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Item 1
Id 68353221
Date 2024-02-24
Title Trump und Biden: Zwei alte Kandidaten buhlen um junge Wähler
Short title Trump und Biden: Zwei alte Kandidaten buhlen um junge Wähler
Teaser Die US-Präsidentschaftswahl läuft auf ein Rennen zwischen Joe Biden und Donald Trump zu. Beide sind um die 80 Jahren alt. Wie wichtig ist das? Und was denken junge Wähler über Kandidaten, die ihre Großväter sein könnten?
Short teaser Mit rund 80 Jahren noch einmal Präsident werden? Was denken Wähler über Politiker, die ihre Großväter sein könnten?
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Offiziell stehen die Kandidaten der beiden großen Parteien für die US-Präsidentschaftswahl Ende 2024 noch nicht fest. Doch alles deutet darauf hin, dass die innerparteilichen Vorwahlen auf eine Neuauflage der Wahl von 2020 hinauslaufen. Somit werden die allermeisten Wähler am 5. November zwischen dem 78-jährigen Donald Trump und dem 81-jährigen Joe Biden entscheiden.

Das mittlere Alter aller US-Präsidenten lag bei Amtsantritt nach Berechnungen des Pew Research Center bei 55 Jahren. Der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird die älteste Person sein, die jemals dieses Amt übernommen hat. Und er wird mindestens doppelt so alt sein wie der Median der Bevölkerung. Denn die Hälfte aller US-Bürger ist laut US-Zensusbehörde jünger als 40 Jahre. Wenig überraschend ist daher das Alter der Kandidaten auch ein Wahlkampfthema.

"Bidens Alter ist ein Problem"

"Es gibt eine objektive Sorge über das Alter (der Kandidaten). Das ist völlig legitim, auch wenn Menschen nicht nur nach ihrem Alter beurteilt werden sollten", sagt Larry Sabato, Direktor des University of Virginia Center for Politics, im Gespräch mit der DW. "Zugleich ist es offensichtlich, dass die Wahrscheinlichkeit wächst, ernsthaft zu erkranken oder etwas früher seinem Schöpfer gegenüberzutreten als geplant, je älter man ist."

US-Präsident Biden hat wiederholt die Namen von Staatslenkern und Prominenten verwechselt. Kürzlich hat er, im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt Abdel Fattah al-Sisi als Präsident von Mexiko bezeichnet. Al-Sisi ist der Präsident von Ägypten, das an Israel und den Gazastreifen grenzt. Mexiko hingegen liegt auf dem amerikanischen Kontinent. Auch körperlich wirkt Biden deutlich eingeschränkter als noch im Wahlkampf vor vier Jahren.

"Es ist nicht das Alter allein, um das sich die Leute sorgen", sagt der Kolumnist und Buchautor Ezra Klein in seinem Podcast "The Ezra Klein Show". "Es ist der Eindruck des Alters, den Biden vermittelt. Der Langsamkeit. Der Gebrechlichkeit."

Aussetzer und Übergewicht

Auch Trump hat mit Gesundheitsproblemen zu kämpfen, darunter sein Übergewicht. Und auch er hat ähnliche Aussetzer wie Biden. So verwechselte er zum Beispiel China und Nordkorea, als er im November 2023 in einer Rede behauptete: "Kim Jong Un regiert 1,4 Milliarden Menschen." Kim Jong Un ist Herrscher von Nordkorea, das nur 26 Millionen Einwohner hat.

Auch die Namen von Nikki Haley und Nancy Pelosi brachte Trump durcheinander. Haley hatte Trump als Präsident zur US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen ernannt, nun ist sie seine Konkurrentin um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner. Die Demokratin Pelosi war von 2019 bis 2023 Sprecherin des Repräsentantenhauses und als solche zeitweise Gegenspielerin von US-Präsident Trump.

Doch im Gespräch mit der DW zeigten sich junge Wähler insbesondere über das Alter von Joe Biden besorgt. "Ich bin nicht 100 Prozent sicher, ob einer der beiden die Position voll auskleiden kann, aber ich glaube, bei Trump ist es wahrscheinlicher, weil er eher 'voll da' wirkt", sagt der 26-jährige Zack aus dem Mittleren Westen der USA. "Bei Biden habe ich manchmal das Gefühl, er weiß überhaupt nicht, was gerade vor sich geht."

Die gleiche Sorge hegen junge Menschen, die Trumps Politik ablehnen und im Zweifel Amtsinhaber Biden ihre Stimme gäben. "Ich stimme Trump in den meisten Punkten nicht zu, und deshalb ist Bidens Alter ein Problem, weil er verglichen mit Trump etwas gebrechlicher wirkt", sagt der 29-jährige James aus New York.

"Leider kann Trump den Job besser ausüben als Biden, denke ich", sagt die 23-jährige Emma Lengel aus der Hauptstadt Washington. "Aber keiner von beiden ist ideal. Und wenn Trump seinen Job gut macht, verheißt das nichts Gutes für die USA."

Jüngere Kandidaten konnten sich nicht durchsetzen

Bei den Republikanern galten sowohl die 52-jährige Nikki Haley als auch der 45 Jahre junge Gouverneur von Florida Ron DeSantis als aussichtsreiche Kandidaten. Haley ist zwar als einzige Gegenkandidatin noch im Rennen, wirkt aber chancenlos gegen Trumps Einfluss in der Partei.

Bei den Demokraten wäre es höchst ungewöhnlich gewesen, Joe Biden herauszufordern. Schließlich ist er amtierender Präsident. Vor vier Jahren hatten noch Transportminister Pete Buttigieg, heute 42 Jahre, und Vizepräsidentin Kamala Harris, 59 Jahre, mit Biden um die Kandidatur gerungen.

Als Biden im Wahlkampf dann Harris an seine Seite rief, spekulierten Beobachter, er würde sie zur nächsten Präsidentschaftskandidatur führen wollen, anstatt noch einmal selber anzutreten. Doch Harris ist es als Vizepräsidentin nicht gelungen, ihr Profil zu schärfen. Auch unter demokratischen Wählern hat sie nicht so viel Begeisterung entfacht, dass die Partei nun auf sie anstatt auf Biden setzen würde.

Genug von "alten, abgehobenen Politikern"

Dass alte Politiker nicht automatisch den Kontakt zu jungen Wählern verlieren, zeigt Bernie Sanders. Der Senator von Vermont erfreut sich mit 82 Jahren großer Popularität unter College-Studenten und Absolventen.

Für Jung-Wählerin Lengel aus Washington ist das Alter allein auch kein Grund, jemanden nicht zu wählen, wohl aber ein Mangel an politischer Initiative bei Themen, die junge Menschen beschäftigen. "Sie müssen sich einfach mehr unseren Sorgen widmen", sagt sie. "Ich habe diese alten, abgehobenen Politiker so satt, die an uns appellieren, um uns zu vereinnahmen, aber auf legislativer Ebene nichts für uns tun." Auch die 24-jährige Rachel Lee aus Washington sagt, sie habe das Gefühl, keiner von beiden könne die Schwierigkeiten der jungen Leute heutzutage wirklich verstehen.

"Biden und Trump könnten meine Großväter sein"

Auch alte Präsidenten haben es schon geschafft, junge Wähler anzusprechen, sagt Politikwissenschaftler Sabato, zum Beispiel Ronald Reagan: "Reagan ist mit fast 78 Jahren aus dem Amt geschieden. Und er war sehr beliebt unter jungen Leuten. Er erinnerte sie an einen Großvater."

Was bei Reagan ein Plus gewesen sein mag, scheint heute eher ein Makel zu sein: "Ja, sie haben schon einige meiner Ansichten vertreten, aber sie könnten meine Großväter sein", sagt Zack aus dem Mittleren Westen. "Wer hat schon genau die gleichen Ansichten wie seine Großeltern?"

"Jedes Mal, wenn ich sie sprechen sehe, ist es, als wären das meine Großeltern, die sich in irgendetwas hineinsteigern", sagt auch James aus New York. "Ich muss dann einfach nicken und 'sicher' sagen, weil sie Widerworte womöglich gar nicht verstehen würden."

Am Ende gehe es um die verlorene Verbindung zwischen den Generationen, sagt Hauptstädterin Lee: "Um jüngere Wähler besser zu erreichen, müssen die Parteien wirklich an den Themen arbeiten, die unsere Generation am meisten angehen, und die Situation verbessern."

Mitarbeit: Janelle Dumalaon. Dieser Text wurde aus dem Englischen adaptiert.

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Image caption Amtsinhaber und Kandidat: US-Präsident Joe Biden will im Weißen Haus bleiben
Image source Stephanie Scarbrough/AP Photo/picture alliance
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Item 2
Id 68348641
Date 2024-02-24
Title Drohen noch mehr Unruhen und Instabilität, wenn UNRWA das Geld ausgeht?
Short title Droht noch mehr Instabilität, wenn UNRWA das Geld ausgeht?
Teaser Das UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge steht unter Druck: Israel wirft UNRWA-Mitarbeitern eine Beteiligung am Terrorangriff vom 7. Oktober vor, mehrere Geberländer haben ihre Zahlungen daher zunächst ausgesetzt.
Short teaser Das UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge steht aufgrund israelischer Vorwürfe massiv unter Druck.
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Für diejenigen, die darauf angewiesen sind, sind die Folgen klar: "Gott bewahre, dass UNRWA zusammenbricht", sagt Sanaa Sarhal und meint damit das so genannte Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten.

"Es wird zu Unruhen und Gewalt kommen", prophezeit sie. "Ein Zusammenbruch des UNRWA würde großen Schaden anrichten".

Sarhal ist nicht etwa in Gaza, wo derzeit der Krieg wütet. Die 43-Jährige lebt im Flüchtlingslager Beddawi im Nordlibanon, das 1955 eingerichtet wurde, um Palästinensern, die vor Krieg und Gewalt flohen, eine Unterkunft zu bieten.

Sollte das UN-Hilfswerk jedoch gezwungen sein, seine Dienstleistungen für Palästinenser aufgrund von Anschuldigungen gegen seine Mitarbeiter in Gaza einzuschränken, werden die Auswirkungen auch dort zu spüren sein.

Im Januar teilte die israelische Regierung dem UNRWA mit, dass zwölf der rund 13.000 Mitarbeiter im Gazastreifen wahrscheinlich an dem Angriff der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober beteiligt gewesen seien. Daraufhin hat das Hilfswerk diese Mitarbeiter entlassen und führt seither eine Untersuchung durch. Israel hatte das Hilfswerk bereits in der Vergangenheit regelmäßig kritisiert und ihm anti-israelische Tendenzen vorgeworfen.

Keine unabhängige Überprüfung möglich?

Als Folge der Anschuldigungen stellten jedoch 16 Länder - darunter einige der größten UNRWA-Geber wie Deutschland, die Vereinigten Staaten und die Europäische Union - die Finanzierung des UN-Hilfswerks ein, das von freiwilligen Spenden der UN-Mitgliedstaaten lebt.

Internationale Medien wie Associated Press, The Guardian, CNN und The Washington Post, die Einblick in das entsprechende israelische Dossier über die UNRWA-Angestellten erhalten haben, kamen allerdings zu dem Schluss, dass die israelischen Behauptungen bisher nicht unabhängig überprüft werden konnten.

Seitdem steht vor allem die Frage im Mittelpunkt, wie sich die Finanzierungskrise des Hilfswerks auf die bereits prekäre humanitäre Lage im Gazastreifen auswirken könnte. Etwa 40 Prozent des UNRWA-Budgets werden für die zwei Millionen registrierten Palästinenser im Gazastreifen ausgegeben.

Der Rest wird in anderen Ländern mit großen palästinensischen Bevölkerungsgruppen eingesetzt: Libanon, Jordanien, Syrien sowie im besetzten Westjordanland.

Inoffizieller Ersatz für den Staat

UNRWA sei "am besten als inoffizieller Ersatz für den [Sozial-]Staat" zu verstehen - und damit wichtig für alle Palästinenser, die sonst keinen Staat hätten, erklärte Daniel Forti, UN-Experte bei der in Brüssel ansässigen Denkfabrik International Crisis Group, in einem Briefing diesen Monat.

"UNRWA bietet Grund- und Sekundarschulbildung sowie Nahrungsmittelhilfe, Gesundheitsversorgung und Hilfsdienste. In einigen Fällen springt es zudem für Aufnahmeländer ein, die den palästinensischen Flüchtlingen keine nationalen Gesundheitsdienste oder Bildungsangebote zur Verfügung stellen“, sagte er.

Tatsächlich werden den palästinensischen Flüchtlingen in arabischen Ländern oftmals keine vollen Bürgerrechte gewährt mit der Begründung, Flucht oder Vertreibung aus ihren Herkunftsgebieten nicht im Nachhinein anerkennen zu wollen. Eine Integration war in Ländern wie Syrien oder Libanon ausdrücklich nie erwünscht.

Hinzu kommt: "UNRWA hat auch einen wichtigen symbolischen Wert für die Palästinenser, die das Hilfswerk als eine der letzten Zusicherungen der internationalen Gemeinschaft für eine gerechte und dauerhafte Lösung im Konflikt betrachten", so ein Sprecher des Hilfswerks in einer E-Mail an die DW.

Dies ist auch ein Grund, warum UNRWA schon vor dem 7. Oktober von Israel abgelehnt wurde. "Ein Großteil der politischen Klasse Israels lehnt UNRWA gerade wegen seines symbolischen Wertes für die Palästinenser ab", so Forti weiter.

"Sie argumentieren, dass jede Einrichtung, die für die Wahrung des Rückkehrrechts der Palästinenser eintritt, die Existenz des israelischen Staates direkt bedroht."

Probleme beginnen ab März

Schätzungen zufolge könnte das UN-Hilfswerk, das über keine strategische Reserve für Notfälle verfügt, ab Ende März die Auswirkungen der Finanzierungsengpässe zu spüren bekommen.

"Es wird eine Art Reihenfolge geben, die zeigt, wie drastisch die Folgen [eines Zusammenbruchs des UNRWA] sein könnten", sagt Jorgen Jensehaugen, leitender Forscher am norwegischen Friedensforschungsinstitut Oslo. Zuerst würde es den Gazastreifen treffen, dann den Libanon und Syrien, dann das Westjordanland und schließlich Jordanien.

"Die Auswirkungen werden im Libanon am stärksten zu spüren sein, da dieser sich bereits am wirtschaftlichen Abgrund befindet", meint Joost Hiltermann, Leiter des Nahost- und Nordafrika-Programms der International Crisis Group.

"Der libanesische Staat ist nicht in der Lage, die zusätzliche Belastung durch die Versorgung der palästinensischen Flüchtlinge zu bewältigen.“ Das Gleiche gelte für Syrien. Im Vergleich dazu verfüge immerhin Jordanien über diese Kapazitäten.

"Keine Schulen, keine Gesundheitsversorgung"

Im Libanon würde die Infrastruktur in den seit langem bestehenden palästinensischen Flüchtlingslagern, über die der libanesische Staat ohnehin kaum Kontrolle hat, einfach zusammenbrechen, prophezeit Jensehaugen.

"Also keine Schulen, keine Gesundheitsversorgung, keine Sozialleistungen für die Bedürftigen", fasst Experte Hiltermann zusammen.

"Wenn man das im Kontext eines kollabierenden Staates betrachtet, hat es auch Auswirkungen außerhalb der Lager: Die Menschen müssen dann woanders hingehen, um sich zu versorgen.“

Das würde die lokale Gesellschaft extrem belasten. Neben Demonstrationen oder Unruhen in den Lagern oder weiteren Konflikten könnte es auch dazu kommen, dass sich mehr Menschen kriminellen Banden oder militanten Gruppen anschließen - allein schon wegen des Gehalts, das diese Gruppen zahlten, so Jensehaugen.

In Jordanien sei die Situation etwas besser, da der Staat möglicherweise einige der UNRWA-Dienste ersetzen könnte. Aufgrund der Empfindlichkeiten im Zusammenhang mit UNRWA könnte dies die jordanische Führung möglicherweise aber nicht wollen, so die Analysten.

Wie andere arabische Staaten möchte auch Jordanien nicht als Vollstrecker oder Unterstützer von Aktionen gesehen werden, die als Angriffe auf die palästinensische Sache verstanden werden könnten.

UNRWA als Stabilitätsgarant?

Im Falle einer massiven Finanzmittelkürzung dürften die wirtschaftlichen Auswirkungen zwar von Land zu Land unterschiedlich sein, meint Hiltermann. In Anbetracht eines "sehr unbeständigen Umfelds für die Flüchtlinge" dürften die politischen Auswirkungen im Westjordanland jedoch am schlimmsten sein, prophezeit er.

Es gebe einen Grund dafür, dass es - im Gegensatz zur Regierung - innerhalb des israelischen Militärs Stimmen dafür gebe, das UNRWA weiterhin voll finanziert und aktiv bleiben solle, warnt er.

Als Jensehaugen und seine Forscherkollegen für eine Studie aus dem Jahr 2022 die Geberländer zu den Finanzierungsproblemen des UNRWA befragten, stellten sie fest, dass das so genannte "Stabilitätsargument" ein Hauptmotivator der Geberländer war, weiterhin Beiträge zu zahlen.

Düstere Prognosen

Jensehaugen spricht sich deshalb klar für den Fortbestand von UNRWA aus. "Die Finanzierung des UNRWA ist ein preiswerter Weg, um die Stabilität in der Region zu sichern, denn sie bedeutet, dass Hunderttausende von Kindern eine Schulbildung erhalten." Armut und mangelnde Bildung hingegen führten nachweislich zu Extremismus und Kriminalität.

Beobachtern zufolge befürchten beispielsweise europäische Regierungen, dass ein Scheitern oder eine faktische Bankrotterklärung von UNRWA zu mehr Flucht und Migration aus dem Libanon und Jordanien führen könnte.

"Der Zusammenbruch von UNRWA wäre für die lokale Stabilität an jedem Ort gefährlich", meint auch Joost Hiltermann von der International Crisis Group. "Aber wenn er mit einem anhaltenden Krieg im Gazastreifen oder sogar mit einer Massenvertreibung von Palästinensern aus dem Gazastreifen nach Ägypten einhergehen würde, dann ist alles möglich. Das könnte eine Eskalation der Angriffe von Israels Feinden in der Region nach sich ziehen.“

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert.

Item URL https://www.dw.com/de/drohen-noch-mehr-unruhen-und-instabilität-wenn-unrwa-das-geld-ausgeht/a-68348641?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Das UNRWA erbringt Dienstleistungen für rund 5,9 Millionen Menschen palästinensischer Herkunft
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Item 3
Id 68340887
Date 2024-02-24
Title Belarus: Was man über die Wahlen 2024 wissen muss
Short title Belarus: Was man über die Wahlen 2024 wissen muss
Teaser In Belarus soll die Bevölkerung erstmals seit der gefälschten Präsidentenwahl im Jahr 2020 wieder wählen gehen. Der Urnengang findet ohne unabhängige Beobachter statt. Wie hat sich das Regime darauf vorbereitet?
Short teaser In Belarus wird erstmals seit der gefälschten Präsidentenwahl im Jahr 2020 wieder gewählt. Wie vorbereitet ist Minsk?
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Es sind die ersten Wahlen in Belarus seit der politischen Krise im Jahr 2020. Am 25. Februar ist die Bevölkerung aufgerufen, gleichzeitig Abgeordnete für Gemeinderäte und Parlament zu bestimmen.

Ins Unterhaus des Parlaments werden 110 Abgeordnete gewählt, in die Gemeinderäte etwa 12.000 Vertreter. Eine Hürde, was die Wahlbeteiligung angeht, gibt es diesmal nicht. Die Wahlen gelten als gültig, unabhängig davon, wie viele Menschen an ihnen teilnehmen.

Nach den Massenprotesten wegen Manipulation der Präsidentschaftswahlen im Sommer 2020, bei denen Machthaber Alexander Lukaschenko einfach zum Sieger erklärt worden war, hatte das Regime weitere Wahlen lange hinausgezögert. Die Gemeinderäte sollten eigentlich schon im Jahr 2022, und das Parlament 2023 gewählt werden.

Repressionen sorgen für Angst

In den vergangenen Jahren hat das Lukaschenko-Regime die politische Landschaft gründlich "gesäubert". Dies betonen das belarussische Menschenrechtszentrum "Wjasna" und das belarussische Helsinki-Komitee im Rahmen ihrer Kampagne "Menschenrechtsverteidiger für freie Wahlen". Von den ursprünglich 16 Parteien seien nur noch vier übrig geblieben. Von diesen bekunde jede ihre volle Unterstützung für Lukaschenko.

Noch bevor die Wahlen für 2024 angekündigt wurden, sorgten die Behörden den Menschenrechtlern zufolge mit Repressionen und Willkür für eine Atmosphäre der Angst: "Nach den Präsidentschaftswahlen hat das Regime den öffentlichen und politischen Raum systematisch verwüstet. Es gibt keinen Platz mehr für Debatten".

Ende 2020 waren den Aktivisten 650 Fälle politischer Verfolgung bekannt. 2021 stieg die Anzahl auf 1380 Fälle, 2022 auf 3800 und Ende 2023 auf rund 5200 Fälle.

Der Politologe Artyom Shraibman, der selbst aus Belarus fliehen musste, hält die Wahlen für einen "Test des Systems, um zu sehen, ob noch alles hält". Er fügt hinzu: "Ich denke, das erklärt die Nervosität".

Stimmabgabe im Ausland nicht möglich

Diesmal sollen die Wähler nach dem Willen der Behörden anscheinend so weit wie möglich kontrolliert werden. So wird es beispielsweise in den Wahlkabinen keine Vorhänge geben. Das Fotografieren von Stimmzetteln ist untersagt.

Ferner können Belarussen mit Wohnsitz im Ausland nicht mehr in den Botschaften des Landes ihre Stimme abgeben. Dies betrifft über 1,8 Millionen Menschen.

Außerdem werden die Namen der Mitglieder der Wahlkommissionen geheim gehalten. Auf einem Foto zur Berichterstattung über die Wahlen wurden von der staatlichen Nachrichtenagentur Belarusian Telegraph Agency (Belta) sogar die Gesichter der Kandidaten anonymisiert.

Wahlen ohne unabhängige Beobachter

Es sind bereits die dritten Wahlen in Belarus, bei denen keine Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zugelassen sind. Aus Sicht des belarussischen Außenministeriums sind die "Gründe dafür einfach und klar".

Dazu gehörten "die traditionelle Dominanz von Vertretern westlicher Länder in OSZE-Missionen", die "ungerechtfertigten strengen politischen und wirtschaftlichen Sanktionen seitens der westlichen Länder" und die "Verschlechterung der logistischen Möglichkeiten für Belarussen bei der Aus- und Einreise".

Der Direktor des OSZE-Büros für demokratische Institutionen und Menschenrechte (ODIHR), Matteo Mecacci, befürchtet, dass die belarussische Bevölkerung mangels unabhängiger Beobachtung "keine unparteiische, transparente und umfassende Bewertung der Wahlen" bekommt. "Dies widerspricht sowohl den von Belarus eingegangenen Verpflichtungen und Verträgen, als auch dem Geist der Zusammenarbeit, worauf die OSZE beruht", sagte er.

Menschenrechtler haben beschlossen, in diesem Jahr aus Sicherheitsgründen keine Wahlbeobachtung vorzunehmen. Eine Expertenkommission soll aber Informationen aus offenen Quellen zusammentragen. Zudem sollen Wahlverstöße auf anonymem Wege gemeldet werden können.

"Heute bestehen für unabhängige Wahlbeobachter große Risiken. Die Behörden haben Menschenrechtsorganisationen, die früher legal Beobachter in Wahllokale schicken konnten, die Zulassung entzogen. Einige Organisationen wurden sogar als extremistisch eingestuft, weswegen sie auch strafrechtlich verfolgt werden können", erläuterte die belarussische Anwältin Svetlana Golovneva.

Wer darf als Beobachter kommen?

Statt Wahlbeobachtern von der OSZE werden die Wahlen in Belarus nach Angaben der staatlichen zentralen Wahlkommission von anderen Organisationen beobachtet: Dazu gehören Vertreter von Zentralen Wahlkommissionen aus postsowjetischen GUS-Staaten und Abgesandte der Association of World Election Bodies (A-WEB).

