DW

Item 1
Id 78494846
Date 2026-08-28
Title Schwarz, deutsch, zu Hause in Sachsen-Anhalt: Was bei der Wahl zählt
Short title Sachsen-Anhalt vor der Wahl: "Wir gehören hierher!"
Teaser Die AfD könnte die Wahl in Sachsen-Anhalt als stärkste Kraft gewinnen. Für Menschen mit Migrationsgeschichte steht dabei die Frage nach Zugehörigkeit im Raum. Ihre klare Botschaft: Hier ist auch ihr Zuhause.
Short teaser Die AfD könnte 2026 stärkste Kraft werden. Viele Menschen mit Migrationsgeschichte setzen auf Beteiligung statt Rückzug.
Full text

Die Landtagswahl am 6. September in Sachsen-Anhalt könnte Geschichte schreiben. Erstmals könnte die Alternative für Deutschland (AfD) in einem deutschen Bundesland stärkste Kraft werden. Die AfD liegt derzeit in den Umfragen mit über 40% an der Spitze, weit vor den Mitte-Rechts-Christdemokraten von Bundeskanzler Friedrich Merz mit rund 24%.

Die AfD vertritt eine restriktive Einwanderungspolitik, deren Schwerpunkt auf einer drastischen Reduzierung der Zuwanderung, einer Ausweitung von Abschiebungen und der Förderung der sogenannten "Remigration" liegt, während sie gleichzeitig nationale Souveränität, kulturelle Identität und traditionelle Familienwerte betont.

Für viele Menschen mit Migrationshintergrund ist diese Wahl daher mehr als eine politische Richtungsentscheidung. Mundaw aus Gambia (den Namen haben wir zu ihrem Schutz geändert) fürchtet sich vor den Folgen der bevorstehende Wahl. Sie warnt, dass die aktuelle Stimmung in Sachsen‑Anhalt "zu mehr Rassismus führt", und betont zugleich: "Ich glaube an eine Gesellschaft ohne Grenzen, in der niemand aus Angst um seine Existenz fliehen muss." Wie auch immer die Wahl ausgehe, sie plane nicht, Sachsen-Anhalt zu verlassen, "auch wenn es sicher einen Plan B geben muss".

Awet Tesfaiesus, Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen, versteht Mundaws Sorge. Sie wurde in Eritrea geboren und schrieb der DW auf Anfrage, dass die Wahl "für Schwarze Menschen und andere Menschen, die Rassismus erfahren, nicht irgendeine Wahl" sei. "Wenn rassistische und völkische Positionen stärker werden, geht es für sie ganz konkret um die Frage: Wie sicher kann ich mich hier fühlen, und werde ich als selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft anerkannt?", so Tesfaiesus.

Karamba Diaby kennt diese Sorgen. Der im Senegal geborene frühere SPD-Bundestagsabgeordnete lebt seit Jahrzehnten in Sachsen-Anhalt und berichtet der DW von einer wachsenden Verunsicherung. "Wenn ich in Schulklassen bin oder bei Migrantenorganisationen unterwegs bin, dann höre ich insbesondere von jüngeren Leuten immer wieder die Frage: Können wir in diesem Land weiterhin bleiben?" Für Diaby ist die Antwort klar: "Selbstverständlich kannst du hierbleiben. Ich bin dagegen, den Teufel an die Wand zu malen und zu sagen, ich würde mein Bundesland verlassen, wenn so eine Mehrheit käme. Das wäre das Letzte, was wir machen können."

Warum die AfD so stark diskutiert wird

In Gesprächen über die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt fällt der Name keiner Partei so häufig wie der der AfD. Die Partei wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Die AfD fordert eine "Abschiebe- und Remigrationsoffensive", definiert den Begriff "Remigration" jedoch nicht eindeutig. Der Begriff ist politisch umstritten und wird im Allgemeinen mit Vorschlägen in Verbindung gebracht, die darauf abzielen, die Ausreise bestimmter Gruppen von Migranten und Ausländern zu fördern, neben der Abschiebung von Personen ohne rechtmäßigen Aufenthaltstitel.

Im Wahlprogramm der AfD wird der Begriff "Remigration" nicht nur im Zusammenhang mit Einwanderern verwendet. Es wird auch ein Programm vorgeschlagen, um deutsche Fachkräfte, die ins Ausland ausgewandert sind, zur Rückkehr nach Deutschland zu ermutigen. Für viele Betroffene löst das ein Gefühl der Unsicherheit aus. Batoul Nayouf vom Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA) beschrieb in einem MDR-Bericht die Stimmung mit den Worten: "Wir sitzen auf gepackten Koffern."

Doch das will Amidou Traore so nicht unterschreiben. Der Integrationsberater und Kommunalpolitiker in Magdeburg (SPD) mit Wurzeln in der Elfenbeinküste sagt der DW, er sei "total gelassen. Alle wissen, dass die AfD eine Partei für Hass und Hetze ist, und die wie ich dagegen stehen, versuchen, ruhig zu bleiben."

"Wir gehören auch in dieses Land"

So wie Traore und Diaby engagieren sich viele Mitglieder der afrikanischen Community in Sachsen-Anhalt. In Vereinen, Unternehmen, Kirchengemeinden oder Kommunalparlamenten sehen sie die Chance, ihre Interessen sichtbarer zu machen. Es geht um Themen wie Arbeit, Bildung und die Debatte über Migration. Dabei greifen viele dieser Bereiche unmittelbar ineinander. Die Frage nach Chancengleichheit spielt im Bildungssystem ebenso eine Rolle wie der Umgang mit Vielfalt in der Gesellschaft.

All das sind Gründe für Traore, sich kämpferisch zu zeigen: "Eine starke Demokratie braucht keine Politik die Menschen gegeneinander ausspielt, sondern Lösungen für alle Bürger und Bürgerinnen, unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialen Hintergründen. Wir sind da, um das Leben mitzugestalten, mit Respekt, Menschenwürde und Gleichberechtigung. Wenn eine Partei so versucht das zu zerstören, dann ist es Zeit für uns zu kämpfen, und zu sagen, dass auch wir in dieses Land gehören."

Sachsen-Anhalt wird immer internationaler

Der Ausländeranteil liegt in Sachsen-Anhalt mit 7,9 Prozent weit unter dem Bundesdurchschnitt. Ende 2025 lebten rund 193.000 Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit im Land, etwa 10 Prozent der ausländischen Bevölkerung stammen aus afrikanischen Staaten. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Menschen mit internationaler Herkunft nahezu verdoppelt. Internationale Studierende, Pflegekräfte, Wissenschaftler und Unternehmer tragen heute in vielen Bereichen zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes bei.

"Schwarze Menschen und Menschen mit Migrationsgeschichte gehören zu diesem Land", betont Grünen-Abgeordnete Tesfaiesus in ihrem Statement für die DW. "Ihre Rechte und ihre Sicherheit stehen nicht zur Disposition." Gleichzeitig berichten viele Schwarze Menschen und Menschen afrikanischer Herkunft von Diskriminierung im Alltag. Der Afrozensus, eine Studie zu den Lebensrealitäten Schwarzer Menschen in Deutschland, zeigt, dass Erfahrungen mit Rassismus für viele zum Lebensalltag gehören, sei es in Behörden, Bildungseinrichtungen oder im öffentlichen Raum.

"Wenn die AfD gewinnt, hat sie es verdient"

Für Menschen wie Karamba Diaby, Awet Tesfaiesus oder Amidou Traoré steht fest: Die Zukunft des Landes wird nicht allein von Wahlergebnissen bestimmt, sondern von den Menschen, die bleiben, sich engagieren und Verantwortung übernehmen. Und das auch nach einem möglichen Wahlsieg der AfD. "Die Wahl zählt und ist entscheidend", betont Traore. "Wir müssen unsere Stimmen abgeben. Wenn die AfD an der Spitze ist, dann hat sie es auch verdient, zu gewinnen. Und dann werden wir sehen, wie das Leben in Sachsen-Anhalt gestaltet wird. Aber das sollten wir vermeiden."

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Diaby ruft die afrodeutsche und migrantische Community dazu auf, sich nicht aus Angst zurückzuziehen, sondern ihre Stimme in der Wahl einzubringen: "Es geht uns alle an. Es ist nicht nur Aufgabe der Politiker. Das geht dich an, deine Kinder und die Zukunft deiner Kinder. Bleib hier und geh wählen."

Author Silja Fröhlich
Item URL https://www.dw.com/de/schwarz-deutsch-zu-hause-in-sachsen-anhalt-was-bei-der-wahl-zählt/a-78494846?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/40596014_607.jpg
Image caption Archivbild: Karamba Diaby beim Wahlkampf in Sachsen-Anhalt, 2017
Image source picture-alliance/dpa/H. Schmidt
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/Events/mp4/jd/jd20211025_awetk19a_sd.mp4&image=https://static.dw.com/image/40596014_607.jpg&title=Schwarz%2C%20deutsch%2C%20zu%20Hause%20in%20Sachsen-Anhalt%3A%20Was%20bei%20der%20Wahl%20z%C3%A4hlt

Item 2
Id 78547425
Date 2026-08-28
Title Können neue US-Sanktionen die Wirtschaft im Iran lahmlegen?
Short title Legen neue US-Sanktionen Irans Wirtschaft lahm?
Teaser Die USA weiten ihre Sanktionen gegen die Finanznetzwerke des Iran aus und nehmen dabei Kryptowährungen, Goldhandel sowie die Luft- und Schifffahrt ins Visier. Experten ordnen ein, was sich dadurch ändern könnte.
Short teaser Neue US-Sanktionen zielen auf die Finanznetzwerke des Iran ab. Wie könnten die Folgen aussehen?
Full text

US-Finanzminister Scott Bessent hat eine neue Phase der wirtschaftlichen Kampagne Washingtons gegen den Iran eingeläutet. Dieses Mal stehen nicht sanktionierte iranische Institutionen im Fokus, sondern die internationalen Netzwerke, die Teheran nutzt, um den Geld- und Warenfluss aufrechtzuerhalten.

Die USA wollen laut Bessent gegen fünf wirtschaftliche Lebensadern vorgehen: digitale Vermögenswerte, Technologie, Goldhandel, Luftfahrt und Schifffahrt. Bessent warnte zudem ausländische Unternehmen, die dem Land dabei helfen, illegal Geld zu transferieren. "Jede Organisation, die Geldwäsche für den Iran ermöglicht, wird aus dem auf US-Dollar basierenden Finanzsystem ausgeschlossen", sagte Bessent bei der Vorstellung der neuen Maßnahmen Ende August. "Der Countdown läuft ab sofort."

Mit diesem Ansatz sollen Sekundärsanktionen verschärft werden, indem Druck auf Unternehmen, Finanzintermediäre und Handelspartner außerhalb des Iran ausgeübt wird, anstatt lediglich weitere Beschränkungen gegen eine ohnehin schon stark sanktionierte Wirtschaft zu verhängen.

Die USA kündigten Maßnahmen gegen rund 60 Personen, Organisationen und Schiffe an. Sie verzichten jedoch darauf, große chinesische Banken ins Visier zu nehmen. Das zeigt deutlich, dass die USA nur bis zu gewissen Grenzen bereit sind, Sanktionen gegen China vorzunehmen, den größten verbleibenden Handelspartner des Iran.

Wie der Iran die US-Sanktionen umgeht

Seit Jahren stützt sich der Iran bei Geldtransfers auf Netzwerke außerhalb des formellen Bankensystems. Wechselstuben, Goldhandel, Kryptowährungen, Scheinfirmen und undurchsichtige Schifffahrtsnetzwerke haben dem Iran dabei geholfen, Sanktionen zu umgehen.

Die jüngste Strategie der USA scheint darauf ausgerichtet zu sein, diese Methoden zu erschweren, indem sie die Kosten für ausländische Vermittler erhöht.

Sie kommt zu einem für den Iran heiklen Zeitpunkt: Die Ölexporte sind durch die US-Bemühungen, die iranischen Öllieferungen zu stören, stark zurückgegangen. Die Lieferungen nach China, dem wichtigsten Ölabnehmer des Iran, sanken im August auf etwa 534.000 Barrel pro Tag, nach 823.000 im Juli und einem Höchststand von rund 1,58 Millionen Barrel Anfang 2026.

Im Inland stiegen die Lebensmittelpreise im Juli gegenüber dem Vorjahr um rund 128 Prozent, wie aus offiziellen Daten hervorgeht, auf die sich die Nachrichtenagentur Reuters beruft. Die iranische Währung hat so stark an Wert verloren, dass viele Transaktionen, darunter Immobilien- und Autoverkäufe, mittlerweile in US-Dollar abgewickelt werden. In Anzeigen werden die Preise manchmal sogar in Dollar angegeben.

Steigende Inflation belastet iranische Unternehmen

Der Druck macht sich zunehmend auch in normalen Unternehmen bemerkbar. Ein Baustoffhändler in der Hauptstadt Teheran erklärte gegenüber der DW, die Inflation sei mittlerweile so hoch, dass es manchmal rentabler sei, Waren einfach zu lagern, als sie zu verkaufen.

"Wenn ich etwas einen Monat lang in meinem Lager behalte, kann der Preis um mehr steigen, als ich durch den Verkauf heute verdienen würde", sagte er. Er besitzt außerdem einen Steinbearbeitungsbetrieb und erklärt, die Erfüllung älterer Verträge werde zunehmend schwieriger, da Ersatzmaterialien schon wenige Wochen später erheblich teurer sein könnten. Preiserhöhungen seien auch keine Lösung: "Wenn ich den Preis über ein bestimmtes Maß hinaus erhöhe, kann es sich niemand mehr leisten, die Ware zu kaufen", sagte er.

Die Restriktionen beeinträchtigen zudem die Art und Weise, wie private Unternehmen ihre Lieferanten bezahlen, Rohstoffe importieren und Arbeitsplätze sichern.

Ein weiterer Iraner, der bei einem Handelsunternehmen arbeitet, berichtete der DW, dass mehr als 70 Prozent der Mitarbeiter in den vergangenen sechs Monaten entlassen worden seien. Das Unternehmen importierte Rohstoffe für verschiedene Körperpflegeprodukte und wickelte Zahlungen zuvor über Wechselstuben in den Vereinigten Arabischen Emiraten ab. "Jetzt ist keine Wechselstube mehr bereit, mit uns zusammenzuarbeiten", sagte der Mitarbeiter.

Was sind die Folgen für iranische Unternehmen im Ausland?

Die Auswirkungen machen sich auch bei iranischen Geschäftsleuten außerhalb des Landes bemerkbar. Ein iranischer Geschäftsmann, der nach Dubai gezogen ist, berichtete der DW, dass er zuvor mehrere Kosmetik- und Hygienemarken im Iran besessen habe. Einfuhrbeschränkungen und Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Rohstoffen hätten ihn schließlich dazu veranlasst, seinen Wohnsitz zu verlegen. In Dubai war die Lage besser zu bewältigen. Doch seit dem Krieg habe sich das geändert, sagte er. "Heutzutage erschwert ein iranischer Pass fast jede Transaktion", erklärte er gegenüber der DW.

Er sagte, iranische Unternehmer seien zunehmend unsicher, ob Banken ihre Konten aufrechterhalten würden oder ob die Aufenthaltsbestimmungen verschärft werden könnten. "In einem Umfeld, in dem es keine Stabilität gibt und die Aussichten unklar sind, kann man kaum ein Unternehmen führen", sagte er.

Können weitere Sanktionen das Verhalten Teherans ändern?

Alireza Salavati, ein in London ansässiger Kommentator für politische Ökonomie, ist trotzdem skeptisch, dass die neuen US-Maßnahmen zu einer grundlegenden strategischen Wende führen werden. "Ihre Hauptwirkungen dürften psychologischer Natur sein und die Inflationserwartungen verstärken", sagte Salavati.

Der Iran sei bereits in den meisten wichtigen Sektoren mit Sanktionen belegt, erklärte er gegenüber der DW. Weitere Einschränkungen könnten eher eine Ausweitung bestehender Sanktionsmaßnahmen gegen existierende Netzwerke sein als die Schaffung völlig neuer Formen wirtschaftlichen Drucks.

Salavati warnte zudem davor, dass wirtschaftlicher Druck die verbleibende Mittelschicht oder gewisse Berufsgruppen schwächen könnte, die traditionell eher eine gemäßigtere Politik befürworten. Anstatt einen raschen politischen Wandel herbeizuführen, könnte der Druck seiner Ansicht nach die Polarisierung verschärfen und den Staat dazu veranlassen, die ohnehin schon begrenzten Subventionen und Sozialleistungen weiter zu kürzen.

Auswirkungen auf die Schattenwirtschaft im Iran

Es gibt noch ein weiteres Paradoxon: Je stärker Washington die formellen Finanzkanäle einschränkt, desto größer wird der Anreiz, informelle Kanäle zu entwickeln. Die Sanktionswirtschaft des Iran hat bereits komplexe Netzwerke aus Vermittlern, Kryptowährungs-Transfers, Scheinfirmen, Bargeldtransaktionen und inoffiziellen Devisenmärkten geschaffen. Die Sperrung eines Kanals könnte Transaktionen verteuern, ohne sie jedoch zwangsläufig zu unterbinden.

"Die weiterreichende Folge dürfte eher zersetzend als transformativ sein", sagte Salavati und warnte, dass das Ergebnis eine noch größere und weniger kontrollierbare Schattenwirtschaft sein könnte.

Die neuen Sanktionen könnten es dem Regime in Teheran erschweren, den Handel zu finanzieren, an Devisen zu gelangen und seine bestehenden wirtschaftlichen Netzwerke aufrechtzuerhalten. Doch die unmittelbaren Lasten haben Unternehmen, Arbeitnehmer und Haushalte zu tragen, die ohnehin schon mit kriegsbedingten Beeinträchtigungen und extremer Inflation zu kämpfen haben. Ob der Druck der USA das Verhalten der iranischen Führung ändern wird, bleibt daher ungewiss.

Dieser Text wurde aus dem Englischen adaptiert

Author Amir Soltanzadeh
Item URL https://www.dw.com/de/können-neue-us-sanktionen-die-wirtschaft-im-iran-lahmlegen/a-78547425?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78485712_607.jpg
Image caption Frauen kaufen im August 2026 auf einem Markt in Teheran Obst und Gemüse ein
Image source AFP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/BUSI/BUSIDEU260409_IranUnternehmenCMS3_03SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/78485712_607.jpg&title=K%C3%B6nnen%20neue%20US-Sanktionen%20die%20Wirtschaft%20im%20Iran%20lahmlegen%3F

Item 3
Id 78541324
Date 2026-08-28
Title "Wir haben keine Verbindung nach Kathmandu"
Short title "Wir haben keine Verbindung nach Kathmandu"
Teaser Die DW sprach mit Menschen aus den von Sturzfluten verwüsteten Regionen Nepals über das Schicksal ihrer Angehörigen. Ein Minister in Nepal warnte zudem, der Staat sei auf eine derartige Katastrophe nicht vorbereitet
Short teaser Die DW sprach mit Menschen aus den von Sturzfluten verwüsteten Regionen Nepals über das Schicksal ihrer Angehörigen.
Full text

Knapp 400 Tote und Hunderte von Vermissten: Das ist das bisher bekannte Resultat der gewaltigen Sturzflut in Nepal am Mittwoch. Das volle Ausmaß der Zerstörung ist noch immer unklar.

Bewohner der betroffenen Gebiete berichteten der DW, dass viele Dörfer sowohl physisch wie auch hinsichtlich der elektronischen Kommunikationsmittel von der Hauptstadt Kathmandu abgeschnitten seien.

Ihr Haus im Dorf Sole im nepalesischen Distrikt Nuwakot sei vom Fluss Trishuli mitgerissen worden, sagt die in der Hauptstadt ansässige Journalistin Bidhya Rajput. "Soweit wir wissen, konnten sich nur vier oder fünf Menschen aus dem Dorf Sole durch die Flucht in Richtung der Hügel retten. Andere schafften es nicht mehr, da die Fluten so plötzlich kamen", sagt sie der DW.

Die Regierung hat die Distrikte Nuwakot, Rasuwa und Dhading zu den am stärksten von den tödlichen Überschwemmungen betroffenen Gebieten erklärt. Die Eltern ihres Mannes würden weiterhin vermisst, so Rajput zur DW. Ihr Schwiegervater, ein Lehrer, sei nach Angaben des Schulleiters womöglich auf dem Heimweg von der Arbeit von den Fluten überrascht worden.

Rajputs Ehemann habe sich trotz der vielerorts beschädigten oder weggespülten Straßen auf den Weg in das Dorf gemacht, um nach seinen Angehörigen zu suchen. Derzeit gebe es keine neuen Informationen aus dem Dorf, da dort seit den frühen Morgenstunden des Donnerstags weder Strom noch Mobilfunkverbindungen bestünden.

"Die staatlichen Rettungs- und Hilfsmaßnahmen konzentrieren sich vor allem auf die größeren Städte", sagt sie. "Staatliche Hilfe hat Sole noch nicht erreicht."

Dorfbewohner berichteten, das Gebiet sei bereits im vergangenen Jahr von Überschwemmungen betroffen gewesen. Damals hätten sich jedoch viele Bewohner auf höher gelegenes Gelände retten können. Zudem habe das Wasser nicht einen so hohen Stand erreicht wie am Dienstag.

"Hätten die Dorfbewohner Frühwarninformationen erhalten und gewusst, dass die Fluten diesmal ein solches Ausmaß erreichen würden, hätten sie wie im vergangenen Jahr an sichere Orte fliehen können", sagte Rajput. "Diesmal hatten sie nicht einmal diese Chance."

"Zwei meiner Verwandten vermisst"

Usha Kiran Timsena, eine Oppositionspolitikerin aus Nuwakot, erklärte dagegen, Polizei und lokale Behörden hätten durchaus vor einer gewaltigen Flut gewarnt. Viele Menschen in der Gegend hätten jedoch schlicht das Ausmaß und die Geschwindigkeit der Wassermassen unterschätzt. "Viele, die etwas weiter von den Flussufern entfernt wohnten, nahmen die Lage auf die leichte Schulter. Als die Flut ihre Aufenthaltsorte erreichte, konnten sie nicht mehr fliehen. Auch zwei meiner Verwandten werden seit gestern Morgen vermisst. Seither gibt es weder neue Informationen noch einen Kontakt."

Die Behörden erklärten, durch die Überschwemmungen seien über drei Dutzend Brücken - sowohl befahrbare Brücken als auch Hängebrücken für Fußgänger - sowie ein Dutzend Dämme von Wasserkraftanlagen zerstört worden.

Er hätte sich nie vorstellen können, dass die durch den Fluss Trishuli verursachten Überschwemmungen und Zerstörungen ein so gewaltiges und weitreichendes Ausmaß annehmen könnten, sagt Sujan Lohani aus Dhading der DW.

Die wichtigste Brücke über den Trishuli, die den Distrikthauptort mit der Hauptstadt Kathmandu verbindet, wurde von den Wassermassen mitgerissen. "Ich mache mir Sorgen, dass mein Cousin jetzt im Dorf ist", sagte er. "Wir sind von Kathmandu abgeschnitten."

Überlebende ausgeflogen

Die nepalesischen Behörden versuchen mit Hochdruck, die Überlebenden in den betroffenen Gebieten zu erreichen. Am Donnerstag wurden noch immer mehr als 1.300 Menschen vermisst, darunter Hunderte ausländische Staatsangehörige. Nepals Nachbarländer Indien und China koordinieren ihre Katastrophenhilfe mit Kathmandu.

Rettungsteams fliegen verletzte Menschen in die Hauptstadt aus. Polizei, Militär und einfache Bürger errichten unterdessen provisorische Unterkünfte für die Menschen, die ihre Häuser verloren haben.

"Wir setzen alles daran, Menschen lebend zu retten", sagt Nepals Minister für Information und Kommunikation, Bikram Timilsina, der DW.

Timilsina vertritt den von der Flut betroffenen Wahlkreis Nuwakot-1 im Repräsentantenhaus und hält sich derzeit in der betroffenen Region auf. Das Ausmaß der Zerstörung sei gewaltig.

"Ganze Dörfer wurden hinweggerissen. Viele Menschen haben auf tragische Weise ihr Leben verloren. Von vielen fehlt jede Spur", sagt er. "Ich glaube nicht, dass sich unser Staatsapparat jemals eine Flut und Katastrophe dieses Ausmaßes hätte vorstellen können", so Timilsina.

Gleichzeitig betonte Timilsina, der Staat habe alle verfügbaren Mittel mobilisiert, darunter mehr als ein Dutzend Hubschrauber, die Überlebende in Sicherheit bringen und Hilfsgüter liefern sollen. Nach Angaben des Ministers wurden bis Donnerstagmittag mindestens 414 gestrandete Menschen, darunter 164 Ausländer, per Hubschrauber ausgeflogen.

Ursachenforschung noch nicht abgeschlossen

Wissenschaftler diskutieren noch immer über die genaue Ursache der Naturkatastrophe. Derweil sagen die Behörden in Peking, sie sei durch den Zusammenbruch eines hochgelegenen Gletschers ausgelöst worden.

Vorläufige Einschätzungen deuteten darauf hin, dass die Flut wahrscheinlich durch eine Lawine auf der nepalesischen Seite der Grenze zwischen Nepal und China ausgelöst worden sei, sagt Sudip Thakuri, Klimaforscher an der Tribhuvan-Universität in Nepa,l der DW.

"Unsere bisherige Schlussfolgerung lautet, dass eine gewaltige Lawine zunächst einen Fluss blockierte, der aus der Autonomen Region Tibet in China nach Süden floss. Als der durch die Lawine entstandene Erdrutschdamm brach, könnte er flussabwärts auch einen subglazialen See mitgerissen und dadurch die massive Flut ausgelöst haben."

Ein weiterer Klimaforscher, Rijan Raj Kayastha von der Universität Kathmandu, warnte vor der Gefahr weiterer Überschwemmungen durch andere Gletscherseen in der Region.

Unabhängig davon warnten auch chinesische Behörden, dass ein weiterer See im tibetischen Kreis Gyirong, flussaufwärts des überfluteten Gebiets in Nepal, bereits überlaufe. In den kommenden drei Tagen würden voraussichtlich weitere drei Millionen Tonnen Wasser in den See gelangen.

Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.

Author Lekhanath Pandey
Item URL https://www.dw.com/de/wir-haben-keine-verbindung-nach-kathmandu/a-78541324?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78520662_607.jpg
Image caption Schlammbedeckte Gebäude nach der Sturzflut in Nepal
Image source Navesh Chitrakar/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78520662_607.jpg&title=%22Wir%20haben%20keine%20Verbindung%20nach%20Kathmandu%22

Item 4
Id 78533057
Date 2026-08-27
Title Wohin steuert die Welt nach der Ära des Multilateralismus?
Short title Wohin steuert die Welt nach der Ära des Multilateralismus?
Teaser Nicht zuletzt auf Betreiben Donald Trumps verschiebt sich zur Zeit die globale politische Architektur. Auf der Suche nach einer neuen Weltordnung könnten manche Länder profitieren, andere haben viel zu verlieren.
Short teaser Nicht zuletzt auf Betreiben Donald Trumps verschiebt sich zur Zeit die globale politische Architektur.
Full text

Als US-Präsident Donald Trump im September 2025 eine Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen halten wollte, kam es zu einem symbolhaften Moment: Just als Trump die Rolltreppe im Foyer des New Yorker UN-Hauptquartiers betrat, versagte sie den Dienst. Und dann streikte bei der Rede auch noch der Teleprompter, sodass der ehemalige Fernsehstar den versammelten Staats- und Regierungschefs halb im Scherz zurief: "Das sind die beiden Dinge, die ich von den Vereinten Nationen bekommen habe: eine kaputte Rolltreppe und einen kaputten Teleprompter."

Die UN sind die zentrale Institution der nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA mitgeprägten Nachkriegsordnung, die auf Multilateralismus und Interessenausgleich setzt. Bei Gründung 1945 war das Ziel die Verhinderung von Kriegen, später kamen zahllose Bereiche wie weltweite Gesundheitsvorsorge, Entwicklung und Klimaschutz hinzu. Doch die UN-Organe, allen voran der Sicherheitsrat, gelten als ähnlich renovierungsbedürftig wie das Hauptquartier am East River selbst.

Der Aussetzer der Rolltreppe sei wohl versehentlich von Trumps eigenem Kameramann ausgelöst worden, wies die angegriffene Institution die Schuld später von sich. Und so gehen auch abseits dieses symbolhaften Moments die Deutungen auseinander, ob Trump mit seiner teils isolationistischen America-First-Ideologie vor allem ein Symptom für die bröckelnde multilaterale Weltordnung ist, oder ein zerstörerischer Akteur. Weit jenseits von Rolltreppen und Telepromptern diskutieren Politiker und Analystinnen weltweit: Ist der Multilateralismus am Ende - und wenn ja, was kommt danach?

Neue Weltordnung in fünf Jahren - oder anhaltende Unordnung?

Der finnische Präsident Alexander Stubb, eines der wenigen Staatsoberhäupter mit einem Doktorgrad der Internationalen Beziehungen, vertritt die These, dass es zur Zeit ein Machtvakuum gebe, aus dem sich in den nächsten fünf Jahren eine neue Weltordnung herauskristallisiere.

Andere Experten rechnen mit einer längeren Neujustierung. "Dieser Moment ist kein kurzes Interregnum zwischen einer US-geführten Ordnung und einer von China geführten", schrieb kürzlich der Direktor der Denkfabrik European Council on Foreign Relations, Mark Leonard, in einem Aufsatz im Magazin "Foreign Affairs": "Eine Zeit lang wird die Welt ohne jegliche Ordnung da stehen." Leonard warnte vor der "Versuchung, eine Vielzahl von geografischen, ökonomischen und technologischen Druckpunkten als Waffe einzusetzen."

Reformstau, Regelverstöße und Rückzüge

"Das Rahmenwerk des Multilateralismus, das mit der Nachkriegszeit und der goldenen Ära der UN verknüpft ist, ist Geschichte", meint auch Teresa Nogueira Pinto, Globalisierungsexpertin mit Afrika-Schwerpunkt an der Universida de Lusófonia in Lissabon. "Es funktioniert nicht mehr. Die meisten Friedensmissionen sind gescheitert, und es ist schwer vorzustellen, wie die dringend nötige Reformierung der UN umgesetzt werden könnte." Als Beispiel nennt Pinto im DW-Interview den Sicherheitsrat, der nicht mehr die Welt im Jahr 2026 abbilde. "Doch wer sollte beitreten? Indien? Pakistan? Nigeria? Äthiopien? Es ist sehr schwer, sich eine Reform auch nur vorzustellen."

"Ich stimme nicht der These zu, dass diese Ära schon komplett vorbei ist", sagt hingegen Johannes Thimm, Forschungsgruppenleiter Amerika bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. "Völkerrecht ist sehr vielfältig und schließt auch ganz viel mit ein, was man gar nicht so wahrnimmt in den täglichen Beziehungen zwischen Staaten, diplomatische Gepflogenheiten, Verträge und so weiter. Und da ist noch ganz schön viel da, was man nicht so richtig merkt, weil es nicht so spektakulär ist."

Doch sei völlig zweifelsfrei, dass in letzter Zeit vermehrt gegen Völkerrecht verstoßen werde - etwa durch Angriffskriege wie in der Ukraine und Iran. Und auch Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht wie in Gaza seien eine Herausforderung für die multilaterale Ordnung.

Als weiteren Faktor, der dem Multilateralismus Stabilität entzieht, nennt Thimm die Rückzüge der USA aus Dutzenden internationalen Organisationen und Verträgen, darunter die Weltgesundheitsorganisation, das Pariser Klimaabkommen und die Klima-Rahmenkonvention der UN sowie die Kulturorganisation UNESCO. Erst kürzlich hat die US-Regierung noch einmal die Gangart gegen den von ihr kritisierten Internationalen Strafgerichtshof verschärft. "Wenn der immer noch mächtigste Staat so handelt", meint Thimm, "dann ist das eine Gefährdung für das System als Ganzes. Also stärker, würde ich sagen, als wenn Russland zum Beispiel einen Angriffskrieg führt."

Alte Bündnisse bröckeln, neue entstehen

Trump verweist gerne auf die Monroe-Doktrin von 1823, die die westliche Hemisphäre als exklusive Einflusszone Washingtons beschreibt. Auf die Gegenwart übertragen könnte das bedeuten: Der Rest der Welt wird nicht mehr von Amerika dominiert, sondern von anderen Groß- und Mittelmächten - eine multipolare Weltordnung nach dem Abgang der bisherigen Ordnungsmacht USA.

Für viele Staaten birgt der Umbruch das Risiko, an Einfluss zu verlieren; für andere kann es jedoch auch Antrieb sein, sich gerade jetzt neu zu positionieren und mit eigenen Bündnissen ihren Platz in einer multipolaren und nicht mehr westlich dominierten Welt zu sichern. Nicht zufällig hat etwa auch das BRICS-Bündnis an Bedeutungszuwachs erfahren und neue Mitglieder aufgenommen, das immer selbstbewusster ein Gegengewicht zur westlich geprägten internationalen Finanzarchitektur, das sogenannte Bretton-Woods-System, errichten will.

Teresa Pinto sagt: "Viele afrikanische Staaten erkennen, dass die früheren Modelle für sie nicht so vorteilhaft waren in Bezug auf nachhaltiges Wachstum. Also ergreifen sie die Chance. Und das geht einher mit der Rückkehr der Geopolitik: Lange glaubten wir, dass Geopolitik Geschichte ist, aber das ist sie nicht."

Denn auch sicherheitspolitisch organisiert die Welt sich neu. In der NATO droht der weitere Rückzug der USA oder sogar ein militärischer Angriff von innen, sollte Trump seine Ansprüche auf das von Dänemark verwaltete Grönland weiter verfolgen. Im Indopazifik, vor allem aber im Nahen Osten zweifeln US-Verbündete an der Verlässlichkeit amerikanischer Beistandsversprechen und suchen nach neuen Allianzen. So haben Anfang August Saudi-Arabien, die Türkei und die Atommacht Pakistan den Mekka-Verteidigungspakt mit NATO-ähnlichen Beistandsgarantien ins Leben gerufen. Der Pakt oder auch die europäische Koalition der Willigen zur Unterstützung der Ukraine gelten als Beispiele für die aufstrebenden kleineren und agileren Formate, die mitunter als "Minilateralismus" bezeichnet werden.

In vielen Fällen werden militärische und diplomatische Anstrengungen zusammen gedacht. "Eine regellose Welt hilft nur den Starken", sagt SWP-Experte Thimm. "Alle anderen, ob mittelstark oder schwach, geraten da unter die Räder. Und deswegen hat natürlich Europa, was ich zu den Mittelstarken zählen würde, ein großes Interesse daran, eine Art von Ordnung zu erhalten. Also dass es nicht die Welt ohne Regeln gibt, wo der Stärkere sich und seine Interessen einfach durchsetzt."

Neben militärischen Überlegungen suchen viele Staaten jedoch auch nach neuen, breiter aufgestellten wirtschaftlichen und politischen Partnerschaften. Teresa Pinto rechnet mit einem Bedeutungszuwachs regionaler Bündnisse, die bessere Resultate hervorbringen könnten als Mechanismen auf globaler Ebene. So habe die UN-Handelsorganisation WTO zwar im 20. Jahrhundert viel bewirkt, funktioniere nun aber schon länger nicht mehr. "Jetzt ist es vielleicht nützlicher, über regionale Ansätze wie die Afrikanische Freihandelszone nachzudenken."

Die Vereinheitlichung der afrikanischen Märkte gilt als vielversprechender Lösungsansatz für viele Probleme; die weitere Implementierung der seit 2018 von fast allen afrikanischen Staaten ratifizierten Freihandelszone verläuft jedoch eher schleppend.

Wessen Interessen dient eine künftige Weltordnung?

Teresa Pinto nennt drei Faktoren, die die künftige Machtverteilung in einer multipolaren Welt beeinflussen können: Souveränität, den Zugang zu Ressourcen, und nicht zuletzt die Demografie: Junge, wachsende Gesellschaften in Afrika oder Asien könnten sich unverzichtbar machen. "Indien kann bis zum Ende des Jahrhunderts zur Supermacht aufsteigen", meint Pinto.

Ein Bedeutungsverlust der USA, der Machtzuwachs anderer Akteure wie China, Minilateralismus und regionale Allianzen - noch ist nicht seriös zu beantworten, welche Weltordnung sich aus diesen Puzzleteilen zusammensetzen wird.

Zumindest kurzfristig fürchtet Johannes Thimm jedoch: "Die Welt wird gewalttätiger werden. Es wird mehr Kriege geben. Die Kriege werden brutaler werden. Es wird schwieriger sein, überhaupt Zusammenarbeit zu organisieren. Also ich weiß nicht, was passiert, wenn die nächste Pandemie ausbricht. Ich weiß nicht, was passiert, wenn die nächste globale Finanzkrise ausbricht." Und dann sei da noch die Klimakrise als zentrale Herausforderung, die nur gemeinsam gelöst werden könne.

Author David Ehl
Item URL https://www.dw.com/de/wohin-steuert-die-welt-nach-der-ära-des-multilateralismus/a-78533057?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78531487_607.jpg
Image caption Der UN-Klimakonferenz im brasilianischen Belém blieben die USA fern
Image source Fernando Llano/AP Photo/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78531487_607.jpg&title=Wohin%20steuert%20die%20Welt%20nach%20der%20%C3%84ra%20des%20Multilateralismus%3F

Item 5
Id 78532627
Date 2026-08-27
Title Sinnbild des Bosnienkrieges: Zum Tod von Ratko Mladic
Short title Sinnbild des Bosnienkrieges: Zum Tod von Ratko Mladic
Teaser Für viele war Ratko Mladic der Inbegriff des Grauens des Krieges in Bosnien und Herzegowina. Er befahl den Genozid in Srebrenica und wurde in Den Haag als Kriegsverbrecher verurteilt. Nun ist er 84-jährig gestorben.
Short teaser Er befahl den Genozid in Srebrenica und wurde als Kriegsverbrecher verurteilt. Nun ist Ratko Mladic 84-jährig gestorben.
Full text

Auch mehr als 30 Jahre nach dem Ende des Krieges in Bosnien und Herzegowina (1992-1995) steht Srebrenica als Sinnbild für seine Grausamkeit - und kein Name ist so sehr mit dem Genozid in der kleinen ostbosnischen Stadt verbunden wie der des damaligen Oberbefehlshabers der Armee der bosnischen Serben: Ratko Mladic.

Obwohl Srebrenica von den Vereinten Nationen zur "Schutzzone" erklärt worden war, griffen bosnisch-serbische Soldaten das Städtchen an. In nur wenigen Tagen vertrieben sie im Juli 1995 Frauen und Kinder und töteten mehr als 8300 unbewaffnete muslimische Jungen und Männer im Vorort Potocari - auf direkten Befehl von Mladic, wie 22 Jahre später im Urteil des Internationalen Kriegsverbrechentribunals für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag stehen wird.

Srebrenica war damals das größte Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Das ICTY stufte es als Genozid ein. Aber nicht nur der Völkermord von Srebrenica wurde Mladic zur Last gelegt: Unter seinem Kommando begann direkt zu Anfang des Krieges auch die jahrelange Belagerung von Sarajevo. Die Stadt wurde über 40 Monate hinweg beschossen, etwa 11.000 Menschen kamen ums Leben, darunter mehr als 1600 Kinder.

Mladic behauptete immer, nur militärische Ziele zu bekämpfen - doch zahlreiche Berichte und abgefangene Funksprüche legen nahe, dass gezielt auch zivile Einrichtungen und Wohngebiete angegriffen wurden. Rund 100.000 Menschen wurden in den vier Kriegsjahren in Bosnien getötet, etwa 2,2 Millionen wurden aus ihren Städten und Dörfern in dem damals 4,4-Millionen-Einwohner-Staat vertrieben.

"Der Schlächter vom Balkan"

2017 wurde Mladic, den die internationalen Medien auch den " Schlächter vom Balkan" nannten, als einer der Hauptverantwortlichen für Kriegsverbrechen und Völkermord während des Bosnien-Krieges vom Tribunal in Den Haag zu lebenslanger Haft verurteilt.

Mladic wies stets jede Verantwortung von sich, er sah sich als Rächer der Serben für die Jahrhunderte lange Herrschaft der Türken auf dem Balkan, und die bosnischen Muslime, die sich heute "Bosniaken" nennen, sah er als deren direkten Nachfahren. Vor seinen Soldaten nannte er sie auch immer nur "die Türken", und für sie hatte er keinerlei Empathie übrig. "Grenzen werden immer mit Blut gezogen und Staaten mit Gräbern gezeichnet", so lautet ein ihm zugesprochener Ausspruch.

Obwohl er offiziell dem politischen Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, untergeordnet war, hatte Mladic innerhalb der Führung der bosnischen Serben beträchtlichen Einfluss. Nie war er nur einfacher Soldat. Er fragte nicht nach der Marschroute - er gab sie vor.

Karriere in der jugoslawischen Armee

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war General-Oberst Ratko Mladic ein glühender serbischer Nationalist. Seine Karriere aber begann er als überzeugter Kommunist. Der 1943 in Ostbosnien geborene Mladic war zwei Jahre alt, als sein Vater, einer der Partisanen Titos, von den faschistischen kroatischen Ustascha-Milizen getötet wurde - ein Verlust, der oft als prägend für sein späteres Weltbild beschrieben wird.

Als junger Mann schlug Mladic eine militärische Laufbahn ein, besuchte die Militärakademie in Belgrad und galt als ehrgeizig und diszipliniert, die Ausbildung schloss er als Klassenbester ab. Früh machte er Karriere in der Armee Jugoslawiens, die lange Zeit als eine der stabilsten Institutionen des Vielvölkerstaates galt.

Serbischer Nationalist

Zu Beginn des Kroatien-Krieges im Juni 1991, als sich die in Kroatien lebenden Serben mit tatkräftiger Unterstützung aus Serbien gegen die Unabhängigkeit der bisherigen jugoslawischen Teilrepublik auflehnten, änderte sich seine Haltung grundlegend. Mladic wurde als Oberst der jugoslawischen Armee Kommandeur des 9. Korps im kroatischen Knin. Seine Aufgabe: serbische Milizen zu organisieren und sie im Kampf gegen die kroatische Unabhängigkeit zu unterstützen.

Unter Mladics Kommando wurden die kroatischen Städte Sibenik und Zadar bombardiert und die kroatische Bevölkerung aus den umliegenden Ortschaften vertrieben. Im Mai 1992 übernahm er die gleiche Arbeit in Bosnien: Inzwischen zum General aufgestiegen, wurde Mladic Oberbefehlshaber der bosnisch-serbischen Truppen und kämpfte dafür, eine Verbindung zwischen den von Serben gehaltenen Gebieten im Osten und Westen der ex-jugoslawischen Republik zu schaffen.

Die Flucht, die Verhaftung und das Urteil

Noch vor Ende des Bosnien-Kriegs Ende 1995 wurde Mladic vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien angeklagt. Doch jahrelang entzog er sich der Festnahme. Unterstützt von Netzwerken aus serbischem Militär und Politik lebte er weitgehend unbehelligt im Untergrund, wurde sogar öffentlich gesehen. Erst 2011 wurde er verhaftet - nach 16 Jahren auf der Flucht und unter wachsendem internationalem Druck.

Der anschließende Prozess in Den Haag dauerte insgesamt 523 Tage. Fast 600 Zeugen sagten aus, zahlreiche Dokumente und Beweise wurden ausgewertet. Am Ende wurde Mladic in erster Instanz zu lebenslanger Haft verurteilt - unter anderem wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. 2021 bestätigte ein Berufungsgericht dieses Urteil endgültig. Damit gilt juristisch als festgestellt, dass er einer der Hauptverantwortlichen für die Verbrechen im Bosnienkrieg war.

Ein Kriegsverbrecher wird zum Helden stilisiert

International wurde das Urteil als historisch gewertet. Vertreter der Vereinten Nationen sahen darin ein Signal, dass selbst Jahrzehnte nach den Taten Verantwortung eingefordert werden kann. Für viele Überlebende und Angehörige der Opfer war das Urteil ein spätes, aber wichtiges Zeichen der Anerkennung ihres Leids.

Gleichzeitig blieb Mladic selbst bis zuletzt uneinsichtig. Während des Prozesses bezeichnete er sich stets als unschuldig, die Vorwürfe gegen ihn seien "widerlich" und das Tribunal bezeichnete er als "satanisch".

So sehen das bis heute auch viele seine Unterstützer in Serbien und unter bosnischen Serben. Während er international als Kriegsverbrecher gilt, bezeichnen ihn seine Verehrer weiterhin als Verteidiger serbischer Interessen und als Helden - und malen seine Konterfeis an Hauswände.

Als er noch auf der Flucht war, drohte Mladic seinen Verfolgern, er trage immer eine Giftpille bei sich. Lebend würde man ihn nicht fassen. Geschluckt hat er diese Pille allerdings in all den Jahrzehnten nicht. Er hat mehrere Schlaganfälle im Gefängnis überstanden.

Ratko Mladic starb am 27.08.2026 im Gefängniskrankenhaus in Den Haag im Alter von 84 Jahren.

Author Zoran Arbutina
Item URL https://www.dw.com/de/sinnbild-des-bosnienkrieges-zum-tod-von-ratko-mladic/a-78532627?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76965583_607.jpg
Image caption Ratko Mladic im Gerichtssaal in Den Haag am 8.06.2021
Image source Jerry Lampen/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/jd/jd20250711_Srebrenica_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/76965583_607.jpg&title=Sinnbild%20des%20Bosnienkrieges%3A%20Zum%20Tod%20von%20Ratko%20Mladic

Item 6
Id 78520423
Date 2026-08-27
Title Sturzflut im Himalaya: Wie kam es zur Katastrophe in Nepal?
Short title Sturzflut im Himalaya: Wie kam es zur Katastrophe in Nepal?
Teaser Sturzfluten gibt es in verschiedenen Regionen des Himalaya immer wieder. Forschende versuchen zu verstehen, wie es dazu kommen kann und wie Frühwarnsysteme Menschenleben retten können.
Short teaser Frühwarnsysteme können über Leben und Tod von Menschen entscheiden. In Nepal gibt es allerdings kaum welche.
Full text

Die Katastrophe im Grenzgebiet zwischen China und Nepal kam ebenso schnell wie unerwartet: In nur zehn Minuten legten riesige Wasser- und Geröllmassen am Mittwoch eine Strecke von 20 Kilometern zurück - mit verheerenden Folgen für tausende Menschen in der Grenzregion von Nepal und China.

Sturzfluten im Himalaya gibt es häufig. "Sie sind eher die Regel als die Ausnahme", sagt Niels Hovius, Leiter der Sektion Geomorphologie am GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam. Er arbeitet seit vielen Jahren im Himalaya und anderen Hochgebirgsregionen und ist Experte für Frühwarnsysteme.

Was hat die Sturzflut ausgelöst?

Alle wissenschaftlichen Daten deuten darauf hin, dass die Katastrophe mit einem Gletscherabbruch im Norden des Langtang-Massivs ihren Anfang nahm, also mit dem Abbrechen einer großen Menge des Eises, das zu einer riesigen Eislawine wurde. Das Langtang-Massiv befindet sich in Zentralnepal in der Grenzregion mit China.

"Dieser Gletscherzusammenbruch hat große Mengen Eis sehr schnell abwärts bewegt", sagt Hovius. Durch die Reibungshitze sei das Eis zu Wasser geschmolzen, das wiederum Geröll und Schlamm mit sich gerissen hat. Dieser Schlammstrom habe sich mit einer Geschwindigkeit talabwärts bewegt, wie man sie "mit PKWs auf deutschen Autobahnen erreicht", so Hovius.

Seismologische Instrumente zeichneten zum Zeitpunkt des Gletscherabbruchs ein Erdbeben der Stärke 4,4 auf der Richterskala auf. Allerdings, so Novius, habe es sich dabei nicht um ein "klassisches", also tektonisches Beben gehandelt. Vielmehr haben die Instrumente die Wucht des fallenden Gletschers gemessen.

Warum können Sturzfluten im Himalaya so verheerend sein?

Sturzfluten können in Hochgebirgen auf unterschiedliche Weisen ausgelöst werden: durch Gletscherabbrüche oder auch durch sogenannte Gletscherseeausbrüche (GLOF, Glacier Lake Outburst Floods).

Dabei ändert sich plötzlich die topografische Struktur um einen Gletschersee herum, beispielsweise durch einen Hang, der in den See hineinrutscht. Die großen Mengen Wasser, die bei einem solchen Ereignis plötzlich über die Ufer des Sees treten, können ebenfalls zu talabwärts rasenden Fluten werden. In diesem aktuellen Fall sei aber klar, dass es sich nicht um eine solche Flut gehandelt habe, sagt Hovius.

Erdrutsche können ebenfalls für tödliche Schlammlawinen sorgen, ganz ohne Gletscher oder Gletscherseen. Im Himalaya sei nicht nur all das möglich, historische Daten zeigten, dass alle drei Ereignisse regelmäßig stattfinden, so Hovius.

Im Vergleich zu den Alpen seien die Täler des Himalaya-Gebirges relativ schmal, sagt der Forscher. Die Wasser- und Schlammmassen können sich nicht ausbreiten, sondern werden zusammengepresst und nehmen an Tiefe und Geschwindigkeit zu.

Wie katastrophal sich eine Sturzflut auf die Bevölkerung auswirkt, hänge von dem Abstand zwischen Ursprungsort und dem nächsten besiedelten Gebiet und der Fließgeschwindigkeit der Wassermassen ab.

Wie können Menschen vor Sturzfluten geschützt werden?

In Nepal gibt es zwei zentrale Probleme: Menschen haben sich entlang der Flüsse in den Tälern des Himalaya-Gebirges angesiedelt - genau dort, wo sie bei einer Sturzflut am gefährdetsten sind. Und es gibt kaum Frühwarnsysteme in dem Land, das zu den ärmsten in Asien zählt.

Die aktuelle, besonders verheerende Sturzflut hätte den Menschen selbst mit einer rechtzeitigen Warnung nur wenige Minuten gegeben, um sich in Sicherheit zu bringen. Hovius erzählt von einer Flut, die im vergangenen Jahr in derselben Region stattgefunden habe, weniger groß und deshalb weniger dramatisch. Damals habe das Wasser eine Stunde gebraucht, bis es eine Siedlung erreicht hatte - genug Zeit, um sich bei rechtzeitiger Warnung zu retten.

"In Nepal gibt es Initiativen, auf lokaler Ebene ein akustisches Frühwarnsystem aufzubauen", sagt Hovius. Allerdings in sehr beschränktem Umfang. Maximal ein Prozent der Risikobereiche würde so abgedeckt. Der GFZ-Forscher findet, dass Handys genutzt werden und die Menschen über Push-Benachrichtigungen gewarnt werden sollten. Wie die Daten für ein solches System generiert werden können, dazu forscht Hovius.

Auch über die Siedlungsstrategie sollte nachgedacht werden, sagt Hovius. Die gesamte Infrastruktur eines Ortes konzentriere sich meist am Fluss. "Die Leute sind von den Bergen runtergekommen und haben sich in den letzten Jahrzehnten im Tal angesiedelt. Vielleicht wäre eine Rückbewegung vernünftig."

Werden Sturzfluten in Gebirgen aufgrund des Klimawandels häufiger?

Einzelne Ereignisse dem Klimawandel zuzuschreiben, sei immer schwierig, sagt Hovius. Aber natürlich sei es so, dass Gletscher im Hochgebirge bei steigenden Temperaturen instabiler werden. Außerdem sammeln sich größere Wassermengen in Gletscherseen - was GLOFs wahrscheinlicher werden lässt.

Was die aktuelle Sturzflut betrifft, sei es zu früh zu sagen, ob eine temperaturbedingte Dynamik den Gletscher hat zusammenbrechen lassen, so Hovius. Sturzfluten gibt es schon lange regelmäßig im Himalaya. "Aber ich halte es für wahrscheinlich, dass sich immer mehr von diesen Ereignissen abspielen werden", sagt Hovius. Und dass es noch viel größere Sturzfluten geben könnte.

Author Julia Vergin
Item URL https://www.dw.com/de/sturzflut-im-himalaya-wie-kam-es-zur-katastrophe-in-nepal/a-78520423?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78519455_607.jpg
Image caption Sturzfluten sind im Himalaya eher Regel als Ausnahme. Der Klimawandel erhöht das Risiko weiter
Image source Sunil Pradhan/ABACA/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/gld/gld251215_gletscher_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/78519455_607.jpg&title=Sturzflut%20im%20Himalaya%3A%20Wie%20kam%20es%20zur%20Katastrophe%20in%20Nepal%3F

Item 7
Id 78518337
Date 2026-08-27
Title Warum die Bundeswehr auf die Gamescom setzt
Short title Warum die Bundeswehr auf die Gamescom setzt
Teaser Seit zehn Jahren präsentiert sich die Bundeswehr auf der Videospielemesse Gamescom, um jungen Menschen den Soldatenberuf schmackhaft zu machen. Und genauso lange steht sie dafür in der Kritik.
Short teaser Seit zehn Jahren präsentiert sich die Bundeswehr auf der Gamescom. Genauso lange steht sie dafür in der Kritik.
Full text

Die Gamescom in Köln ist laut eigenen Angaben die größte Computerspielemesse der Welt. Im vergangenen Jahr waren zwei Drittel der Privatbesucher männlich und mehr als 40 Prozent zwischen 16 und 25 Jahre alt. Diese jungen Menschen will auch die Bundeswehr erreichen, die dringend ihr Personal aufstocken muss.

Bis 2035 soll die Truppe auf 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten anwachsen. Hunderte Milliarden Euro stellt die Bundesregierung für die Modernisierung der deutschen Streitkräfte zur Verfügung. Verteidigung hat in Deutschland angesichts der Weltlage inzwischen Priorität.

Karriereberatung in Flecktarn

2016 nahm die Bundeswehr erstmals mit einem eigenen Stand an der Gamescom teil. Seitdem ist sie jedes Jahr dabei. Ein Blickfang ist der nagelneue olivgrüne Geländewagen Caracal. Daneben reihen sich Laptops des Zentrums für Cyber-Operationen auf, das unter anderem für die Cyberabwehr zuständig ist. Besucher dürfen hier unter Aufsicht hacken.

An einer anderen Station liegen VR-Brillen aus, die Einblicke in die Arbeit von Soldatinnen und Soldaten auf einem Marineschiff geben. In einer 3D-Erlebniswelt stellen Piloten, Bordmechaniker und ein Flugloste ihre Berufe vor. In einer anderen Ecke stehen einige durchtrainierte Gebirgsjäger neben einer Klimmzugstange, an der Besucher ihre Kräfte messen können.

Neu ist die Karrierelounge, in der Interessierte so genannte "Karriereberatungsgespräche" führen können. Die Stimmung ist gut, die Soldatinnen und Soldaten werben unaufdringlich für ihren Arbeitgeber und nehmen sich Zeit für Fragen der Besucher - die vor allem zur Gamescom gekommen sind, um Spaß zu haben, Freunde zu treffen und die neuesten Games zu spielen.

Sind Gamer gute Soldaten?

Eine repräsentative Studie des Digitalverbands Bitkom kam zu dem Ergebnis: Jeder Fünfte hält es für wahrscheinlich, dass Video- und Computerspiele Fähigkeiten vermitteln, die im Kriegsfall gebraucht werden - etwa Reaktionsgeschwindigkeit oder Problemlösungskompetenzen. Doch ein guter Spieler ist noch lange kein guter Soldat.

"Was wir brauchen, sind Menschen, die technologieaffin sind", erklärt Generalleutnant Robert Sieger der DW. Er ist Präsident des Bundesamtes für das Personalmanagement der Bundeswehr und Personalchef der Bundeswehr. "Was wir nicht wollen, sind Menschen, die denken, wir machen hier einen Ego-Shooter oder ein Ballerspiel. Das wird dem Ernst der Lage überhaupt nicht gerecht. Krieg ist kein Spiel. Als Soldat und General ist mir wichtig, dass die Menschen die Ernsthaftigkeit unseres Handelns verstehen."

Über die Bundeswehr und die verschiedenen Berufsfelder aufzuklären, ist für Generalleutnant Sieger ein zentrales Argument für einen Bundeswehrstand auf der Gamescom. "Wir sind ein ganz selbstverständlicher Teil der Lebensversicherung unseres Landes. Wir müssen einfach da sein und zeigen, was es bedeutet, als Soldatin oder Soldat oder im zivilen Bereich für die Freiheit unseres Landes einzustehen."

In der Job-Area der Spielemesse präsentieren sich neben der Bundeswehr viele andere Arbeitgeber, darunter die Bundespolizei, der Einzelhandelskonzern Edeka oder die Softwarefirma Datev.

Kritik am Bundeswehrstand

Dennoch bleibt die Gamescom eine Spielemesse – und diese Nähe der Bundeswehr zu Videospielen gefällt nicht jedem. Die "Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen" (DFG-VK) kritisiert die Gamescom-Präsenz der Bundeswehr, aber auch die Stände des deutschen Auslandsnachrichtendiensts (BND) sowie die Stände von Rüstungsunternehmen wie Airbus oder Rheinmetall.

Die Bundeswehr nutze unpassende Slogans, die Gamer gezielt ansprechen und das Bild vom Militärdienst verfälschen würden, sagt Marius Pletsch von der Friedensinitiative der DW. "Wir finden es falsch, junge Leute mit Abenteuerlust zu ködern, damit sie an den Stand kommen. Wir finden nicht, dass die Bundeswehr an einer Messe, wo es ja primär um Computerspiele und Freizeit geht, vertreten sein sollte, um ihre Personalzahlen zu verbessern", so der Friedensaktivist.

An zwei Messetagen wird die Friedensgesellschaft einen Stand vor den Messehallen aufbauen und über Kriegsdienstverweigerung informieren.

Kein Job wie jeder andere

"Soldat*in ist kein normaler Beruf", heißt es in der Pressemeldung der Friedensinitiative. Nicht viel anders klingt Generalleutnant Sieger: "Der Beruf des Soldaten oder der Soldatin ist kein Job wie jeder andere. Wir stehen mit unserem Leben für die Sicherheit unserer Bevölkerung."

Er zieht jedoch einen anderen Schluss daraus als die Friedensaktivisten: "Es wäre geradezu fahrlässig, wenn eine Organisation, die für die Sicherheit unseres Landes verantwortlich ist, kein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft ist. Und als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft und moderner Arbeitgeber haben wir natürlich hier in der Job-Area unseren Platz, wie auch in den letzten Jahren."

Und wie kommt der Stand, bei den jungen Gamescom-Besuchern an? "Moralisch fragwürdig, aber ein guter Arbeitgeber", sagt der 22-jährige Informatikstudent Dennis, obwohl die Bundeswehr nichts für ihn sei. Dominik, 26 Jahre alt, findet es gut, dass sich die Bundeswehr auf der Gamescom präsentiert. "Man kann mit den Leuten ja eigentlich ganz gut reden, alle sehr nett." Er könnte sich vielleicht sogar vorstellen bei der Cyber-Abwehr der Bundeswehr zu arbeiten.

Author Kristina Reymann-Schneider
Item URL https://www.dw.com/de/warum-die-bundeswehr-auf-die-gamescom-setzt/a-78518337?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78518273_607.jpg
Image caption Auch 2026 ist die Bundeswehr auf der Videospielmesse Gamescom in Köln vertreten
Image source Kristina Reymann-Schneider/DW
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78518273_607.jpg&title=Warum%20die%20Bundeswehr%20auf%20die%20Gamescom%20setzt

Item 8
Id 78520434
Date 2026-08-27
Title Yayoi Kusama ist tot
Short title Yayoi Kusama ist tot
Teaser Sie war auch im hohen Alter noch produktiv, ihre Kunst und ihre Themen hochaktuell. Jetzt ist Superstar Yayoi Kusama in Japan mit 97 Jahren gestorben.
Short teaser Yayoi Kusama war Kunst-Superstar in Japan. Jetzt ist sie mit 97 Jahren gestorben.
Full text

Yayoi Kusama war eine der größten zeitgenössischen Künstlerinnen Japans. Sie war zuletzt vor allem bekannt für ihre Instagram-affinen "Infinity Rooms” - begehbare Installationen aus Spiegeln und Lichtpunkten - sowie ihre großformatigen Polka-Dot-Skulpturen. Ihre Werke wirken oft verspielt, doch dahinter steht die Geschichte einer Frau, die enorme gesellschaftliche und gesundheitliche Herausforderungen zu überwinden hatte.

Geboren 1929, hatte Yayoi Kusama mit zehn Jahren zum ersten Mal Halluzinationen. Punkt- und Netzmuster legten sich vor ihrem inneren Auge über alles, was sie sah. Auslöser war ihrer Ansicht nach psychischer Stress, verursacht durch ihre lieblose Mutter, die sie vom Malen abhalten und in traditionelle Verhaltensmuster zwingen wollte. Die Halluzinationen haben sie ihr Leben lang nicht verlassen, doch Kusama lernte mit ihnen umzugehen - indem sie sie in Kunst verwandelte. "Meine Kunstwerke sind Ausdruck meines Lebens, insbesondere meiner psychischen Erkrankung", sagte Kusama einmal gegenüber dem "Bomb Magazine".

Nach einem Besuch der Kyoto School of Arts and Crafts hatte Kusama erste Ausstellungen in ihrer Heimat. Ihre psychische Erkrankung verheimlichte sie nicht, damals ein großer Tabubruch.

Yayoi Kusamas Flucht nach New York

In Japan wurde es der jungen Frau bald zu eng. "[Meine Eltern] versuchten ständig, mich in arrangierte Ehen mit Männern zu drängen, die ich noch nie getroffen hatte", erzählte Yayoi dem Schriftsteller Andrew Solomon einmal und beschrieb ihre frühen 20er Jahre als "die Zeit meines Nervenzusammenbruchs". Sie fühlte sich zunehmend wie "eine Gefangene, umgeben von einem Vorhang der Entpersönlichung". Schließlich entzog sie sich den Konventionen und Rollenvorstellungen des Nachkriegsjapans und ging 1958 nach New York. Kusamas Mutter gab ihr finanzielle Starthilfe - unter der Bedingung, dass sie nie mehr nach Japan zurückkehrte.

Künstlerkollegin Georgia O'Keeffe, die Kusama zuvor eine Auswahl ihrer Arbeiten geschickt hatte, half ihr, auf dem neuen Kontinent Fuß zu fassen. Kusama arbeitete häufig ganze Tage durch, erschuf unzählige Werke. Bald gehörte sie zum exklusiven Kreis der New Yorker Avantgarde: Ihre monochromen Netzmuster, die Infinity Nets, erregten Aufsehen bei ihrer ersten Ausstellung. Mit ihren seriellen Wiederholungen ähnelten ihre Arbeiten denen Andy Warhols. Ihre Stoffskulpturen, meist phallusförmig, erinnern an die etwa zeitgleich entstandenen Arbeiten von Claes Oldenburg. Oder war es umgekehrt, wie Kusama selbst in ihrer 2002 erschienen Autobiografie behauptete?

In jedem Fall waren die männlichen Weggefährten kommerziell erfolgreicher als die junge asiatische Frau, was dazu beitrug, dass sie einen Selbstmordversuch unternahm, den sie mit viel Glück überlebte. Ihren Protest gegen den Gender Pay Gap äußerte Kusama unter anderem mit der Skulptur "Traveling Life" (1964): einer Leiter, die von phallischen Formen überwuchert ist und auf deren Stufen Frauenschuhe stehen. Phalli waren ein weiteres wiederkehrendes Motiv, mit dem Kusama ihre "Angst vor Sex als etwas Schmutzigem" zu verarbeiten versuchte, wie sie in ihrer Autobiografie schrieb.

Kusamas Kernthema: Rückkehr ins Universum durch Selbstauslöschung

Gleichzeitig arteten ihre diversen Happenings gegen den Vietnamkrieg in der Hippie-Community zu Sex-Orgien aus (an denen sie sich nicht beteiligte). "Warum sollten Menschen, die Lust miteinander teilen, in den Krieg ziehen und andere töten? Durch freien Sex lässt sich die Mauer zwischen mir und den anderen einreißen", schrieb Kusama in ihrer Autobiografie. Oft bemalte sie nackte Frauen- und Männerkörper mit Punkten, die zu einem Verschwinden der Individualität der Bemalten führen sollten. "Self-Obliteration" (dt. Selbstauslöschung) nannte sie dieses Konzept; es zog sich durch ihr gesamtes Werk: "Durch die Auslöschung des eigenen Selbst kehrt man ins unendliche Universum zurück", sagte Kusama einmal.

Kritik am Kunstmarkt übte Kusama 1966 provokativ mit "Narcissus Garden", als sie vor dem Eingang der Biennale in Venedig (zu der sie nicht eingeladen war) 1500 reflektierende Kugeln auf den Rasen legte und diese für zwei Dollar pro Stück verkaufte, bis Biennale-Offizielle dem Ganzen ein Ende setzten.

