Die Landtagswahl am 6. September in Sachsen-Anhalt könnte Geschichte schreiben. Erstmals könnte die Alternative für Deutschland (AfD) in einem deutschen Bundesland stärkste Kraft werden. Die AfD liegt derzeit in den Umfragen mit über 40% an der Spitze, weit vor den Mitte-Rechts-Christdemokraten von Bundeskanzler Friedrich Merz mit rund 24%.
Die AfD vertritt eine restriktive Einwanderungspolitik, deren Schwerpunkt auf einer drastischen Reduzierung der Zuwanderung, einer Ausweitung von Abschiebungen und der Förderung der sogenannten "Remigration" liegt, während sie gleichzeitig nationale Souveränität, kulturelle Identität und traditionelle Familienwerte betont.
Für viele Menschen mit Migrationshintergrund ist diese Wahl daher mehr als eine politische Richtungsentscheidung. Mundaw aus Gambia (den Namen haben wir zu ihrem Schutz geändert) fürchtet sich vor den Folgen der bevorstehende Wahl. Sie warnt, dass die aktuelle Stimmung in Sachsen‑Anhalt "zu mehr Rassismus führt", und betont zugleich: "Ich glaube an eine Gesellschaft ohne Grenzen, in der niemand aus Angst um seine Existenz fliehen muss." Wie auch immer die Wahl ausgehe, sie plane nicht, Sachsen-Anhalt zu verlassen, "auch wenn es sicher einen Plan B geben muss".
Awet Tesfaiesus, Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen, versteht Mundaws Sorge. Sie wurde in Eritrea geboren und schrieb der DW auf Anfrage, dass die Wahl "für Schwarze Menschen und andere Menschen, die Rassismus erfahren, nicht irgendeine Wahl" sei. "Wenn rassistische und völkische Positionen stärker werden, geht es für sie ganz konkret um die Frage: Wie sicher kann ich mich hier fühlen, und werde ich als selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft anerkannt?", so Tesfaiesus.
Karamba Diaby kennt diese Sorgen. Der im Senegal geborene frühere SPD-Bundestagsabgeordnete lebt seit Jahrzehnten in Sachsen-Anhalt und berichtet der DW von einer wachsenden Verunsicherung. "Wenn ich in Schulklassen bin oder bei Migrantenorganisationen unterwegs bin, dann höre ich insbesondere von jüngeren Leuten immer wieder die Frage: Können wir in diesem Land weiterhin bleiben?" Für Diaby ist die Antwort klar: "Selbstverständlich kannst du hierbleiben. Ich bin dagegen, den Teufel an die Wand zu malen und zu sagen, ich würde mein Bundesland verlassen, wenn so eine Mehrheit käme. Das wäre das Letzte, was wir machen können."
Warum die AfD so stark diskutiert wird
In Gesprächen über die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt fällt der Name keiner Partei so häufig wie der der AfD. Die Partei wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Die AfD fordert eine "Abschiebe- und Remigrationsoffensive", definiert den Begriff "Remigration" jedoch nicht eindeutig. Der Begriff ist politisch umstritten und wird im Allgemeinen mit Vorschlägen in Verbindung gebracht, die darauf abzielen, die Ausreise bestimmter Gruppen von Migranten und Ausländern zu fördern, neben der Abschiebung von Personen ohne rechtmäßigen Aufenthaltstitel.
Im Wahlprogramm der AfD wird der Begriff "Remigration" nicht nur im Zusammenhang mit Einwanderern verwendet. Es wird auch ein Programm vorgeschlagen, um deutsche Fachkräfte, die ins Ausland ausgewandert sind, zur Rückkehr nach Deutschland zu ermutigen. Für viele Betroffene löst das ein Gefühl der Unsicherheit aus. Batoul Nayouf vom Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA) beschrieb in einem MDR-Bericht die Stimmung mit den Worten: "Wir sitzen auf gepackten Koffern."