Auch eine Mission der Parlamentarischen Versammlung der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) ist vertreten. Die OVKS ist ein im Jahre 2002 gegründetes Militärbündnis zwischen mehreren früheren Mitgliedsstaaten der Sowjetunion, das von Russland angeführt wird.

Am Donnerstag (22.2.2024) teilte zudem die Wahlkommission mit, dass sie 23 Vertreter der Europäischen Union für die Wahlen akkreditiert hat, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Belta. Es gehe um Personen aus Deutschland, Litauen, Polen und anderen Ländern, so die Wahlkommission. Sie machte weder Angaben zu den Namen der Beobachter noch zu den Organisationen, denen sie angehören.

Anwältin Svetlana Golovneva weist darauf hin, dass undemokratische Regime oft versuchen würden, eine pseudo-unabhängige Beobachtung zu organisieren, um eine positive Beurteilung von Wahlen zu erhalten. "Da keine Möglichkeit zur Beobachtung durch die Zivilgesellschaft oder internationale unabhängige Beobachter besteht, wird es viel schwieriger, Beweise zu sammeln, dass die Wahlen nicht frei und fair abgehalten wurden", so die Juristin.

Was sagen Vertreter der Opposition?

Die belarussischen demokratischen Kräfte betonen, dass die anstehende Abstimmung nicht als "Wahl" bezeichnet werden könne. "Es gibt keinen wirklichen Wahlkampf für die Parlaments- oder Kommunalwahlen und auch keine elementaren Voraussetzungen zur Durchführung solcher Wahlen", sagte der DW Walerij Kowalewskij, Vertreter des "Gemeinsamen Übergangskabinetts der Demokratischen Kräfte".

Zudem gebe es keine unabhängigen Medien und keine alternativen Kandidaten, die wirklich um Mandate kämpfen würden. "Man kann nicht von fairen und freien Wahlen in Belarus sprechen, wenn Tausende von Menschen als politische Gefangene in Haft sind und nicht teilnehmen können", erklärt Kowalewskij.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

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Image caption Am 25. Februar 2024 sollen die Belarussinnen und Belarussen ihre Stimme abgeben
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Item 4
Id 68341800
Date 2024-02-24
Title Russlands Ukraine-Krieg: Zehn Jahre und kein Ende?
Short title Ukraine-Krieg: Russlands Aggression begann vor zehn Jahren
Teaser Der russische Angriff auf die Ukraine begann mit der Krim-Annexion im Februar 2014. Er wurde lange unterschätzt, auch von der ukrainischen Bevölkerung. Das änderte sich 2022 mit der Ausweitung des Krieges. Eine Bilanz.
Short teaser Russlands Ukraine-Angriff begann mit der Krim-Annexion 2014, wurde aber lange unterschätzt. Das änderte sich 2022.
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Maryna Ljuschyna wollte am 24. Februar 2022 einen Schokoladen-Kochkurs geben. Sie deckte am Vorabend die Tische und freute sich auf die Kinder, die in ihr privates Jugendtheater im nordukrainischen Konotop kommen würden.

Schlafen konnte die Schauspielerin und Mutter zweier Kinder in jener Nacht schlecht. Sie hörte Lärm und dachte, es sei die Straßenbahn. "Um sieben Uhr morgens rief mich eine Freundin an und sagte: "Schalte den Fernseher ein, es ist Krieg", erinnert sich Ljuschyna, die heute in Bonn lebt.

Konotop liegt rund 80 Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt. Vor zwei Jahren wurde die Stadt binnen Stunden von russischen Truppen eingekreist. Es gab Widerstand, doch die Kräfte waren ungleich; die ukrainische Armee zog sich zurück. Später wurde die Stadt von den ukrainischen Truppen wieder befreit.

In den ersten Tagen des Krieges flüchtete Ljuschyna zu ihrer Mutter an den Stadtrand, wo sie russischen Soldaten begegnete: "Ich frage sie: Was macht ihr hier?" Die Antwort: "Wir sind gekommen, um Präsident Selenskyj zu holen."

Ukraine als Spielball?

Als wäre die Ukraine kein unabhängiger Staat, empört sie sich. Die Besatzer hätten gedacht, dass sie willkommen geheißen würden und seien überrascht gewesen, dass dies nicht der Fall war, erzählt die Frau.

Nach drei Tagen floh Ljuschyna in die Westukraine und von dort, zusammen mit Millionen ihrer Landsleute, weiter in die EU. Ihr Mann blieb.

Heute ist sie immer noch ratlos: "Ich habe nicht erwartet, dass es einen großen Krieg geben wird. Wie kann so etwas im 21. Jahrhundert mitten in Europa passieren?"

Ljuschyna wirft dem Westen vor, die Ukraine als Spielball und Verhandlungsmasse zu sehen: "Europa schaute zu und wartete ab, ob wir getötet werden oder nicht."

Das trifft nicht auf alle Regierungen zu. USA, Großbritannien und andere lieferten bereits vor dem russischen Einmarsch Waffen an Kiew. Deutschland kam später dazu, steht heute aber oben auf der Liste der Unterstützerstaaten.

Maskierte Männer besetzten die Krim

Viele waren damals überrascht, selbst in der Ukraine. Dabei hatte der russische Angriff bereits acht Jahre zuvor mit der Annexion der Krim begonnen: Am 27. Februar 2014 besetzten bewaffnete und maskierte Männer in Uniformen ohne Hoheitszeichen Parlament und Gebietsverwaltung auf der Halbinsel. Russlands Präsident Wladimir Putin gab später zu, dass es russische Soldaten waren.

Die Ukraine war stark geschwächt. In Kiew zwangen oppositionelle Proteste den prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch zur Flucht nach Russland.

Die neue prowestliche Regierung traute sich nicht, die Krim mit Waffen zu verteidigen. Der Westen empfahl Kiew Zurückhaltung - auch dann noch, als im Frühling 2014 der heiße Krieg im ostukrainischem Kohlerevier Donbas begann. Harte Sanktionen gab es nicht.

Russland setzte eigene Leute an die Spitze der prorussischen Kräfte in Donezk und Luhansk und bewaffnete sie heimlich immer mehr. Der Westen versuchte durch Verhandlungen, den Konflikt einzufrieren, die Ukraine verhängte kein Kriegsrecht. Der Krieg wurde "Antiterroreinsatz" genannt.

"Nicht unser Krieg"

Das alles führte dazu, dass für viele der Krieg weit weg schien. "Die meisten in der Ukraine haben nicht verstanden, dass es ihr Krieg ist", sagt Ljuschyna.

Für Maksym Kosub gilt das nicht. Der Dolmetscher aus Kiew erinnert sich, wie er im Juni 2014 auf einer Kundgebung vor der russischen Botschaft einen Abbruch der Beziehungen forderte.

"Ich habe damals verstanden: Es ist Krieg", sagt Kosub. Er meldete sich freiwillig für einen Einsatz an der Front im Donbas und wurde verwundet. Er war Teil einer patriotischen Minderheit, die sich Russland in den Weg stellte. Seit dem Überfall im Februar 2022 kämpft er wieder in der ukrainischen Armee.

Hätte die Ukraine um die Krim kämpfen müssen? In der Ukraine denken viele so. "Ich bin versucht zu sagen, man hätte es versuchen müssen", sagt Susan Stewart, Ukraine-Expertin bei der Berliner Denkfabrik "Stiftung Wissenschaft und Politik" (SWP).

Sie verweist jedoch auf die "Führungsschwäche in Kiew" damals. Zur Wahrheit gehört auch: Russland zog 2014 Truppen entlang der ukrainischen Grenzen zusammen und drohte schon damals mit einem massivem Einmarsch. Die ukrainische Armee auf der Krim war demoralisiert, große Teile liefen über.

Es kommt auf westliche Hilfe an

Der Krieg im Donbas schien zwischen 2015 und 2022 eingefroren, war jedoch faktisch ein Stellungskrieg, mit tausenden Toten. Warum glaubte der Westen, dass dies so bliebe?

Warum lieferte er der Ukraine keine schweren Waffen und plante weiter Großprojekte wie die Pipeline Nord Stream 2 mit Russland? Susan Stewart erklärt es mit dem Glauben, durch Integration Kriege in Europa verhindern zu können.

Nach 2022 hat sich die Ukraine stark verändert. "Wir kämpfen weiter um die Ukraine, auch wenn der Preis sehr hoch ist", sagt der Soldat Maksym Kosub. Die Armee habe sich sehr stark verändert, sei professioneller geworden, obwohl es immer noch Probleme gibt.

"Die Gesellschaft hat viel Selbstorganisation bewiesen", so Kosub. Als Beispiel nennt er die freiwilligen Helfer, die die Armee seit zehn Jahren versorgen - mit Autos, Nachtsichtgeräten oder Medikamenten.

Kosub glaubt an einen langen Krieg, mit vielen Opfern - und an einen ukrainischen Sieg am Ende. Rückblickend sagt er: "Alle haben Putin und seine Bereitschaft, auf die Regeln zu pfeifen, unterschätzt."

Auch Maryna Ljuschyna glaubt an einen Sieg. Der Krieg habe sie härter gemacht, kompromissloser gegenüber Russland, der russischen Sprache und Kultur, sagt die Schauspielerin.

Irgendwann möchte sie zu ihrem Mann zurückkehren, um dann aber nicht mehr in Konotop, sondern in der Westukraine zu leben: "Dort ist es sicherer." Russland werde ein gefährlicher Nachbar bleiben.

Susan Stewart wagt keine Prognose über ein Jahr hinaus. In Russland erwartet sie keine "Überraschungen". Mit westlicher Unterstützung werde die Ukraine durchhalten, doch die Erschöpfung nach zehn Jahren Krieg sei immer mehr zu spüren.

"Man denkt zu wenig darüber nach, was passiert, wenn die Ukraine verliert", sagt die Expertin. Die Kosten würden "sehr viel höher" ausfallen.

Item URL https://www.dw.com/de/russlands-ukraine-krieg-zehn-jahre-und-kein-ende/a-68341800?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Rauchende Ruinen nach einem russischen Angriff auf die fast völlig zerstörte Stadt Bachmut
Image source Libkos/AP/picture alliance
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Item 5
Id 68353168
Date 2024-02-23
Title Wie Israel die Zukunft von Gaza plant
Short title Wie Israel die Zukunft von Gaza plant
Teaser Volle militärische Kontrolle und Schließung des Palästinenserhilfswerkes UNRWA: Israels Premier Netanjahu hat erstmals einen Plan für Gaza nach dem Krieg präsentiert. Was bisher darüber bekannt ist.
Short teaser Israels Premier Netanjahu erstmals einen Plan für Gaza nach dem Krieg vorgelegt. Was bisher darüber bekannt ist.
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Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu hat dem Sicherheitskabinett einen Plan zur politischen Zukunft des Gazastreifens nach dem Ende des Krieges gegen die militant-islamistische Hamas vorgelegt. Es ist das erste Mal, dass Netanjahu öffentlich einen solchen Plan präsentiert.

Der Israel-Hamas-Krieg begann nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober auf Israel. Nach israelischen Angaben wurde dabei etwa 1160 Menschen getötet und rund 250 Geiseln in den Gazastreifen verschleppt.

Laut Angaben Israels werden noch 130 Geiseln im Gazastreifen festgehalten, etwa 30 von ihnen sollen tot sein. Die Hamas wird von den USA, der EU, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.

Wer regiert künftig in Gaza?

Noch enthält Israels Gaza-Plan eher vage Formulierungen. So heißt es, dass Gaza in Zukunft von "lokalen Beamten mit fachlicher Erfahrung" verwaltet werden solle. Diese dürften "keine Verbindungen zu Terrororganisationen oder Ländern haben, die Terrorismus unterstützen, und auch nicht von ihnen bezahlt werden".

Wer genau das sein soll, ist zurzeit noch unklar. Die im Westjordanland regierende Palästinensische Autonomiebehörde (PA) wird im Papier ausdrücklich nicht erwähnt. Doch ausgeschlossen wird ihre Beteiligung an einer künftigen Verwaltung des Gazastreifens ebenfalls nicht.

Sicherheitskontrolle durch das israelische Militär

Laut Medienberichten der Zeitungen Times of Israel und Hareetz soll künftig das israelische Militär die "volle Sicherheitskontrolle" über den gesamten Küstenstreifen übernehmen. Das bedeutet, dass alle militärischen Strukturen der Hamas zerschlagen wären. Das israelische Militär soll laut Plan jederzeit im Gazastreifen operieren können und "unbegrenzte Freiheit" für Einsätze haben.

Auch von einer neuen Straße, die den Gazastreifen in Nord und Süd teilt, verspricht sich Israel laut Medienberichten eine bessere Sicherheitskontrolle. Beobachter fürchten allerdings, dass Israel diese Straße auch dafür nutzen könnte, palästinensische Geflüchtete, die zu Kriegsbeginn in den Süden geflohen waren, an der Rückkehr in den Norden zu hindern.

Laut Haaretz sieht der Plan auch vor, dass eine Pufferzone zwischen dem Gazastreifen und Israel eingerichtet werden soll, die von der israelischen Armee kontrolliert und in die keine Zivilisten zurückkehren dürften. Eine solche Pufferzone würde jedoch auch das bewohnbare Gebiet im Gazastreifen verringern.

Zudem wolle Israel an der Grenze zwischen Ägypten und dem Gazastreifen operieren und eine "südliche Abriegelung" der Grenze durchsetzen, um dort den Schmuggel nach Gaza einzudämmen.

Aus für UNRWA?

Ein weiteres Nachkriegsziel Netanjahus ist die Schließung des Palästinenserhilfswerks UNRWA. Der israelische Premier wirft dem UN-Hilfswerk vor, von der Hamas unterwandert zu sein.

Demnach sollen mehrere Mitarbeiter des Hilfswerks am Großangriff der Hamas auf Israel beteiligt gewesen sein. Die UN hatten die beschuldigten Mitarbeiter entlassen und interne Ermittlungen eingeleitet. Als Reaktion auf Israels Vorwürfe setzten zahlreiche Staaten, darunter die USA und Deutschland, ihre Zahlungen an das Hilfswerk aus.

Absage an rechtsextreme Forderungen

Den Anliegen einiger rechtsextremer israelischer Minister in seinem Kabinett gab Netanjahu aber offenbar nicht nach. Diese hatten unter anderem gefordert, den Gazastreifen für israelische Siedler zu nutzen. Der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir, Minister für öffentliche Sicherheit, hatten zudem dazu aufgerufen, die palästinensische Bevölkerung außerhalb des Gazastreifens anzusiedeln.

Netanjahu hatte bereits im Januar dieses Jahres die Idee verworfen, jüdische Siedlungen in Gaza zu errichten. Auch US-Außenminister Antony Blinken kritisierte die Aussage. Eine Ausweitung der Siedlungen in palästinensischen Gebieten verhindere den Frieden, so Blinken.

Israel will keine Zwei-Staaten-Lösung

Einer international erwünschten Zwei-Staaten-Lösung erteilte Netanjahu allerdings weiterhin eine Absage. Damit widerspricht er den Zielen der USA. Diese setzen auf eine umgestaltete palästinensische Autonomiebehörde von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, die im Gazastreifen wieder die Kontrolle übernehmen soll.

Ein Sprecher der Autonomiebehörde unter Abbas wies Netanjahus Plan ebenfalls zurück. "Der Gazastreifen wird nur Teil eines unabhängigen palästinensischen Staates mit Jerusalem als Hauptstadt sein", teilte er nach Angaben der amtlichen palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa mit.

Wenn die Welt Sicherheit und Stabilität in der Region wolle, müsse sie "die israelische Besetzung von palästinensischen Territorien beenden und einen unabhängigen palästinensischen Staat mit Jerusalem als seiner Hauptstadt anerkennen", fuhr Abbas' Sprecher fort.

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Image caption Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat dem Sicherheitskabinett erstmals Pläne für Gaza nach dem Krieg vorgelegt
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Item 6
Id 68354559
Date 2024-02-23
Title EU sucht Geldquellen für Investitionen
Short title EU sucht Geldquellen für Investitionen
Teaser Verteidigung und Klimaschutz sind teuer. Die Konjunktur lahmt. Woher das Geld nehmen, fragen sich die EU Finanzminister in Gent. Schulden oder Sparen? Bernd Riegert berichtet.
Short teaser Verteidigung und Klimaschutz werden teuer. Die EU-Finanzminister beraten über Schulden, Konsolidierung und Konjunktur.
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Viel sagte Christine Lagarde, Präsidentin der Europäisches Zentralbank (EZB), bei der Tagung der europäischen Finanzministerinnen und Finanzminister im belgischen Gent nicht. Sie habe lediglich ein paar Zahlen genannt, meinte Christine Lagarde mit leicht säuerlicher Miene.

Die Zahlen der EZB-Chefin haben es allerdings in sich. Denn die EU muss von 2031 an jährlich 800 Milliarden Euro investieren, um ihre Klimaziele und die Dekarbonisierung der Wirtschaft zu erreichen. Hinzu kommen mindestens 75 Milliarden Euro jährlich an zusätzlichen Verteidigungsaufgaben, damit das Ziel erreicht werden kann, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für das Militär aufzuwenden.

Gemeinsam Verteidigung finanzieren?

Woher sollen die Milliarden kommen? Darüber herrscht bei den Finanzministern der EU-Länder noch keine Einigkeit. Bruno Le Maire, der französische Finanzminister, führt eine Gruppe von Staaten an, die sich gemeinsame europäische Schulden für die Verteidigungsausgaben vorstellen.

Der EU-Kommissar für Wirtschaft, Paolo Gentiloni, sagte in Gent, die nötigen Investitionen seien enorm. Die öffentliche Hand müsse dazu beitragen. Deshalb müsse man sich fragen: "Was kommt als nächstes nach Next Generation?"

Next Generation ist das Corona-Aufbauprogramm im Wert von 750 Milliarden Euro, das die EU erstmals mit einem gemeinschaftlichen Schuldenfonds finanziert hat.

Der deutsche Finanzminister Christian Lindner (FDP) lehnte neue gemeinschaftliche EU-Schulden erneut ab. "Ich denke nicht, dass wir das benötigen", sagte Lindner, der stattdessen auf Konsolidierung und Priorisierung der Haushalte setzt. Verteidigung werde national organisiert.

Deutschland brauche eine dreijährige "Pause" bei der Erhöhung der Sozialausgaben. "Wir müssen einmal mit dem auskommen, was wir haben." Der Staat solle in Verteidigung und Digitalisierung investieren und gleichzeitig die Verschuldungsregeln einhalten.

Investitionen mit Schulden finanzieren?

Der Direktor der wirtschaftspolitischen Denkfabrik "Bruegel", Jeromin Zettelmayer, geht in Brüssel davon aus, dass Deutschland und auch die EU netto mehr Schulden machen müssen, um alle Aufgaben zu meistern. Das gelte besonders für die Verteidigungslasten.

"Das ist ein extrem schwieriges Problem, auch weil die Ausgaben so unterschiedlich verteilt sind", sagte Zettelmayer der DW mit Blick auf die unterschiedlichen Bedrohungslagen in Polen in russischer Nachbarschaft oder in Portugal weit weg von der Ostflanke.

"Es muss eine gesamteuropäische Lösung geben. Wenn es zu einer Neuauflage der europäischen Fonds kommt, wird es wahrscheinlich mit dieser Aufgabe zu tun haben. Wir brauchen auf europäischer Ebene so etwas ähnliches wie das Sondervermögen für die Bundeswehr."

Einheitlicher Markt für Kapital könnte helfen

Ein Weg, um mehr Kapital in Europa verfügbar zu machen und das Wirtschaftswachstum langfristig zu sichern, soll die sogenannte Kapitalmarktunion der EU werden. Sie wird seit Jahren diskutiert und soll die Finanzierung von Unternehmen über EU-Binnengrenzen hinweg erleichtern.

Druck machte hier ein sichtlich verärgerter Bruno Le Maire, Frankreichs Finanzminister. Man habe lang genug geredet, jetzt müsse entschieden und gehandelt werden. Wenn nicht alle 27 EU-Staaten mitziehen wollten, würde Frankreich mit einer kleinen Gruppe der Willigen voranschreiten, kündigte Le Marie bei der EU-Tagung in Gent an.

Bundesfinanzminister Christian Lindner bremste dagegen den französischen Vorstoß. Zwar müsse es schneller gehen, aber alle 27 Staaten müssten gemeinsam vorangehen, verlangte Lindner.

Im März will die Eurogruppe, als die 20 Staaten, die den Euro als Währung haben, zumindest einen Fahrplan verabschieden, wie die Kapitalmarktunion erreicht werden kann.

EZB-Chefin Christine Lagarde steuerte wieder eine Zahl zur Diskussion bei: 250 Milliarden Euro an Investitionskapital fließen jährlich aus der EU ab, vor allem in die USA. Der Kapitalmarkt dort ist viermal so groß wie der in Europa. Das könnte eine Kapitalmarktunion mit einheitlichen Regeln verändern.

Lahme Konjunktur wegen hoher Zinsen

Über die stagnierende Konjunktur in der EU haben die Finanzministerinnen und Finanzminister ebenfalls diskutiert. Konkrete Maßnahmen wurden allerdings nicht beschlossen. Zwar sinkt die Inflation, aber die Leitzinsen der EZB bleiben hoch. Das bremst das Wirtschaftswachstum.

Nun schaut Europa mit "gewisser Sorge" auf seine größte Volkswirtschaft, auf Deutschland, so Jeromin Zettelmayer von der Denkfabrik "Bruegel". Deutschland ist Schlusslicht beim Wachstum in der Eurozone.

Es sei aber zu früh zu attestieren, dass die Bundesrepublik der "kranke Mann Europas" sei. Die flaue Konjunktur hänge immer noch mit den hohen Energiepreisen nach Russlands Überfall auf die Ukraine zusammen.

Außerdem werde mittelfristig die demografische Entwicklung für Probleme sorgen. Die Überalterung bringt weniger Arbeitskräfte und mehr Rentner mit sich. "Von dieser 'Krankheit' haben wir aber schon vor zehn Jahren gewusst", sagte Jeromin Zettelmayer der DW. Ein Rezept dagegen wird noch gesucht.

Der EU-Kommissar für Wirtschaft, Paolo Gentiloni, versuchte, etwas Hoffnung zu machen. Der Aufschwung werde kommen, nur etwas verzögert. Vielleicht Ende des Jahres, wenn die Europäische Zentralbank die Leitzinsen wieder senkt. Dazu war der unabhängigen EZB in Gestalt von Präsidentin Christine Lagarde in Gent aber keine Aussage zu entlocken.

Item URL https://www.dw.com/de/eu-sucht-geldquellen-für-investitionen/a-68354559?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Mehr Geld drucken geht nicht: Das würde die Inflation anheizen und den Euro entwerten
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Item 7
Id 68352231
Date 2024-02-23
Title Imagine - Jugendprojekt für Frieden und Versöhnung in Zypern
Short title Imagine - Jugendprojekt für Frieden und Versöhnung in Zypern
Teaser Vor acht Jahren startete auf Zypern ein Bildungsprojekt, das griechisch-zyprische und türkisch-zyprische Jugendliche zusammenbringt. Trotz vieler Hindernisse funktioniert es weiterhin - auch dank deutscher Unterstützung.
Short teaser Das zyprische Bildungsprojekt Imagine zur Überwindung der Teilung funktioniert trotz vieler Hindernisse.
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"Imagine" ist der Titel des vielleicht bekanntesten Liedes von John Lennon - ein Lied, das für Frieden und für die Versöhnung der Völker steht. "Stell dir vor, alle Menschen leben in Frieden. Vielleicht meinst du, ich sei ein Träumer, aber ich bin nicht der einzige", heißt es darin. Imagine - so nennt sich auch ein Bildungsprogramm für Jugendliche auf Zypern. Es ist ein Programm im Geiste von Lennons Lied, das auf der geteilten Mittelmeerinsel mit seiner schmerzlichen Geschichte für Frieden, gegenseitigen Respekt und ein gutes künftiges Zusammenleben wirken will.

Imagine begann vor fast acht Jahren, als der damalige Präsident der Republik Zypern, Nikos Anastasiadis, und der türkisch-zyprische Führer Mustafa Akinci aus dem besetzten Nordteil der Insel noch versuchten, Vertrauen zwischen den beiden Seiten aufzubauen - unabhängig von der Frage, wie die späteren Zypern-Verhandlungen ausgehen würden. Im Umfeld der Gespräche war die Idee zu dem Projekt entstanden.

