DW

Item 1
Id 77564979
Date 2026-06-15
Title Kampfjet FCAS: Warum Deutschland Frankreich beim Thema Rüstung getrennte Wege gehen
Short title Kampfjet FCAS: Getrennt rüsten, gemeinsam scheitern
Teaser Das Aus für den Kampfjet FCAS und die Krise beim Kampfpanzer MGCS zeigen das Dilemma europäischer Rüstungspolitik: Nationale Industrieinteressen scheinen stärker zu wiegen als gemeinsame Verteidigungsinteressen.
Short teaser Das Aus für FCAS und die drohende Krise des Kampfpanzers MGCS zeigen das Dilemma europäischer Rüstungspolitik.
Full text

Wer in der europäischen Rüstungsindustrie etwas auf sich hält, präsentiert sich alle zwei Jahre auf der Eurosatory, Frankreichs größter Rüstungsmesse. Auch in dieser Woche zeigt die Branche auf dem weitläufigen Gelände in Villepinte bei Paris, was sie zu bieten hat. Mehr als 2000 Aussteller treffen dort auf Militärs, Politiker und Fachbesucher.

Angesichts voller Auftragsbücher könnte die Stimmung kaum besser sein. Europas Regierungen wollen militärisch unabhängiger von den USA werden und investieren dafür Hunderte Milliarden Euro.

Doch in die Goldgräberstimmung mischt sich auch Ernüchterung. Denn ausgerechnet das bislang größte europäische Rüstungsversprechen auf mehr strategische Eigenständigkeit ist vor wenigen Tagen gescheitert: Deutschland und Frankreich haben dem gemeinsamen Kampfflugzeug der sechsten Generation de facto den Todesstoß versetzt. Das Herzstück des Luftkampfsystems FCAS wird nicht gemeinsam gebaut.

FCAS-Scheitern als Fanal?

Die französische Verteidigungsministerin Catherine Vautrin sparte das Thema bei ihrer Eröffnungsrede am Montag zwar aus. Dennoch deutet sich an, dass sich Paris und Berlin nicht nur bei den Kampfjets verhakt haben, sondern auch das Kampfpanzer-Projekt in neue Schwierigkeiten geraten könnte.

Als Staatspräsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel 2017 FCAS als Reaktion auf den Brexit und die Wahl Donald Trumps ins Weiße Haus aus der Taufe hoben, flankierten sie das Jet-Projekt mit einem deutsch-französischen Panzerprojekt: dem Main Ground Combat System (MGCS). Während die Franzosen bei den Jets die Führung übernehmen sollten, war Deutschland für die Leitung des Panzerprojekts vorgesehen. Wenn FCAS scheitert, hat Präsident Macron seitdem mehrfach betont, könnte auch das Aus für MGCS folgen.

Vom Konsens zur Konkurrenz

Am vergangenen Wochenende goss der mächtige Chef des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall, Armin Papperger, weiteres Öl ins Feuer. Nach seinen Informationen, so Papperger in der "Welt am Sonntag", erwäge Paris, das Budget für das Projekt drastisch zu kürzen. Entschieden sei allerdings noch nichts.

"Ich nehme diese Warnungen sehr ernst", sagt Ulrike Franke vom Thinktank European Council on Foreign Relations (ECFR) in Paris im Deutschlandfunk. In Wahrheit sei das Panzerprojekt schon seit Beginn schwieriger und schleppender verlaufen als FCAS.

Aus dem deutschen Verteidigungsministerium heißt es derweil, Deutschland und Frankreich ​hätten sich darauf ⁠geeinigt, MGCS "plattformunabhängig" weiterzuentwickeln und sich auf den Kern des Programms zu konzentrieren. ⁠Ob ein gemeinsamer Kampfpanzer damit obsolet ist, sei offen, so der Sprecher am Montag.

Gleich mehrere Parallelen erkennt Sicherheitsexpertin Franke zum gescheiterten Flugzeugprojekt. Wie beim Kampfjet gebe es auch beim Kampfpanzer unterschiedliche militärische Anforderungen beider Länder, die eine Realisierung erschweren. Die Bundeswehr setzt auf maximalen Schutz und Feuerkraft für die Nato-Ostflanke, während die Franzosen traditionell eher leichtere und per Flugzeug verlegbare Panzer für schnelle Interventionen bevorzugen.

Kampf um Technologieführerschaft

Doch die gravierendsten Parallelen liegen in der Rüstungsindustrie, die auch der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius ganz offen für das FCAS-Scheitern verantwortlich macht. "Uns waren auf Regierungsebene die Hände gebunden. Die deutsche und die französische Regierung, wir hätten das Projekt sehr gerne weitergeführt", so der Minister.

Bei FCAS gilt der französische Traditionskonzern Dassault als der schwierige Partner, den die Politik nicht einhegen konnte. "Von Anfang an funkten nicht alle auf derselben Wellenlänge", stellt der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im französischen Senat, Cédric Perrin, nüchtern fest. Der zermürbende Streit um Patente und Projektführung war letztlich ein unerbittlicher Kampf um die industrielle Technologieführerschaft von morgen.

Ein vergleichbares Dilemma zeigt sich beim Panzerprojekt MGCS. Hier heißt der dominante Akteur nicht Dassault, sondern Rheinmetall. Eigentlich sollte das deutsch-französische Joint-Venture KNDS (Krauss-Maffei Wegmann und Nexter) das Projekt stemmen.

Mit politischem Nachdruck setzte die deutsche Seite später jedoch die Beteiligung Rheinmetalls durch – ein Unternehmen, das bis 2030 zum größten Rüstungshersteller Europas aufsteigen will. Aus französischer Sicht hat die Rheinmetall-Beteiligung die sensible Balance des Projekts massiv verschoben.

Aufstieg von Rheinmetall

Wie wenig man in Düsseldorf bereit ist, die eigene Strategie einem zähen politischen Prozess unterzuordnen, zeigte das Unternehmen bereits auf der Eurosatory vor vier Jahren. Dort präsentierte Rheinmetall in Paris überraschend den Kampfpanzer Panther KF51 als eigenständige Alternative zum MGCS.

Inzwischen wird das hochmoderne System aggressiv vermarktet und steht kurz vor einem Großauftrag durch Italien. Betriebswirtschaftlich ist dieser Alleingang rational, für den Einigungsdruck im deutsch-französischen Gemeinschaftsprojekt ist er problematisch. Am Montag stellte nun auch KNDS einen Kampfpanzer für die französische Armee auf Basis des Leopard 2 vor.

Die Probleme mit der Industrie betreffen nicht nur die beiden Vorzeigeprojekte. Auch die Eurodrone, die Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien gemeinsam entwickeln, befindet sich in Turbulenzen. Preissteigerungen und Verzögerungen bremsen den Fortschritt. Zwar ist die Konstruktionsphase abgeschlossen, doch besonders in Frankreich wachsen Zweifel an Kosten und militärischem Nutzen. Gescheitert ist die Eurodrone noch nicht, aber als warnendes Beispiel für Europas mühsame Rüstungskooperation taugt auch sie.

Sorge vor deutscher Dominanz

Dass multinationale Programme auf der Stelle treten, während die deutsche Rüstungswirtschaft im Alleingang das Tempo drastisch erhöht, bleibt an der Seine nicht verborgen. Die Sorge vor einer deutschen industriellen Dominanz zählt mittlerweile zum Kern der Frustration in Paris.

Der Senator Cédric Perrin fasst diese Entfremdung prägnant zusammen: "Wir sind von abweichenden zu konkurrierenden Ambitionen übergegangen." Der deutsche Blick auf die Rüstungszukunft sei nun stark national geprägt und ziele auf einen massiven Ausbau der eigenen wehrtechnischen Basis ab, klagt der Senator. Die nötige Finanzkraft für diese Ambitionen zieht Berlin auch aus den Milliarden des sogenannten Sondervermögens.

Der deutsch-französische Riss und die Folgen für Europa sind ein wichtiges Thema auf der Messe in Paris. Europas Industrie mag in der Lage sein, herausragende Waffensysteme zu bauen; solange jedoch nationale Industriepolitik die Entscheidungen diktiert, bleibt die europäische Rüstungskooperation ineffizient und fehleranfällig. Die Rechnung für den Steuerzahler wird dadurch nicht kleiner.

Author Andreas Noll
Item URL https://www.dw.com/de/kampfjet-fcas-warum-deutschland-frankreich-beim-thema-rüstung-getrennte-wege-gehen/a-77564979?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77562144_607.jpg
Image caption Treffpunkt der Rüstungsindustrie: die Messe Eurosatory 2026 in Villepinte bei Paris
Image source Aurelien Morissard/AP Photo/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77562144_607.jpg&title=Kampfjet%20FCAS%3A%20Warum%20Deutschland%20Frankreich%20beim%20Thema%20R%C3%BCstung%20getrennte%20Wege%20gehen

Item 2
Id 76832163
Date 2026-06-15
Title Straße von Hormus: So gefährlich sind Seeminen
Short title Straße von Hormus: So gefährlich sind Seeminen
Teaser Seeminen stellen im Iran-Krieg eine große Gefahr für Schiffe im Persischen Golf dar. Räumung und Entschärfung sind riskant - und bisher können Unterwasser-Drohnen nur einen Teil der Arbeit übernehmen.
Short teaser Seeminen stellen im Iran-Krieg eine Gefahr für Schiffe im Persischen Golf dar. Wie können Unterwasser-Drohnen helfen?
Full text

Zahlreiche Staats- und Regierungschefs haben das geplante Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran begrüßt. Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien stellten demnach die Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran in Aussicht. Die vier Länder betonten zudem die Dringlichkeit der Wiedereröffnung der Straße von Hormus und dass sie ihren Teil dazu beitragen wollen.

Dazu gehöre "eine rein defensiv ausgerichtete, unabhängige Mission, um die Handelsschifffahrt zu ermutigen und Minenräumungen durchzuführen", heißt es laut Nachrichtenagenturen in einer gemeinsamen Stellungnahme.

Eine Gefahr für Handelsschiffe

Doch auch wenn die Straße von Hormus wieder für die Schifffahrt geöffnet wird, bleiben der Persische Golf und die umliegende Region eine Gefahrenzone für Handelsschiffe: Anfang April verkündeten die iranischen Revolutionsgarden, die Führung in Teheran habe die Meerenge verminen lassen.

"Wir wissen gar nicht genau, ob dort wirklich Minen liegen, aber die latente Gefahr reicht aus. Im Kriegsgebiet kann das aktuell niemand überprüfen", sagt Johannes Peters, Leiter der Abteilung für Maritime Strategie und Sicherheit am Institut für Sicherheitspolitik der Kieler Christian-Albrechts-Universität.

Wie funktionieren Seeminen?

Seeminen wurden schon im Ersten und Zweiten Weltkrieg eingesetzt. Damals handelte es sich um Ankertauminen: Mit einem Gewicht wurde ein Tau am Meeresboden fixiert, an dessen oberem Ende eine Kugel mit sogenannten Zündhörnern trieb. Fuhr ein Schiff oder ein U-Boot gegen diese Zündhörner, explodierte die Mine. Auslösung durch direkten Kontakt war damals die Funktionsweise. "Moderne Minen haben damit nur noch relativ wenig zu tun", so Peters zur DW.

Auch heute werden die Minen noch im Meeresboden verankert. Die Seekriegsmittel sollen schließlich einer Kriegspartei die Kontrolle über ein bestimmtes Areal sichern. "Dafür muss man sie ortsfest machen", erklärt Peters. Aber die Auslösung läuft nicht mehr über direkten physischen Kontakt.

Stattdessen arbeiten neuere Seeminen mit einer Auslösung durch Druckwellen, elektromagnetische Signale oder Schallwellen. Jede Schiffsbauart hat eine eigene Druck-, elektromagnetische- oder akustische Signatur, sendet also unterschiedliche Signale aus. Die Minen können darauf programmiert werden, beispielsweise nur auf die Schallwellen einer ganz bestimmten Schiffsart zu reagieren.

"Mithilfe von U-Booten kann man die akustische Signatur feindlicher Schiffe feststellen", sagt Peters. Darauf werden die Minen dann programmiert. "Die feindlichen Schiffe lösen mit ihrer akustischen Signatur die Minen aus, während man mit den eigenen Schiffen problemlos durch das verminte Gebiet fahren kann", erklärt der Experte.

Zeitaufwendige Minenjagd im Meer

Die Räumung, die sogenannte Minenjagd, ist zeitaufwendig. Wenn ein verdächtiges Objekt geortet wurde, muss zunächst festgestellt werden, ob von ihm eine Gefahr ausgeht. Sollte das der Fall sein, wird immer individuell entschieden, was mit dem Sprengsatz geschehen soll. Soll er zunächst geborgen werden? Oder muss die Mine unter Wasser entschärft oder kontrolliert zur Explosion gebracht werden? Diese gefährliche Aufgabe kann von Militärpersonal mit entsprechender Ausbildung übernommen werden, quasi dem "Kampfmittelräumdienst unter Wasser", wie Peters ihn nennt.

Manchmal geht es aber auch, ohne dass Menschenleben riskiert werden. "Wenn es möglich ist, setzen wir Drohnen ein um die Objekte, die wir finden, zu identifizieren und zu zerstören", sagte Mykola, Soldat eines ukrainischen Seeminen-Räumtrupps im Schwarzen Meer, gegenüber der DW Anfang dieses Jahres. Die russische Marine hat das Schwarze Meer im Rahmen von Wladimir Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine vermint.

Marine: Drohnen gegen Seeminen

Auch die deutsche Marine setzt bereits Drohnen bei der Minenjagd ein. "Wir nutzen autonome Systeme vorrangig für das Absuchen des Meeresbodens", sagt Fregattenkapitän Andreas vom 3. Minensuchgeschwader der deutschen Marine, den wir aus Sicherheitsgründen nur mit seinem Vornamen zitieren. "Früher ist man dafür mit Sonar-ausgestatteten Booten direkt über das Minen-gefährdete Gebiet gefahren. Dank der unbemannten Systeme müssen sich 40 Mann nicht mehr in direkte Gefahr begeben."

Das heißt nicht, dass kein menschliches Personal gebraucht wird. Die Drohnen schicken Aufnahmen vom Meeresboden zurück, die dann ausgewertet werden müssen. Was ist nur Schrott und was wirklich eine gefährliche Seemine? Diese Entscheidung, und wie mit dem Sprengkörper umgegangen werden soll, übernehmen immer noch Menschen.

Die Nutzung von Drohnen für die Überprüfung des Meeresbodens macht die Marine effizienter, sagt Fregattenkapitän Andreas im DW-Gespräch. Trotzdem: Bis ein Seegebiet nach einem Krieg von Minen befreit ist, dauert es Jahrzehnte oder sogar noch länger. Das bestätigt auch Artjom, ein Ukrainer aus dem Minenräumtrupp im Schwarzen Meer. "Wir finden immer noch Minen aus dem Zweiten Weltkrieg, manchmal sogar aus dem Ersten Weltkrieg", sagt der Soldat. "Das zeigt, wie viel Jahre Arbeit wir vor uns haben."

Drohnen-Einsatz in Straße von Hormus wäre schwierig

Die Drohnen, die aktuell bei der Marine zum Einsatz kommen, können aufgrund der Batterielaufzeit nicht allzu lange im Meer eingesetzt werden. Das bedeutet, sie müssen recht nah an dem Gebiet "ausgesetzt" werden, das sie absuchen sollen.

"Man muss immer dicht dran sein", sagt Fregattenkapitän Andreas. "In einem sensiblen Umfeld wie der Straße von Hormus wäre das schwierig. Der Iran hat große Reichweiten und wir müssen unser Personal schützen."

Verschiedene Unternehmen arbeiten bereits an der Entwicklung von Drohnen, die länger unterwegs sein können. Eines von ihnen ist die Firma Euroatlas aus dem norddeutschen Bremen. Ihre Unterwasser-Drohne "Greyshark" kann aktuell rund sechs Stunden lang bei zehn Knoten Geschwindigkeit durchs Meer fahren, bei einer Geschwindigkeit von vier Knoten dreimal so lang. Im September 2026 wird die batteriebetriebene Version in Serie gehen, für Ende des Jahres ist die Serienproduktion einer "Greyshark"-Drohne mit Brennstoffzellenantrieb geplant. Diese soll dann mehrere Wochen autonom im Meer unterwegs sein können.

"Greyshark"-Drohne vielleicht schon bald im Einsatz

"In der Straße von Hormus sind Schiffe an der Wasseroberfläche durch Beschuss von Land gefährdet, und das betrifft auch Minensuchboote", sagt Markus Beer aus dem Bereich autonome Systeme bei Euroatlas. "Unter Wasser wäre die Aufklärungsarbeit [von Drohnen] gefahrlos möglich, ohne die Situation zu eskalieren."

Und: Der "Greyshark" könnte in sicherer Entfernung zu Wasser gelassen werden. "Die kleinen Drohnen, die heute bei der Minenjagd zum Einsatz kommen, haben nur wenige Stunden Ausdauer. Der 'Greyshark' kann viel weiter fahren", sagte Beer der DW. Außerdem macht die Drohne hochauflösende Bilder und kann Objekte, die sie auf dem Meeresboden entdeckt, selbst identifizieren.

Die deutsche Marine und auch andere Nationen konnten sich beim NATO-Manöver REPMUS 25 im vergangenen September vor der Küste Portugals bereits ein Bild über die Fähigkeiten des "Greyshark" machen.

Author Carla Bleiker
Item URL https://www.dw.com/de/straße-von-hormus-so-gefährlich-sind-seeminen/a-76832163?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76833690_607.jpg
Image caption Unterwasser-Drohnen wie dieses Modell sind bereits bei der Erkennung von Seeminen im Einsatz - so müssen sich weniger Menschen in Gefahr begeben
Image source Euroatlas
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/jd/jd20230428_Seamines19e_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/76833690_607.jpg&title=Stra%C3%9Fe%20von%20Hormus%3A%20So%20gef%C3%A4hrlich%20sind%20Seeminen

Item 3
Id 77522812
Date 2026-06-15
Title Singapur: Sauberkeit als "sanfter Autoritarismus"?
Short title Singapur: Sauberkeit als "sanfter Autoritarismus"?
Teaser Strenge Regeln allein erklären Singapurs Sauberkeit nicht. Historische Kampagnen, gesellschaftliche Normen und ein starker Staat haben gemeinsam eine Kultur der öffentlichen Hygiene geschaffen.
Short teaser Strenge Regeln allein erklären Singapurs Sauberkeit nicht. Was steckt noch hinter der Kultur der öffentlichen Hygiene?
Full text

Dass sie untätig sei, braucht sich die Nationale Umweltbehörde Singapurs für das Jahr 2025 nicht vorwerfen lassen. Über 13.600 Male sei sie im Jahr 2025 gegen Umweltsünder vorgegangen, gibt die National Environment Agency (NEA) in einem Bericht bekannt. An einigen Brennpunkten habe sie rund 300 Schwerpunktkontrollen durchgeführt - mehr als doppelt so viele wie noch im Jahr 2024. Zudem habe sie über 700 Anordnungen zu gemeinnütziger Arbeit verhängt. Rund 350 Male sei sie gegen Personen vorgegangen, die Abfall aus Hochhäusern geworfen hätten.

Singapur gilt als eine der saubersten Städte weltweit. Doch der Kampf gegen den Schmutz ist auch dort nicht zu Ende. Das zeigte sich auch im Jahr 2024. Dieses hatte die Regierung zum "Jahr der öffentlichen Hygiene" ausgerufen. Im Mittelpunkt standen öffentliche Toiletten, die bei Umfragen regelmäßig schlecht abschnitten. Eine eigens eingesetzte Kommission legte zehn Empfehlungen vor - von besserem Design über professionelle Reinigung bis hin zu Kontrollen und Bürgerbeteiligung. Für Renovierungen und Grundreinigungen stellte die Regierung Fördermittel in Höhe von bis zu zehn Millionen Singapur-Dollar (knapp sieben Millionen Euro) bereit.

"Keep Singapore Clean"

Wer verstehen will, warum Sauberkeit in Singapur einen derart hohen Stellenwert besitzt, muss allerdings den Blick noch weiter öffnen. Für den Politikwissenschaftler Marco Bünte von der Universität Erlangen-Nürnberg gehört sie zu den auffälligsten Merkmalen des Stadtstaates. Im Vergleich zu anderen Städten Südostasiens funktionierten dort auch Verwaltung, öffentlicher Nahverkehr, Gesundheits- und Bildungssystem bemerkenswert effizient. Der Staat sei "außerordentlich effektiv darin, öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten", so Bünte im DW-Interview.

Diese Entwicklung sei eng mit der Geschichte des Landes verbunden. Nach der Unabhängigkeit 1965 habe die politische Führung unter Lee Kuan Yew eine klare Vorstellung davon entwickelt, wie das neue Singapur aussehen sollte: sauber, effizient und leistungsfähig. Die 1968 gestartete Kampagne "Keep Singapore Clean" war Ausdruck dieses Anspruchs. Sie zielte nicht nur darauf, Müll zu beseitigen, sondern sollte zugleich das Verhalten der Bevölkerung verändern.

Müll und Modernisierung

Andreas Klein, Leiter des Singapur-Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung, hält es allerdings für verkürzt, die Entwicklung ausschließlich als Ergebnis staatlicher Steuerung zu betrachten. Die Regierung habe zwar einen klaren Rahmen gesetzt. Viele Bürger betrachteten die entsprechenden Verhaltensweisen inzwischen jedoch als selbstverständlich, so Bünte im Gespräch mit der DW.

Die historische Dokumentation des National Library Board beschreibt "Keep Singapore Clean" als Teil eines umfassenden Modernisierungsprojekts. Parallel zur Müllbekämpfung wurden Kanalisationen ausgebaut, Gesundheitsgesetze verschärft und Krankheiten bekämpft. Sauberkeit galt dabei als Voraussetzung für Gesundheit, wirtschaftliche Entwicklung und nationalen Stolz.

Von Anfang an setzte die Regierung auf die Einbindung von Schulen, Unternehmen, Medien und Bürgerorganisationen. Neben Aufklärung und sozialem Druck kamen auch Strafen zum Einsatz. Das bekannteste Beispiel ist bis heute das Kaugummiverbot.

Erziehung und Strafen

Wie tief die Eingriffe in den Alltag reichten, zeigt das Beispiel der so genannten Hawker Centres. Die heute allgegenwärtigen Essenshallen gingen aus weitgehend unregulierten Straßenständen hervor. Durch Umsiedlung, Hygienevorschriften und regelmäßige Kontrollen verbesserten sich die hygienischen Bedingungen grundlegend. "Das verbesserte nicht nur die Sauberkeit, sondern auch die gesundheitliche Situation der Bevölkerung erheblich", sagt Klein.

Bünte sieht darin einen charakteristischen Zug des politischen Systems. "Dabei ging es nicht nur um die Reinigung des öffentlichen Raums, sondern auch um die Erziehung der Bevölkerung zu einem bestimmten Verhalten", sagt er. Verstöße seien durch empfindliche Strafen sanktioniert worden. Gleichzeitig verweist er darauf, dass dieselbe Logik auch in anderen Bereichen angewandt worden sei, etwa bei der Korruptionsbekämpfung. Das Modell habe sich als erfolgreich erwiesen, sei aber nicht frei von problematischen Seiten. "Ich spreche in diesem Zusammenhang häufig von einem "sanften Autoritarismus", sagt Bünte.

"Sanfter Autoritarismus"

Der Begriff findet sich auch in der wissenschaftlichen Literatur. In ihrer Analyse "Governing as Gardening" beschreiben die Politikwissenschaftler Kamaludeen Mohamed Nasir und Bryan Turner Singapur als klassischen Fall eines "soft authoritarianism". Die Legitimität dieses Systems beruhe weniger auf politischem Wettbewerb als auf wirtschaftlichem Erfolg, Sicherheit und Stabilität.

Eine Studie der Nanyang Technological University (NTU) kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Der Staat habe über Jahrzehnte hinweg versucht, gewünschte Verhaltensweisen durch Plakate, Comics und Kampagnen zu vermitteln. Humor erleichtere die Vermittlung gesellschaftlicher Normen und könne zugleich "die Macht des Staates verbergen", indem er Zustimmung erzeuge.

Bürger schätzen saubere Stadt

Auch Klein warnt davor, die Sauberkeit allein als Folge staatlicher Kontrolle zu verstehen. Die oft zitierte Bezeichnung Singapurs als "Fine City" greife zu kurz. Viele Menschen schätzten die Vorteile einer sauberen Stadt unmittelbar, zumal Hygiene gerade in den Tropen auch eine Frage der Gesundheit sei.

Dass der Staat weiterhin eingreift, zeigt die Gegenwart. Die jüngsten Programme zur Verbesserung öffentlicher Toiletten kombinieren staatliche Fördergelder, Schulungen, Qualitätsstandards, Bürgerbeteiligung und Kontrollen. Gleichzeitig wurden allein 2024 rund 1.300 Maßnahmen gegen Betreiber verhängt, die Hygienevorschriften nicht einhielten. Auch die NEA setzt weiterhin auf Überwachung, Bußgelder und gemeinnützige Arbeit für Wiederholungstäter.

So ist die Sauberkeit Singapurs weder Ergebnis staatlicher Repression noch allein Ausdruck bürgerschaftlicher Tugend. Entstanden ist sie aus dem Zusammenspiel von Infrastruktur, gesellschaftlichen Normen und staatlicher Durchsetzungskraft. Oder, wie Andreas Klein es formuliert: "Ich würde die Sauberkeit Singapurs als Ergebnis eines Zusammenspiels verschiedener Faktoren betrachten: staatliche Regulierung, Bildung, gesellschaftliche Normen, Gesundheitsvorsorge und ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl gegenüber dem Gemeinwesen."

Author Kersten Knipp
Item URL https://www.dw.com/de/singapur-sauberkeit-als-sanfter-autoritarismus/a-77522812?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77507090_607.jpg
Image caption Singapur: Fußgänger auf der Jubilee Bridge an der Marina Bay
Image source Roslan Rahman/AFP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/DWVG/DWVGDEU260520_DEU_Singapur_Biodiesel_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/77507090_607.jpg&title=Singapur%3A%20Sauberkeit%20als%20%22sanfter%20Autoritarismus%22%3F

Item 4
Id 77529906
Date 2026-06-14
Title Was tut Europa gegen wachsende Verluste durch Onlinebetrug?
Short title Wie Europa gegen den wachsenden Internetbetrug vorgehen will
Teaser Europäer verlieren Milliardensummen durch Betrug im Netz. Dahinter stecken häufig Betrugsfabriken in Südostasien, doch bislang unternimmt die EU wenig dagegen. Die USA sind bei der Bekämpfung schon weiter.
Short teaser Europäer verlieren Milliardensummen durch Onlinebetrug, doch bei der Bekämpfung hinkt die EU den USA hinterher.
Full text

Laut einer in dieser Woche veröffentlichten wegweisenden Studie zu Onlinebetrug in Europa waren 75 Prozent der Erwachsenen im vergangenen Jahr Ziel eines Betrugsversuchs. Obwohl 71 Prozent der Befragten sich zutrauten, Betrugsversuche zu erkennen, traten acht Prozent der Betroffenen mit den Betrügern in Kontakt. Unter den Eltern sagten 16 Prozent, dass ihre Kinder von Betrügern kontaktiert worden seien.

In den europäischen Ländern, die in der Studie untersucht wurden, wurden in den vergangenen zwölf Monaten Verluste von etwa 50 Milliarden Euro (57,7 Milliarden US-Dollar) verzeichnet, so die Studie der Global Anti-Scam Alliance (GASA), einer gemeinnützigen Organisation, für die rund 22.000 Menschen in 15 europäischen Ländern befragt wurden.

Von den Teilnehmenden, die mit einem Betrugsversuch konfrontiert waren, erlitten 22 Prozent einen finanziellen Schaden oder Datenverlust, nur 39 Prozent davon meldeten den Vorfall jedoch den Behörden. Die finanziellen Verluste beliefen sich im Schnitt auf 2369 Euro (2735 US-Dollar), wobei die höchsten durchschnittlichen Verluste in der Schweiz, Dänemark und Belgien verzeichnet wurden. Für Deutschland schätzt GASA die Verluste in den vergangenen zwölf Monaten auf etwa 10,6 Milliarden Euro.

Etwa 35 Prozent der Befragten, die ihren Verlust meldeten, erhielten von der Organisation, bei der sie diesen gemeldet hatten, ihr Geld zurückerstattet.

"Betrugsversuche werden meist durch gewohnheitsmäßiges Handeln, wie das Ignorieren unaufgefordert eingehender E-Mails, vereitelt, nicht durch gezielte Maßnahmen", heißt es im GASA-Bericht.

"Der Hälfte der Opfer wird erst nach einem Eingreifen von außen oder nachdem sie Geld verloren haben, bewusst, dass sie betrogen wurden", heißt es weiter.

Die Betrugsfabriken Südostasiens

Der GASA-Bericht enthält keine Angaben dazu, wie viele europäische Opfer von Südostasien aus kontaktiert werden - der Region, die in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Knotenpunkt für Internetbetrug geworden ist.

Im Jahr 2024 schätzte das United States Institute of Peace den Wert der Onlinebetrugsbranche in Kambodscha auf nahezu 11 Milliarden Euro (12,7 Milliarden US-Dollar) pro Jahr, etwa die Hälfte des offiziellen BIPs des Landes. Zusammen mit Betrugsfabriken in Myanmar und Laos könnten diese Verbrechersyndikate über 37,9 Milliarden Euro erwirtschaften.

Im April 2025 ging das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) davon aus, dass die großangelegten Betrugsfabriken jährlich nahezu 34 Milliarden Euro Gewinn erzielen.

Die Betrugsindustrie war nicht der einzige Faktor in der tödlichen Grenzkrise zwischen Thailand und Kambodscha, die 2025 ausbrach. Dennoch hat Bangkok die Betrugsfabriken hinter der Grenze wiederholt als Bedrohung für die nationale Sicherheit eingestuft. Auch die Behörden in Thailand begründen Grenzkontrollen und Unterbrechungen von Versorgungswegen mit dem Ziel, illegale Betrugsfabriken in Kambodscha zu zerschlagen.

Viele der Onlinebetrugsnetzwerke in der Region scheinen von kriminellen chinesischen Banden geführt zu werden, doch angesichts der steigenden Summen, um die auch chinesische Staatsbürger betrogen werden, hat die Bekämpfung dieser Netzwerke mittlerweile auch für Peking Priorität.

In Myanmar übt China erheblichen Druck auf die verschiedenen Akteure im Bürgerkrieg aus, gegen die Betrugsfabriken vorzugehen. Analysten warnen jedoch, dass Razzien die Netzwerke oft lediglich vertreiben, sie aber nicht zerschlagen.

Außerdem übt Peking Druck auf Kambodscha aus, in China geborene Betrüger, darunter auch Chen Zi, auszuliefern, um sie in China vor Gericht zu stellen.

Europa hinkt den USA hinterher

Washington hat bereits deutlich mehr Schritte zur Bekämpfung des Problems unternommen als Brüssel. Im vergangenen Oktober verhängte das US-Finanzministerium gemeinsam mit Großbritannien Sanktionen gegen 146 Personen und Organisationen mit Verbindungen zur in Kambodscha ansässigen Prince Group, einem der größten Mischkonzerne des Landes, der von Washington als grenzübergreifende kriminelle Vereinigung eingestuft wird.

Im selben Monat klagte das US-Justizministerium Chen Zhi, den Vorsitzenden der Prince Group und früheren Berater des kambodschanischen Premierministers, wegen des mutmaßlichen Einsatzes von Zwangsarbeitenden in den Betrugsfabriken an, und stellte eigenen Angaben zufolge den bislang größten Antrag auf Beschlagnahme, bei dem es um Bitcoin im Wert von rund 15 Milliarden US-Dollar geht.

Desweiteren ergriff Washington Maßnahmen gegen die in Kambodscha ansässige Huione Group, einen weiteren großen Mischkonzern, und verhängte Sanktionen gegen Senatoren und Industriemagnate, die der herrschenden Hun-Familie nahe stehen.

Die EU dagegen hat bislang erst einmal wegen Onlinebetrugs Sanktionen gegen südostasiatische Unternehmen verhängt. Im Oktober 2024 tat der Rat der EU dies gegen drei mit der Thit Linn Myaing Group in Myanmar in Verbindung stehende Einzelpersonen.

"Im Vergleich mit den USA, China und dem Vereinigten Königreich engagiert sich die EU weniger sichtbar im Kampf gegen das Betrugsökosystem in Südostasien", sagte Brian D. Hanley, Leiter der Abteilung Asia-Pacific bei GASA zur DW. "Leider werden diese Netzwerke als regionales Problem betrachtet, nicht als Problem für die globale Sicherheit."

"Ein weiteres Problem ist die Fragmentierung. Kompetenzen sind über verschiedene EU-Institutionen und Mitgliedländer verteilt", bedauert er. "Doch die Folgen für Europas Bürger sind real und werden größer. Der aktuelle Umgang damit wird dem Ausmaß der Bedrohung nicht gerecht."

Packt Brüssel das Problem an?

Am 21. April organisierte die EU gemeinsam mit Thailand und den ASEAN-Staaten das ASEAN Regional Seminar on Online Scams Fighting, ein Seminar zur Bekämpfung von Onlinebetrug, in Bangkok, an dem Vertreter von Strafverfolgungsbehörden, Regulierungsbehörden, Finanzbehörden, zivilgesellschaftlichen Gruppen und internationalen Organisationen teilnahmen.

"Betrugsmaschen im Internet entwickeln sich schnell. Doch unsere Zusammenarbeit kann sich schneller entwickeln", wurde Luisa Ragher, EU-Botschafterin in Thailand, nach der Veranstaltung zitiert.

In einer gemeinsamen Erklärung nach dem 25. ASEAN-EU-Ministertreffen in Brunei einige Tage später wurde wiederholt auf Onlinebetrug und Betrugszentren in Südostasien Bezug genommen. "Wir wissen, wie wichtig es ist, die Zusammenarbeit bei neuen Sicherheitsherausforderungen wie Cyberbedrohungen, Onlinebetrug und damit verbundenen Straftaten ebenso wie bei der Bekämpfung von Desinformationen und Falschinformationen zu vertiefen", heißt es in der Erklärung.

Im März sagte Magnus Brunner, EU-Kommissar für Inneres und Migration, auf dem Global Fraud Summit 2026 in Wien, die Europäische Kommission wolle vor dem Sommer 2026 einen EU-Aktionsplan zur Bekämpfung von Digitalbetrug vorlegen.

Für viele Beobachter ist dies ein Hinweis darauf, dass Brüssel beginnt, Onlinebetrug nicht länger nur als Verbrauchertäuschung einzustufen, sondern als organisiertes Verbrechen und Menschenhandel.

Ein Grund dafür, warum europäische Länder sich nicht so aktiv bei der Bekämpfung des Onlinebetrugsproblems in Südostasien beteiligen, könnte sein, dass Informationen über europäische Opfer fehlen, meint Jason Tower, leitender Experte bei der Global Initiative Against Transnational Organized Crime, gegenüber der DW.

"Länder wie Deutschland und Frankreich beginnen zunehmend Ressourcen in die Aufklärung der Öffentlichkeit zu stecken", sagt Tower. "Es gibt jedoch eine große Lücke, denn die EU hat noch nicht damit begonnen, die verschiedenen zur Verfügung stehenden Instrumente wie Sanktionen und strenge Regulierungsmaßnahmen gegen Fintech- und Social-Media-Unternehmen, die von Kriminellen zu Betrugszwecken genutzt werden, einzusetzen."

Der Bericht von GASA könnte dabei helfen. Für Tower muss der nächste Schritt darin bestehen, die Sensibilisierung der Öffentlichkeit mit härteren Maßnahmen zu verbinden: mehr Daten zu Opfern, größerer Druck auf Plattformen und Zahlungssysteme sowie besser koordinierte nationale Maßnahmen in ganz Europa.

Die Erfahrungen anderer Länder, die Ziel von Betrugsmaschen sind, zeigten, dass es immer wichtiger werde, dass diese Maßnahmen auf nationaler Ebene Fahrt aufnehmen, betont Tower.

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

Author David Hutt
Item URL https://www.dw.com/de/was-tut-europa-gegen-wachsende-verluste-durch-onlinebetrug/a-77529906?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77317742_607.jpg
Image caption Bislang unternimmt die EU zu wenig gegen den Online-Betrug, so Kritiker ( Symbolbild)
Image source Kacper Pempel/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/repod/repod20260411_GesamtHd_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/77317742_607.jpg&title=Was%20tut%20Europa%20gegen%20wachsende%20Verluste%20durch%20Onlinebetrug%3F

Item 5
Id 77545469
Date 2026-06-14
Title Bachfest in Leipzig: Mut zum Dialog
Short title Bachfest in Leipzig: Mut zum Dialog
Teaser Miteinander reden, diskutieren und zuhören ist eine Kunst, die angesichts der weltweiten Konflikte gelernt sein will. Warum Johann Sebastian Bachs Musik dafür ein Vorbild sein kann, zeigt das Leipziger Bachfest.
Short teaser Miteinander zu kommunizieren ist nicht leicht in Krisenzeiten. Bachs Musik kann da ein Vorbild sein.
Full text

Von der Musik Johann Sebastin Bachs den Dialog lernen? Für Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig und Präsident des Europäischen Städtetags, wäre das eine Idealvorstellung. In seiner Ansprache zur Eröffnung des Leipziger Bachfests 2026 sprach er von der schnelllebigen Zeit, in der vieles gleichzeitig geschehe. "Die Welt ist voller Stimmen, die aber nicht wirklich miteinander reden", betonte Jung.

Bachs Musik ist polyphon, das heißt, verschiedene Stimmen haben eigene Melodien, die gleichberechtigt erklingen. Mal wechseln sie sich ab in einer Art Frage-Antwort-Spiel, mal folgen sie in Abständen einander - wie in einer Fuge - oder sie gehen ihre eigenen melodischen Wege, um dann am Ende wieder zusammenzufinden. "An Bachs Werken kann man sehen, wie Stimmen miteinander umgehen sollten", betonte Jung und äußerte die Hoffnung, dass Bachs Melodieführung ein Vorbild sein könnte für politische Debatten und Auseinandersetzungen.

Ein Dialog der Generationen

Traditionell wird das Leipziger Bachfest mit dem Thomanerchor und dem Gewandhausorchester in der Leipziger Thomaskirche unter der Leitung von Andreas Reize eröffnet. Zum Motto "Im Dialog" hatte Thomaskantor Reize eine außergewöhnliche Marienvesper zusammengestellt. Bei Marienfesten ist die Marienvesper das liturgische abendliche Stundengebet mit einer bestimmten Abfolge von Hymnen und Psalmen.

Diese Hymnen und Psalmen aus der Bibel haben viele Komponisten zu eigenen Werken inspiriert. Am bekanntesten ist die Marienvesper von Claudio Monteverdi (1567-1643). Daraus waren einige Teile im Eröffnungskonzert zu hören. "Ich habe dann gesucht, welcher Komponist der neueren Generation einen Psalm vertont hat, der zur Marienvesper passt", erläuterte Andreas Reize.

Die Wahl fiel unter anderen auf die Motette "Let him kiss me" des Schweden Jan Sandström und auf den litauischen Komponisten Vytautas Miškinis. Sein "Laudate pueri, Dominum" haben die Jungen des Thomanerchores besonders einfühlsam mit zarten schwebenden Stimmen vorgetragen. "Das ist bewusst ein Dialog mit einer ganz andere Klangsprache der heutigen Zeit, eine Klangmalerei des 21. Jahrhunderts", sagte Reize im Gespräch mit der DW. Das Publikum war begeistert.

Dialog der Interpreten und Instrumente

Einer der Schwerpunkte des Bachfestes, das regelmäßig über 70.000 Besucher nach Leipzig lockt, ist in diesem Jahr das Jubiläum "300 Jahre Bach Clavier-Übungen". Diese Übungen schrieb Johann Sebastian Bach 1726 für musikbegeisterte Kenner, für "Liebhaber der Music, zu Gemüths-Ergötzung".

Sir András Schiff und Mahan Esfahani widmen sich dem Zyklus in mehreren Konzerten. Den Beginn machte der ungarische Star-Pianist Schiff. Wie nicht anders zu erwarten, spielte er meisterhaft konzentriert und präzise Bachs Partiten - eine Abfolge von stilisierten Tänzen - auf modernen Klavierflügeln. Der iranisch-amerikanische Cembalist Mahan Esfahani interpretierte Bachs Partiten I im Nachtkonzert auf dem Cembalo in ganz anderer, aber hoch durchdachter Art und Weise.

Bach mit anderen Ohren hören

Esfahani ist Artist in Residence des Bachfests und gibt insgesamt sieben Konzerte mit Bachs Musik, aber auch mit zeitgenössischem Repertoire. Und das auf einem Instrument, das viele Menschen in die Barockzeit verorten. "Alle Leute sagen, das Cembalo ist doch nur für alte Musik, aber das stimmt nicht. Das Cembalo ist so vielseitig, man kann alles darauf spielen", sagte er im DW-Interview. Johann Sebastian Bachs Werk steht für ihn allerdings im Mittelpunkt. Derzeit spielt er sämtliche Klavierwerke von Bach beim Label Hyperion für Cembalo und Clavichord ein.

Durch besondere Akzente und Pauseneffekte beim Spiel hauchte Esfahani den Partiten von Johann Sebastian Bach im Konzert neues Leben ein und zauberte dem Publikum immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Über den Wechsel der hohen und tiefen Register hat er kleine Frage-Antwort-Spiel eingebaut. "Was mich an ihm sehr fasziniert, ist, dass er wirklich tief in die Werke hineinblickt und sich ganz intensiv mit den Stücken, der Entstehung und der Struktur auseinandersetzt", sagt Bachfest-Intendant Michael Maul.

Die Deutsche Welle hat das Konzert als Medienpartnerin des Bachfestes mitgeschnitten. Es wird in absehbarer Zeit auf dem Youtube Kanal DW Classical Music zu hören sein.

Author Gaby Reucher
Item URL https://www.dw.com/de/bachfest-in-leipzig-mut-zum-dialog/a-77545469?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77516831_607.jpg
Image caption Eröffnung des Leipziger Bachfests mit dem Thomanerchor und dem Gewandhausorchester
Image source Jens Schlüter Photography
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/Events/mp4/vdt_de/2022/bdeu220602_001_bach2deu_02v_sd.mp4&image=https://static.dw.com/image/77516831_607.jpg&title=Bachfest%20in%20Leipzig%3A%20Mut%20zum%20Dialog

Item 6
Id 77525220
Date 2026-06-14
Title Wie die Bewohner der Krim auf die Benzinkrise reagieren
Short title Wie die Bewohner der Krim auf die Benzinkrise reagieren
Teaser Auf der Halbinsel Krim gibt es Versorgungsengpässe. Der Grund sind ukrainische Angriffe auf die Verkehrsinfrastruktur in den von Russland besetzten Gebieten. Was sagen Bewohner, Touristen und Experten zur Lage?
Short teaser Auf der Halbinsel Krim gibt es Versorgungsengpässe. Was sagen Bewohner, Touristen und Experten zur Lage?
Full text

Regelmäßige Angriffe auf die Verkehrsinfrastruktur in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine beeinträchtigen die Versorgungswege auf die annektierte Krim erheblich. Jüngst griff die ukrainische Armee Brücken zur Krim im russisch besetzten Teil der Region Cherson an. Russische Spediteure lehnen inzwischen aufgrund der Sicherheitsrisiken ab, in Richtung Krim zu fahren. Dies hat zu Treibstoffknappheit auf der Halbinsel geführt. Schon seit Ende Mai werden vorrangig der öffentliche Nahverkehr und die städtischen Verkehrsbetriebe mit Benzin versorgt.

Lange Wartezeiten an den Tankstellen

Um in Sewastopol an Tankstellen der Ketten TES und Atan Benzin zu bekommen, braucht man seit Anfang Juni einen QR-Code. Er berechtigt zum Kauf von bis zu 20 Litern Kraftstoff. Diesen Code kann man über einen speziellen Bot in der russischen Messaging-App Max erhalten - allerdings höchstens einmal pro Woche. Auch in anderen Teilen der annektierten Krim gelten derzeit Beschränkungen beim Verkauf von Benzin an Privatkunden.

Diese Maßnahme sorgt bei den Bewohnern der Krim für Unmut. Eine Frau kritisiert in einer Videobotschaft, dass neue QR-Codes erst spät abends verfügbar seien . "Warum muss ich bis nach der Arbeit warten? Manche Leute versuchen stundenlang, einen Code zu bekommen, und erst dann können sie tanken." Sie beklagt, dass sie aufgrund der Treibstoffknappheit gezwungen sei, zu Fuß zur Arbeit zu gehen, und dass der öffentliche Nahverkehr bei Luftalarm oft nicht fahre. Sie habe bereits ihre Sachen gepackt und plane, mit ihren Kindern die Krim zu verlassen, um auf dem Festland die schlimmste Phase der Krise abzuwarten.

Laut DW-Quellen auf der Krim ist die aktuelle Lage beispiellos. "Man muss jetzt sechs bis acht, manchmal sogar zehn Stunden an einer Tankstelle anstehen", sagt ein Bewohner von Simferopol. Zudem mache sich die Befürchtung breit, die Treibstoffknappheit könnte zu Problemen mit der Lebensmittelversorgung führen. In den ersten Tagen nach Einführung der Beschränkungen gab es Berichte in den sozialen Medien über leere Supermarktregale, doch die Anwohner führen dies hauptsächlich auf Panik- und Hamsterkäufe zurück. "Jetzt ist alles wieder normal", heißt es in Online-Foren.

Verkauf von Treibstoff auf dem Schwarzmarkt

Die Menschen auf der Krim haben unterdessen Gruppen in sozialen Medien eingerichtet, um Informationen über geöffnete Tankstellen und die Verfügbarkeit von Benzin auszutauschen. Die DW entdeckte zwei solcher Gruppen: einen Telegram-Chat mit rund 30.000 Mitgliedern und eine VKontakte-Gruppe mit etwa 7000 Nutzern. Die Diskussionen in diesen Gruppen drehen sich hauptsächlich darum, wo man tanken kann, wie lange die Wartezeiten sind und ob Benzin überhaupt vorhanden ist. Politische Themen werden kaum angesprochen, und Kritik an der regionalen Führung findet selten statt.

Bis vor kurzem wurden in diesen Gruppen regelmäßig Anzeigen über den Verkauf von Kraftstoff und Gutscheinen veröffentlicht - in den letzten Tagen ist ihre Zahl jedoch merklich zurückgegangen. Ein Mitglied des Telegram-Chats, das zuvor Benzin angeboten hatte, berichtet, dass es einer Gruppe von Fahrern gelungen sei, etwa eine Tonne Kraftstoff auf die Halbinsel zu bringen. Sie hatten das Benzin, noch bevor sie die Krimbrücke vom russischen Festland aus überquerten, auf mehrere Fahrzeuge aufgeteilt. Derzeit gilt die Bestimmung, dass maximal 100 Liter Benzin pro Fahrzeug für den Transport über die Brücke erlaubt sind.

Auf dem Schwarzmarkt wird der Kraftstoff laut DW-Quellen zum Zwei- bis Dreifachen des offiziellen Preises verkauft. Die Menschen tauschen in den Chats auch Informationen über Tankstellen aus, an denen Benzin angeblich noch gegen Bargeld erhältlich ist. "Es gibt Tankstellen, die Bargeld akzeptieren, aber sie sind rar gesät", so ein Chat-Teilnehmer.

Wie reagieren Touristen auf den Treibstoffmangel?

Aufgrund der Treibstoffengpässe sind die Buchungen von Touristen auf der Halbinsel um 30 bis 50 Prozent zurückgegangen, schreibt die Zeitung Kommersant unter Berufung auf Daten des Hotelbuchungssystems Travelline. Laut dem Bericht weichen Urlauber auf andere Reiseziele an der russischen Schwarzmeerküste aus. Auch neue Einschränkungen im Bahnverkehr erschweren die Lage. So verkehren Fernzüge nachts nicht mehr auf der Krim.

Touristen berichteten der DW über Schwierigkeiten - sowohl was die Fortbewegung auf der Halbinsel als auch die Abreise angeht. "Wir stehen vor einer Tankstelle im Stau. Uns reicht der Sprit nicht, um die Halbinsel zu verlassen. Wir haben drei Kinder im Auto und sind mit den Nerven am Ende", sagt eine Urlauberin. Für Touristen, die mit dem Auto unterwegs sind, gibt es zwar eigene Tankgutscheine, die aber nur an bestimmten Tankstellen gültig sind.

Wie ist die Stimmung der Menschen auf der Krim?

Die von der DW befragten Bewohner der Krim äußerten sich zurückhaltend zu politischen Themen. Einer der Befragten vermied es im Gespräch über die Drohnenangriffe, die Ukraine zu erwähnen, und sprach lediglich von "der anderen Seite". Auf die Frage nach der Zukunft der Halbinsel antwortete er kurz: "Die Zeit wird zeigen, was weiter geschieht."

Es ist schwierig, die tatsächliche Stimmung auf der Krim einzuschätzen. Laut einer Studie der Krim-Niederlassung des Föderalen Forschungszentrum für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften aus dem Jahr 2024 bewertete ein signifikanter Anteil der Befragten die soziale und politische Lage in der Region positiv und brachte Vertrauen in die russischen Behörden zum Ausdruck. Die Forscher schätzten die sozialen Spannungen als relativ gering ein. Zugleich wurden in den Umfragen auch Sorgen hinsichtlich der nahen Kampfhandlungen und einer Reihe ungelöster sozialer Probleme deutlich.

Eine unabhängige Studie zur öffentlichen Meinung auf der Krim konnte die DW nicht finden. Die Soziologin Anna Kuleschowa erklärt dies damit, dass die Halbinsel für die meisten unabhängigen Forscher zu einem "weißen Fleck" geworden sei - weil die Befragten sich selbst zensieren und das Forschungsgebiet schwer zugänglich ist. "Um die Leute dazu zu bringen, mit einem zu reden, braucht man Vertrauen, aber in einer Situation, in der jeder jedem misstraut, ist das schwer zu erreichen", sagt sie. Außerdem sei es für unabhängige Forscher schwierig, außerhalb Russlands Geld für solche Studien zu finden und sie technisch zu organisieren, ohne die Befragten zu gefährden, fügt Kuleschowa hinzu.

Wird es zu einer Wende kommen?

Eine kritische Stimmungslage in der Gesellschaft hätte kaum Einfluss auf die politischen Tendenzen in Russland, meint der Politikwissenschaftler Dmitrij Oreschkin. Viel wichtiger sei die Stimmung innerhalb der russischen Eliten. "Für Wladimir Putin wird die Katastrophe dann beginnen, wenn irgendein Teil der Eliten erkennt, dass sie in diesem Krieg weit mehr zu verlieren als zu gewinnen haben", sagt der Experte im DW-Gespräch. Erst dann könnte es laut Oreshkin zu einer Wende kommen.

Oreschkin zufolge wird die Zunahme ukrainischer Angriffe die russische Wirtschaft, die Demografie und die Fähigkeit der russischen Behörden, die Kontrolle über die eroberten ukrainischen Gebiete aufrechtzuerhalten, mehr und mehr beeinträchtigen.

Der Experte schließt auch nicht aus, dass der Kreml bei einer weiteren Verschlechterung der Lage zu einer aggressiveren nuklearen Rhetorik greifen könnte. Seiner Meinung nach sind die russischen Eliten derzeit aber nicht zu einer offenen Konfrontation mit dem Präsidenten bereit und betrachten solche Drohungen primär als Mittel, um Druck auf den Westen auszuüben. "Wenn ihnen klar wird, dass sie entweder ihn absetzen oder er sie absetzt, dann wird es zu einer Krise kommen", so Oreschkin.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

Author Evgeniy Dyuk
Item URL https://www.dw.com/de/wie-die-bewohner-der-krim-auf-die-benzinkrise-reagieren/a-77525220?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77502727_607.jpg
Image caption Warteschlange vor einer Tankstelle in Saki Anfang Juni
Image source Alexey Pavlishak/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77502727_607.jpg&title=Wie%20die%20Bewohner%20der%20Krim%20auf%20die%20Benzinkrise%20reagieren

Item 7
Id 77505881
Date 2026-06-13
Title Kenia: Geldnöte bei Angeboten für LGBTQ-Personen
Short title Kenia: LGBTQ-Anlaufstellen unter finanziellem Druck
Teaser Die drastischen Kürzungen bei USAID und anderen internationalen Partnern bringen auch die queere Szene in Kenia in Bedrängnis: Organisationen mussten Personal entlassen und Programme streichen. Doch sie wollen kämpfen.
Short teaser Die drastischen Kürzungen bei USAID und anderen Geldgebern bringen auch die queere Szene in Kenia in Bedrängnis.
Full text

Der Juni ist weltweit Pride-Month - doch statt Ausgelassenheit durchleben die LGBTQ+-Organisationen in Kenia eine regelrechte Krise. Viele Organisationen, die für lesbische, schwule, bi-, transsexuelle sowie queere Menschen einstehen, hatten sich auf die Finanzmittel der US-Regierung zur Unterstützung ihrer Arbeit verlassen. Aber die Kürzung dieser Gelder hat starke Auswirkungen.

Die Organisation HOYMAS, die Personen mit HIV/Aids oder anderen sexuell übertragbaren Krankheiten hilft, betreibt drei Einrichtungen in Nairobi, Kajiado im Rift Valley und Nyeri in Zentralkenia, sagt ihr Direktor John Mathenge zur DW.

Diese Zentren betreuen LGBTQ+-Personen und besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen. Darunter Männer, die Sex mit Männern haben, Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, Menschen, die Drogen injizieren, sowie Transgender-Personen. "Pride bedeutet uns allen als LGBTI-Personen in Kenia und weltweit sehr viel, und der Pride-Monat ist ein Monat, in dem wir immer stolz auf uns sein sollten. Aber bisher sind wir es nicht - wegen der Mittelkürzungen durch USAID", sagte Mathenge.

"Man kann sich vorstellen, dass wir in Nairobi fast 25 Mitarbeiter und 110 Freiwillige hatten und wir sie alle entlassen mussten", sagte er. Mathenge schätzt, HOYMAS hat mehr als die Hälfte seiner Mittel verloren. "Wir arbeiten derzeit, mit einem kleinen Budget. Ich glaube, es fehlen fast 60 Prozent der Mittel, die wir früher von verschiedenen Partnern erhalten haben", sagte er.

Überhaupt noch Dienste aufrecht zu erhalten, habe schon schwierige Kompromisse erfordert, so Mathenge. Er betonte jedoch, dass die begrenzte Unterstützung durch die kenianische Sozial- und Gesundheitsbehörde geholfen habe. "Mit dem wenigen Geld, das wir für die medizinische Grundversorgung erhalten, bezahlen wir unsere medizinischen Fachkräfte, drei Freiwillige, und stellen sicher, dass wir von diesem winzigen Betrag auch noch Medikamente beschaffen können", sagte Mathenge.

Dennoch wurden die Sozialarbeit, die Schulung von Gesundheitspersonal, die Meldung von Gewaltfällen und die Programme mit Peer-Educators stark eingeschränkt. "Es hat mich tatsächlich psychisch belastet zu sehen, dass die Gemeinden und die ehrenamtlichen Peer-Educators nicht einmal mehr Zugang zu den wenigen Mitteln haben, die sie früher erhielten; einige unserer Mitarbeiter sind jetzt auf der Straße", sagte er.

Kliniken weiterhin geöffnet

Im Gegensatz zu einigen Gruppen, die ihren Betrieb einschränkten oder ganz einstellten, will HOYMAS weitermachen. "Die Einrichtungen sind weiterhin geöffnet. Wir versuchen, unsere Ressourcen durch private Spenden in Kenia zu mobilisieren. So wollen wir sicherzustellen, dass unsere Gemeinschaft Zugang zu Dienstleistungen hat", fügte Mathenge hinzu.

Für Kevin, einen Studenten in Nairobi, waren die Auswirkungen unmittelbar spürbar. "Früher war ich auf gemeinnützige Organisationen angewiesen, um Beratungsgespräche, Gesundheitsinformationen und sogar Kondome zu erhalten. Seit die Kürzungen der Gelder einige Programme beeinträchtigen, sind diese Dienste seltener geworden und manchmal schwerer zugänglich", sagte er gegenüber der DW. Dennoch betont er die Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaft.

"Die Leute sehen die geringeren Mittel und gehen davon aus, dass alles zum Stillstand kommt. Das ist nicht der Fall. "Wir verlieben uns immer noch, gehen zur Arbeit, zahlen Miete und kümmern uns um unsere Partner. Wir sind immer noch da, immer noch queer und immer noch auf dem Weg nach vorne", sagt Kevin. "Wenn überhaupt, dann haben wir gelernt, dass Resilienz nichts ist, was uns Geldgeber geben; es ist etwas, das wir schon immer hatten."

"Viele Menschen gehen davon aus, dass man einfach in jedes Krankenhaus gehen kann, aber das entspricht nicht immer der Realität. Manche Menschen fürchten Diskriminierung oder Vorurteile, wenn sie sich in Behandlung begeben, weshalb die Unterstützung durch die Gemeinschaft so wichtig ist", sagt Sharon.

Ihre Sichtweise hebt auch die Normalität von LGBTQ+-Personen hervor. "Ich habe eine Freundin, und letztendlich sieht unsere Beziehung viel weniger dramatisch aus, als sich die Leute vorstellen. Wir streiten uns über Geld, beschweren uns über die Arbeit, entscheiden, was wir zu Abend essen und machen uns Sorgen um die Zukunft wie jedes andere Paar auch."

„Das Komische daran ist, dass manche Leute empört darüber sind, dass ich eine andere Frau liebe, aber kein Problem damit haben, dass mir Leistungen verweigert werden, die mir helfen, gesund zu bleiben und informiert zu sein. Das habe ich nie verstanden."

Auf der Suche nach Lösungen

Mathenge warnt davor, dass sich die Versorgungslücken vergrößern, insbesondere bei der HIV-Prävention. "Ich setze mich intensiv bei der Regierung dafür ein, dass ich die wenigen Medikamente ausleihen kann, die sie in staatlichen Einrichtungen vorrätig haben. Somit können unsere Kliniken den Betrieb aufnehmen und aufrechterhalten", sagte er.

Die Krise hat auch Forderungen nach neuen Finanzierungsmodellen laut werden lassen. Förderprogramme für Unternehmen sein zurückgegangen, sagt Mercy, eine Unternehmerin aus Nairobi zur DW. "Für Menschen, die versuchen, finanziell unabhängig zu werden, haben diese Programme einen Unterschied gemacht."

"Ich musste mich mehr auf soziale Medien und Mund-Propaganda verlassen, um mein Unternehmen auszubauen. Gleichzeitig denke ich, dass dies eine Chance für Organisationen ist, sich stärker auf Projekte zur wirtschaftlichen Stärkung zu konzentrieren. So können wir den Menschen helfen, ihr eigenes Einkommen zu generieren, anstatt sich vollständig auf von Spendern finanzierte Programme zu verlassen."

Mathenge stimmt dem zu. "Ich werde mich dafür einsetzen und den Spendern, die die Gemeinschaft unterstützen wollen, sagen: Bitte finanziert von der Gemeinschaft geführte Organisationen. Die Gemeinschaft macht den Unterschied", sagte er.

"Wir finanzieren einkommensschaffende Aktivitäten der Gemeinschaft. Damit können wir - selbst wenn wir morgen keine Mittel mehr haben - noch Geld verdienen." Er bemüht sich zudem um Unterstützung über die traditionellen US-Spender hinaus. "Wir wenden uns auch an andere Partner in verschiedenen Ländern, in denen sich Menschen für Menschenrechte einsetzen, wie in Europa und in anderen Ländern, wo man weiß, dass wir Menschen sind und nicht im Stich gelassen werden dürfen. Sie wissen ja: Niemanden zurücklassen", sagte er.

Monate nach dem Verlust des Großteils ihrer Finanzierung bleiben Organisationen wie HOYMAS weiterhin aktiv. Die Fördermittel mögen geschrumpft sein, doch Kenias LGBTQ+-Gemeinschaft ist entschlossen, weiter durchzuhalten.

Dieser Text wurde aus dem Englischen adaptiert.

Author Andrew Wasike
Item URL https://www.dw.com/de/kenia-geldnöte-bei-angeboten-für-lgbtq-personen/a-77505881?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/65229750_607.jpg
Image caption Die LGBTQ+-Gemeinschaft in Kenia hat Schwierigkeiten, Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen - die Kürzung der US-Hilfsgelder hat drastische Auswirkungen
Image source Ben Curtis/AP Photo/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/newsdeu/NEWSDEU20260327_DHomophobieNN_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/65229750_607.jpg&title=Kenia%3A%20Geldn%C3%B6te%20bei%20Angeboten%20f%C3%BCr%20LGBTQ-Personen

Item 8
Id 77519548
Date 2026-06-13
Title Verfassungsreform im Kongo: Dritte Amtszeit für Präsident Tshisekedi?
Short title Verfassungsreform im Kongo: Dritte Amtszeit für Tshisekedi?
Teaser Im Kongo ist ein Gesetzentwurf für ein Referendum verabschiedet worden. Demnach könnte es vor den Wahlen 2028 zu einer Verfassungsreform kommen. Die Opposition befürchtet einen „verfassungsrechtlichen Staatsstreich."
Short teaser Die Opposition warnt vor einem „verfassungsrechtlichen Staatsstreich“ und Vorstoß zur dritten Amtszeit des Präsidenten.
Full text

Im Osten der Demokratischen Republik Kongo hält die Ebola-Epidemie an und die Sicherheitslage ist weiterhin fragil. Die Region ist von anhaltenden Kämpfen zwischen Rebellen und der Regierungsarmee gezeichnet.

Gleichzeitig konzentriert sich jedoch die politische Elite auf eine mögliche Verfassungsreform - das sorgt für politische Spannungen im Land. Am 9. Juni verabschiedete der Nationalrat einen Gesetzentwurf zur Durchführung von Referenden. Die Abstimmung fand ohne die Abgeordneten der Opposition statt, die das Parlament seit Wochen aus Protest gegen die Initiative boykottieren.

Denn sie sehen darin einen Auftakt für eine mögliche Verfassungsänderung, um eine dritte Amtszeit für den Präsidenten zu sichern. Die zweite und verfassungsgemäß letzte Amtszeit von Präsident Félix Tshisekedi läuft 2028 aus - der 62-Jährige ist seit 2019 an der Macht.

Tshisekedi hat sich offen für ein Szenario gezeigt, das durch eine Verfassungsänderung und eine Verschiebung der Wahlen zu einer dritten Amtszeit führen könnte. "Ich habe nicht um eine dritte Amtszeit gebeten, aber ich sage Ihnen Folgendes: Wenn das Volk will, dass ich eine dritte Amtszeit erhalte, werde ich das akzeptieren", sagte er Anfang Mai in Kinshasa. Seine Partei "Union für Demokratie und sozialen Fortschritt (UDPS)" hat bereits eine öffentliche Kampagne zugunsten der Verfassungsreform gestartet.

Dies ist nicht sein erster Vorstoß für eine Gesetzesänderung. Schon 2024 bezeichnete Tshisekedi die Verfassung als "Verfassung der Ausländer" und kündigte Pläne für eine nationale Expertenkommission zur Überprüfung der Konstitution an. Die aktuelle Verfassung von 2006 wurde im Rahmen eines Friedensprozesses, des inter-kongolesischen Dialogs, 2002 und 2003 in Südafrika ausgehandelt.

Politische Beobachter sehen hinter dem Reformvorstoß tieferliegendere Motive. "Wenn der Präsident Argumente für eine Verfassungsänderung vorbringt, ist das Ziel nicht die Änderung, sondern sie zu ersetzen", erklärte Professor Bob Kabamba von der Universität Lüttich der DW.

Opposition kritisiert "Vorstoß zur dritten Amtszeit"

Oppositionsführer Moise Katumbi, der bei den Präsidentschaftswahlen 2023 den zweiten Platz belegte und nun aus Sicherheitsgründen im Exil lebt, kritisiert den Schritt der Regierung: "Die Verfassung ist kein Hemd, das man nach Belieben wechseln kann. Präsident Tshisekedi selbst hat geschworen, dass er sie respektieren werde. Ein Staatschef muss die Interessen des Volkes an erste Stelle setzen", sagte er der DW.

Laut Verfassung dürfen weder die Anzahl noch die Dauer der Amtszeiten des Präsidenten geändert werden. Der neue Gesetzentwurf erlaubt jedoch Änderungen im Falle einer "schwerwiegenden Funktionsstörung", die die staatlichen Institutionen lahmlegt, vorbehaltlich eines Referendums.

Katumbi bezeichnet das als "einen Vorwand, der Felix Tshisekedi einen Verfassungsputsch ermöglichen soll". Doch er warnt, dass er damit keinen Erfolg haben werde. "Wir werden Widerstand leisten. Dies ist erst der Anfang unserer Proteste. Und wenn Präsident Tshisekedi bereit ist, Menschen zu töten, wird er die Verantwortung dafür tragen."

Das politische Lager des Präsidenten verteidigt das Vorhaben: "Das souveräne Volk, das 2006 über die in der geltenden Verfassung festgelegten Grenzen entschieden hat, kann heute erneut entscheiden. Daher sind diese Grenzen für das souveräne Volk nicht bindend", erklärte Paul-Gaspard Ngondankoy, Abgeordneter der Regierungskoalition und Verfasser des Gesetzentwurfs.

Über die Politik hinaus hat der Gesetzentwurf eine juristische Debatte ausgelöst. Kritiker argumentieren, Souveränität könne nicht außerhalb der verfassungsrechtlichen Grenzen ausgeübt werden. Godefroy Mwanabwato, Anwalt bei der Anwaltskammer von Tshopo, geht von einem Eingreifen des Verfassungsgerichts aus.

"Ich glaube, das Gericht wird alle Bestimmungen aus diesem Gesetzentwurf streichen, die über Befugnisse der Legislative hinausgehen." Damit deutet er an, dass Teile – oder sogar das gesamte Gesetz – für ungültig erklärt werden könnten.

Auch religiöse Gruppen sind gespalten. Einige evangelikale und pfingstkirchliche Gemeinschaften sehen die Reform als vorteilhaft an. Aber die einflussreichen katholischen und protestantischen Kirchen warnen davor, demokratische Errungenschaften zu untergraben.

Die zersplitterte Opposition verbündet sich gegen die Reform

Der Reformvorstoß hat die zersplitterte Opposition geeint. Ende Mai gründeten Politiker, darunter Moise Katumbi, Martin Fayulu, Matata Ponyo und Jean-Marc Kabund, zusammen mit zivilgesellschaftlichen Gruppen – die "Koalition Artikel 64 zur Verteidigung der verfassungsmäßigen Ordnung" (C64).

Viele Oppositionspolitiker waren verhaftet, bedroht und angeblich gefoltert worden. Nun agieren sie aus dem Exil. Andere verbrachten Monate ohne Gerichtsverfahren in Haft. Der ehemalige Präsident Joseph Kabila, der wegen angeblicher Verbindungen zur AFC/M23-Rebellenkoalition zum Tode verurteilt wurde, lehnt ebenfalls die angebliche "Diktatur" in Kinshasa ab.

Katumbi hat die Pattsituation als eine umfassendere nationale Krise dargestellt: "Man führt keinen Dialog mit seinen Freunden, sondern mit seinen Gegnern. Wir anstreben, die Waffen in unserem Land zum Schweigen zu bringen."

Auch die öffentlichen Proteste gewinnen an Dynamik. Ein landesweiter "Ville morte"-Streik (Geisterstadt) am 3. Juni wurde in Kinshasa und anderen Städten weitgehend befolgt. Weitere Demonstrationen, darunter Sitzstreiks vor dem Parlament, sind geplant.

Für den Politologen Bob Kabamba, der an der derzeit gültigen Verfassung mitgearbeitet hatte, ist die Existenz des Kongo durch diese Verfassung gesichert. "Sie sieht einen Präsidenten, eine Regierung und ein Parlament vor. Wenn man diese Verfassung abschafft, ist der Präsident nicht mehr Präsident und das Parlament nicht mehr Parlament. Wir würden in ein völlig anderes Regierungssystem eintreten", sagte er der DW.

Die Opposition bemüht sich um internationale Unterstützung: Katumbi hat sich direkt an US-Präsident Donald Trump gewandt und vor einer Destabilisierung durch Tshisekedis Initiative gewarnt. "Wenn Tshisekedi die Verfassung nicht respektieren will, wie kann man dann von ihm erwarten, dass er das Partnerschaftsabkommen mit den USA über Mineralien einhält?", so Kabamba.

Einige Analysten vermuten, Tshisekedi fühle sich durch die internationale Unterstützung im Zusammenhang mit strategischen Mineralienabkommen ermutigt. "Das Abkommen zwischen der DR Kongo und den USA stärkt die politische Stellung von Präsident Tshisekedi", sagte Yvon Muya, Mitarbeiter an der Universität Ottawa, der DW. Er weist auf die weitreichenden geopolitischen Interessen in der Region hin.

Tshisekedi selbst hat die Verfassungsreform mit Druck von außen in Verbindung gebracht und erklärt, "die Amerikaner haben bestimmte Reformen von uns gefordert" und diese könnte "ohne eine Verfassungsänderung nicht durchgeführt werden."

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert.

Author Saleh Mwanamilongo
Item URL https://www.dw.com/de/verfassungsreform-im-kongo-dritte-amtszeit-für-präsident-tshisekedi/a-77519548?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76676971_607.jpg
Image caption Der kongolesische Präsident Felix Tshisekedi hat eine mögliche dritte Amtszeit angedeutet, „wenn das Volk ihn will“
Image source Andrew Caballero-Reynolds/AFP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/DWVG/DWVGDEU260522_DEU_DRKongo_Ebola_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/76676971_607.jpg&title=Verfassungsreform%20im%20Kongo%3A%20Dritte%20Amtszeit%20f%C3%BCr%20Pr%C3%A4sident%20Tshisekedi%3F

Item 9
Id 77523970
Date 2026-06-12
Title "86 47": Warum dieser Zahlencode Donald Trump alarmiert
Short title "86 47": Warum dieser Zahlencode Donald Trump alarmiert
Teaser Vier Ziffern, von Unbekannten eingeätzt auf dem Rasen der National Mall in Washington, lassen Donald Trump toben: Sie sind eine bekannte Protestchiffre gegen den US-Präsidenten. Aber rufen sie auch zum Mord auf?
Short teaser Vier Ziffern, eingeätzt auf dem Rasen der National Mall in Washington, lassen den US-Präsidenten toben. Warum?
Full text

Mehrere Meter groß prangen die Ziffern auf dem Grünstreifen, insbesondere die "8" ist noch immer gut zu erkennen. Wie genau sie in den Rasen der National Mall in Washington D.C. geätzt wurden, wird derzeit noch kriminaltechnisch untersucht. Es steht jedoch fest, dass die Täter eine Substanz verwendet haben, die das Gras großflächig abgetötet und verfärbt hat.

Auch der Ort scheint bewusst gewählt: Die Zahlen sind genau so ausgerichtet, dass sie von der Webcam des Washington Monuments aus gut zu sehen sind - und sie befinden sich exakt dort, wo an diesem Wochenende die öffentlichen Feiern zu Donald Trumps 80. Geburtstag stattfinden sollen.

Doch es ist nicht die zerstörte Rasenfläche allein, die das angehende Geburtstagskind hochgradig verärgert - sondern vor allem die Botschaft, die dahintersteckt. Denn "86 47" ist ein in den USA bekannter politischer Protestcode, der als verschlüsselte Botschaft gegen Trump genutzt wird. Er ruft dazu auf, den US-Präsidenten "loszuwerden". Auf welche Weise dies geschehen soll, wird jedoch von verschiedenen Akteuren unterschiedlich interpretiert.

Von Küchenchefs und Mafiapaten

Die "86" ist ein Zahlencode, der ursprünglich aus der US-amerikanischen Gastronomie der 1930er Jahre stammt. Er bedeutet, dass ein Gericht ausverkauft ist, einem Gast kein Alkohol mehr serviert werden soll oder jemand aus dem Lokal geworfen wird. In diesem Sinn wird der Begriff "to 86 something" noch heute tagtäglich in fast jeder Bar und jedem Restaurant in den USA aktiv genutzt: Ruft der Küchenchef dem Personal etwa "86 the salmon!" zu, dann bedeutet das: "Der Lachs ist alle, streicht ihn bitte von der Karte!" Auch wenn ein Gast an der Bar zu viel getrunken hat oder aggressiv wird, wird er "86'd".

Warum ausgerechnet die "86" diese Bedeutung angenommen hat, ist heute nicht mehr eindeutig nachzuvollziehen. Jedoch hat sie längst Einzug in die US-amerikanische Umgangssprache gefunden. Im Alltag gilt die Zahl mittlerweile generell als Synonym für "etwas wegschmeißen", "ein Projekt canceln" oder "etwas loswerden".