Viel später, 1993, wurde sie dann tatsächlich zur Biennale eingeladen. "Das ist der beste Moment meines Lebens", sagte sie damals der Financial Times. "Ich möchte noch berühmter werden, immer noch berühmter." Für dieses offen zur Schau gestellte Streben nach Ruhm wurde sie anschließend kritisiert.

Ausverkaufte Ausstellungen: Yayoi Kusamas später Ruhm

Im hohen Alter wurde sie dann tatsächlich zum Superstar - so wie sie es sich immer gewünscht hatte. Heute könnte sie kaum berühmter sein: 2018 verkaufte das The Broad Museum in Los Angeles 90.000 Tickets an einem Nachmittag für seine Kusama-Ausstellung. Eine für ein Jahr angesetzte Schau in der Londoner Tate Modern 2022 war in kürzester Zeit ausverkauft, ebenso die einjährige Verlängerung. Ihre Kunstwerke erzielen längst Millionenpreise auf Auktionen.

Yayoi Kusama lebte seit 1973 wieder in Japan, wo sie ihre Depressionen behandeln ließ. Produktiv war sie bis zum Schluss - natürlich. "Ich werde weiterhin Kunstwerke schaffen, solange meine Leidenschaft mich dazu antreibt", sagte sie einst dem "Bomb Magazine". "Ich bin zutiefst bewegt, dass so viele Menschen meine Fans sind. (...) Ich glaube, ich werde erst nach meinem Tod erfahren, wie die Menschen meine Kunst bewerten. Ich schaffe Kunst zur Heilung der gesamten Menschheit."

Derzeit ist eine große Retrospektive der Künstlerin in Amsterdam zu sehen. Dieselbe Werkschau gastierte zuvor im Museum Ludwig in Köln und war mit mehr als 480.000 Besuchern die erfolgreichste Ausstellung, die das Museum jemals gezeigt hat.

Nun ist Yayoi Kusama im Alter von 97 Jahren gestorben. Nach Angaben des nach ihr benannten Museums in Tokio starb die Künstlerin bereits am 14. August in einem Krankenhaus der japanischen Hauptstadt.

Author Katharina Abel
Item URL https://www.dw.com/de/yayoi-kusama-ist-tot/a-78520434?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78518501_607.jpg
Image caption Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama wurde 97 Jahre alt
Image source Miho Takahashi/AP Photo/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78518501_607.jpg&title=Yayoi%20Kusama%20ist%20tot

Item 9
Id 78512308
Date 2026-08-26
Title Johannes Volkmann: Ukraine-Hilfen "sind keine Almosen"
Short title Johannes Volkmann: Ukraine-Hilfen "sind keine Almosen"
Teaser Warum ist es für Deutschland wichtig, die Ukraine zu unterstützen? Ist auf die NATO noch Verlass? Der CDU-Bundestagsabgeordnete Johannes Volkmann im DW-Interview.
Short teaser Warum ist es für Deutschland wichtig, die Ukraine zu unterstützen? Der CDU-Politiker Johannes Volkmann im DW-Interview.
Full text

Johannes Volkmann, Enkel des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, gehört mit 29 Jahren zu den jüngsten Bundestagsabgeordneten - und zu den engagiertesten Unterstützern der Ukraine. Noch als Kreistagsvorsitzender im Lahn-Dill-Kreis (Hessen) initiierte er die kommunale Partnerschaft mit der Stadt Browary bei Kyjiw, um Hilfsgüter für Bedürftige zu liefern.

Auch im Bundestag setzt er sich als Mitglied im Auswärtigen Ausschuss und in der United4Ukraine-Gruppe - einem internationalen Parlamentarier-Netzwerk -für die Unterstützung des Landes ein. Während seiner Ukraine-Reise erklärte der Politiker im DW-Gespräch, warum er diese Hilfe für so wichtig hält.

DW: Herr Volkmann, Sie waren zuletzt vor genau einem Jahr in der Ukraine. Was hat sich seitdem verändert?

Johannes Volkmann: Die Zahl der Luftangriffe und damit auch die Gefährdung der Zivilbevölkerung hat noch einmal deutlich zugenommen. Gleichzeitig spürt man aber nach wie vor einen enormen Selbstbehauptungswillen in der ukrainischen Bevölkerung. Davor habe ich größten Respekt. Die Ukraine zeigt, dass Freiheit und Demokratie sich verteidigen und wehren können. Das ist eine ganz wichtige Botschaft der Hoffnung.

Die deutsche Unterstützung ist besonders wichtig für die ukrainische Verteidigungsfähigkeit - Deutschland ist der größte bilaterale Geldgeber für die Ukraine in Europa. Zugleich gibt es politische Kräfte in Deutschland, die sich gegen diese Unterstützung stellen. Die Wähler dieser Parteien teilen diese Haltung und betrachten die Ukraine-Hilfe als Verschwendung. Was würden Sie ihnen entgegnen?

Jeder muss wissen, dass die Ukraine heute nicht nur sich selbst verteidigt, sondern auch Europa schützt. Russischer Imperialismus stellt nicht nur die Grenzen der Ukraine in Frage, sondern auch die Grenzen unserer Verbündeten im Baltikum und in Polen. Deswegen ist jeder Euro, den wir heute in die Ukraine investieren, eine gute Investition in unsere eigene Sicherheit.

Dazu kommt, dass die Ukraine uns in Europa zunehmend helfen kann, indem sie ihre Erfahrungen auf dem Schlachtfeld - bei modernen Technologien, bei Drohnen, bei der Ausbildung von Soldaten und bei zeitgemäßen Taktiken - an europäische Armeen weitergibt. Der Erfahrungsvorsprung der Ukraine ist in diesen Bereichen enorm. Deswegen ist die Ukraine mittlerweile eigentlich ein Anbieter von Sicherheit und nicht mehr nur ein Nachfrager nach Sicherheit in Europa.

Die AfD, die in aktuellen Umfragen auf dem ersten Platz liegt, fordert einen Stopp der deutschen Ukraine-Unterstützung. Viele in der Ukraine fragen sich deshalb: Wie wird es damit weitergehen, wenn die AfD bei der nächsten Bundestagswahl noch stärker abschneiden und an der Bundesregierung beteiligt sein sollte?

Ich kann die Sorge verstehen. Der Deutsche Bundestag ist bis 2029 gewählt. Für mich persönlich wie auch meine Fraktion, die CDU/CSU, ist es klar, dass die Ukraine militärisch unterstützt werden muss, weil es in unserem eigenen Sicherheitsinteresse ist. Es sind ja keine Almosen, die wir geben. Die Position der AfD zur Ukraine ist für mich ein wichtiger Grund, warum meine Partei eine Zusammenarbeit mit der AfD ausschließt.

Daneben gibt es auch eine humanitäre Verantwortung: Wenn Millionen Ukrainer ihre Heimat verlassen, weil Russland mit seinem Angriffskrieg Erfolg hat und man selbstverständlich nicht unter russischer Kolonialherrschaft leben will, dann destabilisiert das unsere Länder. Das würde uns finanziell viel mehr belasten als heute die Ukrainer dabei zu unterstützen, ihre Heimat zu verteidigen.

Sehen Sie Russland als militärische Bedrohung für Europa und Deutschland? Manche fragen sich: Wenn Russland sich in der Ukraine militärisch so schwergetan hat, welche Gefahr könnte es dann für die NATO darstellen?

Man muss verstehen, dass Russland mit seinen hybriden Angriffen auf Europa nicht primär militärische Eroberungszwecke verfolgt, sondern politische Ziele. Dazu gehört insbesondere die Zerstörung des Zusammenhalts in der EU und in der NATO. Das heißt, es ist sehr wohl möglich, dass Russland, begleitet zum Beispiel von Drohungen mit Atomwaffen, versucht, einzelne Gebiete im Baltikum zu besetzen, um zu testen, wie viel der Artikel 5 der NATO - die Solidaritätsklausel - wert ist.

Umso wichtiger ist es, dass wir für dieses Thema sensibilisiert sind und die Fähigkeit entwickeln, uns verteidigen zu können, um Russland vor solcher Aggression abzuschrecken. Frieden schützen wir nur durch eigene Stärke, Schwäche wird als Einladung zu Angriffen verstanden werden.

Deutschland gehörte zu den Ländern, die beim Thema NATO-Beitritt der Ukraine besonders zögerlich und vorsichtig waren. Beim NATO-Gipfel 2008 in Bukarest war Deutschland gegen die Gewährung eines Aktionsplans für die Mitgliedschaft für die Ukraine. Viele in der Ukraine denken, dass eine schnelle Aufnahme ihres Landes in die NATO - oder zumindest die Gewährung eines Aktionsplans dafür - Russlands hybriden Krieg 2014 und die Vollinvasion 2022 hätte verhindern können. War die damalige deutsche Politik in Bezug auf eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine ein Fehler?

Es ist offenkundig, dass sich die Hypothese der damaligen Bundesregierung als Fehlannahme entlarvt hat - die Annahme, dass gemeinsamer Handel, zum Beispiel mit Gas über die Nord-Stream-Pipeline, gegenseitige Abhängigkeiten schaffen und damit verhindern würde, dass es zu Gewalt kommt. Ebenso die Annahme, dass Neutralität andere Länder schützen würde.

Es ist ein großer Fehler gewesen, dass Deutschland damals nicht auf die Erfahrungswerte unserer Nachbarn im Osten gehört hat, die aufgrund ihrer eigenen historischen Erfahrungen mit Moskau ein deutlich besseres Verständnis davon haben, was Russland tatsächlich will.

Neben dem NATO-Beitritt gilt eine EU-Mitgliedschaft für viele Ukrainer als die beste Sicherheitsgarantie. Bundeskanzler Friedrich Merz hat allerdings eine beschleunigte Aufnahme der Ukraine in die EU ausgeschlossen. Wiederholt Deutschland damit denselben Fehler?

NATO-Mitgliedschaft und EU-Mitgliedschaft sind zwei sehr unterschiedliche Fragen. Bei der EU geht es um eine sehr umfangreiche Rechtsgemeinschaft. Es gibt 35 Beitrittskapitel. Man tut weder der EU noch der Ukraine selbst einen Gefallen, wenn man diesen Prozess beschleunigt, obwohl das Land bei manchen Punkten noch nicht so weit ist.

Gleichzeitig - das hat auch der Bundeskanzler deutlich gemacht - geht es nicht darum, die Ukraine hinzuhalten, sondern es muss klar sein: Wenn bestimmte Meilensteine erfüllt werden, geht es im europäischen Integrationsprozess weiter.

Die Ukraine kämpft dafür, ein europäisches Land zu sein. Deswegen ist es für mich selbstverständlich, dass auch die Ukraine in freier Selbstbestimmung Teil der europäischen Familie als Vollmitglied sein kann. Auf diesem Weg sollten wir sie mit aller Kraft unterstützen.

Ein Thema, das viele Menschen in der Ukraine beschäftigt, sind die Korruptionsskandale - auch im Umfeld von Präsident Selenskyj. Wie gefährlich sind solche Fälle für die internationale Unterstützung der Ukraine?

Persönlich blicke ich mit großer Sorge darauf. Noch schlimmer wäre es, wenn Korruptionsskandale nicht an die Öffentlichkeit kommen würden. Es ist etwas Gutes, wenn Korruptionsfälle aufgearbeitet werden, wenn es keine falschen Kompromisse im Umgang damit gibt. Daher werden wir genau verfolgen, welche Urteile und Konsequenzen am Ende der Aufarbeitung stehen.

Ich kann die ukrainische Zivilgesellschaft, Journalisten, die Öffentlichkeit, die Parlamentarier und die Opposition daher nur ermutigen, dort weiter genau hinzuschauen und darauf zu achten, dass ukrainisches und europäisches Geld gut eingesetzt wird.

Heute gibt es nicht einmal ernsthafte Gespräche über Friedensverhandlungen mit Russland. Der Kreml beharrt auf seinen Maximalforderungen - im Grunde auf einer Kapitulation der Ukraine. Gleichzeitig gibt es in Deutschland Kräfte wie die AfD und das BSW, die Gespräche mit Russland fordern. Sehen Sie derzeit überhaupt Möglichkeiten für diplomatische Initiativen?

Es gibt ja zahlreiche Versuche des ukrainischen Präsidenten und der westlichen Staaten, Friedensgespräche zu initiieren. Gleichzeitig fehlen ernsthafte Anzeichen dafür, dass es im Kreml irgendeine Form von Friedenswillen gibt. Dieser Friedenswille wird nur dann entstehen, wenn Putin die Aussichtslosigkeit seiner militärischen Eroberungsbemühungen erkennt.

Dafür braucht es wachsende militärische, finanzielle und zivile Unterstützung für die Ukraine. Und vor allem die klare Botschaft, dass der Kreml nicht darauf hoffen kann, dass die Europäer 2027 oder 2028 aufhören werden, die Ukraine zu unterstützen. Wir stehen an der Seite der Ukraine - heute und auch morgen.

Das Interview mit Johannes Volkmann führte Mykola Berdnyk.

Author Mykola Berdnyk
Item URL https://www.dw.com/de/johannes-volkmann-ukraine-hilfen-sind-keine-almosen/a-78512308?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78512737_607.jpg
Image caption Der CDU-Bundestagsabgeordnete Johannes Volkmann während seines Interviews im DW-Studio Kyjiw.
Image source Ievgen Shylko/DW
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/jd/jd20260604_DONCIVILInfraUKRA_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/78512737_607.jpg&title=Johannes%20Volkmann%3A%20Ukraine-Hilfen%20%22sind%20keine%20Almosen%22

Item 10
Id 78394360
Date 2026-08-26
Title Caroline Wahl mischt Deutschlands Buchmarkt auf
Short title Caroline Wahl mischt Deutschlands Buchmarkt auf
Teaser Sie ist jung und sagt, was sie denkt: Caroline Wahl stürmt mit ihren Büchern Deutschlands Bestsellerlisten. Jetzt kommt ihr vierter Roman auf den Markt: "1999 Meter über dem Meer". Doch die Autorin hat nicht nur Fans.
Short teaser Sie ist jung und sagt, was sie denkt: Caroline Wahl stürmt Deutschlands Bestsellerlisten. Was macht sie so erfolgreich?
Full text

Caroline Wahl, 31 Jahre alt, hat bislang drei Romane veröffentlicht, alle erreichten Platz eins der deutschen Belletristik-Bestsellerlisten. Jetzt kommt der vierte auf den Markt: "1999 Meter über dem Meer" ist eine Geschichte über eine junge Frau, die sich mit einer falschen Identität unter die High Society von St. Moritz mischt. Das Buch erscheint am 28. August und gilt als eine der meisterwarteten Neuerscheinungen des deutschen Literatursommers. Was ist Wahls Erfolgsgeheimnis?

Debüt mit Knalleffekt

Caroline Wahl gelang ihr Durchbruch gleich mit ihrem Erstlingswerk: "22 Bahnen" (2023) hat sich allein auf Deutsch mehr als eine Million Mal verkauft. Die Geschichte um die Studentin Tilda, die mit ihrer alkoholkranken Mutter und ihrer kleinen Schwester den Alltag meistern muss, lobten Kritikerinnen und Kritiker für ihren schnörkellosen, modernen Schreibstil. Dazu hat es der Roman offenbar geschafft, seine Leserschaft aus mehreren Generationen zu gewinnen: Bezüge zur heutigen Popkultur finden sich ebenso wie Referenzen zur klassischen Literatur.

"Dieser Beziehungsreichtum macht die Texte vielgestaltig und mehrdeutig", sagt Matthias Schaffrick. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich "Transformationen des Populären" an der Universität Siegen und organisierte kürzlich ein zweitägiges Symposium über Wahls Werke. "Vor allem wird nicht einfach nur erzählt, sondern es werden Erzählweisen ausprobiert und infrage gestellt", erklärt Schaffrick gegenüber der DW: "Dadurch wird ein literarischer Möglichkeitsraum geschaffen, der verschiedene Lesarten ermöglicht und sicherlich mit dazu beiträgt, dass viele Leserinnen und Leser diese Texte gern lesen. "

Mit dem Erfolg interessierten sich auch die Medien für die junge Autorin, und dabei zeigte sich schnell, dass Caroline Wahl auf Konventionen wenig Rücksicht nimmt: Sie sagt, was sie denkt. Gegenwind nimmt sie dabei gerne in Kauf: "Zu polarisieren macht mir Spaß", sagte sie der Süddeutschen Zeitung am vergangenen Wochenende. "Ich mag, dass es bei mir kaum ein Dazwischen gibt, entweder hassen mich die Leute, dann hassen sie mich richtig doll (...). Oder sie mögen mich eben."

Im Podcast "Hotel Matze" erklärte sie, dass sie eine der bekanntesten Autorinnen Deutschlands werden wolle. Eine Aussage, die Wellen schlug, aber das störte Wahl nicht: "Falsche Bescheidenheit vorzutäuschen, da habe ich absolut keinen Bock drauf. Es ist nicht falsch, ambitioniert seine Ziele auszusprechen", sagte sie in der Kultursendung "Twist" des TV-Senders arte: "Vor allem bei jungen Mädchen ist das noch krasser als bei Männern, dass das irgendwie irritierend ist, wenn eine junge Frau sagt, ich möchte die Beste sein. Das möchte ich verändern mit meinem Auftreten."

Faible für schnelle Autos

Dazu gehört auch, dass sie offen über die Freuden ihres neu gewonnenen Wohlstands spricht. In einem Gespräch mit dem "SZ-Magazin" machte die Autorin deutlich: "Es ist ja nicht nur das Schreiben schön, auch das Erfolg haben. Der finanzielle Erfolg ist auch wichtig." Sie schwärmt von schnellen Autos, fährt Cabrio und hat sich einen Wohnwagen gekauft, den sie gerne an Orte mit Meerblick stellt, um dort zu arbeiten.

Darauf reagierten viele Menschen in den sozialen Medien mit Kritik. Sie warfen Wahl vor, mit der literarischen Darstellung von Armut in "22 Bahnen" Geld zu verdienen, obwohl sie selbst nie arm gewesen sei. Es ist die schon oft geführte Diskussion um die Frage, ob eine Autorin oder ein Autor nur über das schreiben darf, was sie oder er selbst erlebt hat. Wahl äußerte sich dazu gegenüber dem Deutschlandfunk, Schreiben bedeute für sie vor allem, "Räume zu erkunden, die ich nicht kenne, Empathie zu üben für Menschen, die ein anderes Leben führen als ich."

Doch auch abgesehen von dieser Glaubwürdigkeitsdebatte ist eine junge Frau, die sich offen über ihren materiellen Erfolg freut, für viele Menschen - Männer wie Frauen - in Deutschland offenbar noch immer gewöhnungsbedürftig, wie viele negative Reaktionen zeigen. Wahl selbst empfindet die Diskussion als sexistisch. Auf Instagram schrieb sie unter einem Foto ihres hellblauen BMWs: "ich finde es weird und checke es auch nur so halb, dass es bei rappern oder anderen menners cool und irgendwie ok ist, dass die mit ihren amgs (Sportwagen der Marke Mercedes, Anm. d. Red.) usw. protzen, aber wenn sich ne autorin einen sportwagen kaufen will (und kann!!!), raten ihr menschen davon ab das zu tun und vor allem das öffentlich zu zeigen".

Autorin und Influencerin

"Was passiert, wenn etwas sehr populär wird?", fragt Literaturwissenschaftler Matthias Schaffrick: "Diese Popularität wird problematisiert. Bei Caroline Wahl lässt sich das beobachten. Und es lässt sich beobachten, was es bedeutet, als Schriftstellerin populär zu sein. Dabei spielen nicht nur ihre Romane eine Rolle, sondern auch ihre Inszenierung als Autorin." Durch ihre Präsenz auf Instagram, wo sie auch schon mal Energy Drinks testet, spiele sie auch mit der Rolle der Influencerin. "Das trägt zur Popularität bei und sorgt für Gesprächsstoff, lenkt aber in der Öffentlichkeit häufig die Aufmerksamkeit ab von ihrer Literatur, die das wirklich Interessante ist am Phänomen Caroline Wahl."

Wahl selbst gibt zu, dass die Heftigkeit der Anfeindungen sie getroffen habe. In einem Gespräch mit dem SWR erklärte sie, in ihren Büchern keine gezielte Sozialkritik üben zu wollen. "Ich möchte mit meinen Geschichten nichts bewirken. Ich will in erster Linie erzählen."

"22 Bahnen" ist Schullektüre

An Bestsellerliteratur scheiden sich in der deutschen Literaturkritik immer wieder die Geister: Was ist unterhaltende Literatur, was ist ernsthafte Literatur mit hohem künstlerischem Anspruch? Ob Caroline Wahls Romane schon zur zweite Kategorie gehören, darüber gibt es in den Feuilletons unterschiedliche Ansichten. Wahl selbst sagte in einem Interview mit dem "Spiegel", sie finde "die Grenzziehung zwischen U und E einfach nervig".

Für die größte Literaturauszeichnung Deutschlands, den Deutschen Buchpreis, wurden Wahls Werke bislang nicht nominiert. 2024 machte die Autorin auf Instagram ihrer Enttäuschung darüber auf typische Weise Luft: "Bin traurig und wütend, dass ich nicht auf der Longlist stehe, auch wenn ich's irgendwie wusste. Zu erfolgreich, meinte meine Agentin."

Damals wäre "22 Bahnen" dafür infrage gekommen; ein Buch, das schnell zur Schullektüre gehörte und inzwischen verfilmt wurde. Auch auf der diesjährigen Longlist kommt "Die Assistentin" nicht vor. Ein Literaturkritiker der "Frankfurter Rundschau" schrieb dazu: "Warum muss gute Literatur eigentlich immer erst wehtun, um als 'wertvoll' zu gelten? (...) Dass eine Autorin wie Wahl eiskalt ignoriert wird, nur weil sie mit mitreißender Sprache Millionen Leser begeistert, macht mich schlicht wütend."

Caroline Wahls Fans werden "1999 Meter über dem Meer” vermutlich wieder zum Bestseller machen - auch ohne Deutschen Buchpreis.

Author Katharina Abel
Item URL https://www.dw.com/de/caroline-wahl-mischt-deutschlands-buchmarkt-auf/a-78394360?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78395900_607.jpg
Image caption Die Autorin Caroline Wahl, hier beim Deutschen Filmpreis 2026
Image source Sebastian Christoph Gollnow/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78395900_607.jpg&title=Caroline%20Wahl%20mischt%20Deutschlands%20Buchmarkt%20auf

Item 11
Id 78497713
Date 2026-08-26
Title Trotz Sperrvertrag: Das unrühmliche Comeback der Landminen
Short title Trotz Sperrvertrag: Das unrühmliche Comeback der Landminen
Teaser Es galt als große Errungenschaft, als die meisten Länder der Welt vereinbarten, künftig auf Anti-Personen-Minen zu verzichten. Denn sie treffen vor allem Zivilisten. Doch ausgerechnet in Europa dreht sich nun der Wind.
Short teaser Die meisten Länder der Welt haben Anti-Personen-Minen geächtet. Doch ausgerechnet in Europa dreht sich der Wind gerade.
Full text

Raheela Bibi spielte draußen mit ihren Geschwistern, als die Mine explodierte. Der damals Zwölfjährigen mussten nach dem Unfall im August 2020 beide Hände amputiert werden, ihre Schwester erlitt eine schwere Verletzung am Bein, ihr Bruder am Auge. Raheela erzählte der DW 2023, sie könne kaum ihre Hausaufgaben machen, wolle aber unbedingt weiter lernen.

Jedes Jahr gibt es weltweit Tausende Fälle wie den der pakistanischen Familie: 2025 wurden laut einer vorläufigen Auswertung der Nichtregierungsorganisation Landmine and Cluster Munition Monitor mehr als 5000 Menschen durch Minen oder Munitionsrückstände getötet oder verletzt - und zwar überwiegend Zivilisten wie Raheela und ihre Geschwister. Im Südsudan machten Kinder im vergangenen Jahr 90 Prozent aller Minenopfer aus.

Perfide Waffe mit Langzeitwirkung

Viele Kinder werden getötet, während Minen oft darauf ausgelegt sind, Erwachsene nur schwer zu verwunden. Denn, so die perfide Logik, verwundete Soldaten binden im Krieg mehr Kapazitäten des Gegners als tote. Von Minen geht auch in Friedenszeiten noch tödliche Gefahr aus; auch 30 Jahre nach den Kriegen auf dem Balkan gibt es etwa in Kroatien und Bosnien-Herzegowina immer noch regelmäßig Zwischenfälle mit Toten oder Verletzten.

In den 1990er Jahren waren weltweit jährlich etwa 25.000 Minenopfer zu beklagen, woraufhin massiver Druck aus internationaler Politik und Zivilgesellschaft in der sogenannten Ottawa-Konvention mündete. 1997 unterzeichneten die Vertreter von 121 Staaten in der kanadischen Hauptstadt die völkerrechtlich bindende Erklärung, künftig auf Anti-Personen-Minen zu verzichten. Insgesamt sind seitdem 166 Staaten beigetreten, wobei einige mächtige Nationen wie die USA, China, Russland und Indien bis heute fehlen.

Die Ächtung von Landminen bröckelt

Und die Übereinkunft bröckelt: Infolge von Russlands Invasion in der Ukraine haben fünf NATO-Staaten mit Grenze zu Russland die Ottawa-Konvention verlassen; der ukrainische Austritt wird erst rechtlich wirksam, wenn dort der Kriegszustand endet.

"Das ist eine gefährliche Präzedenz, die jetzt ausgerechnet europäische Staaten vorgenommen haben", sagt Simone Wisotzki vom Frankfurter Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung PRIF im DW-Gespräch. "Andere Staaten, die Mitglied in der Ottawa-Konvention sind und in Konfliktfällen genauso extremen Situationen gegenüberstehen, könnten den gleichen Schritt wagen. Wir müssten dann mit noch mehr Austritten rechnen, was natürlich auch die Legitimität der gesamten Konvention schwächt."

Der Sündenfall: Russlands Invasion in der Ukraine

Die Ukraine rechtfertigt die Rückkehr zu Anti-Personen-Minen mit der Praxis Russlands, das der Ottawa-Konvention nie beigetreten war und das selbst ukrainische Gebiete vermint: "Wir können nicht an Bedingungen gebunden bleiben, während der Feind keine Restriktionen hat", begründete Roman Kostenko, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses der ukrainischen Parlaments Mitte 2025 den Schritt.

In Friedenszeiten wird ein Austritt sechs Monate nach Notifikation wirksam; befindet sich ein Land jedoch im Krieg, wird er erst nach Kriegsende gültig. Trotz dieser rechtlichen Unsicherheit setzt Kyjiw Beobachtern zufolge bereits Minen ein, wenn auch in wesentlich geringerem Umfang als Russland.

Einer Schätzung des UN-Minenräumdienstes UNMAS zufolge standen zum selben Zeitpunkt etwa 25 Prozent der Landesfläche unter Verdacht, vermint worden zu sein. Das betrifft nicht nur ukrainisch kontrollierte Territorien, sondern auch die von Russland besetzten Gebiete im Osten und Südosten. In den ersten dreieinhalb Kriegsjahren wurden laut UNMAS in der Ukraine mehr als 1150 Zivilisten durch Explosionen von Minen oder Munitionsrückständen getötet oder verletzt. Die Kosten für Minenräumung wurden auf rund 35 Milliarden US-Dollar (knapp 30 Milliarden Euro) geschätzt.

Russlands NATO-Nachbarn nutzen Minen zur Abschreckung

Der Krieg in der Ukraine hat auch Russlands direkte Nachbarn auf den Plan gerufen, die einst selbst Krieg oder Besatzung durch Moskau erlitten haben: Polen, die drei baltischen Staaten Lettland, Litauen und Estland sowie das erst nach Russlands Ukraine-Einmarsch in die NATO eingetretene Finnland haben jeweils 2025 den Austritt aus der Ottawa-Konvention beschlossen.

Der polnische Premier Donald Tusk erklärte mehrfach, sein Land wolle in der Lage sein, im Kriegsfall die Ostgrenze sehr schnell zu verminen. Dazu soll der staatliche Rüstungskonzern Belma Anti-Personen-Minen in großen Stückzahlen produzieren. Auch Litauen hat einen Wiedereinstieg in die Produktion angekündigt.

Finnische Militärangehörige sprechen davon, Minen im Bedarfsfall "verantwortungsvoll" auszulegen, also genaue Karten anzulegen und die spätere Räumung mitzudenken. Das sei ein Fortschritt gegenüber der Vergangenheit, meint PRIF-Expertin Wisotzki. Sie verweist jedoch auch darauf, dass moderne Anti-Personen-Minen oft neuartige Sensoren und smarte Technologien an Bord haben, die den Umgang komplizierter machen. "Deswegen bin ich da sehr kritisch und sage, dass auch neue Technologien Probleme aufweisen, die wiederum die Minenräumung erschweren. Es ist in der Praxis immer so, dass Gebiete vermint werden, die auch von Zivilisten genutzt werden. Die Minen verbleiben auf den Territorien und verletzen dann auch überproportional Zivilisten."

Die Errungenschaften der Rüstungskontrolle schwinden

Während weltweit zwar weiterhin Minen aus vergangenen Konflikten geräumt werden, beobachtet die Organisation "Landmine and Cluster Munition Monitor", dass großflächige Gebiete neu vermint werden, etwa in Myanmar oder eben in der Ukraine.

Dazu kommt: Die Rückschritte im Bereich Minen kommen zu einer Zeit, in der die Rüstungskontrolle weltweit abnimmt. In den vergangenen Jahren sind drei wichtige Abkommen zwischen Washington und Moskau ausgelaufen oder gekündigt worden: Der INF-Vertrag, der Mittelstreckenraketen generell verbot; das New START-Abkommen zur Begrenzung von Nukleararsenalen sowie der Open-Skies-Vertrag, in dem beide Länder einander Beobachtungsflüge als vertrauensbildende Maßnahmen einräumten. Durch Russlands endgültigen Austritt 2023 endete auch der KSE-Vertrag, der Obergrenzen für schwere Waffensysteme in Europa festgesetzt hatte.

"Eigentlich war die humanitäre Rüstungskontrolle, zu der die Anti-Personen-Minen-Konvention gehört, das einzige Feld, wo man sagen konnte, das funktioniert noch", resümiert Simone Wisotzki. "Und das ist gegenwärtig nicht mehr gegeben."

Author David Ehl
Item URL https://www.dw.com/de/trotz-sperrvertrag-das-unrühmliche-comeback-der-landminen/a-78497713?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78495109_607.jpg
Image caption Ali Hoshyar Byawelaiy hat im irakischen Teil Kurdistans mehr als 2,5 Millionen Minen entschärft und bei der gefährlichen Arbeit beide Beine verloren
Image source Daniel Carde/ZUMA/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/jd/jd20250414_DYTMINES_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/78495109_607.jpg&title=Trotz%20Sperrvertrag%3A%20Das%20unr%C3%BChmliche%20Comeback%20der%20Landminen

Item 12
Id 75437556
Date 2026-08-25
Title Zur Erinnerung an Dolly Parton: Acht Fakten über die Ikone
Short title Zur Erinnerung an Dolly Parton: Acht Fakten über die Ikone
Teaser Eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der Welt ist im Alter von 80 Jahren verstorben. Sie begeisterte Generationen - und war für ihr soziales Engagement bekannt. Wir erinnern an den Country-Superstar Dolly Parton.
Short teaser Die Sängerin starb im Alter von 80 Jahren. Wir erinnern an den Country-Superstar Dolly Parton.
Full text

Mehr als 100 Millionen verkaufte Tonträger, 25 Nummer‑1-Hits in den US-Country-Charts, elf Grammys, drei Emmys - Country-Star Dolly Parton war eine der erfolgreichsten Sängerinnen der Welt. Am Dienstag gab ihr Neffe Bryan Seaver bekannt, dass seine Tante verstorben sei.

"Dolly … hat Türen geöffnet für Generationen von Sängern, Songwritern, Musikern und Träumern aus allen Gesellschaftsschichten und von allen Kontinenten", sagte Seaver in einem Video, das auf Partons Social-Media-Kanälen geteilt wurde. "Es gab keine Tür, die sie nicht öffnen konnte, und die Türen, die sie öffnete, haben Geschichte geschrieben und verändert."

Hier sind acht Fakten aus acht Jahrzehnten Dolly Parton.

1. Maismehl für den Geburtshelfer

Dolly Parton stammte aus ärmlichen Verhältnissen, sie wuchs mit elf Geschwistern in Sevier County, Tennessee, auf. Den Arzt, der ihr am 19. Januar 1946 auf die Welt half, bezahlten ihre Eltern mit einem Sack Maismehl (andere Quellen sprechen von Haferflocken). Die kleine Dolly wurde in eine musikalische Familie hineingeboren. Und so lernte sie mit sieben Jahren Gitarre spielen und trat mit zehn erstmals in einer Fernsehshow auf.

2. Von wegen "Dumb Blonde"

Dolly Parton hatte angeblich, so wird vielfach berichtet, einen Intelligenzquotienten von mindestens 140. Ihr erster Song, der es am 21. Januar 1967 in die US-amerikanischen Country-Charts schaffte, hieß bezeichnenderweise "Dumb Blonde" - dumme Blondine. Darin sang sie "This dumb blonde ain't nobody's fool" (Diese dumme Blondine lässt sich von niemandem zum Narren halten), ein sehr selbstbewusster Einstieg ins damals noch männerdominierte Showbusiness der 1960er-Jahre. "Mich stören die ganzen Blonde-Dummchen-Witze nicht, denn ich weiß, dass ich nicht dumm bin - und ich weiß auch, dass ich nicht blond bin," erklärte sie dazu.

3. Stattliche Perückensammlung

Dolly Parton hatte in ihrer 70-jährigen Karriere alle Modetrends mitgemacht - auch die Frisurenmode. Ihr Markenzeichen: eine platinblonde Mähne. Die aber war - siehe oben - nicht echt. Um ihre Haare nicht durch das ständige Blondieren zu zerstören, trug sie schon in jungen Jahren Perücken. Ihre Sammlung sollte mehr als 350 Stück umfassen.

Aus ihrem Hang zur Selbstoptimierung hatte sie nie einen Hehl gemacht. Schönheits-OPs hatten ihr Gesicht und ihre Figur stark verändert, doch Dolly blieb trotzdem Dolly: der freundliche Superstar mit dem großen Herzen. Dolly Parton besaß laut Forbes-Liste ein Vermögen von rund 450 Millionen Dollar (Stand 2025). Jahrzehntelang gab sie Menschen etwas davon ab, die Unterstützung brauchen. Dabei engagierte sie sich vor allem in ihrer Heimat Tennessee, aber auch international.

4. Leseförderung für Kinder: Die "Imagination Library"

Mit ihrer "Imagination Library” verschenkt Dolly Partons "Dollywood Foundation" zur Leseförderung seit 1995 Bücher an Kinder. Eltern können sich ab Geburt ihrer Kinder für das Programm bewerben; diese erhalten dann jeden Monat ein Buch, bis sie fünf Jahre alt sind. Über 300 Millionen Bücher wurden bereits in fünf englischsprachigen Ländern verteilt - neben den USA auch in Kanada, Australien, dem Vereinigten Königreich und Irland.

Finanziert wird das Projekt von der Stiftung, privaten Spendern und mit staatlicher Unterstützung. Zuletzt allerdings haben mehrere republikanisch regierte US-Bundesstaaten angekündigt, der "Imagination Library" die Gelder zu streichen. Parton, die selber keine Kinder hatte, gründete die "Library" einst zu Ehren ihres Vaters Robert Lee, der selbst nicht lesen konnte.

Außerdem vergibt ihre Stiftung jährlich fünf Universitäts-Stipendien an Highschool-Absolventen des Sevier County. Diese "Dolly-Parton-Stipendien" sind mit je 15.000 US-Dollar (knapp 13.000 Euro) dotiert und richten sich an Schülerinnen und Schüler, die, so heißt es auf der Website der Stiftung, "einen Traum verfolgen möchten und ihre Pläne und ihr Engagement zur Verwirklichung ihrer Träume erfolgreich vermitteln können".

5. Eine Million für die COVID-Impfstoffforschung

2020 spendete Dolly Parton dem Vanderbilt University Medical Center in Tennessee eine Million US-Dollar (etwa 850.000 Euro). Dort wurde in Zusammenarbeit mit dem Biotechnologieunternehmen Moderna an einem Corona-Impfstoff geforscht. Eine Spende, die sie selbst in der "The One Show" der britischen BBC im November 2020 mit folgenden Worten bewertete: "Ich bin ein sehr stolzes Mädchen heute - wissend, dass ich beteiligt war an etwas, das uns dabei helfen wird, durch diese verrückte Pandemie zu kommen."

Wenige Monate später ließ sie sich selbst vor laufender Kamera den Impfstoff injizieren und dichtete dafür ihren Hit "Jolene” kurzerhand um: in "Vaccine”.

6. Hunderte Coverversionen von "Jolene"

"Jolene" gehört zu den am meisten gecoverten Songs der Popmusikgeschichte. Mehr als 80 offizielle Coverversionen gibt es laut dem Portal "cover.info", die von mehr oder weniger bekannten Interpretinnen und Interpreten veröffentlicht wurden. Unzählige weitere kursieren auf Youtube & Co.

Zu den beliebtesten Neufassungen zählt die raue Version von der US-Band "The White Stripes" (2004), aber auch Dolly selbst hatte ihren berühmten Song mehrmals aufgenommen. Etwa zusammen mit der À-Cappella-Gruppe "Pentatonix" - oder mit ihrem berühmten Patenkind, Popstar Miley Cyrus. Bei einer "The Voice"-Show 2016 traten alle zusammen live mit dem Song auf.

7. Zwei Welthits an einem Tag

"Jolene” schrieb Parton nach eigenen Angaben 1972 am selben Tag wie "I Will Always Love You" - jenen Song, den Whitney Houston mit ihrem Cover zwei Jahrzehnte später zum Welthit machte. Wer "I Will Always Love You" hört, kann kaum glauben, dass es Dolly Parton beim Schreiben nicht um romantische Gefühle ging - tatsächlich beendete sie damit die Zusammenarbeit mit ihrem Mentor, Country-Star Porter Wagoner.

Bei DJ Howard Stern erinnerte sie sich 2023, wie es dazu kam. Sie habe sich gefragt: "Wie kann ich ihm klarmachen, wie dankbar ich ihm für alles bin, aber trotzdem gehen muss? Ich dachte, was kannst du am besten? Du schreibst Songs. Also setzte ich mich hin und schrieb diesen Song."

Whitney Houstons Coverversion brachte Parton in den Neunzigern rund zehn Millionen US-Dollar ein. Das Geld investierte sie zu einem Großteil in einen Bürokomplex in Nashville, Tennessee, wie sie 2021 in der Talkshow "Watch What Happens Live” erzählte: "Ich fand das großartig - ich werde dort einfach mit ihren Leuten sein, die auch meine Leute sind. (...) Ich denke: ‘Das ist das Haus, das Whitney gebaut hat.'"

8. Keine gute Doppelgängerin

Auch das erzählt etwas über die Country-Ikone: Sie hat einmal an einem Dolly-Parton-Doppelgängerinnen-Wettbewerb teilgenommen. In der Talkshow von Ellen DeGeneres erzählte Parton, sie habe sich für den Wettbewerb in einer Schwulenbar eigens etwas extremer gestylt, damit man sie nicht sofort erkennt: größerer Schönheitsfleck, größere Brüste, wildere Haare. Für die Bewertung des Publikums mussten alle Teilnehmenden einmal über die Bühne laufen, und wer den größten Applaus bekam, gewann. Sie war es nicht - sondern ein Mann.

Author Katharina Abel
Item URL https://www.dw.com/de/zur-erinnerung-an-dolly-parton-acht-fakten-über-die-ikone/a-75437556?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78502146_607.jpg
Image caption Dolly Parton, im Januar 2025 und damit 79 Jahre alt, bei einer Pressekonferenz in Nashville.
Image source George Walker IV/AP Photo/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78502146_607.jpg&title=Zur%20Erinnerung%20an%20Dolly%20Parton%3A%20Acht%20Fakten%20%C3%BCber%20die%20Ikone

Item 13
Id 78495138
Date 2026-08-25
Title Protestopfer im Iran: "Sie schossen, um uns zu töten“
Short title Protestopfer im Iran: "Sie schossen, um uns zu töten"
Teaser Die DW sprach mit mehreren Iranerinnen und Iranern, die während der massiven öffentlichen Proteste im Januar bei dem brutalen Vorgehen der Sicherheitskräfte Teherans verletzt wurden.
Short teaser Die DW sprach mit mehreren Teilnehmenden an den Protesten im Januar, die noch immer an ihren Verletzungen leiden.
Full text

Im Januar 2026, wenige Wochen bevor die USA und Israel Angriffe auf den Iran starteten, riskierten Tausende von Iranerinnen und Iranern ihr Leben. Sie nahmen an der landesweit größten Protestwelle teil, mit der das Regime in Teheran jemals konfrontiert war. Wachsende Unzufriedenheit über die wirtschaftliche Notlage hatte die Menschen auf die Straße getrieben. Ende Dezember 2025 begannen Proteste, die sich bald immer weiter ausdehnten und an Intensität zunahmen. Rufe nach einem Regimewechsel wurden laut.

Die Sicherheitskräfte des Regimes in Teheran reagierten darauf mit harter Gewalt: Einheiten des Geheimdienstes, der Basidsch-Miliz und der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) gingen auf den Straßen mit Knüppeln und Schusswaffen gegen die Demonstrierenden vor. Das Ausmaß der Repression löste international Empörung aus. Als Reaktion auf das Vorgehen des Regimes drohte US-Präsident Donald Trump zeitweise sogar mit Militärschlägen und versprach den Demonstrierenden: "Hilfe ist unterwegs."

Doch diese Hilfe kam nie an. Der anschließende Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran überschattete die Folgen des blutigen Vorgehens gegen die Demonstranten. Die Unterstützung für die iranische Bevölkerung in ihrem Kampf gegen das Regime verschwand zunehmend von der politischen Tagesordnung.

Es gibt keine präzisen Zahlen über die Anzahl der Toten und Verletzten während der Proteste, die im Januar 2026 ihren Höhepunkt erreichten. Nach Angaben der iranischen Behörden waren dabei mehr als 3.100 Menschen ums Leben gekommen. Amnesty International geht jedoch davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Todesopfer deutlich höher liegt.

Internetsperren während der Proteste, Repressionen und der Druck des Regimes auf die Familien der Opfer lassen vieles im Dunkeln. Die in den USA ansässige Organisation "Human Rights Activists in Iran" (HRANA) registrierte mehr als 7.000 Todesopfer und untersuchte darüber hinaus tausende weitere Fälle.

Aus Angst vor Vergeltung: Opfer meiden medizinische Behandlung

Sieben Monate nach dem blutigen Vorgehen leiden viele Opfer unter dauerhaften körperlichen Schäden. Viele können nicht mehr arbeiten oder ihre Ausbildung beenden. Die DW konnte über Menschenrechtsnetzwerke Kontakt zu Betroffenen und ihrem Umfeld herstellen. Informationen aus dem Iran zu erhalten ist schwierig und gefährlich. Die Gesprächspartner der DW entschieden sich daher aus Sicherheitsgründen, Pseudonyme zu verwenden.

Einer der Demonstranten, Massoud, wurde erst vor wenigen Tagen beerdigt. Er war bei einer Demonstration in einer Stadt außerhalb Teherans von Hunderten Schrotkugeln getroffen worden. Nach Angaben seiner Angehörigen wurde Massoud zunächst am Kopf getroffen. Anschließend habe ihm eine der Sicherheitskräfte wiederholt in den Oberschenkel geschossen.

Massoud kämpfte monatelang mit seinen Verletzungen. Seine Familie sammelte Geld für seine Behandlung zu Hause. Er unterzog sich mehreren Operationen. Es kam aber immer wieder zu Infektionen, die sich schließlich ausbreiteten. In seinen letzten Lebenstagen lehnte Massoud weitere medizinische Behandlungen ab. Sein Bruder erklärte, er habe sich geschämt, seiner Familie eine so große Last zu sein.

Das Schicksal von Massoud ist kein Einzelfall. Die Angst vor Verhaftungen und die Unsicherheit in den staatlichen medizinischen Einrichtungen habe viele Verwundete dazu bewegt, sich lieber zu Hause behandeln zu lassen, berichtet der in Österreich lebende Arzt und Menschenrechtsaktivist Hamid Hemmatpour. Im Gespräch mit der DW beschrieb er, unter welchen katastrophalen Umständen die Verletzten während der Niederschlagung der Proteste versorgt und transportiert wurden.

Es habe an Krankenwagen gefehlt, einige Opfer seien daher auf Ladeflächen von Pick-ups transportiert worden. Andere seien auf dem Weg zur Behandlung erstickt, weil sie unter den Körpern weiterer Verwundeter eingeklemmt gewesen seien. Und die Krankenhäuser, sagt Hemmatpour, seien überfordert gewesen. "In einer iranischen Stadt suchten innerhalb von nur zwei Protesttagen etwa 2.000 verletzte Menschen, die stationär behandelt werden mussten, Hilfe im einzigen zentralen Krankenhaus. Das Krankenhaus verfügte jedoch lediglich über 400 Betten", so der in Österreich lebende Arzt . "Gleichzeitig versuchten die Sicherheitskräfte, einige der Verwundeten noch in unbehandletem Zustand aus dem Krankenhaus mitzunehmen".

Iranische Sicherheitskräfte "schossen mit der Absicht zu töten"

Hemmatpour schätzt die Zahl der Verletzten auf mehrere Tausend. Er beruft sich dabei auf Berichte von Ärzten im Iran. Die häufigsten Verletzungen hätten Kopf, Hals und Brust betroffen, gefolgt von Bauch und Gliedmaßen. Die meisten Verletzungen seien durch scharfe Munition und automatische Waffen verursacht worden. Zahlreiche gezielte Schüsse auf Kopf und Brust deuteten darauf hin, dass viele Sicherheitskräfte nicht nur abschrecken wollten, sondern die Absicht gehabt hätten, Menschen zu töten.

Hemmatpour erklärte zudem, dass Sicherheitskräfte in einigen Fällen mit Messern und Macheten gegen Menschen vorgegangen seien, nachdem ihnen die Munition ausgegangen war - so bei Demonstrationen im Süden Teherans. Die internationale Nichtregierungsorganisation Iran House dokumentierte Schicksale wie das von Naghmeh, einer Schülerin, die ein Auge verlor, oder von Mina, einer Pianistin, die die Beweglichkeit ihrer Finger einbüßte, sowie von Milad, einem Läufer, der ein Bein verlor.

Die Repressionen beschränkten sich jedoch nicht auf aktive Demonstrierende. Einige der Verletzten hätten gar nicht an den Protesten teilgenommen, erklärt Mahshid Nazemi, Menschenrechtsaktivistin und Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit von Iran House. Dazu gehörten Menschen, die angeschossen wurden, als sie beim Einkaufen oder auf dem Heimweg von einer Feier waren oder vor ihren Geschäften standen. Laut Nazemi seien selbst Familien, die wegen wahlloser Schüsse auf ihre Angehörigen Anzeige erstattet hatten, anschließend von den Sicherheitsbehörden strafrechtlich verfolgt worden.

Mahla, eine 32-jährige Mutter von drei Kindern, arbeitete vor den Protesten im Teheraner Basar. Am 9. Januar wurde sie beim Versuch, einen ihrer Söhne aus einer Menschenansammlung herauszuholen, von Basidsch-Kräften beschossen und von Dutzenden Schrotkugeln getroffen. Aus Angst vor den Sicherheitskräften ließ sie sich zunächst zu Hause behandeln. Schließlich zwangen Infektionen ihrer Wunden sie jedoch dazu, Hilfe bei ihr bekannten Pflegekräften zu suchen.

Sieben Monate später verhindern die Verletzungen am rechten Bein und am Handgelenk noch immer eine Rückkehr ins Berufsleben. Fehlender Versicherungsschutz, finanzielle Belastungen und eine plötzliche Mieterhöhung haben sie zudem gezwungen, ihr Zuhause aufzugeben. "Sie schossen mit der Absicht, uns zu töten. Ich wünschte, sie hätten mich getötet, statt mich so verwundet zurückzulassen", klagt sie gegenüber der DW.

Ich dachte, das Regime sei "am Ende"

Nach Angaben der Menschenrechtsaktivistin Nazemi mussten viele Verletzte, darunter Sportler, Friseure, Pianisten und Taxifahrer, aufgrund schwerer Verletzungen und Infektionen Amputationen über sich ergehen lassen, wodurch sie ihre Arbeit und berufliche Zukunft verloren. Einige Jugendliche seien aufgrund ihrer Verletzungen nicht mehr in der Lage, ihre Ausbildung fortzusetzen. Zugleich hätten psychischer Druck, finanzielle Schwierigkeiten und familiäre Spannungen zugenommen.

Ashkan war 17 Jahre alt, als er schwer verletzt wurde. Vor den Protesten arbeitete er als Träger im Teheraner Basar und hatte eine Ausbildung zum Goldschmied begonnen, um später sich selbst und seine Mutter versorgen zu können. Am 8. Januar schloss er sich den Protesten in Teheran an. Gegenüber der DW erklärt er, er habe geglaubt, US-Präsident Trump werde eingreifen und damit die Herrschaft der Islamischen Republik beenden. "Ich trug eine Maske und schrieb zusammen mit anderen jungen Leuten aus dem Basar Parolen auf die Wand einer Moschee, als einer von ihnen plötzlich zu Boden fiel." Ashkan berichtet, eine Kugel aus einem Scharfschützengewehr, abgefeuert von einem Hausdach, habe seinen Freund direkt ins Herz getroffen.

"Als ich meinen Kopf hob, wurde alles schwarz. Ich hörte noch Leute sagen: 'Sie haben ihm ins Auge geschossen!‘ Erst im Krankenhaus kam ich wieder zu mir und stellte fest, dass mein linkes Bein unterhalb des Knies amputiert worden war. Alles war verschwommen." Ashkan leidet bis heute unter schweren Komplikationen, da sich noch Splitter in seinem Kopf befinden. "Man hat mir nicht nur ein Bein und ein Auge genommen. Für meine Mutter und mich gibt es keine Zukunft mehr", sagt er.

Das Regime setzt seine Repressionen fort

Das Regime der Islamischen Republik setzt seinen Druck auf Menschen fort, die es mit den Januar-Protesten in Verbindung bringt, und reagiert mit Hinrichtungen. Erst im Juli und August 2026 wurden in Isfahan zwölf Personen zum Tode verurteilt. Die Behörden behaupten, sie seien mitverantwortlich für den Tod von vier Sicherheitskräften im Zusammenhang mit den Demonstrationen vom 8. Januar gewesen. Bislang wurden fünf der Angeklagten hingerichtet, darunter zwei öffentlich auf einem Platz.

Laut einem Bericht der Vereinten Nationen wurden seit dem 19. März 2026 mindestens 56 Menschen wegen Vorwürfen im Zusammenhang mit der nationalen Sicherheit hingerichtet. Darunter befanden sich 27 Teilnehmende an den Protesten vom Januar 2026.

Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand

Author Atefeh Chaharmahaliyan
Item URL https://www.dw.com/de/protestopfer-im-iran-sie-schossen-um-uns-zu-töten/a-78495138?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/75470150_607.jpg
Image caption Luftaufnahme einer Massenkundgebung am 10.1.2026 in der Stadt Karadsch gegen das Regime in Teheran
Image source MEK/The Media Express/SIP/SIPA/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/75470150_607.jpg&title=Protestopfer%20im%20Iran%3A%20%22Sie%20schossen%2C%20um%20uns%20zu%20t%C3%B6ten%E2%80%9C

Item 14
Id 78494995
Date 2026-08-25
Title Syrien als Bühne für den Konflikt zwischen Israel und der Türkei
Short title Syrien - Bühne für den Konflikt zwischen Israel und Türkei
Teaser Erst kürzlich hat ein israelischer Angriff auf einen syrischen Militärflugplatz wieder gezeigt, dass Syrien zum bedeutsamen Austragungsort der Konkurrenz von Regionalmächten wird. Ganz vorne: Israel und die Türkei.
Short teaser Syrien wird zum Schauplatz eines neuen israelisch-türkischen Macht-Konflikts.
Full text

Immerhin sprachen sie wieder miteinander: Auf US-Vermittlung trafen sich am Wochenende syrische und israelische Vertreter in Jordanien, erstmals seit Monaten wieder. Die Gespräche sollten nach den jüngsten israelischen Angriffen auf syrisches Territorium die Lage entschärfen und verhindern, dass die Spannungen zwischen Israel und der Türkei endgültig auf Syrien übergreifen.

Auslöser war der israelische Angriff auf den Militärflugplatz Abu al-Duhur in der Provinz Idlib am 18. August. Er traf nach syrischen Angaben Startbahn und Lageranlagen; Tote gab es nicht. Israel erklärte, Syrien habe eine frühere sicherheitspolitische Verständigung verletzt oder zu verletzen gedroht, indem es türkischen Truppen die Nutzung des Flugplatzes ermöglichen wollte. Damaskus und Ankara wiesen die Vorwürfe zurück.

Bemerkenswert: Die USA kritisierten den Angriff ihres Partners Israel als "unnötige Eskalation" und stärkten damit - zumindest rhetorisch - recht deutlich ihre beiden anderen Partner in Ankara und Damaskus.

Sicher ist, dass Israel eine mögliche mit Damaskus vereinbarte türkische Militärpräsenz in Syrien als rote Linie betrachten würde. Ob eine Stationierung längerfristig geplant ist oder sogar unmittelbar bevorstand, ist ungeklärt. Handfeste Beweise liegen öffentlich nicht vor. Aber auch schon im Frühjahr 2025 berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf anonyme Quellen, die Türkei habe mindestens drei Luftwaffenstützpunkte in Syrien inspiziert, an denen sie im Rahmen eines geplanten gemeinsamen Verteidigungspakts möglicherweise Truppen stationieren wollte. Es gab auch damals bereits israelische Luftangriffe.

Die als Israel-nah geltende US-Denkfabrik "Foundation for Defense of Democracies" (FDD) begründet den Angriff so: Israel fürchte, Ankara könne seine Präsenz in Syrien "als Plattform nutzen, um Israel unter Druck zu setzen oder zu bedrohen".

Ringen um künftige Ordnung

Für Bente Scheller, Syrien-Expertin der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, greift diese Erklärung zu kurz. "Es gibt bislang keine Hinweise darauf, dass tatsächlich türkische Truppen dort stationiert werden sollten", meint die deutsche Expertin. Womöglich verfüge Israel zwar über eigene Erkenntnisse. Doch müsse man den Angriff vor dem Hintergrund der gesamten israelischen Syrien-Politik sehen - und der wachsenden regionalen Rolle der Türkei.

Marcus Schneider, Experte der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut, sieht ein Ringen um Macht und Einfluss in Syrien und darüber hinaus: Hinter dem Angriff verberge sich vor allem die Frage, welche militärische Ordnung künftig in Syrien entstehe. Israel wolle Syrien schwach halten, da ein souveräner Staat, der seinen Luftraum selbst kontrolliere, Israels militärische Handlungsfreiheit einschränken würde. "Der Angriffskorridor gegen Iran führt durch Syrien", sagt Schneider. Ein souveränes Syrien könne Israel deshalb strategisch behindern.

Nach dem 7. Oktober sei Israels gestiegenes Sicherheitsbedürfnis nachvollziehbar, sagt Bente Scheller. Zudem sehe Israel sicherlich mit Sorge auch eine weitere Entwicklung, die über Syrien hinausreiche: "Israel nimmt garantiert wahr, wie die Türkei gerade versucht, sich regional als Hegemon zu positionieren." Der Angriff auf Abu al-Duhur sei deshalb "klar auch eine Botschaft an die Türkei".

Die Türkei unterstützt Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa und setzt auf ein geeintes Syrien, das auch das Gebiet im Nordosten des Landes umfasst, in dem ein Großteil von Syriens Kurden lebt. Jahrelang griff die Türkei Ziele in der seit Januar aufgelösten kurdischen Autonomieregion an. Zuletzt wurde dort am Dienstag (25.08.) die im türkischen Interesse liegende Auflösung der kurdisch angeführten Miliz 'Syrische Demokratische Kräfte' (SDF) bekanntgegeben.

In einer Analyse spricht das US-Think-Tank Carnegie Foundation von einer strategischen Konkurrenz zwischen Israel und der Türkei: "Der Nordosten ist (..) der zentrale Schauplatz, an dem zwei von außen vorangetriebene strategische Vorstellungen für Syrien aufeinanderprallen." Auch die International Crisis Group sieht Syrien als Bruchlinie zwischen einer aufsteigenden Türkei und Israel.

Neue Beziehungen zu den USA

Eine gewisse Perspektive für Syrien selbst bietet die neue Beziehung zu den USA, die einer amerikanischen Unterstützung gleichkommt, trotz der islamistischen Vergangenheit des neuen Machthabers al-Scharaa. Im Sommer 2025 hatten die USA mit der schrittweisen Lockerung der Sanktionen begonnen, im November jenes Jahres wurde Präsident al-Scharaa von US-Präsident Trump im Weißen Haus empfangen. Am Rande des NATO-Gipfels in Ankara im Juli 2026 trafen sich die beiden erneut. Im Frühjahr zogen sich die USA militärisch aus Syrien zurück, erst am Montag (24.08.) strichen sie das Land zudem offiziell von ihrer Terrorliste.

Unterschiedliche Blicke auf Ankaras Motive

Doch im derzeitigen Konflikt scheint Syrien vor allem auf sich selbst angewiesen zu sein, auch mit Blick auf die Türkei. Für den Experten Marcus Schneider ist eine mögliche türkische Präsenz allerdings nicht mit der früheren iranischen Präsenz in der Zeit des Assad-Regimes vergleichbar. Anders als man es in Israel sieht, meint er, Ankara sei vor allem an einem stabilen Syrien und an der Sicherung seiner Südgrenze interessiert. "Dass der NATO-Staat Türkei die israelische Atommacht angreifen würde, ist aberwitzig", meint er. Das eigentliche Problem sei, dass Israel die Türkei zunehmend als strategischen Gegner betrachte und aus deren Fähigkeiten auf feindliche Absichten schließe.

Al-Scharaa suche außenpolitisch Unterstützung, wo immer er sie bekommen könne, sagt Expertin Bente Scheller. "Die Türkei ist in den vergangenen Monaten immer weiter in den Kreis derjenigen gerückt, von denen sich Damaskus konkret Hilfe erwartet." Dabei gehe es nicht nur um Sicherheit: Ankara wolle seinen regionalen Einfluss ausweiten und habe zugleich Interesse an Ruhe an der gemeinsamen Grenze.

Die eigentliche Frage lautet daher: Wer bestimmt künftig die Sicherheitsordnung Syriens? Israel hat nach dem Sturz Assads eine Sicherheitszone nördlich der Golanhöhen etabliert und wiederholt syrische Ziele angegriffen. Laut einer Analyse der Carnegie Foundation ist die Forderung nach einer solchen Pufferzone tief im israelischen Sicherheitsdenken verankert; weniger eindeutig sei die Israel teilweise von Analysten unterstellte Absicht, Syrien dauerhaft zu fragmentieren, um es schwach zu halten.

Die US-Denkfabrik FDD setzt einen anderen Akzent und verweist auf Israels Skepsis gegenüber dem neuen syrischen Militär und türkischer Unterstützung. Der deutsche Experte Marcus Schneider meint hingegen: "Das neue Regime in Syrien hat Israel von vornherein die Hand ausgestreckt, trotz seiner ideologischen Herkunft." Damaskus wolle keinen Krieg mit Israel, wohl aber seine staatliche Souveränität zurückgewinnen. Genau dieser Anspruch kollidiere mit Israels militärischer Präsenz und seinen roten Linien.

Verhandlungsgeschick gefordert

Syrien befinde sich zwischen zwei militärisch mächtigen Nachbarn, die weder seine Souveränität noch seine Territorialität respektierten, bilanziert Expertin Bente Scheller. "Darum wird es nun auf das Verhandlungsgeschick al-Scharaas ankommen: Wie kann er die syrische Souveränität gegenüber diesen beiden Nachbarn vertreten und tatsächlich einen eigenen syrischen Weg finden?" Die Schwäche Syriens liege aber nicht allein in seiner militärischen Unterlegenheit. Das Land müsse erst eine tragfähige politische Ordnung entwickeln.

Hier setzt auch der Politologe Haid Haid in einer Analyse für den britischen Think Tank Chatham House an: Außenpolitische Erfolge al-Scharaas dürften nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele innere Konflikte Syriens ungelöst seien. "In diesem Sinne liegt Syriens größte Verwundbarkeit nicht an seinen Grenzen, sondern im Inneren." Je weniger Damaskus einen legitimen Konsens herstelle, desto größer bleibe der Spielraum externer Mächte.

Dieser Artikel wurde am 26.08.2026 anlässlich der Auflösung der kurdisch dominierten Miliz SDF aktualisiert und ergänzt.

Author Kersten Knipp
Item URL https://www.dw.com/de/syrien-als-bühne-für-den-konflikt-zwischen-israel-und-der-türkei/a-78494995?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78416231_607.jpg
Image caption Blick auf den syrischen Flughafen Au Abu al-Duhur nach den israelischen Luftangriffen, August 12026
Image source Stringer/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78416231_607.jpg&title=Syrien%20als%20B%C3%BChne%20f%C3%BCr%20den%20Konflikt%20zwischen%20Israel%20und%20der%20T%C3%BCrkei

Item 15
Id 78496677
Date 2026-08-25
Title Polen sucht neue Einnahmen: Steuererhöhung für Energiekonzerne
Short title Polen will Energiekonzerne stärker besteuern
Teaser Polens Regierung will im Wahljahr 2027 die Steuerzahler entlasten. Um die Reform zu finanzieren, soll die Körperschaftsteuer für Großunternehmen erhöht werden. Energiekonzerne müssen mit Sonderbelastungen rechnen.
Short teaser Polen will die Mittelschicht steuerlich entlasten. Um die Reform zu finanzieren, sollen Großunternehmen mehr zahlen.
Full text

Polen steht vor großen Steueränderungen. "Wir haben gemeinsam mit Finanzminister [Andrzej] Domanski beschlossen, die wachsende Mittelschicht auf zweifache Weise zu entlasten und ihr zu helfen", sagte Polens Premier Donald Tusk am vergangenen Mittwoch (19.08.2026).

In der darauffolgenden Kabinettssitzung beschäftigte sich seine Mitte-Links-Regierung mit dem Haushaltsentwurf für 2027, der Ende dieser Woche beschlossen werden soll. Der geplante Haushalt soll zwar Normalverdiener entlasten, dafür aber Großunternehmen steuerlich deutlich stärker zur Kasse bitten. Die Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) kritisierte die Steuerpläne als rein kosmetisch und schlug ihrerseits stärkere Entlastungen vor - nannte aber keine konkreten Vorschläge zur Gegenfinanzierung. 2027 wird in Polen ein neues Parlament gewählt.

Steuergeschenke im Wahljahr

Aktuell gilt in Polen für den Teil des steuerpflichtigen Einkommens oberhalb von 120.000 Zloty (etwa 28.000 Euro) ein Steuersatz von 32 Prozent. Die Vorschläge der Regierung sehen nun eine Staffelung vor: Das Jahreseinkommen, bis zu dem der erste Steuersatz von zwölf Prozent gilt, wird von 120.000 Zloty auf 130.000 Zloty erhöht, also von etwa 28.000 auf 30.000 Euro. Außerdem wird ein neuer Steuersatz von 24 Prozent für Jahreseinkommen zwischen 130.000 und 150.000 Zloty geschaffen, also für Einkommen von umgerechnet etwa 30.000 bis 35.000 Euro. Erst danach soll der höchste Steuersatz von 32 Prozent greifen.

Laut Regierung sollen von der Reform 3,5 Millionen Steuerzahler profitieren. Sie können jährlich bis zu 3600 Zloty (etwa 840 Euro) einsparen.

Angesichts der angespannten Finanzlage in Polen kann sich die Regierung solche Wahlgeschenke nicht ohne neue Einnahmequellen leisten. "Wir werden mit den Kosten nicht alle Steuerzahler belasten, sondern wir werden die Steuern auf gerechte und ehrliche Weise erhöhen", kündigte Tusk an. Sein Plan: Die Steuer für Großunternehmen, die sogenannte Körperschaftssteuer, soll von 19 auf 22 Prozent angehoben werden. Großunternehmen meint in diesem Fall Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 50 Millionen Euro.