Loizos Loukaidis, Pädagoge und Koordinator des Programms Imagine der Association for Historical Dialogue and Research (AHDR), erinnert sich im Gespräch mit der DW: "In der Anfangsphase des Programms haben wir damit begonnen, Schulen auf beiden Seiten zu besuchen. Lehrer und Klassen auf beiden Seiten, die an dem Programm teilnehmen wollten, konnten es tun. Wir standen mit den Bildungsbehörden auf beiden Seiten in Kontakt."

Zwei andere Teilnehmer des Programms, die türkisch-zyprische Lehrerin Hale Silifkeli und der griechisch-zyprische Pädagoge und Sozialpsychologe Kyriakos Pachoulidis, erzählen, dass Lehrer und Eltern, die am Anfang skeptisch gewesen seien, ihre Meinung geändert hätten, als das Programm umgesetzt wurde: "Die Kinder sprachen in der Schule und Zuhause darüber", sagen die beiden, das habe die skeptischen Erwachsenen überzeugt.

Türkisch-zyprische Seite stoppte das Programm

Die pädagogische Struktur des Programms war tatsächlich sehr innovativ und basierte auf drei Stufen. Zunächst beteiligten sich die Kinder an antirassistischen Aktionen in der eigene Schule und in ihrer Muttersprache. In der zweiten Phase kamen sie während des Schulprogramms in das so genannte "Haus der Zusammenarbeit" (House of Cooperation) mitten an der Grünen Linie in Nikosia, die den türkisch besetzten Nordteil von der Republik Zypern trennt. Sie nahmen dort an Lern-, Sport- und Kunst-Aktivitäten mit Kindern aus der anderen Gemeinschaft teil. Ziel war, Verständnis und Respekt aufzubauen. Dritte Etappe war ein gemeinsamer "Bildungsspaziergang" auf beiden Seiten der Grünen Linie und in beiden Teilen Nikosias, ohne Vorlage eines Reisepasses oder anderer Dokumente. Insgesamt nahmen 6500 Schüler bis zum Alter von 18 Jahren an dem Programm teil. Unter ihnen waren 500, die bis zur dritten Stufe mitmachten.

Im Oktober 2022 entschied die türkisch-zyprischen Seite, Imagine an ihren Schulen einzustellen. "Als NGO wurde uns nicht offiziell mitgeteilt, warum. Offensichtlich es geht um politische Gründe", sagt der Programm-Koordinator Loizos Loukaidis. Er betont, dass Bildung vor allem ein politisches Thema sei, insbesondere Bildung für den Frieden. "Als NGO sind wir bereit, mit beiden Seiten zusammenzuarbeiten, um Kindern und Lehrern Bildungsmöglichkeiten zu bieten."

"Wir machen keine Politik"

Bis heute ist unklar, ob die plötzliche Wende auf der türkisch-zyprischen Seite auf politische Gründe zurückzuführen ist. Die Verantwortlichen des Programms wollen sich dazu nicht äußern. Sie betonen, dass sie Pädagogen seien, die mit Kindern arbeiteten und keine Politik machten.

Imagine wird seit dem Ende der türkisch-zyprischen Kooperation in anderer Form weitergeführt - ehrenamtlich und außerhalb der Schulzeit im Haus der Zusammenarbeit. Dabei bietet es Kindern beider Gemeinschaften weiterhin künstlerische, sportliche, aber auch antirassistische Aktivitäten. "Ziel ist die Förderung des Friedens, der Geschlechtergleichstellung und die Bekämpfung von Stereotypen", sagt Hale Silifkeli. "Wir sprechen aber nicht über die Zypernfrage. Wir möchten es einfach fördern, Dinge und Themen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten."

Für Kyriakos Pachoulides ist dies ein komplexes und schwieriges Unterfangen, aber gleichzeitig äußerst wichtig. "Natürlich gibt es in Zypern zwei verschiedene Bildungssysteme", meint er. "Aber das von uns angebotene Lehrmaterial kann in jedem Klassenzimmer auf der Insel verwendet werden. Wir respektieren, dass dies in beiden Gemeinschaften heikel ist. Deshalb diskutieren wird darüber, Begriffe zu vermeiden, die provozieren könnten. Wir versuchen, eine gemeinsame Basis zu finden, eine gemeinsame Sprache, wir vermeiden Etiketten, wir verwenden den Begriff 'Gemeinschaften' gemäß der Verfassung Zyperns."

Nächste Station: Berlin

Finanziert wurde das Imagine-Programm von Beginn an ausschließlich vom deutschen Auswärtigen Amt. "Die Finanzierung durch Deutschland ist nicht nur auf symbolischer Ebene wichtig, weil die Deutschen die Teilung überstanden haben", sagt Loukaidis, "sondern auch, weil Deutschland seine Strategie, die Beziehungen zum südöstlichen Mittelmeerraum zu stärken, deutlich unter Beweis stellt."

Auch der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte kürzlich das Haus der Zusammenarbeit an der Grünen Linie - als er vergangene Woche (11.02.-13.02.2024) zu einem Staatsbesuch in Zypern war. Steinmeier traf sich mit Kindern, die Mitglieder eines Chores beider Gemeinschaften auf Zypern sind, und sprach außerdem mit Lehrern.

Wie Hale Silifkeli berichtet, wird im Sommer 2024 eine Gruppe Jugendlicher nach Berlin reisen, um deutsche Schülerinnen und Schüler zu treffen und mit ihnen gemeinsam die Geschichte der einst geteilten deutschen Hauptstadt zu entdecken. Die Vorbereitung dazu begann bereits vergangenes Jahr, als griechisch-zyprische und türkisch-zyprische Lehrer zusammenkamen, um ihre Kollegen zu treffen, die sich ebenfalls für Friedenserziehung und für den Kampf gegen Stereotypen und Rassismus engagieren.

Item URL https://www.dw.com/de/imagine-jugendprojekt-für-frieden-und-versöhnung-in-zypern/a-68352231?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Schülerinnen, Schüler und Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Projektes Imagine mit dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier am 12.02.2024 in Nikosia
Image source House of Cooperation, Association for Historical Dialogue and Research AHDR
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Item 8
Id 61311508
Date 2024-02-23
Title Wendy Williams hat Aphasie - Wenn plötzlich die Worte fehlen
Short title Aphasie - Wenn plötzlich die Worte fehlen
Teaser Wendy Williams, US-amerikanische Moderatorin, erhielt vor kurzem die gleiche Diagnose wie schon Bruce Willis: Aphasie und Demenz. Treffen kann es jeden, unabhängig von Alter und Geschlecht.
Short teaser Wendy Williams erhielt vor kurzem die gleiche Diagnose wie schon Bruce Willis: Aphasie und Demenz.
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Es war im letzten Jahr als Ärzte bei der amerikanischen Medienpersönlichkeit Wendy Williams eine primär progressive Aphasie und Frontotemporale Demenz (FTD) erkannten.

Es "stellte sich immer häufiger die Frage, ob Wendy Informationen richtig verarbeiten kann. Immer wieder gab es Spekulationen über ihren Zustand, vor allen Dingen, wenn sie Worte einfach nicht finden konnte. Manchmal verhielt sie sich unberechenbar und hatte Schwierigkeiten, etwa finanzielle Transaktionen zu verstehen", schrieb ihr Team.

Williams, die ehemalige Moderatorin der in den USA bekannten "Wendy Williams Show", habe sich dazu entschieden, mit der Diagnose an die Öffentlichkeit zu gehen, "um das Bewusstsein für Aphasie und Frontotemporale Demenz zu sensibilisieren", erklärten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der TV-Moderatorin.

"Leider sind viele Menschen, bei denen Aphasie und Frontotemporale Demenz diagnostiziert wurden, mit Stigmatisierung und Missverständnissen konfrontiert, insbesondere wenn sich ihr Verhalten ändert, sie aber noch keine konkrete Diagnose bekommen haben."

Das Ende einer Karriere

Bruce Willis hatte seine Schauspielkarriere beendet als er die Diagnose Aphasie erhielt. Darüber hinaus wurde bei ihm dann auch noch Frontotemporale Demenz festgestellt. Diese Nachrichten kamen für die Öffentlichkeit überraschend. Willis hatte noch kurz zuvor an zahlreichen Filmprojekten mitgearbeitet. Dann aber teilte seine Familie mit, dass der damals 67-Jährige wegen seiner Krankheit keine Filme mehr drehen könne.

Aphasien können jeden treffen

Der "erworbene Verlust der Sprache" kann nach einer Schädigung der linken Gehirnhälfte auftreten. Verursacht werden Aphasien meistens durch einen Schlaganfall. Aber auch Hirnblutungen oder Schädelhirnverletzungen z.B. nach einem Unfall, Hirntumore oder entzündliche Prozesse können Aphasien zur Folge haben. Von einem Tag auf den anderen verliert man die Fähigkeit, mit Worten zu kommunizieren.

Der plötzliche Sprachverlust betrifft alle sprachlichen Fähigkeiten: Das Sprechen und Verstehen ebenso wie das Lesen und Schreiben.

Aber eine Aphasie ist "nur" eine Sprachstörung, sie ist keine Denkstörung. Das bedeutet, dass die Denkprozesse oder die intellektuellen Fähigkeiten nicht oder nur gering gestört sind.

Für Betroffene und ihre Angehörigen sind dies extrem belastende Situationen. Der Betroffene kann selbst die alltäglichsten Dinge des Lebens nicht mehr benennen. Er weiß, was es ist, aber ihm fehlen einfach die Worte.

Vier unterschiedliche Aphasie-Formen

Die vier Aphasie-Formen lassen sich anhand der Symptome voneinander unterschieden:

Amnestische Aphasie

Die amnestische Aphasie ist die leichteste Form der Aphasie, bei der die Betroffenen beim direkten Benennen von Gegenständen Wortfindungsstörungen haben. Sie kaschieren die Sprachstörung, indem sie etwa die Wörter umschreiben oder Redefloskeln verwenden.

Broca-Aphasie

Wer im Stakkato- oder Telegrammstil spricht, also oftmals in sehr kurzen, einfachen Sätzen spricht oder einzelne Schlüsselworte aneinander reiht, leidet möglicherweise an einer Broca-Aphasie. Der Sprachfluss ist zwar durch die Suche nach passenden Worten angestrengt und verlangsamt, aber der Betroffene ist noch vergleichsweise gut zu verstehen.

Wernicke-Aphasie

Fast genau gegenteilig sprechen Menschen, die unter einer Wernicke-Aphasie leiden. Sie bilden sehr lange, verschachtelte Sätze, in denen sich einzelne Passagen zuweilen wiederholen. Der Betroffene redet zwar scheinbar flüssig, aber die passende Wortfindung fällt ihm sehr schwer und oftmals ergeben seine Sätze auch keinen Sinn. Entsprechend versteht man den Betroffenen auch nur schwer.

Globale Aphasie

Menschen mit einer globalen Aphasie sprechen oftmals nur einzelne Worte oder wiederholen die immergleichen Redefloskeln. Bei dieser schwersten Form der Aphasie ist der Betroffene kaum noch zu verstehen.

Therapie ist teilweise möglich

Die erworbene Sprachstörung ist nicht irreversibel, aber es erfordert viel Training in einer gezielten Sprachtherapie, das Sprechen und oft auch das Schreiben wieder zu erlernen.

Vor allem nach einem erstmaligen Schlaganfall kommt es bei etwa einem Drittel der Patienten zu einer weitestgehenden Normalisierung der Sprachfunktionen innerhalb der ersten vier Wochen. Danach nimmt die Rückbildung der Sprachstörungen allerdings immer weiter ab.

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Image caption Die US-amerikanische Schauspielerin Wendy Williams wurde mit Aphasie und Demenz diagnostiziert.
Image source Evan Agostini/Invision/AP/picture alliance
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Item 9
Id 68309734
Date 2024-02-23
Title Ukraine-Krieg: Russlands Wirtschaft hält sich gut - aber wie lange noch?
Short title Ukraine-Krieg: Russlands Wirtschaft hält sich gut
Teaser Der Westen hat Russland nach dem Angriff auf die Ukraine mit schweren Sanktionen belegt. Doch der Zusammenbruch blieb aus, die russische Wirtschaft wächst sogar.
Short teaser Russlands Wirtschaft ist unter der Last westlicher Sanktionen nicht zusammengebrochen. Sie wächst sogar.
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Zwei Jahre sind vergangen, seit Russland in der Ukraine einmarschiert ist, und in einem Punkt sind sich die Ökonomen einig: Zusammengebrochen ist Russlands Wirtschaft bisher nicht.

Das hatten viele vorhergesagt, als die EU, die USA und andere Länder nach Kriegsbeginn im Februar 2022 beispiellose Sanktionen verhängten.

Inzwischen ist die Debatte über die russische Wirtschaft in den westlichen Hauptstädten von Ernüchterung geprägt. Nur wenige zweifeln noch an der Widerstandsfähigkeit des Landes. Uneinigkeit herrscht jedoch darüber, wie solide die Grundlagen für die derzeit guten Wirtschaftszahlen sind.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet, dass das russische Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um 2,6 Prozent steigen wird - deutlich mehr als in der letzten IWF-Prognose im Herbst. Inzwischen ziehen auch die Öl-Einnahmen wieder an. Im Jahr 2023 war die russische Wirtschaft um mehr als drei Prozent gewachsen.

Doch die Zweifel bleiben. Der Kreml hat die Verteidigungsausgaben so stark erhöht, dass im laufenden Jahr 40 Prozent der gesamten Budgets auf Verteidigung und Sicherheit entfallen. Das ist eine Kriegswirtschaft - noch dazu eine gefährlich überhitzte, sagen Experten.

Der Mangel an Arbeitskräften wächst, die Inflation bleibt hoch. Auch die Sanktionen richten weiterhin Schaden an, zumal die westlichen Staats- und Regierungschefs nach neuen Wegen suchen, um Moskaus Kaufkraft zu bremsen.

Warum der Kollaps ausblieb

Elina Ribakova, Ökonomin am Peterson Institute for International Economics, einer Denkfabrik in der US-Hauptstadt Washington D.C., verweist gegenüber DW auf drei Hauptgründe, warum sich die russische Wirtschaft so gut gehalten hat.

Erstens sei das russische Finanzsystem auf die westlichen Sanktionen vorbereitet gewesen. Schon seit der Krim-Invasion 2014 sei der Sektor daran gewöhnt gewesen, schnell auf Krisen zu reagieren.

Zweitens habe Russland im Jahr 2022 hohe Einnahmen aus Öl- und Gasexporten erzielen können, weil die westlichen Länder zu langsam waren, diese Exporte zu erschweren.

Drittens, sagt Ribakova, hätten die westlichen Exportkontrollen nicht ausreichend funktioniert. So konnte sich Russland über Drittländer Waren beschaffen, die es für seinen militärisch-industriellen Komplex benötigt.

Benjamin Hilgenstock von der Wirtschaftshochschule im ukrainischen Kiew betont allerdings, dass die Sanktionen durchaus ihre Wirkung hatten.

"Die Schlussfolgerung ist nach wie vor, dass sich das makroökonomische Umfeld für Russland erheblich verschlechtert hat und dass dies zu einem großen Teil auf die Sanktionen zurückzuführen ist", so Hilgenstock zur DW.

Er verweist auf die russischen Einnahmen aus dem Export von Öl und Gas, die 2023 gegenüber dem Vorjahr gesunken sind. Auch musste die russische Zentralbank wegen der hohen Inflation den Leitzins auf 16 Prozent anheben.

Sanktionen umgehen

Als wichtigen Grund für die trotzdem relativ gute Entwicklung der russischen Wirtschaft sieht auch Hilgenstock, dass es Moskau gelungen ist, die Sanktionen zu umgehen. Zwei Beispiele sind das Unterlaufen der westlichen Exportkontrollen und der fortgesetzte Verkauf von Öl in die ganze Welt, obwohl die westliche Allianz im Dezember 2022 eine Obergrenze für den Ölpreis eingeführt hatte.

Damit sollten westliche Dienstleistungen für den Transport von russischem Öl eingeschränkt werden, wenn das Öl für mehr als 60 Dollar (56 Euro) pro Barrel verkauft wurde. Doch seit fast einem Jahr gelingt es Russland trotzdem, sein Öl zu marktnahen Preisen zu verkaufen.

Dies ist vor allem einer Schattenflotte von Schiffen zu verdanken, die russisches Öl in Länder wie China, Indien und Pakistan bringen und so die Preisobergrenze umgehen.

Die USA haben daraufhin zunehmend Sanktionen gegen einzelne Schiffe und Unternehmen verhängt, denen sie einen Verstoß gegen die Preisobergrenze vorwerfen. Hilgenstock sieht darin einen entscheidenden Faktor, um die russischen Öl-Einnahmen zu beschränken. "Diese Maßnahmen können Schiffe für eine beträchtliche Zeitspanne aus der Schattenflotte herausnehmen", sagt er.

Russlands kann viele westliche Produkte und Komponenten trotz Sanktionen über Drittländer importieren. Um das zu unterbinden, komme den Banken eine entscheidende Rolle zu, sagt Hilgenstock.

Er verweist auf die Verfügung von US-Präsident Joe Biden im Dezember. Sie ermöglicht Sanktionen gegen ausländische Banken, die Überweisungen zulassen, von denen Russlands militärisch oder industriell profitiert.

"Finanzinstitute spielen eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung von Exportkontrollen", so Hilgenstock. "Sie können die finanziellen Spuren von Geschäften sehen, die physisch nur sehr schwer zu verfolgen sind."

Risiken der Kriegswirtschaft

Ein weiterer wichtiger Faktor für Russlands Wirtschaftsleistung sind die Verteidigungsausgaben. Sie haben sich seit 2021 verdreifacht.

"Wir haben jetzt hauptsächlich eine Kriegswirtschaft", sagt Elina Ribakova. Das treibe die Wirtschaftsleistung in die Höhe, da der Staat viel Geld für die Produktion von Raketen, Artillerie und Drohnen ausgebe.

"Das bringt zwar eine Menge Leistung, ist aber mittelfristig keine produktive Leistung", sagt sie. "Es ist nicht gut für die Wirtschaft. Im Grunde ist es Verschwendung."

Ähnlich sieht das Chris Weafer, ein Investitionsberater, der seit mehr als 25 Jahren in Russland tätig ist. Langfristig sieht er negative Folgen, wenn der Staat viel Geld für "Verbrauchsgüter" ausgibt statt für Investitionen in die industrielle Basis.

"Das Land braucht seine Reserven auf. Wenn der Krieg dann vorbei ist, ist die Wirtschaft stark geschädigt. Und dann wird man sich den Kopf darüber zerbrechen, wie es weitergehen soll", so Weafer zur DW.

Als weiteres Schlüsselelement der russischen Kriegswirtschaft sieht er die Veränderungen am Arbeitsmarkt. Seit 2022 haben rund eine Million hochqualifizierte Arbeitskräfte Russland verlassen haben. Das und die Wehrpflicht für den aktuellen Krieg bedeuten, dass jetzt in vielen Bereichen die Arbeitskräfte fehlen.

Es gibt so gut wie keine Arbeitslosigkeit und die Löhne sind im Laufe des Jahres 2023 deutlich gestiegen. "Die höheren Einkommen haben die Inflation zusätzlich angeheizt", so Weafer.

Wie lange noch?

Wie lange das gut gehen kann, ist fraglich. Doch Russland hat düsteren Prognosen schon früher getrotzt. Die enormen Rohstoffe-Reserven des Landes seien bei der Verhängung von Sanktionen stets unterschätzt worden, sagt Weafer. Er verweist auf die ungebrochene Bedeutung von Öl und Gas für die Weltmärkte und auf Rohstoffe wie Uran, das die USA noch immer in großen Mengen abnehmen.

Weafer sagt, insbesondere die Europäische Union (EU) betreibe "ökonomisches Wunschdenken". "Dort sagt man: Ok, die russische Wirtschaft ist 2022 und 2023 nicht zusammengebrochen. Aber jetzt werden die hohen Militärausgaben die Wirtschaft sicher zum Einsturz bringen", so Weafer. "Aber das ist reines Wunschdenken."

Für Elina Ribakova vom Peterson Institute for International Economics hängt das Schicksal der Ukraine auch von der wirtschaftlichen Entwicklung in Russland ab. Sanktionen allein könnten die russische Aggression zwar nicht beenden. Doch das westliche Bündnis müsse mehr tun, um die Kriegsfähigkeit Russlands einzuschränken.

"Mit der einen Hand unterstützen wir die Ukraine finanziell, aber mit der anderen Hand unterstützen wir Russland. Wir kaufen immer noch russische Energie. Wir setzen die Ölpreisobergrenze und das Embargo nicht durch. Und auch die Exportkontrollen werden immer noch nicht vollständig eingehalten", sagt sie. "Das ist ein riesiges Problem."

Der Artikel wurde aus dem Englischen adpaptiert.

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Item 10
Id 68323027
Date 2024-02-23
Title Wie positionieren sich BRICS-Staaten zum Nahostkonflikt?
Short title Wie positionieren sich BRICS-Staaten zum Nahostkonflikt?
Teaser Globaler Süden gegen dominanten Westen: Im Nahostkonflikt positionieren sich die BRICS-Staaten eher israelkritisch und auf Seiten der Palästinenser. Doch eine offizielle gemeinsame Haltung der Gruppe gibt es nicht.
Short teaser Im Nahostkonflikt solidarisieren sich die BRICS insgesamt eher mit den Palästinensern, doch es gibt auch Unterschiede.
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Ein Gegengewicht zur westlichen Dominanz bilden - das war von Beginn an eines der zentralen Anliegen der BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Bei der Haltung zum Krieg zwischen Israel und der militant-islamistischen Hamas, überwiegen israelkritische Positionen.

"Es lässt sich eine klare Linie zwischen Globalem Süden und dem Westen erkennen", erklärt Politikwissenschaftler Stefan Kroll vom Peace Research Institute Frankfurt im Gespräch mit der DW. Dies zeige sich auch daran, dass Israel gemahnt würde, das humanitäre Völkerrecht einzuhalten.

Eine Formulierung zu Israels Recht sich zu verteidigen, suche man bei den BRICS vergebens. "Doch eine offizielle gemeinsame Haltung als BRICS gibt es nicht", so Kroll. Zwischen den nationalen Positionen gebe es einige Nuancen und regionale Versuche, zu vermitteln.

Brasilien: Lula zieht Holocaust-Vergleich

Die Beziehungen zwischen Brasilien und Israel sind zurzeit besonders angespannt. So hatte Brasiliens Präsident Luiz Inácio "Lula" da Silva auf einer Pressekonferenz in der äthiopischen Hauptstadt Adis Abeba das Vorgehen Israels im Gazastreifen als "Völkermord" bezeichnet und einen Vergleich zum Holocaust gezogen.

Israel erklärte den brasilianischen Präsidenten daraufhin umgehend zur "unerwünschten Person", und zwar solange, bis sich dieser entschuldigt habe.

In der Vergangenheit hatte Lula den Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober verurteilt, ein Ende der Gewalt angemahnt und eine Zwei-Staaten-Lösung gefordert. Die Europäische Union, ebenso wie die USA, Deutschland und weitere Staaten stufen die Hamas als Terrororganisation ein.

Mittlerweile hat sich Brasilien klar auf die Seite der Palästinenser gestellt. Das Land unterstützte auch die Klage gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte (IGH) in Den Haag.

Südafrika: Klage gegen Israel vor UN-Gericht

Diese Klage hatte Südafrika eingereicht, sowie einen Eilantrag, um die israelischen Vergeltungs-Angriffe auf Gaza zu stoppen. Das afrikanische Land wirft Israel "Völkermord" gegen die Palästinenser im Gazastreifen vor.

Israel weist die Vorwürfe entschieden zurück und verweist auf den Terrorangriff der Hamas, bei dem rund 1200 Menschen ermordet und mehr als 250 Geiseln genommen wurden.

Russland: Gegenpol zum Westen beim Nahostkonflikt

Anfang der 2000er Jahre stammten rund eine Million der insgesamt 6,2 Millionen Einwohner Israels aus der ehemaligen Sowjetunion. Viele davon sind überwiegend russischsprachig.