Doch das will Amidou Traore so nicht unterschreiben. Der Integrationsberater und Kommunalpolitiker in Magdeburg (SPD) mit Wurzeln in der Elfenbeinküste sagt der DW, er sei "total gelassen. Alle wissen, dass die AfD eine Partei für Hass und Hetze ist, und die wie ich dagegen stehen, versuchen, ruhig zu bleiben."
"Wir gehören auch in dieses Land"
So wie Traore und Diaby engagieren sich viele Mitglieder der afrikanischen Community in Sachsen-Anhalt. In Vereinen, Unternehmen, Kirchengemeinden oder Kommunalparlamenten sehen sie die Chance, ihre Interessen sichtbarer zu machen. Es geht um Themen wie Arbeit, Bildung und die Debatte über Migration. Dabei greifen viele dieser Bereiche unmittelbar ineinander. Die Frage nach Chancengleichheit spielt im Bildungssystem ebenso eine Rolle wie der Umgang mit Vielfalt in der Gesellschaft.
All das sind Gründe für Traore, sich kämpferisch zu zeigen: "Eine starke Demokratie braucht keine Politik die Menschen gegeneinander ausspielt, sondern Lösungen für alle Bürger und Bürgerinnen, unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialen Hintergründen. Wir sind da, um das Leben mitzugestalten, mit Respekt, Menschenwürde und Gleichberechtigung. Wenn eine Partei so versucht das zu zerstören, dann ist es Zeit für uns zu kämpfen, und zu sagen, dass auch wir in dieses Land gehören."
Sachsen-Anhalt wird immer internationaler
Der Ausländeranteil liegt in Sachsen-Anhalt mit 7,9 Prozent weit unter dem Bundesdurchschnitt. Ende 2025 lebten rund 193.000 Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit im Land, etwa 10 Prozent der ausländischen Bevölkerung stammen aus afrikanischen Staaten. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Menschen mit internationaler Herkunft nahezu verdoppelt. Internationale Studierende, Pflegekräfte, Wissenschaftler und Unternehmer tragen heute in vielen Bereichen zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes bei.
"Schwarze Menschen und Menschen mit Migrationsgeschichte gehören zu diesem Land", betont Grünen-Abgeordnete Tesfaiesus in ihrem Statement für die DW. "Ihre Rechte und ihre Sicherheit stehen nicht zur Disposition." Gleichzeitig berichten viele Schwarze Menschen und Menschen afrikanischer Herkunft von Diskriminierung im Alltag. Der Afrozensus, eine Studie zu den Lebensrealitäten Schwarzer Menschen in Deutschland, zeigt, dass Erfahrungen mit Rassismus für viele zum Lebensalltag gehören, sei es in Behörden, Bildungseinrichtungen oder im öffentlichen Raum.
"Wenn die AfD gewinnt, hat sie es verdient"
Für Menschen wie Karamba Diaby, Awet Tesfaiesus oder Amidou Traoré steht fest: Die Zukunft des Landes wird nicht allein von Wahlergebnissen bestimmt, sondern von den Menschen, die bleiben, sich engagieren und Verantwortung übernehmen. Und das auch nach einem möglichen Wahlsieg der AfD. "Die Wahl zählt und ist entscheidend", betont Traore. "Wir müssen unsere Stimmen abgeben. Wenn die AfD an der Spitze ist, dann hat sie es auch verdient, zu gewinnen. Und dann werden wir sehen, wie das Leben in Sachsen-Anhalt gestaltet wird. Aber das sollten wir vermeiden."
Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Diaby ruft die afrodeutsche und migrantische Community dazu auf, sich nicht aus Angst zurückzuziehen, sondern ihre Stimme in der Wahl einzubringen: "Es geht uns alle an. Es ist nicht nur Aufgabe der Politiker. Das geht dich an, deine Kinder und die Zukunft deiner Kinder. Bleib hier und geh wählen."

































































