Die Website sammelt zudem Fotos und persönliche Informationen über die beschuldigten Männer.

"Ich habe Nachrichten erhalten, die mich darauf hinweisen, dass ich kein Journalist bin, sondern nur ein Satiriker“, schrieb Toby Morton am 27. September auf Instagram über seine Website TheCornell7.org. "Das stimmt, aber genau das macht mich umso gefährlicher“, ergänzte er, denn er habe niemanden, der ihm sagt, dass er "zu weit gegangen" sei.

Der Fall hat zuletzt verstärkte öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen, nachdem die Klägerin, die zum Schutz ihrer Identität als "Jane Doe" bezeichnet wird, Mitte September Klage eingereicht hatte. Darin wirft sie sieben Mitgliedern der Studentenverbindung "Chi Phi" vor, sie im Jahr 2024 auf dem Campus der Cornell University in Ithaca im US-Bundesstaat New York sexuell missbraucht zu haben. Nach ihren Angaben sei sie zuvor unter Druck gesetzt worden, Ketamin zu konsumieren, Marihuana zu rauchen und Alkohol zu trinken. Die mutmaßlichen Übergriffe sollen erfolgt sein, während sie bewusstlos gewesen sei. Zudem wirft die Klägerin der Universität vor, sie nicht ausreichend geschützt zu haben. Zwar leitete Cornell nach dem Vorfall eine interne Untersuchung ein, strafrechtliche Anklagen wurden jedoch gegen niemanden erhoben.

Cornell-Fall wird neu aufgerollt

Seit Einreichung der Klage am 16. September hat der Fall in den sozialen Medien eine breite Debatte ausgelöst. Während einige Nutzende Kritik an der Cornell University und der Staatsanwaltschaft des Tompkins County äußern, stellen andere die Vorwürfe infrage.

Matthew Van Houten, Staatsanwalt des Tompkins County, erklärte, seine Behörde habe die Ermittlungen wieder aufgenommen. Angesichts öffentlicher Nachfragen, weshalb damals keine strafrechtlichen Anklagen erhoben worden waren, solle das Beweismaterial nun einer "Grand Jury" vorgelegt werden - ein Bürgergremium im US-Rechtssystem, das feststellen soll, ob ein hinreichender Tatverdacht vorliegt.

Es sei durchaus möglich, dass strafrechtliche Anklagen erhoben würden, so Van Houten, Allerdings unterschieden sich die in der Zivilklage erhobenen Vorwürfe erheblich von den Angaben, die die Frau zwei Jahre zuvor bei der Polizei gemacht habe. Sie habe damals weder angegeben, ohne ihr Wissen unter Drogen gesetzt worden zu sein, noch erklärt, den sexuellen Handlungen nicht zugestimmt zu haben. Er räumte aber ein, dass Opfer sexueller Übergriffe oftmals "Jahre der Therapie und Heilung" bräuchten, ehe sie das Erlebte vollständig verarbeiten und verstehen können.

Forderung nach Gerechtigkeit

Die Ortsgruppe der Studentenverbindung "Chi Phi" wurde nach dem mutmaßlichen Vorfall im Jahr 2024 vom Campus der Cornell University ausgeschlossen. Die Klägerin brach ihr Studium an der Universität nach Angaben ihres Anwalts zudem ab.

Zu den schwerwiegendsten Vorwürfen der Klage gehört, dass morgens um 1:42 Uhr eine Nachricht an eine Snapchat-Gruppe der Verbindung verschickt worden sein soll, in der Mitglieder aufgefordert wurden, in das Zimmer zu kommen, in dem sich die Klägerin unter erheblichem Einfluss von Alkohol und Drogen befunden habe, mit Ziel, sie sexuell zu missbrauchen. Der Klage zufolge betraten daraufhin weitere Männer den Raum; die mutmaßlichen Übergriffe sollen sich über mehrere Stunden erstreckt haben, bis die Frau das Bewusstsein verlor.

"Es gab so viele Menschen, die das hätten verhindern können, und sie haben es nicht getan. So etwas habe ich noch nie erlebt", sagte der Anwalt der Klägerin, Thomas Giuffra, dem Sender CBS. Giuffra verwies darauf, dass zwei der sieben beschuldigten Verbindungsmitglieder von der Universität verwiesen worden seien, während die übrigen lediglich mildere Disziplinarmaßnahmen erhalten hätten. "Keiner dieser Männer wurde festgenommen", sagte er dem Sender.

Politik und Prominente äußern sich

Der Fall sorgt inzwischen weit über die Universität hinaus für Aufmerksamkeit. Die demokratische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez verurteilte, was sie als eine von elitären Institutionen geschützte "Vergewaltigungskultur" bezeichnete. "Diese Männer haben darüber in einem Gruppenchat geschrieben. Das bedeutet, dass ein solches Verhalten für sie normal war. Es bedeutet, dass es für sie akzeptabel war. Das ist eine Kultur. Wir müssen verstehen, dass wir solche Räume nicht länger schützen dürfen", so Ocasio-Cortez auf einer Veranstaltung in der Nähe der Cornell University.

Die britische Schauspielerin Florence Pugh bezeichnete die Vorwürfe in den sozialen Medien als "grauenhaft" und sprach der betroffenen Frau ihre Unterstützung aus. Pugh, die derzeit auch ihre neue Netflix-Serie "East of Eden" bewirbt, veröffentlichte auf Instagram eine längere Stellungnahme. Darin schrieb sie: "Colleges, Schulen und Universitäten lassen Frauen weltweit immer wieder im Stich. Ihr bringt Männer hervor, denen immer wieder vermittelt wird, dass sie anderen schweren Schaden zufügen können, ohne selbst Konsequenzen befürchten zu müssen."

"Diejenigen, die Männer schützen, die vergewaltigen und Leben zerstören, und die ihnen nur milde Strafen auferlegen, sollten zur Rechenschaft gezogen und genau unter die Lupe genommen werden. Warum setzt ihr alles daran, solche Menschen zu schützen?", so Pugh.

Auch der US-Schauspieler Josh Gad, der vor allem als Stimme von Olaf aus den Disney-Filmen "Die Eiskönigin" bekannt ist, äußerte sich zu dem Fall an der Cornell University. Er kritisierte, dass es unzureichende disziplinarische Konsequenzen für die Studenten gegeben habe, denen sexuelle Gewalt vorgeworfen wird. In einem Instagram-Beitrag schrieb Gad, sexuelle Gewalt dürfe weder als bloßer Fehler abgetan noch mit begrenzten Disziplinarmaßnahmen einer Universität geahndet werden. Das mutmaßliche Verhalten habe "ein Leben zerstört", so Gad. Zugleich forderte er, die Verantwortlichen stärker zur Rechenschaft zu ziehen.

Adaption aus dem Englischen: Petra Lambeck

Author Sarah Hucal
Item URL https://www.dw.com/de/us-satiriker-macht-druck-im-cornell-vergewaltigungsfall/a-79476933?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Die Studentenverbindung "Chi Phi" wurde 2024 vom Campus der Cornell University verbannt
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Item 38
Id 79474208
Date 2026-09-30
Title Rettet alkoholfreier Wein die Branche?
Teaser Alkoholfreier Wein ist nach wie vor ein Nischenprodukt, verzeichnet jedoch ein rasantes Wachstum. In Österreich produziert ein Familienweingut mittlerweile mehr alkoholfreien Wein als Wein mit Alkohol.
Full text

Alkoholfreier Wein entwickelt sich immer stärker zu einem Wachstumstreiber der internationalen Weinbranche. Während der Alkoholkonsum in vielen Ländern zurückgeht, steigt die Nachfrage nach hochwertigen Alternativen. Ein familiengeführtes Weingut im österreichischen Burgenland hat diesen Trend früh erkannt und seinen alkoholfreien Wein innerhalb weniger Jahre zu einem globalen Erfolg gemacht. Heute werden die Produkte bereits in Dutzenden Ländern verkauft.

Doch wie entsteht alkoholfreier Wein überhaupt, welche Herausforderungen bringt die Herstellung mit sich und warum interessieren sich selbst traditionelle Weinmärkte wie Frankreich zunehmend für die neuen Produkte? Zwischen Innovation, veränderten Konsumgewohnheiten und neuen Exportchancen zeigt sich, wie stark sich die Weinindustrie im Wandel befindet.

Author Tessa Walther
Item URL https://www.dw.com/de/rettet-alkoholfreier-wein-die-branche/video-79474208?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Item 39
Id 79458944
Date 2026-09-30
Title Manipulationsskandal am Finanzmarkt hält Türkei in Atem - fünf Fragen, fünf Antworten
Short title Manipulationsskandal an der Börse hält Türkei in Atem
Teaser Fast eine halbe Million Anleger sind betroffen, es gab Festnahmen und eine Politikerin der Regierungspartei trat zurück: Was steckt hinter der Manipulationsskandal in der Türkei?
Short teaser Fast eine halbe Millionen Geschädigte, Festnahmen, ein Rücktritt: Was steckt hinter dem Manipulationsskandal?
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Wer in der Türkei sein Geld anlegt, will vor allem eines: dass es seinen Wert behält. Das ist angesichts einer Inflation von rund 30 Prozent gar nicht so leicht. Viele Menschen, die ohnehin mit den Folgen der Wirtschaftskrise kämpfen, kaufen deshalb Gold, Devisen oder Aktien, und immer öfter auch Fondsanteile, die hohe Renditen versprechen.

Doch der Aktienmarkt ist für viele Türken zur Falle geworden. Mitte September stürzte der Leitindex BIST 100 an einem einzigen Tag um sechs Prozent ab und verlor binnen weniger Handelstage rund 12 Prozent.

Auslöser für diesen Kurssturz war ein handfester Manipulationsskandal. Rund 455.000 Anleger sind betroffen, mehr als 45 Personen wurden festgenommen, eine hochrangige Politikerin der Regierungspartei AKP ist zurückgetreten.

Vier Fragen zu einem Skandal, der das Land in Atem hält.

Was ist passiert?

Es begann damit, dass einige Anbieter von Investitionsfonds Schwierigkeiten hatten, Rückzahlungen an Investoren fristgerecht zu leisten. Betroffen waren unter anderem Fonds der Gesellschaften Pusula Portföy und Tera. Allein in zwei Tera-Fonds steckten rund 6,5 Milliarden Euro Vermögen.

Dann schritt die Finanzmarktaufsicht SPK ein und schloss die Fonds von sieben Vermögensverwaltern, darunter Tera, Pusula und Atlas. Insgesamt sollen laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu 131 Fonds liquidiert werden.

Die Istanbuler Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen Betrugs, Verstößen gegen das Kapitalmarktgesetz und Gründung einer kriminellen Vereinigung, teilte Justizminister Akin Gürlek mit.

Der Verdacht: Die Fondsgesellschaften sollen den Wert ihrer Fonds künstlich aufgebläht haben, während in Wahrheit wertlose "Schrottaktien" in ihren Fonds steckten.

Unter den bisher 45 Verhafteten sind auch Führungskräfte von Investmentfirmen. Zudem wurde das Vermögen von 42 Personen und 46 juristischen Personen eingefroren, so Gürlek auf dem Kurznachrichtendienst X.

Auch die Börse in Istanbul zieht Konsequenzen: 27 Aktien fliegen zum 1. Oktober aus dem Leitindex BIST 100.

Bekommen die Anleger ihr Geld zurück?

Die Fonds werden liquidiert: Ihre Vermögenswerte werden verkauft und der Erlös wird im Verhältnis der Fondsanteile an die Anleger verteilt. Die Frist dafür wurde von zunächst drei auf sechs Monate verlängert. Laut Aysel Gündoğdu, einer selbstständigen Finanzberaterin in Istanbul, soll das den Verkaufsdruck senken, damit Aktien nicht zu Schleuderpreisen verkauft werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Abwicklung jedes Fonds sechs Monate dauert. Je nach Marktlage kann sie auch schneller abgeschlossen sein.

Eine Garantie gibt es nicht. Ein Investmentfonds ist kein Sparkonto, sein Wertverlust trifft den Anleger. Gündoğdu erwartet, dass Geldmarktfonds weitgehend ausgezahlt werden. Bei Hedge- und Aktienfonds mit kaum handelbaren "Schrottaktien" könnte es dagegen schwieriger werden.

Dabei muss man Marktverluste und Schäden durch mögliche Unregelmäßigkeiten trennen.

Die Ökonomin und Kolumnistin Güldem Atabay betont, man müsse unterscheiden zwischen Kursverlusten und Manipulation: Anleger tragen das Marktrisiko, aber falsche Informationen, künstlich aufgeblähte Kurse oder fehlende Kontrolle müssen sie nicht hinnehmen.

Haften Fondsgesellschaft und Manager für den Schaden?

Wird ein Fonds geschlossen oder abgewickelt, können die Aktien und andere Wertpapiere im Portfolio verkauft werden. Die Frage ist, wie viel sie wert sind und wie leicht sie sich verkaufen lassen.

Finanzexpertin Gündoğdu glaubt, dass das Fondsvermögen die Forderungen der Anleger nicht deckt. Zudem habe es strukturelle Versäumnisse gegeben. "Die Krise ist weit größer als eine einfache Liquiditätskrise. Es gibt Fehler in Verwaltung und Aufsicht."

Sie hält es daher für möglich, dass auch das Vermögen der Fondsgründer und -manager herangezogen werden kann, um den Fehlbetrag zu auszugleichen.

Ökonomin Atabay fordert, die Verantwortlichen zu benennen und den Schaden bei ihnen einzutreiben. Nach der Liquidation der Fonds müsse geklärt werden, wer für mögliche Rechtsverstöße verantwortlich ist. "Die Liquidation ersetzt keine Rechenschaft", so Atabay.

Was hat die Krise politisch gekostet?

Die Krise hat in der regierenden Partei AKP bereits zum Rücktritt einer hochrangigen Politikerin geführt. Fatma Betül Sayan Kaya, stellvertretende Parteivorsitzende und frühere Familienministerin, bat Präsident und Parteichef Erdoğan, "sie von allen Ämtern zu entbinden." Dies ist seit Jahren ein oftmals benutzter Begriff in der AKP, wenn jemand zum Rücktritt gezwungen wird.

Hintergrund sind Vorwürfe zu Aktiengeschäften von ihr und ihrem Mann İlyas Kaya im Zusammenhang mit der Fondskrise. Politische Verantwortung, schrieb sie auf Social Media, gehe über rechtliche hinaus. Ihr Amt solle die Aufklärung nicht belasten.

Die Opposition will das Thema nun ins Parlament tragen. Selçuk Özdağ, Fraktionsvize der Gruppe Yeni Yol, kündigte an, sobald das Parlament wieder tagt, einen Antrag auf eine parlamentarische Untersuchung zu stellen. Sie soll klären, ob Politiker in den Manipulationsskandal verwickelt sind.

Author Burak Ünveren, Pelin Ünker
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Image caption Fast eine halbe Million türkische Investoren sind vom Manipulationsskandal betroffen
Image source Yasin Aras/Anadolu Agency/picture alliance
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Item 40
Id 79482790
Date 2026-09-30
Title KI: Trump setzt auf Selbstkontrolle durch Tech-Unternehmer
Short title KI: Trump setzt auf Selbstkontrolle durch Tech-Unternehmer
Teaser Mehrfach hatten KI-Unternehmen in letzter Zeit besorgniserregende Zwischenfälle bei neu entwickelter Künstlicher Intelligenz gemeldet. Trotzdem will US-Präsident Donald Trump die Aufsicht den Entwicklern überlassen.
Short teaser Trotz besorgniserregender Zwischenfälle: Der US-Präsident will die Aufsicht über die KI den Entwicklern überlassen.
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Die USA setzen bei Künstlicher Intelligenz weiter auf freiwillige Selbstkontrolle statt auf gesetzliche Vorschriften: Präsident Donald Trump will trotz Warnungen vor existenziellen Risiken die Aufsicht über die Technologie ihren Entwicklern überlassen. Die Unternehmen würden sich selber kontrollieren, sagte Trump nach einem Treffen mit Chefs von KI-Unternehmen in der Hauptstadt Washington.

Der 80-Jährige sieht ausreichenden Schutz durch wirtschaftliche Interessen der US-Firmen. "Ihre Unternehmen stehen auf dem Spiel, wenn etwas schiefgeht", sagte der Präsident. "Sie werden das nicht zulassen", gab sich Trump nach dem Treffen überzeugt.

Seine Ablehnung für gesetzliche KI-Vorschriften begründete er erneut mit dem technologischen Vorsprung der USA vor China. "Wir führen, und das wollen wir beibehalten", sagte der Republikaner.

Trump kündigte zudem ein Dekret zur Umbenennung von KI in "Superintelligenz" an. Und er lobte die Manager bei dem Treffen als "die brillantesten Leute der Welt".

Neben dem US-Präsidenten saßen dabei sein früherer Berater, der Tech-Milliardär Elon Musk, und der Vorsitzende des Chipkonzerns Nvidia, Jensen Huang. Zu den rund zwei Dutzend Tech-Vertretern zählten zudem Mark Zuckerberg von Meta, Dario Amodei von Anthropic, Jeff Bezos von Amazon und OpenAI-Präsident Greg Brockman.

Anthropic-Chef: "Sehr reale Risiken"

Zuletzt hatten eigenständige Hacking-Attacken durch KI-Modelle weltweit die Sorgen um Gefahren Künstlicher Intelligenz erhöht: KI-Anwendungen von OpenAI und Anthropic waren unkontrolliert in fremde IT-Systeme eingedrungen. Auch Regierungswebsites in Australien waren Ziel von solchen KI-Attacken.

Zudem hält OpenAI sein neuestes Modell "GPT-6.1 Astra" wegen Sicherheitsmängeln vorerst unter Verschluss. Das Modell habe sich über Anweisungen hinweggesetzt und Nutzer getäuscht, teilte das US-Unternehmen mit.

Experten warnten vor einem Kontrollverlust bei der Entwicklung immer leistungsfähigerer Systeme. Einige Branchenvertreter selbst skizzierten sogar Weltuntergangsszenarien: Man könne nicht ganz ausschließen, dass KI in der Zukunft die Menschheit auslösche.

Anthropic-Chef Amodei hatte sich dafür ausgesprochen, die Entwicklung der leistungsfähigsten KI-Modelle abzubremsen, um sicherzugehen, dass man nicht die Kontrolle über die Technologie verliert. Nach dem Termin mit dem US-Präsidenten im Weißen Haus sagte Amodei, KI habe großes Potenzial - "aber auch sehr reale Risiken". Maßnahmen, um diesen Risiken entgegenzuwirken, seien "noch in der Diskussion".

Freiwillige Selbstverpflichtung

Bei dem Treffen in Washington wurde in einer Selbstverpflichtung eine Reihe von Grundsätzen vereinbart. Dazu sollen "robuste interne Kontrollen" gehören, wie aus dem von Trump veröffentlichten Dokument hervorgeht. Dies solle unter anderem Biowaffen- und Chemiewaffen-Risiken ausräumen - und auch dafür sorgen, dass es keine Hacking-Attacken gebe.

Darüber hinaus erklärten sich die Unternehmen bereit, externe Beobachter zuzulassen. Das entspricht einer Idee, die Anthropic-Chef Amodei vor einigen Wochen vorgestellt hatte. Ein Vorschlag, der unter anderem von seinem Konkurrenten Sam Altman beim ChatGPT-Entwickler OpenAI sowie Elon Musk unterstützt wurde.

Die Verwaltungsräte der KI-Firmen sollen zudem gesonderte unabhängige Gremien einrichten, die interne und externe Berichte prüfen. "Mit der Zeit könnte es sinnvoll sein, diese Schritte in Gesetzen oder Regeln festzuhalten", heißt es zudem in dem Dokument.

Sorgen in der US-Bevölkerung

Das KI-Treffen mit angestoßen hatte der Vorsitzende des Repräsentantenhauses, der Republikaner und Trump-Vertraute Mike Johnson. Er sprach sich für ein Minimum an Regulierung aus: "Ich denke, ein bisschen Kontrolle, ein bisschen Transparenz, ein bisschen externe Prüfung würde vielen Menschen die Nervosität nehmen", sagte Johnson dem Sender CNBC.

Laut einer aktuellen Umfrage für den Sender CNN sind 82 Prozent der US-Bürgerinnen und -bürger "beunruhigt" über das rasante Tempo der KI-Entwicklung. Demnach sind 87 Prozent zudem besorgt über den Bau der dafür nötigen Rechenzentren, die viel Strom für ihre Server und Wasser zur Kühlung verbrauchen.

Trump spielte die Bedenken erneut herunter. Die Rechenzentren würden bald "sehr beliebt" sein, da die umliegenden Gemeinden "sehr reich" würden, sagte er. Selbst in republikanisch regierten US-Bundesstaaten gibt es allerdings erheblichen Widerstand, da die Datenfabriken laut Kritikern die örtlichen Energie- und Wasserpreise weiter in die Höhe treiben.

AR/pgr (dpa, rtr, afp)

Redaktionsschluss 17.30 Uhr (MESZ). Dieser Artikel wird nicht weiter aktualisiert!

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Image caption US-Präsident Trump nach dem KI-Treffen: "Wir führen, und das wollen wir beibehalten"
Image source Andrew Leyden/NurPhoto/picture alliance
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Item 41
Id 79473659
Date 2026-09-30
Title Beethovenfest Bonn: Martha Bijlsma arbeitet NS-Verfolgungsgeschichte ihrer Familie mit Musik auf.
Short title "Sprich nicht über den Krieg!" - Das lange Schweigen brechen
Teaser Was macht man, wenn man nach langer Zeit erfährt, dass die eigene jüdische Großmutter Opfer der Nationalsozialisten war? Die Cellistin Martha Bijlsma durchbricht das Schweigen in einer ergreifenden Perfomance.
Short teaser Nicht nur Täter, auch Opfer haben nach der NS-Zeit geschwiegen. Die Cellistin Martha Bijlsma gibt ihrer Oma eine Stimme.
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Im Frühjahr 2026 hat das US-Nationalarchiv Millionen NSDAP-Mitgliedsausweise zur Ansicht freigegeben. Seitdem ist die Nachfrage in Deutschland groß. Das Archivmaterial ist online zugänglich und jeder kann einsehen, wer aus der Familie bis 1945 Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) war. Oft haben Täter ihre Vergangenheit - gerade auch im Zusammenhang mit der Judenverfolgung - verschwiegen oder beschönigt.

"Ich denke, es ist gut, wenn die Leute danach suchen, auch wenn keine gute Geschichte dabei rauskommt", sagt die niederländische Cellistin Martha Bijlsma der DW. Es sei für die Nachkommen oft schwierig und mit Scham behaftet, sich damit zu beschäftigen, dass ihre Verwandten Nazis waren. Doch allmählich würden immer mehr darüber reden und versuchen zu verstehen, was damals passiert ist.

Auf den Spuren der eigenen Geschichte

Als Fellow beim Beethovenfest Bonn hat Martha Bijlsma eine Bühnenperformance mit dem Titel "Don't Mention the War" konzipiert, um mit Videos, Musik, Texten und Interviewausschnitten die NS-Verfolgungsgeschichte ihrer eigenen jüdischen Familie darzustellen. Denn es sind nicht nur Täter, die nach dem zweiten Weltkrieg geschwiegen haben, sondern auch viele Opfer.

Sechs Millionen Juden hat Adolf Hitler umbringen lassen, unter anderem in den Konzentrationslagern (KZ), wo viele von ihnen mit Giftgas getötet wurden. Und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in den annektierten Nachbarstaaten, wie etwa in Polen oder in den Niederlanden. Dort war auch Martha Bijlsmas Großmutter, die im Mittelpunkt ihrer Performance steht, inhaftiert. Sie hat das KZ überlebt, aber nie darüber gesprochen.

Martha Bijlsma hat die Geschichte ihrer Oma erst viel später erfahren. "Wir wussten eigentlich nichts über ihre Vergangenheit, was sie im Krieg gemacht hat und schon gar nichts über die Konzentrationslager." Die Großmutter Louise hat sie als eine gutgekleidete vornehme Dame mit Sonnenbrille in Erinnerung. "Ich war 16 Jahre alt, als sie gestorben ist. Ich hatte keine Chance mehr, sie zu ihrer Vergangenheit zu befragen."

Licht ins Dunkel der NS-Vergangenheit bringen

Ihr Großonkel Richard dagegen - ein Bruder von Louise – hat sich in einem Interview öffentlich zu seinen persönlichen Erlebnissen im Holocaust geäußert. Seine Aussagen und ein privates Familienbuch haben Martha Bijlsma auf die Spur gebracht. Warum ihre Großmutter über die Gräueltaten, die sie in den Konzentrationslagern erlebte, geschwiegen hat, kann Martha Bijlsma nur ahnen. "Sie war wahrscheinlich tief traumatisiert. Es war ihre Art, ein Leben danach zu leben. Einfach nicht mehr darüber sprechen, um zu vergessen und zu funktionieren."

Oma Louise und vier weitere Geschwister wurden im KZ für arbeitstauglich befunden und kamen als Zwangsarbeiter bei dem niederländischen Elektrohersteller Philips unter, um dort Radios herzustellen und zu reparieren. "Philips hat wohl versucht, bestimmten Menschen zu helfen und sie zu schützen. Das ist tatsächlich der Grund, warum sie überlebt haben", sagt Martha Bijlsma.

Das Opfer-Trauma in Wort und Musik

Die Radios stehen symbolisch auf der Bühne manchmal kommen verzerrte Geräusche aus ihren Lautsprechern. Den Familienstammbaum und den Besuch in einem Konzentrationslager projiziert sie auf Videoleinwände, sowie die "Stolpersteine", die auf dem Gehweg an die Vertriebenen erinnern. Ausschnitte aus Interviews, die Martha mit ihren Verwandten geführt und aufgezeichnet hat, erklingen parallel.

Was die Worte nicht sagen können, erzählt die Musik. Bijlsmas Cello wird von Geige, Akkordeon und Elektrosounds begleitet. Stücke, die die Oma gerne gehört hat, oder die zur Vergangenheit passen. So etwa das Stück "Pianissimo" für Violoncello solo von dem lettischen Komponisten Pēteris Vasks, das symbolisch für das Schweigen der Großmutter steht. "Es ist das erste Mal, dass ich so etwas Persönliches mache, das mir so nahe geht. Ich beschäftige mich noch immer sehr intensiv damit." Martha Bijlsma will herausfinden, was ein Trauma mit einem Menschen macht und wie es sich innerhalb der Familie auf die nachfolgenden Generationen übertragen hat.

Die dritte Generation will Geheimnisse lüften

Gerade in der dritten und vierten Generation sei das Interesse groß, mehr über die Vergangenheit zu erfahren, sagt der Historiker Johannes Spohr im Gespräch mit der DW. Zum einen habe der Ukraine-Krieg das Interesse geweckt, weil die Nationalsozialisten in der Ukraine damals schreckliche Gräueltaten begangen haben. Zum anderen bereite der wachsende Zuspruch für die Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD), die vom Verfassungsschutz in Teilen als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, vielen Menschen Sorgen. "Sie wollen dann prüfen, ob es vielleicht einen Zusammenhang zwischen deren Aufstieg und der nicht aufgearbeiteten NS-Vergangenheit gibt."

Nie wieder: Warum die Vergangenheit so wichtig ist

Für Martha Bijlsma war auch der Anschlag bei einem Musikfestival am 7. Oktober 2023 in Israel durch die Terrororganisation Hamas ein Anstoß. Der anschließende Krieg, den Israel gegen die Hamas führte, wurde vielfach diskutiert und kritisiert, auch in der Familie von Bijlsma. Im Laufe des Krieges stiegen die Zahlen antisemitischer Übergriffe in Deutschland markant an. "In dem Zusammenhang gab es auch in Holland große antisemitische Aktionen, die schon sehr beängstigend waren", erzählt Bijlsma. Um so wichtiger ist es für sie, die Verfolgungsgeschichten der NS-Vergangenheit zu erzählen und zu verarbeiten.

Auch nach dem Projekt beim Beethovenfest will sich Bijlsma weiter mit dem Thema beschäftigen. So fehlen zum Beispiel noch fünf Stolpersteine für Mitglieder der Familie. "Das könnte meine Generation aufgreifen. Ich hoffe, es löst eine Art Kettenreaktion aus, dass die Geschichte weitergeht."

Author Gaby Reucher, Reiner Schild
Item URL https://www.dw.com/de/beethovenfest-bonn-martha-bijlsma-arbeitet-ns-verfolgungsgeschichte-ihrer-familie-mit-musik-auf/a-79473659?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Bühnenperformance "Don’t Mention the War" von der Cellistin Martha Bijlsma (rechts). Begleitet wird sie von Kana Sugimura, Geige, und Nico Gutu, Akkordeon
Image source Gaby Reucher/DW
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/79466698_607.jpg&title=Beethovenfest%20Bonn%3A%20Martha%20Bijlsma%20arbeitet%20NS-Verfolgungsgeschichte%20ihrer%20Familie%20mit%20Musik%20auf.

Item 42
Id 79470843
Date 2026-09-29
Title Oktoberfest München: Bedienungen fordern mehr Respekt
Short title Oktoberfest München: Bedienungen fordern mehr Respekt
Teaser Das Oktoberfest steht weltweit für Bier, Blasmusik und bayerische Tradition. Doch Wiesn-Bedienungen berichten auch von rassistischen und sexistischen Vorfällen - und wehren sich gegen Diskriminierung.
Short teaser Hinter der Wiesn-Gaudi: Servicekräfte berichten von Rassismus und Sexismus - und wehren sich gegen Diskriminierung.
Full text

"Es war eine friedliche erste Woche", resumiert Wiesnchef Christian Scharpf zur Halbzeit des Oktoberfestes. Münchens dritte Bürgermeisterin Verena Dietl lobte die "harmonische und gute Atmosphäre". Und auch die Münchner Polizei zieht eine positive Halbzeitbilanz.