Dies sah der russische Präsident Putin laut einer Analyse der US-amerikanischen Denkfabrik Brookings lange Zeit als effektive Verbindung in den israelisch-russischen Beziehungen. Auch zu Israels Premier Netanjahu führte Putin einst engere Beziehungen.

Doch immer wieder trübten antisemitische Kommentare Putins bis hin zu Treffen mit Vertretern der Hamas das Verhältnis der beiden Länder. Der Kreml führt außerdem enge bilaterale Beziehungen mit dem Iran, dessen Drohnen bei Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine zum Einsatz kommen.

Dass Russland mittlerweile offen pro-palästinensisch auftritt, hat also auch mit dem Ukraine-Krieg zu tun. "Russland hat am Anfang davon profitiert, dass der Nahostkonflikt vom eigenen Krieg abgelenkt hat", sagt Kroll. "Hinzu kommt, dass Russland den Konflikt weiter nutzen kann, um sich als Gegengewicht zum Westen zu präsentieren."

Indien: Hilfe für Gaza, aber auch Solidarität mit Israel

"Unter den BRICS-Ländern ist Indien eine klare Ausnahme", erklärt der Politologe Ben Dubow, Senior Fellow am Zentrum für Europäische Politikanalyse (CEPA). Vor allem zu Beginn des Krieges zwischen Israel und der Hamas habe sich Indiens Premier Narendra Modi mit Israel solidarisiert.

Neu-Delhi unterhält enge wirtschaftliche Beziehungen zu Israel. Das Land ist ein bedeutender Kunde der israelischen Waffenindustrie. Doch die indische Regierung sieht sich auch den Anliegen der Palästinensern verpflichtet. Sie leistet humanitäre Hilfe in Gaza und an ihrm Bekenntnis zur Zweistaatenlösung fest.

Chinas Haltung zum Israel-Hamas-Krieg: subtil, aber nicht eindeutig

China hat sich nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober als Fürsprecher für Frieden positioniert und einen sofortigen Waffenstillstand im Gazastreifen gefordert. Außerdem tritt Peking für einen unabhängigen palästinensischen Staat ein. Es hat weder die Hisbollah noch die Hamas als Terrororganisationen eingestuft.

Dies änderte sich auch nach dem 7. Oktober nicht. Peking verurteilte stattdessen jegliche Gewalt. "Auf subtile Art steht China auf Seiten der Palästinenser", so Dubow. Gleichzeitig nutzt China den Konflikt, um die USA und ihre Unterstützung für Israel zu kritisieren und sich als Gegenpol zu den USA darzustellen.

BRICS plus: Konfliktpotenzial bei neuen Mitgliedern

Das neue BRICS-Mitglied Äthiopien wird aufgrund des Konflikts im eigenen Land laut Experten kaum in der Lage sein, eine politisch größere Rolle innerhalb des BRICS-Bündnisses einzunehmen. Im Gegenteil: Bei den neuen Mitgliedern des Bündnisses könnte Konfliktpotenzial bestehen.

"Zwischen Saudi Arabien und dem Iran, der Israel traditionell als Erzfeind in der Region betrachtet und die Hamas als Verbündeten ansieht, könnten Konflikte auftreten", meint der Politologe Dubow.

Die Regierungschefs Saudi Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Ägypten hingegen positionierten sich alle klar gegen die Hamas. Dubow: "Sie sehen den Islamismus als Bedrohung für ihre Herrschaft".

In den vergangenen Jahrzehnten hätten sich die drei Länder aber auch Israel angenähert. "Diese drei BRICS plus Länder stehen für ein eigenes Muster", erklärt Stefan Kroll. "Sie stehen eher auf Seiten der Palästinenser, aber sie haben ein starkes eigenes Interesse an Vermittlung."

Item URL https://www.dw.com/de/wie-positionieren-sich-brics-staaten-zum-nahostkonflikt/a-68323027?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Fünf Männer, fünf Meinungen: Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, Chinas Präsident Xi Jinping, Südafrikas Staatschef Cyril Ramaphosa, Indiens Premier Narendra Modi und Russlands Außenminister Sergej Lawrow
Image source Prime Ministers Office/ZUMA Press/picture alliance
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Item 11
Id 68352200
Date 2024-02-23
Title Benin: Eine Feministin für den Film
Short title Benin: Filme von Frauen aus ganz Afrika
Teaser Benins Internationales Frauenfilmfestival bringt 18 Filme auf die Leinwand, die alle von Frauen gedreht wurden. Ins Leben gerufen hat es die Filmemacherin Cornélia Glele, eine Kämpferin für Gleichberechtigung.
Short teaser Die 26-jährige Cornélia Glele hat das Internationale Frauenfilmfestival in Cotonou ins Leben gerufen.
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Der Saal des einzigen Kinos von Cotonou, der Wirtschaftsmetropole von Benin, ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Wer zu spät kommt, muss sich auf den Boden hocken. An diesem Abend steht eine Frau im Mittelpunkt: Cornélia Glele. Bereits zum dritten Mal seit 2019 organisiert sie das Internationale Frauenfilmfestival (FIFF) von Cotonou, das noch bis Samstag stattfindet. Dabei ist Glele gerade einmal 26 Jahre alt. Doch es ist ihr gelungen, Filmemacherinnen, Regisseurinnen und Schauspieler aus ganz Afrika nach Benin zu holen. Noch bis morgen laufen 18 Filme im Wettbewerb, der Debatten angestoßen hat - über afrikanische Produktionen ebenso wie die Rolle von Frauen in der Filmindustrie. Alle Festivalbeiträge sind von Frauen verantwortet.

Cornélia Glele ist Journalistin, Filmemacherin und Bloggerin. Im Zentrum zu stehen und allen Applaus zu bekommen, das ist nicht ihre Sache. Stattdessen spricht sie lieber über die Neuheit des diesjährigen Festivals: Der Eröffnungsfilm "Malaïka" ist ein Projekt ihres Vereins "EcranBénin", der das Filmfestival organisiert. Für den Film sind zehn junge Frauen aus mehr als 100 Bewerbungen ausgewählt worden, zum Teil ganz ohne Filmerfahrung - die sich dann um alle Bereiche von den Kostümen über das Darstellen bis hin zur Kameraführung selbst gekümmert haben.

"Ich kannte sie nicht persönlich. Es sind also keine Freundinnen von mir", sagt Glele, um den Verdacht der Vetternwirtschaft gar nicht erst aufkommen zu lassen. Zwei Monate bekamen sie einen Crashkurs in allen Bereichen der Filmproduktion. Höhepunkt des Experiments war der siebentägige Dreh in der Stadt Parakou im Norden Benins.

Durch die Augen von Frauen

In einem unscheinbaren Wohnhaus in Parakou fällt Synchronklappe Nummer 17. Gedreht wird eine zentrale und besonders schwierige Szene: Auf dem Bett liegt eine junge Frau, die feststellt, dass sie inkontinent ist. Es ist die Folge einer Fistel im Genitalbereich. Davon sind weltweit rund zwei Millionen Frauen betroffen, meist auf dem afrikanischen Kontinent. In der Geschichte ist eine Fehlgeburt dafür verantwortlich. Die Hauptfigur, die Malaïka heißt, wurde gegen ihren Willen und als Minderjährige verheiratet. Für eine Schwangerschaft war ihr Körper noch gar nicht bereit. Die gesundheitlichen Folgen sind ebenso fatal wie die daraus folgende gesellschaftliche Stigmatisierung.

Eine der Teilnehmerinnen ist Maïmouna Garba, die aus dem Nachbarland Niger kommt. Mehrmonatige Ausbildungsmöglichkeiten wie diese sind selten, und die 24-Jährige ist begeistert: "Mit den anderen Teilnehmerinnen verbringe ich eine unglaublich tolle Zeit, die ich nie vergessen werde. Es ist fantastisch." Die zehn jungen Frauen sind für alles selbst verantwortlich. Jede hat zwei Szenen des Drehbuchs geschrieben. Sie müssen sich um Drehorte, Requisite, Ton und Kameraführung kümmern.

Raus aus der Opferrolle

Vor allem haben sie die Chance, aus ihrem Blickwinkel eine Geschichte zu erzählen, die ihnen wichtig ist. Es sind nicht immer die großen Krisen, die aus europäischer Sicht vorherrschend sind. Tatsächlich geht es um Alltagserfahrungen. Maïmouna Garba konnte das schon in früheren Filmprojekten in Niger erproben. "Gemeinsam mit anderen jungen Frauen wurde ich ausgewählt, um einen Dokumentarfilm über geschlechtsspezifische Gewalt zu drehen. Wir haben uns mit sexualisierter Belästigung in Schule und Arbeitswelt befasst. Anschließend wurde mein Film auf zwei Festivals gezeigt."

Für Cornélia Glele ist aber noch ein anderer Aspekt zentral: Frauen sind nicht bloß Opfer von Umständen, sondern können selbst handeln. "Man muss endlich aufhören, das arme Mädchen zu zeigen, das eines Tages den Prinzen trifft und reich wird, ohne selbst dafür etwas zu tun. Anschließend landet sie in der Küche, und er bringt das Geld nach Hause."

Engagement für ein selbstbestimmtes Leben

Rund um die Entstehung des Films "Malaïka" hat Cornélia Glele allerdings gemerkt, wie stark alte Rollenbilder bis heute verankert sind. Das gilt auch für junge Frauen, die sich selbst als Feministinnen bezeichnen. "Der erste Tag der Weiterbildung war sehr schwierig. Jemand sagte: Zu Hause bezahle ich keine Rechnungen. Das muss mein Mann machen. Eine andere fand: Es ist normal, dass der Mann nicht im Haushalt hilft. Er hat gar nicht das Recht, seinen Fuß in die Küche zu setzen. Ich mache die ganze Arbeit." Einen Monat lang haben sie immer wieder über Ansichten gesprochen und zunehmend Dinge hinterfragt.

Eine Frau wundert sich nicht über diese Hartnäckigkeit. Egal, ob bei der großen Eröffnungsfeier oder bei den Podiumsdiskussionen: Angèle Marie Hougbelo, verheiratete Glele, bliebt im Hintergrund, ist aber stets an der Seite ihrer Tochter. "Schon in der Grundschule hat sie protestiert, wenn ein kleines Mädchen gehänselt wurde. In der weiterführenden Schule hat sie sich bis zum Abitur für Sexualaufklärung eingesetzt." Ganz leicht sei das für die Mutter damals nicht gewesen: "Sie war überhaupt nicht mehr zu Hause, sondern ständig unterwegs, obwohl sie erst 17 war. Manchmal war ich besorgt und habe gehofft, dass ihr nichts passiert. Sie war in Bereichen unterwegs, die von Männern dominiert werden."

Bescheidenheit statt Arroganz

Eins beeindruckt die Mutter besonders: die Geradlinigkeit ihrer Tochter. Sie verließ ein Unternehmen, weil es dort zu Belästigungen kam. Als beim ersten Internationalen Frauenfilmfestival (FIFF) 2019 die Veranstaltungspatin ausgetauscht werden sollte, weigerte sie sich standhaft und setzte sich durch. All das bringt Anerkennung. Besonders deutlich geworden sei diese während der Eröffnungsfeier. "Es war sehr emotional. Ich habe mich zwischendurch gefragt, wie es einem so jungen Menschen gelingt, so viele andere zu mobilisieren. Wie klappt das? Wenn ich dann anderen zuhöre, merke ich: Es hat es auch etwas mit meiner Erziehung zu tun", sagt Angèle Marie Hougbelo.

Ihr Erziehungsmotto beschreibt Hougbelo so: Vor allem Mädchen brauchen eine gute Ausbildung, um finanziell unabhängig zu sein, und Erfolg darf nicht arrogant und überheblich machen. "Cornélia gelingt all das, weil sie bescheiden und den Menschen zugeneigt ist". Die Filmemacherin und Feministin hat unterdessen schon angekündigt, dass das FIFF auch 2026 wieder stattfinden soll. Vermutlich wird dann jedoch ein größerer Saal notwendig sein.

Item URL https://www.dw.com/de/benin-eine-feministin-für-den-film/a-68352200?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (460 x 259) https://static.dw.com/image/68352095_302.jpg
Image source Katrin Gänsler
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Item 12
Id 68348606
Date 2024-02-23
Title Viktor Kossakowski: "Wir müssen mit dem Töten aufhören"
Short title Viktor Kossakowski: "Wir müssen mit dem Töten aufhören"
Teaser Er ist der einzige russische Regisseur bei der Berlinale: Viktor Kossakowski. Mit der DW sprach er über seinen Film "Architecton", über Alexej Nawalny und eine Menschheit, die auch im 21. Jahrhundert noch Kriege führt.
Short teaser Der russische Regisseur spricht über zerstörerische Architektur der Neuzeit, aber auch über Alexej Nawalny und Krieg.
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Viktor Kossakowski ist ein russischer Dokumentarfilmer, der sein Handwerk in Leningrad (heute St. Petersburg) erlernte. Er erhielt zahlreiche internationale Preise. Im Jahr 2002 hat er seine Heimat verlassen und lebt u.a. in Berlin. Bei der diesjährigen Berlinale lief sein Film "Architecton" im Hauptwettbewerb. Es ist eine bildgewaltige Reise ins Reich des Materials, aus dem menschliche Behausungen bestehen: Beton und dessen Vorgänger, Stein. Das Filmessay widmet sich der fundamentalen Frage, wie wir die Welt von morgen bewohnen wollen und rückt auch das Konzept wenig nachhaltigen modernen Bauens in den Fokus.

Die DW sprach mit Viktor Kossakowski über moderne Architektur und die Notwendigkeit, im Einklang mit der Natur zu leben, aber auch über den Tod von Alexej Nawalny, über Krieg und über individuelle Verantwortung.

DW: Einen Tag nach Beginn der Berlinale, am 16. Februar, haben wir vom Tod Alexej Nawalnys erfahren. Wie hat diese Nachricht auf Sie gewirkt?

Viktor Kossakowski: Im Kino gibt es eine Zeitlupen-Filmtechnik. Stellen Sie sich vor, eine Kugel wird abgefeuert, sie erreicht den Kopf eines Menschen - und er wird getötet. Die filmische Zeitlupe dehnt diesen Moment auf drei Jahre aus. Nawalny wurde schon vor drei Jahren getötet - in dem Moment, als er verhaftet wurde. Wir wussten, dass er umgebracht werden wird. Die Frage war nur, wann das geschieht. Es ist alles unsere Schuld: Drei Jahre lang haben wir so getan, als würde sich alles irgendwie schon regeln. Und jetzt versuchen wir, unsere Untätigkeit zu rechtfertigen.

Ich habe Mitleid mit Julia Nawalnaja. Ich habe Mitleid mit Nawalnys Mutter. Mit seinen Kindern. Ich habe Mitleid mit den ukrainischen Kindern, die zwangsweise deportiert werden, die ihren Familien entrissen werden, die vielleicht einen anderen Namen bekommen... Ich denke die ganze Zeit an sie! Was für eine Katastrophe! Und die Welt kann nichts dagegen tun. Irgendetwas stimmt nicht, wenn die ganze Welt im 21. Jahrhundert nicht in der Lage ist, einen Krieg mitten in Europa zu stoppen!

Ihr neuer Film "Architecton" beginnt mit einem Prolog, in dem Sie Häuser in der Ukraine zeigen, die von russischen Raketen zerstört wurden. Dieses Filmmaterial hat nicht direkt etwas mit der Idee des Films zu tun. Warum war es für Sie wichtig, den Film mit diesen Aufnahmen zu beginnen?

Ich habe diesen Film anfangs als Komödie über moderne Architektur konzipiert. Aber als die Corona-Pandemie ausbrach, wurde mir klar, dass ich ernst sein muss. Ich drehte ein völlig leeres New York: kein einziger Mensch, kein einziges Auto, keine einzige Werbung. Ein völlig apokalyptisches Bild einer unvorstellbaren Zukunft. Und dann begann dieser Krieg - und mir wurde klar, dass ich weder die Comedy-Episode noch das Filmmaterial aus New York verwenden konnte.

Die Ruinen beweisen mehr als schriftliche Dokumente: Denn Russland könnte sagen, es sei nicht für Zerstörung verantwortlich. Hier war mal ein gewöhnliches Viertel, gewöhnliche Wohnhäuser, in denen die Menschen schliefen. Jetzt belegen diese kaputten Häuser ganz klar, von welcher Seite die Raketen kamen. Daher habe ich angefangen, Ruinen zu filmen.

Es gab eine Bewegung in der Kunst - den "Ruinismus", auch Piranesi (Giovanni Batista Piranesi, italienischer Archäologe, Architekt und Kunstgrafiker des XVIII. Jahrhunderts, der die Ruinen antiker Zivilisationen malte, Anmerkung d. Red.) gehörte dazu. Als er seine Gemälde präsentierte, glaubte man, dass er sich diese Motive nur ausgedacht habe. Ich wollte wissen, ob das stimmt - und es stellte sich heraus, dass er nicht nur nichts erfunden hatte, sondern seine Bilder sogar fotografisch genau waren.

Wenn man sich seine Werke ansieht, versteht man, dass wir nicht die Einzigen auf der Welt sind, dass es eine frühere Zivilisation gab. Und die Art und Weise, wie sie damals gebaut haben, das können wir nicht wiederholen. Wir sind nicht in der Lage, die Steine so zu bearbeiten, wie die Menschen damals es getan haben. Wir können nicht nur den Stein nicht anheben, wir können ihn auch nicht vom Felsen trennen.

Die Vorstellung, dass Bauten in der Antike von Sklaven errichtet wurde, ist falsch. Sklaven gibt es heute auf vielen Baustellen - in jedem Land, auch in Europa, auch hier in Deutschland. Es sind Menschen ohne Rechte, Menschen, die in den Kellern der Gebäude schlafen, die sie bauen. Das sind die Sklaven. In der Antike waren es Meister ihres Fachs!

Heutzutage errichten wir keine schönen Steinbauten mehr, weil wir sie für zu teuer halten. Aber in Wirklichkeit sind die Bauten teuer, die wir jetzt errichten, denn unsere Kinder werden sie wieder abreißen (weil sie weder lange haltbar noch nachhaltig sind, Anm. d. Red.). Wenn wir schöne Gebäude errichten würden, würden unsere Kinder sie schützen, und unsere Enkel und Urenkel würden sie auch schützen. Das käme uns billiger.

Wenn die Medien über Sie schreiben, werden Sie manchmal als russischer Regisseur bezeichnet, manchmal als ein in Russland geborener Regisseur. Wie sehen Sie sich selbst?

Als Regisseur wurde ich in in Leningrad (heute St. Petersburg) ausgebildet, wo ich studiert habe. Ich habe mit Kameramännern gearbeitet, deren Namen in die Filmgeschichte eingegangen sind. Den Respekt vor dem Bild und das Verständnis, dass Dokumentarfilm eine Kunst ist, habe ich mir dort angeeignet. Und natürlich bin ich mit russischen Büchern aufgewachsen. Ich vermisse immer noch unseren tiefen Himmel, die lange Dämmerungen...Ich bin ein Russe.

Aber wenn Sie Russe und Teil der russischen Kultur sind, bedeutet das, dass Sie bereit sind, die kollektive Verantwortung für Russlands Handlungen zu übernehmen?

Nein, ich bin nicht dazu bereit. Aber ich denke, dass auch ich Schuld trage, weil ich nicht genug getan habe. Meine Filme waren nicht überzeugend genug. Wenn andere Kulturschaffende die Weltanschauung der russischen Bürger geprägt haben, dann hatte ich wohl nicht genug Talent dazu.

Es gibt eine traurige Sache in der Natur: Es überlebt derjenige, der sich anpasst. Offensichtlich ist der Kompromiss Teil des Überlebenssystems. Ich kann nicht über diejenigen urteilen, die es geschafft haben, sich anzupassen. Dazu habe ich kein Recht. Ich will es nur nicht selbst tun, deshalb bin ich ausgewandert. Aber jeder geht seinen eigenen Weg.

In Ihren letzten drei Filmen - in "Aquarell", "Gunda" und "Architekton" - sind praktisch keine Menschen im Bild. Aber nach diesen Filmen kann man gewisse Schlüsse über die Menschheit ziehen - und die sind ziemlich enttäuschend. Man hat das Gefühl, dass Sie eine eher pessimistische Sicht der menschlichen Natur haben. Ist das so?

Nein, nein, ganz im Gegenteil! Wenn wir so schrecklich wären, hätten wir uns schon längst gegenseitig aufgefressen. Aber wir haben uns darauf geeinigt, uns nicht gegenseitig zu fressen - zumindest in diesem Jahrhundert. Es ist an der Zeit, den nächsten Schritt zu tun - mit dem Töten aufzuhören. Wir sind nur ein Teil dieser Welt, sie kann auch ohne uns weiterleben. Wir sind nicht die Ersten und wir werden nicht die Letzten sein! Wir müssen bescheidener sein und vorsichtiger. Und vor allem sollten wir lernen, alles rund um uns herum zu respektieren.

Das Gespräch führte Marina Baranovska.

Item URL https://www.dw.com/de/viktor-kossakowski-wir-müssen-mit-dem-töten-aufhören/a-68348606?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Viktor Kossakowski lebt seit 2002 nicht mehr in Russland
Image source DW
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Item 13
Id 68349502
Date 2024-02-23
Title Polen zwischen Bauernprotesten und Ukraine-Solidarität
Short title Polen zwischen Bauernprotesten und Ukraine-Solidarität
Teaser Spagat für Polens Regierung: Premier Donald Tusk ist entschlossen, die Ukraine weiter zu unterstützen, muss aber im Konflikt um ukrainische Agrarimporte auch auf die protestierenden polnischen Landwirte zugehen.
Short teaser Spagat für Polens Regierung: Premier Tusk will die Ukraine weiter unterstützen und muss auf einheimische Bauern zugehen.
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Der polnische Premier Donald Tusk verbarg seine Verärgerung nicht, als er am Donnerstag (22.02.2024) vor die Presse trat. Seine Mitte-Links-Regierung unternimmt derzeit große Anstrengungen, um die Rechtsstaatlichkeit wiederherzustellen, die die nationalkonservative Vorgängerregierung der PiS in den vergangenen acht Jahren ausgehöhlt hat. Deshalb braucht er Ruhe an anderen innenpolitischen Fronten. Doch die polnischen Bauern haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Nach einer längeren Unterbrechung blockieren die Landwirte seit diesem Dienstag (20.02.2024) erneut landesweit die Straßen und Zufahrtswege zu Grenzübergängen in die Ukraine. Dabei kam es vereinzelt zu Ausschreitungen.

Am Grenzübergang Medyka wurde aus einem ukrainischen Güterwaggon Getreide verschüttet. In Schlesien wiederum fiel ein Traktor mit sowjetischer Fahne und einem prorussischen Transparent auf. Darauf stand: "Putin, mach Ordnung in der Ukraine, in Brüssel und bei unserer Regierung". Das Außenministerium in Warschau verurteilte den Zwischenfall scharf, die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen wegen totalitärer Propaganda und Aufruf zum Hass auf.

Tusk will entschärfen

Um eine Eskalation des Konflikts zu vermeiden, versucht Tusk, die Interessen beider Seiten nun in Einklang zu bringen. Er bekannte sich zur Unterstützung für die Ukraine, zeigte aber auch Verständnis für die Landwirte. "Wir sollten in den innenpolitischen und internationalen Debatten zwei Fragen voneinander trennen. Die Unterstützung der Ukraine im Kampf gegen Russland steht außer Frage. Das steht nicht zur Disposition. Wir sollten aber auch polnische Landwirte und den polnischen Markt vor negativen Folgen der Grenzöffnung für Agrarprodukte schützen", sagte der liberale Regierungschef.

Gleichzeitig verurteilte er prorussische Provokationen entschlossen: "Eines werde ich niemals akzeptieren. Wir können nicht zulassen, dass in der Nähe der ukrainischen Grenze Menschen aktiv sind, die die Proteste der Landwirte missbrauchen und offen und schamlos Putin unterstützen", sagte Tusk. Das sei Landesverrat.

Damit die Transporte mit Militärgütern und humanitärer Hilfe die ukrainische Grenze problemlos passieren können, will Tusk die polnisch-ukrainischen Grenzübergänge in die Liste der "kritischen Infrastruktur" aufnehmen, was ihnen einen besseren Schutz im Falle der Blockaden garantiert.