Die "47" wiederum steht für den 47. Präsidenten der USA - Donald Trump. In abgewandelter Form gab es die Protestchiffre auch als "86 45" (während Trumps erster Amtszeit) oder als "86 46", dann allerdings gegen den Demokraten Joe Biden gerichtet.

Das allein könnte als kreative Form des Protestes gegen Trump durchgehen. Der US-Präsident und seine Verbündeten aber stufen den Code "86 47" nun als möglichen Mordaufruf ein, weil das Verb "to 86 someone" insbesondere in Mafia- und anderen Verbrecherkreisen auch eine zweite, weitaus düsterere Bedeutung angenommen hat: jemanden zu eliminieren oder "verschwinden zu lassen".

Ein Mordaufruf aus Muscheln?

Die Eskalation darum, wie die Chiffre genau zu interpretieren sei, begann, als der ehemalige FBI-Direktor James Comey - ein langjähriger und erbitterter politischer Gegner Trumps - im Mai 2025 auf Instagram ein Foto von Muscheln am Strand postete, die die Zahl "86 47" bildeten. Comey versah das Foto mit der Bildunterschrift "Coole Muschelformation auf meinem Strandspaziergang".

Trump und einige seiner Regierungsmitglieder reagierten scharf auf Comeys Post. Sie warfen ihm vor, als "hochrangiger, ehemaliger Geheimdienstchef" keine harmlosen Restaurant-Begriffe zu nutzen, sondern eine verschlüsselte Botschaft zu senden. Die Chiffre, behauptete etwa James Blair, der damalige stellvertretende Stabschef des Weißen Hauses, sei ein "Signal an Terroristen und feindliche Regime, den Präsidenten zu töten". Comey wurde daraufhin vom Secret Service verhört und im April 2026 sogar wegen einer möglichen Bedrohung des Präsidenten angeklagt.

Comey selbst hatte seinen Post nach den heftigen Reaktionen aus dem Trump-Lager noch am selben Tag wieder gelöscht. Der ehemalige FBI-Chef erklärte später, er habe die Muscheln beim Spaziergang an einem Strand in North Carolina so vorgefunden, sie spontan für eine "politische Botschaft" gehalten und hochgeladen. Dass manche Menschen diese Zahlen mit Gewalt in Verbindung bringen könnten, sei ihm nicht bewusst gewesen.

Chiffre grundsätzlich von der Meinungsfreiheit gedeckt

Dennoch ist der Zahlencode an sich kein verbotenes Symbol. Erst Anfang des Jahres hatte ein US-Bundesrichter der Protestorganisation Accountability Now USA ausdrücklich erlaubt, eine Flagge mit den Ziffern "86 47" in der Nähe der National Mall wehen zu lassen.

Im Normalfall, so die Begründung, würden Menschen den Zahlencode als legitimen Aufruf zur verfassungsmäßigen Amtsenthebung oder zu einer Abwahl interpretieren und nicht als Aufruf zu politischer Gewalt. Solange das Symbol friedlich auf Schildern, Kleidung oder Flaggen gezeigt wird, greife der volle Schutz der Meinungsfreiheit.

Anders verhält es sich jedoch mit den eingeätzten Ziffern im Rasen der National Mall: Hierbei handelt es sich um eine kriminelle Sachbeschädigung von Bundeseigentum. Trump selbst verweist zudem auf eine reale Bedrohungslage; schließlich sei es während seiner Amtszeit schon mehrfach zu Sicherheitsvorfällen und Attentatsversuchen gekommen. Neben dem Verdacht der Sachbeschädigung prüfen die Behörden deshalb derzeit auch, ob die Botschaft tatsächlich als Drohung gegen den Präsidenten zu verstehen sein könnte.

Author Thomas Latschan
Item URL https://www.dw.com/de/86-47-warum-dieser-zahlencode-donald-trump-alarmiert/a-77523970?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77506306_607.jpg
Image caption US-Präsident Nr. 47: Donald Trump
Image source Julia Demaree Nikhinson/AP Photo/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77506306_607.jpg&title=%2286%2047%22%3A%20Warum%20dieser%20Zahlencode%20Donald%20Trump%20alarmiert

Item 10
Id 77521845
Date 2026-06-12
Title Gekaufte Loyalität: Söldner und Überläufer im Sudan
Short title Gekaufte Loyalität: Söldner und Überläufer im Sudan
Teaser Die RSF-Miliz erhält Unterstützung durch kolumbianische Söldner, Kämpfer wechseln die Fronten, die Bevölkerung leidet: Wie externe Geldgeber und brüchige Loyalitäten den Krieg im Sudan beeinflussen.
Short teaser Wie externe Geldgeber und brüchige Loyalitäten den Krieg in dem afrikanischen Land beeinflussen.
Full text

Als Sudans Armeechef Abdel Fattah al-Burhan kürzlich öffentlich den Ex-Kommandeur der Rapid Support Forces (RSF), Al-Nour Ahmed Adam, bekannt auch als Al-Nour Al-Qubba, in den Reihen der sudanesischen Armee begrüßte, war das einer der bislang prominentesten Seitenwechsel des Sudan-Krieges. Dieser hat das Land längst in hart umkämpfte Einflusszonen aufgesplittet:

Während die Armee (SAF / Sudan Armed Forces) Khartum, Port Sudan sowie große Teile des Ostens und Zentrums kontrolliert, hält die mit ihr verfeindete RSF-Miliz weite Gebiete im Westen des Landes, insbesondere in Darfur - darunter die Stadt Al‑Faschir.

Kommandeur Al-Nour Al-Qubba blieb nicht der einzige Überläufer: Wenige Wochen später folgte mit Ali Rizq Allah, bekannt auch als Al-Savannah, ein weiterer hochrangiger RSF-Kommandeur.

Human Rights Watch (HRW) überprüfte nach eigenen Angaben Videos, die beide Überläufer während der Belagerung von Al‑Faschir zeigen sollen. Die Organisation dokumentierte dort schwere Verbrechen der RSF unter ihrem Anführer General Mohamed Hamdan Daglo gegen Zivilisten während der Einnahme der Stadt im Oktober 2025.

Bereits seit Kriegsbeginn 2023 wirbt Armeechef Burhan um Überläufer aus den Reihen der RSF. Schon damals bot er Kämpfern der Miliz eine Amnestie an, falls sie ihre Waffen niederlegen. Ob dies auch für die jüngsten Überläufer gilt, konnte Human Rights Watch nicht überprüfen.

Für Mohamed Osman, Sudan-Experte von Human Rights Watch, darf ein Seitenwechsel in keinem Falle Straffreiheit bedeuten. "Wer für schwere Verbrechen verantwortlich ist, bekommt keinen Freifahrtschein, nur weil er die Seiten wechselt", sagte er. Die Opfer hätten Anspruch auf Gerechtigkeit.

Die jüngsten Überläufe könnten nach Einschätzung der Konfliktbeobachter der Organisation ACLED ("Armed Conflict Location & Event Data Project") auf wachsende Spannungen innerhalb der RSF hindeuten. Die Organisation sieht "Risse in den zentralen Bündnissen der Miliz". Als Grund nennt ACLED schwindende Ressourcen und zunehmende Konkurrenz um die verbliebene Kriegsbeute.

Die Übertritte zur sudanesischen Armee fallen in eine Phase, in der die RSF zugleich weiter auf Unterstützung von außen bauen kann. Die Frontlinien verlaufen zwar durch den Sudan. Die Verbindungen, die den Krieg am Laufen halten, reichen jedoch weit über die Grenzen des Landes hinaus.

Zu den Unterstützern der RSF sollen nach Einschätzung von Fachleuten Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Äthiopien, Libyen, Tschad und Kenia gehören. Die ebenfalls mit Vorwürfen von Menschenrechtlern konfrontierte sudanesische Armee (SAF) wird dagegen von Ägypten, Saudi-Arabien, der Türkei und Eritrea unterstützt. Auch der Iran steht im Verdacht, im Sudan Militärhilfe geleistet zu haben, ebenfalls für die reguläre Armee.

Vorwürfe gegen Vereinigte Arabische Emirate

Besonders häufig fällt allerdings der Name der Vereinigten Arabischen Emirate. US-Geheimdienste gehen laut einem Bericht des Wall Street Journal davon aus, dass Abu Dhabi der RSF-Miliz chinesische Drohnen, Kleinwaffen, schwere Maschinengewehre, Artillerie, Mörser und Munition hat zukommen lassen. "Der Krieg wäre vorbei, wenn es die VAE nicht gäbe", sagte Cameron Hudson, ehemaliger Stabschef mehrerer US-Sondergesandter für Sudan, dem Wall Street Journal vor einigen Monaten. "Das Einzige, was die RSF noch in diesem Krieg hält, ist die überwältigende militärische Unterstützung, die sie von den VAE erhält."

Auch Amnesty International fand 2025 Hinweise darauf, dass Waffenlieferungen an die RSF "mit hoher Wahrscheinlichkeit" aus den Vereinigten Arabischen Emiraten stammen.

Die Emirate weisen diese Vorwürfe regelmäßig zurück. Salem Aljaberi, Staatsminister für Sicherheits- und Militärangelegenheiten, erklärte seinerzeit, die Vorwürfe von AI seien "haltlos" und entbehrten belastbarer Belege.

Kämpfer aus Kolumbien

Doch die Vorwürfe gegen die Emirate beschränken sich inzwischen nicht mehr auf Waffenlieferungen und logistische Unterstützung der RSF. Ende Mai veröffentlichte Human Rights Watch (HRW) den Bericht "Von Bogota nach Al-Faschir". Auf 83 Seiten zeichnet die Organisation nach, wie Hunderte kolumbianische Söldner offenbar seit 2024 für den Krieg im Sudan rekrutiert wurden. Nach Angaben von HRW soll die Anwerbung über die in Abu Dhabi ansässige Sicherheitsfirma Global Security Services Group (GSSG) erfolgt sein. Die Männer seien anschließend in den Sudan entsandt worden, um an der Seite der RSF zu kämpfen.

"Glücklicherweise waren die kolumbianischen Söldner nicht besonders zurückhaltend in den sozialen Medien", sagte Joey Shea von HRW im Interview mit dem US-Politmagazin Democracy Now. Über TikTok-Konten und andere öffentlich zugängliche Inhalte habe die Organisation zahlreiche Informationen sammeln und die Männer auf Militärgeländen der VAE verorten können, bevor sie in den Sudan entsandt worden seien.

Für den Bericht sprach HRW mit zwei kolumbianischen Militärdienstleistern, die in den Sudan entsandt worden waren, einem Ex-Mitarbeiter von GSSG, Bewohnern von Al-Faschir sowie weiteren Quellen. Die Organisation wertete außerdem Unternehmensunterlagen, offizielle Dokumente sowie Fotos und Videos aus. Einige dieser Aufnahmen zeigen nach Angaben der Organisation kolumbianische Kämpfer gemeinsam mit RSF-Einheiten im Sudan. Andere dokumentieren Trainingsaufenthalte auf Militäranlagen der Vereinigten Arabischen Emirate.

"Unsere Untersuchung zeigt, dass die in Abu Dhabi ansässige Firma GSSG offenbar Hunderte kolumbianische Kämpfer angeworben hat, die anschließend an der Seite der RSF kämpften - einer bewaffneten Gruppe, der Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen werden", sagte Shea.

Warum Kolumbianer? Dem Bericht zufolge sollen ehemalige kolumbianische Soldaten als besonders attraktiv für solche Einsätze gelten, weil sie über umfangreiche Kampferfahrung verfügten und häufig an US-Waffensystemen ausgebildet worden seien. Die Verbindung reicht laut HRW bis ins Jahr 2011 zurück, als die VAE nach den Recherchen der Menschenrechtler damit begonnen haben sollen, eine mehrere hundert Mann starke Einheit aus ausländischen Kämpfern aufzubauen, zu der auch Kolumbianer gehörten.

Für HRW-Vertreterin Shea ist die Unterstützung der RSF durch die Emirate seit Jahren nachgewiesen. "Die Rolle der VAE bei der Finanzierung, Bewaffnung und militärischen Unterstützung der RSF ist wiederholt dokumentiert worden", sagte sie in dem Interview. "Trotzdem haben bis heute weder die EU noch die USA oder Großbritannien die Emirate öffentlich dafür kritisiert."

Bereits Wochen zuvor hatte die Sicherheitsanalyse-Organisation Conflict Insights Group anhand von Mobiltelefondaten die Spur kolumbianischer Kämpfer bis nach Darfur verfolgt. Die Untersuchung führte unter anderem zu einer Militäranlage im emiratischen Ghayathi. Die Männer sollen Teil einer Einheit namens "Desert Wolves" gewesen sein, die von dem ehemaligen kolumbianischen Oberst Álvaro Quijano geführt wurde. Die USA und Großbritannien belegten ihn später wegen der Rekrutierung kolumbianischer Kämpfer für den Sudan mit Sanktionen.

Die Vereinigten Arabischen Emirate bestreiten auch in diesem Kontext die ihnen vorgeworfene Unterstützung der RSF. Man fordere vielmehr "einen sofortigen Waffenstillstand" und sehe "die Zukunft Sudans nicht in einer Militärjunta", sagte Anwar Mohammed Gargash, Berater des emiratischen Präsidenten, gegenüber Reuters Ende 2025.

70.000 Menschen getötet

Die jüngsten Überläufer aus den Reihen der RSF, die immer wiederkehrenden Vorwürfe gegen die VAE und die Recherchen zu kolumbianischen Kämpfern zeigen, wie weit dieser Krieg inzwischen über die Frontlinien hinausreicht. Für die betoffenen Menschen im Sudan macht das jedoch kaum einen Unterschied, sie sind und bleiben die Hauptleidtragenden des Krieges. In Al-Faschir dokumentierten Menschenrechtsorganisationen Massentötungen und weitere schwere Übergriffe auf Zivilisten; eine UN-Untersuchungsmission sprach später von Ereignissen, die "die Kennzeichen eines Völkermords" trügen.

Gleichzeitig sprechen Hilfsorganisationen von der größten Vertreibungskrise weltweit. Rund zwölf Millionen Menschen sind auf der Flucht, knapp 20 Millionen leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit, allein in Al-Faschir sollen bis zu 70.000 Menschen getötet worden sein. Das Welternährungsprogramm bezeichnet die Lage im Sudan als die größte Hungerkrise der Welt.

Author Diana Hodali
Item URL https://www.dw.com/de/gekaufte-loyalität-söldner-und-überläufer-im-sudan/a-77521845?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/75829988_607.jpg
Image caption Viele Menschen sind aus Angst vor der Miliz RSF aus Al-Faschir geflohen
Image source AFP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/75829988_607.jpg&title=Gekaufte%20Loyalit%C3%A4t%3A%20S%C3%B6ldner%20und%20%C3%9Cberl%C3%A4ufer%20im%20Sudan

Item 11
Id 77519063
Date 2026-06-12
Title Vor 35 Jahren: Deutschland und Polen wagen den Neustart
Short title Vor 35 Jahren: Deutschland und Polen wagen den Neustart
Teaser Mit einem Freundschaftsvertrag entschieden sich Deutsche und Polen 1991 für Partnerschaft statt für Feindschaft - und wurden zu engen Verbündeten in EU und NATO. Die Vergangenheit aber belastet das Verhältnis weiterhin.
Short teaser Mit einem Freundschaftsvertrag entschieden sich Deutsche und Polen 1991 für Partnerschaft statt für Feindschaft.
Full text

Am 17. Juni 1991 unterzeichneten der polnische Premier Jan Krzysztof Bielecki und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl in Bonn, dem damaligen deutschen Regierungssitz, den Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit. Die Abmachung ermöglichte nach Jahrzehnten der Feindschaft und des Misstrauens einen Neustart der deutsch-polnischen Beziehungen.

35 Jahre danach wollen beide Staaten, inzwischen enge Partner in der Europäischen Union (EU) und der NATO, mit einer Großveranstaltung in Berlin, dem Deutsch-Polnischen Forum, den Jahrestag feiern. Schon vorher meldeten sich die Parlamente zu Wort. Der polnische Senat, die zweite Parlamentskammer, würdigte am Mittwoch (10.06.2026) den Vertrag als "Fundament der neuen Ordnung in Europa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs" und "Durchbruch" in den polnisch-deutschen Beziehungen.

Am selben Tag debattierte auch der deutsche Bundestag zum Thema "Feste Freundschaft in Frieden und Freiheit - 35 Jahre Neustart in den deutsch-polnischen Beziehungen". "Deutsche sind heute dankbar dafür, dass Polen uns seinerzeit mit dem Nachbarschaftsvertrag die Hand gereicht hat und die von uns angebotene Hand ergriffen hat", so der CDU-Abgeordnete Knut Abraham, seit Mai 2025 Koordinator für die deutsch-polnische zwischengesellschaftliche und grenznahe Zusammenarbeit.

Feindschaft und Misstrauen

Nach dem Zweiten Weltkrieg prägten Feindschaft und Misstrauen die Beziehungen der Polen zu den Deutschen. Im Mittelpunkt des Konfliktes mit der Bundesrepublik stand der Streit um die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, der geschickt von der Propaganda des kommunistischen Regimes in Polen angeheizt wurde. Die Ostpolitik von Willy Brandt brachte in den 1970er Jahren Normalisierung, konnte aber keinen Durchbruch im Verhältnis zwischen beiden Nationen schaffen.

Einen Neustart machten erst die demokratische Wende in Polen 1989 und die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 möglich. Die endgültige Bestätigung der polnischen Westgrenze am 14. November 1990 und der darauffolgende Freundschaftsvertrag schufen die Grundlagen für eine Partnerschaft.

"Mit dem Vertrag haben wir die Vergangenheit abgeschlossen und ein Fundament für die Zusammenarbeit in der Zukunft gelegt", betonte gegenüber der DW Marek Krzakala, Abgeordneter der regierenden Partei Bürgerkoalition (KO). Ohne Deutschlands Unterstützung wäre Polens Beitritt zur EU (2004) und NATO (1999) viel schwieriger gewesen, so der Vorsitzende der polnisch-deutschen Parlamentariergruppe weiter.

Interessengemeinschaft mit Deutschland

Der erste nichtkommunistische polnische Außenminister Krzysztof Skubiszewski erklärte nach seinem Amtsantritt 1989 die deutsch-polnische Interessengemeinschaft zum Ziel seiner Politik. Es begann ein mühsamer Aufbau eines engen "Beziehungsgeflechts" - diesen Begriff nutzt der deutsche Polen-Beauftragte Abraham - aus Politik, Wirtschaft, Kultur sowie den Grenzregionen.

Die Liste der Errungenschaften ist lang. Es gibt heute hunderte von deutsch-polnischen Partnerschaften zwischen Städten, Schulen, Sportvereinen und Feuerwehren. Mehr als drei Millionen deutsche und polnische Jugendliche haben am Jugendaustausch teilgenommen. Der deutsch-polnische Handelsumsatz überschritt im vergangenen Jahr erstmals 180 Milliarden Euro; Polen wurde damit zum fünfgrößten Handelspartner Deutschlands, knapp hinter Frankreich. Die deutsche Minderheit in Polen und die Polonia in Deutschland bekamen neue Entfaltungsmöglichkeiten.

Die Last der Vergangenheit

Doch mit der Zeit wich die anfängliche polnische Begeisterung für den Partner westlich der Oder einer immer stärkeren Skepsis, der Blick auf Deutschland wurde kritischer. Vor allem die schwierige Vergangenheit holte Deutsche und Polen immer wieder ein. Ende der 1990er Jahre löste die damalige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, mit ihrem Projekt des Zentrums gegen die Vertreibungen in Polen Unruhe aus. Das auf das Leid der Deutschen fokussierte Konzept wurde als eine Relativierung deutscher Schuld im Zweiten Weltkrieg aufgenommen.

Die polnischen Rechtskonservativen, die Deutschland seit eh und je skeptisch gegenüberstehen, erkannten, dass man mit antideutschen Parolen in Polen punkten kann. Jaroslaw Kaczynski, dessen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) in den Jahren 2005-2007 und 2015-2023 das Land regierte, warf Berlin vor, ein "Viertes Reich" errichten und mit der Hilfe der EU Polen "unter den deutschen Stiefel" bringen zu wollen.

Die PiS-Regierung setzte 2022 das Thema Kriegsreparationen offiziell auf die politische Agenda Polens. Die polnischen Verluste durch die deutsche Besetzung 1939-45 werden auf 6,2 Billionen Zloty (1,4 Billionen Euro) geschätzt.

"Unsere Vorgänger haben versucht, die Menschen zu überzeugen, dass Deutschland unser Feind ist. Aber die überwältigende Mehrheit der polnischen Gesellschaft teil diese Meinung nicht", meint Marek Krzakala. "Gute Beziehungen zu Deutschland sind unsere Staatsräson, insbesondere während des Krieges Russlands gegen die Ukraine", so der KO-Abgeordnete weiter.

Kriegsopfer warten immer noch auf "humanitäre Geste"

Doch der Wunsch nach Wiedergutmachung bleibt nicht auf die rechtskonservativen und rechtsextremen Kreise beschränkt. Weil Berlin alle Forderungen nach Kriegsreparationen strikt abgelehnt hat, wird seit Jahren über eine "pragmatische Lösung" für die noch lebenden Kriegsopfer geredet. Ihre Zahl wird auf 50.000 geschätzt - und sinkt mit jedem Jahr.

Der deutsche Vorschlag, für diese Opfergruppe ca. 200 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, wurde im Sommer 2024 von der polnischen Seite als unzureichend abgelehnt. Eine neue Offerte aus Berlin kann frühestens im Haushalt 2027 berücksichtigt werden. Polens liberalkonservativer Premier Donald Tusk, der in dieser Frage unter innenpolitischem Druck steht, sagte neulich, er gebe der deutschen Seite "noch ein bisschen Zeit".

Militärpartnerschaft im Vordergrund

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 rückten die Sicherheitsfragen in den Mittelpunkt der deutsch-polnischen Beziehungen. Die Bundeswehr half Polen mit Patriot-Batterien und Eurofighter-Kampfjets beim Schutz des Luftraumes an der NATO-Ostgrenze. Die militärische Kooperation soll mit dem deutsch-polnischen Militärabkommen auf eine höhere Stufe gestellt werden. Der Termin der Unterzeichnung ist nicht zufällig der 17. Juni.

Der polnische Diplomat Janusz Reiter erinnerte die Politiker in Berlin bereits vor einem Jahr daran, dass Polens Ostgrenze zugleich Deutschlands erste Verteidigungslinie ist - und forderte Berlin auf, Polen aktiv bei der Sicherung zu unterstützen. In der Integration der Ukraine sieht er die größte Herausforderung für Polen und Deutschland. Eine Zusammenarbeit dieser drei Länder mit ihren militärischen und ökonomischen Potenzialen wäre eine "historische Sensation".

"Das Zeitfenster ist geöffnet", so Reiter, "aber ich fürchte, dass die historische Gelegenheit bald vorbei sein könnte." Der Diplomat war zur Zeit der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Freundschaftsvertrags Botschafter Warschaus in Bonn.

Author Jacek Lepiarz ((aus Warschau))
Item URL https://www.dw.com/de/vor-35-jahren-deutschland-und-polen-wagen-den-neustart/a-77519063?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77500590_607.jpg
Image caption Polens Premier Jan Krzysztof Bielecki (li.) und Deutschlands Bundeskanzler Helmut Kohl unterzeichnen am 17.06.1991 in Bonn den deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag
Image source Tim Brakemeier/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77500590_607.jpg&title=Vor%2035%20Jahren%3A%20Deutschland%20und%20Polen%20wagen%20den%20Neustart

Item 12
Id 77521993
Date 2026-06-12
Title Britischer Maler David Hockney ist tot
Short title Britischer Maler David Hockney ist tot
Teaser Mit seinem unverwechselbarem Stil, Experimentierfreude und ungebrochener Neugier prägte der Pop-Art-Maler David Hockney die Kunstwelt über Jahrzehnte. Jetzt ist er mit 88 Jahren gestorben.
Short teaser Mit seinem unverwechselbarem Stil prägte der Pop-Art-Maler David Hockney die Kunstwelt über Jahrzehnte.
Full text

David Hockney, einer der beliebtesten und erfolgreichsten Künstler Großbritanniens, ist am Donnerstag wenige Wochen vor seinem 89. Geburtstag verstorben. Das teilte seine Agentin Erica Bolton mit. Der Gewinner des Praemium Imperiale von 1989 - einer Auszeichnung, die oft als Nobelpreis der Künste bezeichnet wird - galt als bedeutender Vertreter der Pop-Art-Bewegung der 1960er-Jahre.

Als Kind saß David Hockney im Doppeldeckerbus am liebsten ganz vorn, oben in der ersten Reihe. Dort hatte er die beste Aussicht über alles, was an Landschaften und Stadtbildern vor ihm lag. "I always wanted to see more!" ("Ich wollte einfach immer mehr sehen"), sagte der britische Maler in dem Dokumentarfilm "Hockney", den Regisseur Randall Wright 2015 über ihn gedreht hat.

Hockney sah sich als Arbeiter

Unermüdlich fotografierte Hockney später als erfolgreicher Künstler seine Umwelt, hielt Szenen des Alltags fest, fertigte Skizzen von Freunden, Häusern, Passanten und anderen Zeitgenossen an, die ihm interessant erschienen. Hockney verstand sich immer als Arbeiter und legte sich auch im hohen Alter nicht auf die faule Haut. Unzählige Bilder hat er im Laufe seines wechselvollen Lebens gemalt. Hinzu kommen Tausende Fotos, Skizzen und Zeichnungen. Häufig stand er extra früh auf, um das Licht in den Morgenstunden einzufangen.

Hockney nutzte auch digitale Werkzeuge, um bunte Farbwelten zu erschaffen: Er arbeitete mit Faxgeräten, Farbkopierern, nahm sein iPhone als Skizzenblock oder malte direkt auf dem iPad. Hochinteressante Bildwelten sind so entstanden, die oft als mehrteilige Bildschirmarbeiten in Ausstellungen rund um den Globus zu sehen waren.

Kirchenfenster für Queen Elizabeth II.

Für die berühmte Londoner "Westminster Abbey" - die Kirche, in der seit Jahrhunderten die britischen Königinnen und Könige gekrönt und bestattet werden - entwarf er ein Kirchenfenster, das er Queen Elizabeth II. widmete. "The Queen's Window" zeigt stilisierte Pflanzen in leuchtenden Farben.

Der Brite hat auch die Pop Art der USA stark geprägt. Ab den 1960er-Jahren lebte er in Los Angeles, erst im Jahr 2000 kehrte er in seine britische Heimat zurück. Andy Warhol, Robert Rauschenberg - mit vielen Größen des Kunstbetriebes war er befreundet. Sein Interesse für Menschen zeigt sich nicht zuletzt an den vielen Porträts, die er anfertigte. 2019 zog er in ein Landhaus in der Normandie. Dort porträtierte er einen der größten britischen Popstars der Gegenwart: Harry Styles.

David Hockney war Weltbürger und Bohemien. Er war der Lieblingsmaler der Briten und weltweit anerkannt. Seine Gemälde wurden schon zu seinen Lebzeiten zu Höchstpreisen gehandelt. Sein Pool-Bild "Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)" von 1972 erzielte 2018 bei einer Auktion einen Rekordpreis von 90,3 Millionen US-Dollar (etwa 89 Millionen Euro) - damals war es das am teuersten versteigerte Kunstwerk eines noch lebenden Künstlers.

Ein Anarchist mit Sinn für Humor

In einem Interview mit "The Guardian" sagte der Kettenraucher, für ihn habe das Rauchen die Freiheit der 1960er-Jahre vekörpert. Diese Zeit sei "die wahrscheinlich die freieste Zeit überhaupt" gewesen. In den letzten Jahren seines Lebens habe er erkannt, dass diese Zeit vorbei sei. Doch der produktive Künstler, der 2025 mit einer großen Retrospektive seiner Werke in der Fondation Louis Vuitton in Paris gefeiert wurde, blieb stets lebensbejahend: "Wenn man die Welt als schön, aufregend und geheimnisvoll sieht, so wie ich es tue, dann fühlt man sich sehr lebendig."

Author Heike Mund, Kristina Reymann-Schneider
Item URL https://www.dw.com/de/britischer-maler-david-hockney-ist-tot/a-77521993?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77523567_607.jpg
Image caption David Hockney wurde 88 Jahre alt
Image source Robin Utrecht/ANP/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77523567_607.jpg&title=Britischer%20Maler%20David%20Hockney%20ist%20tot

Item 13
Id 77513842
Date 2026-06-12
Title Iran: Hat die Revolutionsgarde das letzte Wort?
Short title Iran: Hat die Revolutionsgarde das letzte Wort?
Teaser Ist der Iran im Schatten von Krieg und Wirtschaftsflaute auf dem Weg zur Militärherrschaft durch die Revolutionsgarde? Will der Oberste Führer Modschtaba Chamenei die Zivilregierung schwächen?
Short teaser Der Iran ist auf dem Weg zur Militärherrschaft durch die Revolutionsgarde. Dafür sehen Experten die ersten Anzeichen.
Full text

Steht der Iran vor einem Übergang zur De-facto-Militärdiktatur? Nach der Tötung des Obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei im Februar sehen viele Analysten Anzeichen, dass die mächtige Revolutionsgarde (IRGC) an Macht und Kontrolle gewonnen haben könnte.

Der Politikwissenschaftler und Friedensforscher Damon Golriz an der Fachhochschule Den Haag bringt es auf den Punkt: "Unter der klerikalen Hülle hat sich das Machtzentrum in die Kasernen verlagert. Modschtaba Chamenei liefert die ideologische Deckung, während die Revolutionsgarde die tatsächliche Regierungsarbeit übernimmt." Modschtaba Chamenei, Sohn vom Ajatollah Ali Chamenei, ist nach der Tötung seines Vaters beim Luftangriff durch die USA und Israel der Oberste Führer des Iran.

Bereits jetzt werden Spitzenpositionen in Ministerien, Staatskonzernen und Propagandainstitutionen systematisch mit IRGC-Kommandanten besetzt. Auch Modschtaba Chamenei hatte im Iran-Irak-Krieg im Habib-Bataillon der IRGC gedient. Dieses Netzwerk mit den Hardlinern bildet heute den harten Kern der IRGC-Führung und koordiniert die nachrichtendienstlichen Aktivitäten.

Die Revolutionsgarde ist der Koch, die Regierung der Kellner

"Modschtaba Chamenei übernahm während der Niederschlagung der Proteste 2009 die direkte Führung der freiwilligen Basidsch-Miliz, die für die Revolutionsgarde kämpft, und verlagerte die Sicherheitssitzungen in das 'Haus des Führers'", sagt Damon Golriz.

Das "Haus des Führers" ist ein Hochsicherheitskomplex in der Teheraner Stadtmitte. Dort arbeitet der Oberste Führer mit seinem religiösen Schattenkabinett. Ali Chamenei war im unterirdischen Bunker des Komplexes bei den US- und israelischen Angriffen getötet worden.

"Die offizielle exekutive Macht liegt zwar beim Präsidenten. Er darf allerdings nur noch die Entscheidung des religiösen Führers ausführen und trifft selbst keine Entscheidungen mehr. Die wahre Macht liegt jetzt in den Händen von Modschtaba Chamenei und einem Netzwerk der Militärhardliner", sagt Golriz.

Allerdings gilt im Iran noch das Welajat-e Faghih, die offizielle islamische Doktrin und der Klerus als Repräsentant dieser Doktrin. Welajat-e Faghih bedeutet "Statthalterherrschaft des Rechtsgelehrten". Die Doktrin wurde erstmals vom verstorbenen Führer Ajatollah Ruhollah Chomeini 1970 formuliert.

Ein Ajatollah ist ein schiitischer Geistlicher und Rechtsgelehrter. Der neue Oberste Führer Modschtaba Chamenei wurde im März 2026 gewählt, obwohl er kein Ajatollah war. Sein religiöser Titel lautet "Hodschatoleslam", eine Stufe unter dem Ajatollah. Der 56-Jährige hat nie eine öffentliche Predigt gehalten. Er hat auch nie an einer Wahl teilgenommen oder ein hohes religiöses Amt bekleidet.

Dass er zum geistlichen Oberhaupt gewählt wurde, kam möglicherweise durch den massiven Druck der Revolutionsgarde zustande, vermuten Experten. "Die Ernennung von Modschtaba Chamenei zementiert die Realität, dass das politische Kalkül und das Machtgleichgewicht zum entscheidenden Faktor geworden sind, und nicht mehr die religiöse Legitimität", sagt Damon Golriz. "Er ist ein Führer im Titel, aber eine rein dekorative Figur in der Realität."

Machtergreifung mit Ansage

Nach dem Golfkrieg gegen den Irak (1980-1988) wurde die Revolutionsgarde, die einige Jahre zuvor als ideologische Miliz gegründet worden war, im Wirtschaftsleben immer präsenter. Durch den Wiederaufbau im Lande erhielten Unternehmen Großaufträge, die eng mit der Revolutionsgarde vernetzt waren. So erhielt diese Zugang zu Infrastruktur und Bodenschätzen im Lande, die sie in Reichtum und Kontrolle verwandelten.

Die einkommensträchtigen Nebengeschäfte dieser militärischen Einheit mit etwa 190.000 aktiven Soldaten wurden später durch eine Verfassungsänderung 2004 legalisiert. Die IRGC durfte große Teile der strategischen Wirtschaftsgüter übernehmen. Schätzungen zufolge kontrolliert sie heute rund 50 Prozent der iranischen Ölförderung. So gelang der strukturierten Armee die Bildung eines autarken Parallelstaats.

Die Revolutionsgarde habe seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs ein neues Profil, sagt Analyst Faraj Sarkouhi. Er nennt es "hybrides Übergangsmodell". Die traditionelle Struktur des Gottesstaates bleibe als theokratische Fassade bestehen, während die Revolutionsgarde im Hintergrund die Fäden ziehe.

Wachsendes Misstrauen

Allerdings sind die Menschen im Iran mit dem System nicht einverstanden. Der jungen Bevölkerung mit einem durchschnittlichen Alter von 34,5 Jahren wurde die Staatsform "Welajat-e Faghih" aus den 1970er-Jahren praktisch vor die Nase gesetzt. Anhaltende Konflikte mit der westlichen Welt und der aktuelle Krieg führen zu Unmut im Lande. Die Wirtschaft stagniert. Ökonomen prognostizieren für 2026 ein Minuswachstum um 8,8 bis 10 Prozent. Die Inflationsrate liegt in Teilen des Landes über 80 Prozent. Schätzungen zufolge leben bereits zwischen 22 und 50 Prozent der Iraner unter der Armutsgrenze.

"Die Mehrheit der Bevölkerung hat sich im privaten Leben längst von der herrschenden Ideologie losgelöst", sagt Analyst Faraj Sarkouhi, "das Regime hat seine politische und ideologische Legitimation vor Jahren verloren".

Laut Golriz empfinden rund 80 Prozent der Iraner tiefe Abneigung gegen das System. Die religiöse Führung hat die anderslautenden Meinungen der jungen Generation mit Waffengewalt unterdrückt, zum Beispiel dass die Frauen in der Öffentlichkeit kein Kopftuch mehr tragen müssen. Eine 23-jährige kurdische Frau wurde von der sogenannten Sittenpolizei festgenommen, weil sie das Kopftuch nicht richtig getragen haben soll. Als sie infolge von Gewaltanwendung im Polizeigewahrsam starb, entfachte das eine monatelange Protestwelle landesweit.

Selbst staatliche Institutionen rechnen heute mit neuen Protesten, da die Unzufriedenheit ständig zunimmt. Beide Analysten sind sich einig: Das Land sei in seiner neuen militärisch-religiösen Form nicht mehr regierbar. Aber keiner wagt eine Prognose, wie das Land am Persischen Golf und seine 93 Millionen Menschen den Weg zum nachhaltigen Frieden finden können.

Author Elina Farhadi
Item URL https://www.dw.com/de/iran-hat-die-revolutionsgarde-das-letzte-wort/a-77513842?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76221626_607.jpg
Image caption Islamischer Revolutionsgardist
Image source Sobhan Farajvan/Pacific Press/Sipa USA/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/DWVG/DWVGDEU260303_DEU_Strasse_von_Hormus_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/76221626_607.jpg&title=Iran%3A%20Hat%20die%20Revolutionsgarde%20das%20letzte%20Wort%3F

Item 14
Id 76977559
Date 2026-06-12
Title T-Rex-Ledertasche aus dem Labor: Versteigerung abgeblasen
Short title T-Rex-Ledertasche aus dem Labor: Versteigerung abgeblasen
Teaser Eine angeblich aus Zellen des Dinosauriers hergestellte Tasche fand keinen Käufer: Die Gebote blieben unter den Erwartungen. Vermutlich auch, weil die Skepsis in der Wissenschaft groß ist.
Short teaser Die Gebote blieben unter den Erwartungen - vermutlich auch, weil die Skepsis in der Wissenschaft groß ist.
Full text

Die Tasche hätte für mindestens 300.000 Dollar versteigert werden sollen, doch die Gebote erreichten kaum die 150.000-Dollar-Marke, so das Auktionshaus Drouot, in dem die Versteigerung stattfand.

Anfang April war die Handtasche aus "im Labor gezüchtetem T-Rex Leder" in Amsterdam präsentiert worden - im Artis Zoo Museum, direkt neben einem riesigen Dinosaurier-Skelett. Sie wurde entworfen von Enfin Levé, einem Modelabel aus Polen, das mit experimentellen Kleidungsstücken wirbt. Im Fokus der Aufmerksamkeit aber stand weniger das Design, sondern das beworbene Material. "Es hat einen Charakter, wie wir ihn noch nie erlebt haben. Dicht, ursprünglich, nach seiner eigenen Logik funktionierend", postete das Label auf seinen Social Media Kanälen.

Was aber genau ist damit gemeint, wenn von "T-Rex-Leder" die Rede ist? Dinosaurier sind vor rund 66 Millionen Jahren ausgestorben. Mitte der 1990er-Jahre löste der Film "Jurassic Park" einen weltweiten Dino-Hype aus und warf bei vielen Menschen die Frage auf, ob es tatsächlich möglich sei, Dinosaurier zu klonen. Doch die Antwort der Wissenschaft lautet klar nein, da DNA mit der Zeit zerfällt.

Diskussion um Dino-Proteine

Vor rund 20 Jahren fand ein Forscherteam in Montana im Nordwesten der USA Teile eines T-Rex-Skelettes. Ein spektakulärer Fund, der umso mehr für Aufmerksamkeit sorgte, als die Paläontologin Mary Higby Schweitzer kurz darauf bekannt gab, weiche Gewebereste, unter anderem Proteinfragmente, in den Knochen gefunden zu haben. Bis dahin war man davon ausgegangen, dass solche organischen Anteile im Laufe der Zeit ebenfalls zerfallen.

Doch die Skepsis in der Fachwelt war groß. Es könne sich bei den gefundenen Strukturen auch um das Resultat von Bakterien handeln, die den Knochen besiedelt hätten, war ein Argument. Die Debatte darüber, was Mary Schweitzer nun genau gefunden hat, hält bis heute an.

Nun beruht die besagte Handtasche in Amsterdam allerdings genau auf den Daten dieses Fundes in Montana - das geht aus einem Preprint von Thomas Mitchell und Ernst Wolvetang hervor, den Gründern von "The Organoid Company", die maßgeblich an der Herstellung des Labor-Leders mitgewirkt haben. "Es ist wie bei einem Puzzle: Man hat nur ein paar Teile und muss den Rest selbst ergänzen", beschreibt Mitchell in einem Instagram-Video die Vorgehensweise. Die Frage ist allerdings, ob die vorhandenen Puzzle-Teile wirklich vom T-Rex stammen oder nicht.

Jan Dekker, Postdoktorand an der Universität Turin im Bereich Paläoproteomik - der wissenschaftlichen Erforschung von Proteinen aus archäologischen und fossilen Funden - ist skeptisch. "Dinosaurier-Proteine sind sehr umstritten", so Dekker im Interview mit der DW. "Die Grenze, die wir normalerweise für die Überlebensdauer von Proteinen annehmen, wurde erst kürzlich auf etwa 20 Millionen Jahre verschoben." Der Tyrannosaurus Rex aber ist schon mehr als dreimal so lange ausgestorben. Dekker glaubt daher nicht, dass die Tasche in irgendeiner Form Dinosaurier-Bestandteile enthält. Eine entsprechende Interviewanfrage der DW bei der Presseverantwortlichen für das Projekt blieb unbeantwortet.

Mehr Huhn als Dino?

Leder aus dem Labor ist ein eher neues Thema im Bereich der Biotechnologie. Ziel ist die Herstellung eines Materials, das in seinen Eigenschaften herkömmlichem Leder ähnelt. Für das Material der Handtasche in Amsterdam wurden die Daten der gefundenen Proteinfragmente - ob sie nun vom T-Rex stammen oder nicht - als Grundlage genommen und mit Hilfe von KI ergänzt, sodass eine vollständige Proteinsequenz entsteht. Als Gerüst diente ein Huhn-Protein, da Vögel evolutionär gesehen als die nächsten lebenden Verwandten der Dinosaurier gelten.

Das alles sei überaus interessant, sagt Jan Dekker. Aber selbst wenn man akzeptieren würde, dass die zugrunde gelegten Proteinfragmente vom T-Rex stammen, würden noch immer rund 90 Prozent der Proteinsequenz auf einem Hühnchen basieren und nicht auf einem Dinosaurier. "Sie haben synthetisches Kollagen hergestellt – mithilfe eines KI-Modells, das mit einer Vielzahl verschiedener Tierarten trainiert wurde, vor allem mit Hühnern –, was an sich eine sehr interessante Entwicklung ist, aber es handelt sich dabei nicht um einen Dinosaurier. Tatsächlich ist es mehr Huhn als alles andere."

Luxus-Aura von Leder

In ihrer Pressemitteilung weisen die Produzenten der Handtasche darauf hin, dass im Labor gezüchtetes Leder den Luxus-Sektor bislang nicht überzeugt hätte. "Wir wussten, dass wir etwas radikal Neues probieren mussten", wird Bas Korsten von der Werbeagentur VML zitiert, die ebenfalls an dem Projekt beteiligt ist. Der T-Rex schien da eine willkommene Idee zu sein, schließlich faszinieren Dinosaurier Menschen rund um den Globus.

Diese Faszination teilt auch Jan Dekker. Sein Interesse aber gilt nicht der Vermarktung solcher Produkte, er nutzt die biomolekulare Forschung, um mehr über die Vergangenheit zu erfahren. Die Welt sei zu Zeiten der Dinosaurier eine gänzlich andere gewesen, was die Artenvielfalt angehe. Etwas über diese "völlig fremde, aber doch vertraute Welt" zu erfahren, sei seine Motivation. Und auch wenn er aus wissenschaftlicher Sicht nicht viel von dem Begriff "T-Rex-Leder" hält - wenn das bei manchen dazu führe, sich für Wissenschaft zu interessieren, dann sei das ja positiv.

Dieser Artikel vom 11. Mai 2026 wurde am 12. Juni aktualisiert und um das Ergebnis der Auktion ergänzt.

Author Petra Lambeck
Item URL https://www.dw.com/de/t-rex-ledertasche-aus-dem-labor-versteigerung-abgeblasen/a-76977559?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76966352_607.jpg
Image caption Wirkungsvoll inszeniert: die Dino-Handtasche in Amsterdam
Image source Piroschka van de Wouw/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/76966352_607.jpg&title=T-Rex-Ledertasche%20aus%20dem%20Labor%3A%20Versteigerung%20abgeblasen

Item 15
Id 77490568
Date 2026-06-12
Title GEAS: Geschärftes EU-Recht soll Asylsuchende abschrecken
Short title GEAS: Geschärftes EU-Recht soll Asylsuchende abschrecken
Teaser Der deutsche Innenminister will die Zahl neuer Asylbewerber weiter senken. Dabei helfen soll das reformierte EU-Asylrecht (GEAS), das an diesem Freitag in Kraft trat. Was ist wirklich neu?
Short teaser Das neue EU-Asylrecht soll die Zahl der Bewerber weiter senken. Deutschland will seine Grenzkontrollen beibehalten.
Full text

Nach jahrelanger Vorbereitung trat an diesem Freitag eine der größten Asylrechts-Reformen in Deutschland und der gesamten Europäischen Union in Kraft. Mehr Kontrolle an den Außengrenzen der EU verspricht der zuständige EU-Kommissar für Migration, Magnus Brunner.

Einen Kurswechsel sieht der deutsche Innenminister Alexander Dobrindt. "Die Migrationswende wirkt in Deutschland und sie wirkt auf europäischer Ebene. Wir sind fest entschlossen, dass wir genau diesen Weg auch mit unseren Nachbarländern und Partnerländern weitergehen", sagte Dobrindt (CSU) beim Innenminister-Treffen der Europäischen Union Anfang Juni.

Unter Migrationswende versteht der deutsche Innenminister Grenzkontrollen an den Binnengrenzen zwischen EU-Staaten und die Zurückweisung von Asylsuchenden an den deutschen Grenzen ohne Verfahren. Dies hätte zu sinkenden Bewerberzahlen geführt.

Grenzverfahren sollen als Filter wirken

Das neue "Gemeinsame Europäische Asylsystem" (GEAS) führt eine Vorprüfung von Asylsuchenden an den EU-Außengrenzen ein und beschleunigte grenznahe Verfahren für Menschen, die aus Ländern mit niedrigen Anerkennungsquoten kommen. Das bedeutet, dass Asylsuchende zum Beispiel aus Pakistan, Iran, Russland, der Türkei, Venezuela, Nigeria oder der Demokratischen Republik Kongo künftig in schnelle Grenzverfahren kommen und sie in dieser Zeit in - mehr oder weniger - geschlossenen Lagern bleiben sollen.

In diesen und vielen anderen Staaten liegt die Anerkennungsquote für Asylsuchende laut der EU-Statistikbehörde Eurostat unter 20 Prozent. Nach höchstens 12 Wochen sollen die Menschen nach negativem Asylbescheid in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden. Die Zahl sicherer Herkunftsstaaten soll steigen, damit Asylanträge als offensichtlich unbegründet zurückgewiesen werden können.

Migrationsforscher Knaus ist skeptisch

Ob das so funktionieren wird, bezweifelt der Migrationsexperte Gerald Knaus, Gründer der Denkfabrik "Europäische Stabilitätsinitiative" (ESI). "Diese sogenannten Grenzverfahren, die konnte man immer schon machen in den letzten Jahren. Jetzt sind sie verpflichtend und dann weiß man vielleicht im Idealfall in zwölf Wochen, dass diese Person aus Bangladesch in Italien oder diese Person aus Pakistan in Griechenland keinen Schutz brauchen. Ja, und dann gibt es keine Antwort, was dann passiert", sagt Gerald Knaus.

Abschiebungen in Herkunftsländer blieben schwierig, abgelehnte Asylbewerber würden vermutlich in ein anderes EU-Land weiterziehen, obwohl eigentlich die EU-Länder der ersten Einreise, also Italien, Griechenland und Spanien zuständig seien. "Eigentlich waren die Ankunftsländer immer schon verpflichtet, für die, die bei ihnen ankamen, die Verfahren durchzuführen. Das hat nur nicht geklappt. Warum soll es jetzt klappen? Wir werden es in wenigen Tagen sehen."

Die Mehrheit der Asylbewerber geht nicht in Grenzverfahren

Die größten Gruppen von Asylsuchenden kamen 2025 nach Angaben der EU-Kommission aus Afghanistan und Syrien. Für sie liegt die Anerkennungsquote über 20 Prozent. Diese Menschen kommen also nicht in Grenzverfahren, sondern in reguläre Asylverfahren. Aber auch für diese sind die Ersteinreisestaaten zuständig.

Migrationsforscher Gerald Knaus erwartet, dass diese Menschen "wie bisher ein normales Verfahren haben und weiterhin wohl weiterziehen würden in die Länder, die in den letzten zehn Jahren mehr als die Hälfte aller positiven Asylentscheidungen in der EU getroffen haben. Das waren Deutschland und Österreich, die liegen nicht an der Außengrenze. Also das würde sich nicht ändern."

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt geht davon aus, dass mit den neuen GEAS-Regeln die Rückführung von Asylsuchenden aus Deutschland in andere zuständige Länder der ersten Einreise besser möglich ist. Dobrindt berichtete von entsprechenden Zusicherungen Italiens, Griechenlands und anderer Staaten.

Um diese Ersteinreiseländer zu entlasten, sieht GEAS eine "verpflichtende Solidarität" der übrigen EU-Staaten vor, die Verfahren von Asylsuchenden übernehmen sollen. Wie das in der Praxis funktionieren wird, ist unklar. Die EU-Kommission soll das Verfahren koordinieren. Polen und Ungarn wollen aus Prinzip nicht mitmachen. Deutschland will in diesem Jahr keine Asylsuchenden übernehmen, weil es überlastet sei, heißt es aus dem Innenministerium.

Wirken Grenzkontrollen oder der Machtwechsel in Syrien?

Die Zahl der neuen Asylverfahren, der Erstanträge, sinkt in Europa und in Deutschland seit zwei Jahren deutlich. Dieser Trend setzt sich auch 2026 in den ersten Monaten fort. Das liege an den systematischen Grenzkontrollen, die Deutschland und neun weitere EU-Staaten durchführten, sagt Bundesinnenminister Alexander Dobrindt. "Aktuell ist die Lage: Die Binnengrenzkontrollen, sie wirken. Sie werden flexibel weiter entwickelt, je nach der Funktionsfähigkeit der anderen Entscheidungen, aber es ist ein nach wie vor wichtiges Instrument, um illegale Migration zurückzudrängen." Deshalb müssten die europarechtlich umstrittenen Kontrollen im Schengenraum, der eigentlich Grenzkontrollen verbietet, fortgesetzt werden.

Die EU-Kommission hat Deutschland aufgefordert, die Kontrollen schrittweise abzubauen, jetzt da das neue GEAS-Recht in Kraft trete. Der Innenminister antwortet auf eine Frage der DW: "Ich habe deutlich gemacht, wie notwendig es ist, die Grenzkontrollen jetzt auch aufrecht zu erhalten, damit wir keine falschen Signale in die Welt setzen. Wir haben wirkungsvoll die illegale Migration bekämpft, müssen das aber weiter tun, damit nicht wieder Situationen der Überforderung entstehen können."

Migrationsexperten wie Gerald Knaus von der Europäischen Stabilitätsinitiative bezweifeln, dass die Kontrollen und direkte Zurückweisungen von Asylsuchenden an den EU-Binnengrenzen in Deutschland viel mit dem Rückgang der Bewerberzahlen zu tun haben.

"Wenn jetzt nach dem Sturz von Assad keine Syrer mehr kommen in die EU, weder nach Deutschland noch nach Österreich, noch nach Griechenland, dann fallen die Asylantragszahlen in Deutschland und Österreich dramatisch. Das ist passiert. Das hatte nichts mit dem Innenminister zu tun und hat auch nichts mit GEAS und hat auch nichts mit den Grenzkontrollen zu tun", sagt Gerald Knaus der DW. Seit dem Machtwechsel in Syrien Ende 2024 ist die Zahl der Menschen, die das Land verlassen, stark rückläufig.

Vorbereitungen auf Asylreform nicht "perfekt"

Für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bedeute die Reform eine Menge Arbeit, machte Volker Mäulen, Leiter der Projektgruppe GEAS im BAMF, schon im Februar deutlich. Die Datenverarbeitung und die Arbeitsabläufe müssten an das komplexere Recht angepasst und viele Mitarbeiter geschult werden.

Die EU-Kommission in Brüssel bemängelte kürzlich in einem Bericht, dass Deutschland und Ersteinreiseländer wie Griechenland und Italien in einigen Bereichen die GEAS-Anforderungen noch nicht erfüllen. Die Frage der DW an die Pressestelle des BAMF, ob die Vorbereitungen jetzt abgeschlossen seien, blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

EU-Kommissar Magnus Brunner sagte zum Bericht seiner Behörde, die GEAS-Reform am 12. Juni sei der Anfang des Weges, nicht das Ende. "Am Anfang kann nicht alles perfekt sein."

Rückkehr-Lager für Asylbewerber?

Für Rückführungen von Asylbewerbern aus Deutschland in zuständige EU-Staaten sollen die Bundesländer sogenannte "Rückführungszentren" einrichten. Davon gibt es erst zwei, eines in der norddeutschen Großstadt Hamburg, eines im ostdeutschen Eisenhüttenstadt.

Die Abschiebung von abgelehnten Asylbewerber aus der Europäischen Union soll, so sieht es eine Einigung zwischen den EU-Staaten und dem EU-Parlament vor, irgendwann auch in Drittstaaten möglich sein. Dort sollen sogenannte "Return-Hubs" gebaut werden. Die existieren im Moment nur auf dem Papier.

Willige Partnerländer sollen bis Ende des Jahres identifiziert werden, kündigte Innenminister Dobrindt an. Wann solche Return-Hubs gebaut würden? "Das ist dann noch ein dickes Brett, das gebohrt werden muss", antwortete der Minister.

Author Bernd Riegert (Korrespondent im Hauptstadtstudio)
Item URL https://www.dw.com/de/geas-geschärftes-eu-recht-soll-asylsuchende-abschrecken/a-77490568?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/72474239_607.jpg
Image caption Die Grenzkontrollen zwischen Deutschland und seinen Nachbarstaaten (außer Luxemburg) sollen auch nach der GEAS-Reform weitergehen
Image source Angelika Warmuth/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/jd/jd20260107_DOBRINDT_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/72474239_607.jpg&title=GEAS%3A%20Gesch%C3%A4rftes%20EU-Recht%20soll%20Asylsuchende%20abschrecken

Item 16
Id 77501900
Date 2026-06-11
Title Rüstungsgeschäfte boomen: Goldgräberstimmung auf der ILA
Short title Rüstungsgeschäfte boomen: Goldgräberstimmung auf der ILA
Teaser Die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin bricht in diesem Jahr Rekorde. Das liegt vor allem am Rüstungssektor, dem Kriege und Krisen milliardenschwere Aufträge bescheren.
Short teaser Auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin rückt die Rüstungsindustrie ins Zentrum.
Full text

Wie und wann wird es möglich sein, dass Flugzeuge klimaneutral und ganz ohne Kondensstreifen fliegen? Wie sieht der Rover aus, mit dem europäische Weltraumforscher 2028 ein zwei Meter tiefes Loch in den Mars-Mond Phobos bohren wollen? Auch solche Fragen werden auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) beantwortet, einer der größten Messen dieser Art in Europa.

Von der Krise, in der die zivile Luftfahrt wegen des Iran-Kriegs steckt, ist auf der ILA wenig zu spüren. Weltweit wird über hohe Öl-Preise und Kerosin-Mangel geklagt. Ticketpreise steigen, Flüge fallen aus. Die Messeveranstalter hingegen feiern eine "ILA der Rekorde" wie Michael Schöllhorn, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie bei der Eröffnung sagte.

Kamen 2024 noch 600 Aussteller aus 31 Ländern, sind es in diesem Jahr mehr als 750 Aussteller aus 37 Ländern. "Alle Hallen sind seit November ausgebucht, 300 politische Delegationen aus der ganzen Welt besuchen Berlin", so Schöllhorn.

Militärisches Gerät steht im Mittelpunkt

Im Mittelpunkt steht die Rüstungsindustrie. Neben der Bundeswehr als größtem Aussteller sind alle großen Hersteller prominent vertreten: Ob der Flugzeugbauer Airbus, der deutsche Rüstungsgigant Rheinmetall, die Firma Hensoldt, die auf hochkomplexe Sensorsysteme und Radartechnik spezialisiert ist, oder der europäische Rüstungskonzern MDBA, zu dessen gefragtesten Produkten Lenkflugkörper zählen. Weltweit wird aufgerüstet, in Zeiten von Kriegen und globalen Bedrohungen macht die Branche immer bessere Geschäfte.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf unbemannten Systemen, insbesondere auf Drohnen. Was einst als Freizeitspielzeug begann, ist heute ein milliardenschwerer Industriesektor.

Im "Drone Cage", einem mit Netzen umspannten Käfig, lässt ein Bundeswehr-Soldat eine winzige Beobachtungsdrohne fliegen. Der Name: Black Hornet 4. Sie liefert scharfe Bilder und kann Wärmequellen am Boden entdecken. Die Drohne ist so klein, dass sie nach der Vorführung in Sekundenschnelle in einem Kasten verschwindet, den der Drohnenpilot an einem Band um den Hals trägt.

Autonome Systeme als Schlüsseltechnologie

Demonstrativ "fronttauglich" ist eine größere Drohne, die das deutsch-ukrainische Joint Venture Quantum Frontline Industries präsentiert. Dieses Modell kann bis zu 20 Kilometer weit fliegen und bis zu vier Kilogramm Last tragen. Der Abwurf von Sprengstoff wird mit Plastik-Attrappen demonstriert. Erkennbar sind hier Erfahrungen aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine eingeflossen. Das im Jahr 2015 gegründete Münchner Hightech-Unternehmen Quantum Systems spielt eine wichtige Rolle bei der Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte.

Diese Umbrüche im Rüstungssektor sind auch auf der ILA deutlich zu sehen: Junge, agile Unternehmen haben oft die Nase vorn, wenn es um Drohnentechnologie oder KI-Anwendungen geht - und sind auf der ILA prominent vertreten. Die Rüstungs-Start-Ups Helsing und Stark Defense etwa haben beide bereits große Aufträge der Bundeswehr an Land gezogen - für Einweg-Kampfdrohnen, sogenannte "Loitering Munition". Auf der Messe werben sie für weitere unbemannte Systeme mit autonomen Funktionen, die in Kriegsszenarien der Zukunft eine immer größere Rolle spielen dürften.

Auch zivile Unternehmen wollen profitieren

Dank des stark gestiegenen deutschen Verteidigungsbudgets - in diesem Jahr sollen es 108 Milliarden Euro werden - macht sich auf der diesjährigen ILA Goldgräber-Stimmung breit. Auch Firmen aus ganz anderen Geschäftsfeldern streben danach, ein Stück vom großen Kuchen abzubekommen, vom reichlich vorhandenen Geld für die Rüstung.

Dazu gehört etwa das Traditionsunternehmen Heidelberger Druck, dessen Kerngeschäft die Herstellung von Druckmaschinen ist - und das nun über eine Tochterfirma Systeme zur Drohnenabwehr anbietet. "Wir suchen uns ein zweites Standbein, weil das klassische Druckmaschinen-Geschäft konjunkturellen Schwankungen ausgesetzt ist", sagt Matthias Rößling, Standortleiter der Firma in Brandenburg an der Havel, der DW. "Wir brauchen etwas, um weiter zu wachsen. Und da gibt es eben den Defense-Markt, der in vielen Fällen noch unbearbeitet ist."

Deutsche Rüstungsfirmen fahren die Produktion hoch

Umlagert ist auch der Messestand der Firma Diehl Defence, die dort eine neue Version ihres Luftverteidigungssystems "Iris-T" präsentiert. Das ist nicht nur bei der Bundeswehr im Einsatz, sondern auch international stark nachgefragt. "Wir sind für die nächsten paar Jahre schon gut gebucht", berichtet Harald Buschek, Geschäftsführer für die Programme und Produkte der Firma. Die Zeichen stehen auf Wachstum: Bis zu 1,5 Milliarden Euro investiert das Familien-geführte Unternehmen in den Ausbau seiner Standorte, in neue Hallen und Maschinen.

Neben den zehn Ländern, die bereits Kunden sind, klopften weitere an: "Der Iran-Krieg hat natürlich auch seine Auswirkungen. Auch da haben wir jetzt schon Anrufe erhalten, um in Gespräche einzusteigen", erklärt Buschek. Die militärische Luftverteidigung hat zuletzt wieder stark an Bedeutung gewonnen, also der Schutz des eigenen Territoriums, der Zivilbevölkerung und der kritischen Infrastruktur vor Angriffen aus der Luft.

Bundesregierung präsentiert neue Luftfahrtstrategie

So sieht es auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der sich zudem über gute Geschäfte deutscher Unternehmen freut. In der kriselnden Wirtschaftslage ist die Luftfahrtindustrie die große Ausnahme. Laut Bundeswirtschaftsministerium lag das Wachstum 2025 bei 19 Prozent, die Beschäftigtenzahl stieg auf 130.000. Auf der ILA wirkte Merz sichtbar angetan von Rekordumsätzen und Beschäftigungshöchststand.

"Die Luft- und Raumfahrt ist eine strategische Schlüsselbranche", sagte er nach einem Messerundgang und verwies auf die neue Luftfahrtstrategie der Bundesregierung, die erstmals auch den militärischen Bereich mit einbezieht. "Im Zentrum stehen Wettbewerbsfähigkeit und Innovation. Wir denken dabei Luftverkehr, Luftfahrtindustrie und militärische Luftfahrt zusammen."

35 Milliarden Euro sollen in den kommenden Jahren auch für Verteidigungsanstrengungen im All ausgegeben werden. Er hoffe, dass dem Unternehmen ISAR Aerospace noch im Juni der Start einer Trägerrakete gelinge, so Merz auf der ILA.

Flugverkehr wird zunehmen

Ausdrücklich gestärkt werden soll mit der Strategie aber auch der zivile Luftverkehr. Prognosen sagen im Flugverkehr eine Verdoppelung bis 2050 voraus. "In den kommenden 20 Jahren werden auf der Welt mehr als 40.000 neue Flugzeuge gebraucht", so Merz. Der europäische Konzern Airbus soll davon besonders profitieren.

Dabei pocht der Kanzler gegenüber dem französischen Partner aber darauf, dass sich die wachsenden Investitionen auf deutscher Seite auch bei ‌den Produktionsstandorten niederschlagen müssten: "Das ‌Kurz- und Mittelstreckenflugzeug der nächsten Generation soll wieder in Deutschland mit Programmverantwortung in Hamburg auch gebaut werden", so Merz auf der ILA.

Umweltverbände kritisieren die neue Luftfahrtstrategie als zu einseitig auf Wirtschaftsförderung ausgelegt. Der Klimaschutz gerate ins Hintertreffen. Dabei könnte Airbus in Hamburg theoretisch schon bald Maschinen bauen, die klimaneutral und ohne Kondensstreifen fliegen.

Doch wichtige Voraussetzungen fehlen. "Die Infrastruktur für Wasserstoff-Flieger ist noch nicht vorhanden", so Airbus-Finanzchef Thomas Toepfer auf der ILA. Die erforderlichen Mengen an grünem Wasserstoff seien noch nicht erhältlich. Zudem könnten die Jets an den Flughäfen nicht betankt werden. Toepfer geht davon aus, dass es frühestens Anfang bis Mitte der 2030er-Jahre so weit sein wird. Bei der Umsetzung guter Ideen ist im wahrsten Sinne des Wortes also noch viel Luft nach oben.

Author Sabine Kinkartz, Nina Werkhäuser
Item URL https://www.dw.com/de/rüstungsgeschäfte-boomen-goldgräberstimmung-auf-der-ila/a-77501900?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77502308_607.jpg
Image caption Der Krieg in der Ukraine hat das Luftverteidigungssystem "Iris-T" zu einem begehrten Produkt werden lassen
Image source Sabine Kinkartz/DW
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/jd/jd20250214_InterviewPappergerIns_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/77502308_607.jpg&title=R%C3%BCstungsgesch%C3%A4fte%20boomen%3A%20Goldgr%C3%A4berstimmung%20auf%20der%20ILA

Item 17
Id 77502778
Date 2026-06-11
Title Rassistische Krawalle erschüttern das Vereinigte Königreich
Short title Rassistische Krawalle erschüttern das Vereinigte Königreich
Teaser Nach der brutalen Messerattacke eines Sudanesen in Belfast ist Nordirland in Aufruhr. Es kam zu ausländerfeindlichen Ausschreitungen - auch über Nordirland hinaus. Warum sind die Unruhen so heftig?
Short teaser Nach der brutalen Messerattacke eines Sudanesen ist Nordirland in Aufruhr. Warum sind die Unruhen so heftig?
Full text

Es waren Szenen wie aus einem Bürgerkrieg: Menschenjagden auf den Straßen, in Brand gesteckte Müllcontainer, dicke schwarze Rauchschwaden, die sich über ganze Stadtviertel ausbreiten, ein massives Aufgebot an Sicherheitskräften, das versucht, die Lage in den Griff zu bekommen: Belfast versank am Dienstagabend im Chaos.

In Nordirlands Hauptstadt waren ausländerfeindliche Proteste eskaliert. Hunderte Menschen hatten sich an verschiedenen öffentlichen Plätzen Belfasts zu Protesten versammelt. Die Belfaster Labour-Abgeordnete Claire Hanna sprach sogar von einem "rassistischen Pogrom": Sie habe Männer "von Haus zu Haus gehen und nach Ausländern suchen sehen" - viele von ihnen maskiert, mehrere hätten Brände gelegt - auch in Häusern, in denen migrantische Familien mit Kindern wohnten.

Am Mittwoch verhinderte ein massives Aufgebot an Sicherheitskräften eine Wiederholung in Belfast. In anderen Städten des Vereinigten Königreiches kam es aber zu Protestmärschen und Ausschreitungen. Auch dabei sollen gezielt Menschen wegen ihrer Hautfarbe angegriffen worden sein, berichtete etwa der Scottish Daily Express.

Auslöser der Unruhen war ein Video über einen brutalen Messerangriff, das in den Sozialen Netzwerken kursierte. Zu sehen war dort, wie ein Täter einen am Boden liegenden, blutüberströmten Mann mehrfach mit einem Messer attackierte und offenbar versuchte, ihm die Kehle durchzuschneiden, bevor er von drei Männern überwältigt werden konnte. Das Opfer wurde lebensgefährlich verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Polizeiangaben zufolge war der Angreifer ein 30-jähriger Sudanese mit legalem Aufenthaltsstatus im Vereinigten Königreich.

Rechte Scharfmacher in sozialen Netzwerken

Nordirlands Regierungschefin Michelle O'Neill und Premierminister Keir Starmer verurteilten die Gewalt scharf und kündigten ein hartes Vorgehen gegen die Verantwortlichen an. Scharfe Kritik äußerten sie jedoch auch an verschiedenen Sozialen Medien.

Tatsächlich waren den Ausschreitungen zahlreiche Posts - etwa auf X oder Telegram - vorangegangen, die die ohnehin aggressive Stimmung weiter anheizten. So hatte unter anderem der in Großbritannien mehrfach verurteilte Rechtsextremist Stephen Yaxley-Lennon, der sich selbst "Tommy Robinson" nennt, die Menschen zu Massenprotesten in ganz Großbritannien aufgefordert; X-Chef Elon Musk hatte seinen Post retweetet.

Aber auch andere Rechtsextremisten, insbesondere aus Großbritannien und den USA, riefen zu wiederholten und anhaltenden Protestmärschen gegen die britische Migrationspolitik auf.

Erinnerungen an Southport

Die Vorfälle in Belfast wecken Erinnerungen an den Sommer 2024, schon damals hatten ausländerfeindliche Ausschreitungen das Vereinigte Königreich über Tage in Atem gehalten. Zuvor waren in der britischen Küstenstadt Southport drei junge Mädchen bei einem Messerangriff getötet worden.

Damals hatten Falschinformationen über den Täter landesweite rassistische Ausschreitungen ausgelöst. Bekannte Rechtsextremisten - darunter auch "Tommy Robinson" - hatten auch dort Plattformen wie X und Telegram genutzt, um die rassistische Stimmung systematisch anzuheizen.

Nordirland: Lange Tradition des Straßenkampfes

Gerade in Nordirland trifft der aktuelle Migrationskonflikt dabei auf eine historisch gewachsene, tief verwurzelte Dynamik der Straßengewalt. Beobachtern zufolge kam es am Dienstag in den ehemals protestantisch-loyalistischen Vierteln Belfasts zu den heftigsten Krawallen. In den Zeiten des Nordirlandkonfliktes tobten hier die schwersten Straßenschlachten zwischen pro-britischen Protestanten und pro-irischen Katholiken.

Zwar gilt der Nordirlandkonflikt seit Aushandlung des Karfreitagsabkommens als politisch beigelegt. Doch viele - vor allem junge - Nordiren fühlen sich seitdem vernachlässigt und von der Politik in London vergessen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Perspektivlosigkeit groß. Seit dem Brexit fürchten viele protestantische Nordiren zudem eine schleichende Abkopplung vom Rest des Vereinigten Königreichs. Die Logistik für gewaltsame Unruhen (wie der Bau von Barrikaden oder der Einsatz von Molotowcocktails) ist in diesen Strukturen seit Jahrzehnten vorhanden und im Zweifel schnell abrufbar.

Großer Frust in strukturschwachen Regionen

Doch auch in anderen Landesteilen des Vereinigten Königreiches treffen rassistische Ressentiments auf fruchtbaren Boden. Nach den Morden in Southport 2024 waren die heftigsten Krawalle in Sunderland, Middlesbrough oder Hull ausgebrochen - allesamt ehemalige, sich mittlerweile im Niedergang befindliche Industriestädte im Norden Englands. Hohe Inflationsraten, stagnierende Löhne und kaputtgesparte öffentliche Dienste wie das Gesundheitssystem NHS haben hier die Existenzängste vor allem der weißen Arbeiterschicht massiv verstärkt.

Aktuell haben die Unruhen neben einigen schottischen Regionen unter anderem auch das englische Southampton erfasst - eine Stadt, in der 18 Stadtbezirke zu den ärmsten zehn Prozent des gesamten Landes gehören. Hier hatte erst in der vergangenen Woche ein schwerer Polizeifehler in einem Mordfall für heftige Empörung und eine hitzige Debatte über Rassismus und Migration gesorgt.

Jahrelange sprachliche Verrohung in der Politik

Dabei wurde ebendiese Migrationsdebatte in der britischen Politik schon über Jahre hinweg extrem scharf geführt. "Stop the boats" war ein gängiger Slogan des konservativen Ex-Premiers Rishi Sunak. Mit ihm wollte seine Regierung die irreguläre Migration über den Ärmelkanal unterbinden. Auch das umstrittene, mittlerweile gescheiterte Abschiebeabkommen mit Ruanda geht auf seine Initiative zurück.

Rechtspopulistische Politiker wie Nigel Farage von der nationalistischen Partei "Reform UK" sorgten mit ihren Reden zusätzlich dafür, dass sich ausländerfeindliche Narrative in den vergangenen Jahren immer mehr im Mainstream verankern konnten.

Vielen Briten wurde zudem versprochen, mit dem Brexit die Kontrolle über die eigenen Landesgrenzen zurückzuerlangen. Doch die Zuwanderung blieb weiter hoch - und führte bei Teilen der Bevölkerung zu tiefer Enttäuschung und dem Gefühl, der Staat habe versagt.

Londoner "Null-Toleranz-Politik"

Um die rassistischen Ausschreitungen wieder einzudämmen, verfolgt die britische Regierung unter Keir Starmer eine repressive Null-Toleranz-Strategie. Starmer kündigte an, dass Randalierer "die volle Härte des Gesetzes" zu spüren bekommen. Um die Flut an Festnahmen zu bewältigen, hat das Justizministerium kurzfristig über 500 neue Gefängnisplätze freigemacht, damit Täter im Schnellverfahren inhaftiert werden können.

Noch ist jedoch unklar, wie schnell die Lage dieses Mal beruhigt werden kann. Nach den Ausschreitungen von 2024 hatte es mehrere Tage gedauert, bis die Unruhen abgeklungen waren.

Author Thomas Latschan
Item URL https://www.dw.com/de/rassistische-krawalle-erschüttern-das-vereinigte-königreich/a-77502778?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77491112_607.jpg
Image caption Brennende Straßenzüge in Belfast: Am Dienstagabend eskalierten in Nordirlands Hauptstadt ausländerfeindliche Proteste
Image source PA/AP Photo/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77491112_607.jpg&title=Rassistische%20Krawalle%20ersch%C3%BCttern%20das%20Vereinigte%20K%C3%B6nigreich

Item 18
Id 77490727
Date 2026-06-11
Title Wie die ukrainische Sprache russische Verbote überlebte
Short title Wie die ukrainische Sprache russische Verbote überlebte
Teaser Vor 150 Jahren unterschrieb der russische Zar Alexander II. den Emser Erlass. Er verhängte damit strenge Verbote für die ukrainische Sprache und Kultur. Welche Bedeutung hat der Erlass für die ukrainische Gegenwart?
Short teaser Vor 150 Jahren unterschrieb Zar Alexander II. den Emser Erlass. Welche Bedeutung hat er für die ukrainische Gegenwart?
Full text

Kurorte haben in der Weltgeschichte schon bedeutende Rollen gespielt, wie das belgische Spa oder das österreichische Bad Ischl. Aber kein anderer Kurort hat sich so fest im ukrainischen Nationalbewusstsein verankert wie das deutsche Bad Ems.

Dort weilte der russische Zar Alexander II. höchstpersönlich als Kurgast und unterzeichnete vor 150 Jahren - am 30. Mai 1876 - den Emser Erlass. Er verbot den ukrainischen Buchdruck und die Einfuhr ukrainischer Bücher aus dem Ausland nahezu vollständig und unterwarf die ukrainische Kultur in all ihren Erscheinungsformen drakonischen Beschränkungen.