Doch guckt man genauer hin, ist nicht alles rosig auf den Wiesn. Das erleben unter anderem die Mitarbeitenden im Servicebereich. Sie bewegen sich inmitten der feiernden Massen und erleben Situationen, die oft nicht angezeigt werden und deshalb in keiner Statistik auftauchen, die aber dennoch grenzüberschreitend sind. Der Klassiker: sexistische Sprüche in Richtung der Bedienung. Aber auch rassistische und diskriminierende Äußerungen kommen immer wieder vor. Um dem etwas entgegenzusetzen, haben einige der Servicekräfte eine Initiative ins Leben gerufen, in der sie "ein respektvolles Miteinander auf der Wiesn" fordern.

"Seit Jahren beobachten wir, wie Dinge wieder sagbarer werden und plötzlich weniger Widerspruch bekommen", heißt es in einem auf Instagram und TikTok veröffentlichten Video.

Nach Angaben der Initiatorinnen waren neben den eigenen Erfahrungen auf der Wiesn auch die Wahlerfolge der AfD in Sachsen-Anhalt ein Auslöser für die Gründung der Initiative. Sie sehen darin ein Zeichen dafür, dass rechte Positionen zunehmend gesellschaftliche Akzeptanz erfahren. Darum auch der Titel der Initiative: "Bedienungen gegen Rechts".

Sicherheit auf dem Oktoberfest

Der Sprecher der Wiesn-Wirte betonte auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks, dass "die gesamte Wiesn-Familie schon immer jede Art von Diskriminierung, Rassismus und Sexismus auf das Entschiedenste" abgelehnt habe und ablehne. Trotzdem wünschen sich die Mitglieder der Initiative, dass noch mehr getan wird.

An Überwachung scheint es jedenfalls nicht zu mangeln: Das Gelände des Oktoberfestes wird mit 56 polizeilichen Videokameras ausgeleuchtet, rund 600 Polizistinnen und Polizisten und eine vierstellige Zahl von Ordnern sind auf der Wiesn im Einsatz.

Zur Halbzeit registrierte die Polizei rund 470 Straftaten und Ordnungswidrigkeiten, Anzeigen gab es auch wegen Körperverletzung, sexueller Belästigung und Upskirting, also das heimliche Filmen oder Fotografieren unter den Rock.

Die Münchner Wiesn gilt als das größte Volksfest der Welt und zieht jedes Jahr Millionen Besucherinnen und Besucher aus aller Welt an. Zur Halbzeit schätzte die Festleitung die Besucherzahl auf rund 3,8 Millionen. Das Oktoberfest endet am 4. Oktober nach 16 Festtagen.

Author Petra Lambeck (mit dpa), Katharina Abel
Item URL https://www.dw.com/de/oktoberfest-münchen-bedienungen-fordern-mehr-respekt/a-79470843?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/79353130_607.jpg
Image caption Kein leichter Job: Insgesamt arbeiten rund 13.000 Menschen auf dem Münchner Oktoberfest
Image source Matthias Schrader/AP Photo/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/emd/emd20260926_Oktoberfest_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/79353130_607.jpg&title=Oktoberfest%20M%C3%BCnchen%3A%20Bedienungen%20fordern%20mehr%20Respekt

Item 43
Id 79412598
Date 2026-09-29
Title Rechenzentren: Europas harter Weg zur digitalen Souveränität
Short title Rechenzentren: Europas harter Weg zur digitalen Souveränität
Teaser Beim Bau großer Rechenzentren hinkt Europa den USA hinterher. Neue Server sollen die Abhängigkeit verringern. Doch es gibt laute Kritik an den energiehungrigen Anlagen. Mancherorts spitzt sich der Streit zu.
Short teaser Beim Bau großer Rechenzentren hinkt Europa den USA hinterher. Die Sorgen vor Ressourcenknappheit werden größer.
Full text

Mit Rechenzentren verhält es sich nicht viel anders als mit Kohle- oder Windkraftwerken: Die meisten Menschen wollen ihre Leistung nutzen, aber die wenigsten wollen sie direkt vor ihrer Haustür haben. Und so gibt es neben der aktuellen globalen Debatte um die Gefahren von Künstlicher Intelligenz auch häufig eine lokale, wenn irgendwo die physische Infrastruktur dafür entstehen soll.

In Europa sind die Bedenken besonders groß. Auf dem Kontinent entstehen gerade zahlreiche Rechenzentren, weil viele Regierungen und Unternehmen ihre Daten lieber in Europa als beim Rechenleistungs-Weltmarktführer USA lagern wollen. Doch die digitale Souveränität hat den Preis, dass auch verstärkt europäische Ressourcen verbraucht werden.

Wie sehr das Thema die Gemüter erhitzt, zeigte sich vor wenigen Tagen in London, als der australische Design-Dienstleister Canva ein neues KI-Tool vorstellte. Von der Präsentation ging ein Video viral, das nicht etwa die neuen KI-Produkte zeigt, sondern eine Aktivistin, die in Richtung der Bühne ruft: "Ihr sagt, dass eure Produkte für die Menschen sind, aber die Menschen haben Angst vor ihnen. Sie haben Angst, wenn zwei Dritteln des Landes wegen 500 angeschlossener Rechenzentren Dürren drohen." Der Vorwurf bezieht sich vermutlich auf eine Analyse des "Guardian", wonach die meisten geplanten KI-Rechenzentren in den USA trotz ihres Wasserverbrauchs in Gebieten mit hoher Dürregefahr gebaut werden sollen. Im Video sagt sie noch weitere Sätze, bevor eine Ordnerin sie aus dem Saal eskortiert.

Große Sorgen vor Strom- und Wassermangel

Einer DW-Analyse zufolge stößt das Thema seit einigen Monaten verstärkt auf Interesse in den Sozialen Medien: Im Juli wurden Videos über Rechenzentren weltweit gut 70 Millionen Mal angesehen. Zuletzt kamen rund 40 Prozent der globalen Klicks aus Europa - wo allerdings nur rund neun Prozent der Weltbevölkerung leben.

Über den heißen und trockenen europäischen Sommer ist der Ressourcenverbrauch maßgeblich ins Zentrum der Debatte gerückt. In Deutschland kommen laut einem Register des Bundeswirtschaftsministeriums auf jede verbrauchte Kilowattstunde Strom durchschnittlich zwischen 0,4 und 4,4 Liter Wasser, das zur Kühlung der Anlagen verdunstet oder erwärmt in ein Gewässer zurückgeleitet wird. In Europa war der gerade zu Ende gegangene Sommer der heißeste aller Zeiten - und örtlich musste die Wasserentnahme für Anwohner, Landwirtschaft und sogar Atomkraftwerke eingeschränkt werden.

Und auch vor dem hohen Stromverbrauch der Rechenzentren sorgen sich viele Menschen in Europa. Der finnische Netzbetreiber Finngrid veröffentlichte kürzlich eine Prognose, wonach der Stromverbrauch in dem skandinavischen Land gegenüber 2025 um fast 40 Prozent steigen könnte, sollten alle derzeit genehmigten neuen Netzanschlüsse für Rechenzentren realisiert werden.

Weil die Rechenleistung selbst oft schwierig zu vergleichen ist, wird die Größe von Datenzentren häufig mit der maximalen Stromzufuhr in Kilo- oder Megawatt angegeben. Wieviel Strom tatsächlich verbraucht wird, hängt von der Auslastung der Einheiten ab.

Die EU-Kommission gab in dieser Woche bekannt, wie künftig der Wasser- und Energieverbrauch offengelegt werden soll: Rechenzentren mit mehr als 500 KW Leistung sollen künftig ein Siegel erhalten, das auch Energieeffizienzmaßnahmen wie geschlossene Kühlkreisläufe oder die Weiterverwendung von Abwärme berücksichtigt. "Wenn wir unsere Rechenkapazität verdreifachen, darf das nicht bedeuten, dass wir auch den Druck auf unsere Stromnetze, unsere Wasserversorgung und unsere Energierechnungen verdreifachen", sagte EU-Kommissionsvize Teresa Ribera.

Proteste in Österreich und Irland, Rücktritte in Frankreich

In der Vergangenheit sind die leistungsfähigsten Rechenzentren in Europa vor allem nahe der großen Knotenpunkte entstanden, an denen die Hauptverbindungen der physischen Internet-Infrastruktur zusammenlaufen. Diese stehen unter anderem bei Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin - weshalb in der Branche das Akronym FLAP-D geläufig ist.

Einer Analyse der Investment-Unternehmensgruppe CBRE zufolge wandelt sich dieses Bild jedoch: Im zweiten Quartal 2026 entfielen 55 Prozent der neu vereinbarten Rechenzentrums-Kapazitäten auf Standorte außerhalb von FLAP-D, etwa auf die niederländische Stadt Groningen, Belgiens Hauptstadt Brüssel oder die spanische Metropole Barcelona.

Doch auch fernab der Ballungszentren entstehen zunehmend Rechenzentren - und online wie offline formieren sich regelmäßig Proteste. Die inzwischen weit fortgeschrittenen Pläne von Google, ein Rechenzentrum im kleinen österreichischen Ort Kronstorf zu errichten, riefen mehrere hundert Demonstranten auf den Plan. Und in Irland machte die Bestsellerautorin Sally Rooney so lange gegen ein geplantes Rechenzentrum im Dörfchen Killala mobil, bis die nationalen Behörden ihre Genehmigung mit Verweis auf die irischen Klimaziele zurückzogen.

Im zentralfranzösischen Dorf Etrechet schreiten jedoch die Vorbereitungen für ein Google-Großprojekt mit einer Nennleistung von 800 MW bis 1,1 GW weiter voran - was bei Vollauslastung in etwa der Stromproduktion eines Atomkraftwerks entspricht. Aus diesem Grund sind innerhalb weniger Tage die erst frisch gewählte Bürgermeisterin, drei Beigeordnete und eine Gemeinderätin zurückgetreten. Bürgermeisterin Florence Laurent beklagte, machtlos zu sein gegen die Pläne in ihrer eigenen Kommune.

Wie Europas Rechenzentren ressourcenschonender werden können

Doch es gibt auch Rechenzentren in Europa, die Vorbild für andere sein könnten, weil sie Ressourcen schonen. So entsteht an einem zentralen Internet-Knoten in Marseille gerade ein großes KI-Rechenzentrum, das zur Kühlung einen geschlossenen Wasserkreislauf verwendet und darüber auch den Energiebedarf der Kühlung um 30 Prozent senken soll.

Andere Projekte gehen noch weiter: Insbesondere in Skandinavien, aber auch etwa in Dublin, Frankfurt und Berlin wird die Abwärme der Server in lokale Nah- oder Fernwärmenetze eingespeist. So heizen die Rechenzentren jeweils hunderte Wohnungen und verbessern darüber nicht nur ihre Energiebilanz. Der deutsche Stromkonzern Eon veröffentlichte im Frühjahr die Ergebnisse einer Befragung, wonach fast drei Viertel der Menschen Rechenzentren in der Nähe von Wohngebieten eher begrüßen würden, wenn sie ihre Abwärme ins Wärmenetz einspeisten.

Und es gibt noch weitere Potenziale, klimaverträglicher zu werden und zugleich der Allgemeinheit zu dienen. Im schwedischen Stackbo sowie in Dublin haben zwei Microsoft-Rechenzentren leistungsstarke Batteriespeicher für Stromausfälle oder Spitzenzeiten, die auch im Normalbetrieb einen Beitrag zur Stabilisierung der Stromnetze liefern.

Solche Anlagen leisten also nicht nur einen Beitrag zu Europas digitaler Souveränität - sie stärken auch die Energie-Unabhängigkeit. Solche Synergien könnten auch einige der vielen neu geplanten Rechenzentren, vor denen sich viele Menschen in Europa gerade sorgen, zumindest etwas attraktiver machen.

Mitarbeit: Monir Ghaedi

Author David Ehl
Item URL https://www.dw.com/de/rechenzentren-europas-harter-weg-zur-digitalen-souveränität/a-79412598?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/79414803_607.jpg
Image caption In Österreich, wächst die Skepsis vieler Europäer gegenüber großen Rechenzentren. "OÖ" auf dem Schild steht für Oberösterreich.
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Item 44
Id 79383734
Date 2026-09-29
Title Chinas Einfluss auf Games
Short title Chinas Einfluss auf Games
Teaser China ist mit mehr als 700 Millionen Spielerinnen und Spielern der größte Gamingmarkt der Welt. Doch kaum ein Markt ist so streng reguliert. Die Folgen reichen weit über China hinaus und betreffen Gamer weltweit.
Short teaser China ist der weltgrößte Gamingmarkt. Doch der ist streng reglementiert. Die Folgen spüren Gamer auf der ganzen Welt.
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Ein düsterer Unterschlupf unter der Erde. Nur ein paar Öllampen spenden Licht. Mein Kamerad macht sich an einem Gewehr zu schaffen. Vor grob in den Stein gehauen Wänden hängt eine rote Flagge mit Hammer und Sichel auf weißem Stern, das Symbol der Roten Arbeiter- und Bauernarmee Chinas. Auf Holzkisten liegen verschiedene Waffen, ich suche mir eine aus. Dann stürme ich in den verschneiten Wald und schieße auf alles, was sich bewegt.

Was aussieht wie ein neues "Call of Duty", eine bekannte Shooter-Reihe, die Spielende auf vergangene, zeitgenössische oder zukünftige Kriegsschauplätze versetzt, heißt "The Defiant". Entwickelt wird das Spiel derzeit vom chinesischen Studio Hoothanes in Hangzhou. Es erzählt vom Widerstandskampf chinesischer Truppen gegen die japanische Armee in den 1930er- und 1940er-Jahren.

Die Waffen im Spiel seien besonders, betont Entwickler Connor Xu gegenüber der DW. Diese seien nur in Asien benutzt worden und daher vielen westlichen Spielerinnen und Spielern unbekannt. Gleiches gelte für die Geschichte, die bislang in noch keinem Spiel erzählt worden sei, so Xu.

"The Defiant" zielt auch auf ein internationales Publikum ab. China ist innerhalb weniger Jahre zu einem bedeutenden Player der globalen Games-Branche aufgestiegen - trotz strenger Regulierung, trotz Zensur, trotz eines einstigen Verbots von Spielekonsolen.

Gaming gehört in China zum Alltag

Aktuell spielen mehr als 700 Millionen Chinesinnen und Chinesen regelmäßig digitale Spiele. Dem Marktforschungsunternehmen Newzoo zufolge empfinden die meisten von ihnen Gaming als wichtigen Teil ihres Lebens. Viele halten über Spiele Kontakt zu Freunden.

"Spiele machen das Leben interessanter", meint Entwickler Xu. "Ich kann verschiedene Rollen, Geschichten und Charaktere ausprobieren. Wir haben zwar nur ein Leben, aber wir können eine Rolle in einer anderen Geschichte spielen. Ich glaube, das ist für chinesische Nutzende wirklich verlockend."

In China spielen die Menschen vor allem an PCs und Smartphones, Konsolen sind kaum verbreitet. Das hat historische Gründe. Denn während sich Spielende in Europa und Nordamerika Anfang der 2000er darüber stritten, ob die Playstation oder die Xbox die bessere Konsole sei, kamen die Geräte zwischen 2000 und 2014 in China gar nicht offiziell in den Handel. Die chinesischen Behörden gaben an, Kinder und Jugendliche vor der Spielsucht schützen zu wollen.

Spielzeitbegrenzung und umfassende Kontrolle

Aktuell dürfen Minderjährige in China maximal drei Stunden pro Woche Onlinespiele spielen. Für Erwachsene gibt es keine Beschränkungen, aber eine strenge Kontrolle. Denn wer spielen will, muss sich mit seinem echten Namen und einer persönlichen Identifikationsnummer registrieren. So kann der Staat im Grunde jederzeit nachvollziehen, wer wann was spielt und mit wem er oder sie kommuniziert.

Daneben existiert eine Grauzone, die die chinesische Regierung zu dulden scheint. Einige Spieler loggen sich über VPN ein und können so auf Spiele zugreifen, die nicht im chinesischen Handel erscheinen. Einige jüngere Spieler nutzen Accounts ihrer Eltern, um die Spielzeitbegrenzung zu umgehen.

So streng China gegenüber minderjährigen Gamern agiert, so offen zeigt sich die Volksrepublik für digitale Spiele im Allgemeinen, da sie das große wirtschaftliche Potential von Games erkannt hat. Zunächst kamen Spiele für chinesische Spielerinnen und Spieler auf den Markt, die wie Kopien westlicher Games wirkten. Gleichzeitig investierten chinesische Tech-Konzerne wie Tencent und NetEase in zahlreiche westliche Gaming-Unternehmen.

Ohne Lizenz kein Verkauf in China

Eine Besonderheit ist das chinesische Lizenzierungssystem. "Im Gegensatz zu vielen anderen großen Videospielmärkten weltweit verfügt China über einen streng regulierten und lizenzierten offiziellen Videospielmarkt", erklärt George E. Osborne im DW-Interview. Der Journalist berät NGOs und Regierungen zu Videospielen und trat beim Gamescom Congress auf. In seinem Buch "Power Play" beschreibt er, wie autoritäre Staaten Videospiele für ihre politischen Ziele nutzen.

In China gilt für alle Spiele: ohne Lizenz kein Verkauf. "Dieses System zwingt Entwickler, die ihre Videospiele veröffentlichen wollen, im Grunde dazu, mehrere Genehmigungsstufen des chinesischen Propagandaministeriums und des Kulturministeriums zu durchlaufen", so Osborne.

Strenge Kriterien für Videospiele

Verboten sind in Spielen unter anderem Inhalte, die die Einheit, Souveränität oder territoriale Integrität Chinas gefährden. Ebenfalls untersagt sind pornografische Inhalte und Glücksspiel. Darüber hinaus dürfen Spiele nicht zu Straftaten anstiften, die die nationale Sicherheit gefährden oder Informationen verbreiten, die nach Auffassung der Behörden, die öffentliche Ordnung stören könnten.

"Der springende Punkt bei diesen Kriterien ist jedoch, dass sie bewusst recht vage gehalten sind", sagt Osborne. Verstöße sind Auslegungssache. Manchmal würden Spiele erst nach der Veröffentlichung verändert. Im Action-Rollenspiel "Wuchang: Fallen Feathers" (2025) beispielsweise konnten Gegner, die auf berühmten chinesischen Persönlichkeiten der Ming-Dynastie basierten, plötzlich nicht mehr getötet werden, sondern fielen vor Erschöpfung in Ohnmacht.

Chinesische Kultur wird zum Exportschlager

Das chinesische Action-Rollenspiel "Black Myth: Wukong" verbuchte 2024 einen interantionalen Überraschungserfolg. Spätestens da wurde deutlich: Chinesische Entwicklerstudios können nicht nur den heimischen Markt bedienen, sondern auch erfolgreiche Spiele für den Weltmarkt schaffen. Inspiration für das Spiel lieferte der chinesische Romanklassiker "Die Reise nach Westen" aus dem 16. Jahrhundert.

Aus Osbornes Sicht spricht nichts dagegen, chinesische Kultur in die Welt zu tragen. Die Frage sei nur, inwieweit der Staat tatsächlich in die Spiele eingreife. "Im Allgemeinen stehen Videospieler solchen Dingen ziemlich skeptisch gegenüber. Sie haben ein sehr gutes Gespür dafür, wann jemand versucht, ihnen etwas zu verkaufen, oder wann jemand Propaganda betreibt. Wenn es zu offensichtlich ist, wird es nicht funktionieren", meint er.

Problem: Wenn Entwickler sich selbst zensieren

Aufgrund des Lizenzierungssystems müssen sich auch westliche Entwicklerinnen und Entwickler an die staatlichen Vorgaben halten, wenn sie ihre Spiele in China verkaufen wollen. Und das wollen sie, denn der Markt sei zu groß, um ihn zu ignorieren, so Osborne. "Aber wenn man über die möglichen Auswirkungen auf kreative Standards weltweit nachdenkt, halte ich es für sehr wichtig, dass sich Entwickler die Frage stellen: Wo sind wir bereit, Kompromisse einzugehen, und wo nicht?"

Er befürchtet, dass die eigentliche Gefahr in der Selbstzensur liege. Das könnte zum Beispiel dazu führen, dass Entwickelnde auf queere Charaktere in ihren Games verzichten. Das wäre ein großer Rückschritt, da Spiele vielen Menschen helfen, sich mit ihrer eigenen Identität auseinanderzusetzen.

Dass Spiele angepasst werden, ist übrigens keine chinesische Eigenheit. In Deutschland beispielweise ist es nicht erlaubt verfassungsfeindliche Symbole wie das Hakenkreuz in Spielen zu zeigen, außer es handelt sich explizit um Spiele, die zur Erinnerungskultur beitragen. Auch extreme Gewaltdarstellungen müssen aus deutschen Versionen herausgeschnitten werden.

Erinnerungskultur aus chinesischer Sicht

Gewaltverherrlichung ist auch in China verboten, dennoch darf das Team um Xu ein Kriegsspiel entwickeln. Wie passt das zusammen? Xu erklärt es so: "In diesem Spiel geht es nicht in erster Linie um Gewalt, um Blut. Das Wichtigste ist, Geschichte zu erzählen." Das Team lege großen Wert auf historische Authentizität, sagt Xu. Ob sie dem gerecht werden, werden Historiker beurteilen müssen.

Author Kristina Reymann-Schneider, Petra Lambeck
Item URL https://www.dw.com/de/chinas-einfluss-auf-games/a-79383734?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/79363604_607.jpg
Image caption Der chinesische Ego-Shooter "The Defiant" erzählt vom Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg. Wann es erscheint, ist noch offen.
Image source 4Divinity
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Item 45
Id 79459158
Date 2026-09-29
Title Nobelpreise 2026: Die KIs tippen auf diese Gewinner
Short title Nobelpreise 2026: Die KIs tippen auf diese Gewinner
Teaser Wie schlau sind KI-Systeme aus China, den USA, Europa und Afrika wirklich? Wir haben sie gefragt, wer in diesem Jahr die Nobelpreise bekommen könnte. Bei einigen Kategorien waren sie sich überraschend einig.
Short teaser Können KI-Systeme aus China, den USA, Europa und Afrika Nobelpreisträger vorhersagen? Wir haben neun Chatbots gefragt.
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KI-Systeme werden immer leistungsfähiger - und damit wächst die Frage, was sie tatsächlich vorhersagen können. Also haben wir neun Chatbots gefragt: Wer bekommt 2026 die Nobelpreise? Die höchste wissenschaftliche Auszeichnung bietet neben Ruhm auch je rund eine Million Euro und eine Goldmedaille mit dem Abbild von Alfred Nobel.

"Sichere Wette" beim Medizin-Nobelpreis

So viel vorweg: Die klassischen Nobelpreise werden in fünf Kategorien verliehen - Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Frieden. In dem Zusammenhang wird auch häufig der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften genannt, der kein ursprünglicher Nobelpreis ist.

Wir haben neun* KIs vor allem aus den USA aber auch eine aus China, Europa und Afrika gefragt, wem sie dieses Jahr die Nobelpreise verleihen würden und wofür. In einigen Bereichen sind sich die Maschinen ziemlich einig.

So zum Beispiel beim Nobelpreis für Medizin: Hier entscheiden sich die künstlichen neuronalen Netze mehrheitlich für die Entdeckung und Forschung rund um GLP-1.

Das Kürzel steht für ein körpereigenes Darmhormon, das uns Menschen signalisiert, dass wir satt sind. Daraus hervorgegangen sind Medikamente gegen Diabetes und Adipositas – etwa Semaglutid, bekannt durch die sogenannte Abnehmspritze von Ozempic.

Sechs der befragten KIs nennen übereinstimmend das Thema als preiswürdig. Fünf davon entscheiden sich, den Nobelpreis an drei Personen für ihre Forschung rund um GLP-1 zu vergeben: Daniel J. Drucker von der Universität Toronto, Jens Juul Holst von der Universität Kopenhagen und Svetlana Mojsov von der Rockefeller University in New York.

Eine KI schreibt: "Das ist der offensichtlichste Preis seit der mRNA-Impfung. Adipositas und Typ-2-Diabetes haben mehr Menschen getötet als die meisten Kriege." Eine weitere meint, die drei Wissenschaftler seien der "sicherste Tipp seit Jahren".

KI mit klaren Favoriten auch in Literatur und Chemie

Nobelpreise können an bis zu drei Personen gehen. In der Literatur wird der Preis dagegen traditionell an eine Einzelperson vergeben.

Hier sehen fünf der acht befragten KIs in der chinesischen Autorin Deng Xiaohua, die unter dem Pseudonym Can Xue schreibt, als die nächste Literaturnobelpreisträgerin. Die 1953 geborene Schriftstellerin wurde bereits in den vergangenen Jahren als Kandidatin gehandelt.

In Chemie setzen fünf der KIs auf den Forscher David R. Liu von der Harvard University. Der 53-Jährige hat mit seinem Team Verfahren entwickelt, mit denen einzelne DNA-Buchstaben gezielt umgeschrieben werden können.

Mit sogenanntem Base Editing und Prime Editing könnte perspektivisch das Erbgut von Pflanzen, aber auch von Menschen verändert werden.

In der Physik fällt das Votum weniger eindeutig aus: Mit vier Stimmen führt allerdings die britische Forscherin Nicola A. Spaldin von der ETH Zürich. Die Materialforscherin arbeitet an den Grundlagen sogenannter Multiferroika. Dabei handelt es sich um Materialien, die beispielsweise sowohl magnetische als auch elektrische Eigenschaften besitzen.

Was sind die Aussagen der KI wert?

Überhaupt nicht einig waren sich die Maschinen bei der Vorhersage des Friedensnobelpreises. Die Vorschläge reichen von der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) über die russische Menschenrechtsorganisation Memorial bis hin zur Klimaaktivistin Greta Thunberg.

Daran zeigt sich aber auch, wo die Grenzen liegen und wie die KIs ihre Informationen bekommen. So haben ICAN und Memorial bereits den Nobelpreis bekommen. Greta Thunberg hingegen wurde mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Das alles zeigt, wie KI nach Ergebnissen sucht und wie unzuverlässig sie doch manchmal ist. Denn bei den Antworten orientiert sich die KI häufig an öffentlich verfügbaren Hinweisen - etwa an Zitationszahlen, Fachpreisen, Medienberichten oder Prognoselisten.

Während es dazu zum Friedensnobelpreis 2026 wenig gibt, sind die Naturwissenschaften sehr präsent. Eine wichtige Quelle ist beispielsweise die Clarivate-Liste, die jährlich viel zitierte Forschende als mögliche Nobelpreiskandidaten nennt. Viele der KI-Favoriten stehen auch dort.

KI macht weiter viele Fehler

Die Chatbots der unterschiedlichen KIs haben sich teilweise auch vertan. So listet ChatGPT beispielsweise auch einen Nobelpreisträger für Mathematik auf – dabei gibt es keinen Nobelpreis für Mathematik.

Die KI Copilot wollte den Preis an einen bereits verstorbenen Kandidaten vergeben. Nach den Nobelstatuten ist das nur in Ausnahmefällen möglich – nämlich dann, wenn ein Preisträger oder eine Preisträgerin nach der Bekanntgabe, aber vor der Verleihung stirbt.

Angesichts solcher Fehler ist es umso besser, dass die Nobelpreise von echten Menschen vergeben werden. Wer am Ende in den exklusiven Kreis bekannter Preisträgerinnen und Preisträger wie Marie Curie, Mutter Teresa, Albert Einstein, Barack Obama, Robert Koch oder Max Planck aufgenommen wird, wird ab dem 5. Oktober bekannt gegeben.

Apropos deutsche Preisträger: Nur die französische KI Mistral sieht eine Deutsche unter den Preisträgern 2026. Ihr zufolge bekommt Andrea Ablasser einen Nobelpreis in Medizin. Mit 43 Jahren wäre die Immunologin eine sehr junge Preisträgerin, denn das Durchschnittsalter liegt bei 60 Jahren.

*Die befragten Chatbots waren Africa GPT, ChatGPT, Claude, Copilot, DeepSeek, Gemini, Grok, Meta AI, Mistral

Author Nicolas Martin, Jeannette Cwienk
Item URL https://www.dw.com/de/nobelpreise-2026-die-kis-tippen-auf-diese-gewinner/a-79459158?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/79457628_607.jpg
Image caption Begehrter Preis und benannt nach Alfred-Nobel, dem Erfinder des Dynamits
Image source Beata Zawrzel/NurPhoto/picture alliance
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Item 46
Id 79458648
Date 2026-09-29
Title Warum der Dieselpreis steigt und was das für Europa bedeutet
Short title Warum der Dieselpreis steigt und was das für Europa bedeutet
Teaser Lastwagen, Landwirtschaft, Industrie - ohne Diesel läuft nichts. Die Preise steigen schon länger. Ein möglicher US-Exportstopp könnte die Lage in Europa noch verschärfen.
Short teaser Die Dieselpreise ziehen rasant an. Die USA erwägen sogar einen Exportstopp. Doch warum wird Diesel plötzlich so teuer?
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Auch wer selbst nie Diesel tankt, spürt die Folgen steigender Preise. Benzin ist vor allem ein Kraftstoff für Autofahrer. Diesel dagegen hält die Wirtschaft am Laufen, treibt Lastwagen an, Landmaschinen, Baufahrzeuge und Industrieanlagen.

Deshalb trifft eine Dieselknappheit die Wirtschaft oft härter als steigende Benzinpreise. Transportkosten steigen. Maschinen werden teurer im Betrieb. Unternehmen geben diese Kosten weiter an die Verbraucher. Die Folge: mehr Inflation, mehr Druck auf die Lebenshaltungskosten. Doch was treibt die Preise weltweit nach oben?

Die USA machen die Ukraine verantwortlich

Die USA und China zählen zu den größten Diesel-Produzenten der Welt. China verbraucht seinen Diesel weitgehend selbst. Die USA sind der größte Exporteur.

Der Preis für Diesel steigt auch dort. Der Wochendurchschnitt liegt aktuell bei 6,52 US-Dollar (5,73 Euro) pro Gallone (3,8 Liter), so die US-Behörde EIA (Energy Information Agency). Vor einem Jahr waren es noch 3,74 Dollar, vor zwei Jahren 3,53 Dollar.

