Als Narendra Modi im Juni 2023 zu einem Staatsbesuch in die USA reiste, schien noch alles in Ordnung. Der Prunk und Pomp, mit dem der indische Premierminister damals empfangen wurde, unterstrich das große Interesse der USA an engen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. "Ich bin davon überzeugt, dass die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Indien zu denen gehören, die das 21. Jahrhundert prägen werden", betonte der damalige US-Präsident Joe Biden.
Bei seinem neuerlichen Besuch im Weißen Haus Anfang des Jahres fiel Modis Empfang durch den neu ins Amt gewählten Donald Trump weniger opulent aus. Die Gespräche jedoch waren herzlich und es wurde viel über Geschäftsabschlüsse gesprochen. Sechs Monate später hat sich das Bild komplett gewandelt. Seit dem 27. August werden auf die meisten Waren, die von Indien in die USA exportiert werden, Zölle in Höhe von 50 Prozent erhoben. Dieser Wert zählt zu den höchsten der Welt.
Die Spannungen eskalierten schnell, nachdem Donald Trump im April angekündigt hatte, gegen zahlreiche Handelspartner Zölle zu erheben. Die Handelsgespräche mit Indien verliefen ergebnislos. Die Lage verschärfte sich weiter, als Trump wegen der Ankäufe von russischem Öl durch Indien zusätzliche Zölle in Höhe von 25 Prozent ankündigte.
Damit haben sich die Beziehungen zu einem der wichtigsten strategischen Partner der Vereinigten Staaten im indopazifischen Raum verschlechtert. Das beunruhigt jene in Washington, die diese Beziehungen als elementar für die Stabilität und Sicherheit in der Region betrachten. In Indien macht man sich hingegen große Sorgen über die Auswirkungen der Zölle auf die rapide wachsende Wirtschaft des Landes.
Wie konnte es soweit kommen?
Rick Rossow leitet das Programm India and Emerging Asia Economics am Center for Strategic and International Studies (CSIS), einer Denkfabrik in Washington DC. Trump liege richtig damit, den "Protektionismus" Indiens anzuprangern, sagt er gegenüber der DW. Die Sprache, die der US-Präsident verwende, sei jedoch schroff und die angewendeten Instrumente hart. Modi nehme dadurch politischen Schaden.
Die Verhandlungen sind nach Ansicht vieler Beobachter gescheitert, weil Indien unbedingt russisches Öl kaufen wolle. Sushant Singh, Dozent an der Fakultät für Südasiatische Studien der US-Universität Yale, sieht den Handelsdisput noch in einem anderen Zusammenhang: Singh verweist auf den Konflikt zwischen Indien und Pakistan von Mai dieses Jahres und Trumps Rolle bei den Verhandlungen einer Waffenruhe.
"Trump behauptet, die Waffenruhe sei durch ihn und seine Beamten zustande gekommen. Modi ist jedoch der innenpolitische Eindruck wichtig, er habe Pakistan geschlagen und Pakistan habe auf Knien um eine Waffenruhe betteln müssen", sagte Singh der DW. "Deshalb kann Modi in diesem Punkt gegenüber Trump nicht nachgeben, weil seine innenpolitische Darstellung komplett zunichtegemacht würde.
Die Auswirkungen auf Indien
Nun muss Indiens Wirtschaft mit Trumps Zöllen klarkommen. Die Vereinigten Staaten sind der größte Handelspartner des Landes. 2024 exportierte Indien Waren im Wert von rund 87 Milliarden US-Dollar (74,5 Milliarden Euro) in die USA. Diese Zahl dürfte bis 2026 um über 40 Prozent fallen, rechnete die Denkfabrik Global Trade Research Initiative aus. Übrig blieben demnach etwa 50 Milliarden US-Dollar oder 43 Milliarden Euro.