Dem Erlass war 1863 ein geheimes Rundschreiben des Innenministers Pjotr Walujew vorangegangen, in dem dieser behauptete, dass es eine eigene "kleinrussische" Sprache, womit er das Ukrainische meinte, "nicht gegeben hat, nicht gibt und nicht geben kann". Wie aus einem Dokument einer vom Zaren beauftragten Kommission hervorgeht, sollte mit den Verboten verhindert werden, "dass eine Grundlage für die Überzeugung entsteht, dass sich die Ukraine, selbst in ferner Zukunft, von Russland abspalten kann".

Michael Moser, Slawistik-Professor an der Universität Wien, stellt fest, dass "in einer Zeit, in der zahlreiche erfolgreiche europäische Sprachen zu Standardsprachen ausgebaut wurden, man im Mai 1876 mitten im schönen Bad Ems alles unternahm, um die Entwicklung der ukrainischen Sprache zu unterbinden, gar abzutöten". Der deutsche Historiker und emeritierte Professor an der Universität zu Köln, Gerhard Simon, schildert die damalige Sichtweise: "Das "Ukrainertum" galt als eine Variante des "Russentums" und als eine Bedrohung der staatlichen und kulturellen Einheit des Zarenreiches".

Theateraufführung trotz Verbot

In der ukrainischen Geschichtsschreibung werden die ersten Jahre nach dem Erlass als "tote Jahre" bezeichnet. Die einflussreiche Zeitung "Kyjiwer Telegraf" wurde eingestellt, viele Intellektuelle und andere Menschen, die in Kunst und Kultur tätig waren, mussten in Richtung Westen emigrieren.

Nach der Ermordung von Zar Alexander II. durch Mitglieder der russischen revolutionären Geheimgesellschaft "Volkswille" im Jahr 1881 eröffnete sich für die Ukrainer im Russischen Reich ein einzigartiges Zeitfenster. Während sich die Machthaber in St. Petersburg in Aufruhr befanden, rief Pawlo Schytezkyj, ein bekannter ukrainischer Philologe und Ethnograf dazu auf, die ukrainische Kultur durch das Theater wiederzubeleben.

Genau das tat der Dramatiker Marko Kropywnyzkyj. Nur wenige Monate nach der Ermordung des Zaren stellte er sich direkt gegen die Machthaber und gründete im damaligen Jelisawetgrad eines der allerersten professionellen ukrainischen Theater und besetzte es mit bekannten Persönlichkeiten. Heute trägt die Stadt seinen Namen - Kropywnyzkyj.

Obwohl der Emser Erlass formell bis 1905 in Kraft war, gilt der 27. Oktober 1882 als der Tag, mit dem der Erlass hinfällig wurde. Denn da fand in Jelisawetgrad unter Leitung von Marko Kropywnyzkyj die Premiere des Dramas "Natalka Poltawka" des Schriftstellers Iwan Kotljarewskyj vor ausverkauftem Haus statt. Das Stück ist zu einem Klassiker des ukrainischen Theaters geworden.

"Das Theater war der Zweig der ukrainischen Kultur im 19. Jahrhundert, der wirklich das ganze Volk erreichte", sagt Gerhard Simon und fügt hinzu: "Es war zu Beginn ein Laientheater und deswegen auf dem Dorf zu Hause. Von dort aus hat es sich weiter professionalisiert, aber es war immer ein Teil der Volkskultur. Deswegen sind Theateraufführungen, vor allem auch das Theaterspiel von Laien, so wichtig für die Entwicklung der Kultur insgesamt in der Ukraine."

In jenen Jahren blühte die Kreativität auf. Es entstanden "goldene Klassiker" des ukrainischen Dramas, wo Themen der kulturellen Assimilation im Russischen Reich humorvoll behandelt wurden. Neue Namen hielten Einzug in die Literatur, darunter Lesja Ukrajinka, Mychajlo Kozjubynskyj und viele andere. Paradoxerweise waren es die Repressionen des zaristischen Regimes, die laut Gerhard Simon zum eigentlichen "Motor der ukrainischen Nationenbildung" wurden. Forschern zufolge gab es nach dem Emser Erlass noch Dutzende weitere Versuche, die ukrainische Sprache einzuschränken.

Rückgriff auf zaristische Narrative

Heute verbreitet das Regime von Wladimir Putin wieder die alten Narrative aus der Zeit der Zaren über eine "historische Einheit von Russen und Ukrainern". Russlands Krieg gegen die Ukraine geht mit einem Angriff auf die ukrainische Sprache, Kultur und Identität in den besetzten Gebieten einher. "Der Emser Erlass ist nicht Geschichte. Wir kämpfen noch immer dafür, Ukrainisch zu sprechen und Bücher auf Ukrainisch zu lesen, damit diese Kultur nicht zerstört wird", sagt die Ukrainerin Iryna Schmylichowska aus Köln gegenüber der DW.

Nadia Halaburda vom Verband Ukrainischer Frauen in Deutschland meint, Russlands Vorgehen werde nur zur Stärkung der ukrainischen Identität und des ukrainischen Volkes führen. "Letztendlich hat dies bereits zweimal zum Zusammenbruch des Russischen Reiches geführt. Möglicherweise wird dies auch ein drittes Mal geschehen", sagt sie im DW-Gespräch.

Vermutlich hätte sich Zar Alexander II. sehr gewundert, dass heute sogar junge Deutsche die ukrainische Sprache erlernen. Ukrainisch-Kurse haben in Deutschland in den letzten Jahren stark zugenommen. Laut dem Statistischen Bundesamt studieren derzeit über 1250 Studierende Slawistik, darunter auch Ukrainisch. Einer dieser Studierenden ist Jasper Medenwald, der seine Abschlussarbeit über russische Propaganda schrieb. "Es ist zum Scheitern verurteilt, die Ukraine und die ukrainische Sprache zu unterdrücken, weil sie immer ihren Weg finden wird", betont er gegenüber der DW.

Bad Ems solidarisch mit der Ukraine

Solidarisch mit der Ukraine zeigt sich auch die Stadtverwaltung von Bad Ems, wo 2005 eine Büste von Zar Alexander II. aufgestellt wurde. Aufgrund seines Erlasses hatte diese malerische Stadt einst keinen guten Ruf unter vielen Ukrainern, da viele Besucher sie mit dem Erbe des russischen Imperialismus verbanden. Doch die Zeiten ändern sich.

Wie Frank Ackermann, Erster Beigeordneter der Stadt Bad Ems, gegenüber der DW versicherte, wird der Stadtrat dazu beitragen, dass die Gedenktafel an dem Gebäude, in dem der Erlass unterzeichnet wurde, erhalten bleibt. Bei einem Großbrand des historischen "Vier-Türme-Hauses" vor zwei Jahren wurden der Dachstuhl und die markanten vier Ecktürme des barocken UNESCO-Welterbes zerstört. Teile des Gebäudes, das sich zu diesem Zeitpunkt im Umbau zu einem Hotel befand, werden derzeit rekonstruiert.

Man sei auch bereit, eine Städtepartnerschaft mit einer ukrainischen Stadt, beispielsweise Kropywnyzkyj, zu prüfen. "Die Idee ist noch nicht an uns, an die Stadt herangetragen worden. Aber dieses Interview hier mit der DW bringt uns zu der Idee. Vielleicht kann man Kontakte knüpfen und darüber nachdenken. Warum nicht?", so Ackermann.

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

Author Dmytro Kaniewski
Item URL https://www.dw.com/de/wie-die-ukrainische-sprache-russische-verbote-überlebte/a-77490727?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77366507_607.jpg
Image caption Büste von Zar Alexander II. in Bad Ems
Image source D. Kaniewski/DW
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/jd/jd20260210_UkraineJugendorchester_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/77366507_607.jpg&title=Wie%20die%20ukrainische%20Sprache%20russische%20Verbote%20%C3%BCberlebte

Item 19
Id 77500935
Date 2026-06-11
Title Skulptur einer Sexpuppe als Symbol der Kunstfreiheit
Short title Skulptur einer Sexpuppe als Symbol der Kunstfreiheit
Teaser Schloss Bellevue wird vor seiner Renovierung zur Kunstgalerie: "Freiraum Kunst" zeigt im Amtssitz des deutschen Bundespräsidenten zeitgenössische Werke. Eine provokative Skulptur sorgt für Aufsehen.
Short teaser Vor seiner Renovierung wird Schloss Bellevue zur Kunstgalerie für zeitgenössische Werke - Provokation inklusive.
Full text

Der Abguss aus grüner Bronze bildet den Torso einer japanischen Sexpuppe nach und bietet sich Betrachtern in anzüglicher Pose dar. Die Skulptur von Alexandra Bircken mit dem Titel "Eva" konfrontiert die Besucher mit Fragen zu Körper, Geschlecht, Sexualität und der Objektifizierung von Frauen.

Die Tatsache, dass ein intimes Thema im formellen Rahmen eines Staatspalastes, in diesem Fall dem Amtssitz des deutschen Bundespräsidenten, ausgestellt wird, erzeugt Spannung und wirft Fragen zur Darstellung und Kontrolle von Körpern in der Gesellschaft auf. "Eva" hat bereits medial Aufsehen erregt, ist aber nur eines von vielen zeitgenössischen Kunstwerken, die vom 13. bis 28. Juni im Schloss Bellevue zu sehen sind.

"Wir brauchen Kunst," sagte Bundespräsident und Schirmherr Frank-Walter Steinmeier bei einer Pressebegehung der Schau. "Eine Demokratie ohne freie Kunst verliert die Fähigkeit zur Selbstkritik. Und eine Kunst ohne Freiheit verliert ihre gesellschaftliche Relevanz." Die Kunstfreiheit ist im deutschen Grundgesetz verankert.

Ausstellung zu Steinmeiers Abschied aus Bellevue

Die Ausstellung sei ihm wichtig, weil die Bedeutung von Kunst und Kultur für die Gesellschaft inmitten der aktuellen schwierigen Debatten etwas in den Hintergrund zu geraten scheine, sagte Steinmeier. "Das schmerzt die Kulturschaffenden, aber das schmerzt auch jemanden wie mich, den Literatur, Theater, Film und vor allem Jazz sein Leben lang begleiten."

Die von der Akademie der Künste organisierte Pop-Up-Ausstellung markiert auch Steinmeiers Abschied vom Schloss Bellevue. Das Berliner Gebäude wurde im Vorfeld seiner bevorstehenden Schließung weitgehend geräumt. Es soll nun acht Jahre lang renoviert werden. Da Steinmeiers zweite und letzte Amtszeit im kommenden Jahr endet, wird er nicht mehr in die Residenz zurückkehren und für den Rest der Zeit in einem Ausweichquartier in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs residieren.

Kunst als Denkanstoß

Jetzt residiert also kurzzeitig zeitgenössische Kunst im Bellevue. Christian Awes großformatige Installation mit dem Wort "Freiraum" auf dem Dach des Palastes weist als übergreifendes Statement zur künstlerischen Freiheit den Weg zur Ausstellung. Drinnen sind Video- und Audioinstallationen, Fotografien sowie traditionelle Ölgemälde zu sehen. Sie sollen zum Nachdenken über Demokratie, Repräsentation, Macht und das öffentliche Leben anregen.

Im Foyer hört man ein sich ständig wiederholendes "Hallo". Es stammt aus einer Performance des Künstlers Jochen Gerz aus dem Jahr 1972 mit dem Titel "Rufen bis zur Erschöpfung". In dieser Performance rief der Künstler wiederholt sein "Hallo" ins Leere, bis seine Stimme versagte. Das Werk lässt sich als Kommentar zu den Grenzen des sich Gehörverschaffens interpretieren, insbesondere in einer Zeit, in der soziale Medien das ständige Streben nach Aufmerksamkeit fördern. In einem demokratischen Kontext wächst die Frustration, wenn die Rufe der Bürger ungehört bleiben, und dies kann zu einem Gefühl gesellschaftlicher Erschöpfung führen.

Ein Gemälde des Streetart-Künstlers El Bocho am Eingang mit dem Titel "Die Bundespräsidentin" zeigt eine junge Frau als repräsentatives Staatsoberhaupt Deutschlands.

"SOS" aus dem Amtssitz des Bundespräsidenten

Steinmeier selbst ist auch permanent anwesend - als Miniatur. Die Künstlerin Karin Sander hat mit dem 3-D-Drucker eine Skulptur des Präsidenten im Maßstab 1:5 geschaffen. 36 Zentimeter hoch, steht sie auf einem Sockel im Langhanssaal, dort, wo sonst zum Beispiel die Neujahrsempfänge stattfinden.

Nachts wird eine Lichtinstallation des Künstlers Bjørn Melhus für die Dauer der Ausstellung jede Nacht drei Stunden lang durch die Fenster des Obergeschosses mit Lichtsignalen den international bekannten Morse-Hilferuf SOS senden. "Das kann man natürlich so interpretieren, wie man möchte", sagte der Vizepräsident der Akademie der Künste, Anh-Linh Ngo.

Die Ausstellung umfasst zudem Werke bekannter Künstlerinnen und Künstler wie Katharina Grosse, Wolfgang Tillmans und Monica Bonvicini.

Schloss Bellevue ist seit 1994 erster Amtssitz des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Das 1786 im Berliner Tiergarten errichtete klassizistische Gebäude gehört zu den ältesten erhaltenen Schlossbauten der Stadt. Normalerweise ist es für die Öffentlichkeit nicht frei zugänglich, weshalb die Ausstellung auch als seltene Gelegenheit gilt, einen Blick ins Innere zu werfen.

Derzeit sind alle 35.000 Gratistickets vergriffen, schon kurz nach der Freischaltung im Mai war das Interesse so groß, dass der Server kurzzeitig unter dem Ansturm zusammenbrach. Es können aber aufgrund von Stornierungen noch kurzfristig Kontingente frei werden, schreibt die Akademie der Künste auf ihrer Website.

Author Elizabeth Grenier (dpa)
Item URL https://www.dw.com/de/skulptur-einer-sexpuppe-als-symbol-der-kunstfreiheit/a-77500935?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77492549_607.jpg
Image caption Bundespräsident, geschrumpft: Frank-Walter Steinmeier aus dem 3-D-Drucker im Maßstab 1:5 ist derzeit im Schloss Bellevue zu sehen
Image source Markus Schreiber/AP Photo/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77492549_607.jpg&title=Skulptur%20einer%20Sexpuppe%20als%20Symbol%20der%20Kunstfreiheit

Item 20
Id 77501290
Date 2026-06-11
Title Ukraine-Krieg: Ökonomen sehen Russlands Wirtschaft am Ende
Short title Ukraine-Krieg: Ökonomen sehen Russlands Wirtschaft am Ende
Teaser Mehr als vier Jahre nach Beginn des Angriffskriegs in der Ukraine steht die russische Wirtschaft nach einer Studie vor dem Kollaps. Zudem steigt nach Angaben von Experten Russlands Abhängigkeit von China.
Short teaser Die Reserven gehen zur Neige und Russlands Abhängigkeit von China steigt - das zeigt eine internationale Studie.
Full text

Die Regierung in Moskau habe ihre Geldreserven fast vollständig verbraucht - Russlands Wirtschaft stehe im "Endstadium", heißt es in einer Untersuchung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) und des Stockholmer Institute of Transition Economics. "In den ersten Jahren des Kriegs gegen die Ukraine hat sich die russische Wirtschaft als widerstandsfähiger erwiesen, als viele erwartet hatten, doch nun sind die Reserven aufgebraucht", erläutert der Präsident des Kieler IfW, Moritz Schularick.

Kein Wirtschaftswachstum

Das Wirtschaftswachstum sei zum Stillstand gekommen, während die Abhängigkeit von China wachse. Höhere Ölpreise durch den Krieg am Persischen Golf dürften hingegen wohl nur vorübergehende Effekte haben, so Schularick.

Der "Kiel Report" stellt fest: Die liquiden Vermögenswerte des russischen Staatsfonds seien von 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - also des Gesamtwerts aller erwirtschafteten Waren und Dienstleistungen - zu Kriegsbeginn auf nur noch 1,8 Prozent im April 2026 geschrumpft. Gleichzeitig habe das Defizit des Bundeshaushalts bereits in den ersten drei Monaten das für das gesamte Jahr angestrebte Ziel der Regierung unter Präsident Wladimir Putin überschritten. Zudem brachen die Öl- und Gaseinnahmen im ersten Quartal dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 45 Prozent ein.

Extremer Arbeitskräftemangel

Der Studie ‌zufolge steht Russland aber nicht nur vor finanziellen Herausforderungen. "Die grundlegende Einschränkung, mit ‌der Russland heute konfrontiert ist, ist nicht der Zugang zu Geld, sondern der Zugang zu Arbeitskräften, Technologie und Produktionskapazitäten", fügt ‌Co-Autor Matthew ​Klein hinzu.

Die Regierung in Moskau könne zwar zusätzliche finanzielle Ressourcen mobilisieren. Doch angesichts eines Arbeitskräftemangels auf Rekordniveau und der internationalen Sanktionen berge eine höhere Ausgabenpolitik zunehmend das Risiko, Inflation zu erzeugen, anstatt die militärische Leistungsfähigkeit Russlands zu steigern.

China gewinnt immer mehr an Einfluss

Zudem steigt laut dem Bericht Russlands Abhängigkeit von China. Die Volksrepublik bestreite inzwischen rund 35 Prozent des gesamten russischen Außenhandels. China liefere den überwiegenden Teil der kritischen - also der zivil und militärisch nutzbaren - Güter, sowie der militärisch relevanten Komponenten, die noch ins Land gelangten. Das Land trage zu etwa drei Vierteln des Anstiegs russischer Importe sanktionierter, kritischer Militärkomponenten seit 2022 bei.

Co-Autorin ⁠Alicia Garcia-Herrero weist darauf hin: "Russland ​hat einen wirtschaftlichen Rettungsanker erhalten, aber China hat an Einfluss gewonnen." Moskau sei in den Bereichen ​Handel, Technologie und Finanzen zunehmend von Peking abhängig, "während China weiterhin frei ist, die Bedingungen der Beziehung zu diktieren".

Studie sieht Fenster für wirksamere politische Maßnahmen des Westens

Die Autorinnen und Autoren des "Kiel Reports" sehen in Russlands wachsender wirtschaftlicher "Verwundbarkeit" eine Chance für die westlichen Länder, politisch wirksamer zu handeln. "Dazu gehören ‌erneute Bemühungen, Russlands sogenannte Schattenflotte einzuschränken", sagt Co-Autor Torbjörn Becker.

Außerdem regen die Experten strengere Exportkontrollen - insbesondere in Bezug auf chinesische Lieferanten - sowie neue Maßnahmen zur Verringerung der russischen Exporteinnahmen an.

"Ukraine-Unterstützungszoll"

Das IfW in Kiel schlägt zudem einen Strafzoll auf den verbliebenen Handel zwischen der ​Europäischen Union und Russland vor. Mit den Einnahmen daraus ⁠solle die Ukraine unterstützt und der Druck auf die Regierung in Moskau erhöht werden.

Ein solcher "Ukraine-Unterstützungszoll" könne jährlich zwischen elf und 16 Milliarden Euro einbringen. "Die zentrale ⁠Idee ist ganz einfach: Solange Handel mit Russland stattfindet, sollte Europa ihn zur Unterstützung der Ukraine nutzen", erklärte der Leiter der Forschungsgruppe Handelspolitik am IfW, Julian Hinz.

Vorgeschlagen wird, diesen Handel mit Zollsätzen von 30 bis 50 Prozent zu belasten. Ein Importzoll auf EU-Einfuhren aus Russland könne mit einer Abgabe auf EU-Exporte nach Russland ergänzt werden. Im vergangenen Jahr belief sich der Handel zwischen beiden Seiten auf 57,2 Milliarden Euro.

Die russischen Streitkräfte begannen ihren Angriffskrieg im Februar 2022. Ein Ende ist nicht abzusehen. Russland hält einschließlich der bereits 2014 völkerrechtswidrig annektierten Halbinsel Krim knapp ein Fünftel der Ukraine besetzt.

se/AR (rtr, dpa, Kiel Institut)

Item URL https://www.dw.com/de/ukraine-krieg-ökonomen-sehen-russlands-wirtschaft-am-ende/a-77501290?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/71972449_607.jpg
Image caption Das russische Machtzentrum: der Kreml in Moskau
Image source Bai Xueqi/Xinhua/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/71972449_607.jpg&title=Ukraine-Krieg%3A%20%C3%96konomen%20sehen%20Russlands%20Wirtschaft%20am%20Ende

Item 21
Id 77478242
Date 2026-06-11
Title Sahel: Juntas lassen keinen Raum für kritische Stimmen
Short title Sahel: Juntas lassen keinen Raum für kritische Stimmen
Teaser In den Sahelländern Mali, Burkina Faso und Niger regieren Militärherrscher zunehmend gegen das Volk. Die Presse- und Meinungsfreiheit ist stark eingeschränkt, Kritikern drohen Gefängnisstrafen.
Short teaser Freie Meinungsäußerung ist in Mali, Burkina Faso und Niger gefährlich - die Juntas unterdrücken kritische Stimmen.
Full text

"Es ist repressiver geworden. Es ist nicht mehr so einfach, sich auszudrücken", sagt Ulf Laessing, Direktor des Sahel-Programms der Konrad-Adenauer-Stiftung in Mali*. Die Menschen seien vorsichtiger geworden. "Das ist ganz klar ein Kritikpunkt an der Regierung", sagt er zur DW.

In Mali hatte sich General Assimi Goïta durch zwei Militärputsche 2020 und 2021 an die Macht gebracht und das Land sukzessive unter Militärherrschaft gestellt. 2025 verabschiedete der Nationale Übergangsrat einen Gesetzesentwurf, der Goitas Herrschaft für weitere fünf Jahre sichert.

"Islamistischer Terror kaum zu stoppen"

Anfangs hatte sich laut Laessing in einigen Teilen von Mali die instabile Sicherheitslage etwas verbessert, Bauern konnten sogar auf ihre Felder zurückkehren. Das sei heute nicht mehr der Fall. Der Gefahr des Terrors könne Mali kaum entgehen: Dschihadisten kontrollierten inzwischen weite Teile des Landes. "Es wird, glaube ich, keiner Regierung gelingen, die Gebiete zurückzuerobern. Selbst wenn es wieder Putsche gäbe oder irgendwann eine gewählte Regierung", sieht er wenig Chancen, das Land zu befrieden.

Was Laessing als positiv bewertet: Die Menschen in Bamako wollen seiner Ansicht nach weder das islamische Recht Scharia noch die Islamisten. Für Proteste gegen die Regierung hätte es genügend Gründe gegeben, trotz der Gefahren und der Repression. Aber die Leute wüssten genau: "Wenn diese Regierung geht, wird die nächste islamistischer sein. Und das wollen die Menschen nicht."

Burkina Faso: "Zum Schweigen gezwungen"

Auch in den anderen beiden Ländern der 2023 gegründeten Sahel-Allianz (AES) - Burkina Faso und Niger- regieren Militärherrscher mit harter Hand: Freie Meinungsäußerung und demokratische Bestrebungen werden massiv eingeschränkt.

"Im Fall von Burkina Faso würde ich sagen, dass der öffentliche Raum überhaupt nicht mehr existiert", sagt die burkinische Menschenrechtsaktivistin Binta Sidibe-Gascon zur DW. "Alle werden zum Schweigen gezwungen und zur Selbstzensur gedrängt. Jeder, der es wagt, sich zur nationalen Lage zu äußern, wird an die Front geschickt."

Sidibe-Gascon ist Präsidentin der NGO Observatoire Kisal sowie Mitglied der Bürgerkoalition für den Sahel, ein Bündnis, das die Zivilgesellschaft im Sahel stärken will. Sie selbst lebt in der Diaspora.

Dialog mit der Regierung nicht möglich

Die Regierung hält Sidibe-Gascon für nicht dialogbereit. Der burkinische Präsident, Hauptmann Ibrahim Traoré, putschte sich im September 2022 an die Macht - und versprach den Burkinern, die Sicherheit im Land wieder herzustellen.

Wenig ist davon sichtbar. "Alle Rechte der Burkiner sind heute beschlagnahmt und liegen in den Händen eines einzelnen Mannes, der entscheidet. Bürgerrechte, Menschenrechte, Eigentumsrechte, überhaupt das Recht auf Leben. Die Todesstrafe ist wieder eingeführt. Das ist in Burkina Faso ein Rückschritt", sagt Sidibe-Gascon.

Was Junta-Chef Traoré von diesen demokratischen Grundrechten hält, wurde spätestens Anfang April deutlich, als er im Staatsfernsehen sagte: "Die Menschen müssen das Thema Demokratie vergessen." Traoré führte weiter aus: "Wenn ein Afrikaner dir von Demokratie erzählen will, solltest du weglaufen. Demokratie tötet."

Auch die Pressefreiheit ist Burkina Faso stark eingeschränkt: Die Fälle von Einschüchterung von Medienschaffenden haben laut "Reporter ohne Grenzen" in den vergangenen Jahren zugenommen, ein Dutzend Journalisten wurden ins Exil gezwungen. "Die regierende Junta hat auch ausländischen, hauptsächlich französischen, Medien einen Maulkorb verpasst", schreibt die Organisation. 2024 wurden mindestens zehn von ihnen, darunter Jeune Afrique, die Deutsche Welle und The Guardian, für einen bestimmten Zeitraum oder bis auf Weiteres suspendiert.

Ein Beispiel dafür, wie hart das Militärregime vorgeht, ist die Verhaftung am 26. Mai von Imam Mohamed Ishaq Kindo, ein prominenter sunnitischer Religionsführer. Der Imam soll ein Gesetz kritisiert haben, das religiöse Praktiken, einschließlich Gebete an öffentlichen Orten, regulieren soll. Die Festnahme löste seltene Unruhen in der Hauptstadt Ouagadougou aus. Hunderte von Anhängern forderten Kindos Freilassung, gerieten mit Polizeikräfte aneinander, Dutzende wurden verhaftet.

Strategie der Angst

Für den im Exil lebenden burkinischen Journalisten Newton Ahmed Barry sind diese Ereignisse eine Strategie der Angst: "Es ist die Logik dieser Junta und ihres Anführers: Je mehr Menschen Angst haben, desto mehr kaufen sie sich Ruhe. Die Wahrheit ist also: Sie versetzen alle in Angst und Schrecken, um sie unter ihrer Kontrolle zu haben und so in Frieden herrschen zu können."

Ein weiteres Signal für Repression ist die dreimonatige Suspendierung der Allgemeinen Studentenunion von Burkina Faso (UGEB). Ihr Präsident und mehrere Mitglieder wurden verhaftet. Die Gewerkschaft hatte die Sicherheitslage kritisiert. Nun wird die Organisation beschuldigt, "Terrorismus zu verherrlichen" und die "Sicherheitskräfte zu demoralisieren".

Mahamadou Idder Alghabid, stellvertretender Generalsekretär der Allianz der Sahel-Demokraten (ADS), sieht in den Anschuldigungen Teil eines regionalen Trends: "Es ist absurd, Studenten, unbewaffnete Zivilisten, der Verherrlichung von Terrorismus zu beschuldigen. Aber das ist im Sahel ein altbekanntes Muster", sagt er der DW.

Anfangs hätte seiner Meinung nach die "Propaganda" der Juntas funktioniert, da sie Konzepte präsentierten, nach denen sich Afrikaner sehnen würden: Themen wie Souveränität und "Kampf gegen den Imperialismus". "Doch heute haben sich all diese Versprechen an die Sahelbewohner, egal ob sie aus Burkina Faso, Niger oder Mali stammen, als falsch erwiesen." Das würden die Menschen im Sahel erkennen und das "Boot der Putschisten" verlassen.

Trotz der Risiken - Festnahmen, Entführungen, Gewalt - gibt es weiterhin lautstarke Kritik, allerdings überwiegend aus dem Ausland. Alghabid bekräftigt: "Wir sind uns bewusst, wie gewaltig der Kampf ist, der uns bevorsteht, denn wir stehen drei Militärregimes gegenüber."

Aktivisten sehen dabei nicht nur die Zivilgesellschaft und die Diaspora in der Verantwortung, sondern auch die Weltgemeinschaft: "Burkina Fasos Partner dürfen sich nicht länger hinter der Vorstellung verstecken, jede Verurteilung der Junta sei kontraproduktiv", sagt Ilaria Allegrozzi, Sahel-Forscherin bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. "Schweigen und Mehrdeutigkeit legitimieren letztendlich immer autoritäre Exzesse."

*Ulf Laessing ist seit Juni Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung im Libanon. Das Interview mit der DW fand noch im Mai in seiner Funktion als Leiter des Sahel-Programms der Stiftung in Mali statt.

Author Martina Schwikowski, Sandrine Blanchard, Dirke Köpp
Item URL https://www.dw.com/de/sahel-juntas-lassen-keinen-raum-für-kritische-stimmen/a-77478242?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/69587338_607.jpg
Image caption Die Führer der Militärregierungen in der Sahel-Allianz (von links Assimi Goita in Mali, Abdourahamane Tiani in Niger, Ibrahim Traoré in Burkina Faso) unterdrücken Meinungsfreiheit und Demokratie
Image source Mahamadou Hamidou/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/69587338_607.jpg&title=Sahel%3A%20Juntas%20lassen%20keinen%20Raum%20f%C3%BCr%20kritische%20Stimmen

Item 22
Id 77477221
Date 2026-06-10
Title Wie der Ukraine-Krieg Russlands Gesellschaft verändert
Short title Wie der Ukraine-Krieg Russlands Gesellschaft verändert
Teaser Welche Spuren hinterlässt Putins Krieg bei seinen Soldaten, ihren Familien und denen, die dem Kampf entkommen wollen? Forscher und Aktivisten im Exil suchen Antworten - und berichten von Flucht, Angst und Ausgrenzung.
Short teaser Russische Forscher und Aktivisten im Exil sprechen von Flucht, Angst und Ausgrenzung als Folge des Ukraine-Krieges.
Full text

"Auch ich hatte einen Befehl, habe ihn aber nicht befolgt", sagt Igor Schtschetko der DW. Der ehemalige Soldat der strategischen Raketenstreitkräfte Russlands fragt sich, warum nicht auch andere so handeln können. Nach Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine desertierte er - aus der Überzeugung heraus, dass es keinen anderen Ausweg aus der Armee gab. 2021, ein Jahr vor Beginn der umfassenden Invasion in der Ukraine, hatte Schtschetko sich noch per Vertrag für zwei Jahre Dienst verpflichten lassen.

Seine Entscheidung wurde auch durch den Suizid eines Wehrpflichtigen in seiner Einheit ausgelöst, Schtschetko fand seine Leiche. Danach kam er in die psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses, wo er versuchte, aus medizinischen Gründen aus der Armee entlassen zu werden. Doch stattdessen wurde angeordnet, ihn in eine Sturmbrigade zu versetzen. "Als ich erfuhr, dass ich ins Kampfgebiet gehen sollte, war mir klar, dass ich unter keinen Umständen in den Krieg ziehen würde", sagt Schtschetko der DW. Wenige Tage später floh er aus Russland nach Armenien und von dort in die EU.

Fahnenflucht und Kampfverweigerung

Menschenrechtsaktivist Sergej Kriwenko setzt sich seit Jahren für die Rechte von Militärangehörigen ein. Er schätzt, dass etwa 60.000 russische Soldaten ihre Einheiten verlassen oder den Kampfeinsatz verweigert haben. Es seien nicht nur "klassische" Desertionen. Es gebe auch Fälle, wo sich Soldaten in Russland versteckten oder versuchen würden, sich vom Arzt für untauglich erklären zu lassen.

Kriwenko zufolge wurden in Russland bereits über 20.000 Strafverfahren wegen Fernbleibens vom Dienst, Fahnenflucht und Kampfverweigerung eingeleitet. Wer sich weigert zu kämpfen, macht sich strafbar. Igor Schtschetko sagt, bei einer Auslieferung nach Russland würden ihm 15 Jahre Haft oder ein Einsatz an der Front drohen.

Wer alles zur russischen Armee kommt

Seit 2023 gewinnt die russische Armee nach Angaben von Sergej Kriwenko neue Soldaten meist über lukrative Verträge. Es sind aber nicht nur Freiwillige. Zu den Zeitsoldaten zählen Gefangene, Migranten, Schuldner, Wehrpflichtige und Bewohner wirtschaftlich schwacher Regionen, die sich oft aus finanziellen Problemen oder fehlenden Alternativen für den Dienst in der Armee entscheiden. Gleichzeitig verstärkt der Staat mit "patriotischen" Programmen die paramilitärische Ausbildung an Schulen und Hochschulen.

Beobachter betonen, die russische Armee sollte aber nicht nur als Ansammlung zufälliger Menschen betrachtet werden, die wegen des Geldes oder anderen Gründen an die Front gehen würden. Ein Vertreter des russischen Freiwilligenkorps, der auf ukrainischer Seite kämpfte und den Rufnamen "Kasper" trägt, erinnert daran, dass die russische Armee neben "Kanonenfutter" auch gut ausgebildete und motivierte Einheiten umfasse.

Einblicke ins Innenleben der Truppe

Von einem alltäglichen Klima der Gewalt spricht dagegen die Anthropologin Alexandra Archipowa. Sie hat mit Kollegen Aussagen russischer Soldaten, Deserteure und deren Angehöriger gesammelt.

Ein Ergebnis ihrer Arbeit ist ein "Kriegswörterbuch" mit Jargon von der Front, das das Leben innerhalb der russischen Armee widerspiegelt. Die Wörter beziehen sich laut Archipowa auf Kontrolle, Bestrafung und Überleben. So seien zum Beispiel mit dem Wort "Vogelhaus" Drohnenpiloten gemeint, die unter anderem eigene Kameraden überwachen und auf diejenigen feuern können, die einen Rückzug versuchen.

Das Wort "Grube" bedeute improvisierte Orte illegaler Inhaftierung und Bestrafung, und mit "Quarantäne" seien Basen gemeint, in denen aus ukrainischer Gefangenschaft zurückkehrende russische Soldaten vom Inlandsgeheimdienst FSB verhört würden, bevor sie wieder an die Front geschickt würden. "Es gibt keine Heimreise", betont Archipowa.

Ihr zufolge ist es im Laufe der Kriegsjahre immer schwieriger geworden, von der Armee ins zivile Leben zurückzukehren. Viele Soldaten würden inzwischen in einer schweren Verletzung, Gefangennahme, Desertion oder im schlimmsten Fall im Tod einen "Ausweg" sehen.

Zudem habe sich innerhalb der Armee eine Art "Schwarzmarkt ums Überleben" entwickelt. Laut Archipowa zahlen Soldaten beispielsweise Tausende von Dollar, um Urlaub zu bekommen, um von der Front versetzt zu werden oder einem Einsatz in Sturmgruppen zu entgehen. Ferner würden ärztliche Atteste erkauft und Kommandeure geschmiert, um eine Einheit vorübergehend verlassen zu dürfen.

Archipowa stellt vor allem fest, dass sich die Einstellung zum menschlichen Leben innerhalb der Truppe verändert hat. Viele der Befragten hätten die Front als einen Ort beschrieben, an dem Menschen nicht als Individuen, sondern primär als entbehrliche Ressource betrachtet würden. In einem solchen System brauche das Kommando einen ständigen Zustrom neuer Kräfte, um Verluste auszugleichen, so die Expertin.

Kriegsteilnahme sorgt für Bevorzugung

Auch die russische Gesellschaft wird vom Krieg verändert. Dem Journalisten Alexej Tupizyn zufolge ist der Krieg nach und nach Teil des Alltags und für so manche Familie zur Einkommensquelle geworden. Als die Mobilmachung begann, richtete Tupizyn mit Kollegen Chaträume für Ehefrauen mobilisierter Soldaten und die Soldaten selbst ein. Nach seinen Beobachtungen waren die anonymen Chats anfangs von Ängsten und dem Wunsch geprägt, Angehörige heimzuholen.

Doch mit der Zeit sei der Krieg für Familien zur Quelle eines stabilen Einkommens geworden. "Die Frauen mobilisierter Soldaten gehören heute sozusagen zur Mittelschicht", so der Journalist. Die Familien würden Kredite tilgen, Autos und teure Möbel kaufen.

Tupizyn weist darauf hin, dass an einigen Schulen Kinder von Kriegsteilnehmern getrennt von den anderen Kindern verpflegt würden. Kinder von Soldaten würden zusätzliche Süßigkeiten und andere Speisen bekommen und so bevorzugt behandelt.

Distanzierte Haltung in der Gesellschaft

Während der Staat heimkehrende Kriegsveteranen zu glorifizieren versuche, würden viele Menschen im Alltag auf Distanz gehen. Das gelte vor allem für ehemalige gefangene Straftäter, die in privaten Militärunternehmen und Sturmbrigaden gekämpft hätten, berichtet Tupizyn.

Der Journalist erzählt die Geschichte eines Mannes, der wegen Doppelmordes verurteilt war, zum Militärdienst freikam und nach seiner Rückkehr von der Front versuchte, als Lehrer an einer Schule Arbeit zu finden. Laut Tupizyn war sein Name aus allen Strafregistern gestrichen worden - nach seinem Dienst bei der Wagner-Gruppe, einer privaten russischen Söldnertruppe. "Die Schulleiterin rief mich entsetzt an und sagte, sie habe allein beim Anblick von ihm schon Angst", erinnert sich Tupizyn. Die Schule lehnte ihn ab, trotz seiner Orden und seines Veteranen-Ausweises.

Laut Alexandra Archipowa beklagen sich aber auch Angehörige von Militärs, von der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden So habe ihr eine Frau geschrieben, sie habe "die Ehefrau eines Helden sein wollen", erfahre aber stattdessen Ablehnung. Die Frau kritisiert, dass der Staat die Kriegsteilnehmer selbst zu "Söldnern" mache und dabei ständig satte Geldzahlungen und Entschädigungen anstelle der "Idee von Dienst und Heldentum" in den Vordergrund stelle.

Dem Deserteur Igor Schtschetko, der alles tat, um keinen einzigen Tag im Krieg zu verbringen, ist anderes wichtig. "An meinen Händen klebt kein Tropfen des Blutes von Ukrainern - weder von Zivilisten noch von Militärs", sagt er und erinnert sich, dass er sich nach seiner Flucht erstmals in Frankreich sicher fühlte. "Ich bereue nichts, ich bin ehrlich zu mir selbst geblieben", sagt er.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

Author Xenia Polska
Item URL https://www.dw.com/de/wie-der-ukraine-krieg-russlands-gesellschaft-verändert/a-77477221?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/64546483_607.jpg
Image caption Gräber von Kriegsteilnehmern in der südrussischen Region Krasnodar
Image source REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/repod/repod20260606_GesamtHD_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/64546483_607.jpg&title=Wie%20der%20Ukraine-Krieg%20Russlands%20Gesellschaft%20ver%C3%A4ndert

Item 23
Id 77488426
Date 2026-06-10
Title Wie Südafrika auf Proteste gegen Ausländer reagiert
Short title Wie Südafrika auf Proteste gegen Ausländer reagiert
Teaser Präsident Cyril Ramaphosa will nach gewaltsamen Protesten die irreguläre Migration nach Südafrika eindämmen. Doch Migrationsgegner überzeugt das noch nicht.
Short teaser Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa reagiert auf gewaltsame Proteste gegen irreguläre Migration mit neuen Regeln.
Full text

"Ich bin wegen der Infrastruktur nach Südafrika gezogen", sagte Fifi, ein 21-jähriger Fußballspieler, der für die Bucks Buccaneers in der namibischen Premier League spielt, der Deutschen Welle.

Nach Ende der Fußballsaison machte er in Südafrika Urlaub, als er in die Anti-Einwanderer-Proteste geriet - vor kurzem wurde er nach Ghana zurückgeführt. Fifi wollte im südlichen Afrika Fußball spielen, weil die Fußballinfrastruktur dort viel besser sei, glaubt er.

Südafrika ist seit langem ein beliebtes Ziel für Migranten aus ganz Afrika - es bietet viele wirtschaftliche Chancen und relative politische Stabilität.

Laut Stats SA, der nationalen Statistikbehörde Südafrikas, leben etwa 3,3 Millionen Einwanderer im Land - das entspricht etwa fünf Prozent der Bevölkerung von 65 Millionen Menschen. Andere Schätzungen, die auch Migranten ohne Papiere einbeziehen, gehen von einer deutlich höheren Zahl aus.

Daten zeigen, dass die meisten Migranten in Südafrika aus Ländern der Regionalgemeinschaft SADC stammen, die das gesamte südliche Afrika bis zur Demokratischen Republik Kongo und Tansania umfasst. Gemäß den SADC-Bestimmungen können sich Bürger der Mitgliedstaaten bis zu 90 Tage lang visumfrei in Südafrika aufhalten. Doch die Frage, ob diese Menschen anschließend das Land auch wieder verlassen, steht im Mittelpunkt der jüngsten Proteste gegen Migranten.

Migration wichtig für Südafrikas Wirtschaft

Laut Fredson Guilengue, Projektleiter bei der linksgerichteten Rosa-Luxemburg-Stiftung in Johannesburg, veränderte sich die Migration nach Südafrika je nach der politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in der Region.

"Anfang der 1990er Jahre flohen Menschen vor Kriegen, etwa vor dem Bürgerkrieg in Mosambik, und kamen nach Südafrika", sagte er. "Später kamen aufgrund der Lage in Simbabwe zahlreiche Menschen aus Simbabwe nach Südafrika. Und im letzten Jahrzehnt waren es Menschen, die vor Konflikten in der Demokratischen Republik Kongo flohen, aber auch Wirtschaftsmigranten."

Südafrikas Bergbausektor und Industrie sind seit Jahrzehnten auf Arbeitsmigranten angewiesen. Durch ihren Zuzug haben sich in der Region fest etablierte Migrationsrouten gebildet.

Gleichzeitig haben sich die Migrationsmuster weiterentwickelt, bemerkt Ongama Mtimka, amtierender Direktor am Raymond Mhlaba Centre for Governance and Leadership an der Nelson-Mandela-Universität. "Der Trend der letzten 15 Jahre geht in Richtung einer Migration mit dem Ziel, sich in Südafrika niederzulassen." Migranten gründen Familien und werden zu einem festen Bestandteil des Landes.

Aktuelle Daten von Stats SA zeigen, dass sich die meisten Migranten in der Wirtschaftsmetropole Gauteng niederlassen, gefolgt vom Westkap an.

Ramaphosa will gegen irreguläre Migration vorgehen

Doch die jüngsten Proteste heizen eine zunehmende ablehnende Stimmung gegenüber Migranten an.

In einer Ansprache am Sonntag räumte Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa das Problem ein und kündigte eine Reihe neuer Maßnahmen zur Bekämpfung der irregulären Migration an. Die Regierung will die Grenzsicherheit verstärken, Korruption innerhalb des Einwanderungssystems bekämpfen, Lücken im Einwanderungsrecht schließen und mit anderen afrikanischen Ländern zusammenarbeiten, so der Präsident.

Er warnte zudem vor Selbstjustiz: "Es ist beispielsweise niemandem gestattet, jemanden auf der Straße anzusprechen und einen Nachweis der Staatsangehörigkeit zu verlangen."

Die Behörden geben an, in den letzten zwei Jahren mehr als 100.000 Migranten ohne Papiere abgeschoben und 2025 etwa 450.000 Versuche illegaler Grenzübertritte verhindert zu haben.

Einige Analysten sagen, das Wiederaufleben der migrationsfeindlichen Stimmung in Südafrika könnte mit den Kommunalwahlen im November zusammenhängen. Laut Ramaphosa würden die Behörden nicht zulassen, dass Gruppen berechtigte Sorgen nutzten, um das Land durch Anstiftung zur Gewalt destabilisieren.

Demonstranten zweifeln an Ramaphosas Plänen

Doch diese Ankündigungen haben wenig dazu beigetragen, die gegen Einwanderer protestierenden Demonstranten zu überzeugen. So auch Freeman Bhengu, Organisator des All-Truck Drivers Forum and Allied South Africa (ARDF-SA), einer Gruppe, die sich kritisch gegenüber Ausländern im Transportsektor geäußert hat. "Leider haben die Südafrikaner das Gefühl, dass die Regierung ihnen nicht zuhört", sagte er der DW. Eine weitere migrationskritische Gruppe, "March and March", hat Ramaphosas Vorschlag als undurchführbar abgetan.

Südafrika Landesgrenze mit sechs Nachbarstaaten verläuft über etwa 4470 Kilometer. Offiziell gibt es 53 ausgewiesene Grenzübergänge, darüber hinaus existieren zahlreiche Fußwege, Lücken im Grenzzaun und provisorische Pfade. Diese zu überwachen, wird laut Experten schwierig sein.

Zudem sind sich Analysten einig, dass Ramaphosa keinen umfassenden Plan für die Vielzahl von Problemen skizzierte, die die Migration nach Südafrika begünstigen. Faktoren wie die wirtschaftliche und politische Lage der Nachbarländer liegen außerhalb von Ramaphosas Einflussbereich. Außerdem ist der Umgang mit SADC-Bürgern, die ihre 90-tägige visumfreie Aufenthaltsdauer überschreiten, unklar.

Mtimka von der Nelson-Mandela-Universität rät, die Regierung müsse populistische Reaktionen und Stimmungen vermeiden und stattdessen einen strategischen, faktenbasierten Ansatz verfolgen. "Es ist wichtig, dass Südafrika keine anti-afrikanische Haltung einnimmt; unsere Unternehmen profitieren schließlich vom Rest des Kontinents", fügte er hinzu.

Afrikanische Länder drohen mit Klagen

Während Ramaphosa den Südafrikanern versichert, das Problem anzugehen, rückt die von Anti-Migranten-Gruppen gesetzte Frist vom 30. Juni immer näher. Bis dahin sollen nach dem Willen der Demonstranten alle Migranten ohne Papiere das Land verlassen.

Bereits jetzt sind einige Migranten bei Zusammenstößen mit Bürgerwehren ums Leben gekommen. Das hat mehrere afrikanische Länder dazu veranlasst, ihre Staatsangehörigen zurückzuführen. Mehr als 2000 Malawier sollen noch vor Ablauf der Frist evakuiert werden. Ghana hat damit begonnen, seine Staatsangehörigen aus dem Land zu fliegen, und Nigeria will diesem Beispiel folgen.

Ghana erwägt derzeit, vor internationalen Gerichten rechtliche Schritte gegen Südafrika einzuleiten, um nach den jüngsten anti-migrantischen und fremdenfeindlichen Angriffen Entschädigungen für seine Bürger zu erwirken. Die ghanaische Regierung hat zudem die Afrikanische Union aufgefordert, sich mit der eskalierenden Lage zu befassen.

Nigerias Außenministerin Bianca Odumegwu-Ojukwu hat ausdrücklich gewarnt, dass die Regierung Vergeltungsmaßnahmen gegen südafrikanische Interessen in Erwägung zieht.

Aus dem Englischen adaptiert von Martina Schwikowski.

Author Michael Oti
Item URL https://www.dw.com/de/wie-südafrika-auf-proteste-gegen-ausländer-reagiert/a-77488426?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77442547_607.jpg
Image caption Die gegen Ausländer gerichteten Proteste haben in Südafrika an Intensität zugenommen, insbesondere in Johannesburg und Durban
Image source Ihsaan Haffejee/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77442547_607.jpg&title=Wie%20S%C3%BCdafrika%20auf%20Proteste%20gegen%20Ausl%C3%A4nder%20reagiert

Item 24
Id 77490789
Date 2026-06-10
Title Deutschland verpasst EU-Termin - Strafe droht
Short title Deutschland verpasst EU-Termin - Strafe droht
Teaser Seit dieser Woche muss die Bundesrepublik das EU-Entgelttransparenzgesetz national umsetzen, hat diesen Termin aber verpasst. Wir erklären, um was es genau geht und klären die Frage, ob Deutschland nun bestraft wird.
Short teaser Deutschland tut nicht genug gegen den "Gender Pay Gap". Wird die Bundesrepublik nun bestraft?
Full text

Es klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist es aber nicht: Noch immer bekommen einige Menschen weniger Geld als andere - oft wegen ihres Geschlechtes. Das ist bereits verboten, aber nur schwer nachzuweisen. Das EU-Entgelttransparenzgesetz zur Gleichbezahlung von Arbeitnehmern soll diesen Missstand endlich beenden.

Das Gesetz mit dem sperrigen Namen sorgt dafür, dass Arbeitgeber mehr Druck spüren, die Gleichbezahlung ihrer Belegschaft umzusetzen. Aber: In der größten und stärksten und bevölkerungsreichsten Volkswirtschaft der Union, in Deutschland, wurde es nicht fristgerecht zum 7. Juni umgesetzt.

Wozu dient das alles?

Der Gender Pay Gap - also das Lohngefälle zwischen Frauen und Männern - ist in Deutschland trotz gesetzlicher Vorgaben nach wie vor messbar. Laut Statistischem Bundesamt lag der bereinigte Gender Pay Gap 2025 bei rund sechs Prozent. Das bedeutet: Auch bei gleicher Qualifikation, Position und Arbeitszeit verdienen Frauen im Schnitt weniger als Männer.

Da soll die Entgelttransparenzrichtlinie (Richtlinie (EU) 2023/970) ansetzen und drei Ziele verfolgen: Vergütungsstrukturen sollen nachvollziehbar und überprüfbar sein, Beschäftigte sollen erkennen können, ob sie benachteiligt werden und Arbeitgeber sollen verpflichtet werden, ungerechtfertigte Lohnunterschiede zu beseitigen.

Das Gesetz setzt dabei auf drei Instrumente: den individuellen Auskunftsanspruch, betriebliche Prüfverfahren zur Entgeltgleichheit und die Berichtspflicht für größere Unternehmen.

Fruchtloses Bemühen

Am 6. Mai hat das Bundeskabinett auf Vorschlag von Bundesfrauenministerin Karin Prien und Bundesjustizministerin Dr. Stefanie Hubig einen Gesetzentwurf zur Änderung des deutschen Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) beschlossen. Ziel des Gesetzentwurfs ist es, die Vorgaben der Europäischen Union zum Diskriminierungsschutz in deutsches Recht umzusetzen.

Frauenministerin Prien pries die Initiative in blumigen Worten: "Das ist ein wichtiger Schritt, um unseren Anspruch auf mehr Gleichbehandlung und ein wirksames Vorgehen gegen Diskriminierung konkret umzusetzen." Ihre Äußerung, darauf zu achten, "Verwaltung und Unternehmen nicht unnötig zu belasten und Verfahren so einfach wie möglich zu gestalten", brachte ihr aber den Vorwurf ein, vor der Unternehmerlobby eingeknickt zu sein.

Justizministerin Hubig wurde bei ihrer Vorstellung des Gesetzesvorhabens etwas konkreter. Sie sagte: "Die wichtigste Änderung: Wer von Diskriminierung betroffen ist, soll künftig vier statt zwei Monate Zeit haben zu entscheiden, ob sie oder er den Anspruch nach dem AGG geltend machen möchte." Doch auch dies scheint die Kommission nicht zu überzeugen.

Wo die EU weitergeht

Die besteht in ihrer Entgelttransparenzrichtlinie unter anderem auf Transparenz bereits im Bewerbungsverfahren, Maßnahmepflicht bei deutlichem Lohngefälle und auf einer Beweislastumkehr. Das heißt, nicht mehr der Arbeitnehmer muss beweisen, diskriminiert zu werden, sondern der Arbeitgeber muss nachweisen, gesetzestreu zu handeln.

"EntgTranspG" steht für Entgelttransparenzgesetz, "MA" für die Zahl der Mitarbeiter. In der rechten Spalte stehen die Vorgaben, die Berlin nicht fristgerecht umgesetzt hat.

Berlin und die Blauen Briefe

"Sobald feststeht, dass ein Mitgliedstaat eine Richtlinie nicht umgesetzt hat, kann die Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren einleiten. Sie kann dies tun, muss es aber nicht tun", schreibt Matthias Ruffert, Jurist und Professor an der Humboldt Universität, auf Anfrage der DW. "Das Verfahren beginnt mit einem Mahnschreiben zur Anhörung des Mitgliedstaats, worauf ggf. eine mit Gründen versehene Stellungnahme folgt."

An dieser Stelle, darauf verweist Elie Cavigneaux von der Stiftung Wissenschaft und Politik gegenüber der DW, könnte es auf Unionsebene zu einer weiteren Eskalation kommen: "Sollte die EU-Kommission aber auch dann keine Klage einreichen, dann könnte das Europäische Parlament die Kommission wegen Untätigkeit verklagen."

Soweit ist es im vorliegenden Fall nicht. Berlin wartet zunächst auf ein Mahnschreiben aus Brüssel, in dem es sinngemäß heißen wird: "Ihr seid im Verzug. Kommt in die Gänge!" Ein solches Schreiben wird in Deutschland, analog zur Post von der Schule, wenn die Versetzung in die nächste Klasse gefährdet ist, "Blauer Brief" genannt. Fußballfreunde ziehen die Analogie zur "Gelben Karte" vielleicht vor.

Deutschland im Verzug

Mit diesen Verwarnungen ist Deutschland bereits erfahren. Weil sie EU-Richtlinien nicht rechtzeitig, unvollständig oder fehlerhaft in nationales Recht umgesetzt hatte, schaltete sich die EU-Kommission ein, die sich als "Hüterin der Verträge" begreift".

Im bislang heftigsten Fall gab es eine Strafe beim Thema 'Whistleblower'. Dabei ging es um den Schutz von Hinweisgebern, die Missstände oder Rechtsverstöße melden. Die EU-Richtlinie stammt von 2019 und sollte bis Ende 2021 umgesetzt werden; in Deutschland trat das Hinweisgeberschutzgesetz aber erst am 2. Juli 2023 in Kraft.

Whistleblower sollen vertrauliche Kanäle nutzen können, ohne Repressalien befürchten zu müssen. Die EU-Vorgaben verlangten dafür unter anderem interne Meldestellen und Schutz vor Benachteiligung. Deutschland setzte die EU-Regeln aber zu spät um und wurde deshalb vom EuGH zu einer Geldstrafe von 34 Millionen Euro verurteilt.

Und nun?

"Seit dem Vertrag von Lissabon kann die Kommission die Festsetzung des Zwangsgeldes bei der Nichtumsetzung von Richtlinien bereits zusammen mit der Vertragsverletzungsklage beantragen", erklärt Elie Cavigneaux: "Der EuGH legt den Beginn der Zahlungsverpflichtung im Urteil fest und bestimmt so die Höhe der pauschalen Strafe."

Cavigneaux sieht der Entwicklung gelassen entgegen: "Regelmäßig versucht die Kommission aber vor Einreichung einer Klage mit dem jeweiligen Mitgliedstaat eine Verständigung über die schnellstmögliche Umsetzung der Richtlinienvorgabe zu finden." Und überhaupt werde nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wurde: "Im Kern bedeutet die nicht fristgemäße Umsetzung also nicht automatisch und nicht sofort eine Verurteilung der Bundesregierung."

Author Dirk Kaufmann
Item URL https://www.dw.com/de/deutschland-verpasst-eu-termin-strafe-droht/a-77490789?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/67765589_607.jpg
Image caption Wie wird der EuGH entscheiden?
Image source DesignIt/Zoonar/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/shd/shd20230311_Gesamt_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/67765589_607.jpg&title=Deutschland%20verpasst%20EU-Termin%20-%20Strafe%20droht

Item 25
Id 77432521
Date 2026-06-10
Title Begrenzung der Bevölkerungszahl? Schweizer stimmen ab
Short title Begrenzung der Bevölkerungszahl? Schweizer stimmen ab
Teaser In der Schweiz wird über eine Obergrenze von zehn Millionen Einwohnern diskutiert; darüber wird nun abgestimmt. Was würde das für das Land und für Europa bedeuten? Ein riskantes Signal auch für Deutschland?
Short teaser Nur noch zehn Millionen Schweizer: Was würde das für das Land und für Europa bedeuten?
Full text

Neben einem einem "Referendum gegen das Zivildienstgesetz" stimmt das sogenannte Wahlvolk in der Schweiz über die Volksinitiative "Keine Zehn-Millionen-Schweiz" ab. Das hat der Bundesrat beschlossen und für den 14. Juni zum Urnengang aufgerufen.

Dabei geht es im Grundsatz um die Frage: "Wie viele Menschen sollen in der Schweiz leben?" Mit ihrem Volksbegehren will die rechtspopulistische Schweizer Volkspartei SVP erreichen, dass die ständige Schweizer Wohnbevölkerung ab dem Jahr 2050 nicht über die Marke von zehn Millionen Menschen steigt.

Die Frage nach der Zahl der in der Schweiz lebenden Menschen berührt vielfältige Aspekte: neben nationalistischen, psychologischen und grundsätzlich fremdenfeindlichen Gründen geht es auch um handfeste wirtschaftliche Interessen. Vor zwölf Jahren ist ein SVP-Antrag dieser Art bereits einmal gescheitert.

"Abschreckung der Falschen"

Aus wirtschaftlicher Sicht sei das alles andere als einfach, meint etwa Tobias Heidland vom Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW). Der DW sagte er, es würde ein "Ringen darum entstehen, welche Zuwanderung man noch zulässt." Neben großer Unzufriedenheit in Wirtschaft und Gesellschaft erwartet er, "dass viele Gutqualifizierte sich gegen eine Migration in die Schweiz entscheiden würden, was vermutlich als 'Abschreckung der Falschen' gesehen würde."

Sabine Zinn vom DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) schrieb der DW, ob Einwanderungsbeschränkungen die richtige Antwort seien, ließe "sich nicht pauschal mit Ja oder Nein beantworten." Die eigentliche Herausforderung bestehe darin, "zwischen humanitär begründeter Fluchtmigration und wirtschaftlich benötigter Erwerbsmigration zu unterscheiden."

Einige wirtschaftliche Gründe sprächen gegen eine generelle Zuwanderungsbegrenzung, so Zinn: "Viele europäische Staaten, darunter Deutschland und die Schweiz, stehen vor erheblichen demografischen Herausforderungen." Schließlich stünden immer weniger Erwerbstätige für die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme zur Verfügung. Und dem Arbeitsmarkt fehlten schon jetzt qualifizierte Bewerber: "Eine pauschale Reduzierung der Zuwanderung würde diese Probleme tendenziell verschärfen."

Risiken - die entscheidende Frage

Wido Geis-Thöne ist Experte für Migrationsfragen beim IW (Institut der Deutschen Wirtschaft) in Köln. Er weist auch auf den Fachkräftemangel hin, sieht aber eher ein Problem bei "einfacherer Beschäftigung". Im Hotel- und Gastgewerbe oder auf dem Bau seien auch viele EU-Ausländer tätig. "Auch diese sind für die Schweiz, die ja auch ein Tourismusland ist, bedeutsam." Daher würde "die Zehn-Millionen-Grenze mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in wesentlichem Maße schaden".

Die Schweizer stimmen aber eben nicht nur über diesen Aspekt ab, schreibt die Finanzplattform Bloomberg. Die Abstimmung sei für die SVP ein "ein Meilenstein in zwei langjährigen Prioritäten: der Begrenzung der Beziehungen zur EU und der Verschärfung der Einwanderungskontrollen".


Bloomberg zitiert die Schweizer Denkfabrik Demografik, die für den Fall der Annahme des SVP-Antrages errechnet hat, dass die Wirtschaftsleistung bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu zwölf Prozent gedämpft würde. Besonders betroffen von Arbeitskräftemangel seien demnach das Gesundheitswesen, das Gastgewerbe, die IT-Branche und das Baugewerbe. Die entscheidende Frage sei nun, ob die Schweizer Wähler sich von den Risiken langfristiger wirtschaftlicher Folgen beeinflussen lassen.

Möglicherweise ein fatales Signal

Könnte die SVP-Initiative, wenn das Schweizer Wahlvolk sie annimmt, eine Ansteckungsgefahr entwickeln? Da sind sich die befragten Experten nicht einig. Wido Geis-Thöne vom IW schrieb der DW: "Eine Ansteckungsgefahr würde ich hier nicht sehen, weil die politischen Prozesse in Deutschland und der Schweiz doch sehr unterschiedlich verlaufen."

Die Bedeutung der Schweiz innerhalb Europas könne man nicht mit der Rolle Deutschlands in der EU vergleichen: "Deutschland kann als EU-Land die Freizügigkeit (ohne Austritt aus der EU) nicht beschränken, sodass es hier der Schweiz - selbst wenn es wollte - nicht folgen könnte."

Weniger zuversichtlich zeigt sich das IfW in Kiel. Tobias Heidland sieht durchaus Infektionsgefahren: "Deutschland schaut schon jetzt in rigidere Nachbarländer wie Dänemark. In der Debatte um Zuwanderung in die Sozialsysteme und zur Frage des Bürgergelds für ukrainische Geflüchtete konnte man dies sehen."

Ähnlich skeptisch zeigt sich auch DIW-Wissenschaftlerin Zinn. Sie befürchtet "über die Landesgrenzen hinaus Signalwirkung. Gerade in europäischen Ländern mit rechts- oder mitte-rechtsgerichteten Regierungen würde ein solcher Volksentscheid aufmerksam verfolgt. Er könnte als Beleg dafür interpretiert werden, "dass Forderungen nach einer stärkeren Begrenzung von Zuwanderung jeder Art politisch mehrheitsfähig sind. Eine 'Ansteckungsgefahr' ist daher denkbar."

Wem die Initiative wirklich schadet

IW-Experte Geis-Thöne sieht für Deutschland sogar eine positive Folge, sollte der SVP-Antrag angenommen werden: "Je nachdem, wie das Ganze umgesetzt würde, könnte Deutschland unter Umständen sehr stark profitieren. Würde es für deutsche Fachkräfte tatsächlich deutlich schwieriger, in die Schweiz einzuwandern, dürften viele von ihnen hierbleiben und die hiesige Fachkräftebasis stabilisieren"

Eine größere Gefahr könnte aber für die Schweizer selbst bestehen, wenn es zum Bruch mit der Europäischen Union, dem größten Exportmarkt der Schweiz, käme. Schließlich profitieren die Eidgenossen vom Freizügigkeitsprinzip innerhalb der EU. Das ermöglicht Schweizer Unternehmen den Zugang zu einem 21 Billionen Dollar schweren Markt mit rund 450 Millionen Konsumenten. Dieses Privileg könnte das Land verlieren.

Author Dirk Kaufmann
Item URL https://www.dw.com/de/begrenzung-der-bevölkerungszahl-schweizer-stimmen-ab/a-77432521?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/65482234_607.jpg
Image caption Das Matterhorn ist der wohl bekannteste Berggipfel der Schweiz
Image source Valentin Flauraud/KEYSTONE/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/md/md202300201_baurobot2_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/65482234_607.jpg&title=Begrenzung%20der%20Bev%C3%B6lkerungszahl%3F%20Schweizer%20stimmen%20ab

Item 26
Id 77486307
Date 2026-06-10
Title "Disclosure Day": Aliens? Für Spielberg nicht nur Fiktion
Short title "Disclosure Day": Aliens? Für Spielberg nicht nur Fiktion
Teaser Der neueste Film des "E.T."-Regisseurs kommt in die Kinos. Zeit für eine kurze Geschichte der UFO-Mythen - und warum die Wissenschaft solche Sichtungen mittlerweile ernst nimmt.
Short teaser Der neueste Film des "E.T."-Regisseurs kommt in die Kinos. Zeit für eine kurze Geschichte der bekanntesten UFO-Mythen.
Full text

Sind wir allein im Universum?

Inmitten all der offenen Fragen rund um außerirdisches Leben hat Steven Spielberg mehr als jeder andere Filmemacher die Vorstellung geprägt, dass die erste Begegnung der Menschheit mit Außerirdischen eine friedliche und tiefgreifende Erfahrung sein könnte - und keine bedrohliche Invasion.

Spielbergs "Unheimliche Begegnung der dritten Art" (1977) und "E.T. - Der Außerirdische" (1982) sind Kultfilme, die das Science-Fiction-Genre neu definiert haben. Auch "Disclosure Day - Der Tag der Wahrheit" wird von Hauptdarsteller Josh O'Connor als ein "Film über Hoffnung, Menschlichkeit und Verständnis" beschrieben, was perfekt zur Faszination des Filmemachers für das Phänomen des außerirdischen Lebens passt.

Spielberg: "Überwältigende Indizien" für außerirdisches Leben

In "Disclosure Day" spielt O'Connor einen Whistleblower auf dem Gebiet der Cybersicherheit, der entschlossen ist, der Welt die Wahrheit über Außerirdische zu offenbaren. Er tut sich mit einer TV-Meteorologin aus Kansas City (Emily Blunt) zusammen, die während einer Live-Wettervorhersage plötzlich von einer mysteriösen außerirdischen Kraft überwältigt wird.

Auch wenn der Film als Science-Fiction eingestuft wird, betrachtet Spielberg "Disclosure Day" nicht als reine Fiktion: "Er spiegelt vielmehr die Welt wider, wie sie sich entwickelt, und die Entdeckungen, die gerade in diesem Moment gemacht werden", sagte er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Associated Press.

"Ich bin schon seit der Produktion von 'Unheimliche Begegnung der dritten Art' vor 50 Jahren davon überzeugt (dass es außerirdisches Leben gibt, Anm. d. Red.)", sagte Spielberg. Er fügte hinzu, dass er angesichts der "überwältigenden Indizien", die in den vergangenen Jahrzehnten gesammelt wurden, sogar davon ausgehe, dass Außerirdische bereits versucht hätten, Kontakt zu uns aufzunehmen.

Zwischen Verschwörungstheorien und Wissenschaft

Da die meisten Sichtungen als Naturphänomene oder Falschmeldungen erklärt werden konnten, gilt die Diskussion über unidentifizierte Flugobjekte (UFOs) seit langem als Randthema, das von Verschwörungstheorien und der Popkultur angeheizt wird.

Seit einigen Jahren setzt die Wissenschaft jedoch zunehmend auf einen datengestützten Ansatz bei der Erforschung dessen, was heute als "unidentifizierte anomale Phänomene" (UAPs) bezeichnet wird.

Spielberg verfolgt die Berichte über angebliche Begegnungen mit Außerirdischen seit vielen Jahren. Er ließ sich für seinen neuen Film von der Anhörung des Unterausschusses für nationale Sicherheit des US-Repräsentantenhauses zum Thema UAPs aus dem Jahr 2023 inspirieren. Einer der Zeugen war der ehemalige Geheimdienstoffizier der Luftwaffe, David Grusch. Der Whistleblower sagte aus, dass die US-Regierung ein jahrzehntelanges UAP-Programm geheimhalte, dessen Mitarbeiter gefundene technologische Objekte beschlagnahmten und mit sogenanntem "reverse engineering" auseinanderbauten und analysierten.

Das Pentagon hat inzwischen zwei umfangreiche Pakete mit freigegebenen UAP-Akten veröffentlicht; eine dritte Veröffentlichung ist für die nahe Zukunft geplant. Die Dokumente liefern zwar keine Beweise für außerirdische Raumschiffe, außerirdische Leichen oder ein staatliches Reverse-Engineering-Programm, zeigen jedoch, dass viele Sichtungen aufgrund unzureichender Daten nach wie vor ungeklärt sind.

Die Akten enthalten Berichte aus mehreren Jahrzehnten, darunter die Aussage eines hochrangigen US-Geheimdienstmitarbeiters, der mysteriöse "orangefarbene Kugeln, die auf und ab flackerten" beschreibt, sowie ein Video von einem Objekt, das 2021 von einer US-Militärdrohne über Syrien aufgenommen wurde und das plötzlich beschleunigt, als würde es auf Warpgeschwindigkeit gehen, bevor es verschwindet.

Harvard-Astrophysiker sieht Wissenschaft in der Pflicht

"Ich bin der Meinung, dass es die Pflicht von Wissenschaftlern ist, Anomalien Beachtung zu schenken, insbesondere, wenn sie von zuverlässigen Stellen gemeldet werden", erklärte Avi Loeb gegenüber der DW nach der Veröffentlichung der zweiten Tranche von Pentagon-Dokumenten im Mai. Der renommierte Astrophysiker aus Harvard setzt sich für die wissenschaftliche Suche nach außerirdischer Intelligenz ein.

"Für mich steht fest, dass dieses Thema in den letzten Jahrzehnten unter Militärangehörigen, Geheimdienstmitarbeitern, Mitarbeitern des Pentagons und möglicherweise auch hochrangigen Politikern der US-Regierung ausführlich diskutiert wurde", fügte Loeb hinzu.

Er argumentierte, dass selbst, wenn das in den Aufnahmen zu sehende unbekannte Flugobjekt von Menschen entwickelt worden wäre, "es zumindest eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellt, wenn die US-Geheimdienste und das Pentagon mit der Art von Bewegung, die es zeigt, nicht vertraut sind, denn offenbar war jemand anderes auf der Erde in der Lage, ein solches Objekt zu entwickeln."

Die berühmtesten Alien-Verschwörungstheorien

Seit Jahrzehnten nehmen UFO-Vorfälle einen besonderen Platz zwischen Science-Fiction, staatlicher Geheimhaltung und Verschwörungstheorien ein.

Der Vorfall von Roswell im Jahr 1947 ist wohl der berühmteste Fall einer Alien-Verschwörungstheorie in der jüngeren Geschichte. Ein Rancher hatte auf seinem Grundstück in New Mexico ungewöhnliche Trümmerteile entdeckt. Das US-Militär veröffentlichte zunächst eine Pressemitteilung, in der es behauptete, eine "fliegende Scheibe" geborgen zu haben, nur um diese Aussage später zurückzunehmen und zu erklären, dass es sich bei dem Objekt um einen Wetterballon handele.

Dieser Widerspruch gab jahrzehntelang Anlass zu Spekulationen. In den späten 1970er- und 1980er-Jahren traten Zeugen auf, die behaupteten, Leichen von Außerirdischen seien geborgen worden und die Regierung habe die Wahrheit vertuscht.

Die US-Regierung erklärte später, dass die Trümmerteile aus einem geheimen Programm stammten, das zur Aufdeckung sowjetischer Atomtests gedacht war. Trotz dieser Erklärung glauben viele Verschwörungstheoretiker noch immer, dass Roswell der Ort des ersten bestätigten Absturzes eines außerirdischen Raumschiffs und der anschließenden Vertuschung war.

Streng geheim: Area 51

Und dann gibt es noch Area 51: Die streng geheime Militäranlage im US-Bundesstaat Nevada, in der hochmoderne Flugzeuge getestet werden, steht im Mittelpunkt zahlreicher Verschwörungstheorien über Außerirdische. Die Geheimhaltung rund um die Basis sowie häufige Berichte über seltsame Lichter und experimentelle Flugzeuge haben Area 51 zu einem zentralen Bestandteil der UFO-Mythologie gemacht.

Zu den berühmten Berichten über Entführungen durch Außerirdische zählt die Aussage von Betty und Barney Hill aus dem Jahr 1961. Das Ehepaar beschrieb unter Hypnose, wie es an Bord eines Raumschiffs gebracht und von nicht menschlichen Wesen untersucht wurde, nachdem es während einer Autofahrt durch New Hampshire ein seltsames Objekt am Himmel gesehen hatte.

"Tic Tac": Flugobjekt oder optische Täuschung?

Ein neueres Kapitel in der Geschichte der UFOs ergab sich aus Aussagen von US-Militärpiloten, die 2004 vor der Küste Kaliforniens ein weißes, kapselartiges Objekt - später als "Tic Tac" bezeichnet - bei ungewöhnlichen Manövern beobachteten. Videos, die ihre Aussagen untermauerten, wurden Jahre später der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Staatliche Untersuchungen bestätigten, dass die Objekte weiterhin nicht identifiziert wurden.

Im Gegensatz zu älteren Verschwörungstheorien stützt sich der Tic-Tac-Vorfall auf Radardaten, militärische Sensoren und offizielle Regierungsberichte, was ihn zu einem der am besten dokumentierten modernen UFO-Fälle macht.

Für Avi Loeb bedeutet die Einhaltung wissenschaftlicher Methoden, dass bekannte optische Phänomene ausgeschlossen werden müssen, bevor man von einem technologischen Ursprung ausgeht; die Tic-Tac-Sichtung könnte einfach ein Nebenprodukt von Kamerablendung sein.

Doch auch wenn im Laufe der Jahre unzählige Sichtungen erklärt oder widerlegt wurden, lässt sich Loeb nicht davon abhalten, seine Forschungen fortzusetzen: "Selbst wenn nur eines von einer Million Objekten, die wir untersuchen, nicht von dieser Erde stammt, wäre das die größte Entdeckung, die die Menschheit je gemacht hat."

Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel

Author Elizabeth Grenier
Item URL https://www.dw.com/de/disclosure-day-aliens-für-spielberg-nicht-nur-fiktion/a-77486307?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77480113_607.jpg
Image caption "Disclosure Day" startet am 10. Juni in deutschen Kinos
Image source Universal Pictures - Amblin Entertainment/COLLECTION CHRISTOPHEL/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77480113_607.jpg&title=%22Disclosure%20Day%22%3A%20Aliens%3F%20F%C3%BCr%20Spielberg%20nicht%20nur%20Fiktion

Item 27
Id 77484575
Date 2026-06-10
Title Warum ist die Hisbollah für den Iran wichtig?
Short title Warum ist die Hisbollah für den Iran wichtig?
Teaser Die Hisbollah spielt eine zentrale Rolle in der iranischen Außenpolitik. Trotz wachsender Risiken bleibt die Miliz ein Schlüssel für Teherans Einfluss im Nahen Osten und in der Konfrontation mit Israel.
Short teaser Die Hisbollah ist zentral für Irans Außenpolitik und bleibt trotz Risiken ein Schlüssel für Irans Einfluss in Nahost.
Full text

Die Lage im Nahen Osten bleibt angespannt. Trotz einer fragilen Waffenruhe zwischen dem Iran auf der einen Seite sowie Israel und den USA auf der anderen Seite kommt es immer wieder zu militärischen Zwischenfällen und gegenseitigen Drohungen.

Erst in der Nacht zum Mittwoch kam es erneut zum militärischen Schlagabtausch zwischen Teheran und Washington, nachdem ein Helikopter der US-Armee abgeschossen worden war. Nach Raketenangriffen der mit dem Iran verbündeten schiitischen Hisbollah auf Nordisrael hatte die israelische Armee am Wochenende Ziele in den Vororten von Beirut angegriffen. Kurz darauf reagierte Teheran mit Raketenangriffen auf israelisches Territorium. Israel antwortete wiederum mit Angriffen auf Ziele im Iran.

Die jüngsten Eskalationen drohten, die Bemühungen um eine von US-Präsident Donald Trump angestrebte Vereinbarung mit dem Iran zur Beilegung des Konflikts in der Region zunichtezumachen.

Irans regionale Strategie unter Druck

"Aus iranischer Sicht besteht derzeit eine zentrale Priorität darin, dass die Hisbollah bei möglichen politischen Vereinbarungen und Friedensverhandlungen berücksichtigt wird", sagt der Nahost-Experte Arman Mahmoudian von der University of South Florida. Jede Einigung setze gegenseitige Zugeständnisse voraus.

Für Teheran sei jedoch entscheidend, dass die Hisbollah nicht zum Verhandlungsobjekt werde. Für den Iran gehe die Frage weit über die Hisbollah hinaus; vielmehr stehe der regionale Einfluss Irans auf dem Spiel.

"Sollte die Hisbollah weiterhin unter israelischem Beschuss stehen und gleichzeitig der Eindruck entstehen, dass Teheran sie im Stich lässt, könnte dies für den Iran erhebliche Folgen haben und das Vertrauen anderer mit dem Iran verbundener Akteure in der Region - etwa der Huthis im Jemen oder schiitischer Milizen im Irak - erschüttern. Schließlich hat sich die Hisbollah vor allem aus Loyalität gegenüber dem Iran in diesen Konflikt eingebracht und Israel nach der Tötung Chameneis angegriffen."

Nach dem Ausbruch des Iran-Kriegs am 28. Februar und der Tötung des iranischen Staatsoberhaupts Ajatollah Ali Chamenei feuerte die libanesische Hisbollah-Miliz Raketen auf Israel ab und griff damit an der Seite Teherans in den Krieg ein. Israel reagierte mit Bombardements in südlichen Vororten der Hauptstadt Beirut und anderen Teilen des nördlichen Nachbarlandes. In der Folge weitete sich der Krieg auf den Libanon aus.

Die Hisbollah als multifunktionale Organisation

Die schiitische Hisbollah entstand Anfang der 1980er-Jahre während des libanesischen Bürgerkriegs und nach der israelischen Invasion im Libanon. Im Libanon leben neben Sunniten (ca. 32 Prozent) etwa 31 Prozent Schiiten sowie zahlreiche christliche Glaubensgemeinschaften, Drusen und Alawiten.

Der schiitische Iran spielte nach der Islamischen Revolution von 1979 eine entscheidende Rolle bei ihrer Gründung und unterstützt die Organisation finanziell, militärisch und ideologisch. Die Bewegung verfügt über einen bewaffneten Arm, ist zugleich aber auch als politische Partei im libanesischen Parlament vertreten und betreibt soziale Einrichtungen.

Deutschland, die USA und zahlreiche weitere Staaten stufen die Hisbollah ganz oder teilweise als Terrororganisation ein. In Deutschland sind ihre Aktivitäten seit 2020 verboten.

Gleichzeitig gilt die Hisbollah heute als deutlich geschwächt. Israelische Militärschläge haben ihre militärischen Fähigkeiten und ihre Führungsstruktur in den vergangenen Jahren erheblich beeinträchtigt. Dennoch konnte die Organisation ihre Strukturen trotz schwerer Verluste zumindest teilweise wieder aufbauen, ähnlich wie nach dem Libanon-Krieg im Jahr 2006.

Steigende Kosten der Konfrontation mit Israel

Die Hisbollah ist seit Jahrzehnten ein zentraler Baustein der iranischen Regionalstrategie. Iran-Experte Arash Azizi beschreibt diese Logik als "Forward Defence" (Vorwärtsverteidigung). Demnach versucht der Iran, potenzielle Bedrohungen möglichst weit von seinem eigenen Territorium entfernt durch verbündete Akteure abzuschrecken.

Diese Strategie habe sich jedoch teilweise umgedreht. Heute sehe sich der Iran zunehmend gezwungen, seine Verbündeten aktiv zu schützen und dafür auch direkte Angriffe auf Israel sowie Gegenangriffe auf das eigene Territorium und seine Infrastrukturen in Kauf zu nehmen.

Die neue iranische Führung bemüht sich, die Unterstützung der Hisbollah stärker mit nationalen Sicherheitsinteressen als mit ideologischen Argumenten zu begründen, betont Arash Azizi. "Dennoch bleibt das Argument bestehen, dass der Iran als Staat, der sich in einem Konflikt mit Israel sieht, seine regionalen Verbündeten nicht einfach aufgeben kann."

Gleichzeitig seien die Kosten weiterer Konfrontationen mit Israel für den Iran erheblich. Die wirtschaftlichen Schäden des Krieges sind beträchtlich, die Lebensbedingungen vieler Menschen haben sich verschlechtert, und die wirtschaftlichen Perspektiven bleiben schwierig.

"Die neue Führung wird deshalb nicht nur sicherheits- und außenpolitische Herausforderungen bewältigen müssen, sondern auch die Frage beantworten müssen, welche Zukunftsvision sie der iranischen Bevölkerung anbieten kann."

Author Shabnam von Hein
Item URL https://www.dw.com/de/warum-ist-die-hisbollah-für-den-iran-wichtig/a-77484575?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76964407_607.jpg
Image caption Hisbollah-Solidaritätskundgebung in Beirut - mit einem Bild des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah, der 2024 von Israel getötet wurde
Image source Ibrahim Amro/AFP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/DWVG/DWVGDEU260410_DEU_Libanon_Kontraste_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/76964407_607.jpg&title=Warum%20ist%20die%20Hisbollah%20f%C3%BCr%20den%20Iran%20wichtig%3F

Item 28
Id 77486426
Date 2026-06-10
Title Ungarn: Wird nun auch für die Roma alles besser?
Short title Ungarn: Wird nun auch für die Roma alles besser?
Teaser Unter Viktor Orban standen Roma ganz unten. Nun setzt der neue Premier Peter Magyar Zeichen gegen Antiziganismus. Wie ernst meint er es? Und können ungarische Roma eine grundlegende Verbesserung ihrer Lage erwarten?
Short teaser Unter Viktor Orban standen Roma ganz unten. Nun setzt der neue Premier Peter Magyar Zeichen gegen Antiziganismus.
Full text

Es ist einer der emotionalsten Augenblicke des Machtwechsels in Ungarn: Am 9. Mai 2026, gerade hat sich das neue Parlament in Budapest feierlich konstituiert, betritt eine Gruppe Kinder in weißen Hemden den Plenarsaal des prächtigen Gebäudes. Die meisten von ihnen sind Roma. Sie singen und spielen auf Tamburas, mandolinenartigen Instrumenten. Nicht irgendein Lied. Sondern die inoffizielle Hymne der ungarischen Roma: "Grün ist der Wald, grün der Hügel".

Viele Abgeordnete haben Tränen in den Augen. So wie auch viele der zehntausenden Menschen, die draußen auf dem Parlamentsplatz vor großen Bildschirmen den symbolischen Moment des Machtwechsels verfolgen. Aladar Horvath, einer der bekanntesten ungarischen Roma-Bürgerrechtsaktivisten und nach dem Ende der kommunistischen Diktatur 1990 einer der ersten Roma-Abgeordneten Ungarns, ist unter ihnen. Er sagt: "Auch mir kamen die Tränen. Es war, als würden wir endlich nach Hause kommen."

Ungarns neuer Premier Peter Magyar hat mit dem Auftritt der Kinder ein persönliches Versprechen eingelöst. Er hatte das Tambura-Ensemble im November 2025 bei einem Besuch im südungarischen Dorf Sükösd kennengelernt - und den Mitgliedern versprochen, sie ins Parlament einzuladen, falls seine Partei Tisza (Respekt und Freiheit) die Wahl gewinnt.

Am 9. Mai 2026 bleibt es nicht bei dieser einen Geste. Nach der Konstituierung des Parlaments tritt auf den Stufen vor dem Eingang auch die lesbische Roma-Sängerin Ibolya Olah auf. Sie singt das melancholisch-patriotische Lied "Es gibt ein Land - Ungarn". Olah war jahrelang von Nationalisten angegriffen worden, die nicht wollten, dass sie dieses Stück sang. Magyar hat auch sie eingeladen. Nach ihrem Auftritt umarmt er sie.

Historischer Moment in Europa

Ungarns neuer Premier hat ein außergewöhnliches Gespür für Symbolpolitik. Manchmal schreibt er dabei Geschichte: Die Szenen des 9. Mai im und vor dem ungarischen Parlament sind ein historischer Moment für die Roma in Ungarn und auch in Europa. Noch nie zuvor in der europäischen Geschichte wurden Mitglieder der Minderheit im symbolischen Augenblick eines Machtwechsels so demonstrativ mit einbezogen - noch dazu ausgerechnet in einem Moment, in dem 16 Jahre eines autoritären Regimes endeten: jenes von Viktor Orban, das zutiefst antiziganistisch eingestellt war.

Doch es ist nicht bei Gesten für einen Moment geblieben. In der Tisza-Parlamentsfraktion sind vier Roma-Abgeordnete vertreten. Einer von ihnen, Krisztian Köszegi, Pädagoge und lange Zeit Leiter einer Nachhilfeschule, wurde als erster Rom in der ungarischen Geschichte zum stellvertretenden Parlamentspräsidenten gewählt.

Ministerpräsident Magyar sprach sich bereits mehrfach scharf gegen Antiziganismus aus. Beispielsweise verurteilte er im Parlament die Fraktion der rechtsextremen Partei "Mi Hazank" (Unsere Heimat), weil sie am 9. Mai demonstrativ den Plenarsaal verlassen hatte, als das Sükösder Kinder-Ensemble auftrat. "Schämt euch!", sagte er den Abgeordneten. Sich von Kindern wegen ihrer Herkunft abzuwenden, sei inakzeptabel.

Radikaler Wandel im Ton

Für die ungarischen Roma ist all das, was seit dem 9. Mai 2026 geschieht, von kaum zu überschätzender Bedeutung - ein radikaler Wandel im Ton. Im Land leben offiziell rund 300.000, nach inoffiziellen Schätzungen bis zu 800.000 Roma. Unter Orbans System wurden sie von ganz oben kollektiv vielfach mit haarsträubenden antiziganistischen Äußerungen abqualifiziert.

Orban selbst verkündete 2012 seine "neue Roma-Politik" auf einem Roma-Kongress mit den Worten, dass "jeder arbeiten müsse", denn: "Von Kriminalität kann man nicht leben." Im Januar 2026 nannte der damalige Verkehrsminister Janos Lazar Roma die "interne Reserve" der Arbeitskräfte, die "erschlossen" werde müsse, um "die vollgeschissenen Toiletten im Intercity zu reinigen".

Sozialökonomisch geriet eine große Mehrheit der Roma in den vergangenen 16 Jahren immer tiefer in ein kastenartiges System staatlicher Abhängigkeit am Rand der Gesellschaft. Erwachsene Roma wurden in sogenannte kommunale Arbeitsprogramme gedrängt, die sich als Sackgasse auf dem Arbeitsmarkt erwiesen. Für viele Roma-Kinder und -Jugendliche verfestigte sich das System der schulischen Benachteiligung und Segregation. Anlässlich von Wahlen wurden Roma systematisch bestochen, um für Orbans Partei Fidesz zu stimmen. Korrupte Roma-Politiker sorgten dafür, dass Orbans Politik legitimiert wurde.

Magyar und seine Tisza-Partei versprechen, diese Zustände zu beenden. Im Tisza-Wahlprogramm gibt es ein eigenes Kapitel dazu. Darin heißt es, dass das Orban-System Roma verachte und nicht an sie glaube. "Die Tisza-Partei denkt anders", so der Text. Das Programm kündigt an, die kommunalen Arbeitsprogramme umzugestalten, die Schulsegregation zu beenden und bessere Wohnbedingungen sowie Gesundheitsversorgung für Roma zu ermöglichen. Neu ist all das nicht - sozialliberale ungarische Politiker haben Derartiges schon vor Jahrzehnten versprochen. Doch es ist dem streng konservativen Peter Magyar durchaus abzunehmen, dass er es ernst meint.

Roma-Vertreter warten ab

Dennoch wollen manche namhafte Persönlichkeiten der ungarischen Roma erst einmal abwarten, ob dem Wandel im Ton auch Taten folgen. Die bekannte Soziologin Angela Kocze schreibt im linken Portal Merce, es sei eine jahrzehntelange Erfahrung, dass Roma gebraucht würden, wenn es in Wahlkampagnen und symbolischen Augenblicken um demokratische Legitimation gehe. Wenn aber Positionen verteilt würden, seien Experten aus den Reihen der Roma weniger selbstverständlich.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Ernennung der Staatssekretäre in der Magyar-Regierung. Unter ihnen befindet sich kein Rom und keine Romni, was unter Roma-Vertretern Enttäuschung auslöste. Die Bildungsexpertin Szilvia Szenasi beispielsweise sagte, es müsse das Prinzip gelten 'Nichts über uns ohne uns'.

Chance nutzen

Der Bürgerrechtsaktivist Aladar Horvath beklagt ebenfalls, dass Roma nur zum Teil in Konsultationen mit der neuen Regierung einbezogen seien. Es habe zwar ein konstruktives Treffen von Roma-Vertretern mit der neuen Bildungsministerin Judit Lannert gegeben. Auf ein Treffen mit der Regierungsbeauftragten für Sozialpolitik, Kriszta Bodis, warte man jedoch sei Wochen.

Für ein Urteil über die Roma-Politik der neuen Regierung ist es laut Horvath noch zu früh. "Die Frage ist noch: Systemverschönerung oder Systemwechsel?", sagt Horvath der DW. "Sehr viel hängt von Peter Magyar ab. Wenn es ihm gelingt, die Mehrheit zu überzeugen, dass die Roma genauso ungarisch sind wie alle anderen Ungarn, dann wird er zu den großen Staatsmännern gehören. Die Geschichte gewährt selten die Chance eines zweiten Systemwechsels, so wie Ungarn sie jetzt hat. Ich hoffe, Magyar nutzt diese Chance."

Author Keno Verseck
Item URL https://www.dw.com/de/ungarn-wird-nun-auch-für-die-roma-alles-besser/a-77486426?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77490544_607.jpg
Image caption Ungarns neuer Premier Peter Magyar mit der Roma-Sängerin Ibolya Olah am 09.06.2026 vor dem Parlament in Budapest
Image source Youtube/@magyarpeterofficial
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77490544_607.jpg&title=Ungarn%3A%20Wird%20nun%20auch%20f%C3%BCr%20die%20Roma%20alles%20besser%3F

Item 29
Id 77459107
Date 2026-06-08
Title Leipziger Bachfest 2026: Bachs Musik als Hitliste
Short title Leipziger Bachfest 2026: Bachs Musik als Hitliste
Teaser Das Leipziger Bachfest ehrt den Komponisten mit einer Hitparade. Über 8000 Fans aus 20 Ländern haben ihre Stimme abgegeben. Doch auch in vielen anderen Ländern der Welt wird Bach gefeiert.
Short teaser An über 80 Orten werden weltweit Bachfeste gefeiert. Das Fest in Leipzig punktet mit einer großen Bach-Hitparade.
Full text

Es gibt die glorreichen Kantaten mit Pauken und Trompeten von Johann Sebastian Bach und die gefühlvollen, die das Herz berühren. Welches die liebsten Kantaten der Globalen Bach-Community sind, das hat das Bachfest Leipzig in einer groß angelegten Abstimmung herausgefunden. Die Top 50 dieser "Bach-Hitparade" werden beim diesjährigen Bachfest (11.6. bis 21.6.) von renommierten Ensembles aufgeführt.

Bachs Top-50-Hitparade

Über 8000 Bachfans aus 20 Ländern haben unter den geistlichen Kantaten von Johann Sebastian Bach ihre Favoriten gewählt. Wie beim Eurovision Song Contest konnten sie Punkte vergeben: zwölf Punkte für den persönlichen Platz eins, zehn für Platz zwei und so weiter. Wie das Ranking ausgefallen ist, wird allerdings erst in den jeweiligen Konzerten verraten.

Nur so viel sagt Intendant Michael Maul im Vorfeld: "Für mich war erstaunlich, dass nicht unbedingt die prächtigsten, lautesten und großen Dur-Kantaten in die Top Ten gekommen sind, sondern gerade die Stücke, die sehr leise und nachdenkliche Töne angeschlagen, wo es im Text um existenzielle Fragen geht." Das, so meint Maul, sage auch etwas darüber aus, warum Bach gerade heute für die Menschen so wichtig sei. Bekannte Kantaten wie "Lobet den Herrn" oder "Nun kommt der Heiden Heiland" haben aber auf jeden Fall einen Platz unter den 50 Besten, verrät er.

Alle Kantaten-Konzerte sind nahezu ausverkauft. Wenn auch die Platzierungen nicht bekannt sind, die Ensembles stehen bereits fest. Neben den großen Altherren der historischen Aufführungspraxis Ton Koopman, Philippe Herrewege und Sir Elliot Gardiner sind auch das belgische Vokalensemble Vox Luminis sowie Chor Orchester der St. Gallen Stiftung unter Rudolf Lutz dabei. Für ihr Engagement rund um Bachs Musik erhält die Stiftung in diesem Jahr die Bachmedaille.

Die Bachgesellschaft als Vorbild

Johann Sebastian Bach war von 1723 bis zu seinem Tod 1750 Thomaskantor in Leipzig und leitete unter anderem den bekannten Thomanerchor, der das Bachfest jedes Jahr eröffnet. In Leipzig ist auchdie Neue Bachgesellschaft beheimatet, die unter anderem die Aufgabe hat, die Musik Johann Sebastian Bachs zu pflegen und zu verbreiten .

In diesem Sinne hatte man 1901 erstmals die Idee, regelmäßige Bachfeste hauptsächlich mit seiner Kirchenmusik auszurichten und das in wechselnden Städten in ganz Deutschland. Einige der Städte organisierten in der Folge ihre eigenen Bachfeste. Auch im Ausland guckte man sich das Prinzip der regelmäßigen Bachfeste mit verschiedensten Konzerten ab. Da die Feste etwa durch Kriege doch nicht ganz regelmäßig stattfinden konnten, feiert die Neue Bachgesellschaft in diesem Jahr erst ihr 100. Bachfest, das Teil des Leipziger Bachfests ist.

Wie die Bachfeste sich weltweit ausbreiteten

Museumsdirektor Jörg Hansen hat dazu die Ausstellung "Phänomen Bachfest" im Bachhaus in Eisenach konzipiert, der Stadt, in der Bach 1685 geboren wurde. Hansen hat mit seinem Team weltweit 82 Bachfeste aufgespürt, die regelmäßig stattfinden oder über längere Zeit stattgefunden haben. In Bethlehem, Pennsylvania, wurden bis jetzt die meisten Bachfeste gefeiert, sagt Hansen: "Seit 1912 haben sie 118 Bachfeste organisiert."

Das jüngste Bachfest wurde vor 10 Jahren im israelischen Jerusalem gegründet und die größten Bachfeste außerhalb Deutschlands finden in Malaysia und Oregon statt. Zu sehen gibt es in der Ausstellung im Bachhaus historische Stücke wie Programme, Fotos, Autographe, Filme und Tonaufnahmen. "Wir haben auch eine Vitrine voll mit Souvenirs und Programmheften und es gibt die aktuellsten Bachfestplakate von 58 Bachfestveranstaltungen weltweit", sagt Hansen.

Wem gehört Bach?

Die Ausstellung erzählt aber auch ein Stück Geschichte, etwa wie Bachs Musik im Dritten Reich von den Nationalsozialisten missbraucht wurde. Dann der Streit nach dem Zweiten Weltkrieg, bei dem es im geteilten Deutschland darum ging, Johann Sebastian Bach jeweils für sich zu vereinnahmen. "In der kommunistischen DDR sah man Bach als Genossen für die Arbeiter und Bauern, der gegen die Obrigkeit und die Kirche aufbegehrt hat", erläutert Hansen. Tatsächlich hatte Bach Streit mit seinem Arbeitgeber, der Kirche, aber da ging es um sein Gehalt und die Auswahl der Sängerknaben im Thomanerchor. Im Wirtschaftswunderland des Westens entdeckte man Bach dagegen als kommerziellen Faktor und holte Stars und Internationale Ensembles zu den Bachfesten.

Die Neue Bachgesellschaft durfte ihre Feste trotzdem jährlich abwechselnd in Ost und West feiern. " Es durften allerdings keine Gottesdienste mehr im offiziellen Programm der Bachfeste stehen", erläutert Jörg Hansen.

Beim Leipziger Bachfest 2026 werden gerade die geistlichen Bachkantaten besonders gefeiert. Nicht nur in der Hitparade, sondern in diesem Jahr unter der Leitung des Dirigenten und Organisten Rudolf Lutz auch wieder mit dem "Family-Choir". 122 Menschen aus 20 Ländern kommen extra nach Leipzig, um Bachs Kantaten zu singen.

Residenzkünstler ist in diesem Jahr der iranisch-amerikanische Cembalist Mahan Esfahani. Bach ist sein Lieblingskomponist. Gerade spielt er Bachs gesamtes Cembalo-Werk beim Label Hyperion ein und trägt einiges aus Bachs weltlichem Repertoire in sieben hochkarätigen Cembalokonzerten beim Bachfest vor. Die Deutsche Welle zeichnet das Konzert "Klavierübungen auf dem Cembalo I" am 12. Juni auf. Es erscheint auf dem Youtube Kanal DW Classical Music.

Das Bachfest Leipzig findet unter dem Motto "Im Dialog" vom 11.6. bis zum 21.6. in Leipzig statt. Die Ausstellung "Phänomen Bachfest" läuft noch bis zum 1. November 2026 im Bachhaus Eisenach.

Dieser Artikel wurde aktualisiert

Author Gaby Reucher
Item URL https://www.dw.com/de/leipziger-bachfest-2026-bachs-musik-als-hitliste/a-77459107?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/62054136_607.jpg
Image caption Johann Sebastian Bach steht immer wieder auf Platz eins der meist gestreamten klassischen Komponisten
Image source Marcus Friedrich/Zoonar/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/62054136_607.jpg&title=Leipziger%20Bachfest%202026%3A%20Bachs%20Musik%20als%20Hitliste

Item 30
Id 77455385
Date 2026-06-08
Title Estlands e-Residency: Start-up aus Kenia geht nach Europa
Teaser Ein Unternehmen in Europa gründen, ohne jemals dort gewesen zu sein? Estland macht es mit seiner e-Residency möglich. Die digitale Identität erlaubt es Gründern weltweit, eine estnische Firma online zu registrieren.
Full text

Estland positioniert sich als Hotspot für Startups und digitale Innovation. Zum Auftakt der Tech- und Gründerkonferenz Latitude59 in Tallinn wirbt das Land gezielt um internationale Unternehmer - von Afrika bis Asien. Im Zentrum steht die e-Residency, eine digitale Identität, die es Gründern weltweit ermöglicht, ein Unternehmen in der EU vollständig online zu gründen und zu führen.

Erfolgsgeschichten zeigen, wie das Startup-Visum sowie schlanke Bürokratie neue Firmen anziehen und Wachstum fördern. Gleichzeitig wird deutlich, wie Estland mit seinem digitalen Ökosystem und Zugang zum europäischen Markt im globalen Wettbewerb um Talente und Investitionen punkten will.

Diese Videozusammenfassung wurde mithilfe künstlicher Intelligenz aus dem Originalskript der DW erstellt. Vor der Veröffentlichung wurde sie von einem Journalisten bearbeitet.

Author Fabian Dittmann
Item URL https://www.dw.com/de/estlands-e-residency-start-up-aus-kenia-geht-nach-europa/video-77455385?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77419842_607.jpg
Image source DW
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/BUSI/BUSIDEU260608_DWIEResidencyNCMS_02SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/77419842_607.jpg&title=Estlands%20e-Residency%3A%20Start-up%20aus%20Kenia%20geht%20nach%20Europa

Item 31
Id 77454279
Date 2026-06-08
Title Haftstrafe für iranischen Regisseur Jafar Panahi bestätigt
Short title Haftstrafe für iranischen Regisseur Jafar Panahi bestätigt
Teaser Der preisgekrönte iranische Filmemacher war von der iranischen Justiz im Dezember in Abwesenheit wegen "Propaganda gegen den Staat" zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden.
Short teaser Panahi war im Dezember in Abwesenheit wegen "Propaganda gegen den Staat" zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden.
Full text

Die iranische Justiz hat die einjährige Haftstrafe für den iranischen Filmemacher Jafar Panahi bestätigt. Panahis Anwalt Mostafa Nilli teilte am Sonntag mit, ein Revolutionsgericht in Teheran unter Vorsitz des Richters Iman Afshari habe die Berufung des Regisseurs abgewiesen. Der Richter ist für seine harten Urteile gegen Regierungskritiker bekannt und von der Europäischen Union mit Sanktionen belegt.

Panahi war im Dezember in Abwesenheit wegen "Propaganda gegen den Staat" zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden. Zudem wurde er mit einem zweijährigen Reiseverbot belegt. Trotz drohender Haft kehrte er am 30. März in den Iran zurück.

Verurteilt wegen heimlichen Drehens

Laut Anklageschrift wurde Panahi aus mehreren Gründen verurteilt, vor allem wegen des heimlichen Drehens eines regierungskritischen Films, seiner Unterstützung für mehrere Dissidenten und politische Gefangene sowie seines Engagements für die Protestbewegung "Frau, Leben, Freiheit", die 2022 nach dem gewaltsamen Tod der jungen Kurdin Mahsa Amini entstanden war.

Beim Filmfestival in Cannes im Mai 2025 war der Regisseur zum ersten Mal seit 15 Jahren persönlich in der französischen Küstenstadt erschienen. Er gewann die Goldene Palme für den heimlich in seiner Heimat gedrehten Film "Ein einfacher Unfall" - den Film, für den er nun vor allem verurteilt wurde. Darin nimmt Panahi sehr direkt die Themen staatliche Gewalt und Unterdrückung aufs Korn. Er erzählt die Geschichte einer Gruppe ehemaliger Häftlinge, die glauben, den Mann gefunden zu haben, der sie gefoltert hat. Es geht um die Frage nach Rache oder Gnade. "Alle Figuren, die Sie in diesem Film sehen, sind von Gesprächen inspiriert, die ich im Gefängnis geführt habe, von Geschichten, die mir Menschen über die Gewalt und die Brutalität der iranischen Regierung erzählt haben", sagte Panahi in Cannes, "Gewalt, die nun schon seit mehr als vier Jahrzehnten andauert."

"Ein einfacher Unfall” ging für Frankreich ins Oscar-Rennen. Gerne wäre Panahi für den Iran angetreten, aber "in einer unterdrückten Gesellschaft" gebe es eben gewisse Schwierigkeiten, sagte er damals in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP.

Jafar Panahi saß im Iran bereits mehrfach im Gefängnis: 2010 knapp drei Monate und von 2022 bis 2023 etwa sieben Monate lang. Nach einem Hungerstreik ließ man ihn im Februar 2023 frei. Die iranischen Behörden hatten Panahi zudem mit einem 20-jährigen Berufs- und Ausreiseverbot belegt.

Doch im Laufe seiner Karriere fand er immer wieder neue Wege, seine Filme zu drehen, zu schneiden und außer Landes zu schmuggeln. Mal verwandelte er sein Wohnzimmer in eine Filmkulisse ("This Is Not a Film"), mal machte er ein Auto zum mobilen Studio (in dem Film"Taxi Teheran", der 2015 den Goldenen Bären auf der Berlinale gewann)

ka, sr/stu (AFP/dpa)

Item URL https://www.dw.com/de/haftstrafe-für-iranischen-regisseur-jafar-panahi-bestätigt/a-77454279?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76370736_607.jpg
Image caption Der iranische Regisseur Jafar Panahi wurde zu einer erneuten Haftstrafe verurteilt
Image source Daniel Cole/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/76370736_607.jpg&title=Haftstrafe%20f%C3%BCr%20iranischen%20Regisseur%20Jafar%20Panahi%20best%C3%A4tigt

Item 32
Id 77381276
Date 2026-06-07
Title Wachstum durch neues Know-how: Mittelstand setzt auf Indien
Teaser Ein Ingenieur aus Indien übernimmt die Führung eines Traditionsbetriebs in Rheinland-Pfalz. Er soll die Digitalisierung vorantreiben und neue Märkte erschließen.
Full text

Der indische Manager Tarkeshwar Rao leitet nach seiner Zeit bei Audi Indien nun den traditionsreichen Mittelständler Orten im rheinland-pfälzischen Bernkastel-Kues. Das Unternehmen mit rund 120 Mitarbeitern produziert spezialisierte LKW-Aufbauten und wurde kürzlich von der indischen Holding Trentar übernommen, die auf High-Tech-Bereiche wie Raumfahrt, Energie und Drohnentechnologie setzt.

Diese Videozusammenfassung wurde mithilfe künstlicher Intelligenz aus dem Originalskript der DW erstellt. Vor der Veröffentlichung wurde sie von einem Journalisten bearbeitet.

Author Karl Harenbrock
Item URL https://www.dw.com/de/wachstum-durch-neues-know-how-mittelstand-setzt-auf-indien/video-77381276?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77387937_607.jpg
Image source DW
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/BUSI/BUSIDEU260602_DWIIndiaGermany_CMS2_02SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/77387937_607.jpg&title=Wachstum%20durch%20neues%20Know-how%3A%20Mittelstand%20setzt%20auf%20Indien

Item 33
Id 77441627
Date 2026-06-07
Title Auch ein Friedensabkommen wird die Energiekrise nicht lösen
Short title Auch ein Friedensabkommen wird die Energiekrise nicht lösen
Teaser Selbst wenn die USA und der Iran ein Friedensabkommen aushandeln: Die Wiedereröffnung der Straße von Hormus und die Wiederherstellung der Energieinfrastruktur wird Monate oder Jahre in Anspruch nehmen, warnen Experten.
Short teaser Die Wiederherstellung der Energieinfrastruktur nach dem Ende des Iran-Kriegs wird Monate oder Jahre in Anspruch nehmen.
Full text

An diesem Sonntag währt der Iran-Krieg schon hundert Tage und allmählich setzt sich eine tröstliche, aber trügerische Hoffnung durch: Wenn die Straße von Hormus nur schnell wieder geöffnet würde, werden die Energiepreise rapide sinken und die im Golf gestrandeten Öl- und Gastanker endlich wieder den Golf verlassen.

So sehr sich Politiker, Unternehmer und Investoren auch an diesen Gedanken klammern - führende Vertreter der Ölindustrie, der Schifffahrtsbranche und der Wirtschaft gehen vom genauen Gegenteil aus. Selbst wenn Frieden einkehren sollte, könnten die Energiemärkte und globalen Lieferketten keineswegs umgehend wieder zur Normalität zurückkehren, warnen sie. Die Nachwirkungen könnten noch viele weitere Monate oder gar Jahre zu spüren sein.

Amin Nasser ist Hauptgeschäftsführer von Saudi Aramco, dem größten Erdölproduzenten der Golfstaaten. Im vergangenen Monat sagte er zu Investoren, es würde "Monate dauern bis sich der Markt wieder im Gleichgewicht befindet". Würde die Blockade auch nur einige Wochen länger anhalten, würde "eine Normalisierung bis 2027 dauern".

Trotz der brüchigen Waffenruhe und den wiederholt gescheiterten Friedensgesprächen verkehrt noch immer nur ein Bruchteil der gewohnten Zahl an Schiffen durch die schmale Meerenge zwischen Iran und Oman. Die Preise für Rohöl verharren auf etwa 30 Prozent über dem Vorkriegsniveau und führen zu deutlich erhöhten Preisen für Benzin, Diesel und Dünger. Diese Zusatzkosten treiben die Inflation weltweit in die Höhe und beeinträchtigen die Lieferketten. Die Lebensmittelpreise weltweit steigen, weil Düngemittel, bei deren Herstellung Erdgas eine wichtige Rolle spielt, für Landwirte teurer werden.

Wiedereröffnung mit Unterbrechungen

Nach einem Friedensabkommen müssten die Reedereien erst wieder ausreichend Vertrauen entwickeln, um ihre Besatzungen in die Golfregion zurückzuschicken, betonen Experten. Dies könnte eine Beobachtungsphase von 30 bis 45 Tagen bedeuten. Zudem müssten Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz vor vereinzelten Angriffen auf Schiffe getroffen werden, darunter auch internationale Marinepatrouillen.

Schiffseigner und Besatzungen seien noch immer ausgesprochen vorsichtig, weil die Angriffe auf Schiffe in der Straße von Hormus weitergingen, sagte Chevron-Chef Mike Wirth am 29. Mai zur Nachrichtenagentur Bloomberg. Allein in der vergangenen Woche seien mehrere Schiffe getroffen worden. Eine Wiedereröffnung der Straße von Hormus wäre vermutlich ein Prozess mit vielen Unterbrechungen, fügte er hinzu.

"Es bedarf nur eines Angriffs auf ein Schiff, um die große Mehrheit abzuschrecken", sagt Neil Crosby vom Marktforschungsunternehmen Sparta Commodities zur DW. Mittlerweile hätten die Reedereien ihre Einnahmen aus der Golfregion durch andere Schiffsfahrten ersetzt: "Warum also das Risiko eingehen?" Die Prämien für Kriegsrisiken bei Durchfahrten durch die Straße von Hormus sind bei Lloyd's of London, dem weltweit führenden Markt für Seeversicherungen, dramatisch in die Höhe geschnellt. Auch nach der am 8. April in Kraft getretenen Waffenruhe verharren sie auf einem hohen Niveau.

Ist die Meerenge erst einmal gesichert, müssen die im Golf gestrandeten Schiffe diesen unbehelligt verlassen, während andere Schiffe von entlegeneren Häfen, einige davon auf der anderen Seite des Globus, sich auf den Weg zur Straße von Hormus machen, um neue Ladung aufzunehmen. "Dieser Vorgang könnte acht Wochen oder mehr in Anspruch nehmen, je nachdem wie lange die einzelnen Schritte dauern", warnt Crosby.

Sicherheitsprüfungen verzögern Wiederinbetriebnahme

Die Schäden an der Energieinfrastruktur in den Golfstaaten werden zu weiteren Verzögerungen führen. Dutzende Ölfelder, Pipelines, Raffinerien und LNG-Anlagen wurden getroffen. Die Kosten für ihre Wiederherstellung wurden im April laut Beratungsunternehmen Rystad Energy auf 21,7 bis 50,3 Milliarden Euro geschätzt.

Am schwersten beschädigt wurde die riesige Flüssigerdgasanlage Ras Laffan in Katar. Iranische Luftschläge legten dort 17 Prozent der LNG-Kapazitäten des Landes lahm. Drei bis fünf Jahre könnten die Reparaturen bis zur vollständigen Wiederherstellung der Anlage dauern, warnen katarische Regierungsvertreter.

Außerdem könnten LNG-Produzenten noch Jahre damit verbringen, Vertragsstreitigkeiten wegen ausgebliebender Lieferungen beizulegen, und Auftragsrückstände könnten sich bis in das kommende Jahr auf die Frachtpläne auswirken, erklärten Juristen gegenüber S&P Global Energy Platts, einem führenden Anbieter von Referenzwerten für Energie- und Rohstoffpreise. Dazu zählten auch strittige Forderungen aufgrund "höherer Gewalt", also rechtliche Erklärungen, wonach der Krieg die versprochene Lieferung von Flüssigerdgas unmöglich gemacht habe.

Auch anderen Energieanlagen stehen wochen- oder monatelange Reparatur- und Wartungsarbeiten bevor. Allein schon, weil es Komplikationen aufgrund der langen Produktionspausen gibt und umfassende Sicherheitsprüfungen durchgeführt werden müssen. In den seit März stillstehenden Produktionsstätten hat sich Druck aufgebaut, es gibt Ablagerungen und es muss auf Korrosion geprüft werden. Das erfordert gründliche Inspektionen und eine vorsichtige Wiederinbetriebnahme, um Unfälle zu vermeiden. Zudem waren Ersatzteile schon vor dem Krieg knapp.

Ölreserven gehen zur Neige

Crosby erwartet bis zum Sommer außerdem noch ein "Lagerbestandsproblem", weil andere Sektoren des globalen Ölmarkts vorübergehend Abhilfe für die Versorgungsengpässe aus der Golfregion geschaffen haben. So haben die Vereinigten Staaten ihre Ölförderung seit Kriegsbeginn auf Rekordhöhe gesteigert. China hat stärker auf eigene strategische Ölreserven zurückgegriffen und seine Importe von Rohöl um 3,5 Millionen Barrel täglich gesenkt. Auch die Mitgliedsstaaten der Internationalen Energieagentur (IEA) haben auf ihre Ölreserven zurückgegriffen.

Diese Maßnahmen sind jedoch nicht von Dauer. Die Ölvorräte der USA erreichen in den nächsten Monaten voraussichtlich ein gefährlich niedriges Niveau, während China bald seine Importe wiederaufnehmen muss und mit dem Rest der Welt erneut um begrenzte Vorräte konkurrieren wird. IEA-Chef Fatih Birol warnte im vergangenen Monat, dass der Ölüberschuss vor dem Krieg dazu beigetragen habe, den ersten Schock abzufedern, der Ölmarkt aufgrund sich leerender Bestände jedoch im Juli oder August in eine "kritische Phase" eintreten könnte.

"Sobald [die Ölvorräte] zur Neige gehen, sind höhere Preise unausweichlich. Nur höhere Preise können die Nachfrage wirklich eindämmen", sagt Crosby zur DW. Der Ölpreis könne sich verdoppeln, warnt er, und dann stünden wir vor einer weltweiten Rezession.

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

Author Nik Martin
Item URL https://www.dw.com/de/auch-ein-friedensabkommen-wird-die-energiekrise-nicht-lösen/a-77441627?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77110260_607.jpg
Image caption Eine Meerenge als Waffe: Die Straße von Hormus zeigt, wie sehr die Welt von der Golfregion abhängig ist
Image source US Navy/Planet Pix/ZUMA/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/BUSI/BUSIDEU260506_DWIPlasticCMS_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/77110260_607.jpg&title=Auch%20ein%20Friedensabkommen%20wird%20die%20Energiekrise%20nicht%20l%C3%B6sen

Item 34
Id 77226279
Date 2026-06-07
Title Unfreiwillige Dreiecksbeziehung - Du, ich und die Depression
Short title Unfreiwillige Dreiecksbeziehung - Du, ich und die Depression
Teaser Eine Depression ist eine Zerreißprobe für eine Partnerschaft. Angehörige fühlen sich oft hilf- und machtlos. Dabei gibt es eine Menge, das sie tun können - und vieles, das sie lassen sollten.
Short teaser Eine Depression ist eine Zerreißprobe für eine Partnerschaft. Was Angehörige tun können - und was sie lassen sollten.
Full text

Vor sechs Jahren hat sich Stefans Partnerschaft grundlegend verändert. Damals, als die Corona-Pandemie losging, hatte Stefans Ehefrau Jessica einen Zusammenbruch und steckt seitdem in einer Depression. Stefan und Jessica heißen in Wirklichkeit anders. Zum Schutz ihrer Privatsphäre wurden ihre Namen geändert.

Jessica wurde krankgeschrieben und konnte drei Jahre nicht arbeiten. Sie verbrachte Monate in Kliniken, mit ambulanten Therapien und hat verschiedene Medikamente ausprobiert.

"Nach ungefähr drei Jahren kamen wir zu dem Schluss, dass es nicht mehr so wird wie vorher ", sagt Stefan. "Ein unbelastetes, lockeres Miteinander gibt es nicht mehr."

Frühwarnzeichen einer Depression: Überforderung und Rückzug

Es begann damit, dass Jessica sich zunehmend vor Menschen fürchtete und eine Sozialphobie entwickelte, erzählt der 44-jährige Softwareentwickler. Selbst aus dem Kreis enger Freunde zog sie sich zurück. Einkaufen wurde schwierig, Anrufe bei Ärzten oder Behörden unmöglich.

Auch von Stefan fühlte sich Jessica überfordert. Banale Gedanken, die er früher mit ihr geteilt hatte, zum Beispiel über Dinge, die er gelesen oder gesehen hatte, waren ihr jetzt zu viel.

Eine Depression ist für die Erkrankten schlimm. Doch auch die Angehörigen leiden. Gerade in einer Partnerschaft verschiebt sich etwas. "Es gab Phasen, da hatte ich eine Ehefrau weniger und ein Kind mehr", sagt Stefan. Je weniger Jessica selbst tun konnte, desto mehr hat er ihr abgenommen.

Grenzen setzen für die eigene mentale Gesundheit

Birgit Esch hilft Angehörigen von Menschen mit Depressionen. Sie hat lange als Krankenschwester mit psychisch erkrankten Personen gearbeitet und bemerkt: Nur wenn die Angehörigen einbezogen werden, können die Betroffenen wirklich gesund werden.

Heute ist sie systemische Familientherapeutin am LVR-Klinikum in Bonn und eine Anlaufstelle für Menschen wie Stefan. Sie bietet Kurse an, in denen Angehörige an drei Abenden nicht nur lernen, was eine Depression ist: "Wichtig ist vor allem, dass das individuelle Wissen der Angehörigen mit einbezogen wird", sagt Esch.

"Die meisten Angehörigen gehen etwa 4 Wochen, bevor der Betroffene in die Klinik kommt, durch die Hölle", sagt sie. Weil sie alles probiert haben, immer mehr rotieren, angespannt, ängstlich und voller Sorgen um den geliebten Menschen sind. "Wie geht es dir denn eigentlich? Diese Frage wird [Angehörigen] viel zu selten gestellt", sagt Esch.

Dabei sei es enorm wichtig, dass Angehörige lernen, gut auf sich zu achten und Grenzen zu setzen. Damit sie selbst gesund bleiben. Und den Betroffenen eine echte Hilfe sein können.

Wichtig für Angehörige von Depressiven: Keine Hilfe ohne Auftrag

Abgrenzung und Hilfe gehen oft Hand in Hand. Denn wenn Angehörige ungefragt immer mehr Alltagsaufgaben übernehmen, verstärke das die Passivität des Depressiven, was wiederum die Depression füttere, erklärt Esch.

Die Aufopferung der Angehörigen verstärkt zudem das Schuld- und Schamgefühl der Erkrankten. Das musste auch Stefan erfahren. Je mehr er seiner Frau im Haushalt abnahm, je häufiger er Anrufe für sie führte, desto mehr fühlte sie sich als Belastung für ihn.

"Es wäre besser für dich, wenn ich nicht mehr da wäre", hörte Stefan dann von ihr.

"Keine Hilfe ohne Auftrag", sagt Birgit Esch gerne. So bleibt das Gefühl von Selbstwirksamkeit der Betroffenen erhalten. Die Angehörigen haben so auch die Chance 'Nein' zu sagen und der eigenen Überlastung entgegenzuwirken.

"Abgrenzung bedeutet nicht, dass ich die Person ablehne, sondern dass ich der Depression nur einen bestimmten Platz zubillige", sagt Esch.

Trennung von Person und Depression macht es Paaren leichter

Abgrenzung falle dann leichter, wenn Angehörige es schaffen, die Depression von der Person zu trennen, so Esch. Jessica ist oft frustriert, weil sie aufgrund der Erkrankung ihren eigenen Erwartungen nicht entsprechen kann. Ihr Geduldsfaden reißt schnell.

"Rückzug, Gereiztheit und emotionale Distanz kommen nicht von der Person, sondern der Depression", sagt Esch. "In einer Beziehung ist es wichtig zu akzeptieren, dass das Paar in einer Dreiecksbeziehung lebt."

Kommunikation wird jetzt besonders wichtig - und ist gleichzeitig besonders schwierig. Gerade wenn es um potenzielle Konfliktthemen geht. "Ich muss mich immer zurückhalten und erstmal die Lage sondieren. Das ist sehr anstrengend", sagt Stefan.

Gleichzeitig fürchtet er immer auch, dass die Situation eskalieren könnte. Jessica und Stefan haben sich deshalb darauf verständigt, dass er ihr bestimmte Anliegen - beispielsweise wenn er sich zu Unrecht von ihr kritisiert fühlt - per Textnachricht übermittelt. Stefan kann sich mitteilen, Jessica kann darauf in ihrem Tempo reagieren.

Umgang mit der Depression: Kleine Schritte wertschätzen

Seit über einem Jahr arbeitet Jessica wieder - vier Stunden am Tag, vier Tage pro Woche. Mehr geht aktuell nicht. Doch Stefan ist froh, schließlich ist das mehr als lange möglich war. "Mittlerweile kann sie nach der Arbeit auch noch einkaufen gehen", sagt er.

Einkaufen, Haare waschen, Leergut wegbringen. Solche kleinen Schritte wertzuschätzen sei wichtig, sagt Esch. "Der Umgang mit der Erkrankung ist für den Betroffenen Schwerstarbeit."

Als Jessica sich immer stärker zurückzog, ging Stefan mit in die Isolation. Auch das sei typisch, sagt Esch, aber für niemanden hilfreich. "Wir ziehen niemanden an den Haaren vom Sofa." Aber Angehörige hätten das Recht zu sagen "ich werde mich nicht daneben setzen und mit dir depressiv sein."

Hilfe für Angehörige durch Therapie und Gesprächskreise

Im vierten Jahr der Depression seiner Frau entwickelte Stefan nervöse Ticks und einen unerklärlichen Juckreiz, der ihn nicht schlafen ließ. Psychosomatische Störungen - vermutlich ausgelöst durch die Belastung, die die Erkrankung seiner Frau auch für ihn bedeutete.

Er suchte sich eine Therapeutin und fand zudem den Weg zu Birgit Esch. Neben Kursen zu verschiedenen psychischen Erkrankungen bietet sie auch Einzelberatungen und Gesprächskreise an.

All das hat Stefan geholfen, seine eigene Position in der Dreiecksbeziehung mit seiner Frau und ihrer Erkrankung zu finden: Sich stärker zurückzuziehen und mehr für sich selbst zu machen. "Das ist auch notwendig, um leistungsfähig zu bleiben", sagt Stefan.

Juckreiz und Ticks sind mittlerweile verschwunden. Stefan ist viel unterwegs, mal mit Jessica, aber auch allein. Er möchte neue Leute kennenlernen, neue Sachen ausprobieren. Als nächstes will er seine Arbeitszeit reduzieren, um mehr Zeit für Sport zu haben.

Trennung: Wenn die Depression größenwahnsinnig wird

Stefan und Jessica haben einen Umgang miteinander gefunden, der funktioniert. Nicht alle Paare schaffen das. Birgit Esch hat auch schon Trennungen begleitet. Eine Trennung sei dann ratsam, wenn die Depression als Entschuldigung für alles diene, so Esch. Ein Argument wie "Ich kann leider nicht nett zu dir sein, ich bin ja depressiv" trägt nicht zu einer funktionierenden Beziehung bei.

Author Julia Vergin
Item URL https://www.dw.com/de/unfreiwillige-dreiecksbeziehung-du-ich-und-die-depression/a-77226279?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77226801_607.jpg
Image source Oleksandr Latkun/imageBROKER/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77226801_607.jpg&title=Unfreiwillige%20Dreiecksbeziehung%20-%20Du%2C%20ich%20und%20die%20Depression

Item 35
Id 77392225
Date 2026-06-05
Title Stille Stunde: Einkaufen ohne Reizüberflutung
Short title Stille Stunde: Einkaufen ohne Reizüberflutung
Teaser Mehr Ruhe, weniger Stress - die Stille Stunde ist eine Initiative für Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen. Immer mehr Geschäfte und Einrichtungen in Deutschland beteiligen sich daran.
Short teaser Mehr Ruhe, weniger Stress - die Stille Stunde ist eine Initiative für Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen.
Full text

Mittwochs zwischen 17 und 19 Uhr geht es in deutschen IKEA-Filialen seit dieser Woche deutlich ruhiger zu. Keine Musik, teilweise gedimmtes Licht, Durchsagen nur im Notfall. Insgesamt merklich weniger Reize - das ist das Ziel der Stillen Stunde. Sie geht auf die Initiative des Vereins "gemeinsam zusammen” zurück. "Wir wollen mit der Stillen Stunde Menschen mit invisiblen, also nicht sichtbaren Behinderungen entlasten. Sie sind häufig durch eine dauerhafte Belastung des Nervenzentralsystems beeinträchtigt, weshalb wir ihnen gezielt reizarme Momente ermöglichen möchten", erklärt Rebecca Lefèvre, Sprecherin von "gemeinsam zusammen", im DW-Gespräch.

Die Stille Stunde soll für Betroffene ganz praktisch vor allem sensorische, aber auch chemische, soziale und kommunikative Barrieren abbauen, die sie häufig daran hindern, überhaupt das Haus zu verlassen. Denn was Menschen ohne Beeinträchtigung oft gar nicht bewusst wahrnehmen: Bei einem Möbelhaus- oder Supermarktbesuch werden ständig alle Sinne auf vielfältige Weise angesprochen. Bunte Schilder, das Rattern der Einkaufswagen, unterschiedliche Gerüche, die sich überlagern - viele Menschen überfordert das. Etwa solche, die dem Autismus-Spektrum angehören oder ADHS haben, oder etwa Menschen mit chronischer Erschöpfung oder chronischen Schmerzen, psychologischen Beeinträchtigungen und Sinnesbeeinträchtigungen.

Vorreiter für die Stille Stunde ist der Neuseeländer Theo Hogg, selbst Vater eines autistischen Kindes und Angestellter einer Supermarktkette. Er überzeugte 2019 seine Arbeitgeber, landesweit in allen Filialen eine "Quiet Hour” einzuführen. Seitdem sind etliche Länder seinem Beispiel gefolgt. In Deutschland gibt es die Inklusionsinitiative seit 2023. "Uns geht es dabei auch um die Sichtbarkeit dieses Themas", erklärt Rebecca Lefèvre, "denn Betroffene können oft gar nicht genau sagen, was das konkrete Problem ist, und man sieht es ihnen eben auch nicht an. Diese Menschen bekommen dann oft zu hören, sie stellten sich nur an."

Immer mehr Firmen und Geschäfte bieten Stille Stunden an. In zahlreichen Edeka- oder REWE-Märkten wird es zwischenzeitlich ruhiger, so etwa im REWE von Rudolf Schmidt in Diez jeden Mittwoch von 15 bis 16 Uhr. Dann dimmen die Mitarbeiter das Licht, schalten das Piepsen der Kassen aus und stellen das Nachräumen der Waren ein. "Und wenn jemand laut mit dem Handy telefoniert, bitten wir freundlich, das Gespräch zu beenden”, erzählt Schmidt. Der Marktleiter war einer der ersten Unterstützer der Stillen Stunde. "Die Kunden, die eigens dafür zu uns kommen, bedanken sich. Ab und zu hören wir zwar auch mal ein ‘muss das sein?', aber wenn wir es dann erklären, zeigt jeder Verständnis.”

Rebecca Lefèvre betont, dass sich die Stille Stunde nicht nur auf Geschäfte beschränkt: "Es machen auch Kinos, Schwimmbäder, Bowlingcenter mit. Wir werden jetzt bald wahrscheinlich die erste Trampolin-Halle haben, die ja vollkommen reizüberflutet ist. Aber es geht einfach wirklich darum zu sagen, wir probieren es."

Auch das Stadtmuseum Münster beteiligt sich seit diesem Februar. Besucher können einmal im Monat dienstags von 16 bis 18 Uhr per App oder Broschüre einem Stille-Stunde-Pfad folgen. Währenddessen verzichtet das Museum auf Führungen; außerdem bietet es einen Rückzugsort und Kommunikationskarten an. "Wir führen natürlich nicht Buch darüber, wie viele Menschen extra für die Stille Stunde zu uns kommen, aber wir erkennen schon, dass unser Angebot bereits genutzt wird", erklärt Axel Schollmeier, stellvertretender Leiter des Stadtmuseums, gegenüber der DW.

Aber natürlich muss man in Zeiten von Smartphone und Social Media nicht psychologisch oder neurologisch eingeschränkt sein, um ein ruhiges Einkaufserlebnis schätzen zu können. Frank Rohde betreibt ein Gartenfachgeschäft in Kassel; bei ihm ist, so ist auf der Teilnehmerliste von stille-stunde.com zu lesen, zu allen Öffnungszeiten Stille Stunde. "Wir haben das schon immer so gemacht: Keine Musik, es ist ruhig und wir unterhalten uns mit den Kunden", erklärt er gegenüber der DW. "Die finden das angenehm, die wollen gar kein Gedudel."

Für Rebecca Lefèvre ist es ein schöner Nebeneffekt, dass auch Menschen ohne Behinderungen profitieren: "Das tut sicher sehr vielen gut, weil wir in einem reizüberfluteten Land leben", sagt sie. "Aber es macht natürlich einen Unterschied, ob jemand es einfach schön findet, mehr Ruhe zu finden, oder ob jemand unter der Reizüberflutung leidet und dadurch vielleicht Schmerzen bekommt - oder sogar gar nicht teilnehmen kann."

Author Katharina Abel
Item URL https://www.dw.com/de/stille-stunde-einkaufen-ohne-reizüberflutung/a-77392225?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77401831_607.jpg
Image caption Die Stille Stunde soll den Besuch im Supermarkt für Menschen mit invisibler Behinderung erträglich machen
Image source Frank Hoermann/SvenSimon/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77401831_607.jpg&title=Stille%20Stunde%3A%20Einkaufen%20ohne%20Reiz%C3%BCberflutung

Item 36
Id 77250833
Date 2026-06-05
Title Bürokratie oder Wettbewerbsvorteil? DIN Normen prägen Weltmärkte
Short title Zu viele Regeln? Normen können Marktmacht sichern
Teaser Zu viel Bürokratie oder Wettbewerbsvorteil? Normen prägen globale Märkte und Marktpositionen. Deutschland exportiert so viele Normen wie kein anderes Land - droht aber bei Zukunftstechnologien den Anschluss zu verlieren.
Short teaser Ob Marktzugang oder Wettbewerbsvorteil: Normen prägen globale Märkte. Deutschlands Vorsprung ist kein Selbstläufer.
Full text

In Deutschland wird viel darüber geklagt, dass eine überbordende Bürokratie mit zu vielen Regeln und Vorschriften die Wirtschaft lähmt. Eine andere Seite der Geschichte ist aber: Genau solche Regeln können wirtschaftliche Tätigkeiten vereinfachen und Marktmacht sichern und ausweiten.

In Deutschland entstehen Normen beim Deutschen Institut für Normung (DIN). Da sie festlegen, wie Dinge am besten gemacht werden, prägen sie Produktionsprozesse, Lieferketten, Qualitätsanforderungen und Produktdesigns. Wer sie mitgestaltet, gestaltet Märkte.

Internationaler Einfluss deutscher Normen

Das ist für die deutsche Wirtschaft vor allem dann wertvoll, wenn deutsche Normen über Grenzen hinaus Wirkung entfalten. Genau das geschieht regelmäßig: Deutschland hat großen Einfluss beim europäischen Normungsinstitut (CEN) und auch bei der Internationalen Organisation für Normung (ISO). In dieser Hinsicht ist die Bundesrepublik "Exportweltmeister von Normen": Kein anderes Land prägt die Entstehung von europäischen oder internationalen Normen so stark wie Deutschland.

Wie stark Normen Märkte verändern können, zeigt ein Blick in die Geschichte: die Standardisierung von Containern im Jahr 1968. Vorher wurden Waren für den Transport in Säcke, Tonnen oder Kisten verpackt. Mit der Einführung genormter Containern hat sich der internationale Handel radikal verändert. Sie lassen sich perfekt stapeln und passen genau auf dafür gebaute Containerschiffe, Zugwaggons oder LKWs. So wurde der globale Handel schneller, effizienter und günstiger.

"Wer internationale Standards setzt, prägt Märkte und sichert Technologieführerschaft", sagt daher Christoph Winterhalter, Vorstandsvorsitzender von DIN.

Normen = Wie wird etwas am besten gemacht?

Diese starke Wirkung haben Normen, obwohl sie nicht gesetzlich vorgegeben sind, sondern Unternehmen freiwillig entscheiden, ob sie sich an Normen halten oder nicht. In der Regel entscheiden sie sich dafür, weil Normen die Frage beantworten, wie etwas am besten gemacht wird. So muss nicht mehr jedes Unternehmen selber nach der besten Lösung suchen, was für mehr Sicherheit sorgt und Kosten senkt.

So fördern Normen eine bessere internationale Zusammenarbeit, wie das Beispiel der Container zeigt. Sie reduzieren nichttarifäre Handelshemmnisse und vereinfachen internationale Lieferketten. Anhand von Normen können weltweit agierende Unternehmen besser überprüfen, ob Zulieferer geeignet sind. Normen erhöhen zudem das Vertrauen der Verbraucher und senken das Produkthaftungsrisiko. Außerdem erleichtern sie den Marktzugang für Produkte und Dienstleistungen. Wenn Normen also im Interesse deutscher Unternehmen gestaltet sind, verbessern sie deren Wettbewerbsposition im Markt.

Normenexportweltmeister

Und ein solcher Einfluss ist möglich, weil viele der internationalen Normen ihren Ursprung beim DIN haben und weil in den DIN-Ausschüssen, in denen Normen entstehen, vor allem Personen aus der Wirtschaft mit am Tisch sitzen. Auch wenn zudem noch Vertreter von Verbraucherinteressen, NGOs und andere mit dabei sind - es sind die großen Unternehmen, die es sich leisten können, Mitarbeitende für längere Zeit zu entsenden. Dabei versuchen sie natürlich ihre eigenen Lösungen und Interessen in Standards zu verankern.

Das DIN wiederum schickt Expertinnen und Experten zu europäischen Normungsorganisationen wie CEN und zur Internationale Organisation für Normung ISO, und beeinflusst so die Entstehung internationaler Normen. So werden die Interessen der deutschen Wirtschaft in die Welt getragen und als internationaler Standard etabliert. Fast 30 Prozent der europäischen und 17 Prozent der internationalen Projekte laufen unter dem Projektmanagement von DIN, sagt Winterhalter, Chef von DIN in einem Interview gegenüber der Tagesspiegel.

China setzt Schwerpunkte

Inzwischen haben auch andere Länder diese Vorteile erkannt. Laut einer Studie der Weltbank hat China internationale Normen lange Zeit lediglich übernommen. Ab der Jahrtausendwende hat die chinesische Regierung sich verstärkt engagiert, um eigene Normen zu festzulegen. Dabei hat - wie in anderen Bereichen auch - der chinesische Staat beim Normungsprozess viel mehr die Hand im Spiel als der deutscher Staat. Schon in den letzten zehn Jahren ist China so sehr stark in Normungsprozessen in Bezug auf Zukunftstechnologien geworden.

Bis 2035 will China eine Führungsrolle bei globalen Technologiestandards übernehmen, dazu gehören künstliche Intelligenz (KI), Quanten- und Biotechnologie, Big Data, Blockchain, Gesundheitswesen, neue Energien und neue Materialien. Dieses strategische Ziel ist im Nationalen Entwicklungsrahmen für die Normung, der im Jahr 2021 veröffentlicht wurde, festgehalten.

Sich auf bisher Erreichtem auszuruhen, sollte Deutschland daher nicht. "Normung wird weltweit zum geopolitischen Instrument", warnte Winterhalter vom DIN. Deutschland müsse aus dieser Entwicklung lernen und seine Stärken gezielt in Zukunftsfelder übertragen.

Wer setzt wo Duftmarken

Noch dominiert Deutschland in seinen industriellen Kernbranchen, heißt es im DIN Normungsbarometer 2025. In der internationalen Normung (ISO) führen die Deutschen in den Bereichen Umwelt, Maschinenbau, Querschnittsthemen und Spezialtechnologien. Auf europäischer Ebene (CEN) hält DIN knapp 30 Prozent aller Sekretariate und ist damit klarer Marktführer in Europa. Besonders stark ist Deutschland in den Bereichen Gesundheit und Arbeitssicherheit, Maschinenbau und chemischen Erzeugnissen.

In digitalen Themenfeldern dagegen führen die USA mit gut 31 Prozent der ISO-Sekretariate im IT-Bereich, gefolgt von Großbritannien. Südkorea ist stark im Bereich Standardisierung des Metaverse und Japan bei der Sprachverarbeitung. Deutschland hat im IT-Bereich nur vier Prozent, stärkt aber seinen Einfluss bei Quantentechnologie und beim Digitalen Produktpass.

Große Unternehmen haben großen Einfluss

Auch wenn es der deutschen Wirtschaft nutzt - die Tatsache, dass viele Wirtschaftsvertreter in den Normungsausschüssen Einfluss nehmen, sorgt in Deutschland auch für Kritik. Tendenziell sind es große Unternehmen, die hier mitwirken. "Leider ist die Zusammensetzung der DIN-Gremien nicht immer ausgewogen und transparent", beklagt Sascha Steuer, Hauptgeschäftsführer beim Verband Beratender Ingenieure (VBI). "Die unabhängigen Ingenieurinnen und Ingenieure spielen oft nur eine untergeordnete Rolle."

Kleinere Unternehmen oder Mittelständler (KMU) können es sich nicht unbedingt leisten, Mitarbeitende für längere Zeit abzustellen, um solche Normfindungsprozesse zu begleiten. "KMU tragen die Last dieser Komplexität überproportional. Wer nicht dauerhaft Mitarbeiter in Normungsgremien entsenden kann, hat schlicht keinen Einfluss auf Standards, die seinen Alltag bestimmen," sagt Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer Zentralverband Deutsches Baugewerbe.

Ähnlich sieht es aus bei der Beteiligung von Personen aus den Bereichen Forschung, Verbraucherschutz sowie Umweltverbände und Gewerkschaften, die ebenfalls zwar in den Ausschüssen des DIN vertreten sind, aber weniger stark auftreten können.

Normen blähen Bürokratie auf

Zudem besteht die Sorge, dass Normen die Bürokratie weiter aufblähen. Allein in Deutschland gibt es rund 35.000 DIN‑Normen. Mit vielen Normen gehen Dokumentationspflichten einher.

"Wir haben zu viele und vor allem zu hohe Normen", so Steuer vom VBI. Auch Pakleppa kritisiert "in den vergangenen 25 Jahren ist das Regelwerk zu einem Dickicht angewachsen, das selbst Fachleute kaum noch durchdringen." Jede Eventualität bekomme eine neue Unterklausel, jeder Komfortwunsch werde zur Pflicht. "Während unsere europäischen Nachbarn mit funktionalen Schutzzielen arbeiten, verstricken wir uns in kleinteiligen Ausführungsvorschriften. So ist das Bauen hierzulande teurer, langsamer und innovationsfeindlicher geworden," beklagt Pakleppa.

Max Flaig von Deutscher Mittelstands-Bund (DMB) meint dagegen, Normen könnten Bürokratie sogar reduzieren, weil sich die Beteiligten auf einheitliche Regelwerke einigen. "Ohne Normen müsste vieles im einzelnen Vertrag geregelt und jedes Mal neu verhandelt werden."

Einmal Norm - immer Norm, das sei keine Regel, heißt es dagegen vom DIN. Nach fünf Jahren werde jede Norm überprüft und im Zweifel wieder abgeschafft.

Author Insa Wrede
Item URL https://www.dw.com/de/bürokratie-oder-wettbewerbsvorteil-din-normen-prägen-weltmärkte/a-77250833?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/68387968_607.jpg
Image caption Ein Unternehmen, das früh an einer Norm mitarbeitet, kann seine eigene Technologie quasi zum "Industriestandard" machen. Das verschafft ihm einen Vorsprung, weil Wettbewerber ihre Produkte an diese Norm anpassen müssen
Image source Bernd Weißbrod/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/68387968_607.jpg&title=B%C3%BCrokratie%20oder%20Wettbewerbsvorteil%3F%20DIN%20Normen%20pr%C3%A4gen%20Weltm%C3%A4rkte

Item 37
Id 77232338
Date 2026-06-03
Title Immobilien: Serielle Sanierung in der Fabrik
Short title Immobilien: Serielle Sanierung in der Fabrik
Teaser Drei Viertel der Gebäude in Deutschland sind nicht energieeffizient. Ein Start-up setzt auf serielle Sanierung aus der Fabrik statt viel Handarbeit. Kann das den Sanierungsstau auflösen?
Short teaser Hoher Energieverbrauch, sinkende Sanierungsrate: Serielle Sanierung aus der Fabrik soll das ändern.
Full text

Die klassische Sanierung von Gebäuden ist langsam, teuer und personalintensiv. Inzwischen gibt es dafür aber vielversprechende Alternativen, die sich in der Realität auch schon bewiesen haben.

Deutschland hat das große Problem, dass viele ältere Gebäude einen zu hohen Energieverbrauch haben. Werden sie saniert, sieht das normalerweise so aus: Ein Gerüst steht monatelang rund um das Gebäude, Handwerker bringen per Hand Dämmmaterial an die Hauswand, bauen neue Fenster ein und verputzen die Fassade. Gegebenenfalls wird auch die Technik erneuert und mit Solarmodulen ergänzt. Das Ganze ist allein schon wegen der vielen Handarbeit sehr teuer und die Bewohner leiden monatelang unter Lärm, Schmutz und dem Baustellenverkehr.

Klimaziele: Es wird viel zu wenig saniert

Kein Wunder, dass die Sanierungsrate in Deutschland sinkt und der Anteil erneuerbarer Wärmequellen nur langsam wächst. "In Deutschland sind drei Viertel der 21 Millionen Gebäude ineffizient", sagt Uwe Bigalke von der Deutschen Energie-Agentur (dena), ein bundeseigenes Unternehmen zur Umsetzung von Klimaschutz und Energiewende.

Laut dena sind diese Gebäude nicht oder nur unzureichend saniert und bräuchten damit fünf Mal so viel Energie wie gut sanierte Gebäude. Die Investitionen in Sanierungen seien 2024 so niedrig wie noch nie gewesen, beklagt die Agentur.

Noch wird im Gebäudesektor rund ein Drittel der gesamten Energie in Deutschland verbraucht. Da Deutschland sich das Ziel gesetzt hat bis 2045 klimaneutral zu werden, muss sich in diesem Bereich grundlegend etwas ändern. Rein rechnerisch müssten jeden Tag 2000 Gebäude komplett saniert werden, so Bigalke. Das erscheint schon allein wegen des Fachkräftemangels kaum möglich.

Sanierung in der Fabrik

Bei ecoworks wird Sanierung daher neu gedacht - weg von der Baustelle, rein in die Fabrik und zur Serienproduktion. Ecoworks war nach eigenen Angaben das Unternehmen, das 2019 mit derartiger serieller Sanierung in Deutschland begonnen hat. Das Grundprinzip: Es wird eine zweite Haut aus Fertigelementen rund um bestehende Gebäude gebaut.

Dafür wird das Gebäude zuerst von außen und innen gescannt. Aus diesem 3-D Scan entsteht ein digitaler Zwilling, mit dem sich die Sanierung am Computer planen und optimieren lässt. Die benötigten Bauteile wie Fassaden- oder Dachelemente werden dann industriell in der Fabrik vorproduziert. Dämmung, Fenster, Leitungen und Wohnraumlüftung sind in die Elemente integriert. Damit beauftragt ecoworks den größten Hersteller von Fertighäusern in Europa.

Auch ganze Energiemodule, die die komplette Haustechnik enthalten, wie Wärmepumpen, Warmwasserspeicher, Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung oder die Elektronik für Photovoltaik und Monitoring, werden vorgefertigt.

Am Ende müssen diese Teile nur noch am Gebäude montiert werden. Weil hier Roboter zum Einsatz kommen, braucht es weniger Fachkräfte und die Produktionszeiten sinken.

Die Kosten würden bei serieller Sanierung zwar immer noch über denen einer herkömmlichen Gebäudehüllensanierung mit einer Wärmedämmverbundfassade liegen, sagt Simone Alexia Saiegh von der dena. Allerdings werde dieser Unterschied derzeit "durch einen Zuschuss aus dem BEG-Förderprogramm ausgeglichen, sodass die Umsetzung weiterhin wirtschaftlich ist." Bei ecoworks liegen die Vollkosten eines industriell vorgefertigten Projekts (EH 55 EE) derzeit etwa zehn bis zwanzig Prozent über denen einer herkömmlichen, konventionellen Sanierung (Effizienzhaus 70).

Ziel: klimaneutrales Wohnen

Zwar dauert das gesamte Sanierungsprojekt durchaus noch ein Jahr, die eigentliche Arbeit am Gebäude verkürzt sich aber auf wenige Wochen.

Da beispielsweise Versorgungsleitungen in der Fassade integriert sind, werden bewohnte Wohnungen nicht mehr wochenlang zur Baustelle. So kann eine etwas höhere Kaltmiete nach der Sanierung durch Energieeinsparungen von 80 bis 90 Prozent kompensiert werden, heißt es bei dena. Damit würde sich die Sanierung quasi selbst finanzieren.

Durch die bessere Dämmung, Fotovoltaik auf dem Dach, Wärmepumpen und integrierter Belüftung kann im besten Fall aus einem CO2-intensivem Haus ein klimaneutrales Gebäude werden.

Weitere Kostensenkungen möglich

Das Marktpotential ist riesig und liegt allein in Deutschland bei 120 Milliarden Euro. Mit zunehmenden Erfahrungen bei serieller Sanierung werden die Kosten weiter sinken, glaubt man bei der dena. Schon jetzt seien die Kosten seit den ersten Pilotprojekten um ein Drittel gesenkt und das Bautempo verdoppelt worden.

Eine Universallösung ist serielles Sanieren aber nicht. Dena schätzt, das nur jedes dritte Mehrfamilienhaus dafür geeignet ist. Dafür lassen sich aber viele öffentliche Gebäude wie Schulen, Verwaltungsgebäude oder Sporthallen seriell sanieren, so Uwe Bigalke.

Auf dem Weg zum Einhorn

Laut dena könnten 25 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr durch den schnellen Markthochlauf serieller Sanierung bis 2045 eingespart werden. Auf diesen Zug sind inzwischen auch andere aufgesprungen. Neben ecoworks bieten etwa 50 Wettbewerber mittlerweile serielle Sanierung an.

Trotzdem wird ecoworks das Potential zugetraut, den Sprung zum sogenannten Unicorn (Einhorn) zu machen, also zu einem Unternehmen, das in den kommenden Jahren mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet wird. So steht das Unternehmen auf der Liste mit den am schnellsten wachsenden, wagniskapitalfinanzierten Technologieunternehmen in Europa, die von mehr als 90 namhaften Wachstumskapitalgebern im Rahmen der Tech Tour Growth 2026 erstellt wird.

Author Insa Wrede
Item URL https://www.dw.com/de/immobilien-serielle-sanierung-in-der-fabrik/a-77232338?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77240199_607.jpg
Image source ecoworks
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77240199_607.jpg&title=Immobilien%3A%20Serielle%20Sanierung%20in%20der%20Fabrik

Item 38
Id 77374864
Date 2026-06-03
Title Pankreaskrebs: Medikament verlängert Leben, heilt aber nicht
Short title Pankreaskrebs: Medikament verlängert Leben, heilt aber nicht
Teaser Das neue Medikament Daraxonrasib könnte die Überlebenszeit bei Bauchspeicheldrüsenkrebs verdoppeln – den Krebs jedoch nicht heilen. Eine erfolgreiche Therapie bleibt nur bei früher Diagnose möglich.
Short teaser Daraxonrasib könnte die Überlebenszeit bei Bauchspeicheldrüsenkrebs verdoppeln, aber heilen kann es den Krebs nicht.
Full text

Bauchspeicheldrüsenkrebs ist tückisch - und führt in vielen Fällen schon wenige Monate nach der Diagnose zum Tod. Kein Wunder, dass sich eine Nachricht wie diese aufregend liest: Ein neues Medikament – Daraxonrasib – konnte in einer Studie die Lebenszeit von Patienten und Patientinnen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs verdoppeln.