US-Präsident Donald Trump macht dafür die Ukraine mitverantwortlich. Sie solle aufhören, russische Raffinerien anzugreifen, forderte er kürzlich, "weil das eine Dieselknappheit verursacht".

Russland ist neben den USA einer der größten Diesel-Lieferanten der Welt. Seit 2022 wurden russische Raffinerien laut Internationaler Energieagentur (IEA) bereits 15 Mal angegriffen.

Die Folge: Russlands Dieselproduktion liegt rund 30 Prozent unter dem Niveau von 2025. Moskau reagierte mit Exportbeschränkungen, um die eigene Versorgung zu sichern.

Die USA versuchten, die Lücke zu füllen. Es reichte nicht. Am 22. September kündigte Trump an, auch einen eigenen Exportstopp zu prüfen.

Der Hintergrund ist politisch: Vor den Kongresswahlen im November wollen die USA die Preise im eigenen Land drücken. Energiepreise sind längst zum Wahlkampfthema geworden.

Die großen Energie-Lobbyverbände laufen gegen die Pläne Sturm. Viele Experten warnen: Ein Exportstopp würde kaum schnell wirken. Schlimmer noch - er könnte US-Raffinerien dazu bringen, die Produktion zu drosseln. Die Preise könnten dadurch sogar weiter steigen.

Europa ist besonders verwundbar

Für Europa wären die Folgen eines US-Exportstopps dramatisch. "Jahrzehntelange Steuervorteile haben Europas Fahrzeugflotte weit dieselabhängiger gemacht als etwa in den USA", sagt Georg Zachmann, Energieexperte bei der Brüsseler Denkfabrik Bruegel.

"Die EU hat deshalb einen Überschuss an Benzin, den sie exportiert. Bei Diesel ist es umgekehrt: Die EU muss importieren", erklärt Zachmann.

Die Zahlen bestätigen das: In der EU sind über 38 Prozent aller Pkw Diesel-Fahrzeuge. Der Straßenverkehr - inklusive Güterverkehr - macht 77 Prozent des gesamten Diesel- und Gasölverbrauchs aus. Das zeigt eine Analyse der Brüsseler Organisation Transport & Environment.

Diese starke Abhängigkeit vom Diesel "macht Fahrer und Unternehmen besonders anfällig für Preisschocks", schreibt Studienautorin Juliette Egal.

Die Zahlen sind eindeutig: Verglichen mit der Zeit vor dem 28. Februar 2026, als Israel und die USA den Krieg mit Iran begannen, zahlen EU-Fahrer heute im Schnitt 30 Euro mehr für eine 50-Liter-Tankfüllung. Ein durchschnittlicher LKW in Deutschland kommt pro Woche um 236 Euro teurer.

Insgesamt kostet der Anstieg die EU-Wirtschaft 270 Millionen Euro pro Tag. Allein 203 Millionen Euro davon entfallen auf Diesel. Seit Kriegsbeginn summieren sich die Mehrkosten durch Straßendiesel auf 40 Milliarden Euro.

Warum wird Diesel schneller teurer als Öl?

Kurzfristig sei ein Faktor entscheidend, sagt Skip York, Energieexperte an der Rice University in Houston im US-Staat Texas: Russlands Rohölverarbeitung. "Jede neue Angriffswelle der Ukraine zeigt sich innerhalb weniger Tage im Dieselpreis. Anders sei das in der Straße von Hormus, "wo die Versorgung zwar gedrosselt ist, aber seit Monaten relativ stabil läuft".

Die Produktion von Rohöl - der Basis für Benzin und Dieselkraftstoff - sei inzwischen nicht das größte Problem. "Der Flaschenhals hat sich verschoben", erklärt York. "Im März und April fehlte Rohöl. Seit August fehlt Raffineriekapazität."

Der Grund: Sowohl die ukrainischen Drohnenangriffe auf Russland als auch der Konflikt um die Meerenge von Hormus zerstören Raffineriekapazitäten schneller, als sie ersetzt werden können. Langfristig bleibe die Straße von Hormus aber "das größere strukturelle Risiko" für die Dieselpreise, so York.

Auch Zachmann von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel bestätigt: Weltweit ist die Raffineriekapazität "deutlich gesunken – und Diesel ist besonders betroffen".

Wie geht es weiter?

Ein langer Krieg im Nahen Osten oder in Russland würde die Lage für Europa und andere Diesel-Nutzer verschärfen. Ein US-Exportstopp könnte das Problem noch weiter vergrößern.

Sollten die USA ihre Exporte tatsächlich stoppen, wäre das ein Schock, warnt Zachmann. Die Dieselpreise würden weiter steigen. Offen ist, ob die EU dann mit Gegenmaßnahmen reagiert.

Bisher lief der transatlantische Sprithandel so: die USA verkaufen Diesel nach Europa und die Europäer verkaufen Benzin in die USA. Würden die Europäer auf einen US-Exportstopp für Diesel reagieren, indem sie weniger Benzin in die USA ausführen, würden in den USA die Benzinpreise steigen und in Europa die Dieselpreise. Beide Seiten würden verlieren.

Zudem naht der Winter. Raffinerien müssen dann gleichzeitig Heizöl und Diesel liefern. Das verschärft die Knappheit zusätzlich.

Ein weiterer Faktor: Seit 2019 haben in Europa und den USA zahlreiche Raffinerien geschlossen. Das hat den Dieselmarkt anfälliger gemacht, sagt York von der Rice University im texanischen Houston. Die Reservekapazität, die früher Schocks abfangen konnte, ist geschrumpft.

"Der Markt hat kaum noch Puffer", fasst York zusammen. "Jeder verlorene Liter trifft die Versorgung heute viel direkter als früher."

Der Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert.

Author Timothy Rooks, Andreas Becker
Item URL https://www.dw.com/de/warum-der-dieselpreis-steigt-und-was-das-für-europa-bedeutet/a-79458648?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/79264448_607.jpg
Image caption Die Preise für Diesel sind auf Rekordhoch - auch, weil es an Raffinerie-Kapazitäten mangelt
Image source Marc John/Bonn.digital/picture alliance
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Item 47
Id 79365281
Date 2026-09-28
Title Nobelitis - Wenn der Nobelpreis verrückt macht
Short title Nobelitis - Wenn der Nobelpreis verrückt macht
Teaser Einige Nobelpreisträger verlieren nach der Auszeichnung die Bodenhaftung und erzählen plötzlich unwissenschaftlichen Unfug. "Nobelitis" nennen das manche: wenn man sich für ein Universalgenie hält, aber keines ist.
Short teaser Einigen Nobelpreisträgern steigt der Erfolg zu Kopf und sie erzählen plötzlich viel Quatsch. Warum das ein Problem ist.
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Linus Pauling hat nicht nur einen, sondern gleich zwei Nobelpreise erhalten. 1954 wurde der US-Amerikaner für seine Forschungen über die Struktur chemischer Bindungen mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. 1962 gewann er zudem den Friedensnobelpreis für seinen Einsatz gegen das nukleare Wettrüsten.

Nicht nur zwei Nobelpreise, sondern zwei Nobelpreise, die Pauling sich mit niemandem teilen musste. Mehr geht als Wissenschaftler kaum. Nobelpreisträger werden über Nacht zu Superstars, deren Worte großes Gewicht haben.

Nobelitis oder Nobel Disease - Größenwahn nach dem Nobelpreis

Genau das berge auch eine Gefahr, sagt Nils Hansson, Medizinhistoriker am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Besonders schwierig werde es, "wenn man verrückte, nicht belegte wissenschaftliche Theorien verbreitet", sagt Hansson. Denn als Nobelpreisträger werde man gehört.

So auch geschehen bei Linus Pauling. Denn ab Mitte der 1960er-Jahre begann er zu behaupten, Vitamin C sei ein Allheilmittel - wie zum Beispiel bei der Bekämpfung von Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder degenerativen Erkrankungen.

Pauling begründete die sogenannte orthomolekulare Medizin, bei der die Verwendung von Vitaminen und Mineralstoffen zur Behandlung von Krankheiten im Mittelpunkt steht. Eine Behandlungsmethode, für die die Beweislage nach wie vor mangelhaft ist.

Linus Pauling erfüllt damit sämtliche Voraussetzungen für eine "Nobelitis" oder auch "Nobel Disease". Auch wenn es so klingt: Eine offizielle Diagnose oder Erkrankung ist "Nobelitis" nicht.

Vielmehr soll der Begriff ein Verhalten beschreiben, das Nobelpreisträger immer mal wieder an den Tag legen, wenn sie die höchste Auszeichnung in der Tasche haben: Größenwahn. Geprägt hat den Begriff Paul Nurse, selbst Medizin-Nobelpreisträger und Präsident der Royal Society, der nationalen Akademie der Wissenschaften in Großbritannien.

Nobelpreisträger außerhalb ihrer Expertise: Wenn Autorität täuscht

"Sei skeptisch gegenüber allem, auch dir selbst und deinen eigenen Ideen gegenüber", sagt Nurse in einem Interview mit der belgischen Universität KU Leuven, als er gefragt wird, was gute Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausmacht. Bei Nobelitis-Befall geht allerdings die Skepsis gegenüber sich selbst und den eigenen Ideen als Erstes zugrunde.

So auch bei Luc Montagnier. Der Virologe entdeckte 1983 das Humane Immundefizienz-Virus (HIV), wofür er 2008, gemeinsam mit seiner Kollegin Françoise Barré-Sinoussi mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Später sprach er sich für die Homöopathie aus und behauptete in einem Interview, die Übertragung von HIV in Afrika könne mit besserer Ernährung und Hygiene verringert werden.

Während der Corona-Pandemie verkündete Montagnier, dass SARS-CoV-2 ein im Labor manipuliertes Virus sei und HIV-Sequenzen enthalte. Der Virologe Christian Drosten sagte damals im Podcast Coronavirus-Update: "Es ist schwierig für einen aktiven Wissenschaftler in der Virologie zu sagen, dass ein Nobelpreisträger im Fach Virologie Unsinn verbreitet. Aber das ist kompletter Unsinn."

Auch bei James Watson, ohnehin nicht für seine Bescheidenheit bekannt, trieb die Berühmtheit seltsame Blüten. Er erhielt 1962 zusammen mit Maurice Wilkins und Francis Crick den Nobelpreis für die Entdeckung der DNA-Doppelhelix-Struktur. In den frühen 2000er-Jahren äußerte er sich wiederholt rassistisch, indem er behauptete, schwarze Menschen seien weniger intelligent als weiße.

Für den Medizinhistoriker Nils Hansson ist Watson deshalb ein gutes Beispiel dafür, dass ein Nobelpreis nicht automatisch an einen Menschen geht, der als Vorbild taugt. "Man hat eine tolle Entdeckung gemacht, aber ein Universalgenie ist man deswegen noch nicht."

Auch Nobelpreisträger müssen kritisch hinterfragt werden

Möglicherweise ist es aber auch die Erwartung der Öffentlichkeit, die dazu beiträgt, dass sich eine Nobelitis entwickelt. Paul Nurse erhielt den Nobelpreis für Physiologie und Medizin 2001. Plötzlich bekam er täglich Presseanfragen zu allen möglichen Themen. "Als ob ich plötzlich alle Zusammenhänge der Welt und der Menschen verstanden hätte", erzählt er im DW-Gespräch.

Forschenden rät Nurse deshalb: "Sei wirklich vorsichtig mit dem, was du sagst. Sprich über Dinge, von denen du etwas verstehst – das ist völlig in Ordnung. Wenn du nicht so viel weißt oder dir bei etwas nicht sicher bist, mache ganz deutlich, dass du dir nicht sicher bist."

Denn auch Nils Hansson merkt an: Was Nobelpreisträger sagen, würde von Medien begierig aufgegriffen – auch, wenn der Preisträger mit den Aussagen seinen eigentlichen Kompetenzbereich schon lange verlassen habe.

Nobelitis-Patienten sind Meister ihres Fachs und genau dafür mit dem Nobelpreis geehrt worden. Sie sind aber auch ganz normale Menschen und vor Größenwahn und anderen Verhaltensauffälligkeiten nicht gefeit. Deshalb werden auch Homöopathie, orthomolekulare Medizin oder andere Pseudowissenschaften nicht automatisch valider, nur weil ein Nobelpreisträger sie unterstützt.

Author Julia Vergin
Item URL https://www.dw.com/de/nobelitis-wenn-der-nobelpreis-verrückt-macht/a-79365281?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Der Nobelpreis kann einem zu Kopf steigen. James Watson ist ein gutes Beispiel für Nobelitis.
Image source Ivan Sekretarev/AP Photo/picture alliance
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Item 48
Id 79437629
Date 2026-09-27
Title Führt KI-Schmeichelei zur Spaltung der Gesellschaft?
Short title Führt KI-Schmeichelei zur Spaltung der Gesellschaft?
Teaser Chatbots bestätigen die politischen Ansichten Nutzender, zeigt eine neue Studie. Forschende befürchten, das als KI-Schmeichelei bekannte Phänomen könnte die Polarisierung der Gesellschaft verschärfen.
Short teaser Chatbots, die die Meinung der Nutzenden teilen: Könnte KI-Schmeichelei die Polarisierung der Gesellschaft verschärfen?
Full text

Kürzlich sorgten die Wortmeldungen namhafter KI-Experten für Schlagzeilen. Sie schürten die Befürchtung, künstliche Intelligenz könnte die Kontrolle durch den Menschen abschütteln und die Menschheit auslöschen. Doch bevor es soweit kommt, könnte die KI dazu beitragen, dass die Menschen sich gegeneinander wenden.

Forschende an der Staatlichen Universität Campinas (UNICAMP) in Brasilien haben festgestellt, dass beliebte Chatbots ihre Antworten an die politischen Ansichten hypothetischer Nutzer anpassen. Die Wissenschaftler warnen davor, dass Nutzende diese maßgeschneiderten Antworten als unabhängige Einschätzung missverstehen und so die Polarisierung der Gesellschaft verstärkt werden könnte.

Vom Chatbot zum ideologischen Chamäleon

Für die in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlichten Studie testete das Team von UNICAMP 21 Large Language Models (LLMs) verschiedener Entwickler, darunter OpenAI, Meta, Google, xAI, DeepSeek und Microsoft.

Die Modelle gaben an, inwieweit sie 112 Aussagen aus sieben Bereichen der brasilianischen Politik zustimmen, darunter Wirtschaft, öffentliche Sicherheit, Sozialwesen, Korruption und Umwelt. Jedes Modell wurde in drei verschiedenen Szenarien getestet: ohne Informationen zu den politischen Ansichten des Nutzenden, mit einem Prompt, der einen politisch eher links orientierten Benutzer beschrieb und mit einem Prompt, der einen politisch eher rechts stehenden Benutzer beschrieb.

Wurden keine Informationen über die politischen Ansichten des Nutzenden angegeben, gaben 20 der 21 Modelle Antworten, die die Forschenden als eher links einordneten, mehrere bewegten sich dabei jedoch nahe der politischen Mitte. Grok 4.1 war das einzige Modell, dessen Antworten die Forschenden rechts einordneten.

Waren Informationen zur politischen Ausrichtung vorhanden, verschob jedes Modell seine Antworten in Richtung der im Prompt enthaltenen Informationen.

"Am auffälligsten war, wie weit verbreitet dieses Verhalten war", sagt Zanoni Dias, Co-Autor der Studie und Computerwissenschaftler an der UNICAMP, zur DW. "Alle der von uns getesteten 21 Modelle verschoben ihre Position entsprechend der vom Nutzenden zum Ausdruck gebrachten politischen Haltung. Beim Ausmaß dieser Verschiebung gab es jedoch große Abweichungen."

Die Forschenden beschreiben die Modelle als "ideologische Chamäleons" und entwickelten einen "Chamäleon-Index", um zu messen, wie weit sich die Antworten verschoben.

Bei Llama 3.1 8B von Meta und DeepSeek V3.2 war die Verschiebung am geringsten, während die Verschiebung bei Gemma 3 27B von Google und GPT-5 Nano von OpenAI zu den stärksten zählte.

Von Personalisierung zu politischer Schmeichelei

Dass Chatbots ihre Antworten an ihr Publikum anpassen, ist nicht immer problematisch. So können sich zum Beispiel das verwendete Vokabular, die Beispiele oder die Detailtiefe je nach Nutzendem unterscheiden. Doch die Modelle veränderten mehr als nur die verwendete Sprache oder ihren Sprachstil: Sie veränderten ihre politische Haltung.

"Der wichtigste Unterschied liegt darin, ob die Art und Weise, wie eine Antwort kommuniziert wird, angepasst wird, oder sich die zum Ausdruck gebrachte inhaltliche Beurteilung ändert", sagt Dias.

"Wir haben die Modelle nicht angewiesen, mit dem Nutzenden übereinzustimmen oder als Vertreter einer Partei zu antworten. Dennoch verschob sich ihre Einschätzung in Richtung der Ansichten des Nutzenden", fügt er hinzu.

Die Forschenden werteten dies als politische Schmeichelei: Die KI-Systeme gaben wieder, was die Nutzenden vermeintlich hören wollten. Eine mögliche Erklärung dafür könnte sein, dass Chatbots darauf trainiert werden, Antworten zu bevorzugen, die von menschlichen Auswertenden besonders hoch eingestuft werden. Werden gefällige Antworten höher eingestuft, lernen die Chatbots, die Ansichten der Nutzenden zu bestätigen.

Schaffung persönlicher Echokammern

Die sozialen Medien können Überzeugungen bestärken, indem die Algorithmen immer wieder ähnliche Inhalte anbieten, doch ein Chatbot könnte noch einen Schritt weiter gehen. Er könnte eine personalisierte Echokammer erzeugen, indem er Argumente für einen bestimmten Nutzenden generiert, auf Einwände eingeht und die Argumentation im Laufe des Gesprächs verfeinert.

Die Nutzenden jedoch könnten diese auf sie zugeschnittenen Antworten für eine unparteiische Analyse halten, ohne sich bewusst zu sein, was der Chatbot über sie weiß und wie sich dies auf seine Antworten auswirkt.

"Es besteht die Sorge, dass das gleiche System gegensätzliche politische Positionen unterschiedlicher Nutzer bestätigen könnte, wobei jeder Nutzer diese Bestätigung als unabhängige Einschätzung werten würde", meint Dias.

Untersuchungen des Verhaltensforschers Zakary Tormala von der Stanford University weisen darauf hin, dass Menschen besonders empfänglich für Argumente zu sein scheinen, von denen sie glauben, dass sie von einer KI stammen.

"Die Menschen neigen dazu, KI als informativer, objektiver und unvoreingenommener wahrzunehmen, als weniger daran interessiert, sie zu überzeugen, als es eine andere Person wäre", erklärt Tormala gegenüber der DW. "Dadurch sind die Menschen möglicherweise weniger wachsam und eher bereit, der KI zuzuhören."

Dieses Vertrauen könnte politische Schmeichelei wirksamer machen. "Zu hören, dass andere die eigenen Ansichten bestätigen, bestärkt die Menschen bekanntermaßen in ihren Ansichten", erläutert Tormala. "Verfestigen sich die Überzeugungen der Leute erst einmal, neigen sie dazu, anderen Ansichten gegenüber weniger zugänglich zu sein." Ob die Bestätigung durch KI dieselben Auswirkungen habe, sei noch nicht bewiesen, fügt er hinzu, doch es sei durchaus plausibel.

Führt Validierung zu mehr Polarisierung?

Nicht getestet wurde in der UNICAMP-Studie, ob eine solche politische Spiegelung von Ansichten wirklich die Überzeugung oder das Verhalten der Nutzenden verändert. Gemessen wurde nur, wie sich die Antworten der Modelle veränderten.

"Unsere Studie belegt, dass sich unter kontrollierten Bedingungen die Antworten der Modelle ändern", betont Dias. "Sie belegt keine Polarisierung oder Radikalisierung in den Ansichten der Nutzer oder dass diese konfliktbereiter werden. Das sind andere Ergebnisse, bei denen eine Verbindung nicht vorausgesetzt werden kann."

Petter Tornberg, der an der Universität von Amsterdam zu KI und politischer Polarisierung forscht, bezweifelt, dass die Modelle außerhalb ihrer Testumgebung dieselben Antworten geben würden. Er warnt davor, davon auszugehen, dass Chatbots zwangsläufig die Ansichten der Nutzenden bestärken. In manchen Gesprächssituationen könnten sie Menschen dabei helfen, ihre Ansichten zu überdenken.

Eine private Unterhaltung mit einem Chatbot unterscheide sich von einer öffentlichen Auseinandersetzung in den sozialen Medien, betont Tornberg. "Sie können häufig recht rationale und faktengestützte Erläuterungen bieten, ohne die durch soziale Identität verursachte Dynamik in öffentlichen politischen Debatten", sagt er zur DW. "Es ist also zumindest möglich, dass diese Systeme unter manchen Umständen depolarisierend statt polarisierend wirken."

Ob KI Gräben vertieft oder schließt, hängt also möglicherweise davon ab, ob sie die Nutzenden herausfordert oder ihnen einfach sagt, was sie hören wollen.

Weniger politische Schmeichelei

Dias sähe gerne, dass Entwickler ihre Modelle mit Nutzenden mit unterschiedlichen politischen Ansichten testen, um zu überprüfen, ob sie Sachverhalte konsistent bewerten. Sie könnten die Modelle darauf trainieren, höflich zu widersprechen, Zweifel anzuerkennen, unbestätigte Annahmen zu korrigieren und unterschiedliche Ansichten fair darzustellen. Das hieße nicht, dass jede Antwort in der politischen Mitte liegen muss.

"Übergeordnetes Ziel der Entwicklung sollte sein, den Menschen dabei zu helfen, ihre Überzeugungen zu hinterfragen", meint Dias. "Belege, Zweifel und konkurrierende Überlegungen sollten dabei sichtbar sein und Raum für legitime politische Meinungsverschiedenheiten gelassen werden."

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

Author Richard Connor
Item URL https://www.dw.com/de/führt-ki-schmeichelei-zur-spaltung-der-gesellschaft/a-79437629?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Forschende stellten fest, dass verschiedene KI-Systeme ihre Antworten den Ansichten hypothetischer Nutzender anpassten
Image source Philip Dulian/dpa/picture alliance
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Item 49
Id 79203544
Date 2026-09-24
Title Warum Batteriespeicher in Bulgarien boomen
Short title Warum Batteriespeicher in Bulgarien boomen
Teaser In Bulgarien wird viel privates Geld investiert, um Batteriespeicher für Solarstrom zu bauen. Inzwischen ist das Land Vorreiter in Südosteuropa.
Short teaser Bulgarien baut mehr Batteriespeicher-Anlagen als die meisten anderen Länder Europas - und verdient damit gutes Geld.
Full text

Auf Dächern und an Balkonen in Bulgarien sieht man nur selten Solarmodule. Dafür wird Solarenergie auf Feldern, Wiesen und Industriebrachen gewonnen. Seit den 2020er-Jahren entstehen immer mehr Solarparks. Um den Strom nicht abregeln zu müssen, wenn die Sonne intensiv scheint, wurden ab 2024 verstärkt Batteriespeicher installiert. 2025 war Bulgarien laut dem Branchenverband Solar Power Europe schon unter den europäischen Top fünf, wenn es um Batteriespeicherkapazität geht - hinter Deutschland, Großbritannien, Italien und der Ukraine.

Bulgarien verfüge über gut 14,7 GWh (Gigawattstunden) Batteriekapazität, so eine Recherche der bulgarischen Wirtschaftszeitung Capital. Damit sind die Jahresprognosen von Solar Power Europe für Batteriespeicher in diesem Sommer bereits übertroffen. Bis Ende des Jahres erwartet Nikola Gazdov, Vorsitzender der bulgarischen Energiehersteller- und Händlervereinigung APSTE, den Ausbau auf bis zu 20 GWh.

Zum Vergleich: Deutschland hat insgesamt gut 32 GWh, so die Battery Charts der RWTH Aachen. Von denen stehen die meisten jedoch in Privathaushalten, nur gut 7,35 GWh Großbatterien sind aktuell in Betrieb.

Privates Kapital war ein wichtiger Treiber

Der bulgarische Boom wurde vom Corona-Wiederaufbaufonds "Next Generation EU" angeschoben, ist zum größeren Teil aber privat finanziert. Mit den EU-Mitteln legte das bulgarische Energieministerium das Programm RESTORE auf und förderte 113 Projekte mit 700 Millionen Euro. Das mobilisierte mehr als zwei Milliarden Euro an Privatkapital, berechnete das bulgarische Wirtschaftsmagazin Capital.

Nikola Gazdov spricht sogar von sieben Milliarden Euro samt Infrastruktur: Die Investoren kümmern sich, anders als in vielen Ländern, auch um den Netzanschluss, bauen Leitungen und Umspannwerke.

Das Geschäftsmodell ist simpel: Tagsüber Energie billig einkaufen, abends teuer verkaufen. Laut Capital kostet das Laden im Schnitt 39 Euro pro Megawattstunde, das Entladen bringt 161 Euro. "Ein 150-MW-Speicher generiert bis zu 70.000 Euro pro Tag. Die Investition amortisiert sich in drei Jahren, die Lebensdauer beträgt 20 Jahre - eine Rendite, die ihresgleichen sucht", sagt Martin Vladimirov, Energieexperte vom Center for the Study of Democracy (CSD).

Es sei die größte konzentrierte Investition der letzten 30 Jahre, von der eine kleine Wirtschaftselite profitiere. "Aber sie trägt das unternehmerische Risiko, und bisher zahlt es sich aus." Die Entwicklung treibe aber auch die Energiewende voran und lasse die Verbraucher profitieren. Die Speicher ermöglichen den günstigen Sonnenstrom zwei bis vier Stunden später am Tag zu nutzen, wenn viele Klimaanlagen und Haushaltsgeräte laufen.

Stromimport und -export dank Batteriespeichern

In den sozialen Medien monieren viele, dass sie keinen Unterschied im Portemonnaie spürten, Boom hin oder her. Allerdings haben Privathaushalte staatlich festgelegte Fixpreise. Industrieunternehmen hingegen kaufen Strom auf dem freien Markt und zahlen zehn bis 15 Prozent weniger pro Kilowattstunde als in Nachbarländern, so APSTE.

Während Rumänien und Ungarn wegen der Dürre zwischenzeitlich ihre Atomkraftwerke herunterfahren mussten, konnte Bulgarien Energieüberschüsse exportieren und stabilisierte die Netze dank eines funktionierenden regionalen Verbunds. Bulgarische Speicher nehmen auch rumänischen und griechischen Solarstrom auf, um ihn bei Bedarf den Nachbarn teurer zurückzugeben.

Die hohe Rendite erklärt den Rekordzuwachs nur zum Teil. Nikola Gazdov, der auch Vorstandsmitglied von Solar Power Europe ist, weiß: "Wegen der Sonnenenergie und Windkraft rutschen die Strombörsenpreise fast überall in Europa häufiger auf null oder ins Minus". Doch in anderen Ländern würden Genehmigungen für Batteriespeicheranlagen viel länger dauern, während sie in Bulgarien schnell erteilt würden und große Anlagen schnell errichtet und angeschlossen werden könnten. Von der Planung bis zum ersten Be- und Entladezyklus dauere es maximal 18 Monate, so Gazdov.

Fast alle Batteriezellen sind aus China

Die Integration der vielen neuen Anlagen sei eine Herausforderung für das Netz, führe aber auch zu Modernisierungen und dem Bau von neuen Leitungen, sagt Gazdov. Der CSD-Energieexperte Vladimirov ergänzt: Im bulgarischen Stromnetz gebe es keine Engpässe. Historisch bedingt sei es eher überdimensioniert. Vor der Wende versorgte es die Schwerindustrie, die inzwischen weitgehend verschwunden ist. Obwohl die Wirtschaft seit 15 Jahren wächst, liege der Energiebedarf unter dem früheren Niveau.

Hauptsächlich europäische Unternehmen bauen und betreiben die Speicher. Die bislang größte Anlage mit 650 MWh (Megawattstunden) Kapazität in Nova Zagora ist ein Gemeinschaftsprojekt des österreichischen Spezialisten für erneuerbare Energieanlagen Enery und des deutsch-bulgarischen Photovoltaik- und Speicherprojektentwickler Sunotec. Ein chinesisches Unternehmen, Sungrow, lieferte dafür die Lithium-Batterien. Fast alle in Bulgarien eingesetzten Batterien werden aus Asien importiert. "Sie haben nun einmal das beste Preis-Leistungsverhältnis", sagt Gazdov. Direktinvestitionen aus China gebe es dagegen kaum.

Bulgarische Gigafactory produziert Speichersysteme

"Wir geben EU-Mittel aus und erhöhen damit gleichzeitig unsere Abhängigkeit von China", kritisiert Martin Vladimirov vom Center for the Study of Democracy. "Ob in den Wechselrichtern heikle Komponenten stecken, ist ebenfalls unklar." Immerhin blieben Steuerung und Software in bulgarischer Hand. Der Energieexperte erwartet, dass bei EU-Zuschüssen künftig Hersteller aus Europa bevorzugt werden sollen.

Eine Alternative gibt es direkt um die Ecke. Seit Ende 2025 produziert die bulgarische Firma IPS (International Power Supply) nahe Sofia Großbatterien und Wechselrichter. Die Gigafactory entstand nach Unternehmensangaben in sieben Monaten ohne Subventionen und wurde von der EU als strategisch wichtiger Zulieferer eingestuft. Bis 2027 will IPS jährlich 15 GWh Speichersysteme herstellen. Allerdings werden dafür ebenfalls Batteriezellen aus Fernost benötigt, heißt es bei Balkan Green Energy News.