Energie- und Kraftstoffunternehmen zur Kasse gebeten

Doch bereits für 2026 rechnet die polnische Regierung mit einem gesamtstaatlichen Defizit von 6,8 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Auch die Steuererhöhung für Großunternehmen dürfte das nicht ausreichend abfedern. In einem am Donnerstag (20.08.) auf der Webseite der Regierung veröffentlichten separaten Gesetzentwurf heißt es, zusätzlich solle die Körperschaftssteuer für große Energieversorger und Kraftstoffunternehmen im kommenden Jahr von 19 auf 30 Prozent steigen.

Lauf Entwurf soll diese Maßnahme befristet auf drei Jahre gelten. Der Steuersatz soll dann schrittweise zurückgehen - 2028 auf 26 Prozent, 2029 auf 23 Prozent und 2030 soll er erneut das ursprüngliche Niveau von 19 Prozent erreichen.

Mit den ‌Einnahmen sollen Hilfen ⁠für energieintensive Industrien ⁠finanziert werden, hieß es zur Begründung. Die Energiepreise in Polen gehören zu den höchsten in der Region, worunter die Wettbewerbsfähigkeit polnischer Firmen leidet. Zugleich machten Energie- und Kraftstoffunternehmen infolge der aktuellen geopolitischen Spannungen im Nahen Osten ungewöhnlich hohe Gewinne. Geplant ist ein Fördertopf für energieintensive Unternehmen in Höhe von 4,8 Milliarden Zloty (etwa 1,1 Milliarden Euro). Das Geld aus dieser Quelle soll für die Senkung der Energiepreise eingesetzt werden.

Die Regierung sucht neue Einnahmequellen

Welche Folgen wird diese Sonderabgabe für die Stellung der größten polnischen Energiekonzerne haben? Die polnische Tageszeitung Rzeczpospolita berichtete am Montag unter Berufung auf Wirtschaftsexperten, dass der größte polnische Mineralölkonzern Orlen in drei Jahren insgesamt etwa fünf Milliarden Zloty (etwa 1,2 Milliarden Euro) mehr Steuern bezahlen wird. Da dadurch der erwartete Gewinn geschmälert wird, würde auch der Unternehmenswert an der Börse sinken.

"Die Regierung suchte seit einiger Zeit eine Lösung, um die Einnahmeverluste auszugleichen, die durch die befristete Senkung des Mehrwertsteuersatzes auf Benzin und Diesel auf acht Prozent entstanden sind", schreibt Rzeczpospolita.

Durch die Deckelung der Spritpreise können die Autofahrer in Polen noch bis Ende August billiger tanken.

Polens Präsident stoppt Übergewinnsteuer

Die polnische Regierung hatte zuletzt schon einmal versucht, eine von März bis Dezember dieses Jahres befristete Übergewinnsteuer von 60 Prozent auf den Verkauf von Benzin und Diesel einzuführen.

Polens rechtskonservativer Präsident Karol Nawrocki, der der Oppositionspartei PiS nahesteht, hatte das Gesetz aber gestoppt und an das Verfassungsgericht überwiesen. Das Schicksal des Gesetzes ist ungewiss, weil im Verfassungsgericht immer noch Richter eine Mehrheit haben, die mit der rechtskonservativen Ex-Regierung der PiS-Partei politisch verbunden sind.

Polen hat zusammen mit fünf anderen EU-Staaten einen gemeinsamen Brief an die irische EU-Ratspräsidentschaft unterzeichnet, in dem die Länder eine stärkere Besteuerung von Mineralölkonzernen fordern. Die Finanzminister von Polen, Deutschland, Portugal, Spanien, Österreich und Italien argumentieren, infolge des Irankrieges und gestiegener Erdölpreise sollten die Konzerne auf ihre Profite auch mehr Steuern zahlen.

Haushaltsdefizit wirft Schatten auf Polens Wirtschaft

Die Regierung will den Entwurf des Haushaltsgesetzes für 2027 endgültig am kommenden Freitag (28.08.) annehmen. Der Entwurf basiert auf der Annahme, dass Polen 2027 eine durchschnittliche Inflation von 2,5 Prozent und ein Wirtschaftswachstum von 3,1 Prozent erfahren wird. Der Haushaltsentwurf soll Ende September dem Parlament zugeleitet werden.

Die Ratingagentur Fitch hat am vergangenen Freitag das langfristige Kreditranking für Polen mit A- bestätigt, also einer hohen Kreditwürdigkeit. Den Ausblick hat Fitch jedoch auf "negativ" belassen. Als Begründung nannte die Agentur anhaltende Haushaltsdefizite und eine schnell steigende Staatsverschuldung, die die wirtschaftlichen Stärken des Landes überschatten. Die Ratingagentur erwartet, dass das gesamtstaatliche Defizit Polens im Jahr 2026 bei hohen 6,9 Prozent des BIPs verharren wird. Zum Vergleich: Fitch schätzt, dass Deutschlands gesamtstaatliches Defizit im gleichen Jahr bei 3,7 Prozent des BIP liegen wird.

Ein Grund für die angespannte Finanzlage sind die hohen Verteidigungsausgaben. Als Frontstaat an der Ostflanke der NATO gibt Polen in diesem Jahr 4,8 Prozent seines Bruttoinlandprodukts für seine Verteidigung aus - mehr als jeder andere NATO-Staat.

Author Jacek Lepiarz ((aus Warschau))
Item URL https://www.dw.com/de/polen-sucht-neue-einnahmen-steuererhöhung-für-energiekonzerne/a-78496677?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/56042915_607.jpg
Image caption Polens Regierung will Energieversorger und Kraftstoffunternehmen wie Orlen - hier eine Raffinerie der Firma in Danzig - steuerlich deutlich stärker belasten
Image source Michal Fludra/NurPhoto/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/56042915_607.jpg&title=Polen%20sucht%20neue%20Einnahmen%3A%20Steuererh%C3%B6hung%20f%C3%BCr%20Energiekonzerne

Item 16
Id 78493840
Date 2026-08-25
Title Tschechien braucht immer mehr ausländische Arbeitskräfte
Short title Tschechien braucht immer mehr ausländische Arbeitskräfte
Teaser Der Anteil der Ausländer in Tschechien steuert auf zwölf Prozent der Bevölkerung zu. Und das trotz einer - mit Ausnahme der Flüchtlinge aus der Ukraine - sehr restriktiven Vergabe von Asyl und vorübergehendem Schutz.
Short teaser Der Anteil der Ausländer in Tschechien steuert auf zwölf Prozent der Bevölkerung zu - trotz restriktiver Asylpolitik.
Full text

In der Tschechischen Republik - neben Slowenien das reichste postkommunistische Land Europas - leben laut der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Statistika&My des nationalen Statistikamtes (CSU) neben zehn Millionen Einheimischen mittlerweile über eineinhalb Millionen Nicht-Tschechinnen und Nicht-Tschechen. "Wirtschaftlich ansässige Ausländer" nennt man dort Menschen ohne tschechischen Pass, die in dem EU-Mitgliedsland angestellt sind oder dort ein Unternehmen betreiben.

"Noch im Jahr 2015 kamen auf jeweils hundert Einwohner etwa vier wirtschaftlich ansässige Ausländer", erklärt Vladimir Karmiet, Leiter der Abteilung für volkswirtschaftliche Gesamtrechnung des CSU, "2025 waren es fast zwölf." Legt man die offiziellen Zahlen des Statistikamtes zugrunde, die Ende 2025 von 1,1 Millionen gemeldeten Ausländern in Tschechien sprechen, sind das 10,4 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Einwanderung als Folge von Krieg

Der entscheidende Anstieg der tschechischen Zuwanderungszahlen war Folge der Aggression Russlands gegen die Ukraine: Nach Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 floh mehr als eine halbe Million Ukrainerinnen und Ukrainer in die Tschechische Republik. Heute bilden sie dort mit 613.000 Menschen die mit Abstand größte Gruppe von Ausländern. 126.000 ukrainische Kinder besuchen tschechische Kindergärten und Schulen. Von den Erwachsenen sind über 80 Prozent erwerbstätig.

Die zweitgrößte Gruppe von Ausländern in Tschechien kommt aus dem Nachbarland Slowakei, mit dem die Tschechische Republik bis 1992 den Staat Tschechoslowakei gebildet hatte. 125.000 Slowakinnen und Slowaken waren Ende vergangenen Jahres in Tschechien angemeldet - aber die reale Zahl der Arbeitenden aus dem Nachbarland dürfte etwa doppelt so hoch sein.

"Bürger der Mitgliedstaaten der EU müssen ihren Aufenthalt auf dem Gebiet der Tschechischen Republik nicht sofort anmelden - aber ihre Arbeitgeber müssen ihre Beschäftigung melden. Dadurch erscheint es, als würden in Tschechien mehr Ausländer arbeiten als dort leben", so der Beitrag in Statistika&My. Die meisten Ausländer leben und arbeiten in der 1,4 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt Prag, wo sie mit 366.000 offiziell gemeldeten Personen mehr als zwanzig Prozent der Bevölkerung ausmachen.

"Reguläre langfristige Aufenthaltsgenehmigung möglich"

Den Unternehmen in Tschechien reicht das nicht aus. Die tschechische Arbeitsagentur verzeichnete bei einer Arbeitslosigkeit von fünf Prozent insgesamt 100.000 offene Stellen. Deshalb will die Regierung von Premier Andrej Babis auch nach einem möglichen Ende des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine einen Großteil der ukrainischen Arbeitskräfte in Tschechien behalten - trotz des Drucks der Migrations- und Ukraine-feindlichen ultranationalistischen Koalitionspartei Freiheit und direkte Demokratie (SPD).

"Tschechien braucht die Arbeitskräfte aus der Ukraine im Baugewerbe, in der Industrie, im Gesundheitswesen und in den Pflegediensten", erklärte Karel Havlicek, stellvertretender Ministerpräsident und Mitglied der Babis-Partei ANO (Aktion unzufriedener Bürger), gegenüber der DW. "Wer hier unter normalen Bedingungen arbeitet, Steuern zahlt, Tschechisch gelernt hat und sich in das normale Leben integriert hat, soll die Möglichkeit haben, eine reguläre langfristige Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten", so Havlicek.

Tschechien setzt auch auf Arbeitskräfte von den Philippinen

Doch Ukrainerinnen, Ukrainer, Slowakinnen und Slowaken reichen nicht aus, um Tschechiens Bedarf nach Arbeitskräften zu stillen. Nicht nur die Wirtschaft, auch das Gesundheitswesen und die Pflegedienste benötigen mehr Personal. Aus diesem Grund wurden in den vergangenen Jahren mit Unterstützung des tschechischen Staates bereits mehr als 15.000 Filipinas und Filipinos zur Arbeit ins Land geholt.

"Die Philippinen haben eine lange Tradition der Arbeit im Ausland, ein gut funktionierendes Auswahlsystem und viele englischsprachige und fachlich gut ausgebildete Menschen, beispielsweise für die Industrie, die Logistik, das Gesundheitswesen und die Pflege", sagt Vize-Ministerpräsident Havlicek gegenüber der DW.

Tschechien sucht auch in vielen anderen Ländern der Welt nach Arbeitskräften. "Neben den Philippinen konzentrieren wir uns auf Indien, Indonesien, die Mongolei, die Republik Moldau, Georgien, Kasachstan, Armenien, Serbien und Nordmazedonien, immer entsprechend der konkreten Nachfrage der Unternehmen", so Havlicek weiter. "Priorität haben weiterhin die Automatisierung, die Beschäftigung einheimischer Arbeitskräfte und der Verbleib der Ukrainer und Slowaken, die bereits hier sind; eine gesteuerte Migration soll tatsächliche Lücken schließen und nicht die Löhne drücken."

Phobie gegenüber Migranten bleibt

Trotz des enormen Anstiegs der Zahl von Ausländern und des Interesses an weiteren Arbeitskräften aus dem Ausland bleibt Tschechien - mit Ausnahme der Ukrainer - zurückhaltend bei der Gewährung von Asyl und vorübergehendem Schutz. "Die Asylpolitik der Tschechischen Republik und vieler EU-Länder ist beschämend. Die politisch und gesellschaftlich künstlich geschürte Phobie gegenüber Migranten und Flüchtlingen ist leider so stark, dass Politiker und Staat nicht zögern, illegal und fremdenfeindlich vorzugehen", meint Martin Rozumek, Direktor der NGO Organisation für Flüchtlingshilfe (OPU), gegenüber der DW.

"Dennoch werden die Wirtschaft und die alternde Bevölkerung letztlich die Oberhand gewinnen", so Rozumek weiter. Im Jahr 2025 wurden in Tschechien 77.600 Kinder geboren und 113.300 Einwohner starben. Ohne Zuwanderung wäre die Bevölkerungsentwicklung also negativ - mit den entsprechenden Folgen für den Arbeitsmarkt. "Insbesondere die Wirtschaftsmigration wird in größerem Umfang weitergehen", schließt Rozumek daraus, "und das wird dem tschechischen Staat, der Gesellschaft und den Unternehmen weiterhin zugutekommen".

Author Lubos Palata ((Prag))
Item URL https://www.dw.com/de/tschechien-braucht-immer-mehr-ausländische-arbeitskräfte/a-78493840?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78494621_607.jpg
Image caption Arbeitsmigranten bei der Verarbeitung von Spargel in Hostin u Vojkovic, Tschechien, im April 2026
Image source Vit Simanek/CTK/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78494621_607.jpg&title=Tschechien%20braucht%20immer%20mehr%20ausl%C3%A4ndische%20Arbeitskr%C3%A4fte

Item 17
Id 78425503
Date 2026-08-25
Title "Power Dressing": Giorgia Meloni und die Sprache der Mode
Short title "Power Dressing": Giorgia Meloni und die Sprache der Mode
Teaser Von Giorgia Meloni über Angela Merkel bis Wolodymyr Selenskyj: Wie Staats- und Regierungschefs Kleidung einsetzen, um Macht, Werte und Nähe zu inszenieren.
Short teaser Meloni, Merkel, Selenskyj: Wie Staats- und Regierungschefs Kleidung nutzen, um Macht, Werte und Nähe zu inszenieren.
Full text

Giorgia Meloni, die erste Ministerpräsidentin Italiens, trägt oft Pastellfarben und weit geschnittene Hosen, die über ihre High Heels fallen. Ihr Stil wird immer wieder kritisch begutachtet - und das nicht nur, weil Melonis Land als Nummer eins in Sachen Mode gilt.

"Mode ist eine Sprache - sie vermittelt uns ohne Worte, was ihre Trägerin oder ihr Träger ausdrücken möchte", erklärt Michela Bonafoni, die am Unicollege in Florenz Mode lehrt, gegenüber der DW. "Vielleicht entspricht das, was man trägt, sehr stark der eigenen Persönlichkeit. Aber wenn man einen anderen Eindruck von sich vermitteln möchte, kann man das auch durch die Kleidung tun - und genau das macht Meloni ständig", erklärt Bonafoni.

Melonis Kleidungsstil lässt sich als Teil eines politischen Wandels interpretieren: von der Außenseiterin zur Vertreterin des Establishments. Als sie 2022 ihr Amt antrat, war ihr Erscheinungsbild eng mit der politischen Identität verbunden, die sie sich als Vorsitzende der rechtsgerichteten Partei Fratelli d'Italia (dt. "Brüder Italiens") mit postfaschistischen Wurzeln aufgebaut hatte. Ihr Look: dunkle Anzüge mit klobigen Stiefeln, ernst und sogar kämpferisch.

Hier kommt das Konzept des "Power Dressing" ins Spiel, das in den 1970er-Jahren entstand und in den 1980er-Jahren an Einfluss gewann, als die zweite Welle des Feminismus mit dem zunehmenden Einstieg von Frauen in Führungspositionen zusammenfiel. Der Anzug wurde für Frauen zu einem Mittel, um in traditionell männlich geprägten Arbeitswelten Autorität zu signalisieren.

Der italienische Designer Giorgio Armani spielte dabei eine Schlüsselrolle: Seine weicheren, fließenden Schnitte boten eine neue Interpretation des Power-Anzugs, indem er Elemente aus der Herrenmode aufgriff und gleichzeitig eine femininere Ausdrucksweise von Autorität schuf.

Bei ihren ersten öffentlichen Auftritten war Meloni oft in dunklen Armani-Anzügen zu sehen - eine Anspielung auf das traditionelle "Power-Dressing" und ein Look, der laut Bonafoni aussagte: "Ich bin hier in dieser Regierung, und damit hat sich's."

Von maskulinen Anzügen zu Pastellfarben

Seitdem hat sich Melonis Stil gemildert: Man sieht sie oft in weit geschnittenen Kleidungsstücken und Kostümen in Creme, Beige, Rosa und anderen gedeckten oder pastelligen Farbtönen. Der Stilwandel geht auch einher mit ihrer zunehmenden Etablierung in der europäischen Politik, ihrer Annäherung an die Europäische Union und ihrer Rolle als prominente Unterstützerin der Ukraine.

Dennoch verfolgt Meloni innenpolitisch weiterhin einen konservativen Kurs, der bei einem Großteil der Öffentlichkeit - darunter auch viele Vertreter der Modebranche des Landes - auf wenig Gegenliebe stößt. Keine Luxusmarke, auch Armani nicht, hat sich öffentlich bereit erklärt, sie einzukleiden.

Das hat Meloni jedoch nicht davon abgehalten, Mode zu nutzen, um ein breiteres Publikum anzusprechen. "Als Meloni erkannte, dass viele Italiener einige der Maßnahmen ihrer Regierung nicht gut fanden, begann sie, Pastellfarben zu tragen, die Verständnis wecken und sagen: 'Ich bin Giorgia, eine freundliche Frau'", sagt Bonafoni. Sie weist außerdem darauf hin, dass Meloni Kleidung von "Made in Italy"-Designern als Ausdruck ihres Nationalismus trägt - und deren Stärke mit ihrer eigenen verbindet.

Auf dem Salone del Mobile, Italiens führender Möbelmesse, die im vergangenen April in Mailand stattfand, entschied sich Meloni für einen legeren Look: Jeans und einen lässigen beigen Blazer. "Das sagte aus: Ich bin leger, weil ich genau wie ihr bin - aber ich bin auch genau dort, wo ich gerade in diesem Moment und in dieser Regierung sein möchte", sagt Bonafoni. Ein solcher Stil strahle Selbstbewusstsein aus und sei dem relaxteren Stil weiblicher Politikerinnen in den USA näher.

Eine politische "Uniform"

Doch politische Macht erfordert nicht immer eine wechselnde Garderobe. Für manche weibliche Führungskräfte kann gerade die Beständigkeit zu einer Form des Power Dressing werden.

Die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel entwickelte eine der markantesten Garderoben der modernen Politik. Ihr Stil war bemerkenswert beständig: Hosen und ein Drei-Knopf-Blazer, wobei die Jacken eine außergewöhnliche Farbpalette aufwiesen. Diese Schlichtheit wurde zu einer Art Uniform, die Merkel selbst als Politikerin - und nicht ihre Mode - in den Mittelpunkt rückte.

"Ihre Kleidung war wie eine zweite Haut und passte sehr gut zu ihrem Charakter, ihren Einstellungen und den politischen Entscheidungen, die sie traf", sagt Bonafoni.

Auch die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher hatte ihre modischen "Uniformen" perfekt im Griff. Ihr Erscheinungsbild war sorgfältig inszeniert: maßgeschneiderte Kostüme, Perlen, Handtaschen - eine auf den ersten Blick erkennbare Darstellung weiblicher politischer Autorität ihrer Zeit.

In der heutigen Zeit liefert die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum ein weiteres Paradebeispiel für eine Politikerin, die Kleidung nutzt, um eine Botschaft zu vermitteln. Sie trägt häufig Kleidungsstücke, die von Kunsthandwerkerinnen des Landes hergestellt wurden, um ihre Unterstützung und Solidarität mit den indigenen Gemeinschaften Mexikos zu demonstrieren.

Selenskyj: Kleidung mit klarer Aussage

Doch auch Männer haben längst die politische Macht des eigenen Looks erkannt - heute vielleicht mehr denn je. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj entscheidet sich meist für taktische Kleidung, die weit vom üblichen Anzug-und-Krawatte-Look der meisten anderen Staats- und Regierungschefs entfernt ist.

Wie der ukrainische Journalist Illja Ponomarenko im vergangenen Jahr gegenüber dem Nachrichtenportal "Politico" erklärte, ist dies Teil seiner anti-elitären Botschaft, mit der er die Staats- und Regierungschefs, denen er begegnet, direkt konfrontiert. "Seine Kleidung fragt im Grunde genommen: 'Worum geht es Ihnen eigentlich? Geht es Ihnen darum, Leben zu retten, oder um schicke Protokolle?'", sagte Ponomarenko. "Selbst wenn er sich mit Königen trifft, kleidet er sich so, dass er den durchschnittlichen Ukrainer repräsentiert, der an diesen Kriegsanstrengungen beteiligt ist. Es ist also eine Botschaft, die besagt: 'Ich bin als Vertreter meines bescheidenen Volkes an die Schaltstellen der Macht gekommen.'"

Auch der britische Premierminister Andy Burnham möchte die Botschaft vermitteln, dass er auf Augenhöhe mit der Bevölkerung steht. Sein Look wird oft als "Hipster-Dad" bezeichnet: Er setzt auf einen Smart-Casual-Stil mit T-Shirts, Poloshirts und Sneakern.

Bei Giorgia Meloni rechnet Bonafoni bald mit einem weiteren Stilwechsel, da sie von dem rechtsextremen Politiker und ehemaligen Armeegeneral Roberto Vannacci herausgefordert wird. "Meloni hat erklärt, dass sie Vannacci nicht in ihrer Regierung haben will, aber ihre Partei wird ihn in einer Koalition brauchen, wenn sie an der Macht bleiben will", sagt Bonafoni. "Ich bin mir sicher, dass sie ihren Stil erneut ändern wird, wenn Vannacci sie herausfordert, denn dann muss sie sich als jemand präsentieren, der noch mächtiger ist."

Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel

Author Sarah Hucal
Item URL https://www.dw.com/de/power-dressing-giorgia-meloni-und-die-sprache-der-mode/a-78425503?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78409050_607.jpg
Image caption Giorgia Meloni hat ihren Kleidungsstil verändert - und will damit eine Botschaft vermitteln
Image source Stefano Carofei/ipa-agency/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78409050_607.jpg&title=%22Power%20Dressing%22%3A%20Giorgia%20Meloni%20und%20die%20Sprache%20der%20Mode

Item 18
Id 78485726
Date 2026-08-25
Title Ukraine nimmt Russlands Schwarzmeer-Häfen ins Visier
Short title Ukraine nimmt Russlands Schwarzmeer-Häfen ins Visier
Teaser Als Reaktion auf russische Angriffe beschießt die Ukraine Russlands Infrastruktur am Schwarzen Meer mit Drohnen. Das trifft Russland massiv: Exporte von Getreide und Erdöl brechen ein.
Short teaser Die Ukraine greift russische Infrastruktur am Schwarzen Meer an. Das trifft die russische Wirtschaft schwer.
Full text

Für die völkerrechtswidrige Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim im Jahr 2014 hatte sich Russlands Präsident Wladimir Putin folgende Rechtfertigung zurecht gelegt: "Sonst wären NATO-Truppen gekommen und das Machtgleichgewicht in der Schwarzmeerregion hätte sich grundlegend verändert." Tatsächlich sind die NATO-Truppen nie gekommen, doch das Gleichgewicht der Macht verschob sich in der Region dennoch, und zwar mit dem russischen Überfall auf die gesamte Ukraine.

Und jetzt haben verstärkte ukrainische Angriffe auf Noworossijsk, Russlands größten Handelshafen am Schwarzen Meer, in den letzten Wochen erhebliche Störungen bei Erdöl- und Getreidelieferungen verursacht. Die russische Marine dominiert die Region nicht mehr. Und der Export von Waren über das Schwarze Meer wird für Russland aufgrund der ukrainischen Drohnenschläge zunehmend schwieriger. Die Logistik kann nur zum Teil neu organisiert werden.

Sollten die schweren Angriffe anhalten, könnten die Folgen für russische Exporteure und den Staatshaushalt erheblich sein, meinen Experten, mit denen die DW gesprochen hat.

Welche Bedeutung hat Noworossijsk?

Gemessen am Güterumschlag ist Noworossijsk der größte russische Hafen, zudem auch einer der größten in Europa. Seit dem 19. Jahrhundert ist er ein wichtiger Knotenpunkt für Russlands Außenhandel. Heute werden bis zu einem Drittel der russischen Getreideexporte über Noworossijsk abgewickelt, weil der Hafen von den wichtigen Agrarregionen des Landes gut zu erreichen ist. Darüber hinaus werden Erdöl, Metalle und Containerfracht von dort in die Weltmärkte verschifft.

Die jüngsten Angriffe ukrainischer See- und Luft-Drohnen haben die Lieferungen, vor allem von Getreide, massiv beeinträchtigt. Andrej Sisow, Leiter der Agrar-, Beratungs- und Forschungsagentur SovEcon, schildert die Ereignisse auf seinem Telegram-Kanal. Demnach stellten am 12. August das Getreideterminal sowie das Brotwarenkombinat Noworossijsk, einer der größten Getreide- und Exporthafen-Betriebe Russlands, die Arbeit ein. Einen Tag später folgte das KSK-Terminal, das größte Tiefwasser-Terminal für Getreide. Bereits Ende Juli war der Betrieb des Terminals in Taman zum Erliegen gekommen. Zuvor hatte die Ukraine den Betrieb der Flachwasserhäfen am Asowschen Meer lahmgelegt. Lediglich Tuapse, das kleinste der Tiefwasser-Terminals, ist noch in Betrieb. "Somit sind praktisch alle russischen Getreideexporte über das Asow-Schwarzmeer-Becken blockiert", so Sisow.

Die Lage beim Ölexport ist nicht ganz so dramatisch. Er ist zwar nicht vollständig zum Erliegen gekommen, wird aber regelmäßig gestört. Laut Reuters musste Russlands größter Umschlagplatz für Erdöl und Ölprodukte am Schwarzen Meer, das Terminal Schescharis mit einer Kapazität von rund 700.000 Barrel pro Tag, seine Arbeit am 14. August einstellen und konnte sie erst nach zwei Tagen wieder aufnehmen.

Was sind die Folgen für die Getreidemärkte?

Laut der Londoner Argus Media, einer der weltweit führenden, unabhängigen Preisbericht-Agenturen für die globalen Energie-, Rohstoff- und Transportmärkte, könnte Russland in der Saison 2026/27 rund 45 Millionen Tonnen Weizen für den Weltmarkt liefern. Weizen wäre somit der Hauptposten des landwirtschaftlichen Exports. Die anhaltende Blockade im Schwarzen Meer macht dies jedoch unmöglich. Etwa 90 Prozent der Lieferungen werden normalerweise über diese Region abgewickelt.

Andrej Sisow von SovEcon schätzt, dass "viele russische Erzeuger diese Saison nicht überleben werden, insbesondere nach mehreren Jahren der Verschlechterung der finanziellen Lage". Da Exporte nicht mehr möglich sind, muss überschüssiges Getreide auf dem Inlandsmarkt verkauft werden, was die Preise bereits drückt. Selbst wenn sich die Exporte mit der Zeit erholen sollten, sind Probleme unvermeidlich. Der August markiert den Saisonhöhepunkt, und was jetzt nicht geliefert wird, kann nur schwer nachgeliefert werden, denn die Terminals sind in den Herbstmonaten ohnehin voll ausgelastet.

Die Eskalation der Kampfhandlungen in der Region des Asowschen und des Schwarzen Meeres wird auch auf dem Weltmarkt zu spüren sein, Russland ist schließlich der größte Weizenexporteur. Gleichzeitig sind die ukrainischen Getreideexporte stark zurückgegangen. Die Angriffe kommen derzeit von beiden Seiten. Seit der zweiten Julihälfte verstärkt auch Russland seine Angriffe auf ukrainische Häfen und die dort anlaufenden Schiffe.

"Aufgrund logistischer Störungen ist die eigentlich reichhaltige Weizenernte in der Ukraine und in Russland vom Weltmarkt abgeschnitten. Beide Länder versuchen, alternative Routen wie Ostseehäfen oder Terminals an der Donau zu nutzen. Diese können die traditionellen Routen aber nicht vollständig ersetzen", sagt Xiaoyi Deng von Argus Media gegenüber der DW.

Was passiert mit Russlands Erdöl-Export?

In den ersten beiden Augustwochen wurden im Hafen von Noworossijsk laut Daten des Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA), einer in Helsinki ansässigen Forschungsorganisation und Denkfabrik, 30 Prozent weniger Öl umgeschlagen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Dem Rückgang der Lieferungen war ein Drohnenangriff auf das Terminal des Kaspischen Pipeline-Konsortiums (CPC) am 19. Juli vorausgegangen.

Isaak Levi, Energieanalyst bei CREA, weist im DW-Gespräch darauf hin, dass Lieferungen nicht nur aufgrund von Schäden an der Infrastruktur zurückgehen können. Einige Reeder würden sich schlicht weigern, Häfen anzulaufen, die als vorrangige potentielle Ziele für Drohnenangriffe gelten. Eine sichere Durchfahrt durch das Schwarze Meer sei für niemanden garantiert. Nach Angaben des TV-Senders Bloomberg wurde am 17. August ein griechischer Tanker angegriffen, der vermutlich russisches Öl transportierte.

"Sollten die derzeitigen Einschränkungen bis Ende August andauern, wird es für Russland zunehmend schwerer werden, Lieferungen einfach zu verschieben, in der Hoffnung, die Verluste später ausgleichen zu können", sagt Levy und fügt hinzu: "Die wegfallenden Mengen lassen sich zwar umleiten, aber nur teilweise. Die realistischsten Optionen sind die Ostseehäfen Primorsk und Ust-Luga. Allerdings werden dadurch die Transportkosten steigen. Noworossijsk lässt sich nicht vollständig ersetzen."

Wie beim Getreideexport würden die Folgen von der Dauer und Intensität der Drohnenangriffe sowie von der Fähigkeit Russlands abhängen, die Schäden schnell zu reparieren, erläutert Levy. Aber die russische Führung ist offenbar willig, Risiken einzugehen. Der am 13. August bekannt gewordene Vorschlag der Ukraine für einen Waffenstillstand im Schwarzen Meer wurde vom Kreml abgelehnt.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

Author Oleg Loginov
Item URL https://www.dw.com/de/ukraine-nimmt-russlands-schwarzmeer-häfen-ins-visier/a-78485726?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/74955659_607.jpg
Image caption Kräne im Hafen von Noworossijsk am Schwarzen Meer, August 2024
Image source Alexander Strela/Zoonar/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/74955659_607.jpg&title=Ukraine%20nimmt%20Russlands%20Schwarzmeer-H%C3%A4fen%20ins%20Visier

Item 19
Id 72957321
Date 2026-08-24
Title Mücken verbreiten das tropische West-Nil-Virus im Norden
Short title Mücken verbreiten das tropische West-Nil-Virus im Norden
Teaser Stechmücken verbreiten gefährliche Viren – auch auf der Nordhalbkugel. Das West-Nil-Virus dringt in neue Regionen in Europa und den USA vor. In Deutschland ist es längst etabliert. Was gegen Mücken und Viren hilft.
Short teaser Das West-Nil-Virus infiziert immer mehr Menschen in Europa und den USA. Was gegen Mücken und Viren hilft.
Full text

Früher musste Sandra Junglen für ihre Forschungen weit nach Süden reisen. Die Biologin arbeitet am Institut für Virologie der Charité in Berlin und ist Expertin für Arboviren, zu denen alle von Stechmücken übertragenen Viren zählen. Und die sind längst nicht mehr nur ein Problem des globalen Südens.

Die von Mücken übertragenen Viren verursachen Krankheiten wie Denguefieber, Gelbfieber oder Zika und sind in vielen Ländern in Asien, Südamerika und Afrika ein großes Problem. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) erreichten allein die weltweiten Dengue-Fälle 2023 ein Rekordhoch: 6,5 Millionen Menschen infizierten sich.

"Mücken sind die tödlichsten Tiere der Welt", sagt Junglen. Jedes Jahr sterben rund 725.000 Menschen an Krankheiten, die von Mücken übertragen werden.

Um von Mücken übertragene Viren zu erforschen, muss die Biologin mittlerweile nicht mal Berlin verlassen. Denn es gibt ein Arbovirus, das sich im Osten Deutschlands erfolgreich etabliert hat und ausbreitet: das West-Nil-Virus (WNV).

Und nicht nur in Deutschland: Laut Europäischem Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat es bisher in 99 Regionen in 12 europäischen Ländern regionale WNV-Ausbrüche gegeben. In sechs Regionen wurde das Virus zum ersten Mal überhaupt detektiert. Die aktuellen von der Behörde veröffentlichten Zahlen weisen Italien mit 311 und Griechenland mit 157 Fällen als am stärksten betroffene Länder aus.

Was ist das West-Nil-Fieber?

In den meisten Fällen merken WNV-Infizierte gar nichts. Etwa jeder Fünfte bekommt spätestens 14 Tage nach der Infektion grippeähnliche Symptome mit Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen – das West-Nil-Fieber. Nach drei bis sechs Tagen ist der Spuk meist vorbei.

Bei einer von 100 Personen greift das Virus das zentrale Nervensystem an, es kann zu Hirnhaut- oder Gehirnentzündungen führen und bleibende Schäden verursachen. Fünf bis zehn Prozent dieser sogenannten neuroinvasiven Erkrankungen verlaufen tödlich.

Hauptüberträger des West-Nil-Virus: Die Gemeine Stechmücke

Dieses Virus wird nicht von einer invasiven Art wie der Tigermücke übertragen, sondern von der seit jeher in den nördlichen Breiten heimischen Gemeinen Stechmücke (Culex pipiens).

2018 wurde das WNV, das mit Zugvögeln aus den Tropen nach Europa gelangte, erstmals bei Vögeln und Pferden in Deutschland gefunden. 2024 hatte es bereits vereinzelt Tiere in fast allen deutschen Bundesländern infiziert. Seit 2019 wird das Virus immer wieder bei Menschen nachgewiesen, überwiegend in Ostdeutschland.

Woher bekommt die Mücke das Virus?

Damit Mücken ein Virus übertragen können, müssen sie sich zunächst selbst infizieren. Es sind ausschließlich die Mückenweibchen, die stechen. Sie brauchen das Blut ihres Opfers für die Ei-Produktion.

Im Falle von WNV laben sich die Mücken an wildlebenden Vögeln: Die Mücke sticht ein infiziertes Tier und überträgt das Virus bei der nächsten Blutmahlzeit auf einen weiteren Vogel.

Während manche Vögel an der Infektion sterben, tragen andere das Virus unbehelligt in sich, ohne krank zu werden. "Wir wissen allerdings nicht, welche Vögel in Europa diejenigen sind, in denen sich das Virus besonders gut vermehrt", sagt Junglen.

Die Mücken können das Virus auch auf Säugetiere, vor allem auf Pferde und Menschen übertragen. Allerdings ist dann Schluss mit der Übertragungskette: Menschen und Pferde sind sogenannte Fehlwirte, in denen sich das Virus nicht gut vermehren kann. Deshalb sind weder Menschen noch Pferde eine Virusquelle für Mücken und nicht ansteckend.

Warum breiten sich durch Mücken übertragene Krankheiten aus?

Die steigenden Temperaturen haben einen starken Einfluss auf die Mücken und ihr Potential, Krankheiten zu übertragen", sagt Sandra Junglen. Mit anderen Worten: Der Klimawandel ist ein Segen für die Blutsauger.

"Dadurch wird die aktive Zeit der Mücken länger: Sie schlüpfen früher, stechen häufiger, haben einen verkürzten Generationszyklus und legen mehr Eier", erklärt die Forscherin. Alle Mückenarten brauchen zudem Wasser, in das sie ihre Eier legen und in dem die Larven schlüpfen. Wärme und ein bisschen Regen reichen und die Mückenpopulationen explodieren.

Und auch die Viren lieben warme Temperaturen: "Das Virus ist bei erhöhten Temperaturen besser in der Lage, sich in der Mücke zu vermehren und in die Speicheldrüsen zu gelangen", sagt Junglen. Von dort ist es nur noch ein Stich bis zur Infektion des nächsten Wirts.

Länder wie Frankreich, Spanien und Italien haben längst ein eigenes Dengue-Problem: Dort hat sich nicht nur die aus dem Asiatisch-Pazifischen Raum stammende Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) erfolgreich etabliert.

Auch das Dengue-Virus, das von dieser Mückenart übertragen wird, ist in diesen Ländern autochthon. Das bedeutet, dass es nicht mehr durch Reiserückkehrer eingeschleppt wird, sondern bereits lokal zirkuliert und übertragen wird. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir diese Situation auch in Deutschland haben", sagt Junglen.

Mehr Mücken heißt nicht immer mehr Viren

Es sind nicht ausschließlich die steigenden Temperaturen auf der Nordhalbkugel, die den Mücken – einheimischen wie invasiven Arten - zu Gute kommen. Sondern auch die schwindende Artenvielfalt, die in einem intakten Ökosystem für Stabilität sorgt.

Sandra Junglen sieht das in Berlin. Die Forscherin und ihr Team untersuchen die Mücken- und WVN-Dichte an verschiedenen Standorten der Stadt: von Betonwüsten über Friedhöfe bis hin zu einem Naturpark.

Die Erkenntnis: Auf Friedhöfen sind besonders viele Mücken und Viren. Dort sind Pflanzen, es gibt Wasser und deshalb auch ein paar Tiere, die den Mücken als Wirte dienen können. Im renaturierten Naturpark sei die Mückendichte sogar noch größer, sagt Junglen. Das West-Nil-Virus finden die Forschenden dort hingegen kaum. Das habe mit der Artenvielfalt an dem Standort zu tun.

"Viel Biodiversität reduziert das Vorkommen von Pathogenen. Jedes Pathogen braucht einen Wirt und je diverser ein Ökosystem, desto geringer ist die Dichte einzelner Wirte und damit der Viruslast", so Junglen.

Schutz vor WNV: Mückenstiche verhindern

Da es weder einen Impfstoff, noch eine spezielle Behandlung nach der Infektion mit dem West-Nil-Virus gibt, bleibt nur der Schutz vor den Stichen selbst: langärmelige Oberteile und Hosen erschweren den Mücken das Stechen. Ebenso wie Moskitonetze und Fenstergitter.

Wer einen Garten hat, sollte darauf achten, den Mücken keine Brutplätze zu bieten: Mücken lieben Wasseransammlungen in Töpfen oder Wassertonnen. Auch für den Garten gilt, je höher die Artenvielfalt, desto besser: Fledermäuse, Frösche oder Spinnen haben Mücken zum Fressen gern.

Author Julia Vergin
Item URL https://www.dw.com/de/mücken-verbreiten-das-tropische-west-nil-virus-im-norden/a-72957321?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/72958096_607.jpg
Image caption Das West-Nil-Virus kommt ursprünglich aus den Tropen. Übertragen wird es allerdings von der einheimischen Gemeinen Stechmücke.
Image source R. Sturm/blickwinkel/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/Events/mp4/vdt_de/2018/bdeu180816_006_giwebbras_01g_sd.mp4&image=https://static.dw.com/image/72958096_607.jpg&title=M%C3%BCcken%20verbreiten%20das%20tropische%20West-Nil-Virus%20im%20Norden

Item 20
Id 78350627
Date 2026-08-23
Title Wenn die Erde zittert: Beben, die 2026 erschütterten
Short title Wenn die Erde zittert: Beben, die 2026 erschütterten
Teaser Japan, Indonesien, Kolumbien, Venezuela etc.: 2026 haben schwere Erdbeben Tausende Menschen getötet. Die Ereignisse zeigen, warum nicht allein die Magnitude über das Ausmaß einer Katastrophe entscheidet.
Short teaser Japan, Indonesien, Kolumbien, Venezuela etc.: 2026 haben schwere Erdbeben Tausende Menschen getötet.
Full text

Ist 2026 ein besonderes Erdbebenjahr? Am Sonntagmorgen (23.08.2026, Ortszeit) ereignete sich beispielsweise wieder ein Erdbeben in Japan. Zumindest die Zahl sehr starker Beben ist weltweit bislang nicht außergewöhnlich. Im langjährigen Durchschnitt ereignen sich weltweit etwa 15 Erdbeben ab Magnitude 7 pro Jahr. Bis Mitte August waren es in diesem Jahr zehn. Auffällig sind jedoch die verheerenden Folgen einzelner Beben.

Venezuela: Zwei Beben in nur 39 Sekunden

Am 24. Juni traf Venezuela die bislang mit Abstand tödlichste Erdbebenkatastrophe des Jahres. Auf ein Beben der Stärke 7,2 folgte lediglich 39 Sekunden später ein noch stärkerer Erdstoß mit einer Magnitude von 7,5. Besonders schwer betroffen waren der Norden des Landes und die Hauptstadt Caracas.

Nach offiziellen Angaben kamen bei dem Doppelbeben mehr als 6300 Menschen ums Leben. Aber auch die Auswirkungen auf die Infrastruktur des verarmten Landes sind dramatisch. Eine satellitengestützte Auswertung von Forschern der Oregon State University kam kurz nach dem Beben zu dem vorläufigen Ergebnis, dass mehr als 58.000 Gebäude beschädigt oder zerstört worden sein könnten.

Philippinen: Das stärkste Beben des Jahres

Mit einer Magnitude von 7,8 war das Erdbeben am 8. Juni vor der Südküste der philippinischen Insel Mindanao das bislang stärkste des Jahres 2026. Sein Zentrum lag in rund 57 Kilometern Tiefe und die Erschütterungen waren über weite Teile der Insel zu spüren.

Nach Zählung der Behörden kamen in der Folge mindestens 107 Menschen ums Leben. Dass die Opferzahl trotz der enormen Magnitude weit unter derjenigen Venezuelas blieb, zeigt wieder einmal: Die Erdbebenstärke sagt wenig über die Folgen aus.

Kolumbien: Hunderte Tote trotz großer Tiefe

Am 10. August erschütterte ein Beben der Stärke 7,4 den Westen Kolumbiens. Das Epizentrum lag im Departamento Chocó nahe San José del Palmar. Obwohl sich das Beben in mehr als 100 Kilometern Tiefe des südamerikanischen Landes ereignete, richtete die Naturkatastrophe schwere Schäden an.

Mehr als 260 Menschen kamen bisherigen Schätzungen zufolge ums Leben. Erdrutsche und beschädigte Straßen erschwerten die Suche nach Verschütteten und die Versorgung abgelegener Ortschaften. Das Beben war nach Venezuela das bislang folgenreichste des Jahres in Lateinamerika

Peru: Beben in den Anden

Nur zehn Tage später, am 20. August, erschütterte ein starkes Erdbeben das Zentrum Perus. Die Erschütterungen in der Provinz Parinacochas waren bis in die rund 300 Kilometer entfernte Hauptstadt Lima zu spüren. Das Beben hatte laut US-Erdbebenwarte (USGS) eine Stärke von 6,7, nach Angaben des Geophysikalischen Institut Perus (IGP) sogar eine Stärke von 7,2. Es ereignete sich in 99 Metern Tiefe und verlief im Gegensatz zu dem Beben in Kolumbien ohne dramatische Auswirkungen.

Indonesien: Zehntausende verlieren ihre Häuser

Indonesien mit seinen rund 290 Millionen Einwohnern ⁠liegt auf dem sogenannten Pazifischen ​Feuerring. Der rund 40.000 Kilometer lange Vulkangürtel verläuft entlang der Ränder des Pazifiks, wo mehrere tektonische Platten aufeinandertreffen.

Am frühen Morgen des 15. August bebte die Erde auf der indonesischen Insel Flores mit einer Magnitude von 7,7. Die Experten zählen fast 1000 Nachbeben. Mehr als 50 Menschen kommen ums Leben, hunderte werden verletzt. Auch zwei Tage nach dem Erdbeben warten die Menschen immer noch auf Hilfslieferungen.

Tonga: Gewaltiges Beben mit geringen Schäden

Am 24. März bebte die Erde bei der Inselgruppe Vavaʻu im pazifischen Königreich Tonga. Mit einer Magnitude von 7,5 gehörte es zu den stärksten weltweit in diesem Jahr. Weil es keine größeren Schäden oder Todesopfer gab, haben die Medien aber kaum Notiz davon genommen.

Das Beben hat sich in einer außergewöhnlich großen Tiefe von rund 230 Kilometern ereignet, so dass die Erschütterungen die Erdoberfläche deutlich abgeschwächt erreicht haben.

Japan: Mehrere starke Beben

Vor der Nordostküste Japans ereignete sich am 20. April ein Seebeben. Der US-Erdbebendienst USGS bezifferte die Stärke auf Magnitude 7,4.

Die Region vor Iwate an der Sanriku-Küste hat seit dem Tsunami 2011 traurige Berühmtheit erlangt. Doch 2026 lief die Naturkatastrophe trotz Tsunami-Warnung glimpflicher ab als beim Magnitude-9-Beben vor 15 Jahren. Einen verheerenden Tsunami gab es dieses Mal nicht. Todesopfer wurden nicht gemeldet, lediglich zwei Menschen wurden leicht verletzt.

Nur drei Monate später, am 28. Juli, ereignete sich im Südwesten Japans ein Erdbeben, das nach japanischen Angaben die Stärke 7,1, nach US-Angaben die Stärke 6,8 hatte. Es gab schwere Sachschäden und mehr als 30 Tote.

Knapp einen Monat später, am Sonntagmorgen des 23. August (22. August, 19 Uhr MESZ) gab es in der Nähe von Tokio ein Beben der Stärke 5,9. Bislang blieb es bei knapp 40 Leichtverletzten. Diese Beben zeigen wieder einmal, wie stark Japan von seiner Lage am Pazifischen Feuerring geprägt ist.

Afghanistan: Schwach, aber trotzdem tödlich

Das Beben im afghanischen Badakhshan am 3. April erreichte lediglich eine Magnitude von 5,8 und landet damit in einer Rangliste der stärksten Erdbeben des Jahres auf einem hinteren Platz. Dennoch kamen mindestens zwölf Menschen ums Leben.

Gerade deshalb gehört es in eine Auswahl der wichtigsten Beben des Jahres. In ärmeren Ländern können auch schwache Erdstöße tödliche Folgen haben. Die Bauweise der Häuser und die schwierige Erreichbarkeit vieler Gebiete erhöhen das Risiko ebenso wie ein nur schwach entwickelter Katastrophenschutz.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 23.08.2026 aktualisiert.

Author Andreas Noll
Item URL https://www.dw.com/de/wenn-die-erde-zittert-beben-die-2026-erschütterten/a-78350627?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78351460_607.jpg
Image caption Rettungsteams suchen in Cali (Kolumbien) nach Überlebenden
Image source Raul Arboleda/AFP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78351460_607.jpg&title=Wenn%20die%20Erde%20zittert%3A%20Beben%2C%20die%202026%20ersch%C3%BCtterten

Item 21
Id 78156052
Date 2026-08-23
Title Kenias "politische Banden" schüren Ängste vor den Wahlen
Short title Kenias "politische Banden" schüren Ängste vor den Wahlen
Teaser Gewalttätige Störungen politischer und zivilgesellschaftlicher Veranstaltungen geben Anlass zur Sorge, angeheuerte Schlägerbanden könnten Unruhe stiften, während Kenia auf die Wahlen im Jahr 2027 zusteuert.
Short teaser Gewalttätige Störungen politischer Veranstaltungen geben Anlass zur Sorge über den Einsatz von angeheuerten Banden.
Full text

Für Brian Ongore, einen Einwohner der kenianischen Hauptstadt Nairobi, ist der Anblick von Gruppen junger Männer im öffentlichen Raum mittlerweile eher eine Quelle der Angst als ein ganz normaler Bestandteil des Stadtlebens. "Immer wenn man eine Gruppe Jugendlicher sieht, gerät man einfach in Panik. Denn man weiß nie, was als Nächstes passieren wird", sagt Ongore im Gespräch mit der DW. "Alle leben in ständiger Angst. Das allgemeine Sicherheitsgefühl hat abgenommen. Es ist, als würde man im Dschungel leben."

Seine Sorgen spiegeln die wachsenden Ängste vieler Menschen in Kenia wider, insbesondere seit den jüngsten gewalttätigen Ausschreitungen bei Versammlungen der Opposition in den Städten Kisumu und Nyahururu.

Schlägertrupps schüchtern politische Gegner ein

Zunehmend werden sogenannte "Goons" (Schläger) angeheuert, gleich zu Dutzenden oder Hunderten, um Gegner einzuschüchtern oder öffentliche Veranstaltungen im Vorfeld der Wahlen zu stören, die für den 10. August 2027 angesetzt sind. In einem aktuellen Bericht stellte die französische Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP) fest, dass die Polizei oft ein Auge zudrückt.

So kam es erst vergangene Woche zu Gewalt vor einer Veranstaltung der Oppositionsgruppe "Linda Mwananchi", auch acht Journalisten wurden angegriffen. Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" (RSF) verurteilte die Attacken aufs Schärfste. Ähnliche Vorfälle häuften sich zuletzt. Im Juni wurde ein Forum der Zivilgesellschaft und der Kirche in der anglikanischen All Saints' Cathedral in Nairobi während einer Diskussion über die Verwaltung der öffentlichen Finanzen gestört.

Laut einer von Amnesty International Kenia veröffentlichten Erklärung gaben die "Schläger öffentlich zu, von einigen einflussreichen Regierungsbeamten beauftragt worden zu sein, diesen abscheulichen Angriff durchzuführen". AFP berichtete, dass kenianische Politiker bewaffnete Schläger "für nur vier Dollar pro Tag anheuern" - demnach könnten "Armut und rücksichtsloser politischer Wettbewerb im Vorfeld der Wahlen im nächsten Jahr unkontrollierbare Gewalt auslösen".

Die Geschäftsfrau Priscilla Njoroge aus Nairobi forderte junge Kenianer auf, sich nicht für politische Gewalt ausnutzen zu lassen. "Ich möchte den Goons, die missbraucht werden, sagen, dass sie nicht mit dem Frieden spielen sollen, den wir haben, denn Gewalt zerstört alles. Die Verluste sind viel größer", sagte sie der DW.

Der Student Paul Mwai stellte im Gespräch mit der DW das Vorgehen der Sicherheitsbehörden infrage. "Gestern war zu beobachten, wie die Polizei die Schläger schützte. Ich habe noch nicht gesehen, dass auch nur ein einziger der Goons von der Regierung, die ständig Drohungen ausspricht, entschlossen zur Rechenschaft gezogen wurde", sagte er.

Präsident Ruto reagiert

Bei der Beerdigung von Zipporah Kosgey, der Ehefrau des bekannten kenianischen Politikers Henry Kosgey, im Juni räumte der kenianische Präsident William Ruto die zunehmende Präsenz politischer Banden ein. Er warnte, die Gewalt könne den demokratischen Prozess untergraben. "Diese Schläger sind unschuldige Kinder, die von gescheiterten Politikern instrumentalisiert werden. Sie ziehen umher, stiften Chaos, greifen Menschen an und richten Zerstörung an", sagte Ruto. "Gegen alle Schläger sollte hart vorgegangen werden, und diejenigen, die diese jungen Menschen bezahlen, sollten ebenfalls aufgespürt werden."

Der Einsatz politischer Banden ist aus Sicht des Sicherheitsexperten Byron Adera zwar nichts Neues, scheine aber zunehmend organisierter zu werden. "Das politische Geschäft wird durch Schlägertrupps gestützt. Dabei handelt es sich um bezahlte Schläger, die für politische Machtzwecke eingesetzt werden", sagte er der DW und fügte hinzu, dass arbeitslose junge Menschen besonders anfällig dafür seien, von Banden rekrutiert zu werden.

Adera warnte davor, dass politische Gewalt und der Eindruck einer parteiischen Polizeiarbeit die Demokratie untergraben könnten. "Es stellt sich die Frage, ob letztendlich der Wille des Volkes oder der Wille der Politiker hinter diesen Schlägern steht", sagte er.

Laut der Ökonomin Sheila Owigo Olang, Expertin für Regierungsführung, ist die jüngste Welle von Angriffen besser organisiert als in früheren Wahlzyklen, und es herrscht offenbar Straffreiheit. "Die Schläger sehen so aus, als hätten sie sehr mächtige Hintermänner, denn es gibt keine Konsequenzen", sagte sie der DW.

Die Angriffe weiteten sich über Wahlkampfveranstaltungen hinaus sogar auf Kirchen und andere Institutionen aus, so Olang. Sie hätten insbesondere bei Frauen, auch bei solchen, die ein politisches Amt anstreben, Angst ausgelöst. "Frauen stellen die größte Wählergruppe dar - wenn sie zu Hause bleiben, führt das zu unrechtmäßigen Ergebnissen", sagte Olang. Sie selbst habe politische Einschüchterung erlebt.

Lehren aus dem Wahljahr 2007

Nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen 2007 wurden mehr als 1000 Menschen getötet, bevor ein von dem ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan vermittelter Kompromiss zur Machtteilung zur Beendigung der Krise beitrug. Die Kofi-Annan-Stiftung warnte in ihrem jüngsten "Electoral Vulnerability Index", dessen Ziel es ist, mögliche Gewalt bei Wahlen vorherzusagen, dass Kenia im Vorfeld der Wahlen 2027 einem hohen Risiko für Wahlgewalt ausgesetzt sei. Politische Spannungen, wirtschaftliche Not und das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den Institutionen seien die Hauptursachen für diese Entwicklung.

Als größte Volkswirtschaft Ostafrikas und eine der einflussreichsten Demokratien der Region werden die Wahlen in Kenia auf dem gesamten Kontinent stets mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Analysten zufolge ist die Verhinderung politischer Gewalt unerlässlich. Denn dadurch werde sichergestellt, dass der politische Wettbewerb von den Wählern und nicht durch Einschüchterung entschieden werde.

Ob dies gelingt, so Adera, könne darüber entscheiden, ob die Wahlen im nächsten Jahr in Kenia den "Willen des Volkes" oder den "Willen der Politiker hinter den Schlägern" widerspiegeln.

Mitarbeit: Andrew Wasike

Author Kathy Short
Item URL https://www.dw.com/de/kenias-politische-banden-schüren-ängste-vor-den-wahlen/a-78156052?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77970926_607.jpg
Image caption Politiker aller Parteien engagieren bewaffnete Schlägertrupps - diese "Goons" würden zu machtpolitischen Zwecken missbraucht, sagen Experten
Image source Luis Tato/AFP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77970926_607.jpg&title=Kenias%20%22politische%20Banden%22%20sch%C3%BCren%20%C3%84ngste%20vor%20den%20Wahlen

Item 22
Id 78449591
Date 2026-08-22
Title Stargeigerin Anne-Sophie Mutter: 50 Jahre auf der Bühne
Short title Stargeigerin Anne-Sophie Mutter: 50 Jahre auf der Bühne
Teaser Anne-Sophie Mutter erfindet sich immer wieder aufs Neue. Zum 50. Bühnenjubiläum überrascht die Stargeigerin mit Klängen aus fernen Ländern und Auftragswerken, die noch nie eingespielt wurden.
Short teaser Die Geigerin Anne-Sophie Mutter überrascht zu ihrem Bühnenjubiläum mit neuen Klangwelten aus fernen Ländern.
Full text

Die Liste der Namen, die für die Stargeigerin Anne-Sophie Mutter komponiert haben, ist lang und international. Angefangen von Krzysztof Penderecki oder Sofia Gubaidulina über André Previn oder Jörg Widmann. In jüngster Zeit sind es Frauen wie die iranisch-niederländische Komponistin Aftab Darvishi oder die südkoreanische Komponistin Unsuk Chin, die für Anne-Sophie Mutter etwas geschrieben haben. Über 30 dieser ihr gewidmeten oder in ihrem Auftrag entstandenen Werke spielte sie anlässlich ihres 50. Bühnenjubiläums beim Label Alpha Classics für ihr Projekt "ASM Forte Forward" ein.

Auf dem ersten Album der Reihe mit dem Titel "East meets West" kommt nicht nur das musikalische, sondern auch das gesellschaftliche Engagement der Künstlerin zum Ausdruck. Gleich zu Anfang beeindruckt "Likoo für Violine solo", das Aftab Darvishi 2024 für Anne-Sophie Mutter komponiert hat. "Likoo" ist ein Klagelied über den Verlust, geschrieben in einer Zeit, in der besonders Frauen im Iran gegen die Repressionen des Regimes kämpften.

Frauen eine Stimme geben

"Ich wollte den Menschen im Iran und den Menschen, die für die Freiheit, für das Miteinander, für Empathie und Gleichberechtigung kämpfen, ein musikalisches Denkmal setzen in der Hoffnung, dass sich diese schrecklichen Gräueltaten nicht wiederholen mögen", sagt Anne-Sophie Mutter im Gespräch mit der DW. "Und während ich spiele, toben Kriege auf unserem wunderbaren Planeten, aber ich gebe die Hoffnung auf Liebe und Empathie nicht auf." Ergreifend klingt Mutters Geigenspiel, die Schreie der Frauen sind förmlich zu hören und verklingen am Ende im Nichts.

Weil sich die Lage im Iran aktuell verschlimmert hat, ist es Anne-Sophie Mutter wichtig, "Likoo" im Repertoire zu behalten. "Ich habe eine große Bewunderung für die persische Kultur und die Komponistinnen, die noch im Iran leben - wie Golfam Khayam, der es in einer Beschusspause gelungen ist, mir per E-Mail ihr Skript zuzusenden. Ab und zu höre ich noch von ihr", erzählt Mutter. "Diese Komponistinnen im Iran faszinieren mich und das Stück Likoo im Besonderen. Es ist mir deshalb - auch traurigerweise aus aktuellem Anlass - ein großes Anliegen Likoo beim Jubiläumskonzert zu spielen." Das findet am 25. August bei den Luzerner Festspielen statt.

Das Bühnendebüt 1976 in Luzern

Am 23. August 1976 stand die 13-jährige Anne-Sophie Mutter bei einem Nachwuchskonzert in Luzern auf der Bühne. Dort hat der Dirigent Herbert von Karajan das junge Talent entdeckt und ein Jahr später kurzerhand für ein Konzert mit den Berliner Philharmonikern bei den Salzburger Pfingstfestspielen engagiert. So begann Mutters langjährige Zusammenarbeit mit Karajan und seinem Berliner Orchester.

Und dann ist da noch einer, der in den 1980er-Jahren ihr musikalisches Bühnen-Leben geprägt hat: der Schweizer Dirigent und Mäzen Paul Sacher. "Er hatte einen großen Einfluss auf mein Interesse an zeitgenössischer Musik", sagt Mutter. Bei ihm, aber auch bei anderen Mentoren und Mentorinnen, schätzte sie Lernerfahrungen ohne Dogmatismus. Sacher habe ihr immer die Freiheit gelassen, wie sie eine Aufgabe anpackte. Er gab ihr das Motto mit auf den Weg: "Was ich nicht kann, kann ich lernen, und was ich heute nicht lernen kann, kann ich später lernen."

Die "Anne-Sophie-Mutter-Stiftung"

Die vierfache Grammy-Gewinnerin und Trägerin des japanischen "Praemium Imperiale" unterstützt heute ihrerseits hochbegabte Nachwuchstalente mit der "Anne-Sophie-Mutter-Stiftung". Neben der zeitgenössischen Musik will sie ihren Stipendiaten auch soziales Engagement ans Herz legen. Sie selbst engagiert sich für Hilfsorganisationen wie "Save the Children" oder "Ärzte ohne Grenzen". Von 2021 bis 2025 war sie Vorsitzende der Deutschen Krebshilfe.

Mit zeitgenössischer Musik ein Publikum zu gewinnen und Geld zu verdienen, sei für Nachwuchsmusiker schwierig, sagt Mutter. "Dennoch möchte ich sie erden, dass es nicht nur darum geht berühmt und reich zu werden, sondern dass sie eine Rolle für die Gesellschaft übernehmen, in sozialen Bereichen, mal in einem Altenheim zu spielen oder zu unterrichten und Benefizorganisationen mit Konzerten zu unterstützen."

Eine Plattform für Komponistinnen und Komponisten

Gleichzeitig fördert Anne-Sophie Mutter mit ihren Kompositionsaufträgen, die auch an ehemalige und jetzige Stipendiaten gehen, deren Karriere. "Ich möchte diesen Werken eine Plattform geben und ihnen somit auch eine Präsenz auf Tonträgern verschaffen, ohne die diese wunderbaren Werke nicht weltweit gehört werden können."

Das nächste Album der Reihe "ASM Forte Forward" erscheint zum Jubiläum unter dem Titel "American Tunes #1", unter anderem mit Werken von André Previn, mit dem Anne-Sophie Mutter vier Jahre lang verheiratet war, und von dem amerikanischen Komponisten Sebastian Currier, der einige Werke für Anne-Sophie Mutter geschrieben hat.

"Es macht mir besondere Freude, dass tatsächlich viele Werke mit Kollegen und Kolleginnen aus meiner Stiftung und mit ehemaligen und aktuellen Stipendiaten aufgenommen wurden", betont Mutter. "Es ist mir gelungen, in dieser neuen Serie 'Forte Forward' sehr viele meiner jungen Musiker in den Mittelpunkt zu stellen, das macht mich sehr glücklich."

Alben der Erinnerung

Mit ihrem Stammlabel, der Deutschen Grammophon, hat Anne-Sophie Mutter zum Bühnenjubiläum auch einiges vor. Unter anderem veröffentlicht sie sieben ortsbezogene Alben mit ausgewählten Stücken. Werke; die wie im Fall der Stadt Luzern, dort uraufgeführt wurden oder solche, die eine besondere Bedeutung in Mutters musikalischen Leben haben.

Digital erschienen ist bislang "My Berlin", "My London" und anlässlich des Jubiläumskonzertes in Luzern "My Lucerne". Die sieben geplanten Alben folgen der Künstlerin rund um den Globus von Berlin über London und Luzern bis nach Tokio und New York.

Anne-Sophie Mutters ständige Begleiterin ist die Stradivari Geige. "Die Geige ist das coolste Instrument im Universum und ich versuche das seit 50 Jahren immer wieder exemplarisch zu demonstrieren.“ Außerdem sei das Instrument ihr Sprachrohr. "Ich finde es faszinierend, wie ausdrucksstark Musik da beginnt, wo die Sprache endet, und wie wir uns in diesem Kosmos der Kreativität verbinden und verwirklichen, ausleben und erleben dürfen."

Author Gaby Reucher
Item URL https://www.dw.com/de/stargeigerin-anne-sophie-mutter-50-jahre-auf-der-bühne/a-78449591?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78441069_607.jpg
Image caption Auf den großen Bühnen der Welt unterwegs: Anne-Sophie Mutter, hier in München bei einem Konzert mit den Münchner Philharmonikern
Image source Matthias Balk/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78441069_607.jpg&title=Stargeigerin%20Anne-Sophie%20Mutter%3A%2050%20Jahre%20auf%20der%20B%C3%BChne

Item 23
Id 78468748
Date 2026-08-22
Title Tesla ruft in China fast drei Millionen Autos zurück
Short title Tesla ruft in China fast drei Millionen Autos zurück
Teaser Probleme mit der Notentriegelung der Türen zwingen Tesla zu einer groß angelegten Rückrufaktion in China. Die chinesischen Behörden verschärfen zugleich die Sicherheitsvorgaben für alle Elektroautos.
Short teaser Die chinesischen Behörden verschärfen zugleich die Sicherheitsvorgaben für alle Elektroautos.
Full text

Tesla ruft in China rund 2,98 Millionen Elektroautos wegen möglicher Sicherheitsprobleme mit den Türgriffen zurück. Betroffen sind in China produzierte und importierte Fahrzeuge der Modelle Model 3, Model Y, Model S und Model X, wie die chinesische Marktaufsichtsbehörde mitteilte. Die Aktion soll am 25. September beginnen.

Im Mittelpunkt stehen die mechanischen Notöffner der Türen. Bei einem schweren Unfall kann die Stromversorgung eines Fahrzeugs ausfallen - dann funktionieren elektrische Türöffner möglicherweise nicht mehr. Insassen müssen die Türen in diesem Fall mechanisch entriegeln. Nach Einschätzung der chinesischen Behörden sind die dafür vorgesehenen Griffe in einigen Tesla-Modellen jedoch nicht deutlich genug zu erkennen. Das könnte die Flucht aus dem Fahrzeug erschweren oder Rettungskräfte daran hindern, von außen schnell Zugang zu bekommen.

Tesla setzt auf Warnhinweise und Software-Update

Tesla will die betroffenen Fahrzeuge mit zusätzlichen Warnhinweisen ausstatten, die auf die mechanischen Notöffner aufmerksam machen. Zudem soll ein per Funk übertragenes Software-Update dafür sorgen, dass sich die Fenster nach einem Unfall automatisch absenken.

Ein Werkstattbesuch dürfte damit für einen großen Teil der Fahrzeuge nicht nötig sein. Sam Fiorani vom Marktforschungsunternehmen AutoForecast Solutions geht deshalb davon aus, dass die Kosten der Aktion begrenzt bleiben könnten. Moderne Software-Updates aus der Ferne reduzierten Aufwand und Ausfallzeiten erheblich.