Im Vergleich zu Erkrankten, die sich einer Chemotherapie unterzogen, lebten die Betroffenen nicht nur länger, auch ihre Lebensqualität war höher. Offenbar ging die Behandlung mit Daraxonrasib mit weniger starken Nebenwirkungen einher.

Die Studie sei "als ein revolutionärer Durchbruch für Patienten mit Pankreaskarzinom einzustufen", sagt Dietrich Ruess, Geschäftsführender Oberarzt und Leiter des zertifizierten Pankreaskarzinomzentrums, Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum Freiburg.

"Aus meiner Sicht ist das eine der wichtigsten klinischen Entwicklungen beim metastasierten Pankreaskarzinom seit vielen Jahren", sagt auch Dieter Saur, Professor für Translationale Tumorforschung, Technische Universität München (TUM), und Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg.

Daraxonrasib hemmt RAS-Gen

Der Grund für die Begeisterung der Experten: Daraxonrasib hemmt zielgerichtet das sogenannte RAS-Gen. Dieses Gen codiert für ein Protein, das in der Zelle Wachstums- und Teilungsprozesse anstößt. Bei etwa 90 Prozent der Menschen mit Pankreaskarzinom liegt eine Mutation dieses Gens vor: Es ist permanent aktiv – so werden Tumorentstehung und –wachstum begünstigt.

Die Studienteilnehmenden, die Daraxonrasib einnahmen, lebten im Mittel 13,2 Monate ab Beginn der Behandlung - im Vergleich zu 6,6 Monaten ab Beginn der Behandlung bei der mit Chemotherapie behandelten Kontrollgruppe.

Bei all der Freude über die Studienergebnisse sollte man nicht vergessen: Daraxonrasib heilt kein Pankreaskarzinom. Es bleibt dabei, in den meisten Fällen ist die Diagnose ein Todesurteil. "'Vielversprechend’ ist eigentlich ein zu starkes Wort", sagt Susanne Weg-Remers deshalb. Sie ist Ärztin und Leiterin des Krebsinformationsdienstes am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Bauchspeicheldrüsenkrebs: Kaum Frühwarnzeichen, geringe Überlebenschance

Bauchspeicheldrüsenkrebs entwickelt sich unbemerkt. Betroffene haben zu Beginn keine oder nur sehr unspezifische Symptome. Dazu gehören Schmerzen im Oberbauch, Rückenschmerzen, Übelkeit, Verdauungsstörungen sowie Appetit- und Gewichtsverlust.

Laut Robert Koch Institut (RKI) erkrankten 2023 etwa 20.000 Menschen in Deutschland an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Fast genauso viele starben.

"Idealerweise, aber das ist eben leider nur sehr selten der Fall, wird der Bauchspeicheldrüsenkrebs so früh entdeckt, dass er noch operabel ist", sagt Weg-Remers. In diesem Fall wird ein Großteil der Bauchspeicheldrüse entfernt, je nach Lage des Tumors auch Teile des Zwölffingerdarms und des Magens.

Anschließend erhielten die Betroffenen eine Chemotherapie, in manchen Fällen ergänzend eine Strahlentherapie, sagt Weg-Remers. Geforscht wird außerdem an einer mRNA-Impfung, die eine Rückkehr des Tumors verhindern soll. Doch selbst mit OP und Chemo stehen die Chancen nicht gut: Nach fünf Jahren leben noch 11 Prozent der Erkrankten.

Besondere Maßnahmen zur Früherkennung von Pankreaskarzinomen werden nicht empfohlen. Das habe mit der ungünstigen Lage der Bauchspeicheldrüse zu, die sich im Raum zwischen Bauchhöhle und Wirbelsäule befindet, so Weg-Remers.

"Mit den Untersuchungsmethoden, die wir zur Verfügung haben und die sich für ein Screening der Bevölkerung eignen würden, kann man die nur sehr schlecht untersuchen", erklärt sie. Ausnahmen bilden Menschen, die erblich vorbelastet sind und in deren Familien gehäuft Pankreaskarzinome vorkommen.

Trotz Forschung bisher keine vielversprechende Therapie bei Pankreaskarzinom

Kann der Tumor nicht operiert werden – weil er metastasiert, also in andere Körperbereiche gestreut hat – sterben die Erkrankten innerhalb weniger Monate. Diese Zeit kann möglicherweise durch Chemotherapien verlängert werden. Der Preis sind häufig schwere Nebenwirkungen.

Bei einer fortgeschrittenen Erkrankung sei es deshalb eine individuelle Entscheidung der Erkrankten, wie sie behandelt werden möchten, so Weg-Remers. Eine rein palliative Versorgung, bei der Medikamente gegen die Schmerzen und die Verdauungsstörungen gegeben werden, ist auch eine Möglichkeit.

Zielgerichtete Medikamente, die an einer bestimmten Stelle im Tumor ansetzen und dessen Wachstum hemmen, gebe es nur in sehr begrenztem Umfang, sagt Weg-Remers: "Da steht man, trotz sehr viel Forschung in den letzten Jahren, immer noch relativ am Anfang."

Die Freude über Daraxonrasib dürfte auch daher rühren: Es gibt aktuell nicht viel, was Ärzte und Ärztinnen für Betroffene tun können, außer ihnen etwas mehr Zeit zu verschaffen und diese so angenehm wie möglich zu gestalten.

Author Julia Vergin
Item URL https://www.dw.com/de/pankreaskrebs-medikament-verlängert-leben-heilt-aber-nicht/a-77374864?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77375964_607.jpg
Image caption Bauchspeicheldrüsenkrebs entwickelt sich zunächst unbemerkt - wird die Diagnose gestellt, ist es oft schon zu spät.
Image source Gladden W. Willis/OKAPIA KG/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/fit/fit20230217_pancreas_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/77375964_607.jpg&title=Pankreaskrebs%3A%20Medikament%20verl%C3%A4ngert%20Leben%2C%20heilt%20aber%20nicht

Item 39
Id 77390886
Date 2026-06-03
Title Warum Yad Vashem nach Deutschland kommt
Short title Warum Yad Vashem nach Deutschland kommt
Teaser "Erinnere dich" - in Israel weiß jedes Kind, was mit diesem jüdischen Gebot gemeint ist: Vergiss nie den Holocaust. Die Gedenkstätte Yad Vashem möchte, dass die Menschen auch in Deutschland nicht vergessen.
Short teaser Vergiss nie den Holocaust: Die Gedenkstätte Yad Vashem möchte, dass nicht nur die Menschen in Israel sich erinnern.
Full text

So allgegenwärtig die Erinnerung in Israel an den Holocaust ist, so sehr verblasst sie andernorts, selbst im Land der einstigen Täter. Rund 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben laut einer Umfrage der Jewish Claims Conference im Jahr 2025 etwa 10 bis 12 Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland noch nie etwas vom Begriff "Holocaust" gehört. Rund 40 Prozent der 18- bis 29-Jährigen wissen nicht, dass während des Nationalsozialismus sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden.

Das ist einer der Gründe, warum Yad Vashem, die in Jerusalem beheimatete größte Holocaust-Gedenkstätte der Welt, eine Außenstelle in Deutschland errichtet. Es ist die erste außerhalb Israels. "Wir kommen nicht nach Deutschland, um die deutsche Demokratie zu stärken oder um vor dem Aufstieg einer rechtsextremen Partei in Deutschland zu warnen", so der Yad-Vashem-Vorsitzende Dani Dayan gegenüber der DW. "Wir haben das Zentrum gegründet, um über den Holocaust aufzuklären. Das ist ein gutes Werkzeug im Kampf gegen den Antisemitismus. Aber ich habe keinen Zweifel daran, dass unsere Arbeit die Demokratie stärken wird und eine starke Waffe sein wird, um vor dem Aufstieg einer Partei zu warnen, die ihre Wurzeln in der Nazi-Ideologie hat - und ich werde nicht zögern, sie ausdrücklich zu benennen: der AfD".

Das Gift des Antisemitismus

Über 2000 Jahre lang wurden Juden stigmatisiert und verfolgt, in blutigen Pogromen vertrieben und ermordet. Schon die Römer machten sie in politischen Krisen zu Sündenböcken, das Christentum stigmatisierte sie als "Gottesmörder", im Mittelalter folgte die Legende vom angeblichen jüdischen "Ritualmord" an christlichen Kindern - gefolgt von Schauprozessen und Pogromen. Antisemitismus als rassistische Ideologie fand ihren Höhepunkt schließlich im Holocaust.

"Nach der Shoah (der hebräische Begriff für Katastrophe oder Holocaust, Anm. der Red.) und der Verwüstung, die sie über Europa gebracht hat - nicht nur über das jüdische Volk, sondern auch über Deutschland und Europa -, dachte ich, dass wir wenigstens 100, 200 Jahre ohne Antisemitismus leben könnten. Aber wir sehen, dass das leider nicht der Fall ist", sagt Dayan. "In einer polarisierten Welt, wie wir sie heute in vielen Gesellschaften sehen, ist der Hass auf die Juden und den jüdischen Staat zur Lingua franca (gemeinsame Sprache, Anm. d. Red.) aller Extremisten weltweit geworden."

Antisemitische Übergriffe nehmen auch in Deutschland zu. Die Entscheidung, die Yad-Vashem-Außenstelle im Zentrum Münchens zu eröffnen, lag daher auch am hohen Sicherheitsstandard der bayerischen Metropole. Die historische Bedeutung der Stadt, nämlich dass hier der Aufstieg der Nationalsozialisten seinen Anfang nahm, war hingegen nicht ausschlaggebend für die Wahl Münchens. Und doch, das Zentrum wird in ein Gebäude am zentralen Karolinenplatz ziehen - dorthin, wo einst das Oberste Parteigericht der NSDAP seinen Sitz hatte.

Auch in Leipzig wird es eine Dependance geben. Aber natürlich, betont Dayan, seien diese Orte nicht nur für Bayern und Sachsen bestimmt, sondern für ein Publikum aus ganz Deutschland. "Ich halte es für sehr wichtig, die jüdische Perspektive auf den Holocaust, die Perspektive der Opfer und der Überlebenden, nach Deutschland zu bringen - ins Land der Täter."

Wobei es in Deutschland schon zahlreiche Gedenkstätten, Museen und Mahnmale gibt, die an die Grauen des Holocaust erinnern. Was also will das Münchner Yad-Vashem-Zentrum anders machen? "Es soll kein Museum mit Ausstellungsstücken und Originalobjekten ermordeter Juden sein", betont Dayan, sondern ein interaktives Bildungszentrum.

Wie genau dieses Bildungszentrum aussehen und wie es aufklären soll, darüber ist bislang kaum etwas bekannt. Warum man diese Außenstelle nicht in bereits bestehende Einrichtungen mit dem Schwerpunkt Holocaustvermittlung, wie dem NS-Dokumentationszentrum in München, einbindet, fragte sich beispielsweise der deutsch-israelische Publizist und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main, Meron Mendel . Schließlich betonte Dayan in der Vergangenheit, wie sehr er Deutschland für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen schätze.

Als der Unternehmer und damalige US-Regierungsvertreter Elon Musk bei einem AfD-Parteitag im Januar 2025 erklärte, Deutschland solle seine Erinnerungskultur hinter sich lassen, war der Yad-Vashem-Vorsitzende entsetzt. Das sei nicht nur eine Beleidigung für die Opfer und Überlebenden der Schoah, sondern auch eine Gefahr für die deutsche Demokratie, ließ Dayan damals wissen.

Kritik an Yad Vashem: Wie politisch ist die Gedenkstätte?

Als bekannt wurde, dass Yad Yashem Niederlassungen in München und Leipzig einrichtet, war die Reaktion aus deutschen Politikerkreisen einhellig positiv - auch bei der AfD.

Kritik kam von Meron Mendel: Yad Yashem sei nicht unabhängig, sondern der israelischen Regierung unterstellt, sagte er im Deutschlandfunk. Aktuell sei diese Regierung von Rechtsradikalen dominiert. Diese habe ein "klares Interesse" an einem Antisemitismus-Begriff, der Kritik am Staat Israel als antisemitisch einstuft". Es bestehe die Möglichkeit, dass auch eine der Regierung unterstellte Einrichtung entsprechende Deutungsmuster übernehme.

Auch Dani Dayan stand immer wieder in der Kritik. Von 2007 bis 2013 war er Vorsitzender des "Yesha-Rats", der Dachorganisation jüdischer Siedler in den besetzten palästinensischen Gebieten. Die Besatzung ist - so ein Gutachten des Internationalen Gerichtshofs - völkerrechtswidrig. Von 2016 bis 2020 amtierte Dayan als israelischer Generalkonsul in New York. Bei seiner Ernennung zum Vorsitzenden Yad Vashems 2021 fürchteten viele, die Arbeit der Gedenkstätte könne politisiert werden.

Dayan versprach damals, eine klare Trennlinie zwischen der Politik einerseits und dem Gedenken andererseits zu ziehen: "Ich habe einen Schutzwall zwischen mir und der Politik errichtet. Die Mission, die ich übernommen habe, ist mir heilig und ich werde sie niemals beschmutzen."

Und so weist er Meron Mendels Vorwurf der Politisierung der Gedenkstätte von sich. "Yad Vashem ist eine staatliche Einrichtung, aber keine Regierungsbehörde. Yad Vashem ist vollkommen unabhängig. Die Vorstellung, dass wir ein Werkzeug einer bestimmten Regierung sind, dieser Regierung oder irgendeiner anderen Regierung, ist völlig falsch", sagt er der DW. Er könne eine Vielzahl von Fällen aufzählen, in denen Yad Vashem und die israelische Regierung nicht nur unterschiedliche, sondern sogar diametral entgegengesetzte Positionen eingenommen hätten.

Im Übrigen habe die Netanjahu-Regierung schon versucht, ihn aus dem Amt zu entfernen. Doch der drohende Rauswurf 2023 wurde abgewendet. Dayan hatte sich trotz anfänglicher Skepsis großen Respekt in der Fachwelt erworben: "Mit großer Sorge beobachten wir die jüngsten Angriffe des israelischen Bildungsministers auf Dani Dayan", schrieben 123 Holocaustforscher aus aller Welt in einem offenen Brief. Dayan "dient der Institution auf herausragende Weise und ermöglicht es Yad Vashem damit, seinen unabhängigen und überparteilichen Charakter zu erhalten".

Was passiert, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt?

Dayan sagt, ihm sei vor allem eines wichtig: die Erinnerung an die sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocaust aufrechtzuerhalten - vor allem vor dem Hintergrund, dass es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird. "Die prägende Erfahrung, einem Überlebenden zuzuhören, der uns seine Geschichte erzählt, wird es für die Kinder, die heute geboren werden, nicht mehr geben." Ob Hologramme die Lücke füllen können, bezweifelt er. Auch dem Einsatz Künstlicher Intelligenz steht er skeptisch gegenüber.

In Yad Vashem hat man daher Wege entwickelt, um die Menschen auch anders emotional anzusprechen - in Theaterstücken beispielsweise und mit "immersiven" Erlebnissen, bei denen die Besucher mittels Musik und großflächigen Projektionen quasi in eine andere - jüdische - Welt eintauchen können.

Der Yad-Vashem-Vorsitzende befürchtet, dass Holocaust-Leugner nach dem Tod der letzten Überlebenden leichteres Spiel haben werden. Wir befänden uns zwar noch nicht wieder in den 1930er-Jahren, aber die Richtung dorthin sei eingeschlagen. "Aber es gibt einen Unterschied zwischen der Generation der 1930er-Jahre und der heutigen Generation: Die Menschen hatten in den 1930er-Jahren das Privileg, ja, die Naivität zu sagen: Sie können vielleicht Bücher verbrennen oder Synagogen anzünden, aber sie würden niemals Menschen verbrennen. Im Jahr 2026 haben wir dieses Privileg nicht, denn wir wissen, dass, wenn es einmal passiert ist, es auch ein zweites Mal passieren kann."

Author Suzanne Cords
Item URL https://www.dw.com/de/warum-yad-vashem-nach-deutschland-kommt/a-77390886?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77324080_607.jpg
Image caption Der Name Yad Vashem stammt aus der Bibel: "Und denen will ich ... ein Denkmal (Yad) und einen Namen (Shem) geben; einen ewigen Namen, der nicht vergehen soll."
Image source Fabian Sommer/dpa
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/shd/shd20260430_AI_Fakes_Holocaust_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/77324080_607.jpg&title=Warum%20Yad%20Vashem%20nach%20Deutschland%20kommt

Item 40
Id 77388069
Date 2026-06-03
Title Russischer Angriff: Was im Tschernobyl-Museum in Kyjiw vernichtet ist
Short title Russischer Angriff: Was im Tschernobyl-Museum vernichtet ist
Teaser Historische Artefakte, alte Bibeln, Ikonen und mehr sind für immer verloren. Die DW hat mit der Direktorin des Tschernobyl-Museums in Kyjiw über Schäden nach dem russischen Angriff und einen Wiederaufbau gesprochen.
Short teaser Die DW hat mit der Museumsdirektorin über die Schäden nach dem russischen Angriff und einen Wiederaufbau gesprochen.
Full text

Das Nationale Tschernobyl-Museum in Kyjiw wurde in der Nacht vom 23. auf den 24. Mai durch massiven russischen Beschuss schwer beschädigt. Es befindet sich in einer ehemaligen Feuerwache aus dem 19. Jahrhundert, die eng mit der Katastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl und den heldenhaften Liquidatoren verbunden ist. Zum Zeitpunkt der Katastrophe im April 1986 war dort die Zentrale der Feuerwehr für die Region Kyjiw untergebracht. Sie trug die Hauptlast der Löscharbeiten im brennenden Atomkraftwerk.

Das Museum untersteht dem Innenministerium der Ukraine. Es wurde erst vor kurzem nach einer umfassenden Renovierung und Erneuerung der Ausstellung anlässlich des 40. Jahrestages der Katastrophe von Tschernobyl wiedereröffnet.

Als beim russischen Angriff eine Rakete ein Nachbargebäude traf, wurde das historische Gebäude des Tschernobyl-Museums schwer beschädigt. Die DW hat mit der Museumsdirektorin Witalina Martynowska über die verlorenen Exponate, den Zustand des historischen Gebäudes und die Pläne zum Wiederaufbau gesprochen.

DW: Frau Martynowska, welche konkreten Schäden hat das Museum beim jüngsten massiven russischen Angriff auf Kyjiw erlitten?

Witalina Martynowska: Am 24. Mai traf eine Rakete ein Nachbargebäude. Da es so nah ist, war unser Gebäude von dem Einschlag und der daraus resultierenden Druckwelle betroffen, was erhebliche Schäden verursachte. Unser Dach wurde zerstört. Das dritte, also oberste Stockwerk ist praktisch verschwunden. Dort befanden sich Unterrichtsräume für Kunst sowie eine Museumswerkstatt. Auch die Decken zwischen dem dritten und zweiten Obergeschoss sind eingestürzt, wodurch die zweite Ausstellungshalle zerstört und ein Teil der Exponate unwiederbringlich vernichtet wurde.

Was wurde am stärksten beschädigt?

Der Ausstellungsbereich, der der Geschichte der Stadt Tschernobyl, der Ethnografie Polesiens (historische Landschaft im nördlichen Grenzgebiet der Ukraine sowie in den benachbarten Ländern - Belarus, Russland und Polen) und der Evakuierung der Bevölkerung aus der Sperrzone gewidmet war.

Zu den verloren gegangenen Exponaten gehören gerade Gegenstände aus dem ethnografischen Teil der Sammlung, darunter religiöse Objekte, alte Bibeln und Ikonen. Es waren Gegenstände, die von den ersten wissenschaftlichen Expeditionen in die Sperrzone nach der Atomkatastrophe ins Museum gebracht wurden. Nach ersten Schätzungen sind etwa 40 Prozent der Exponate verloren gegangen.

Sehen Sie in diesem Angriff einen Versuch Russlands, das ukrainische Gedächtnis und die ukrainische Identität auszulöschen?

Selbstverständlich. Unser Museum beherbergte die größte Sammlung von Artefakten im Zusammenhang mit der Atomkatastrophe: persönliche Gegenstände der Liquidatoren, freigegebene Dokumente. Vor 40 Jahren verschleierte der Feind die Wahrheit und brachte unzählige Menschen in Gefahr, obwohl er genau wusste, was in der Sperrzone geschah und wie die radioaktive Lage war. Nun, 40 Jahre später, unternahm er diesen Beschuss - im Wissen, dass das Museum restauriert, die Exponate neu präsentiert und viele Fakten in einem neuen Licht dargestellt werden.

Besitzen Sie digitale Kopien der verloren gegangenen Exponate?

Wir verfügen über zahlreiche digitale Kopien, doch die Digitalisierung von Museumssammlungen ist ein sehr langwieriges Verfahren. Ich glaube, dass es derzeit in der Ukraine kein einziges Museum mit einer vollständig digitalisierten Sammlung gibt. Die vorhandenen digitalen Kopien sind jetzt von sehr großem Wert. Leider sind aber nicht alle Objekte digitalisiert.

Ist der Schaden am Gebäude selbst kritisch? Wie sicher ist es derzeit, sich im Museum aufzuhalten?

Dies ist ein denkmalgeschütztes Gebäude. Kein einziger Raum ist unbeschädigt geblieben. Seit 2024 liefen hier Renovierungsarbeiten. Wir wissen ungefähr, wie lange man für die Renovierung eines solchen Gebäudes braucht, aber jetzt wird man nicht einfach renovieren müssen, sondern es müssen die tragenden Konstruktionen wiederhergestellt werden. Spezialisten wurden hinzugezogen, um eine umfassende technische Bewertung durchzuführen. Es wird ein entsprechender Bericht erstellt, in dem die durch den Beschuss verursachten Schäden und Zerstörungen bewertet werden. Danach werden wir wissen, wie wir weiter vorgehen sollen.

Ist es möglich, das Museum so wieder aufzubauen, wie es vor der Bombardierung war? Wird man die ursprüngliche Ausstellung wiederherstellen können, oder wird es eine neu konzipierte Fläche sein?

Ehrlich gesagt, das kann man jetzt noch nicht sagen. Unsere oberste Priorität ist vorerst, den technischen Zustand des Gebäudes zu beurteilen. Ich glaube nicht, dass es eine exakte Nachbildung des Zustands vor dem Beschuss geben wird, obwohl die aktuelle Ausstellung sehr modern, interaktiv und multimedial war. Gleichzeitig denke ich, dass das Museum nach seiner Wiederherstellung sogar noch stärker und moderner ausfallen könnte.

Was ist mit den geretteten Exponaten geschehen?

Wir konnten alle Gegenstände aus den Lagerräumen evakuieren. Rund 60 Prozent der Ausstellungsstücke konnten gerettet werden. Einige Exponate wurden beschädigt und wir werden Experten des Restaurierungszentrums mit der Begutachtung ihres Zustands beauftragen.

Was hat Sie persönlich am meisten betroffen, als Sie das Gebäude nach dem Einschlag sahen?

Ich kam sehr früh dorthin. Man hatte mich gegen fünf Uhr morgens informiert, und innerhalb von 20 Minuten war ich da. Als ich das brennende Gebäude sah, hatte ich noch gehofft, es würde nur das Dach brennen. Ich hatte noch keinen Zugang zum Innenhof und konnte deshalb die tatsächlichen Schäden nicht sehen. Die Hoffnung, es könnte noch alles gerettet werden, dauerte bei mir aber nur 30 Minuten an. Als mir das ganze Ausmaß klar wurde, stand ich buchstäblich minutenlang wie angewurzelt da. Danach musste ich mich zusammenreißen.

Als Direktorin kann ich es mir nicht leisten, jetzt einfach aufzugeben, denn meine Kolleginnen und Kollegen setzen Erwartungen in mich. Einige von ihnen arbeiten seit über 20 Jahren im Museum. Deshalb werden wir weitermachen - der Menschen wegen, um die Erinnerung lebendig zu halten, und um zu verhindern, dass diese Unmenschen glauben, sie könnten unsere Geschichte auslöschen. Ich bin zuversichtlich, dass wir in einem Jahr oder anderthalb Jahren die Türen des Museums wieder öffnen können.

Das Gespräch führte Lilia Rzheutska

Author Lilia Rzheutska
Item URL https://www.dw.com/de/russischer-angriff-was-im-tschernobyl-museum-in-kyjiw-vernichtet-ist/a-77388069?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77303912_607.jpg
Image caption Zerstörungen im Tschernobyl-Museum nach dem russischen Angriff
Image source Ukrainisches Innenministerium/Staatlicher Dienst für Notfallsituationen
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77303912_607.jpg&title=Russischer%20Angriff%3A%20Was%20im%20Tschernobyl-Museum%20in%20Kyjiw%20vernichtet%20ist

Item 41
Id 77396855
Date 2026-06-03
Title Erin Brockovich: Eine Umweltschützerin gegen den KI-Boom
Short title Erin Brockovich: Eine Umweltschützerin gegen den KI-Boom
Teaser Wissen Sie, wo ein Rechenzentrum in ihrer Nähe entstehen soll? Diese Frage können nun immer mehr US-Anwohner mit "Ja" beantworten. Dank einer Karte, die Erin Brokovich ins Leben gerufen hat. Warum das wichtig ist.
Short teaser Die US-Aktivistin will mit einer interaktiven Karte die Öffentlichkeit über geplante Rechenzentren aufklären.
Full text

Beim weltweiten Widerstand gegen den Bau-Boom neuer Rechenzentren mischt jetzt auch eine prominente US-Aktivistin mit: Erin Brockovich. Die 65-jährige ist auch bekannt durch den gleichnamigen Hollywood-Film mit Schauspielerin Julia Roberts. Nun hat die Umweltschützerin eine Online-Plattform ins Leben gerufen. Das "Brockovich Data Center" sammelt Informationen zu Planung und Bau neuer Rechenzentren und verortet sie auf einer Landkarte der USA.

"Diese Karte erfasst die tatsächlichen Spuren dieses Wettlaufs - und sie zeigt Muster von Wachstum, Konflikt und Unsicherheit auf", schreibt Brockovich auf ihrer Website. Seit dem Start der Plattform im April 2026 bekam sie tausende Hinweise. Damit wolle sie den Menschen in den USA eine Stimme geben und dabei helfen, einen Überblick über KI-Rechenzentren zu erhalten, erklärt sie weiter. "Die Öffentlichkeit sollte nicht als Letztes davon erfahren."

Weshalb regt sich Widerstand gegen Rechenzentren?

Zwar existieren Rechenzentren im Prinzip schon seit Jahrzehnten, doch die großen Big-Tech-Unternehmen haben den Bau neuer Anlagen weltweit extrem beschleunigt. Neben KI wächst auch die Nachfrage für Cloud-Dienste und Plattformen. Kritikerinnen wie Brockovich verweisen vor allem auf den enormen Energie- und Wasserverbrauch der Rechenzentren, die für den Betrieb der Server und zur Kühlung der Anlagen benötigt werden. Laut der Nichtregierungsorganisation Algorithmwatch mit Sitz in Berlin und Zürich kann eine einzelne Anlage so viel Energie verschlingen wie eine kleine Stadt.

In Ländern wie zum Beispiel Indien kann der Bau eines Rechenzentrums auch zur akuten Wasserknappheit führen. Anwohner berichteten der DW, sie hätten wegen der Anlage teilweise nur wenige Stunden am Tag Zugang zu Wasser.

Zudem führt die schnelle Abnutzung der Hardware in solchen Zentren zu hohen Mengen an Elektroschrott. Brockovich verweist auf ihrer Seite zudem auf die Lärmbelästigung für Mensch und Tier.

Auch wirtschaftlich gesehen ist es für viele Regionen nicht unbedingt ein Pluspunkt. Investoren stecken zwar oft Milliardensummen in den Bau solcher Zentren, schaffen damit aber kaum direkte Arbeitsplätze. Rechenzentren sind oft mehrere 10.000 Quadratmeter groß, darin arbeiten aber meist deutlich weniger als 100 Angestellte.

Wo wurden bislang die meisten Rechenzentren gebaut?

In den USA befinden sich mit rund 5400 mit weitem Abstand die meisten Rechenzentren weltweit, gefolgt von Deutschland, dem Vereinigten Königreich, China, Kanada, Frankreich, Australien, Niederlande und Russland, wie etwa das Portal Euronews mit Stand 2025 wiedergibt.

Viele weitere Rechenzentren sind weltweit geplant, typischerweise in eher ländlichen Gebieten. Neben den USA sollen auch in Ostasien tausende neue Anlagen entstehen. Laut der Plattform Germany Trade & Invest stehen vor allem China, Japan, Südkorea und Taiwan in den Startlöchern. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Saudi-Arabien und Katar bauen ihre Rechenzentren aus. In Deutschland steht vor allem der Großraum Frankfurt im Fokus neuer Vorhaben.

Wo wurden Rechenzentren bislang verhindert?

Auf Brockovichs Plattform werden nicht nur Hinweise auf neue Bauvorhaben registriert, sondern auch Moratorien. Dabei handelt es sich um eine Art Pausetaste, um die Auswirkungen eines Projekts zu prüfen. "Diese Moratorien variieren in Dauer und Umfang, verfolgen jedoch ein gemeinsames Ziel: Der Ausbau soll nicht schneller voranschreiten als die Planung", heißt es.

Auf der Plattform wird unter anderem von Moratorien in den US-Bundesstaaten North Carolina, Pennsylvania, Maryland, Florida, Texas und Maine berichtet. Aber nicht immer haben sie Erfolg. In Maine verabschiedete das Parlament im April 2026 ein Moratorium gegen neue Rechenzentren mit einer Leistung von mehr als 20 Megawatt. Gouverneurin Janet Mills verhinderte das Gesetz jedoch mit ihrem Veto.

Auch in anderen Weltregionen gärt es schon seit längerem, wie zum Beispiel in Irland und den Niederlanden. In Chile protestierte 2024 eine Umweltschutzgruppe erfolgreich gegen den Bau eines Rechenzentrums für KI-Anwendungen. Auch in Brasilien, das sich als neuer Hotspot für Rechenzentren versteht, formiert sich derzeit Widerstand, vor allem im Nordosten des Landes.

Ähnliche Entwicklungen sind auch in Deutschland zu beobachten: Zuletzt hatte der "Spiegel" im Mai 2026 berichtet, das US-Unternehmen Edgeconnex verzichte auf den Bau eines Gaskraftwerks zum Betrieb eines Rechenzentrums. Edgeconnex wolle das Projekt nicht gegen den Willen der Bevölkerung und der Stadtverordnetenversammlung durchsetzen, hieß es.

Die NGO Algorithmwatch verweist darauf, dass in vielen Fällen jedoch eine Beratung auf lokaler Ebene gar nicht erst stattfindet und Betroffene erst davon erfahren, wenn es vielleicht schon zu spät ist. So sollen in Spanien selbst Bürgermeister erst aus der Presse von neuen Vorhaben erfahren haben. Zumindest für die USA könnte dank Brockovichs interaktiver Karte ihres Data Centers diesem Gebaren nun ein Riegel vorgeschoben werden.

Author Stephanie Höppner
Item URL https://www.dw.com/de/erin-brockovich-eine-umweltschützerin-gegen-den-ki-boom/a-77396855?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77401866_607.jpg
Image caption "Die Öffentlichkeit sollte nicht als Letztes davon erfahren": Umweltaktivistin Erin Brockovich
Image source Michael Swensen/Getty Images/AFP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/jd/jd260220_DataWat_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/77401866_607.jpg&title=Erin%20Brockovich%3A%20Eine%20Umweltsch%C3%BCtzerin%20gegen%20den%20KI-Boom

Item 42
Id 77388000
Date 2026-06-02
Title Wem gehören die Milliarden auf "vergessenen" Bankkonten?
Short title Wem gehören die Milliarden auf "vergessenen" Bankkonten?
Teaser In Deutschland liegen Milliarden Euro unberührt auf inaktiven Konten. Erben wissen oft nichts von ihrer Existenz und es gibt kein zentrales Register. Was tun mit dem Geld?
Short teaser In Deutschland liegen Milliarden Euro auf inaktiven Konten. Erben wissen oft nichts davon. Was tun mit dem Geld?
Full text

Mehr als vier Milliarden Euro sollen in Deutschland bei Banken und anderen Finanzinstituten auf sogenannten "vergessenen Konten" schlummern, so ein Bericht des Forschungsministeriums aus dem Jahr 2021. Unter Umständen sind es sogar noch mehr - andere Schätzungen gehen von bis zu neun Milliarden Euro aus. Die Banken selbst haben bislang keine Zahlen veröffentlicht.

Im Todesfall ist es für Angehörige und Erben oft nicht leicht, solche Konten zu finden, zumal viele Menschen mehrere Konten führen. Schwer zu entdecken sind Vermögen vor allem, wenn es beim Online-Banking keine schriftlichen Unterlagen oder gedruckte Kontoauszüge gibt, da die Informationen in E-Mail-Konten oder auf Festplatten gespeichert sind. Nicht-traditionelle Vermögenswerte wie Kryptowährungen oder NFTs sind sogar noch schwerer nachzuverfolgen.

Was sind solche ruhenden Konten?

In Deutschland gibt es keine offizielle Definition solcher Konten. Aufgegebene, vergessene oder ruhende Konten sind, wenn es sich um traditionelle Finanzwerte handelt, meist Bankeinlagen oder Wertpapiere - etwa Aktien und Anleihen -, bei denen über längere Zeit keine Aktivität stattfindet. Solche Konten können über Jahre hinweg inaktiv bleiben.

Da es keinen rechtlichen Rahmen gibt, bleibt der Umgang mit solchen Konten weitgehend den Banken selbst überlassen. Die meisten Institute gehen davon aus, dass es sich um ruhende Konten handelt, wenn der Kontoinhaber verstorben ist, sich keine Erben ermitteln lassen, es über viele Jahre hinweg keinen Kontakt zu dem Kontoinhaber gibt, Postsendungen zurückkommen und andere Kontaktdaten veraltet sind.

Diese Situation lässt den Banken zudem einen gewissen Spielraum, wie intensiv sie nach Eigentümern oder Erben suchen. Eine große Hürde stellen dabei die strengen Datenschutzbestimmungen in Deutschland dar.

Wie lassen sich aufgegebene Konten in Deutschland finden?

In Deutschland gehen ruhende Konten weder in das Eigentum der Banken über noch werden sie dem Staat übertragen. Die Banken sind verpflichtet, solche Konten auf unbestimmte Zeit zu führen, und die Eigentumsrechte - sei es des ursprünglichen Inhabers oder seiner Erben - verfallen nicht. Ein Konto kann vom deutschen Staat nur dann beansprucht werden, wenn er nach dem Erbrecht als Erbe festgestellt wird. Auf Grundlage von Regelungen zu herrenlosem Vermögen kann das Konto nicht an den Staat gehen.

Die wichtigste Maßnahme wäre laut Beatrice Eisenschmidt, Vorstandsmitglied des in Berlin ansässigen Verbands Deutscher Erbenermittler (VDEE), die Einrichtung eines zentralen Registers für ruhende Konten. Ein solches Register könnte helfen festzustellen, ob eine Person irgendwo Konten besessen hat.

Derzeit müssen Anfragen an verschiedene Bankenverbände gerichtet werden, was viel Zeit in Anspruch nimmt und teuer ist. Für Erben ist das oft ein Schuss ins Blaue, da sie unter Umständen nicht einmal wissen, ob überhaupt Vermögenswerte vorhanden sind.

"Für Erben entsteht damit häufig das Dilemma, dass die Erbnachweisführung kosten- und zeitaufwendig ist", sagt Eisenschmidt gegenüber der DW. "Viele Erben verfolgen die Recherchen bereits aus diesem Grund nicht weiter."

Versuche zur Einrichtung eines nationalen Registers

Vor fast einem Jahrzehnt schätzte Norbert Walter-Borjans, damals Finanzminister von Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands, dass sich rund zwei Milliarden Euro auf ruhenden Konten in Deutschland befinden. Er forderte die Einrichtung eines nationalen Registers für ruhende Vermögenswerte.

Seitdem wurden mehrere Versuche unternommen, ein solches Register aufzubauen. Die derzeitige Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz hat einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der die Schaffung eines zentralen, öffentlich zugänglichen Online-Registers vorsieht, in dem Erben nach entsprechenden Informationen suchen können. Bislang wurden jedoch noch keine neuen Regelungen verabschiedet. Was mit dem Geld geschehen soll, ist also weiterhin unklar.

Ruhende Konten: In einigen Ländern jederzeit rückforderbar

Im Vereinigten Königreich werden ruhende Konten in der Regel nach 15 Jahren in einen sogenannten "Reclaim Fund" überführt, nicht an den Staat. Dieser Fonds dient der Unterstützung sozialer und ökologischer Projekte. Erben haben trotzdem das Recht, das Geld zeitlich unbegrenzt zurückzufordern.

In Irland wird nach einem ähnlichem Zeitraum Geld aus ruhenden Konten an den Staat übertragen, der es dann für soziale Projekte verwenden muss. Vor der Übertragung sind die Institute verpflichtet, eine Bekanntmachung in zwei landesweiten Zeitungen zu veröffentlichen. Auch hier gibt es keine Frist für die Rückforderung der Konten einschließlich der aufgelaufenen Zinsen durch Erben.

In den USA regeln Gesetze der einzelnen Bundesstaaten den Umgang mit solchen Konten. In den meisten Fällen gilt ein Konto nach drei bis fünf Jahren ohne Aktivität als ruhend. Danach ist die Bank verpflichtet, den Kontoinhaber zu kontaktieren. Wird niemand ausfindig gemacht, übernimmt der Bundesstaat das Konto. Das ist in der Regel der Staat der letzten bekannten Adresse des Kontoinhabers. Dieses wird dann bei einem Büro für "Unclaimed Properties" geführt und es werden zum Teil Bekanntmachungen veröffentlicht. In den meisten Fällen können Eigentümer ihr Vermögen unbegrenzt zurückfordern.

In manchen Ländern geht das Geld an den Staat

In Frankreich sind Banken verpflichtet, zu versuchen, die Kontoinhaber zu kontaktieren. Nach zehn Jahren ohne Aktivität werden Konten sowie Lebensversicherungen jedoch an eine öffentliche Finanzinstitution, die Caisse des Dépôts (CDC), übertragen. Die Regierung stellt eine durchsuchbare Datenbank zur Verfügung, sucht jedoch nicht aktiv nach Kontoinhabern. Nach weiteren 20 Jahren gehen die Gelder in das Eigentum des französischen Staates über und können danach nicht mehr zurückgefordert werden.

Die Schweiz, die für ihre besonderen Bankenregelungen bekannt ist, verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Es wird von den Banken erwartet, dass sie die Vermögenswerte bewahren und ruhende Konten weiterhin im besten Interesse der Kunden verwalten. Um Erben zu unterstützen, gibt es eine zentrale Datenbank für solche Konten. Nach 60 Jahren ohne Kontakt werden Informationen zu den Konten veröffentlicht, und Erben haben ein Jahr Zeit, Ansprüche geltend zu machen. Danach erlöschen die Ansprüche, das Konto wird aufgelöst und an den Staat übertragen - einschließlich des Inhalts von Schließfächern.

Author Timothy Rooks
Item URL https://www.dw.com/de/wem-gehören-die-milliarden-auf-vergessenen-bankkonten/a-77388000?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76395941_607.jpg
Image caption Blick auf das Frankfurter Bankenviertel: Sitz etlicher deutscher Großbanken und der Repräsentanzen ausländischer Finanzinstitute
Image source Malte Ossowski/SVEN SIMON/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/md/md20241022_Erbenexplainer_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/76395941_607.jpg&title=Wem%20geh%C3%B6ren%20die%20Milliarden%20auf%20%22vergessenen%22%20Bankkonten%3F

Item 43
Id 77343320
Date 2026-06-02
Title Legendäre Kriegerinnen: Die Geschichte der Amazonen
Short title Legendäre Kriegerinnen: Die Geschichte der Amazonen
Teaser Sie sollen sich eine Brust abgeschnitten haben, um besser Bogenschießen zu können, und männliche Nachkommen getötet haben. Was ist dran an den Mythen um die Amazonen, den Kriegerinnen der Antike?
Short teaser Sie sollen sich eine Brust abgeschnitten und ihre männlichen Nachkommen getötet haben. Was ist dran an den Mythen?
Full text

Ihr Ruf bei den alten Griechen war nicht gerade der Beste: Die Amazonen galten als hartgesonnene und unerschrockene Kämpferinnen, die mit Pfeil und Bogen zu Pferde in die Schlacht zogen. Sie trugen Hosen, tätowierten sich und berauschten sich bei Orgien mit Drogen - so erzählte man es sich.

Kurzum: "Die Griechen waren regelrecht schockiert, denn im alten Griechenland hatten die Männer das Sagen", so die US-amerikanische Historikerin Adrienne Mayor gegenüber der DW. "Frauen wurden im Haus gehalten, webten und kümmerten sich um die Kinder."

Eine Gesellschaft, in der Frauen gleichberechtigt waren, sei für die patriarchalische Gesellschaft schwer vorstellbar gewesen. Deswegen dichtete man den Amazonen auch gleich ein paar Grausamkeiten an: Sie würden Männer versklaven, männliche Kinder verstümmeln oder gar ermorden. Gleichzeitig waren die Griechen so fasziniert von ihnen, dass sie sie als Statuen, in Wandmalereien oder auf Vasen verewigten. Es gab sogar Amazonenpuppen für die Kinder.

Ein griechischer Held konnte seine Tapferkeit am besten bewiesen, wenn er eine mächtige Amazonenkönigin besiegte. So wie Theseus, König von Athen, der die Anführerin Hippolyta entführt und zur Frau genommen haben soll - eine Geschichte, die der englische Dramatiker William Shakespeare 2000 Jahre später in seinem "Sommernachtstraum" aufgriff. Oder Achilles, der Penthesilea im Kampf erschlagen haben soll. Allerdings verliebte er sich in sie, als er der Sterbenden den Helm vom Haupt nahm und bedauerte seine Tat. Es gibt viele Varianten dieser Geschichten - doch der Ausgang ist aus Sicht der männlichen Erzähler immer klar: Die Männer behalten am Ende die Oberhand.

Wahrheit oder Fiktion: Gab es die Amazonen wirklich?

Erstmals schriftlich erwähnte der griechische Dichter Homer die Amazonen in seinem Epos "Ilias" über den Trojanischen Krieg (ca. 8 Jhdt. v. Chr.), andere folgten. Lange war man sich nicht sicher, ob die Fantasie mit den Geschichtenerzählern der Antike durchgegangen war und die kriegerischen Frauen nicht aus dem Reich der Legenden stammten.

Doch dank jüngster spektakulärer archäologischer Funde in der Ukraine, Südrussland, Kasachstan und Zentralasien gebe es nun auch Belege dafür, dass es in dem Zeitraum und an den Orten, an denen die Griechen die mythischen Amazonen ansiedelten, tatsächlich Kriegerinnen gegeben habe, sagt Mayor. "Bislang wurden mehr als 300 Gräber von Frauen ausgegraben, die mit Pfeilen, Streitäxten und Schwertern bestattet wurden, einige mit Kampfverletzungen."

Vorbild für die Amazonen seien die berittenen Bogenschützinnen verschiedener Skythen-Stämme, die rund um das Schwarze Meer und in den Steppen Eurasiens lebten, führt Mayor aus. "Die Griechen lernten die skythischen Frauen kennen, als sie dort Kolonien gründeten. Diese Nomaden führten einen relativ egalitären Lebensstil, bei denen Frauen auch Führungsrollen übernahmen."

Woher der Name "Amazone" stammt, ist allerdings ungewiss. Vielleicht vom altpersischen "ha-mazon", was Kriegerin bedeutet", überlegt Mayor. Eine andere Möglichkeit ist, dass er vom tscherkessischen Wort "Amezane" für "Wald- oder Mondmutter" hergeleitet wurde.

Ein Historiker namens Hellanicus (5. Jahrhundert v. Chr.) versuchte, dem Lehnwort eine griechische Bedeutung aufzuzwingen und übersetzte es als "ohne Brust". Diese Behauptung schürte den weitverbreiteten Irrglauben, Amazonen würden sich die rechte Brust entfernten, weil Brüste das Spannen eines Bogens oder das Werfen eines Speers behinderten. Kompletter Unsinn, meint Mayor: "Diese bizarre Idee wurde sogar schon in der Antike kritisiert, und kein antiker Künstler hat jemals einbrüstige Amazonen dargestellt."

Lesbische "Männerhasserinnen", die kleine Jungen töten?

Die antiken Gelehrten strickten trotzdem weiter an wilden Geschichten über die Amazonen. So machte die Vorstellung die Runde, sie würden in ihrer reinen Frauengemeinschaft nur weibliche Kinder dulden und Jungen nach der Geburt aussetzen, verstümmeln oder gar töten.

Da drängt sich die Frage auf: Wie pflanzten sie sich fort, wenn Männer in ihren Reihen wirkllich verpönt waren? Laut Mayor berichten antike griechische Historiker wie Herodot und Strabo, dass sich Gruppen von Kriegerinnen mit anderen Stämmen trafen, zu denen auch Männer gehörten. "Man hatte Geschlechtsverkehr und trennte sich anschließend wieder."

Von Ermordung oder Verstümmlung ist in diesen Niederschriften allerdings keine Rede: "Wenn die Kriegerinnen Kinder bekamen, behielten sie die Mädchen und schickten die kleinen Jungen zurück zum Stamm des Vaters", so Mayor. Das machte sie in den Augen neuzeitlicher Forscher zu Rabenmüttern, die einfach ihre Babys weggaben. Tatsächlich sei das aber in der Antike ein weit verbreiteter Brauch unter den Nomadenvölkern gewesen: Wenn der eigene Sohn bei einem anderen Stamm aufwuchs, sicherte man für die Zukunft gute Beziehungen.

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts kam dann die Behauptung auf, Amazonen seien lesbisch gewesen. Die russische Schriftstellerin Marina Zwetajewa hatte damals erklärt, Amazonen seien in der Antike ein Symbol für die lesbische Liebe gewesen; diese Vorstellung griffen andere Literaten und Historiker auf. Mayor widerspricht: "Die Griechen hatten keine Scheu vor Homosexualität, doch es gibt keine antiken Berichte darüber, dass die Amazonen lesbisch waren. Hätten sie das geglaubt, wäre das wohl irgendwo erwähnt worden."

Haben Amazonen die Hose erfunden?

Heute gehört die Hose ganz selbstverständlich zum Alltag. Im alten Griechenland allerdings trug man Gewänder aus großen, rechteckigen Stoffbahnen, die kunstvoll drapiert und mit Nadeln oder Gürteln zusammengehalten wurden. Die Erfindung der fremdartige "Hose" schrieben sie drei verschiedenen Kriegerköniginnen zu, so Mayor. Ob das stimme, sei nicht bewiesen, aber "sie waren definitiv Teil der Kernidentität mythischer und realer Kriegerinnen", sagt sie. "Eine äußerst praktische Kleidung für ein raues Leben zu Pferd in einem rauen Land und Klima. Hosen waren beim Reiten absolut notwendig, um Scheuerstellen zu vermeiden."

In antiken Kunstwerken tragen Amazonen Tuniken und Hosen oder Leggings aus Wolle oder Hanf. Nicht nur modisch waren sie damit ihrer Zeit voraus, sie schmückten sich auch mit Tätowierungen: "Aus skythischen Gräbern wurden natürlich mumifizierte Leichen von Männern und Frauen geborgen, die im Permafrost begraben waren und aus der Zeit von Herodot (5. Jahrhundert v. Chr.) stammen. Ihre Haut ist mit realen und fantastischen Tieren verziert, darunter Hirsche, Pferde, Tiger und Greifvögel", sagt Mayor. Für die Griechen war das ein weiteres Merkmal der unzivilisierten" Amazonen, galten Tattoos bei ihnen doch als Stigma, das man nur Strafgefangenen oder Sklaven stach.

Drogen am Lagerfeuer

Waren es Skythen oder Amazonen, die sich an Drogen berauschten? In Berichten des antiken Dichter Herodot ist nachzulesen: "Sie sitzen im Kreis um ein Feuer und werfen diese berauschende Pflanze auf die Glut. Während sie brennt, atmen die Menschen den Rauch ein und werden berauscht, so wie die Griechen vom Wein berauscht werden. Sie werfen immer wieder neues Material ins Feuer, werden noch berauschter und tanzen und singen johlend um das Feuer herum." Diese Pflanze, so Mayor, sei wohl Cannabis gewesen. "Archäologen haben Hanfverbrennungssets - kleine Holzkohle-Kohlenbecken, einige aus Gold, die verbrannte Hanfsamen enthielten - sowohl in Gräbern von Frauen als auch von Männern entdeckt."

Amazonen der Gegenwart

Starke und unabhängige Frauen hat es immer gegeben. Für Mayor tragen sie den "Geist der Amazonen" in sich. "Manchmal bleiben sie im Verborgenen, manchmal treten sie aus dem Schatten der Unterdrückung ins öffentliche Bewusstsein", sagt die Historikerin.

In der Populärkultur hat man Kriegerinnen in Filmen wie "Die Tribute von Panem"oder "Game of Thrones" verewigt. Im wahren Leben kämpften sie heute als Soldatinnen, so Mayor - unter anderem in der Ukraine, "der ursprünglichen Heimat der mythischen Amazonen".

Author Suzanne Cords
Item URL https://www.dw.com/de/legendäre-kriegerinnen-die-geschichte-der-amazonen/a-77343320?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77151324_607.jpg
Image caption Amazonen beflügeln seit Jahrtausenden die Fantasie
Image source Judaica-Sammlung Richter/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77151324_607.jpg&title=Legend%C3%A4re%20Kriegerinnen%3A%20Die%20Geschichte%20der%20Amazonen

Item 44
Id 77365415
Date 2026-05-31
Title Idol Mozart - Die Suche nach Schönheit in Krisenzeiten
Short title Idol Mozart - Die Suche nach Schönheit in Krisenzeiten
Teaser Mozarts Musik steht für Leichtigkeit und Schönheit. In Krisenzeiten wurde er regelrecht zum Idol stilisiert. Für die Menschen eine Flucht aus der Realität? Das Mozartfest Würzburg findet andere Antworten.
Short teaser In Zeiten von Krieg und Zerstörung werden gerne die Ideale der Klassik beschworen. Doch warum muss es Mozart sein?
Full text

Wenn die Welt aus den Fugen gerät, suchen Menschen nach Halt. "Gerade jetzt, wo die Welt von Krisen geprägt ist und derart bedroht wird durch Kriege, entsteht eine neue Sehnsucht nach etwas, das die Menschen verbindet", sagt Evelyn Meining, Intendantin des Mozartfests Würzburg.

Wolfgang Amadeus Mozarts Genie und die Schönheit seiner Musik wurden in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder in Krisenzeiten beschworen, auch in der Gegenwart. "Er ist als Komponist eine Symbolfigur, gerade wenn die Zeiten als überreizt und polarisierend empfunden werden", sagt Meining im Gespräch mit der DW. "Idol Mozart - beschworene Schönheit" lautet deshalb in diesem Jahr das Motto des größten Mozartfestivals in Deutschland.

Mozart als Idol der Moderne

Wie gewaltig und ergreifend Mozarts Musik wirkt, zeigte sich bei der Eröffnung des Festivals mit dem Mozarteumorchester Salzburg. Die Salzburger spielten Mozarts vorletzte Sinfonie in g-Moll. Dazu erklangen auch Werke der Moderne von Maurice Ravel und Sergej Prokofjew, die Mozart verehrt haben.

Ravel bewunderte Mozart als "Idol einer untergegangenen Zeit". "Er teilte mit Mozart die Auffassung, dass Musik bezaubern müsse", sagt Evelyn Meining. Mit dem Werk "Le Tombeau de Couperin" bezieht sich Ravel auf den Barockkomponisten François Couperin. "Es ist eine musikalische Schönheit, die sich durch Klarheit, Eleganz und melodische Linearität auszeichnet, wie bei Mozart", erläutert Meining. Das Werk hat Ravel zwischen 1914 und 1917 während des Ersten Weltkriegs komponiert und den Freunden gewidmet, die im Krieg gefallen waren.

Auch Sergej Prokofjew verehrte Mozarts klassische Sinfonien und ihre Eleganz. Sein zweites Violinkonzert schrieb er Mitte der 1930er-Jahre. Aus dem Exil zurückgekehrt, fand er in Russland unter Stalin ein Regime vor, das Massenverhaftungen und Gräueltaten an Menschen verübte. Prokofjew propagierte ein Ideal der "neuen Einfachheit" und komponierte anders als avantgardistische Kollegen wieder melodisch. Der gelungene Beweis ist sein Violinkonzert, bei dem die chinesische Geigerin Tianwa Yang als Solistin vom zarten Beginn bis zum stürmischen Schluss mit einer Schönheit durch die Kraft ihres Ausdrucks imponierte. Sie wurde mit frenetischem Applaus gefeiert.

Mozart als Held der Krise

Was heute als schön und leicht in Bezug auf Mozarts Musik empfunden wird, ist tief durchdacht und oft schwer zu spielen. "In seiner Zeit hat Mozarts Musik die Menschen immer wieder irritiert oder sogar provoziert und überfordert", sagt Evelyn Meining, so etwa mit zunehmend dissonanten Klängen und seiner musikalischen Komplexität.

Nach Mozarts Tod (1791) hat ihn seine Frau Constanze zum Genie stilisiert. "Man hat ihn als nationalen Geist gebraucht, um sich in dieser Spaltung der Nationen auf etwas verständigen zu können." Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Europa durch den Zusammenbruch des alten feudalen Systems durch die napoleonischen Kriege geprägt. Die Bürger wollten Freiheit und nationale Einheit, während Fürsten die absolutistische Herrschaft wiederherstellen wollten.

Im 20. Jahrhundert wurde Mozart nach dem Zusammenbruch des alten Europas durch die Weltkriege zur Sehnsuchtsfigur. "Da haben viele Künstler und Intellektuelle nach etwas gesucht, was Maß und Ordnung und Menschlichkeit verkörperte und ihnen Halt gab in Zeiten des Zusammenbruchs und des Schreckens." Mozart habe Licht in die dunklen Zeiten gebracht, sagt Meining.

Mozart bewundern, aber nicht vor Ehrfurcht erstarren

Die Sologeigerin Tianwa Yang sieht Mozart mit seiner Musik auch heute noch als Idol. "Für uns als Musiker ist er jemand, der nicht von dieser Welt ist. Jemand aus einem anderen Universum". Dennoch müsse man vor diesem Idol keine ängstliche Ehrfurcht haben. "Wenn man die Musik hört und mag, fühlt man sich dem Komponisten nahe und denkt, man verstehe ihn, was aber vielleicht nicht stimmt. Es gibt aber eine bestimmte Verbindung mit ihm beim Spielen der Musik und das zählt."

Tianwa Yang ist in diesem Jahr "Artiste Etoile", also Fokuskünstlerin des Mozartfests. Sie beschäftigt sich nicht nur mit den Klassikern, sondern vor allen Dingen mit Musik der Gegenwart. Speziell für sie hat der bekannte Komponist und Klarinettist Jörg Widmann die Etüde Nummer 7 für Violine solo, die "Jupiteretüde", komponiert. Auch er setzt sich immer wieder mit den Klassikern auseinander, hier mit Mozarts Jupitersinfonie, die wie die g-Moll-Sinfonie zu Mozarts bekanntesten Werken zählt. Das Werk erklingt erstmals am 26. Juni in Würzburg.

Mozart mit Humor vom Sockel stürzen?

Mozart ist als Idol nicht unantastbar. Seine Musik soll auch für junge Leute zugänglich sein. Der deutsch-türkisch-armenische Komponist und Schriftsteller Marc Sinan legt in seiner humorvollen Lecture-Performance "Nichts ist heilig" offen, dass hinter den unantastbaren "Sockelheiligen" der Musikgeschichte Mozart, Bach und Beethoven auch Mechanismen der Macht, der Kultur und der Geschichte stecken. Er kratzte ein wenig an ihren Sockeln.

Durch seinen deutschen Vater wurde Sinan schon als Kind mit den Klassikern sozialisiert. Zusammen mit dem Eliot Quartett stellt er Fragen an diese Musikgrößen. "Und er öffnet seine Fragen durch seine nicht-europäische Herkunft in die Gegenwart der Migrationsgesellschaft", sagt Intendantin Meining "Ihn interessiert, wie es denn mit den Musikgeschichten anderer Länder aussieht". Etwa wie deren Musikkulturen und Traditionen auch in ihrer Schönheit gewürdigt werden. Doch eines kann Evelyn Meining verraten: Mozart wird es überstehen und am Ende nicht vom Sockel stürzen.

Author Gaby Reucher
Item URL https://www.dw.com/de/idol-mozart-die-suche-nach-schönheit-in-krisenzeiten/a-77365415?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77356888_607.jpg
Image caption Eröffnung mit dem Mozarteumorchester Salzburg, das mit Hilfe von Mozarts Witwe Constanze 1841 gegründet wurde
Image source Dita Vollmond
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77356888_607.jpg&title=Idol%20Mozart%20-%20Die%20Suche%20nach%20Sch%C3%B6nheit%20in%20Krisenzeiten

Item 45
Id 77317243
Date 2026-05-31
Title Blondine, Mythos, Rebellin: 100 Jahre Marilyn Monroe
Short title Blondine, Mythos, Rebellin: 100 Jahre Marilyn Monroe
Teaser Lange galt sie vor allem als Sexsymbol. Heute ist der Blick ein anderer: Marilyn Monroe als frühe Kämpferin für Selbstbestimmung in Hollywood - zwischen Ruhm, Kontrolle und feministischer Neubewertung.
Short teaser Einst wahrgenommen als bloßes Sexsymbol, gilt sie heute als frühe Kämpferin für Selbstbestimmung in Hollywood.
Full text

Mit dieser Szene schuf Marilyn Monroe wohl einen der berühmtesten Momente der Filmgeschichte: das weiße Kleid über dem U-Bahn-Schacht, rote Lippen, platinblondes Haar, Hollywood-Glamour. Kaum eine Frau des 20. Jahrhunderts wurde so sehr zur Ikone stilisiert - und gleichzeitig so stark auf ihr Äußeres reduziert.

Auch in jener Septembernacht 1954, als in New York die legendäre Filmszene aus der Komödie "Das verflixte 7. Jahr" gedreht wurde: Hunderte Fotografen und Schaulustige sahen zu, wie Marilyn immer wieder über dem Lüftungsschacht posierte, das Kleid hochwirbelte und sie versuchte, dabei nicht zu viel preiszugeben und trotzdem so zu wirken, als habe sie gerade den Spaß ihres Lebens. Ironischerweise musste genau diese Szene später nachgedreht werden, weil die Tonaufnahmen aufgrund des Lärms unbrauchbar waren.

100 Jahre nach ihrer Geburt und mehr als 60 Jahre nach ihrem Tod erscheint Marilyn Monroe heute in einem anderen Licht. Längst gilt sie nicht mehr nur als Sexsymbol der 1950er Jahre, sondern auch als frühe Figur weiblicher Selbstbestimmung in einer von Männern dominierten Filmindustrie - widersprüchlich, verletzlich, klug und ihrer Zeit oft voraus.

Aus Norma Jean wird Marilyn Monroe

Geboren wurde sie am 1. Juni 1926 als Norma Jeane Mortenson in Los Angeles. Ihre Kindheit war geprägt von Pflegefamilien, Heimen und Unsicherheit. Früh lernte sie, dass Frauen in Hollywood vor allem nach ihrem Aussehen beurteilt wurden.

Ihre Karriere begann als Model, ehe sie von den Filmstudios entdeckt wurde. Aus Norma Jeane wurde "Marilyn Monroe" - ein Name, der wie eine Kunstfigur klang und genau das auch sein sollte. Hollywood formte sie zur verführerischen Blondine: sinnlich, verspielt, scheinbar naiv. Filme wie "Blondinen bevorzugt" oder die beiden Billy Wilder-Filme "Das verflixte 7. Jahr" und "Manche mögen's heiß" machten sie weltberühmt.

Literatur, Politik und Kunst

Doch hinter der öffentlichen Figur steckte eine Frau, die ernst genommen werden wollte - als Schauspielerin und als Mensch. Während die Studios sie auf stereotype Rollen festlegten, arbeitete Monroe intensiv an ihrer Schauspielausbildung, las Weltliteratur und interessierte sich für Politik, Kunst und Psychoanalyse.

Die Fotografin Eve Arnold hielt 1955 einen Moment fest, der dieses andere Bild von Monroe zeigt: Auf einem Spielplatz sitzt sie vertieft in James Joyces "Ulysses". In ihrem Fotoband "The Retrospect" erinnerte sich Arnold später daran, Monroe habe den Roman immer im Auto liegen gehabt und sich Passagen laut vorgelesen, weil sie den Klang des Textes liebte - auch wenn sie ihn schwierig fand.

Bis heute wird unter dem Foto behauptet, Monroe habe mit dem Buch nur für die Kamera posiert. Doch sie selbst widersprach immer wieder diesem Klischee und sagte mehrfach, Menschen hätten oft lieber eine Figur aus ihr gemacht, als sich dafür zu interessieren, wer sie wirklich war.

Selbstbewusst gegen die Unterhaltungsindustrie

Heute sehen viele Feministinnen in Monroe deshalb eine Frau, die früh gegen die Mechanismen der Unterhaltungsindustrie kämpfte. Sie verstand genau, wie sehr ihr Körper und ihre Ausstrahlung vermarktet wurden - und nutzte dieses Bild zugleich strategisch für ihren eigenen Aufstieg. Monroe war also nicht nur Opfer eines sexistischen Systems, sondern versuchte auch, dessen Regeln für sich zu nutzen.

Ein wichtiger Schritt war die Gründung ihrer eigenen Produktionsfirma Ende 1954. Für eine Schauspielerin war das damals höchst ungewöhnlich. Monroe wollte mehr Kontrolle über ihre Rollen, bessere Verträge und ernsthaftere Stoffe. Sie setzte höhere Gagen durch, widersprach Produzenten öffentlich und verweigerte Rollen, die ihr nicht gefielen. In einer Zeit, in der Studios ihre Stars fast vollständig kontrollierten, war das bemerkenswert selbstbewusst.

"Instabil und unprofessionell"

Gleichzeitig blieb Monroe gefangen in den Widersprüchen ihrer Zeit. Die Öffentlichkeit feierte ihre Weiblichkeit und erotische Ausstrahlung, dieselben Eigenschaften wurden später jedoch gegen sie verwendet. Medien beschrieben sie oft als instabil, schwierig oder unprofessionell - Begriffe, die bis heute auffallend häufig starke und mutige Frauen treffen, die sich Erwartungen widersetzen.

Auch ihr Privatleben wurde zur Projektionsfläche. Die Ehen mit Baseballstar Joe DiMaggio und Dramatiker Arthur Miller wurden ebenso öffentlich ausgeschlachtet wie ihre psychischen Krisen und ihre Medikamentenabhängigkeit.

Als Monroe 1962 im Alter von nur 36 Jahren starb, begann sofort die Mythenbildung. Bis heute ranken sich Verschwörungstheorien um ihren Tod. Besonders hartnäckig hält sich die Behauptung, sie sei wegen ihrer Kontakte zur Familie Kennedy zum Schweigen gebracht worden - Beweise dafür gibt es allerdings nicht.

#MeToo hat den Blick auf Monroe verändert

In den vergangenen Jahren hat sich der Blick auf Monroe erneut verändert. Die #MeToo-Debatte und Diskussionen über Machtmissbrauch in Hollywood haben dazu beigetragen, ihre Geschichte neu zu lesen. Viele erkennen heute, wie stark sie unter einem Studiosystem litt, das Frauen gleichzeitig idealisierte und kontrollierte.

Auch das Biopic "Blonde" (2022) griff diese Perspektive auf. Der Film mit Ana de Armas zeigte Monroe vor allem als verletzliche, traumatisierte Frau. Während einige Kritiker darin eine schonungslose Abrechnung mit Hollywoods Frauenbild sahen, warfen andere dem Film vor, Monroe erneut auf Leid und Opferrollen zu reduzieren.

Marilyn Monroe musste früh die Kosten weiblicher Sichtbarkeit tragen. Sie war begehrt, aber selten respektiert. Berühmt, aber kaum geschützt. Intelligent und gebildet, aber auf die Rolle des ständig verfügbaren Sexsymbols reduziert.

Vielleicht liegt genau darin ihr feministisches Vermächtnis: Marilyn Monroe zeigte schon in den 1950er Jahren, wie kompliziert weibliche Selbstbestimmung in einer Welt sein kann, die Frauen zugleich bewundert und kontrolliert. Dass ihr Bild hundert Jahre nach ihrer Geburt noch immer weltberühmt ist, zeigt, wie stark sie die moderne Popkultur geprägt hat.

Author Silke Wünsch
Item URL https://www.dw.com/de/blondine-mythos-rebellin-100-jahre-marilyn-monroe/a-77317243?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77318595_607.jpg
Image caption Marilyn Monroe bei den Dreharbeiten zu "Das verflixte 7. Jahr"
Image source Matty Zimmerman/AP Photo/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77318595_607.jpg&title=Blondine%2C%20Mythos%2C%20Rebellin%3A%20100%20Jahre%20Marilyn%20Monroe

Item 46
Id 77322411
Date 2026-05-30
Title Katherina Reiche - stützt oder bremst sie die Energiewende?
Short title Katherina Reiche - stützt oder bremst sie die Energiewende?
Teaser Bundeswirtschaftsministerin Reiche (CDU) will den Klimaschutz bezahlbar machen, wie sie sagt. Sie will Gaskraftwerke bauen und erlaubt bei neuen Heizungen in Deutschland wieder Öl und Gas. Das löst Kritik aus.
Short teaser Wirtschaftsministerin Reiche (CDU) will neue Gaskraftwerke bauen und erlaubt neue Gasheizungen. Das löst Kritik aus.
Full text

Mindestens einmal wurde selbst dem Bundeskanzler der oft schroffe Ton seiner Wirtschaftsministerin zu viel: Heftig hatte Katherina Reiche, wie Friedrich Merz Mitglied der konservativen CDU, Finanzminister Lars Klingbeil von den Sozialdemokraten öffentlich angegriffen. Der Streit ging darum, wie man die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland angesichts der hohen Energiekosten nach Beginn des Krieges der USA und Israels gegen den Iran entlasten könnte.

Klingbeil machte sich für eine Übergewinnsteuer der Energiekonzerne stark, Reiche lehnte das ab und verkündete öffentlich, die SPD mache ständig Vorschläge, die "teuer, wirkungsschwach und verfassungsrechtlich fragwürdig sind".

Da ermahnte Kanzler Friedrich Merz seine konservative Parteifreundin. Aus dem Umfeld des deutschen Regierungschefs hieß es: "Der Bundeskanzler ist befremdet über den öffentlichen Schlagabtausch und mahnt Ministerin Reiche zur Zurückhaltung."

Streitbare Frau mit Erfahrungen in der Wirtschaft

Katherina Reiche (52) ist streitbar, oft angriffslustig und deshalb für viele eine Reizfigur. Sie war es schon, bevor sie vor gut einem Jahr überraschend Wirtschaftsministerin wurde. Umweltschützern und Klimaaktivisten galt sie schon lange als zu wirtschafts- und unternehmensnah, als Gegnerin einer ambitionierten Klimapolitik.

Nicht ohne Grund: Nachdem die Politikerin aus Luckenwalde in Brandenburg, 80 Kilometer südlich von Berlin, von 1998 bis 2015 im Bundestag gesessen hatte, ging sie in die Energiewirtschaft. Manche Kritiker bezeichnen sie als Lobbyistin.

Reiche war unter anderem Vorsitzende der Geschäftsleitung von "Westenergie", der größten Tochtergesellschaft des Energie-Riesen E.ON. Westenergie versorgt mit rund 10.000 Mitarbeitern etwa 6,6 Millionen Menschen, unter anderem in Nordrhein-Westfalen, mit viel fossiler Energie.

Reiche und das umstrittene Heizungsgesetz

Schon bald nach Amtsantritt im Ministerium im Mai 2025 machte Reiche klar: Den Versuch ihres Vorgängers Robert Habeck von den Grünen, die Energiewende auch bei den Heizungen in den Wohnungen in Deutschland voranzubringen, wollte sie rückgängig machen. Hintergrund: Rund 72 Prozent des Wohnungsbestandes in Deutschland werden mit Gas oder Öl beheizt. Der Gebäudesektor gilt neben dem Verkehr als derjenige, in dem das Land bislang die wenigsten Fortschritte in der Klimapolitik gemacht hat. Beide Sektoren verfehlen seit Jahren die Klimaziele.

Habeck wollte das ändern und schrieb in ein Gesetz, dass künftig neue Heizungen zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden müssten. Vor allem im Osten des Landes kam es zu heftigen Protesten dagegen. Habeck wurde vorgeworfen, den Menschen den Einbau teurer Wärmepumpen vorzuschreiben. Reiche strich diese Regelung und erklärte: "Das Heizungsgesetz hat Vertrauen gekostet und die Gesellschaft gespalten. Wir stellen die Weichen neu." Gleichzeitig verkündete die Ministerin ihren Plan, teure Gaskraftwerke zu bauen, wesentlich mehr, als Habeck geplant hatte.

Wirtschaftsexpertin Kemfert: Deutschland muss raus aus fossiler Abhängigkeit

Deswegen ist Franziska Brantner, eine von zwei Vorsitzenden der Oppositionspartei der Grünen, naturgemäß keine Freundin der Wirtschaftsministerin. Brantner war Staatsekretärin im Wirtschaftsministerium, bis die Grünen im vergangenen Jahr aus der Regierung ausschieden.

Im DW-Interview sagt Brantner, aus der früheren Tätigkeit der Ministerin könne man ihr keinen Vorwurf machen, aber: "Sie ist jemand, die Politik macht für die alten Energien, die uns teuer zu stehen kommen, die uns abhängig machen und uns nicht ermöglichen, in eine größere Unabhängigkeit zu gehen."

Ähnlich formuliert das Claudia Kemfert, Wissenschaftlerin beim "Deutschen Institut für Wirtschaft" (DIW) auf Anfrage der DW: "Entscheidend ist weniger ihre Vergangenheit als die aktuelle Politik. Problematisch wird es, wenn fossile Interessen erneut Vorrang vor Erneuerbaren, Speichern und Effizienz bekommen. Deutschland braucht Zukunftstechnologien statt neuer fossiler Abhängigkeiten."

Erst Zustimmung vom Industrieverband, jetzt Kritik

Zustimmung erhielt Reiche dagegen von Anfang an von den großen Industrieverbänden des Landes, weil sie ankündigte, bei der Energiepolitik vor allem auf die Bezahlbarkeit zu achten. Aber mittlerweile spart auch der mächtige "Bundesverband der Deutschen Industrie" (BDI) nicht mit Kritik.

Der Grund: Die Wirtschaft ist nicht wie erhofft angesprungen, was aber sicher auch an internationalen Verwerfungen liegt, etwa der unberechenbaren Zoll-Politik von US-Präsident Donald Trump und seit März auch am Krieg der USA und Israels gegen den Iran.

Jetzt fordert BDI-Chef Peter Leibinger von der Regierung - also auch von Reiche - erkennbare Reformen etwa bei den sozialen Sicherungssystemen wie Gesundheit, Rente und Pflege, deren Finanzierung für die Betriebe immer teurer werde: "Wenn die Regierung es nicht schafft, gemeinsame Reformen auf den Weg zu bringen, die in den Betrieben ankommen, ist diese Regierung gescheitert."

Kanzler Merz hält zu Reiche

Der Druck auf die selbstbewusste Ministerin wächst also. Bundeskanzler Friedrich Merz aber hält seine schützende Hand über Reiche: Als die Ministerin jüngst die Förderung für private Solaranlagen zusammenstrich, verteidigte der Kanzler sie im ARD-Fernsehen gegen Kritik. Reiche will keine Entschädigung mehr zahlen, wenn Solarstrom nicht ins Netz eingespeist werden kann, etwa bei Überlastung.

Dazu sagte Merz: "Wir zahlen für Strom, der nicht gebraucht wird, eine hohe Vergütung aus dem Bundeshaushalt. Katherina Reiche hat Vorschläge gemacht, wie wir das begrenzen, wie wir das dämpfen, wie wir das reduzieren."