Marktsättigung (noch nicht) in Sicht

Das RESTORE-Förderprogramm lief Ende Juli aus. Ob der Boom bei Batteriespeicheranlagen weiter anhält, bleibt offen: Die Projekt-Pipeline ist jedenfalls noch voll. Martin Vladimirov sieht eine Marktsättigung voraus. Je mehr Batterien ans Netz gehen, desto geringer sind die Erlöse pro Batterie. Und je weniger die Kohlekraftwerke zum Strommix künftig beitragen, desto günstiger wird Energie, so CSD-Energieexperte.

Eine gewisse Preisdifferenz beim Strom zwischen Mittag und Abend bleibt zwar bestehen, sei aber keine Goldgrube mehr. Künftig könnten Speicherbetreiber allerdings Geld für die Netzstabilisierung bekommen.

Während Bulgarien weiter die Solarenergie ausbaut, stagniert die Windkraft seit langem. An sonnenarmen Tagen gibt es also kaum Stromüberschüsse, die man billig kaufen und speichern kann.

Nikola Gazdov sieht trotzdem noch Luft nach oben. "Eine Sättigung wird erst eintreten, wenn die Nachbarländer ähnlich kräftig Batterien zubauen", glaubt der Unternehmer. "Südosteuropa ist aktuell ein Labor dafür." Für Bulgarien sei es eine neue Erfahrung, Vorreiter zu sein.

Author Matilda Jordanova-Duda
Item URL https://www.dw.com/de/warum-batteriespeicher-in-bulgarien-boomen/a-79203544?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/79203826_607.jpg
Image caption Solaranlage vor einer Wohnsiedlung in der bulgarischen Stadt Panagjurischte
Image source Petar Petrov/Impact Press Group/NurPhoto/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/Events/mp4/vdt_deu/2025/legedeu250616_001_batteriespeicherut_01sm_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/79203826_607.jpg&title=Warum%20Batteriespeicher%20in%20Bulgarien%20boomen

Item 50
Id 79411863
Date 2026-09-24
Title Wirtschaftsforscher sehen Aufschwung in Deutschland, warnen aber davor, die Zahlen als Beginn eines neuen Wirtschaftsbooms zu verstehen
Short title Wirtschaft im Aufschwung, aber auf unsicherem Fundament
Teaser Deutschlands Wirtschaft wächst wieder, doch der Aufschwung steht auf wackligen Beinen. Hohe Staatsausgaben halten die Konjunktur in Gang, während Energiepreise, Fachkräftemangel und Schulden weiter belasten.
Short teaser Energie, Rente, Tankrabatt: Wirtschaftsforscher üben Fundamentalkritik an der Reformpolitik der Bundesregierung.
Full text

Die Wirtschaft in Deutschland hat nach schwierigen Jahren wieder Tritt gefasst. Führende Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten für 2026 ein Wachstum von 1,3 Prozent. Im kommenden Jahr sollen es 1,1 Prozent sein. Das ist deutlich mehr, als im Frühjahr prognostiziert wurde.

Nach den Gründen gefragt, verweisen die Ökonomen zunächst auf die Weltwirtschaft. Die zeige sich trotz des Kriegs am Persischen Golf erstaunlich robust. "Davon profitiert etwa die deutsche Exportwirtschaft, dahinter steht zum anderen aber auch der weltweite Boom bei Künstlicher Intelligenz", sagt Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle bei der Vorstellung des aktuellen Gemeinschaftsgutachtens in Berlin.

Deutschland profitiert bei chemischen Produkten und dem Bau von Rechenzentren

Mehr Nachfrage aus dem Ausland gab es beispielsweise für chemische Produkte aus Erdöl und Erdgas, weil die Konkurrenz wegen der Sperrung der Straße von Hormus nicht liefern kann. Deutsche Unternehmen sind aber auch beim Aufbau von KI-Rechenzentren gefragt. Beispielsweise bei Ausrüstungsgütern für die Energieversorgung und Dienstleistungen im Bereich Information und Kommunikation. Treiber des Aufschwungs sind in nicht unerheblichem Maß auch die staatlichen Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung.

Es ist ein Aufschwung, der nach Ansicht der Forscher allerdings nicht von Dauer sein wird. Für 2028 erwarten die Institute nur noch ein Wachstum von 0,4 Prozent. "Die Wachstumskräfte schwinden weiter", sagte Stefan Kooths vom Kieler Forschungsinstitut IfW. Hohe Energiepreise, Fachkräftemangel, eine alternde Gesellschaft und die seit Jahren schwache Investitionstätigkeit vieler Unternehmen bremsten das Wachstum. Die Institute warnen deshalb davor, die jüngsten positiven Zahlen als Beginn eines neuen Wirtschaftsbooms zu missverstehen.

Aufschwung auf Pump

In dieser Situation spielt die Bundesregierung eine entscheidende Rolle. Die Koalition aus den konservativen Parteien CDU/CSU und den Sozialdemokraten hat sich entschieden, massiv in die Modernisierung der Infrastruktur und in die Bundeswehr zu investieren.

Die zusätzlichen Ausgaben helfen kurzfristig dabei, Aufträge für Unternehmen zu schaffen und Arbeitsplätze zu sichern. Zugleich sollen Investitionen in Straßen, Schienen, digitale Netze und militärische Ausstattung Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit stärken.

Die Wirtschaftsforscher erkennen die konjunkturstützende Wirkung dieser Ausgaben durchaus an. Gerade in einer Zeit, in der Verbraucher ihr Geld zusammenhalten und viele Unternehmen Investitionen aufschieben, wirkt der Staat als wichtiger Wachstumsmotor. Doch genau an diesem Punkt beginnt auch die Kritik der Ökonomen. Denn die Ausgaben sind über Schulden finanziert.

"Finanzpolitik auf Abwegen"

Das staatliche Defizit steigt nach den Prognosen von 4,1 Prozent der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr auf 4,7 Prozent im Jahr 2028. Gleichzeitig wachsen die Zinslasten des Staates. Immer größere Teile des Haushalts müssen künftig für die Bedienung von Schulden aufgewendet werden.

"Aufschwung mit Strukturproblemen - Finanzpolitik auf Abwegen" ist das Gemeinschaftsgutachten überschrieben. Als riesige strukturelle Probleme werden neben der schuldenbasierten Finanzpolitik die Alterung der Gesellschaft und die teure Energie genannt. "Wir haben zwei Mega-Baustellen: Das eine ist Demographie und die zweite Mega-Baustelle sind die Energieversorgungssicherheit und die Energiepreise", so Holtemöller.

In diesem Zusammenhang kritisierte der Ökonom aus Halle scharf, es sei nicht ersichtlich, "mit welchen Maßnahmen, mit welchen Reformen, mit welchen Rahmenbedingungen" Deutschland aus den fossilen Brennstoffen aussteigen wolle. Eine Vision, wie die Energiewende im Einklang mit dem Klimaschutzgesetz vollzogen werden soll, sei "noch nicht mal ansatzweise" zu erkennen.

Warnung: AfD-Erfolg schreckt Fachkräfte aus dem Ausland ab

Deutschlands größte Herausforderung bleibt die sinkende Zahl von Arbeitskräften. Mit dem Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand verliert die Wirtschaft Millionen Beschäftigte. Schon heute klagen viele Branchen über Personalmangel. Es brauche Offenheit "für Einwanderung von qualifizierten Beschäftigten", sagte Holtemöller.

Mit Blick auf die Wahl-Erfolge der in Teilen rechtsextremen Alternative für Deutschland (AfD) verwies er auf Studien, die zeigten, dass dort, "wo populistische Kräfte an der Regierung sind, die wirtschaftliche Entwicklung schwächer verläuft als in anderen Regionen". Das wichtigste sei Offenheit.

Bleibt Zuwanderung aus, wird die Bevölkerung weiter altern. Das lässt die Beiträge in die Sozialversicherungen weiter steigen, die in Deutschland zu gleichen Teilen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern bezahlt werden. Bei der Rentenreform plädieren die Ökonomen dafür, den vorzeitigen Renteneintritt ohne Abschläge nach 45 Beitragsjahren abzuschaffen. Die Debatte darüber, davon doch abzurücken, sei falsch.

"Die unklare Wirtschaftspolitik hat ihren Anteil an der insgesamt schwachen Entwicklung in Deutschland", kommentierte Stefan Kooths und fügte mit unverhohlener Ironie hinzu: "Wenn die jetzt angekündigte Reformpakete im Quartalsrhythmus angekündigt, aufgeschnürt und wieder verschoben werden, dann kann der Eindruck entstehen, die vier großen Widersacher der Reformpolitik seien Frühling, Sommer, Herbst und Winter."

Die Ökonomen bekommen viel Zustimmung aus der Wirtschaft

Während der Staat Milliarden mobilisiert, fehlt vielerorts die Dynamik aus der Privatwirtschaft. Investoren würden abgeschreckt, "weil man nicht weiß, was einen erwartet, was die Rahmenbedingungen hierzulande am Standort sind", analysierte Kooths. "Es braucht einfach mehr Vertrauen", sagte Ökonom Holtemöller. Dafür müsse die Bundesregierung sorgen und damit könne sie dann auch die Stimmung verbessern.

Ein Befund, dem die deutschen Unternehmen uneingeschränkt zustimmen, wie Reaktionen auf das Wirtschaftsgutachten zeigen. "Was die Unternehmen jetzt brauchen, sind keine neuen Debatten, sondern Entscheidungen in der Wirtschaftspolitik", forderte für die Deutsche Industrie- und Handelskammer deren Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov. "Das gelingt nur mit einem entschlossenen Reformkurs: Kosten senken, Bürokratie abbauen, Verfahren beschleunigen, Infrastruktur modernisieren."

Wirtschaft in der Transformation

Deutschland war über viele Jahrzehnte ein Land mit einer starken Industrie. Doch die schrumpft weiter. Monatlich gehen rund 15.000 Industriearbeitsplätze verloren. Besonders betroffen sind die Automobilindustrie, der Maschinenbau und die Metallindustrie. Gleichzeitig sind in den vergangenen zwei Jahren viele Unternehmen im Bereich Digitalisierung und KI gegründet worden.

Ihnen fehlt nach Ansicht der Ökonomen die Unterstützung gerade bei der Finanzierung. Die Folge: Viele wandern in die USA ab. "Wir sind sehr gut in Dingen wie bei der Entwicklung, bei Patentanmeldungen und so weiter, aber was dann auffällt, ist, dass diese Ideen, die wir hier entwickeln, zu Wertschöpfung eben woanders führen", kritisierte Timo Wollmershäuser vom ifo-Institut in München.

Danach gefragt, was die Wachstumsaussichten in Deutschland noch verbessern könnte, verwiesen die Forscher auf einen im Frühjahr vorgelegten Reformkatalog. Zu den Vorschlägen gehören unter anderem eine Begrenzung der Sozialversicherungsbeiträge und stärkere Arbeitsanreize für Ältere. Bei der Energiewende setzen die Institute stärker auf Preissignale und plädieren dafür, nationale Alleingänge beim Klimaschutz zu vermeiden.

Scharfe Kritik am Tankrabatt

Schlechte Noten gibt es in diesem Zusammenhang für den Tankrabatt, der am 1. Oktober kommen soll. Er sei eine Entlastung mit der Gießkanne, für die es keinen finanzpolitischen Spielraum gebe.

Solche teuren Maßnahmen könne sich der Staat derzeit nicht leisten und sie seien "zudem ökonomisch kontraproduktiv". Steuersenkungen bei Kraftstoffen "verhindern einen Teil der Nachfragereduktion, die bei einem knappen Energieangebot gerade erforderlich ist", sagt Oliver Holtemöller.

Author Sabine Kinkartz
Item URL https://www.dw.com/de/wirtschaftsforscher-sehen-aufschwung-in-deutschland-warnen-aber-davor-die-zahlen-als-beginn-eines-neuen-wirtschaftsbooms-zu-verstehen/a-79411863?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/79413080_607.jpg
Image caption Führende Köpfe der Wirtschaftsforschung: (v. li.) Torsten Schmidt, RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Essen, Timo Wollmershäuser, ifo Institut - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München, Oliver Holtemöller, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, Geraldine Dany-Knedlik, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Axel Lindner, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle und Stefan Kooths, Institut für Weltwirtschaft Kiel
Image source Sebastian Gollnow/dpa/picture alliance
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Item 51
Id 79403682
Date 2026-09-24
Title Die EU plant Handelsabkommen derzeit nur mit ausgesuchten ASEAN-Staaten
Short title EU plant Handelsabkommen nur mit ausgesuchten ASEAN-Staaten
Teaser Ärmere Mitglieder des südostasiatischen Staatenbundes werden eher kein Freihandelsabkommen mit Brüssel abschließen können. Die EU fokussiert sich auf bilaterale Verträge mit den größten Volkswirtschaften der Region.
Short teaser Nicht alle Mitglieder des südostasiatischen Staatenbundes werden ein Freihandelsabkommen mit Brüssel abschließen können.
Full text

Die EU und mehrere südostasiatische Länder werden voraussichtlich Mitte 2027 ein Freihandelsabkommen unterzeichnen. Sechs der elf ASEAN-Mitgliedstaaten werden bis dahin bilaterale Verträge zum Warenaustausch mit der Europäischen Union abgeschlossen haben. Vietnam und Singapur sind bereits heute Freihandelspartner der EU.

Die Verhandlungen mit Indonesien sind abgeschlossen. Jakarta will den Vertrag im Oktober unterzeichnen und ihn im Jahr 2027 umsetzen. Auch mit Thailand und Malaysia sind die Gespräche weit fortgeschritten. Beide Abkommen sollen bis Ende des Jahres oder Anfang 2027 abgeschlossen werden. Anfang dieser Woche verkündeten die EU und die Philippinen eine "grundsätzliche Einigung". Die endgültige Finalisierung soll in den kommenden Monaten erfolgen.

Engagement "so hoch wie nie"

Das Engagement der EU beim Handel und Investitionsangelegenheiten sei gegenüber den ASEAN-Staaten "so hoch wie nie zuvor", sagt Chris Humphrey, Geschäftsführer des EU-ASEAN Business Council, im Interview mit der Deutschen Welle (DW). Der bilaterale Warenhandel erreichte im Jahr 2026 einen Wert von 274,9 Milliarden Euro, was einem Anstieg von rund sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Gegenüber 2016 betrug das Wachstum sogar 50 Prozent.

Der Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN) ist mittlerweile der drittgrößte Handelspartner der EU außerhalb Europas, unmittelbar hinter den USA und China. Diese Woche fand in Manila, der Hauptstadt der Philippinen, der ASEAN-EU-Wirtschaftsgipfel statt. Die Wirtschaftsminister der ASEAN-Staaten und der EU-Handelskommissar bekräftigten eine verstärkte Zusammenarbeit, um sich vor zunehmenden geopolitischen Spannungen sowie deren Folgen zu schützen, wie Handelsbarrieren und regionale Konflikte, die "die regelbasierte internationale Ordnung" gefährden.

Südostasien von besonderer Bedeutung für Europa

Brüssel baut derzeit sein weltweites Netzwerk an Handelsabkommen aus, um neue Märkte zu erschließen und widerstandsfähigere Lieferketten zu entwickeln. Südostasien steht im Mittelpunkt der Lieferketten für Halbleiter, Elektronik, Elektrofahrzeuge und Batterien. Zudem wird dort vermehrt in Rechenzentren, erneuerbare Energien und digitale Dienste investiert.

Laut einem jüngst veröffentlichten Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) bilden die elf ASEAN-Mitgliedstaaten bereits eine Wirtschaftsunion mit einer Wirtschaftsleistung von 4,5 Billionen US-Dollar. Das durchschnittliche jährliche Wirtschaftswachstum beträgt mehr als 4,5 Prozent.

Hinzu kommt, dass viele internationale Konzerne verstärkt in diese Länder investieren, um ihre Produktion zu diversifizieren und ihre Abhängigkeit von China zu verringern. Geopolitische und geoökonomische Veränderungen hätten die Zusammenarbeit zwischen den beiden Regionen beschleunigt, erläutert Alfred Gerstl, Experte für internationale Beziehungen im indopazifischen Raum an der Universität Wien, im DW-Interview.

"Die protektionistische und unberechenbare Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump hat als entscheidender Katalysator gewirkt"" sagt Gerstl, während die De-Risking-Strategie der EU gegenüber China die strategische Bedeutung Südostasiens zusätzlich gestärkt habe.

Eine engere Partnerschaft mit europäischen Staaten kommt auch den Regierungen Südostasiens zugute. Sie versuchen seit langem, breit gefächerte wirtschaftliche Beziehungen zu konkurrierenden Mächten zu pflegen, um nicht zu stark von China oder den USA abhängig zu sein.

ASEAN-EU-Abkommen nicht in Sicht

Der EU-ASEAN-Wirtschaftsrat fordert einen klaren Fahrplan hin zu einem späteren regionalen Freihandelsabkommen, betont Humphrey. "Dies ist etwas, das die europäische Wirtschaft schon lange verlangt."

"Dabei soll ein modularer Ansatz verfolgt werden, möglicherweise beginnend mit einem regionalen Abkommen über den digitalen Handel und einem Investitionsschutzabkommen", erklärt Humphrey im DW-Interview.

Die Idee ist nicht neu. Bereits 2007 hatten die EU und ASEAN über einen Rahmenvertrag verhandelt. Die Gespräche gerieten jedoch aufgrund erheblicher Unterschiede zwischen den ASEAN-Volkswirtschaften und Meinungsverschiedenheiten über den Umfang des Abkommens ins Stocken. 2009 wurden die Verhandlungen einvernehmlich ausgesetzt. Anschließend setzte Brüssel auf bilaterale Abkommen mit einzelnen ASEAN-Mitgliedstaaten.

Neben Singapur, einer der reichsten Volkswirtschaften der Welt, gehören dem Staatenbund auch Länder wie Myanmar und Kambodscha an. Das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von Myanmar entspricht beispielsweise nur einem Fünfzehntel dessen von Bulgarien, einem EU-Mitgliedstaat. "Es ist für die weniger entwickelten ASEAN-Mitglieder schwierig, die hohen Sozial-, Arbeits- und Umweltstandards der EU zu erfüllen", erklärt Gerstl von der Universität Wien.

Derzeit gibt es in Brüssel keine Anzeichen, Verhandlungen mit den ärmeren ASEAN-Ländern aufzunehmen.

Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan

Author David Hutt
Item URL https://www.dw.com/de/die-eu-plant-handelsabkommen-derzeit-nur-mit-ausgesuchten-asean-staaten/a-79403682?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Im Juli unterschrieben EU-Außenbeauftragte Kallas und die philippinische Außenministerin Larazo (l.) ein Partnerschaftsabkommen
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Item 52
Id 79376833
Date 2026-09-23
Title Chinas neues Grenzregime verunsichert Tech-Konzerne
Short title Chinas neues Grenzregime verunsichert Tech-Konzerne
Teaser Peking macht seine Grenzen undurchlässiger für Fachleute wie KI-Experten. Ausgerechnet das Land, dem Diebstahl geistigen Eigentums im großen Maßstab vorgeworfen wird, fürchtet nun den Wissenstransfer in den Westen.
Short teaser China, dem Diebstahl geistigen Eigentums im großen Maßstab vorgeworfen wird, fürchtet den Wissenstransfer in den Westen.
Full text

Seit Jahrzehnten wird China von den USA und der Europäischen Union vorgeworfen, westliche Technologie zu stehlen. Von Robotik und hochmodernen Halbleitern bis hin zu Feinmechanik und Automobiltechnologie: Chinesische Unternehmen haben Spitzeningenieure angeworben, angeblich westliche Konkurrenten ausspioniert und sollen in Cyberangriffe verwickelt sein, deren Ziel es war, Zugang zu wertvollen Betriebsgeheimnissen zu erlangen.

Es klingt daher fast wie eine Ironie der Geschichte, dass Peking jetzt Maßnahmen ergreift, die verhindern sollen, dass seine eigenen Spitzentechnologien und Talente ins Ausland abwandern.

Chinas "Große Mauer" um seine besten Köpfe

Mitte September traten neue Ein- und Ausreisebestimmungen in Kraft, die es den chinesischen Behörden ermöglicht, Ingenieure, Gründer und andere Fachkräfte an der Ausreise zu hindern, wenn ihr Fachwissen in den Bereichen Batterietechnik, Seltene Erden oder Künstliche Intelligenz (KI) essentiell für die "industrielle und technologische Sicherheit" eingestuft wird.

In jüngster Zeit hat Peking zudem die Vorschriften für Auslandsinvestitionen verschärft, um mit harter Hand gegen chinesische Staatsangehörige vorzugehen, die ihr Vermögen im Ausland anlegen. Außerdem wurde die Entsendung von technischem Personal ins Ausland eingeschränkt.

Henry Gao, Rechtsprofessor an der Singapore Management University (SMU), ist der Ansicht, dass diese Einschränkungen in ihrer Gesamtheit "einen seltenen Einblick in den wahren Zustand der chinesischen Wirtschaft bieten. "Diese Maßnahmen deuten darauf hin, dass Peking zutiefst besorgt über die wirtschaftliche Schwäche und erhebliche Kapitalabflüsse ist", sagte Gao der DW.

Er fügte hinzu, dass die Behörden zudem entschlossen seien, "Unternehmer und Fachkräfte daran zu hindern, das Land zu verlassen". Die Belastungen für Chinas Wirtschaft lassen sich immer schwerer verbergen. Zwar ist die Nachfrage nach Exporten nach wie vor stark - besonders nach Hightech-Produkten. Doch der Einbruch auf dem Immobilienmarkt hat den Binnenkonsum erheblich geschwächt: Die Kreditvergabe der Banken sank im Sommer auf ein Rekordtief, und die Neuwagenverkäufe gingen im August im Vergleich zum Vorjahresmonat um fast ein Viertel zurück.

Peking blockiert Übernahmen, Gründer suchen nach einem Ausstieg

Diese Sorgen erstreckten sich jetzt auch auf die Abwanderung von Menschen und Kapital. Das prominenteste Beispiel aus jüngster Zeit ist Manus, ein KI-Start-up, das von zwei chinesischen Staatsbürgern in Peking gegründet wurde. Im vergangenen Jahr verlegte das Unternehmen seinen Hauptsitz nach Singapur, unter anderem, um den Investitionsbeschränkungen der USA zu entgehen und auf globalen Märkten expandieren zu können.

Als Meta, der Eigentümer von Facebook, im vergangenen Dezember versuchte, Manus für zwei Milliarden Dollar (1,74 Milliarden Euro) zu übernehmen, blockierte Peking den Deal und verbot den beiden Gründern des Unternehmens die Ausreise.

Gerade in diesem Monat kursierten in den chinesischen sozialen Medien Gerüchte, dass der Huawei-Gründer und CEO Ren Zhengfei sowie seine Tochter, die Finanzchefin Meng Wanzhou, das Land möglicherweise verlassen hätten.

Das wurde von taiwanesischen und indischen Medien aufgegriffen, wurde jedoch weder von Huawei noch von den chinesischen Behörden bestätigt. Mindestens ein Familienmitglied soll seitdem in Peking öffentlich aufgetreten sein.

Reiche Chinesen haben es schwer, Kapital ins Ausland zu bringen

Bloomberg Intelligence schätzt, dass 2025 chinesisches Vermögen in Höhe von rund einer Billion US-Dollar das Land verlassen hat - die größte Abwanderung von "Hot Money" seit 2006, dem Jahr, in dem erstmals Daten erhoben wurden.

Peking hat seine jährliche Devisenquote von 50.000 US-Dollar, die Haushalte ins Ausland transferieren dürfen, nicht verschärft. Was sich jedoch verschärft hat, so Alicia Garcia-Herrero, Chefökonomin für den asiatisch-pazifischen Raum bei der französischen Investmentbank Natixis, sind die inoffiziellen Wege, die die Vermögenden nutzen, um diese Obergrenze zu umgehen.

"Sie haben die 50.000-Dollar-Quote nicht geändert. Sie setzen nun die Menschen und Vermittler unter Druck, über die das Geld normalerweise fließt", erklärte Garcia-Herrero gegenüber der DW.

In China und im Ausland ist eine ganze Branche entstanden, die Menschen dabei hilft, sich selbst und ihr Kapital ins Ausland zu bringen. Auswanderungsagenturen kümmern sich um Visa und Umzüge, während Offshore-Broker und Treuhandgesellschaften chinesischen Staatsbürgern dabei helfen, ihr Vermögen im Ausland anzulegen.

Unternehmen nutzen manchmal eine ausländische Tochtergesellschaft, einen Börsengang oder die Entsendung von Mitarbeitern, um Geld und Know-how gemeinsam ins Ausland zu transferieren.

Neue Regeln als Anreiz für "kreative" Lösungen?

Juraprofessor Henry Gao von der SMU zufolge könnten sich die neuen Beschränkungen als kontraproduktiv erweisen. Denn je schwieriger es wird, Kapital oder Personen ins Ausland zu bringen, desto größer ist der Anreiz für diejenigen, die über die entsprechenden Mittel verfügen, andere Wege zu finden.

"Langfristig könnte dies das Vertrauen weiter untergraben, die Kapitalflucht beschleunigen und genau jene wirtschaftlichen Probleme verschärfen, die mit den Maßnahmen eigentlich eingedämmt werden sollen", sagte Gao gegenüber der DW.

Garcia-Herrero hingegen ist der Ansicht, dass die Beschränkungen für Fachkräfte schwerwiegendere Folgen haben werden als jene für Kapital.

"Geld lässt sich mit den entsprechenden Genehmigungen immer noch langsam transferieren", erläuterte sie im DW-Gespräch. "Ein Verfahrenstechniker, der nicht in ein Flugzeug steigen darf oder der aufgrund eines unbefristeten Einreiseverbots keinen Job im Ausland annehmen wird, lässt sich nicht so einfach ersetzen."

KI-Experten brauchen Fluggenehmigung

Dieses Risiko trifft bereits Chinas KI-Unternehmen, die im Wettlauf um die Entwicklung der fortschrittlichsten KI-Systeme rasch zu ihren US-Konkurrenten aufschließen.

Im Mai berichtete Bloomberg, dass die chinesischen Behörden nun von führenden KI-Forschern, Gründern und Führungskräften bei Unternehmen wie Alibaba und DeepSeek verlangen, vor Auslandsreisen eine Genehmigung einzuholen.

Im vergangenen Jahr wurden einige Mitarbeiter von DeepSeek laut der Tech-Nachrichtenseite The Information aufgefordert, ihre Reisepässe abzugeben. Peking hat diese Vorgehensweise weder bestätigt noch dementiert.

Bloomberg berichtete im Januar 2025, dass andere Techniker einem ähnlichen Druck ausgesetzt sind, darunter auch diejenigen, die ausländischen Unternehmen dabei helfen, ihre Abhängigkeit von China zu verringern, indem sie Fabriken in Vietnam und Indien aufbauen.

Behörden und Anwälte warnen vor Konsequenzen

Bei ausländischen Staatsangehörigen tarnen sowohl chinesische als auch ausländische Unternehmen einen Arbeitsaufenthalt in China mitunter, um Kontrollen und Visumsverzögerungen zu vermeiden. Sie geben möglicherweise an, eine Reise diene dem Tourismus, Geschäftstreffen oder einer Werksbesichtigung und nicht der eigentlichen Arbeit.

Im Vorfeld der neuen Beschränkungen rieten internationale Anwaltskanzleien wie DLA Piper Unternehmen dazu, Visumanträge "wahrheitsgemäß" und "vollständig" auszufüllen, und warnten, dass eine Diskrepanz zwischen den Unterlagen und der tatsächlichen Tätigkeit nun ein Einreiseverbot von bis zu fünf Jahren nach sich ziehen könne.

Die neuen Vorschriften sehen vor, dass ein Besucher grundsätzlich darüber informiert werden sollte, wenn gegen ihn ein Einreiseverbot verhängt wurde. Die chinesischen Behörden können eine Benachrichtigung jedoch zurückhalten, wenn dies "die nationale Sicherheit oder die Ermittlungen in Strafsachen beeinträchtigen könnte".

In einer aktualisierten Reiseempfehlung Anfang dieses Monats ging das US-Außenministerium noch weiter und warnte US-Bürger, "auf dem chinesischen Festland erhöhte Vorsicht walten zu lassen, da … Einreiseverbote ohne ein faires und transparentes Verfahren gemäß dem Gesetz verhängt werden und das Risiko einer ungerechtfertigten Festnahme oder Inhaftierung besteht".

Der Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert

Author Nik Martin
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Image caption China möchte seine besten Köpfe im Land behalten und verschärft gleichzeitig die Kontrollen für ausländische Experten
Image source Wang Yu/Xinhua/picture alliance
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Item 53
Id 79367648
Date 2026-09-22
Title Campus-Projekt 2026: Georgien im Mittelpunkt
Short title Campus-Projekt 2026: Georgien im Mittelpunkt
Teaser Das Nachwuchsprojekt des Beethovenfests Bonn bringt junge Musikerinnen und Musiker aus Deutschland und Georgien zusammen. Dahinter steht mehr als nur ein musikalischer Austausch.
Short teaser Das Beethovenfest Bonn schlägt Brücken zwischen deutscher und georgischer Musikkultur - musikalisch und darüber hinaus.
Full text

Tiflis im Juni: Rund 20 junge Musikerinnen und Musiker des Bundesjugendorchesters und des Bundesjugendchores kommen in der georgischen Hauptstadt an. Die Reise führt sie in ein Land, das kulturell eng mit Europa verbunden ist und zugleich von politischen Spannungen geprägt wird. Die Bilder der anhaltenden pro-europäischen Proteste in Tiflis sind ihnen bekannt.

Am Morgen nach ihrer Ankunft treffen die deutschen Musikerinnen und Musiker erstmals auf eine Gruppe junger Georgierinnen und Georgier vom Tbilisi Youth Orchestrasowie Sängerinnen und Sänger der freien Szene. Gemeinsam beginnen sie die Arbeit an einem Konzertprogramm, das beim Campus-Projekt des Beethovenfests Bonn im September präsentiert werden soll.