Tesla machte bündig in die Karosserie integrierte Türgriffe bei Elektroautos weltweit populär. Je nach Modell lassen sich die Türen etwa per Schlüssel, Smartphone oder berührungsempfindlicher Fläche öffnen. Das Design wurde später von zahlreichen chinesischen Elektroautoherstellern übernommen.

Gerade nach schweren Unfällen gerieten solche Systeme allerdings zunehmend in die Kritik. In China gab es mehrere Fälle, in denen Elektrofahrzeuge nach Unfällen Feuer fingen und Menschen nicht oder nur schwer aus den Wagen befreit werden konnten. Im vergangenen Jahr starb der Fahrer eines Xiaomi SU7 nach einem Unfall und Brand. Chinesischen Staatsmedien zufolge konnten Passanten die Türen nicht öffnen, um ihn aus dem Fahrzeug zu ziehen.

China verbietet versteckte Türgriffe ab 2027

China hatte bereits im Februar angekündigt, versteckte beziehungsweise versenkte Türgriffe ab 2027 zu verbieten. Damit ist das Land nach Angaben der Behörden weltweit das erste, das diese Bauweise auslaufen lässt.

Der Tesla-Rückruf ist Teil einer größeren Aktion: Insgesamt rufen neun Hersteller in China rund 4,3 Millionen Fahrzeuge wegen möglicher Probleme beim Öffnen der Türen in Notfällen zurück. Tesla stellt mit Abstand den größten Anteil. Medienberichten zufolge handelt es sich um den bislang größten Rückruf eines einzelnen Autoherstellers in China.

Auch mehrere chinesische Hersteller sind betroffen. Xiaomi ruft rund 390.000 Fahrzeuge zurück, Leapmotor etwa 371.000 und Xpeng rund 264.000. Auch Geely und weitere Hersteller meldeten Rückrufe an die Marktaufsicht. Bei vielen geht es ebenfalls um schwer erkennbare oder schwer bedienbare mechanische Türöffner. Für Leapmotor, Xpeng und Geely sind es nach den Behördenangaben die bislang größten Rückrufe der jeweiligen Unternehmen.

Die Regierung in Peking verschärft zugleich die Sicherheitsanforderungen für die schnell wachsende Elektroautobranche. Auf dem weltgrößten Automarkt liefern sich die Hersteller einen harten Preis- und Technologiewettbewerb. Der aktuelle Rückruf gilt deshalb auch als umfassende Sicherheitsnachrüstung bereits verkaufter Fahrzeuge vor Inkrafttreten der neuen Vorschriften.

Auch in den USA beschäftigen sich die Behörden mit dem Problem. Die Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA kündigte zuletzt an, mögliche neue Sicherheitsstandards zu prüfen, um das Risiko eingeschlossener Insassen bei einem Ausfall der Stromversorgung zu verringern. Bislang hätten die Hersteller der Behörde jedoch keinen vergleichbaren Rückruf für den US-Markt angekündigt.

Zweiter Tesla-Rückruf wegen Fahrerüberwachung

Für Tesla kommt in China noch ein weiterer großer Rückruf hinzu. Rund 2,7 Millionen Fahrzeuge sind von einem separaten Problem bei der Fahrerüberwachung betroffen.

Bei aktivierten Fahrassistenzsystemen überprüft Tesla bislang unter anderem über das Lenkraddrehmoment, ob die Person am Steuer aufmerksam bleibt. Nach Einschätzung der chinesischen Marktaufsicht reicht dieses Verfahren nicht zuverlässig aus, um festzustellen, ob der Fahrer den Blick von der Straße abwendet.

Tesla will deshalb auch hier mit einem Software-Update reagieren. Künftig soll zusätzlich die Innenraumkamera eingesetzt werden, um die Aufmerksamkeit des Fahrers zu überwachen. Ein großer Teil der Fahrzeuge dürfte sowohl von diesem Rückruf als auch von der Aktion wegen der Türöffner betroffen sein.

China ist für Tesla von besonderer Bedeutung. Das Land ist nicht nur der weltweit größte Automarkt und Teslas wichtigster Absatzmarkt außerhalb der USA. Mit seiner Fabrik in Shanghai ist China zugleich ein zentraler Produktionsstandort des US-Unternehmens.

pgr/gri (dpa, rtr, ap)

Item URL https://www.dw.com/de/tesla-ruft-in-china-fast-drei-millionen-autos-zurück/a-78468748?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78468805_607.jpg
Image caption Versenkbarer Türgriff an einem Tesla-Elektroauto
Image source Pedro Pardo/AFP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78468805_607.jpg&title=Tesla%20ruft%20in%20China%20fast%20drei%20Millionen%20Autos%20zur%C3%BCck

Item 24
Id 78464196
Date 2026-08-22
Title Ernährungssicherheit: Pflanzen, die der Hitze trotzen
Short title Ernährungssicherheit: Pflanzen, die der Hitze trotzen
Teaser Weltweit steigende Temperaturen gefährden die Nahrungsmittelproduktion. Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung. In den Niederlanden arbeiten Forschende daran, Pflanzen zu entwickeln, die sich dem Klima besser anpassen.
Short teaser In den Niederlanden arbeiten Forschende daran, Pflanzen zu entwickeln, die sich dem Klima besser anpassen.
Full text

Junge Tomatensetzlinge stehen Reihe an Reihe in einem Raum, der mit zahlreichen Kameras bestückt ist. Die Pflänzchen sind erst wenige Wochen alt und werden rund um die Uhr von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen beobachtet, die kleinste Veränderungen in Farbe, Temperatur und Photosynthese registrieren.

Der Raum, in dem sie wachsen, ahmt die Hitze und Luftfeuchtigkeit des indischen Klimas nach. Forschende an der Universität Wageningen in den Niederlanden analysieren, wie die Pflanzen auf verschiedene Stressoren reagieren, um genetische Merkmale zu identifizieren, die die Früchte gegen den menschengemachten Klimawandel resistenter machen könnten.

"Wir können die Temperatur regulieren. Wir können sie Hitzebelastung aussetzen, wir können sie kurzen Kälteschocks aussetzen, um Nachfröste zu simulieren, die für junge Pflanzen sehr schädlich sein können", erläutert Rick van de Zedde, Programmmanager beim Netherlands Plant Eco-Phenotyping Centre (NPEC). "Durch Hinzufügen von Salz können wir die Salinität steigern."

Tatsächlich sind die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in der Lage, fast alle Bedingungen auf dem Planeten zu simulieren. "Ich würde es als Fitnessstudio für Pflanzen bezeichnen", sagt van de Zedde.

Warum ist es so wichtig, Pflanzen zu verstehen?

Diese Art der Forschung wird immer wichtiger. Seit jeher ist die Landwirtschaft auf vorhersehbare Jahreszeiten und Bedingungen angewiesen. Landwirte richteten sich in ihrer Planung an altbekannten Wetterverläufen aus, um zum Beispiel im Frühjahr auszusäen und im Herbst zu ernten.

Doch seitdem sich der Planet durch die Nutzung fossiler Brennstoffe erwärmt, bringen steigende globale Temperaturen diesen Rhythmus aus dem Gleichgewicht.

Die globale Erwärmung führt zu mehr Hitzewellen, längeren und intensiveren Dürreperioden und folgenreichen Überschwemmungen, die die landwirtschaftlichen Erträge immer stärker gefährden.

Wegen der extrem hohen Temperaturen in diesem Sommer warnen Landwirte in einigen Regionen Deutschlands vor Ernteausfällen. In einigen Ländern, darunter auch Frankreich, Ungarn und dem Vereinigten Königreich, wurde bereits ein Rückgang der Getreideernten verzeichnet.

Mit einer Weltbevölkerung, die 2050 die Marke von 10 Milliarden erreichen soll, wächst der Druck, ausreichend Nahrungsmittel für alle zu produzieren. Verstärkt wird dieser Druck durch den steigenden Fleischkonsum, der eine wachsende Nachfrage nach Getreide als Tierfutter nach sich zieht.

Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Pflanzen für die Herstellung von Biokraftstoffen, die aus organischem Material wie Pflanzen oder tierischen Abfällen gewonnen werden.

Für Forschende stellt sich nicht länger nur die Frage, wie mehr Nahrungsmittel produziert werden können, sondern wie dies unter immer schwierigeren Bedingungen gelingen kann.

High-tech für Pflanzen

Die Niederlande sind schon lange führend in der landwirtschaftlichen Innovation und werden nicht ohne Grund oft als das "Silicon Valley" der Landwirtschaft bezeichnet. Trotz seiner relativ geringen Größe ist das Land gemessen am Wert der Ausfuhren der zweitgrößte Exporteur von landwirtschaftlichen Produkten weltweit - nach den USA.

In den Gewächshäusern der Universität Wageningen simulieren die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Umweltbedingungen wie Dürren, tropische Luftfeuchtigkeit oder frostige Nächte und überwachen die Pflanzen mithilfe verschiedener Technologien.

Über mehrere Wochen hinweg erfassen automatisierte Waagen alle drei Minuten das Gewicht verschiedener Baumarten, um festzustellen, wie viel Wasser sie benötigen. Hochentwickelte Scanner zeichnen die Bewegung der Blätter als Teil eines Verfahrens auf, das als Phänotypisierung bekannt ist und bei dem die Pflanzen und ihre Merkmale vermessen werden.

Seit Tausenden von Jahren haben Botaniker und Botanikerinnen die Pflanzenwelt untersucht, um die besten Pflanzen auszuwählen. Doch die angewandten manuellen Verfahren waren mühsam und nahmen viel Zeit in Anspruch. "Die ganzen Labormessungen schränkten den Umfang der Experimente ein", sagt van de Zedde zur DW. "Wenn sie sich bei NPEC umschauen, sehen sie, dass wir von Tausenden Pflanzen in einem einzigen Experiment sprechen."

Feldversuche

Doch so hochmodern das Labor auch ausgestattet sein mag, es kann die Bedingungen der realen Welt nicht vollständig nachbilden. Faktoren wie Hagel, heftige Winde oder unterschiedliche Bodentemperaturen lassen sich nur schwer simulieren.

In der Nähe der Universität dienen Versuchsfelder mit Gerste als wichtige Praxiskontrolle. Die Forschenden setzen mobile Bildgebungsverfahren und GPS-Systeme ein, um Daten zu hunderten verschiedener Ackerfrüchte auf dem Feld zu erfassen.

Durch den Vergleich der Ergebnisse aus den Gewächshäusern und dem Freiland können sie genauer bestimmen, welche Pflanzenmerkmale dazu beitragen, Nahrungsmittel unter den Bedingungen eines sich wandelnden Klimas widerstandsfähiger zu machen.

"Es gibt um die Eignung. Wir bewerten einfach, wie die Pflanzen auf Stress reagieren. Welche kommen damit zurecht, welche leiden darunter?", erläutert van de Zedde.

Die Forschenden nutzen die Daten, um die DNA-Profile zu identifizieren, die im Zusammenhang mit einer Toleranz gegenüber bestimmten Stressoren stehen. Sie können dann Sorten kreuzen, zum Beispiel eine Sorte mit hohen Erträgen und eine robuste Sorte, um widerstandsfähige Nachkommen zu erzeugen.

Wie geht es weiter mit der Forschung?

Das Ziel ist es, die Evolution zu beschleunigen. Die niederländische Regierung und die Pflanzenzuchtunternehmen, die die Forschung finanzieren, entscheiden, welche Sorten weitergezüchtet werden.

Alan Pauls, Doktorand am Genetiklabor der Universität räumt jedoch ein, dass die Verfahren von manchen kritisch gesehen werden. "Im Gespräch mit älteren Generationen habe ich definitiv das Gefühl, dass sie dem Ganzen nicht trauen", sagt er. "Sobald es um Nahrungsmittel oder Pflanzen im Labor geht, wird sofort an gentechnisch veränderte Organismen gedacht."

Bei gentechnisch veränderten Organismen, auch als GVOs bezeichnet, wurden die Gene künstlich verändert, um den Organismen bestimmte Merkmale zu verleihen. Dabei kann zum Beispiel ein Gen aus einer anderen Art, zum Beispiel einem Bakterium, in eine Pflanze eingefügt werden.

In der Europäischen Union ist die genetische Veränderung rechtlich streng geregelt und erfordert umfassende Sicherheitsprüfungen. In Wageningen sind nur bei fünf Prozent der Experimente gentechnisch veränderte Pflanzen involviert. Bei den meisten Experimenten geht es darum, vorhandene Merkmale durch Phänotypisierung auszuwählen und so natürliche Prozesse zu beschleunigen, anstatt neue Merkmale zu schaffen.

Pauls hält die Argumentation, zu viele Eingriffe machten Nahrungsmittel künstlich, für überholt.

"Glauben wir, sie seien künstlich, weil eine Maschine eingesetzt wird? Glauben wir, sie seien künstlich, weil es so schnell geschieht oder in einem Labor stattfindet?", fragt er. "Ich kann Reis noch immer mit einer Sichel ernten, aber wird das ausreichen, um rechtzeitig eine Milliarde Menschen zu ernähren? - Nein."

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

Author Katharina Schantz, Louise Osborne
Item URL https://www.dw.com/de/ernährungssicherheit-pflanzen-die-der-hitze-trotzen/a-78464196?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78414593_607.jpg
Image caption Während die Welt sich erhitzt, suchen Wissenschaftler nach Wegen, Nutzpflanzen widerstandsfähiger zu machen
Image source Manuel Vering/DW
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/md/md230214_Biosprit_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/78414593_607.jpg&title=Ern%C3%A4hrungssicherheit%3A%20Pflanzen%2C%20die%20der%20Hitze%20trotzen

Item 25
Id 78459919
Date 2026-08-22
Title Warum Israel seine Präsenz in Syrien ausbaut?
Short title Warum Israel seine Präsenz in Syrien ausbaut?
Teaser Erst kürzlich hat Israel einen syrischen Luftwaffenstützpunkt angegriffen, nur einer von vielen Fällen, in denen Israel auf syrisches Staatsgebiet vorgedrungen ist. Seit dem Fall Assads nehmen solche Vorfälle zu.
Short teaser Seit dem Fall des Assad-Regimes dringt Israel immer häufiger auf syrisches Staatsgebiet vor.
Full text

Zwei Jahre, vier Monate, 24 Tage und fünf Stunden ist es her, seit Ahmad Hassan al-Din seinen Sohn zuletzt gesehen hat. Der Syrer zählt jede Stunde. Im April 2024 nahmen israelische Soldaten Saddam, der gerade 17 geworden war, auf einem Acker in der Nähe der Golanhöhen fest, einem Teil Syriens, den Israel seit 1967 besetzt hält.

"Saddam war am frühen Morgen dorthin gegangen, um das Vieh zu füttern", erzählt al-Din, der in dem kleinen Dorf Jubata al-Khashab im Bezirk Kuneitra in der Nähe des Golan lebt, der DW. "Ich rief ihn auf dem Handy an und er meinte 'Alles in Ordnung'. Aber später sah ich mit eigenen Augen, wie sie den Jungen abführten, in Handschellen und mit Fußfesseln."

Al-Din filmte die israelischen Soldaten, die seinen Sohn gefesselt über die Felder führten. Das Video, das er an die DW weiterleitete, war zuvor von Open-Source-Rechercheuren des französischen Auslandsenders France24 und Menschenrechtsorganisationen verifiziert worden.

"Sie sagten, sie würden ihn verhaften, weil er das Hoheitsgebiet des israelischen Staates betreten habe", erklärt al-Din. "Obwohl es sich dabei um unsere Felder handelt und wir über eine gültige Genehmigung der UN verfügen, auf diesem Land zu arbeiten."

Syrische Landwirte und Hirten benötigen einen Passierschein der United Nations Disengagement Observer Force, um die Pufferzone betreten zu dürfen. Bei der UNDOF handelt es sich um ein Truppenkontingent, das 1974 von den UN auf die Golanhöhen entsandt wurde, um sicherzustellen, dass syrische und israelische Truppen nach einem Rückzugsabkommen von 1974 den vereinbarten Abstand einhalten.

Menschenrechtsorganisationen konnten herausfinden, dass der mittlerweile neunzehnjährige Saddam sich vermutlich in einem Gefängnis in Israel befindet. Die Antwort eines Sprechers des israelischen Militärs auf die Frage der DW, welche Vorwürfe gegen Saddam erhoben werden und nach welchem Rechtssystem, ähnelte anderen Erklärungen, die bereits an andere Medien und Menschenrechtsorganisationen gesendet wurden: Israel halte Syrer fest, bei denen der Verdacht bestehe, dass sie Israel schaden wollten. Ob das Militär den Sohn von Ahmad Hassan al-Din zu diesen Personen zählt, wurde nicht gesagt.

Israel übernimmt Kontrolle über Pufferzone

Die Geschichte des verhafteten Teenagers hat sich in diesem Teil Süd-Syriens viele Male wiederholt. Nach dem Sturz des Regimes des syrischen Diktators Baschar al-Assad im Dezember 2024c übernahm Israel die Kontrolle über die von der UN überwachte entmilitarisierte Zone. Führende israelische Politiker erklärten die Vereinbarung von 1974 für nichtig und kündigten die vorübergehende Stationierung von Truppen in der Zone an, um Israel vor grenzübergreifenden Angriffen zu schützen.

Doch die Präsenz Israels in Syrien hat sich seitdem verfestigt. Im November 2025 teilte UNDOF Journalisten mit, dass Israel 10 Militärstützpunkte in der Zone eingerichtet habe. Von diesen Stützpunkten aus unternehmen israelische Soldaten nahezu täglich Vorstöße in die syrischen Provinzen Daraa und Kuneitra.

"Diese Vorstöße erfolgen in der Regel mit gepanzerten Fahrzeugen durch bewohnte Gebiete. Dabei werden auf den Hauptstraßen temporäre Kontrollpunkte errichtet, an denen alle durchreisenden syrischen Zivilisten angehalten, durchsucht und befragt werden. Zudem werden ihre Telefone überprüft. In manchen Fällen werden auch biometrische Daten erfasst", schrieb das syrische Beratungsunternehmen Karam Shaar Advisory im Januar.

Außerdem wurden Häuser, Geschäfte und Schulen von israelischen Soldaten durchsucht und Ackerland sowie Wasserquellen abgesperrt. Die Behörden von Kuneitra sagten der DW, israelische Soldaten hätten mehr als 200 Schafe beschlagnahmt, Trinkwasserbrunnen zerstört und Anbauflächen und Gebäude dem Erdboden gleichgemacht.

Mousa Khalil, ein Bewohner von Kuneitra, berichtet, wie sein Haus, ein zweistöckiges Gebäude mit vier Wohnungen im Dorf Hamidiyah, im vergangenen Jahr vollständig von israelischen Truppen zerstört wurde. "Ich bin 65 Jahre alt", sagt er zur DW. "In diesem Alter ist es schwierig, gute Arbeit zu finden. Ich muss nehmen, was ich finde, um meine achtköpfige Familie zu versorgen und Geld zu sparen, damit wir unser Haus wiederaufbauen können."

Israel dringt immer häufiger auf syrisches Gebiet vor

Über die vergangenen Monate ist nicht nur die Zahl israelischer Einsätze in Syrien gestiegen, die israelischen Soldaten dringen auch tiefer auf syrisches Staatsgebiet vor. Das Sijil Center mit Sitz in Syrien dokumentiert israelische Verstöße gegen syrisches Hoheitsgebiet. Zwischen dem 25. August und dem 31. Dezember 2025 verzeichnete Sijil Center 818 Vorfälle, im Schnitt also 45 Vorfälle pro Woche. Seit Beginn des Jahres wurden 1632 Vorfälle gezählt, das sind durchschnittlich 48 Vorfälle pro Woche.

Das Sijil Center dokumentiert außerdem, wie viele Syrer von Israel festgenommen wurden und gibt an, dass seit Dezember 2024 etwa 200 Personen festgesetzt wurden. Anders als der Sohn von al-Din wurden die meisten jedoch innerhalb von 24 Stunden nach dem Verhör wieder auf freien Fuß gesetzt. Es wird davon ausgegangen, dass sich zwischen 40 und 50 Syrer weiterhin in israelischen Gefängnissen befinden, darunter auch vier oder fünf, die sich schon vor dem Fall des Assad-Regimes in israelischer Haft befanden.

Fachleute weisen darauf hin, dass es sich um einen klaren Fall von Völkerrechtsverletzung handele, wenn Soldaten eine Grenze überqueren, Bürger eines anderen Landes verhaften und diese dann in ihren Gefängnissen gefangen halten. Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch sprechen in Bezug auf das Vorgehen Israels im Süden Syriens von möglichen Kriegsverbrechen.

Was sind Israels Gründe?

Seit dem Sturz des Assad-Regimes beharren israelische Politiker darauf, dass Süd-Syrien zur "entmilitarisierten Zone" werden müsse. Anderen Medien gegenüber hatte das israelische Militär erklärt, es habe "Personen festgenommen, bei denen ein begründeter Verdacht bestand, dass sie an terroristischen Aktivitäten beteiligt waren". Die Armee räumte außerdem ein, dass sie neue militärische Stützpunkte errichtet habe, um Angriffe zu verhindern und Schmuggel zu unterbinden.

"Die Gegend ist ein Spielplatz für Terrororganisationen, bewaffnete Gruppierungen und Milizen", wird ein führender Offizier in der vergangenen Woche im israelischen Nachrichtenportal "Ynet" zitiert. Bewohner von Kuneitra äußerten gegenüber dem Online-Portal "Syria Direct", dass sie sich nicht sicher seien, ob Israel ihre Ortschaften besetzen wolle oder ob es versuche, so auf die syrische Regierung Druck auszuüben.

Hochrangige syrische und israelische Politiker hatten unter der Vermittlung der USA Gespräche geführt, um über eine mögliche Wiederbelebung der Truppenentflechtungsvereinbarung von 1974 zu verhandeln. Diese Gespräche scheiterten jedoch Ende 2025. In den Monaten danach haben die israelischen Einfälle in Syrien zugenommen.

In einer dieser Woche veröffentlichten Analyse erläuterte Elizabeth Tsurkov vom New Lines Institute in Washington einige Gründe für Israels Vorgehen in Syrien. "Zunächst einmal wird Israels Haltung gegenüber Syrien durch das kollektive Trauma vom 7. Oktober bestimmt, das dazu geführt hat, dass die israelische Öffentlichkeit und die Sicherheitsbehörden erneute grenzüberschreitende Aktionen befürchten", erklärt sie. Zu den weiteren Motiven zählt sie die Annahme Israels, dass die neue syrische Regierung Israel feindlich gesinnt sei, obwohl diese immer wieder betont, dass sie nicht an einer bewaffneten Auseinandersetzung interessiert sei und keine Angriffe gestartet hat.

"Weil Israel die Regierung in Damaskus als dschihadistisch und von der Türkei abhängig einstuft, besteht sein übergeordnetes Ziel in einer Zentralregierung, die zu schwach ist, um eine Bedrohung für Israel darzustellen", schreibt Tsurkov.

Am Dienstag dieser Woche bombardierten israelische Kampfjets kurz nach dem Besuch einer türkischen Delegation den Militärstützpunkt Abu Duhur in Nordsyrien. Der nächste Krieg Israels könnte gegen Syrien oder die Türkei geführt werden, warnten führende israelische Politiker kürzlich. Nach dem Angriff auf die Militärbasis sagte der syrische Außenminister in einem Gespräch mit dem US-Nachrichtenportal "Axios", in den etwa ein Jahr andauernden Gesprächen über eine Sicherheitsvereinbarung habe man erhebliche Fortschritte erzielt, dann habe Israel die Gespräche jedoch abgebrochen.

"Sicherheit kann nicht einseitig sein", sagte er und betonte, dass Syrien für weitere Gespräche offen sei. "So wie wir israelische Sicherheitsbedenken berücksichtigen, muss Israel auch syrische Sicherheitsbedenken berücksichtigen und sich ernsthaft mit unseren Bedenken hinsichtlich seiner expansiven Politik und seiner Militäroperationen auf syrischem Staatsgebiet auseinandersetzen."

In einer kürzlich veröffentlichten Studie nannte die syrische Denkfabrik Etana einige weitere Gründe für Israels Vorgehen in Syrien. Die Kontrolle über Syriens höchsten Berggipfel, den Hermon, gebe Israel auch die Möglichkeit, den Libanon zu überwachen. Auch Wassersicherheit könne eine Rolle spielen, vermuten die Autoren. "Nach seinen Interventionen in Syrien nach dem Fall des Assad-Regimes hat Israel nun direkte Kontrolle über - oder indirekten Zugriff auf - die meisten Gebiete in Kuneitra und im Westen von Daraa, die reich an Oberflächenwasserressourcen sind", schreiben sie.

Wie geht es weiter?

Die jüngere Geschichte zeige, dass sich israelische Sicherheitszonen häufig in dauerhaft besetzte oder annektierte Gebiete verwandeln, sagt H.A. Hellyer vom Royal United Services Institute in London. Dorfbewohner wie Khalil aus Hamidiyah beklagen sich, dass ihre Regierung nichts täte, um ihnen zu helfen. Doch angesichts der militärischen Übermacht Israels geben die Syrer vermutlich ihr Bestes, sagt Hellyer zur DW. "Sie versuchen es weiter auf diplomatischem Wege, weil sie genau wissen, dass sie hier keine militärischen Optionen haben."

"All das ist Teil dessen, was ich als die israelische Vormachtstellung beschreiben würde", fügt Hellyer hinzu. Er bezieht sich damit auf ein Konzept, wonach mächtige Staaten schwächere durch schiere militärische Gewalt übertrumpfen. "Das heißt schlicht, dass sie die uneingeschränkte Vorherrschaft haben", erläutert er. "Sie haben die Möglichkeit, zu tun, was sie wollen. Niemand hat die Möglichkeit, Nein zu sagen. Gesetze und Regeln finden keine Anwendung, es gibt keine Konsensfindung."

Author Cathrin Schaer, Omar Albam (Syrien)
Item URL https://www.dw.com/de/warum-israel-seine-präsenz-in-syrien-ausbaut/a-78459919?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78436538_607.jpg
Image caption In Orten wie Hamidiyah in Kuneitra nahe der Golanhöhen wurden Infrastruktur und Straßen von israelischen Truppen zerstört
Image source Ercin Erturk/Anadolu/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78436538_607.jpg&title=Warum%20Israel%20seine%20Pr%C3%A4senz%20in%20Syrien%20ausbaut%3F

Item 26
Id 78459231
Date 2026-08-21
Title Treibstoffkrise in Russland erhöht Druck auf den Kreml
Short title Treibstoffkrise in Russland erhöht Druck auf den Kreml
Teaser Leere Zapfsäulen, lange Wartezeiten: Nach Angriffen auf Raffinerien verschärft sich der Benzinmangel in Russland. Was bedeutet dies für die Wirtschaft und könnte es sogar ein Ende des Ukraine-Kriegs beschleunigen?
Short teaser Leere Zapfsäulen, lange Wartezeiten: Nach Angriffen auf Raffinerien verschärft sich der Benzinmangel in Russland.
Full text

Angriffe der ukrainischen Streitkräfte auf Raffinerien haben in Russland eine neue Treibstoffkrise ausgelöst. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters sind inzwischen mindestens 30 Regionen betroffen. Anders als die vorherige Welle der Benzinknappheit, die Ende Mai begann und bis Mitte Juli andauerte, trifft die aktuelle Krise besonders Moskau und die Region um die Hauptstadt. Darauf weisen Nutzer in sozialen Netzwerken hin. Die Tankstellenketten Gazprom Neft und Tatneft haben den Verkauf von Kraftstoff in Moskau bereits eingeschränkt.

"Man kann nicht sagen, dass es gar kein Benzin gibt. Aber die Krise ist spürbar. Sie ist nicht allein ein persönliches Problem, wenn man etwa nicht weiß, ob man die Stadt verlassen und wieder zurückkehren kann. Sie ist auch ein wirtschaftliches Problem", sagt Oleg Grigorenko vom russischen Internetportal "7x7" der DW. Nach Angaben des Chefredakteurs der in Russland als "ausländischer Agent" gebrandmarkten unabhängigen Infoseite verzeichnen Taxifahrer, Kurierdienste und die Bauwirtschaft in mehreren Regionen bereits einen Rückgang ihrer Aufträge. Grund sei die Abhängigkeit vieler Lieferketten vom Kraftstoff. "Die Logistik privater Bauunternehmen hängt stark von Benzin ab", so Grigorenko.

Auch in der südrussischen Region Krasnodar bilden sich regionalen Medienberichten zufolge stundenlange Schlangen an Tankstellen. Die Behörden führen dies auf eine angeblich erhöhte Nachfrage während der Ferienzeit zurück. Doch viele Menschen vor Ort sprechen schon von einem Desaster in der Sommersaison.

"Das heutige Sotschi erinnert mit seiner Ruhe und seinem gemächlichen Lebensrhythmus an die Zeit vor den Olympischen Spielen, als noch wenige Autos auf den Straßen unterwegs waren und die Stadt deutlich weniger Urlauber und Einwohner hatte. Aber die Sache ist: In Sotschi gibt es kein Benzin", schreibt auf Instagram der Immobilienmakler Igor Sachartschenko, der aus der Schwarzmeer-Stadt stammt.

Zunehmend schlechtere Benzinqualität

Igor Ananskich, Erster Stellvertretender Vorsitzender des Energie-Ausschusses der russischen Staatsduma, erklärte im russischen Sender RTVI, die Benzinversorgung dürfte sich innerhalb von zwei bis drei Wochen normalisieren.

Dies hält Nikolaj Korschenewskij jedoch für unwahrscheinlich. Der Wirtschaftsexperte hat aus Protest gegen Moskaus Angriffskrieg gegen die Ukraine Russland verlassen und lebt im Ausland. In einem Gespräch mit der DW weist er auf eine sinkende Benzinqualität hin. Bekannte hätten ihm Fotos ihrer Autos mit Fehlermeldungen über Motorschäden aufgrund von verunreinigtem Benzin geschickt.

"Der Wagen springt nicht mehr an und muss in die Werkstatt. Von denselben Leuten weiß ich, dass es selbst in Moskau monatelange Wartezeiten bei Werkstätten gibt. Und dann muss man noch mal monatelang auf Ersatzteile warten. Offenbar verträgt ein Teil der Fahrzeuge das Benzin nicht, das man ihnen in den Tank pumpt. Es herrscht natürlich weiter Krieg und es ist unklar, was produziert und in welchen Mengen gemischt wird", so Korschenewskij. In den anhaltenden Problemen der Öl- und Gasindustrie sieht er Vorboten einer tiefgreifenden Krise.

Wie Bloomberg berichtet, sind Russlands Ölexporte während des Krieges so stark zurückgegangen wie noch nie zuvor. Gleichzeitig ist auch die Ölproduktion gesunken. "2019 produzierte Russland 11,5 Millionen Barrel pro Tag. Heute sind es weniger als neun Millionen. Hält dieser Trend an und verschärfen sich die Probleme in der Ölverarbeitung weiter, dürfte die Produktion auf acht Millionen Barrel fallen. Das wären bereits Voraussetzungen für eine ausgewachsene Wirtschafts- und Systemkrise", prognostiziert Korschenewskij. Eine schnelle Lösung der Probleme sieht er nicht. Russland gehe vielmehr einen ähnlichen Weg wie Venezuela - eine Wirtschaft mit chronisch schrumpfendem Bruttoinlandsprodukt.

Hoffnungen auf Importe illusorisch

Den Treibstoffmangel durch Importe aus Indien, China oder anderen Ländern zu beheben, wie es die russischen Behörden vorschlagen, wird nach Ansicht des ebenfalls im Ausland lebenden russischen Wirtschaftskommentators Wjatscheslaw Schirjajew nicht funktionieren. "Angesichts der Isolation, in der sich Russland befindet, ist es unmöglich, die Versorgung mit 200.000 Tonnen Treibstoff pro Tag sicherzustellen, was ungefähr der Menge an Benzin und Diesel entspricht, die Russland täglich benötigt", sagt er der DW. Schirjajew, der sich öffentlich gegen den Ukraine-Krieg positioniert hat, wurde von Russlands Behörden auf die Liste "ausländischer Agenten" gesetzt.

Der russische Wirtschaftswissenschaftler Igor Lipsiz weist im DW-Gespräch darauf hin, dass es unmöglich sei, die beschädigten Raffinerien schnell wiederherzustellen. Zudem seien sie vor weiteren Luftangriffen nicht gefeit. Daher würden die Behörden den Treibstoffverbrauch einschränken. "Diese Entwicklung hat schon begonnen", stellt er fest. Rettungskräfte, Polizei, Feuerwehr - Fahrzeuge der kommunalen Dienste, aber auch von Sicherheitskräften und Behörden dürften vorfahren und tanken. "Das geschieht vor den Augen stundenlang wartender Menschen, was zu viel Unmut führt", betont der Kreml-Kritiker, der nach zunehmendem politischen Druck seine Lehrtätigkeit an der Wirtschaftshochschule Moskau beendet hat. Heute lebt und arbeitet er im europäischen Exil.

Laut Lipsiz erinnert die Entwicklung in Russland stark an den Niedergang der Sowjetunion. "Für die Oberen gab es spezielle Versorgungssysteme, eigene Läden und Lager, in denen sie alles, was sie wollten, ohne größere Probleme, ohne Warteschlangen und zu relativ niedrigen Preisen kaufen konnten. Das sorgte bei den Russen für große Wut. Als Boris Jelzin ankündigte, gegen die geschlossenen Verteilzentren vorzugehen, unterstützte ihn das Volk begeistert. Jetzt befinden wir uns wieder in einer solchen Situation", so der Experte. Er meint, in Russland würde sich heute ein geschlossenes System zur Treibstoffverteilung herausbilden, was Autofahren zum Luxus machen werde.

Schlüssel zur Beendigung des Krieges?

Nach Einschätzung des Wirtschaftsexperten Wjatscheslaw Schirjajew könnten ukrainische Angriffe auf Ziele in Russland, die sowohl militärischen als auch zivilen Zwecken dienen, die russische Wirtschaft lahmlegen und das Kriegsende beschleunigen. Seiner Ansicht nach würde der Krieg innerhalb weniger Wochen enden, wenn der Westen die Ukraine dabei unterstützen würde, die Intensität ihrer Angriffe zu verdoppeln oder zu verdreifachen. "Die Ukraine könnte im russischen Hinterland Desorganisation und Chaos stiften und einen vollständigen Kontrollverlust herbeiführen", so Schirjajew.

Er meint außerdem, dass der Treibstoffmangel eine entscheidende Rolle bei der Untergrabung der Stabilität von Wladimir Putins Regime spielen könnte. "Wenn es keinen Diesel gibt, stehen tausende Kilometer Eisenbahnstrecke in Russland still. Zudem könnte dies Hunderte Betriebe lahmlegen. Ohne Diesel können Zehntausende LKW nicht fahren, Lebensmittel nicht in die Geschäfte gelangen und Landwirte ihre Ernte nicht einbringen", betont er.

All dies könnte, so Schirjajew, Putins Pläne zur Fortsetzung des Krieges deutlich schneller durchkreuzen. "Wenn die Ukraine die gesamte Ölverarbeitung zerstört, wird Putin bei der Erteilung von Befehlen feststellen, dass diese nicht ausgeführt werden", so der Experte. Wegen Treibstoffmangels würde dann alles stillstehen.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk
Am 25. August 2026 haben wir die Angaben zum russischen Eisenbahnnetz aktualisiert.

Author Denis Kishinevskiy
Item URL https://www.dw.com/de/treibstoffkrise-in-russland-erhöht-druck-auf-den-kreml/a-78459231?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78407748_607.jpg
Image caption Autos stehen Schlange an einer Tankstelle in Moskau im August 2026
Image source Anastasia Barashkova/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78407748_607.jpg&title=Treibstoffkrise%20in%20Russland%20erh%C3%B6ht%20Druck%20auf%20den%20Kreml

Item 27
Id 78460141
Date 2026-08-21
Title Treffen zwischen Trump und Kim in naher Zukunft?
Short title Treffen zwischen Trump und Kim in naher Zukunft?
Teaser US-Präsident Donald Trump kündigt an, noch in diesem Jahr ein persönliches Treffen mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un zu planen. Nordkorea fordert aber maximale Zugeständnisse.
Short teaser US-Präsident Trump will Nordkoreas Machthaber Kim persönlich treffen. Nordkorea fordert dafür maximale Zugeständnisse.
Full text

Noch in diesem Jahr werde er sich mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un treffen, gab US-Präsident Donald Trump am Mittwoch (19.08.26) bekannt. Kim Yo Jong, als Schwester von Kim Jong Un selbst im Zentrum der Macht, erklärte jedoch, Pjöngjang habe "keinerlei Kenntnis" von geplanten Gesprächen. Einen Tag nach Trumps Ankündigung feuerte Nordkorea "etwa zehn ballistische Kurzstreckenraketen" ab, die vor der Ostküste des Landes ins Meer einschlugen, wie das südkoreanische Militär mitteilte.

Die USA und Südkorea führten diese Woche eine gemeinsame Militärübung durch, die ursprünglich elf Tage dauern sollte. Auf Trumps Befehl wurde das Manöver jedoch verkürzt und an diesem Freitag und damit sechs Tage früher als geplant beendet. In einer offiziellen Erklärung als Direktorin des Zentralkomitees der Arbeiterpartei Koreas bezeichnete Kim Yo Jong diese Entscheidung Trumps als "keiner Stellungnahme würdig". Zudem habe sie Südkorea als "Marionette" verspottet. Medienberichten zufolge würde Nordkorea nur die vollständige Absage der Militärübung als "Geste des guten Willens" anerkennen.

Nordkorea in stärkerer Position

"Eine Reduzierung des Umfangs der Manöver reicht nicht aus", sagt auch Leif-Eric Easley, Professor für Internationale Studien an der Ewha Womans University in Seoul, im Gespräch mit der DW. Das habe Kim Yo Jong deutlich gemacht.

Nordkorea kann es sich derzeit offenbar leisten, derartige Forderungen zu stellen. Anders als in Trumps erster Amtszeit befinde sich Pjöngjang nun in einer stärkeren Machtposition, betont Choo Jae-woo, Professor für Außenpolitik an der Kyung-Hee-Universität in Südkorea. Er vermutet, dass Kim vor einem Verhandlungsbeginn noch weitere Garantien einfordern werde. An einem Dialog sei Nordkorea nicht interessiert, meint Choo, "da Kim 2019 in Hanoi gedemütigt wurde, als Trump die Gespräche ohne Einigung abbrach."

Die USA forderten damals die vollständige Aufgabe von Nordkoreas Atomprogramm, während Pjöngjang die Aufhebung aller Sanktionen verlangte. Damals endeten die Verhandlungen ergebnislos. Die erwartete gemeinsame Erklärung kam nicht zustande.

Russland und China als zuverlässige Partner

Seitdem hat Nordkorea an Stärke gewonnen. Es schloss ein enges Sicherheits- und Wirtschaftsbündnis mit Russland, das Zugang zu Militärtechnologie, Energie und Konsumgütern ermöglicht, die bislang aufgrund internationaler Sanktionen verweigert wurden. Die Beziehungen zu China waren ohnehin stets gut.

Choo weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich Nordkorea durch Russland und China ausreichend geschützt fühle. "Seit Hanoi ist es offizielle Position des Regimes, dass Nordkorea keinen Dialog führen wird, wenn die Aufgabe seines Atomprogramms zur Bedingung gemacht wird", sagt Choo. Easley ergänzt, dass Kim finanziell vom illegalen Handel profitiere, neue Technologien und Kampferfahrungen in seine militärische und industrielle Basis integriere und Moskaus Zustimmung für den faktischen Atomstatus Nordkoreas erhalte.

Es erscheine unwahrscheinlich, dass Nordkorea in naher Zukunft einem Treffen mit den USA zustimmen werde, sagt Easley. Er weist darauf hin, dass Nordkorea derzeit eine aktive Rolle als Kriegspartei im Ukraine-Krieg spielt, indem es Munition, Raketen und Soldaten nach Russland schickt.

Trump steht unter Druck

Trump dagegen steht zeitlich unter Druck. Die US-Zwischenwahlen am 3. November sind für die Zukunft der republikanischen Partei wichtig. Auf der anderen Seite ist Kim klar, dass ein Abkommen mit Trump wahrscheinlicher ist als mit einem Nachfolger. Kim Yo Jong betonte erst diese Woche, die Beziehung zwischen Trump und ihrem Bruder sei "nach wie vor ausgezeichnet". Solange Trump an der Macht ist, scheint sich Pjöngjang alle Optionen offenhalten zu können.

Südkorea zwischen Skepsis und Hoffnung

In Südkorea werde Trumps Annäherung hingegen mit Skepsis betrachtet, so Choo. Zwar begrüßen die Südkoreaner direkte Gespräche, doch bestehe die Befürchtung, "dass Trump die Sicherheitsbedürfnisse Südkoreas einfach ignoriert und direkt mit Nordkorea verhandelt, weil er so verzweifelt darauf aus ist, ein Abkommen unter Dach und Fach zu bringen".

Seoul strebt eine Beteiligung an den Verhandlungen und eine engere Abstimmung mit Washington an, da alle Vereinbarungen Südkorea weitaus stärker betreffen würden als die USA, erklärt Choo. Medienberichten zufolge könnte das Treffen der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (APEC) am 18. und 19. November in der südchinesischen Metropole Shenzhen einen geeigneten Rahmen für ein persönliches Treffen zwischen Trump und Kim bieten. Anwesend wäre dann auch Südkoreas Präsident Lee Jae-myung.

Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan

Author Julian Ryall (in Tokio)
Item URL https://www.dw.com/de/treffen-zwischen-trump-und-kim-in-naher-zukunft/a-78460141?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78403440_607.jpg
Image caption Kim Jong Un und Donald Trump trafen sich zuletzt in 2019. Hier an der Demarkationsline zwischen Nord- und Südkorea
Image source Brendan Smialowski/AFP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78403440_607.jpg&title=Treffen%20zwischen%20Trump%20und%20Kim%20in%20naher%20Zukunft%3F

Item 28
Id 78445313
Date 2026-08-20
Title Tourismus in Portugal dieses Jahr ohne Wachstum
Short title Tourismus in Portugal ohne Wachstum
Teaser Jahrelang boomte der Tourismus in Portugal - doch 2025 stagnieren die Besucherzahlen erstmals. Während neue Hotels und ein Milliarden-Flughafen gebaut werden, fordern Experten eine Neuausrichtung der Strategie.
Short teaser Nach jahrelangem starkem Wachstum fordern Fachleute eine neue Tourismusstrategie.
Full text

"Ich sehe nicht die Menschenmassen durch die Stadt ziehen wie in den vergangenen Jahren," stellt die Hotelbesitzerin Sofia Maia aus der nordportugiesischen Stadt Porto fest. "Auch die Restaurants scheinen mir nicht so voll wie früher. Immerhin kann ich nicht über mangelnde Bettenauslastung klagen."

Während der Sommer sich langsam seinem Ende entgegenneigt, zieht Portugals Tourismusindustrie eine gemischte Zwischenbilanz: Die Besucherzahlen stagnieren und das Geld der Urlauber sitzt nicht mehr so locker wie vorher.

Bis 2025 konnte Portugal sich über üppig steigende Besucherzahlen freuen. Laut dem staatlichen Statistikinstitut INE waren es 2024 noch stolze 9,3 Prozent und damit 2,5 Millionen Menschen mehr als im Vorjahr. 2025 kamen nur noch 3,3 Prozent Ausländer mehr und es scheint, dass sich dieses langsamere Wachstum fortsetzt: "Im ersten Halbjahr konnten wir 3,1 Prozent mehr Besucher verzeichnen", erklärt André Gomes, der Vorsitzende des Interessenverbandes der wichtigen Tourismusregion Algarve im Süden des Landes. "Die Übernachtungen haben um zwei Prozent zugenommen und die Einnahmen um 7,7 Prozent." Alles deute, so der Tourismusmanager, auf Ergebnisse wie im Vorjahr hin.

Rund 30 Millionen Besucher kommen jährlich

Die Zahl der Ausländer, die Portugal besuchen, hat sich bei rund 30 Millionen jährlich eingependelt, das ist immerhin das Dreifache der Landesbevölkerung. Mit rund elf Prozent davon sind die Deutschen nach den Briten übrigens die zweitwichtigste Urlaubergruppe. Die Urlauber haben, so die Statistikbehörde, im vergangenen Jahr stolze 29,4 Milliarden Euro ausgegeben, das sind 11,8 Prozent des portugiesischen Bruttoinlandsproduktes (BIP). Und trotzdem läuten erste Alarmglocken: "Wir haben offensichtlich die Grenzen des Tourismuswachstums erreicht", meint der Wirtschaftsprofessor João Duque. "Und ich sehe keinen Plan für die Zukunft, der das berücksichtigt."

In der Tat scheinen die politisch Verantwortlichen noch immer von grenzenlosem Wachstum zu träumen: Lissabons geplanter neuer Flughafen soll Mitte der 2030er-Jahre mindestens 56 Millionen Menschen pro Jahr ins Land bringen und in der Hauptstadt sowie in Porto sind fast 200 Hotelneubauten mit rund 11.000 Zimmern genehmigt. Es würden zwar wohl nicht alle geplanten Projekte umgesetzt, versichert Wirtschaftsfachmann João Duque. Doch würden bei den jetzigen Urlauberzahlentrends wohl deutliche Überkapazitäten entstehen.

Die Preise steigen weiter

Und das bei durchaus gesalzenen Preisen: "Ein simples Sonnensegel und eine Liege am Strand in der Algarve können 200 Euro am Tag und mehr kosten", rechnet Professor Duque vor. "Beim Essengehen ist die 100-Euro-Grenze pro Person ebenfalls schnell überschritten." Also decken sich viele Touristen im Supermarkt ein und essen im Urlaubsquartier. Immer mehr Restauranttische bleiben leer. "Die ausländischen Gäste bestellen das Billigste auf der Karte und teilen sich oft sogar ein Gericht", klagt die Wirtin Celeste Botelho, die ein Restaurant im Big-Wave-Surferparadies Nazaré betreibt. Gedränge gibt es höchstens auf der Uferpromenade vor der Tür, nicht im Lokal. Die Zeiten, in denen Portugal ein eher billiges Ferienziel war, seien eben vorbei, betont Ökonom João Duque.

Anders als die Ferienindustrie scheinen viele Portugiesen sich aber über den Knick bei den Touristenzahlen zu freuen: "Es gibt wieder freie Plätze in den Restaurants", sagt João Martelo aus Lissabon. Die Bedienungen seien wieder freundlicher zu den Einheimischen und: "Ich wohne in der Nähe der Endstation der berühmten Straßenbahnlinie 28. Da stehen endlich nicht mehr Hunderte Touristen an und nehmen den Einheimischen die Plätze weg."

Die Tourismusbranche denkt um

Umdenken sei gefordert, so der Wirtschaftsprofessor João Duque. Weg vom billigen Massentourismus, hin zum teuren gehobenen Marktsegment: "Die Fünf-Sterne-Hotels überall im Land sind sehr gut ausgelastet. Da ist noch Platz für Wachstum." Natürlich nicht für Millionenzuwächse bei den Urlauberzahlen, sondern für Wachstum bei den Pro-Kopf-Ausgaben. "Denen muss man dann aber auch spezielle Angebote machen, von Vollpension mit exotischen Speisen bis hin zum thematischen Erlebnisurlaub."

Genau daran wollen die Touristikanbieter in der Algarve weiterarbeiten, verspricht André Gomes vom Tourismusverband der Algarve. "Wir wollen unseren Besuchern immer höherwertigere Angebote machen. Sei das bei der Gastronomie, seien es Golf, Küstenwanderungen oder Bootsausflüge." Denn die Zeiten, in denen die Touristenzahlen jährlich um mehrere Millionen wachsen, seien, so der Tourismusfachmann, endgültig vorbei.

Traurig ist Direktor Gomes darüber ebenso wenig wie die Hotelbesitzerin Sofia Maia aus Porto. Die sagt: "Wenn das Wachstum weiter so groß gewesen wäre, hätte die Gefahr bestanden, dass Teile des Landes von Touristen überrollt worden wären." Und das hätte der Tourismusindustrie mehr geschadet als genutzt.

Author Jochen Faget
Item URL https://www.dw.com/de/tourismus-in-portugal-dieses-jahr-ohne-wachstum/a-78445313?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/56847471_607.jpg
Image caption Jahrelang sind immer mehr Touristen nach Portugal gekommen - unter anderem um zu surfen. Dieses Jahr stagnieren die Zahlen das erste Mal wieder.
Image source Pedro Nunes/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/repod/repod20260418_GesamtHD_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/56847471_607.jpg&title=Tourismus%20in%20Portugal%20dieses%20Jahr%20ohne%20Wachstum

Item 29
Id 78443806
Date 2026-08-20
Title "Bauhaus-Manifest": Breites Bündnis für Freiheit der Kunst
Short title "Bauhaus-Manifest": Breites Bündnis für Freiheit der Kunst
Teaser Wenige Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wollen Vertreter von Kultur, Handwerk, Architektur, Design und Kirche mit dem "Bauhaus Manifest 2026" ein Zeichen für Freiheit, Offenheit und Kreativität setzen.
Short teaser Zahlreiche Bauhaus-Unterstützer setzen ein gemeinsames Zeichen gegen kulturfeindlichen Nationalismus.
Full text

Das am Donnerstag veröffentlichte "Bauhaus-Manifest 2026" geht auf eine Initiative von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer zurück. "Gemeinsam machen wir deutlich, dass wir das Bauhaus und seine Prinzipien stärken und gegen jede Art von demokratiefeindlichen Angriffen verteidigen wollen" sagte der parteilose Politiker der Deutschen Presse-Agentur.

Das Manifest verstehe sich als ein kultur- und gesellschaftspolitisches Bekenntnis zu den Prinzipien, die die Bauhaus-Kunstschule (1919-1933) bis heute zu einer weltweit prägenden kulturellen Ikone machten, hieß es in einer Erklärung. Dazu zählten die Freiheit des künstlerischen Denkens, Offenheit gegenüber neuen Ideen, die Verbindung unterschiedlicher Disziplinen und die Überzeugung, dass kulturelle Innovation einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft leisten kann.

Weimer: Können auf Bauhaus "stolz sein"

Kulturstaatsminister Weimer sagte anlässlich der Veröffentlichung: "Das Bauhaus zeigt, welche innovative Kraft entsteht, wenn Kunst, Handwerk, Design und Technologie zusammenwirken. Es steht für Kreativität und Austausch, Mut und Offenheit für neue Ideen." Das seien Werte, die damals wie heute wichtige Impulse gäben. "Darauf können wir stolz sein."

Zu den Unterzeichnern zählen unter anderen der Deutsche Kulturrat, die deutsche Unesco-Kommission, die Deutsche Bischofskonferenz, die Evangelische Kirche in Deutschland, der Deutsche Städtetag, der Deutsche Museumsbund, die Akademie der Künste, der Zentralverband des Deutschen Handwerks und das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste.

Das Bauhaus war 1919 vom Architekten Walter Gropius und anderen als Kunstschule in Weimar gegründet worden und später nach Dessau umgezogen. Gropius hatte zur Gründung in einem eigenen "Bauhaus-Manifest" Ziele der Kunst- und Architekturschule abgesteckt. 1933 - inzwischen in Berlin ansässig - musste es unter dem Druck der Nationalsozialisten endgültig schließen. Das Bauhaus und seine Stätten in Weimar, Dessau und Bernau sind seit 1996 Unesco-Welterbe.

Die große internationale Wirkung des Bauhauses beruhe nicht allein auf seiner modernen Formensprache und dem Avantgarde-Design, heißt es im neuen Manifest. "Es ist seine Haltung, die Vorbildcharakter hatte und weiterhin hat: der Mut zur kühnen Vision, das Vertrauen in die Freiheit des künstlerischen Denkens, die Überzeugung, dass nur eine offene Gesellschaft die Kraft zur kulturellen Erneuerung aufbringt."

Die Unterzeichner wollen auch das Bauhaus selbst gegen populistische Angriffe verteidigen: "Die Bauhaus-Institutionen sollen gestärkt, ihre kreative Freiheit wie ihre soziale Öffnung als Vorbild begriffen und gegen jedwede demokratiefeindlichen Angriffe verteidigt werden."

AfD: Bauhaus "Irrweg der Moderne"

Die in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte AfD wird nicht namentlich erwähnt. Das Papier kann aber als eine Art Gegenentwurf zu den Zielen der Partei gesehen werden, die bei den Landtagswahlen am 6. September stärkste Kraft werden könnte. Sie hat das Bauhaus einst als "Irrweg der Moderne" bezeichnet und will nach eigenen Angaben eine "patriotische Kulturpolitik" und vorwiegend Kunst fördern, die "einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung leistet". Die Werbekampagne Sachsen-Anhalts mit dem Slogan "#moderndenken" will die AfD durch das Motto "#deutschdenken" ersetzen. In ihrem aktuellen Wahlprogramm schreibt die Partei außerdem, dass die Bauhaus-Schule immer bestrebt gewesen sei, jedes Anzeichen von "nationaler Verwurzelung" zu vermeiden.

Dagegen erklären die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des "Bauhaus-Manifests 2026": "Den gesellschaftspolitischen Impetus der Bauhaus-Vordenkerinnen und -Vordenker brauchen wir gerade in Zeiten, in denen die politischen Ränder erstarken und Rückschritt statt Fortschritt propagieren." Weiter heißt es: "Das Beispiel des Bauhauses und seiner Anfeindungen durch das Nazi-Regime mahnt uns, dass Erinnerungskultur keine nostalgische Rückschau ist, sondern eine Voraussetzung demokratischer Selbstverständigung."

Kulturinstitutionen, die das Gedächtnis bewahrten und Räume der konstruktiven Auseinandersetzung eröffneten, seien deshalb zu unterstützen. Die Autonomie künstlerischer Leistungen und Institutionen gehöre zu den Grundbedingungen einer lebendigen Demokratie.

Grundgedanke des Bauhauses sei, schöpferische Ideen, wagemutige Forschung, handwerkliche Exzellenz und technologische Innovation zusammenzuführen. Zudem stehe das Bauhaus für Offenheit und Erneuerung, Austausch und Vernetzung. Die Unterstützer finden: "Diese Offenheit ist eine große Stärke deutscher Kultur und bereichert Deutschland. Kulturfeindlichen Nationalismus lehnen wir ab."

ka/cw (dpa, KNA)

Item URL https://www.dw.com/de/bauhaus-manifest-breites-bündnis-für-freiheit-der-kunst/a-78443806?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/74046892_607.jpg
Image caption Das Bauhaus-Gebäude in Dessau
Image source DW
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/74046892_607.jpg&title=%22Bauhaus-Manifest%22%3A%20Breites%20B%C3%BCndnis%20f%C3%BCr%20Freiheit%20der%20Kunst

Item 30
Id 78422944
Date 2026-08-20
Title Klimawandel treibt Waldbrände in Europa auf Rekordniveau
Short title Klimawandel treibt Waldbrände in Europa auf Rekordniveau
Teaser Immer mehr Hitze macht Waldbrände extremer, selbst in Feuchtgebieten. Ohne deutlich mehr Schutzmaßnahmen könnten sich die Brandflächen künftig verdreifachen, das zeigt eine neue Studie. Was hilft?
Short teaser Eine Studie zeigt: Künftig drohen dreimal mehr Waldbrände. Doch Investitionen in Brand- und Klimaschutz können helfen.
Full text

Spanien, Frankreich, Portugal, Italien, Griechenland und auch Irland, Großbritannien, Norwegen und Deutschland: Die Liste der Länder in Europa , die diesen Sommer von besonders heftigen Waldbränden betroffen sind, ist lang.

Extreme Hitze und anhaltende Trockenheit über viele Wochen haben die Brandgefahr erhöht. Über 6000 Quadratkilometer Wald sind bisher den Flammen zum Opfer gefallen. Hunderttausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Der Gesamtschaden wurde schon Anfang August auf 15 Milliarden Euro geschätzt.

Und die Waldbrandgefahr in Europa wird in den nächsten Jahren weiter steigen, das zeigt eine heute veröffentlichte Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK).

Betroffene Flächen könnten sich künftig verdreifachen.

Und selbst bei deutlich mehr Klimaschutz könnten in Europa bis zum Ende des Jahrhunderts jährlich etwa 39 Prozent mehr Fläche verbrennen als heute.

"Wenn wir jedoch mehr Emissionen verursachen und die globalen Temperaturen um etwa 3,6 Grad Celsius steigen, werden Brände wesentlich häufiger auftreten, insbesondere im Mittelmeerraum sowie in weiten Teilen West- und Mitteleuropas, einschließlich Gebieten, in denen es bisher kaum Brände gab", so PIK-Forscher Maik Billing. Er ist leitender Autor der im Wissenschaftsmagazin Global Change Biology erschienenen Studie.

Eigentlich hatte sich die Weltgemeinschaft darauf geeinigt, die Erderwärmung auf 1,5 Grad oder deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Doch die Staaten hinken beim Klimaschutz deutlich hinterher.

Dabei werden die Auswirkungen der globalen Erwärmung immer deutlicher. So sind in diesem Hitzesommer in Europa bereits jetzt doppelt so viele Flächen verbrannt wie in den letzten Jahren, so die Autoren.

Weil Hitze die Vegetation austrocknet, gerät sie schneller in Brand. Doch Vorsorgemaßnahmen können helfen. "Wir sehen, dass die Brandbedingungen zunehmen, daher müssen wir mehr investieren", so Thomas Hickler, Forscher der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, die an der Studie beteiligt war.

Waldbrandmanagement, bessere Ausbildung und Ausrüstung von Einsatzkräften sowie eine gute Koordination zwischen Forstwirtschaft, Naturschutz und Feuerwehr können "einen erheblichen Unterschied bewirken", so Hickler weiter.

Die EU steuert zwischen 2021 und 2027 rund 2,1 Milliarden Euro zum Wald- und Brandmanagement der Mitgliedsländer bei. Die Weltbank berechnet, dass sich solche Investitionen auszahlen: Für jeden Euro, der in die Vorbeugung fließt, könnten bis zu sieben Euro für Bekämpfung und Wiederaufbau gespart werden.

Extreme Bedingungen durch Klimawandel erhöhen das Risiko

Wenn es gelingt, die Treibhausgasemissionen jetzt schnell zu senken und die Erderwärmung dadurch stark begrenzt wird, könnten durch effektives Feuermanagement die Brandflächen künftig um 90 Prozent reduziert werden, so die Autoren.

Deutlich mehr Klimaschutz ist laut der Studie dringend notwendig, um Waldbrände langfristig kontrollieren zu können.

"Mit dem Klimawandel könnten die Bedingungen so extrem werden, dass wir an die Grenzen dessen stoßen, was noch machbar ist, um Brände zu verhindern und zu bekämpfen, sobald sie eine bestimmte Größe erreichen", sagt Kirsten Thonicke vom PIK und Mitautorin der Studie.

Auch im Westen Deutschlands und in Belgien brennt es seit Tagen.

Im Hohen Venn, einem grenzüberschreitenden Wald- und Moorgebiet zwischen der Eifel in Deutschland und den Ardennen in Belgien sind in den letzten Tagen rund 3000 Hektar Vegetation in Flammen aufgegangen. Es ist der größte Waldbrand in Belgien seit Jahrzehnten.

Warum sogar Feuchtgebiete brennen können

Feuchtgebiete wie Sümpfe oder Hochmoore scheinen vor Feuergefahren sicher. Doch wenn sie wie jetzt das Hohe Venn während einer Dürre austrocknen, können sie Feuer fangen und sogar besonders lange brennen.

Das liegt an den Torfböden in den Mooren, die durch abgestorbene Pflanzenteile gebildet werden. Getrockneter Torf brennt gut, darum wurde er über Jahrhunderte auch als Energiequelle zum Heizen und Kochen genutzt.

Doch wenn meterdicke Torfböden in Brand geraten, werden dabei große Mengen von darin gespeichertem Kohlenstoff freigesetzt. Feuchtgebiete bedecken weltweit zwar nur drei Prozent der Erdoberfläche, in ihnen sind aber aber 30 Prozent des im Boden gebundenen CO2 gespeichert.

Bei Waldbränden sieht man oft hohe Flammen, doch Moore schwelen im Untergrund. Flammen sind dabei oft kaum sichtbar, die Brandtemperatur sind relativ niedrig und es entsteht viel Rauch. Doch solche Torfbrände sind extrem schwer zu löschen. Schwelbrände können monatelang anhalten und sogar über den Winter hinweg brennen.

Und dabei gelangen neben CO2 auch große Mengen an Schadstoffen in die Umgebung. Mit den Rauchpartikeln werden giftige Stoffe freigesetzt, darunter auch gesundheitsschädliche Schwermetalle wie Quecksilber.

Welches Ausmaß solche Brände erreichen können, wurde in den letzten Jahren auch bei riesigen Torfbränden in Kanada und Sibirien deutlich. Ein Torfbrand 1997 in Indonesien gehörte mit etwa 100.000 Quadratkilometern sogar zu den größten Umweltkatastrophen des 20. Jahrhunderts.

Wissenschaftler schätzten damals in einer im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichten Studie, dass allein dieses Feuer zwischen 13 und 40 Prozent der gesamten weltweiten Emissionen im Jahr 1997 freigesetzt hat.

Mehrere Länder Südostasiens beschlossen später ein Abkommen gegen grenzüberschreitende Luftverschmutzung (AATHP).

Für Europa zeigt die aktuelle Studie: Wenn die globalen Temperaturen weiter so steigen wie derzeit befürchtet, kann besseres Brandmanagement die Feuergefahr in Zukunft zwar begrenzen, jedoch nicht komplett eindämmen.

Dann wird es in mehr als der Hälfte der brandgefährdeten Regionen Europas noch mehr Waldbrände geben als heute.

Author Tim Schauenberg
Item URL https://www.dw.com/de/klimawandel-treibt-waldbrände-in-europa-auf-rekordniveau/a-78422944?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78410371_607.jpg
Image caption Löscharbeiten im Hohen Venn in Belgien. Feuer in Mooren können über Monate im Untergrund schwelen.
Image source Yves Herman/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/gld/gld20260518_OlivenDEU_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/78410371_607.jpg&title=Klimawandel%20treibt%20Waldbr%C3%A4nde%20in%20Europa%20auf%20Rekordniveau

Item 31
Id 78433606
Date 2026-08-20
Title Wenn Waldbrände ein Trauma hinterlassen
Short title Wenn Waldbrände ein Trauma hinterlassen
Teaser Die Brände dieses Sommers gleichen apokalyptischen Szenen. Die Schäden sind immens. Sogar unserer Psyche können die Feuer schaden. Wie können Einsatzkräfte und Bevölkerung bleibende Traumata verhindern?
Short teaser Die Brände dieses Sommers hinterlassen viele Schäden. Sie können sogar unserer Psyche schaden. Wie gehen wir damit um?
Full text

Die Feuersaison 2026 stellt traurige Rekorde auf: Bei Vegetationsbränden in Europa ist schon jetzt mehr Fläche verbrannt als im jährlichen Durchschnitt von 2006 bis 2025. So verzeichnet beispielsweise das deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen den vermutlich größten Waldbrand in seiner Geschichte. Rund 300 bis 400 Hektar Fläche hat das Feuer im Hürtgenwald zerstört oder geschädigt – ein Areal, mindestens so groß wie 420 Fußballfelder.

Nach Wochen ohne Regen breitet sich der Waldbrand rasch in der ausgetrockneten Landschaft aus. Wind treibt die Flammen in unterschiedliche Richtungen. Zudem erschwert explodierende Munition aus dem Zweiten Weltkrieg die Löscharbeiten. Fast eine Woche lang kämpfen teils rund 1500 Feuerwehrkräfte in 12-Stunden-Schichten im Hürtgenwald gegen die Flammen.

Einsatzgebiet Waldbrand: hohe Belastung für Einsatzkräfte

Mittendrin auch Peter Berndgen, Sprecher der Freiwilligen Feuerwehr im Kreis Düren. Die Belastungen bei einem solchen Einsatz seien enorm, berichtet Berndgen. "Entzündete Augen jeden Abend, die Nase ist immer schwarz, die Atemwege werden belastet. Und in dieser Zwölf-Stunden-Schicht ist man in einer permanenten Lauerstellung, was gerade so passieren kann." Etwa, ob Bäume umstürzen oder die Flammen eine neue Richtung einschlagen.

Immer wieder auch die Sorge: "Jetzt rennt mir diese Situation aus meiner Kontrolle raus, wir schaffen es nicht mehr, das zu beherrschen - so ein Gefühl hat man manchmal. Und dann fängt man an, darüber nachzudenken: Kriegen wir das hier überhaupt noch mal unter Kontrolle?"