Author Jens Thurau
Item URL https://www.dw.com/de/katherina-reiche-stützt-oder-bremst-sie-die-energiewende/a-77322411?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77120513_607.jpg
Image caption Die Ministerin und die fossilen Energien: Katherina Reiche beim Besuch der Öl-Raffinerie in Schwedt in ihrem Heimatland Brandenburg (Mai 2026)
Image source Patrick Pleul/AFP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77120513_607.jpg&title=Katherina%20Reiche%20-%20st%C3%BCtzt%20oder%20bremst%20sie%20die%20Energiewende%3F

Item 47
Id 77340650
Date 2026-05-29
Title Deutschlands riskanter Drahtseilakt in China
Short title Deutschlands riskanter Drahtseilakt in China
Teaser Nicht erst beim Besuch von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche wurde sichtbar, wie abhängig die deutsche Wirtschaft von China als Absatzmarkt und Rohstofflieferant ist. Das hat Peking wiederholt demonstriert.
Short teaser Peking hat oft demonstriert, wie abhängig Deutschland von China ist, auch beim Besuch von Wirtschaftsministerin Reiche.
Full text

Im April war es nicht einmal ein Kilogramm, das China vom begehrten Seltenerdmetall Germanium nach Deutschland lieferte. Vom ebenso wichtigen Gallium gingen gerade einmal drei Kilogramm in den Export - und zwar nach Malaysia. Andere Länder gingen nach der Auswertung chinesischer Zolldaten komplett leer aus. Die Beispiele zeigen, wie China seine Macht bei Schlüsselelementen moderner Technologie ausspielt.

Ohne Germanium gäbe es keine schnelle Datenübertragung in Glasfaserkabeln und Nachtsichtgeräte würden genauso wenig funktionieren wie die hocheffizienten Solarzellen von Weltraumsonden und Satelliten.

Und ohne Gallium-Verbindungen gäbe es kein schnelles 5G-Internet, Schnellladegräte würden überhitzen und selbst Barcode-Scanner im Supermarkt würden nicht funktionieren. Das Fazit von Christian Hell vom Frankfurter Rohstoffhändler TRADIUM fällt ernüchtert aus: "Wenn selbst Deutschland, das bisher vergleichsweise zuverlässig beliefert wurde, leer ausgeht, ist das ein deutliches Signal."

Während Katherina Reiche fairen Wettbewerb für deutsche Unternehmen in China fordert und eine verlässliche Belieferung mit Seltenen Erden anmahnt, haben die Entscheidungsträger in Peking alle Trümpfe in der Hand. Und innerhalb der EU fehlt eine einheitliche Linie gegenüber China. Deutschland bremst ein härteres Vorgehen - aus Sorge vor Strafmaßnahmen gegen die eigenen Unternehmen.

Produktion in China für China

Wie stark deutsche Firmen in China engagiert sind, zeigt das Beispiel BASF. Der Chemieriese aus Ludwigshafen hat Ende März ein neues großes Werk im südchinesischen Zhanjiang eingeweiht - Kostenpunkt: fast neun Milliarden Euro.

Hier stellt BASF Basis- und Spezialchemikalien etwa für Chinas Automobil- und Kunststoffindustrie her. Während im Stammwerk Ludwigshafen der Wegfall russischer Energie zu Jobabbau und dem Herunterfahren der Produktion führte, kann BASF in China auf günstiges russisches Öl und Gas zurückgreifen.

Mit dem neuen Standort macht sich BASF aber zunehmend vom Wohlwollen der chinesischen Staats- und Parteiführung abhängig. Eine Abhängigkeit, die Washington scharf kritisiert. In der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA heißt es: "Der Ukraine-Krieg hatte den perversen Effekt, Europas, insbesondere Deutschlands, externe Abhängigkeiten zu vergrößern. Heute bauen deutsche Chemieunternehmen in China einige der weltweit größten Verarbeitungsanlagen und nutzen dafür russisches Gas, das sie im Inland nicht beziehen können."

Deutsche Unternehmen befeuern Chinas Überkapazitäten

Gleichzeitig tragen deutsche Unternehmen mit ihrer Produktion in China dazu bei, dass chinesische Überkapazitäten den Weltmarkt fluten. Während die Binnenkonjunktur lahmt, läuft die chinesische Exportmaschine auf Hochtouren. Die Politik der zwei Kreisläufe, die Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping propagiert, scheint für das Reich der Mitte aufzugehen: Sich von Importen unabhängig machen, während die Welt immer abhängiger von Gütern und Waren "Made in China" wird.

Dass China heute eine führende Industrienation ist, überrascht viele in Deutschland - obwohl die Entwicklung langfristig angelegt war. "Wir haben China unterschätzt, wie wir das immer schon taten und auch heute in vielen Bereichen noch tun", sagt China-Experte Manuel Vermeer im DW-Interview. "Das lernen wir jetzt sehr schmerzhaft. Und dann beschweren wir uns auch noch darüber, dass wir es nicht vorher gewusst haben", wundert sich Vermeer, der seit 40 Jahren deutsche Unternehmen im China-Geschäft berät.

Chinas langer Atem zahlt sich aus

In den Anfangsjahren profitierten deutsche Unternehmen von Joint Ventures und Marktzugang. Gleichzeitig gaben sie Know-how weiter - etwa in der Automobilindustrie. Heute ist die Rollenverteilung häufig umgekehrt. "Wir haben Anfang der 1980er Jahre die ersten deutschen Unternehmen nach China gebracht. Wir haben Joint Ventures gründen müssen, zum Beispiel im Automobilbereich. Die Chinesen haben sehr aufmerksam zugeschaut und zugehört und haben gelernt. Und wie wir alle wissen, haben sie uns inzwischen gerade in diesem Bereich weitgehend überholt. Sie bringen fantastische Autos auf die Märkte, die nicht nur gut aussehen und kostengünstig sind, sondern tatsächlich auch wirklich sehr, sehr gut sind", so Vermeer.

Deutsche Arroganz rächt sich

"Man dachte damals, wir gehen da rüber, wir zeigen den Chinesen das. Das können die dann auch gerne mal ein bisschen nachmachen. Aber mit der üblichen deutschen Arroganz gingen wir davon aus, dass die das sowieso nie richtig können, wie die Deutschen das eben mit ihren Spaltmaßen (der Abstand zwischen zwei benachbarten Bauteilen im Maschinen- oder Karosseriebau, d. Red.) und ihren hervorragenden Ingenieurfähigkeiten können.

Die Chinesen hätten zugehört und gelernt, um es irgendwann genauso gut oder noch besser zu können, als die Deutschen. "Auf diese Idee kann man hier eigentlich gar nicht. Und das wollte auch niemand hören im Maschinenbau, im Automotive-Bereich", so Vermeer. Dabei war die Entwicklung früh absehbar. Programme wie "Made in China 2025" oder Analysen von China-Experten warnten seit Jahren vor wachsendem Wettbewerbsdruck - besonders für Deutschland, Japan und Südkorea.

Vom Schüler zum Lehrer

"Wir haben es ihnen auch in den Joint Ventures beigebracht", so Manuel Vermeer. "Sie haben viel von uns kopiert, sicher auch manchmal mit nicht ganz legalen Mitteln. Beim chinesischen BMW-Partner Brilliance habe das bizarre Züge gehabt, erinnert er sich. Im Montagewerk Shenyang habe man nur durch eine Tür gehen müssen. "Auf der einen Seite wurde der BMW zusammengeschraubt, auf der anderen eben Brilliance und dann hat man das eben abgekupfert. Und bei Volkswagen war das ja auch nicht anders."

Katherina Reiche war sichtlich beeindruckt bei ihrer ersten Reise ins Wirtschaftswunderland China. Immer wieder staunte sie über die rapide Entwicklung der Volksrepublik zu einer führenden globalen Industriemacht. Dabei kam all das mit Ansage, nachzulesen in den von der kommunistischen Staats- und Parteiführung veröffentlichen industriepolitischen Planungspapieren.

"Wir haben schon vor 20 Jahren in den chinesischen Fünfjahresplänen…gesehen, dass man auf E-Mobilität setzt. Aber das haben wir damals nicht ernst genommen oder einfach nicht gelesen", sagt Manuel Vermeer.

Deutsche Industrie als Abendessen Pekings?

Die Ökonomen Sander Tordoir und Brad Setser warnen in einer Studie vor einem "China-Schock 2.0" und den "Kosten der deutschen Selbstzufriedenheit". Der erste China-Schock ab 2001 traf die USA hart, während Deutschland zunächst profitierte.

Nun sehen die Forscher des "Centre for European Reform" Europas größte Volkswirtschaft selbst unter Druck: "Deutschland bleibt zögerlich, obwohl China schon einen großen Teil seiner Industrie zum Mittagessen verspeist hat und sich nun darauf vorbereitet, mit dem Abendessen zu beginnen."

Ein Blick in den aktuellen Fünfjahresplan zeigt, wohin die Reise geht: China setzt auf Quanten-Computing, künstliche Intelligenz, humanoide Robotik und Brain-Machine-Interfaces. Der Kurs ist klar: weniger Abhängigkeit vom Westen, mehr Kontrolle über globale Lieferketten. Nicht nur Deutschland und Europa müssen sich warm anziehen.

Author Thomas Kohlmann
Item URL https://www.dw.com/de/deutschlands-riskanter-drahtseilakt-in-china/a-77340650?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76539672_607.jpg
Image caption Der neue Verbundstandort von BASF produziert im südchinesischen Zhanjiang für den chinesischen Markt und seine Export-Unternehmen
Image source BASF SE/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/Events/mp4/vdt_de/2026/bdeu260105_tandem_catl_deu_01_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/76539672_607.jpg&title=Deutschlands%20riskanter%20Drahtseilakt%20in%20China

Item 48
Id 77226284
Date 2026-05-29
Title Hochfunktionale Depression: Wenn Leistung Leiden verdeckt
Short title Hochfunktionale Depression: Wenn Leistung Leiden verdeckt
Teaser Depressive Menschen sind antriebslos und schaffen selbst kleine Aufgaben nicht mehr? Nicht immer. Manche sind trotz Depression produktiv und leistungsfähig. Dann kann's ja nicht so schlimm sein? Ein gefährlicher Irrtum.
Short teaser Manche Menschen sind trotz Depression produktiv und hochfunktional. Dann kann's ja nicht so schlimm sein? Irrtum!
Full text

Dieser Artikel behandelt Themen wie Depressionen und Suizid. Die Inhalte können belastend oder emotional herausfordernd sein.

Wenn du dich selbst betroffen fühlst oder Suizidgedanken hast, bitte hole dir Unterstützung. In Deutschland erreichst du die TelefonSeelsorge rund um die Uhr kostenlos und anonym unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Auch ein Chat-Angebot ist verfügbar unter: https://www.telefonseelsorge.de/

Es ist Sonntagmorgen. Irgendwann zwischen fünf und sechs schrecke ich aus dem Schlaf hoch. Sofort habe ich tausend Dinge im Kopf, die erledigt werden müssen. Deshalb springe ich aus dem Bett. So ist das schon seit Jahren.

Ich kümmere mich um die Wäsche, den Hund, das Frühstück. Mache Sport und denke über die kommende Woche nach und darüber, wie anstrengend die wird. Ich bin müde. Immer eigentlich.

Kurz darauf erzählt mir mein Sohn, dass er seine Bankkarte verloren hat. Eine Kleinigkeit. Eigentlich. Aber in mir kippt etwas. Ich kann nicht mehr aufhören zu weinen und sage meinem Mann, dass ich fertig bin mit diesem Leben. "Kannst du dich um mein Kind kümmern, wenn ich nicht mehr da bin?"

Ein banaler Auslöser. Und genau das macht mir Angst.

Doch die Suizidgedanken beunruhigen mich nicht - im Gegenteil. Sie bringen Ruhe. Sie sind die Lösung, die Exitstrategie raus aus diesem Leben, das keinen Spaß macht, das sich nur noch schwer, leer und erschöpfend anfühlt.

Depression ohne Antriebshemmung

Vor zwei Jahren wurde bei mir eine Depression diagnostiziert. Einmal in der Woche gehe ich zur Therapie. Lange dachte ich, dass das reicht. Schließlich konnte ich immer zur Arbeit gehen, mich um die Familie und den Haushalt kümmern und soziale Kontakte pflegen.

Jetzt bin ich in einer Tagesklinik und von Menschen umgeben, für die es eine enorme Anstrengung ist, den Geschirrspüler auszuräumen. Die an manchen Tagen das Bett nicht verlassen können. An Arbeit oder Sport ist für viele schon seit langem gar nicht zu denken.

Mein Problem ist das Gegenteil: Je schlechter es mir geht, desto schneller bewege ich mich und hetze durch den Alltag. Irgendwo höre ich den Begriff "hochfunktionale Depression". Die Antriebshemmung, die häufig mit einer Depression einhergeht, fehlt hier. Die Betroffenen erscheinen leistungsfähig und produktiv. Der Begriff beschreibt, wie sich das Leben für mich anfühlt: wie ein auf Effizienz getrimmter Albtraum.

Warum "hochfunktionale Depression" keine offizielle Diagnose ist

Im ICD-10, dem internationalen Diagnoseschlüssel zur Klassifikation von Krankheiten, taucht der Begriff nicht auf. Um eine offizielle Diagnose, die Psychiater oder Psychologen stellen würden, handelt es sich also nicht.

Ulrich Hegerl ist Psychiater und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. Eine Depression ist eine Depression, sagt er. "Ich halte nichts von dem Begriff 'hochfunktionale Depression', das ist ein Modebegriff, wie es ihn immer wieder gibt."

Dass Menschen trotz Depression lange weiter funktionieren, erklärt er mit ihrer Persönlichkeit: "Menschen mit Depression sind häufig auch im gesunden Zustand eher Menschen, die für andere da sind, die sich einsetzen, die sehr verantwortungsvoll sind, niemanden enttäuschen wollen und deswegen auch oft mit allerletzter Kraft noch Leistung bringen."

Zu Hause würden sie dann völlig erschöpft ins Bett fallen, sagt Hegerl. Und dann ist es auch vorbei mit der Produktivität. "Erschöpfungsgefühl, innere Daueranspannung, Schuldgefühle, Appetitstörungen, Schlafstörungen, Grübelneigung, alle typischen Depressionszeichen finden wir bei Menschen mit 'hochfunktionaler Depression' wie bei allen anderen," sagt der Psychiater.

Auch Daniel Huys, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt in der Allgemeinpsychiatrie am LVR-Klinikum in Bonn, verwendet den Begriff in der Praxis nicht. In der Klinik gehe es um Schweregrade: leicht, mittel oder schwer.

"In der ICD-10 finden wir keine hochfunktionale Depression. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gibt", sagt Huys. Möglich sei, dass er Menschen, die die Diagnosekriterien einer Depression erfüllen, ihr Leben aber dennoch gestemmt bekommen, in seinem Klinikalltag nicht zu Gesicht bekommt. Dort landen eher Menschen, die die Anforderungen des Alltags nicht mehr erfüllen können und zusammenbrechen.

Depression versteckt hinter Leistung und Erfolg

Genau da liegt das Problem: "Das größte Missverständnis ist, dass das Leid einer Person oft heruntergespielt wird, nur weil sie nach außen erfolgreich oder produktiv wirkt“, sagt Adrianne McCullars. Sie ist promovierte Psychologin am Rogers Behavioral Health, einem Klinikverbund zur Behandlung psychischer Erkrankungen in Tampa, Florida.

Sie findet, der Begriff "hochfunktionale Depression" könne helfen, diese Form sichtbarer zu machen - eine, die oft übersehen werde. Auch von den Betroffenen selbst. Viele denken: Solange ich es immer noch schaffe aufzustehen und meinen Pflichten nachzukommen, kann es nicht so schlimm sein.

Doch das ist gefährlich: Depression ist die häufigste Ursache von Suiziden in Deutschland.

Adrianne McCullars widerspricht außerdem der Annahme, dass eine hochfunktionale Depression automatisch eine leichtere Form der Erkrankung ist. "Manche Menschen werden getrieben oder übermäßig produktiv, wenn sie depressive Symptome haben - als eine Art, mit diesen Symptomen umzugehen."

Produktiv trotz Depression: Wenn Leistung zur Bewältigungsstrategie wird

So habe ich es auch erlebt. Ich dachte: Wenn ich nur schnell alles erledige, wird die To-Do-Liste kürzer und mein Gefühl von Überforderung kleiner. Wenn ich in Bewegung bleibe, überrollt mich die Erschöpfung erst abends, wenn ich schlafen gehen kann. Wenn ich genug leiste, kann ich das bohrende Schuldgefühl in Schach halten, das ich permanent empfinde - gegenüber meiner Familie, meinen Kolleginnen und Kollegen, meinen Freundinnen und Freunden.

Dieses Funktionieren und Leisten - gesellschaftlich hochgelobt - könne eine Ablenkung sein, sagt Daniel Wagner. Er ist psychologischer Psychotherapeut mit eigener Praxis in Köln.

Wenn sich das schwere Leid einer Depression hinter großer Leistung und Erfolg versteckt, dann oft deshalb, weil Stille und Ruhe vermieden werden müssen, "in denen sich ein Zustand offenbart, der schwer auszuhalten ist", sagt Wagner.

Achtsamkeit bei Depression: So hilft bewusstes Innehalten

In der Therapie mit solchen Menschen gehe es deshalb darum "ins Spüren zu kommen, den Zugang zu Gefühlen ermöglichen und Regeneration zuzulassen", sagt Wagner. Achtsamkeitsübungen seien genau dafür gut - "organisiertes Abhängen" nennt der Psychotherapeut das.

Das können Atemübungen oder geführte Meditationen sein, bei denen es nicht darum geht, irgendetwas zu verändern, sondern nur präsent zu sein und zu beobachten. Wagner sagt, er baue solche Regenerationsphasen strukturiert in den Tagesablauf seiner Patientinnen und Patienten ein.

Ähnlich sind die Psychologen in der Klinik vorgegangen. Ich habe einen Wochenplan bekommen, mit dessen Hilfe ich jeden Tag strukturieren sollten. Arbeit, Haushalt, Sport und Dinge, die mir Spaß machen und guttun. Für mich ist der letzte Punkt immer noch das größte Problem und der wundeste Punkt.

In der Ruhe wird mein Kopf lauter, die Gefühle unangenehmer. Ich will am liebsten wieder losrennen. Mich vor der Verantwortung drücken, mit mir selbst umzugehen. Das bedeutet: stehen bleiben, aushalten, nichts tun.

Author Julia Vergin
Item URL https://www.dw.com/de/hochfunktionale-depression-wenn-leistung-leiden-verdeckt/a-77226284?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77226769_607.jpg
Image caption Äußerlich erfolgreich und produktiv, innerlich leer, erschöpft und hoffnungslos
Image source Ghislain & Marie David de Lossy/Cultura/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/Events/mp4/fit/fit20211210_depression_sd.mp4&image=https://static.dw.com/image/77226769_607.jpg&title=Hochfunktionale%20Depression%3A%20Wenn%20Leistung%20Leiden%20verdeckt

Item 49
Id 77333587
Date 2026-05-29
Title Warum sich Europa schneller erwärmt als andere Kontinente
Short title Klimawandel: Warum sich Europa am schnellsten erwärmt
Teaser Hitzewellen und Rekordtemperaturen: Kein Kontinent erwärmt sich so rasant wie Europa.. Warum ist es so heiß und welche Rolle die Arktis dabei spielt.
Short teaser Klimawandel im Rekordtempo: Warum Europa zum globalen Hitze-Hotspot wird und welche Rolle die Arktis dabei spielt.
Full text

Weite Teile Westeuropas leiden dieses Frühjahr unter einer intensiven Hitzewelle. Es herrschen ungewöhnlich heiße Temperaturen vom Vereinigten Königreich im Norden über Deutschland und Frankreich bis hinunter nach Spanien und Italien.

Grund für das für diese Jahreszeit untypisch heiße Wetter ist eine sogenannte Wärmekuppel. Ähnlich wie ein Deckel auf einem kochenden Topf schließt dabei ein Hochdrucksystem aus Nordafrika in der Atmosphäre heiße Luft über Europa ein. Da es sich nur sehr langsam bewegt, hält diese Wetterlage an.

Nach Angaben des Copernicus Climate Change Service der EU haben solche Wettersysteme in Europa in den letzten 25 Jahren zugenommen und zu häufigeren und extremeren Hitzewellen geführt.

Europa erwärmt sich doppelt so schnell

"Temperaturen in dieser Größenordnung waren früher selbst im Hochsommer außergewöhnlich", so Friederike Otto, Professorin für Klimawissenschaften am Londoner Imperial College in einer Erklärung.

"Diese rekordverdächtige Hitze trägt die Fingerabdrücke des Klimawandels." Es sei jedoch "noch zu früh, um zu berechnen, inwieweit dieses jüngste extreme Hitzeereignis durch den Treibhauseffekt aufgrund der Emissionen fossiler Brennstoffe verstärkt wurde."

Die von der Klimawissenschaftlerin Otto mitbegründete World Weather Attribution mit Sitz im Vereinigten Königreich hat Hitzewellen in Europa seit 2003 untersucht. Dabei zeigte sich, dass das extreme Wetter aufgrund des vom Menschen verursachten Klimawandels "sehr viel wahrscheinlicher und intensiver war".

Im Jahr 2025 haben 95 Prozent Europas überdurchschnittlich hohe Temperaturen erlebt, so der im April veröffentlichte Bericht über den Zustand des europäischen Klimas. Intensive Hitzewellen mit Temperaturen von über 30 Grad Celsius waren bis zum Polarkreis zu spüren. Und die Oberflächentemperatur der Ozeane war die "höchste seit Beginn der Aufzeichnungen".

"Europa ist der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt, und die Auswirkungen sind bereits gravierend", sagt Florian Pappenberger, Leiter des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage, einer der Agenturen, die hinter dem Bericht stehen.

Tatsächlich erwärmt sich Europa fast doppelt so schnell wie der weltweite Durchschnitt. Die Durchschnittstemperatur ist hier im Vergleich zum vorindustriellen Niveau des späten 19. Jahrhunderts um 2,5 Grad Celsius (4,3 F) gestiegen.

Weltweit haben die Analysten einen durchschnittlichen Anstieg von 1,4 Grad Celsius festgestellt.

Warum wird es in Europa schneller warm als anderswo?

Diese beschleunigte Erwärmung liegt auch an Lage des Kontinents. Europa ist mit der Arktis verbunden, der einzigen Region der Welt, die sich noch schneller erwärmt.

In der Nähe des Nordpols sind die Temperaturen im Schnitt inzwischen sogar mehr als 3,3 Grad Celsius höher als zu Beginn der Industrialisierung, so der Copernicus Climate Change Service der EU.

Während helles Eis am Pol Sonnenlicht reflektiert, nimmt eisfreies Meer, weil es dunkler ist, einen größeren Teil der Wärmestrahlung aus dem Sonnenlicht auf. Dieser Prozess ist als Albedo-Effekt bekannt. Und er ist auch in Europa zu beobachten.

Teile des Kontinents, die früher das ganze Jahr oder bis in den Spätsommer hinein gefroren waren, wie etwa die Hochgebirgsregionen der Alpen, sind heute zunehmend schneefrei. Weil der dunklere Boden weniger Sonnenstrahlung in den Weltraum zurückwirft, hat sich die Erwärmung beschleunigt.

Schwankende Winde, veränderte Wettermuster

Wissenschaftler bringen die Erwärmung in Europa auch mit den sich verändernden Winden des Jetstreams in Verbindung, dem Höhenwindstrom, der von Westen her auf Europa zuströmt.

Auch diese früher relativ stabilen Winde werden durch den Klimawandel gestört. Das führt zu extremeren Wettermustern, die in der Regel länger anhalten.

Eine Studie aus dem Jahr 2022 zeigt, dass sich der Jetstream jetzt für immer längere Perioden in zwei Äste, einen Doppel-Jetstream, teilt. Das führt zu mehr Hitzewellen in ganz Europa - insbesondere im Westen des Kontinents.

"In dieser Region, die mit dem Ausgang der Sturmfront vom Nordatlantik in Richtung Europa zusammenfällt, kommen die Wettersysteme normalerweise vom Atlantik und haben daher eine abkühlende Wirkung", so die Studienleiterin Efi Rousi damals in einer Erklärung.

"Während der Doppel-Jet-Zustände werden die Wettersysteme nach Norden abgelenkt und es können sich über Westeuropa anhaltende Hitzewellen entwickeln."

Saubere Luft erhitzt den Planeten

Paradoxerweise haben anscheinend auch die erfolgreichen Bemühungen, ein anderes Umweltproblem in den Griff zu bekommen, zur verstärkten Erwärmung in Europa beigetragen.

So weist der europäische Bericht über den Zustand des Klimas 2025 darauf hin, dass die strengeren Vorschriften zur Luftqualität seit den 1980er Jahren zwar die Luftverschmutzung verringert haben. Sie sind nun aber mit für die wärmeren Temperaturen verantwortlich.

Bevor die Luft sauberer wurde, trugen die winzigen, reflektierenden Sulfat- und Nitratpartikel aus Autoabgasen und Fabrikschornsteinen indirekt zur Abkühlung des Kontinents bei. Denn sie reflektierten Sonnenlicht und dadurch wurde "die durch den Anstieg der Treibhausgase verursachte Erwärmung teilweise ausgeglichen".

Klimawissenschaftler betonen jedoch, dass die Welt ihre Bemühungen um eine Reduzierung der Emissionen deshalb keineswegs aufgeben sollte.

Die Notwendigkeit, die Erwärmung auf ein Minimum zu beschränken, wird in einem aktuellen Bericht der Weltmeteorologiebehörde WMO, der UN und des britischen Met Office erneut hervorgehoben.

Die Studie prognostiziert für die nächsten fünf Jahre rekordverdächtige globale Durchschnittstemperaturen und hält es für "wahrscheinlich", dass die Welt vor 2031 ein neues heißestes Jahr aller Zeiten erleben wird.

"Die Aufgabe, die vor uns liegt, ist klar", sagte UN-Generalsekretär Antonio Guterres Anfang des Monats.

Er rief dazu auf, den Temperaturanstieg zu minimieren, um "eine sicherere, gerechtere und widerstandsfähigere Zukunft für alle zu schaffen". Letzte Woche stimmte die UNO für die weitere Unterstützung eines "schnellen, gerechten und ausgewogenen Übergangs weg von fossilen Brennstoffen". Der rasche Zubau erneuerbarer Energien seit dem Jahr 2000 hat die Erwärmungstrends bereits vom Worst-Case-Szenario wegbewegt.

Author Martin Kuebler
Item URL https://www.dw.com/de/warum-sich-europa-schneller-erwärmt-als-andere-kontinente/a-77333587?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77280531_607.jpg
Image caption Abkühlung tut Not: Besonders in den Städten führt die Hitze zu viel Stress für die Bewohner
Image source Matias Basualdo/ZUMA/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77280531_607.jpg&title=Warum%20sich%20Europa%20schneller%20erw%C3%A4rmt%20als%20andere%20Kontinente

Item 50
Id 77328565
Date 2026-05-28
Title Ölknappheit bedroht globale Energiesicherheit
Short title Ölknappheit bedroht globale Energiesicherheit
Teaser Der Iran-Krieg zeigt globale Auswirkungen: Die strategischen Erdölreserven schrumpfen rapide, da viele Länder Notfallreserven an Rohöl freigeben, um die wirtschaftlichen Auswirkungen des Nahostkonflikts abzufedern.
Short teaser Viele Länder geben Ölreserven frei, um die wirtschaftlichen Auswirkungen des Nahostkonflikts abzufedern.
Full text

Der Iran-Krieg und die Schließung der Straße von Hormus - einer Wasserstraße, durch die vor dem Konflikt rund 20 Prozent des weltweiten Ölhandels abgewickelt wurden - haben einen Ölversorgungsschock von lang nicht bekanntem Ausmaß ausgelöst. Die Verknappung hat Länder weltweit dazu veranlasst, fieberhaft nach Alternativen zu suchen, um die wegbrechenden Vorräte auszugleichen.

Asiatische Länder, die stark von der Energieversorgung aus dem Nahen Osten abhängig sind, haben Maßnahmen ergriffen, um die Kraftstoffnachfrage zu dämpfen. Einige Länder haben bereits Maßnahmen zur Drosselung der Nachfrage und zur Kraftstoffeinsparung eingeführt, wie beispielsweise kürzere Arbeitswochen auf den Philippinen und eine reduzierte Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs in Ländern wie Pakistan.

Die Internationale Energieagentur (IEA) koordinierte im März die Freigabe massiver Ölreserven - rund 400 Millionen Barrel - aus den Notfallreserven der Industrieländer. Ziel dieser Maßnahme war es, eine ausreichende Versorgung sicherzustellen und die Rohölpreise zu stabilisieren.

Globale Reserven

Vor dem Krieg herrschte auf den globalen Rohölmärkten ein Überangebot. Die großen Volkswirtschaften hatten umfangreiche strategische Reserven aufgebaut, wobei China, die Vereinigten Staaten und Japan die weltweit größten Vorräte hielten.

Laut Daten der US-Energieinformationsbehörde (EIA) verfügte China im Dezember 2025 über fast 1,4 Milliarden Barrel Rohöl in seinen Reserven, darunter sowohl kommerzielle als auch staatliche.
Die USA hielten rund 413 Millionen Barrel in ihrer strategischen Ölreserve und weitere 411 Millionen Barrel in kommerziellen Rohölreserven.

Japan besaß die drittgrößten strategischen Ölreserven mit rund 263 Millionen Barrel allein in staatlichen Reserven. Indien hielt laut EIA rund 21 Millionen Barrel in seinen Vorräten. Diese strategische Reserven sollten vor allem Schutz vor kurzfristigen Ölpreisschocks bieten.

Die EU-Länder sind gesetzlich verpflichtet, Notfallreserven in Höhe von mindestens 90 Tagen Nettoimporten oder 61 Tagen Verbrauch vorzuhalten. Sie trugen rund 20 Prozent zu den 400 Millionen Barrel bei, die im Rahmen der von der Internationalen Energieagentur (IEA) koordinierten Maßnahme freigegeben wurden. Deutschland gab 19,5 Millionen Barrel frei, gefolgt von Frankreich (14,6 Millionen Barrel), Spanien (11,6 Millionen Barrel) und Italien (10 Millionen Barrel).

Laut S&P Global decken die Reserven derzeit etwa 9,5 Tage der Nettoölimporte ab. Berücksichtigt man jedoch die Reserven staatlicher Ölkonzerne, erhöht sich die Deckung auf etwa 74 Tage. Zusätzlich zu diesen strategischen Reserven standen Millionen Barrel russisches Rohöl, die auf noch nicht gelöschten Tankern lagerten, Käufern in Asien zur Verfügung, nachdem die USA die Sanktionen gegen dieses Öl vorübergehend ausgesetzt hatten, um das globale Angebot zu erhöhen.

Kritisches Niveau bald in Sicht

Diese Ölvorräte haben bisher dazu beigetragen, den Energieschock abzufedern und die Angebotsschwankungen zu bewältigen. Doch fast drei Monate nach Kriegsausbruch steht der Ölverkehr durch Hormus weiterhin still. Während die Unterbrechung anhält, wurden strategische Reserven und kommerzielle Vorräte weiterhin in rasantem Tempo abgebaut. Die IEA gab bekannt, dass die globalen beobachteten Ölvorräte im März und April in Rekordtempo um 246 Millionen Barrel gesunken sind.

Der Chef der internationalen Ölbehörde, Fatih Birol, warnte kürzlich, dass die Ölreserven "nicht unendlich" seien und weltweit "sehr schnell" sanken. Er betonte außerdem, dass es "viel Zeit" dauern werde, bis Produktion und Raffineriekapazität wieder das Vorkriegsniveau erreichen. Die US-Investmentbank Goldman Sachs gab letzte Woche eine ähnliche Warnung heraus und erklärte, die globalen Ölreserven würden in diesem Monat in Rekordtempo abgebaut.

"Bei der derzeitigen Abbaugeschwindigkeit könnten die kommerziellen Ölreserven bis Ende Juni ein kritisch niedriges Niveau erreichen", schrieb Neil Shearing, Chefökonom von Capital Economics, in einer Analyse vom 18. Mai. Sollte sich die Angebotslage nicht bald verbessern, "könnten die Preise stark steigen", warnte Shearing.

Auswirkungen auf die Preise

Die Situation hat Befürchtungen vor Versorgungsengpässen geweckt, insbesondere während der sommerlichen Nachfragespitze. Sollten die Lieferengpässe anhalten, "werden sich die Engpässe nicht in allen Regionen und Sektoren gleich stark bemerkbar machen", erklärte Antoine Halff, Wissenschaftler und Energieexperte am Center on Global Energy Policy der Columbia University, gegenüber der DW.

Er merkte an, dass asiatische Länder aufgrund ihrer starken Abhängigkeit von Energie aus dem Nahen Osten voraussichtlich am stärksten betroffen sein werden, während Flugreisen und Flugtreibstoff zu den am stärksten betroffenen Sektoren und Produktkategorien zählen. Dies werde auch zu einem Anstieg der Ölpreise führen, der "überall spürbar sein wird, auch in Ländern wie den USA, die von einer reichlichen heimischen Versorgung profitieren", so Halff.

Die Rohölpreise liegen bereits jetzt über dem Niveau vor dem Konflikt, was auf Angebotsengpässe und eine geopolitische Risikoprämie zurückzuführen ist. Gleichzeitig reagierten die Preise volatil und empfindlich auf Nachrichten: Sie fielen nach Meldungen über eine schnelle Beilegung des Konflikts und stiegen sprunghaft an, wenn Anzeichen darauf hindeuteten, dass die Straße von Hormus länger geschlossen bleiben würde.

Helima Croft, Leiterin der globalen Rohstoffstrategie bei RBC Capital Markets, glaubt, dass die Märkte die Herausforderungen bei der Beilegung des Konflikts unterschätzen. "Die Erwartungen an eine kurzfristige, vollständige Erholung des Hormus-Konflikts beruhen auf unrealistischen Annahmen über die Leichtigkeit der Lösung und die strategischen Kalkulationen aller Beteiligten", schrieb sie in einem Bericht.

Sollte der aktuelle Angebotsrückgang anhalten, schätzt die Expertin, dass "die kumulierten Rohölverluste bis Monatsende eine Milliarde Barrel übersteigen und sich 1,5 Milliarden Barrel annähern werden, wenn die Situation bis Juni unverändert bleibt." Dies werde die Ölpreise in Richtung der Höchststände von 2008 treiben. "Dann wird wahrscheinlich der Nachfrageeinbruch den Markt wieder ins Gleichgewicht bringen."

Weitere Ölreserven freigeben?

Angesichts schwindender Lagerbestände scheinen die Regierungen jedoch vor einer zweiten koordinierten Freigabe strategischer Reserven zurückhaltend zu sein. Der französische Finanzminister Roland Lescure, der kürzlich seine Amtskollegen der G7-Staaten empfing, erklärte gegenüber der Financial Times, die Vorräte seien "endlich" und könnten nicht freigegeben werden, "ohne in dieser Phase Klarheit über Dauer und Intensität des Konflikts zu haben".

Halff sagte, sollte Hormus noch länger blockiert bleiben, könnten die Regierungen "kaum etwas tun, um die Versorgung sicherzustellen und gleichzeitig die Preise im Zaum zu halten" (..) "Die Freigabe von Öl aus strategischen Reserven kann helfen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, da die Vorräte nicht unbegrenzt sind."

Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert.

Author Srinivas Mazumdaru
Item URL https://www.dw.com/de/ölknappheit-bedroht-globale-energiesicherheit/a-77328565?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/63484526_607.jpg
Image caption Öl-Pipelines der "Strategic Petroleum Reserve" (SPR) in Bryan Mound nahe Freeport, Texas
Image source U.S. Department of Energy/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/BUSI/BUSIDEU260506_DWIPlasticCMS_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/63484526_607.jpg&title=%C3%96lknappheit%20bedroht%20globale%20Energiesicherheit

Item 51
Id 77312117
Date 2026-05-28
Title Seltene Erden: Bricht Brasilien Chinas Monopol?
Short title Seltene Erden: Bricht Brasilien Chinas Monopol?
Teaser Brasilien verzeichnet einen Run auf seine riesigen Reserven. Im Schatten von China positioniert sich das Land als neuer Anbieter der magnetischen Seltenerdmetalle. Große Konzerne wittern einen "Goldrausch".
Short teaser Brasilien verzeichnet einen Run auf seine riesigen Reserven. Große Konzerne wittern einen "Goldrausch".
Full text

In Brasilien bahnt sich ein neuer Rohstoffrausch an. Diesmal geht es nicht um Gold, Kaffee oder Kautschuk, sondern um das Gold im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz und erneuerbarer Energien: Seltene Erden.

"Die nächsten großen Projekte für Seltene Erden werden in Brasilien sein", ist Geologe Andrew Tunks, Vorstandsvorsitzender des australischen Bergbauunternehmens Meteoric Resources, überzeugt. "Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, aber irgendwann wird Brasilien mit China konkurrieren," sagt er im DW-Gespräch.

Das Unternehmen Meteoric investiert massiv in den Abbau Seltener Erden in Brasilien. Bei dem sogenannten "Caldeira-Projekt" der Firmaim brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais handelt es sich um das größte ionische Tonvorkommen weltweit.

Ionische Tonböden sind eine der wichtigsten Quellen für "mittlere" und "schwere" Seltene Erden (zum Beispiel Dysprosium, Terbium), die für Hochleistungsmagnete in Windrädern und E‑Mobilität besonders wichtig sind.

Run auf Reserven

Die Nachfrage nach Seltenerdmetallen für Magnete hat sich laut der Internationalen Energie Agentur (IEA)seit 2015 verdoppelt und wird bis 2030 voraussichtlich noch um mehr als 30 Prozent steigen. Die Elemente, insbesondere Neodym, Praseodym, Dysprosium und Terbium, werden unter anderem bei der Produktion von Elektrofahrzeugen, KI-Rechenzentren und in der Robotik benötigt.

Brasilien ist nach China das Land mit den größten Vorkommen an Seltenen Erden weltweit (siehe Grafik). Die Vorräte werden auf rund 21 Millionen Tonnen geschätzt. China führt das weltweite Ranking mit 44 Millionen Tonnen an.

Die steigende weltweite Nachfrage nach Seltenen Erden hat bei der brasilianischen Bergbaubehörde ANM zu einer Explosion von Anträgengeführt. Aktuell gibt es 2758 Projekte.

Zum Vergleich: Zwischen 1975 und 2020 wurden in Brasilien etwas mehr als 250 Anträge für den Abbau von Seltenen Erde eingereicht. Zwischen 2023 und 2024 waren es 1662.

USA übernehmen Mine in Brasilien

Brasiliens neuer "Goldrausch" zeigt sich auch an der Börse. Die Aktienkurse von Unternehmen, die im Land in den Abbau Seltener Erden investieren, gingen durch die Decke. So verzeichneten die Firmen Meteoric (Australien), Resouro Strategic Metals (Kanada), Appia Rare Earths and Uranium Corp (Kanada) und USA Rare Earths (USA) in den vergangenen zwölf Monaten Kursgewinne zwischen 65 Prozent und 122 Prozent ein.

Die Firma USA Rare Earths übernahm im April die einzige aktive Seltenerdmine Brasiliens von dem brasilianischen Bergbauunternehmen Serra Verde in Minaçu im brasilianischen Bundesstaat Goias. Preis: 2,8 Milliarden Dollar.

"Die Mine von Serra Verde ist die einzige außerhalb Asiens, die alle vier magnetischen Seltenen Erden in großem Maßstab liefert", erklärte CEO Barbara Humpton nach der Übernahme. Wie wichtig die Mine ist, zeige der 15-jährige Abnahmevertrag mit verschiedenen US-Regierungsbehörden.

Die Beteiligung deutscher Unternehmen an der Rohstoffgewinnung in Brasilien ist nach Angaben der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer in Sao Paulo noch "selektiv".

Deutschland verfolge jedoch das Ziel, seine Partnerschaften mit Brasilien im Kontext kritischer Mineralien, der Energiewende, der grünen Industrie sowie der Sicherung von Lieferketten auszubauen, versichert Bruno Vath Zarpellon, Bereichsleiter Geschäftsentwicklung der Außenhandelskammer, gegenüber der DW.

Konkurrenz mit China?

Serra Verde ist eine Ausnahme im brasilianischen Szenarium. Denn im Gegensatz zu China hat sich das Land bisher darauf beschränkt, seine Rohstoffe zu exportieren und nicht weiterzuverarbeiten und zu veredeln.

In China liegt der Anteil der Veredelung nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IAE) mittlerweile bei über 90 Prozent. Auch bei der Produktion von Permanentmagneten verfügt China mit einem Anteil von 95 Prozent über eine Monopolstellung.

Diese Abhängigkeit bekam die Elektronikindustrie im vergangenen Jahr zu spüren. Aufgrund der von China verhängten Exportkontrollen für Seltene Erden nach dem Zollstreit mit US-Präsident Donald Trump kam es zu Lieferengpässen.

Brasilien, aber auch andere Länder mit großen Rohstoffvorkommen wie Indien, Vietnam oder Schweden und Norwegen, wollen deshalb eigene Wertschöpfungsketten aufbauen. Meteoric-Chef Tunks weist darauf hin, dass dies einen langen Atem erfordert.

"Was den Bergbau angeht, könnte Brasilien relativ schnell konkurrenzfähig werden", so Tunks." "Aber bei der Produktion wird es noch einige Zeit dauern."

Einfacher Abbau der Lagerstätten

Aus geologischer Perspektive verfügt Brasilien im Vergleich zu anderen Ländern mit großen Reserven über einen Vorteil: Knapp 73 Prozent der Vorkommen im Land bestehen nach Angaben des geologischen Instituts (SBG) aus ionischen Tonböden.

"Es handelt sich dabei um Vorkommen, bei denen die Natur selbst einen Teil des Verarbeitungsprozesses übernommen hat, also um Granitgestein, das sich verändert oder zersetzt hat", erklärt Francisco Valdir Silveira, Leiter des brasilianischen Geologischen Instituts SBG. "Ionische Tonlagerstätten sind deshalb leichter abzubauen."

Geologe und Bergbauunternehmer Andrew Tunks sieht noch weitere Vorteile für Abbau und Aufbereitung von Selten Erden in Brasilien. "Aufbereitung erfordert viel Strom und Wasser. Unser Bergwerk in Brasilien wird zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie betrieben und Strom ist günstig", so Tunks. "Das gibt es in Australien einfach nicht. Dort ist es sehr trocken und Strom sehr teuer."

Tunks hofft, dass der "Goldrausch" in Brasilien einen anderen Verlauf nimmt als in seiner Heimat. "In Australien fördern wir riesige Mengen an Rohstoffen und schicken sie einfach nach China. Wir schaffen dabei keinen einzigen Cent an Mehrwert. Ich hoffe, dass Brasilien das besser hinbekommt."

Unter Mitarbeit von Heloisa Traiano.

Author Astrid Prange de Oliveira
Item URL https://www.dw.com/de/seltene-erden-bricht-brasilien-chinas-monopol/a-77312117?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77316833_607.jpg
Image caption Neues Abbaugebiet für Seltene Erden: Luftaufnahme der Mine "Project Caldeira" im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais
Image source Google Earth
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77316833_607.jpg&title=Seltene%20Erden%3A%20Bricht%20Brasilien%20Chinas%20Monopol%3F

Item 52
Id 77318523
Date 2026-05-27
Title Wirtschaftsweise: Kein Aufschwung in Sicht
Short title Wirtschaftsweise: Kein Aufschwung in Sicht
Teaser Der Iran-Krieg hat die Hoffnung auf Wirtschaftswachstum zunichte gemacht. Das setzt Deutschland auch bei Rente und Gesundheit unter Druck. Experten fordern Abstriche am Sozialstaat.
Short teaser Der Iran-Krieg setzt der deutschen Wirtschaft zu. Experten fordern Abstriche am Sozialstaat.
Full text

Es dürfte kein angenehmer Termin für Friedrich Merz (CDU) gewesen sein. Der Bundeskanzler empfing am Mittwoch (27.5.) zusammen mit einigen Ministern seiner Regierung die sogenannten "Wirtschaftsweisen". So werden die fünf Professorinnen und Professoren auch genannt, die den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bilden - ein unabhängiges Beratergremium der Bundesregierung.

Beim gemeinsamen Mittagessen wollte man sich über das aktuelle Frühjahrsgutachten des Rats unterhalten. Das enthält nichts, worüber sich die Regierung freuen könnte. Es unterstreicht vielmehr, in was für einer schlechten Verfassung die deutsche Wirtschaft ist.

Stagnation statt Wachstum in Deutschland

"Wir mussten in unserem Gutachten die Wachstumsprognose für dieses Jahr leider nach unten korrigieren", sagte die Vorsitzende Monika Schnitzer vor dem Termin im Kanzleramt. "Wir erwarten für das laufende Jahr ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um nur noch 0,5 Prozent und für das kommende Jahr von 0,8 Prozent." Das BIP misst die Summe aller produzierten Waren und Dienstleistungen, also die Wirtschaftskraft.

Gleichzeitig klettert die Inflationsrate, also die Preissteigerung, 2026 auf drei Prozent. Das sind desaströse Zahlen, die das Gegenteil dessen sind, was der Bundeskanzler beim Amtsantritt seiner Regierung im Mai 2025 als Top-Priorität versprochen hatte: Die Wirtschaft rasch wieder in Schwung zu bringen.

Frust in der deutschen Wirtschaft

Die Unternehmer sind enttäuscht von der Regierung und beklagen sich immer lauter. "Der Wirtschaftsstandort Deutschland steht unter Druck wie selten zuvor in der Nachkriegsgeschichte", kommentierten die großen Wirtschaftsverbände, darunter der Bundesverband der deutschen Industrie, bei einer Wirtschaftskonferenz Ende März.

Jeder vierte Arbeitsplatz in Deutschland hängt an der Industrie. Autos, Maschinen, chemische und pharmazeutische Produkte - über Jahrzehnte waren sie Exportschlager und Deutschland lebte gut davon. Doch deutsche Unternehmen sind weltweit immer weniger wettbewerbsfähig und angesichts einer seit 2019 anhaltenden Schwäche zweifeln exportierende Unternehmen offen daran, ob es überhaupt noch gelingen kann, "das Ruder rumzureißen".

Energiepreise massiv gestiegen

Noch im Herbst war zumindest die Hoffnung da, dass die Konjunktur 2026 endlich wieder etwas anziehen könnte. Doch der Iran-Krieg machte einen Strich durch die Rechnung. Heizöl verteuerte sich um 40 Prozent, die Preise für Gas und Strom dürften ebenfalls weiter steigen.

20 Prozent des weltweiten Verbrauchs von Öl und Flüssiggas wurden vor dem Iran-Krieg durch die Meerenge von Hormus vor der iranischen Küste transportiert. Die faktische Sperrung trifft die ganze Welt, genauso wie die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump. Die USA sind der mit Abstand größte Importeur von Waren weltweit, kein anderes Land kauft so viel ein.

Die Weltwirtschaft wächst - nur nicht in Deutschland

Trotzdem leiden andere Länder weniger unter den Folgen der Krise. "Der globale Güterhandel und die Weltwirtschaft werden trotz der negativen Einflüsse immer noch um 2,25 Prozent wachsen", erklärte der österreichische Wirtschaftsökonom Gabriel Felbermayr, der erst vor kurzem in den Sachverständigenrat berufen wurde. "Zölle und Energiekrise treffen die deutsche Wirtschaft als Netto-Exporteur von Gütern und als Netto-Importeur von fossiler Energie besonders stark."

Zugleich nehme der Wettbewerbsdruck auf den Weltmärkten zu, vor allem durch China. Die Volksrepublik habe ihre Warenexporte nach Europa, dem wichtigsten Absatzmarkt deutscher ⁠Exporte, 2025 erneut gesteigert - "was die deutsche Industrie in der Heimat und in den Drittmärkten stark belastet", sagte Felbermayr.

Weniger Kinder, mehr Rentner

Das ausbleibende Wirtschaftswachstum lässt die vorhandenen strukturellen Probleme Deutschlands umso deutlicher nach vorne treten. Deutschland altert rapide. Die geburtenstärksten Jahrgänge der Nachkriegsgeschichte kommen in den nächsten Jahren ins Rentenalter. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung, die Geburtenrate ist weiter gesunken und die Zuwanderung nach Deutschland geht zurück. Die Alterung der Gesellschaft lässt auch die Kosten für die Versorgung von Kranken und Pflegebedürftigen steigen.

Die Sozialkassen werden in Deutschland von Arbeitnehmern und Arbeitgebern finanziert. Derzeit machen die Abgaben gut 42 Prozent der Lohnkosten aus. "Ohne Reformen wird der Beitragssatz aller Sozialversicherungen zusammen bis 2040 auf über 50 Prozent steigen", rechnet die Ratsvorsitzende Schnitzer vor. "Das heißt, weniger Netto vom Bruttolohn, die Menschen können weniger konsumieren, haben geringere Arbeitsanreize, die Arbeitskosten für die Unternehmen steigen, das ist schlecht für die Wirtschaft, also der Handlungsdruck ist massiv."

Gesundheit ist kostbar, in Deutschland aber auch teuer

Deutschland hat gemessen am Bruttoinlandsprodukt das zweitteuerste Gesundheitssystem aller OECD-Staaten. Die Leistung sei aber nur mittelmäßig, kritisiert der Wirtschaftsweise Martin Werding. Die Ausgaben müssten gedämpft, die Einnahmen stabilisiert werden. Auch die Prävention sei unterentwickelt, meint Werding. "Insbesondere zur Vermeidung gesundheitsschädlichen Verhaltens. Da geht es um frühes praktisches Einüben guter Ernährung in Kitas und Schulen, es geht aber auch um höhere Steuern auf Tabak, auf Alkohol, auf zuckerhaltige Getränke, die eine gewisse Lenkungswirkung entfalten."

Der Rat empfiehlt, dass sich die ältere Generation stärker an den Kosten beteiligt. Insgesamt müsse man "an Reformen ran, die auch schon wirklich zu Belastungen führen", so Schnitzer. Widerspruch kam von ihrem Kollegen Achim Truger. Der Professor für Sozioökonomie sagte, einige Vorschläge, insbesondere bei der Rente und bei der Pflege seien "ziemlich radikal". Er befürchtet soziale Härten.

Genau das ist auch der Grund, warum sich die Regierungskoalition der konservativen Parteien CDU/CSU und der Sozialdemokraten so schwer mit den Reformen tut. Sie haben zwar einen Gesetzentwurf zur Reform der Krankenversicherung vorgelegt, doch es bleibt abzuwarten, was von den geplanten Milliarden-Kürzungen am Ende durchgesetzt wird. Derzeit laufen verschiedene Interessensgruppen gegen den Entwurf Sturm. Auch der Vorschlag, Kinderlose höhere Beiträge zur Pflegeversicherung zahlen zu lassen, stößt auf Kritik.

Sorge auch um den Haushalt

Mit Sorge beurteilen die Sachverständigen auch die Haushaltspolitik der Bundesregierung. Die hohen schuldenfinanzierten Ausgaben für die militärische Aufrüstung und die Sanierung der maroden Infrastruktur in Deutschland bleibe nicht ohne Folgen. Das Haushaltsdefizit dürfte in diesem Jahr auf 3,7 Prozent des BIP steigen und im kommenden Jahr auf 4,3 Prozent. Das ist deutlich mehr als die drei Prozent, die nach dem Euro-Stabilitätspakt erlaubt sind.

Helfen könnte nur ein wirtschaftlicher Aufschwung. Dafür halten die Sachverständigen einige Vorschläge parat. Wichtig sei der Fokus auf den technologischen Fortschritt als Treiber der Wirtschaftskraft. Allein über Startups werde das aber nicht funktionieren, warnt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm. Die deutsche Industrie müsse grundsätzlich umdenken. "Es muss gelingen, dass die Unternehmen nicht so stark im Bereich Automobilindustrie investieren, sondern im Hightech-Bereich, im Gesundheitsbereich, das da eben die großen Forschungsausgaben getätigt werden."

Author Sabine Kinkartz
Item URL https://www.dw.com/de/wirtschaftsweise-kein-aufschwung-in-sicht/a-77318523?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77316003_607.jpg
Image caption Die Wirtschaftsweisen bei der Vorstellung ihres Frühjahrsgutachtens: (v.li.) Martin Werding, Achim Truger, Monika Schnitzer, Gabriel Felbermayr, Veronika Grimm
Image source ABBfoto/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/BUSI/BUSIDEU260428_DWI_InfraLeuna_2_CMS_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/77316003_607.jpg&title=Wirtschaftsweise%3A%20Kein%20Aufschwung%20in%20Sicht

Item 53
Id 77312067
Date 2026-05-27
Title EU macht Weg für Zollabbau auf US-Waren frei
Short title EU macht Weg für Zollabbau auf US-Waren frei
Teaser Die Staaten der Europäischen Union haben der Abschaffung von Importzöllen auf zahlreiche US-Waren zugestimmt. US-Präsident Trump hatte eine Frist zum 4. Juli gesetzt.
Short teaser Die Staaten der Europäischen Union haben der Abschaffung von Importzöllen auf zahlreiche US-Waren zugestimmt.
Full text

Die Umsetzung einer Zollvereinbarung zwischen der Europäischen Union und den USA aus dem vergangenen Jahr geht weiter voran. Die 27 EU-Staaten segneten an diesem Mittwoch in Brüssel ein Gesetz ab, das europäische Industriezölle auf US-Industriewaren zeitweise abschafft, wie die Ratspräsidentschaft mitteilte. Die Bestätigung im Europaparlament steht noch aus, dürfte aber vor einer von US-Präsident Donald Trump gesetzten Frist am 4. Juli abgeschlossen sein.

Die Umsetzung in der EU dauerte Trump zu lange

Die Zollabschaffung betrifft Industriewaren wie Autos und Maschinen. Sie soll mit Inkrafttreten des Gesetzes greifen und am 31. Dezember 2029 auslaufen, also mehr als ein Jahr nach den nächsten Präsidentschaftswahlen in den USA. Sie ist das Kernstück der Vereinbarung zwischen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Trump vom vergangenen August. Der US-Präsident versprach im Gegenzug, auf die meisten EU-Produkte maximal einen Zoll von 15 Prozent zu erheben.

Die Umsetzung in der EU dauerte Monate - zum wachsenden Unmut in Washington. Das Europaparlament setzte seine Arbeit daran mehrfach aus, weil durch Trumps Drohungen und ein Urteil des Obersten US-Gerichtshofs gegen seine Zölle Unsicherheit aufkam. Trump erhöhte daraufhin den Druck und drohte mit Zusatzzöllen auf Autos, sollte die Umsetzung nicht bis Anfang Juli beschlossen sein.

Gesetz enthält Notfallklausel

Das EU-Gesetz enthält nun eine Notfallklausel, falls Trump die Vereinbarung bricht und seine Zölle erhöht. Die EU-Kommission kann die europäische Zollabschaffung mit Zustimmung der Mitgliedstaaten dann wieder aussetzen, einen Automatismus gibt es aber nicht. Das gleiche gilt, wenn die USA über 2026 hinaus weiterhin Zölle in Höhe von 50 Prozent auf Produkte erheben, die Stahl und Aluminium enthalten.

Darauf hatten sich die 27 EU-Länder in der vergangenen Woche mit Vertretern des Europaparlaments geeinigt. Die Abgeordneten müssen das Gesetz ebenfalls noch absegnen, eine Abstimmung ist für Mitte Juni in Straßburg geplant. Danach muss der Rat der 27 EU-Länder noch einmal offiziell zustimmen.

pg/pgr (rtr, afp)

Redaktionsschluss 17.30 Uhr (MESZ). Dieser Artikel wird nicht weiter aktualisiert!

Item URL https://www.dw.com/de/eu-macht-weg-für-zollabbau-auf-us-waren-frei/a-77312067?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77311671_607.jpg
Image caption Trump hatte mit "deutlich höheren" Zöllen gedroht, weil die ​EU ihren Teil der Abmachung auch ​zehn Monate ‌später noch nicht umgesetzt hatte
Image source Mario Tama/Getty Images/AFP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/BUSI/BUSIDEU260120_DWIBAZOOKA_CMS_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/77311671_607.jpg&title=EU%20macht%20Weg%20f%C3%BCr%20Zollabbau%20auf%20US-Waren%20frei

Item 54
Id 77247293
Date 2026-05-27
Title Warten auf den Wärmepumpen-Boom
Short title Warten auf den Wärmepumpen-Boom
Teaser Der Krieg im Nahen Osten gefährdet die Versorgung mit fossilen Brennstoffen. Auch in Deutschland steigen die Benzinpreise, wird das Gas teurer. Steigt als Antwort darauf jetzt die Nachfrage nach Wärmepumpen?
Short teaser Der Krieg im Nahen Osten gefährdet die Versorgung mit fossilen Brennstoffen. Was macht das mit den Wärmepumpen?
Full text

Die Bundesregierung will den Kern des Heizungsgesetzes kippen, das die Vorgängerregierung beschlossen hatte. Dabei handelt es sich um die Vorgabe, dass nur noch Heizungen installiert werden dürfen, die zu mindestens 65 Prozent erneuerbare Energien nutzen. Die Regel sollte in wenigen Jahren alle neuen Heizungsanlagen umfassen.

Stattdessen sollen nun Öl- und Gasheizungen mit deutlich geringeren Beimischungen klimafreundlicher Gase länger in bestehende Gebäude eingebaut werden dürfen. Dieses Vorhaben hat das Kabinett beschlossen und folgt so einem Gesetzentwurf von Bauministerin Verena Hubertz (SPD) und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU).

Harsche Kritik

Das neue Gesetz mit dem Namen "Gebäudemodernisierungsgesetz" soll das geltende "Heizungsgesetz" ablösen. Die Bundesregierung würde es gerne noch vor der Sommerpause Mitte Juli durch das Parlament bringen.

Beobachter halten den Zeitplan für zu ambitioniert, zumal der Gesetzesentwurf nicht nur auf Zustimmung, sondern auch Kritik und scharfen Widerspruch stößt.



Zu den entschiedenen Gegnern dieses Vorhabens gehört auch der Nationale Normenkontrollrat (NKR), ein unabhängiges Beratungsgremium der Bundesregierung.

Dessen Chef Lutz Goebel bezeichnete den Gesetzentwurf laut Bild-Zeitung als eines der "handwerklich schwächsten und praxisfernsten Vorhaben, die dem Nationalen Normenkontrollrat in den vergangenen Jahren vorgelegt wurden". Es enthalte Formulierungen, die "kaum verständlich" seien. Probleme bei der Umsetzung des Gesetzes seien zu erwarten. Goebel: "Solche Gesetze tragen zur Frustration vieler Bürger gegenüber Staat und Politik bei."

Doch nicht so schlimm?

Dagegen nimmt Carsten Rolle, zuständig für Energie, Mobilität und Umwelt beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), das Vorhaben in Schutz: "Das Gebäudemodernisierungsgesetz ist besser als sein Ruf", schrieb er in einer Pressemitteilung.

Auch für Peter Adrian, den Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) ist der Gesetzentwurf "insgesamt ein Schritt in die richtige Richtung". Es reduziere starre Vorgaben und lasse "den Unternehmen mehr Wahlmöglichkeiten auf dem Weg zur Klimaneutralität im Gebäudebereich".

"Einige Veränderungen können zur Beruhigung der Debatte beitragen", so Frederik Lippert vom Heizgerätehersteller Vaillant. "Dazu gehört die Abschaffung der 65-Prozent-Regel, die im Markt vielfach als Zwang wahrgenommen wurde."

Das geplante Gesetz sieht nur noch vor, dass neue Heizungen mindestens zehn Prozent erneuerbare Energien nutzen.

Oder eine Bankrotterklärung?

Für Julius Neu vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ist das Gesetzesvorhaben deshalb "klimapolitisch eine Bankrotterklärung", teilte er der DW mit. "Mit der Abschaffung der 65-Prozent-Regel wird das wirksamste Instrument der Wärmewende abgeschafft." So würden "fossile Technologien künstlich verlängert und Menschen in die Gaskostenfalle laufen gelassen."

Hersteller von Wärmepumpen teilen die Kritik. Die Bundesregierung senke die "Anforderungen an neue Heizungen drastisch von 65 auf zunächst zehn Prozent erneuerbaren Anteil", so die Pressesprecherin des Branchenverbandes Wärmepumpe, Katja Weinhold, zur DW.

"Mit Blick auf die Krise im Nahen Osten und ihre Auswirkungen auf Energiepreise sowie Versorgungssicherheit in Deutschland und die Klimaziele ist dies ein völlig falsches Signal."

Eine Sprecherin der Kommunikationsabteilung der Robert Bosch GmbH wünscht sich für die Branche vor allem Planungssicherheit: "Für endgültige Klarheit ist es nun entscheidend, den Gesetzgebungsprozess zügig abzuschließen. Gleiches gilt für die Förderung, auch hier ist Verlässlichkeit maßgeblich für die Wirkung."

In der aktuellen Debatte sollte es weniger um politische Ziele gehen als darum, welche Lösungen technologisch und wirtschaftlich sinnvoll sind, sagt Weinhold. Mit der Wärmepumpe stehe "eine energieeffiziente und hochwertige Technologie bereit, die das Heizen langfristig sauber, kostengünstig und unabhängig macht."

Was Verbraucher wirklich brauchten, sei "eine verständliche und transparente Aufklärung über die Risiken, die mit der mittel- bis langfristigen Verfügbarkeit und Preisentwicklung von Brennstoffen einhergehen. Zudem sollte die Förderung stabil bleiben, um Anreize für Investitionen in moderne und zukunftsfähige Heizsysteme zu setzen", so die Verbandssprecherin.

Kein Grund zur Sorge

Beim Heizgerätebauer Vaillant ist man laut Frederik Lippert insgesamt optimistisch. "Wir gehen davon aus, dass sich die Transformation des Wärmemarkts auch mit dem neuen Gesetz fortsetzt."

Dafür spräche auch die weltpolitische Lage: "Die Schließung der Straße von Hormus im Zuge des Iran-Kriegs zeigt erneut, wie abhängig Deutschland und Europa von der Versorgung mit fossilen Energieträgern sind. Derzeit spricht viel dafür, dass sich dadurch die Nachfrage nach erneuerbaren Energien und damit auch nach Wärmepumpen weiter erhöhen wird."

Das sieht auch Julius Neu vom BUND so: "Es ist zu hoffen, dass die aktuelle Energiekrise im Zuge des Irankrieges viele Menschen dazu anregt, trotz des unverantwortlichen Gesetzesentwurfs auf Wärmepumpen zu setzen."

Author Dirk Kaufmann
Item URL https://www.dw.com/de/warten-auf-den-wärmepumpen-boom/a-77247293?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/68124546_607.jpg
Image caption Installateure - hier bei der Montage einer Wärmepumpe - können beruhigt in ihre berufliche Zukunft schauen
Image source Vaillant/BWP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/md/md20221011_WaermepumpenNEU_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/68124546_607.jpg&title=Warten%20auf%20den%20W%C3%A4rmepumpen-Boom

Item 55
Id 77297413
Date 2026-05-27
Title 20 Jahre Berlin Hauptbahnhof
Short title 20 Jahre Berlin Hauptbahnhof
Teaser Berlins Hauptbahnhof aus Glas und Stahl wurde im Mai 2006 eröffnet. Heute ist er ein zentraler Verkehrsknotenpunkt, der Ost und West verbindet - und eine Schlüsselrolle im wiedervereinigten Deutschland spielt.
Short teaser Der Berliner Hauptbahnhof wurde im Mai 2006 eröffnet. Ein zentraler Verkehrsknotenpunkt mit symbolischer Bedeutung.
Full text

"Es ist ein symbolträchtiger Tag, weil dies einfach auch ein symbolträchtiger Ort ist." Mit diesen Worten eröffnete die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel den Berliner Hauptbahnhof im Mai 2006. "In unmittelbarer Nähe zu dem früheren Verlauf der Mauer wird jetzt so etwas wie ein nochmaliger Brückenschlag zwischen den verschiedenen Himmelsrichtungen vorgenommen, der auch die früher getrennten Teile Berlins auf eine ganz neuartige Weise miteinander verbindet", fuhr Merkel fort.

Der Standort des neuen Hauptbahnhofes im Zentrum von Berlin galt als besonders symbolisch: Er entstand auf einem Areal, das über Jahre vernachlässigt worden war – entlang eines historischen Niemandslands.

Berlins bewegte Ost-West-Geschichte

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Berlin in einen westlichen und einen östlichen Teil geteilt. West-Berlin war politisch an die Bundesrepublik gebunden, Ost-Berlin wurde Hauptstadt der DDR. Diese Teilung prägte auch das Schienennetz: In Ost-Berlin fungierte der Ostbahnhof als zentraler Knotenpunkt, während im Westteil der Fernverkehr vor allem über den Bahnhof Zoo lief.

Nach dem Mauerfall 1989 und der deutschen Einheit 1990 entstand der Plan für einen neuen Hauptbahnhof, der die Stadt nicht nur verkehrstechnisch, sondern auch symbolisch wieder zusammenführen sollte. Als Standort wurde das Gelände des ehemaligen Lehrter Bahnhofs gewählt.

Als dieser 1871 eröffnet wurde, entwickelte er sich rasch zum Endpunkt der wichtigsten Ost-West-Bahnverbindung in Deutschland. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Lehrter Bahnhof schwer beschädigt, die verbliebenen Teile wurden zwischen 1957 und 1959 schließlich abgerissen.

Erhalten blieb jedoch der gleichnamige S-Bahnhof. Er markierte in der geteilten Stadt im West-Berliner S-Bahn-Netz die letzte Station vor der Grenze zum Osten.

Zusammenführung des Schienen-Netzes

Nach der Wiedervereinigung 1990 musste Berlin auch verkehrstechnisch neu organisiert werden. Das jahrzehntelang getrennte Schienennetz wurde modernisiert und zu einem einheitlichen System ausgebaut. Der neue Hauptbahnhof wurde als zentraler Knoten dieses neuen Netzes konzipiert. Mehrere Ebenen mit Ost-West- sowie Nord-Süd-Strecken kreuzen sich im Stadtzentrum.

Den Architekturwettbewerb gewann der deutsche Architekt Meinhard von Gerkan (gestorben 2022) vom Büro gmp Architekten. Die Gleisführung war bereits durch die Deutsche Bahn vorgegeben. "Die Aufgabe bestand darin, auf dieser Grundlage ein Bauwerk zu erschaffen, das sich zur Stadt öffnet und gleichermaßen Orientierung und Übersichtlichkeit vermittelt", sagt gmp-Partner Stephan Schütz.

Der Entwurf versteht den Hauptbahnhof als "Kathedrale des Verkehrs". Prägend sind Glas und Stahl, die viel Tageslicht in die Halle lassen und für eine offene, klare Struktur sorgen.

Auffällig ist zudem die Ausrichtung des Gebäudes zur Kuppel des Reichstags. Sie bildet einen visuellen Bezugspunkt – ebenso wie der Bahnhof steht sie für das neu gestaltete, vereinte Berlin – ebenfalls aus Glas, als Symbol für demokratische Transparenz.

Eröffnung zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006

Der Bau des Berliner Hauptbahnhofs begann 1995 und dauerte rund elf Jahre. Eine große Herausforderung war die Lage direkt an der Spree mit hohem Grundwasserspiegel und sandigem Untergrund. Das machte aufwendige Bauverfahren und Abdichtungen für die unterirdischen Bahnsteige und Tunnelanlagen erforderlich. Zudem erschwerten Bomben-Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg die Bauarbeiten, die entschärft und abtransportiert werden mussten.

Kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wurde der Bahnhof eröffnet. Um Termine und Kosten einzuhalten, änderte die Deutsche Bahn Teile des ursprünglichen Entwurfs. Das Glasdach fiel kürzer aus, Bahnsteige blieben teilweise unüberdacht. Unterirdisch wurden statt der geplanten Gewölbe einfache Decken eingebaut.

Der Architekt Meinhard von Gerkan klagte gegen diese Änderungen – mit Erfolg. Ein Gericht sah darin eine Verletzung des Urheberrechts. 2008 einigten sich beide Seiten außergerichtlich, eine aufwendige Umgestaltung blieb aus. Das alles aber sei "Schnee von gestern", so Stephan Schütz. Die damalige Klage zeige aber, "wie stark wir uns als Büro und Meinhard von Gerkan als Person sich mit dem Bauwerk identifiziert haben".

Monument an der Spree

Am 28. Mai 2006 - zwei Tage nach der offiziellen Eröffnung - nahm der Berliner Hauptbahnhof den Betrieb auf. Heute passieren täglich rund 1.300 Züge und mehr als 300.000 Fahrgäste den Bahnhof, was ihn zu einem der verkehrsreichsten Knotenpunkte Deutschlands macht.

Der Bahnhof beherbergt zahlreiche Geschäfte und Restaurants, was einige Kritiker zu der Ansicht veranlasst, dass seine Gestaltung eher an ein mehrstöckiges Einkaufszentrum erinnert.

Wer sich jedoch mit der Geschichte dieses Giganten aus Glas und Stahl an der Spree beschäftigt, erkennt, dass er zugleich ein Denkmal der deutschen Wiedervereinigung ist – das nach Einbruch der Dunkelheit noch beeindruckender wirkt. Mit seinen beleuchteten Fassaden ist der Bahnhof heute eines der bekanntesten Wahrzeichen Berlins.

Adaption aus dem Englischen: Petra Lambeck

Author Elizabeth Grenier
Item URL https://www.dw.com/de/20-jahre-berlin-hauptbahnhof/a-77297413?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77230653_607.jpg
Image caption Ein Wahrzeichen: Der Berliner Hauptbahnhof bei Nacht, direkt an der Spree
Image source Markus Mainka/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77230653_607.jpg&title=20%20Jahre%20Berlin%20Hauptbahnhof

Item 56
Id 77300226
Date 2026-05-26
Title Wer gewinnt in der Straße von Hormus die Oberhand?
Short title Wer gewinnt in der Straße von Hormus die Oberhand?
Teaser Teheran setzt darauf, dass seine durch Sanktionen abgehärtete Wirtschaft die Krise in der Straße von Hormus überstehen kann. Washington hingegen kämpft mit hohen Ölpreisen, Inflationsdruck und globalen Rezessionsrisiken.
Short teaser Teheran setzt auf seine Resilienz, Washington kämpft mit hohen Ölpreisen und Inflationsdruck.
Full text

Die Krise vor der Küste Irans, die nun fast vier Monate andauert, ist von gegenseitigen Blockaden geprägt. Teheran verlangt von Schiffen bis zu 1,73 Millionen Euro für die sichere Durchfahrt durch die Straße, während die Vereinigten Staaten ein Marineembargo verhängt und Schiffe mit iranischen Ölexporten zurückweisen.

Diese gegenseitigen Blockaden haben keine Seite vorangebracht. Einige iranische Schiffe passieren weiterhin die Straße, und mehrere asiatische Reedereien haben sich bereit erklärt, Gebühren zu zahlen, obwohl diese gegen internationales Seerecht verstoßen.

Die fragilen Verhandlungen zwischen den USA und Iran zur Wiedereröffnung von Hormus sind unterdessen mehrfach ins Stocken geraten. Sie steigern die Gefahren einer Eskalation in der Straße von Hormus zu einem größeren regionalen Konflikt geweckt.

Wer gibt nach?

Trotz der von Pakistan angeführten Vermittlungsbemühungen und eines vorgeschlagenen einseitigen Memorandums zur Beendigung der Feindseligkeiten und zur Wiedereröffnung von Hormus scheint keine der beiden Seiten bereit zu sein, den ersten Schritt zu tun.

Dania Thafer, Geschäftsführerin des in Washington ansässigen Thinktanks Gulf International Forum, glaubt, dass die wiederholten militärischen Drohungen von US-Präsident Donald Trump - die darauf abzielten, den Einfluss der USA auf den Iran zu erhöhen - möglicherweise kontraproduktiv waren. "Die iranische Reaktion deutet auf das Gegenteil hin", sagte sie gegenüber der DW. "Sie interpretieren es so, als ob den USA der Wille zur Eskalation des Krieges fehle."

Trump steht im In- und Ausland zunehmend unter Druck, weitere Militäraktionen zu vermeiden. Verbündete am Golf wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar drängen zur Zurückhaltung. In den Staaten verstärken steigende Ölpreise und eine zunehmende Inflation die politische Lage im Vorfeld der US-Zwischenwahlen im November.

Irans Einnahmen schwinden schnell

Iran verliert laut Schätzungen von Miad Maleki, einem leitenden Mitarbeiter der konservativen, in Washington ansässigen Foundation for Defense of Democracies, im April täglich rund 375 Millionen Euro im Handel. Fast zwei Drittel davon entfallen auf Exporte, hauptsächlich von Rohöl.

Das bedeutet, dass die iranischen Staatsfinanzen durch die seit Freitag andauernde US-Blockade bereits einen geschätzten Verlust von 17 Milliarden US-Dollar erlitten haben. Laut Maleki kommen dazu noch wirtschaftliche Schäden in Höhe von rund 144 Milliarden US-Dollar, die durch die US-israelischen Angriffe in den ersten Kriegswochen verursacht wurden.

Burcu Özcelik, Senior Research Fellow am Royal United Services Institute in London, meint, der Iran habe durch seine Raketenangriffe auf Schiffe und Nachbarländer am Golf zwar eine "übermäßige Machtposition" erlangt, werde nun aber durch die Unterbrechung seiner eigenen Ölexporte "hart getroffen".(...) "Trotz Teherans Prahlerei über die Widerstandsfähigkeit des Regimes ist seine Wirtschaft nicht blockaderesistent", sagte Ozcelik gegenüber der DW.