Auf der Suche nach dem gemeinsamen Klang

Ziel ist es, ein Programm zu entwickeln, das musikalische Traditionen beider Länder miteinander verbindet. Doch zunächst suchen die Musikerinnen und Musiker nach einem gemeinsamen Klang.

"Wir Georgier gelten als heißblütige Südländer mit ungezügelten Emotionen", sagt Mirian Khukhunaishvili, Dirigent und künstlerischer Leiter des Projekts. "Aber kaum hört man deutsche Musik, versteht man, dass die Menschen dort auch voller Emotionen sind. Es gibt nur unterschiedliche Herangehensweisen, wie man diese Emotionen zeigt."

Drei Monate später im September 2026 treffen sich alle Musiker wieder in Deutschland. Nach letzten Proben stehen am 23. und 24. September Konzerte in Bonn und Berlinauf dem Programm. Das Bonner Konzert wird live auf dem YouTube-Kanal DW Classical Musicübertragen.

Mehr als ein Musikprojekt

Für viele Beteiligte hat das Projekt auch eine gesellschaftliche Dimension. "In unserem Konzert geht es um die geopolitische Realität, in der wir leben. Wir wollen unsere Hoffnung auf Europa zeigen, nicht nur die Hoffnung, irgendwo beizutreten, sondern dass dies unsere gemeinsame Heimat ist", sagt Khukhunaishvili. "Die Kernbotschaft ist, dass wir in Georgien die westeuropäischen Werte der Menschenrechte teilen."

Einen Schwerpunkt des Programms bildet ein neues Arrangement des georgischen Komponisten Mika Mdinaradze. Darin verbindet er Beethovens Chor "Europa steht!“ aus der Kantate "Der glorreiche Augenblick" mit traditionellen georgischen Liedern.

"Beethoven bleibt darin natürlich unverwechselbar, während die georgischen polyphonen Strukturen ebenfalls ihre Identität bewahren", beschreibt Mdinaradze sein Werk im Gespräch mit der DW. "So entsteht ein Klangmodell von Europa, ein Dialog statt erzwungener Einheit, eine klangvolle Erklärung dafür, wo Georgien hingehört!"

Kultureller Austausch

Das Campus-Projekt des Beethovenfestes Bonn besteht seit 2001. Es bringt junge Musikerinnen und Musiker aus Deutschland mit dem Musiknachwuchs aus Ländern zusammen, die sich in einem gesellschaftlichen oder politischen Transformationsprozess befinden.

"Darunter waren bereits die Ukraine, Afghanistan, der Iran und nun, zum zweiten Mal nach 2003, Georgien", erzählt Thomas Scheider, der das Campus-Projekt beim Beethovenfest leitet. "Das sind Orte, an denen Kultur nicht bloß Begleiterscheinung der Geschichte ist, sondern zu einem zentralen Feld wird, in dem Geschichte verstanden, verhandelt und hinterfragt wird."

Auch für das Bundesjugendorchester (BJO), das seit zehn Jahren Partner des Campus-Projekts ist, geht die Begegnung weit über das rein Musikalische hinaus: "Obwohl die Musik natürlich im Mittelpunkt steht, kann der Austausch so viel mehr zeigen: persönliche Beziehungen, kulturellen Reichtum, bedeutende Geschichte, beeindruckende Natur, aber auch die herausfordernde aktuelle politische Situation", sagt Sönke Lentz, Orchesterdirektor des BJO. "Die pro-europäischen Künstlerinnen und Künstler und die wohl überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in Georgien brauchen unsere Solidarität und Unterstützung.“

Das Bundesjugendorchester hat das Campus-Projekt mit seiner diesjährigen Auslandstournee verbunden. Unter der Leitung von Mirian Kukhunaishvili und gemeinsam mit dem Pianisten Giorgi Gigashvili spielte das Orchester drei Konzerte in Tiflis und Kutaissi. "Ausverkaufte Häuser und stehende Ovationen - das hat uns beeindruckt und gezeigt, welche Bedeutung solch ein Projekt hat", so Sönke Lentz.

Tsotne Zedginidze: georgisches Ausnahmetalent

"Der neue Mozart" - so bezeichnete der weltberühmte Pianist und Dirigent Daniel Barenboim den georgischen Pianisten und Komponisten Tsotne Zedginidze einmal.

Zedginidze ist gerade 17 Jahre alt geworden und damit der jüngste Auftragskomponist seit Bestehen des Campus-Projekts. Aus seiner Feder stammt das Werk "Chmebi: Georgian Fantasia" für Klavier und Kammerorchester. Das Wort "Chmebi" bedeutet auf Georgisch "Stimmen". Der junge Komponist sitzt bei der Uraufführung in Bonn und Berlin selbst am Klavier. "Beethoven wäre schockiert, aber auch inspiriert“, meint Tsotne augenzwinkernd zu seinem Werk, aber auch zum gesamten Projekt.

In seiner Komposition verarbeitet er uralte georgische Folklore mit schräger Harmonik und feurigen Volkstänzen. "In meiner Musik wollte ich keinesfalls gekünstelt wirken, sondern so weit wie möglich georgische Musikstile aufgreifen", erläutert er der DW.

Stargeigerin Lisa Batiashvili erwartet mit Spannung die Premiere von Tsotnes Werk. Mit ihrer Stiftung unterstützt die Musikerin, die mit zwölf Jahren aus Georgien nach Deutschland kam, junge Künstler in ihrer Heimat. Auch Tsotne Zedginidze gehört zu den Stipendiaten.

"In den vergangenen zwanzig Jahren durfte ich erleben, wie die Freundschaft zwischen Deutschland und Georgien gewachsen ist und wie offen und interessiert Menschen hier meinem Heimatland begegnen", sagt Batiashvili.

"Besonders schön ist es zu sehen, wie junge Musikerinnen und Musiker beider Länder gemeinsam musizieren, voneinander lernen und sich gegenseitig inspirieren." Vielleicht entstehe dabei mehr als Musik, so Batiashvili, vielleicht die Vision einer gemeinsamen Zukunft.

Item URL https://www.dw.com/de/campus-projekt-2026-georgien-im-mittelpunkt/a-79367648?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Eine gemeinsame Vision: deutsche und georgische Musiker beim ersten Treffen in Tiflis
Image source Beethovenfest
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Item 54
Id 79367576
Date 2026-09-22
Title EU und Philippinen einigen sich auf Freihandelsabkommen
Short title EU und Philippinen einigen sich auf Freihandelsabkommen
Teaser Zölle sollen weitgehend fallen, öffentliche Aufträge geöffnet und Lieferketten gestärkt werden. Formal unterzeichnet werden soll der Vertrag in den kommenden Monaten.
Short teaser EU und Philippinen wollen Zölle abbauen und Märkte öffnen. Das Freihandelsabkommen soll bald unterzeichnet werden.
Full text

Die Europäische Union und die Philippinen haben einen Durchbruch bei ihren Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen erzielt. Nach Angaben von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen steht die grundsätzliche Einigung. Einzelne Punkte sowie technische Details müssen allerdings noch ausgehandelt werden.

EU-Handelskommissar Maros Sefcovic und die philippinische Handelsministerin Cristina Roque bezeichneten die Verständigung in einer gemeinsamen Erklärung als einen "wichtigen Meilenstein für beide Seiten". Das Abkommen soll demnach "in den kommenden Monaten" formal unterzeichnet werden.

Fast alle Waren sollen von niedrigeren Zöllen profitieren

Kern der Vereinbarung ist ein weitreichender Abbau von Handelsbarrieren. "Wir haben vereinbart, über 94 Prozent der Zolltarifpositionen zu liberalisieren, die mehr als 97 Prozent der Waren auf beiden Seiten abdecken", sagte Sefcovic in Brüssel.

Für europäische Unternehmen soll sich dadurch der Zugang zum philippinischen Markt verbessern. Das südostasiatische Land hat rund 113 Millionen Einwohner. Die EU exportiert dorthin vor allem Maschinen, Transportmittel, Arzneimittel und medizinische Geräte. Auch für europäische Agrarprodukte wie Schweinefleisch sind Zollerleichterungen vorgesehen.

Sefcovic sieht darin Chancen für Unternehmen und Landwirte. Zugleich solle das Abkommen Lieferketten widerstandsfähiger machen. "Zudem sorgt dies für stärkere und diversifiziertere Lieferketten in einer Zeit, in der Widerstandsfähigkeit zu einer strategischen Priorität geworden ist - Halbleiter sind hierfür ein deutliches Beispiel."

Auch bei erneuerbaren Energien erwartet der EU-Kommissar neue Investitionsmöglichkeiten. Die Philippinen wollen ihre Kapazitäten in diesem Bereich ausbauen.

Philippinen öffnen öffentliche Aufträge

Nach Angaben der EU-Kommission soll zudem erstmals der philippinische Markt für öffentliche Aufträge für ausländische Bieter geöffnet werden. Das Abkommen enthält außerdem Regelungen zu Nachhaltigkeit und Schutzstandards sowie zu Energie und Rohstoffen. Geschützt werden sollen auch Hunderte europäische Lebensmittel mit Herkunftsbezeichnung.

Die Deutsche Industrie- und Handelskammer sieht ebenfalls große wirtschaftliche Chancen. DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier sprach von einem "enormen Marktpotenzial". Das endgültige Abkommen müsse für "vollständige Zollsenkungen in allen Industriebereichen sowie die Öffnung der öffentlichen Beschaffungsmärkte" sorgen. Deutsche Unternehmen hoffen zudem auf einen besseren Zugang zu Rohstoffen von den Philippinen.

Handel im Wert von Milliarden Euro

Die EU gehört bereits zu den wichtigsten Handelspartnern des Inselstaats. 2025 war sie nach Angaben der EU-Kommission der viertgrößte Handelspartner der Philippinen und stand für 8,3 Prozent des gesamten Warenhandels des Landes.

Der bilaterale Warenhandel belief sich demnach 2025 auf 17,6 Milliarden Euro. Beim Handel mit Dienstleistungen wurden 2024 rund 10,3 Milliarden Euro erreicht. Sefcovic sprach angesichts dieser Zahlen von einem "riesigen Wachstumspotenzial".

Die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen begannen Mitte der 2010er-Jahre, wurden jedoch bereits kurze Zeit später ausgesetzt. Seit März 2024 verhandelten beide Seiten wieder miteinander. Nun betonten sie ihr "gemeinsames Interesse an einer offenen, inklusiven und regelbasierten internationalen Ordnung".

EU sucht zusätzliche Handelspartner

Für Brüssel ist die Vereinbarung zugleich Teil einer breiteren handelspolitischen Strategie. Die EU bemüht sich angesichts der US-Zollpolitik unter Präsident Donald Trump und der angespannten Beziehungen zu China um zusätzliche Handelspartner.

In den vergangenen Monaten unterzeichnete die EU bereits einen erweiterten Handelsvertrag mit Mexiko und schloss die Verhandlungen mit Indien ab. Ein Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen MERCOSUR-Staaten ist seit Mai vorläufig in Kraft.

Sefcovic wertete die Einigung mit Manila deshalb auch als Signal für ein stärkeres europäisches Engagement im indopazifischen Raum.

Mit rund 450 Millionen Einwohnern ist die EU einer der größten Handelsräume der Welt. Nach Angaben der Kommission entfielen 2025 Waren- und Handelsströme im Wert von acht Billionen Euro beziehungsweise 15,9 Prozent des Welthandels auf die Union.

pgr/haz (dpa, afp)

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Image caption Container im Hafen von Manila: Das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Philippinen soll Zölle abbauen und den Marktzugang verbessern
Image source Aaron Favila/AP Photo/picture alliance
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Item 55
Id 79305669
Date 2026-09-22
Title Deutschland vor dem Winter: Gasnotstand oder Panikmache?
Short title Deutschland vor dem Winter: Gasnotstand oder Panikmache?
Teaser Die Füllstände der Gasspeicher liegen sehr niedrig - und das vor der Heizsaison. Bei manchen klingen die Alarmglocken, andere bleiben ruhig und wiegeln ab. Wie sicher ist die Versorgung und wie teuer wird das Gas?
Short teaser Die Füllstände der Gasspeicher liegen sehr niedrig. Wie sicher ist die Versorgung und wie teuer wird das Gas?
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Aktuell, das heißt bis zum 20. September 2026, waren rund 141 Terawattstunden Gas eingespeichert, das sind gut 57 Prozent der Speicherkapazitäten. Im gesamten letzten Winter wurden laut Netzagentur knapp 134 Terawattstunden entnommen. Das klingt zunächst beruhigend, vor allem weil der letzte Winter recht kalt und daher 'heizungsintensiv' war.

Im Vergleich zu den Vorjahren sind die Gasspeicher-Füllstände aber niedrig. Bereits am 4. September hatte sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zu Wort gemeldet und ein Eingreifen vom Bund verlangt. Wenige Tage später warf die Grünen-Opposition der Wirtschaftsministerin Versäumnisse vor: "Die Gasspeicher sind nicht gefüllt. Die Mangellage droht", sagte Co-Fraktionschefin Britta Haßelmann.

Äußerungen wie diese hatten den Eindruck erweckt, im Winter werde es in Deutschland nicht mehr genug Gas geben - es werde zu einer Mangellage kommen. Das werde der Wirtschaft schaden und viele Haushalte würden nicht heizen können.

Zur Beurteilung der aktuellen Lage müssen aber verschiedene Parameter berücksichtigt werden. Da ist zum Beispiel die Tatsache, dass auch im Winter Gas importiert wird. Hinzu kommt, dass die Importwege und -quellen seit einigen Jahren diversifiziert worden sind. Deutschland ist nicht mehr von einem einzigen Importeur so abhängig wie bis 2022 von Russland.

Müssen wir uns warm anziehen?

Die von der DW befragten Marktteilnehmer und Experten sind in der Frage, ob das gespeicherte Gas für den Winter reicht, recht entspannt. Charlie Grüneberg, Sprecher des Verbandes der Gas- und Wasserstoffwirtschaft, erinnert an die auf mittlere Sicht geschlossenen Verträge: "Wer seinen Gasbedarf für den Winter bei einem verlässlichen Lieferanten vertraglich abgesichert hat, bekommt die vereinbarten Mengen."

Etwas skeptisch klingt Sebastian Heinermann. Der Geschäftsführer der Initiative energien-speichern.de, dem deutschen Verband der Gas- und Wasserstoffspeicher, weist zwar darauf hin, dass es technisch noch möglich sei, "die Gasspeicher in Deutschland auf einen Füllstand von rund 77 Prozent zu bringen."

Dazu sei ein Befüllungsniveau nötig, das "so in den letzten drei Wochen nicht ein einziges Mal zu beobachten war. Setzt sich der Trend unverändert fort, dann wird zum 1. November ein Füllstand von nur rund 65 Prozent erreicht", so Heinermann.

Eindeutiger äußert sich die Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen. Sie sieht offenbar keinen Grund zu Beunruhigung: "Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil. Die Versorgungssicherheit ist aktuell gewährleistet. Die Bundesnetzagentur schätzt die Gefahr einer angespannten Gasversorgung nach aktuellem Erkenntnisstand weiterhin als gering ein", teilte deren Sprecherin, Nadia Affani, der DW auf Anfrage mit.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) befürchtet auch keinen Notstand. Sprecherin Susanne Ungrad schrieb der DW auf Anfrage: "Das BMWE beobachtet alle Entwicklungen sehr genau, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Es gibt derzeit keine Anzeichen für einen Versorgungsengpass."

Kein Grund zur Sorge

Ungrad zählt erklärend die Parameter auf, die den Gaspreis bestimmen: "verfügbare Speichermengen, laufende Importe über Pipeline und LNG-Terminals, die Nachfrageentwicklung und die Situation auf den europäischen und internationalen Energiemärkten. Wir sind vorbereitet auf weitere Entwicklungen."

Einen eher ganzheitlichen Blick hat auch Charlie Grüneberg vom Verband der Gas- und Wasserstoffwirtschaft: "Entscheidend ist, ob genug Gas beschafft ist und nach und durch Deutschland transportiert werden kann: Lieferverträge, Speicher, Pipelineimporte und LNG greifen ineinander. Nach Investitionen in LNG-Terminals, neue Importwege und Reverse-Flow-Möglichkeiten ist die Infrastruktur heute deutlich robuster als 2022."

Eine Reverse-Flow-Pipeline ist eine Rohrleitung, deren Pump- und Kompressorstationen so umgebaut wurden, dass Öl oder Gas auch in die entgegengesetzte Richtung der ursprünglichen Fließrichtung transportiert werden kann - etwa, wenn sich Lieferanten und Handelswege ändern.

Der Preis steigt

Wenn der Winter kommt und mehr geheizt wird, sollte Gas teurer werden: Wächst die Nachfrage, steigt der Preis. Das lässt sich bereits beobachten, sagt Sebastian Heinermann vom Verband der Gasspeicher. "Der Gaspreis lag im zweiten Quartal über die verschiedenen Kontrakte am Terminmarkt auf einem Niveau von ca. 46 Euro pro Megawattstunde. Zuletzt ist der Gaspreis auf über 80 Euro angestiegen."

Olaf Geyer von der US-Unternehmensberatung Arthur D. Little beobachtet den deutschen Markt und weist ebenfalls auf die Preisentwicklung hin. Er sieht auch kein akutes Versorgungsproblem, aber: "Wenn der Winter kalt wird oder auf der Importseite etwas ausfällt, kann es schnell teuer werden."

Charlie Grüneberg sieht jedoch keinen Automatismus. "Belastbare Preisprognosen" seien schwierig. Zwar könnten niedrige Speicherstände die Preise steigen lassen, "wenn zusätzliche Mengen am Markt beschafft werden müssen." Doch zeichne sich auf der Angebotsseite keine Knappheit ab: "Nach heutigem Stand gibt es jedoch keine Hinweise auf eine physische Mengenknappheit zum Ende des Winters; auch die Terminmärkte signalisieren dies derzeit nicht."

Das BMWE weist darauf hin, dass "die derzeit für Termingeschäfte für den Winter aufgerufenen Preise nur geringfügig über den Spotmarktpreisen für sofortige Geschäfte liegen. Der übliche Sommer-Winter-Spread, der die Einspeicherung von Gas über die Sommermonate wirtschaftlich machte, war damit nicht gegeben."

Dem Spread liegt das Prinzip zugrunde, im Sommer billig einzukaufen und im Winter teurer zu verkaufen. Das hat wegen der Sperrung der Straße von Hormus nicht funktioniert - Gas wurde im Sommer nicht billiger, sondern teurer.

Wirksame Marktanreize

Was muss bei der Bevorratung in Zukunft anders laufen? Olaf Geyer nimmt, wie das BMWE, den Sommer-Winter-Spread in den Blick: Die Speicher seien nicht voller, weil sich das wirtschaftlich nicht gerechnet habe. "Für die Zukunft braucht es bessere Anreize zur Befüllung - und bei den Versorgern ein Risikomanagement, das nicht nur auf den Einkaufspreis schaut, sondern auch darauf, wie stark der tatsächliche Verbrauch von der Planung abweichen kann."

Wirksame wirtschaftliche Anreize zur Speicherbefüllung fordert auch Sebastian Heinermann: "Mittelfristig braucht Deutschland einen verlässlichen Marktrahmen, der über Anreize, Verpflichtungen oder eine Kombination beider Instrumente eine ausreichende Befüllung dauerhaft absichert und zugleich möglichst viel marktwirtschaftlichen Spielraum erhält."

Author Dirk Kaufmann
Item URL https://www.dw.com/de/deutschland-vor-dem-winter-gasnotstand-oder-panikmache/a-79305669?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Manometer auf dem Gelände des Untergrund-Gasspeichers in Bad Lauchstädt
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Item 56
Id 79325501
Date 2026-09-21
Title Autokrise: Was wird aus der 35-Stunden-Woche in Deutschland?
Short title Was wird aus der 35-Stunden-Woche in Deutschland?
Teaser Deutsche Autobauer wollen, dass ihre Mitarbeiter länger arbeiten - ohne zusätzlichen Lohn. Das soll die Wettbewerbsfähigkeit steigern. Die Gewerkschaften lehnen das als Angriff auf die Arbeitnehmerrechte ab.
Short teaser Deutsche Autobauer wollen, dass ihre Mitarbeiter länger arbeiten - ohne zusätzlichen Lohn.
Full text

Die deutsche Automobilindustrie steckt in einer tiefen Krise: Sie wird existentiell bedrängt durch hohe Produktionskosten, die Strafzölle der USA, den wachsenden Wettbewerbsdruck aus China und den schwierigen Übergang zur Elektromobilität. Branchengrößen wie Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW wollen als Antwort darauf die Produktion drosseln und Kosten senken.

Die Branche baut schneller Arbeitsplätze ab als jeder andere Industriezweig des Landes.
Volkswagen beispielsweise plant, bis zum Ende des Jahrzehnts weltweit rund 15 Prozent seiner Belegschaft - das entspricht 100.000 Arbeitsplätzen - abzubauen. BMW kündigte an, bis Ende 2027 bis zu 8000 Stellen zu streichen, was etwa fünf Prozent der Belegschaft ausmacht.

Auch Autozulieferer wie Bosch und ZF Friedrichshafen kündigen wegen schwieriger Marktbedingungen den Abbau Tausender Arbeitsplätze an.

Das Ende der 35-Stunden-Woche droht

Die deutsche Automobilindustrie verliere an Wettbewerbsfähigkeit, da die Kosten steigen und Produktion ins Ausland verlagert wird, erklärt Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center for Automotive Research (CAR) in Bochum. "Im Jahr 2018 beschäftigte die Branche rund 830.000 Menschen. Aktuell liegt diese Zahl unter 700.000", sagte er der DW. "Wir gehen davon aus, dass es bis etwa 2030 nur noch 500.000 sein werden."

Um die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen und Arbeitsplätze für die Zukunft zu sichern, seien diverse Maßnahmen erforderlich, darunter niedrigere Produktions- und Energiekosten, eine bessere Logistikinfrastruktur sowie günstige steuerliche Rahmenbedingungen, fügte er hinzu. Um die Lohnkosten zu senken, sollen die die Beschäftigten in Deutschlands Autofabriken demnächst 40 statt der derzeitigen 35 Stunden pro Woche arbeiten - und zwar ohne Lohnerhöhung.

Die 35-Stunden-Woche ist in weiten Teilen der deutschen Automobilindustrie längst Standard; sie ist das Ergebnis von Tarifverträgen, die in den 1980er und 1990er Jahren ausgehandelt wurden. Sie spiegele eine Ära wider, in der Deutschland hoch wettbewerbsfähig war, so Dudenhöffer: "Diese Zeit ist vorbei."

Der Widerstand wächst

Die Gewerkschaften wehren sich jedoch vehement gegen längere Arbeitszeiten. Christiane Benner, Vorsitzende der einflussreichen Gewerkschaft IG Metall, erklärte, die Beschäftigten hätten bereits Lohnkürzungen und andere Zugeständnisse im Wert von mehreren Milliarden Euro hingenommen, und müssten sich nun noch sagen lassen, dass dies immer noch nicht ausreiche.

Die Gewerkschaft argumentiert, dass die deutschen Autohersteller mit schwacher Nachfrage und unausgelasteten Fabriken zu kämpfen hätten - nicht mit einem Mangel an Arbeitsstunden. "Kein einziges Auto mehr wird verkauft, nur weil die Belegschaft länger arbeitet", so die Gewerkschaft.

Am 21. September organisiert die IG Metall bundesweit Demonstrationen an mehr als 200 Standorten, um gegen Stellenstreichungen und andere Maßnahmen zu protestieren, die die Arbeitsbedingungen in der Automobilbranche betreffen.

Retten längere Arbeitszeiten Arbeitsplätze?

Die Gewerkschaft "kämpft für Relikte von vor 20 Jahren und vergisst dabei die heutige Realität", kommentiert Dudenhöffer diese Aktionen. Der Experte schätzt, dass die Personalkosten um 13 Prozent sinken würden, wenn die Autohersteller von der 35-Stunden-Woche zur 40-Stunden-Woche übergingen. "Wir würden den Beschäftigten kein Geld wegnehmen, sondern Bedingungen schaffen, die Automobilarbeitsplätze in Deutschland auch in Zukunft ermöglichen", betont er.

Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, bezeichnet die 35-Stunden-Woche als einen zentralen Erfolg der Gewerkschaften in der Tarifgeschichte. Seiner Meinung nach sei ein "Konflikt unvermeidlich" zwischen Unternehmensführung und Gewerkschaften.

Andererseits würden mehr Arbeitsstunden bei gleichem Lohn die Lohnkosten pro Stunde rechnerisch senken, fügte er hinzu. "Letztlich stellt sich die Frage, wie die Lasten des aktuellen Wandels zwischen Unternehmen und Beschäftigten aufgeteilt werden sollen", so Bratzel.

Was rettet die Autobauer?

Experten zufolge ist eine Verbesserung der Lohnkostensituation an deutschen Produktionsstandorten zwar notwendig, doch allein damit ließen sich die tieferliegenden strukturellen Probleme der Branche nicht lösen. "Allein durch fünf Stunden mehr Arbeit pro Woche lässt sich das technologische Rennen gegen China nicht gewinnen", sagt Bratzel.

Er betont, dass deutsche Autohersteller, wenn sie ihre Wettbewerbsfähigkeit wiedererlangen wollen, attraktive und erschwingliche Elektrofahrzeuge anbieten, massiv in Software und KI investieren sowie die Effizienz ihrer Entwicklungs- und Fertigungsprozesse steigern müssten.
"Deutsche Hersteller müssen technologisch mindestens so innovativ und leistungsstark sein, wie sie nach internationalen Maßstäben teuer sind", unterstreicht Bratzel.

Gleichzeitig, so erklärt er, benötige Deutschland wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen in den Bereichen Energie, Steuern, Bürokratie und Infrastruktur. Dudenhöffer schließt sich dieser Ansicht an und betont, Deutschland müsse schwierige, aber notwendige Reformen angehen. "Deutschland kann nur dann ein tragfähiger Standort für die Automobilindustrie und die dortigen Arbeitsplätze bleiben, wenn wir unsere Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen", sagt er.

Dafür seien Maßnahmen an mehreren Fronten erforderlich, darunter die Senkung von Lohn- und Energiekosten sowie Steuern und eine bessere Logistikinfrastruktur. "Doch die kommenden Jahre werden sehr hart", warnt Dudenhöffer. "Und sie werden noch härter, wenn wir am Status quo festhalten und glauben, wir könnten uns einfach auf dem Wohlstand ausruhen, den wir vor 20 Jahren genossen haben."

Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert.

Author Srinivas Mazumdaru
Item URL https://www.dw.com/de/autokrise-was-wird-aus-der-35-stunden-woche-in-deutschland/a-79325501?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption In der Krise: die deutsche Autoindustrie (Archivfoto)
Image source Jan Woitas/dpa/picture alliance
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Item 57
Id 79322723
Date 2026-09-21
Title Großes Zittern vor dem Gipfel zwischen Xi und Trump
Short title Großes Zittern vor dem Gipfel zwischen Xi und Trump
Teaser Xi Jinping reist nach Washington. Weltweit sorgt die Rivalität zwischen China und den USA für erhebliche Unruhe, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht. Und die mittelgroßen Länder formieren sich neu.
Short teaser Weltweit sorgt die Rivalität zwischen China und den USA für erhebliche Unruhe. Auf der Agenda steht auch das Thema KI.
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Letzte Woche trafen sich deutsche und chinesische Unternehmer in Düsseldorf zu einem Wirtschaftsdialog. Auf dem Podium diskutierten die Teilnehmer über Marketingstrategien, Handel und Investitionen in China und Europa. Während der Kaffeepause dominierte jedoch ein anderes Thema, das nicht auf der Tagesordnung stand.

Die Teilnehmer zeigten sich ratlos angesichts des scheinbar endlosen Handelskonflikts. Die Verhandlungen zwischen den USA und China brachten bislang keine greifbaren Ergebnisse, auch nicht nach dem kurzen Besuch von Donald Trump Mitte Mai in Peking. Allen ist klar, dass es hier nicht nur um den Import und Export von Waren und Dienstleistungen oder um Zahlen in der Bilanz geht. Dieser Streit zwischen der größten und der zweitgrößten Volkswirtschaft hat eine weltpolitische Dimension.

"Chinas Konjunktur ist schwach. Die Unternehmen bangen um ihre Geschäfte und müssen dringend Auslandsmärkte erschließen", sagt ein chinesischer Teilnehmer, der anonym bleiben möchte. Er leitete jahrzehntelang die Europa-Niederlassung eines chinesischen Staatskonzerns in Düsseldorf.

Die Marktregulierung der USA und der EU sei inzwischen ebenso streng und undifferenziert, wobei ideologische Gründe eine Rolle spielten. "Solange die USA mit China im Clinch liegen, wird die EU kaum bereit sein, gegen ihre eigenen Interessen mit uns zusammenzuarbeiten."

EU als Mitläufer der USA in China wahrgenommen

Ein typisches Beispiel ist die Elektromobilität. Die EU strebt einen schnellen Umstieg auf E-Mobilität an und will den CO2-Ausstoß im Straßenverkehr drastisch senken. Allerdings fordert Brüssel Zusatzabgaben auf die günstigen Elektroautos aus China, da die EU Wettbewerbsvorteile durch hohe staatliche Subventionen vermutet. China bestreitet dies. Die deutschen Automobilhersteller VW und BMW lehnen die Strafzölle wegen möglicher Umsatzeinbußen infolge chinesischer Vergeltungsmaßnahmen ab. Mercedes warnt vor einer voreiligen Umsetzung.

Die Position der USA ist noch strikter. "Null chinesische E-Autos", erklärte US-Präsident Donald Trump Mitte September nach seinem Besuch in Irland, einem EU-Mitgliedsstaat. "Europa leidet sehr darunter. Mit Zöllen von 100 bis 150 Prozent habe ich bisher chinesische Autos draußen gehalten."

In Europa wird versucht, eine Balance zwischen der transatlantischen Partnerschaft mit den USA und den Beziehungen zum Reich der Mitte zu finden. Klar ist, dass die USA derzeit Garant für die europäische Sicherheit im Rahmen der NATO sind. Aus europäischer Sicht gelten derzeit aber sowohl China als auch die USA als schwierige Partner.