Technische Gespräche statt Symbolik

Ein vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj angeregtes Treffen an der Grenze wird dagegen nicht zustande kommen. "Wir brauchen in unseren Beziehungen keine Symbolik, keine bombastischen Gesten der Solidarität", sagte Tusk. Stattdessen sollen sich beide Regierungen am 28. März in Warschau treffen, und zwar nach dem vorherigen Abschluss technischer Gespräche. Selenskyj hatte zuvor ein baldiges Treffen beider Präsidenten und Regierungschefs unter Teilnahme eines EU-Vertreters vorgeschlagen.

Bei einem für diesen Freitag angekündigten Besuch der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will Tusk die "Notwendigkeit der Korrektur der EU-Politik gegenüber der Ukraine" ansprechen.

Lange Vorgeschichte des Konflikts

Der Konflikt um die Lebensmittelimporte aus der Ukraine dauert seit einem Jahr an. Die polnischen Landwirte behaupten, ein Großteil des für Länder in Asien und Afrika bestimmten ukrainischen Getreides sei auf dem Transitweg in Polen geblieben - mit verheerenden Folgen für polnische Landwirte. Die Preise fielen, die polnischen Erzeuger blieben wegen höherer Produktionskosten auf ihrer eigenen Ware sitzen. Zudem wurde die "Green-Deal"-Politik der EU als zusätzliche Belastung empfunden.

Nach einer ersten Protestwelle im vergangenen Jahr hatte die polnische Regierung im April 2023 erstmals ein Importverbot für ukrainisches Getreide verhängt. Unter dem Druck mittelosteuropäischer Länder, darunter vor allem Polens, führte Brüssel befristete Restriktionen für Agrarimporte aus der Ukraine ein. Als das Embargo Mitte September 2023 nicht verlängert wurde, behielten Polen, Ungarn und die Slowakei die Restriktionen in Eigenregie bei. Sie gelten bis heute.

Die Opposition im polnischen Parlament plädiert nun für eine Erweiterung des Importverbots. Krzysztof Bosak von der nationalistischen und antiukrainischen Partei Konfederacja verlangte ein Embargo gegen alle Agrarprodukte aus der Ukraine.

Wem würde ein erweitertes Embargo mehr schaden?

Experten warnen aber, dass ein erweitertes Embargo wegen zu erwartender ukrainischer Vergeltungsmaßnahmen Polen weitaus mehr schaden als nutzen würde. Der polnische Landwirtschaftsminister Czeslaw Siekierski wies im Parlament darauf hin, dass der polnische Überschuss im Handel mit der Ukraine im vergangenen Jahr 6,9 Milliarden Euro betragen habe. Dagegen sei bei Agrarprodukten auf polnischer Seite ein Defizit von 650 Millionen Euro entstanden. Polen exportiert in die Ukraine Fahrzeuge, Maschinen, Kraftstoffe, Waffen und pharmazeutische Produkte, aber auch Milchprodukte, Gemüse und Getränke.

Die polnischen Regierungsvertreter haben für die kommende Woche Gespräche mit den protestierenden Landwirten angekündigt. Die wiederum haben am kommenden Dienstag (27.02.2024) eine Sternfahrt nach Warschau geplant. "Vorerst kommen wir nicht mit Traktoren, sondern mit Bussen", sagte der Chef der Gewerkschaft der Landwirte Slawomir Izdebski. Er rechnet mit bis zu 20.000 Teilnehmern, auch aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden.

Verhältnis zwischen Polen und Ukrainern verschlechtert sich

Die Landwirte zeigen sich entschlossen, von ihrem Protest nicht abzurücken. "Der Kampfgeist wächst mit jedem Tag. Es kommen immer neue Teilnehmer", sagte Andrzej Sobocinski, Sprecher einer Blockade an der Schnellstraße S7 zwischen Danzig und Warschau dem Sender TVN24. "Wir bekommen unglaublichen Zuspruch. Wir haben Tränen in den Augen, wenn uns Menschen Lebensmittel bringen und uns Erfolg wünschen". Die Landwirte aus dieser Region wollen noch bis zum 10. März die Straße blockieren. "Wir fahren erst dann nach Hause, wenn wir konkrete Ergebnisse sehen", sagte Sobocinski.

Der andauernde Konflikt beeinflusst auch das gegenseitige Verhältnis zwischen Polen und der Ukraine. Die polnischen Medien berichteten unlängst über die Umfrage der Gruppe "Rating" aus Kiew, die ein deutliches Schwinden der Sympathiewerte für Polen zeigt. Derzeit betrachten 79 Prozent der Ukrainer Polen als "freundliches Land". Vor einem Jahr vertraten diese Meinung noch 94 Prozent der Befragten. "Eindeutig freundlich" ist Polen nur noch für 33 Prozent der Ukrainer. Vor einem Jahr waren es noch 79 Prozent.

In Polen sieht es ähnlich aus: Eine Umfrage für die Arbeitsagentur Personnel Service vom letzten Sommer zeigte wiederum, dass sich bei 26 Prozent der Polen die Einstellung gegenüber Ukrainern innerhalb eines Jahres verschlechtert hat.

Item URL https://www.dw.com/de/polen-zwischen-bauernprotesten-und-ukraine-solidarität/a-68349502?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (460 x 259) https://static.dw.com/image/68311238_302.jpg
Image caption "Von der Maus bis zum Kaiser, jeder lebt von Bauern", warnt dieses Plakat beim Bauernprotest in Danzig am 20.02.2024
Image source Lukasz Glowala/REUTERS
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Item 14
Id 39252017
Date 2024-02-23
Title Brandschutz: Bei einem Großbrand das Schlimmste verhindern
Short title Großbrände wie in Valencia verhindern
Teaser Im spanischen Valencia stand ein Hochhaus lichterloh in Flammen. Dabei sollten moderne Bau- und Sicherheitsvorschriften bei solchen Unglücken eigentlich das Schlimmste verhindern.
Short teaser Moderne Bau- und Sicherheitsvorschriften sollten Tragödien wie den Hochhausbrand in Valencia eigentlich verhindern.
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Bei einem Hochhausbrand im spanischen Valencia sind mindestens vier Menschen umgekommen, mindestens 14 weitere wurden verletzt (Stand 23.02, 8:42 Uhr). Noch sei unklar, ob Menschen vermisst würden - die Regionalzeitung "Levante" berichtet von 20 Vermissten.

Gerade in Hochhäusern wird ein Brand lebensbedrohlich, denn für Menschen in den oberen Stockwerken sind die Fluchtwege schnell abgeschnitten und Löschwasser in den obersten Stock zu befördern, ist sehr viel schwieriger als ins Erdgeschoss. Nicht mal die Flucht aus dem Fenster ist eine Option.

Im Falle des Brandes in Valencia ist das Feuer in einem der untersten Stockwerke ausgebrochen. Es habe sich über die Fassade aus brennbaren Materialien auch wegen der starken Winde rasant ausgebreitet, heißt es in spanischen Medien. Eine Vertreterin der örtlichen Ingenieurskammer sagte gegenüber dem Sender A Punt, der Brand habe sich so schnell ausbreiten können, weil die Fassade mit hochbrennbarem Polyurethan verkleidet war.

Der Fall erinnert an den schlimmen Brand im 24-stöckigen Londoner Grenfell Tower im Jahr 2017. Beim Brand des 24-stöckigen Wohnhauses waren 72 Menschen getötet worden. Auch in diesem Fall breitete sich das Feuer über die Fassadenverkleidung aus. Die Ermittlungen zu dem Fall laufen noch.

Dabei sollten moderne Bau- und Sicherheitsvorschriften bei solchen Unglücken eigentlich das Schlimmste verhindern. Die richtige Technik hilft im Notfall, den Brand unter Kontrolle zu halten. Hier ein paar Beispiele dafür, was Ingenieure und Chemiker ausgetüftelt haben.

1) Feuer melden und löschen

Brandmelder warnen frühzeitig vor Feuer. Ein Beispiel sind optische Rauchmelder: Sie lösen Alarm aus, wenn der Infrarot-Lichtstrahl im Inneren durch Rauchpartikel abgelenkt wird und auf einen lichtempfindlichen Sensor trifft.

In Hochhäusern sind in der Regel Brandmeldeanlagen vorhanden, die bei einem Alarm automatisch eine Meldung an die Feuerwehr schicken und einen internen Alarm auslösen. Von akustischen Warnungen im gesamten Gebäude wird häufig aber abgesehen, da sie zu Missbrauch verleiten oder zu Panik führen können. Oft wird nur ein stiller Alarm für das Personal ausgelöst, etwa in Krankenhäusern.

Um den Brand zu löschen, helfen in Hochhäusern Steigleitungen. Das sind fest angebrachte Metallrohre, über die die Feuerwehr Löschwasser für die oberen Stockwerke einspeisen kann.

Sprinkleranlagen versprühen automatisch Wasser bei einem Feuer. An den Sprinklerköpfen befinden sich kleine Glasampullen, die mit einer speziellen Flüssigkeit gefüllt sind. Ab einer bestimmten Temperatur dehnt diese sich aus, lässt die Ampulle platzen und gibt so einen Wasserstrahl frei.

2) Ein Ausbreiten der Flammen verhindern

Das Problem bei vielen Häusern: Sie sind mit einer Wärmedämmung verkleidet, üblicherweise aus Polystyrol-Platten (Styropor) - und die können Feuer fangen.
Um zu verhindern, dass so die gesamte Fassade in Brand gerät, werden regelmäßig Brandriegel - auch Brandschutzstreifen genannt - aus nicht brennbarem Material dazwischengesetzt. Sie bestehen meist aus Mineralwolle: Die hat einen Schmelzpunkt von über 1000 Grad Celsius und verhindert, dass die Flammen auf weitere Stockwerke übergreifen.

3) Plastik, das den Flammen trotzt

Kunststoffe brennen von Natur aus hervorragend, vor allem Massenkunststoffe wie Polypropylen. Wenn sie sich bei einem Brand zersetzen, werden zusätzlich hochentzündliche Substanzen frei, die die Situation noch verschlimmern. Vorsicht ist vor allem bei Kabelisolierungen geboten: Sind sie aus leicht brennbarem Kunststoff, könnte sich ein Brand über sie im ganzen Haus ausbreiten.

Eine Lösung sind spezielle Kunststoffe, die aufgrund ihrer Zusammensetzung bereits flammgeschützt sind. Bestes Beispiel ist Polyvinylchlorid (PVC), aus dem viele Kabelisolierungen bestehen. Es enthält Chlor und löscht einen Brand quasi von selbst, weil freigesetztes Chlor die Flamme erstickt.

Eine andere Möglichkeit ist die Zugabe von Flammschutzmitteln, Chemikalien, die dem ansonsten brennbaren Kunststoff bei der Herstellung zugesetzt werden und ihn widerstandsfähig gegen Feuer machen. Recht neu auf dem Markt ist bromiertes Styrol-Butadien-Copolymer, auch PolyFR genannt: Es wird Polystyrol-Schäumen (Styropor) zugesetzt. Das zuvor eingesetzte giftige Mittel Hexabromcyclodecan ist seit 2015 nach dem Stockholmer Übereinkommen verboten, weil es sich in der Umwelt anreichert.

4) Schaum schützt Stahlträger

Wenn es in einem Haus brennt, erwärmen sich auch die Stahlträger - das kann tödlich enden. Ab einer Temperatur von 500 Grad Celsius werden die Stahlskelette instabil und können dann innerhalb von Minuten einknicken: Das Haus stürzt ein und begräbt Menschen möglicherweise unter sich.

Um das zu verhindern, wird auf die Stahlträger ein Mix an Chemikalien aufgetragen, beispielsweise als Teil der Deckfarbe. Bei Temperaturen über 250 Grad beginnen diese Chemikalien, miteinander zu reagieren und Gase freizusetzen. Als Folge entsteht ein zentimeterdicker Schaum, der die Stahlträger vor Hitze abschirmt. Dieser Wärmeschutz hält etwas über eine Stunde an. Das gibt den Menschen viel wertvolle Zeit, sich aus dem brennenden Gebäude zu retten.

5) Weg mit dem Rauch, her mit frischer Luft

Ist eine Rauchdruckanlage vorhanden, wird diese durch Brandmelder aktiviert, wenn in einem Hochhaus ein Feuer ausbricht. Die Anlage stellt sicher, dass die Fluchtwege - etwa die Treppenhäuser - rauchfrei und damit sicher passierbar bleiben.

Ein Ventilator pustet von unten mit hohem Druck Luft ins Treppenhaus, sie entweicht hoch oben durch eine Öffnung unter dem Dach. Frische Außenluft strömt somit ständig mit einer Geschwindigkeit von bis zu zwei Meter pro Sekunde von unten nach oben durchs Treppenhaus, also entgegen der Fluchtrichtung. Nebeneffekt ist, dass Rauch, der möglicherweise aus anderen Teilen des Gebäudes ins Treppenhaus gelangt, einfach weggepustet wird.

Menschen können so gefahrlos das Gebäude über die Fluchtwege verlassen, und Rettungskräfte können so das Gebäude sicher betreten.

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Image caption Das Feuer in einem Hochhaus in Valencia verbreitete sich in Windeseile
Image source Eva Manez/REUTERS
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Item 15
Id 68344382
Date 2024-02-23
Title Decoding China: Peking poliert sein Image in München
Short title Decoding China: Peking poliert sein Image in München
Teaser Auf der Münchner Sicherheitskonferenz wiederholt Chinas Außenminister Wang Yi die altbekannten Positionen. Überraschungen gibt es nicht. Der 71-Jährige steht vermutlich kurz vor seinem Ruhestand.
Short teaser Auf der MSC wiederholt Außenminister Wang Yi altbekannte Positionen Chinas. Überraschungen gibt es nicht.
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Wang Yi schien die internationale Aufmerksamkeit auf der Münchner Sicherheitskonferenz am vergangenen Samstag zu genießen, als er mit leichter Verspätung auf die Hauptbühne trat. Ihm und seinem Land zollte der Organisator größten Respekt mit einem Einzelauftritt. Dieses Privileg hatten sonst nur Präsidenten, Kanzler oder Ministerpräsidenten wie Olaf Scholz und Wolodymyr Selenskyj. Auch in München ist die Botschaft klar: Die Lösung der brennenden Fragen erfordert Pekings Mitwirken.

Vier Jahrzehnte lang ist der studierte Japanologe im diplomatischen Dienst der Volksrepublik tätig. Von 2013 bis Ende 2022 war er Chinas Außenminister und genoss volles Vertrauen der Partei- und Staatsführung um Xi Jinping. Als im Juli 2023 sein Nachfolger Qin Gang aus bisher unbekannten Gründen überraschend aus der Politik entfernt wurde, trat er noch einmal an.

Es dürfte dem Ego des charmanten Diplomaten schmeicheln, dass der chinesische Außenminister auf der MSC noch vor seinen deutschen und amerikanischen Amtskollegen sprechen konnte. Damit wollte Wang die Agenda zum Thema "Internationale Ordnung" setzen und den Ton angeben. Bevor er seinen Impuls in chinesischer Sprache gab, sagte er lächelnd auf Englisch: "Es wird simultan gedolmetscht." Wang will nicht nur gehört, sondern auch verstanden werden.

China als "Stabilisator"

Seine These: "Ungeachtet der Veränderungen im internationalen Klima wird China als verantwortungsbewusste Großnation stets die Kontinuität und Stabilität seiner wichtigsten politischen Maßnahmen wahren", sagt Wang, "in einer turbulenten Welt ist China der Stabilisator."

Dann startete Wang einem Galopp durch die außenpolitische Weltkarte. um die Positionen seines Landes anhand mehrerer Beispiele deutlich zu machen. China wolle mit den USA keine Konfrontation, sondern Kooperation auf Augenhöhe, Russland sei der wichtigste strategische Partner Chinas, mit Europa wolle Peking wirtschaftlich enger kooperieren, frei von geopolitischen und ideologischen Störfaktoren.

"Europa spielt für China eine zunehmend große Bedeutung", sagt Peter Qiu, Gründer und Forschungsleiter des Center for Globalization in Hongkong. "Mit Europa hat China keine grundlegenden Konflikte im Gegensatz zu den USA. China und Europa könnten mehr erreichen als bisher."

Europa als idealer Partner

Allerdings räumt Qiu, der an der deutschen Universität Tübingen promoviert wurde, ein, dass die Chinapolitik europäischer Länder doch sehr dem Kurs von der US-Regierung unter Präsidentschaft Joe Biden angepasst worden sei. "Ob der US-Präsident in einem Jahr Biden oder Trump heißt - dazu wagt sich keiner zu äußern. Mit Donald Trump würden sehr wahrscheinlich neue Spannungen zwischen Washington und Europa entstehen." Deswegen arbeite Peking mit Weitsicht und mit Hochdruck an den Beziehungen zu EU-Ländern.

Nach seiner Visite in München ist Außenminister Wang weiter nach Madrid und Paris gereist. Bundeskanzler Olaf Scholz wird nach Berichten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im April nach China reisen.

Zu den wichtigen Brennpunkten sagt Wang, China setze sich für Friedensverhandlungen ein, um die. "Ukraine-Krise" zu überwinden. Im Nahostkonflikt unterstütze China die Gründung eines unabhängigen Staates Palästina und das friedliche Miteinander zwischen beiden Staaten Palästina und Israel.

Washington wolle mehr Engagement von China sehen, um die beiden Kriege schnell zu beenden. Das sei deutlich bei dem Gespräch zwischen US-Außenminister Antony Blinken und Wang am Rande der MSC geworden, sagt Qiu. "Offensichtlich ist nichts Substanzielles erreicht worden". Es sei diskutiert, aber keine greifbare Einigung erzielt worden. "Das las man zwischen den Zeilen der Pressemitteilung der beiden Außenministerien", meint Qiu.

Bald neuer Außenminister?

Für den 71-Jährigen Wang Yi war die Europareise womöglich sein letzter großer Auftritt. Auf dem Podium lud MSC-Chairman Christoph Heusgen Wang im nächsten Jahr noch einmal nach München ein. Allerdings antwortete er ausweichend. "China wird sicherlich eine hochrangige Delegation nach München schicken. Die Münchner Sicherheitskonferenz ist eine gute Plattform, um mit allen Ländern über die Gestaltung von Frieden und Stabilität zu diskutieren." Auch zu dem Außenministertreffen der G20-Gruppe in Brasilien am Donnerstag (22.2.) schickte Wang seinen Stellvertreter.

Glaubt man dem ohnehin eingeschränktem Flurfunk in den Pekinger Ministerien, steht der Nachfolger bereits in den Startlöchern. Liu Jianchao, seit 2022 Minister für auswärtige Beziehungen der Kommunistischen Partei, soll nach übereinstimmenden Medienberichten nach dem Volkskongress im März Außenminister Chinas werden. Wie bei allen anderen Personalien wird China die Ernennung in letzter Minute bekannt geben. Liu hat in Peking und Oxford studiert und spricht fließend Englisch. Übersetzer für Englisch braucht er nicht. Er war Regierungssprecher, später Botschafter in Indonesien und den Philippinen. Allerdings hat er keine Erfahrungen mit den USA. Schon im Januar war Liu deswegen in Washington. Er traf US-Außenminister Blinken und sprach überzeugend vor dem US-Ausschuss für Außenbeziehungen.

Decoding China" ist eine DW-Serie, die chinesische Positionen und Argumentationen zu aktuellen internationalen Themen aus der deutschen und europäischen Perspektive kritisch einordnet.

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Image caption Chinas Außenminister Wang Yi
Image source Frank Hofmann/DW
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Item 16
Id 68346958
Date 2024-02-23
Title Gazakrieg: Der Streit zwischen Lula und Netanjahu
Short title Lulas Hitler-Gaza-Vergleich: "Israels Zorn ist verständlich"
Teaser Die Äußerungen von Brasiliens Präsident Lula zum Gaza-Konflikt haben international für Empörung gesorgt. Ein Teil der Kritik an Israel sei jedoch gerechtfertigt - so schätzen Ex-Diplomaten und Politologen die Lage ein.
Short teaser Die Äußerungen von Brasiliens Präsident Lula zum Gaza-Konflikt haben für Empörung gesorgt. Die DW befragte Experten.
Full text

Der diplomatische Disput zwischen Tel Aviv und Brasília schaukelt sich weiter hoch. Nachdem der brasilianische Botschafter in Israel in die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zitiert worden war, berief die Regierung in Brasília ihn zurück. Die überlege derweil, Israels Botschafter auszuweisen, berichten Medien.

Brasiliens Präsident Lula da Silva hatte mit Aussagen zum Israel-Hamas-Krieg am vergangenen Sonntag eine diplomatische Krise mit Israel ausgelöst. Am Rande eines Treffens der Afrikanischen Union (AU) in Addis Abeba erklärte er: "Was im Gaza-Streifen mit dem palästinensischen Volk passiert, hat es bisher zu keinem Moment in der Geschichte gegeben. Außer als Hitler sich entschloss, die Juden zu töten."

Lula ist offenbar nicht bereit, seine Worte zurückzunehmen und sich zu entschuldigen, auch nicht, nachdem Israels Premier Benjamin Netanjahu harte Worte an ihn gerichtet hatte und er in Israel zur unerwünschten Person erklärt worden war. Mit Ausnahme von Netanjahu verstand sich Lula bisher gut mit Israels Staatsführern. Über Jahrzehnte hatte er sich als Oppositionsführer und später als Präsident (2003 bis 2010) als enger Freund Israels gezeigt.

Was ist passiert, dass Lula diesen Vergleich zog? "Niemand versteht das, und es ist schwierig zu erklären", fasst der Ex-Diplomat und Ex-Minister Rubens Ricupero die Verblüffung unter brasilianischen Experten für Außenpolitik zusammen.

Punkten im linken Wählerlager

Eine mögliche Erklärung sei die veränderte Opposition. Zählte in Lulas vorherigen beiden Amtszeiten noch das gemäßigte Zentrum zu seinen Widersachern, so komme sie heute aus der extremen Rechten, was die innenpolitische Polarisierung verstärke. Deshalb übernehme Lula extreme Positionen der Linken und seiner Arbeiterpartei PT. Die scharfe Kritik an Israel gehöre dazu.

Allerdings stünden die Brasilianer weiterhin mehrheitlich an der Seite Israels, so Ricupero. "Diese Position Lulas und einiger Sektoren der Linken ist eine deutliche Minderheit. Ich denke, dass die öffentliche Meinung generell für Israel ist, genau wie die Medien. Da habe ich niemanden gesehen, der Lulas Vergleich verteidigt hat."

"Mit der Erklärung hat sich Präsident Lula nur Probleme gemacht", glaubt der Politologe Maurício Santoro vom Centro de Estudos Político-Estratégico da Marinha. "Er kann damit vielleicht Teile seiner linken Wählerschaft mobilisieren, die gegenüber Israel sehr kritisch ist. Aber in diesem Fall hat er seine eigene Basis gespalten."

Lula: spontan, aber nicht immer diplomatisch

Lula sei in Addis Abeba wieder einmal Opfer seiner Leidenschaft geworden, frei zu sprechen, glaubt Santoro. "Der Präsident mag es, in Reden oder Interviews frei zu improvisieren. Aber seine Äußerungen zur Außenpolitik stellen die Diplomatie vor Probleme."

Auch der ehemalige Botschafter Marcos Azambuja weiß um Gefahr der Improvisation. Lulas spontane, informelle Art in der Außenpolitik sei grundsätzlich positiv, erklärt er. "Diese Herzlichkeit, die menschliche Wärme, die Lust an der Kommunikation hilft sehr oft. Aber natürlich kann es da auch mal zu verbalen Ausrutschern kommen."

Die außenpolitischen Fettnäpfchen der brasilianischen PT

Für Roberto Abdenur, ehemaliger brasilianischer Botschafter unter anderem in China und Deutschland, ist es ebenfalls nicht neu, dass Lula und die PT außenpolitisch ins Fettnäpfchen treten. Er erinnert daran, dass Lula und sein damaliger Außenminister Celso Amorim 2010 versuchten, auf eigene Faust einen Atom-Deal mit Iran abzuschließen.