Zu den wichtigsten Exportgütern Indiens zählen Textilien, Schmuck und Edelsteine. In einigen dieser Branchen könnte das Exportvolumen in den kommenden zwölf Monaten massiv einbrechen, so Global Trade Research Initiativ in Neu-Delhi. Hunderttausende Arbeitsplätze wären damit in Gefahr.
Andererseits machten die von den Zöllen betroffenen Waren und Produkte mit 14 Prozent nur einen relativ kleinen Teil der indischen Wirtschaft aus, meint dagegen Rossow. Die Auswirkungen auf die Realwirtschaft sollten sich daher im Rahmen halten. Zudem habe Premierminister Modi die Fertigungsindustrie und "Made in India"-Politik stark gefördert. "Der eingeschränkte Zugang zum größten Exportmarkt könnte diesen Teil der Wirtschaft zu einem kritischen Zeitpunkt dämpfen", meint Rossow.
Was haben die USA zu verlieren?
Der Wert der 2024 nach Indien exportierten US-Waren betrug 42 Milliarden US-Dollar (36 Milliarden Euro) und damit weniger als die Hälfte der indischen Exporte in die USA. "Mit Blick auf die Bilanz liegen die Verluste hauptsächlich auf indischer Seite", sagt Singh. "Die USA unter Trump gehen mit China, Indien und dem Indopazifik offensichtlich sehr unterschiedlich um. Indien hat keinen Handlungsspielraum."
Wirtschaftlich würde Indien sicherlich mehr leiden, doch auch die USA hätten einen Preis zu bezahlen, ist sich Rossow sicher. Insbesondere sei ein deutlicher Rückgang der Zahl indischer Studierender an US-amerikanischen Universitäten zu erwarten.
Ein weiterer wirtschaftlicher Faktor, der bedacht werden sollte, sind laut Gary Hufbauer, Experte für internationalen Handel am Peterson Institute for International Economics, frühere Pläne der USA, einen Teil der Produktion von China nach Indien zu verlagern. Dies sei nun in Gefahr. "Eine Zeitlang sah es so aus, als entwickle sich Indien zu einer Alternative für die Fertigung vieler Dinge, die in China produziert werden", erklärt er der DW. "Doch das erscheint jetzt unwahrscheinlich."
Singh hebt außerdem hervor, dass sich führende indisch-amerikanische Unternehmer im Tech-Bereich nicht gegen Trump positioniert hätten. Und dies, obwohl verschiedene indische Staatsangehörige im Zuge der verschärften Einwanderungspolitik unter Trump die USA verlassen mussten. "Keiner von ihnen wird sich gegen Trump stellen, weil auch sie Angst haben."
Das geopolitische Risiko sei für Trump jedoch größer als das wirtschaftliche, räumt Singh ein. "Es könnte zu einer Situation kommen, in der sich China zu einer großen asiatischen Macht entwickelt und Indien zu einer etwas untergeordneten Rolle bereit ist. Geopolitisch könnten sie sich abstimmen - zum Nachteil der USA."
Gibt es noch Chancen für eine Einigung?
Weniger Spannungen wären im Interesse beider Seiten, sagt Rossow. "Indien steht kurz davor, die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt zu werden", betont er. "Angesichts unserer geteilten Sorge bezüglich des militärischen und wirtschaftlichen Aufstiegs Chinas ist eine starke Partnerschaft für die regionale Sicherheit und das gemeinsame Wachstum von entscheidender Bedeutung."
Neu-Delhi sei verzweifelt bemüht, ein Handelsabkommen mit den USA abzuschließen, ist Sushant Singh überzeugt. "Sie wollen ein Abkommen", sagt er. "Sie wollen Trump einen Erfolg bescheren. Es könnte jederzeit passieren, jede Woche, jeden Monat. Mit der Trump-Regierung ist alles möglich." Für Modi sei diese Auseinandersetzung innenpolitisch zudem sehr gefährlich, meint Singh. Ein Grund mehr für ihn, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.