Der zweite "China-Schock" sei bereits in Europa angekommen, sagte Ursula von der Leyen, Präsidentin der EU-Kommission. Der erste China-Schock entstand vor 25 Jahren mit Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation, als preiswerte "Made in China"-Produkte die Weltmärkte überschwemmten. Der zweite leitet sich aus Chinas technologischem Fortschritt und führender Industrie ab, etwa in der Batterietechnik oder der Kommunikation. "Wir sehen die Folgen bei den Menschen und in den Fabriken in unserer gesamten Union. Dies führt zur Deindustrialisierung der Industriezentren in Europa. Das ist untragbar", erklärte von der Leyen in ihrer Rede zur Lage der Union 2026.

Sie bekräftigte ihren Willen, das Handelsdefizit mit China, derzeit etwa eine Milliarde Euro pro Tag, genau wie die USA, auszugleichen und die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen aus China zu verringern. "Worte sind gut, Taten sind besser", betonte die Kommissionspräsidentin. Dies war eine Kampfansage an Peking und gleichzeitig eine Einladung an Washington.

"Vor dem Hintergrund der anhaltenden Eskalation der strategischen Rivalität zwischen den USA und China drängen die USA ihre Verbündeten ständig dazu, die Restriktionen gegenüber China in den Bereichen Technologie, Lieferketten und Sicherheit zu verschärfen", sagt Yang Xiepu, Direktorin des Zentrums für chinesisch-deutsche Zusammenarbeit an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften (CASS).

Einvernehmliche Meinungsverschiedenheiten

Wie sähe unsere Welt aus, wenn sich die USA und China doch noch auf einen gemeinsamen Kurs verständigen könnten? So unterschiedlich beide Länder in Politik und Ideologie auch sind, muss ein Wettstreit zwischen einer etablierten Macht und einer aufstrebenden Macht zwangsläufig mit Konflikten und Kriegen enden? Diese Lehre hatte bereits der griechische Philosoph und Historiker Thukydides vor 2.500 Jahren aus dem Krieg zwischen der aufstrebenden Seemacht Athen und der etablierten Landmacht Sparta gezogen.

Peking und Washington führen ihre Wettbewerbe auf vielfältigen Ebenen, stets mit dem Ziel, den Gegner zu übertrumpfen. Im Hightech-Sektor untersagt die US-Regierung den Export von Hochleistungschips an China. China wiederum beschränkt den Export seltener Erden, die für die Halbleiterproduktion unverzichtbar sind. Für die Künstliche Intelligenz hat China eine globale Satzung initiiert. Trump ist für eine Deregulierung. Und die KI-Bosse wollen etwas langsamer machen. Zudem arbeiten beide Länder intensiv an bemannten Mondmissionen, seit der letzten Landung auf dem Erdtrabanten 1972.

"Wir werden über alles sprechen", kündigte US-Präsident Trump mit Blick auf Xi Jinpings Besuch im Weißen Haus an. Ob Einigungen möglich sind, bleibt offen. Vor den wichtigen Zwischenwahlen im November will Trump das staatsmännische Verantwortungsbewusstsein seiner Republikanischen Partei demonstrieren. Er könne auch große Mengen US-Produkte an schwierige Partner verkaufen, etwa Boeing-Flugzeuge an chinesische Fluggesellschaften. Ein entsprechender Deal wird seit Monaten im Weißen Haus diskutiert, jedoch wurde noch kein Kaufvertrag unterzeichnet. "Ich verkaufe alles", sagte der US-Präsident selbstbewusst.

Den Republikanern wird in den USA wirtschaftliche Kompetenz zugeschrieben, obwohl sie nach Umfragen hinter der oppositionellen Demokratischen Partei liegen. Sollte Trump nach den Midterms die Mehrheit in beiden Kongresskammern verlieren, würde seine Regierungsarbeit in den verbleibenden zwei Jahren deutlich erschwert. Wird Xi sein Wahlhelfer sein und amerikanische Boeings, Bohnen und Beef bestellen?

"In Peking geht man davon aus, dass sich China und die USA auf absehbare Zeit gegenseitig in Schach halten werden", sagt Mikko Huotari, Direktor der Berliner China-Denkfabrik MERICS. "Genau so verhalten sie sich auch. Xi braucht keinen Durchbruch in Washington, sondern Zeit. Gleiches gilt für Washington. Es ist eine strategische Pattsituation."

Kanada traut sich

Dass Großmächte wirtschaftliche Integration als Waffe einsetzen und Zölle als Druckmittel verstehen, erfuhr Kanada aus eigener Erfahrung. Bereits im Januar 2026 erklärte der kanadische Premierminister Mark Carney auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos: "Die alte Weltordnung ist vorbei – wir müssen ihr nicht nachtrauern." Als Reaktion auf wiederholte Erhöhungen der US-Sonderabgaben führte seine Regierung Ende August Sonderzölle auf Stahl, Möbel und Käse aus den USA ein.

Carney sieht sein Land als "ein mittelgroße Macht": "Großmächte verfügen über Marktgröße, militärische Kapazitäten und Einfluss, um Bedingungen zu diktieren. Mittelgroße Mächte haben das nicht. Wenn wir aber bilateral mit einer Hegemonialmacht verhandeln, tun wir das aus einer Position der Schwäche. Wir akzeptieren, was uns diktiert wird, und konkurrieren darum, wer am entgegkommendsten ist. Das ist keine Souveränität", erklärte Carney mit einer klaren Botschaft an Washington. Er rief zum Schulterschluss auf: "Wenn wir nicht am Verhandlungstisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte."

Anfang 2026 besuchte Carney China und vereinbarte eine "strategische Partnerschaft neuen Zeitalters". Ottawa senkte daraufhin die Importzölle auf chinesische Elektroautos von 100 auf 6,1 Prozent. Die Quote liegt bei 49.000 Fahrzeugen pro Jahr.

Letzte Woche bot die EU der kanadischen Regierung eine "assoziierte EU-Mitgliedschaft" an. Carney zeigte Interesse. Trump bezeichnete die Idee als "lächerlich" und drohte erneut mit Zöllen. "Wenn sie das tun und ich es auch nur ansatzweise als feindseligen Akt werte, werde ich den Handel mit Europa einstellen."

China habe gerade eine Charmeoffensive gegenüber den US-Verbündeten gestartet, "genauer gesagt den fragilen Verbündeten", so MERICS-Direktor Huotari. Mitte September fand in Indien das BRICS-Gipfeltreffen statt. Xi war dabei. Er war auch beim Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) in Kirgisistan. Im November wird China Gastgeber des G-20-Gipfels sein. "Xi versucht, durch seine Teilnahme Vorteile für diese neue Formation zu erzielen. Das ist eine neue Entwicklung."

Kanadas Premier Carney bezeichnet diese neue Form der Diplomatie als "variable Geometrie" - unterschiedliche Bündnisse für verschiedene Themen auf der Basis gemeinsamer Werte und Interessen. Im November wird er zum G-20-Gipfel nach Shnezhen reisen. Er wird dort am Tisch sitzen und nicht auf der Speisekarte.

Author Dang Yuan
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Image caption US-Präsident Trump bei seinem Besuch in China im Mai 2026 mit Gastgeber Xi Jinping (l.)
Image source Kenny Holston/AFP
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Item 58
Id 79305425
Date 2026-09-19
Title "Breitscheidplatz 19/12": Das Versagen der Behörden
Short title "Breitscheidplatz 19/12": Das Versagen der Behörden
Teaser Zehn Jahre nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt wirft eine neue Fernsehserie einen Blick auf die institutionellen Versäumnisse im Vorfeld der Tat.
Short teaser Eine Fernsehserie wirft einen Blick auf die institutionellen Versäumnisse im Vorfeld der Tat.
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"Breitscheidplatz 19/12" (internationaler Titel: "Blindspot Berlin") feierte Weltpremiere auf dem Toronto International Film Festival. Die Serie beleuchtet die einjährigen polizeilichen Ermittlungen, die nicht verhindern konnten, dass Anis Amri - ein Tunesier, dessen Asylanträge abgelehnt worden waren und der den deutschen Sicherheitsbehörden bereits bekannt war - am 19. Dezember 2016 mit einem entführten Lkw durch einen belebten Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz raste. Es war der bislang schwerste dschihadistische Anschlag auf deutschem Boden.

Zwölf Menschen kamen an dem Tag ums Leben, inklusive Lukasz Urban, der polnische LKW-Fahrer, den Amri erschossen hatte, bevor er dessen Fahrzeug entführte. Dutzende weitere wurden verletzt; ein 13. Opfer starb 2021 an den Spätfolgen der beim Anschlag erlittenen Verletzungen. Amri floh vom Tatort und durchquerte Europa, bevor er vier Tage später bei einer routinemäßigen Ausweiskontrolle in der Nähe von Mailand von der italienischen Polizei erschossen wurde.

"Was hinter den Kulissen dieses Anschlags geschah, ist in vielerlei Hinsicht ebenso beunruhigend", sagt David Nawrath, Regisseur von "Breitscheidplatz 19/12". Es sei "ein Bild von überforderten Institutionen, systemischem Versagen und einer erschreckenden Blindheit gegenüber der Bedrohung, die sich direkt vor unseren Augen entwickelte."

Im Inneren des Salafistennetzwerks

Die Handlung setzt im Jahr vor dem Anschlag ein. Sie begleitet den Polizeiermittler Frank Laudin (Albrecht Schuch, bekannt aus "Systemsprenger" und "Im Westen nichts Neues") und die Arabisch-Übersetzerin Isra Al-Husseini (Bayan Layla) bei ihrem Versuch, in das salafistische Umfeld des Predigers Abu Walaa einzudringen. Der in Hildesheim ansässige Iraker rekrutierte nach Erkenntnissen der Behörden Anhänger für den "Islamischen Staat" (IS). Frank rekrutiert Murat (Tamer Trasoglu), der als verdeckter Informant sein Leben riskiert. Innerhalb des Netzwerks stoßen sie auf Amri: unberechenbar und immer gefährlicher werdend.

Doch trotz wiederholter Warnungen nehmen ihre Vorgesetzten die Bedrohung nicht ernst. Sie schließen Amri als möglichen Terroristen aus, unter anderem weil er auch als Drogendealer tätig ist - was die Behörden als unvereinbar mit dem Dasein als radikaler Islamist ansehen.

Fiktion auf Basis parlamentarischer Untersuchungen

Die Autoren und das Produktionsteam der Serie haben sich bei "Breitscheidplatz 19/12" eng an die Fakten des Amri-Falls sowie an die jahrelangen parlamentarischen Untersuchungen zu den institutionellen Versäumnissen gehalten. Die Hauptfiguren der Serie - Frank, Isra und Murat - sind allerdings fiktiv.

"Wir haben versucht, uns so nah wie möglich an das zu halten, was über den Anschlag und die Hintergründe bekannt ist", erklärte Produzent Simon Amberger gegenüber der DW. "Es gibt noch vieles, was nicht bekannt und nur Spekulation ist. Dort haben wir versucht, die Dinge offen zu lassen."

Grenzpolizei verbot Amri Ausreise aus Deutschland

Die Fakten des Falles sprechen bereits für sich. Der parlamentarische Untersuchungsausschuss stellte fest, dass die Kriminalpolizei, die gegen Amri und andere Verdächtige ermittelte, stark unterbesetzt war, dass Justiz- und Sicherheitsbehörden den Informationsaustausch nicht koordinierten und dass Beamte schwerwiegende Fehleinschätzungen begingen. Amris Asylanträge wurden abgelehnt, doch er wurde nie abgeschoben.

Irgendwann artete die Bürokratie in eine Farce aus. Amri versuchte im Juli 2016 Deutschland zu verlassen, wurde jedoch an der Grenze aufgehalten, weil er keine gültigen Ausweispapiere bei sich hatte.

Letzter Teil einer Anschlagsserie

Den Produzenten war von Anfang an bewusst, dass die Geschichte über Deutschland hinausging. Der Anschlag auf dem Breitscheidplatz war der letzte einer Reihe islamistischer Terroranschläge in Europa. Zu ihnen gehörten die Anschläge in Paris vom November 2015, darunter das Massaker im Bataclan, die Selbstmordanschläge am Brüsseler Flughafen und in der Metrostation Maelbeek im März 2016 sowie der Lkw-Anschlag in Nizza im Juli 2016.

Zehn Jahre später ist Bedrohungslage weiterhin hoch. Am 25. Juli 2026 fuhr ein Mann mit einem Lieferwagen in die Menschenmenge bei den Feierlichkeiten zum Christopher-Street-Day in Berlin. Eine Person kam ums Leben, Dutzende wurden verletzt.

Der Anschlag auf dem Breitscheidplatz hallt bis heute nach, da er die Frage aufwirft, "wie weit eine freie demokratische Gesellschaft zu gehen bereit ist und wie viel von ihrer Freiheit sie für die Sicherheit zu opfern bereit ist", so Produzent Amberger.

Angst vor politischer Instrumentalisierung

Er ist sich jedoch bewusst, dass eine Geschichte über islamistischen Extremismus und das Versagen des deutschen Staates, seine Bürger zu schützen, heute anders ankommt - vor dem Hintergrund der jüngsten Wahlen, bei denen die rechtspopulistische und in Teilen als rechtsextrem eingestufte Partei AfD einen starken Zuwachs an Unterstützung verzeichnen konnte.

"Es besteht die Gefahr, dass diese Geschichte, diese Serie, missbraucht werden könnte, um eine vereinfachende, populistische politische Agenda zu unterstützen", räumt Amberger ein. "Aber so einfach ist es nicht. [In der Serie] zeigen wir, wie Extremismus in marginalisierten Gruppen entsteht, die sich isoliert, unsichtbar und machtlos fühlen. Die Lösung lautet nicht 'Stoppt die Einwanderung'."

"Breitscheidplatz 19/12" feiert im Oktober in der ARD Premiere; auch ein internationaler Vertrieb ist geplant.

Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel

Author Scott Roxborough
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Image caption Die Miniserie "Blindspot Berlin" feierte ihre Premiere auf dem Toronto Filmfestival
Image source Hubert Mican Jagd/NEUESUPER
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Item 59
Id 79325294
Date 2026-09-18
Title Der Kampf gegen hohe Spritpreise in Deutschland und der EU
Short title Der Kampf gegen hohe Spritpreise in Deutschland und der EU
Teaser Werden die Spritpreise weiter ansteigen? Warum sind die Preise an den Zapfsäulen innerhalb der EU so unterschiedlich? Und welche Rolle spielen dabei Steuern und Abgaben? Ein DW-Vergleich.
Short teaser Warum sind die Spritpreise innerhalb der EU so unterschiedlich? Und welche Rolle spielen dabei Steuern und Abgaben?
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Die steigenden Spritpreise versetzen Europas Regierungen in Alarm. In Deutschland hat Bundeskanzler Merz Entlastungen für Autofahrer angekündigt.

In Frankreich hat Präsident Macron die Vertreter aller Parteien sowie die Präsidentschaftskandidaten zu einer Sitzung im Elysée-Palast zusammengerufen.

Ursache ist die Achterbahnfahrt der Ölpreise seit Jahresbeginn. Diese hält die Weltwirtschaft in Atem. Eine der Folgen: Exorbitante Spritpreise, steigende Transportkosten und steigende Inflation.

Ein Ölpreis, 27 Spritpreise

In der EU ziehen die Spritpreise in allen Mitgliedsstaaten an, allerdings nicht in gleichem Ausmaß. Denn je nach Land sind Abgaben und Steuern auf Benzin und Diesel sehr unterschiedlich ausgestaltet.

Der steigende Ölpreisist die Basis für rasanten Preissprünge an den Tankstellen. Das Jahr begann mit einem historischen Tiefstand der Sorte Brent von 59 US-Dollar für ein Barrel (159-Liter-"Fass") am 2. Januar.

Nach dem Angriff der USA und Israels auf den Iran am 28. Februar im Rahmen der Militäroperation "Epic Fury" erreichte die Sorte Brent am 9. März einen Höchstwert von 119 US-Dollar pro Barrel. Mittlerweile liegt der Preis bei rund 106 US-Dollar.

Spitzenreiter Dänemark und Niederlande

Auf den Ölpreis werden dann je nach EU-Land unterschiedliche Abgaben erhoben. Während zum Beispiel in den Niederlanden der Liter Benzin mit 79 Cent extrem hoch besteuert wird, sind es auf Zypern nur 43 Cent (siehe Grafik).

In Deutschland liegt die Energiesteuer pro Liter Benzin bei rund 66 Cent, ein Liter Diesel wird mit 47,04 Cent besteuert. Hinzu kommen noch eine CO2-Abgabe und die Mehrwertsteuer in Höhe von 19 Prozent.

Dementsprechend schwanken die Benzinpreise. Dänemark und die Niederlande führen mit Spitzenwerten von 2,56 Euro und 2,43 Euro das Ranking an (siehe Grafik). Am günstigsten ist Tanken in Spanien, Polen, Bulgarien und auf Zypern mit Preisen zwischen 1,62 Euro und 1,87 Euro.

Starker Anstieg in Deutschland

Mit einem Preis von 2,36 Euro für Benzin (Stichtag 14.9.2026) liegt Deutschland bei Spritpreisen im oberen Drittel und gehört zu den hochpreisigen Ländern. In den Nachbarländern Frankreich (2,17 Euro), Polen (1,82 Euro) und Belgien (1,98) ist es etwas günstiger, für Autofahrer in den Grenzregionen könnte es sich lohnen, jenseits der Grenze zu tanken.

Im Gegensatz zu den noch teureren Nachbarländern Dänemark und den Niederlanden, wo die Spritpreise traditionell hoch sind, war der Anstieg in Deutschland im Vergleich zu 2025 allerdings besonders stark. Beim Benzin betrug er 37 Prozent, beim Diesel sogar 54 Prozent.

Auch in Polen kam es zu einem Preissprung, allerdings von einem niedrigeren Niveau. Der Preis erhöhte sich von 1,36 Cent auf 1,82 Cent, was einem Prozentsatz von 33 Prozent entspricht.

Belgien bittet Autofahrer zur Kasse

Dennoch gehört Deutschland für Autofahrer nicht zu den teuersten Ländern in der EU. Laut dem Verband der Europäischen Automobilhersteller ACEAliegen dort die jährlichen durchschnittlichen Steuereinnahmen pro Fahrzeug bei rund 1600 Euro (siehe Grafik).

Diese Steuereinnahmen setzen sich neben den Abgaben auf Diesel und Benzin (Energiesteuer, CO2-Abgabe) unter anderem aus KfZ-Steuern, Registrierungsgebühren, Mehrwertsteuern auf den Kaufpreis eines Autos und auf Sprit, Führerscheinkosten und Steuern auf Autoversicherungen zusammen.

Besonders kostspielig ist es laut diesen Berechnungen in Belgien, Finnland und Österreich, ein Auto zu besitzen und zu fahren. Dort liegt die durchschnittliche jährliche steuerliche Belastung über 2300 Euro. Belgien belegt mit knapp 2900 Euro den Spitzenplatz.

Author Astrid Prange de Oliveira
Item URL https://www.dw.com/de/der-kampf-gegen-hohe-spritpreise-in-deutschland-und-der-eu/a-79325294?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image source Bing Guan/REUTERS
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Item 60
Id 79321705
Date 2026-09-18
Title Flughafenmalaria in Deutschland - wie groß ist die Gefahr?
Short title Flughafenmalaria in Deutschland - wie groß ist die Gefahr?
Teaser Mehrere Menschen sind im Umfeld des Frankfurter Flughafens an Malaria erkrankt und gestorben. Grund dafür sind vermutlich Mücken im Gepäck von Reisenden. Worauf Urlauber und Ärzte achten sollten.
Short teaser Mehrere Menschen sind rund um den Frankfurter Flughafen an Malaria gestorben. Worauf Urlauber und Ärzte achten sollten.
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Acht Menschen sind seit Juli im Umfeld des Frankfurter Flughafens an Malaria erkrankt, drei der acht sind inzwischen gestorben. Die Infektionen betrafen vor allem Beschäftigte des Flughafenbetreibers Fraport.

Das Frankfurter Gesundheitsamt geht deshalb von der sogenannten "Flughafenmalaria" aus. Gemeint sind damit Infektionen durch den Stich einer mit dem Malariaerreger infizierten Anopheles-Mücke, die mit dem Flugzeug aus Malaria-Gebieten nach Deutschland gelangt ist.

Flughafenmalaria ist selten

"Wir haben es mit einem sehr seltenen Ereignis zu tun, nicht mit einer neuen Alltagserkrankung in Deutschland", sagt Prof. Achim Hörauf, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Parasitologie am Universitätsklinikum Bonn (UKB) in einer Pressemitteilung des Klinikums.In Deutschland wurde der letzte Fall von Flughafenmalaria vor der aktuellen Häufung 2023 dokumentiert, heißt es im Epidemiologischen Bulletin des Robert Koch-Instituts (RKI), in dem regelmäßig über Infektionskrankheiten und öffentliche Gesundheit informiert wird. Normalerweise seien in Deutschland fast ausschließlich Fernreisende von Malaria betroffen, die sich in einem Malariagebiet infiziert hätten.

Wird eine Mücke in einem Koffer oder in Kleidungsstücken eingeschlossen, kann sie als "blinder Passagier" ihren Weg nach Deutschland finden. "In beheizten Bereichen eines Flughafens kann sie zunächst geeignete Bedingungen vorfinden und einige Zeit überleben", sagt Hörauf.

Warum Malaria tropica so gefährlich werden kann

Laut Pressemitteilung des UKB handelt es sich bei den gemeldeten Infektionen in Frankfurt nach bisherigen Erkenntnissen um Malaria tropica - die Malariaform, die als am gefährlichsten gilt.

Für eine Infektion ist der Stich einer weiblichen Anopheles-Mücke notwendig, die mit dem Parasiten Plasmodium falciparum infiziert ist. Dieser Erreger wird durch den Stich an den Menschen weitergegeben und befällt die roten Blutkörperchen.

"Vereinfacht gesagt kann es zu vielen kleinen Gefäßverschlüssen kommen", erklärt Hörauf. "Je nachdem, welches Organ betroffen ist, können unterschiedliche und schwere Komplikationen entstehen." In der Lunge kann sich Flüssigkeit ansammeln. Sind Gefäße im Gehirn betroffen, kann es zu neurologischen Schäden kommen. Akutes Nierenversagen ist ebenfalls möglich. Unbehandelt sterben bis zu 20 Prozent der Erkrankten.

"Wird die Diagnose rechtzeitig gestellt, kann eine gezielte Behandlung eingeleitet werden. Wird die Erkrankung übersehen, kann sie dagegen sehr schnell einen schweren Verlauf nehmen", sagt Hörauf.

Fieber, Schüttelfrost, Übelkeit - Malariasymptome ernst nehmen

Die Symptome sind zunächst unspezifisch und ähneln denen einer Grippe: plötzliches, hohes Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen. Übelkeit, Erbrechen und Durchfall können ebenfalls auftreten.

Das Frankfurter Gesundheitsamt rät Menschen, die in der Nähe des Frankfurter Flughafens leben oder arbeiten, deshalb dazu, beim Auftreten solcher Symptome sofort ärztlichen Rat einzuholen.

Schnelltests können erste Hinweise auf eine Malariaerkrankung liefern. Sicher diagnostiziert wird die Infektion über eine Blutuntersuchung. Laut RKI sollte die Behandlung von Malaria unbedingt stationär und in einer Klinik mit tropenmedizinischer Erfahrung und Intensivstation erfolgen.

Sinkende Temperaturen verringern Malaria-Risiko

Mit dem Ende des Sommers verschlechtern sich die Bedingungen in Deutschland für die Mücke und den Parasiten. Vor allem die sinkenden Nachttemperaturen sorgen dafür, dass die Mücken weniger aktiv sind und ihre Überlebensdauer abnimmt. Auch die Entwicklung des Malariaerregers im Körper des Tieres verlangsamt sich oder wird gestoppt.

Allerdings könnten weitere Erkrankungen auch nach dem Ende des Sommerwetters auftreten. Plasmodium falciparum hat eine Inkubationszeit von sieben bis 15 Tagen, was bedeutet, dass mehr als zwei Wochen zwischen dem Stich der Mücke und den ersten Symptomen liegen können. Laut Achim Hörauf ist die größte Herausforderung deshalb, ohne vorherigen Auslandsaufenthalt überhaupt an Malaria zu denken.

Author Julia Vergin
Item URL https://www.dw.com/de/flughafenmalaria-in-deutschland-wie-groß-ist-die-gefahr/a-79321705?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/79322976_607.jpg
Image caption Malaria wird durch den Stich einer infizierten weiblichen Anopheles-Mücke übertragen
Image source James Gathany/AP Photo/dpa/picture alliance
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Item 61
Id 79204994
Date 2026-09-17
Title Mecklenburg-Vorpommern: Wirtschaft zwischen Feld und Meer
Short title Mecklenburg-Vorpommern: Wirtschaft zwischen Feld und Meer
Teaser Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist gerade erst verdaut, da werden die Menschen im Nordosten der Republik an die Wahlurnen gerufen. Wie steht es um die wirtschaftlichen Stärken und Schwächen an der Ostseeküste?
Short teaser Wie steht es um die wirtschaftlichen Stärken und Schwächen an der Ostseeküste?
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Der Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt hat die politische Landschaft in Deutschland gehörig durcheinandergewirbelt. Obwohl es nur um ein einzelnes Bundesland ging, wurde das Ergebnis sogar im Ausland diskutiert und kommentiert.

Das ist für Mecklenburg-Vorpommern nicht zu erwarten. Dazu sitzt die Amtsinhaberin Manuela Schwesig, die nicht unumstritten ist, doch relativ fest im Sattel. Im Gegensatz zu ihrem Amtskollegen Sven Schulze aus Sachsen-Anhalt kann sie einen "Amtsbonus" einbringen, der ihrer Partei, der SPD, helfen wird.

Auch die bislang erhobenen Umfrageergebnisse sprechen eher für ein Kopf-an-Kopf-Rennen als für einen Erdrutschsieg der einen oder anderen Partei:

Der Anstieg der SPD-Daten könnte auf einen erfolgreichen Endspurt der Amtsinhaberin hindeuten; die neue wäre dann die gegenwärtige Ministerpräsidentin: Manuela Schwesig.

Wo steht Mecklenburg-Vorpommern?

Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt liegt der Vergleich mit diesem Bundesland nahe. Manche Eckdaten sind ähnlich, zum Beispiel die Arbeitslosenstatistik:

Auch in Mecklenburg-Vorpommern liegt die Arbeitslosigkeit leicht über dem Bundesdurchschnitt. Und die durchschnittlichen Einkommen sind auch hier niedriger:

In Ostdeutschland liegt das Lohnniveau generell unter dem des Westens. Was das Wirtschaftswachstum angeht, gibt es für Mecklenburg-Vorpommern aber nicht viel Grund, sich als abgehängt zu betrachten.

Seit 2020 sei, so Staatssekretär Jochen Schulte aus dem Wirtschaftsministerium, die Wirtschaft in Mecklenburg Vorpommern preisbereinigt um 5,0 Prozent gewachsen - stärker als in Deutschland insgesamt (4,6 Prozent). Unter den ostdeutschen Flächenländern weise Mecklenburg-Vorpommern damit die beste Entwicklung auf.

Von den rund 1,5 Millionen Einwohnern arbeiten knapp 600.000 als sozialversicherungspflichtig Beschäftigte:

In der allgemeinen Erwartung ist Mecklenburg-Vorpommern ein Bundesland, in dem es viel Landwirtschaft gibt. Aber: Woher kommt es dann, dass in der Landwirtschaft nur so wenig Menschen arbeiten? Die Antwort liegt in der jüngeren Geschichte: In der DDR waren landwirtschaftliche Betriebe nicht privat organisiert, in Bauernhöfen wie im Westen etwa, sondern waren in staatlich geführten Großbetrieben zusammengefasst: den "Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften", kurz LPGs.

Diese Betriebsgrößen sind nach der Vereinigung in ganz vielen Fällen erhalten geblieben. Ein landwirtschaftlicher Betrieb in Mecklenburg-Vorpommern bewirtschaftet im Schnitt eine Fläche von rund 280 bis 283 Hektar. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei nur etwa 65 Hektar.

Jetzt privatwirtschaftlich geführt, profitieren diese Betriebe weiterhin von den Vorteilen großer Betriebe: effizienter Arbeitskräfteeinsatz, gute Marktpositionierung, mehr Marktmacht durch konzentrierten Einkauf und bessere Verhandlungspositionen beim Verkauf.

Schiffbau in Zeiten des Krieges

Der zweite wichtige Wirtschaftsbereich ist die Industrie an der Küste: So haben Schiffbau und maritime Dienstleistungen einen signifikanten Anteil an der Wirtschaftsleistung. Dazu beigetragen haben einerseits Investitionen großer westdeutscher Werften wie etwa der niedersächsischen Meyer-Werft aus Papenburg. Die Meyer Neptun GmbH ist auf den Bau von Flusskreuzfahrtschiffen und Spezialschiffen spezialisiert.

Auch profitiert das Land von der sogenannten Zeitenwende und der deshalb hochgefahrenen Rüstungsindustrie. Das kommt den Werftenstandorten in Wismar und Stralsund zugute. Dort entstehen unter anderem durch Ansiedlungen wie Thyssenkrupp Marine Systems und weiteren Schiffbauern neue industrielle Perspektiven und Arbeitsplätze.

Beliebte Urlaubsregion

Bis 1990 war Mecklenburg-Vorpommern eins der wichtigsten Reiseziele für die Bürger der DDR. Seit der Wende kommen neben Ost- auch Westdeutsche an die Ostseeküste und inzwischen gilt das Land als die zweitbeliebteste Urlaubsregion in Deutschland.