Abdenur verurteilt Lulas Hitler-Gaza-Vergleich. "Das ist vollkommen unpassend, und Israels harte Reaktion ist durchaus verständlich", meint er. Aber auch Israel habe zur Erhöhung der diplomatischen Temperatur beigetragen. "Netanjahu hat seinerseits sehr harte Worte gewählt. Und der israelische Außenminister behält seine Linie bei, sich unpassender Beschimpfungen zu bedienen."

Für Abdenur hat Lula im Kern seiner Kritik am harten Vorgehen Israels in Gaza jedoch recht. "Ich habe keinen Zweifel daran, dass dort Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverbrechen begangen werden. Doch es ist zu früh um zu sagen, ob es sich dabei um einen Genozid handelt. Das liegt derzeit in der Hand des Internationalen Gerichtshofes."

Warnung vor diplomatischer Eskalation zwischen Israel und Brasilien

Der Außenpolitik-Experte Feliciano de Sá Guimarães von der Universität in São Paulo (USP), warnt davor, die Temperatur zwischen den beiden Regierungen weiter anzuheizen. "Meiner Meinung nach herrscht im brasilianischen Präsidentenpalast eine Atmosphäre, die solche kriegerischen Äußerungen hervorbringt". sagt er.

Lulas außenpolitisches Team repräsentiere nicht seine breit aufgestellte Regierungsbasis. Und Lula höre nur auf eine Seite, "auf die linken, antiamerikanischen Stimmen, die von einem Umbruch der globalen Ordnung sprechen und die dies sehr aggressiv tun." Diplomatie dürfe jedoch nicht an eine ideologische Polarisierung gebunden sein, so Guimarães.

Nun gehe es um Schadensbegrenzung, erklärt Rubens Barbosa, der früher Brasiliens Botschafter in Washington und London war. "Das ist eine große Herausforderung für das Außenministerium." Dieses müsse nicht nur den Schaden für Brasilien begrenzen, sondern auch den eigenen Einfluss auf die Außenpolitik wiedererlangen.

"Es ist jetzt fundamental, Brücken und Kommunikationskanäle zwischen Ländern des Globalen Nordens und des Globalen Südens zu schaffen", mahnt der Politologe Maurício Santoro. Dabei müssten Stereotype und ideologische Radikalisierungen vermieden werden. "Die Welt ist derzeit bereits genug von Hass erfüllt."

Item URL https://www.dw.com/de/gazakrieg-der-streit-zwischen-lula-und-netanjahu/a-68346958?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Präsident Lula empfängt brasilianische Staatsbürger, die im November 2023 aus dem Gazastreifen nach Brasilien evakuiert worden sind
Image source Evaristo Sa/AFP/Getty Images
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Item 17
Id 68337646
Date 2024-02-22
Title Immer weniger Hilfe für Menschen in Syrien
Short title Immer weniger Hilfen für Menschen in Syrien
Teaser Immer mehr Hilfsprogramme für Nordwest-Syrien werden reduziert oder sogar eingestellt. Betroffen sind Gebiete, die nicht der Kontrolle des Regimes unterstehen. In den Flüchtlingslagern dort hat dies schwere Konsequenzen.
Short teaser Immer mehr Organisationen müssen ihre Hilfen in Syrien reduzieren oder beenden - mit fatalen Folgen für die Menschen.
Full text

Seit fast fünf Jahren leben Hanaa A., ihre Kinder und Enkelkinder in einem Flüchtlingscamp in Maarat Misrin, gut 25 Kilometer nördlich der syrischen Stadt Idlib. Ein Flüchtlingscamp, auf unbefestigtem Boden, der im Winter so matschig wird, dass man beim Laufen fast steckenbleibt.

Im Sommer wiederum werden die Zelte so heiß, dass man es drinnen kaum aushält, berichten die Bewohner. Hanaa A. und ihre 14 Familienmitglieder leben dort dicht an dicht, ohne fließendes Wasser. "Unsere Situation ist schlecht, die Zelte sind undicht und die Waschmöglichkeiten sehr begrenzt", erzählt die 55-Jährige. "Ich bin Witwe und muss mich um alles allein kümmern."

Früher ging es ihnen besser. Früher, das war als ihre Heimatstadt Maarat an-Numan im Gouvernement Idlib noch unter der Kontrolle der Aufständischen stand und noch nicht vom syrischen Regime zurückerobert wurde. Und früher - das war auch die Zeit, als ihr Mann noch lebte, bevor sie ihn auf der Flucht aus Maarat an-Numan durch russische und syrische Angriffe verlor.

Die Provinz Idlib ist die in weiten Teilen letzte von syrischen Rebellen und Islamisten gehaltene Region. Sie steht überwiegend unter der Kontrolle islamistischer Milizen, insbesondere der Gruppe Hayat Tahrir al-Sham (HTS), die wiederum aus der Al-Kaida-nahen so genannten "Al-Nusra-Front" hervorgegangen ist.

Flucht ins Ungewisse

Die Flucht war für Hanaa A. und ihre Familie nicht einfach: Die eigenen vier Wände zurückzulassen, die vielen Erinnerungen, eigentlich das ganze Leben - und auch die Gewissheit, genug Essen auf dem Tisch zu haben. Diese Gewissheit haben sie heute nicht mehr. "Alles ist teuer geworden, ich habe keinen Job und wir bekommen weniger Hilfen von internationalen Organisationen", so die Syrerin. So wie Hanaa A. geht es in der Region Idlib vielen.

Von den 4,5 Millionen Menschen, die im Nordwesten Syriens leben, sind 2,9 Millionen Binnenflüchtlinge. Etwa zwei Millionen von ihnen leben in Flüchtlingslagern, meist an der Grenze zur Türkei.

In den Camps mangelt es an grundlegender Versorgung. Organisationen vor Ort kommen kaum noch nach, den Menschen zu helfen. "Die Lage in diesem Teil von Syrien hat sich verschlechtert", sagt Abdullah al-Kumait, Mitarbeiter der lokalen Hilfsorganisation Molham Team. "Die Menschen sind hier sehr stark auf die Hilfe der Vereinten Nationen angewiesen, und die ist weniger geworden."

Immer weniger Hilfsgelder für Syrien

Der anhaltende Krieg, die schwierige wirtschaftliche Lage in Syrien und auch das Erdbeben am 6. Februar 2023 haben dazu geführt, dass bereits über 90 Prozent der 4,5 Millionen Menschen im Nordwesten des Landes auf internationale Hilfe angewiesen sind. Durch den Beschuss und die Angriffe des syrischen und des russischen Militärs wurden dort seit August 2023 zahlreiche Menschen getötet und mehr als 100.000 vertrieben.

Bereits 2023 hätten die UN in Syrien nur 37 Prozent der benötigten humanitären Hilfen in Gesamthöhe von 4,9 Milliarden Dollar sichern können, sagte David Carden, der stellvertretende UN-Regionalkoordinator für die Syrien-Hilfe, der Nachrichtenagentur AP während eines Besuchs vor Ort Ende Januar.

Aufgrund erheblicher finanzieller Engpässe sah sich daher das UN-Welternährungsprogramm (WFP) gezwungen, ab Januar 2024 seine Nahrungsmittelhilfe in ganz Syrien einzustellen - mit fatalen Folgen für die Bevölkerung, besonders in den Flüchtlingslagern im Nordwesten. Dort waren Menschen wie Hanaa A. es gewohnt, regelmäßig eine Kiste mit Grundnahrungsmitteln wie Reis, Mehl und Linsen vom WFP zu erhalten. "Diese Lebensmittel fehlen uns sehr und in den (benötigten) Mengen ist es teuer, sie zu kaufen. Ich habe leider auch keine Arbeit", sagt sie.

Die steigende Inflation und die zunehmende Arbeitslosigkeit verschärfen die Situation zusätzlich und stellen die Bevölkerung vor enorme Herausforderungen. Ihre grundlegenden Bedürfnisse zu decken ist für viele Menschen zu einer fast unlösbaren Aufgabe geworden. Denn es herrscht nicht nur ein Mangel an Lebensmitteln, sondern auch an Medikamenten und dringend benötigter medizinischer Versorgung. Ross Smith, stellvertretender WFP-Landesdirektor in Syrien, befürchtet, dass durch die Beendigung der generellen Nahrungsmittelhilfe immer mehr Menschen an Unterernährung leiden werden.

Eine Milliarde Euro für Syrien - ein Tropfen auf den heißen Stein

Viele machen eine Art Gebermüdigkeit und die wachsende Zahl an Krisen auch an anderen Orten dieser Welt dafür verantwortlich, dass es Finanzierungsprobleme bei Hilfsprogrammen gibt: "In der heutigen Welt, nach der Corona-Pandemie, ist der akute Hunger weiterhin auf einem Rekordniveau. Dennoch ist die Finanzierung der humanitären Hilfe auf das Niveau von vor der Pandemie zurückgegangen", berichtet Martin Penner, Sprecher des WFP, auf Anfrage der DW. Die Kürzungen beim WFP in Bezug auf Syrien spiegelten die schwieriger gewordene finanzielle Situation wider, in der sich heute der gesamte humanitäre Sektor befinde.

Um das Risiko einer sogenannten Gebermüdigkeit zu verringern, die syrische Zivilgesellschaft zu unterstützen und die UN-Bemühungen weiter zu fördern, hat die EU 2017 bereits die sogenannte die Brüsseler Konferenzen zur "Unterstützung der Zukunft Syriens und der Region" ins Leben gerufen. Dabei wurden 2023 internationale Zusagen in Höhe von insgesamt 5,6 Milliarden Euro getroffen: 4,6 Milliarden Euro für 2023 - aber nur eine Milliarde Euro für 2024: Ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man bedenkt, dass die Weltbank davon ausgeht, dass allein das Erdbeben von 2023 einen Schaden in Höhe von fast fünf Milliarden Euro im Norden Syriens verursacht hat.

Abdullah al-Kumait vom Molham Team zeigt sich daher besorgt: "Die Menschen brauchen jetzt eigentlich mehr Hilfe als zuvor - und nicht weniger!" Immerhin plant das WFP weiterhin, Kinder unter fünf Jahren sowie schwangere und stillende Mütter durch Ernährungsprogramme zu unterstützen. Schulspeisungsprogramme sind ebenso vorgesehen wie die Förderung von Bauernfamilien.

Das WFP werde "weiterhin landesweit von Notfällen und Naturkatastrophen betroffene Familien durch kleinere, zeitgebundene und gezieltere Notfalleinsätze unterstützen", sagt Ross Smith, stellvertretender WFP-Landesdirektor Syrien, auf DW-Anfrage.

Hanaa A. und ihrer Familie bringen diese Hilfen aber vorerst nichts. Sie weiß noch nicht, wie sie sich und ihre Angehörigen satt bekommen soll - ohne Hilfe und ohne eigenes Einkommen.

Item URL https://www.dw.com/de/immer-weniger-hilfe-für-menschen-in-syrien/a-68337646?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (460 x 259) https://static.dw.com/image/68335414_302.jpg
Image caption "Es fehlt an Grundnahrungsmitteln", sagt Hanaa A.
Image source Omar Albam/DW
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Item 18
Id 68339997
Date 2024-02-22
Title Mikroben verwandeln CO2 rasend schnell in Gestein
Short title Mikroben verwandeln CO2 rasend schnell in Gestein
Teaser Die Entdeckung der CO2-fressenden Mikroben kann die unterirdische Speicherung des klimaschädlichen Kohlendioxid revolutionieren.
Short teaser Die Entdeckung kann die unterirdische Speicherung des klimaschädlichen Kohlendioxid revolutionieren.
Full text

Zu viel Plastik und zu viel Kohlendioxid - unsere allergrößten Umweltprobleme können in naher Zukunft vielleicht von den allerkleinsten gelöst werden: Mikroben! Das ist längst keine Utopie mehr: Rund um den Globus arbeiten Forschende sehr erfolgreich an Mikroorganismen, die Plastik zersetzen können. Wenn sich diese Bakterien im großen Stil technisch nutzen lassen, könnte dies unser Plastikmüllproblem lösen.

Im Kampf gegen den Klimawandel melden nun Forschende der Sanford Underground Research Facilityin den USA einen bahnbrechenden Durchbruch: Sie haben natürliche Mikroben entdeckt, die Kohlendioxid (CO2) aufnehmen und rasend schnell in festes Gestein umwandeln können. Dieser Prozess wird als "Kohlenstoffmineralisierung" bezeichnet.

Schwierige Kohlendioxid-Speicherung unter Tage

Seit Jahren suchen die USA intensiv nach Möglichkeiten, das klimaschädliche Gas Kohlendioxid dauerhaft unter der Erde zu lagern. Aber oftmals entweicht ein großer Teil des in die Gesteinsschichten eingepumpten Gas wieder durch geologische Verwerfungen.

Deshalb suchen die Forschenden nach ganz speziellen Gesteinsschichten, in denen das Gas aufgelöst und durch den sogenannten "In-situ-Mineralisierungs-Prozess" in ein Karbonatmineral umgewandelt wird. Das Gas wird somit zu Gestein. Allerdings dauert dieser Prozess normalerweise sieben bis zehn Jahre, in denen das Gas eben auch wieder entweichen kann.

Die jetzt entdeckten stabförmigen Mikroben können diesen natürlichen Prozess allerdings drastisch beschleunigen. Sie brauchen gerade einmal zehn Tage, um das Gas in Gestein umzuwandeln.

Vom Labor in die Realität

Zunächst hat das interdisziplinäre Team aus Geochemikern, Mineralogen und Mikrobiologen im Labor die optimalen Rahmenbedingungen untersucht, die für eine Mineralisierung ohne Bakterien notwendig sind, also wie hoch der Druck und der Säuregehalt sein muss. Oder welche Temperatur und wieviel Zeit nötig ist.

Als diese Rahmenbedingungen geklärt waren, suchten die Forschenden tief unter der Erde nach Mikroben, die mit diesen Bedingungen gut zurechtkommen.

Vier Geobacillus-Bakterien-Arten erwiesen sich als besonders geeignet, weil sie auch unter diesen sehr speziellen Bedingungen in wasserführenden Felsspalten wachsen und den biologischen Umwandlungsprozess von CO2 zu Gestein beschleunigen können. "Wir haben herausgefunden, dass wir CO2 speichern können, indem wir das Mineral MgCO3-Magnesit durch den Einsatz von Mikroben in nur zehn Tagen auskristallisieren."

Dauerhafte Umwandlung von CO2 möglich

Die Forschenden gehen davon aus, dass das in Gestein umgewandelte Gas über Tausende von Jahren stabil und außerhalb des Kreislaufs der Atmosphäre bleibt. Auf diese Erkenntnisse hat das interdisziplinäre Team nun ein Patent angemeldet.

Wenn durch die Erkenntnisse eine schnelle Umwandlung auch im ganz großen Stil gelingt, könnten künftig gewaltige CO2-Mengen in tiefen Gesteinsschichten und zum Beispiel in ehemaligen Bergwerken oder in erschöpften Gas- und Ölvorkommen gespeichert werden. Den Mikroben sei Dank!

Item URL https://www.dw.com/de/mikroben-verwandeln-co2-rasend-schnell-in-gestein/a-68339997?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Seit Jahren suchen Forschende intensiv nach Möglichkeiten, das klimaschädliche Kohlendioxid dauerhaft unter der Erde zu lagern.
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Item 19
Id 64709545
Date 2024-02-22
Title Gazastreifen: So lassen sich Krankheiten in Krisengebieten verhindern
Short title Gazastreifen: Krankheiten in Krisengebieten verhindern
Teaser In Kriegen und Krisen wie derzeit in Gaza, oder nach Erdbeben und Überflutungen, breiten sich oft Infektionskrankheiten aus. Welche Krankheiten vorkommen können und wie sie sich vermeiden und stoppen lassen.
Short teaser Nach Erdbeben oder Überflutungen breiten sich oft Infektionskrankheiten aus. Wie sich das vermeiden lässt.
Full text

Nach schweren Erdbeben wie Anfang September 2023 in Marokko oder Flutkatastrophen wie in Südosteuropa und Libyen können sich Infektionskrankheiten oftmals sehr schnell verbreiten, es kann zu medizinischen Notfällen bis hin zu Epidemien kommen.

Aber nicht nur bei Naturkatastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche und Überflutungen, sondern auch bei Kriegen und Flucht können Infektionskrankheiten die Krisensituation zusätzlich verschärfen.

Im Gazastreifen nehmen Krankheiten seit Beginn des Krieges drastisch zu. Dazu kommt, dass das Gesundheitssystem fast vollständig zusammengebrochen ist. Am 19. Februar 2024 waren nur noch 12 von 36 Krankenhäusern mit stationären Kapazitäten in Betrieb, und das auch nur teilweise.

Epidemiologen haben drei Szenarien modelliert und dabei auch mögliche Infektionskrankheiten und Epidemien mit einberechnet. Laut dem schlimmsten Szenario können durch den Krieges in Gaza in den nächsten sechs Monaten 85.000 Palästinenser an Verletzungen und Krankheiten sterben.

Denn durch Kriege wie jetzt in Gaza und durch Naturkatastrophen könne sich Infektionskrankheiten rasend schnell ausbreiten. Nach den Überflutungen in Pakistan im Sommer 2022 breiteten sich sowohl Cholera als auch Typhus aus. In den Krisengebieten im Libanon und in Syrien gab es ebenfalls Cholera-Ausbrüche. Auch in der Ukraine wurden Cholera-Fälle gemeldet.

Nach den Überflutungen in Pakistan im Sommer 2022 breiteten sich sowohl Cholera als auch Typhus aus. In den Krisengebieten im Libanon und in Syrien gab es ebenfalls Cholera-Ausbrüche. Auch in der Ukraine wurden Cholera-Fälle gemeldet.

Cholera und Typhus treten häufig auf

Diese Krankheiten können sich in Krisengebieten ausbreiten:

  • Durchfallerkrankungen wie Cholera und Typhus werden oft durch verschmutztes Wasser übertragen, was in vielen Krisengebieten ein Problem ist.
  • Hepatitis kann sich durch Fäkalien bei schlechten hygienischen Bedingungen ausbreiten.
  • COVID-19, Influenza und andere Erkrankungen, die über die Atemluft übertragen werden, sind vor allem bei Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften wie Turnhallen oder Zelten ein Problem.
  • Malaria und Dengue-Fieber werden durch Mücken übertragen und sind vor allem in überfluteten Gebieten eine Gefahr.

Ob und wie schwer Krankheiten in Krisengebieten ausbrechen, ist schwer zu prognostizieren. "Es kommt sehr auf den Kontext an", sagt Parnian Parvanta, Ärztin und stellvertretende Vorsitzende der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen Deutschland. "Im Nordwesten Syriens etwa waren die medizinische Versorgung und die hygienischen Bedingungen schon vor dem Erdbeben sehr schlecht. Umso härter wurden die Menschen (...) durch das Erbeben getroffen."

Es kommt also sehr auf die individuelle Situation: zum Beispiel, wie viel Infrastruktur noch vorhanden ist, wie viele Menschen betroffen sind - und vor allem darauf, wie schnell Unterstützung vor Ort ist.

Menschen benötigen vor allem sauberes Trinkwasser

Hilfsorganisationen versuchen vor Ort, die Ausbreitung von Infektionskrankheiten zu verhindern oder zu stoppen. Die wichtigste Maßnahme ist laut Expertin Parvanta, für sauberes Trinkwasser zu sorgen. "Das ist essenziell."

Neben sauberem Trinkwasser gehören diese Punkte zu den wichtigsten Maßnahmen:

  • Zugang zu Sanitäranlagen wie Toiletten sicherstellen
  • Abwasser sicher ableiten
  • Hygieneprodukte wie Seife und Desinfektionsmittel verteilen
  • Notwendige Medikamente und Arzneimittel organisieren
  • Mobile Kliniken einrichten, um Menschen schnell zu versorgen

Nicht nur an Infektionskrankheiten denken

Außerdem können Krisen wie Kriege und Naturkatastrophen dazu führen, dass Grunderkrankungen wie Diabetes oder chronische Lungenerkrankungen nicht ausreichend versorgt werden. Auch die Versorgung von Schwangeren und Neugeborenen ist oft ein Problem.

Zudem werden Impfkampagnen, etwa gegen Masern oder Polio, in Krieg- und Krisensituationen oft verlangsamt oder müssen ausgesetzt werden. Das führt dazu, dass weniger Menschen gegen diese Krankheiten geschützt sind und sich Infektionen häufen. "An Orten, an denen viele Geflüchtete sind, gibt es oft ein erhöhtes Risiko für die Ausbreitung von Masern", sagt Ärztin Parvanta.

Mindestens genauso wichtig wie die rasche Unterstützung vor Ort ist daher auch der Wiederaufbau der kritischen Infrastruktur wie Krankenhäuser und Arztpraxen.

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Image caption In Krisengebieten breiten sich Infektionskrankheiten oft rasch aus.
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Item 20
Id 68330439
Date 2024-02-22
Title Deutsche Wirtschaft: Strategien gegen Rezession gesucht
Short title Deutsche Wirtschaft: Strategie gegen Rezession gesucht
Teaser Die Inflation schwächt sich ab, die Energiepreise sinken. Trotzdem will es mit der Konjunktur nicht aufwärts gehen. Unternehmen und Bürger sind verunsichert. Experten machen dafür die Politik verantwortlich.
Short teaser Kein Wachstum in Sicht, die Aussichten für 2024 sind düster. Unternehmen und Bürger sind verunsichert.
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Der deutschen Wirtschaft geht es schlecht, diese Nachricht ist nicht neu. "Im Vergleich zu den meisten anderen großen Industrieländern fällt unser Land weiter zurück. Eine Chance auf einen raschen Befreiungsschlag in 2024 sehen wir nicht", sagte der Präsident des Bundesverbands der deutschen Industrie, Siegfried Russwurm, schon im Januar.

Dass die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose für 2024 nun so deutlich nach unten korrigiert, nämlich von 1,3 Prozent auf 0,2 Prozent, hatten viele Experten trotzdem nicht erwartet. Man sei "durchaus überrascht", sagte Almut Balleer vom RWI-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen bei einer Diskussionsrunde der Leibniz-Gemeinschaft.

Schließlich habe sich einiges durchaus positiv entwickelt. Die Inflation ist gesunken: Durchschnittlich 5,9 Prozent waren es im vergangenen Jahr, 2,8 Prozent sollen es laut Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung absehbar werden. "Die Inflation ist beherrschbar geworden", gab sich Bundesfinanzminister Christian Lindner im Bundestag optimistisch.

Größere Einkäufe? Nein, danke

Positiv ist auch, dass der Arbeitsmarkt stabil ist. 46 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland, die Erwerbstätigkeit soll in diesem Jahr noch zunehmen. Löhne und Gehälter sind gestiegen, die Menschen hätten also Geld, um es auszugeben und den Konsum anzukurbeln. Doch sie tun es nicht in dem Maße wie erwartet, sondern sparen lieber.

Zu groß sei die Verunsicherung, kritisiert Balleer und macht dafür vor allem die Politik verantwortlich. "Viele hatten gehofft, dass es aufwärts geht, wenn die Richtung vorgegeben wird, wie man die Energiewende und die Herausforderungen der Zukunft schafft."

Sparen oder Schulden machen?

SPD, Grüne und FDP, die zusammen die Regierung bilden, ist es bislang nicht gelungen, eine klare Richtung vorzugeben. Immer wieder gibt es Streit vor allem zwischen dem grünen Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und dem FDP-Chef und Finanzminister Lindner.

Zwar sehen beide übereinstimmend die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland in Gefahr. Bei der Vorstellung des Jahreswirtschaftsberichts in Berlin sprach Habeck von einer "extrem herausfordernden Situation". Doch während Lindner auf Steuerentlastungen für Unternehmen drängt, will Habeck einen schuldenfinanzierten Sondertopf für mehr Investitionen, was Lindner ablehnt.

Einigkeit versprechen - mal wieder

Sich öffentlich zu dem Zwist äußern, dass vermeidet Habeck inzwischen. Der im Jahreswirtschaftsbericht geforderte Reformbooster sei "geeint" und es gebe "eine große Entschlossenheit" für die Umsetzung. "Die Arbeit muss gemacht werden, unabhängig davon, ob man weitere Beschlüsse zur steuerlichen Entlastung fällt."