Trotz aller Vorbereitung und Professionalität gibt es auch immer wieder Situationen, in denen Feuerwehrleute in Todesangst geraten können. "Die Befürchtung, ja fast sogar Angst, die man dann haben kann, ist wirklich: Wo ist denn mein Rückzugsort? Wie komme ich denn hier raus? Ich bin ja mittendrin in einem Waldgebiet."

Solche Situationen könnten noch lange nachwirken, sagt Psychiater Andreas Meyer-Lindenberg vom Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit und Mitautor der sogenannten Berliner Erklärung zu Klimawandel und psychischer Gesundheit.

"Nicht alle Leute, aber viele, denen sowas passiert, reagieren dann mit einer sogenannten posttraumatischen Störung. Sie müssen sich an das Ereignis wieder und wieder erinnern, haben Albträume, Dinge, die man Flashbacks nennt. Und solche posttraumatischen Störungen sind bei Feuerwehrleuten dreimal so häufig wie in der Normalbevölkerung."

Wie Naturkatstrophen der psychischen Gesundheit schaden

Typisches Symptom für eine posttraumatische Störung ist das Vermeidungsverhalten. Betroffene meiden Orte, die denen ähneln, an denen das Trauma entstanden ist oder auch Gespräche über das Ereignis selbst. "Das führt dann dazu, dass diese Störung sich festsetzt", so Meyer-Lindenberg.

Unmittelbar nach so einer Naturkatastrophe sei es völlig normal, dass man davon mitgenommen sei, etwa schlecht schlafe, sich traurig fühle. Wenn dieser Zustand aber länger als einen Monat anhalte, den Alltag einschränke, sollte man psychologische Hilfe suchen. "Das Gute ist: Posttraumatische Störungen lassen sich mit einer Verhaltenstherapie sehr erfolgreich behandeln. Bei zwei Dritteln der Betroffenen löst sich dadurch die Störung auf."

Neben posttraumatischen Störungen steigt nach einer Naturkatastrophe wie einem Waldbrand auch die Zahl an Depressionen, Angsterkrankungen und Suchterkrankungen. Teilweise zeigen Studien auch häufigeres Selbstverletzungsverhalten und erhöhte Suizidraten.

Die psychiatrischen Diagnosen verdoppelten sich in etwa, so der Psychiater. "Bei vielen Betroffenen geht es erfreulicherweise von selbst wieder zurück, aber leider nicht bei allen. Man findet auch noch Jahre später erhöhte Häufigkeiten von Erkrankungen."

Metastudien zeigten, dass manche Bevölkerungsgruppen stärker betroffen seien als andere. Dazu zählten vor allem Kinder und Jugendliche. Aber auch arme Menschen oder Menschen, die bereits eine psychische Erkrankung hätten. Außerdem seien Frauen häufiger betroffen als Männer.

Selbstwirksamkeit hilft, Hilflosigkeit belastet

Auffällig ist: Während in der Bevölkerung, die von einer Naturkatastrophe betroffen ist, jeder Dritte ein Risiko für eine anhaltende, posttraumatische Störung hat, trifft es unter den Einsatzkräften nur jeden Zehnten.

Ihnen helfe ihre Erfahrung, die klaren Regeln bei einem Einsatz und auch das gemeinsame Arbeiten im Team, erklärt Meyer-Lindenberg. "Gerade wenn man mit so einem Extremereignis konfrontiert ist, hängt ganz viel davon ab: Fühle ich mich da selbstwirksam? Weiß ich, was ich machen muss? Habe ich Kollegen, Kameraden, auf die ich mich verlassen kann? Gibt es da eine Struktur oder fühle ich mich da dem völlig hilflos ausgeliefert?"

Während also Anwohnende möglicherweise tatenlos zusehen müssen, wie ihre Umgebung in Flammen aufgeht, kämpfen Feuerwehrleute aktiv dagegen.

Gerade bei der Freiwilligen Feuerwehr aus der betroffenen Region sei die Motivation extrem hoch, sagt Sprecher Peter Berndgen. "Wir wollen uns, unsere Bevölkerung, unsere Dörfer, wo wir wohnen - das wollen wir schützen. Und ich glaube, das setzt auch Energie frei."

Zudem gebe es auf Wunsch psychologische Betreuung für die Einsatzkräfte, routinemäßige Gespräche über das Erlebte seien genauso Teil des Einsatzes wie der Kampf gegen die Flammen selbst.

"An Katastrophen kann man sich nicht gewöhnen"

In Aktion zu kommen und die eigene Lage selbst in die Hand zu nehmen, helfe auch den Betroffenen einer Naturkatastrophe, betont Psychiater Meyer-Lindenberg. Etwa indem sie vorbeugenden Brand- oder Hochwasserschutz betreiben. Sich an Katastrophen zu gewöhnen oder sich dagegen abzuhärten, funktioniere dagegen nicht. "Im Gegenteil: Jemand, der schon mal so eine Katastrophe erlebt hat, der ist stärker bedroht, psychische Folgeschäden von einer nächsten zu haben."

Im Hürtgenwald konnten Peter Berndgen und die anderen Feuerwehrkräfte den Brand löschen. Auch dieser Erfolg hilft, keine langfristigen psychischen Belastungen davonzutragen. "Das gibt einem die Bestätigung: Ja, das ist sehr sinnvoll, was wir gerade getan haben."

Anders, so Berndgen, habe er sich dagegen bei der Flut im Ahrtal vor fünf Jahren gefühlt. "Menschen, die in Lebensgefahr waren, aus der Ahr-Region, kamen mit ihren Notrufen hier bei uns an und wir wussten, wir konnten ihnen nicht helfen." Das sei für einen Feuerwehrmann die schlimmste denkbare Situation.

"Wüsste ich, dass ich mich dieser Aufgabe jedes halbe Jahr stellen muss, dann wäre für mich wahrscheinlich auch der Punkt erreicht, zu sagen: Kann ich das wirklich leisten?"

Author Jeannette Cwienk
Item URL https://www.dw.com/de/wenn-waldbrände-ein-trauma-hinterlassen/a-78433606?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78365021_607.jpg
Image caption Rund um einen Waldweg im Hürtgenwald in Nordrhein-Westfalen stehen Bäume in Flammen
Image source Jan Ohmen/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/fit/fit20151209_studiotalk01_sd_sor.mp4&image=https://static.dw.com/image/78365021_607.jpg&title=Wenn%20Waldbr%C3%A4nde%20ein%20Trauma%20hinterlassen

Item 32
Id 78303972
Date 2026-08-18
Title AfD will Fördermittel für "antideutsche" Kultur streichen
Short title AfD will Fördermittel für "antideutsche" Kultur streichen
Teaser Die in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem geltende AfD liegt in Umfragen zur kommenden Landtagswahl vorn. Ihr Programm könnte Gefahren für das Bauhaus, die Holocaust-Gedenkkultur und die Theatervielfalt bergen.
Short teaser Die AfD liegt in Sachsen-Anhalt vorn. Ihr Kulturprogramm greift Bauhaus, Holocaust-Gedenken und Theatervielfalt an.
Full text

Umfragen zufolge könnte die Alternative für Deutschland (AfD) bei der bevorstehenden Landtagswahl am 6. September im ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt die absolute Mehrheit erringen.

Mit Blick auf das kulturpolitische Programm der in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei erklären Museen, Theater und kulturelle Einrichtungen in der Region, dass die künstlerische Freiheit unter einer AfD-Regierung in Gefahr sei.

Die AfD, die einer Bitte der DW um Stellungnahme nicht nachkam, hatte im Juni in einem Antrag gefordert, dass Künstler und Institutionen eine Erklärung unterzeichnen müssten, in der sie sich verpflichten, "Deutschland und seine Kultur nicht verächtlich (zu) machen", wenn sie staatliche Fördermittel erhalten wollen. Viele dieser Organisationen und Einzelpersonen sind in hohem Maße auf diese Fördermittel angewiesen. Der Antrag wurde von allen anderen Landtagsfraktionen abgelehnt.

AfD definiert "antideutsche Kunst"

Was nach Ansicht der AfD unter einer Missachtung der deutschen Kultur zu verstehen ist, umfasst auch das, was die Partei als "antideutsche Kunst" bezeichnet.

"Wir haben in unserem Regierungsprogrammerklärt, kein Staatsgeld mehr für die Förderung antideutscher Kunst ausgeben zu wollen," sagte Hans-Thomas Tillschneider, kulturpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt, in einer Rede, die er Ende Juni im Parlament hielt.

Auf die Frage anderer Mitglieder des Landtags, was das genau bedeute, sagte Tillschneider: "Antideutsche Kunst ist deutsche Kunst, die nicht deutsch sein will." Als Beispiel nannte er eine Inszenierung der Oper "Der Freischütz" von Carl Maria von Weber, die er vor einigen Jahren gesehen habe; das Werk des klassischen deutschen Komponisten sei "feministisch dekonstruiert" gewesen. "Aber dieses Ressentiment gegen Deutschland, dieser antideutsche Degout gehört in weiten Teilen des Theaterbetriebs immer noch zum guten Ton," sagte er. "Diese Einstellung, das sage ich ganz deutlich, werden wir nicht mehr fördern."

Das Bauhaus im Visier - wie in den 1930er-Jahren

Das 1919 gegründete Bauhaus, Deutschlands legendäre Architektur-, Kunst- und Designschule, musste unter den Nationalsozialisten schließen, die dessen avantgardistischen Ideen und Aufgeschlossenheit als "undeutsch" betrachteten. Dennoch entwickelte sich das Bauhaus zu einer der bedeutendsten Designbewegungen des 20. Jahrhunderts; sein Einfluss ist bis heute weltweit spürbar.

Heute sieht die AfD das Bauhaus als "Irrweg der Moderne" und als zu globalistisch für die von der Partei angestrebte "patriotische Kulturpolitik" an.

Barbara Steiner, Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, sieht auffällige Parallelen zwischen der Wortwahl der AfD und der Nationalsozialisten: "Das ist eine Terminologie, die sehr stark an die Vergangenheit erinnert.," erklärt sie im DW-Gespräch. "Und ich denke, dass es kein Zufall ist."

In ihrem Programm bezeichnet die AfD Sachsen-Anhalt das Bauhaus als "umstrittene Architekturschule" und kritisiert die derzeitige Landesregierung dafür, dass sie in ihrer aktuellen Imagekampagne unter dem Motto "moderndenken" zu viel Gewicht auf das Bauhaus als landeseigene Attraktion lege, da das Bauhaus immer bestrebt gewesen sei, jedes Anzeichen von nationaler Verwurzelung zu vermeiden.

Die AfD will stattdessen eine Kampagne namens "deutschdenken" starten, die "darauf hinweist, dass Sachsen-Anhalt Wesentliches zur Entwicklung der deutschen Nation beigetragen hat. Von Heinrich I. und Otto I. über Luther bis hin zu Bismarck und Nietzsche (...)."

Historisch belastete Sprache

Die AfD weist Vergleiche mit der NSDAP und Adolf Hitler entschieden zurück.

Dennoch bedient sich die Partei in ihrem kulturpolitischen Programm einer historisch belasteten Sprache. Der vorgeschlagene Slogan "deutschdenken" ist ein Beispiel dafür: "'Deutsch denken' bezieht sich auf die 'Reichenberger Rede', die Adolf Hitler 1938 hielt," sagt Bauhaus-Direktorin Steiner.

Kultur ist auf Steuergelder angewiesen

Das Bauhaus ist nicht die einzige Kulturinstitution in Sachsen-Anhalt, die sich bedroht fühlt: "Als Kulturschaffende, Kulturinitiatoren, Künstlerinnen und Künstler können wir sagen, dass wir jetzt wirklich Angst haben, denn was dort in Gang gesetzt wird, ist im Grunde die Vorstellung, dass Kunst und Kultur 'deutsch' sein müssen", sagt Annegret Laabs, Direktorin des Kunstmuseums Magdeburg, gegenüber der DW.

Laabs ist Sprecherin der Initiative "Kultur ist Vielfalt und Heimat." Die Initiative vereint eine Vielzahl von Kulturinstitutionen sowie Künstlerinnen und Künstlern aus der Region; in einer gemeinsamen Erklärung warnen sie davor, dass die Pläne der AfD weitreichende Folgen für die künstlerische Freiheit, das historische Gedächtnis und das öffentliche Kulturleben haben könnten.

"Wir alle wissen, dass das, was wir tun, vom Theater, über die Museen bis in die Bibliotheken, aus Steuergeldern bezahlt wird. Und ganz wichtig ist, dass das alle mit ihren Steuergeldern zahlen. Denn sonst würde es nicht existieren," sagt Laabs.

Die Beschränkung der Fördermittel auf der Grundlage einer willkürlichen Definition dessen, was "deutsche" Kunst ausmacht, komme im Grunde dem Niedergang der Kultur gleich, erklärt Laabs: "Wenn wir das große Ganze betrachten, sehen wir, dass Kultur und Kunst seit Jahrhunderten frei sind und keine Grenzen kennen - nicht einmal nationale. Wo immer es nationale Grenzen gibt, gibt es keine Kunst und Kultur mehr, die diesen Namen verdient."

"Wehret den Anfängen"

Neben der Androhung von Mittelkürzungen bezeichnet die AfD in ihrem Programm auch die bestehende Kultur des Holocaust-Gedenkens in Deutschland als "Verewigung eines Schuldkomplexes", der "Möglichkeiten einer stabilen nationalen Identitätsbildung verbaut" habe. Sie betrachtet dies als eine "Identitätsstörung", die "geheilt" werden müsse, indem man sich auf die "guten Seiten der deutschen Geschichte" konzentriere.

Sabine Schramm, Leiterin des Magdeburger Puppentheaters, findet es "bedauerlich, dass wir Menschen nicht bereit sind, aus einer komplexen Geschichte Lehren zu ziehen - Lehren, die sowohl für uns als Einzelne als auch für uns als Gesellschaft von Bedeutung sind."

Sie erzählt gegenüber der DW, dass sie sich während ihrer 30-jährigen Theaterkarriere mit der deutschen Erinnerungskultur auseinandergesetzt und auf der Bühne mit den Schrecken des Nationalsozialismus beschäftigt habe.

"Es war mir immer wichtig - insbesondere in Inszenierungen für junge Menschen -, Geschichten zu erzählen, die genau dieses Thema behandeln: den Nationalsozialismus, wie er entsteht und wie die verschiedenen Elemente ineinandergreifen", betont sie.

"Ich sehe mich noch immer auf der Bühne stehen und über 'Wehret den Anfängen' sprechen - dieser Ausdruck, 'Wehret den Anfängen', ist zu einem solchen Klischee geworden", sagt sie und bezieht sich dabei auf einen Gedanken, der den Deutschen sehr vertraut ist: Nach den Schrecken der Nazizeit wurden die nachfolgenden Generationen dazu aufgefordert, sich gegen Bedrohungen der Demokratie auszusprechen - bevor es zu spät ist.

"Aber wo genau liegen die Anfänge?", fragt Schramm. "Ist dies der Anfang, oder befinden wir uns noch vor dem Anfang? Sind wir mittendrin? Was muss ich tun, um den Anfängen zu wehren?"

Inzwischen hat ein Bündnis von Kulturinstitutionen des Landes eine Kampagne für Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt gestartet. Die Aktion #stolzaufVielfalt solle deutlich machen, "dass die unterschiedlichen Menschen, Erfahrungen und Perspektiven in unserem Land keine Gegensätze sind, sondern eine gemeinsame Stärke, unsere Kultur", erklärten mehr als ein Dutzend Organisationen bei der Vorstellung der Kampagne vergangene Woche in Dessau.

Die Aktion wird unter anderem von der Stiftung Bauhaus Dessau, der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, der Stiftung Luthergedenkstätten sowie der Kulturstiftung und dem Museumsverband des Bundeslandes unterstützt. Unterschiedliche Motive und Botschaften in den sozialen Medien sollen beispielsweise auf das Handwerk und den Erfindergeist in Sachsen-Anhalt, den Stolz auf Kultur und Kreativität sowie Wissenschaft und demokratisches Engagement hinweisen.

"Die Kampagne steht für Vielfalt, demokratische Offenheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt", erklärten die Initiatoren. "Die Vielfalt von Lebenswegen, Ideen, Traditionen und Zukunftsentwürfen bereichert Sachsen-Anhalt - und gibt Anlass, auf dieses Land stolz zu sein."

Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel

Author Elizabeth Grenier (AFP)
Item URL https://www.dw.com/de/afd-will-fördermittel-für-antideutsche-kultur-streichen/a-78303972?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/75909099_607.jpg
Image caption Hans-Thomas Tillschneider ist der kulturpolitische Sprecher der AfD in Sachsen-Anhalt
Image source Heiko Rebsch/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/eme/eme20250919_BauhausB3_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/75909099_607.jpg&title=AfD%20will%20F%C3%B6rdermittel%20f%C3%BCr%20%22antideutsche%22%20Kultur%20streichen

Item 33
Id 78242426
Date 2026-08-18
Title USA: Weniger Adipositas wegen Ozempic-Effekt?
Short title USA: Weniger Adipositas wegen Ozempic-Effekt?
Teaser Jahrelang stiegen die Raten von starkem Übergewicht in den USA. Nun gibt es Hinweise auf einen Trendwechsel. Welche Rolle spielen dabei Abnehmmedikamente wie Ozempic?
Short teaser Lange stiegen die Raten von starkem Übergewicht in den Vereinigten Staaten. Nun gibt es Hinweise auf einen Trendwechsel.
Full text

Seit den späten 1970er-Jahren leiden die USA unter einer Adipositas-Epidemie. Die Adipositasraten steigen seitdem fast ununterbrochen. Bis heute. Denn nun häufen sich die Hinweise, dass dieser Trend erstmal ins Stocken geraten könnte.

"Es gibt Anzeichen für einen Wendepunkt", sagt Benjamin Rader im DW-Gespräch. Der Epidemiologe am Boston Children's Hospital und an der Harvard Medical School untersucht Gesundheitstrends auf Bevölkerungsebene mithilfe großer Datensätze. 2024 veröffentlichte er mit Kolleginnen und Kollegen eine Studie auf Basis von Daten von mehr als 16 Millionen Erwachsenen, die für das Jahr 2023 erstmals einen Rückgang der Adipositasprävalenz in den USA feststellte - seit mehr als einem Jahrzehnt.

Auch Analysen der US-Gesundheitsstudie NHANES deuteten zwischen 2021 und 2023 auf einen leichten Rückgang hin. Zudem berichten neuere Erhebungen ebenfalls von sinkenden Werten.

Zur gleichen Zeit boomt eine neue Generation von Abnehmmedikamenten. In den USA hat die Nutzung von sogenannten GLP-1-Medikamente wie Ozempic, Wegovy oder Zepbound in den vergangenen Jahren rasant zugenommen. Zwischen 2021 und Anfang 2026 ist die Zahl der GLP-1-Verschreibungen um mehr als das Vierfache angestiegen.

Einige dieser Wirkstoffe wurden ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt. Sie ahmen ein körpereigenes Darmhormon nach, fördern das Sättigungsgefühl und verlangsamen die Magenentleerung. Viele Patienten verlieren dadurch deutlich an Gewicht.

Und so drängt sich die Frage auf: Könnte die jahrzehntelange Aufwärtsentwicklung mithilfe der Abnehmspritze ihren Höhepunkt überschritten haben?

Für Benjamin Rader kommt der zeitliche Zusammenhang nicht überraschend. "Es schien, als müsse es sich zwangsläufig in den Daten zeigen", sagt er über die starke Verbreitung der Medikamente. Tatsächlich gebe es "ziemlich starke Hinweise" darauf, dass die neuen Wirkstoffe bereits einen Effekt auf die Bevölkerung haben könnten.

Rader ist nicht der einzige, der solche Anzeichen beobachtet. Auch für Peminda Cabandugama, Adipositasmediziner und Sprecher der US-Fachgesellschaft "The Obesity Society", sprechen die verfügbaren Daten inzwischen deutlich für einen Rückgang der Adipositashäufigkeit.

Er sieht in den Medikamenten eine wichtige Stellschraube. Nach Einschätzung vieler Experten hätten GLP-1-Medikamente und deren zunehmende Nutzung wahrscheinlich eine direkte und bedeutende Rolle beim jüngsten Rückgang der Adipositasverbreitung gespielt, schreibt er auf DW-Anfrage.

Adipositas-Rückgang? Noch gibt es Zweifel

Einen endgültigen Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang sieht Rader jedoch nicht. Auf individueller Ebene steht für ihn außer Frage, dass die neuen Medikamente bei vielen Menschen zu einem Gewichtsverlust führen. Offen sei jedoch, wie stark sich dieser Effekt langfristig auf die Adipositasentwicklung in der Gesamtbevölkerung auswirken wird.

"Wird es eine Stagnation geben? Wird es zu einem Rückgang kommen? Wird es in den nächsten 20 Jahren einen langsameren Anstieg geben? Ich weiß es nicht," so Rader.

Auch Veränderungen des Lebensstils nach der Corona-Pandemie könnten zum Beispiel eine Rolle spielen, sagt er.

Ähnlich sieht es Cabandugama. Veränderungen des Körpergewichts und Adipositas können von vielen verschiedenen Faktoren gleichzeitig beeinflusst werden. Neben Medikamenten kämen auch veränderte Verhaltensweisen nach der Pandemie oder eine größere Aufmerksamkeit für Gewichtsmanagement als Ursachen infrage.

Forschende bewerten aktuelle Signale unterschiedlich

Tatsächlich gehen derzeit nicht alle Forschende davon aus, dass die Adipositasraten in den USA dauerhaft sinken werden. Eine Studie des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) an der University of Washington prognostiziert weiterhin einen Anstieg der Adipositasrate bis 2035. Demnach könnte der Anteil adipöser Erwachsener von 42,5 Prozent im Jahr 2022 sogar auf 46,9 Prozent im Jahr 2035 steigen.

Rader hält solche Vorhersagen nicht zwingend für falsch. Er weist jedoch darauf hin, dass viele Prognosemodelle auf Daten aus der Zeit vor dem Boom von GLP-1-Medikamenten beruhen und deren mögliche Auswirkungen deshalb womöglich nicht vollständig erfassen. In einem Beitrag für das Fachjournal JAMA warnt er, die Modelle könnten die zukünftige Adipositaslast überschätzen.

Die Autoren und Autorinnen der IHME-Studie weisen diese Kritik zwar nicht vollständig zurück, betonen aber: Bislang nutze nur ein kleiner Teil der Menschen mit Adipositas solche Arzneimittel. Zudem würden viele Patientinnen und Patienten die Behandlung innerhalb des ersten Jahres wieder abbrechen. Nach dem Abnehmen komme es dann häufig erneut zu einer Gewichtszunahme. Um beurteilen zu können, ob die neuen Medikamente die Entwicklung der Adipositasraten tatsächlich dauerhaft verändern, brauche man weitere repräsentative Daten:

Auch Cabandugama mahnt zur Vorsicht. Zwar gebe es mittlerweile starke Zeichen für einen Rückgang. Unter Forschenden bestehe jedoch weitgehend Einigkeit darüber, dass es noch zu früh sei, von einer gesicherten Trendwende zu sprechen.

Adipositas: mehr als nur ein Gewichtsproblem

Adipositas wurde lange vor allem als Folge des individuellen Lebensstils betrachtet . Dabei wirken bei der komplexen chronischen Erkrankung sowohl biologische, als auch genetische, soziale und psychologische Faktoren zusammen.

Adipositas erhöht das Risiko für zahlreiche weitere Erkrankungen, wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestimmte Krebsarten und andere chronische Leiden.

Außerdem prägten noch immer überholte Vorstellungen über die Ursache der Krankheit die öffentliche Wahrnehmung, so die Fachgesellschaft "The Obesity Society".

Viele Betroffene erlebten Stigmatisierung und Diskriminierung. Nach Angaben der Fachgesellschaft kann der sogenannte "Weight Bias" erhebliche Folgen haben. Der Begriff beschreibt Vorurteile gegenüber Menschen mit Adipositas, etwa die Annahme, ihr Gewicht sei ausschließlich auf mangelnde Disziplin oder Willenskraft zurückzuführen. Solche Vorurteile können die psychische Gesundheit belasten, Betroffene von Arztbesuchen abhalten, die medizinische Versorgung verschlechtern und langfristige Gesundheitsfolgen verschlimmern.

Welche Folgen sinkende Adipositasraten hätten

Sollte sich tatsächlich ein Wendepunkt abzeichnen, wären die Folgen weitrechend. Für Betroffene könnte eine Gewichtsabnahme nicht nur das Risiko für Folgeerkrankungen senken. Weniger Adipositas könnte für viele Menschen auch mehr Mobilität, mehr Selbstständigkeit und eine höhere Lebensqualität bedeuten.

Nach Einschätzung Cabandugamas würden sich gesundheitliche Verbesserungen vermutlich zunächst bei den sogenannten kardiometabolischen Erkrankungen zeigen. Dazu zählen unter anderem Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleber und Schlafapnoe. Langfristig könnten dadurch nicht nur die individuelle Krankheitslast, sondern auch die Belastungen für das Gesundheitssystem sinken.

Adipositas bleibt eine Herausforderung

Selbst wenn die jüngsten Daten den Beginn einer Trendwende markieren sollten, wäre das nicht das Ende des Problems. Adipositas bleibt eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen der USA. Moderne Medikamente sind zudem noch immer nicht für alle Betroffenen gleichermaßen zugänglich.

"Adipositas stellt in Amerika nach wie vor eine enorme Gesundheitskrise dar, die Aufmerksamkeit, finanzielle Mittel und alternative Lösungen verdient", sagt Benjamin Rader. "Ein Wendepunkt bedeutet nicht, dass wir plötzlich aus dem Gröbsten heraus sind."

Author Hannah Fuchs
Item URL https://www.dw.com/de/usa-weniger-adipositas-wegen-ozempic-effekt/a-78242426?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78315504_607.jpg
Image caption Die Zahl der Verschreibungen von Abnehm-Medikamenten ist in den USA zwischen 2021 und 2026 auf das Vierfache gestiegen
Image source Eliot Blondet/abaca/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/DWVG/DWVGDEU260518_DEU_Indien_Abnehmspritze_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/78315504_607.jpg&title=USA%3A%20Weniger%20Adipositas%20wegen%20Ozempic-Effekt%3F

Item 34
Id 78392039
Date 2026-08-17
Title Dürre in Deutschland und Europa: Je trockener, desto teurer
Short title Dürre in Deutschland und Europa: Je trockener, desto teurer
Teaser Hitze und extreme Trockenheit in Europa führen zu ausgetrockneten Flüssen und Ernteausfällen. Die Folge: Transportkosten steigen und Nahrungsmittelpreise explodieren. Wie stark treibt die Dürre die Inflation an?
Short teaser Extreme Trockenheit in Europa verteuert Transport und Nahrungsmittel. Wie stark treibt das die Inflation an?
Full text

Es ist eine Negativspirale mit gravierenden Folgen: Die anhaltende Dürre in Europa führt zu ausgetrockneten Flüssen und Ernteausfällen. Die Folge: Transportkosten steigen und Nahrungsmittelpreise explodieren. Treibt Trockenheit die Inflation an?

Noch können Wirtschaftsforschungsinstitute die Auswirkungen auf die Inflationsrate nicht genau beziffern. Doch die Tendenz ist eindeutig.

"Wenn Rheinschiffe nur noch einen Bruchteil ihrer üblichen Ladung transportieren können, steigen die Transportkosten pro Tonne deutlich", so Torsten Schmidt, Konjunkturchef des Wirtschaftsforschungsinstituts RWI in Essen, zur DW.

Dies verteuere unter anderem Energieträger wie Diesel und Heizöl, die zu einem erheblichen Teil auf dem Wasserweg transportiert werden. Die höheren Kosten würden an die Konsumenten weitergegeben.

Ernteausfälle verteuern Nahrungsmittel

Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) berücksichtigt in ihren Statistiken die Folgen des weltweiten Temperaturanstiegs, der Extremwetterlagen und Ernteeinbußen.

Seit 2020 ziehen beispielsweise die Preise für Fleisch und Ölsaaten stark an (siehe Grafik). Insgesamt liegen die Nahrungsmittelpreiselaut FAO aktuell um rund 30 Prozent höher als 2020.

Auch neue Studien deuten mittlerweile daraufhin, dass Klimawandel und Wetterextreme sich auf die Teuerungsrate auswirken – zusätzlich zu den durch die Kriege im Iran und der Ukraine verursachten Lieferengpässen sowie Gas- und Ölpreisschocks.

Klimaextreme verursachen Preisschübe

Die im Juli 2025 veröffentlichte Studie "Climate extremes, food price spikes, and their wider societal risks"(auf Deutsch: "Klimaextreme, Preisschübe bei Lebensmitteln und Risiken für die Gesellschaft") warnt vor einer solchen Teuerungsspirale. An der Studie haben fünf Forschungseinrichtungen aus Europa sowie die Europäische Zentralbank (EZB) mitgewirkt.

"Für Zentralbanken könnte es zunehmend schwieriger werden, für stabile Preise zu sorgen, wenn häufigere Extremwetterereignisse die Lebensmittelpreise sowohl im Inland als auch auf den globalen Märkten volatiler machen", heißt es dort. Denn höhere Kaffeepreise in Brasilien oder Vietnam wirken sich auch auf die Inflation der EU aus (siehe Grafik)

Diese Herausforderungen könnten sich noch verschärfen, wenn anhaltende Temperaturanstiege dauerhaft die Inflation anheizen. Denn wenn Inflation mit höheren Zinsen bekämpft werde müsse, würde auch das Wirtschaftswachstum gedämpft.

Die EZB selbst hatte bereits 2023 eine Studie veröffentlicht, die zu demselben Ergebnis kam. In dem Papier "The asymmetric effects of weather shocks on Euro area inflation"(Deutsch: Die asymmetrischen Auswirkungen von Wetterextremen auf die Inflation im Euroraum) wurden die vier größten EU-Volkswirtschaften untersucht.

Unterschiedliche Inflationsraten innerhalb der EU

"Häufigkeit und Intensität extremer Wetterereignisse in Europa könnten zu einem anhaltenden Aufwärtsdruck auf die Inflation führen", heißt es dort. "Aufgrund der unterschiedlichen Auswirkungen solcher Schocks je nach Jahreszeit und Land legen unsere Ergebnisse zudem nahe, dass der Klimawandel die Unterschiede in der Inflationsentwicklung zwischen den Ländern des Euroraums verstärken könnte."

Laut EZB variierte die EU-Inflationsrate im Junizwischen 5,4 Prozent in Litauen und zwei Prozent in Frankreich. Deutschland lag mit 2,4 Prozent etwas unter dem EU-Durchschnitt 2,8 Prozent. Inflationstreiber sind mit 5,3 Prozent die hohen Transportkosten.

"Hartnäckige Teuerung"

Ob die EZB angesichts gestiegener Kosten auf Wasserstraßen und vermutlich erheblicher Ernteeinbußen erneut die Leitzinsen anheben wird, ist fraglich. Sie hatte den Einlagesatz zuletzt am 11. Juni 2026 um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent erhöht.

"Für die Geldpolitik ist entscheidend, ob es sich um einen einmaligen, vorübergehenden Kostenschub handelt, oder ob sich dieser Effekt mit anderen Preistreibern überlagert, etwa den Energiepreisen infolge des Iran-Kriegs", erklärt RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt.

Bei einem "witterungsbedingten Preisschub" käme es vermutlich nicht zu einer "strafferen Geldpolitik", so Schmidt. Anders sähe es aus, wenn sich mehrere Krisen überlagerten und dadurch eine "breitere, hartnäckigere Teuerung entsteht, die die EZB nicht mehr ignorieren kann".

"Lager, Lager, Lager"

Finanzexperte Holger Schulz vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) empfiehlt in einer Stellungnahme des Verbandes: "Die deutsche Wirtschaft sollte wieder mit höheren Vorratsbeständen arbeiten. Wichtig ist nun vor allem eins: Lager, Lager, Lager."

Dies sei die Erkenntnis aus den Lieferengpass-Krisen der jüngsten Vergangenheit. "Egal ob Corona-Krise, Ukrainekrieg oder die Schließung der Straße von Hormus", so Schulz. "Höhere Lagerbestände sind in der an so vielen Fronten unberechenbaren Welt eine Art Versicherungsprämie."

Author Astrid Prange de Oliveira
Item URL https://www.dw.com/de/dürre-in-deutschland-und-europa-je-trockener-desto-teurer/a-78392039?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78364830_607.jpg
Image caption Dramatisch: Im ausgetrockneten Rheinbett haben sich Risse gebildet
Image source Robert Schmiegelt/Geisler-Fotopress/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/NEWS/NEWSDEU260811_DONNiedrigwasser_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/78364830_607.jpg&title=D%C3%BCrre%20in%20Deutschland%20und%20Europa%3A%20Je%20trockener%2C%20desto%20teurer

Item 35
Id 78372685
Date 2026-08-16
Title Hitze und Trockenheit: Wie retten wir unsere Bäume?
Short title Hitze und Trockenheit: Wie retten wir unsere Bäume?
Teaser Bäume leiden in diesem Dürresommer unter akutem Wassermangel. Doch sie werden als natürliche Klimaanlagen in Städten gebraucht. Müssen Bürger die Stadtbäume gießen? Was Bäumen jetzt hilft.
Short teaser Bäume sind wichtig für den Hitzeschutz, vor allem in Städten. Sollten wir unser Bäume gießen – auch mit Trinkwasser?
Full text

Geht man in diesem Dürresommer unter Bäumen entlang, fühlt man sich vielerorts wie mitten im Herbst: Trockene Blätter liegen auf dem Boden und knirschen bei jedem Schritt. Ein Blick nach oben zeigt immer wieder gelb gefärbte oder sogar ganz kahle Baumkronen. Und das ist ein Problem. Denn gerade in der Stadt fungieren große, blattreiche Bäume wie große Klimaanlagen. Wenn sie sterben, werden unsere Städte noch heißer.

Bei Hitze und Trockenheit schließen Bäume die Spaltöffnungen ihrer Blätter, Welke Blätter sind also ein Schutzmechanismus, um weniger Wasser zu verlieren. Doch dadurch sinkt auch die Photosynthese, die Bäume nehmen weniger Nährstoffe auf und hungern.

Aktuell haben Pflanzen zum Beispiel in Deutschland fast überall Trockenstress. Selbst in tieferen Bodenschichten herrscht in weiten Teilen des Landes extreme Dürre.

In solchen Zeiten haben es Stadtbäume besonders schwer. Denn in Städten versickert nur wenig Wasser in den Boden. Über den Beton und Asphalt fließt ein Großteil des Regens in die Kanalisation ab. Auch von Hausdächern wird Wasser über Regenrinnen und Fallrohre üblicherweise in die Kanalisation geleitet.

Bäume sind natürliche Klimaanlagen in Städten

Dabei sind Stadtbäume besonders wichtig für den Hitzeschutz- gerade in einer immer heißeren Welt im Zeitalter des Klimawandels, der durch die Nutzung fossile Brennstoffe entstanden ist. In einer Baumkrone ist es bis zu drei Grad kühler als in der übrigen Umgebung - durch die Verdunstungskälte, die bei der Photosynthese entsteht. Vor allem aber werfen Bäume Schatten und verhindern so das Aufheizen ihrer Umgebung.

"Wenn wir unter einem Baum stehen, dann ist die wahrgenommene Temperatur bis zu 10 bis 12 Grad niedriger als daneben", sagt Dr. Matthias Beyer, Ökohydrologe am Institut für Geoökologie der TU Braunschweig. Beyer erforscht mit seinem Team den Wasserhaushalt von Ökosystemen in Städten und Wäldern.

Er sagt: Vor allem angepflanzte Bäume, die jünger als elf Jahre alt sind und einen Stammdurchmesser von weniger als 25 Zentimetern haben, brauchen aktuell zusätzliches Wasser, um zu überleben. Ausgewachsene Bäume haben laut Beyer dagegen in der Regel ein ausgeprägtes Wurzelsystem, das bis in tiefere Wasserressourcen reicht.

Aber auch alte Stadtbäume können oft nicht wirkliche tief wurzeln, erklärt der Ökohydrologe. "Wenn die Böden extrem verdichtet sind oder die Bäume nur sehr kleine Pflanzgruben haben, können sie kein ausreichendes Wurzelsystem ausbilden."

Wie viel Wasser brauchen Bäume, um die Dürre zu überleben?

"10 bis 15 Liter pro Tag, das ist das absolute Minimum für einen jungen Baum, wenn man wirklich helfen will", so Beyer. Umgerechnet heißt das: mindestens einen bis zwei Eimer am Tag, besser ist es jedoch zwei bis dreimal die Woche eine entsprechend größere Menge zu geben. So kann das Wasser auch tiefere Schichten durchfeuchten.

Ausgewachsene Bäume mit ihrem weitreichenden Blattwerk brauchen dagegen viel, viel mehr Wasser: zwischen 200 und 400 Liter pro Woche. "Wenn Sie da Ihren Eimer Wasser reinkippen, bringt es dem Baum eigentlich fast nichts. Zumal sich das Wurzelsystem meistens auch schon weit verzweigt hat und man direkt am Stamm bei älteren Bäumen auch nicht mehr so viele Wurzeln findet."

Und dennoch sollten wir nach Möglichkeit versuchen, auch unsere alten Stadtbäume zu retten, appelliert Forstwissenschaftler Jürgen Bauhus von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Zumindest diejenigen, die starke Stresssymptome zeigten, etwa grüne Blätter abwerfen. "Selbst wenn man nicht die ganz Wassermenge aufbringen kann, die diese Bäume eigentlich bräuchten, wäre das eine Art Nothilfe, um sie am Leben zu erhalten."

Und diese Hilfe müssten vor allem Privatpersonen leisten, sagt Bauhus. Denn: "Die öffentliche Hand mit all ihren anderen Aufgaben und den klammen Kassen wird es alleine nicht schaffen." Zwar rücken in manchen Städten bei extremer Dürre auch Gießfahrzeuge aus, um Stadtbäume zu wässern. Aber in der Regel können sich Städte und Gemeinden laut Bauhus können nur um die neu angepflanzten Bäume kümmern und auch das nur den ersten Jahren.

So gießt man Bäume am besten

Wichtig fürs Gießen ist laut Bauhus und Beyer: Besser über einen kurzen Zeitraum so viel Wasser geben, dass es wirklich in die Tiefe sickern kann, statt in den oberen Bodenschichten zu bleiben, wo viel davon verdunstet.

Bei Neupflanzungen wird oft ein Ring aus Metall oder festem Kunststoff in der Erde um den Baum befestigt. Gibt es den nicht, kann man eine sogenannte Gießmulde, also eine Vertiefung um den Baum schaffen, in der sich das Gießwasser sammeln kann. Wichtig dabei: keine oberflächlichen Wurzeln beschädigen.

Ist der Boden aber wie jetzt extrem verhärtet, können sogenannte Bewässerungsbeutel oder -kissen helfen. Hier tropft aus kleinen Löchern auf der Unterseite langsam, aber stetig Wasser ins Erdreich. Dabei ist wichtig, dass sich das Wasser nicht über längere Zeit auf der Bodenoberfläche staut, sonst kann sich Fäule bilden, die dem Baum schadet. Bewässerungsbeutel oder -kissen sollten außerdem am besten etwas entfernt vom Stamm befestigt werden.

Trinkwasser für Bäume?

Doch derzeit fehlt in Deutschland mangels Regen nicht nur Wasser im Boden – vielerorts sind auch die Grundwasserstände extrem niedrig, wie Berechnungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe zeigen.

Zwar gilt die Trinkwasserversorgung in Deutschland derzeit noch als sicher, dennoch gibt es lokal bereits Engpässe. So verbot etwa die Stadt München, private Pools zu befüllen oder den Rasen zu sprengen. Sollten wir in so einer Situation also Bäume wirklich mit Trinkwasser gießen?

Bei dieser Frage habe man es mit zwei sehr knappen Gütern zu tun, sagt Jürgen Bauhus. Dabei müsse man aber auch den wirtschaftlichen Wert von Stadtbäumen bedenken. "Der Wert eines ausgewachsenen Baumes mit einer großen Blattkrone entspricht in etwa dem Wert eines Mittelklasse-Autos, also einer Größenordnung von 40.000 bis 60.000 Euro."

Jeder abgestorbene Baum bedeute also einen massiven Wertverlust, denn alte Bäume ließen sich nicht mal eben ersetzen, so Bauhus - "das dauert mehrere Jahrzehnte."

Bäume sind für Städte so wichtig wie Straßen

Um künftig bewohnbar zu bleiben, müssen Städte anders mit Wasser umgehen, um ihre Bäume zu erhalten. Es brauche ein generelles Umdenken, appelliert Bauhus. Bäume, Parks und Grünflächen müssten als essenzielle Infrastruktur für Städte angesehen werden. Also genau wie Stromleitungen oder Straßen.

"Mittlerweile ist es Pflicht, dass neue Gebäude gedämmt sein müssen - warum machen nicht ähnliche Regeln im Bezug auf Wasser? Dass so viel Wasser wie möglich im Boden versickert oder in Zisternen eingespeichert wird, damit es für solche Trockenphasen zur Verfügung steht?"

Matthias Beyer fordert eine "Wasser-Allianz" aus Politik, Ämtern, Bürgerinnen und Bürgern, die alle an einem Strang ziehen. "Wenn wir da wirklich praktische Methoden finden, die wir auch umsetzen dürfen, die vielleicht auch jeder an seiner Straße umsetzen darf, dann kann man dem Problem schon ein bisschen abhelfen." Eine Idee von Beyer: das Wasser über eine Metallkette an der Regenrinne an den Stamm von Bäumen leiten.

Außerdem müssen die Bedingungen für die Stadtbäume selbst verbessert werden. Bäume sollten "trainiert" werden, tiefer zu wurzeln, so Beyer. Dafür brauchen sie laut Forstwissenschaftler Bauhus mehr unversiegelten Boden an ihren Standorten, damit mehr Wasser versickern kann. Und mehr Wasser im Boden komme nicht nur den Bäumen zugute, so Ökohydrologe Beyer: "Damit geht man auch sinkende Grundwasserstände an."

Author Jeannette Cwienk
Item URL https://www.dw.com/de/hitze-und-trockenheit-wie-retten-wir-unsere-bäume/a-78372685?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78340349_607.jpg
Image caption Herbst? Nein, Dürre im Sommer 2026 am Bonner Rheinufer
Image source Marc John/Bonn.digital/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78340349_607.jpg&title=Hitze%20und%20Trockenheit%3A%20Wie%20retten%20wir%20unsere%20B%C3%A4ume%3F

Item 36
Id 78378956
Date 2026-08-15
Title Leben mit Demenz: Zwischen Freiheit und Struktur
Teaser Trotz Demenz in Würde altern - das ist das Ziel. Doch wie erreicht man es am besten - entspannen oder trainieren?
Full text

Europa altert schneller als jede andere Weltregion. Mit steigender Lebenserwartung nimmt auch die Zahl der Demenzerkrankungen deutlich zu - eine gesellschaftliche Herausforderung für Gesundheitssysteme, Familienstrukturen und Arbeitsmärkte. Die Frage ist nicht nur, wie lange wir leben – sondern WIE wir leben dürfen, wenn Erinnerungen und Orientierung schwinden.

Die Reportage stellt zwei unterschiedliche Modelle gegenüber.

Im deutschen Marl in Nordrhein-Westfalen befindet sich die sogenannte Gammeloase, eine Wohneinheit für 14 Menschen mit fortgeschrittener Demenz. Ziel ist maximale Selbstbestimmung, auch wenn das bedeutet, Routinen und Effizienz hintenanzustellen.

Dem gegenüber steht das Village Landais Alzheimer im französischen Dax. Der Alltag wird hier bewusst gestaltet, um Orientierung und Aktivität zu fördern. Struktur gilt bei diesem Modell nicht als Einschränkung, sondern als Rahmen. Im Spannungsfeld dieser beiden Ansätze untersucht die Reportage, ob Würde eher durch größtmögliche Autonomie oder durch bewusst gestaltete Strukturen entsteht.

Zwei Wege, ein Ziel: Eine Reportage von Gönna Ketels.

Author Gönna Ketels
Item URL https://www.dw.com/de/leben-mit-demenz-zwischen-freiheit-und-struktur/video-78378956?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78355562_607.jpg
Image source DW
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/repod/repod20260815_GesamtHd_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/78355562_607.jpg&title=Leben%20mit%20Demenz%3A%20Zwischen%20Freiheit%20und%20Struktur

Item 37
Id 78362403
Date 2026-08-14
Title Sicherheitsbedenken: Kein Schwimmen für Schwarze Community
Short title Sicherheitsbedenken: Kein Schwimmen für Schwarze Community
Teaser Sechs Stunden sollte ein Freibad vor der Berliner Volksbühne exklusiv der Schwarzen Community gehören. Nach heftiger Kritik und Drohungen haben die Organisatoren das Event nun abgesagt.
Short teaser Nach Kritik und rassistischen Drohungen fällt ein exklusiver Schwimmnachmittag für Schwarze Menschen in Berlin aus.
Full text

Wegen Sicherheitsbedenken haben das Theater "Volksbühne Berlin" und der Verein "Each One Teach One" (EOTO) eine geplante Schwimm-Veranstaltung für Schwarze Kinder und Jugendliche abgesagt. EOTO ist im Bereich der Rassismusprävention tätig und setzt sich für das Empowerment Schwarzer Menschen ein. Seit dem 7. August 2026 und noch bis Anfang Oktober steht vor der Volksbühne ein 25 Meter langes Freibad, das sogenannte Volksbad. Der Eintritt ist kostenlos. An einigen Tagen allerdings ist das Schwimmbecken für bestimmte Vereine reserviert. Für den Nachmittag des 14. August sollte es für sechs Stunden exklusiv Menschen der Schwarzen Community zur Verfügung stehen.

Jetzt kam die Absage. "Wir können die sichere An- und Abreise der angemeldeten Besucher*innen ebenso wenig garantieren wie einen entspannten Feriennachmittag," heißt es in einer Stellungnahme der Volksbühne. EOTO erklärte dazu schriftlich, man könne nicht mehr darauf vertrauen, "dass es eine positive Erfahrung für die jungen Menschen wird und dass die physische und psychische Sicherheit der Kinder und Jugendlichen (...) gewährleistet werden kann - auch nicht durch Sicherheitskräfte und Polizei."

Reaktionen aus der Politik

Die Exklusivnutzung für Schwarze Menschen hatte in den vergangenen Tagen ein Echo erzeugt, das schnell über Berlinhinausging. Zunächst sprach eine CDU-Kommunalpolitikerin in den sozialen Medien von einem "diskriminierenden Gefühl": "Ich darf nicht ins Schwimmbad, weil ich weiß bin." Das sorgte für Wirbel, weitere Politikerinnen und Politiker äußerten sich. Während etwa SPD und Linke sich gegen die Diskriminierung Schwarzer Menschen aussprachen, zitierte die Tageszeitung "Bild" Berlins Finanzsenator Stefan Evers (CDU): "Ich hatte das "Volksbad" eigentlich als "Bad für alle" verstanden." Der Berliner FDP-Spitzenkandidat Christoph Meyer sagte, ein Volksbad, das Menschen nach ihrer Hautfarbe einteile, führe seinen Namen ad absurdum. "Öffentliche Einrichtungen sollen Menschen zusammenbringen, nicht trennen", so Meyer.

Die Co-Vorsitzende der vom Verfassungsschutz als in Teilen rechtsextrem eingestuften Alternative für Deutschland (AfD), Alice Weidel, sprach im Kurznachrichtendienst "X" von "Apartheid". Damit bezog sie sich auf das frühere politische System der organisierten Rassentrennung in Südafrika, in dem die Schwarze Mehrheit unterdrückt und diskriminiert wurde.

Weidel forderte: "Steuermittel für solche Veranstaltungen gehören sofort gestrichen!" Damit bezieht sie sich auf die Finanzierung des Theaters und auch des Schwimmbads mit öffentlichen Mitteln. Der Intendant der "Volksbühne", Matthias Lilienthal, verwies vor der Absage der Veranstaltung gegenüber dem "Spiegel" auf das Antidiskriminierungsgesetz des Landes Berlin, "das vorsieht, Gruppen, die diskriminierende Erfahrungen machen, einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich diskriminierungsfrei bewegen können". Die Exklusivnutzung des Schwimmbads von Schwarzen Menschen fällt in dem Gesetz unter den Begriff der "Ungleichbehandlung". In Paragraf 5, Absatz 2 des Gesetzes heißt es: "Eine Ungleichbehandlung (...) ist gerechtfertigt, wenn durch geeignete und angemessene Maßnahmen bestehende Nachteile strukturell benachteiligter Personen (...) verhindert oder ausgeglichen werden sollen (positive Maßnahmen)."

Linke und Grüne in Berlin bezeichneten die Absage als "unerträglich". "Dass die Absage wegen Sicherheitsbedenken erfolgen musste und das gemeinsame Schwimmen für schwarze Kinder und Jugendliche im Volksbad nun ausfällt, zeigt, wie sehr Hass und Hetze um sich greifen", sagte Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp der Deutschen Presse-Agentur. Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf sprach von einem "Skandal". "Das ist für unsere gesamte Stadt beschämend und das Gegenteil dessen, wofür Berlin als Stadt der Freiheit steht."

EOTO berichtet von Rassismus und Gewaltandrohungen

Das Theater hat auch anderen Gruppen und Vereinen Exklusivnutzungen gewährt, etwa für die "Gangway Crew", die Straßensozialarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen macht, oder den Verein Flussbad Berlin, der die Aufhebung des pauschalen Badeverbots in der Spree fordert.

Nun aber sei das Schwimmen für Schwarze Kinder und Jugendliche zum Ziel rechter und rassistischer Hetze geworden, so die Volksbühne. Der Verein EOTO berichtet in seiner Erklärung von Anfeindungen: "Seit Beginn der öffentlichen Diskussion über die Veranstaltung erhalten wir rassistische Droh-E-Mails sowie Gewaltandrohungen und diskriminierende Kommentare auf Social-Media", heißt es dort.

Die Volksbühne bleibt trotz der Kritik bei ihrem Standpunkt: "Wir werden selbstverständlich weiterhin positive Maßnahmen für strukturell benachteiligte Menschen anbieten"», teilte Intendant Matthias Lilienthal mit. Auch die Zusammenarbeit mit dem Verein EOTO solle fortgesetzt werden. Allerdings habe der Schutz von Gästen, Partnern und Mitarbeitern oberste Priorität.

Dieser Artikel wurde aktualisiert und um Reaktionen der Parteien Die Linke und Bündnis 90 / Die Grünen nach der Absage der Veranstaltung ergänzt.

Author Katharina Abel (dpa)
Item URL https://www.dw.com/de/sicherheitsbedenken-kein-schwimmen-für-schwarze-community/a-78362403?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78184328_607.jpg
Image caption Das Freibad vor der Berliner Volksbühne soll bis Anfang Oktober gratis nutzbar sein
Image source Sebastian Christoph Gollnow/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78184328_607.jpg&title=Sicherheitsbedenken%3A%20Kein%20Schwimmen%20f%C3%BCr%20Schwarze%20Community

Item 38
Id 78335840
Date 2026-08-14
Title Freihandel mit Mercosur: Erst EU, jetzt China?
Short title Freihandel mit Mercosur: Erst EU, jetzt China?
Teaser Schließen die südamerikanischen Länder auch ein Freihandelsabkommen mit China ab? Brasilien und Uruguay drängen wegen der US-Strafzölle auf Verhandlungen. Die DW hat nachgefragt, wie konkret die Pläne wirklich sind.
Short teaser Schließen die südamerikanischen Länder wegen der US-Strafzölle auch ein Freihandelsabkommen mit China ab?
Full text

Erst EU, dann China? US-Strafzölle und der wachsende wirtschaftliche Einfluss Chinas in Südamerika heizen die Pläne für ein Freihandelsabkommen zwischen dem gemeinsamen südamerikanischen Markt Mercosur und China an. Doch wie realistisch ist das Vorhaben?

"Brasilien und China stimmen überein, dass eine Beschleunigung der Verhandlungen für ein Abkommen zwischen Mercosur und China wichtig ist", heißt es in einer offiziellen Erklärungdes brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva.

Die Erklärung wurde unmittelbar nach einem einstündigen Telefonat zwischen Lula und Chinas Staatschef Xi Jinping am 26. Juli veröffentlicht. Bereits am 30. Juni dieses Jahres hatte Lula auf dem Mercosur-Gipfel in Asunción öffentlich darauf gedrängt, formelle Verhandlungen mit Peking aufzunehmen. Auch Uruguay unterstützt den Vorstoß.

Doch die beiden Länder werden sich wohl noch etwas gedulden müssen. Denn offizielle Verhandlungen können nur beginnen, wenn alle Mercosur-Staaten einem solchen Vorhaben zustimmen. Die Gruppe hat derzeit fünf stimmberechtigte Mitglieder: neben Brasilien, Uruguay und Bolivien gehören mit Argentinien und Paraguay auch zwei Länder dazu, die einem Freihandelsabkommen mit China bisher zurückhaltend gegenüberstehen.

"Wir können auch anders"

"Ich glaube, dass ist jetzt erst einmal ein politisches Zeichen. China und Brasilien signalisieren den USA angesichts der Zölle: Wir können auch anders", erklärt Samina Sultan vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, gegenüber der DW.

Vom politischen Statement bis zu einem konkreten Vertragstext sei es noch ein weiter Weg, auch wenn die Idee an Zulauf gewinne, so die Expertin für europäische Wirtschaftspolitik und Außenhandel.

US-Präsident Trump hatte am 30. Juli 2025 per präsidentieller Verordnung Strafzölle in Höhe von 40 Prozent gegen Brasilien verhängt. Der US Supreme Court stufte diese im Februar dieses Jahres als rechtswidrig. Am 22. Juli ordnete Trump erneut Strafzölle an.

Eiszeit zwischen Brasilien und USA

Brasiliens Präsident Lula machte seinem Ärger über die erneuten Zölle in einem Gastbeitragfür die Washington Post Luft. "Brasilianische Unternehmen werden ihre US-Lieferanten durch Partner aus anderen Regionen ersetzen", schrieb er.

Lateinamerika und die Karibik benötigten weder Flugzeugträger, die in ihren Gewässern patrouillieren, noch Strafzölle. "Was uns fehlt", so Lula, "sind verlässliche und berechenbare Partner."

Trumps Strafzölle beflügeln den ohnehin schon boomenden Handel zwischen Brasilien und China. Nach Angaben des brasilianischen Handelsministerium (Mdic) nahm der Warenfluss im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 15,9 Prozent zu. Der bilaterale Handel mit den USA hingegen ging um 12,8 Prozent zurück.

Hafen, Schienen, Straßen: Chinas investiert in Lateinamerika

"Mercosur ist für chinesische Waren ein sehr attraktiver Markt", erklärt Rolf Langhammer, Außenwirtschaftsexperte am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel im DW-Gespräch. Zur langfristigen Strategie Chinas, den lateinamerikanischen Markt zu erobern, gehöre auch der Bau des peruanischen Containerhafens Chancay.

Der erste von China kontrollierte Hafen in Südamerika wurde im November 2024 eingeweiht. Für das Projekt im Rahmen der internationalen Handelsinitiative "Neue Seidenstraße" hat China 3,5 Milliarden Dollar investiert.

Der Hafen am Pazifik soll durch eine Eisenbahnstrecke mit Häfen am Atlantik in Brasilien verbunden werden. Die Pläne für eine solche "Bioceanic Railway" befinden sich allerdings noch in der Vorbereitungsphase.

Angst vor Warenflut aus China

China ist bereits mit Abstand der größte Handelspartner Brasiliens und des Mercosur (siehe Grafik). Die Pläne für ein Freihandelsabkommen scheinen deshalb auf den ersten Blick einleuchtend.

Eine Studie des brasilianisch-chinesischen Wirtschaftsverbandes (CEBC)zum Thema weist jedoch auf die Risiken eines solchen Abkommens hin: "Es besteht die Befürchtung, dass es angesichts der chinesischen Wettbewerbsfähigkeit zu Handelsungleichgewichten sowie Einbußen bei Produktion und Beschäftigung kommt", heißt es dort.

Die Angst vor einem China-Schock war auch Grund, warum Brasiliens Präsident Lula bisher zu den Kritikern eines Freihandelsabkommen mit China gehörte. Dass er nun angesichts der US-Strafzölle seine Position geändert hat, hat ihm Kritik eingebracht.

Langhammer: Abkommen ist ein Risiko

"Über ein Jahrzehnt lang vertrat Brasilien den Standpunkt, dass ein solches Handelsabkommen seiner Industrie schweren Schaden zufügen würde", kommentiert der brasilianische China-Experte Igor Patrickin der brasilianischen Tageszeitung Folha de S. Paulo. Doch nun stehe das Land kurz vor der Liberalisierung seines Marktes.

IfW-Experte Langhammer setzt darauf, dass Brasiliens Vorstoß ausgebremst wird. "China flutet die Weltmärkte zurzeit mit subventionierten Produkten", sagt er. "Ich glaube, die Mercosur-Gruppe weiß, was es für ein Risiko ist, ein solches Freihandelsabkommen mit China abzuschließen."

Author Astrid Prange de Oliveira
Item URL https://www.dw.com/de/freihandel-mit-mercosur-erst-eu-jetzt-china/a-78335840?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/67831485_607.jpg
Image caption Made in Brazil: Am chinesischen Hafen in Nantong in der Provinz Jiangsu entladen Arbeiter Sojaprodukte aus Brasilien
Image source AFP via Getty Images
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/BUSI/BUSIDEU260430_DWIEUMercosur_CMS_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/67831485_607.jpg&title=Freihandel%20mit%20Mercosur%3A%20Erst%20EU%2C%20jetzt%20China%3F

Item 39
Id 78346132
Date 2026-08-13
Title Neue ESC-Regeln: Gastgeber darf kein Konfliktland sein
Short title Neue ESC-Regeln: Gastgeber darf kein Konfliktland sein
Teaser Nach der Kontroverse um die Teilnahme Israels am ESC verschärft die EBU ihr Regelwerk. Siegerländer müssen künftig einen Sicherheitscheck bestehen. Fest steht auch: Der ESC 2027 findet im bulgarischen Burgas statt.
Short teaser Siegerländer müssen künftig einen Sicherheitscheck bestehen. Außerdem steht der Austragungsort des ESC 2027 fest.
Full text

Gastgeber des Eurovision Song Contest (ESC) im kommenden Jahr ist die bulgarische Stadt Burgas am Schwarzen Meer. Das teilten die Europäische Rundfunkunion (EBU) sowie der öffentlich-rechtliche Sender BNT in Sofia als Veranstalter mit. Die Touristenhochburg Burgas setzte sich damit gegen die bulgarische Hauptstadt Sofia durch. Das ESC-Finale soll am 15. Mai 2027 stattfinden. Die bulgarische Sängerin Dara hatte den diesjährigen Wettbewerb in Wien gewonnen und damit den ESC in ihr Heimatland geholt.

Allerdings ist ab sofort nicht mehr automatisch sicher, dass das Siegerland auch der nächste Gastgeber wird. Das legt das neue Regelwerk der Europäischen Rundfunkunion (EBU) fest. Sie ist Ausrichter des ESC. Demnach darf der Wettbewerb künftig nur noch in Ländern mit stabiler Sicherheitslage ausgetragen werden. Das Siegerland komme nicht mehr als Gastgeber infrage, "falls ein bewaffneter Konflikt, eine heikle geopolitische Lage oder eine sonstige Situation die Sicherheit oder Stabilität des betreffenden Staates oder der unmittelbaren Region erheblich beeinträchtigt", teilte die EBU weiter mit.

In der Erklärung der ESC-Veranstalter wurde kein Land explizit genannt. Allerdings hatte es im Vorfeld des diesjährigen ESC in Wien wegen des Kriegs im Gazastreifen einen heftigen Streit um die Teilnahme Israels gegeben. Fünf traditionelle Teilnehmerländer, darunter Spanien und die Niederlande, boykottierten deshalb die Veranstaltung. Israel belegte in Wien, wie auch im Jahr zuvor in Basel, Platz zwei und wäre beim Gewinn des Song-Contests der nächste Gastgeber gewesen. Das Land ist am Iran-Krieg beteiligt. Das Vorgehen Israels im Krieg wurde von vielen internationalen Menschenrechtsorganisationen und einer UN-Kommission als Genozid eingestuft.

Bei Bedarf könne die EBU eine unabhängige Sicherheitsbewertung der Region des Gewinners in Auftrag geben, hieß es in der Erklärung weiter. Sollte das siegreiche Mitglied als nicht geeignet für die Ausrichtung eingestuft werden, werde die EBU einen alternativen gastgebenden Rundfunksender bestimmen: "Der Gastgeber organisiert den Wettbewerb eigenständig und ist nicht verpflichtet, die Veranstaltung im Auftrag eines anderen Mitglieds durchzuführen."

Eine Veranstaltung wie 2023 wird es demnach nicht mehr geben: Nach dem ukrainischen Sieg 2022 entschied die EBU aufgrund des russischen Angriffskrieges, den Wettbewerb im Folgejahr nicht in der Ukraine stattfinden zu lassen. Stattdessen übernahm Großbritannien als Zweitplatzierter. Die BBC veranstaltete den Wettbewerb in Liverpool allerdings ausdrücklich im Namen der Ukraine und in Abstimmung mit dem ukrainischen Sender Suspilne.

Erhöhung des Mindestalters

Eine weitere Regeländerung betrifft das Mindestalter der Künstler und Künstlerinnen zum Zeitpunkt der ersten Probe: Es wird von derzeit 16 auf 18 Jahre erhöht. Damit sollen besonders junge Menschen nicht mehr dem Druck des Wettbewerbs ausgesetzt sein. Die jüngste ESC-Siegerin war 1986 die 13-jährige Sandra Kim aus Belgien.

Beim Gesang legt die EBU noch einmal fest, dass Auftritte des Frontsängers oder der Frontsängerin live sein müssen und nicht durch vorproduzierte Stimmen unterstützt werden dürfen. "Diese Präzisierung soll die Integrität jedes Auftritts wahren und sicherstellen, dass das Publikum bei jedem vorgetragenen Lied den Lead-Gesang live hört", so die EBU.

Der Wettbewerb entwickle sich stets weiter, sagte ESC-Direktor Martin Green. Die jährliche Überprüfung des Regelwerks sei ein wichtiger Schritt, damit der Wettbewerb für alle Beteiligten fair und transparent bleibe. Der ESC gilt als größter Musikwettbewerb der Welt.

ka / cw (dpa, afp, eurovision.com)

Item URL https://www.dw.com/de/neue-esc-regeln-gastgeber-darf-kein-konfliktland-sein/a-78346132?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78342765_607.jpg
Image caption Dara aus Bulgarien gewann mit "Bangaranga" den ESC 2026 in Wien
Image source Georg Hochmuth/APA/AFP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78342765_607.jpg&title=Neue%20ESC-Regeln%3A%20Gastgeber%20darf%20kein%20Konfliktland%20sein

Item 40
Id 78333732
Date 2026-08-12
Title ILO: KI erschwert Berufseinstieg für junge Menschen
Short title ILO: KI erschwert Berufseinstieg für junge Menschen
Teaser Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt. Insbesondere Bürojobs sind betroffen, was die Karrieremöglichkeiten für junge Leute stark einschränkt, warnt die Internationale Arbeitsorganisation.
Short teaser Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt. Besonders Bürojobs sind betroffen, Chancen für junge Leute sinken.
Full text

Für Jugendliche wird der Einstieg ins Berufsleben weltweit schwieriger. Gründe seien das schwache Wirtschaftswachstum, eine zurückhaltende Einstellungspolitik, geopolitische Spannungen und der rasche technologische Wandel, berichtet die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO).

Künstliche Intelligenz (KI) erschwere die Einstiegschancen. Zwar seien die langfristigen Auswirkungen der KI nach wie vor ungewiss, doch sollten die Risiken laut dem Bericht nicht unterschätzt werden.

Gerade Berufe, in denen bislang viele nach der Schule ihre Karriere starten, könnten sich durch Automatisierung und KI besonders schnell verändern. Die ILO in Genf in der Schweiz nennt kaufmännische und administrative Tätigkeiten, Jobs im Verkauf und im Dienstleistungsbereich sowie Stellen in der Produktion und in einigen technischen Berufen.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Bestimmte Berufe könnten durch sinkende Bezahlung unattraktiver werden. Zumindest sehen viele Unternehmen in Deutschland durch KI "eher sinkende Löhne in den nächsten fünf Jahren". Das hat eine Erhebung des Ifo-Institut am Mittwoch in München ergeben. Vor allem Arbeitskräfte mit weniger als fünf Jahren Berufserfahrung haben demnach "mit niedrigeren Löhnen zu rechnen".

Neue Kenntnisse nötig

"Ein Rückgang der Arbeitsplätze in mittelqualifizierten Berufen bedeutet längere Wartelisten und steigende Arbeitslosigkeit für junge Menschen mit mittlerem Schulabschluss, die solche Stellen suchen", heißt es von der ILO. In Entwicklungsländern könnten es sich viele junge Menschen jedoch nicht leisten, längere Zeit arbeitslos zu sein. Sie würden stattdessen prekäre Beschäftigungsverhältnisse annehmen.