Der Grund, dass laut der Statistik nur relativ wenig Menschen im Tourismus beschäftigt sind, liegt einerseits an Überschneidungen mit Arbeitsplätzen der Rubrik 'Dienstleitungen' und auch daran, dass viele Arbeitsplätze in diesem Bereich saisonabhängig sind, also nicht das ganze Jahr hindurch zur Verfügung stehen.

Nach offiziellen Angaben des Wirtschaftsministeriums und touristischen Bilanzen zufolge hängen rund 150.000 bis über 160.000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt vom Tourismus ab. Allein der Wassertourismus an Binnenseen und an der Ostsee bietet schätzungsweise über 19.000 Beschäftigten einen Arbeitsplatz.

Starker Gesundheitssektor

In Mecklenburg-Vorpommern ist die Wirtschaft stark von Dienstleistungen in Tourismus, Handwerk und Landwirtschaft geprägt. Klassische, große Unternehmen wie Automobilwerke oder Chemieunternehmen sind im Vergleich zu anderen Bundesländern weniger stark vertreten. So ist das Land und sein öffentlicher Dienst selbst der größte Arbeitgeber Mecklenburg-Vorpommerns.

Zu den weiteren wichtigen Arbeitgebern gehören die Helios Kliniken. Mit Standorten unter anderem in Schwerin und Stralsund sind sie einer der größten privaten Klinikbetreiber im Land.

In Rostock findet man AIDA Cruises. Der Kreuzfahrtanbieter ist ein bedeutender Arbeitgeber im Bereich Tourismus, Kreuzschifffahrt und Verwaltung. Die Nordex SE ist ein großer Hersteller von Windkraftanlagen mit regionaler Produktion, z. B. in Rostock. Ebenso bietet die Deutsche Bahn mit Service- und Wartungseinrichtungen viele Arbeitsplätze, was auch für die großen Häfen in Rostock und Sassnitz gilt.

Der Energiestandort

Ein bedeutender Wirtschaftszweig ist der Energiesektor, beispielsweise der Energieversorger WEMAG. Auf diesem Gebiet ist Mecklenburg-Vorpommern für das gesamte Bundesgebiet von Bedeutung. Denn über die Ostsee kommt ein großer Teil der benötigten fossilen Brennstoffe ins Land.

Durch den zum Erliegen gekommenen Import russischen Gases haben die Nord Stream-Anschlussstellen bei Lubmin an Bedeutung verloren. Doch dafür wird in dem Bundesland ein großer Teil der deutschen Flüssiggasimporte angelandet, verarbeitet und weitergeleitet. Die Energieverfügbarkeit - nicht nur durch fossile Träger wie Öl und Gas, sondern auch durch 'grüne' Quellen wie Wind und Sonne - ist für das Land zunehmend wichtig.

Im August hat die Schwarz-Gruppe - sie betreibt die Handelsketten Lidl und Kaufland - angekündigt, 5,6 Milliarden Euro in den Bau eines Rechenzentrums südlich vom Rostock zu investieren. In Brandenburg betreibt Schwarz bereits ein ähnlich großes Rechenzentrum im Volumen von elf Milliarden Euro. Bei der Vorstellung des Projekts in Schwerin, der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns, betonte Schwarz, dass die Investitionen auch hier noch einen zweistelligen Milliardenbetrag erreichen könnten.

Author Dirk Kaufmann (Recherche und Visualisierung: Daten-Team DW)
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Image caption Mecklenburg-Vorpommern hat die längste Küste aller deutschen Bundesländer: insgesamt 2000 Kilometer
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Item 62
Id 79293200
Date 2026-09-17
Title Deutschland: E-Autos boomen, Energiesteuern schwinden
Short title Deutschland: E-Autos boomen, Energiesteuern schwinden
Teaser Mit den Spritpreisen steigt auch das Interesse an Elektroautos. Doch Elektromobilität lässt nicht nur schädliche CO2-Emissionen sinken, sondern auch die Steuereinnahmen. Wie reagiert die Politik auf das Paradox?
Short teaser Energiesteuer adé: Der E-Auto-Boom lässt nicht nur schädliche CO2-Emissionen sinken, sondern auch die Steuereinnahmen.
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"Die Leute gehen weg von Benzin und Diesel", meint Jens Boysen-Hogrefe, Steuer- und Verkehrsexperte am Kieler Institut für Weltwirtschaft (KfW) im DW-Gespräch. "Der durch die hohen Spritpreise ausgelöste Boom der E-Autos nimmt die Antriebswende vorweg, die sowieso schon geplant war."

Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) stieg der Absatz von E-Autos in Europa im ersten Quartal dieses Jahres um fast 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Vorreiter ist Norwegen, wo mittlerweile 95 Prozent aller neu zugelassenen PkWs elektrisch fahren (siehe Grafik).

In Ländern im asiatisch-pazifischen Raum ohne China waren die Wachstumsraten laut "Global Outlook 2026" der IEA noch beeindruckender: 2025 stieg der Absatz dort in einigen Regionen um bis zu 80 Prozent, in Lateinamerika waren es 75 Prozent.

"Fossiles System ertragreich für den Staat"

Der Boom der Elektromobilität löst allerdings in Berlin, und insbesondere im Finanzministerium, nicht nur Begeisterung aus. Denn beim Aufladen eines E-Autos fallen keine Energiesteuern, sondern nur geringe Stromsteuern an.

Bisher wird ein Liter Diesel in Deutschland mit 47,04 Cent besteuert, ein Liter Benzin mit 65,45 Cent. Hinzu kommen noch eine CO2-Abgabe und die Mehrwertsteuer in Höhe von 19 Prozent. Bei einem Benzinpreis von 2,10 Euro beträgt der Abgabenanteil laut ADAC 1,14 Euro, also mehr als die Hälfte des Preises.

Das bisherige fossile System mit Energiesteuern, LKW Maut und CO2-Abgabe sei sehr ertragreich für den Staat, so Steuerexperte Boysen-Hogrefe." Der Finanzminister hat nicht viel davon, wenn Leute E-Autos fahren, im Gegenteil."

Energiesteuer adé

Seine Prognose: "Wenn der Switch zum E-Auto kommt und sich am Steuersystem nichts ändert, wird das System Straße für den Bund zu einem Verlustgeschäft."

Es geht um Milliardenverluste: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind die Einnahmen aus der Energiesteuer auf Diesel und Benzin von 37 Milliarden Euro im Jahr 2016 auf 33 Milliarden Euro im vergangenen Jahr gesunken (siehe Grafik).

Bereits im Jahr 2022 hatte eine Untersuchung des Wissenschaftlichen Beirates beim Bundesminister für Digitales und Verkehrauf die Einnahmeausfälle hingewiesen. Bis 2050 würden die Einnahmen aus der Energiesteuer auf fünf Milliarden Euro abschmelzen, prognostiziert der Beirat.

"Zuwarten" ist keine Option

"Die Antriebswende hat fiskalische Auswirkungen, über die bisher kaum diskutiert wird", heißt es in dem Gutachten. "Die zu erwartenden Steuerausfälle addieren sich zu der kostenintensiven Förderung der Elektrofahrzeuge, beispielsweise über Kaufprämien, die derzeit noch zur Durchsetzung der Antriebswende notwendig ist."

In Deutschland wurde die Kaufprämie für Elektroautos in Höhe von mehreren tausend Euro zwar Ende 2023 eingestellt. Doch bis 2035 sind E-Autos von der Kfz-Steuer befreit, außerdem gibt es steuerliche Vorteile für Unternehmen, wenn sie in E-Autos investieren.

Der Ratschlag der Verkehrswissenschaftler lautete: "Ein Zuwarten der Entscheidung über zukünftige Maßnahmen bis zu einem Stand, an dem das Defizit zum Handeln zwingt, verbaut die meisten Handlungsoptionen, weil deren Vorlaufzeit sich über mehrere Legislaturperioden zieht."

Die Warnungen der Wissenschaftler verhallten ungehört. Für Boysen-Hogrefe könnte sich nun der "fiskalische Druck erhöhen". Wenn weiter massenhaft E-Autos gekauft würden, "kann die Regierung darauf nicht nur mit Achselzucken reagieren".

Vorreiter Norwegen und Großbritannien

Andere Länder haben bereits mit neuen Abgaben auf die Entwicklung reagiert. In Großbritannien gibt es ab April 2028 eine Abgabe auf E-Autos. Die sogenannte "Electric Vehicle Excise Duty« (eVED) erhebt drei 3 Pence (0,035 Eurocent) je Meile (1,6 km) auf reine E-Autos, und 1,5 Pence auf Plug-in-Hybride.

In Neuseeland und Island wird bei Elektroautos seit 2024 einmal jährlich der Tacho für Kilometerabgaben abgelesen. Und in der Schweiz werden E-Auto-Fahrer ab 2030 zur Kasse gebeten: entweder mit einer nach Gewicht gestaffelten Abgabe von durchschnittlich 5,4 Rappen (5,7 Eurocent) pro Kilometer oder mit einer Steuer von 22,8 Rappen pro Kilowattstunde auf den Fahrstrom an der Ladesäule.

Vorreiterland Norwegen hat die Mehrwertsteuerbefreiung für E-Autos seit diesem Jahr eingeschränkt. Außerdem gibt es eine gewichtsabhängige Kauf- beziehungsweise Zulassungsabgabe und Mautgebühren.

Rettungsanker Mautgebühren?

Auch in Deutschland plädieren viele Experten für eine PkW-Maut, um die Einnahmeausfülle der Energiesteuer zu kompensieren und gleichzeitig die Straßennutzung der Fahrzeuge stärker zu berücksichtigen.

"Die empfohlene Politikoption ist eine entfernungs- und verkehrsabhängige Maut", heißt es der jüngst erschienenen Studie der Universität Münstermit dem Titel "Antriebswende und Straßenverkehrsabgaben: Prognosen und Strategien".

Die Wissenschaftler scheinen zu ahnen, dass ihre Empfehlungen zur Unzeit kommen. "Geht man realistischerweise davon aus, dass die Politik diesen Schritt scheut, empfiehlt sich die Vignettenlösung", lautet ihre Empfehlung. Autofahrer zahlen dabei für die Straßennutzung, indem sie für bestimmte Zeiträume eine Pauschale zahlen und dies durch einen Aufkleber (Vignette) an der Windschutzscheibe nachweisen. "Sollte auch diese auf unüberwindbare politische Widerstände stoßen, bleibt als Lösung eine Erhöhung der Kfz-Steuer."

Author Astrid Prange de Oliveira
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Image caption Vom Ladenhüter zum Erfolgsprodukt: Elektroautos verzeichnen weltweit Absatzrekorde. Das Bild zeigt einen Roadster der britischen Firma MG aus den 1960er Jahren. Der chinesische Autobauer SAIC hat die Marke inzwischen übernommen und nutzt sie für moderne E-Autos aus chinesischer Fertigung.
Image source DW
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Item 63
Id 79275841
Date 2026-09-16
Title Maria Magdalena: Heilige, Sünderin, Liebling der Künste
Short title Maria Magdalena: Heilige, Sünderin, Liebling der Künste
Teaser Maria Magdalena wurden die unterschiedlichsten Rollen zugeschrieben, kaum etwas davon ist belegt. Eine Frankfurter Schau zeigt, wie die Kunstwelt sie in rund 1000 Jahren immer wieder neu interpretiert hat - bis heute.
Short teaser Kaum eine biblische Figur wurde so oft gemalt wie Maria Magdalena - noch heute wird sie immer wieder neu interpretiert.
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Sie war Apostolin, Prostituierte, Büßerin und Vertraute Jesu, so wurde es seit dem frühen Christentum über Maria Magdalena erzählt. Künstler von Renaissance bis Barock, darunter Tizian, El Greco und Georges de la Tour malten sie im 16. und 17. Jahrhundert als reuige Büßerin, Rembrandt als Zeugin der Auferstehung Christi und Max Beckmann als Vertreter der Neuen Sachlichkeit stellte sie 1917 als Sünderin dar. Knapp hundert Jahre später wurde sie von Lady Gaga in einem Musikvideo verkörpert.

"Maria Magdalena ist wahrscheinlich die facettenreichste und schillerndste Figur der Bibel und auch eine der schillerndsten der europäischen Kulturgeschichte", sagt Bastian Eclercy, Kurator der Ausstellung "Maria Magdalena: Sin. Pray. Love." im Frankfurter Städel Museum. "Sie kommt in der Kunstgeschichte unzählige Male vor."

Was wissen wir über Maria Magdalena?

Aus der Bibel ist nur wenig über Maria Magdalena bekannt, dennoch spielt sie im Neuen Testament eine wichtige Rolle. Die Evangelien berichten, dass Jesus sie von sieben Dämonen befreite, dass sie Jesus begleitete und seine Kreuzigung sowie Grablegung miterlebte. Am Ostermorgen entdeckte sie das leere Grab und wurde zur ersten Zeugin der Auferstehung. Anschließend verkündete sie den Jüngern Jesu die Botschaft vom auferstandenen Christus. "Da wird sie dann als Apostula Apostulorum, also Apostelin der Apostel, bezeichnet", erklärt Bastian Eclercy. "Damit kommt ihr in der Heilsgeschichte eine ganz zentrale Rolle zu."

Doch dabei bleibt es nicht. Um 600 n. Chr. beschädigt Papst Gregor der Große das Bild Maria Magdalenas nachhaltig, indem er sie mit zwei anderen in der Bibel genannten Frauen verschmilzt: mit einer Unbekannten, der im Lukasevangelium genannten Sünderin, die Christus die Füße wäscht, und mit Maria von Bethanien (die ihm ebenfalls die Füße wäscht). Der Papst behauptete, dass die sieben Dämonen, von denen Jesus sie befreit, die sieben Todsünden seien. Damit prägte er maßgeblich Maria Magdalenas Ruf als reuige Prostituierte - was die Bibel in keiner Weise belegt.

Maria Magdalenas Gebeine liegen in Frankreich - angeblich

Im Hochmittelalter kommt dazu noch die Legende auf, Maria Magdalena sei zusammen mit Lazarus und einer Gruppe von Gefährtinnen und Gefährten in einem Boot auf dem Mittelmeer ausgesetzt worden; mit göttlicher Hilfe habe sie die Küste der französischen Provence erreicht, wo sie zunächst missioniert und dann noch rund 30 Jahre in einer Höhle gelebt und Buße getan habe. Noch heute behaupten zwei französische Orte, ihre Gebeine aufzubewahren: Vézelay in Burgund und Saint-Maximin-la-Sainte-Baume in der Provence.

Im 16. Jahrhundert schließlich bewirkten Reformation und Humanismus ein Umdenken und Widerspruch gegen die Verschmelzung der drei Frauen zu einer. Doch erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965), das tiefgreifende Reformen der römisch-katholischen Liturgie beschloss, wurde die Gleichsetzung Maria Magdalenas mit der anonymen Sünderin offiziell aufgehoben.

"Dieses sehr breite Feld von Rollen, die ihr im Laufe ihrer Geschichte zugeschrieben worden sind, und die in einem gewissen Spannungsverhältnis zueinanderstehen, hat Künstler aller Zeiten und Gattungen offenbar immer wieder in besonderer Weise gereizt und auch herausgefordert," erklärt Bastian Eclercy.

Imagewandel durch das Marienevangelium

Mit der Wiederentdeckung des Marienevangeliums in der Neuzeit wandelte sich das Bild Maria Magdalenas erneut. Die Schrift, die nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurde, zeichnet sie als besonders enge Vertraute Jesu und entfachte eine neue Diskussion über ihre Rolle. Heute gilt sie als eine der einflussreichsten Frauen des frühen Christentums und Schlüsselfigur der feministischen Theologie. "Gerade in den letzten Jahrzehnten wurde sie so zu einer Identifikationsfigur für Frauen, also für weibliche Betrachterinnen, aber eben auch insbesondere für Künstlerinnen der Gegenwart, die die Komponente der selbstbestimmten Frau in ihr sehen", sagt Eclercy.

Lady Gaga verkörperte Maria Magdalena 2011 in ihrem Video zu "Judas" - "der aufregendste künstlerische Moment meiner Karriere", wie sie damals auf Twitter schrieb. Das jüngste Bildnis der Frankfurter Schau, die mehr als 100 Darstellungen der Maria Magdalena zeigt, stammt von der spanischen Künstlerin Nieves González und ist 2025 fertiggestellt worden: "La sfida" (Die Herausforderung) dekonstruiert so ziemlich alle traditionellen Attribute, die Künstler früherer Jahrhunderte Maria Magdalena zugewiesen haben. Wo sie früher büßend gen Himmel blickte, zeigt das Gemälde die Apostolin mit selbstbewusstem Blick auf den Betrachter herabschauend. Wo sonst das Haar lose herabhing und damit auf die sündige Vergangenheit der Trägerin verwies, liegt es hier wie ein Schal sorgfältig gebürstet um ihren Hals. Und wo sonst viel weiße Haut zu sehen war, umhüllt ein dicker roter Daunenmantel ihren Körper. In ihren Händen hält die Jüngerin einen ebenso (blut-)roten Schädel, jahrhundertelang Symbol der Vergänglichkeit - mit dieser Geste klarer Ausdruck ihrer Macht.

Gleichberechtigung hat Maria Magdalena mittlerweile auch offiziell in der katholischen Kirche erfahren: 2016 erhob der damalige Papst Franziskus ihren Gedenktag (22. Juli) in den Rang eines Festes, womit sie in der katholischen Kirche den männlichen Aposteln rechtlich und rituell gleichgestellt ist. Es ist vermutlich nicht das letzte Kapitel ihrer illustren Biografie.

Die Ausstellung "Maria Magdalena: Sin. Pray. Love." ist im Frankfurter Städel Museum bis zum 17.01.2027 zu sehen.

Author Katharina Abel
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Image caption "Trauer der Maria Magdalena an der Leiche Christi" von Arnold Böcklin (1867), derzeit im Frankfurter Städel Museum zu sehen
Image source Staedel Museum
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Item 64
Id 79256504
Date 2026-09-16
Title Sommer 2026 - historischer Höchststand an Hitzetoten
Short title Sommer 2026 - historischer Höchststand an Hitzetoten
Teaser Der Sommer 2026 war einer der wärmsten seit Beginn der Aufzeichnung. Nach Schätzungen des RKI sind mehr als 16.000 Menschen in Deutschland hitzebedingt gestorben.
Short teaser Nach Schätzungen des RKI sind mehr als 16.000 Menschen in Deutschland hitzebedingt gestorben.
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Der Sommer 2026 war der wärmste in Europa sei Beginn der Aufzeichnungen und hat damit das bisherige Rekordhitzejahr 2003 vom Spitzenplatz vertrieben. Das hat das Erdbeobachtungsprogramm Copernicus ermittelt.

Und auch Deutschland verzeichnet Rekorde: "Beispiellos" nennt der Deutsche Wetterdienst (DWD) die Anzahl der heißen Tage im Sommer 2026. "Im Deutschlandmittel wurden rund 22 heiße Tage mit mindestens 30 Grad Celsius und etwa fünf sehr heiße Tage mit mindestens 35 Grad Celsius ermittelt", schreibt der DWD in einer Pressemitteilung Ende August.

Und noch ein deutscher Rekord: Die geschätzte Zahl der Hitzetoten war diesen Sommer so hoch wie noch nie - mindestens 16.300 Menschen starben bis Ende August.

Wie wird die Zahl der Hitzetoten ermittelt?

Die wenigsten Menschen sterben direkt an der Hitze, durch einen Hitzschlag beispielsweise. Die Todeszahlen ergeben sich vielmehr durch einen statistischen Zusammenhang zwischen den Sterbefallzahlen, die das Statistische Bundesamt in Deutschland erhebt, und den Temperaturen innerhalb eines bestimmten Zeitraums, die der Deutsche Wetterdienst misst.

In Deutschland wird ab einer Wochenmitteltemperatur von 20 Grad Celsius mit hitzebedingten Sterbefällen gerechnet. Die Wochenmitteltemperatur ist der Durchschnitt aller stündlich gemessenen Temperaturen in einer Woche, inklusive der Nachtstunden.

Während mehrerer Wochen stiegen die Wochenmittelwerte in Deutschland über die 20 Grad Celsius-Marke. Ende Juni war es besonders heiß: Vom 22.-28.06. betrug die Temperatur im Wochenmittel mehr als 26 Grad Celsius.

Obwohl sich mit einer statistischen Methode nicht klären lässt, woran die Menschen gestorben sind, wissen Forschende und Mediziner ziemlich gut, wie Hitze auf den menschlichen Körper wirkt. Eine Übersterblichkeit in Hitzeperioden ist deshalb plausibel.

Was sind Gründe für einen Hitzetod?

"Nicht allein die Spitzenwerte auf dem Thermometer waren entscheidend, sondern vor allem, wie lange die Hitze anhielt und dass es nachts kaum abkühlte", sagt Andreas Matzarakis, Professor für Umweltmeteorologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.

In heißen Nächten schlafen viele Menschen schlechter. Genügend Schlaf ist allerdings wichtig, damit der Körper den Hitzestress des Tages kompensieren kann.

Wie stark die Belastung durch Hitze ist, hänge zudem nicht allein von der Lufttemperatur ab, sagt Matzarakis. Auch Luftfeuchte, Sonneneinstrahlung und Wind spielten eine Rolle – die sogenannte gefühlte Temperatur. Schwüle und Windstille bei gleichzeitig moderaten Temperaturen könnten ebenfalls eine hohe Belastung für den Körper sein.

Besonders von Hitzestress betroffen sind ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen, aber auch Schwangere und Säuglinge. Hitze kann zudem negativ mit Medikamenten wie Blutdrucksenkern oder Antidepressiva interagieren.

Weniger privilegierte Menschen gehören ebenfalls zu den stärker gefährdeten Gruppen. "Sie leben häufiger in weniger gut isolierten Wohnungen oder gehen einer Arbeit draußen nach", sagt Martin Röösli, Umweltwissenschaftler am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut Basel.

"Harvesting-Effekt" erklärt die Zahl der Hitzetoten nicht ausreichend

Ein großer Teil der Hitzetoten habe wahrscheinlich - aufgrund ihres Alters und Erkrankungen - nur noch eine kurze Lebenserwartung gehabt. Dennoch gebe es wissenschaftlichen Konsens, "dass ein Teil der Verstorbenen noch lange hätte leben können und einfach zum Zeitpunkt der Hitzewelle in einem fragilen Zustand war", sagt Röösli.

Auch Alexandra Schneider, Meteorologin und Epidemiologin am Helmholtz Zentrum München, sagt, dass es sich bei den während der Hitze verstorbenen Menschen sehr wahrscheinlich nicht um einen reinen "Harvesting-Effekt" handelt. Dieser Effekt beschreibt, "dass eine Hitzewelle vor allem sehr vulnerable Personen einige Tage oder Wochen früher sterben lässt", so Schneider.

Dann allerdings müsste es in den Wochen darauf eine deutliche Untersterblichkeit geben, was bisher aber nicht zu sehen sei. Deshalb gehe sie davon aus, dass ein relevanter Teil der Menschen noch Monate bis Jahre hätte leben können.

Author Julia Vergin
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Image caption Bei älteren Menschen kann Hitze besonders schnell zum Tod führen. Menschen, die noch Jahre hätten leben können.
Image source Joel Saget/AFP
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Item 65
Id 79190286
Date 2026-09-11
Title Korallen als Klimaarchiv: Hinweise auf stärkere El Niños
Short title Korallen als Klimaarchiv: Hinweise auf stärkere El Niños
Teaser Aufzeichnungen der letzten Jahrzehnte zeigen häufig auftretende und starke El Niños. Forschende fragten sich: Ist das normal oder könnte der Klimawandel damit zu tun haben? Korallen liefern nun deutliche Hinweise.
Short teaser Wie beeinflusst der Klimawandel El Niños? Korallen liefern nun deutliche Hinweise.
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Es braut sich etwas zusammen. Sehr wahrscheinlich etwas Großes. El Niño ist zwar ein natürliches Klimaphänomen, das alle zwei bis sieben Jahre zum Jahresende hin auftritt. Aber El Niños können weniger stark, stärker oder ziemlich stark ausfallen.

Als stark gelten El Niños, wenn die Temperatur des Oberflächenwassers vor der Westküste Südamerikas mehr als 1,5 Grad Celsius über dem Durchschnitt liegt. Bereits im Juli beobachtete die US-Wetterbehörde NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration) Temperaturanstiege von mehr als drei Grad Celsius im östlichen und mittleren Pazifik.

Laut dem Deutschen Wetterdienst "könnte sich mit hoher Wahrscheinlichkeit eines der stärksten El Niños-Ereignisse seit Beginn der Aufzeichnungen herausbilden".

Die Frage allerdings, ob starke El Niño-Ereignisse mit dem Klimawandel zunehmen werden, sei noch Gegenstand aktueller Forschung, heißt es in einem Artikel des Max-Planck-Instituts für Meteorologie.

Die Datenlücke: Was Korallen über El Niño verraten

Denn das Problem ist: Wirklich verlässliche Daten über die Oberflächentemperaturen der Meere haben Forschende erst seit Beginn der 1980er-Jahre durch Satellitenbeobachtungen. Wie sich El Niño vor der Industrialisierung und der Verbrennung fossiler Rohstoffe verhalten hat, zeigen diese Daten jedoch nicht.

Diese Wissenslücke könnte mithilfe von Korallen geschlossen werden, sagen US-Forschende. Ende August veröffentlichten Julia Cole, Klimawissenschaftlerin und Paläoklimatologin an der Universität von Michigan in den USA, und ihr Team eine Studie dazu im Fachjournal "Science".

"Wir wussten lange schon, dass es in den letzten 40 oder 50 Jahren ziemlich starke El Niño-Ereignisse gegeben hat", sagt Cole. Aber: "Es war schwer zu sagen, ob diese starken El Niños Teil eines natürlichen Zyklus oder etwas Ungewöhnliches sind, das mit der sich erwärmenden Erde zusammenhängt." Die Untersuchung der Korallen deutet stark in eine Richtung: Nicht normal, sondern ungewöhnlich.

Korallen speichern 1000 Jahre Klimageschichte

Julia Cole und ihr Team untersuchten versteinerte und lebende Korallen rund um die Galápagos-Inseln im Ostpazifik vor Ecuador. Korallen wachsen zwischen einem und zwei Zentimeter pro Jahr und bilden dabei Strukturen, die denen von Baumringen ähneln. "Wir haben uns die Tatsache zunutze gemacht, dass Korallen während ihres Wachstums die Meerestemperaturen in der chemischen Zusammensetzung ihrer Skelette festhalten", sagt Cole.

Korallen wachsen, indem sie durch die sogenannte Kalzifizierung feste Skelette aus Kalziumkarbonat bilden. Auf diese Weise haben Korallen über Jahrhunderte und Jahrtausende ganze Riffsysteme geformt. Beim Kalzifizierungsprozess werden auch andere chemische Elemente in das Skelett eingebaut - Strontium beispielsweise. Mal mehr, mal weniger davon - je nach Temperatur des Wassers.

"Bei kälteren Temperaturen nimmt es [das Skelett] mehr Strontium auf, bei wärmeren Temperaturen hingegen weniger", sagt Cole. Das Verhältnis von Strontium zu Kalzium in den Skeletten gebe Aufschluss über die Temperaturänderungen.

Zusätzliche Hinweise liefern bestimmte Sauerstoffisotope in den Korallenskeletten. "Das seltene Sauerstoff-18 und das häufig vorkommende Sauerstoff-16 werden ebenfalls in einem Verhältnis aufgenommen, das die Temperatur widerspiegelt", sagt Cole. Unter kälteren Bedingungen wird mehr Sauerstoff-18 eingebaut als bei wärmeren Temperaturen.

Je nach Alter der Korallen konnten die Forschenden auf diese Weise die Veränderungen der Meerestemperaturen der vergangenen 1000 Jahre rekonstruieren. Das Ergebnis: Im Vergleich zur vorindustriellen Zeit sind die El Niño-Ereignisse deutlich stärker geworden.

Korallen liefern Hinweise, keine abschließende Antwort

Julia Coles Studie bestätigt damit eine Ahnung, die Forschende schon länger haben. "Diese Entwicklung entspricht den Vorhersagen der besten Klimamodelle: Diese prognostizieren eine messbare höhere Wahrscheinlichkeit für extreme ostpazifische El Niño-Ereignisse in den 2030er-Jahren", sagt Jens Zinke, Paläobiologe und Professor an der Universität Leicester in Großbritannien.

Andere Forschende sind zurückhaltender, was die Aussagekraft der Studie angeht. "Korallendaten erreichen zwar eine hohe zeitliche Auflösung - monatlich bis saisonal -, aber ihre Genauigkeit hängt von lokalen Bedingungen ab, sodass direkte Vergleiche mit modernen Messdaten mit Unsicherheiten behaftet sind", sagt Andreas Fink, Professor für Meteorologie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Was laut Fink unter anderem die Aussagekraft der Untersuchung schwächt, sei die regionale Begrenzung auf den Ostpazifik.

Auch Julia Cole ist sich der Grenzen ihrer Untersuchung bewusst: "Unsere Daten schließen zwar eine Lücke, aber ich möchte klarstellen, dass unsere Datenserie nicht lückenlos ist. Wir verfügen nicht über Daten für jedes einzelne Jahr des letzten Jahrtausends. Wir decken etwas weniger als die Hälfte der Jahre ab."

Fluten, Dürren, Rekordhitze: Die Folgen stärkerer El Niños

Auch wenn El Niño ein Phänomen ist, dessen Epizentrum im Pazifik liegt, verändert es das Wetter überall auf der Welt. In Regionen wie Ecuador und Peru kann es zu Starkregen und Fluten kommen, während Australien und Indonesien zu Trockenheit kommen kann - mit Dürren und Waldbränden als Folge. El Niño sorgt zudem dafür, dass sich die globalen Temperaturen zeitweise erhöhen.

Sollten die Prognosen zutreffen und dieser El Niño tatsächlich ein Super El Niño werden, dann würde das kommende Jahr 2027 sehr wahrscheinlich auch wieder ein rekordwarmes Jahr, sagt Thomas Felis, der die Forschungsgruppe Korallen-Paläoklimatologie am MARUM-Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen leitet und eine ähnliche Studie wie Julia Cole durchgeführt hat.