Deutschland leide unter strukturellen Problemen, die sich über viele Jahre aufgebaut hätten. An erster Stelle sieht Habeck den Mangel an Fach- und Arbeitskräften, der sich in den nächsten Jahren noch verschärfen und das Wachstum dämpfen werde. "Wir brauchen alles Wissen und Können, alle Hände und Köpfe, alle Talente und Fähigkeiten." Nötig seien mehr Bildung, bessere Möglichkeiten für Frauen und bessere Anreize für ältere Menschen, freiwillig länger zu arbeiten, aber auch mehr Fachkräfteeinwanderung und die bessere Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt. Dabei gehe es auch um die Frage "wer wir sind, als Deutschland, und ich kann Ihnen sagen, wenn wir alle diese Menschen nicht als Partner, Freunde und Deutsche betrachten, dann kollabiert die Wirtschaft".

Viele "überflüssige" Gesetze

Erneuerbare Energien sollen massiv ausgebaut, Industrieprozesse über Förderungen klimaneutral werden. Unnötige Bürokratie soll abgebaut werden, wenn zusätzliche nötig ist, soll auf die Verhältnismäßigkeit geachtet werden. Handelsbeziehungen mit anderen Ländern sollen ausgeweitet, mehr bezahlbarer Wohnraum geschaffen und die Verkehrsinfrastruktur modernisiert werden. 2024 sind Investitionen in Höhe von gut 70 Milliarden Euro geplant. Hinzu kommen noch einmal gut 49 Milliarden Euro aus dem Klimafonds.

Nicht nur die Unternehmen werden gespannt verfolgen, ob die Regierung ihre Ankündigungen wahr machen kann. Von ihrem Ziel, jährlich 400.000 neue Wohnungen zu bauen, sind SPD, Grüne und FDP weit entfernt. Der Bürokratieabbau, seit Amtsantritt der Regierung angekündigt, kommt auch nicht voran. "Wir haben viele überflüssige Gesetze, bei denen, wenn wir sie abschaffen würden, nichts verloren gehen würde", sagt Clemens Fuest vom ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München. Daran seien auch Vorgänger-Regierungen schuld. "Aber wir haben einen massiven Anstieg der Belastung, eine Explosion von Planwirtschaft und Interventionismus, die die Wirtschaft belastet."

CDU/CSU fordert Sofortprogramm

Bürokratieabbau fordert auch die größte Oppositionsfraktion im Bundestag, die CDU/CSU. Doch das ist nur ein Punkt von insgesamt zwölf, die die Union in einem "Sofortprogramm" zusammengefasst hat, mit dem die Wirtschaft aus der Rezession geholt werden soll. Vorgeschlagen werden Steuerentlastungen vor allem für Unternehmen, eine Senkung der Sozialabgaben und der Stromsteuer.

Wirtschaftsminister Habeck hält das für nicht finanzierbar, da die Folge 45 bis 50 Milliarden Euro Steuerausfälle wären. "Es ist logisch schwer zusammenzukriegen, wenn man sagt, 'Macht doch mehr Regierung', das nicht mit Gegeneinnahmen oder Gegenfinanzierung hinterlegt und gleichzeitig auf die Einhaltung der Schuldenbremse pocht. Das ist wirklich Voodoo-Ökonomie oder Finanzpolitik, die wirklich jeder kann", sagte Habeck im Bundestag.

Energie demnächst wieder bezahlbar?

Einen Lichtblick sieht der Wirtschaftsminister bei den Energiepreisen. Gas und in der Folge Strom seien deutlich günstiger zu haben. "Die Energiepreise sind noch nicht da, wo wir sie haben wollen, aber doch schneller und deutlicher runtergegangen als wir es noch vor Monaten annehmen durften."

Doch reicht das, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können? Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), bezweifelt das. "Kurzfristig wird sich erstmal nichts daran ändern, dass die Energiekosten in Deutschland deutlich höher bleiben werden als in anderen Volkswirtschaften, die nicht ganz so stark abhängig waren von russischem Gas und Öl", sagte Fratzscher in der Diskussionsrunde der Leibniz-Gemeinschaft.

Transformation heißt Wechsel

Energieintensive Unternehmen finanziell zu unterstützen, das hält Fratzscher für den falschen Weg. "Transformation heißt, dass man die existierenden Strukturen eben nicht zementieren darf, sondern Veränderungen zulassen muss. Es ist gar nicht so schlimm, wenn manche energieintensive Unternehmen Produktion und auch Arbeitsplätze ins Ausland verlagern."

Im Gegenzug müssten zukunftsträchtige Industrien gefördert werden. "Diese strategische Ausrichtung mit Plan, Prioritäten und vor allem einer abgestimmten europäischen Politik, das fehlt mir im Augenblick."

Der Artikel wurde am 21.Februar 2024 veröffentlicht und am 22.Februar aktualisiert.

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Image caption Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck gab im Bundestag eine Regierungserklärung zum Jahreswirtschaftsbericht 2024 ab
Image source Michael Kappeler/dpa/picture alliance
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Item 21
Id 68332333
Date 2024-02-22
Title Rüstung - eine Industrie denkt um
Short title Boom bei der Rüstungsindustrie - doch Mangel an der Front
Teaser Das Versprechen des Westens, der Ukraine schnell Munition zu liefern, kann nicht eingehalten werden. Doch es gibt Hoffnungsschimmer. Die Industrie orientiert sich neu und erhält Hilfe aus der Politik.
Short teaser Bei der Münchner Sicherheitskonferenz trafen deutsche Rüstungsfirmen mit dem ukrainischen Industrieminister zusammen.
Full text

Das Ziel war ehrgeizig. Eine Million Artilleriegeschosse wollte Europa bis März an die Ukraine liefern. Die militärische Übermacht Russlands im Krieg gegen die Ukraine sollte so zurückgedrängt werden. Doch das Versprechen ist nicht einzuhalten, mussten auch die Experten auf der gerade zu Ende gegangenen Münchener Sicherheitskonferenz einräumen. Das liegt auch an der Struktur der Rüstungsindustrie. Doch es gibt Hoffnungsschimmer. Die Industrie steuert nach, erhöht ihre Kapazitäten. Auch neue Kooperationen könnten der Ukraine helfen.

Der Vorstandsvorsitzende der deutschen Rüstungsfirma Rheinmetall, Armin Papperger, kam fünf Minuten zu spät zu einer der verschwiegeneren Gesprächsrunden bei der Münchner Sicherheitskonferenz Mitte Februar. "Europas Lücke in der Verteidigungsproduktion schließen" lautete der Titel der Veranstaltung.

Der Aktienkurs von Rheinmetall hat sich seit dem Beginn von Russlands Großinvasion gegen die Ukraine vervierfacht. Der Konzern produziert unter anderem Panzer für die deutsche Bundeswehr aber auch Munition für den Flugabwehrkanonenpanzer Gepard, der auch in der Ukraine zum Einsatz kommt.

Umstellung der Rüstungsindustrie dauert

Am 24. Februar jährt sich Putins Angriff auf die Ukraine zum zweiten Mal. Rheinmetall arbeitet mittlerweile an einigen Standorten im Dreischichtbetrieb. Die Firma plant zudem neue Fabriken. Und die Politik in Deutschland, vorneweg Verteidigungsminister Boris Pistorius(SPD) fordert die Bundeswehr, das ganze Land auf, "kriegstüchtig" zu werden, um Russland vor einem möglichen Angriff gegen ein NATO-Land in Zukunft abschrecken zu können.

Doch das dauert viel länger als selbst Sicherheitsfachleute es für ein Land wie Deutschland erwartet hätten, das in den Jahresberichten des schwedischen Forschungsinstituts SIPRI (Stockholm International Peace Research Institute) immer unter den fünf größten Rüstungsexporteuren der Welt rangiert.

Mittelständler im Rüstungsbereich haben große Probleme

Während ein Großunternehmen wie Rheinmetall Investitionen relativ schnell aus Rücklagen finanzieren kann, sei die Ausgangslage bei vielen kleineren Firmen schwieriger, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV), Hans Christoph Atzpodien, im DW-Gespräch.

Atzpodien spricht für 200 deutsche Unternehmen im Rüstungsbereich. Von denen hätten 80 Prozent nicht mehr als 300 Beschäftigte. "Darunter sind sehr viele sehr spezialisiert", so Atzpodien, bauen also Zulieferprodukte für andere. Klassischer deutscher Mittelstand.

Die deutsche Bundesregierung hat zuletzt angekündigt, in diesem Jahr erstmals das sogenannte Zwei-Prozent-Zielder NATO zu erreichen. Dabei haben sich die Mitgliedsländer verpflichtet, mindestens zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Streitkräfte zu investieren.

Deutschland erreicht NATO-Rüstungsziel nur durch Sondervermögen

Deutschland erreicht das Ziel aber nur, weil Geld aus dem 100 Milliarden Euro umfassenden Sondervermögen eingerechnet wird, das Bundeskanzler Olaf Scholz nach Beginn von Putins Großinvasion in der Ukraine angekündigt hatte. Mit dem zusätzlichen Geld werden unter anderem amerikanische F-35-Kampfflugzeuge finanziert.

Der reguläre Etat für die deutsche Bundeswehr bleibt aber ungefähr gleich. Doch genau darauf würden die kleineren Rüstungsfirmen in Deutschland schauen, sagt der Militärexperte Jürgen Fischer zur DW. Fischer ist Chefredakteur der Branchenzeitschrift Europäische Sicherheit & Technik.

"Wir brauchen Aufträge", sagte ein Rüstungsvertreter bei einem Treffen am Rande der MSC über "Europas Lücke in der Verteidigungsproduktion".

Mehr Zusammenarbeit in der Rüstungsindustrie

Bei dem Treffen saß der der ukrainische Minister für strategische Industrien, Alexander Kamyshin, prominent in der Mitte."Es geht voran", sagte Kamyshin nach dem Treffen der DW. Zwei Jahre nach Beginn von Russlands Invasion traf sich Kamyshin, der für die Rüstungsproduktion in der Ukraine zuständig ist, bei der Sicherheitskonferenz mit deutschen Rüstungsmanagern, um über gemeinsame Joint Ventures zu sprechen. Im Januar hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj solche Projekte zwischen der Rüstungsindustrie in der Ukraine und EU-Firmen während einer Reise durch die drei baltischen Staaten und Polen angekündigt. Die Ukraine versucht, mehr Munition und Kriegsgerät im eigenen Land zu produzieren - künftig auch mit westlichem Know-how.

Die Probleme der Waffenproduktion in den EU-Staaten vermischen sich mehr und mehr mit denen in der Ukraine. In München machte der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba auf ein weiteres Problem aufmerksam. Europäische 155-Milimeter-Granaten der Unterstützernationen seien häufig nur für ganz bestimmte Artilleriesysteme verwendbar. "Vor Ort ist das ein riesiges Problem", so Kuleba. "Wir können die gleiche Munition nicht für anderes Gerät einsetzen." Die NATO hat das Problem erkannt. Die Geschosse haben zwar die gleiche Größe, doch die Leittechnik ist häufig unterschiedlich. Die Angleichung scheiterte in der Vergangenheit an der Militärbürokratie der europäischen Mitgliedsstaaten.

Tschechische Munition für die Ukraine

Die EU konnte ihr Versprechen, die Ukraine besser und schneller mit Munition auszustatten, nicht einlösen. Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer. Der tschechische Präsident, Petr Pavel, sagte nun Abhilfe zu. Das Verteidigungsministerium und die Hersteller seines Landes hätten in Tschechien produzierte Granaten identifiziert, die zurückgekauft werden könnten, um sie in die Ukraine zu liefern. "Soweit ich weiß, haben unsere Unternehmen weltweit bis zu 500.000 Geschosse des NATO-Kalibers 155 Millimeter und bis zu 300.000 Geschosse des Kalibers 122 Millimeter identifiziert", so Pavel. Allerdings müsse dafür noch die Finanzierung gesichert werden.

Auch Deutschland will nun schnell helfen. Damit auch kleinere Rüstungsbetriebe die Produktion hochfahren, soll es künftig mehr Abnahmegarantien der Regierung geben. Das kündigte der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck (B90/Grüne) an. Das könne der Bundeswehr helfen und auch der Ukraine, zeigte sich der Minister optimistisch.

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Image caption Panzerhaubitze 2000 aus deutscher Produktion an der Front in der Ukraine
Image source REUTERS
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Item 22
Id 66502503
Date 2024-02-22
Title Warum die Ukraine den "Taurus"-Marschflugkörper will
Short title Warum die Ukraine "Taurus" will
Teaser Regierung und Opposition streiten über die Lieferung von "Taurus"-Lenkflugkörpern an die Ukraine. Was kann das System? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Short teaser Regierung und Opposition streiten über die Lieferung von "Taurus"-Lenkflugkörpern an die Ukraine. Was kann das System?
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Der "Taurus KEPD-350" gilt als eines der modernsten Waffensysteme der Bundeswehr. Der fünf Meter lange und fast 1,4 Tonnen schwere Lenkflugkörper wird von Kampfflugzeugen abgeworfen und findet dann, von einem Strahltriebwerk angetrieben, selbstständig sein zuvor festgelegtes Ziel am Boden.

Warum gilt "Taurus" als "Abstandswaffe"?

Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 1170 Stundenkilometern, also knapp unter der Schallgeschwindigkeit, fliegt der "Taurus" in einer Höhe von nur etwa 35 Metern und ist somit für feindliches Radar kaum aufzuspüren. Seine Reichweite beträgt bis zu 500 Kilometer. Das ermöglicht es Piloten, Ziele aus großer Entfernung zu bekämpfen. Sie müssen nicht unbedingt in feindlichen Luftraum eindringen, um Taurus abzuwerfen.

Gegen welche Ziele wird "Taurus" eingesetzt?

Die Luftwaffe spricht von "Hochwertzielen" wie Bunkern oder Führungsgefechtsständen, von denen aus feindliche Truppen Einsätze steuern. "Taurus" ist in der Lage, auch mehrere dicke Stahlbetonwände zu durchdringen. Dazu steigt der Flugkörper kurz vor dem Ziel steil auf und schlägt in senkrechtem Sturzflug mit hoher Bewegungsenergie von oben ein.

Bevor der eigentliche Gefechtskopf explodiert, sprengt eine Hohlladung ein Loch in die Bunkerwand. Durch dieses dringt dann ein 400 Kilogramm schwerer so genannter Metallpenetrator, der mit Sensoren misst, wie viel Widerstand er überwinden muss. So kann "Taurus" auch mehrere Etagen eines Bunkers durchdringen, bevor der Sprengkopf explodiert.

Wie findet "Taurus" sein Ziel?

"Taurus" nutzt vier voneinander unabhängige Navigationssysteme, um Kurs zu halten. Das satellitengestützte GPS-System ist dabei gegen Störversuche abgeschirmt. Bei der so genannten Geländereferenznavigation tastet "Taurus" den Erdboden ab und vergleicht dies mit zuvor gespeicherten Daten.

Mit Bild-Sensoren kann "Taurus" sich auch an Brücken, Flüssen oder Straßenkreuzungen orientieren. Zudem kann "Taurus" seine Position bestimmen, indem es stets die eigene Bewegung misst.

Wie würde die ukrainischen Armee "Taurus" einsetzen?

Mit "Taurus"-Flugkörpern könnte die Ukraine auch russische Stellungen weit hinter der Frontlinie angreifen. Dies würde ihr ermöglichen, Nachschubwege und Kommandozentralen der russischen Angreifer zu zerstören. Die Ukraine könnte damit insbesondere Ziele auf der russisch besetzten Krim erreichen - dies wäre entscheidend, um ihr Territorium zurückzuerobern.

Mit "Storm Shadow" aus Großbritannien und den "Scalp"-Marschflugkörpern aus Frankreich hat die ukrainische Armee bereits ähnliche Waffensysteme - jedoch mit geringerer Reichweite.

Warum zögert die Bundesregierung?

Mit "Taurus" könnte die Ukraine auch Ziele auf russischem Staatsgebiet angreifen. Das aber will die Bundesregierung vermeiden, da sie eine weitere Eskalation des Krieges fürchtet. Insbesondere Bundeskanzler Olaf Scholz hat deshalb bislang beim Thema "Taurus" gebremst. Moskau hat mehrfach vor der Lieferung von Waffensystemen wie "Taurus" oder dem US-amerikanischen ATACMS an die Ukraine gewarnt, setzt allerdings selbst Raketen mit hoher Reichweite ein, um ukrainische Städte anzugreifen.

Innerhalb der Regierungsparteien und auch bei Teilen der Opposition werden jedoch immer mehr Stimmen laut, die eine baldige Lieferung der "Taurus"-Marschflugkörper fordern. Nur mit ihnen hätte die Ukraine eine Chance, so das Argument, die russischen Angreifer abzuwehren. Experten sind sich jedoch einig, dass das Waffensystem keine echte Wende im Kriegsverlauf bewirken würde.

Wie schnell könnte Deutschland "Taurus" liefern?

Von den etwa 600 "Taurus" der Bundeswehr dürften 150-300 Stück einsatzbereit sein; die übrigen müssten zunächst instandgesetzt werden. Der Stückpreis beträgt etwa eine Million Euro. Zuvor müsste "Taurus", das vom Rüstungskonzern MBDA entwickelt wurde, jedoch an die Kampfjets der ukrainischen Luftwaffe angepasst werden. Die "Taurus" der Bundeswehr sind für den Einsatz mit Jets vom Typ Tornado und Eurofighter ausgelegt.

Dieser Artikel wurde erstmals am 11.8.2023 veröffentlicht und am 22.2.2024 aktualisiert.

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Image caption Ein "Taurus" vor einem Tornado-Jet der Bundeswehr
Image source Bernhard Huber/MBDA
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Item 23
Id 68311704
Date 2024-02-21
Title Julia Nawalnaja: Das neue Gesicht der russischen Opposition?
Short title Julia Nawalnaja: Das neue Gesicht der russischen Opposition?
Teaser Die Witwe des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny will die Arbeit ihres in Haft verstorbenen Mannes fortsetzen. Wer ist Julia Nawalnaja und welche Chancen hat sie im Kampf gegen das Putin-Regime in Russland?
Short teaser Julia Nawalnaja will die Arbeit ihres in Haft verstorbenen Mannes fortsetzen. Wer ist sie und welche Chancen hat sie?
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Drei Tage nach dem Tod von Alexej Nawalny erklärte seine Frau Julia öffentlich, sie werde die Leitung der Anti-Korruptions-Stiftung ihres Mannes übernehmen. Sie gibt sich sicher: Der Tod ihres Mannes sei ein von Wladimir Putin geplanter Mord, hinter dem konkrete Täter stecken würden. Ihre Namen wolle sie gemeinsam mit Nawalnys Vertrauten herausfinden. Dazu bereite sie eigene Untersuchungen vor. Damit hat Julia Nawalnaja nach Ansicht von Beobachtern eine eigene politische Karriere angekündigt. Einige meinen, das Bild einer starken Frau könnte die Opposition sowohl innerhalb als auch außerhalb Russlands einen.

Julia Nawalnaja wollte nicht Politikerin werden

Julia Abrossimowa hatte Alexej Nawalny 1998 im Urlaub in der Türkei kennengelernt. 2000 hatten sie geheiratet, ein Jahr später kam ihre Tochter Daria und 2008 ihr Sohn Sachar auf die Welt. Nawalnaja hatte einen Abschluss der Fakultät für Internationale Wirtschaftsbeziehungen der Plechanow-Universität in Moskau und hat ein Praktikum in Dänemark an einer Business School absolviert. Dennoch plante sie keine eigene Karriere, sondern unterstützte die ihres Mannes.

Bereits in den 2000er Jahren trat das Ehepaar der Jabloko-Partei bei. Als ihr Mann ein immer wichtigerer Politiker wurde, half Nawalnaja ihm bei Übersetzungen und arbeitete an Businessplänen mit. "Ich war eine unsichtbare Helferin", sagte sie 2014 dem Magazin "Afisha", das mit Nawalnaja auf der Titelseite schrieb: "Das stärkere Geschlecht".

In der Presse war Nawalny aber schon früher aufgetaucht: Im Dezember 2011 war Nawalny ein Jahr nach Gründung seines spendenfinanzierten Antikorruptionsprojekt "Rospil" nach einer Kundgebung für faire Wahlen von der Polizei abgeführt worden. Nawalnaja hatte daraufhin mit anderen Oppositionellen in Haftanstalten in ganz Moskau vergeblich nach ihrem Mann gesucht.

Bewährungsproben für die "First Lady" des Oppositionsführers

Der "dramatischste Tag", sagte Julia Nawalnaja einst, sei jedoch der im Jahr 2013 gewesen, an dem ihr Mann wegen angeblicher Veruntreuung zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Er soll 2009 als Berater des Gouverneurs der Region Kirow den dortigen staatlichen Holzbetrieb "Kirowles" um umgerechnet 33.000 Euro geschädigt haben. Bilder aus dem Gerichtssaal zeigten Julia Nawalnaja mit gesenktem Kopf. Sie war auf das Schlimmste vorbereitet. Doch nach einem Aufschrei der Öffentlichkeit setzte das Gericht die Haftstrafe zur Bewährung aus.

Später sagte Nawalnaja, sie habe sich mit den Risiken der politischen Arbeit ihres Mannes abgefunden: "Die Menschen glauben an ihn, ihre Augen leuchten und sie gehen auf die Straße, obwohl sie eingeschüchtert werden und ihnen Haft droht. Das ist toll", betonte sie im "Afisha"-Interview.

Die politische Bühne betrat Julia Nawalnaja erstmals 2013 im Wahlkampf ihres Mannes um das Bürgermeisteramt von Moskau. Nawalny wollte für Transparenz in der Politik sorgen - was sein Einkommen, seinen Besitz, aber eben auch seine Familie anging. Damit stellten die Nawalnys einen Kontrast zu den Politikern alten Stils dar. Nawalny erreichte mit knapp 27 Prozent der Stimmen Platz zwei hinter Wahlsieger Sergej Sobjanin und Julia Nawalnaya wurde zur "First Lady" des Oppositionsführers.

Eine weitere Bewährungsprobe bestand Julia Nawalnaya im Sommer 2020 in Omsk, als ihr Mann Opfer eines Giftanschlags geworden war. Der Arzt Aleksandr Polupan sagte der DW, Nawalnaja habe sich in jener Stresssituation als gefasst, willensstark und selbstbewusst erwiesen. Polupan glaubt, dass ihre Beharrlichkeit maßgeblich dazu beitrug, dass Nawalny nach Deutschland transportiert wurde und der Fall große öffentliche Aufmerksamkeit erhielt. Nawalnaja hatte damals an den russischen Präsidenten Wladimir Putin appelliert, eine Behandlung ihres Mannes in Deutschland zu erlauben. Putin sagte später, er habe die Staatsanwaltschaft persönlich darum gebeten, Nawalny die Ausreise zu gestatten, gleich nachdem die Frau des Oppositionellen ihn darum gebeten habe.

"Symbol des moralischen Widerstands"

Nun ist Alexej Nawalny tot und seine Frau will seine Nachfolge antreten. "Eine kluge, leuchtende, schöne Frau, die, wie ich fürchte, nichts mehr zu verlieren hat", schreibt der Politologe Dmitrij Oreschkin über Julia Nawalnaja. Er glaubt, dass sie sich als wichtiges Symbol im Widerstand gegen die "männliche" Tyrannei in Russland erweisen könnte. Während die Mehrheit der männlichen Bevölkerung fest an einen Angriff der NATO auf Russland glaube, müssten Frauen in Russland konkrete Probleme lösen: "Ihre Männer wurden getötet, Brüder mussten zur Armee und Söhne wurden in die Ukraine in den Tod geschickt. Die Gedanken der Frauen folgen keiner Ideologie, sie wollen ihre Familienangehörigen zurückhaben. Nawalnajas Image könnte sich für die Opposition im In- und Ausland als einigend erweisen", so Oreschkin.

Andrey Kolesnikov, Senior Fellow beim Carnegie Endowment for International Peace in Washington, findet, dass Julia Nawalnaja zu einem "moralischen Symbol des Widerstands" werden könnte: "Sollte es jemals dazukommen, dass eine demokratische Präsidentschaftskandidatin nominiert wird, dann wird Julia auf jeden Fall aus Sicht von Millionen von Menschen die beste Kandidatin sein."