Fast neun von zehn jungen Arbeitnehmern in Ländern mit niedrigem und unterem mittleren Einkommen sind weiterhin im informellen Sektor beschäftigt und verfügen nicht über einen angemessenen arbeitsrechtlichen und sozialen Schutz.

In vielen Berufen - auch klassischen - gibt es neue Anforderungen. Gefragt seien deshalb digitale Kenntnisse, die Fähigkeit zur Kontrolle von KI-Ergebnissen und ein Verständnis dafür, wann menschliches Urteil notwendig bleibt.

Gleichzeitig wachse die Nachfrage in wissensintensiven technischen Berufen weiter, etwa Naturwissenschaften, Ingenieurwesen, Gesundheitswesen sowie Informations- und Kommunikationstechnologien. Die Organisation fordert deshalb mehr Investitionen in gute Bildung, berufliche Ausbildung, lebenslanges Lernen und Ausbildungsplätze.

Jugendarbeitslosigkeit gestiegen

Die Jugendarbeitslosigkeit stieg zwischen 2023 und 2025 nach Angaben der ILO von 12,3 auf 12,4 Prozent. Das entspreche 67 Millionen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren.

Am höchsten war die Jugendarbeitslosigkeit zwischen 2023 und 2025 laut ILO in den arabischen Staaten mit 26,2 Prozent, gefolgt von Nordafrika mit 22,6 Prozent. Einige der deutlichsten Verschlechterungen traten in wohlhabenderen Volkswirtschaften auf, wobei die Jugendarbeitslosigkeit in Nordamerika von 8,3 Prozent im Jahr 2023 auf 9,8 Prozent im Jahr 2025 stieg. In Nord-, Süd- und Westeuropa lag die Quote bei 15 Prozent.

Mehr als 257 Millionen junge Menschen würden weder zur Schule gehen, eine Ausbildung machen oder einen Job haben, so die UN-Organisation. ILO-Generaldirektor Gilbert F. Houngbo warnte vor den Folgen der Jugendarbeitslosigkeit.

Es wachse eine Generation ohne Vertrauen heran, so Houngbo. Die Länder verlören Talent und Produktivität, und sie litten unter einem Mangel an gesellschaftlichem Zusammenhalt.

AR/haz (dpa, rtr, epd)

Redaktionsschluss 17.30 Uhr (MESZ). Dieser Artikel wird nicht weiter aktualisiert!

Item URL https://www.dw.com/de/ilo-ki-erschwert-berufseinstieg-für-junge-menschen/a-78333732?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78334069_607.jpg
Image caption Auszubildende an einer Berufsschule in Stuttgart (2025): Rascher technologischer Wandel
Image source Bernd Weissbrod/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78334069_607.jpg&title=ILO%3A%20KI%20erschwert%20Berufseinstieg%20f%C3%BCr%20junge%20Menschen

Item 41
Id 78325929
Date 2026-08-11
Title Niedrigwasser im Rhein bremst deutsche Erholung aus
Short title Dürre am Rhein: Wie niedrige Pegel die Wirtschaft treffen
Teaser Rund fünf Prozent aller Güter werden in Deutschland per Binnenschiff transportiert. Extremes Niedrigwasser im Rhein bremst nun wichtige Lieferketten aus und trifft die wirtschaftliche Erholung an einem wunden Punkt.
Short teaser Niedrigwasser gefährdet wichtige Lieferketten und bremst damit die deutsche Wirtschaft aus.
Full text

Der Rhein ist nicht nur der größte Fluss Deutschlands, er ist eine wichtige Lebensader für Güter, die für die deutsche Industrie unverzichtbar sind. Doch sind derzeit - und wahrscheinlich noch für die kommenden Wochen - die Pegelstände auf dem Strom wegen der anhaltenden Dürre kritisch niedrig.

An einer der flachsten Stellen des Flusses, bei Kaub (zwischen Mainz und Koblenz), lag der Pegelstand am Montagmittag laut der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) bei rund 16 Zentimetern. Der Pegelnullpunkt ist eine für jeden Ort extra festgelegte Höhe über dem Grund. Das heißt, dass zu dem aktuellen Pegelstand noch das Wasser zwischen "Pegelnull" und dem Flussgrund hinzugerechnet werden muss. Im Fall Pegel Kaub heißt das: Die tatsächliche Wassertiefe war zur Zeit der Messung noch bei etwas mehr als einem Meter in der Fahrrinne.

Reeder schauen auf den Pegel von Kaub, um zu entscheiden, wie viel Ladung ihre Schiffe sicher transportieren können und ob eine Durchfahrt überhaupt noch möglich ist. Medienberichten zufolge haben Frachtunternehmen in den vergangenen Wochen die Ladungsmengen auf dem Rhein drastisch reduziert - in vielen Fällen auf nur noch ein Fünftel der normalen Kapazität.

Alle schauen auf Kaub

Das Problem beschränkt sich nicht nur auf den Mittelrhein, jenen 130 Kilometer langen Abschnitt zwischen Mainz und Bonn, der als der engste und flachste Teil des Flusses gilt. Auch in den Bereichen um Köln, Düsseldorf, Duisburg-Ruhrort und Emmerich werden historisch niedrige Wasserstände verzeichnet.

Jens Schwanen, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB), erklärte am Montag gegenüber der Rheinischen Post, dass der Rhein bei Kaub noch vor Ende der Woche unpassierbar werden könnte. Dies würde den Fluss für den gewerblichen Schiffsverkehr faktisch in zwei Teile spalten: einen noch befahrbaren und einen nicht mehr schiffbaren Teil.

Wie teuer wird die Dürre?

Die Dürre trifft die deutsche Wirtschaft zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, da diese ohnehin bereits mit schwachem Wachstum, hohen Energiekosten und einer schwindenden Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu kämpfen hat. Deutschland ist nach wie vor auf seine langen Flüsse und Wasserstraßen angewiesen, um rund fünf Prozent der Güter im Land zu transportieren - vorwiegend Schüttgüter wie Eisenerz, Kohle, Sand und Erdölprodukte.

Von den im Jahr 2024 transportierten 3,28 Milliarden Tonnen Gütern entfielen laut BDB 173 Millionen Tonnen auf den Binnenschiffsverkehr, unter anderem auf dem Rhein. Eurostat, das Statistikamt der Europäischen Union, ermittelte 2023, dass der Rhein-Korridor vom Hafen Rotterdam in den Niederlanden bis zur deutsch-schweizerischen Grenze rund 40 Prozent des Güterverkehrsaufkommens ausmacht - gerechnet in Tonnen pro Kilometer.

Nach zwei vorangegangenen Dürreperioden berechnete das Institut für Weltwirtschaft (IfW) Kiel im Jahr 2023, dass die deutsche Industrieproduktion bei jeweils 30 Tagen Niedrigwasser auf dem Rhein um etwa ein Prozent zurückgeht. In einer Volkswirtschaft, die in den vergangenen zwei Jahren kaum gewachsen ist, wiegt selbst ein vorübergehender Rückgang der Industrieproduktion von einem Prozent schwer.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln prognostiziert nun einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,4 Prozent; damit würde das für dieses Jahr erwartete Wachstum von 0,5 Prozent praktisch zunichtegemacht. "Eine länger anhaltende Beeinträchtigung der Schifffahrt auf dem Rhein könnte den zarten Wachstumsimpuls, den wir haben, im Keim ersticken", warnte IW-Ökonom Thilo Schäfer vergangene Woche in einem Interview mit der Bild-Zeitung.

Was bedeutet ein "Rhein in zwei Teilen"?

Schwanen vom BDB warnte: "Aufgrund der ausbleibenden Niederschläge wird für diese Woche am Pegel Kaub erstmals ein einstelliger Wert prognostiziert." Der Rheinischen Post sagte er: "Im Prinzip bedeutet dies, dass der Rhein nicht mehr auf seiner gesamten Länge schiffbar und somit faktisch in zwei Teile geteilt ist."

Dies würde zu zwei getrennten Bereichen führen. Einerseits würde der Schiffsverkehr zwischen den Nordseehäfen Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen sowie der Region Köln über den Rhein und das westdeutsche Kanalnetz aufrechterhalten bleiben.

Weiter südlich würde die Schifffahrt auf den Nebenflüssen Neckar, Mosel und Main sowie auf dem Main-Donau-Kanal stattfinden, der als wichtige internationale Verbindung auf der Route von und nach Südosteuropa gilt. Zwischen diesen beiden Abschnitten würden die Schifffahrtsunternehmen versuchen, die Fracht auf Lastwagen und Güterzüge zu verlagern.

Deutschlands Straßennetz kann jedoch die typischerweise 50 bis 150 Lkw-Ladungen, die ein einziges großes Binnenschiff transportieren kann, nicht ohne massive Staus und erheblich höhere Kosten aufnehmen. Etliche Bundesländer gaben inzwischen bekannt, man werde die Beschränkungen für den Lkw-Verkehr an Sonntagen lockern, um zur Entlastung der Verkehrslage beizutragen.

Nach dringenden Gesprächen am vergangenen Donnerstag kündigte auch Bundesverkehrsminister Steffen Bilger weitere Maßnahmen zur Sicherung der deutschen Lieferketten an. Dazu gehören der Abbau bürokratischer Hürden für Schwertransporte auf der Straße, der Stopp unnötiger Baustellen sowie eine bessere Abstimmung mit DB Cargo, der Güterverkehrssparte der Deutschen Bahn.

Wird die Dürre zum Normalfall?

Extrem niedrige Wasserstände am Rhein und anderen großen europäischen Flüssen waren früher seltene Ereignisse. Viele Wissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass diese durch den Klimawandel inzwischen häufiger, länger und heftiger ausfallen.

Nach Angaben des EU-Klimaforschungsdienstes Copernicus erlebt Westeuropa gerade die wärmsten Monate Juni und Juli seit Aufzeichnungsbeginn; außergewöhnlich geringe Niederschläge führten zu deutlich unterdurchschnittlichen Wasserständen an Rhein, Donau und der Seine in Frankreich. Die aktuelle Krise ist bereits die dritte schwere Niedrigwasserphase innerhalb von acht Jahren, nach den großen Dürren der Jahre 2018 und 2022.

Traditionell wurde der Rhein in den trockenen Sommermonaten durch Schmelzwasser aus Schnee und Gletschern der Alpen gespeist. Da sich die Gletscher zurückziehen und die Schneedecke abnimmt, schwächt sich dieser natürliche Puffer ab. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) prognostizierte bereits 2023, dass es bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts alle fünf bis zehn Jahre zu extremen Niedrigwasserereignissen wie dem von 2018 kommen könnte.


Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert.

Author Nik Martin
Item URL https://www.dw.com/de/niedrigwasser-im-rhein-bremst-deutsche-erholung-aus/a-78325929?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78305937_607.jpg
Image caption Bacharach 2026: Das extreme Niedrigwasser des Rheins legt weite Teile des Flussbettes frei
Image source Michael Probst/AP Photo/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/NEWS/NEWSDEU260811_DONNiedrigwasser_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/78305937_607.jpg&title=Niedrigwasser%20im%20Rhein%20bremst%20deutsche%20Erholung%20aus

Item 42
Id 78317857
Date 2026-08-11
Title Niedrige Pegel: Binnenschiffer schlagen Alarm
Teaser Trauriger Anblick, gravierende Auswirkungen: Das Niedrigwasser setzt der Binnenschifffahrt in Deutschland erheblich zu. Frachtschiffe müssen ihre Ladung reduzieren.
Author Raimund Stündel
Item URL https://www.dw.com/de/niedrige-pegel-binnenschiffer-schlagen-alarm/video-78317857?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78327352_607.jpg
Image source Malte Ossowski/SvenSimon/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/NEWS/NEWSDEU260811_DONNiedrigwasser_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/78327352_607.jpg&title=Niedrige%20Pegel%3A%20Binnenschiffer%20schlagen%20Alarm

Item 43
Id 78306690
Date 2026-08-10
Title Kritischer Rohstoff Wolfram: Wie Europa sich von China unabhängig macht
Teaser Europa ist stark von China abhängig, wenn es um den kritischen Rohstoff Wolfram geht. Die österreichische Firma Plansee ist dank Recycling und eigener Lieferketten weitgehend unabhängig.
Full text

Wolfram ist ein unverzichtbarer Rohstoff für Industrie, Luftfahrt und Rüstung. Chinas Exportbeschränkungen verschärfen den Wettbewerb um das Metall und erhöhen den Druck auf Europa, unabhängige Lieferketten aufzubauen. Unternehmen setzen deshalb verstärkt auf Recycling und alternative Bezugsquellen, um ihre Versorgung zu sichern.

Author Karl Harenbrock
Item URL https://www.dw.com/de/kritischer-rohstoff-wolfram-wie-europa-sich-von-china-unabhängig-macht/video-78306690?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76688668_607.jpg
Image source Valeriy Voennyy/Zoonar/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/BUSI/BUSIDEU260810_DWIWOLFRAM_CMS_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/76688668_607.jpg&title=Kritischer%20Rohstoff%20Wolfram%3A%20Wie%20Europa%20sich%20von%20China%20unabh%C3%A4ngig%20macht

Item 44
Id 78277509
Date 2026-08-09
Title Der heißeste Sommer? So werden Temperatur-Rekorde gemessen
Short title Der heißeste Sommer? So werden Temperatur-Rekorde gemessen
Teaser Woher wissen Wissenschaftler, ob ein Tag oder Sommer tatsächlich der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen war? Und woher kommt die Skepsis an den Daten? Die DW hat Experten zum Thema Hitze und Klimawandel befragt.
Short teaser Woher wissen wir, ob ein Tag oder Sommer der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen war? Die DW hat Experten befragt.
Full text

Noch ein Sommer mit Rekordtemperaturen. Von Nordostasien über Europa bis in die USA trägt extreme Hitze zu Tausenden von Todesfällen bei, schürt Waldbrände und bedroht die Energie- und Wasserversorgung.

Doch woher wissen Wissenschaftler eigentlich, ob Temperaturen tatsächlich Rekordwerte erreichen? Und stimmt es, dass hohe Luftfeuchtigkeit das Hitzeempfinden erhöht? Im Gespräch mit Klimaforschern hat die DW nach Antworten auf diese Fragen gesucht.

Wie wird "Rekordhitze" gemessen?

Ein Ort kann einen Rekord aufstellen, wenn die dort gemessene Temperatur den bisherigen Höchstwert überschreitet, der an dieser Station für einen bestimmten Tag, Monat oder eine bestimmte Jahreszeit registriert wurde.

Wissenschaftler berechnen außerdem regionale und globale Temperaturrekorde, indem sie Daten von Wetterstationen, Schiffen und Ozeanbojen zusammenführen und Durchschnittswerte für größere Gebiete ermitteln.

Wie weit solche Vergleiche zurückreichen, hängt vom jeweiligen Datensatz ab. Die älteste durchgehende Temperaturreihe der Welt ist die "Central England Temperature Data Series", die im Jahr 1659 begann.

Die drei umfassendsten Datensätze stammen vom"Goddard Institute for Space Studies"(NASA), "National Centers for Environmental Information"(NOAA) sowie dem "Hadley Centre"des britischen Met Office. Sie erfassen jedoch erst seit 1880 systematisch globale Temperaturen.

Diese Datensätze bilden die Grundlage für Aussagen wie zum Beispiel: "Das vergangene Jahrzehnt war das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen."

Zwar hat die Erde in ihrer 4,5 Milliarden Jahre langen Geschichte bereits wärmere Klimaphasen und extremere Temperaturen erlebt, doch die heutige Erwärmung ist im Kontext der letzten 12.000 Jahre menschlicher Zivilisation außergewöhnlich.

Woher wissen wir, wie das Klima auf der Erde war, bevor es Menschen und Thermometer gab?

Um frühere Klimaverhältnisse zu rekonstruieren, stützen sich Wissenschaftler auf sogenannte Klimaarchive. Dazu gehören unter anderem Eisbohrkerne, Baumringe, Ozeansedimente und Fossilien, die Aufschluss über langfristige Temperaturentwicklungen geben.

"Klimaarchive bewahren Informationen über frühere Temperaturen, Niederschläge und atmosphärische Bedingungen, die Tausende bis Millionen Jahre zurückreichen", erläutert Friederike Otto, Klimawissenschaftlerin und Gründerin der Forschungsgruppe World Weather Attribution (WWA), gegenüber der DW.

Der umfassendste kontinuierliche Eisbohrkern-Datensatz stammt aus der Antarktis und reicht mehr als eine Million Jahre zurück. Er enthält uralte Luftblasen, anhand derer Forschende frühere CO₂-Konzentrationen in der Atmosphäre messen können.

Dadurch konnten Wissenschaftler erkennen, dass höhere Konzentrationen von Treibhausgasen während der Erdgeschichte stets mit höheren globalen Temperaturen verbunden waren.

Vor etwa 56 Millionen Jahren gelangten beispielsweise große Mengen Kohlenstoff in die Atmosphäre, vermutlich durch vulkanische Aktivitäten und Methanfreisetzungen aus Ozeansedimenten. Dies löste eine ausgeprägte Phase globaler Erwärmung aus.

Der entscheidende Unterschied heute besteht darin, dass der Klimawandel durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe durch den Menschen verursacht wird und wesentlich schneller voranschreitet als zu irgendeinem Zeitpunkt in den vergangenen Millionen Jahren, so die NASA.

Hitzewellen - Trend oder eine Ausnahme?

Klimaforscher analysieren Daten über viele Jahrzehnte hinweg, um langfristige Veränderungen von normalen Wetterschwankungen zu unterscheiden. Ein einzelnes heißes Jahr beweist noch keinen Trend.

Mit zunehmender Länge der Messreihen ermöglichen statistische Analysen und Klimamodelle jedoch die Identifizierung dauerhaft wiederkehrender Muster. "Man sucht nach Konsistenz. Man sucht nach einer Übereinstimmung aller Belege", erklärte Gerald Mills, Klimatologe am University College Dublin.

Wissenschaftliche Einrichtungen auf verschiedenen Kontinenten, darunter die NASA, die NOAA und der europäische Copernicus Climate Change Service, überwachen die globalen Temperaturen mithilfe unterschiedlicher Methoden und Datensätze.

Trotz dieser Unterschiede kommen sie alle zum gleichen Ergebnis: Es gibt einen Erwärmungstrend, und die jüngsten Jahre gehören zu den heißesten, die jemals aufgezeichnet wurden.

Forscher nutzen außerdem die sogenannte Attributionsforschung, um den Einfluss des Klimawandels auf extreme Wetterereignisse zu untersuchen. Mithilfe von Klimamodellen vergleichen sie die Wahrscheinlichkeit und Stärke eines Ereignisses im heutigen Klima mit einer simulierten Welt ohne menschengemachte Erwärmung.

Die WWA führte eine solche Analysefür die europäische Hitzewelle im Juni 2026 durch. Das Ergebnis: Es handelte sich um die schwerste jemals für die untersuchte Region dokumentierte Hitzewelle. Im Jahr 1976, das in Europa als außergewöhnlich heiß galt, wären derartige Temperaturen praktisch unmöglich gewesen.

Höhere Luftfeuchtigkeit, mehr Hitzestress?

Hitzestress wird unter anderem durch die Feuchtkugeltemperatur (Wet Bulb Temperature) erkannt. Mit dieser Methode wird die Messkugel eines Thermometers mit einem feuchten Tuch umwickelt.

Wenn Wasser aus dem Tuch verdunstet, kühlt sich die Messkugel ab und die Temperatur sinkt. Das entspricht dem Kühlungseffekt, den die Verdunstung von Schweiß auf der menschlichen Haut erzeugt.

Je näher die Feuchtkugeltemperatur an die tatsächliche Lufttemperatur heranreicht, desto stärker ist die Luft mit Feuchtigkeit gesättigt. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit verdunstet Schweiß schlechter.

Dies erhöht das Risiko von Hitzestress, weil es für den Körper schwieriger wird, sich selbst zu kühlen. Es erklärt auch, warum dieselbe Lufttemperatur bei hoher Luftfeuchtigkeit als deutlich heißer empfunden wird.

Dieser Text wurden aus dem Englischen adaptiert.

Author Josh Axelrod
Item URL https://www.dw.com/de/der-heißeste-sommer-so-werden-temperatur-rekorde-gemessen/a-78277509?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78267714_607.jpg
Image caption Frankreich ächzt unter Hitze: An diesem Thermometer in Toulouse beträgt die Temperatur 44 Grad
Image source Fred Scheiber/SIPA/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78267714_607.jpg&title=Der%20hei%C3%9Feste%20Sommer%3F%20So%20werden%20Temperatur-Rekorde%20gemessen

Item 45
Id 78287936
Date 2026-08-08
Title 100 Tage Isolation: Projekt SOLIS100 ist zu Ende
Short title 100 Tage Isolation: Projekt SOLIS100 ist zu Ende
Teaser Keine Freunde, keine Familie - dafür aber fünf Kollegen rund um die Uhr: Das war die Konstellation, in der die Freiwilligen dabei halfen, wichtige Erkenntnisse für lange Weltraummissionen zu gewinnen.
Short teaser Keine Freunde, keine Familie - aber fünf Kollegen rund um die Uhr: Das war die Konstellation der Studie fürs All.
Full text

Nach 100 Tagen in Isolation haben sechs Teilnehmer des Forschungsprojekts SOLIS100 die Simulationsanlage des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln im Westen Deutschlands verlassen. Die europäische Crew aus drei Männern und drei Frauen im Alter von 26 bis 32 Jahren kehrte nach einer abschließenden Erholungsphase in ihren Alltag zurück.

Ziel der Studie im Auftrag der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) war es, unter extremen Bedingungen die Auswirkungen von Langzeitmissionen auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu untersuchen - beispielsweise für Reisen zum Mond oder zum Mars. Die Probanden aus Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Polen und Portugal verbrachten mehr als drei Monate abgeschottet von der Außenwelt in einer beengten Umgebung ohne Sonnenlicht.

14 Wochen ohne frisches Obst

Während der gut 14 Wochen mussten sie mit begrenzten Ressourcen wie haltbarer Nahrung und ohne persönlichen Kontakt zu Familie und Freunden auskommen. Der Alltag war durch wissenschaftliche Arbeit, medizinische Datenerhebungen, ein striktes Sportprogramm und die Instandhaltung der Station geprägt. Kontakt zum Kontrollzentrum bestand überwiegend per Sprechanlage.

Laut DLR-Bereichsvorständin Anke Pagels-Kerp sind solche Untersuchungen essenziell, um Astronauten auf die seelischen und körperlichen Strapazen künftiger Missionen zum Mond oder Mars vorzubereiten. Die Studie SOLIS100 dient dabei laut Projektleiterin Amelie Therre der Standardisierung von Daten, um künftige Unterstützungsmaßnahmen für Crews vergleichbar zu machen.

Die Isolation fand in einer Forschungsanlage statt, die weltweit Studien zu extremen Umweltbedingungen ermöglicht. Insgesamt umfasste das Projekt inklusive Vorbereitung und Nachuntersuchung 126 Tage.

Während der einwöchigen Nachphase nach dem Verlassen der Anlage am 1. August wurden weitere Daten zum körperlichen und kognitiven Zustand der Crew erhoben. Das Studienteam kann nun damit beginnen, die über den gesamten Zeitraum - also vor, während und nach der Isolation - gesammelten Informationen auszuwerten, um die Auswirkungen während der Zeit zu ermitteln.

jj/AR (dpa, DLR)

Item URL https://www.dw.com/de/100-tage-isolation-projekt-solis100-ist-zu-ende/a-78287936?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78288337_607.jpg
Image caption Dicht beieinander auf engem Raum: Die Teilnehmer der Isolationsstudie SOLIS100 haben die Simulationsanlage verlassen ...
Image source Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR)/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78288337_607.jpg&title=100%20Tage%20Isolation%3A%20Projekt%20SOLIS100%20ist%20zu%20Ende

Item 46
Id 78236551
Date 2026-08-07
Title Die Affäre Mata Hari: Spionin und Edelkurtisane
Short title Die Affäre Mata Hari: Spionin und Edelkurtisane
Teaser Sie gilt als die berühmteste Spionin aller Zeiten: die Tänzerin Mata Hari, der die Männerwelt zu Füßen lag - und die schließlich wegen Hochverrats hingerichtet wurde. Doch hat sie wirklich geheime Informationen verraten?
Short teaser Sie gilt als die berühmteste Spionin aller Zeiten: die Tänzerin Mata Hari, die wegen Hochverrats hingerichtet wurde.
Full text

Ihr Name ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Als Mata Hari 1905 in Paris erstmals ins Rampenlicht tritt, ist die feine Gesellschaft fasziniert von der jungen Frau. "Sie tanzte mit Schleiern und juwelengeschmückten Büstenhaltern - und das ist fast alles. Niemals vor ihr hat es jemand gewagt, mit dieser bebenden Ekstase und ohne Schleier vor den Göttern zu verweilen. Und mit welch wundervollen Bewegungen, gewagt und züchtig zugleich", kann man in der Pariser Presse lesen. Und wie die Journalisten sind auch alle anderen überzeugt, die fremdartige Darbietung einer Tempeltänzerin bewundert zu haben.

In Wirklichkeit allerdings steht eine dunkelhaarige Niederländerin auf der Bühne, die dringend Geld braucht. Sie macht sich zunutze, dass das Paris der Belle Époque verrückt ist nach Exotischem und gibt sich als Inderin aus. Sie sei die Tochter eines hoch angesehenen Brahmanen, erfindet sie sich einen Lebenslauf. "Meine Mutter, die erste Bajadere (Tänzerin, Anm. d. Red.) im Tempel von Randa Swany, starb mit vierzehn im Jahr meiner Geburt. Nachdem die Tempelpriester die Leiche eingeäschert hatten, adoptierten sie mich und tauften mich auf den Namen Mata Hari, das bedeutet Auge der Morgenröte (ein malaysisches Wort, Anm. d. Red)."

Von klein auf habe sie die heiligen Tempeltänze erlernt, lügt sie - und lässt bei ihren Aufführungen einen Schleier nach dem anderen fallen. Später wird sie sagen: "Ich habe nie gut getanzt. Dass die Menschen kamen, um mich zu sehen, verdanke ich nur der Tatsache, dass ich es als erste wagte, mich unbekleidet der Öffentlichkeit zu präsentieren."

Wie die Tochter eines niederländischen Hutmachers zu Mata Hari wird

In den Salons reißt man sich um Mata Hari - und niemand ahnt, dass sie eigentlich Margaretha Geertruida Zelle heißt und aus dem niederländischen Städtchen Leeuwarden stammt. Dort erblickt die Tochter eines Hutmachers am 7. August 1876 das Licht der Welt. Ihr Vater, der mit Börsenspekulationen sehr reich geworden ist, überschüttet sie mit Geschenken; zu ihrem sechsten Geburtstag bekommt sie sogar eine Kutsche - gezogen von Ziegen.

Doch mit 13 endet das luxuriöse Leben. Margarethas Vater geht bankrott und verlässt die Familie, zwei Jahre später stirbt die Mutter. Das Mädchen kommt zu Verwandten. Eines Tages entdeckt sie in der Zeitung eine Anzeige: "Offizier aus Niederländisch-Ostindien (das heutige Indonesien, Anm. d. Red.), zurzeit auf Heimaturlaub, sucht die Bekanntschaft eines netten Mädchens zwecks späterer Heirat. Vermögenssituation gleichgültig." Aus Margaretha und dem Kolonialoffizier John Rudolf Mac Leod, einem niederländischen Adligen schottischer Abstammung, wird schnell ein Paar. 1897 begleitet die junge Frau ihren 20 Jahre älteren Gatten in die damalige Kolonie Niederländisch-Indien.

Doch der Traum vom paradiesischen Leben in Fernost erfüllt sich für Margaretha nicht. Die Beziehung ist von Streitigkeiten belastet, dann stirbt auch noch der zweijährige Sohn an einer Vergiftung. Als die MacLeods 1902 nach Europa zurückkehren, ist die Ehe gescheitert. John Rudolf verlässt seine Frau und nimmt die Tochter mit. Unterhalt zahlt er keinen, Margaretha ist auf sich allein gestellt.

Zunächst verdingt sie sich in Paris als Modell für Maler, dann versucht sie es beim Zirkus und schließlich erschafft sie die Kunstfigur Mata Hari, die sie berühmt machen wird. Von nun an tritt sie in den besten Häusern von Wien über Monte Carlo und Berlin bis Mailand auf und übernachtet in den teuersten Hotels. Sie tanzt auf den Soirées der Bankiersfamilie Rothschild und vor dem deutschen Kaiser Wilhelm II. und seiner Familie. Ihr Erfolg hat ihr Zugang zu den höchsten Kreisen verschafft. Sie schläft mit Diplomaten und hochrangigen Militärs - und die lassen sich ihre Gesellschaft etwas kosten.

Aus Geldnot Agentin im Ersten Weltkrieg

Doch irgendwann beginnt Mata Haris Stern zu sinken. Jüngere Tänzerinnen kopieren sie, und das sensationsgierige Pariser Publikum ist schon auf den nächsten Zug aufgesprungen. Als 1914 der Erste Weltkrieg beginnt, kann Mata Hari ihren luxuriösen Lebensstil längst nicht mehr finanzieren. Und so sagt sie nicht nein, als der deutsche Konsul in den Niederlanden ihr anbietet, für ihre Schulden aufzukommen. Er will noch mehr zahlen, wenn sie sich mit wichtigen Männern der Gegenseite trifft und sie aushorcht: 20.000 Francs Einstiegshonorar verspricht er ihr - viel Geld damals. Aus Mata Hari wird Agentin H 21.

Als auch der französische Geheimdienst sie als Agentin anwirbt und ihr ebenfalls eine große Summe bietet, wird Mata Hari zur Doppelspionin. Doch sie verschätzt sich. Die Franzosen haben sie nur angeworben, um sie der Spionage für die Deutschen zu überführen. Und auch der britische Geheimdienst beobachtet sie bei ihren Reisen durch Europa und wird misstrauisch. Am 13. Februar 1917 wird sie verhaftet.

Am 15. Oktober schließlich wird Mata Hari mit 41 Jahren im Festungsgraben des bei Paris gelegenen Schlosses Vincennes wegen Hochverrats hingerichtet. Laut Augenzeugen soll sie dem 12-köpfigen Erschießungskommando hocherhobenen Hauptes entgegengetreten sein und ihnen sogar einen Luftkuss zugeworfen haben. Eine Augenbinde verweigert sie, stattdessen richtet sie ihre letzten Worte an den Kommandanten, der den Soldaten den Befehl zum Feuern gibt: "Ich danke Ihnen, Monsieur!"

Ob Mata Hari wirklich eine Meisterspionin war, ist zweifelhaft. Was auch immer sie weitergegeben haben mag: Ihre Informationen haben den Verlauf des Ersten Weltkriegs wohl kaum beeinflusst. Das geht aus zeitgenössischen Akten des britischen Geheimdienstes hervor, die erst Jahrzehnte später veröffentlicht wurden. Vermutlich war Mata Hari ein willkommenes Bauernopfer, weil die Kriegsbegeisterung merklich nachließ und dem französischen Militärgericht ein Sündenbock wie gerufen kam. Sie selbst hat bis zuletzt abgestritten, spioniert zu haben. Auf jeden Fall aber war sie eine Meisterin der Selbstinszenierung - bis zum letzten Atemzug.

Author Suzanne Cords
Item URL https://www.dw.com/de/die-affäre-mata-hari-spionin-und-edelkurtisane/a-78236551?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78186235_607.jpg
Image caption Mata Haris Lebensgeschichte wurde mehrfach verfilmt und fasziniert bis heute
Image source Darchivio/opale.photo/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78186235_607.jpg&title=Die%20Aff%C3%A4re%20Mata%20Hari%3A%20Spionin%20und%20Edelkurtisane

Item 47
Id 78148219
Date 2026-08-04
Title Autonome Binnenschifffahrt: Wenn der Kapitän vom Büro aus lenkt
Short title Büro statt Brücke: Wenn Schiffe autonom fahren
Teaser Ferngesteuerte Frachtschiffe schippern bereits auf dem Rhein und einigen Kanälen - mit Ausnahmegenehmigungen. Was bedeutet die Automatisierung für die Branche und den Fachkräftemangel?
Short teaser Ferngesteuerte Frachtschiffe schippern bereits auf einigen Kanälen. Doch wann setzt sich dieser Trend durch?
Full text

Mit 13 Stundenkilometern lenkt Irinja Herger das lange Frachtschiff durch den Hafen. Links türmen sich Container, rechts reihen sich Gebäude aneinander. Während die Landschaft im Fahrsimulator des Duisburger Entwicklungszentrums für Schiffstechnik und Transportsysteme (DST) vorbeizieht, entsteht das Gefühl, wirklich unterwegs zu sein.

Regen, Schnee, schwingende Lastkräne oder der Lärm des Dieselmotors lassen sich zuschalten. Angehende Binnenschiffführer wie Herger bekommen hier auch einen Vorgeschmack auf das autonome Fahren.

Mit vollständig automatisierten Frachttransporten rechnet Frederic Kracht, Leiter des Fachbereichs Autonomes Fahren am DST, erst im Jahr 2050. "So früh schon?!" Die Auszubildenden des Duisburger Schiffer-Berufskollegs RHEIN, der größten Berufsschule für die Binnenschifffahrt in Deutschland, staunen.

In der Praxis haben sie bisher wenig Automatisierung erlebt. Im Auto helfen zahlreiche Assistenzsysteme beim Parken, Überholen und Bremsen. Auf dem Binnenschiff hilft bestenfalls ein Trackpilot, den Kurs zu halten.

Mehr Familienfreundlichkeit

Forschungseinrichtungen und Reedereien arbeiten aber schon längst an der ferngesteuerten Binnenschifffahrt. Dabei sitzt ein Teleoperator in der Zentrale vor den Monitoren und steuert mit dem Joystick ein Schiff, später vielleicht mehrere. Kameras, Bewegungssensoren, Laser-Abstandsmesser LiDAR, Radar, GPS und Mobilfunkantennen liefern ihm alle Informationen, die der Mann oder die Frau auf der Kapitänsbrücke hätte.

Redundante Systeme sorgen dafür, dass bei Ausfällen andere Komponenten einspringen. Das DST testet auf zwei modernen kleineren Forschungsschiffen teilautomatisiertes Fahren auf Flüssen und Kanälen.

Reedereien hoffen, den Beruf so attraktiver zu machen. Üblich ist: zwei Wochen an Bord, danach zwei Wochen frei. Mit Familie, besonders mit schulpflichtigen Kindern, sind solche Arbeitszeiten schwer zu vereinbaren. "Remote-Kapitän" wäre hingegen ein normaler Bürojob. Wie belastend Bildschirmarbeit und Dauerkonzentration sind, wird gerade untersucht. Für den Rest der Besatzung ändert sich vorerst wenig.

Zunächst mehr Personal

Einige Reedereien lassen bereits einzelne ferngesteuerte Schiffe mit Ausnahmegenehmigung auf bestimmten Strecken fahren, etwa auf dem Rhein. Zur Sicherheit muss ein Kapitän noch anwesend sein, um notfalls einzugreifen. Bei schlechter Sicht oder Gefahrgut-Transporten ist die Fernsteuerung tabu.

Personal sparen können die Unternehmen unmittelbar also nicht, im Gegenteil: Sie zahlen für den zusätzlichen Teleoperator. Aber es ist eine Investition in die Zukunft. Denn die Branche leidet unter Fachkräftemangel. Aktuell fehlen ca. 1500 Schiffsleute, weiß Kracht, und mehr als jeder Dritte ist über 55 Jahre alt. Angehende Kapitäne wie Irinja Herger und Nico Ströer können sich die besten Schiffe aussuchen.

Die Schweizerin Herger ist am Rhein aufgewachsen und wollte schon als Kind an Bord. "Wer sich für das Schiff entscheidet, will auf dem Schiff sein", meint sie: draußen auf dem Wasser, in der Natur. Ihr Kollege Ströer, der seinen "eintönigen" Job als Werkstoffprüfer gegen einen auf der Brücke eintauschte, nickt. "Viele haben gerade deshalb diesen Beruf gewählt, weil sie nicht vor dem Bildschirm sitzen wollen."

Andererseits wandelt sich der Beruf ständig: "Vor 30 Jahren gab es noch die schwere Haspel, heute steuert man fast mit dem kleinen Finger." Als Teleoperator im Büro zu arbeiten, können sich beide noch nicht vorstellen. Als Sicherheitskapitänin an Bord schon: "Man könnte in der Zeit die Reiseplanung erstellen oder die Mannschaft coachen", meint Herger. Sie sieht aber auch Risiken: "Wenn alle denken, das Schiff fährt von allein, könnten sie schlafen oder Drogen nehmen. Und was ist mit der Hackordnung an Bord? Wer trägt die Verantwortung, wenn etwas schiefgeht?"

Güterverkehr aufs Wasser

Künftig sollen deutlich mehr Güter umweltfreundlich auf den Wasserstraßen transportiert werden. "Derzeit sind es 171 Millionen Tonnen jährlich - etwa vier Prozent des gesamten Güterverkehrsaufkommens", erzählt Kracht. Allein auf Europas Magistrale Nr. 1, dem Rhein, wurden im vergangenen Jahr 135 Millionen Tonnen bewegt. Kleinere Schiffe für einige Dutzend bis wenige Hundert Tonnen Ladung könnten auch viele weitere Nebenflüsse befahren. Nur: Mit voller Besatzung sind die Personalkosten hoch, die Lkw vom Preis her günstiger.

Die meisten Lastkähne sind zwischen 20 und 70 Jahre alt. Sie könnten noch lange fahren und ließen sich mit einigem Aufwand auch für die Fernsteuerung nachrüsten. Das hat das Forschungsprojekt "FernBin" bewiesen, an dem das DST, die Bundesanstalt für Wasserbau (BAW), die Reederei Rhenus und weitere Partner beteiligt sind.

Testobjekt war das über 50 Jahre alte Schiff "Ernst Kramer", ausgestattet mit viel Hightech. Zehn Schiffsführer übten damit An- und Ablegen, Schleusen und Manövrieren auf Distanz. "Nach anfänglicher Skepsis waren die meisten positiv überrascht", berichtet Rhenus-Pressesprecherin Romina Meyer. Sie hätten das Fernsteuern schnell gelernt, vermissten jedoch nötige Sinneseindrücke. Ein erfahrener Schiffer spürt etwa anhand der Vibration, ob der Motor gewartet werden muss.

Bedenken, dass Personal abgebaut werde, seien rasch ausgeräumt worden: "Sowohl am Fernsteuerstand als auch an Bord werden weiterhin qualifizierte Schiffführer benötigt". Stattdessen ginge es um flexiblere Einsatzplanung der Crews und erweiterte Fahrzeiten: rund um die Uhr, ohne alle Schichten voll zu besetzen. Im Nachfolgeprojekt "FernBin 2" testet Rhenus die Technologie nun auf weiteren Schiffen, etwa in größeren Container-Koppelverbänden.

Die Nachbarn sind schon bereit

In Belgien und den Niederlanden dürfen ferngesteuerte Schiffe bereits regulär fahren. In Deutschland sind die Sicherheitsauflagen besonders hoch und viele Haftungs- und Cybersecurity-Fragen noch ungeklärt. "Ein Schiff wird anders als ein Auto gesteuert", sagt Michael Schröder vom Referat Schifffahrt der BAW, die Automatisierungstechnik sei nicht ohne Weiteres übertragbar.

Auf den Wasserstraßen spielen die Umweltbedingungen, etwa die Strömung, eine größere Rolle. Ein Boot kann nicht einfach vor einem Hindernis stoppen. Die Pegelstände wechseln und damit die Breite und Tiefe der Fahrrinne. Im Wasser gibt es Treibholz, Tiere, Schwimmer, Kanus und Sportboote.

Dazu kommt: Breite Brücken stören das GPS- und Mobilfunk-Signal, das 5G-Netz ist lückenhaft. "Selbst 30 Sekunden Verzögerung sind zu viel", sagt Schröder, weil ein Schiff träge reagiere. Enge Schleuseneinfahrten, bei denen oft "nur ein Blatt" zwischen Bordwand und Schleusenwand passt, erfordern hochpräzises Navigieren.

Die BAW unterstütze die Automatisierung mit virtuellen Testfeldern und Daten zu Strömungen und Pegeln. "Der Übergang von alten Schiffen mit wenig Assistenz hin zu hochmodernen wird fließend", so Schröder: "Erst einmal geht es darum, Vertrauen aufzubauen".

Author Matilda Jordanova-Duda
Item URL https://www.dw.com/de/autonome-binnenschifffahrt-wenn-der-kapitän-vom-büro-aus-lenkt/a-78148219?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/73253587_607.jpg
Image caption Frachtschiffe auf dem Rhein bei Sonnenuntergang - bald ohne Käpt'n an Bord?
Image source Jochen Tack/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/md/md250520_FeahrmannNeu_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/73253587_607.jpg&title=Autonome%20Binnenschifffahrt%3A%20Wenn%20der%20Kapit%C3%A4n%20vom%20B%C3%BCro%20aus%20lenkt

Item 48
Id 78196191
Date 2026-08-02
Title Von Petitionen zu Memes: Protest früher und heute
Short title Von Petitionen zu Memes: Protest früher und heute
Teaser Vom kaiserlichen China bis zum modernen Indien: Wie Protestbewegungen die Möglichkeiten und Symbole ihrer Zeit nutzen, um ihrem Widerstand Ausdruck zu verleihen.
Short teaser Vom kaiserlichen China bis zum modernen Indien: Wie Protestbewegungen ihrem Widerstand Ausdruck verleihen.
Full text

Dass dieser Videoclip viral gehen würde, war klar: An einem verregneten Julitag stellt sich eine junge Frau in Freizeitkleidung einem langsam fahrenden Polizeitransporter in den Weg, in dem sich mehrere verhaftete Studierende befinden. Sie legt ihre Handfläche auf den Kühler des Wagens und zwingt ihn zu stoppen. Die Szene wird von zahlreichen Mobiltelefonen eingefangen, auch sie hebt ihr Smartphone und zeichnet die Begegnung auf. Innerhalb weniger Stunden verbreiten sich die Aufnahmen in ganz Indien und darüber hinaus.

Diese Momentaufnahme vom 22. Juli 2026 wurde zu einem der prägenden Bilder der Cockroach Janta Party, der sogenannten "Kakerlaken-Bewegung" in Indien: Hunderttausende Studierende gingen auf die Straße, um Transparenz und Rechenschaft zu fordern, nachdem es im Zusammenhang mit medizinischen Aufnahmeprüfungen zu Unregelmäßigkeiten gekommen war.

Die Kraft dieses Moments entfaltete sich nicht allein durch die Aktion der Studentin, sondern auch durch die Kürze der Zeit, in der sich die Aufnahmen verbreiteten. Eine einzige Geste, eine junge Frau, die sich den Autoritäten entgegenstellt, wurde zu einem Symbol, das millionenfach geteilt wurde. Auch wenn das Video das Zeichen einer Generation ist, die mit sozialen Medien groß geworden ist - der Impuls dahinter ist doch um vieles älter.

Ob Petitionen oder revolutionäre Plakate, Fotos, Regenschirme oder Memes, Studentenbewegungen haben sich schon immer die ihnen zur Verfügung stehenden Werkzeuge und Symbole zu eigen gemacht und sie als Ausdrucksmittel ihres Protests genutzt.

Dissens bei Hofe

Lange bevor das Fernsehen und die sozialen Medien den Widerstand über Landesgrenzen hinaustrugen, fanden Studierende Wege, ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen. Im alten China taten sich während der Östlichen Han-Dynastie Gelehrte der Kaiserlichen Akademie (Taixue) mit reform-orientierten Beamten zusammen. Sie wollten sich gegen mächtige Eunuchen am Hofe stellen, die als korrupt und politisch zu einflussreich galten.

Die Einwände wurden damals durch öffentliche Kritik, politische Netzwerke und Petitionen vorgetragen. In einer Zeit, in der die politische Kommunikation offizielle Kanäle durchlaufen musste, gehörten Petitionen zu den Instrumenten, mit denen Missstände vor den Thron gebracht werden konnten. Die in formeller Sprache verfassten und über bürokratische Wege übermittelten Petitionen wurden so direkt in das Kommunikationssystem des Staates eingespeist.

Plakate zur Verbreitung von Botschaften

Über die Jahrhunderte entwickelten sich die Kommunikation und die Mechanismen des Protests weiter. Im Jahr 1968 forderten Studierende in Paris die Verwaltung der Universitäten und die konservative Ordnung der Nachkriegsgesellschaft heraus. Ihr Protest weitete sich über die gesamte französische Hauptstadt aus und ergriff auch die Arbeiterschaft. Einer der nachhaltigsten Beiträge der Bewegung entstand in einer Kellerwerkstatt an der École des Beaux-Arts.

Das Atelier Populaire (die "Volkswerkstatt") druckte während der Proteste Tausende von Plakaten, oft während der Nachtstunden. Ihre kühnen Grafiken, Silhouetten und Slogans wurden zur visuellen Sprache der Bewegung. Häufig tauchten die Plakate und ihre Botschaften über Nacht an Dutzenden Orten auf und verliehen den Protesten eine große visuelle Präsenz. Oft fehlte der Name des Urhebers. Die Plakate waren ein Gemeinschaftswerk und trugen so dazu bei, eine gemeinsame öffentliche Stimme zu entwickeln.

Ein Bild geht um die Welt

Proteste entwickelten zudem mehr Kraft, als sie Landesgrenzen überwanden. Im Juni 1976 demonstrierten Schwarze südafrikanische Studierende in Soweto gegen die Bildungspolitik des Apartheid-Regimes. Sie wandten sich gegen Afrikaans als verpflichtende Unterrichtssprache an Schwarzen Schulen. Es war die Sprache eines Unterdrückerregimes und für viele eine Barriere auf dem Weg zu Bildungsgleichheit.

Tausende Studierende waren auf den Straßen, als die Polizei das Feuer eröffnete. Mitten im Chaos fing der Fotograf Sam Nzima eine Szene ein, die um die Welt gehen sollte: das Bild des 13-jährigen Hector Pieterson, der nach einem tödlichen Schuss vom Tatort weggetragen wird. Die Aufnahme wurde zu einem der prägenden Bilder der Apartheid. Für viele Menschen außerhalb Südafrikas wurde es zu der Linse, durch die sie die Proteste der Studierenden betrachteten und verstehen lernten. Das Bild trug dazu bei, international ein Bewusstsein für die Apartheid zu schärfen und Widerstand dagegen zu wecken.

Wenn Bilder zu Symbolen werden

Im Frühjahr 1989 versammelten sich auf dem Tiananmen-Platz in Peking immer mehr Studierende und forderten demokratische Reformen, Meinungsfreiheit und ein Ende der Korruption. Die Proteste wuchsen an und damit wuchs auch der Bedarf an Symbolen, mit denen die Studierenden ihre Botschaft über den Platz hinaus tragen konnten.

In den letzten Wochen der Besetzung des Tiananmen-Platzes errichteten die Studierenden eine Statue, die Göttin der Demokratie. Sie stand direkt gegenüber dem Porträt von Mao Zedong und wurde mit ihren zehn Metern Höhe zu einem kraftvollen Symbol der Bewegung.

Doch neben dem Symbol der Studierenden schuf die Geschichte ein weiteres. Nachdem die Proteste brutal vom Militär niedergeschlagen worden waren, ging das Foto eines einzelnen Mannes um die Welt. Es zeigt, wie er sich einem Konvoi von Panzern entgegenstellt. International wurde der noch immer namenlose Mann als "Tank Man" bekannt.

Solche Symbole wurden nicht von globalen Medien geschaffen, aber sie sorgten für deren Verbreitung. Kameras, Zeitungen und Fernsehsender machten lokale Zeichen des Aufbegehrens zu bleibenden Bildern des Widerstands.

Alltagsgegenstände als Symbol

Mit der Zeit wandelte sich die Kommunikation bei Protesten. Die Außenkommunikation wird nicht länger nur von den Organisatoren bestimmt, stattdessen wirken die Teilnehmenden und auch Zuschauenden immer stärker an ihrer Gestaltung mit.

Als Studierende in Chile 2011 Bildungsreformen forderten, nutzten sie Flashmobs, Aufführungen und öffentliche Spektakel, um die Aufmerksamkeit auf ihr Anliegen zu lenken. Mit diesen neuen Ausdrucksformen bekamen Proteste auch neue Formen der Teilnahme.

Bei den Protesten 2014 in Hongkong gegen Pekings Pläne, das Wahlrecht zu ändern, verwandelten die Protestierenden Alltagsgegenstände in politische Symbole. Was als praktische Antwort auf Pfefferspray und Tränengas begann, wurde schnell zum prägenden Bild der Regenschirm-Bewegung.

Angelehnt an das Beispiel der John-Lennon-Wall, die nach dem Mord an dem Sänger im Jahr 1988 in Prag entstand und den Menschen eine Gelegenheit gab, ihren Unmut mit dem kommunistischen Regime zu äußern, wurden in ganz Hongkong Mauern zu John-Lennon-Walls, zu Orten der öffentlichen Meinungsäußerung, an denen Menschen auf Haftzetteln ihre Botschaften der Unterstützung und des Protests hinterließen.

Von der Beleidigung zum Symbol

Auch politische Programme können ausschlaggebend dafür sein, welche Symbole sich in der Öffentlichkeit durchsetzen - so wie zuletzt in Indien. Studierende, die gegen Unregelmäßigkeiten bei zukunftsentscheidenden Prüfungen protestierten, griffen eine gegen sie gerichtete Beleidigung auf und machten sie sich zu eigen: Der Begriff "Kakerlake", auf Englisch "Cockroach", wurde im Internet schnell zum bekanntesten Erkennungszeichen der Cockroach Janta Party, der sogenannten "Kakerlaken-Bewegung".

Memes und Video-Clips verbreiten sich oft schneller als offizielle Stellungnahmen. Und das nutzten die Studierenden, um auf Kritik zu antworten, sich über ihre Gegner lustig zu machen und für Unterstützung zu werben. Wie die Plakate in Paris oder die Regenschirme in Hongkong zeigt dieses Beispiel, wie Memes eine abschätzige Bezeichnung in ein wirkmächtiges Protestsymbol verwandeln können.

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

Author Brenda Haas
Item URL https://www.dw.com/de/von-petitionen-zu-memes-protest-früher-und-heute/a-78196191?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78154572_607.jpg
Image caption Dieses Bild von den Protesten der "Kakerlaken-Bewegung" ging viral
Image source Ashish Vaishnav/AP Photo/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78154572_607.jpg&title=Von%20Petitionen%20zu%20Memes%3A%20Protest%20fr%C3%BCher%20und%20heute

Item 49
Id 78192532
Date 2026-08-01
Title Wie zwei Kriege und El Niño den Hunger weltweit beeinflussen
Short title Wie zwei Kriege und El Niño den Hunger weltweit beeinflussen
Teaser Noch funktioniert die weltweite Versorgung mit Lebensmitteln, ungeachtet der Kriege in der Ukraine und in Nahost. Doch nun kommt ein Wetterphänomen wie El Niño hinzu, das die Situation kippen könnte.
Short teaser Die Kriege in der Ukraine und in Nahost belasten die weltweite Versorgung mit Lebensmitteln. Nun kommt El Niño hinzu.
Full text

Das Wetterphänomen El Niño gewinnt im gesamten Pazifikraum zunehmend an Stärke und könnte in diesem Jahr historische Ausmaße erreichen. Die wichtigsten Agrarregionen der Welt stehen entweder vor einer Dürre oder vor Überschwemmungen. Das Wetterphänomen werde in diesem Jahr mit einer Wahrscheinlichkeit von 63 Prozent "sehr stark" ausfallen, erklärte die Nationale Behörde für Ozeanographie und Meteorologie der USA (NOAA). In Verbindung mit Ölpreisen in Höhe von 100 US-Dollar (88 Euro) könnte das die Lebensmittelinflation um 1,5 Prozentpunkte in die Höhe treiben, warnte die US-Bank JP Morgan.

El Niño kommt einher mit den großen bewaffneten Konflikten in der Ukraine und in Nahost. Deren Auswirkungen auf die weltweite Versorgung mit Nahrungsmitteln sind bisher geringer ausgefallen als befürchtet. Doch diese dritte Krise könnte der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Globale Nahrungssicherheit dreifach gefährdet

Eine der weltweit bedeutendsten Herkunftsregionen für Getreideexporte steht durch Russlands Krieg gegen die Ukraine weiterhin unter Beschuss. Fortwährende Angriffe auf ukrainische Anbauflächen und Häfen gefährden eine der größten Kornkammern der Erde. Der Iran-Krieg hat die Preise für Energie und Düngemittel in die Höhe getrieben. Weltweit steigen dadurch Lebensmittelpreise und den Ackerböden fehlen wichtige Nährstoffe. El Niño verschiebt jetzt die Wettermuster bei Regenfällen und Temperaturen weltweit. Kürzlich warnte die Weltbank, das Phänomen könne die Reisproduktion in den betroffenen Regionen um 20 bis 50 Prozent mindern.

Maximo Torero, Chefökonom der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) warnt vor einer "Verbundwirkung", die bis Ende des Jahres zu "einer sehr komplexen Situation" führen könnte. "Wir machen uns große Sorgen wegen El Niño und des verspäteten Monsuns in Indien", sagt er zur DW. Die Regenzeit ist für die Reisaussaat elementar, doch es wird davon ausgegangen, dass El Niño den Monsun verlangsamt und schwächt. Im Juni lagen die Niederschlagsmengen lokalen Medien zufolge bereits um 40 Prozent unter dem Normalwert. Fast ein Drittel der Reisproduktion weltweit entfällt auf Indien. Der Großteil davon wird vor Ort verzehrt.

Die FAO geht davon aus, dass neben Südasien die Sahelzone in Afrika, das südliche Afrika, Südostasien und der zentralamerikanische Trockenkorridor am stärksten von möglichen Auswirkungen des El Niño betroffen sein werden. Die Wahrscheinlichkeit einer Dürre in den nächsten Monaten liege in einigen dieser Regionen bei über 50 Prozent.

Größte Ernte der Geschichte

Trotz aller geopolitischen Spannungen liegen die Lebensmittelpreise nach Angaben der FAO noch fast 20 Prozent unter dem Höchstwert von 2022. Zudem brachte die Welt im vergangenen Jahr die größte Getreideernte ihrer Geschichte ein. Möglich war das, weil Landwirte mehr Land bewirtschafteten, das Wetter günstig war und pro Hektar mehr Getreide produziert wurde. Obwohl die Ernte in diesem Jahr voraussichtlich etwas geringer ausfallen wird, wird sie dennoch die zweitgrößte der Geschichte werden.

"Wir beobachten Verbesserungen in der landwirtschaftlichen Produktivität", sagt Simone Bunse, leitende Forscherin am Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), zur DW. Dabei verweist sie insbesondere auf Indien und Lateinamerika. "Sie haben dazu beigetragen, die Lebensmittelproduktion aufrechtzuerhalten und die Unterernährung zu reduzieren. Einige der lokalen Auswirkungen der Konflikte werden dadurch ausgeglichen."

Millionen leiden noch immer Hunger

Eine zentrale Hürde bei der Verhinderung von Hunger weltweit sind Kriege. Von den 266 Millionen Menschen, die laut Zahlen der Vereinten Nationen von akutem Hunger bedroht sind, leben mehr als die Hälfte in Konfliktregionen. Am stärksten betroffen sind nur eine Handvoll Länder, darunter die Demokratische Republik Kongo, Sudan und Jemen. Dort erreichen die Lebensmittel nicht mehr die Menschen, die sie am dringendsten benötigen.

"Wir produzieren weltweit genügend Kalorien, um alle satt zu machen", erläutert Torero. "Diese Kalorien sind weltweit jedoch nicht gleichmäßig verteilt. Und das ist das Problem." In Kriegen werden oft die Nahrungsquellen vor Ort zerstört. Millionen Menschen werden vertrieben, die Infrastruktur wird beschädigt und der Zugang zu humanitärer Hilfe erschwert.

Hunger wird in einigen Krisengebieten wie im Sudan oder dem Gazastreifen aber auch als Waffe eingesetzt. "Konfliktparteien zerstören gezielt landwirtschaftliche Flächen, Herden, Wassersysteme, Lagerhäuser oder Transportwege. Sie behindern den Zugang zu Märkten und blockieren humanitäre Hilfen", sagt SIPRI-Forscherin Bunse zur DW.

Hohe Preise für Düngemittel

Ein weiterer Risikofaktor für die globale Lebensmittelversorgung ist die Verfügbarkeit von Düngemitteln. Etwa ein Drittel des weltweit eingesetzten Düngers wird normalerweise durch die Straße von Hormus transportiert. Nach der gescheiterten Waffenruhe zwischen den USA und Iran sind die Transportwege durch die Meerenge noch immer nicht sicher und auch im Roten Meer werden nun Schiffe angegriffen.

Landwirte zahlen nun entweder teils stark erhöhte Preise für Düngemittel, warten mit dem Kauf oder stellen auf Pflanzen um, die weniger Dünger benötigen. Wird weniger Dünger eingesetzt, könnte dies Ertragseinbußen bei der Ernte zur Folge haben.

Allein der Konflikt in Nahost könnte Fachleuten zufolge dazu führen, dass weitere Millionen von Menschen bis 2030 von Hunger betroffen sein werden. Dabei sind die Auswirkungen von El Niño in dieser Prognose noch nicht berücksichtigt. Die Temperaturen im Pazifischen Ozean sollen um 3,6 Grad Celsius steigen, also um nahezu den doppelten Wert wie während des El Niño von 2015/2016. Das Klimadatenprogramm der Universität Berkeley in Kalifornien erwartet das Wetterphänomen diesmal in einer Stärke wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen.

Sollten die Preise für einen Barrel Öl wieder auf über 120 US-Dollar steigen, der Export von Getreide aus der Ukraine blockiert werden oder El Niño die Ernteerträge im nächsten Jahr reduzieren, weil weniger angebaut wird, könnte der Hunger weltweit sprunghaft ansteigen. Geschieht all das gleichzeitig, wären die Auswirkungen noch deutlich schlimmer. Für diesen Fall prognostiziert JP Morgan eine Lebensmittelinflation von mehr als fünf Prozent für das Jahr 2027. Besonders die Schwellenländer würden darunter leiden.

Zusätzliche Berichterstattung von Daniel Winter.
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

Author Nik Martin
Item URL https://www.dw.com/de/wie-zwei-kriege-und-el-niño-den-hunger-weltweit-beeinflussen/a-78192532?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/69746903_607.jpg
Image caption El Niño gefährdet die Reisernte
Image source Amit Dave/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/Events/mp4/vdt_de/2022/bdeu220330_002_dwiinflatiweb_01g_sd.mp4&image=https://static.dw.com/image/69746903_607.jpg&title=Wie%20zwei%20Kriege%20und%20El%20Ni%C3%B1o%20den%20Hunger%20weltweit%20beeinflussen

Item 50
Id 78187464
Date 2026-07-31
Title Kriege, Brände, El Niño und der Welthunger
Short title Kriege, Brände, El Niño und der Welthunger
Teaser Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten haben die weltweite Lebensmittelversorgung bislang nicht lahmgelegt. Kommt jedoch ein starkes Wetterphänomen wie El Niño hinzu, vervielfachen sich die Risiken.
Short teaser Kommt zu den Bränden und Kriegen noch El Niño hinzu, könnte das den Welthunger noch verschärfen.
Full text

Das El-Niño-Phänomen, das in diesem Jahr möglicherweise Rekordstärke erreicht, verstärkt sich derzeit im Pazifik und bringt entweder Dürre oder Überschwemmungen in die wichtigsten landwirtschaftlichen Regionen der Welt. Bereits Anfang des Monats sagte die US-Behörde NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration), die Wahrscheinlichkeit, dass das Wetterphänomen in diesem Jahr "sehr stark" ausfallen könnte, läge bei 63 Prozent.

Unterdessen warnte JP Morgan in der vergangenen Woche, dass El Niño in Kombination mit einem Ölpreis von 100 US-Dollar die Lebensmittelinflation um bis zu 1,5 Prozent in die Höhe treiben könnte.

Das Auftreten von El Niño folgt auf zwei große Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten. Diese beiden Konflikte haben die weltweite Lebensmittelversorgung nicht für lange in Bedrängnis gebracht. Könnte eine dritte, dann gleichzeitig auftretende Krise, dann zu einer nicht mehr steuerbaren Belastung führen?

Dreifacher Schlag

Russlands Krieg in der Ukraine lastet weiterhin auf einer der weltweit wichtigsten Getreideexportregionen. Wiederholte Angriffe auf Häfen und Ackerflächen bedrohen eine der wichtigsten "Kornkammern" des Planeten und den Export des Getreides durch das Schwarze Meer.

Der Konflikt im Nahen und Mittleren Osten, also zwischen den USA und Israel einerseits und dem Iran andererseits, hat die Energie- und Düngemittelpreise in die Höhe getrieben. Das hat die Kosten für die Lebensmittelproduktion weltweit erhöht und zu vorübergehenden Lieferengpässen bei wichtigen Bodennährstoffen geführt.

Es wird erwartet, dass El Niño, das weltweit Niederschlags- und Temperaturmuster verändert, aktuell stark ausfallen wird. Die Weltbank warnte kürzlich, die Reisproduktion in den betroffenen Regionen könne um 20 Prozent bis 50 Prozent zurückgehen.

Maximo Torero, Chefökonom der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), warnte vor einem "kumulativen Effekt", der bis Jahresende zu einer "sehr komplexen Situation" führen könnte. "Wir sind sehr besorgt über El Niño und die Verzögerung des Monsuns ... in Indien", sagte Torero gegenüber der DW.

El Niño könnte den indischen Monsun, der für den Reisanbau in Südasien eine ganz entscheidende Zeit ist, abschwächen und verzögeren. Bereits im Juni fielen laut Medienberichten rund 40 Prozent weniger Niederschläge als üblich.

Indien produziert fast ein Drittel der weltweiten Reismenge, wobei der überwiegende Teil davon im eigenen Land konsumiert wird. Neben Südasien sieht die FAO die größten Risiken durch El Niño in der afrikanischen Sahelzone, im südlichen Afrika, in Südostasien sowie im "Trockenkorridor" Mittelamerikas. Die UN-Ernährungsorganisation warnte diesen Monat, dass in einigen dieser Regionen in den kommenden Monaten eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent für Dürreperioden besteht.

Lebensmittelproduktion auf Rekordniveau

Trotz der geopolitischen Spannungen liegen die Lebensmittelpreise laut dem FAO-Lebensmittelpreisindex weiterhin fast 20 Prozent unter ihrem Höchststand von 2022. Im vergangenen Jahr wurde weltweit die größte Getreideernte der Geschichte eingefahren. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Landwirte größere Flächen bewirtschafteten, das Wetter günstig war und die Erträge pro Fläche höher ausfielen.

Auch wenn die diesjährige Ernte voraussichtlich etwas geringer ausfallen wird, dürfte sie immer noch die zweitgrößte in der Geschichte sein. "Wir beobachten Verbesserungen bei der landwirtschaftlichen Produktivität", sagte Simone Bunse, leitende Forscherin am Stockholmer Friedensforschungsinstitut (SIPRI), gegenüber der DW und nannte Indien sowie Lateinamerika als wichtige Beispiele. "Diese Fortschritte haben dazu beigetragen, die Lebensmittelproduktion aufrechtzuerhalten und Unterernährung zu verringern. Sie wirken zudem einigen der lokal begrenzten Auswirkungen von Konflikten entgegen."

Millionen Menschen hungern

Kriege stellen ein großes Hindernis bei der weltweiten Bekämpfung des Hungers dar. Nach Angaben der UN sind weiterhin 266 Millionen Menschen von akutem Hunger betroffen. Bei mehr als die Hälfte von ihnen sind bewaffnete Konflikte die Ursache.

Die schlimmste Lage herrscht in einer Handvoll von Konflikten betroffener Länder, in denen Hilfsgüter die bedürftigen Menschen nicht erreichen können. Unter ihnen sind die Demokratische Republik Kongo, der Sudan und der Jemen.

Weltweit werden genügend Kalorien produziert, um alle Menschen zu ernähren", erklärte Torero. "Diese Kalorien sind jedoch nicht gleichmäßig über die Welt verteilt, und genau darin liegt die Herausforderung." Denn Kriege zerstören häufig lokale Nahrungsquellen, führen zur Vertreibung von Millionen Menschen, beschädigen die Infrastruktur und schränken den humanitären Zugang massiv ein.