Hitzestress im Meer: Wie El Niño Korallen bedroht

Ein rekordwarmes Jahr "wird sehr wahrscheinlich wieder zu einer globalen Korallenbleiche führen", sagt Felis. So wie auch schon in den Jahren 2023-2024 oder 2015-2016, jeweils El Niño-Jahre.

Korallen erhalten ihre charakteristischen Färbungen von bestimmten Algen, mit denen sie in einer Symbiose leben. Die Algen liefern durch Photosynthese die Energie, die die Korallen zum Leben brauchen. Steigt die Meerestemperatur zu stark, beginnen die Algen Gifte zu produzieren und die Korallen lösen die Partnerschaft auf. Zurück bleibt die Koralle mit ihrem Skelett. Ein paar Wochen können die Korallen so überleben. Wird es kühler, kehren die Algen zurück.

"Wenn aber dieser Zustand, dass anormal hohe Sommertemperaturen herrschen, zu lange anhält, dann geht es der Koralle so schlecht, dass sie irgendwann abstirbt", sagt Felis.

Ein weltweites Korallensterben würde nicht nur das Ende einzigartiger Ökosysteme bedeuten. Es wäre auch die Zerstörung des Archivs, das die Geschichte der Ozeane aufbewahrt.

Author Julia Vergin
Item URL https://www.dw.com/de/korallen-als-klimaarchiv-hinweise-auf-stärkere-el-niños/a-79190286?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Korallen, wie hier um die Galápagos-Inseln herum, können Aufschluss geben über den Zustand der Meere vor Jahrzehnten, Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden
Image source Greg Asner
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Item 66
Id 78985235
Date 2026-09-06
Title Was kann Europa gegen Wasserknappheit und Dürre tun?
Short title Was kann Europa gegen Wasserknappheit und Dürre tun?
Teaser Europa muss sich auf heißer und trockener werdende Jahre einstellen. Doch wie kann der Wasserverbrauch wirklich gesenkt werden? Reicht es, das Befüllen von privaten Pools zu verbieten, oder muss mehr getan werden?
Short teaser Die Sommer in Europa werden heißer und trockener. Doch wie kann der Wasserverbrauch gesenkt werden?
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In Europa herrscht Dürre. Die Nutzung fossiler Brennstoffe treibt die Temperaturen nach oben, die Sommer werden heißer und trockener. Bedingungen, von denen sich die Böden, Seen und Flüsse des Kontinents nur schwer erholen. Besonders betroffen sind die Länder im Süden und Westen des Kontinents, doch sie sind nicht die einzigen.

"Im letzten Jahrzehnt konnten wir beobachten, wie sich das Risiko von Dürren immer weiter nach Norden ausweitete", stellt Gisela Elsner, Referentin für Umwelt-, Klima- und Nachhaltigkeitspolitik der Konrad-Adenauer-Stiftung fest. Sie verfolgt seit Jahren die Wasserwirtschaftsmaßnahmen der EU. "Mittel- und Westeuropa, aber auch die Länder in Südosteuropa, sind zunehmend durch den Klimawandel gefährdet", sagt sie.

Satellitenaufnahmen vom August diesen Jahres zeigen, dass in Gebieten bis hinauf nach Dänemark und Schweden eine extreme Trockenheit herrschte, wie sie sonst eher in Regionen wie der Sahelzone auftritt.

Die Auswirkungen sind nicht zu übersehen. Einige der längsten Flüsse des Kontinents wie der Rhein und die Donau haben historische Tiefstände erreicht, die die Binnenschifffahrt beeinträchtigen. Landwirte von Deutschland bis zur Ukraine klagen darüber, dass die Ernten geringer als sonst ausfallen, und in Gebieten vom Vereinigten Königreich bis zur Schweiz und Deutschland wurden Einschränkungen für den Wasserverbrauch in Privathaushalten angekündigt.

Hinzu kommt, dass das Wetterphänomen El Niño, das die Passatwinde abschwächt und die Oberflächentemperaturen im tropischen Pazifik erwärmt, zu einem der stärksten seit Beginn der Aufzeichnungen werden soll. Fachleute gehen daher davon aus, dass das Jahr 2027 noch heißer und trockener ausfallen wird.

An diese Realität wird Europa sich anpassen müssen, warnt Elsner. "Es geht nicht darum, dass aus unseren Wasserhähnen kein Wasser mehr kommt. Aber wir müssen Prioritäten setzen und unsere Wasservorräte effizient nutzen."

Was können die Länder Europas also tun? Die DW hat sich den Wasserverbrauch in den europäischen Ländern angesehen, um herauszufinden, welche Maßnahmen die größte Wirkung erzielen.

Welche europäischen Länder verbrauchen am meisten Wasser?

Privathaushalte sind nur für einen relativ geringen Teil des Wasserverbrauchs verantwortlich. Je nach Land verbrauchen Privatpersonen durchschnittlich pro Tag zwischen 50 und 300 Liter. Das sind weniger als 20 Prozent des gesamten Wasserverbrauchs.

Zwei Drittel des Wasserverbrauchs auf dem gesamten Kontinent entfallen auf die Landwirtschaft - überwiegend für Bewässerung - und auf die Kühlung von Atomkraftwerken sowie mit fossilen Brennstoffen betriebene Kraftwerke.

In Ländern wie Griechenland, Spanien und der Türkei, die ohnehin anfällig für Dürren sind, wird der Großteil der fast 2000 Liter, die täglich pro Kopf entnommen werden, für die Landwirtschaft benötigt.

In osteuropäischen Ländern wie Bulgarien oder Ungarn, aber auch in Ländern wie den Niederlanden oder Estland, werden pro Kopf und Tag 1000 bis 2000 Liter Wasser entnommen. Hier wird der Großteil für die Kühlung von Kraftwerken verwendet.

Wo könnte am meisten Wasser gespart werden

"Es gibt nicht die eine Lösung, mit der dieser Herausforderung begegnet werden kann", sagt Elsner. "Es ist ein Bündel von Maßnahmen erforderlich."

Und es gibt Lösungen. Laut einem kürzlich von der Europäischen Umweltagentur (EUA) veröffentlichten Bericht könnten die Länder der EU durch die Umsetzung gezielter Maßnahmen jährlich zwischen zehn und 40 Prozent Wasser einsparen.

Die Umstellung auf saubere Energie könnte in den Staaten West- und Osteuropas einen großen Unterschied machen. Atomenergie und die Erzeugung von Energie durch die Verbrennung von Öl, Gas und Kohle erwärmen nicht nur den Planeten, für sie werden auch enorme Mengen Wasser benötigt. Für Wind- und Solarenergie hingegen nicht.

Erneuerbare Energien helfen Wasser sparen

Erneuerbare Energien ersetzen zunehmend fossile Brennstoffe. Sie werden nicht nur zur günstigsten Form von Energie, sie können die Länder auch dabei unterstützen, Wasser zu sparen. Über die letzten beiden Jahrzehnte hat Europa seinen Wasserverbrauch um etwa ein Viertel reduziert, vor allem aufgrund des gesunkenen Wasserbedarfs für die Kühlung von Kraftwerken.

Auch wenn die Atommeiler in Ländern wie Frankreich, Spanien oder Schweden weiterhin Wasser für die Kühlung benötigen, das Potenzial für Einsparungen ist enorm. Die EUA geht davon aus, dass in den EU-Ländern durch den Ausbau erneuerbarer Energien und die Verbesserung der Kühlsysteme weitere erhebliche Einsparungen in Höhe von 45 bis 95 Prozent realisierbar sind. Das entspräche hunderten von Litern pro Kopf und Tag.

Bessere Bewässerungssysteme

Im Süden Europas ist die Landwirtschaft ein großer Verbraucher. Der Bericht der EUA enthält hier verschiedene Empfehlungen. So sollten offene Bewässerungskanäle durch geschlossene Rohrsysteme ersetzt werden, um zu verhindern, dass das Wasser während der Hitzeperioden verdunstet. Die Oberflächenbewässerung sollte auf Sprinkler- oder Tropfbewässerung umgestellt werden und wo möglich sollten weniger wasserintensive Kulturen angebaut werden.

Verluste bei der öffentlichen Wasserversorgung

Etwa einer von vier Litern Wasser, die durch die Rohre der öffentlichen Wasserversorgung fließen, geht auf dem Weg zum Ziel wegen undichter Rohre oder Verdunstung verloren, schätzt die europäische Vereinigung der nationalen Verbände in der Wasserversorgung EurEau.

In Rumänien und Italien sind es sogar mehr als 40 Prozent. Die Vermeidung dieser Verluste würde laut EUA-Bericht den größten Teil der potenziellen Einsparungen in der öffentlichen Wasserversorgung der EU ausmachen.

Hat das Trinkwasser Haushalte und Unternehmen erreicht, kommt das individuelle Verhalten ins Spiel. Der Bericht der EUA enthält zahlreiche Empfehlungen für die Einsparung von Wasser im Alltag, angefangen mit wassersparenden Toilettenspülungen über effiziente Wasch- und Geschirrspülmaschinen bis hin zum Auffangen von Regenwasser. Doch selbst wenn jeder EU-Bürger und jede EU-Bürgerin alle Maßnahmen umsetzen würde, würde dies den Wasserverbrauch in Haushalten pro Kopf und Tag nur um 10 bis 40 Prozent senken.

Auch durch bewusste Konsumentscheidungen könnten die Menschen zur Wassereinsparung beitragen, indem sie zum Beispiel den Wasserfußabdruck der Produkte, die sie kaufen oder konsumieren, berücksichtigen, sagt Alexander Psomas, Wasserwirtschaftsexperte beim griechischen Beratungsunternehmen Brilliant Solutions und einer der Autoren des EUA-Berichts. "Die Bürger können auch auf unsere Regierungen einwirken, damit sie mehr Rechenschaft über ihre Energiepolitik ablegen und die Auswirkungen, die diese auf das Wasser hat."

Was Europa lernen kann

Dürren und Hitzewellen sind kein ausschließlich europäisches Problem. Viele Gebiete der Welt sind noch stärker von der Klimakrise betroffen. Daten der Vereinten Nationen zufolge haben Regionen in Nordafrika, in Nahost und in Asien seit langem mit einem weitaus höheren Wassermangel zu kämpfen.

Das heißt aber auch, dass Europa mit dem Rest der Welt zusammenarbeiten und von ihm lernen kann, wie man sich auf knappe Wasserressourcen einstellt. "Das Welternährungsprogramm (WFP) und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der UN arbeiten im globalen Süden an ähnlichen Fragen", sagt Giriraj Amarnath, Forschungsgruppenleiter am International Water Management Institute.

Elsner verweist auf das Beispiel eines Chipherstellers in Sachsen, der sich kürzlich in Singapur Fachwissen darüber einholte, wie Abwasser zur Kühlung seiner Fabriken wiederverwendet werden kann.

"Wir können definitiv von den Ländern lernen, die bereits über das Wissen und die Technik verfügen, die auch bei uns angewendet werden können", betont sie.

Wachsende Sensibilität

In den vergangenen Jahren haben Elsner und Psomas beide eine wachsende Sensibilisierung bei Politik und Öffentlichkeit wahrgenommen. "Bis 2022 gab es bei der EU keine relevante Arbeitsgruppe zu den Themen Wasserknappheit und Dürre", sagt Posmas zur DW. "Heute ist es eine der Arbeitsgruppe mit der höchsten Beteiligung. Das Interesse an diesem Thema und die Besorgnis darüber nehmen zu."

Er würde es begrüßen, wenn es mehr öffentliche Debatten über Wasserstrategien gäbe, insbesondere vor Wahlen. "Wenn das Wasser in einem Land weniger wird, betrifft das alle. Ich würde mir wünschen, dass Politiker darüber sprechen, mit welchen Lösungen sie ihre Länder in 10 oder 20 Jahren widerstandsfähiger gegenüber Wasserknappheit machen wollen."

Alle Daten und Codes zu dieser Analyse finden Sie in diesem Github-Repository. Weitere datengestützte Geschichten von DW finden Sie auf dieser Seite.

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

Author Kira Schacht
Item URL https://www.dw.com/de/was-kann-europa-gegen-wasserknappheit-und-dürre-tun/a-78985235?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Selten war der Wasserstand im Edersee in Nordhessen so niedrig wie im August 2026
Image source Ina Fassbender/AFP
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Item 67
Id 79051837
Date 2026-09-06
Title Erfolgreicher Spectrum-Start: Deutsche Rakete erreicht Orbit
Short title Erfolgreicher Spectrum-Start: Deutsche Rakete erreicht Orbit
Teaser Ein Start-up aus Bayern schreibt Raumfahrtgeschichte: Eine Trägerrakete des Unternehmens Isar Aerospace bringt bei einem Testflug Satelliten ins All.
Short teaser Ein Start-up aus Bayern schreibt Raumfahrtgeschichte: Isar Aerospace bringt bei einem Testflug Satelliten ins All.
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"Wir sind im Orbit!", meldete das Unternehmen Isar Aerospace in der Nacht zum Sonntag. "Deutschland kann Raumfahrt", jubelte daraufhin Deutschlands Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) in Berlin.

Gegen 22.00 Uhr Ortszeit war die Rakete vom Typ "Spectrum" am Samstagabend vom Weltraumbahnhof Andøya im Norden Norwegens abgehoben. Der Start wurde live übertragen. Nach etwa zehn Minuten brach die Verbindung wegen der zu großen Entfernung ab - aber die Rakete flog offensichtlich weiter. Auf der geplanten Route ging es in eine Umlaufbahn im erdnahen Weltraum.

Forschungssatelliten als Nutzlast

Es sei das erste Mal, dass eine privat entwickelte Rakete vom europäischen Kontinent aus den Orbit erreicht habe, teilte Isar Aerospace mit. Die Mission "Onward and Upward" (Vorwärts und Aufwärts) sei erfolgreich abgehoben und habe Nutzlasten in den Orbit ausgesetzt. "Ein neues Kapitel für die europäische Raumfahrt" habe begonnen. Die Spectrum-Rakete hatte fünf wissenschaftliche Satelliten mehrerer Universitäten und ein wissenschaftliches Experiment an Bord.

"Wir haben in wenigen Jahren erreicht, wofür die europäische Raumfahrtindustrie zuvor Jahrzehnte gebraucht hat", so Isar-Aerospace-Vorstandschef Daniel Metzler. "Europa hat jetzt souveränen Zugang zum Weltraum."

Glückwünsche vom Bundeskanzler

Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz gratulierte dem Unternehmen nach dem erfolgreichen Start: "Großer Glückwunsch an Isar Aerospace für den erfolgreichen Start der Trägerrakete Spectrum. Das erste Mal gelingt ein solcher Flug vom europäischen Kontinent aus in die Erdumlaufbahn. Das ist der Beginn einer neuen Ära".

Das Raumfahrt-Start-up Isar Aerospace aus Ottobrunn bei München baut Trägerraketen für den Transport kleiner und mittelgroßer Satelliten. Die zweistufige Spectrum-Rakete ist 28 Meter hoch und kann mit ihren zehn Triebwerken Nutzlasten von bis zu tausend Kilogramm in erdnahe Umlaufbahnen befördern. Das Werk im süddeutschen Bundesland Bayern soll nach Unternehmensangaben in der Lage sein, mehr als 30 solcher Raketen pro Jahr herzustellen.

Tests und Pannen

Im März vergangenen Jahres hatte Isar Aerospace einen ersten Spectrum-Testflug unternommen. Die Rakete war dabei - ebenfalls in Andøya - erfolgreich gestartet und war nach 30 Sekunden Flug planmäßig ins Meer gestürzt.

Nun also der Schritt ins All. Allerdings hätte der am Samstagabend gelungene Start ursprünglich bereits im Januar stattfinden sollen.

Doch der erste Termin wurde wegen eines defekten Ventils verschoben. Beim zweiten Anlauf im März kam ein norwegischer Fischer dazwischen, der mit seinem Boot die Sicherheitszone in den Gewässern vor der Startbasis nicht rechtzeitig verlassen hatte. Im April wurden die Startvorbereitungen wegen eines leckenden Druckbehälters abgebrochen. Im Juni gab es erneut ein Problem.

Nach der erfolgreichen Mission am Samstagabend will Isar Aerospace noch in diesem Jahre weitere Starts folgen lassen. Der Bau der dritten Spectrum-Rakete sei bereits weit fortgeschritten.

Start mit strategischer Bedeutung

Isar Aerospace wurde 2018 gegründet. Das Start-up gehört zu mehreren deutschen und europäischen Unternehmen, die Europa in der Raumfahrt unabhängiger von den USA und Russland machen wollen.

Bundeskanzler Merz hatte den Weltraumbahnhof Andøya in Norwegen im März besucht und sich für eine größere Unabhängigkeit Europas in der Raumfahrt ausgesprochen. Bei der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin im Juni bezeichnete er die Luft- und Raumfahrtindustrie als "strategische Schlüsselbranche". Dieser Sektor sichere nicht nur Innovation und Wirtschaftskraft sondern "auch unsere Souveränität und unsere Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung".

Mit der Spectrum sollen künftig zivile und militärische Satelliten in erdnahe Umlaufbahnen wenige hundert Kilometer über dem Erdboden transportiert werden. Geplant ist die Produktion von 40 Raketen im Jahr. Die deutsche Bundesregierung, aber auch die EU und weitere europäische Staaten haben ein strategisches Interesse am Erfolg des Unternehmens mit seinen guten 400 Mitarbeitern.

Isar Aerospace hat nach Firmenangaben bislang über eine halbe Milliarde Euro Investorengelder eingeworben. Zuletzt hatte das Jungunternehmen einen Vertrag über 200 Millionen Euro mit der Europäischen Weltraumbehörde ESA unterzeichnet - Teil eines ESA-Programms, das die Entwicklung europäischer Trägerraketen beschleunigen soll.

Bisher wird das Geschäft mit Trägerraketen von US-Milliardär Elon Musk dominiert. Sein Raumfahrtunternehmen SpaceX hat die teilweise wiederverwendbare Trägerrakete Falcon 9 schon hunderte Male von den USA aus gestartet.

Auch ein Großteil der europäischen Satelliten wird bislang von SpaceX ins All befördert. Das ist bei europäischen Raumfahrtunternehmen nicht zuletzt deswegen unpopulär, weil die Auftraggeber in den Vereinigten Staaten die technischen Spezifikationen ihrer Satelliten offenlegen müssen.

Auch Ariane 6 soll in Schwung kommen

Laut eigenen Angaben ist Isar Aerospace schon jetzt mit Aufträgen über mehrere hundert Millionen Dollar bis zum Jahr 2028 ausgebucht - obwohl die Rakete noch gar nicht serienreif ist. Größere Höhen im All wird die Spectrum jedoch auch dann nicht ansteuern können. Als SpaceX-Alternative kommen in diesem Segment nur Raketen der Ariane Group infrage. Und auch dieses französisch-deutsche Unternehmen hat einiges vor.

Die Ariane Group will in diesem Jahr insgesamt sieben bis acht Raketen vom Typ "Ariane 6" starten lassen. Deren Serienreife hatte sich jahrelang verzögert. Nun sind die bis zu 62 Meter hohen Raketen aber einsatzbereit. Bisher gab es nach Zählung des Fachportals "European Spaceflight" vier Ariane-Starts in diesem Jahr.

Anders als die Spectrum ist die Ariane 6 eine große Trägerrakete. Sie kann weit schwerere Nutzlast transportieren und Satelliten auch in geostationäre Umlaufbahnen befördern, wo sie dann synchron mit der Erdumdrehung kreisen können. Entfernung: knapp 36.000 Kilometer über dem Erdboden.

AR/rb (afp, dpa)

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Image caption Spectrum-Start am Samstagabend in Andøya: Jubel aus dem Forschungsministerium
Image source Isar Aerospace/dpa/picture alliance
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Item 68
Id 78634826
Date 2026-09-04
Title Ebola: Warum Kinder in Krisen oft die Letzten sind
Short title Ebola: Warum Kinder in Krisen oft die Letzten sind
Teaser Kinder sterben im aktuellen Ebola-Ausbruch in der DR Kongo deutlich häufiger als Erwachsene. Trotzdem fehlen gerade für sie oft geeignete Medikamente oder Daten zu Dosierung und Einnahme. Warum ist das so?
Short teaser Der Ebola-Ausbruch im Kongo zeigt ein bekanntes Problem: Kinder sind besonders vulnerabel, aber Medikamente fehlen.
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Der aktuelle Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) ist verheerend. Seit dem Ausbruch Mitte Mai wurden mehr als 3000 Todesfälle registriert. Fast jede zweite erkrankte Person stirbt. Ganz besonders hoch ist die Sterblichkeitsrate bei Kleinkindern. Nach Daten, auf die sich ein aktueller Lancet-Kommentar von Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) stützt, liegt die Sterblichkeit bei Kindern unter fünf Jahren bei mehr als 60 Prozent.

Doch ausgerechnet für die Jüngsten fehlen oft Medikamente oder Daten zu deren Einnahme und Dosierung. Was lässt sich dagegen tun?

Kinder besonders betroffen, aber von Studien ausgeschlossen

Handeln, fordert Ärzte ohne Grenzen. "Kinder müssen im Mittelpunkt der Ebola-Behandlungs- und Präventionsforschung stehen", schreibt die Hilfsorganisation.

Im Mittelpunkt der Debatte steht die seit Mitte Juli laufende EBO-PEP-Studie. Sie untersucht das antivirale Medikament Obeldesivir zur sogenannten Postexpositionsprophylaxe (PEP), also als vorbeugende Behandlung nach einem Hochrisikokontakt mit dem Bundibugyo-Ebolavirus, dem Virusstamm, der für den aktuellen Ausbruch verantwortlich ist.

Sollte sich dieses Medikament als wirksam erweisen, könnte es Menschen schützen, die Kontakt zu einer infizierten Person hatten. Allerdings wurden Kinder mit einem Gewicht von unter 30 Kilogramm (etwa zwölf Jahre oder jünger) in der ursprünglichen Studienplanung ausgeschlossen. Eine geplante Protokolländerung könnte dies zumindest für Kinder über 20 Kilogramm bald ändern.

Kinder unter 20 Kilogramm, also etwa sechs Jahre und jünger, bleiben jedoch weiterhin außen vor. Für sie ist zwar eine alternative Behandlung mit intravenös verabreichtem Remdesivir vorgesehen. Doch eine zehntägige Infusionstherapie sei während eines Ausbruchs – insbesondere bei kleinen Kindern – nur schwer praktikabel, argumentiert Ärzte ohne Grenzen.

Laut Neal Russell, pädiatrischer Berater von Ärzte ohne Grenzen und Erstautor des Lancet-Kommentars, haben insbesondere junge Kinder ein besonders hohes Risiko, an Ebola zu sterben. Das liege möglicherweise an ihrem Immunsystem, an Begleiterkrankungen, aber auch daran, dass ihre Behandlung in Ebola-Behandlungszentren besonders herausfordernd sei. Die notwendige unterstützende Versorgung kleiner Kinder lasse sich unter Ausbruchsbedingungen oft nur schwer umsetzen.

So seien Kinder häufig schwerer zu diagnostizieren als Erwachsene, weil frühe Symptome anderen Krankheiten ähnelten und kleine Kinder ihre Beschwerden oft nicht genau beschreiben könnten.

Hinzu komme, dass Kinder in Behandlungszentren nicht immer von ihren Eltern oder Bezugspersonen begleitet werden könnten. Gerade bei kleinen Kindern spiele diese Unterstützung jedoch eine wichtige Rolle. Außerdem bräuchten Kinder engmaschigere Überwachung und besonders geschultes Personal.

Ebolabehandlung in Berlin – ein kleiner Erfolg

Dabei gibt es auch Ansätze, bei denen Kinder von Beginn an mitgedacht werden. Im Mai wurde ein US-amerikanischer Arzt an der Berliner Charité behandelt, nachdem er sich bei der Versorgung Ebola-Erkrankter mit dem Bundibugyo-Virus infiziert hatte.

Seine Frau und die vier gemeinsamen Kinder galten als Hochrisiko-Kontaktpersonen. Das Behandlungsteam entschied sich daraufhin, die Familie prophylaktisch mit MBP134 zu behandeln, einem experimentellen Antikörper-Präparat. Han Ngoc Le ist Studienärztin an der Charité und war an dem Prozess beteiligt.

"Es musste natürlich eine gute Nutzen-Risiko-Abwägung vollzogen werden", sagt sie. Die Datenlage zu dem Präparat bei Kindern sei äußerst begrenzt gewesen. Gleichzeitig habe es aber ein relevantes Risiko einer Ebola-Infektion nach dem engen Kontakt zum erkrankten Vater gegeben.

Am Ende blieben alle Familienmitglieder gesund, Nebenwirkungen traten nicht auf. Ob die Behandlung aber tatsächlich eine Infektion bei den Kindern verhindert habe, lasse sich nicht belegen. Dennoch seien die Erfahrungen wertvoll.

"Allein die Tatsache, dass der Antikörper auch bei sehr jungen Kindern im Alter von ein bis sieben Jahren so gut verträglich war, bleibt eine gute Erkenntnis, auf der zukünftige Studien aufbauen können", sagt Le.

Die Forschenden betonen jedoch, dass die kleine Fallserie nicht ohne weiteres auf die Allgemeinheit übertragbar ist.

Medikamentenentwicklung für Kinder: teurer und aufwendiger

Warum entstehen diese Versorgungslücken überhaupt? Kinder seien medizinisch betrachtet eben keine "kleinen Erwachsenen", erklärt Le. Ihr Stoffwechsel funktioniere anders, sie reagierten anders auf Medikamente - gleiches gelte für Schwangere. Ihre sogenannte Pharmakokinetik ist schlichtweg eine andere – also das, was der Körper mit dem Medikament macht.

Deshalb können Dosierungen nicht einfach von Erwachsenen auf Kinder übertragen werden. Für neue Medikamente müssen spezielle Studien durchgeführt, eigene Dosierungen bestimmt und oft auch spezielle Darreichungsformen entwickelt werden – statt Tabletten können beispielsweise Säfte oder andere kindgerechte Präparate nötig sein.

"All das verursacht zusätzliche Kosten", sagt Marc Biot, Experte für den Zugang zu Gesundheitsprodukten bei Ärzte ohne Grenzen. Dahinter stünden nicht nur wissenschaftliche, sondern auch wirtschaftliche Überlegungen. Dadurch würden Forschungseinrichtungen und Unternehmen Investitionen in pädiatrische Studien häufig nachrangig behandeln.

"Es ist schneller und günstiger, wenn man sich zunächst nur auf Erwachsene konzentriert", sagt Biot. Genau deshalb würden Kinder und Schwangere häufig erst später in klinische Studien einbezogen. Für Biot liegt die Verantwortung dabei aber nicht allein bei Forschenden oder Pharmaunternehmen. Auch Geldgeber, Regulierungsbehörden und politische Entscheidungsträger müssten frühzeitig dafür sorgen, dass vulnerable Gruppen berücksichtigt werden.

"Es ist traurig, dass wir überhaupt Druck machen müssen, damit Kinder und Schwangere berücksichtigt werden, statt sie von Beginn an selbstverständlich in die Planung einzubeziehen", sagt er.

Gesundheitskrisen erfordern schnelleres Handeln

Dass dies seit Jahren bekannt ist, zeigt auch die WHO-unterstützte Initiative GAP-f (Global Accelerator for Paediatric Formulations Network). Sie wurde 2020 gegründet, um die Entwicklung und Verfügbarkeit kindgerechter Arzneimittel weltweit zu beschleunigen.

Denn das Problem beschränkt sich nicht auf Ebola. Russell verweist auf die Mpox-Epidemie 2024 in der DR Kongo. Auch hier waren Kinder besonders schwer betroffen. Auch hier machten sie einen Großteil der Infizierten und Todesopfer aus. Einen Impfstoff gab es, aber nicht für Kinder. Die WHO empfahl dann eine "off label"-Nutzung bei Kindern, trotzdem erhielten sie ihn erst deutlich später als Erwachsene. Ähnliche Muster habe es laut Expertinnen und Experten zuvor bei HIV, Tuberkulose und auch während der Corona-Pandemie gegeben.

Die Debatte berührt dabei eine grundsätzliche ethische Frage. Lange galt der Ausschluss von Kindern und Schwangeren aus klinischen Studien als besonders vorsichtiger Ansatz.

"Wenn man eine Forschungsstudie außerhalb einer Notlage durchführt, ergibt es Sinn, Kinder und Schwangere vor möglichen Risiken eines Prüfpräparats zu schützen", so Russell. "Aber wenn man sich in einem Notfall befindet, verändert sich das Gleichgewicht zwischen dem Schutz vor möglichen Risiken durch Forschung und dem Schutz vor der hoch tödlichen Krankheit."

Kinder schützen: Was müsste sich ändern?

Für Le wäre ein wichtiger Schritt, Kinder und Schwangere bereits zu Beginn neuer Studienprogramme mitzudenken.

"Man sollte sie nicht gleich von einer Studienteilnahme ausklammern, sondern von Anfang an Substudien oder Parallelstudien aufsetzen", sagt sie.

Russells Forderung geht in die gleiche Richtung. Sein Ziel sei es, dass alle Menschen in einer Gesundheitskrise gleichermaßen von wissenschaftlichem Fortschritt profitieren können. "Egal, wer Sie sind, Sie sollten die gleiche Chance haben, Zugang zu medizinischen Maßnahmen zu erhalten", sagt er. Gerade in Gesundheitsnotlagen dürfe wissenschaftlicher Fortschritt nicht bei denjenigen als letztes ankommen, die am stärksten gefährdet sind.

Author Hannah Fuchs
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Image caption In der aktuellen Ebola-Epidemie sind Kinder besonders betroffen. Die Therapiemöglichkeiten für sie sind begrenzt.
Image source Gradel Muyisa Mumbere/REUTERS
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