Golfstaaten zwischen den Fronten

Experten beschreiben die Pattsituation als ein gefährliches Abwarten. Sowohl die USA als auch der Iran glauben, die Zeit auf ihrer Seite zu haben. Die Golfstaaten sind jedoch deutlich risikoscheuer und wirtschaftlich stärker gefährdet.

Ihre Frustration über die festgefahrene Situation hat sich in koordinierten Druck für einen diplomatischen Durchbruch verwandelt. Verschiedene Golfstaaten haben Trump dringend gebeten, die Pläne für weitere Angriffe auf Eis zu legen und den Verhandlungen mehr Zeit zu geben.

Intern warnten sie jedoch, dass ein eingefrorener Konflikt die Pläne zum Übergang ihrer Wirtschaften weg von fossilen Brennstoffen gefährden würde. Die Golfstaaten haben Hunderte von Milliarden Dollar in ehrgeizige Industrie- und Tourismusprojekte investiert. Sie unterstützen nachdrücklich die von Pakistan vermittelten Gespräche und eine gemeinsame Initiative der USA und der UN zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus ohne iranische Zölle oder Kontrollansprüche.

Der Iran strebt nach regionaler Sicherheitshegemonie

Als Macht, die die Region des Nahen Ostens neu gestalten will, nutzt der Iran den Krieg auch, um langfristige Vorteile zu erlangen. Thafer vom Gulf International Forum ist der Ansicht, dass die Ambitionen des Irans weit über den Krieg hinausgehen und das Land langfristig versuchen wird, die regionale Ordnung zu seinen Gunsten zu verändern: "Die Golfstaaten wollen die USA vertreiben und die Region unter ein iranisches Sicherheitskonzept stellen", sagte sie und fügte hinzu, dass dieser Ansatz trotz der Frustration der Golfstaaten mit Washington nicht in deren Interesse liege.

Washington zeigt sich zwar vorsichtig optimistisch hinsichtlich eines Durchbruchs in den Gesprächen, besteht aber auf der vollständigen Wiedereröffnung der Straße von Hormus, der Einstellung aller iranischen Urananreicherungsaktivitäten und einer Lockerung der Sanktionen nur im Gegenzug für weitreichende Zugeständnisse. US-Außenminister Marco Rubio erklärte am Freitag vor den in Schweden versammelten NATO-Außenministern: "Wir brauchen einen Plan B", falls der Iran keine Kompromisse eingeht.

"Die Herausforderung besteht darin, dass es kein magisches Ziel gibt, das die USA treffen können und das sofort zur Kapitulation des Regimes führt", sagte Özçelik. "Wenn zivile Infrastruktur angegriffen wird, könnte dies Teheran zu härteren Vergeltungsmaßnahmen gegen die Golfstaaten veranlassen."

Im Iran verschärft sich die Lage

Teheran beharrt trotz der zunehmenden Notlage der einfachen Bevölkerung, die sich wohl kaum bald bessern wird, auf seiner Linie. "Teherans Vorschläge, Gebühren für die Durchfahrt durch die Straße von Hormus oder für Unterseekabel zu erheben, deuten darauf hin, dass einige pragmatische Stimmen in Teheran erkannt haben, dass die iranische Wirtschaft und die Bevölkerung vor einer langwierigen Phase der Not stehen, selbst wenn eine Lockerung der Sanktionen vereinbart wird", so Özçelik.

Die jährliche Inflation im Iran ist auf über 54 Prozent gestiegen, die Preise für einige Lebensmittel haben sich mehr als verdoppelt. Ein landesweiter Internetausfall dauert nun schon über 80 Tage an und isoliert die Bürger weiter, wodurch das tägliche Leben stark beeinträchtigt wird.

"Während Trump dies [den Sieg im Krieg] als Teil seines politischen Vermächtnisses betrachtet, sehen die Iraner darin eine Frage des Überlebens des Regimes und der Zukunft ihres Landes", sagte Thafer.

Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert.

Author Nik Martin
Item URL https://www.dw.com/de/wer-gewinnt-in-der-straße-von-hormus-die-oberhand/a-77300226?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77267943_607.jpg
Image caption Der Flugzeugträger USS Abraham Lincoln bei der Seeblockade gegen Iran
Image source U.S. Navy/Planet Pix/ZUMA/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/BUSI/BUSIDEU260409_IranUnternehmenCMS3_03SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/77267943_607.jpg&title=Wer%20gewinnt%20in%20der%20Stra%C3%9Fe%20von%20Hormus%20die%20Oberhand%3F

Item 57
Id 77235112
Date 2026-05-26
Title "007 First Light": Das neue James Bond-Videospiel
Short title "007 First Light": Das neue James Bond-Videospiel
Teaser James Bond ist zurück - charismatisch, risikobereit und impulsiv. Das Videospiel "007 First Light" erzählt die Geschichte vom Aufstieg des britischen Geheimagenten. Die Erwartungen sind hoch.
Short teaser James Bond ist zurück. 26 Jahre alt, charismatisch, risikobereit, impulsiv. Die Erwartungen an das Videospiel sind hoch.
Full text

"007 First Light" zählte bei den Game Awards im Dezember 2025 zu den meisterwarteten Spielen für das Jahr 2026. Nun ist es so weit: Am 27. Mai erscheint das neue James-Bond Videospiel für Konsolen und PCs. Die Spielerinnen und Spieler schlüpfen dabei in die Rolle des britischen Geheimagenten. Der ist noch jung, erst 26 Jahre alt, aber trotzdem schon ein typischer Bond.

Erfunden wurde James Bond von dem britischen Schriftsteller Ian Fleming. 1953 erschien der erste Roman, neun Jahre später lief erstmals ein Bond-Film im Kino. Zunächst verkörperte Sean Connery den Geheimagenten, später übernahmen Roger Moore, Pierce Brosnan, Daniel Craig und andere die Rolle.

Bond-Darsteller in dem neuen Action-Spiel ist der irische Schauspieler Patrick Gibson. Es gibt Gerüchte, dass er auch im nächsten Bond-Film zu sehen ist. Doch das ist noch völlig unklar. Seit Jahren schon wird darüber spekuliert, wer die Nachfolge von Daniel Craig antritt.

Das Spiel wurde entwickelt vom dänischen Studio IO Interactive, das für die Videospielreihe "Hitman"- bekannt ist. Den Titelsong steuerte Lana Del Rey bei, Lenny Kravitz tritt als Bösewicht auf. Inhaltlich erzählt "007 First Light" die Vorgeschichte des Agenten: Es zeigt Bonds Weg vom Soldaten zum Geheimagenten des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 – einschließlich der berühmten "Lizenz zum Töten".

Das Bond-Franchise ist inzwischen mehr als 60 Jahre alt: Zu den zwölf Romanen gesellen sich mittlerweile 25 Filme und zahlreiche Videospiel-Adaptionen.

Der Feind, der uns verbindet

Was ist es also, das Menschen unterschiedlicher Generationen seit Jahrzehnten an Bond fasziniert? "Zum einen ist das Geheimnis der Zeitgeist, der immer getroffen wird", sagt die Kulturwissenschaftlerin Svenja Böhm. Sie hat ihre Dissertation über die Feindbilder in der James Bond-Reihe geschrieben. "Es werden bestimmte kulturelle Trends immer wieder verarbeitet, die gerade auftreten, aber auch Ängste der Bevölkerung."

Hinzu komme der Wiedererkennungswert: Dazu zählten die ikonische Musik, die exotischen Schauplätze, die teuren Autos sowie das Freund-Feind-Schema. "Das spielt eine klare Rolle, denn ohne Feind würde Bond nicht funktionieren." Über den Feind werde die eigene Identität konstruiert. "Je mehr der Feind behaftet ist mit sehr bösen Merkmalen oder eben Andersartigkeit, desto einfacher ist es, uns davon abzugrenzen. Das ist erstmal der Kerngedanke."

Bond wäre nicht James Bond, wenn es ihm nicht trotz aller Widrigkeiten in letzter Sekunde gelingen würde, im Auftrag ihrer Majestät, die Welt zu retten. Man kann das auch als Seitenhieb auf die USA verstehen. Die Weltmacht, die seit Jahrzehnten die Weltpolitik maßgeblich prägt, spielt bei Bond nämlich nur eine Nebenrolle, sagt die Anglistin Anette Pankratz. Tatsächlich hat Großbritannien seinen einstigen Status als globale Supermacht schon in den 1960er- und 1970er-Jahren eingebüßt. Die Bond-Reihe hält dennoch an der Vorstellung britischer Handlungsfähigkeit auf der Weltbühne fest.

James Bond trifft auf KI

Die James Bond-Reihe dient in erster Linie der Unterhaltung und zielt auf ein internationales Publikum ab. Der Plot ist schnell erzählt: Auf der Suche nach seinem Gegenspieler reist Bond um die halbe Welt, trinkt Martinis in schicken Bars, logiert in den besten Hotels, liefert sich Verfolgungsjagten und bandelt mit attraktiven Frauen an. Zwischendurch: Feuergefechte, Explosionen, rasante Action.

Das Spiel steht dem in seiner cineastischen Inszenierung in Nichts nach. "Die Geschichte spiegelt die Zeit wider, in der wir leben, so wie es Bond-Geschichten immer getan haben", sagt der Hauptautor von "007 First Light", Michael Vogt, in einem Videotagebuch. Die Romane, Filme und Spiele transportierten stets bestehende Werte und Normen sowie gesellschaftliche Ängste einer Epoche. Dementsprechend spielt nun KI-Technologie eine wichtige Rolle. Das Spiel wirft die Frage auf, was zuverlässiger ist: Künstliche Intelligenz oder menschliches Wissen, Herz und Intuition.

Neue Feindbilder im Laufe der Zeit

In den Bond-Romanen der 1950er-Jahre war die Sowjetunion ein zentrales Feindbild, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Svenja Böhm. Dem gegenüber stand das positive Selbstbild der Briten und des Westens. Ob kommunistische Bedrohung oder Angst vor Atomkrieg: "Fleming hat sich beim Schaffen seiner Schurken immer auch daran bedient. Dieses Ost-West-Thema ist sehr stark in den Romanen zu finden", sagt Danny Morgenstern. Er ist Vorsitzender des deutschen "James Bond Club" und hat unter anderem das Buch "Was Sie nie über James Bond zu fragen wagten" geschrieben.

Bereits mit den Filmen Anfang der 1960er-Jahre veränderte sich das Feindbild. Der Kalte Krieg blieb zwar präsent, doch andere Gegenspieler rückten zunehmend in den Vordergrund - wie etwa die fiktive Geheimdienstorganisation Spectre, die Ost und West gezielt gegeneinander ausspielt. Die klaren Grenzen zwischen Freund und Feind wurden weniger eindeutig, sagt Svenja Böhm.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Kriegs 1991 war das einstige Feindbild überholt. Hinzu kam zehn Jahre später die diffuse Angst vor Terroranschlägen, die seit dem 11. September in vielen Ländern Teile der Bevölkerung erfasste. Die Bond-Macher griffen auch diese Stimmung auf.

Misstrauen gegenüber dem Staat

In den neueren James-Bond Geschichten kommt die Bedrohung zunehmend aus dem Innern. Gegner sind häufig ehemalige Verbündete oder schwer greifbare Akteure im eigenen Umfeld und dadurch umso bedrohlicher. Die Zuordnung von Freund und Feind wird komplexer, was Gefühl der Unsicherheit verstärkt. "Das sind wirklich gesellschaftliche Ängste, die da verhandelt werden", sagt Svenja Böhm. "Es besteht ein Misstrauen gegenüber der Regierung, gegenüber Geheimdienstaktionen."

Auch "007 First Light" knüpft daran an: Die Spielerinnen und Spieler müssen in Bond-Manier, furchtlos, charmant und mit jeder Menge Gadgets, wie etwa einer Uhr, die elektrische Geräte in der Nähe an- oder ausschalten kann, einen ehemaligen Doppelnull-Agenten aufspüren und einer Verschwörung auf die Spur kommen.

Gibt es denn etwas, das wir von Bond lernen können? Svenja Böhm denkt eine Weile nach und sagt schließlich: "Das Vertrauen darauf: Alles wird gut." Was auch immer passiert, Bond wird es richten. Eine wohltuende Gewissheit in stürmischen Zeiten.

Author Kristina Reymann-Schneider
Item URL https://www.dw.com/de/007-first-light-das-neue-james-bond-videospiel/a-77235112?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77233260_607.jpg
Image caption Gestatten: Sein Name ist Bond, James Bond.
Image source IO Interactive / Amazon MGM Studios
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77233260_607.jpg&title=%22007%20First%20Light%22%3A%20Das%20neue%20James%20Bond-Videospiel

Item 58
Id 77267052
Date 2026-05-24
Title Ibrahim Mahama, einer der derzeit einflussreichsten Künstler
Teaser Kann Kunst die Welt verändern? Das ist zumindest der Anspruch des Künstlers aus Ghana, der mit seinen Werken auf globale Ungerechtigkeiten hinweist.
Full text

Ibrahim Mahama gehört zu den einflussreichsten Künstlern unserer Zeit. Geboren in Ghana arbeitet er weltweit. Während der Kunstbiennale in Venedig zeigt er neue Arbeiten in einer Galerie. Seine Werke zeigen Missstände und globale Ungerechtigkeit auf. In der internationalen Kunstwelt ist Ibrahim Mahamaso geschätzt, dass er 2025 auf der Top-100-Liste der einflussreichsten Künstler auf Platz 1 landete. Sie wird einmal im Jahr vom britischen Kunstmagazin "Art Review" veröffentlicht.

Author Jana Oertel
Item URL https://www.dw.com/de/ibrahim-mahama-einer-der-derzeit-einflussreichsten-künstler/video-77267052?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77248824_607.jpg
Image source DW
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/emd/emd220260522_KUENSTLLER_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/77248824_607.jpg&title=Ibrahim%20Mahama%2C%20einer%20der%20derzeit%20einflussreichsten%20K%C3%BCnstler

Item 59
Id 77230943
Date 2026-05-23
Title Ohne Schokolade und Päckchen: Warum wir Pfingsten feiern
Short title Ohne Schokolade und Päckchen: Warum wir Pfingsten feiern
Teaser Viele Menschen, die neu nach Deutschland kommen, sind überrascht von der hohen Zahl an Feiertagen im Frühjahr. Einer davon ist Pfingsten – ein Fest, über dessen Bedeutung jedoch oft wenig bekannt ist.
Short teaser Alle freuen sich über die Pfingstferien, doch die Bedeutung des Festes ist vielen nicht bekannt.
Full text

In Deutschland ist das Frühjahr von mehreren gesetzlichen Feiertagen geprägt, die auf christliche Traditionen zurückgehen: Karfreitag und Ostern erinnern an die Kreuzigung und Auferstehung Jesu, Christi Himmelfahrt an seine Aufnahme in den Himmel. Pfingsten gilt als das Fest, an dem die christliche Kirche ihren Anfang nahm. Es wird 50 Tage nach Ostern gefeiert. Seine Wurzeln liegen jedoch im Judentum.

Der Name "Pfingsten" geht auf das griechische Wort "pentēkostē" zurück und bedeutet "der Fünfzigste". Nach biblischer Überlieferung kam an diesem Tag der Heilige Geist auf die Jünger Jesu und weitere Gläubige herab. Die Anhänger Jesu hielten sich damals in Jerusalem auf, um das Fest "Schawuot" zu feiern, ein Erntefest, das sieben Wochen nach Pessach stattfindet und auch als der Tag gefeiert wird, an dem Mose die Zehn Gebote offenbart wurden.

Wunder der Verständigung

Die Jünger seien nach dem Tod und der Auferstehung Jesu erst mal orientierungslos gewesen, erklärt die Berliner Pfarrerin Aljona Hofmann von der evangelischen Gethsemanekirche. Sie hätten sich in ein Haus in Jerusalem zurückgezogen – unsicher, wie es weitergehen sollte. "Und dann kam eben der Heilige Geist über sie, diese Gotteskraft, und sie spürten in sich so eine Lebendigkeit, eine Stärke, die ihnen verloren gegangen war."

Diese Erfahrung trieb die Jünger dazu, von ihren Erlebnissen zu erzählen. Hofmann spricht von einem "Wunder der Verständigung": Menschen unterschiedlicher Herkunft hätten plötzlich miteinander kommunizieren können, trotz unterschiedlicher Sprachen.

Der Überlieferung zufolge gingen die Jünger danach auf die Straßen Jerusalems und zogen viele Menschen in ihren Bann. Rund 3.000 sollen sich daraufhin taufen lassen haben – ein entscheidender Schritt hin zur Entstehung einer organisierten christlichen Gemeinschaft.

Das Abstrakte greifbar machen

Pfingsten gilt in allen christlichen Konfessionen – im Osten wie im Westen – als Geburtsfest der Kirche. In vielen Ländern ist der Feiertag gesetzlich verankert. Für viele Menschen, unabhängig vom Glauben, ist er vor allem eines: ein zusätzlicher freier Tag im späten Frühjahr.

Liturgisch steht Pfingsten im Zeichen der Farbe Rot. Sie symbolisiert nach christlicher Tradition sowohl die Kraft als auch das Feuer des Heiligen Geistes – und gilt zugleich als Ausdruck von Energie und Aufbruch.

In Italien geht man noch einen Schritt weiter: Dort sind mit Pfingsten auch Rosen verbunden, deren Blütenblätter in manchen katholischen Kirchen von der Decke herabgestreut werden. Sie sollen die "Flammenzungen" symbolisieren, die laut biblischer Überlieferung Maria und die Apostel berührten. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diesen Brauch findet sich im Pantheon in Rom. Am Ende der Pfingstmesse lassen Feuerwehrleute tausende Rosenblätter durch die kreisrunde Öffnung der Kuppel in den Innenraum fallen.

Auch in einigen barocken Kirchen in Österreich, Süddeutschland und Frankreich gibt es solche Öffnungen in der Decke - sogenannte "Heilig-Geist-Löcher". Mancherorts wird zusätzlich eine Taubenfigur hinabgelassen, eines der zentralen Symbole des Heiligen Geistes in der christlichen Tradition.

Solche Rituale versuchen, ein schwer greifbares Konzept anschaulich zu machen. Gerade die Abstraktheit könnte erklären, warum Pfingsten weniger präsent ist als andere christliche Feste. Es sei ein Fest ohne greifbares Bild, sagt Pfarrerin Hofmann. Während Weihnachten mit der Geburt eines Kindes und Ostern zumindest symbolisch mit neuem Leben verbunden sei, bleibe der Heilige Geist für viele schwer fassbar. "Wie will man einen Geist beschreiben?"

Kleine, aber bedeutungsvolle Geschenke

Anders als Weihnachten oder Ostern ist Pfingsten kaum mit weltlichen Bräuchen verbunden. Es gebe auch ein Sprichwort, so Pfarrerin Hofmann, "dass die Geschenke zu Pfingsten am kleinsten" seien. Kein Weihnachtsmann, kein Osterhase – im Zentrum steht vielmehr die immaterielle "Gabe des Heiligen Geistes".

In ihrer Gemeinde wird Pfingsten seit Jahren mit einer ökumenischen Feier begangen, an der verschiedene christliche Konfessionen teilnehmen. Im Mittelpunkt steht ein gemeinsamer Gottesdienst, gefolgt von Kaffee und Kuchen sowie Grillwürstchen – ganz im entspannten deutschen Stil.

Für Hofmann verkörpert diese Begegnung das zentrale Motiv des Pfingstfestes: das "Wunder der Verständigung". Man müsse nicht gleich sein oder dieselbe Sprache sprechen, um einander zu verstehen, sagt sie. Unterschiede könnten bestehen bleiben – und dennoch entstehe Gemeinschaft. "Das ist schon auch ein Wunder, finde ich, dass Menschen sich näher kommen und sich verstehen, trotz aller Unterschiedlichkeit."

Gerade in einer zunehmend polarisierten Welt sei diese Erfahrung besonders wichtig. Die Fähigkeit, einander zuzuhören und trotz Differenzen in Verbindung zu bleiben, sei vielleicht die entscheidende Botschaft dieses oft unterschätzten Feiertags.

Adaption aus dem Englischen: Petra Lambeck

Author Tanya Ott
Item URL https://www.dw.com/de/ohne-schokolade-und-päckchen-warum-wir-pfingsten-feiern/a-77230943?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/61867476_607.jpg
Image caption Eine weiße Taube - in der christlichen Tradition Symbol für den Heiligen Geist
Image source Fred de Noyelle/Godong/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/61867476_607.jpg&title=Ohne%20Schokolade%20und%20P%C3%A4ckchen%3A%20Warum%20wir%20Pfingsten%20feiern

Item 60
Id 76907885
Date 2026-05-22
Title Was Sterbende träumen - und was diese Träume bedeuten
Short title Was Sterbende träumen - und was diese Träume bedeuten
Teaser Kurz vor dem Tod berichten viele Menschen von intensiven Träumen. Die Forschung zeigt: Sie sind kein Zeichen von Verwirrung - und können Sterbenden wie Angehörigen helfen, Abschied und Beziehung neu zu begreifen.
Short teaser Kurz vor dem Tod berichten viele Menschen von intensiven Träumen. Forschung zeigt: Sie helfen beim Abschied.
Full text

Florence sitzt am Küchentisch. Ihr Mann ist da, ihre Tochter auch. Sie lachen zusammen, essen Abendbrot - wie früher. Mit einem Unterschied: Beide - Mann und Tochter - sind seit Jahren tot.

"Es hat sich so real angefühlt", sagt Florence später. "Als wären wir nie getrennt gewesen." Es war kein gewöhnlicher Traum, sondern eine Begegnung. Nie zuvor habe sie Träume in dieser Intensität erlebt. Angst habe sie keine gespürt, vielmehr eine tiefe Beruhigung - die Gewissheit, dass sie beide wiedersehen wird. Fünf Tage später stirbt auch Florence.

Von solchen Erfahrungen berichten viele Menschen in den letzten Tagen ihres Lebens. Sie treten meist als Träume im Schlaf auf, manchmal als Vision im Wachzustand. Für die Betroffenen fühlen sie sich oft realer an als gewöhnliche Träume - für Außenstehende kann das befremdlich wirken.

In der Forschung werden diese Erlebnisse als End‑of‑Life Dreams and Visions (ELDVs) bezeichnet. Lange galten sie in der Medizin vor allem als Ausdruck von plötzlich auftretender Verwirrung (Delir) oder Medikamentenwirkungen. Doch heute ist klar: Diese Erklärung greift zu kurz.

Studie zeigt: Neun von zehn berichten von End-of-Life Dreams

Der US‑amerikanische Neurobiologe, Palliativmediziner und Hospizarzt Christopher Kerr beschäftigt sich seit den späten 1990er‑Jahren mit Träumen und Visionen am Lebensende. Die in diesem Artikel geschilderten Beispiele stammen aus seinen dokumentierten Fallberichten aus der Palliativforschung.

Über einen Zeitraum von rund zehn Jahren befragten er und sein Team mehr als 1400 Hospizpatienten und ‑patientinnen bis zu ihrem Tod - allerdings nur, wenn sie kognitiv klar waren und kein Delir zeigten.

Das Ergebnis: Rund 90 Prozent berichteten mindestens einmal von solchen Träumen oder Visionen - unabhängig von Alter, Herkunft oder sozialem Hintergrund. Kerr beschreibt diese Menschen nicht als verwirrt, sondern im Gegenteil: "als ungewöhnlich klar und aufmerksam". Sie wirkten fokussiert, wach, introspektiv.

Auch Elisa Rabitti, Psychologin und Hauptautorin einer aktuellen italienischen Studie zu ELDVs, betont diesen Punkt: "End‑of‑Life‑Träume treten typischerweise bei Menschen auf, die ihre Erlebnisse zusammenhängend schildern könnten - bei voller Aufmerksamkeit und Orientierung."

Reisen, Wiedersehen, Zugehörigkeit - typische Motive der Träume

Die Träume sind lebendig, bedeutungsvoll - und nehmen in Häufigkeit und Intensität zu, je näher der Tod rückt. Häufig enthalten sie Begegnungen mit verstorbenen Angehörigen oder Haustieren, die zurückkehren, um Trost zu spenden.

Viele Träume kreisen um Reisen, um Vorbereitung, um ein "Unterwegssein". Beziehungen werden neu belebt, Konflikte gelöst, Schuld und Reue angesprochen. "Je näher Menschen dem Tod kommen, desto häufiger beziehen diese Träume die Verstorbenen ein", so Kerr. Zeit und räumliche Distanz verlieren dabei ihre Bedeutung.

Religion spielt kaum eine Rolle bei den Visionen

Ob Menschen religiös sind oder nicht, spielt offenbar kaum eine Rolle. Nach Kerrs Erfahrung berichten religiöse wie nicht‑religiöse Menschen von ähnlichen Erlebnissen. Entscheidend seien universelle Themen wie Liebe, Verbundenheit und Vergebung - nicht Glaubenssätze.

Mit Nahtoderfahrungen sind ELDVs nicht gleichzusetzen. Nahtoderlebnisse treten meist abrupt in akuten Extremsituationen auf. End‑of‑Life‑Träume hingegen entwickeln sich über Tage oder Wochen hinweg. Sie sind weniger spektakulär - weniger von Licht‑ oder Tunnelmotiven geprägt - und stärker beziehungsorientiert.

Kerr beschreibt sie daher nicht als Offenbarungen, sondern als Momente innerer Ordnung: als das Gefühl, am Ende des Lebens wieder "geordnet" oder "zusammengefügt" zu sein.

Trost - oder notwendige Konfrontation

Die meisten dieser Erfahrungen sind tröstlich. In Kerrs Studien wurden sie überwiegend als beruhigend und sinnstiftend beschrieben. Manche seien jedoch auch belastend oder verstörend.

Gerade diese Träume könnten besonders transformierend sein, sagt Kerr, weil sie ungelöste Themen an die Oberfläche bringen, wie Schuldgefühle oder Reue.

Ein Beispiel ist Sierra. Sie ist in ihren Zwanzigern, hat ein kleines Kind und eine unheilbare Erkrankung. Lange kann sie ihre Diagnose nicht akzeptieren. Gespräche mit dem Behandlungsteam erreichen sie nicht. In einer Vision erscheint Sierra ihr verstorbener Großvater. Er sagt ihr, dass er sehr stolz auf sie sei - und dass alles in Ordnung ist. Danach verändert sich etwas. Sierra findet ihren Frieden. Eine Woche später verstirbt sie.

Für Kerr sind solche Träume keine Zufallsprodukte des Gehirns. "Diese Erfahrungen bieten eine natürliche therapeutische Möglichkeit", sagt er. Sie erreichten Menschen dort, wo medizinische Sprache oft an ihre Grenzen stoße.

Auch Rabitti betont: Träume eröffnen einen weniger bedrohlichen Zugang zum Sterben, während direkte Gespräche darüber überfordern können.

Warum Träume in den letzten Tagen intensiver werden

Dass ELDVs häufig in den letzten Tagen oder Wochen auftreten, hat biologische Gründe. Kerr beschreibt den Sterbeprozess als eine Phase zunehmenden Schlafs. "Niemand stirbt wach", merkt er an.

Mit veränderten Schlaf‑Wach‑Rhythmen richtet sich der Blick stärker nach innen. Äußere Anforderungen treten in den Hintergrund. "Man neigt dazu, über die Dinge nachzudenken, die am wichtigsten sind, und das sind meist unsere Beziehungen," sagt Kerr.

Biologisch lasse sich erklären, dass diese Träume auftreten, sagt er. Warum sie jedoch tröstlich sind, Konflikte sichtbar machen oder helfen, das eigene Leben einzuordnen, lasse sich nicht allein aus Hirnprozessen ableiten.

Was den Zeitpunkt betrifft, warnt Rabitti vor einer verkürzten Deutung. End‑of‑Life‑Träume seien keine verlässlichen Vorboten des Todes. Lebhafte Träume könnten auch Ausdruck einer normalen Lebensrückschau sein - ohne Bezug zum Sterbeprozess.

"Träume sagen den Tod nicht voraus - vielmehr kann der bevorstehende Tod mit bestimmten Träumen zusammenhängen", sagt sie. "Eine Korrelation ist noch kein Beweis für einen kausalen Zusammenhang." Eine Umkehr dieser Kausalität möge Schlagzeilen erzeugen, trage aber nicht zum Verständnis des Phänomens bei.

Was diese Träume für Angehörige bedeuten

Die Wirkung von ELDVs endet nicht mit dem Tod. Studien zeigen, dass Angehörige, die von solchen Träumen erfahren oder sie miterleben, oft leichter mit dem Verlust umgehen und den Abschied besser verarbeiten können.

So auch Jennifer. Ihr schwerkranker Partner Patrick träumt von seiner verstorbenen Großmutter, die ihm den fehlenden Bestandteil einer Soße verrät, die er nie hatte nachkochen können: einen Teelöffel Zucker. Obwohl er bereits sehr geschwächt ist, kocht er das Rezept noch einmal gemeinsam mit Jennifer nach. Wenig später stirbt er.

Für Kerr wird genau hier sichtbar, warum diese Träume eine Rolle spielen. "Wenn diese Erfahrungen richtig erklärt werden, sind sie wertvoll", sagt er. Dann werde der Tod nicht nur als etwas Biologisches wahrgenommen, das von Verfall und Leiden geprägt ist, sondern auch als etwas, das Liebe und Sinn enthalten könne. Genau diese Perspektive zu vermitteln, sei wichtig.

So erlebte es auch Jennifer. "Patrick hatte seinen Frieden gefunden", sagt sie. "Und ganz ehrlich: Wenn dein letzter Traum im Leben von Spaghettisoße handelt, gibt es kaum etwas Beruhigenderes." Ihr habe dieser Traum geholfen. Sie wusste: Patrick war bereit zu gehen.

"Wir haben das Sterben sterilisiert"

Für Kerr zeigen ELDVs eine Dimension des Sterbens, die die moderne Medizin lange vernachlässigt hat. "Beim Sterben geht es nicht um das Versagen einzelner Organe, sondern um den Abschluss eines Lebens", sagt er.

In den vergangenen Generationen habe man das Sterben zunehmend aus dem Alltag verdrängt: aus den Häusern, aus den Familien, aus der Gemeinschaft. "Wir haben das Sterben sterilisiert", sagt Kerr.

Die Folge sei eine Kluft zwischen dem, was Menschen sich für ihr Lebensende wünschen - wie Nähe und Vertrautheit - und dem, was sie häufig erleben: eine Medizin, die Sterben vor allem als technisch‑organisatorischen Prozess behandelt.

Dass Träume und Visionen am Lebensende heute wieder mehr Aufmerksamkeit erhalten, versteht Kerr als Reaktion auf diese Leerstelle. Vielleicht erzählen diese Träume weniger davon, wie wir sterben, als davon, was uns bis zuletzt trägt: Beziehungen, Nähe - und das Bedürfnis, dass jemand da ist.

Author Hannah Fuchs
Item URL https://www.dw.com/de/was-sterbende-träumen-und-was-diese-träume-bedeuten/a-76907885?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77136643_607.jpg
Image caption In vielen Träumen am Lebensende geht es um Beziehungen zu Menschen, die im Leben wichtig waren
Image source Daniel Reinhardt/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/ea/ea240821_Deutschland_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/77136643_607.jpg&title=Was%20Sterbende%20tr%C3%A4umen%20-%20und%20was%20diese%20Tr%C3%A4ume%20bedeuten

Item 61
Id 76531064
Date 2026-05-22
Title Kuba und die USA - eine wechselvolle Beziehungsgeschichte
Short title Kuba und die USA - eine wechselvolle Beziehungsgeschichte
Teaser Donald Trump ist nicht der erste US-Präsident, der Kuba übernehmen will. Schon 1848 wollten die USA die Insel kaufen - ohne Erfolg. Washington hatte trotzdem lange das Sagen. Bis zur Revolution 1959.
Short teaser Trump ist nicht der erste US-Präsident, der Kuba übernehmen will. Schon 1848 wollten die USA die Insel kaufen.
Full text

Er könne mit Kuba machen, was er wolle, hatte Donald Trump Mitte März verkündet. Jetzt wurde die nächste Runde eingeläutet: Die USA wollen den ehemaligen kubanischen Präsidenten Raúl Castroanklagen. "Wir erwarten, dass er sich entweder freiwillig oder auf andere Weise hier einfinden wird", hieß es aus dem Justizministerium. Dem 94-Jährigen wird eine Verwicklung in den Abschuss von zwei US-Zivilflugzeugen vorgeworfen, bei dem 1996 vier Menschen starben.
Fast zeitgleich hat US-Außenminister Marco Rubio der kubanischen Bevölkerung in einer Videobotschaft auf X humanitäre Hilfe in Millionenhöhe in Aussicht gestellt - ausgerechnet am kubanischen Unabhängigkeitstag. Und Trump erklärte, die Vereinigten Staaten würden "Kuba befreien".

Er wäre nicht der erste US-Präsident mit Expansionsgelüsten, weiß der Historiker Michael Zeuske, Professor am Center for Dependency and Slavery Studies der Universität Bonn. "Schon Mitte des 19. Jahrhunderts haben die USA ihre Hand nach der Insel ausgestreckt", sagt er.

Kuba ist nicht zu verkaufen

Damals ist Kuba noch Kolonie der europäischen Großmacht Spanien. 1820 erklärt Thomas Jefferson, ehemaliger US-Präsident der noch jungen Vereinigten Staaten, man solle die erste Möglichkeit nutzen, Kuba den USA einzuverleiben.

Was John Quincy Adams, Außenminister unter James Monroe, drei Jahre später zu der Äußerung veranlasst: "Es gibt Gesetze der physikalischen wie der politischen Schwerkraft - und so wie ein im Sturm vom Baum gerissener Apfel keine andere Wahl hat, als zur Erde zu fallen, so kann auch Kuba, wenn gewaltsam aus seiner widernatürlichen Verbindung mit Spanien gelöst und unfähig, sich selbst zu schützen, nur der Schwerkraft der Nordamerikanischen Union folgen, die kraft desselben Naturgesetzes Kuba nicht von ihrem Busen stoßen kann."

1848 bietet James K. Polk, der elfte US-Präsident, den Spaniern 100 Millionen Dollar für Kuba, aber angeblich lässt die Kolonialmacht die USA wissen, man wolle die Insel lieber im Meer versenken. Spanien will an einer seiner wenigen verbliebenen Kolonien in Übersee festhalten. Nur sechs Jahre später entwerfen US-Diplomaten ein geheimes Dokument: Man habe das Recht, sich Kuba mit Gewalt zu nehmen, falls Spanien sich weiter weigern sollte, die Insel zu verkaufen. Doch auch daraus wird nichts.

Der "Apfel" ist reif

All diese Pläne basierten auf der sogenannten Monroe-Doktrin. Darin hatte Präsident James Monroe den europäischen Kolonialmächten 1823 die Botschaft geschickt: "Amerika den Amerikanern."

Augenscheinlich ging es um die Souveränität der jungen Nation in Nord- und Südamerika; doch die USA waren längst selbst auf Expansionskurs. Und lag es nicht nah, endlich den Apfel zu pflücken, der gerade mal 160 Kilometer entfernt von Florida, also quasi vor der eigenen Haustür lag?

Der spanisch-amerikanische Krieg

1898 bietet sich endlich ein Vorwand, die Insel zu übernehmen. Die Kubaner kämpfen seit Jahren erbittert darum, das spanische Kolonialjoch abzuschütteln. Washington zeigt starke Militärpräsenz im Land, die Botschaft: Wir schützen unsere Bürger, die hier vor Ort sind. Und so ankert wochenlang der US-amerikanische Panzerkreuzer USS Maine im Hafen von Havanna.

Am 15. Februar 1898 gibt es eine gewaltige Explosion, die den Rumpf des Schiffes aufreißt. Es sinkt innerhalb von Minuten. War ein Schwelbrand schuld, der die Munitionskammer erreichte? Oder haben die Spanier das Schiff torpediert, wie die USA behaupten? "Belegt ist das nicht, es gab nie einen Beweis, dass es ein Anschlag war", sagt Zeuske. Die Vereinigten Staaten erklären Spanien den Krieg.

Kuba wird zum Quasi-Protektorat

Der dauert nur knapp vier Monate und endet mit der Niederlage Spaniens, das seine letzten großen Kolonien verliert: Puerto Rico, Guam, Philippinen und - Kuba. Auf der karibischen Insel haben jetzt die Vereinigten Staaten das Sagen. Dass Kuba kein US-Bundesstaat wird, liegt vor allem an US-Senator Henry Moore Teller. Er agiert in Washington gegen die Annexion Kubas; wohl auch, damit die kubanische Zuckerernte nicht mit der seines Heimat-Bundesstaats Colorado konkurriert.

Unabhängig wird Kuba trotzdem nicht. Die USA wollen ihre Truppen nicht abziehen, wenn die neue Regierung nicht einem Zusatz namens "Platt-Amendment" zustimmt. "Sie mussten ihn in ihre Verfassung schreiben", so Zeuske. Der Zusatz definiert die künftigen Beziehungen der beiden Staaten. Was konkret heißt: Die USA dürfen in der Außenpolitik, in der Staatsverschuldung und im Gesundheitswesen mitreden, militärisch intervenieren und vor Ort Marinestützpunkte bauen. Guantanamo existiert noch heute.

Am 20. Mai 1902 endet die US-Militärbesatzung, die Republik Kuba bekommt ihren ersten eigenen Präsidenten. De facto aber bleibt Kuba ein Quasi-Protektorat des großen Nachbarn im Norden, wobei es den USA vor allem um Wirtschaftsinteressen geht. 1926 sind rund 60 Prozent der kubanischen Zuckerindustrie in US-amerikanischer Hand, außerdem investieren Geschäftsleute aus den USA ihr Geld massiv in Hotels, Bars und Casinos in Havanna.

Der lange Arm der Mafia

Vor allem ab 1920, als zuhause in den USA die Prohibition ausgerufen wird, kommen die Touristen in Scharen. Und kurz darauf auch die Mafia. Man ist nahe genug an den USA, aber weit genug entfernt, um dem langen Arm des FBI zu entwischen.

Havanna wird zur Weltstadt des Glückspiels, des Drogen- und Waffenhandels, der Geldwäsche und der Prostitution. Die Millionengewinne verschwinden in den Taschen der US-Mafia und des Batista-Clans. Diktator Fulgencio Batista versteht sich bestens mit Mafia-Boss Meyer-Lansky, der sein enger Geschäftspartner und inoffizieller Berater wird.

Die kubanische Revolution und ihre Folgen

Doch während die einen immer reicher werden und sich vergnügen, hungert die Bevölkerung - 1953 unternimmt Fidel Castro mit Aufständischen einen ersten Putschversuch, der brutal niedergeschlagen wird. Danach führt die "Bewegung des 26. Juli" einen Guerillakrieg, der damit endet, dass Batista 1959 flieht.

"Am Anfang suchte Castro noch ein gutes Verhältnis zu den USA", sagt Zeuske - aber dort sei man nicht daran interessiert gewesen, mit dem sozialistischen Umstürzler zu verhandeln. Zumal Castro die Enteignung von Raffinerien und Zuckerrohrplantagen in US-Besitz anordnet und sich der Sowjetunion annähert.

1960 verhängt Präsident Dwight D. Eisenhower ein Handelsembargo gegen Kuba. 1961 versuchen Exilkubaner mit verdeckter Unterstützung der CIA in der Schweinebucht zu landen, um Fidels Regime zu stürzen. Sie scheitern kläglich. Kuba hat die USA öffentlich bloßgestellt: "Fidel, campeón, te comiste el tiburón!", riefen die Menschen in den Straßen Havannas, "Fidel, Du Held, Du hast den Hai gefressen". Die Aktion treibt Castro noch mehr in die Arme der Russen. Vor der Haustür der USA entsteht ein tropischer Sowjet-Satellit.

Als die Sowjetunion 1962 dann Atomraketen auf Kuba stationiert, steht die Welt am Rande einer atomaren Katastrophe - bis die Russen die Waffen abziehen, weil die US-Amerikaner im Gegenzug garantieren, nicht militärisch auf Kuba zu intervenieren. Castro eliminieren wollen sie trotzdem: zunächst mit Auftragskillern. Als das nicht klappt, experimentiert der Geheimdienst mit vergifteten Zigarren, einem bakterienverseuchten Taucheranzug und einer mit Sprengstoff gefüllten Muschel. Beim kubanischen Volk sorgen die US-Anschläge auf Castro dafür, dass sich die Menschen nur noch mehr hinter ihren Staatschef stellen.

Ist Kuba "ready to fall"?

Zwei Mal sieht es später so aus, als würden sich beide Länder einander annähern: Unter den US-Präsidenten Jimmy Carter und Barack Obama gibt es Phasen der Entspannung. Doch Donald Trump dreht das Rad zurück.

Nachdem er Anfang Januar verkündete, Kuba sei "ready to fall" und dem Land den Ölhahn abdrehte, ergänzte er im März vor laufenden Kameras: "Ich glaube, ich werde die Ehre haben, Kuba einzunehmen." Kubas Replik kam sofort: Kuba sei ein souveräner Staat, so der kubanische Vizeaußenminister Carlos Fernández de Cossio gegenüber dem US-Senders NBC News. "Kuba wird es nicht akzeptieren, ein Vasallenstaat oder ein von einem anderen Staat abhängiges Land zu werden."

Einfach ist die Lage auf der Insel nicht. Seitdem nach Trumps Militärschlag gegen Venezuela kein Öl mehr von dem befreundeten Staat ins Land kommt, bricht die Energieversorgung regelmäßig zusammen. Die Touristen bleiben aus, der Müll stapelt sich auf den Straßen, die Lebensmittel verderben, weil der Kühlschrank nicht läuft.

"Was die Führung betrifft, was das Militär betrifft, was die Kontrolle des Territoriums betrifft, ist Kuba eine extrem harte Nuss", sagt Zeuske. "Auf der anderen Seite sind die Leute furchtbar unzufrieden mit ihrer Regierung, vor allen Dingen mit den Stromabschaltungen. Die Lage wird immer desolater. Viele junge Leute wollen nur noch weg."

Der Artikel wurde am 22.05.2026 aktualisiert.

Author Suzanne Cords
Item URL https://www.dw.com/de/kuba-und-die-usa-eine-wechselvolle-beziehungsgeschichte/a-76531064?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76565547_607.jpg
Image caption Kuba, quo vadis?
Image source Ramon Espinosa/AP Photo/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/BUSI/BUSIDEU260317_DWI_Kuba2_CMS_02SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/76565547_607.jpg&title=Kuba%20und%20die%20USA%20-%20eine%20wechselvolle%20Beziehungsgeschichte

Item 62
Id 77224821
Date 2026-05-20
Title Ebola-Patient in Berlin: Warum Deutschland übernimmt
Short title Ebola-Patient in Berlin: Warum Deutschland hilft
Teaser Ein Ebola-Patient wird in der Berliner Charité unter höchsten Sicherheitsstandards behandelt – in spezialisierten Isolierstationen, die weltweit zu den am besten ausgestatteten zählen.
Short teaser Warum die Charité den Ebola-Infizierten in Berlin aufnimmt und wie der Schutz vor Infektionen abläuft.
Full text

Ein mit dem Ebola-Virus infizierter US-Arzt wird derzeit in einer Spezialstation der Berliner Charité behandelt. Er hatte sich bei einem Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo angesteckt. Die US-Behörden baten Deutschland wegen der kürzeren Flugdistanz um Unterstützung.

"Ein Ebola-Patient kann in einem sehr kritischen Zustand sein. Während eines Evakuierungsfluges sind die Behandlungsmöglichkeiten begrenzt – deshalb will man die Strecke möglichst kurz halten und gleichzeitig ein Zentrum mit sehr hohem medizinischen Standard erreichen", sagt Thomas Pärisch, Arzt und Leiter der Beratungsfirma Pandemic Shield, im DW-Gespräch.

Ebola tritt überwiegend in Teilen Afrikas auf und gilt dort als endemisch– das heißt, dass das Virus in bestimmten Regionen regelmäßig auftritt. Es handelt sich zudem um eine Zoonose, also eine Infektionskrankheit, die dauerhaft in der Tierwelt zirkuliert und immer wieder auf den Menschen übertragen wird.

Ebola-Behandlung in Hochsicherheitsstationen schützt vor Ansteckung

In Deutschland werden Ebola-Patienten und -Patientinnen ausschließlich auf sogenannten Sonderisolierstationen behandelt. Diese Einheiten sind vollständig vom restlichen Klinikbetrieb getrennt – so auch an der Charité. Für die Bevölkerung besteht nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums keine Gefahr.

Die technischen Sicherheitsmaßnahmen sind umfassend: Die Abluft wird gefiltert, Abwasser gesammelt und neutralisiert, kontaminierter Müll wie Schutzanzüge gesondert entsorgt. Auch die medizinische Versorgung findet weitgehend innerhalb der Einheit statt – von Diagnostik bis Intensivmedizin.

Ebola gehört zur höchsten Risikokategorie (Risikogruppe 4) – ebenso wie Lassa- oder Marburg-Viren.

"Infizierte Personen müssen daher unter den höchsten Sicherheitsstandards transportiert und behandelt werden", sagt Torsten Feldt, Oberarzt und Bereichsleiter für Tropenmedizin der Uniklinik Düsseldorf. Dazu gehören unter anderem Unterdruckräume, Luftfiltersysteme und spezielle Schutzanzüge mit eigener Luftzufuhr für das Personal.

Deutschlands Vorteil: Starkes Netzwerk und erfahrene Medizin-Teams

Deutschland verfügt über ein eng vernetztes System spezialisierter Zentren. Insgesamt gibt es sieben Behandlungszentren für hochinfektiöse und lebensbedrohliche Krankheiten. Sie sind Teil des STAKOB-Netzwerks am Robert Koch-Institut, eines bundesweiten Verbunds von Kliniken und Fachstellen.

Neben der technischen Ausstattung spielt vor allem das Personal eine entscheidende Rolle. "Am wichtigsten sind die gut ausgebildeten Teams, die ständig in Bereitschaft sind und regelmäßig für den Ernstfall trainieren", so Feldt.

Die Sonderisolierstation der Charité gilt als größte Einrichtung dieser Art in Deutschland und ist zudem die einzige, die Infektiologie und Intensivmedizin miteinander verbindet. Das Personal trainiere regelmäßig Abläufe und Notfallszenarien. Die Station ist in sich geschlossen und kann bis zu 20 Personen gleichzeitig isolieren, ohne den restlichen Klinikbetrieb zu beeinträchtigen.

Hinzu kommt internationale Erfahrung: Einige der beteiligten Ärzte und Ärztinnen waren bereits bei früheren Ausbrüchen im Einsatz, etwa in Westafrika. Deutschland habe sich dadurch "eine sehr gute Reputation erarbeitet", sagt Feldt.

Ebola-Fälle in Europa selten, doch Einsätze extrem aufwendig

Behandlungen dieser Art sind in Deutschland selten. Zuletzt wurden mehrere Patienten und Patientinnen während der großen Ebola-Epidemie in Westafrika 2014/2015 zur Behandlung eingeflogen.

Doch auch heute gilt: Jeder einzelne Fall bedeutet enorme logistische und medizinische Anstrengung. "Selbst für sehr erfahrene Ärzte ist die Behandlung solcher Fälle etwas Außergewöhnliches", sagt Pärisch.

Gleichzeitig zeigen Studien, wie entscheidend die Behandlung unter optimalen Bedingungen sein kann: Während der Ausbrüche in Westafrika lag die Sterblichkeit teils bei über 50 Prozent. Bei evakuierten Patienten und Patientinnen in Europa sank sie auf etwa 20 Prozent, berichtet Pärisch.

Intensive Behandlung entscheidet über Überleben

Die Therapie von Ebola ist komplex. Für Zaire-Ebola-Infektionen gibt es spezifische Medikamente, doch anderen Virusvarianten stehen oft nur experimentelle Ansätze zur Verfügung – oder die Behandlung bleibt symptomatisch.

Wichtig ist dabei die internationale Vernetzung, um mögliche Therapieoptionen zu diskutieren und verfügbar zu machen. Entscheidend ist aber erst einmal, dass eine optimale supportive Therapie erfolgt, durch die sich die Sterblichkeit erheblich senken lässt", sagt Feldt. Diese sei in den Einheiten gewährleistet – bis hin zur vollwertigen intensivmedizinischen Behandlung. Dadurch steigen die Überlebenschancen deutlich.

Allerdings bleibt eine zentrale Herausforderung bestehen: Für den aktuellen Ausbruch gibt es keinen zugelassenen Impfstoff. Zwar existieren Vakzine gegen bestimmte Ebola‑Stämme, doch sie wirken nicht gegen alle Varianten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) prüft daher derzeit, welche experimentellen Impfstoffkandidaten eingesetzt werden könnten – bis die zur Verfügung stehen, dürfte es allerdings noch Monate dauern.

Ebola eindämmen gelingt nur mit globaler Hilfe vor Ort

Der aktuelle Fall zeigt: Hochsicherheitsmedizin ist nicht nur eine nationale Aufgabe, sondern Teil der globalen Gesundheitsvorsorge.

Gleichzeitig wird deutlich, dass selbst modernste Medizin an Grenzen stößt. Entscheidend für die Eindämmung sind daher oft andere Faktoren: Die WHO betont, dass es vor allem auf Maßnahmen in den betroffenen Gemeinden ankommt – etwa Aufklärung, Vertrauen und die Einhaltung von Schutzmaßnahmen.

Zugleich macht der Fall ein strukturelles Problem deutlich: Hochspezialisierte Isoliereinheiten sind weltweit ungleich verteilt. "Diese High-Level-Isolationsstationen sind vor allem ein Phänomen des Globalen Nordens", sagt Thomas Pärisch. Dabei wäre es wichtig, solche Kapazitäten auch in Regionen des Globalen Südens aufzubauen – zumindest in politisch stabilen Ländern, wo entsprechende Infrastrukturen realistischer umzusetzen wären.

Author Hannah Fuchs
Item URL https://www.dw.com/de/ebola-patient-in-berlin-warum-deutschland-übernimmt/a-77224821?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77223551_607.jpg
Image caption Um kurz vor 3.00 Uhr am Mittwochmorgen erreicht der Ebola-Patient in einem speziell ausgestatteten Krankentransporter die Berliner Charité.
Image source Christophe Gateau/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/Events/mp4/pz/pz20170519_ebola_sd.mp4&image=https://static.dw.com/image/77223551_607.jpg&title=Ebola-Patient%20in%20Berlin%3A%20Warum%20Deutschland%20%C3%BCbernimmt

Item 63
Id 77144281
Date 2026-05-20
Title Furchtlose Pionierin der Popmusik: Cher wird 80
Short title Furchtlose Pionierin der Popmusik: Cher wird 80
Teaser Sie feierte unzählige Erfolge und sorgte auch für ein paar Skandale: Cher hat schon immer genau das gemacht, was sie wollte. Jetzt wird die Stil-/Pop-/LGBTQ+-Ikone 80 Jahre alt.
Short teaser Sie feierte unzählige Erfolge und sorgte auch für ein paar Skandale: Cher hat schon immer gemacht, was sie wollte.
Full text

Dass sie jetzt 80 wird, dürfte Cher herzlich egal sein. So wie ihr Konventionen und Erwartungen immer schon egal waren. Ihre Furchtlosigkeit hat sie zu einer der größten Ikonen der Popmusik gemacht. Neben ihrer einzigartigen Kontra-Alt-Stimme, die einen hohen Wiedererkennungswert hat, sind vor allem ihre Wandelbarkeit und ihre Bereitschaft, Neues auszuprobieren, der Grund dafür, dass Künstlerinnen wie Lady Gaga und Beyoncé sie als Vorbild bezeichnen.

Cher - die "Queen of the Comeback"

Cher hatte in sieben Jahrzehnten Nummer-1-Hits in verschiedenen US-Billboard-Charts (Hot 100, Adult Contemporary, Dance Club Songs). Das haben außer ihr nur die Rolling Stones geschafft. 1965 ging es los mit dem Klassiker "I Got You Babe”, im Duett mit ihrem damaligen Ehemann Sonny, und zuletzt erreichte "DJ Play a Christmas Song" Ende 2023 Platz 1 der Dance/Electronic Song Sales sowie der Adult Contemporary Charts.

Die "New York Times" hat Cher einmal als "Queen of the Comeback" bezeichnet, sie selbst schrieb dazu in ihren Memoiren: "Es ist tausendmal schwieriger, zurückzukommen, als berühmt zu werden. Berühmt zu werden ist schwer, aber ein Comeback zu schaffen ist fast unmöglich." Aber eben nur fast.

Cher als Trendsetterin...

Auch modisch hat Cher immer wieder neue Trends gesetzt. Gemeinsam mit ihrem Mann Sonny trug sie maßgeblich dazu bei, dass die Schlaghose, die bis dahin nur von Marinesoldaten getragen worden war, zum wohl berühmtesten Accessoire der Hippie-Kultur wurde. Dazu trug sie bauchfreie Tops, was ebenfalls neu war und bei vielen konservativen Beobachtern Empörung auslöste. Im altehrwürdigen Hilton in London durfte das Paar damals nicht absteigen: Zu unkonventionell war ihre Garderobe.

Doch das war erst der Anfang. In ihren Fernsehshows in den Siebzigern trug Cher Outfits des Kostümdesigners Bob Mackie, die sie bis zu 30 mal pro Show wechselte. Oft waren sie gewagt: Cut-Outs, transparente Stoffe und Strass statt blickdichtem Stoff testeten die Grenzen des im Fernsehen Erlaubten aus.

Bei der Met Gala 1974 trug sie Mackies "Naked Dress”: eine hautenge Robe aus vollständig transparentem, fleischfarbenem Lycra, die mit Strasssteinen, Pailletten und weißen Federn an den Ärmeln und am Saum besetzt war. Das Kleid erzeugte die optische Täuschung, dass Cher bis auf die funkelnden Kristalle komplett nackt sei. Ein ikonisches Stück Modegeschichte, das noch heute von Stars gerne kopiert wird.

... ohne Angst vor Skandalen

Cher im "Naked Dress” zierte 1975 auch das "Time”-Magazin”. Das Cover galt für die damalige Zeit als so skandalös und freizügig, dass mehrere Städte in den USA den Verkauf der Ausgabe verboten oder die Magazine nur unter dem Ladentisch verkauften. Innerhalb weniger Stunden war das Heft - natürlich - überall ausverkauft.

Wer in den folgenden Jahren glaubte, Cher würde es nun etwas ruhiger angehen lassen, wurde 1989 eines Besseren belehrt: Dass sie mit "If I Could Turn Back Time” - einem Song, den sie erst nicht singen wollte, weil er ihr nicht gefiel - musikalisch ihr internationales Comeback schaffte, lag vor allem am dazugehörigen Video. Cher, bejubelt von (echten) Marinesoldaten, auf einem Kriegsschiff - im "Seatbelt Outfit”: einem transparenten Netz-Body, bei dem lediglich zwei schwarze Streifen in V-Form auf der Vorderseite das Wichtigste verdeckten, kombiniert mit einer Lederjacke.

Es war einer der größten Skandale der Popgeschichte. MTV verbannte das als jugendgefährdend eingestufte Video in die späten Abendstunden - was ihnen starke Quoten im Spätprogramm einbrachte. Designer Bob Mackie selbst empfand das Outfit im Nachhinein als "zu vulgär”, wie er in einer Dokumentation erzählte, doch Cher stand dazu. Sie trug das "Seatbelt Outfit” oder ähnliche Versionen danach immer wieder auf ihren Konzerten und trug es auch 2010, ausgerechnet bei den "MTV Music Video Awards", um Lady Gaga einen Preis zu überreichen.

AutoTune: Der "Cher-Effekt”

1998 gelang Cher nach einem musikalisch recht ruhigen Jahrzehnt noch einmal ein fulminantes Comeback. Die Dance-Nummer "Believe” wurde der größte Hit ihrer Karriere, weil sie etwas Unerhörtes wagte: den deutlich hörbaren Einsatz von AutoTune. Zuvor war die Software in Tonstudios lediglich genutzt worden, um unsaubere Töne dezent zu korrigieren. Chers Team jedoch setzte AutoTune als Stilmittel ein, um ihre Stimme zu verfremden und ihr einen roboterhaften Klang zu geben. Die Plattenbosse waren davon nicht überzeugt, doch Chers klare Aussage "You can change that over my dead body” (dt etwa: "Nur über meine Leiche könnt ihr das noch ändern") besiegelte die Sache. "Believe” erreichte Platz eins in 23 Ländern, wurde eine Hymne der LGBTQ+-Community - und Cher hatte Pionier-Arbeit geleistet: AutoTune, längst auch als "Cher-Effekt” bekannt, wurde stilbildend in Musikrichtungen wie Dance, Hip-Hop, Rap und R&B.

2024 wurde sie, nachdem sie sich mehrfach über ihre Nichtbeachtung beschwert hatte, in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Im selben Jahr veröffentlichte sie den ersten Teil ihrer Memoiren und landete direkt auf Platz eins der New York Times Bestseller Liste - natürlich. Dass Menschen Anstoß an ihrem 40 Jahre jüngeren Partner nehmen, quittierte sie im vergangenen November bei "CBS Mornings" mit der lapidaren Feststellung: "Andere Leute leben nicht mein Leben."

Author Katharina Abel
Item URL https://www.dw.com/de/furchtlose-pionierin-der-popmusik-cher-wird-80/a-77144281?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77145349_607.jpg
Image caption Hier war sie noch 78, jetzt wird sie 80 Jahre alt: Cher auf einer Filmpremiere in Los Angeles 2024
Image source Xavier Collin/Image Press Agency/NurPhoto/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77145349_607.jpg&title=Furchtlose%20Pionierin%20der%20Popmusik%3A%20Cher%20wird%2080

Item 64
Id 77199085
Date 2026-05-18
Title Ist Deutschland auf Klimakurs? Jein!
Short title Ist Deutschland auf Klimakurs? Jein!
Teaser Der Expertenrat für Klimafragen stellt seinen Bericht zum Stand der deutschen Klimapolitik vor. Darin zeigen die Wissenschaftler, wie Deutschland seine Klimaziele derzeit einhält und sie doch verfehlt.
Short teaser Der Expertenrat für Klimafragen stellt fest: Deutschland erreicht und verfehlt seine Klimaziele zugleich.
Full text

Deutschland hat 2025 sein Klimaziel übererfüllt. Vor allem die Industrie und die Energiewirtschaft haben hier mehr Emissionen eingespart als vorgesehen. Dieser auf den ersten Blick positive Trend, ist aber vor allem eine Momentaufnahme. Denn neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien hat insbesondere die schwache Konjunktur zu sinkenden Emissionen beigetragen.

Zu diesem Schluss kommt der Expertenrat für Klimafragen. Das wissenschaftliche Gremium berät die Bundesregierung bei der Erreichung von Deutschlands Klimazielen und erstellt Gutachten und Projektionen zu der Wirksamkeit der klimapolitischen Maßnahmen.

Deutschland will ab 2045 klimaneutral wirtschaften und ab 2050 sogar negative Emissionen erreichen. Mit den bisherigen Maßnahmen würden diese Ziele jedoch deutlich verfehlt, so die Ratsvorsitzende Barbara Schlomann.

Besonders die Bereiche Verkehr und Gebäude verfehlen derzeit ihre Klimaziele.

Positiv fällt auf, dass sich die Wälder in Deutschland leicht erholen. Sie sind nicht nur wichtige Ökosysteme, sondern gelten auch als sogenannte CO2-Senken. Das heißt, sie entnehmen der Luft Klimagase und wandeln sie in Biomasse um.

Insgesamt sieht der Trend dennoch düster aus. Denn natürliche Systeme wie Wälder, Moore, Graslandschaften oder landwirtschaftliche Ackerflächen, die eigentlich Kohlenstoff speichern, sind zu Treibhausgasquellen geworden.

Das passiert zum Beispiel wenn ein Moor trockengelegt wird. Dann wird das gebundene CO2 freigesetzt. Ohne zusätzliche Maßnahmen werden die Kohlenstoffspeicher bis 2050 durchgehend zu Treibern der Erderwärmung. Die Bundesregierung hatte sich ursprünglich das Ziel gesetzt diesen Trend umzukehren.

Der Rat empfiehlt der Bundesregierung, eine „Klimaschutzpolitik zu einer kohärenten politischen Gesamtstrategie“ weiterzuentwickeln.

Ratsmitglied Julia Pongratz hebt hervor, dass neue Ansätze wie die Stärkung der Kreislaufwirtschaft und die Elektrifizierung derIndustriesowie Anreize für eine Veränderung der Ernährungsgewohnheiten zwar in die richtige Richtung gingen, aber bei Weitem nicht ausreichten.

Wichtig sei dabei, dass soziale Verteilungsfragen und ökonomische Folgen stärker in den Blick genommen würden, betont Pongratz.

Die Sektoren mit dem stärken Einfluss auf die deutsche Klimabilanz sind Industrie, Energie und Verkehr. Durch Erneuerbare Energien sowie eine Modernisierung der Stromnetzte, Speicher- und Ladekapazitäten ließen sich vor allem letztere schneller auf den grünen Pfad bringen.

Bundesregierung hat nachgebessert – ein bisschen

Nachdem die Bundesregierung per Gerichtsentscheid schon zuvor beim Klimaschutz nachbessern musste, hat sie im März ein zusätzliches Klimaschutzprogramm vorgestellt.

Das Programm sieht unter anderem vor:

  • den Ausbau der Windkraft zu beschleunigen
  • die Förderung von Biokraftstoffen
  • die Förderung von E-Autos und Nahverkehr
  • sowie Strom statt Erdgas in der Industrieproduktion

Der Expertenrat bemängelt allerdings, dass die Maßnahmen noch zu allgemein seien. "Das heißt, es fehlt einfach noch ein konkreter Weg, um tatsächlich zu diesen Einsparungen zu kommen.”

Auch mit einer kompletten Erfüllung der Emissionseinsparungen durch das neue Programm, würde Deutschland seine Klimaziele immer noch nicht erreichen.

Nicht zuletzt gäbe es auch eine ganze Menge Akzeptanz- und Infrastrukturfragen die noch zu lösen seien, fügt Schlomann hinzu.

Umweltminister will Warnung "ernst nehmen"

Als Reaktion auf den Prüfbericht veröffentlichte Bundesumweltminister Carsten Schneider eine Stellungnahme, in der er erklärte, die Ergebnisse ernst zu nehmen und gründlich prüfen zu wollen.

Die Maßnahmen des neue Klimaschutzprogramms müssten jetzt konsequent umgesetzt werden, so Schneider, vor allem die Förderung für E-Autos.

"Die wichtigste Antwort auf die Warnung der Experten muss jetzt volle Vorfahrt für erneuerbare Energien sein. Ein zweiter relevanter Hebel ist die anstehende Reform des EU-Emissionshandels,” so Schneider.

Von letzterem verspricht man sich vor allem Anreize für die Industrie und den Energiemarkt auf Strom umzustellen.

Der Expertenrat überprüft, ob die Maßnahmen der Bundesregierung mit dem Klimaschutzgesetz vereinbar sind.Das Gesetz hat bestimmte Zielmarken auf dem Weg zu Klimaneutralität definiert.

Redaktion: Tamsin Walker, Neil King

Author Tim Schauenberg
Item URL https://www.dw.com/de/ist-deutschland-auf-klimakurs-jein/a-77199085?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76353550_607.jpg
Image caption Deutschland ist nach wie vor von fossilen Brennstoffen abhängig
Image source Patrick Pleul/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/76353550_607.jpg&title=Ist%20Deutschland%20auf%20Klimakurs%3F%20Jein%21

Item 65
Id 77122260
Date 2026-05-12
Title Warum das Hantavirus nicht mit Corona vergleichbar ist
Short title Warum das Hantavirus nicht mit Corona vergleichbar ist
Teaser Zwischen 2018 und 2019 breitete sich das Andes‑Hantavirus in Argentinien von Mensch zu Mensch aus: 34 Infektionen, 11 Todesfälle. Die Analyse des Ausbruchs zeigt, warum sich auch die aktuelle Situation eindämmen lässt.
Short teaser Ein Blick auf 2018 zeigt, warum der aktuelle Hantavirus‑Ausbruch gestoppt werden kann.
Full text

Die Erinnerungen an die COVID‑Pandemie sind bei vielen Menschen noch sehr lebendig. Verständlich, dass die Sorge über eine mögliche internationale Ausbreitung des Hantavirus groß ist.

"Ich weiß, dass Sie besorgt sind", schreibt WHO‑Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus am 9. Mai 2026 in einem Brief an die Bevölkerung der spanischen Insel Teneriffa.

Das Kreuzfahrtschiff MV Hondius, auf dem sich das Hantavirus zwischen April und Mai ausgebreitet und drei Todesopfer gefordert hatte, sorgte für weitere Schlagzeilen, als es darum ging, im Hafen von Granadilla auf Teneriffa anzulegen. Von dort aus wurden die 147 Passagiere und Crewmitglieder in ihre Herkunftsländer zurückgebracht – darunter Deutschland, Frankreich und Australien.

"Ich weiß, dass Erinnerungen wach werden, die wir noch nicht vollständig verarbeitet haben, wenn man das Wort 'Ausbruch' hört und sieht, wie ein Schiff auf die eigenen Küsten zusteuert", schreibt Tedros.

Doch Experten geben Entwarnung: Zwischen SARS-CoV-2 und dem Hantavirus gibt es einen entscheidenden Unterschied.

"Hantaviren – und auch das Andes‑Virus – sind gänzlich andere Viren als Coronaviren", sagt Roman Wölfel, Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr, im DW-Gespräch. "Sie sind zwar von Mensch zu Mensch übertragbar." Das sei aber sehr viel schwieriger. "Der Kontakt muss wesentlich enger sein."

Zum Vergleich: Als das Coronavirus SARS‑CoV‑2 im Jahr 2019 erstmals auftauchte und COVID‑19 auslöste, war es für Forschende und medizinisches Personal völlig neu. Niemand wusste genau, um welchen Erreger es sich handelte, wie schnell er sich ausbreiten würde, wie man ihn stoppen oder behandeln könnte.

Das Hantavirus hingegen ist seit 1993 bekannt. Entsprechend klar sind auch die medizinischen Risiken eingeordnet.

Bekannt ist, dass es eine schwere Lungenerkrankung auslösen kann – das sogenannte Hantavirus‑Lungensyndrom (HPS). Deshalb wurden an Bord der MV Hondius entsprechende Schutz‑ und Abstandsmaßnahmen ergriffen, sobald Labortests bestätigt hatten, dass das Virus für die ersten Todesfälle verantwortlich war.

Wie wirksam selbst einfache Maßnahmen sein können, zeigt eine Analyse eines Hantavirus‑Ausbruchs in Argentinien im November 2018. Sie belegt, dass sich die Übertragung von Mensch zu Mensch deutlich verlangsamen lässt – zum Beispiel durch Abstandhalten.

"Beim Andes‑Virus braucht es einen sehr nahen Kontakt", erklärt Wölfel. "Das ist ganz anders als wir es von SARS‑CoV‑2 oder Influenzaviren kennen."

Hantavirus‑Ausbruch in Argentinien 2018–2019

In einer im Jahr 2020 veröffentlichten Studie beschreiben Forschende, wie sich die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Andes‑Virus – der gleichen Variante, die auch auf der MV Hondius nachgewiesen wurde – halbierte, als Gesundheitsbehörden während des Ausbruchs 2018/19 in Argentinien Infizierte isolierten und Kontaktpersonen in Quarantäne schickten.

Die Maßnahmen wurden eingeführt, nachdem sich bestätigt hatte, dass sich 18 Menschen bei einer Massenveranstaltung infiziert hatten.

"Diese Maßnahmen haben die weitere Ausbreitung sehr wahrscheinlich begrenzt", schreiben die Autoren im New England Journal of Medicine. Die Reproduktionszahl – also die durchschnittliche Zahl der Menschen, die eine infizierte Person ansteckt – sank von 2,12 vor den Maßnahmen auf 0,96 danach.

Auf der MV Hondius verlief die Situation dennoch anders. Zwar wurden bis zum 11. Mai 2026 nur sieben bestätigte Fälle und zwei Verdachtsfälle gemeldet, doch es dauerte deutlich länger, bis Gegenmaßnahmen ergriffen wurden.

Nachdem der erste Passagier am 11. April gestorben war, teilte der Veranstalter Oceanwide Expeditions mit, dass erst am 4. Mai – also mehr als drei Wochen später – das Hantavirus als Todesursache bestätigt wurde. Zwei Tage zuvor hatte die WHO bereits über eine "Häufung" von Infektionen an Bord informiert.

Als das Schiff schließlich auf Teneriffa anlegte, bestand jedoch kein Zweifel mehr an der Ursache der Erkrankungen. Die spanischen Gesundheitsbehörden erklärten, sie hätten "alle Maßnahmen" ergriffen, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

Passagiere, Crew und medizinisches Personal trugen Schutzmasken und Schutzkleidung, persönliche Gegenstände wurden in versiegelten Beuteln transportiert.

"Die Reduzierung von Kontakten und der Einsatz von FFP2‑Masken bei der Ausschiffung und beim Weitertransport der Passagiere sind durch das gestützt, was wir über dieses Virus wissen", sagt Giulia Gallo, Forscherin am britischen Pirbright Institute.

Virologe Wölfel beruhigt: "Es ist nicht zu erwarten, dass das Andes‑Virus zu einem wirklichen globalen Problem wird. Das ist nicht vergleichbar mit Influenza oder SARS‑Coronaviren."

Weltweit treten Hantavirus‑Infektionen vergleichsweise selten auf. Im Jahr 2025 zählte die WHO in Nord‑ und Südamerika 229 Hantavirus‑Fälle und 59 Todesfälle durch verschiedene Varianten des Virus. In der europäischen Region wurden im Jahr 2023 1885 Hantavirus-Infektionen gemeldet. Es gibt weder einen zugelassenen Impfstoff noch steht eine spezifische antivirale Therapie gegen das Hantavirus zur Verfügung.

Der Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt.

Author Zulfikar Abbany
Item URL https://www.dw.com/de/warum-das-hantavirus-nicht-mit-corona-vergleichbar-ist/a-77122260?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77109336_607.jpg
Image caption Nach dem ersten Todesfall dauerte es mehr als drei Wochen, bis der Hantavirus-Ausbruch auf der MV Hondius bestätigt wurde
Image source Hannah McKay/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77109336_607.jpg&title=Warum%20das%20Hantavirus%20nicht%20mit%20Corona%20vergleichbar%20ist

Item 66
Id 68933004
Date 2026-05-11
Title Ist Deutschland auf die nächste Pandemie vorbereitet?
Short title Ist Deutschland auf die nächste Pandemie vorbereitet?
Teaser Pandemie Vorbereitung in Deutschland: Hat das Land aus Corona gelernt? Es gibt Fortschritte - doch im Gesundheitssystem bleiben große Schwächen. Ein Blick auf Risiken und Lehren.
Short teaser Deutschland ist besser vorbereitet als 2020 - aber strukturelle Probleme in der Pandemievorsorge bestehen weiterhin.
Full text

Rund sechs Jahre nach Beginn der Corona‑Pandemie stellt sich die Frage erneut: Wie gut ist Deutschland heute auf größere Gesundheitskrisen vorbereitet? Aktuelle internationale Ausbrüche wie das Andes‑Hantavirus zeigen, dass neue Erreger jederzeit auftreten können – auch wenn sie nicht zwangsläufig zu einer Pandemie führen. Die Erfahrungen aus COVID‑19 haben Reformen angestoßen. Doch viele strukturelle Probleme bestehen weiter.

Eine immer vernetztere Welt und der Klimawandel führen dazu, dass Infektionskrankheiten sich immer besser ausbreiten. Intensive Tierhaltung und das Vordringen des Menschen in den Lebensraum von Wildtieren begünstigen außerdem Zoonosen, also Erkrankungen, die zwischen Mensch und Tier übertragen werden.

Von einer neuen Pandemie könnte auch Deutschland wieder betroffen sein. Anlass für viele, sich zu fragen: Hat man hierzulande die richtigen Lehren aus der Corona-Pandemie gezogen? Und ist man jetzt besser vorbereitet?

Drehpunkt: die Krankenhäuser

Bilder aus der Corona-Pandemie, die sich eingebrannt haben: volle Intensivstationen und überlastetes Krankenhauspersonal. Auch in einer nächsten Pandemie wird ein Dreh- und Angelpunkt sein, wie gut Deutschlands Kliniken für den Ansturm aufgestellt sind. "Eine Versorgung in Gesundheitskrisen funktioniert nur dann gut, wenn die Krankenhäuser auch im Normalzustand gut funktionieren", so Christian Karagiannidis, der als Intensivmediziner an der Lungenklinik Köln-Merheim arbeitet. "Das haben wir momentan nicht in der Form, in der wir es bräuchten."

Ein weiteres Problem: Während das Pflegepersonal am Anfang der Corona-Pandemie beklatscht wurde, gerät es immer mehr in routinierte Vergessenheit – und wird älter. In Nordrhein-Westfalen (NRW), Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland, ist laut Pflegekammer NRW jede dritte Pflegekraft über 55 Jahre alt und geht bald in Rente. Nur 15 Prozent sind jünger als 30. Laut Pflegereport der Krankenkasse DAK fehlt der Nachwuchs, um die altersbedingten Leerstellen in den kommenden Jahren zu ersetzen. Ein "Kipppunkt der Pflege" droht.