In einigen Krisengebieten wie dem Sudan und dem Gazastreifen wird Hunger Experten zufolge zunehmend als Waffe eingesetzt. "Die Konfliktparteien zerstören gezielt Ackerland, Viehbestände, Wassersysteme, Lebensmittellager und Transportwege. Sie gefährden den Marktzugang und behindern humanitäre Hilfe", sagte Bunse vom SIPRI gegenüber der DW.

Landwirte unter Druck

Ein weiteres Risiko für die weltweite Lebensmittelversorgung ist Düngemittel; rund ein Drittel davon wird normalerweise durch die Straße von Hormus transportiert. Der Schiffsverkehr in dieser Meerenge ist nach wie vor stark beeinträchtigt - bedingt durch das Scheitern einer Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran sowie durch Angriffe auf Schiffe im Roten Meer.

Einige Landwirte zahlen inzwischen deutlich mehr für Düngemittel, schieben Käufe auf oder stellen auf Kulturen um, die weniger Dünger benötigen. Sollten sie letztlich weniger düngen, könnten die Erträge bei der nächsten Ernte darunter leiden.

Experten für Ernährungssicherheit gehen davon aus, dass allein der Nahostkonflikt bis 2030 Millionen weitere Menschen in den Hunger treiben könnte - und diese Prognose berücksichtigt noch nicht einmal die Auswirkungen von El Niño. Da die Temperaturen im Pazifik voraussichtlich um 3,6 Grad Celsius steigen werden - fast doppelt so stark wie beim El-Niño-Ereignis von 2015/2016 -, prognostiziert die Klima-Denkfabrik Berkeley Earth nun, dass das diesjährige Wetterphänomen das stärkste seit Beginn der Aufzeichnungen sein wird.

Sollten die Ölpreise erneut über die Marke von 120 Dollar pro Barrel klettern, die Getreideexporte aus der Ukraine erfolgreich blockiert werden oder das Wetterphänomen El Niño die Ernten des kommenden Jahres stärker beeinträchtigen, könnte Experten zufolge weltweit ein drastischer Anstieg des Hungers drohen.

Träten all diese Szenarien gleichzeitig ein, wären die Auswirkungen sehr gravierend: JP Morgan prognostiziert für diesen Fall, dass die Lebensmittelinflation im Jahr 2027 die Marke von fünf Prozent überschreiten können. Das würde die Schwellenländer am härtesten treffen.

Dieser, mit Unterstützung von Daniel Winter erstellte Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert.

Author Nik Martin
Item URL https://www.dw.com/de/kriege-brände-el-niño-und-der-welthunger/a-78187464?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/69746903_607.jpg
Image caption In Indien fürchten Reisbauern die Auswirkungen von El Nino ganz besonders.
Image source Amit Dave/REUTERS
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/69746903_607.jpg&title=Kriege%2C%20Br%C3%A4nde%2C%20El%20Ni%C3%B1o%20und%20der%20Welthunger

Item 51
Id 78146995
Date 2026-07-30
Title Übergewicht erhöht Krebsrisiko stärker als gedacht
Short title Übergewicht erhöht Krebsrisiko stärker als gedacht
Teaser Eine neue Studie zeigt: Übergewicht könnte für deutlich mehr Krebsfälle verantwortlich sein als bisher angenommen. Besonders Bauchfett erhöht das Krebsrisiko - vor allem bei Frauen.
Short teaser Eine neue Studie zeigt: Übergewicht könnte für deutlich mehr Krebsfälle verantwortlich sein als bisher angenommen.
Full text

Darmkrebs, Brustkrebs oder Leberkrebs - Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas) erhöhen das Risiko, an diesen Krebsarten zu erkranken. Für zehn weitere Krebsarten ist ebenfalls ein höheres Risiko belegt.

Bisher nahmen Forschende an, dass zwischen zwei und acht Prozent aller Krebserkrankungen auf ein zu hohes Körpergewicht zurückzuführen sind. Eine neue Studie des Teams um den Epidemiologen Hermann Brenner, der am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) arbeitet, weist nun darauf hin, dass dieser Anteil zu gering ist.

Demnach können bis zu 11,5 Prozent auf Übergewicht zurückzuführen sein. Jede zehnte Krebserkrankung könnte damit mit überschüssigen Körperfett zusammenhängen.

Die DKFZ-Forschenden "haben nicht nur die bestehenden Risikoschätzungen aktualisiert, sondern sie haben hinterfragt, ob der Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krebs bisher möglicherweise unterschätzt worden ist", sagt der Epidemiologe Michael Leitzmann von der Universität Regensburg, der nicht an der Studie beteiligt war. Er beschäftigt sich am Institut für Epidemiologie und Prävention mit den Zusammenhängen zwischen Ernährung, Körpergewicht, körperlicher Aktivität und der Entwicklung chronischer Erkrankungen. Als Mitglied des Fachausschuss "Krebsprävention und Früherkennung" hat er die Deutsche Krebshilfe beraten.

Bauchfett erhöht Krebsrisiko besonders stark

Im Vergleich zu vorangegangenen Studien hat das DKFZ-Team die Untersuchungsmethoden verändert. Bisherige Forschungen nutzten den Body-Mass-Index (BMI) der Teilnehmenden als Indikator für Übergewicht. Er wird aus Körpergröße und -gewicht berechnet. Das Problem ist: Der BMI unterscheidet nicht zwischen Fett- und Muskelmasse. Außerdem lässt der BMI auch keine Schlüsse darauf zu, wie sich das Fett am Körper verteilt.

Das allerdings ist wichtig, denn Fett ist nicht gleich Fett. Fettzellen, die sich um den Bauch herum ansammeln, sind mehr als ein passiver Speicher für überschüssige Kalorien wie an anderen Körperstellen. "Sie lösen einen sogenannten chronischen entzündlichen Stoffwechselzustand aus", erklärt Leitzmann. Er beschäftigt sich am Institut für Epidemiologie und Prävention mit den Zusammenhängen zwischen Ernährung, Körpermasse, körperlicher Aktivität und der Entwicklung chronischer Erkrankungen.

Überschüssiges Bauchfett funktioniert wie eine Drüse, die verschiedene Signalmoleküle freisetzt, sogenannte Adipokine. Diese gelangen über den Blutkreislauf an unterschiedliche Orte im Körper, wo sie andere Stoffwechselprozesse beeinflussen. Unter anderem das Wachstum und die Teilung von Zellen und die Hemmung des programmierten Zelltodes. "Alles Mechanismen, die zur Entstehung und dann auch zum Wachstum von Tumoren beitragen können", sagt Leitzmann.

Die DKFZ-Forschenden fokussierten sich deshalb neben dem BMI auch auf den Taillenumfang und das Taille-Hüfte-Verhältnis. Die Daten von 458.543 Frauen und Männern aus der britischen Gesundheitsdatenbank UK Biobank flossen in die Untersuchung ein. Im Mittel wurden die Probanden zwölf Jahre lang beobachtet. In dieser Zeit traten 50.000 neue Krebserkrankungen auf.

Warum frühere Studien das Krebsrisiko unterschätzten

Die Forschenden wollten zudem eine weitere methodische Verzerrung früherer Studien ausschließen: Die Tatsache, dass Krebs bereits vor der Diagnose - also schon während der Entstehung - zu Gewichtsverlust führen kann. Gut möglich also, dass vorherige Studien keinen Zusammenhang zwischen Fettleibigkeit und Krebs erkannt haben, weil die Probanden bei Studieneintritt durch einen sich entwickelten Krebs bereits an Gewicht verloren hatten.

Aus diesem Grund schloss das Team die ersten Jahre nach Studieneintritt der Teilnehmenden aus den Untersuchungen aus. Berücksichtigt wurden nur Krebserkrankungen, die sieben Jahre nach Beginn der Beobachtungen auftraten. So wurde der statistische Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krebs deutlicher.

Stärkerer Zusammenhang bei Frauen gefunden

Die Studie deutet darauf hin, dass der Anteil von Frauen, die übergewichtig sind und an Krebs erkranken, höher ist als der von Männern. Michael Leitzmann mahnt bei der Interpretation dieser Hinweise zur Vorsicht. Es müsse weitere Studien geben, mit einem ähnlichen Design, um zu schauen, ob sich die Ergebnisse replizieren, also wiederholen lassen.

Trotzdem äußert Leitzmann eine Idee, weshalb das Übergewicht bei Frauen schwerer wiegen könnte. Übergewicht wird unter anderem für Brust-, Gebärmutter- und Eierstockkrebs verantwortlich gemacht. "Diese Krebsarten, von denen Frauen betroffen sind, sind hormonabhängig", sagt Leitzmann. So kann das Hormon Östrogen das Wachstum von Brustkrebs anregen. Überschüssiges Bauchfett wiederum trägt zu einem erhöhten Östrogenspiegel bei.

Prävention von Übergewicht kann Krebsfälle deutlich reduzieren

Dass Übergewicht das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen oder Typ-2-Diabetes erhöhe, sei mittlerweile den meisten Menschen bekannt, sagt der Epidemiologe Michael Leitzmann. Umgekehrt bedeutet das natürlich auch: Wer sein Gewicht reduziert, reduziert auch die Gefahr eines Herzinfarktes, Schlaganfalls oder einer Zuckerkrankheit.

Auch wenn die Studie des DKFZ das größere Risiko durch Adipositas betont, sieht Leitzmann vor allem die Chance, die die Ergebnisse der Forschenden auch präsentieren: "Daraus leitet sich ganz klar für mich ab, dass wir mit der Prävention von Adipositas einen größeren Beitrag zur Krebsprävention werden leisten können, als bislang angenommen."

Author Julia Vergin
Item URL https://www.dw.com/de/übergewicht-erhöht-krebsrisiko-stärker-als-gedacht/a-78146995?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78127917_607.jpg
Image caption Auch auf die Verteilung des Fetts am Körper kommt es an: Bauchfett stellt ein besonderes Risiko für Krebserkrankungen dar
Image source Jan Woitas/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78127917_607.jpg&title=%C3%9Cbergewicht%20erh%C3%B6ht%20Krebsrisiko%20st%C3%A4rker%20als%20gedacht

Item 52
Id 78176175
Date 2026-07-30
Title Deutsche Bahn macht erstmals seit 2019 Gewinn
Short title Deutsche Bahn macht erstmals seit 2019 Gewinn
Teaser Die Deutsche Bahn schreibt wieder schwarze Zahlen. In der ersten Jahreshälfte nahmen der Umsatz und die Anzahl der Fahrgäste deutlich zu. Doch ein Problem besteht nach wie vor.
Short teaser Die Deutsche Bahn schreibt wieder schwarze Zahlen. Umsatz und Anzahl der Fahrgäste nahmen zu. Aber ein Problem bleibt.
Full text

Aufgrund von Kostensenkungen und hoher Nachfrage ist die Deutsche Bahn (DB) erstmals seit sieben Jahren wieder zurück in der Gewinnzone. Unter dem Strich verzeichnete der bundeseigene Konzern nach eigenen Angaben im ersten Halbjahr ein Plus von 147 Millionen Euro. Der Umsatz stieg um 1,8 Prozent auf 13,6 Milliarden Euro.

Die Zahl der Reisenden legte ebenfalls um 1,8 Prozent zu, und zwar auf 960 Millionen. Das sind im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 17 Millionen Fahrgäste mehr. Die Bahn sieht den Hauptgrund für das kräftige Plus in den hohen Kraftstoffpreisen in Deutschland. Viele Pendler und Fernreisende seien vom Auto auf den Zug umgestiegen.

Bahnchefin Palla spricht von Erfolg

Die seit Oktober amtierende Bahnchefin Evelyn Palla sieht den Konzern "im ersten Halbjahr 2026 gut vorangekommen". "Wir haben eine wichtige Wegmarke erreicht. Auch wenn bei der Sanierung der Schiene nichts schnell geht, liefern wir jetzt Schritt für Schritt, was wir versprochen haben", erklärte sie.

2026 bezeichnet die Bahn als "Super-Baujahr": Im ersten Halbjahr seien 14.000 Baustellen fertiggestellt worden. Das Baugeschehen spiegelt sich auch in den Investitionen wider: Sie legten um 18 Prozent zu auf 8,7 Milliarden Euro - "der höchste Halbjahreswert in der Geschichte der DB". Das meiste Geld gaben Bund und die Bahn selbst. Die Netto-Schulden der DB stiegen daher um eine Milliarde Euro auf 21,6 Milliarden Euro.

Eine Schwachstelle: die Pünktlichkeit

Unter den vielen Baustellen leidet die Pünktlichkeit. Im Fernverkehr der DB waren es nur 59 Prozent der Züge, die weniger als sechs Minuten zu spät kamen - was bei der Bahn noch als pünktlich gilt. Im Gesamtjahr 2025 betrug die Pünktlichkeit hier 60,1 Prozent. Im Regionalverkehr lag die Pünktlichkeit zwischen Januar und Juni mit 88,2 Prozent höher.

Neben den Baustellen und dem maroden Schienennetz trugen auch der Wintereinbruch im Januar und Februar sowie die Hitzewelle im Juni zu den schlechten Pünktlichkeitswerten bei, wie die Bahn erläuterte.

Palla betont immer wieder, dass es noch etwa zehn Jahre dauern werde, bis der Bahnverkehr zuverlässig und stabil läuft. Unter dem Titel "DB 2035" leitete die Bahnchefin im vergangenen Jahr einen umfangreichen Konzernumbau ein. Dieser umfasst auch Stellenstreichungen und andere Sparmaßnahmen. Im Fernverkehr läuft ein eigenes Sanierungsprogramm.

se/pgr (rtr, afp, dpa)

Redaktionsschluss: 18:00 Uhr (MESZ) - dieser Artikel wird nicht weiter aktualisiert.

Item URL https://www.dw.com/de/deutsche-bahn-macht-erstmals-seit-2019-gewinn/a-78176175?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77732675_607.jpg
Image caption Hauptbahnhof Wuppertal im Bundesland Nordrhein-Westfalen (Archivbild)
Image source Oliver Berg/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77732675_607.jpg&title=Deutsche%20Bahn%20macht%20erstmals%20seit%202019%20Gewinn

Item 53
Id 78162576
Date 2026-07-30
Title Spanien: Wie Waldbrände der Wirtschaft schaden
Short title Spanien: Wie Waldbrände der Wirtschaft schaden
Teaser Sie zerstören den Tourismus und belasten den Staatshaushalt: Die Waldbrände in Spanien vernichten Wirtschaftswachstum und Natur. Hätte das Land die Wucht der Flammen eventuell abschwächen können?
Short teaser Die Flammen in Spanien vernichten Wirtschaftswachstum und Natur. Hätte das Land die Wucht der Brände bremsen können?
Full text

Verkohlte Baumstümpfe, geschmolzener Asphalt, ausgebrannte Autos, zerstörte Gebäude: Die Waldbrände in Südeuropa hinterlassen eine Schneise der Zerstörung und verursachen Schäden in Milliardenhöhe.

Insbesondere Spaniens Wirtschaft droht unter den Aschewolken zu ersticken. Bereits 206.000 Hektar Waldfläche sind dort nach Angaben des EU-Erdbeobachtungssystems Copernicus in diesem Jahr in Flammen aufgegangen.

Feuer frisst Milliarden

"Im Jahr 2022, als in Spanien rund 300.000 Hektar Fläche durch Waldbrände vernichtet wurde, summierte sich der wirtschaftliche Schaden laut EU-Kommission auf 4,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes", erklärt Wirtschaftswissenschaftler Emilio Vizuete Luciano von der Universität Barcelona gegenüber der DW.

Die Brände zerstörten oft Wirtschaft und Handel in den betroffenen Regionen, so Vizuete Luciano. "Wenn der Tourismus aus den vom Feuer betroffenen Regionen verschwindet, hat dies für ganz Spanien gravierende wirtschaftliche Auswirkungen."

Brände bremsen Wirtschaftswachstum

Klimaökonomin Sarah Meier von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich hat sich die wirtschaftlichen Verluste durch Waldbrände in Südeuropa genauer angeschaut. Ergebnis: In Regionen mit mindestens einem Waldbrand, verringerte sich die Wachstumsrate um 0,11 bis 0,18 Prozent.

Laut ihrer 2023 veröffentlichten Studiesteigerte sich die Rate der Wachstumsverluste bei mehreren Waldbränden gleichzeitig je nach Ausdehnung auf bis zu 4,5 Prozent. "Unsere Berechnungen sind ein Mittelwert über den Zeitraum von 2011 bis 2018", erläutert sie.

Und sie warnt: "Besonders kostspielig wird es, wenn die Waldbrände größere Städte erreichen, was bisher noch sehr selten passiert ist in Südeuropa."

Auch die Europäische Umweltagentur EEAhat die wirtschaftlichen Verluste vergangener Waldbrände berechnet. Im Jahr 2017, als im Süden Europas knapp 990.000 Hektar Fläche verbrannten, beliefen sich die Verluste auf knapp zehn Milliarden Euro (siehe Grafik).

Europa brennt

Laut EU-Kommission verliert die Staatengemeinschaft rund 500.000 Hektar Fläche pro Jahr durch Waldbrände. Spanien, Griechenlandund Frankreich gehören zu den Ländern, in denen die meisten Waldbrände wüten.

Zu den wirtschaftlichen Schäden gehören neben Einbußen im Tourismus unter anderem auch der Verlust von Biodiversität, Einnahmeverluste aus der Forstwirtschaft, Bodenerosion, zerstörte Infrastruktur und Immobilien sowie die Kosten für die Bekämpfung der Waldbrände.

Zu wenig Geld für Prävention

Über die Kosten für die Bekämpfung von Waldbränden ist in Spanien eine heftige Debatte ausgebrochen. Denn seit 2009 sinken ausgerechnet die Investitionen für die Prävention, obwohl Anzahl und Ausmaß von Waldbränden in den vergangenen zehn Jahren alarmierende Ausmaße angenommen haben.

Nach offiziellen Angaben haben sich die Ausgaben für Waldbrandpräventionin Spanien zwischen 2009 und 2024 von 364 Millionen Euro auf 144 Millionen Euro verringert. Die jährlichen Ausgaben für die direkte Löscharbeiten sind im gleichen Zeitraum stabil bei 417 Millionen Euro geblieben.

Für Wirtschaftsexperte Luciano "entbehrt dies nicht einer gewissen Ironie, denn Prävention ist nachgewiesenermaßen die beste langfristige Investition. Sie ist deutlich günstiger als die Bekämpfung von bereits ausgebrochenen Waldbränden."

Teure Löscharbeiten

Nach Angaben des spanischen Forst-Dienstleistungsunternehmen Forescatkostet die Bekämpfung und Löschung von Waldbränden rund 19.000 Euro pro Hektar. Angesichts der knapp 400.000 Hektar Waldfläche, die 2025 in Spanien in Flammen aufging, führte dies zu Kosten in Höhe von rund 7,6 Milliarden Euro.

Wie hoch die Kosten für die Bekämpfung der Feuer in Spanien in diesem Jahr ausfallen, ist noch nicht abzusehen. Für die Ärztin María Inmaculada Mármol Tardáguila vom Sozialverband Mats, der Beschäftigte im öffentlichen Gesundheitssektor vertritt, steht jedoch fest, dass es so nicht weiter gehen kann.

"Die Sicherheit unserer Wälder weiterhin auf die heldenhafte Leistungsfähigkeit der Löschmannschaften zu bauen, ist ökologischer Leichtsinn und haushaltspolitische Fahrlässigkeit", schreibt sie auf der Plattform des Verbandes, der zugleich vor der Zunahme von Atemwegserkrankungen durch den Rauch der Waldbrände warnt.

"Die Lösung besteht nicht darin, immer mehr Löschflugzeuge anzuschaffen, sondern zum Beispiel Brennmaterial wie Totholz aus den Wäldern zu entfernen, bevor der erste Funke überspringt."

Solange öffentliche Entscheidungsträger dies nicht verstünden, werde Spanien seinen "Etat weiterhin mit der gleichen Geschwindigkeit verbrennen, wie seine Wälder in Flammen aufgehen."

Author Astrid Prange de Oliveira
Item URL https://www.dw.com/de/spanien-wie-waldbrände-der-wirtschaft-schaden/a-78162576?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78119810_607.jpg
Image caption Heroischer Einsatz gegen die Flammen: Ein Löschflugzeug wirft Wasser über einem Waldbrand in der Näher von Madrid ab
Image source Cesar Manso/AFP
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/BUSI/BUSIDEU260304_DWISPAIN_CMS_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/78119810_607.jpg&title=Spanien%3A%20Wie%20Waldbr%C3%A4nde%20der%20Wirtschaft%20schaden

Item 54
Id 78157180
Date 2026-07-29
Title BMW baut Stellen ab: Tausende Jobs in Deutschland betroffen
Short title BMW baut Stellen ab: Tausende Jobs in Deutschland betroffen
Teaser Als letzter großer Autokonzern in Deutschland legt BMW ein großes Stellenabbauprogramm auf. Es soll bis Ende 2027 laufen.
Short teaser Als letzter großer Autokonzern in Deutschland legt BMW ein großes Stellenabbauprogramm auf.
Full text

Bei den Bayerischen Motoren Werken (BMW) sollen bis Ende nächsten Jahres rund 8000 Jobs wegfallen. Der Stellenabbau soll über natürliche Fluktuation und ein Abfindungsprogramm auf freiwilliger Basis in Deutschland erfolgen. Der Münchner Autobauer und der Betriebsrat hätten sich auf ein entsprechendes Konzept verständigt, sagte eine Unternehmenssprecherin nach einer Betriebsversammlung.

Hierbei soll der seit Mitte Mai amtierende neue Konzernchef Milan Nedeljkovic betont haben: "Mir ist bewusst, dass die nächste Zeit von uns allen viel abverlangen wird. Doch wir müssen sicherstellen, dass unser Unternehmen wieder profitabler und wettbewerbsfähiger wird."

BMW werde "auf allen Managementebenen Organisationseinheiten zusammenführen und mehr Verantwortung in die Hände der wertschöpfenden Bereiche geben", sagte Nedeljkovic. "Nur so kehren wir wieder zu dem zurück, was BMW immer ausgezeichnet hat: Unternehmerisches Handeln mit hoher Eigenverantwortung."

Nur Bürojobs - nicht die Produktion betroffen

Das Abfindungsprogramm richtet sich demnach vor allem an Mitarbeitende in den Bereichen Verwaltung, Entwicklung, Forschung, Planung und Management. Die Produktion sei ausgenommen.

Von Oktober an will der Konzern rund 40.000 seiner etwa 85.000 Beschäftigten in Deutschland individuelle Abfindungsangebote unterbreiten, wie aus Unternehmenskreisen verlautete. Das Programm wird BMW voraussichtlich einen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Die Summe sei derzeit noch schwer abzuschätzen, hieß es. "Es kommt darauf an, wie viele die Abfindung nehmen." Weltweit beschäftigt der Konzern rund 154.000 Menschen.

Die deutschen Autobauer stecken derzeit in einer großen Krise. Volkswagen, Mercedes, Audi und Porsche hatten bereits im vergangenen Jahr angekündigt, massiv Arbeitsplätze einzusparen. Beim größten deutschen und europäischen Autokonzern Volkswagen stehen bis zu 100.000 Stellenstreichungen und mehrere Werksschließungen im Raum.

China verdrängt, US-Zölle belasten ...

Generell leidet die Autobranche unter dem Einbruch des Marktes in China und dem sich dort stark erhöhenden Konkurrenz- und Preisdruck. Die Verkäufe von Elektroautos nehmen zwar an Fahrt auf, die Gewinnmargen sind dort jedoch kleiner.

Zugleich belasten die Zölle der US-Regierung, die immer stärker werdende Konkurrenz der Chinesen auf dem Weltmarkt und die Auswirkungen der Krise im Nahen Osten auf die weltweite Konjunktur.

se/pgr (rtr, afp, dpa)

Redaktionsschluss 17.30 Uhr (MESZ). Dieser Artikel wird nicht weiter aktualisiert!

Item URL https://www.dw.com/de/bmw-baut-stellen-ab-tausende-jobs-in-deutschland-betroffen/a-78157180?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/70182134_607.jpg
Image caption BMW-Konzernzentrale in München (Archivbild)
Image source Frank Hoermann/SVEN SIMON/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/70182134_607.jpg&title=BMW%20baut%20Stellen%20ab%3A%20Tausende%20Jobs%20in%20Deutschland%20betroffen

Item 55
Id 78100214
Date 2026-07-29
Title Deutschland: Mehr Hitze und mehr Klimawandelskepsis?
Short title Deutschland: Mehr Hitze und mehr Klimawandelskepsis?
Teaser 98 Prozent der aktiven Klimaforschenden sagen: Der Klimawandel passiert und er ist menschengemacht. Laut einer neuen Studie ist die Zahl der Klimawandelskeptiker in Deutschland allerdings gestiegen. Wie kann das sein?
Short teaser Laut einer neuen Studie ist die Zahl der Klimawandelskeptiker in Deutschland zuletzt gestiegen. Wie kann das sein?
Full text

Es klingt ernst: Klimawandelskepsis sei keine auf eine kleine, laute Minderheit beschränkte Erscheinung mehr. Sondern etwas, das "vielmehr ein Massenphänomen darstellt", schreiben Forschende der Europa-Universität Flensburg in der im Fachmagazin Global Environmental Change veröffentlichten Untersuchung.

Zwischen den Jahren 2022 und 2023 stieg demnach die skeptische Einstellung zum Klimawandel bei der Mehrheit der 3074 befragten Personen sprunghaft an: 59 Prozent äußerten 2023 mehr Zweifel als im Vorjahr.

Die Befragten antworteten auf 14 Fragen zu Einstellungen zum Klimawandel, dessen Folgen und klimapolitischen Maßnahmen. Der Anstieg der Skepsis, so schreiben die Forschenden, lasse sich weniger mit der individuellen ökonomischen Lage der befragten Menschen erklären. Ausschlaggebend seien vielmehr andere Faktoren: eine rechte politische Orientierung, Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und eine Unzufriedenheit mit der Demokratie.

Die Sozialpsychologin Marlene Altenmüller findet die Publikation aus Flensburg zwar wichtig und spannend, aber stört sich etwas am alarmierenden Ton. Andere Untersuchungen zeigten, "dass die Zahl derjenigen, die Zweifel haben, immer noch sehr gering ist", sagt die Juniorprofessorin am Leibniz-Institut für Psychologie in Trier. Hier forscht sie zur Wissenschaftsrezeption – also dazu, wie Menschen wissenschaftliche Beweise wahrnehmen und über das Wissenschaftssystem und Forschende denken.

Es gebe in Deutschland keinen grundsätzlichen Zweifel an wissenschaftlicher Evidenz, so Altenmüller. Vielmehr komme es auf das Thema an und darauf, wie die Gruppe, der Menschen sich zugehörig fühlen, auf das Thema blickt.

Zweifelt meine Gruppe am Klimawandel, dann zweifle ich auch

Ihre Arbeit und auch die vieler anderer Forschenden zeigt ebenfalls, dass politisch rechts orientierte Menschen stärkere Zweifel in Bezug auf den Klimawandel haben.

"Würden rechte Parteien plötzlich entdecken, dass man doch was gegen den Klimawandel tun sollte, würde ich davon ausgehen, dass auch die Anhänger dieser Parteien an den Klimawandel glauben und politische Maßnahmen unterstützen würden", sagt Altenmüller.

Sie führt das nicht auf eine andersartige Persönlichkeitsstruktur dieser Menschen zurück, sondern darauf, dass "man sich an seiner Gruppe und deren Identität orientiert". Der Inhalt sei zweitrangig. "Party over policy", nennt Altenmüller das.

Dem zugrunde liegt etwas, das Psychologen als motivierte Rezeption bezeichnen: Menschen sehen die Welt immer durch die Brille der eigenen Wünsche, Vorstellungen, Werte und politischen Ideologien. Etwas, das nicht in Einklang mit den eigenen Vorstellungen und Werten zu bringen ist, werde eher abgewertet, sagt Altenmüller. Ihre Forschung hat gezeigt: Wir alle sind anfällig dafür, die Welt durch die eigenen Filter wahrzunehmen.

Das bedeutet umgekehrt: Entscheidend ist, in welcher Gruppe wir uns aufhalten. "Wie genau man in welcher Gruppe landet, ist ein sehr, sehr komplexer Prozess", sagt Altenmüller. Es hängt vom Ort der Sozialisierung, Eltern und Freunden ab. Schließlich von den Sozialen Medien, deren Algorithmus sich an dem orientiert, was wir am liebsten konsumieren. Ein sich "selbst verstärkender Prozess", sagt Altenmüller.

Von Klimawandelskepsis zu Verschwörungserzählungen

Klimawandelskepsis kommt in unterschiedlichen Gewändern daher, das betonen nicht nur die Forschenden der Europa Universität in Flensburg, sondern auch Marlene Altenmüller.

Klimapolitische Maßnahmen abzulehnen, ist eine Form. Grundlage dafür können die Annahmen sein, dass es so schlimm schon nicht sein wird oder die menschengemachten Ursachen angezweifelt werden. Eine andere ist der Glaube, die gesamte Erzählung vom Klimawandel sei ein Schwindel, eine Verschwörung.

Mit letzterem befasst sich Stephan Lewandowsky, Professor für Kognitionswissenschaften an den Universitäten Bristol und Potsdam. Seine Forschung beschäftigt sich unter anderem mit der Hartnäckigkeit von Fehlinformationen und Verschwörungserzählungen.

Er interessiert sich für die Parameter, die bestimmen, ob Menschen wissenschaftliche Beweise ablehnen oder akzeptieren, speziell im Zusammenhang mit Impfungen und dem Klimawandel. Sein Fazit: "Manche Menschen sind anfälliger für Verschwörungstheorien als andere. Das gilt zum Beispiel für Menschen, die von Natur aus misstrauisch sind."

Die Corona-Pandemie habe das deutlich gemacht. Für manche Menschen seien Verschwörungserzählungen, in denen jemandem die Schuld für eine Situation gegeben wird, eine willkommene Möglichkeit, vor Gefühlen wie Angst und Kontrollverlust zu fliehen. "Das bietet einen kurzfristigen psychologischen Trost", sagt Lewandowsky. Für manche sei es leichter zu akzeptieren, dass böse Menschen böse Dinge tun, als die Zufälligkeit eines erschütternden Geschehens hinzunehmen.

Der vorübergehende Komfort durch die Schuldzuweisung halte allerdings nicht lange, sagt Lewandowsky. "Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass Menschen, die in diesen Strudel geraten, langfristig leiden. Sie behalten ihren Arbeitsplatz seltener. Sie verlieren soziale Kontakte. Sie werden psychisch beeinträchtigt."

Warum Klimaskepsis in Indien kaum eine Rolle spielt

Klimaskepsis oder -verschwörungserzählungen sind dabei ein westliches Phänomen. Forschende beobachten es in den USA, Europa und Australien. Nicht aber im globalen Süden. In Indien zum Beispiel.

Vielleicht, weil man sich Skepsis leisten können muss. In Indien und anderen Ländern des globalen Südens ist der Klimawandel längst eine Frage des täglichen Überlebens. "In Indien [..] haben viele Menschen nach wie vor keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser", sagt Jagadesh Thaker. Er forscht an der University of Queensland in Australien zur Kommunikation zum Klimawandel. Ihn interessiert, wie Menschen über den Klimawandel sprechen und ihn wahrnehmen – auf globaler Ebene, speziell aber auch in Indien.

Dass der Klimawandel mit zunehmender Hitze und anderen Extremwettereignissen das Problem verschärfe, spüren die Menschen seit vielen Jahren am eigenen Leib.

Entsprechend sind auch Maßnahmen zur Emissionsreduktion und Anpassung an die sich verändernden Lebensbedingungen keine Frage der politischen Ideologie und Weltanschauung. In Indien gehe es darum, der eigenen Verletzlichkeit durch den Klimawandel entgegenzuwirken und sich trotzdem wirtschaftlich weiterzuentwickeln, so Thaker.

Klimawandelskepsis begegnen durch Achten der Werte und Bedürfnisse

Hitze und andere Extremwetterereignisse bedrohen die menschliche Gesundheit, wie die erste Hitzewelle des Jahres Ende Juni in Deutschland gezeigt hat. Sie kosten auch enorm viel Geld.

Die Flensburger Autoren mahnen deshalb an, die Skepsis ernst zu nehmen, um Klimaschutzmaßnahmen erfolgreich in der Gesellschaft verankern zu können.

Für Jagadesh Thaker spielen die Medien eine entscheidende Rolle. In Indien fehle es Aufklärung und Verständnis dafür, welche Auswirkungen der Klimawandel haben kann. "Die Berichterstattung in den Medien über extreme Wetterereignisse ist zwar umfangreich und dramatisch, doch leider wird dabei der Klimawandel nicht erwähnt."

Marlene Altenmüller sagt, es sei wichtig, immer wieder zu betonen: Der anthropogene Klimawandel ist wissenschaftlicher Konsens. Manchmal sei es wichtig, wer das sagt. Aus der Forschung wisse man, dass manche wissenschaftlichen Disziplinen als politisch voreingenommener wahrgenommen werden. Demnach haben Ökonomen bessere Chancen darauf, dass die Botschaft bei einer breiteren Masse ankommt, als Soziologen.

Die Werte derjenigen, die skeptisch sind, zu berücksichtigen, könnte der Kommunikation eventuell ebenfalls helfen, sagt Altenmüller. Einige Forschende schlagen zum Beispiel vor, Klimaschutz als Mittel zur Bewahrung der Heimat und der Schöpfung zu betonen.

Schließlich gelte es, das Bedürfnis von Autonomie in der Kommunikation über den Klimawandel zu berücksichtigen. Die "Bedrohung von psychologischen Werten wie Autonomie und auch Identität führt dazu, dass Leute wissenschaftliche Evidenz und Maßnahmen, die daraus folgen könnten, ablehnen", sagt Altenmüller.

Konkret heißt das, in der Kommunikation nicht nur die notwendigen Einschränkungen durch politische Maßnahmen zu betonen, sondern auch die daraus erwachsenden Möglichkeiten.

Menschen, die Extremwetterereignisse am eigenen Leib erleben, fällt dieser Perspektivwechsel wahrscheinlich leichter. Stephan Lewandowsky hofft, dass dieser Sommer in Europa mit seiner Hitze und Waldbränden ungekannten Ausmaßes einen Unterschied macht: "Irgendwann spielen die persönlichen Erfahrungen der Menschen eine Rolle."

Author Julia Vergin
Item URL https://www.dw.com/de/deutschland-mehr-hitze-und-mehr-klimawandelskepsis/a-78100214?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78127993_607.jpg
Image caption Die erste Hitzewelle des Jahres hat in Deutschland neue Rekorde aufgestellt - diejenigen, die nicht glauben, dass der Klimawandel dafür verantwortlich ist, sind nach wie vor in der Minderheit.
Image source Jochen Tack/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/repoe/repoe20260124_GesamtHD_1_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/78127993_607.jpg&title=Deutschland%3A%20Mehr%20Hitze%20und%20mehr%20Klimawandelskepsis%3F

Item 56
Id 78141530
Date 2026-07-28
Title "Rienzi"– warum diese Wagner-Oper so aktuell ist
Short title "Rienzi"– warum diese Wagner-Oper so aktuell ist
Teaser Viel Ärger gab es im Vorfeld der "Rienzi“-Aufführung bei den Bayreuther Festspielen. Sind nach der Premiere die Querelen vom Tisch? Nicht ganz. Und der nächste Aufreger steht schon an: Der neue KI-Ring überzeugt nicht.
Short teaser Die Querelen zum neuen Rienzi sind in Bayreuth noch nicht vorbei. Auch der neue "Ring des Nibelungen" wirft Fragen auf.
Full text

Schon im Vorfeld war die Rienzi-Premiere umstritten, die Erwartungen an die Umsetzung des Themas groß. Denn noch nie wurde Wagners frühe Oper Rienzi in Bayreuth gespielt. Einer der Gründe, warum die Oper zum Auftakt des 150 Jubiläums der Festspiele so umstritten war, beruht auf derfreundschaftlichen Beziehung von Wagners Nachfahren zu Adolf Hitler. Die Oper war außerdem eine von Hitlers Lieblingsopern.

"Es ist ein sehr schwer kontaminiertes Werk", sagt Regisseurin Alexandra Szemerédy der DW. "Als die Anfrage von Intendantin Katharina Wagner kam, war meine Vorfreude auch erst einmal etwas getrübt." Das dürfte sich nach der Premiere geändert haben. Großer Applaus für die Sänger und Sängerinnen, Standing Ovations für die Dirigentin Natalie Stutzmann und das Bayreuther Festspiel Orchester. Und auch die beiden ungarischen Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka wurden für ihre Umsetzung des Themas bejubelt.

Von der Utopie zur Dystopie

Die Geschichte um den Aufstieg und Fall des römischen Volkstribuns „Rienzi" haben die beiden Regisseurinnen aus dem 14. Jahrhundert in die Gegenwart geholt. Rienzi, der sein römisches Volk von den Aristokraten befreien wollte, wurde später im Rausch der Macht selbst zum Diktator.

Die Bühnenkulisse ist zunächst von monotonen Plattenbauten aus Betonklötzen geprägt, die wie im Baukastenprinzip später auch einzeln genutzt werden. Durch die Fenster kann jeder dem Nachbarn in die Wohnung schauen. In allen Zimmern befinden sich Monitore, auf denen die Bewohner die gleichen Nachrichten sehen: Der gläserne Mensch der Zukunft. Was man nicht durch den Blick nach außen erfährt, das wird via Handy über Social Media – und über die Monitore - geteilt.

Wie man die Massen ködert

In dieser neuen Inszenierung greift Rienzi zunächst nicht zu den Waffen, um die Aristokraten zu besiegen, sondern ruft zu einer demokratischen Wahl auf, die er gewinnt. Nach dem Sieg feiert er schnell wieder mit der höheren Gesellschaft bunte Feste. Damit ist es vorbei, als die Aristokraten ein Attentat verüben, das Rienzi überlebt. Fortan führt er eine Militärdiktatur, schießt seine Feinde auf offener Straße nieder. Er verfällt dem Wahn und verliert seine Macht, getrieben von Wahnvorstellungen bis in den Tod.

Wie jemand die Massen begeistern kann und dann - vom Populismus getragen - zum selbstherrlichen Autokraten mutiert, hat die Regisseurinnen im Vorfeld beschäftig. "Er gilt als Referenz-Figur in der Populismusforschung für diesen ersten großen Volksaufstand in Rom", erläutert Alexandra Szemerédy. Es sei interessant gewesen, wie er es geschafft habe, "das Volk zu bezaubern und zu ködern." Das Charisma des Volktribuns, der als Cola di Rienzo tatsächlich im 14. Jahrhundert lebte, hat auch Adolf Hitler fasziniert.

Der Streit um die Jubiläumsaufführung

Als "geschichtsvergessen" hatte es der Musik- und Theaterwissenschaftler und Universitätsprofessor Anno Mungen bezeichnet, dass Wagners Rienzi ausgerechnet zum 150. Jubiläum erstmals bei den Bayreuther Festspielen aufgeführt werde. Wagner selbst hatte Rienzi, seinen ersten großen Erfolg aus seiner Pariser Zeit 1830, später im neuen Festspielhaus aus musikalischen Gründen nicht aufführen wollen. Rienzi wird deshalb auch eine Ausnahme bleiben und nur in dieser Jubiläumssaison in Bayreuth zu erleben sein.

In seinem Buch „Von Bayreuth nach Auschwitz" schreibt Anno Mungen von den Deportationen aus Bayreuth nach Auschwitz bei denen auch jüdische Mitglieder des Bayreuther Festspielorchesters waren. "Wenn wir auf Rienzi gucken, wäre es sinnvoll und notwendig gewesen, dieses Stück, diese ganze Aufführung zu kontextualisieren in einer großen wissenschaftlichen Konferenz, an der wir uns als Universität Bayreuth natürlich auch gerne hätten beteiligen wollen."

Die Kriegsfestspiele Adolf Hitlers

Bei den sogenannten Kriegsfestspielen von 1940 bis 1944 wurden die Festspiele mit finanzieller Unterstützung Hitlers in Bayreuth aufrechterhalten, ausschließlich für ein ausgewähltes Publikum, etwa aus Kriegsverletzten und Arbeitern und Arbeiterinnen aus der Rüstungsindustrie. Dazu zeigen Geschichts-Studierende gerade eine Ausstellung in der Bayreuther Klaviermanufaktur Steingräber. "Diese Kriegsfestspiele, waren in Bayreuth auch ein Aushängeschild der Kultur, um zu zeigen‚ es ist doch alles gar nicht so schlimm hier in Deutschland‘", erläutert Mungen. Zur Rienzi-Premiere ist er nicht gegangen. Das gehe ihm zu nah, sagt er, aber vielleicht käme er zu einer späteren Vorstellung. Er begrüße aber eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema auf der Bühne.

Auch für Dramaturg Markus Kiesel war die kritische Auseinandersetzung ein wichtiges Thema. Diese Oper nicht aufzuführen oder gar ein Verbot würde nichts bringen, meint Kiesel: "Im Gegenteil, man muss den Sachen offen, kreativ und ehrlich ins Auge schauen und sie offen und auch kontrovers diskutieren. Wo, wenn nicht in Bayreuth?" Alexandra Szemerédy ergänzt: "Wir müssen einen Bogen von der Vergangenheit bis in die Zukunft spannen, wo sich Rechtspopulismus wieder stärker zeigt und zur Gefahr wird. Da muss man gerade dieses Stück auch wieder zeigen."

Am Ende stirbt Rienzi, neue Wahlen finden statt, die Gewinner sind zwei Kandidaten aus dem Volk.

Der Ring des Nibelungen ohne Deutung

Macht, Gier, Niedertracht, Liebe bis in den Tod und der große Untergang der Welt - all das sind Themen, die Richard Wagner immer wieder in seinen Opern aufgegriffen hat. In seinem 16-stündigen Opernzyklus "Der Ring des Nibelungen", für den er sein Festspielhaus extra erbauen ließ, finden all diese menschlichen Abgründe ihren Platz. Das Gold, das die Nixen im Rhein bewachen, wollen alle besitzen, weil es später in Form eines Ringes Macht verleiht, aber am Ende auch großes Unheil bringt.

Es gab in Bayreuth viele Inszenierungen, die Wagners Opernzyklus umgedeutet haben, allen voran die Parabel auf Gier und Niedergang des Kapitalismus von Patrice Chéreau 1977. Oder das Thema Ausbeutung bei Frank Castorf, das nicht den goldenen Ring, sondern Erdöl als Macht-Instrument des Kapitalismus sah.

Kann KI den Ring des Nibelungen neu erfinden?

Bei diesem Ring, den Kurator Marcus Lobbes arrangiert hat, gibt es keine Regie, also keine Deutung des Sujets. Lobbes und sein Team haben ein neues Bildgebungsverfahren mit künstlicher Intelligenz entwickelt, bei dem die Sänger auf der Bühne in einem holografischen 3-D-Raum stehen. "Das, was sich auf der Bühne darstellt, ist ein gesamtes tönendes Bild. Wir rollen einen Boden aus für die Sänger und Sängerinnen und für das, was orchestral passiert" erläutert Lobbes. Für die Projektionen hat das Team in den Archiven Bildmaterial der Ring-Aufführungen von 1876 bis 2024 ausgesucht, mit dem die KI arbeiten kann.

Im ersten Teil der Saga, dem "Rheingold", sind Nixen in Badewannen, Seen und Bächen zu sehen, Gebilde aus Bäumen, Lianen und Pflanzen und viel Material wie Holz und Metall: Waldatmosphäre und Industrieromantik im Wechsel. Die Bilder bekommen Risse oder gehen im Morphing-Verfahren ineinander über. Mal taucht man als Zuschauer in faszinierende Bildwelten ein, dann wieder werden menschliche Gesichter durch Morphing einfach nur zermatscht.

Ob diese Technik für 16 Stunden trägt, muss sich noch zeigen. Die Bilder bewegen sich ständig, die Sänger und Sängerinnen stehen aber zu oft wie Statisten nur an einem Ort im Raum, um die Bildübertragung nicht zu stören. "Die Positionierung der Sänger ist festgelegt, aber sie können noch miteinander agieren", sagt Lobbes. Nach der Vorstellung fragt sich eine Frau, ob sich dann bei der nächsten Vorstellung Siegfried und Sieglinde nur noch Kusshände zuwerfen werden. Immerhin kann der Ring mit einer hochkarätigen Besetzung aufwarten: Sänger wie Klaus Florian Vogt, Jochen Schmeckenbecher und Evelin Novak stehen ebenso auf der Bühne wie Dirigent Christian Thielemann am Pult. Und wie sagt eine Zuschauerin: "Wenn es mir zu viel wird mit der KI, dann mache ich einfach die Augen zu und genieße die Musik".

Author Gaby Reucher
Item URL https://www.dw.com/de/rienzi-warum-diese-wagner-oper-so-aktuell-ist/a-78141530?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78137164_607.jpg
Image caption Im Rausch der Massen - wie Populismus autokratische Systeme schafft, ist eines der großen Themen bei dieser Oper.
Image source Enrico Nawrath
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78137164_607.jpg&title=%22Rienzi%22%E2%80%93%20warum%20diese%20Wagner-Oper%20so%20aktuell%20ist

Item 57
Id 78080205
Date 2026-07-28
Title Warum baut Deutschland Straßen für das Klima von gestern?
Short title Warum baut Deutschland Straßen für das Klima von gestern?
Teaser Aufgeplatzter Asphalt, gesperrte Autobahnen: Hitze beschädigt zunehmend deutsche Straßen. Dabei gibt es technische Lösungen für zukunftsfähige Infrastruktur, doch die Politik hinkt hinterher.
Short teaser Deutschland baut Straßen für das Klima von gestern – während Hitzewellen bereits heute die Infrastruktur beschädigen.
Full text

Tagelange Hitzewellen mit Temperaturen teils über 40 Grad Celsius in Europa: Die Folgen zeigen sich immer öfter auch auf Deutschlands Autobahnen: Betonplatten platzen auf, Asphalt verformte sich, Fahrstreifen müssen gesperrt und Geschwindigkeiten begrenzt werden. Allein Anfang Juli mussten sieben Autobahnabschnitte zeitweise vollständig geschlossen werden.

"Der Grund dafür liegt häufig im Bitumen – dem aus Erdöl gewonnenen Bindemittel im Asphalt. Es ist elastisch und kann bei hohen Temperaturen ab etwa 60 Grad Celsius weich werden", so ein Sprecher der Autobahn GmbH, die die deutschen Autobahnen verwaltet, der DW. Bitumen ist ein Bestandteil im Straßenbelag auf den meisten deutschen Straßen.

Bei über 30 Grad Außentemperatur kann die Oberfläche von dunklem Asphalt in der Sonne schnell 60 oder 70 Grad heiß werden und sich dann verformen. Bei modernen Asphaltmischungen ohne Bitumen sei das Risiko für solche Schäden dagegen geringer, so die Autobahn AG.

Autobahnen sind nicht auf kommende Hitzewellen vorbereitet

Reicht Deutschlands heutiger Straßenbau noch für die Hitzewellen von morgen, bei steigende Verkehrszahlen? Dazu gehen die Meinungen auseinander.

Deutsche Straßen seien "überhaupt nicht auf diese Belastungen ausgelegt", kritisiert Nina Stelzenmüller. Die Ingenieurin leitet die Abteilung Straßenbautechnik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). "Die grundlegende Substanz und die Zusammensetzung [des Straßenbelags] orientiert sich an Erfahrungswerten aus den letzten 30 oder 50 Jahren", nicht aber an den immer deutlicher spürbaren klimatischen Veränderungen, erklärt sie.

Aktuell müssen die Fahrbahnbeläge laut Autobahn GmbH für eine Temperaturspanne von minus 30 bis plus 45 Grad Celsius ausgelegt sein. Sie würden so gebaut, dass sie "den in Deutschland zu erwartenden klimatischen Beanspruchungen durch Hitze und Kälte standhalten".

Dabei könnten die Temperaturen etwa in einigen Regionen im Osten Deutschlands zwischen 2040 und 2070 schon Höchstwerte von über 45 Grad Celsius überschreiten. Das zeigen Klimamodelle des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Sie gehen davon aus, dass die Emissionen in den nächsten Jahren hoch bleiben und die Erderwärmung weiter zunehmen wird.

Auch eine Studie unter Beteiligung des Forschungsinstituts des Bundesverkehrsministeriums (BASt) kommt zu dem Schluss, dass bisher verbaute Materialien durch den Klimawandel längst an ihre Grenzen stoßen und Handlungsbedarf besteht. Doch diese Erkenntnisse haben bisher nicht zu verbindlichen Vorgaben für angepasste Straßenbeläge geführt.

Sanierung als Chance: klimagerechter Asphalt für die 2070er Jahre

Jede heute sanierte Straße muss auch Temperaturen standhalten, die erst Jahrzehnte später Realität werden könnten. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, die wichtige Straßeninfrastruktur langfristig hitzefest zu machen.

Eine Studie von 2019, an der ebenfalls die BASt beteiligt war, stellte fest, dass sich dunkler Asphalt durch die Beimischung von hellem Quarzitstein um bis zu sieben Grad weniger aufheizte. Die Wissenschaftler empfehlen, möglichst schnell auch reflektierende Deckschichten auf Straßen aufzutragen und kühlende Materialien zu verbauen. Die Vorschläge werden derzeit in der Praxis getestet. Kosten und Haltbarkeit solcher Hitzeanpassungen untersuchte die Studie bisher nicht. Und in der Praxis hat sich auf den Straßen bisher wenig verändert.

Laut Autobahn GmbH würden zwar teilweise schon hellere Gesteine beim Bau verwendet. Wo und in welchem Umfang, ging aus der Antwort jedoch nicht hervor. Dabei spielten auch die regionale Verfügbarkeit und die Kostenaspekte heller Gesteine eine Rolle.

Fit für Hitze: Was technisch möglich ist

In Deutschland erproben und planen einzelne Bundesländer und Städte derzeit helle Fahrbahnen. So sind in der westdeutschen Stadt Oberhausen und im Land Brandenburg Pilotversuche mit hellen Fahrbahnen geplant. In Stuttgart soll ein helles Glitzer-Granulat vor allem die Sichtbarkeit erhöhen.

Von einem systematischen Einsatz geeigneter Straßenbeläge gegen Hitzeschäden ist Deutschland aber noch weit entfernt.

Auch das Aufstreuen von hellem Quarzit auf die Oberfläche des Asphalts könnte laut Stelzenmüller einen Effekt haben und wäre ein kurzfristiger, umsetzbarer Ansatz.

Und auch wenn es im Schnitt immer wärmer wird, bleibt die Herausforderung in Deutschland, dass der Straßenbelag auch bei Frost stabil bleiben muss.

Als Alternative zu Bitumen werde derzeit an Hochleistungsbindemitteln gearbeitet, die beide Extreme – Frost und Hitze – überstehen, sagt Stelzenmüller: "Sie sind eben zum einen besonders elastisch, also flexibel, sodass sie bei tiefen Temperaturen auch noch die Spannungen ertragen können, die durch die Kälte entstehen. Aber gleichzeitig haben sie auch eine sehr hohe Festigkeit und können damit den Verformungen bei hohen Temperaturen standhalten."

Weltweite Vorbilder: Wasser im Asphalt und reflektierende Beschichtungen

Weltweit muss die Infrastruktur angepasst werden. Die Stadt Tokio beispielweise setzt reflektierende und wasserspeichernde Fahrbahnen bereits regulär bei Straßensanierungen ein. Sie können die Oberflächentemperatur um acht bis zehn Grad senken. Bis 2030 sollen rund 245 Kilometer Straßen der japanischen Hauptstadt damit ausgestattet sein.

Auch in Phoenix in den USA wurden helle Beschichtungen bereits auf zahlreichen Straßen eingesetzt. So wird mehr Sonnenlicht reflektiert und sie heizen sich weniger auf. Tagsüber waren sie etwa 6,7 Grad Celsius kühler als herkömmliche Beläge. Allerdings erwärmte das die Umgebungsluft für Passanten spürbar.

Das eigentliche Problem: Die Politik hinkt der Forschung hinterher

Laut Stelzenmüller gibt es derzeit viel Forschung zum klimaangepassten Straßenbau. "Aber bis diese Erkenntnisse auch mal in den Regelwerken niedergeschrieben sind und bis damit regulär Straßen gebaut werden, das ist ein Prozess, der sich über Jahre und Jahrzehnte ziehen wird. Ich erwarte nicht, dass das in den nächsten zwei, drei Jahren umgesetzt werden kann."

Der hitzegerechte Umbau der Infrastruktur wäre schneller möglich, wenn das Bundesverkehrsministerium und die zuständige Straßenbauverwaltung das Thema forcieren würden.

Das ist bei einer anderen Regel, nämlich der der Verschärfung von Schadstoffgrenzwerten bei der Entwicklung von Asphaltmischungen, gelungen.

Das Bundesverkehrsministerium ordnete 2025 an, die weniger giftigen Beläge "schnellstmöglich" einzusetzen, noch bevor die neue Richtlinie offiziell in Kraft trat.

"Da war eine sehr hohe Notwendigkeit und Dringlichkeit gegeben, um diese Grenzwerte einzuhalten. Und hier hat es jetzt [schnell] geklappt, innerhalb von wenigen Jahren neue Regelwerke zu etablieren."

Für einen an Klimaveränderung angepassten und zukunftstauglichen Straßenbau müssten nun die Forschung gebündelt und die Ergebnisse schnell in die Regelwerke einfließen.

"Wenn man das stärker in den Fokus rücken würde, könnte man sicherlich in wenigen Jahren neue Asphalte haben", so die Ingenieurin. Bis zum Redaktionsschluss erhielt DW dazu keine Stellungnahme des Verkehrsministeriums.

Author Tim Schauenberg
Item URL https://www.dw.com/de/warum-baut-deutschland-straßen-für-das-klima-von-gestern/a-78080205?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77169551_607.jpg
Image caption Ob Deutschlands Straßen bei immer extremer Hitze noch mehr Schaden nehmen werden, wird sehr unterschiedlich bewertet
Image source Florian Gaertner/photothek.de/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77169551_607.jpg&title=Warum%20baut%20Deutschland%20Stra%C3%9Fen%20f%C3%BCr%20das%20Klima%20von%20gestern%3F

Item 58
Id 78120750
Date 2026-07-26
Title Bayreuther Festspiele: Festakt und Gedenkfeier
Short title Bayreuther Festspiele: Festakt und Gedenkfeier
Teaser Die Bayreuther Festspiele setzen mit Michel Friedman und Katharina Wagner ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus und Geschichtsvergessenheit. In der Klarheit wurde das Thema noch nie angegangen.
Short teaser Die Bayreuther Festspiele setzen mit Michel Friedman ein Zeichen gegen Antisemitismus und Geschichtsvergessenheit.
Full text

"Ich möchte ausdrücklich sagen, dass Katharina Wagner gerade die Erinnerungskultur in Bayreuth verändert." Mit diesen Worten, gesprochen von der Bühne der Bayreuther Festspiele, hat der deutsch-jüdische Publizist Michel Friedman die zentrale Botschaft des zweitägigen Eröffnungsmarathons der Bayreuther Festspiele formuliert.

Die Gedenkveranstaltung "Verstummte Stimmen", gewidmet den in den Jahren des Nationalsozialismus verfolgten Künstlerinnen und Künstlern des Festivals, wurde, neben dem feierlichen Konzert am Vorabend und der Premiere der Oper "Rienzi" am zweiten Festspieltag, zu einem zentralen Ereignis der Eröffnung. Die Veranstaltung fand nach einigen organisatorischen Turbulenzen am Vormittag des 26. Juli auf der legendären Bühne von Bayreuth statt.

Noch vor seiner Rede im Festspielhaus besuchte der jüdische Publizist Michel Friedman mit Festspielleiterin Katharina Wagner und einigen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde die gleichnamige Ausstellung "Verstummte Stimmen".

Im Park der Bayreuther Festspiele, direkt an der Wagnerbüste, erinnern die grauen Stelen eindrucksvoll an all die ermordeten, verfolgten und unterdrückten jüdischen Künstler, die einmal auf dem Grünen Hügel von Bayreuth wirkten. Ein Kantor der jüdischen Gemeinde sprach ein Gebet für die Ermordeten, es wurden ihre Namen vorgelesen.

Michel Friedman: Demokratie ist in Gefahr

Friedmans über einstündige Rede im Festspielhaus danach umfasste aber wesentlich mehr als die Lücken und blinden Flecken der deutschen Erinnerungskultur. Dem 70-Jährigen, dessen Familie während des Holocausts beinahe ausgelöscht wurde, ging es primär um das Grundsätzliche: um die Mechanismen, die Menschenhass und Unrecht befördern, um die Passivität der Gesellschaft, die das erlaubt. Es ging um das Hier und Heute.

Friedman rügte die "gelangweilte, dekadente Demokratie" und rief alle Anwesende und Zuhörende, aber auch alle "Schweigenden und Nörgelnden" außerhalb dazu auf, zu aktiven Zeitzeugen eigener Zeit zu werden. Ehe es wieder einmal zu spät sei. "Mein Land, Deutschland, ist eine Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft besteht in Vielfalt, und Vielfalt ist mittlerweile wieder ein Begriff, der sehr angegriffen ist. Diese Gemeinschaft und Vielfalt sind aber die einzige Zukunft."

Vereint in einer Zeit-Raum Kapsel

Nirgendwo treffen Geschichte, Kultur und Politik so drastisch aufeinander wie in Bayreuth. Bei der Eröffnung der Festspiele wurde das ein weiteres Mal deutlich.

Zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele kamen auf den roten Teppich von Bayreuth, dem wohl wichtigsten in Deutschlands, Bundeskanzler Merz, Exkanzlerin Merkel, zahlreiche Gäste aus der Politik, nationale und internationale Prominenz.

Im berühmten Saal des Festspielhauses erwartete die Gäste auch die Bayreuth-Prominenz der letzten anderthalb Jahrhunderte: Auf einem Graffiti des ungarischen Street Art-Künstlers Adam Heat, das an dem Abend visuell den Raum prägte.

In der Mitte sieht man König Ludwig von Bayern. Der Märchenkönig überreicht seinem Lieblingskomponisten Richard Wagner einen Gral voller Geld - eine anschauliche Metapher der Festspielgründung. Um ihn herum drapiert - die illustre Bayreuther Gesellschaft aus den letzten 150 Jahren: Mitglieder der Familie Wagner, die über Generationen am Steuer der Festspiele stehen, Dirigenten und Dirigentinnen von Furtwängler und Toscanini bis Oksana Lyniv und Natalie Stutzmann. Aber auch der Wagner-Fan und Bayreuth-Stammgast Adolf Hitler, mondän und mit einem Gläschen in der Hand.

Nike Wagner, Urenkelin des Komponisten, brachte es in ihrem Festvortrag auf den Punkt: Man sei als Besucher dieser Festspiele, als Zuschauer und Zuhörer in diesem Raum, "einkomponiert ins Wagnersche Kunst-Ritual. Wer hier Platz nimmt, sitzt mit all denen, die hier schon gesessen haben, gleichsam in einem Boot, in einer Zeit-Raum-Kapsel."

Die "Weltraumstation Bayreuth" ist immer gut, um Signale auf die Erde zu senden. Und die kamen.

Katharina Wagner: Klare Ansage gegen Rechts

Maximal klar und unmissverständlich brachte Katharina Wagner, die aktuelle und womöglich letzte Wagner-Nachfahrin des legendären Komponisten, ihre Botschaft auf den Punkt: "Im Anbetracht der engen, teils sehr persönlichen Verknüpfung meiner Familie mit dem NS-Regime und den Festspielen als kulturelles Aushängeschild des Dritten Reichs, aber auch eingedenk der Tatsache, dass unsere deutsche Demokratie heute erneut von Kräften bedroht wird, welche versuchen, Antisemitismus, Rassismus, Chauvinismus und Nationalismus erneut staatstragend zu machen, sind wir im Festspielhaus genau am richtigen Ort, um hier Nein zu sagen."

Bundeskanzler Friedrich Merz formulierte in seiner Rede, warum für ihn persönlich die Figur Wagners und seine Musik für die Ambivalenz der deutschen Geistesgeschichte stehen: "Richard Wagners Person und Werk stehen beispielhaft für Größe und Abgründigkeit der deutschen Verhältnisse in Kunst und Geschichte. Sie stehen für die sehr deutsche Kombination von höchst Bewunderungswürdigem und höchst Fragwürdigem in unserer Vergangenheit (...) Wir haben, wenn wir uns mit Wagner beschäftigen, also die Chance, in einem Werk sehr vieles von uns selbst durch die Jahrhunderte vor Augen und Ohren zu haben." Und nirgendwo spüre man diese Chance so hautnah, wie in Bayreuth.

Heute wurde ein neues Kapitel in der Erinnerungskultur der Bayreuther Festspiele aufgeschlagen. Damit will das Festival ein gesellschaftliches Zeichen setzen und Antisemitismus entschieden entgegentreten.

Author Anastassia Boutsko
Item URL https://www.dw.com/de/bayreuther-festspiele-festakt-und-gedenkfeier/a-78120750?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/78120022_607.jpg
Image source Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/78120022_607.jpg&title=Bayreuther%20Festspiele%3A%20Festakt%20und%20Gedenkfeier

Item 59
Id 78085051
Date 2026-07-24
Title Wie Extremwetter Deutschlands Landwirtschaft verändert
Short title Wie Extremwetter Deutschlands Landwirtschaft verändert
Teaser Hitze, Trockenheit, Starkregen und Spätfrost setzen den Bauern in Deutschland zu. Doch die reagieren längst mit angepassten Sorten, neuen Kulturen, moderner Züchtung und veränderten Anbaumethoden.
Short teaser Bauern in Deutschland reagieren mit angepassten Sorten, moderner Züchtung und verändertem Anbau auf Wetterextreme.
Full text

Die Hitzewelle Ende Juni kam für viele Landwirte zur Unzeit. Während Gerste in vielen Regionen Deutschlands bereits erntereif war, traf die Trockenheit andere Kulturen in einer besonders empfindlichen Entwicklungsphase. "Dieses Jahr ist wieder ein schwieriges Jahr für die Betriebe", sagt Horst Gömann von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen (NRW) im Interview mit der DW.

Besonders betroffen ist der Mais. Die extreme Hitze fiel mit der Blütezeit zusammen. "Wir beobachten hier und da schon, dass der Mais keine Kolben ausbildet. Das ist natürlich eigentlich ein Totalausfall", sagt Gömann. Die Energie stecke beim Mais in den Kolben. Fehlen sie, brechen die Erträge massiv ein.

Andere europäische Anbauregionen wurden durch die Hitzewelle im Juni mit Spitzentemperaturen von über 40 Grad noch stärker getroffen. Nach einer aktuellen Analyse des europäischen Verbands der Getreidehändler, Coceral, wurde dadurch der Wert der Getreideernte in Europa um mehr als zwei Milliarden Euro reduziert, wobei Frankreich und Ungarn die größten Verluste hatten.

Wegen der Hitzewelle reduzierte Coceral seine Erwartungen an die Getreideproduktion in der EU und im Vereinigten Königreich um knapp neun Millionen Tonnen nach unten - ein Rückgang von drei Prozent. Das Londoner Analyseinstitut Energy and Climate Intelligence Unit (ECIU) rechnet mit einem Minus von fünf Prozent. Den größten Anteil an der gesenkten Getreideprognose für Europa hat Mais, auf den rund die Hälfte der Korrektur entfiel.

Hitze lässt Getreide früh abreifen

Auch bei Weizen und Gerste hinterließ die Witterung Spuren: Teilweise wurde Gerste mehrere Wochen früher geerntet als üblich. Nach Einschätzung von Horst Gömann von der Landwirtschaftskammer NRW dürfte die Gerstenernte leicht unterdurchschnittlich ausfallen. Beim Weizen rechnet er mit Einbußen von etwa zehn Prozent.

Eine wichtige Anpassungsstrategie sei deshalb die Risikostreuung. Statt nur eine Sorte anzubauen, setzen viele Betriebe auf unterschiedliche Sorten mit verschiedenen Reifezeitpunkten. "Man weiß nie, wann so eine extreme Hitze kommt", erklärt Gömann. Wer mehrere Sorten anbaue, verteile das Risiko über verschiedene Entwicklungsstadien.

Gerste habe dabei einen natürlichen Vorteil. Sie entwickelt sich früher als Weizen und schließt die Kornbildung häufig ab, bevor die große Frühsommertrockenheit einsetzt.

Obstbau kämpft mit Spätfrost und Sonnenbrand

Während auf dem Acker Trockenheit die Ernte gefährdet, ist beim Obstanbau später Frost gefürchtet. Durch den Klimawandel und milde Winter-Temperaturen bilden sich Blütenknospen, aus denen die spätere Frucht entsteht, früher. Frostnächte sind aber bis weit ins Frühjahr möglich.

Viele Obstbauern schützen ihre Blüten deshalb mit einer Frostschutzberegnung. Dabei wird Wasser über die Blüten gesprüht, sodass sich eine Eisschicht bildet. "Innen drin hält sich dann noch so viel Wärme, dass die Temperaturen nicht so tief absinken wie ohne Frostschutzberegnung", erklärt Gömann. Und bei langen Trockenperioden im Sommer können Obstbetriebe diese Anlagen zur Bewässerung nutzen.

Auch gegen Hitze gibt es technische Lösungen. Hagelschutznetze dienen heute nicht nur dem Schutz vor Unwettern. Sie beschatten die Früchte und verhindern Sonnenbrand.

Außerdem wird beim Obst- und Weinanbau bereits mit halbtransparenten Photovoltaik-Folien experimentiert (siehe Artikelbild). Sie erzeugen Strom, schützen die Pflanzen vor zu viel Sonneneinstrahlung und lassen gleichzeitig genügend Licht durch.

Beregnung lohnt sich nicht überall

Nach Ansicht Gömanns ist Bewässerung zwar ein wichtiges Instrument, wirtschaftlich aber nicht immer sinnvoll. Gemüse, Kartoffeln oder Obst erzielen hohe Erlöse und rechtfertigen die Investitionen. Bei Getreide oder Mais lohne sich Bewässerung nicht: "Die Kosten sind einfach zu hoch", sagt er.

Das Wasser stammt überwiegend aus dem Grundwasser. Deutschland sei trotz häufiger auftretender Dürreperioden kein wasserarmes Land. "Wir haben ja grundsätzlich genug Wasser in Deutschland, immer noch", betont der Agrar-Experte. Das Problem sei vielmehr die ungleiche Verteilung. Viel Regen falle im Winter, während im Sommer zunehmend Trockenphasen auftreten.

Neue Sorten für ein wärmeres Klima

Eine zentrale Rolle spielt die Pflanzenzüchtung. Schon heute werden in Nordrhein-Westfalen Sorten angebaut, deren genetische Wurzeln in wärmeren Regionen Europas liegen.

"Wir nutzen beim Weizen beispielsweise schon viel Genetik aus Frankreich", sagt Gömann. Die dortigen klimatischen Bedingungen hätten sich mittlerweile teilweise nach Deutschland verlagert.

Getreide mit kürzeren Halmen, so genannte Halbzwerge, gibt es bereits seit vielen Jahren. Kurze Halme können deutlich schwerere Ähren tragen, knicken bei Starkregen, Hagel oder Wind nicht so leicht um und brauchen weniger Wasser.

Außerdem wird an Weizensorten geforscht, die tiefere Wurzeln haben. Das Ziel der aktuellen Forschung am bundeseigenen Julius Kühn-Institut für Kulturpflanzen ist es, Weizen zu entwickeln, dessen Wurzeln dynamisch auf Trockenheit reagieren: Sie wachsen erst dann gezielt in die Tiefe, wenn das Wasser in der obersten Bodenschicht knapp wird.

Weizen-Erträge: in Deutschland fast dreimal höher als in den USA

In Deutschland lag die Ernte 2025 deutlich über dem Durchschnitt, daher bewegen sich die für das laufende Jahr erwarteten Mengen immer noch im normalen Bereich einer durchschnittlichen Jahresernte. Und dass Deutschland nach wie vor zu den besten Regionen der Welt für die Landwirtschaft zählt, zeigt der Vergleich mit der Weizen-Produktion in den USA.

"Deutschland ist klimatisch sehr begünstigt für Getreide- und Obstanbau", erklärt Agrar-Experte Gömann. Im Südwesten von NRW sei der Weizenertrag pro Hektar doppelt bis fast dreimal so hoch wie in den USA.

"Hier im Rheinland ernten wir ungefähr zehn Tonnen Weizen auf guten Böden, bei normalen Witterungsbedingungen vielleicht auch mal elf bis zwölf Tonnen pro Hektar. "Und wenn ich mir die Statistiken vom Landwirtschafts-Ministerium in den USA ansehe, sind das dort beim Weizen vielleicht drei bis dreieinhalb Tonnen pro Hektar".

Soja und Hirse nur Nischenprodukte

Die Landwirtschaft experimentiert zudem mit neuen Kultur-Pflanzen. Sojabohnen werden inzwischen auch in Teilen Deutschlands angebaut, wenn auch auf sehr kleiner Fläche. Selbst mit der aus trockenen Welt-Regionen bekannten Sorghum-Hirse wird experimentiert - aber ebenfalls in sehr kleinem Maßstab. Auch der Weinbau dringt langsam weiter nach Norden vor - ein sichtbares Zeichen für die Verschiebung der Vegetationszonen.

Mindestens ebenso wichtig wie neue Sorten ist für Gömann der Zustand der Böden. Entscheidend sei, Verdichtungen zu vermeiden, damit Wurzeln tief in den Boden vordringen können.

Landwirte hätten sich schon immer an veränderte Bedingungen anpassen müssen, sagt Gömann. Neu sei jedoch das Tempo. Während sich Klimaveränderungen früher über Generationen vollzogen hätten, seien sie heute innerhalb weniger Jahrzehnte spürbar. "Das Ganze passiert momentan recht schnell", sagt er.

Klima verändert sich schneller

Gleichzeitig habe die moderne Landwirtschaft deutlich bessere Möglichkeiten als frühere Generationen. Neue Sorten entstehen innerhalb weniger Jahre, internationale Züchtungsunternehmen arbeiten kontinuierlich an Pflanzen, die toleranter sind gegen Trockenheit und Hitze.

Fest steht für den Agrar-Experten: Die Häufung extremer Jahre ist kein Zufall. Die ausgeprägten Trockenjahre 2018 und 2019, aber auch die jüngsten Hitzewellen seien Teil eines Trends. "Das kann man sicherlich dem sich abzeichnenden Klimawandel zuschreiben", sagt Gömann. Die Landwirtschaft muss sich also weiter anpassen - so wie sie es seit Jahrhunderten getan hat. Allerdings deutlich schneller als früher.

Author Thomas Kohlmann
Item URL https://www.dw.com/de/wie-extremwetter-deutschlands-landwirtschaft-verändert/a-78085051?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/67629124_607.jpg
Image caption Schutz vor Sonne und Starkregen: Photovoltaik-Anlage über Weinreben bei Freiburg
Image source Philipp von Ditfurth/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/67629124_607.jpg&title=Wie%20Extremwetter%20Deutschlands%20Landwirtschaft%20ver%C3%A4ndert

Item 60
Id 78065816
Date 2026-07-22
Title Bayreuther Festspiele: Glanz und Schatten im Jubiläumsjahr
Short title Bayreuther Festspiele: Glanz und Schatten im Jubiläumsjahr
Teaser Das Jubiläum wird überschattet von dem Eklat um den deutsch-französischen jüdischen Redner Michel Friedman. Doch 150 Jahre Bayreuther Festspiele sind auch ein Grund zum Feiern. Mit einem neuen Ring und der Oper "Rienzi".
Short teaser Das Jubiläum wird vom Eklat um einen jüdischen Redner überschattet. Doch es ist auch ein Grund zum Feiern.
Full text

Am letzten Juli-Wochenende ist es soweit: Die Bayreuther Festspiele gehen an den Start und feiern ihr 150. Jubiläum. Wie jedes Jahr ist das Ereignis ein Magnet für internationale Opernfans und hohe Gäste, vor allem aus der deutschen Politik - angeführt vom amtierenden Bundeskanzler Friedrich Merz und seiner Vorgängerin im Amt, Angela Merkel, die zu den Stammgästen des Festivals gehört.

Vor genau 150 Jahren, am 13. August 1876, wurden nach jahrelangen Querelen um die Finanzierung des kühnen Unterfangens von Richard Wagner die ersten Bayreuther Festspiele eröffnet. Der Philosoph, Wagner-Freund und Festspielgast Friedrich Nietzsche pries die Unternehmung als "erste Weltumsegelung im Reich der Kunst".

Jubiläumsprogramm: "Kinder, schafft Neues"

Das Jubiläumsmenü ist abwechslungsreich: Es gibt eine Neuinszenierung von Richard Wagners epochalem Werk "Der Ring des Nibelungen" mit Hilfe von KI und eine Neuproduktion der Oper "Rienzi", die Wagner mit 29 Jahren seinen ersten großen Erfolg bescherte. Die beiden Produktionen ersetzen den ursprünglichen und aus finanziellen Gründen nicht umgesetzten Plan der Festspielleitung, im Jubiläumsjahr alle vollendeten Opern Wagners, dreizehn an der Zahl, aufzuführen.

Auch die Eröffnungszeremonie verspricht Großes: Am 25. Juli ertönen nicht Wagner-Klänge im Festspielhaus, sondern die Neunte Sinfonie Ludwig van Beethovens, Wagners Idol. 1872 hatte Wagner selbst anlässlich der feierlichen Grundsteinlegung seines Festspielhauses genau diese Sinfonie im Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth dirigiert.

Es klingt also, trotz einiger Abstriche, alles nach einem vielversprechenden und innovativen Jubiläumsprogramm - ganz im Sinne von Wagners Credo "Kinder, schafft Neues". Doch ein Schatten hat sich im Vorfeld der Eröffnung über die Festspiele gelegt: die Aus- und dann wieder Einladung des jüdischen Publizisten Michel Friedman.

Die "Causa Friedman"

Der Eklat schien auf den ersten Blick eine planerische Panne zu sein: Zu der für den zweiten Tag der Festspiele geplanten Gedenkveranstaltung "Verstummte Stimmen" für die zahlreichen jüdischen Künstlerinnen und Künstler, deren Wirken auf dem Grünen Hügel durch Judenhass, Verfolgung und Ermordung ein Ende fand, war Michel Friedman eingeladen. Der jüdische Publizist mit internationalem Ruf sollte über Antisemitismus und die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit der Festspiele sprechen.

"Gerade im Jahr ihres 150-jährigen Bestehens sind sich die Bayreuther Festspiele ihrer historischen Verantwortung bewusst - sowohl im Hinblick auf die antisemitischen Ansichten Richard Wagners als auch auf die spätere enge Verflechtung der Festspiele und Teilen der Familie Wagner mit dem Nationalsozialismus und seinen Repräsentanten", hieß es von Seiten des Festivals.

Wegen fehlender Sicherheitsmaßnahmen wurde Michel Friedman dann aber vorgeschlagen, seine Gedenkrede zu einem späteren Zeitpunkt zu halten. Das ungeschickte Vorgehen erzeugte den fatalen Eindruck, Bayreuth versuche seine antisemitische kontaminierte Geschichte zu umschiffen.

Nach der Entschuldigung der Festspielleitung kommt Michel Friedmann jetzt doch . Musikalisch begleitet wird die Veranstaltung von Werken der jüdischen Komponisten Gustav Mahler und Pavel Haas sowie Richard Wagners "Siegfried-Idyll". "Meine Freude ist groß, Michel Friedman im Festspielhaus willkommen heißen zu dürfen", lässt die Festspielleiterin und Komponisten-Urenkelin Katharina Wagner auf der Festspiele-Seite wissen.

Erstmalig in Bayreuth: Wagners "Rienzi"

Ein besonderes Premieren-Highlight in diesem Jahr ist Wagners Oper "Rienzi", die noch nie bei den Bayreuther Festspielen aufgeführt wurde. Wagner hatte sie im französischen Stil der "Grand Opera" geschrieben. Sie passte für ihn musikalisch nicht zum Kanon der Opern, die in seinem Festspielhaus Jahre später aufgeführt werden sollten.

Die Literaturbearbeitung einer wahren Geschichte aus dem 14. Jahrhundert vom Aufstieg und Fall des römischen Volkstribuns Cola di Rienzo, der gegen die Aristokratie kämpfte, gefiel Wagner als Opernsujet. Und nicht nur ihm: "Rienzi" zählte zu Adolf Hitlers Lieblingswerken. "Was Hitler an dem Rienzi gefallen hat, ist natürlich diese Figur des Aufsteigers, der zum Alleinherrscher aufsteigt aufgrund seines Charismas", sagt Sven Friedrich, Museumsleiter des Richard Wagner Museums in Bayreuth.

Ob es eine gute Idee war, eine von Hitlers Lieblingsopern ausgerechnet im Jubiläumsjahr zur Premiere zu bringen, ist umstritten. Die beiden ungarischen Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, wollen aber alles daran setzen, Rienzi in die heutige Zeit zu holen. "Deshalb beleuchten wir auch nicht gleich diese Art von Diktatur, sondern suchen die Grenzen, wie sich aus einem Populismus heraus ein Staat immer mehr zu einem autoritären System verwandeln kann."

Der KI-Ring macht Furore

Mit Spannung wird bei den Festspielen die Neuinszenierungen des Oper-Zyklus "Ring des Nibelungen" erwartet. Auch bei dieser Oper geht es um Macht, Habgier und Intrigen. Wer das Gold aus dem Rhein erbeutet, besitzt vermeintlich die Macht. Extra für dieses 16-stündige Opern-Mammutwerk hat Richard Wagner sein Opernhaus 1876 bauen lassen.

Intendantin Katharina Wagner will mit der Jubiläums-Inszenierung neue Wege einschlagen und setzt auf die Hilfe von künstlicher Intelligenz. "Wir werden mit zum Teil live generierten Bildebenen arbeiten, dabei werden holografisch 3-D-Räume generiert", erläutert Kurator Marcus Lobbes.

Für die Projektionen hat das Team in den Archiven Bildmaterial der Ring-Aufführungen von 1876 bis 2024 ausgesucht, mit dem die KI arbeiten kann. "Das gesamte Gebilde soll das Gefühl eines großen tönenden Bildes vermitteln", sagt Lobbes. Einen "visuell brodelnden Kosmos aus Licht, Textur, Geschichte und Assoziation" versprechen die Macher. Nicht nur für das Publikum, auch für die Crew um Marcus Lobbes wird es Überraschungsmomente geben, was die KI am Ende ausspuckt.

Die Bayreuther Festspiele finden vom 25. Juli bis zum 26. August statt.

Author Anastassia Boutsko, Gaby Reucher
Item URL https://www.dw.com/de/bayreuther-festspiele-glanz-und-schatten-im-jubiläumsjahr/a-78065816?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/69783710_607.jpg
Image caption Alle Jahre wieder: Die Festspiele sorgen für Aufmerksamkeit
Image source Peter Kolb/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/69783710_607.jpg&title=Bayreuther%20Festspiele%3A%20Glanz%20und%20Schatten%20im%20Jubil%C3%A4umsjahr

Item 61
Id 77956781
Date 2026-07-20
Title Junge Menschen altern schneller - steigt das Krebsrisiko?
Short title Junge Menschen altern schneller - steigt das Krebsrisiko?
Teaser Darm- oder Knochenmarkkrebs - Mediziner sehen bestimmte Krebsarten immer häufiger auch bei jungen Erwachsenen. Eine neue Studie liefert eine mögliche Erklärung: Jüngere Menschen scheinen schneller zu altern.
Short teaser Mancher Krebs betrifft immer häufiger junge Menschen. Das könnte daran liegen, dass Jüngere schneller altern.
Full text

Susanna war 28 Jahre alt, als sie die Diagnose Darmkrebs erhielt. André erkrankte mit 34 Jahren an Lungenkrebs. Die beiden erzählen in den Sozialen Medien von ihrem Kampf gegen die Erkrankung.

Susanna und André sind keine Einzelfälle mehr. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) meldet einen deutlichen Anstieg der Darmkrebsinzidenz in der Altersgruppe der 20- bis 39-Jährigen in Deutschland.

Forschende beobachten eine ähnliche Entwicklung in den USA – mit noch höheren Erkrankungsraten als in Deutschland. Auch andere Krebsarten werden vermehrt bei jüngeren Menschen diagnostiziert, darunter Knochenmark- und Gebärmutterkörperkrebs.

Dabei ist Krebs eigentlich eine Erkrankung des Alters. Laut der Deutschen Krebshilfe liegt das mittlere Alter bei Erkrankung bei Männern und Frauen bei 69 Jahren.Krebszellen entstehen, wenn sich bestimmte Abschnitte der Gene verändern und diese Veränderungen nicht mehr repariert werden können. Je älter wir werden, desto unzuverlässiger funktioniert dieses Reparatursystem.

Lücke zwischen chronologischem und biologischem Alter wächst

Eine aktuelle Studie von Forschenden der Washington University School of Medicine in den USA hat nun einen Zusammenhang gefunden,der einen Hinweis darauf liefern könnte, warum immer häufiger auch Menschen vor dem 50. Lebensjahr an bestimmten Krebsarten erkranken: Bei jüngeren Menschen zeigte sich darin eine größere Lücke zwischen dem chronologischen und dem biologischen Alter.

Das chronologische Alter meint die Anzahl der Lebensjahre seit der Geburt. Das biologische Alter hingegen beschreibt, wie weit Alterungsprozesse im Körper bereits fortgeschritten sind. Verschiedene Organe und Gewebe können unterschiedlich schnell altern.

Anders ausgedrückt: Leber, Gehirn und Herz desselben Menschen können ein unterschiedliches biologisches Alter haben und entsprechend deutlich vom eigentlichen Alter der Person abweichen.

Mit der neuen Studie sei nun erstmals eine Verbindung zwischen der zunehmenden Kluft zwischen chronologischem und biologischem Alter bei jüngeren Menschen und frühen Krebserkrankungen hergestellt worden, sagt Ron Jachimowicz. Er ist Oberarzt und Hämatoonkologe am Universitätsklinikum Köln und Leiter einer Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns.

"Was man nicht vergessen darf: Es handelt sich um eine korrelative Studie", sagt Jachimowicz. Die Untersuchung liefere deshalb nur Hinweise - die aber plausibel seien. Forschenden war bereits bekannt, "dass es eine Assoziation zwischen biologischem Altern und einer erhöhten Krebsneigung gibt", sagt Jachimowicz.

DNA, Blutwerte, Telomere: So wird das biologische Alter bestimmt

Das biologische Alter ist allerdings nicht einfach zu bestimmen. Es müssen verschiedene Parameter herangezogen werden – einen einzelnen präzisen Test gibt es nicht. Stattdessen wird mit Hilfe epigenetischer Tests die chemische Veränderung der DNA gemessen, bestimmte Blutwerte analysiert und die Länge der Telomere, der Schutzkappen an den Enden der Chromosomen, bestimmt. Hinzu kommen physiologische Tests, die verschiedene Körper- und Organfunktionen erfassen sowie kognitive Untersuchungen.

Mit einer Kombination mehrerer solcher Messmethoden haben auch die Autoren der aktuellen Studie gearbeitet. Sie analysierten die Daten von mehr als 150.000 Menschen aus der UK Biobank, einer biomedizinischen Datenbank in Großbritannien.

Bei Menschen, die zwischen 1965-1974 geboren waren, zeigt sich eine deutlich größere Lücke zwischen dem chronologischen und biologischen Alter als bei denen, die zwischen 1950 und 1954 zur Welt kamen.

Je jünger die untersuchten Menschen, desto größer wurde die Kluft: Die Untersuchung weiterer gut 10.000 Menschen aus den USA ergab eine noch breitere Lücke zwischen Personen, die zwischen 1990-1999 geboren wurden, verglichen mit einer Kohorte, deren Geburtsjahr zwischen 1965 und 1969 lag.

"In Australien, Kanada, dem Vereinigten Königreich (UK) und den USA haben Menschen, die in den 1990er Jahren geboren wurden, ein mindestens viermal höheres Risiko für früh auftretenden Darmkrebs als Menschen, die in den 1960er Jahren geboren wurden", schreiben die Autoren in ihrer Studie.

Kann ich mein biologisches Alter beeinflussen?

Früher habe man angenommen, auf 75 bis 90 Prozent des biologischen Alters lasse sich mit Hilfe des Lebensstils einwirken. Stimmt nicht, sagt Ron Jachimowicz: "50 Prozent können wir beeinflussen, die anderen 50 Prozent sind genetisch vorgegeben."

Was den Alterungsprozess verlangsame, "das sind diese typischen Lifestyle-Interventionen", sagt Jachimowicz. Regelmäßiger Sport, gesunde Ernährung, guter Schlaf, Verzicht auf Drogen und Alkohol. Auch soziale Kontakte seien nicht zu unterschätzen, so der Mediziner.

Die Frage, weshalb jüngere Generationen biologisch schneller altern als ihre Eltern und Großeltern, ist weniger leicht zu beantworten. Aber es gibt Hypothesen: "Jüngere Menschen sind oft schon früher und damit längere Zeit ihres Lebens adipös", sagt Tanwei Yuan. Sie ist Epidemiologin in der Abteilung Klinische Epidemiologie der Krebsfrüherkennung am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Außerdem säßen jüngere Menschen mehr und hätten einen weniger guten Schlaf aufgrund der Zeit, die vor Bildschirmen verbracht wird, sagt Yuan. Die Studie, sagt auch sie, liefere wichtige Hinweise, die mit den Hypothesen von Krebsforschern übereinstimmen.

Auch Yuan betont, wie wichtig ein gesunder Lebensstil ist, um frühe Krebserkrankungen zu vermeiden. Zusätzlich sagt sie: "Wenn du dich nicht gut fühlst, geh zum Arzt und bitte um ein Screening." Yuan weiß, wovon sie redet. Nachdem sie sich einige Zeit schlecht fühlte, wurde bei der 32-jährigen Forscherin im letzten Jahr ein Darmpolyp entdeckt.

Darmpolypen sind erstmal harmlos, können aber unbehandelt zu Krebs entarten. Aufmerksam auf die Zeichen des Körpers zu achten und im Zweifel Maßnahmen zu ergreifen, sei deshalb so wichtig, sagt Yuan.

Kann ein Arzt mein biologisches Alter bestimmen?

Nein, sagt der Mediziner Ron Jachimowicz. Die Bestimmung des biologischen Alters sei "Gegenstand aktueller wissenschaftlicher Forschung, aber nichts davon ist praktische Routine und klinischer Alltag."

Aber in die Richtung sollte es gehen, findet Jachimowicz, gerade in Hinblick auf Krebs und mögliche Interventionen. Deshalb sei die aktuelle Studie auch so wichtig, weil sie eine Richtung aufzeigt, in die Forschende schauen sollten. "Es ist Zukunftsmusik, wirklich spannende Zukunftsmusik."

Author Julia Vergin
Item URL https://www.dw.com/de/junge-menschen-altern-schneller-steigt-das-krebsrisiko/a-77956781?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77980441_607.jpg
Image caption Immer mehr Menschen sind schon früh stark übergewichtig - und haben damit ein höheres Risiko, an Krebs zu erkranken.
Image source Sebastian Kahnert/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77980441_607.jpg&title=Junge%20Menschen%20altern%20schneller%20-%20steigt%20das%20Krebsrisiko%3F

Item 62
Id 77899562
Date 2026-07-20
Title "Loneliness Influencer": Millionen Klicks fürs Alleinsein
Short title "Loneliness Influencer": Millionen Klicks fürs Alleinsein
Teaser Keine Freunde, kein Dating, kein Problem? Viele Influencerinnen inszenieren soziale Isolation als Lifestyle. Doch Fachleute warnen vor den Folgen.
Short teaser Keine Freunde, kein Dating, kein Problem? Viele Influencerinnen inszenieren soziale Isolation als Lifestyle.
Full text

Eine junge Frau im Business Outfit kommt nach Hause, schmust mit ihrem Kater, reinigt ihre High Heels, duscht und macht es sich im Pyjama mit Pizza und Softdrink vor dem Fernseher gemütlich. Danach räumt sie auf, bringt den Müll raus ("In dieser Wohnung herrscht nie Unordnung") und verbringt den Rest des Abends mit ihrem Kater auf dem Sofa. Der Titel des Videos: "POV: Du lebst allein in New York und hast keine Freunde, deshalb verbringst du Freitag Abend so". Es wurde auf Instagram bereits mehr als 11 Millionen mal angesehen.

Dieses Reel ist das bislang erfolgreichste von "Paulina Cee", die mehr als 320.000 Follower auf Instagram hat. Auf ihrem Account finden sich zahlreiche Videos dieser Art, immer mit dem Hinweis, dass sie keine Freunde habe. Und damit liegt Paulina Cee im Trend: In den Sozialen Medien finden sich etliche junge Frauen, die ihr Alleinsein als Lebensstil präsentieren. Mal haben sie einen Hund, mal ein oder zwei Katzen, ansonsten ähneln sich die Videos in ihrer Ästhetik: Die Wohnungen sind immer auf fast sterile Weise sauber und spärlich möbliert, nichts liegt einfach nur herum, viel Leere überall.

Mit sich und dem Alleinsein im Reinen

Eine der Pionierinnen dieses Trends ist Lana Isa aus Toronto. Ihre Videos tragen Titel wie "Nur eine Introvertierte in ihrem natürlichen Lebensraum (allein zu Haus mit leckerem Essen)" oder "Wie ein Wochenende als Mädchen ohne Freunde und keinem Interesse an Männern oder Dating aussieht".

Lana Isa beendet ihre Reels stets mit dem positiven Aufruf "enjoy your life", sie scheint mit ihrem offenbar weitestgehend allein geführten Leben im Reinen. Persönliche Kontakte hat sie nur zu Mutter - per Facetime - und Schwester, ansonsten geht es in den Videos vor allem ums Konsumieren: von meist eher ungesunden Lebensmitteln, neuen Klamotten oder Kinofilmen.

Die Kanadierin erklärt, dass sie mit ihrem Content keine andere Absicht verbindet, als ihr echtes Leben zu teilen, das nach ihren Angaben von einer generalisierten Angststörung und dem Verlust ihrer Beziehung und sämtlicher Freundschaften vor einigen Jahren geprägt wurde: "Es sollte nie nur ein 'ästhetischer Vlog' sein oder ein Leben ohne Freunde romantisieren", schreibt sie auf Instagram. "Ich habe einfach angefangen zu filmen und das aktuelle Kapitel meines Lebens zu zeigen, nämlich die Ruhe, die eintrat, nachdem ich meine Gefühle verarbeitet hatte."

Authentizität schwer nachprüfbar

Mareike Ernst ist Assistenzprofessorin für psychoanalytisch orientierte Psychotherapieforschung an der Uni Klagenfurt mit den Schwerpunkten Psychotherapie und Einsamkeit; sie steht den Inhalten solcher Reels zwiegespalten gegenüber.

Einerseits sei es positiv, wenn junge Frauen zeigten, dass Alleinsein - auch in der Öffentlichkeit - gut und normal sei: "Das kann zur Entstigmatisierung (vom Ausgehen ohne Begleitung, Anm. d. Red.) beitragen und ist ein Gegenentwurf zu den Inhalten vieler anderer Influencerinnen, die oft eine fast permanente Geselligkeit zeigen." Andererseits aber könnten junge Menschen, die in einer ähnlichen Lebenssituation sind, sich an diesen "Loneliness Influencern" orientieren, "so dass es dadurch immer mehr normalisiert wird, dass man hauptsächlich alleine ist und man sich deshalb einredet, 'das ist schon gut so'."

Ob diese Loneliness Influencerinnen alle authentisch sind, lässt sich schwer nachprüfen, entscheidend ist jedoch ohnehin, dass viele Follower ihnen glauben und das in den Videos dargestellte Alleinsein positiv kommentieren. Fakt ist jedoch: Soziale Isolation kann auf Dauer krank machen. Studien zufolge erhöht sie das Risiko für Herzkrankheiten, psychische Erkrankungen sowie einer vorzeitigen Sterblichkeit.

Immer mehr junge Menschen sind diesen Risiken ausgesetzt: Im Rahmen einer Studieder Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2025 gaben zwischen 17 und 21 Prozent der befragten 13- bis 29-Jährigen an, sich einsam zu fühlen, wobei die Werte bei Teenagern am höchsten sind. Die WHO schätzt, dass rund ein Viertel der Jugendlichen von sozialer Isolation betroffen ist. Laut einer Nivea-Studie in 13 Ländern weltweit fühlen sich 24 Prozent der jungen Menschen zwischen 16 und 24 Jahren sozial isoliert, über alle Altersstufen hinweg sind es 19 Prozent.

Alleinsein als Ästhetik?

"Loneliness Influencer" sind nahezu ausschließlich Frauen. Mareike Ernst vermutet, dass es mit den Rollenbild-Stereotypen zu tun hat: Von Frauen werde erwartet, dass sie Beziehungen herstellen, für andere da sind. Die Gegenbewegung könne für Frauen Emanzipation bedeuten. "Vielleicht passt es aber auch mehr in eine weibliche Influencer-Ästhetik, wenn es um Selfcare, Kochen, Aufräumen und solche Dinge geht."

Wegen dieser Ästhetik hat sich jüngst ein Mann mit einem Appell an die Influencerinnen gewandt - ebenfalls auf Instagram. Der US-amerikanische Psychotherapeut Phil Lane forderte die jungen Frauen auf: "Hört auf, Einsamkeit als Ästhetik durchsetzen zu wollen, das wird nicht funktionieren. Es ist wichtig, dass wir mit unseren Mitmenschen zusammen sind. Das ist eines unserer grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse."

Es sei nichts Falsches daran, etwas Zeit alleine zu verbringen, sagte Lane. "Manchmal genieße ich meine eigene Gesellschaft wirklich sehr und schätze die Einsamkeit, aber wir dürfen das nicht übertreiben, da es erhebliche Gesundheitsrisiken mit sich bringen kann." Mit seiner Botschaft ist Lane noch nicht wirklich durchgedrungen: Sein Post hat bislang rund 900 views.

Author Katharina Abel
Item URL https://www.dw.com/de/loneliness-influencer-millionen-klicks-fürs-alleinsein/a-77899562?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77899670_607.jpg
Image caption Gemütlich, aber potentiell auch gefährlich: Alleinsein
Image source Dmitrii Marchenko/Zoonar/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77899670_607.jpg&title=%22Loneliness%20Influencer%22%3A%20Millionen%20Klicks%20f%C3%BCrs%20Alleinsein

Item 63
Id 78010958
Date 2026-07-19
Title Adriana Bignagni Lesca: Opernstar zwischen zwei Welten
Teaser Aus einem Land ohne Opernhäuser auf die großen Bühnen Europas: Die außergewöhnliche Erfolgsgeschichte von Mezzo-Sopranistin Adriana Bignagni Lesca aus Gabun.
Full text

Wie schafft man es aus einem Land, in dem es keine Opernhäuser gibt, auf die großen Bühnen der Welt?

Adriana Bignagni Lesca aus Gabun ging nach Frankreich, um Klavier zu studieren. Doch es kam alles anders: Heute ist sie eine gefeierte Opernsängerin. Sie hat uns in Paris von ihrer ungewöhnlichen Karriere erzählt.

Author Gero Schließ
Item URL https://www.dw.com/de/adriana-bignagni-lesca-opernstar-zwischen-zwei-welten/video-78010958?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77729459_607.jpg
Image source Agathe Poupeney
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/emd/emd20260717_AdrianaBignagni_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/77729459_607.jpg&title=Adriana%20Bignagni%20Lesca%3A%20Opernstar%20zwischen%20zwei%20Welten

Item 64
Id 78012317
Date 2026-07-18
Title EU-Kommission will Emissionshandel bremsen
Short title EU-Kommission will Emissionshandel bremsen
Teaser Die EU-Kommission hat ihre Vorschläge für eine Lockerung des europäischen Emissionshandels vorgestellt. Dabei weicht sie von ihren vorherigen Klimaschutz-Plänen ab. Kritiker befürchten eine Verwässerung.
Short teaser Die EU-Kommission schlägt eine Lockerung des europäischen Emissionshandels vor. Was bedeutet das?
Full text

"Wir wissen, dass die Dekarbonisierung die beste Wirtschafts- und Sicherheitsstrategie für Europa ist," bekräftigt EU-Vizekommissionspräsidentin Teresa Ribera den generellen Kurs der EU, bis 2050 klimaneutral sein zu wollen. Dieser Kurs stärke die Wettbewerbsfähigkeit, verringere die Abhängigkeit von importierten Brennstoffen und mache die Wirtschaft widerstandsfähiger, so die Spanierin am Freitag bei der Vorstellung der Vorschläge zur Reform des EU-Emissionshandelssystems (EHS).

Die Idee hinter diesem System ist, dass einige besonders energieintensive Industrien für den Ausstoß des Treibhausgases CO2 Zertifikate brauchen. Diese werden teils kostenlos zugeteilt, teils müssen sie erworben werden. Das System gilt als das wichtigste Instrument zur Erreichung der EU-Klimaziele. Die EU-Kommission schlägt nun, auch unter dem Druck von Industrie und einiger Mitgliedstaaten, gewisse Anpassungen vor.

Klimazertifikate auch über 2039 hinaus

Seit seiner Einführung 2005 habe der Emissionshandel nach Angaben der Kommission geholfen, die Emissionen EU-weit um rund 50 Prozent zu reduzieren. Die Anzahl der verfügbaren Zertifikate wird dabei immer weiter runtergefahren, um so Anreize zu schaffen, weniger CO2 auszustoßen.

Mit dem heutigen Vorschlag will die EU-Kommission jedoch die Geschwindigkeit, mit der die Ausgabe der Zertifikate reduziert wird, in Zukunft drosseln. Bis 2027 werden pro Jahr 4,3 Prozent und ab 2028 pro Jahr 4,4 Prozent weniger Zertifikate ausgegeben. Wenn es nach der EU-Kommission geht, sollen es ab 2031 nur noch jeweils 3,7 Prozent und ab 2036 sogar nur noch 1,7 Prozent weniger Zertifikate sein als im Vorjahr.

Damit schaffe man Abhilfe für die Unternehmen, sei aber dennoch auf Kurs, das gesetzlich verbindliche Klimaziel für 2040 zu halten, betont die EU-Kommission. Im Jahr 2040 will die EU im Vergleich zu 1990 insgesamt 90 Prozent weniger Emissionen ausstoßen. Davon müssen 85 Prozent innerhalb der EU und fünf Prozent in Drittstaaten eingespart werden. Bis 2050 will die EU klimaneutral sein.

Eigentlich war geplant, dass die Klimazertifikate nur bis 2039 ausgegeben werden sollen. Mit den neuesten Vorschlägen könnte es sie jedoch bis 2046 oder sogar bis 2048 geben, so eine EU-Beamtin am Freitag.

Weitere Ausgabe freier Zertifikate - unter Auflagen

Von der kostenfreien Zuteilung von Verschmutzungsrechten profitieren insbesondere energieintensive Unternehmen, bei denen es ein Risiko gibt, dass die Produktion wegen günstigerer Kosten sonst ins Ausland verlagert wird, wie etwa bei der Stahl- und Eisenproduktion.

Eigentlich war vorgesehen, dass diese 2034 auslaufen und stattdessen ein Ausgleich der Preisdifferenz im Rahmen eines Grenzausgleichsverfahrens geschehen soll. Dieser Mechanismus soll, laut den Vorschlägen, nun erst ab 2038 greifen. Außerdem wird die EU-Kommission in einigen Bereichen - darunter die Chemie und Raffinerieindustrie - mehr kostenfreie Zertifikate für den Zeitraum 2026 bis 2030 ausgeben.

Allerdings heiße die Zuteilung von Gratiszertifikaten nicht, dass es sich dabei um frei verfügbares Geld für die Unternehmen handle, betonte EU-Klimaschutzkommissar Wopke Hoekstra bei der Vorstellung der Vorschläge. Die EU-Kommission plant, die Zuteilung davon abhängig zu machen, in welchem Ausmaß die Unternehmen den Wert der ihnen zugeteilten freien Zertifikate in ihre Dekarbonisierung investieren.

Weitere Änderungen schlägt die EU-Kommission auch für Flugreisen vor: So solle das Emissionshandelssystem ab 2029 auch für Flüge gelten, die aus dem Europäischen Wirtschaftsraum starten und nicht weiter als 5000 Kilometer vom "geografischen Zentrum" der Union landen. Dies soll künftig auch Privatflüge umfassen. Bislang waren nur innereuropäische Linienflüge dem System unterworfen. Weitere Änderungen sind für die Schifffahrt und den Müllverbrennungssektor vorgesehen.

Wie kommen die Vorschläge an?

Der Bundesverband der Deutschen Industrie sieht "teils sinnvolle Signale", kritisiert jedoch, dass es "weder ausreichende Voraussetzungen für Investitionen in die industrielle Transformation Europas, noch eine überzeugende Antwort auf die fortschreitende Deindustrialisierung" gebe. Kritik an dem Vorschlag kommt auch vom grünen EU-Politiker Michael Bloss: So erteile die EU-Kommission "der Industrie die Lizenz, noch länger und günstiger zu verschmutzen." Die Pläne der EU-Kommission sorgten für eine "gigantische Umweltverschmutzung." Peter Liese, der designierte Chefunterhändler des EU-Parlaments für die EHS-Reform, begrüßte hingegen den Vorschlag: Es sei ein "guter Tag für den Klimaschutz und die Industrie." Man wolle die Pläne zügig beraten, so der CDU-Politiker.

Die Vorschläge werden nun im EU-Parlament und den Mitgliedstaaten debattiert. Auch innerhalb der EU-Staaten gehen die Interessen beim Thema Emissionshandel teils weit auseinander. Während einige Staaten die Lockerungen begrüßen dürften, hatten sich andere Staaten, wie etwa Schweden und Spanien, im Vorfeld gegen einzelne Aspekte der EHS-Reform ausgesprochen.

Author Lucia Schulten
Item URL https://www.dw.com/de/eu-kommission-will-emissionshandel-bremsen/a-78012317?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/73462394_607.jpg
Image caption Qualm strömt aus dem Schornstein des Braunkohlekraftwerks Schkopau in Teutschenthal, Sachsen-Anhalt in 2023 (Archivbild).
Image source Jan Woitas/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/dwtv_video/flv/globalideas_de/globalideas_de2012618_infofilmco2handel_sd_sor.mp4&image=https://static.dw.com/image/73462394_607.jpg&title=EU-Kommission%20will%20Emissionshandel%20bremsen

Item 65
Id 77964108
Date 2026-07-16
Title Deutschland: Mehr als 5000 Hitzetote - was sagt diese Zahl?
Short title Deutschland: Mehr als 5000 Hitzetote - was sagt diese Zahl?
Teaser Laut Robert Koch-Institut gab es bis Ende Juni über 5100 Hitzetote in Deutschland. Doch wie lässt sich überhaupt sagen, ob jemand aufgrund der Hitze gestorben ist?
Short teaser Laut Robert Koch-Institut gab es bis Ende Juni über 5100 Hitzetote in Deutschland. Was bedeutet das?
Full text

Ein Hitzschlag beginnt mit Kopfschmerzen, Schwindel und Bewusstseinsstörungen. Die Thermoregulation des Körpers versagt und die Körpertemperatur steigt lebensbedrohlich an. Multiorganversagen und der Tod können die Folge sein. Solche Todesfälle, die direkt auf Hitze zurückzuführen sind, stellen Mediziner aber selten fest. Laut dem Statistischen Bundesamt wurden durchschnittlich 21 solcher Fälle in den Jahren 2004 bis 2014 gezählt.

Die vom Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlichte Zahl von 5120 hitzebedingten Sterbefällen für das Jahr 2026 in Deutschland bis einschließlich 28. Juni sind deshalb eine Schätzung. Was nicht bedeutet, dass die Zahl aus der Luft gegriffen ist. "Es ist ein statistischer Zusammenhang", sagt Alexandra Schneider, Meteorologin, Epidemiologin und stellvertretende Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München.

Statistischer Zusammenhang zwischen Temperatur und Todesfällen

Dieser Zusammenhang ergibt sich aus der Betrachtung der Sterbefallzahlen, die das Statistische Bundesamt in Deutschland erhebt und der Entwicklung der Temperaturen innerhalb eines bestimmten Zeitraums, die der Deutsche Wetterdienst (DWD) misst. So starben allein in der letzten Juniwoche etwa 23.600 Menschen. Die Wochenmitteltemperatur - also die durchschnittliche Tages- und Nachttemperatur einer Woche - betrug 26 Grad. Das RKI rechnet ab einer Wochenmitteltemperatur von 20 Grad mit hitzebedingten Todesfällen.

Die Zahl der Todesfälle dieser letzten Juniwoche lag knapp 30 Prozent höher als der mittlere Wert der Vergleichszeiträume der Vorjahre, mit etwa 18.200 Toten. Um die Anzahl der hitzebedingten Sterbefälle zu schätzen, modellierten die Forschenden, wie viele Todesfälle es stattdessen unter Bedingungen mit Temperaturen bis maximal 20 Grad Celsius gegeben hätte.

Bestimmte Störgrößen würden noch herausgerechnet, erklärt Schneider. Mit dieser Methode kommt das RKI auf geschätzte 5120 hitzebedingte Todesfälle - allein 4310 Tote entfallen dabei auf die letzte Juniwoche.

Alexandra Schneider hält die Schätzung für plausibel und hat eine Zahl dieser Größenordnung erwartet. In der Vergangenheit hat die Epidemiologin das Vorgehen des RKI durchaus kritisiert. Schwanke die Temperatur innerhalb einer Woche sehr stark, würde ein Wochenmittel die starken Ausschläge abflachen und die Todesfälle eher unterschätzen, erklärt sie. "Dieses Mal war es aber durchgehend heiß."

Mehr Tote durch Kälte als durch Hitze in Deutschland und Europa

Für die kältebedingten Todesfälle gilt das Gleiche wie bei Hitzetoten: Es handelt sich um eine Schätzung und einen plausiblen statistischen Zusammenhang. In der kälteren Jahreszeit nehmen Atemwegserkrankungen zu. Kälte begünstigt außerdem - ebenso wie Hitze - Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, wie die Epidemiologin Schneider erläutert.

"In Europa ist es so, dass die kälteassoziierten Mortalitäten noch weitaus höher sind als die hitzeassoziierten", sagt Schneider. "Aber man sieht, dass es einen langsamen Shift gibt." Könnte der Klimawandel nicht für mildere Winter sorgen und damit dafür, dass weniger Menschen sterben? Diese Frage haben sich auch Forschende gestellt und verschiedene Szenarien modelliert.

Egal wie günstig die Szenarien gewesen seien, sagt Schneider, es laufe immer darauf hinaus, "dass der Nettoeffekt, also die Zahl der Todesfälle insgesamt, zunimmt". Weil die Todesfälle, die der Hitze zugeschrieben werden könnten, so stark zunähmen, dass die Abnahme der kälteassoziierten Todesfälle die Zunahme nicht aufwiege.

Hitzebedingte Todesfälle sind nur die Spitze des Eisbergs

Schneider sagt, eine ausschließliche Konzentration auf den Hitzeschlag als eine durch hohe Temperaturen verursachte Todesursache, würde die Auswirkungen von Hitze massiv unterschätzen. "Deshalb verwendet man diese statistischen Verfahren, um die Zusammenhänge zwischen anderen chronischen Krankheiten und der Hitze zu sehen und zu untersuchen."

Sie war selbst an Studien beteiligt, die einen Zusammenhang zwischen Hitze und bestimmten Erkrankungen belegen. "Wir konnten zeigen, dass Hitze mittlerweile stark mit Herzinfarkten assoziiert ist", sagt Schneider. Nächtliche Hitze erhöhe außerdem das Risiko für Schlaganfälle.

Hitze belastet Rettungskräfte und Klinikpersonal

Jonas Sonnenstuhl ist Notfallsanitäter in Teltow in Brandenburg. "Was wir alle wissen, ist, dass genau solche Erkrankungen wie Schlaganfall, Herzinfarkt, häufiger werden beziehungsweise auch schneller zum Verhängnis werden", sagt er.

Die hitzebedingten Todesfälle nennt Alexandra Schneider nur die Spitze des Eisbergs. Auch wenn hohe Temperaturen nicht zum Tod führen, sind sie eine gesundheitliche Belastung. Vor allem für Menschen, die bereits vorerkrankt sind.

Sonnenstuhl erzählt von einer 17-jährigen Patientin, die einen angeborenen Herzfehler hat und während der Hitzewelle den Notruf wählte. "Sie hat an dem Tag deutliche Symptome gezeigt, die schon darauf zurückzuführen sind, dass der Körper am Limit war." Atemnot, Schwindel und Bewusstseinsstörungen.

Die Hitze hat Rettungskräfte und Klinikpersonal auch auf andere Weise an die Kapazitätsgrenzen gebracht. Am 28. Juni, als Sonnenstuhl einen 24-Stunden-Dienst hatte, sei die Temperatur im Innenraum des Rettungswagens nicht unter 30 Grad gefallen. Belastend hinzu kamen schwere Arbeitskleidung, Stiefel mit Stahlkappen und anstrengende körperliche Arbeit.

Viele Rettungsstellen in Kliniken seien nicht klimatisiert, die Rettungswachen erst recht nicht, so Sonnenstuhl. "Sowohl wir als auch das Personal in der Klinik waren am Limit." Gerade für Menschen, die Leben retten sollen, sei aber ein kühler Kopf das A und O.

Author Julia Vergin
Item URL https://www.dw.com/de/deutschland-mehr-als-5000-hitzetote-was-sagt-diese-zahl/a-77964108?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77993834_607.jpg
Image caption Während einer Hitzewelle sind Rettungskräfte und Klinikpersonal im Dauereinsatz
Image source Henning Kaiser/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77993834_607.jpg&title=Deutschland%3A%20Mehr%20als%205000%20Hitzetote%20-%20was%20sagt%20diese%20Zahl%3F

Item 66
Id 77938515
Date 2026-07-16
Title "Blue Dot Fever": Konzerte boomen - Absagen auch
Short title "Blue Dot Fever": Konzerte boomen - Absagen auch
Teaser Live-Musik steht hoch im Kurs, Fans schätzen das gemeinsame Erlebnis. Trotzdem geraten viele Konzerte unter Druck: Tickets bleiben liegen, Shows werden abgesagt. Die Branche wächst - doch Teile von ihr kriseln.
Short teaser Live-Musik steht hoch im Kurs. Trotzdem geraten immer mehr Shows unter Druck.
Full text

Seit einiger Zeit kursiert der Begriff "Blue Dot Fever" durch die Medienlandschaft. Mit "Blue Dots" sind die blauen Punkte in Saalplan-Grafiken der Tickethändler gemeint, die anzeigen, wie viele Plätze noch frei sind. Sind kurz vor einem Konzert noch viele von ihnen zu sehen, ist das für Künstler und Veranstaltende eine ziemlich schlechte Nachricht.

Doch genau das passiert inzwischen immer häufiger. Konzerte oder Tourneen müssen abgesagt werden, weil die Kosten ohne die entsprechende Anzahl an Ticketverkäufen schlichtweg zu hoch sind. Düstere Aussichten für die Konzertlandschaft?

Die "Ökonomie der Superstars"

Schaut man sich die Tourneen der ganz Großen an, zeigt sich ein anderes Bild. Megastars wie Beyoncé, Oasis oder Coldplay füllen weiterhin riesige Stadien. Beyoncé führt das Ranking der erfolgreichsten Musiktourneen 2025 laut den offiziellen Pollstar-Charts mit einem Umsatz von mehr als 400 Millionen US-Dollar an. Die "Oasis Live ’25"-Tour war einer der größten Ticketerfolge der vergangenen Jahre. Und auch Coldplay bleibt ein Publikumsmagnet: Viele Konzerte der laufenden "Music of the Spheres"-Tour waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Von Krise keine Spur.

Eines jedoch haben alle Konzerte gemeinsam: Die Kosten sind gestiegen, sagt Johannes Everke vom Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft im Interview mit der DW. "Durch Personalkostensteigerungen, durch Technikkostensteigerungen, Energie und all das, was die Inflation dann auch noch mitbringt, haben wir viel höhere Produktionskosten als noch 2019." Dadurch werden auch die Tickets teurer; die finanzielle Hürde für die Fans wird größer.

Die Auswirkungen bekommen aber eben nicht alle gleichermaßen zu spüren. Das bestätigt auch Stephan Thanscheidt von FKP Scorpio, einer der größten Konzert- und Festivalveranstalter in Europa. "Hier kommen mehrere Faktoren zusammen: Zum einen haben Megastars eine hohe Zahl an Superfans, die Liveshows ihrer Idole um keinen Preis verpassen möchten. Außerdem entscheiden sich viele Menschen im Zweifel eher für ein als Happening wahrgenommenes Großkonzert als für mehrere kleinere Shows, wenn sie ihr Geld zusammenhalten müssen."

Der verstorbene US-Ökonom Alan B. Krueger beschrieb dieses Phänomen als "Ökonomie der Superstars", in der wenige Superstars den Großteil der Einnahmen erzielen.

Was ist mit den Stars von morgen?

Für Johannes Everke ist der Live-Musik-Markt ein in sich funktionierendes Ökosystem, das jetzt unter Druck sei. Mit dem Geld, das sich bei Großkonzerten verdienen lässt, finanzieren die Veranstaltenden in der Regel die kleineren und unbekannteren Acts. Dieser "Circle of Life" aber sei in Gefahr, wenn die Margen geringer würden. Sensationelle Ticketverkäufe bei Mega-Events bedeuteten zwar einen hohen Umsatz, aufgrund von gestiegenen Kosten aber nicht automatisch einen hohen Gewinn für die Veranstaltenden, da die Ticketpreise weniger gestiegen seien als die Produktionskosten, so Everke.

"Circle of Life bedeutet, man begleitet kleine Bands eine ganze Weile, bis die dann so groß sind, dass sie anfangen wirklich Geld zu verdienen. Und mit dem, was man da verdient, geht man wieder in die 'Produktentwicklung' und investiert wieder in Kleine."

Prominentes Beispiel ist Ed Sheeran, der unter anderem von FKP Scorpio über Jahre hinweg begleitet und aufgebaut wurde. "Viele unserer heutigen Erfolge haben als absolute Herzensangelegenheiten begonnen, und nicht immer war klar, ob sie auch ökonomisch erfolgreich sein würden", bestätigt Stephan Thanscheidt. "Ohne die Querfinanzierung von neuen Ideen oder Artists, an die wir glauben, würde es nicht gehen: Unsere heutigen Erfolge ermöglichen die von morgen."

Konzerte sind keine Promo-Touren mehr

Ein weiterer Faktor, der das Ganze erschwert, ist die veränderte wirtschaftliche Bedeutung von Konzerten. Früher dienten Tourneen auch dazu, neue Alben zu bewerben, sagt Verbands-Geschäftsführer Johannes Everke. "Und dann hat man Konzerte gespielt, und selbst wenn man dabei draufgezahlt hat, hat man das Geld über das Album wieder eingespielt. Dementsprechend haben sich dann auch zum Teil Labels an den Konzerttouren finanziell beteiligt." Im Zeitalter des Streamings, das deutlich geringere Erträge bietet, gebe es das nicht mehr.

Etwa die Hälfte der Einkommen von Künstlerinnen und Künstlern komme mittlerweile aus dem Live-Geschäft, so Everke. Entsprechend groß sei der Druck, mit Tourneen auch wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen. Hinzu komme, dass viele etablierte Acts ihre Karriere heute deutlich länger fortführten. "Die spielen alle unendlich viele Konzerte, weil sie eben nicht mehr von den Plattenverkäufen leben können", sagt Everke. Das sorge für ein dichtes Angebot und verschärfe den Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des Publikums.

Residencies als punktuelle Verschärfer

Einige Megastars sind inzwischen dazu übergegangen, nicht mehr ausschließlich von Stadt zu Stadt zu touren, sondern stattdessen sogenannte "Residencies" aufzubauen. Dabei handelt es sich um Konzertreihen, bei denen Künstlerinnen und Künstler über einen längeren Zeitraum an einem festen Veranstaltungsort auftreten.

Ein prominentes Beispiel ist Shakira, die im Herbst 2026 insgesamt zwölf Konzerte in Madrid spielen wird. Die Nachfrage ist so groß, dass mehrfach Zusatztermine angekündigt wurden. Die Auftritte finden in einem eigens dafür errichteten "Estadio Shakira" statt. Auch Harry Styles setzt auf das Modell. Im Juni spielte er im Rahmen seiner "Together, Together"-Tour zwölf Konzerte im Londoner Wembley-Stadion.

Johannes Everke sieht darin allerdings kein Zukunftsmodell für den gesamten Markt. Nur sehr wenige Künstlerinnen und Künstler seien in der Lage, Fans aus ganz Europa oder sogar aus anderen Kontinenten anzuziehen. Für das Publikum seien solche Konzerterlebnisse zwar attraktiv, durch Anreise und Übernachtung aber häufig auch deutlich teurer. Das könne sich wiederum auf den übrigen Konzertmarkt auswirken. "Wenn Sie für eine Konzertreise viel Geld investiert haben, dann wird es Ihnen schwerer fallen, am Dienstagabend in die kleine Clubshow zu gehen."

Solidarität ist gefragt - Beispiel Großbritannien

Was aber passiert nun mit dem Nachwuchs, der eines Tages die Stadien füllen soll, wenn das Ökosystem des Live-Musik-Marktes außer Balance gerät? Johannes Everke ist trotz allem optimistisch. Live-Musik-Events an sich seien gefragt wie nie zuvor. Der Markt wächst. In Deutschland beispielsweise besuchten nach Angaben der GEMA im Jahr 2024 rund 70 Millionen Besucherinnen und Besucher Konzerte der Unterhaltungsmusik (vor allem Pop und Rock) – das sind mehr als vor der Corona-Pandemie.

Zwar werden – so Everkes Vermutung – auch in Zukunft ein paar wenige Superstars den Löwenanteil des Gesamtumsatzes des Marktes auf sich vereinen. Dann aber werde es "auch schnell in die Breite gehen". Er ist sich sicher, "dass Menschen auch immer etwas Neues hören wollen und auch immer suchen werden nach neuer Musik, nach neuen Trends."

Wichtig aber sei natürlich, die kleineren Veranstaltungen weiterhin zu unterstützen. "Das sind halt Dinge, um die wir uns kümmern müssen. Das müssen wir schützen." Als positives Beispiel nennt er das britische LIVE Trust-Modell: Bei vielen großen Konzerten und Tourneen wird freiwillig ein Pfund pro Ticket in einen Fonds eingezahlt, der die Grassroots-Musikszene und kleine Spielstätten unterstützt. Auch Harry Styles habe sich mit seiner Londoner Residency daran beteiligt. "Das ist ein fantastisches Zeichen von Solidarität in der Branche", findet Everke.

Die vielen "Blue Dots" sind also kein Zeichen für nachlassendes Interesse an Live-Musik, sondern zeigen einen Markt im Wandel. Die Herausforderung besteht nun darin, jene kleinen Bühnen und Künstler zu erhalten, ohne die es die Stadionstars von morgen nicht geben wird.

Author Petra Lambeck
Item URL https://www.dw.com/de/blue-dot-fever-konzerte-boomen-absagen-auch/a-77938515?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77945349_607.jpg
Image caption Live-Musik ist gefragt wie nie zuvor - trotzdem kämpfen viele kleine und mittlere Acts ums Überleben
Image source Jonas Walzberg/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77945349_607.jpg&title=%22Blue%20Dot%20Fever%22%3A%20Konzerte%20boomen%20-%20Absagen%20auch

Item 67
Id 77345805
Date 2026-07-15
Title Mehr Wassermangel: Wie wir Grundwasser schützen können
Short title Mehr Wassermangel: Wie wir Grundwasser schützen können
Teaser Durch immer mehr Wetterextreme fehlt in Dürrezeiten Wasser, bei Starkregen gibt es zu viel. Wie gezieltes Speichern von Grundwasser hilft, Fluten einzudämmen und für Trockenzeiten vorzusorgen.
Short teaser Weltweit fehlt Trinkwasser, doch Regen lässt sich speichern. Wie Grundwasserspeicher bei Hochwasser und Dürre helfen.
Full text

Viele Böden in Deutschland sind schon jetzt viel zu trocken. Regen fehlte schon im Frühjahr, besonders im März. Auch der teils überdurchschnittliche Niederschlag in einigen Regionen im April und Mai konnte die fehlende Feuchtigkeit in tieferen Bodenschichten nicht auffüllen. Das zeigt der aktuelle Dürre-Monitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung.

Die Stadt München in Bayern hat bereits den privaten Wasserverbrauch eingeschränkt, Rasen im Garten dürfen nicht mehr bewässert werden.

Nach einer extremen Hitzewelle Ende Juni ist es in Europa schon wieder sehr heiß - keine guten Aussichten fürs Grundwasser.

Wer einen Garten und eine Regentonne hat, kennt das Prinzip: Regenwasser auffangen und dann damit gießen, wenn Regen fehlt. Auch unser Grundwasser funktioniert im Prinzip wie eine gigantische Regentonne. Es entsteht, wenn Wasser versickert und sich über undurchlässigen Gesteins- oder Tonschichten im Untergrund ansammelt.

Grundwasser macht fast die Hälfte des weltweiten Trinkwassers aus, vor allem in den trockenen Regionen der Welt ist es oft die einzige Wasserquelle. In Deutschland werden sogar mehr als 70 Prozent des Trinkwassers aus dem Grundwasser gewonnen.

Weltweit sinken die Grundwasserspiegel

Doch inzwischen holen wir immer mehr Grundwasser aus dem Boden: heute mehr als dreimal so viel wie noch vor 50 Jahren. Die Folge: Die Grundwasserspiegel sinken. In vielen Regionen müssen immer tiefere Brunnen gebohrt werden, um noch Wasser zu erreichen.

Auch in Ländern mit vergleichsweise viel Regen, wie Deutschland, gehen die Grundwasserstände in manchen Regionen deutlich zurück. Gründe sind der Klimawandel mit häufigeren Trockenperioden und eine immer intensivere Nutzung. Doch nur wenn genug Niederschläge versickern, können sich die Grundwasservorräte im Boden wieder auffüllen.

Wird mehr Wasser entnommen, als sich neu bilden kann, spricht man von Grundwasserübernutzung. Mehr als zwei Milliarden Menschen und 40 Prozent der weltweiten Agrarproduktion sind auf übernutzte Grundwasserbestände angewiesen.

Der Klimawandel verschärft das Problem, denn in vielen Regionen regnet es seltener. Und bei Starkregen kann der Boden das Wasser nicht ausreichend aufnehmen. Zudem sind immer mehr Flächen versiegelt. Dann fließt viel Regenwasser oberflächlich ab, statt ins Grundwasser zu versickern. Genau dieses Wasser könnte aber gesammelt werden, um es in trockenen zu Zeiten nutzen.

Gezielte Grundwasserspeicherung gegen Hochwasser und Dürre

Ein Forschungsteam um den Hydrogeologen Thomas Baumann von der Technischen Universität München (TUM) hat dazu eine Pilotanlage entwickelt. Die Anlage zur "intelligenten Regenwasserspeicherung" (Smart Storm Water Storage) steht in einem hügeligen Hopfenanbaugebiet rund 60 Kilometer nördlich von München.

Dort kommt es bei Starkregen immer wieder zu Überschwemmungen. Gleichzeitig wird viel Grundwasser genutzt, als Trinkwasser und zur Bewässerung. "Unsere Idee war es, Hochwasserschutz und Dürrevorsorge zu verbinden", sagt die Umweltingenieurin Lea Augustin von der TUM.

Bei starkem Regen wird das Wasser zuerst in einem Rückhaltebecken gesammelt. Anschließend wird es gereinigt, Schad- und Schwebstoffe werden entfernt. Danach wird das saubere Wasser in einem sogenannten Infiltrationsbrunnen dem Grundwasser zugeführt. Der Grundwasserspiegel steigt. Später kann das Wasser über Brunnen wieder gefördert und genutzt werden.

Grundwasser verdunstet nicht

Auch die namibische Hauptstadt Windhuk nutzt Grundwasser gezielt. Die Stadt liegt im trockenen Hochland. Regen fällt dort kaum. Schon Ende der 1960er‑Jahre galt das Grundwasser als übernutzt.

Windhuk war eine der ersten Städte weltweit, die Abwasser so aufbereiten, dass es als Trinkwasser genutzt werden kann. Das geschieht seit 1968.

Seit 2002 gibt es zusätzlich Infiltrationsbrunnen. Sie leiten aufbereitetes Wasser in den Untergrund. Das Wasser stammt aus Stauseen, teils in hunderten Kilometer Entfernung, und aus gereinigtem Abwasser.

Der Vorteil: Unter der Erde verdunstet Wasser kaum. So geht weniger verloren als bei offenen Stauseen. Die vorhandenen Wasserquellen werden effizienter genutzt.

Kalifornien setzt auf Grundwasserspeicher

Weltweit gibt es noch weitere Methoden zur gezielten Grundwasseranreicherung. Der Fachbegriff dafür lautet "Managed Aquifer Recharge", kurz MAR.

Zum Beispiel wird überschüssiges Regen- oder Hochwasser in Gräben oder große Becken geleitet. Von dort versickert es langsam im Boden. Diese Methode ist günstiger als technische Anlagen, braucht aber viel Platz. Außerdem dauert es länger, bis das Wasser im Grundwasser ankommt.

Solche Versickerungsbecken gibt es an vielen Orten weltweit, auch am San Gabriel Fluss im Großraum Los Angeles im dürregeplagten US-Bundesstaat Kalifornien.

Kalifornien sieht die Grundwasseranreicherung als Schlüsselstrategie zur Bewältigung klimabedingter Wetterextreme, wie die bundesstaatliche Wasserbehörde der DW auf Anfrage mitteilte. Nach Angaben der staatlichen Wasserbehörde wurden allein im Jahr 2023 mehr als 4,1 Millionen Acre‑Feet - umgerechnet mehr als fünf Milliarden Kubikmeter Wasser gezielt in Grundwasserleiter eingespeist.

Felder fluten für mehr Grundwasser?

Eine weitere Möglichkeit ist die gezielte Flutung landwirtschaftlicher Flächen, wenn eine Überschwemmung droht. So kann das Hochwasser abgefangen und ins Grundwasser geleitet werden. Der Vorteil: Die Flächen können nach dem Versickern weiter landwirtschaftlich genutzt werden.

Da Acker‑ und Weideflächen rund 40 Prozent der weltweiten Landfläche ausmachen, hat diese Methode großes Potenzial. Sie funktioniert aber nur unter bestimmten Bedingungen. Die Pflanzen dürfen nicht geschädigt werden. Außerdem dürfen keine Schadstoffe oder Krankheitserreger aus dem Hochwasser ins Grundwasser gelangen. Das macht die Umsetzung schwierig.

Renaturierung von Flüssen füllt die Grundwasserspiegel

Auch die Natur selbst kann helfen. Wenn Flüsse renaturiert werden, bekommen sie mehr Platz. Sie können sich bei Hochwasser ausbreiten. Es entstehen flache Nebenarme und Tümpel. Diese Flächen fangen Hochwasser ab. Gleichzeitig versickert ein Teil des Wassers im Boden. Mikroorganismen in den Auen filtern es dabei. So wird das Grundwasser aufgefüllt und gereinigt. Gleichzeitig sinkt das Risiko von Hochwasserschäden.

Grundwasser direkt aus Flüssen oder Seen ernten

In Deutschland wird Trinkwasser oft indirekt aus Flüssen gewonnen. Das geschieht über die sogenannte Uferfiltration. Brunnen stehen dabei nahe an Flüssen oder Seen.

Wird dort Grundwasser abgepumpt, entsteht ein Unterdruck. Wasser aus dem Fluss strömt nach. Auf dem Weg durch den Boden wird es natürlich gefiltert. Mehr als die Hälfte des Berliner Trinkwassers stammt aus diesem Verfahren.

Auch Versickerungswehre leiten Flusswasser ins Grundwasser. Das sind Hindernisse im Flussbett, die die Fließgeschwindigkeit verringern oder den Fluss eine Weile aufstauen. Fließt das Wasser langsamer, kann mehr davon versickern.

In trockenen Regionen, wie etwa in Kenia, werden dazu an mehreren Stellen im Flusslauf kleine sogenannte Sanddämme angelegt. Sie sollen den Sand aufhalten, den die Flüsse in der Regenzeit mittransportieren. Die so entstehende Sandschicht an den Dämmen dient als zusätzlicher Grundwasserleiter: Durch die Zwischenräume im Sand kann das Wasser schnell ins Grundwasser versickern und wird zusätzlich gefiltert.

Über Brunnen flussabwärts wird das Grundwasser dann auch in Trockenzeiten nach oben geholt. Auch hier gibt es durch die Wasserspeicherung im Boden deutlich weniger Verluste durch Verdunstung als bei einer überirdischen Speicherung. Davon profitieren nicht nur Menschen und Tiere. Auch die Vegetation erholt sich, wenn der Grundwasserspiegel steigt.

Author Jeannette Cwienk
Item URL https://www.dw.com/de/mehr-wassermangel-wie-wir-grundwasser-schützen-können/a-77345805?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77346216_607.jpg
Image caption Die Renaturierung von Flüssen als Vorsorge gegen Überschwemmung und Dürre: Hochwasser kann in flache Auengebiete abfließen, dort versickern und das Grundwasser anreichern
Image source Peter Fischer/imageBROKER/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77346216_607.jpg&title=Mehr%20Wassermangel%3A%20Wie%20wir%20Grundwasser%20sch%C3%BCtzen%20k%C3%B6nnen