Anlass zur Hoffnung gibt die Tatsache, dass Krankenhäuser während der Pandemie gelernt hätten, miteinander zu arbeiten und nicht in Konkurrenz zueinander, sagt Christian Karagiannidis. Außerdem: Das Bewusstsein, dass eine Bevorratung von Masken und Arzneimitteln eine gute Idee ist – das sei geblieben.

Eine Erkenntnis: auf Vorrat setzen

Für Krankenhäuser mag die Bevorratung auch funktionieren, auf nationaler Ebene zeichnet sich an dieser Stelle jedoch ein Umsetzungs-Problem ab: Zu Beginn der Corona-Pandemie, im Juni 2020, hatte die Bundesregierung den Aufbau der "Nationalen Reserve Gesundheitsschutz" beschlossen. Schutzausrüstung und Medizinprodukte, die während der Pandemie beschafft wurden, sollten zentral eingelagert werden. In weiteren Phasen sollte die Reserve mit in Deutschland produzierten Medikamenten und Medizinprodukten aufgestockt werden. So wollte man in Zukunft Lieferengpässe vermeiden. Jahre später stand das Projekt immer noch am Anfang. Abgelaufene Masken wurden vernichtet.

"Das könnte uns beim nächsten Mal wieder auf die Füße fallen", so Philipp Wiesener, der bei der Hilfsorganisation Deutsches Rotes Kreuz für nationales Krisenmanagement und gesundheitlichen Bevölkerungsschutz zuständig ist.

Auf der Habenseite: Während der Corona-Pandemie habe man gelernt, innerhalb kurzer Zeit Impfzentren hochzuziehen und große Bevölkerungsgruppen zu impfen, sagt Wiesener. Eine Reserve, auf die man auch beim nächsten Mal zurückgreifen kann.

Ein Anknüpfungspunkt: die Impfstoffe

Dass die Corona-Pandemie nicht noch größeren Schaden angerichtet hat, liegt auch an der schnellen Verfügbarkeit effektiver Impfstoffe. Ein günstiger Zufall: Impfstoffe standen damals nicht im Fokus der Forschung. Die mRNA-Technologie sollte eigentlich helfen, Krebs zu heilen. "Es war tatsächlich Glück, dass die Entwicklung der mRNA-Technologie so weit vorangeschritten war", sagt Emanuel Wyler. Und ergänzt optimistisch: "Es ist nicht so, dass wir dieses Glück beim nächsten Mal nicht auch haben."

Während der Pandemie haben sich mRNA-Impfstoffe als flexibles Instrument bewährt. Sie funktionieren jedoch nur, wenn man weiß, gegen welche Strukturen des Erregers sie sich richten sollen. Käme als nächstes SARS-CoV-3, wären die Menschen gut vorbereitet. Bei Pocken zum Beispiel wäre das aber gar nicht so klar, sagt Molekularbiologe Wyler. Hinzu kommt, dass die Menschheit gegen diese Erkrankung kaum noch Impfschutz hat. Ein "kleiner Albtraum" eben.

Die Frage ist aber auch, ob die Deutschen sich beim nächsten Mal überhaupt impfen lassen.

Die Gesellschaft ist skeptischer geworden

Denn kurz bevor die WHO den Corona-Notstand im Mai 2023 aufhob, waren in Deutschland mehr als 20 Prozent der Bevölkerung ohne Impfung. Und nicht wenigen fehlt inzwischen das Vertrauen in zukünftige Maßnahmen. In einer Umfrage, die ein Team um die Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt Ende 2022 durchführte, gab ein Drittel der befragten Deutschen an, dass sie bei einer nächsten Pandemie nicht mehr bei den Schutzmaßnahmen mitmachen würden. Ebenfalls würde fast ein Drittel der Befragten die Politiker und Politikerinnen gerne dafür maßregeln, wie sie mit der Pandemie umgegangen sind.

Die Pandemie hat zahlreiche Missstände offengelegt: Menschen mit geringerem Einkommen und Bildungsgrad waren systematisch benachteiligt. Digitalisierung in Gesundheitssystem und Schulen ist überfällig. Viele Kinder und Jugendliche leiden noch heute unter den Schulschließungen. Zahlreiche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen kritisieren eine fehlende systematische Datenerhebung zur Bewertung der Maßnahmen.

Intensivmediziner und -medizinerinnen haben gelernt, in Szenarien zu denken. Für Christian Karagiannidis ist daher klar, was nun an erster Stelle stehen müsste: "Wir müssten einmal durchspielen, was wäre, wenn jetzt die nächste Pandemie ausbricht. Und gucken: Sind wir gut vorbereitet?" Angefangen bei: Der Bundestag tritt zusammen. Zu: Wer sagt, dass es eine Krise ist? Wie reagieren wir darauf? Was passiert mit den Schulen? Haben wir die wesentlichen Daten in Echtzeit zur Verfügung? "Eigentlich bräuchte es ein Gesamt-Szenario, damit man sieht: Wo sind die Schwachstellen?"

Dieser Artikel wurde aus aktuellem Anlass nach dem Ausbruch des Andes‑Hantavirus aktualisiert.

Author Anna Carthaus
Item URL https://www.dw.com/de/ist-deutschland-auf-die-nächste-pandemie-vorbereitet/a-68933004?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/56835880_607.jpg
Image caption Pandemie adé? Auch das nächste Mal könnte durch eine Atemwegserkrankung geprägt sein
Image source Kira Hofmann/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/56835880_607.jpg&title=Ist%20Deutschland%20auf%20die%20n%C3%A4chste%20Pandemie%20vorbereitet%3F

Item 67
Id 52369257
Date 2026-05-11
Title Endemie, Epidemie, Pandemie: Das sind die Unterschiede
Short title Endemie, Epidemie, Pandemie: Das sind die Unterschiede
Teaser Der aktuelle Ausbruch des Andes-Hantavirus wirft Fragen auf, die seit der Corona-Pandemie vielen vertraut sind. Doch was unterscheidet diese Begriffe – und was sagen sie wirklich über die Gefahr einer Krankheit aus?
Short teaser Endemie, Epidemie, Pandemie: Was aktuelle Ausbrüche bedeuten – und warum sie oft falsch eingeordnet werden.
Full text

Der Ausbruch des seltenen Andes‑Hantavirus auf dem Kreuzfahrtschiff MV Hondius wirft erneut Fragen auf: Wann spricht man von einem Ausbruch, wann von einer Epidemie – und ab wann von einer Pandemie? Die Begriffewerden häufig durcheinandergebracht. Dabei beschreiben sie nicht die Gefährlichkeit einer Krankheit, sondern deren Ausbreitung. Was bedeuten diese Begriffe genau?

Endemie: die ständige Bedrohung

Eine Krankheit, die in bestimmten Regionen regelmäßig auftritt, wird als endemisch bezeichnet. Bei einer Endemie bleibt die Zahl der Erkrankungen über die Zeit relativ konstant.

Sie ist höher als in anderen Gegenden, nimmt im Laufe der Zeit aber nicht weiter zu. In einem gewissen Zeitraum erkranken ungefähr immer gleich viele Menschen neu.

Ein typisches Beispiel ist die Malaria, an der jedes Jahr 300 Millionen Menschen weltweit erkranken, hauptsächlich in den Tropen.

Endemisch bedeutet dabei nicht harmlos: Auch endemische Krankheiten können schwer oder tödlich verlaufen. Entscheidend ist allein, dass ihr Auftreten räumlich begrenzt und zeitlich stabil bleibt.

Epidemie: nur in einer Region

Von einer Epidemie wird gesprochen, wenn eine Krankheit in einer bestimmten Region und in einem begrenzten Zeitraum ungewöhnlich häufig vorkommt.

Eine Pandemie ist eine Epidemie, die sich über die Grenzen eines bestimmten Landes oder auch eines Kontinentes ausbreitet.

Das bedeutet vor allem, dass die erfolgreiche Kontrolle der Krankheit von der Kooperation der Gesundheitssysteme verschiedener Länder abhängt. Es bedeutet nicht, dass eine Krankheit besonders gefährlich oder tödlich ist.

Wenn die Zahl der Erkrankungen in einer bestimmten Region über das normal zu erwartende (endemische) Level steigt, spricht man von einer Epidemie. Wenn die Krankheitsfälle lokal begrenzt sind, wird oft von einem Ausbruch gesprochen.

Eine Epidemie entsteht zum Beispiel, wenn sich die Virulenz eines bestimmten Erregers verändert: Ein Virus mutiert und wird dadurch ansteckender.

Auch wenn Krankheiten in ein bestimmtes Gebiet neu eingeführt werden, kann das zu Epidemie führen. Voraussetzung ist, dass eine Krankheit von Mensch zu Mensch weitergegeben werden kann.

Ein Beispiel dafür sind die Pocken, die seit Beginn des 16. Jahrhunderts von den europäischen Eroberern nach Amerika eingeschleppt wurden. Weil die indigene Bevölkerung vorher noch nie mit den Erregern in Kontakt war, hatte sie keinerlei Abwehrkräfte.

Einzelne Hochrechnungen gehen davon aus, dass bis zu 90 Prozent der indigenen Bevölkerung Amerikas den Pocken zum Opfer fiel.

Pandemie: weltweite Ausbreitung

Breitet sich eine Krankheit nicht nur regional, sondern über Länder und Kontinente hinweg aus, sprechen Experten von einer Pandemie.

Laut WHO und CDC werden Pandemien meistens von neu auftretenden Erregern oder Virustypen verursacht. Das können zum Beispiel Zoonosen sein, also Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden.

Wenn eine Krankheit für Menschen neu ist, werden nur sehr wenige Personen gegen das Virus immun sein. Impfungen gibt es in diesem Fall ebenfalls keine. Das kann dazu führen, dass sehr viele Menschen erkranken.

Wie gefährlich oder tödlich die Erkrankung verläuft, hängt von dem spezifischen Virus und dem Gesundheitszustand des einzelnen Menschen ab.

Selbst wenn eine Krankheit prozentual gesehen in den meisten Fällen harmlos verläuft, kann die absolute Zahl der schweren Erkrankungen bei einer Pandemie sehr hoch sein. Das liegt einfach daran, dass insgesamt sehr, sehr viele Menschen mit den Krankheitserregern infiziert sind.

Eine typische Krankheit, die immer wieder pandemische Ausmaße annimmt, ist die Grippe. An der Spanischen Grippe von 1918 starben mit 25 bis 50 Millionen Toten mehr Menschen als im 1. Weltkrieg. Auch die Schweinegrippe löste im Jahr 2009 eine Pandemie aus.

Allerdings können auch bei einer Pandemie einzelne abgeschiedene Gebiete von der Krankheit verschont bleiben, Insel oder Berggebiete beispielsweise. Der Flugverkehr begünstigt allerdings die Ausbreitung von Pandemien.

Die Begriffe Epidemie und Pandemie bezieht sich im Normalfall auf Infektionskrankheiten. Weil der einen dringenden Handlungsbedarf vermittelt, werden manchmal aber auch nicht übertragbare Krankheiten so bezeichnet. Diabetes-Epidemie, zum Beispiel.

Dieser Artikel wurde zuletzt nach dem Ausbruch des Andes-Hantavirus auf dem Kreuzfahrtschiff MV Hondius aktualisiert.

Author Sophia Wagner
Item URL https://www.dw.com/de/endemie-epidemie-pandemie-das-sind-die-unterschiede/a-52369257?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/52922139_607.jpg
Image source picture-alliance/M. Schönherr
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/52922139_607.jpg&title=Endemie%2C%20Epidemie%2C%20Pandemie%3A%20Das%20sind%20die%20Unterschiede

Item 68
Id 76836252
Date 2026-05-10
Title Weißer Wasserstoff: Der verborgene Schatz im Untergrund
Short title Weißer Wasserstoff: Der verborgene Schatz im Untergrund
Teaser In der Erdkruste lagern Billionen Tonnen natürlichen Wasserstoffs. Kann ein Geologe in Bayern diese saubere und günstige Energiequelle erschließen?
Short teaser In der Erdkruste lagert sehr viel natürlicher Wasserstoff. Kann ein Geologe in Bayern ihn erschließen?
Full text

In einem Wald in Nordbayern schreitet Jürgen Grötsch über Wurzeln und unter tiefhängenden Ästen hindurch. "Kaum jemand weiß von diesem Ort", sagt er und klingt dabei so geheimnisvoll wie stolz.

Tief im Boden unter seinen Füßen hat er einen Schatz entdeckt, der viele Millionen Euro wert ist. Mehr als das: Wenn er den Schatz geborgen bekommt, könnte das ein neues Kapitel in der Erzeugung sauberer Energie aufschlagen. Die Rede ist von Wasserstoff, der natürlicherweise und erneuerbar aus dem Boden strömt.

Grötsch ist Geologe. Nach Jahrzehnten beim Fossilkonzern Shell forscht er nun an der Universität Erlangen-Nürnberg. Im Wald hat er zwei Studenten dabei, denn das "Schnüffeln" nach Wasserstoff, wie Grötsch es nennt, ist mühsame Handarbeit. Sie hämmern ein Meter tiefes Loch in den Waldboden, führen einen Gassensor ein und warten darauf, was das Messgerät finden wird.

"Bemerkenswert", sagt Grötsch, während der Wasserstoffwert auf dem Display immer weiter ansteigt. Bei knapp über 500 parts per million bleibt er stehen. 0,05 Prozent der Gas-Probe bestehen aus Wasserstoff. "Das ist tausendmal mehr als in der Luft um uns", sagt Grötsch. Und für ihn die Bestätigung, dass er auf einen Wasserstoff-Jackpot gestoßen ist.

Das Dilemma mit Wasserstoff

Seit Jahren preisen Unternehmenschefs und Politiker wie die Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen oder Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche Wasserstoff als Lösung zur Dekarbonisierung der Wirtschaft an. Die hohe Hitze, die bei der Verbrennung entsteht, ist notwendig für energiehungrige Industrien wie Schifffahrt oder Stahlherstellung.

Anders als bei Öl, Erdgas oder Kohle entstehen dabei aber keine CO2-Emissionen, sondern nur Wasser. Laut der Internationalen Energieagentur könnte sich die weltweite Nachfrage deshalb bis 2050 verdreifachen.

Doch es gibt einen Haken: Sämtlicher heutiger Wasserstoff muss extra hergestellt werden - und das wiederum geschieht meist mit billigen, fossilen Brennstoffen. Nur weniger als ein Prozent wird als "grüner Wasserstoff" im teuren Elektrolyse-Verfahren hergestellt, angetrieben mit Strom aus Wind- und Solarkraft.

Kommt die Lösung aus der Tiefe?

Natürlicher Wasserstoff, auch "weißer Wasserstoff" genannt, hingegen entsteht auf natürliche Art in der Erdkruste - seit Milliarden Jahren.

"Ein Großteil des Erdmantels besteht aus eisenreichem Gestein", sagt Grötsch. "Wenn es bei Temperaturen von 200 bis 350 Grad Celsius mit Wasser in Kontakt kommt, zieht das Eisen den Sauerstoff aus dem Wasser - und übrig bleibt reiner Wasserstoff."

Durch diese Reaktion, "Serpentinisierung" genannt, entsteht ein Großteil der vermuteten Vorkommen von natürlichem Wasserstoff.

Forscher der US-amerikanischen Behörde US Geological Survey schätzen, dass weltweit 5,6 Billionen Tonnen in der Erdkruste lagern. Das meiste davon zu tief, um es zu erreichen, doch bereits zwei Prozent reichten aus, um den Wasserstoffbedarf der Menschheit für 200 Jahre zu decken, schreiben die Wissenschaftler in einer Studie aus dem Jahr 2024.

Als leichtestes aller Elemente kann Wasserstoff aus dem Erdmantel durch Risse bis an die Erdoberfläche aufsteigen. Ein Teil entweicht in die Atmosphäre, doch der Großteil sammelt sich in Reservoirs aus porösem Gestein, etwa Sandstein, eingeschlossen unter dichteren Gesteinsschichten.

Eine weltweite Schatzsuche

Dutzende Unternehmen weltweit suchen nach solchen Reservoirs. Doch nur an einem Ort - im Dorf Bourakébougou in Mali - wird natürlicher Wasserstoff bereits gefördert und lokal zur Stromerzeugung genutzt.

Die Fördermenge ist gering, etwa 49 Tonnen im Jahr. Zum Vergleich: Eine Erdgasbohrung liefert im gleichen Zeitraum Hunderte bis Tausende Tonnen. Doch der Fall in Mali beweist, dass die Gewinnung von natürlichem Wasserstoff technisch möglich ist - und die aufwendige Herstellung überflüssig machen könnte.

Fast noch wichtiger: Der Wasserstoff fließt heute mit dem gleichen Druck aus der Quelle in Mali wie vor 14 Jahren, als die Anlage eröffnet wurde. "Technisch gesehen ist es eine erneuerbare Quelle, weil die Prozesse, die natürlichen Wasserstoff erzeugen, ständig weiterlaufen", sagt Kate Adie, Subsurface-Analystin beim Energieforschungs-Unternehmen Wood Mackenzie. Vorausgesetzt, es werde nicht mehr gefördert als sich im gleichen Zeitraum unter der Erde neu bilden kann.

In Bayern plant Jürgen Grötsch, natürlichen Wasserstoff für ein Euro pro Kilo zu verkaufen. Das entspräche dem Preis von Wasserstoff, der heute mit fossilen Brennstoffen hergestellt wird.

Ab 2030 will Grötsch jährlich 1000 Tonnen Wasserstoff aus einem bayerischen Reservoir in 1500 Metern Tiefe fördern. Das Gas solle von lokalen Unternehmen und Wärmenetzen genutzt werden, die zentral erzeugte Wärme an verschiedene Gebäude verteilen.

"Aus dem gleichen Reservoir wollen wir auch heißes Wasser fördern, mit dem man Häuser heizen kann", sagt der Geologe. Diese Geothermie sei das wirtschaftliche Rückgrat, falls das Geschäft mit dem Wasserstoff nicht funktioniert.

So einfach ist es (noch) nicht

Doch wie viele Pioniere auf diesem Gebiet steht auch Jürgen Grötsch vor einem rechtlichen Problem. Nur wenige Länder erkennen weißen Wasserstoff offiziell als natürliche Ressource an. Das macht es schwierig, an staatliche Fördermittel und Bohrgenehmigungen zu gelangen. Zumindest in Deutschland könnte weißer Wasserstoff noch 2026 per Gesetz anerkannt werden.

Die rechtlichen Blockaden schrecken wiederum private Investoren ab. Und bis auf wenige kleine Ausnahmen haben auch große Öl- und Gasunternehmen nicht in die Suche nach natürlichem Wasserstoff investiert.

"Sie lehnen sich zurück und lassen die Start-ups die Pioniere sein und das Risiko tragen", sagt Kate Adie. "Aber sobald eines dieser Start-ups eine kommerziell bedeutende Menge natürlichen Wasserstoffs produzieren kann, wird es einen Wettlauf um Fördergebiete geben."

Wood Mackenzies optimistisches Szenario sieht vor, dass bis 2050 jährlich 20 Millionen Tonnen natürlichen Wasserstoffs produziert werden könnten. Das wären laut der Schätzungen der IEA 6,7 Prozent des bis dahin benötigten Wasserstoffs.

"Es ist ein großes Abenteuer", sagt Grötsch, während er im Wald sein Werkzeug zusammenpackt. "Wir stehen da, wo die Öl- und Gasindustrie vor 150 Jahren stand. Wir beginnen eine neue Ära der Energieindustrie. Hoffentlich."

Redaktion: Sarah Steffen

Author Jonas Mayer
Item URL https://www.dw.com/de/weißer-wasserstoff-der-verborgene-schatz-im-untergrund/a-76836252?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76141178_607.jpg
Image caption Mit Messgeräten sucht der Geologe Jürgen Grötsch natürlichen Wasserstoff im Boden
Image source Florian Kroker/DW
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/gld/gld250331_hydrogentrains_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/76141178_607.jpg&title=Wei%C3%9Fer%20Wasserstoff%3A%20Der%20verborgene%20Schatz%20im%20Untergrund

Item 69
Id 77095406
Date 2026-05-08
Title Faktencheck: Hantavirus ist keine neue Pandemie
Short title Faktencheck: Hantavirus ist keine neue Pandemie
Teaser Drei Tote nach Hantavirus-Infektionen auf einem Kreuzfahrtschiff – auf Social Media spekulieren Nutzer bereits über eine neue Pandemie. Was ist dran? Drei Behauptungen im Faktencheck.
Short teaser Tote nach Hantavirus-Infekten auf einem Kreuzfahrtschiff - im Netz kündigen Nutzer eine neue Pandemie an. Was ist dran?
Full text

Hantavirus: Mehrere Infektionen auf einem Kreuzfahrtschiff, dazu ein Virusname, der der Öffentlichkeit noch nicht unbedingt bekannt war. Das reicht offenbar, um auf Social Media Erinnerungen an Corona wachzurufen, und um über eine neue Pandemie zu spekulieren.

Auslöser der Spekulationen ist die "Hondius", ein Kreuzfahrtschiff, das im April von Südargentinien aus gestartet war. Dort infizierten sich mehrere Menschen mit dem Hantavirus, genauer mit einer speziellen Virusvariante, dem Andes-Stamm. Drei Personen sind infolge der Infektion gestorben (Stichtag 7.5.2026), weitere Kontaktpersonen stehen derzeit unter Beobachtung.

Die DW hat drei virale Behauptungen über das Hantavirus einem Faktencheck unterzogen.

Videos aus der Corona-Pandemie

Behauptung: "Emmanuel Macron kündigt an, dass der Unterricht an Schulen und Universitäten aufgrund des Hantavirus ab Montag auf unbestimmte Zeit ausgesetzt wird", schreibt ein Nutzer auf der Plattform X. Auch andere Accountsteilten diese Behauptung mit einem Video von einer Ansprache des französischen Präsidenten. Die Posts wurden teils millionenfach gesehen.

DW Faktencheck: Falsch

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat diese Aussage tatsächlich einmal getroffen - allerdings im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, nicht mit dem Hantavirus. Eine Bilderrückwärtssuche zeigt: Das Original-Videostammt aus dem Jahr 2020 und wurde vom französischen Sender France 24 übertragen.

In der damaligen Fernsehansprachekündigte Macron Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie an. Dazu gehörten unter anderem die Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten oder Universitäten.

Aktuell gibt es keine Meldungen über Schulschließungen oder andere Maßnahmen wegen des Hantavirus. Die Nothilfekoordinatorin der WHO, Maria Van Kerkhoven, betonte in einer Pressekonferenz zum Infektionsgeschehen auf dem Kreuzfahrtschiff: "Die Situation ist nicht dieselbe wie vor sechs Jahren. [Das Hantavirus] Es verbreitet sich nicht auf dieselbe Weise wie Coronaviren. Dies ist nicht der Beginn einer Pandemie.".

Andesviren - eine Variante aus Südamerika

Behauptung: "Der Virusstamm wird von Mensch zu Mensch übertragen. Die Sterblichkeitsrate ist über 40 Prozent. Er ist bereits in den USA, Singapur, Großbritannien, der Schweiz, Südafrika, Kanada und den Niederlanden aufgetreten." Das schreibt ein Nutzerauf der Social Media Plattform X.

DW Faktencheck: Irreführend

Hantaviren kommen tatsächlich weltweit vor. Doch was der Nutzer hier macht, ist irreführend. Denn bei den auf dem Kreuzfahrtschiff vorkommenden Viren handelt es sich lediglich um den Andes-Stamm - die einzige Virusvariante des Hantavirus, die von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Der Nutzer vermischt in seiner Aussage hier verschiedene Virusvarianten, die sehr unterschiedlich sind.

In der Regel wird das Hantavirus vom Tier auf den Menschen übertragen. Die Ausnahme ist der Andes-Stamm, auf den sich der User hier bezieht und der auf dem Kreuzfahrtschiff kursiert.

Der Andes-Stamm des Hantavirus kann – anders als die meisten Hantaviren – von Mensch zu Mensch übertragen werden, hauptsächlich durch engen Kontakt. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO)können Infektionen in manchen Fällen schwerwiegend verlaufen, aber sie sind nicht leicht von Mensch zu Mensch übertragbar.

Weltweit treten nach WHO-Angabenjährlich etwa 10.000 bis über 100.000 Hantavirus-Infektionen auf. Die Viren unterscheiden sich je nach Region deutlich.

In Deutschland und weiten Teilen Europas verursachen sie meist mildere Erkrankungen. Die Sterblichkeitsrate liegt hier meist zwischen eins und 15 Prozent.

In Nord- und Südamerika treten Fälle seltener auf - meist nur einige hundert Fälle pro Jahr. Allerdings können dort schwere Lungenerkrankungen entstehen. Laut einer 2023 veröffentlichten Lancet-Studieverlaufen diese Fälle in etwa 30 bis 40 Prozent der Fälle tödlich.

Auf der Hondius handelt es sich nur um den Andes-Stamm, der sich auch von Mensch zu Mensch übertragen kann. Auf dem Schiff wurden bisher acht Fällegemeldet. Bei fünf der acht Fälle wurde eine Infektion mit dem Hantavirus bestätigt.

Fauci-Zitat ist erfunden

Behauptung: Ein anderer Social Media-Nutzer behauptet, dass der US-amerikanische Virologe Anthony Stephen Fauci wieder ins Rampenlicht rücke. Angeblich soll er gesagt haben: "Es könnte an der Zeit sein, wieder Masken zu tragen und Abstand zu halten." Die Behauptung hat etwa 1,3 Millionen Aufrufe auf der Plattform X.

DW Faktencheck: Falsch

Es gibt weder Medienberichte noch Hinweise darauf, dass der US-Virologe Anthony Fauci diese Aussage getroffen hat. Fauci war während der Covid-Pandemie ab Januar 2021 Chefberater von US-Präsident Joe Biden. Aufgrund seiner Analysen zur Corona-Pandemie geriet er immer wieder mit Trump aneinander und wurde zu einer Hassfigur der US-amerikanischen Rechten.

Eine Suche nach dem direkten Zitat ergibt keine Treffer. Hinzu kommt, dass der Account, der diese Behauptung verbreitete, sich selbst als Parodie-Accountbezeichnet - also offenbar bewusst auf die Sorgen und Ängste während der Corona-Pandemie anspielte.

Keine Übertragung durch Tröpcheninfektion

Unabhängig davon ist ein Vergleich mit der Corona-Pandemie nach wissenschaftlichem Stand irreführend. Hantaviren werden in der Regel nicht über Tröpfcheninfektionen übertragen, gegen die ein Mund-Nasen-Schutz eigentlich schützen soll. Die Ansteckungerfolgt meist vom Tier auf den Menschen.

Menschen infizieren sich etwa über die Ausscheidungen infizierter Nagetiere. Die Viren können auch in getrocknetem Zustand infektiös bleiben und über aufgewirbelten Staub eingeatmet werden. Möglich sind auch Infektionen durch kontaminierte Lebensmittel, verletzte Haut oder Tierbisse.

Eine Übertragung von Mensch zu Mensch gilt als selten und wurde bislang nur im sogenannten Andes-Stamm nachgewiesen. Dafür ist enger Körperkontakt erforderlich.

Anders war die Lage bei COVID-19. Das Corona-Virus verbreitete sich vor allem über Tröpfchen und Aerosole. Das Tragen einer Schutzmaskesollte deshalb das Risiko einer Ansteckung verhindern.

Author Silja Thoms
Item URL https://www.dw.com/de/faktencheck-hantavirus-ist-keine-neue-pandemie/a-77095406?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77090079_607.jpg
Image caption Vom Kreuzfahrtschiff ins Krankenhaus: Vor den Kapverdischen Inseln wurden mehrere Passagiere der "Hondius" mit Verdacht auf das Hantavirus evakuiert. Das Schiff ist mittlerweile auf dem Weg nach Teneriffa
Image source Misper Apawu/AP Photo/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77090079_607.jpg&title=Faktencheck%3A%20Hantavirus%20ist%20keine%20neue%20Pandemie

Item 70
Id 77056612
Date 2026-05-06
Title Pflanzen können "hören": Regengeräusche wecken Samen
Short title Pflanzen können "hören": Regengeräusche wecken Samen
Teaser Viele Menschen stellen sich Regengeräusche zum Einschlafen an. Für bestimmte Samen kurz vor dem Keimen läuft es genau umgekehrt: Sie werden bei Regen erst wach.
Short teaser Forschende haben herausgefunden, dass Reissamen auf die Vibration von Regentropfen reagieren und eher keimen.
Full text

Während sanftes Regenprasseln auf die meisten von uns eine beruhigende Wirkung hat, kann dasselbe Geräusch für Samen, die darauf warten zu keimen, ein Weckruf sein.

Pflanzen reagieren auf eine Vielzahl von Umweltreizen - einige auf Berührung, andere auf Chemikalien und die meisten auf Licht.

Nun haben Forschende am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den Vereinigten Staaten herausgefunden, dass manche Samen direkt auf das Geräusch fallenden Regens reagieren, indem sie schneller keimen.

Tatsächlich scheint es so, als würden Samen das Umweltsignal des Regens - das sie durch die erzeugten Vibrationen spüren oder "hören" - nutzen, um zu entscheiden, dass der richtige Zeitpunkt zum Keimen gekommen ist.

Wie Samen auf Regen reagieren

Die Forschenden am MIT führten Versuche mit Reissamen durch. Sie fanden heraus, dass akustische Schwingungen von Regentropfen die Samen aus ihrer Keimruhe rüttelten und sie dazu veranlassten, früher zu keimen, als sie es sonst getan hätten.

Ihre Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht. Sie liefern den ersten direkten Hinweis darauf, dass Pflanzensamen Geräusche wahrnehmen und darauf reagieren können.

Die Forschenden setzten Tausende von Reissamen kontrollierten Wassertropfen aus, die Regenfälle unterschiedlicher Intensität nachahmten, von leicht bis stark. Die Samen wurden in seichtes Wasser getaucht - Bedingungen, wie sie für den Reisanbau typisch sind.

Die Ergebnisse waren verblüffend. Samen, die dem Geräusch fallender Tropfen ausgesetzt waren, keimten 30 bis 40 Prozent schneller als Samen, die von Stille umgeben waren.

Alles eine Frage der Physik

Wenn ein Regentropfen auf Wasser oder eine feste Oberfläche trifft, erzeugt der dadurch entstehende Druck Schwingungen oder Druckwellen, die sich ausbreiten und als Schall wahrgenommen werden können. Im Wasser, also zum Beispiel auf einem Reisfeld, können diese Schwingungen besonders intensiv sein.

Nicholas Makris vom MIT, der die Studie gemeinsam mit seiner Kollegin Cadine Navarro verfasste, verglich die von den Samen aufgefangenen Druckwellen, nur wenige Zentimeter vom Aufprallpunkt eines Regentropfens entfernt, mit "dem Geräusch, das ein Mensch in der Luft wenige Meter von einem Düsentriebwerk entfernt hört".

Samen hören Regen nicht wirklich - sie spüren ihn eher

Der Begriff "Hören" suggeriert, dass es einen Teil der Pflanze gibt, der zuhört und entsprechend bewusst reagiert. Auch wenn das so nicht ganz stimmt - ein Körnchen Wahrheit enthält diese Vorstellung doch.

Frantisek Baluska, emeritierter Professor für Pflanzenphysiologie und Zellbiologie an der Universität Bonn, der nicht an der MIT-Studie beteiligt war, verweist auf andere Forschungsergebnisse, die darauf hindeuten, dass Pflanzensamen sogenannte Entscheidungszentren haben könnten. Diese Entscheidungszentren werden manchmal als winzige "Pflanzengehirne" beschrieben.

"Wir wissen, dass Pflanzen echte Lebewesen sind", sagt Baluska der DW. "Pflanzen erweisen sich zunehmend als kognitive Organismen."

Ähnlich wie bei der Vorstellung, dass Pflanzen Regen "hören" können, denken Pflanzen nicht so, wie wir Menschen uns "Denken" vorstellen. Es sei jedoch möglich, so Baluska, dass Samen anhand einer Art "kognitiven Bewertung" über die Keimung entscheiden.

Die Rolle von Schwerkraftsensoren bei der Keimung

Makris und Navarro glauben, dass die Vibrationen der fallenden Regentropfen auf winzige innere Strukturen einwirken, die als Statolithen bekannt sind. Dabei handelt es sich um dichte, sandartige Organellen im Inneren von Pflanzenzellen, die dabei helfen, die Schwerkraft zu erkennen.

Statolithen lagern sich am Boden der Zellen ab, von wo aus sie es einem Samen ermöglichen zu erkennen, wo oben und wo unten ist - so wachsen Wurzeln nach unten und Stängel nach oben.

Die Forschungsergebnisse des Teams deuten jedoch darauf hin, dass die Energie der durch Regen verursachten Schwingungen die normale Funktion der Statolithen stört.

"Wenn der Samen durch eine Schallwelle erschüttert wird, wird die Statocytenzelle [der Schwerkraftsensor, die Red.] erschüttert, und die Statolithen im Inneren der Zelle werden verschoben, genau wie Salz in einem Salzstreuer", erklärt Makris gegenüber der DW. "Diese Störung kann eine Wachstumsreaktion auslösen."

Regengeräusche hilfreich beim Finden der idealen Keimposition

Samen, die auf diese Schwingungen reagieren, befinden sich wahrscheinlich nahe der Oberfläche - wo Feuchtigkeit verfügbar ist, und nicht so tief, dass die austreibenden Triebe das Licht nicht erreichen können. Das bedeutet, dass das Geräusch des Regens ihnen helfen könnte, einzuschätzen, ob sie sich in einer idealen Position zum Wachsen befinden.

"Das menschliche Gehör ist so angepasst, dass es für den Menschen von Vorteil ist", sagt Makris. "Was wir bei den Pflanzensamen und Keimlingen beobachtet haben, ist offenbar auch für sie von Vorteil."

Laut Makris sei es ziemlich wahrscheinlich, dass auch Samen anderer Pflanzen auf ähnliche Weise auf das Geräusch von Regen reagieren wie Reissamen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Englisch.

Author Richard Connor
Item URL https://www.dw.com/de/pflanzen-können-hören-regengeräusche-wecken-samen/a-77056612?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/67937663_607.jpg
Image caption Bestimmte Samen können Regenfall spüren, fanden Forschende am MIT heraus
Image source Hans-Joachim Schneider/CHROMORANGE/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/67937663_607.jpg&title=Pflanzen%20k%C3%B6nnen%20%22h%C3%B6ren%22%3A%20Regenger%C3%A4usche%20wecken%20Samen

Item 71
Id 55585604
Date 2026-05-04
Title Hantavirus auf Kreuzfahrt: Ansteckung, Symptome, Therapie
Short title Hantavirus auf Kreuzfahrt: Ansteckung, Symptome, Therapie
Teaser Drei Menschen starben auf einem Kreuzfahrtschiff im Atlantik, mutmaßlich am Hantavirus. Bei zwei Personen wurde die gefährliche Unterart Andes-Virus nachgewiesen. Was sind die Symptome und wie steckt man sich an?
Short teaser Hantavirus-Alarm auf einem Kreuzfahrtschiff im Atlantik: Was sind die Symptome der Krankheit und wie steckt man sich an?
Full text

Auf einem Kreuzfahrtschiff auf der Fahrt von Argentinien nach Kap Verde sind drei Reisende, ein niederländisches Paar und eine Deutsche, nach einem Hantavirus-Ausbruch verstorben. Ein 69-Jähriger, der sich ebenfalls mit dem Virus infizierte, wird nach Medienberichten in Südafrika intensivmedizinisch behandelt. Auch einige Crewmitglieder sind schwer erkrankt. Die Weltgesundheitsorganisation geht von insgesamt acht infizierten Hantavirus-Fällen aus. Drei konnten bisher nachgewiesen werden.

"Das Risiko für die allgemeine Öffentlichkeit bleibt niedrig", verkündete das Büro für die europäische Region der Weltgesundheitsorganisation in einer Pressemitteilung am Montag. "Es gibt keinen Grund zur Panik oder für Reise-Einschränkungen."

Am Mittwoch wurde bekannt, dass die verstorbene Niederländerin und der Patient, der aktuell in Südafrika behandelt wird, am Andes-Virus erkrankten. Diese Art des Hantavirus ist die einzige, die von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Sie hat eine höhere Sterblichkeitsrate als die meisten anderen Hantavirus-Arten.

Das betroffene Kreuzfahrtschiff ist die "Hondius" des niederländischen Betreibers Oceanwide Expeditions. Bei der Reise waren 149 Passagiere und Crewmitglieder an Bord.

Was ist das Hantavirus und wie steckt man sich an?

Das Hantavirus ist eine Zoonose. Es wird vom Tier auf den Menschen übertragen, mit Ausnahme des Andes-Virus. Diese Art kommt in Chile und Argentinien vor, wo sich die Kreuzfahrtpassagiere mutmaßlich infizierten. Für die Ansteckung ist enger, länger andauernder Kontakt zu einer erkrankten Person nötig.

Die natürlichen Wirte der Hantaviren sind hauptsächlich verschiedene Maus- und Rattenarten. Die Viren wurden aber auch schon bei Maulwürfen und Fledermäusen entdeckt. Die Erreger werden von infizierten Tieren über Speichel, Urin und Kot ausgeschieden.

Der Mensch infiziert sich über den Kontakt mit Ausscheidungen von infizierten Nagern - etwa, wenn kontaminierter Staub aufgewirbelt und die Erreger eingeatmet werden. Auch, wer Partikel mit der Nahrung aufnimmt, oder sich zum Beispiel nach Kontakt mit kontaminiertem Staub die Augen wischt oder die Nase putzt, kann erkranken. Die Viren können in der Umwelt mehrere Wochen überdauern. Ein direkter Kontakt mit erkrankten Tieren ist also gar nicht nötig, aber man kann sich auch durch den Biss eines infizierten Nagers anstecken.

Welche Symptome sind typisch?

Der Schweregrad des Verlaufs hängt von der Art des Hantavirus ab. Hantavirus-Arten, die in Europa und Asien auftauchen, verursachen normalerweise grippeähnliche Infektionen, mit über drei bis vier Tage anhaltendem hohen Fieber (über 38 Grad Celsius) sowie Kopf-, Bauch- und Rückenschmerzen, einige Erkrankte zeigen aber auch keine Symptome. In einigen Fällen kann sich die Erkrankung zu einem hämorrhagischen Fieber mit renalem Syndrom entwickeln. Es kann es zu Blutdruckabfall und Nierenfunktionsstörungen bis zum akuten Nierenversagen kommen. Laut der Online-Ausgabe des MSD Manuals für Patienten, einem medizinischen Handbuch der Pharmafirma Merck Sharp & Dohme, führt das hämorrhagische Fieber mit renalem Syndrom bei bis zu 15% der Patientinnen und Patienten zum Tod. Die Sterblichkeitsrate variiert je nach Art des Hantavirus.

Hantavirus-Arten, die in Nord- und Südamerika auftauchen, können ein pulmonales Syndrom auslösen. Dabei sammelt sich Flüssigkeit um die Lunge und der Blutdruck fällt; es kann zu schwerer Atemnot kommen. Bei rund 50% der Erkrankten führt das pulmonale Syndrom laut MSD Manual zum Tod.

Hantavirus in Deutschland

Hantaviren sind in Deutschland schon über viele Jahre bekannt. Zwischen 200 und 3000 Fällen treten üblicherweise pro Jahr auf.

Die Hantavirus-Art, die in Deutschland am häufigsten auftritt, ist das Puumalavirus. Dafür ist die Rötelmaus der häufigste Reservoirwirt. Bei dieser Hantavirus-Art liegt die Sterblichkeitsrate laut einer Studie im Fachblatt Lancet bei nur rund 1%.

Daneben sind in Deutschland humane Infektionen mit dem Dobrava-Belgrad-Virus beschrieben worden. Während das Puumalavirus ausschließlich im westlichen Teil Deutschlands vorkommt, ist die Verbreitung des Dobrava-Belgrad-Virus wegen des Vorkommens der Brandmaus als Reservoirwirt auf den östlichen Teil Deutschlands beschränkt. Auch das Seoulvirus löst in Deutschland vereinzelt Hantavirus aus.

Langzeiteffekte und Behandlung des Hantavirus

Jüngste Studien zeigen, dass das Hantavirus auch nach Abklingen der akuten Infektion gesundheitliche Folgen haben kann. Forschende haben herausgefunden, dass Erkrankte in den Jahren nach der Infektion ein erhöhtes Risiko für bestimmte Arten von Blutkrebs und für Herzkreislauf-Erkrankungen hatten. Die Mechanismen dahinter sind laut der Lancet-Studie noch nicht geklärt.

Die Behandlung des Hantavirus beschränkt sich im Wesentlichen auf die Behandlung der Symptome. Schwere Krankheitsverläufe können Dialyse oder künstliche Beatmung erfordern. In Europa sowie Nord- und Südamerika gibt es noch keine Impfungen gegen das Hantavirus. In China und Südkorea werden Impfstoffe eingesetzt, ihre Effizienz konnte laut der Lancet-Studie jedoch noch nicht wissenschaftlich belegt werden.

An neuen Therapien wird geforscht. Eine experimentelle Behandlungsmethode, die auf Antikörpern von Überlebenden beruht, konnte in ersten Versuchen verschiedene Hantavirus-Arten erfolgreich neutralisieren.

DNA-Impfstoffe gegen beispielsweise das Puumalavirus zeigten sich in ersten Versuchen bei Menschen als erfolgversprechend. Die Forschenden veröffentlichten ihre Ergebnisse im Fachblatt npj Vaccines im November 2024.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich am 4. Mai 2026 veröffentlicht. Am 5. Mai haben wir ihn mit neuen Informationen zu den verstorbenen und erkrankten Reisenden aktualisiert. Am 7. Mai haben wir Information zu den bestätigten Fällen des Andes-Virus hinzugefügt.

Author Hannah Fuchs, Carla Bleiker, Esteban Pardo
Item URL https://www.dw.com/de/hantavirus-auf-kreuzfahrt-ansteckung-symptome-therapie/a-55585604?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77090370_607.jpg
Image caption Diagnose des Andes-Hantavirus am Malbrán-Institut in Argentinien
Image source Argentine Health Ministry/AFP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77090370_607.jpg&title=Hantavirus%20auf%20Kreuzfahrt%3A%20Ansteckung%2C%20Symptome%2C%20Therapie

Item 72
Id 76813072
Date 2026-04-24
Title Energiekrise und Irankrieg: Schaffen Staaten nun den Ausstieg aus Öl und Gas?
Short title Neue Initiative: Schaffen Staaten den Ausstieg aus Öl & Gas?
Teaser In Kolumbien beraten mehr als 50 Staaten über einen praktischen Fahrplan zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Kann die Konferenz schaffen, was beim UN-Klimagipfel COP bisher nicht gelang?
Short teaser Über 50 Staaten beraten in Kolumbien über einen Fahrplan zum Ende von Öl und Gas. Was kann die Konferenz bringen?
Full text

Es ist der Beginn einer "neuen diplomatischen, politischen Bewegung" , zumindest in den Augen von Cristián Retamal.

Als wir mit dem ehemaligen Unterhändler für die chilenische Regierung bei internationalen Klimaverhandlungen sprechen, ist er auf dem Sprung nach Santa Marta in Kolumbien .

Dort findet vom 24. bis 29. April die erste weltweite Konferenz zum Ausstieg es aus den fossilen Brennstoffen statt.

Über 50 Länder schicken ihre Minister und Diplomaten zu dem Treffen.

Das Ziel ist im Idealfall ein Fahrplan, wie genau die Abhängigkeit von Fossilen Brennstoffen verringert werden kann, und wie der Ausstieg bestmöglich gelingt. Und vor allem: welche rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen dafür notwendig sind.

Die Konferenz findet auf Einladung der Niederlande und Kolumbiens statt, nachdem sich bei der UN-Klimakonferenz COP30 in Brasilien im vergangenen November ein breites Bündnis von mehr als 80 Ländern für einen Fahrplan zum Ausstieg gebildet hatte. Damals scheiterte der Vorschlag am Veto einiger Öl-Länder.

Am Ende konnte man sich beim Klimagipfel nicht einmal auf ein allgemeines Bekenntnis zur Abkehr von Kohle, Öl und Gas einigen – der Hauptursache für den Klimawandel.

"Wenn man sich die Geschichte ansieht, wurde das Thema Klima in den 90er Jahren auf UN-Ebene zu einem Thema, weil einige Länder beschlossen hatten, sich damit zu befassen und darauf zu drängen," so Retamal.

Von der Konferenz in Kolumbien könnte, so denkt er, möglicherweise eine Signalwirkung für einen Fahrplan zum Fossil-Ausstieg ausgehen.

Beispiellose "Allianz der Willigen"

Die kolumbianische Umweltministerin Irene Vélez Torres nennt das Treffen "beispiellos". Denn zu den teilnehmenden Ländern gehören nicht nur vom Klimawandel besonders gefährdete Inselstaaten im Pazifik, sondern auch große Öl- und Gasländer wie Kanada, Australien, das Vereinigte Königreich oder Norwegen.

Auch Deutschland und einige Länder der europäischen Union, sowie die EU-Kommission schicken Gesandte.

Als "historische" Konferenz bezeichnen auch einige Nichtregierungsorganisationen das Treffen bereits vorab.

Ob historisch oder beispiellos, was die Konferenz sicherlich ist: ein Treffen der Allianz der Willigen.

Schluss mit Subventionen für Fossile?

"Es ist Zeit für die Umsetzung, keine Diskussionen mehr über Ziele," so ein Sprecher des niederländischen Ministeriums für Klima und grünes Wachstum.

Die Niederlande wollten ihr Versprechen einhalten, sich von fossilen Brennstoffen zu verabschieden. Konkret wolle man darauf hinarbeiten, wie "eine Verringerung von Angebot und Nachfrage" zu erreichen sei.

Demnach ist die Allianz der Willigen unter anderem ein Zusammenschluss "für den Ausstieg aus den Subventionen für fossile Brennstoffe".

Zwar haben erneuerbare Energie weltweit massiv zugelegt, eine globaler Rückgang der Fossilen und damit auch bei der weltweiten Emissionen wird aber erst in den kommenden Jahren erwartet. Derzeit werden fossile Brennstoffe weltweit immer noch mit rund 0.92 Trillionen US-Dollar subventioniert. Das führt auch dazu dass Öl, Benzin und Kohle als preislich attraktiver erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind.

Eine neue diplomatische Bewegung für den Ausstieg

Zum anderen befeuert das Verbrennung von fossilen massiv die Erderwärmung. Zunehmende Hitze und Starkregen, heftigere Stürme oder Überschwemmungen sind nur einige Folgen, die dadurch immer extremer und teurer werden. Das verursacht schon heute schwere Schäden für die Menschen und Volkswirtschaften weltweit.

Aktuell zeigt der Irankrieg und die dramatisch hohen Öl- und Gaspreise und Lieferengpässe die Verwundbarkeit von Ländern, die auf fossile Brennstoffe angewiesen sind oder auf die Erlöse durch deren Verkauf.

"Der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen verringert sowohl die Abhängigkeit von externen Faktoren als auch die Belastung durch giftige Schadstoffe, ermöglicht eine stabilere Entwicklung und stärkt Selbstbestimmung und Demokratie," sagt Lili Fuhr, Fossil Economy Program Director vom Center für internationale Umweltrecht (CIEL)

Seit Jahre warnen Experten vor zu großer Abhängigkeit von Kohle, Öl und Gas für die Wirtschaft. Beispielsweise wurde mit dem russische Angriff auf die Ukraine in Europa schlagartig das Gas knapp. Die aktuelle Lage zeigt, dass diese Abhängigkeit immer noch hoch ist.

"Die Konferenz wurde sicherlich nicht im Kontext der aktuellen Situation hoher Ölpreise ins Leben gerufen. Aber es ist heute sicherlich ein Schlüsselargument, um ernsthaft den Weg aus weg von fossilen Brennstoffen zu diskutieren," ergänzt Retamal.

Der Ausstieg aus Öl, Gas und Kohle ist komplex

Trotz der Euphorie unter Teilnehmern und Beobachtern sei dieses erste Treffen in Santa Marta "kein Allzweckreiniger oder ein Zauberstab", sagt Madeleine Wörner, Energieexpertin der deutschen Nichtregierungsorganisation Misereor.

Man werde es nicht schaffen alle Probleme und Blockaden, die sich über Jahrzehnte aufgebaut haben, sofort zu beheben.

Auch Retamal geht davon aus, dass es einige Jahre dauern könnte, bis es zu einem verbindlichen Fahrplan oder gar einem Abkommen unter den Ländern kommt.

Denn beim Ausstieg geht es nicht nur darum fossile durch erneuerbare Energien zu ersetzten. Auch Handels- und rechtliche Fragen sind zu klären. Beispielsweise könnte der schweizerische Rohstoffkonzern Glencore bei einem raschen Ausstieg den Fossilen den kolumbianischen Staat verklagen, erläutert Wörner.

Glencore gehört die größte Kohlemine Lateinamerikas, "El Cerrejón" in Kolumbien.

Durch übliche Klauseln in den internationalen Handelsverträgen für den Investitionsschutz ausländischer Firmen, sogenannten "Schiedsgerichtsverfahren" (ISDS) haben Konzerne die Möglichkeit Schadensersatzforderungen für entgangene Gewinne zu verlangen.

Das könnte beispielweise passieren, wenn Glencores Mine früher schließen muss als geplant. Das sei nicht nur teuer, sondern könne auch bilateralen Streit nach sich ziehen, sagt Wörner. Das Gute sei, dass auch Vertreter aus der Schweiz nach Santa Marta kommen und diese Dinge direkt besprochen werden könnten.

Deutschland schickt keinen Minister

Co-Gastgeber Niederlande wird seine Klimaminister schicken, Kolumbien ebenfalls. Die niederländische Regierung erwartet, dass auch Kolumbiens Präsident Gustavo Petro dabei sein werde. Für Deutschland wird Staatssekretär Jochen Flasbarth vom Umweltministerium anreisen.

"Schade, dass die Bundesregierung hier nicht auf höchster Ebene auftritt," findet Wörner. In der Bundesregierung gebe es derzeit unterschiedliche Auffassungen über die deutsche Klimapolitik, deshalb sei man laut der Beobachterin von Misereor derzeit eher "Mitläufer" als Gestalter.

Die Konferenz ist nicht als Verhandlung angelegt, sondern als Dialog. In den ersten Tagen wird ein breites Spektrum zivilgesellschaftlicher Gruppen mit Wissenschaftlern und privater Wirtschaft über Lösungen diskutieren. Die politischen Vertreter der Länder kommen dann für die letzten zwei Tage zu den Beratungen dazu. Danach wird klarer sein, was die neue Bewegung wirklich erreichen kann.

Author Tim Schauenberg
Item URL https://www.dw.com/de/energiekrise-und-irankrieg-schaffen-staaten-nun-den-ausstieg-aus-öl-und-gas/a-76813072?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76897730_607.jpg
Image caption Kann ein Ausstieg es aus den umweltschädlichen fossilen Brennstoffen gelingen?
Image source Roberto Pfeil/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/BUSI/BUSIDEU260303_DWICOAL_CMS_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/76897730_607.jpg&title=Energiekrise%20und%20Irankrieg%3A%20Schaffen%20Staaten%20nun%20den%20Ausstieg%20aus%20%C3%96l%20und%20Gas%3F

Item 73
Id 76810741
Date 2026-04-21
Title Magma unter der Toskana: Neue Hoffnung für die Energiewende
Short title Magma unter der Toskana: Neue Hoffnung für die Energiewende
Teaser Forschende haben unter der Region im Westen Italiens ein riesiges Magma-Reservoir entdeckt – dank einer Technologie aus der Erdbeben-Forschung. Die Methode könnte auch beim Auffinden Seltener Erden helfen.
Short teaser Forschende haben ein riesiges Magma-Reservoir entdeckt – dank einer Technologie aus der Erdbeben-Forschung.
Full text

Es brodelt gewaltig: Unter den grünen Hügeln der Toskana in Italien haben Forschende eine riesige Magmakammer entdeckt. Das geothermale Reservoir umfasst rund 6000 Kubikkilometer – etwa das 120-fache des Volumens des Gardasees.

Das Besondere an diesem Fund: An der Oberfläche ist von dem riesigen Magma-Pool nichts zu sehen. Während Reservoire einer solchen Größenordnung anderswo durch Aktivitäten wie Vulkanausbrüche, Kraterbildung oder Geysire auf sich aufmerksam machen, sieht man in der pittoresken italienischen Region rein gar nichts von der heißen Gesteinsschmelze im Untergrund.

Ein Team von Forschenden der Universität Genf in der Schweiz entdeckte die Magmakammer und veröffentlichte seine Ergebnisse im April in dem renommierten Fachblatt Nature. "Wir wissen, dass diese Region, die sich vom Norden in den Süden der Toskana erstreckt, geothermal aktiv ist", sagt Matteo Lupi aus dem Bereich Earth Sciences der Universität Genf, leitender Autor der Studie. "Aber uns war nicht klar, dass dort so ein großes Volumen an Magma liegt, das sich mit Supervulkan-Systemen wie dem unter Yellowstone [einem Nationalpark im Westen der USA, Anm. d. Red.] vergleichen lässt."

Trotz ihrer Größe stellt die Magmakammer keine Gefahr für die Menschen in der Toskana dar. "Irgendwann in der Zukunft wird es hier wahrscheinlich zu einem Ausbruch kommen", sagte Lupi der DW. "Aber wir sprechen von geologischen Zeitmaßstäben. Dann leben dort wahrscheinlich schon gar keine Menschen mehr." Trotzdem ist der Fund von großem wissenschaftlichem Interesse.

Den Lärm der Erde aufzeichnen

Gefunden haben die Forschenden das Reservoir mithilfe einer Technik namens "ambient noise tomography", oder Umweltgeräusch-Tomografie. Sie wird bereits in der Seismologie, die sich mit der Entstehung und Verbreitung von Erdbebenwellen beschäftigt, eingesetzt.

"Wir nutzen dabei Mikrofone, die seismische Geräusche aufzeichnen", sagt Lupi. "Die Erde macht schließlich immer Lärm." Diese Geräusche kommen von menschlichen Aktivitäten, aber auch von natürlichen Vorgängen wie dem Wechsel der Gezeiten oder Wind.

Wenn diese Schallwellen besonders lange von einem Messpunkt zum nächsten brauchen, ist das ein Anzeichen dafür, dass das Gestein unter der Erdoberfläche einen hohen Flüssigkeitsanteil hat – wie das zum Beispiel bei Magma der Fall wäre. Die Forschenden in der Toskana stießen auf solch langsame Schallwellen bei der Auswertung der 60 Sensoren, die sie für die Studie platziert hatten. "Auf einer Tiefe von 8 bis 10 Kilometern waren die Wellen besonders langsam", erzählt Lupi. Dort stieß sein Team dann auf die Magmakammer.

Wertvoller Sprung nach vorn für die Energiewende

Durch die Analyse der Aufnahmen konnten die Forschenden 3D-Aufnahmen der Region unter der Erdoberfläche erstellen. Die Fähigkeit, solche Aufnahmen zu erstellen und mithilfe der Technologie heiße Magmakammern zu entdecken, ist für die Zukunft der Energiewende sehr wertvoll. Denn Erdwärme, oder Geothermie, wird immer wichtiger. Sie gehört zu den erneuerbaren Energien und ist – anders als etwa Solarenergie – wetterunabhängig.

Lupi sagt, dass Unternehmen jetzt schon die von ihm und seinem Team verwendete Tomografie-Technologie nutzen könnten, um festzustellen, wo es sich besonders lohnt, nach Erdwärme zu bohren. Das Verfahren sei schnell und koste nicht einmal viel. "Der einzige Knackpunkt ist, dass konservative Firmen sich auf keine Technologie einlassen wollen, die sie nicht verstehen", sagt der Forscher. "In Asien gibt es schon viele Firmen, die mit der Methode arbeiten. In der Schweiz ist das Umfeld konservativer, da wird sie noch nicht viel genutzt."

Seltene Erden auch durch Tomografie auffindbar

Umweltgeräusch-Tomografie kann auch dabei helfen, Ablagerungen von Lithium oder Seltenen Erden zu finden. Diese Rohstoffe sind in der heutigen Zeit von hohem Wert, weil sie zum Beispiel in E-Auto-Batterien oder Computerchips verbaut werden. Aktuell ist die Welt für Seltene Erden noch hauptsächlich von China abhängig, wo bisher die meisten Vorkommen des Rohstoffs entdeckt wurden.

Author Carla Bleiker
Item URL https://www.dw.com/de/magma-unter-der-toskana-neue-hoffnung-für-die-energiewende/a-76810741?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76796115_607.jpg
Image caption In der Toskana steht bereits das älteste Geothermie-Kraftwerk der Welt, Larderello
Image source Matteo Lupi/UNIGE
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/76796115_607.jpg&title=Magma%20unter%20der%20Toskana%3A%20Neue%20Hoffnung%20f%C3%BCr%20die%20Energiewende

Item 74
Id 76760889
Date 2026-04-15
Title Klitoris-Anatomie: Neue Studie zeigt vernachlässigtes Organ
Short title Klitoris-Anatomie: Neue Studie zeigt vernachlässigtes Organ
Teaser Hochauflösende Bilder machen das komplexe Nervennetz der Klitoris sichtbar. Und sie machen deutlich, wie groß die Wissenslücken in der Medizin, insbesondere bei Frauengesundheit, bis heute sind.
Short teaser Neue 3D‑Bilder machen das komplexe Nervennetz der Klitoris sichtbar - und die blinden Flecken der Medizin.
Full text

Was denken Sie: Wie groß ist die Klitoris? Wo liegt sie genau? Wie ist sie aufgebaut? Wenn Sie damit überfragt sind, geht es nicht nur Ihnen so. Selbst für viele Medizinerinnen und Mediziner sind diese Fragen bis heute erstaunlich schwer zu beantworten. Das liegt weniger am mangelnden Interesse Einzelner als an einem strukturellen Problem. Zentrale Organe des weiblichen Körpers wurden in der Medizin lange deutlich schlechter erforscht als ihre männlichen Gegenstücke.

Das männliche Pendant zur Klitoris ist der Penis: Beide haben den gleichen embryonalen Ursprung, besitzen Schwellkörper, erigieren bei Erregung und spielen eine zentrale Rolle beim Lustempfinden. Doch Fragen wie "Wie groß ist ein Penis?" oder "Wie ist er aufgebaut?" können viele eher beantworten. Das steht schließlich in jedem Biologiebuch.

Anatomie der Klitoris in 3D

Eine neue 3D-Studie aus den Niederlandenschließt die Klitoris-Wissenslücken nun ein Stück weiter. Ein Forschungsteam um Ju Young Lee am Amsterdam University Medical Center in den Niederlanden hat dafür zwei Körperspenden mit einem speziellen Röntgenverfahren untersucht: Synchrotronstrahlung - eine extrem hochauflösenden Form der Bildgebung. Sie ermöglicht Aufnahmen, die bis ins kleinste Detail reichen. Herkömmliche Verfahren wie MRT können zwar grobe Strukturen zeigen, die räumliche Darstellung feinster Nervenverläufe war bislang jedoch nicht möglich.

In den Aufnahmen wird erstmals sichtbar, wie komplex das Nervensystem der Klitoris tatsächlich ist. Die Forschenden konnten den Verlauf des dorsalen Klitorisnervs, also des wichtigsten sensorischen Nervs der Klitoris, vom Becken bis in die Klitoriseichel dreidimensional verfolgen. Innerhalb der Eichel verzweigen sich mehrere dicke Nervenstämme baumartig bis nahe an die Oberfläche - einige von ihnen bis zu 0,7 Millimeter stark. Entgegen früherer Annahmen verjüngen sich die Nerven nicht, sondern fächern sich weiter auf. Zudem zeigen die Bilder, dass Nervenäste nicht nur die Eichel versorgen, sondern auch in die Klitorisvorhaut und bis zum Schamhügel (Mons pubis) ziehen.

Organ im weiblichen Körper, das lange übersehen wurde

Dass die Klitoris so lange vernachlässigt wurde, liegt auch daran, dass sie über Jahrzehnte auf ihre sichtbare Spitze reduziert wurde. Tatsächlich liegt der Großteil des Organs im Körperinneren. Diese anatomische Realität wurde erst Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre systematisch beschrieben.

Eine zentrale Rolle spielte dabei die australische Urologin Helen O'Connell. Mithilfe von MRT‑Untersuchungen zeigte sie erstmals, dass die Klitoris kein kleiner äußerer Knubbel ist, sondern ein großes, komplexes Organ, das eine Gesamtlänge von acht bis zwölf Zentimetern erreichen kann: Die sichtbare Eichel ist nur der äußere Teil einer Struktur, die sich unterhalb des Schambeins erstreckt, die den Vaginaleingang umgibt und aus Schwellkörpern besteht, die sich bei Erregung mit Blut füllen.

Vergleichbar detaillierte Darstellungen des Penis existierten zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahrzehnten.

Klitoris bisher kein Forschungsschwerpunkt

Ju Young Lee ist ausgebildete Neurowissenschaftlerin, ihr Fokus lag lange auf dem Gehirn. In den vergangenen Jahren habe sich die Forschung jedoch zunehmend auch peripheren Nervensystemen zugewandt, etwa dem Darm. Auf einer großen europäischen Konferenz fragte sie einmal, ob jemand untersuche, wie Nerven in gynäkologischen Organen mit dem Gehirn kommunizieren. Die Antwort vom Podium: "Oh, darüber habe ich noch nie nachgedacht."

Lee ließ das Thema nicht los. Nach ihrer Promotion ging sie ans Amsterdam University Medical Center, das Teil des internationalen Projekts Human Organ Atlas Hub (HOAHub) ist - mit dem Ziel, den menschlichen Körper mithilfe von Synchrotron‑Bildgebung systematisch zu kartieren. Ein Google Earth für die Anatomie, gewissermaßen.

"Die Klitoris ist natürlich eines der menschlichen Organe", sagte Lee der DW. "Also war es wichtig, sie in das Projekt einzubeziehen."

Forschungsergebnisse helfen bei Entbindungen und gynäkologischen Operationen

Seit Veröffentlichung des Preprints haben sich laut Lee bereits Chirurgen gemeldet, die die Arbeit in ihrer Praxis als hilfreich empfanden.

"Das genaue Wissen über die Anatomie kann helfen, bei Operationen im Vulvabereich Nervenschäden zu vermeiden", sagt sie. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass die Ergebnisse vor allem bei Operationen im Vulvabereich helfen, wie bei der Entbindung, bei geschlechtsangleichenden Operationen und bei Rekonstruktionsoperationen nach Genitalverstümmelung.

Wie groß die Lücke zwischen Forschung und Alltag bislang ist, erlebt Mandy Mangler, Chefärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe in Berlin. Als sie die neuen Bilder sah, war sie begeistert - nicht, weil alles neu war, sondern weil es nun bisherige Vermutungen belegt. "Es gibt viel zu wenig wissenschaftliche Beschäftigung mit der Klitoris", sagt sie. "Dass die Nerven bis zum Vulvahügel und zu den Vulvalippen ziehen, war plausibel - jetzt ist es endlich gezeigt."

Für Mangler ist das ein entscheidender Punkt, etwa für Operationen im Vulvabereich, für Sexualmedizin, aber auch für die Versorgung nach genitalen Verletzungen. Im Medizinstudium spiele die Klitoris kaum eine Rolle, sagt sie. Die Folgen: Ärztinnen und Ärzte operierten im Vulvabereich, ohne die Nervenverläufe genau zu kennen. Schmerzen, Sensibilitätsstörungen oder sexuelle Probleme werden so später oft nicht mit Eingriffen oder Geburten in Verbindung gebracht.

Vergleich zwischen Penis und Klitoris verdeutlicht Gender Health Gap

Mangler zieht einen direkten Vergleich zur Männergesundheit. In ihrem Klinikalltag teilt sie sich den OP‑Trakt mit Urologen. "Ich sehe live, wie viel Aufwand betrieben wird, um bei Eingriffen am Penis die Nerven zu erhalten", sagt sie. "Da gibt es viel Forschung, Training und Bewusstsein. Bei der Klitoris schert sich keiner drum."

Für sie eine große Ungerechtigkeit und ein klassisches Beispiel für die Gender Health Gap: medizinische Standards, die für Männer selbstverständlich sind, fehlen bei Frauen - nicht aus bösem Willen, sondern aus historischer Vernachlässigung. Ein Thema, dem sich Mandy Mangler auch in ihrem neuen Buch "Don’t miss the clitoris" widmet.

Die Klitoris ist kein Einzelfall: Frauenkörper noch immer vernachlässigt

Dass zentrale Organe des weiblichen Körpers lange unterschätzt wurden, zeigt sich auch anderswo. Kürzlich gab es neue Forschung zum Eierstock: Ein Gewebe, Rete ovarii, das vor mehr als 100 Jahren beschrieben wurde, dann aber als funktionslos galt und aus Anatomiebüchern verschwand, könnte eine Rolle im Hormonhaushalt spielen und wichtig für die Embryonalentwicklung der Eierstöcke sein. Offenbar gibt es auch einen Zusammenhang zur Entstehung von Zysten. Nutzlos? Definitiv nicht.

Der rote Faden ist klar: Weibliche Anatomie wurde häufig vereinfacht oder als medizinisch zweitrangig behandelt.

Kein abgeschlossenes Bild der Klitoris

Auch die neue Klitoris‑Studie beantwortet nicht alle Fragen. In der öffentlichen Rezeption wird die Studie teils als erste "vollständige Darstellung" der Klitorisnerven beschrieben. Lee widerspricht dem ausdrücklich. "Als Wissenschaftlerin ist ein vollständiges Bild nicht möglich", sagt sie. "Neue Technologien werden immer neue Einblicke bringen." Es gebe noch viele fehlende Puzzleteile.

Untersucht wurden zwei postmortale Proben älterer Frauen. Wie sich Struktur und Funktion der Klitoris im Laufe des Lebens verändern - in Pubertät, Schwangerschaft, Menopause oder im Menstruationszyklus - ist weitgehend unerforscht. Auch diese Fragen möchte Lee künftig besser verstehen.

Mangler sieht ebenfalls noch großen Forschungsbedarf. Gleichzeitig betont sie, dass schon jetzt ein Umdenken nötig sei: "Bei jeder gynäkologischen Operation und in der Geburtshilfe sollten Anatomie und Physiologie der Klitoris mitgedacht und bewahrt werden - genauso selbstverständlich, wie wir es beim Penis tun."

Author Hannah Fuchs
Item URL https://www.dw.com/de/klitoris-anatomie-neue-studie-zeigt-vernachlässigtes-organ/a-76760889?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76761780_607.jpg
Image caption Die neuen Aufnahmen zeigen den komplexen Verlauf des Nervus dorsalis clitoridis (gelb), des wichtigsten sensorischen Nervs der Klitoris. Die Klitoriseichel ist in grau dargestellt.
Image source Ju Young Lee et al., 2026
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/Events/mp4/fit/fit200731_gendermedizin_sd.mp4&image=https://static.dw.com/image/76761780_607.jpg&title=Klitoris-Anatomie%3A%20Neue%20Studie%20zeigt%20vernachl%C3%A4ssigtes%20Organ

Item 75
Id 76746113
Date 2026-04-11
Title "Historische Leistung": Artemis-Crew kehrt zur Erde zurück
Short title "Historische Leistung": Artemis-Crew kehrt zur Erde zurück
Teaser Sie haben Dinge gesehen, die vor ihnen niemand sah - und sie haben den Weg bereitet für Größeres, das noch kommen soll. Die Astronauten der Mond-Mission "Artemis 2" meisterten auch den letzten Abschnitt ihrer Reise.
Short teaser Sie haben Dinge gesehen, die vor ihnen niemand sah - und sie haben den Weg bereitet für Größeres, das noch kommen soll.
Full text

Die ersten Menschen, die seit mehr als 50 Jahren in der Nähe des Mondes waren, sind nach rund zehn Tagen im All zurück auf der Erde. Die vier "Artemis 2"-Astronauten an Bord der "Orion"-Kapsel - die US-Astronauten Christina Koch, Victor Glover, Reid Wiseman und der Kanadier Jeremy Hansen - wasserten plangemäß im Pazifik nahe San Diego, wie die US-Raumfahrtbehörde NASA mitteilte. Es sei eine "Bilderbuch-Landung" gewesen.

Spezialkräfte der NASA und des US-Verteidigungsministeriums halfen den Astronauten aus der Kapsel und brachten sie dann per Helikopter zu einem Schiff der Marine. NASA-Chef Jared Isaacman nahm die vier persönlich in Empfang und gratulierte ihnen zu einer "historischen Errungenschaft". Die Crew sei "gesund und glücklich", hieß es von der Raumfahrtbehörde.

Trump geizt nicht mit Lob

Die Astronauten winkten lächelnd in die Kameras und streckten ihre Daumen in die Höhe. Sie sollen nach medizinischen Untersuchungen zurück nach Houston gebracht werden. US-Präsident Trump erklärte, die Mondmission sei "spektakulär" gewesen und die Landung "perfekt". Der kanadische Premierminister Mark Carney gratulierte zu einer "historischen Leistung".

Die Landung war ein kompliziertes Manöver, bei dem die Kapsel zeitweise eine Geschwindigkeit von über 38.000 Kilometern pro Stunde erreichte - mehr als die 30-fache Schallgeschwindigkeit. Beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre war das Raumschiff Temperaturen von mehr als 2700 Grad Celsius ausgesetzt. Die Oberfläche der "Orion"-Kapsel wurde durch einen Hitzeschild vor dem Verglühen geschützt. Für rund sechs Minuten fiel dabei planmäßig die Kommunikation mit dem Kontrollzentrum aus. Von Fallschirmen abgebremst, kam die Kapsel anschließend im Pazifik auf.

Kanadische Premiere

Die vier Astronauten waren in der vergangenen Woche an Bord der "Orion"-Kapsel mit dem Raketensystem "Space Launch System" vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral im US-Bundesstaat Florida abgehoben. Für Glover, Koch und Wiseman war es der zweite Flug ins All, für Hansen der erste. Koch ist die erste Frau an Bord einer Mondmission der NASA, Glover der erste nicht-weiß Mensch und Hansen der erste Kanadier.

Die grafische Darstellung des Flugverlaufs ähnelt einer riesigen Acht, die Erde und Mond umschließt. Die Astronauten legten insgesamt mehr als 2,3 Millionen Kilometer zurück. Sie entfernten sich etwa 406.771 Kilometer von der Erde und knackten damit den 1970 aufgestellten Rekord der "Apollo 13"-Mission von rund 400.171 Kilometern. Dem Mond näherten sie sich auf rund 6545 Kilometer an. Eine Landung war bei dieser Mission nicht geplant.

40 Minuten allein im All

Bei ihrem Flug um den Erdtrabanten herum konnten die Raumfahrer den Himmelskörper rund sieben Stunden lang beobachten. Insbesondere auf der Rückseite des Mondes konnten sie dabei auch aufgrund der Sonnenverhältnisse Dinge entdecken, die kein Mensch zuvor mit eigenen Augen gesehen hat. Für rund 40 Minuten war es, wie vorab erwartet, nicht möglich, mit dem Kontrollzentrum auf der Erde zu kommunizieren.

Gegen Ende des Vorbeiflugs am Mond konnten die Astronauten sogar noch eine Sonnenfinsternis verfolgen, bei der die Sonne aus der Perspektive von "Orion" hinter dem Mond verschwand.

Club der zwölf

Der erste Mensch auf dem Mond war am 20. Juli 1969 der US-Amerikaner Neil Armstrong, der bislang letzte - im Dezember 1972 - der 2017 gestorbene NASA-Astronaut Eugene Cernan im Rahmen von "Apollo 17". Insgesamt brachten die Vereinigten Staaten als bislang einziges Land mit den "Apollo"-Missionen zwischen 1969 und 1972 zwölf Astronauten auf den Mond.

"Artemis 2" soll nun ein großer Schritt in Richtung eines neuen Mondprogramms sein - mit dem Ziel bemannter Landungen und später einer permanenten menschlichen Präsenz auf dem Erdtrabanten. Schon bald werde die Besatzung der nächsten Mondmission "Artemis 3" bekanntgegeben werden, hieß es von der NASA. Der Weg zum Mond sei offen, sagte NASA-Manager Amit Kshatriya. "Aber es liegt mehr Arbeit vor uns als hinter uns."

jj/fab (dpa, afp, rtr)

Item URL https://www.dw.com/de/historische-leistung-artemis-crew-kehrt-zur-erde-zurück/a-76746113?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76744936_607.jpg
Image caption Aus der Luft ins Wasser: Die "Orion"-Kapsel nach ihrer Landung im Pazifik
Image source NASA/Handout/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/76744936_607.jpg&title=%22Historische%20Leistung%22%3A%20Artemis-Crew%20kehrt%20zur%20Erde%20zur%C3%BCck