Nawalnaja will den Kampf ihres Mannes fortsetzen

Nach eigenem Bekunden hat sich Nawalnaja schon als Kind für das gesellschaftliche und politische Leben sowie die Medien interessiert. Raissa und Michail Gorbatschow, die "fast jeden Abend nach der Arbeit zusammen spazieren gingen", bezeichnete sie einmal als ideales Politikerpaar. Auch ihre eigene Verbindung mit Alexej Nawalny habe - trotz aller Risiken - beiden Stärke verliehen. Sie brachte ihre Ideen in Nawalnys Reden ein und er war für sie jemand, auf den sie sich verlassen konnte.

Jetzt sei die Situation anders, gab sie nach dem Tod ihres Mannes in ihrer Videoansprache zu: "Mit der Tötung von Alexej hat Putin die Hälfte von mir, die Hälfte meines Herzens und die Hälfte meiner Seele getötet." Die verbleibende Hälfte, sagte sie, sei nun voller "Wut, Zorn und Hass", die sie antreiben würden, den Traum ihres Mannes zu verwirklichen: den Aufbau eines Russlands "voller Würde, Gerechtigkeit und Liebe".

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

Item URL https://www.dw.com/de/julia-nawalnaja-das-neue-gesicht-der-russischen-opposition/a-68311704?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Julia Nawalnaja will den Traum ihre toten Mannes Alexej Nawalny umsetzen: ein Russland "voller Würde, Gerechtigkeit und Liebe"
Image source Yves Herman/AP/picture alliance
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Item 24
Id 68311194
Date 2024-02-21
Title Wie weiter im afrikanischen Sahel nach den Militärputschen?
Short title Wie weiter im afrikanischen Sahel nach den Militärputschen?
Teaser Inmitten von Krieg und Klimakrise bleibt die Sahelzone ein großes Konfliktgebiet in Afrika. Auch nach der Münchener Sicherheitskonferenz stellt sich Europa viele Fragen über den künftigen Umgang mit der Region.
Short teaser Krieg und Klimakrise: Die Sahelzone bleibt ein großes Konfliktgebiet in Afrika. Welche Rolle spielt Europa künftig noch?
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Frankreichs Rückzug aus den Ländern der Sahel-Region bleibt nicht ohne Folgen für Europas Hilfe an die Länder der Region im Norden Afrikas. "Es ist sehr schmerzhaft, wenn man aufgefordert wird zu gehen", sagte die französische Politikerin Hélène Conway-Mouret während eines Podiumsgespräches bei der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) Mitte Februar. Die Konferenz hatte in diesem Jahr die Kooperation mit dem Globalen Süden in ihren Fokus gestellt. Dazu zählen die Staaten der südlichen Hemisphäre, die nicht zu den westlichen Industrienationen gehören, etwa aus Asien, Südamerika oder eben Afrika.

In der Sahelregion hatte Frankreich sein Militär nach zehnjährigem Einsatz zuerst aus Mali und zuletzt - nach dem Militärputsch - auch aus Niger abgezogen. Die neuen Machthaber hatten Paris aufgefordert zu gehen. Dabei war Frankreich einst im Kampf vor allem gegen radikal-islamistische Gruppen gerufen worden.

Auf der Sicherheitskonferenz stand unter anderem die Frage im Raum: Wie sollen Länder wie Frankreich und auch Deutschland mit Militärregierungen künftig zusammenarbeiten - sollen sie es überhaupt? Zumal im Sahel seit Jahren Privatarmeen aus Russland operieren: Bis zu ihrer Revolte waren es die sogenannten Wagner-Truppen des früheren Putin-Vertrauten Jewgeni Prigoschin, mittlerweile hat der Kreml die von Russland bezahlten Kämpfer in einem sogenannten "Afrika Corps" organisiert.

Deutschland will im Sahel präsent bleiben

Neben der Französin Conway-Mouret diskutierten in München auch die deutsche Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Svenja Schulze (SPD). "Wir müssen uns weiterhin in der Region engagieren", sagte die Deutsche. Die Region sei "stark von der Klimakrise betroffen". Und sie sei unmittelbarer Nachbar Europas.

Allerdings müssten die Lösungsvorschläge "von den Menschen in der Sahelzone kommen", so Schulze während des Gesprächs über eine "Neuausrichtung der Strategien für eine stabile Sahelzone". Die internationale Gemeinschaft könne das Geld einbringen.

Frankreich als "Sündenbock" in Mali

Bezogen auf Mali erinnerte die Französin Conway-Mouret daran, dass Frankreich zu Beginn des Militäreinsatzes als "Befreier" gegen islamistische Milizen gefeiert worden sei. "Nach zehn Jahren wurde sie als Besatzungsarmee empfunden", so Conway-Mouret, die als Außenpolitikerin für die sozialistische Partei im Französischen Senat sitzt. Der Mali-Einsatz war 2014 unter dem damaligen Präsidenten Francois Hollande begonnen worden, einem Politiker der Sozialistischen Partei Frankreichs.

"Die französische Präsenz wird auch in anderen Ländern abnehmen", prophezeite Conway-Mouret und lieferte auch gleich noch die Analyse für Frankreichs Scheitern. "Das war das Problem: Durch unsere Sichtbarkeit waren wir der Sündenbock."

Berlin als Mittler zwischen Paris und den Sahelländern?

Deutschland solle Frankreich helfen, seine Rolle in der Region neu zu justieren, schlug in München der ehemalige Ministerpräsident von Burkina Faso vor. Nach Ansicht von Lassina Zerba kommt Deutschland jetzt eine besondere Rolle zu: Berlin solle helfen, den Bruch zwischen den Ländern des Sahel und der früheren Kolonialmacht Frankreich zu heilen.

"Sie als Deutsche sollten in Europa eine Führungsrolle übernehmen", sagte Zerba, der heute für die Regierung Ruandas arbeitet. Berlin solle dafür sorgen, dass Frankreich, "in der Sahelzone bleibt, dass sie in Afrika bleiben, und zwar so, dass man ihnen zuhören kann."

Zerba war nicht der einzige Politiker vom afrikanischen Kontinent, der Europa bei der Münchner Sicherheitskonferenz in die Pflicht nahm.

Europas Verantwortung: zwei Jahrzehnte Krise im Sahel

Europa sollte es sich nicht zu einfach machen mit dem Verhältnis zu den Sahel-Ländern, sagte die Generalsekretärin der Organisation der Französisch sprechenden Länder der Welt, Louis Mushikiwabo, im DW-Interview. Die Sicherheitslage in der Sahelzone hat sich "seit mindestens zwei Jahrzehnten verschlechtert". Sie hänge nicht allein "von den Führern der Sahelstaaten ab", so Mushikiwabo, die an die Militärintervention Europas im nordafrikanischen Libyen erinnerte, die nicht zu einer langfristigen Befriedung des Landes geführt habe.

In Mali und in Niger habe Frankreich selbst viel zu hohe Erwartungen in die Stationierung seiner Streitkräfte gesetzt, so Mushikiwabo.

Auf dem Podium der Münchner Sicherheitskonferenz zur Zukunft der europäischen Hilfe in den Sahel-Ländern saß auch der amtierende Verteidigungsminister des westafrikanischen Staates Mauretanien. Auch Hanan Ould Sidi machte den beiden Politikerinnen aus Deutschland und Frankreich klar, dass Europa nach dem Rückzug Frankreichs nicht einfach ganz verschwinden könne.

Sahelregion als "geopolitische Grenze Europas"

Die Sahelzone ist eine "geopolitische Grenze Europas", so der mauretanische Verteidigungsminister. "Jede Verschlechterung der Bedingungen in diesem Gebiet wird sich negativ auf die Sicherheit und Stabilität nicht nur in der Sahelzone, sondern auch in Europa auswirken."

Nach den Militärputschen in Mali und Niger sucht vor allem Deutschland die Nähe zur Regierung in der mauretanischen Hauptstadt Nuakschott. Die EU ist dort schon lange mit einer eigenen Botschaft vertreten. Brüssel verhandelt regelmäßig über die Nutzung der Fischereigründe vor der westafrikanischen Küste.

Warnung vor mehr Flucht durch Klimawandel

Deutschland wolle in der Region präsent bleiben und finanziell helfen, so die deutsche Ministerin Svenja Schulze. Doch "das ist nicht einfach bei all den Putschen, die es dort gibt".

Europa müsse zunächst einmal "die große Frustration" vor allem der jungen Menschen in den Sahel-Ländern verstehen und dann die richtigen Schlüsse ziehen, rät die Generalsekretärin der frankophonen Länder, Louise Mushikiwabo, im Interview mit der DW. An dieser Frustration trage Europa eine große Verantwortung. Immer wieder sei über eine enge Zusammenarbeit gesprochen worden - doch das Leben der Menschen im Sahel habe sich nicht verbessert. Schlimmer noch: Heute sorge der Klimawandel dafür, dass viele Menschen flüchten müssten, um zu überleben, so Mushikiwabo.

Item URL https://www.dw.com/de/wie-weiter-im-afrikanischen-sahel-nach-den-militärputschen/a-68311194?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption "Frankreich verlasse mein Land" - Unterstützer der Putschisten bei einer Demonstration in Niger Anfang September 2023
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Item 25
Id 68327917
Date 2024-02-21
Title Was erwartet Indien von der neuen Regierung in Pakistan?
Short title Was erwartet Indien von der neuen Regierung in Pakistan?
Teaser Eine neue fragile Regierungskoalition in Islamabad hat ohne den Segen des Militärs kaum Chancen, die Beziehungen zu Neu-Delhi zu verbessern, befürchten Analysten.
Short teaser Eine neue Regierung in Islamabad hat ohne den Segen des Militärs kaum Chancen auf bessere Beziehungen zu Indien.
Full text

Bei den umstrittenen Parlamentswahlen in Pakistan am 8. Februar hatte keine Partei eine klare Mehrheit errungen. Als Folge daraus haben sich zwei große politischen Parteien darüber verständigt, die Macht unter sich aufzuteilen.

Die von der Armee unterstützte Pakistan Muslim League-Nawaz (PML-N) will unter der Duldung der Pakistan People's Party (PPP) eine Regierung, die auch mehrere kleinere Parteien einschließen soll. Die Zeit drängt. Bis spätestens Ende des Monats muss die konstituierende Parlamentssitzung stattfinden, auf der eine neue Regierung gebildet wird.

PML-N und PPP wollen Shehbaz Sharif, den jüngeren Bruder des einflussreichen PML-Politikers Nawaz Sharif wieder als Premier ins Amt heben. Asif Ali Zardari von der PPP, Ehemann der ermordeten ehemaligen Premierministerin Benazir Bhutto, soll Präsident werden, der nur repräsentative Aufgaben übernimmt. Er gehört nicht der Regierung an und hat nur begrenzte Befugnisse.

Neu-Delhi beobachtet Entwicklung in Pakistan genau

Es herrscht Eiszeit zwischen Pakistan und Indien seit vier Jahren, wegen Kaschmir und grenzüberschreitenden Terrorismus. Die indische Regierung, die die Wahlen genau beobachtet hat, ist der Meinung, dass die neue Mehrparteienkoalition angesichts ihrer Zusammensetzung und der Vorwürfe von Wahlfälschung "instabil und schwach" sein werde. "Es sieht so aus, dass das pakistanische Militär endlich das erreichen konnte, was es wollte - nämlich eine schwache und gefügige Koalition, die von Parteien angeführt wird, die es in der Regierung sehen will ", sagte ein hochrangiger Sicherheitsbeamter der indischen Regierung im Gespräch mit der DW. Er wollte allerdings anonym bleiben.

Die Autorität der Armee und ihres Chefs General Asim Munir werde aber dadurch beeinträchtigt, dass die Anhänger des inhaftierten Ex-Premiers Imran Khan die meisten Sitze im Parlament gewannen, meinten andere Beamte hinter vorgehaltener Hand. Khans Partei Pakistan Tehreek-e-Insaf (PTI) war von den Wahlen ausgeschlossen worden. Deren Kandidaten hatten die Wahlen als Unabhängige angetreten.

Ajay Bisaria, Ex-Sonderbeauftragter Indiens für Pakistan-Angelegenheiten, will sich keinen Illusionen machen. Indien ziehe es vor, Pakistan so zu betrachten, wie es ist, und nicht so, wie es sein sollte. In diesem Zusammenhang sei es auch unwahrscheinlich, dass die indische Regierung Vorwürfe der Wahlfälschungen in Pakistan kommentieren werde, auch wenn es für die Kommentatoren klar sei, dass die Wahl in einer zutiefst zweifelhaften Art und Weise durchgeführt und von der Armee gesteuert worden sei.

Bisaria wurde 2019 von Pakistan ausgewiesen. Das war das erste Mal, dass ein indischer Sonderbeauftragter aufgefordert wurde, Pakistan zu verlassen. Heute sagt er, dass die Hauptsorge für Indien bleiben werde. "Es kommt jetzt darauf an, ob die nächste schwache Regierung Pakistans in der Lage sein wird, grenzüberschreitenden Terrorismus zu bekämpfen."

"Die Armee in Pakistan wird die Indienpolitik bestimmen. Jede zivile Regierung wird beim gegenwärtigen Stand der Dinge nur ein marginales Mitspracherecht in der Indienpolitik haben", sagt Bisaria, fügt aber hinzu, die Gebrüder Sharif hätten "eindeutig eine bessere Erfolgsbilanz bei der Kontaktaufnahme mit Indien als Imran Khan in dessen dreijährigen PTI-Regierung."

Keine Veränderung in den indisch-pakistanischen Beziehungen

Der ehemalige Premierminister Nawaz Sharif hatte in der Vergangenheit die Annäherung an Indien gesucht und seit seiner Rückkehr aus dem Exil sich bereits mehrmals versöhnlich geäußert. "Wir werden bessere Beziehungen zu unseren Nachbarn haben", sagte Sharif in einer indirekten Botschaft an Indien während der Auszählung der Stimmen.

T C A Raghavan, Ex-Botschafter Indiens in Pakistan und Südasien-Experte, sagt, die jetzige Situation mit einem zersplitterten Mandat deute aber darauf hin, dass sich Pakistan weiterhin weitgehend mit sich selbst beschäftigen und darum kämpfen werde, einen Konsens über politisch heikle Reformen zu erzielen. Neu-Delhi erwarte daher keine neue Dynamik in den Beziehungen, insbesondere wenn sich die derzeitige Koalition zerstreiten könnte.

Raghavan weist jedoch darauf hin, dass es in den indisch-pakistanischen Beziehungen immer an Vorhersehbarkeit mangele und das Unerwartete bei bilateralen Entwicklungen niemals ausgeschlossen werden dürfe.

Streitfrage Kaschmir

Auch Shanthie Mariet D'Souza von der US-University of Massachusetts Amherst vertritt die Meinung, dass das pakistanische Militär auch künftig den Ton angeben werde. Pakistan werde zwar seit 2008 zivil regiert, die Armee gelteaber weiterhin als Strippenzieher im
Hintergrund.

"In der Geschichte Pakistans hat es noch nie eine starke zivile Regierung gegeben. Und das erklärt, warum der indisch-pakistanische Friedensprozess nie richtig in Gang gekommen ist", sagt Politologin und Gastprofessorin für öffentliche Verwaltung D'Souza im Gespräch mit der DW. Trotz Sharifs früherer friedensbefürwortender Haltung könne er ohne die Zustimmung des pakistanischen Militärs wenig voranbringen, befürchtet D'Souza.

"Es bestehen Zweifel, diese zu erhalten, da jede Geste aus Islamabad, die Frieden bringen soll, damit beginnen müsste, seine Positionen zu Kaschmir zu ändern, was die Vormachtstellung des pakistanischen Militärs in der Politik des Landes kippen könnte", fügte D'Souza hinzu.

Auch angesichts der bevorstehenden Parlamentswahlen in Indien in April/Mai, die wahrscheinlich eine dritte Amtszeit von Premierminister Narendra Modi einleiten werden, stehe eher nicht zu erwarten, dass es zu einer signifikanten Änderung der Politik Neu-Delhis gegenüber Pakistan kommen wird.

Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand

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Image caption Shehbaz Sharif (rechts) wird der neue Premier in Pakistan. Seinem Bruder Nawaz Sharif (Mitte) wird erheblicher Einfluss zugeschrieben. Er sprach sich in der Vergangenheit für eine Annäherung zu Indien aus.
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Item 26
Id 64872396
Date 2024-02-21
Title Ukraine: Wie der Krieg die Umwelt vergiftet
Short title Ukraine: Wie der Krieg die Umwelt vergiftet
Teaser Der Krieg Russlands gegen die Ukraine kostet nicht nur Menschenleben, er hat auch verheerende Auswirkungen auf die Umwelt. Dabei lassen sich die Folgen für Mensch, Tier und Natur nur erahnen.
Short teaser Der Ukraine-Krieg kostet nicht nur Menschenleben, er hat auch verheerende Auswirkungen auf die Umwelt.
Full text

Vor zwei Jahren begann der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Ein Ende scheint nicht absehbar. Doch selbst wenn noch heute jeder Beschuss eingestellt würde, keine Bomben mehr fielen und keine Raffinerien oder Industriebetriebe mehr explodieren würden - in Sicherheit sind die Menschen in der Ukraine trotzdem nicht.

Die Auswirkungen des Krieges auf Mensch, Tier und Natur werden länger nachwirken. So kommt eine Studie über die Umweltfolgen des Ukraine-Kriegs zu dem Ergebnis, dass in den ersten eineinhalb Jahren rund 150 Millionen Tonnen klimaschädliches CO2 freigesetzt wurde - so viel wie die jährlichen CO2-Emissionen Belgiens. Die Schätzung stammt von der "Initiative on GHG Accounting of War", einer Gruppe von Fachleuten, die sich mit den Klimaauswirkungen des Ukraine-Krieges befasst. Die Ergebnisse präsentierten sie im Dezember 2023 auf der UN-Klimakonferenz in Dubai.

Krieg gegen Mensch und Natur

Eine neuere Analyse eines US-ukrainischen Forschungsteams liefert weitere Zahlen: Landschaftszerstörung, Beschuss, Waldbrände, Abholzung und Verschmutzung haben 30 Prozent der ukrainischen Schutzgebiete in Mitleidenschaft gezogen. Insbesondere durch die Eroberung des Kernkraftwerks Saporischschja durch Russland und die Zerstörung des Kachowka-Staudamms befürchtet das Team um Daniel Hryhorczuk, emeritierter Professor am Institut für Umwelt- und Arbeitssicherheit und Epidemiologie and der University of Illinois School of Public Health, USA, anhaltende ökologische Katastrophen.

Zudem sind Luft, Wasser und Boden in großem Umfang chemisch verseucht, 30 Prozent der Ukraine seien mit Landminen und nicht explodierten Geschossen kontaminiert.

Befinden sie sich erst mal im Wasser oder im Boden, erreichen sie über Pflanze, Tier oder Trinkwasser früher oder später auch den Menschen. Davon gehen Toxikologen zumindest aus. Gesichertes Wissen darüber, wie sich die Substanzen im Erdreich verhalten und welchen Einfluss sie von dort auf die Gesundheit des Menschen nehmen, fehlt an vielen allerdings Stellen noch.

TNT ist krebserregend

Die gefährlichen Stoffe in der Munition sind vor allem Explosivstoffe und Schwermetalle. Zu den Explosivstoffen zählt das TNT, das zur Gruppe der Nitroaromaten gehört, die für ihre Sprengkraft bekannt sind. "Wir wissen aus Fütterungsstudien mit Ratten und Mäusen, dass TNT sehr giftig ist", sagt Professor Edmund Maser, Direktor des Instituts für Toxikologie am Universitätsklinikum in Kiel, im DW-Gespräch im März 2023.

Maser forscht zu den Auswirkungen der Munition, die nach dem Zweiten Weltkrieg im deutschen Teil der Nord- und Ostsee versenkt wurde. 1,6 Millionen Tonnen rosten dort vor sich hin.

Auch im Meer beobachteten Toxikologen, dass das aus den versenkten Munitionsbeständen freigesetzte TNT den Tieren in der Umgebung schadet: "TNT beeinträchtigt die Reproduktion, das Wachstum und die Entwicklung der Meerestiere", sagt Maser. "Außerdem wissen wir aus den Tierstudien, dass TNT und andere Explosivstoffe krebserregend sind."

Quecksilber, Arsen und Blei zerstören Zellen

Das gilt auch für manche Schwermetalle wie Arsen und Cadmium, die ebenfalls krebserregend seien. "Schwermetalle wie Quecksilber sind vor allem in den Zündern enthalten, wo sie als Quecksilberfulminat dafür sorgen, dass ein Sprengstoff wie TNT schneller explodiert", erklärt Maser.

Quecksilber gehört ebenfalls zu den Schwermetallen und führt zu Schäden an den Nervenzellen. "Bei ungeborenen Kindern kann es auch zu Missbildungen führen", sagt Maser. Blei könne eine ähnliche Wirkung haben und zu Entwicklungsstörungen und Fehlgeburten führen.

Kateryna Smirnova vom Sokolowskyj-Institut für Bodenkunde und Agrochemie der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine, einer der führenden wissenschaftlichen Einrichtungen für Bodenkunde und Bodenschutz in der Ukraine, sagt, dass Bodenproben aus der Region Charkiw bereits gezeigt hätten, dass die Konzentration an krebserregenden Schwermetallen wie Blei und Cadmium erhöht ist.

Smirnovas Kollegin Oksana Naidyonova, Mikrobiologin am Sokolowskyj-Institut, erklärt, dass die Schwermetalle die Aktivität der Bakterien im Boden negativ beeinflussen. "Sie hemmen die Entwicklung der Pflanzen und die Versorgung mit Mikronährstoffen, was zu physiologischen Störungen beiträgt und ihre Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten verringert."

Allerdings bleiben die Chemikalien nicht unbedingt im Boden. TNT beispielsweise könne vom Wind weggetragen und verteilt werden, so Maser. Um die tiefer im Boden befindlichen Substanzen kümmert sich der Regen. "Es kann dann sein, dass die Stoffe in das Oberflächenwasser geraten, wodurch Bäche, Flüsse und Seen kontaminiert werden", erklärt Toxikologe Maser.

Ein toxischer Kreislauf

Wenn Tiere die Chemikalien aufnehmen, können sie sich entlang der Nahrungskette anreichern und dann auch für den Menschen als Endverbraucher gefährlich werden, so Toxikologe Maser. Oder wenn der Regen versickere und die Stoffe mit diesem Sickerwasser ins Grundwasser gelangen. "Dann ist das Trinkwasser gefährdet", sagt Maser.

Das Sickerwasser könnte aber auch dazu beitragen, dass sich Quecksilber und Co. im Boden verteilen und von Pflanzen aufgenommen werden. Handelt es sich dabei um Getreide oder Gemüse, landen die Chemikalien auch auf diesem Weg letztlich im menschlichen Körper.

Umweltschäden in Milliardenhöhe

Am Beispiel der Ukraine lassen sich die immensen Kosten durch die Kriegszerstörungen veranschaulichen. Nach der neuesten Analyse hat der Krieg in der Ukraine Umweltschäden von mehr als 56,4 Milliarden US-Dollar verursacht.

Die Forschende um Daniel Hryhorczuk fordern, die Umweltfolgen aller bewaffneten Konflikte zu untersuchen und wirksamere Maßnahmen zum Schutz der Umwelt im Krieg zu ergreifen. “Zu diesen Maßnahmen gehört auch, dass diejenigen, die für die Schädigung der Umwelt während eines Krieges verantwortlich sind, und diejenigen, die einen Krieg anzetteln, zur Verantwortung gezogen werden”, so der Appell.

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Image caption Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms gilt als ökologische Katastrophe.
Image source Libkos/AP Photo/picture alliance
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Item 27
Id 68317127
Date 2024-02-21
Title Cannabis am Steuer: Warum lässt sich ein THC-Grenzwert schwer festlegen?
Short title Cannabis am Steuer: Wo liegt der THC-Grenzwert?
Teaser Im April wird in Deutschland Cannabis freigegeben. Analog zur Promillegrenze für Alkohol soll es auch eine neue THC-Grenze für den Straßenverkehr geben. Aber die Festlegung eines Grenzwertes ist kompliziert.
Short teaser Cannabis beeinflusst das Fahrverhalten. Aber ein THC-Grenzwert analog zur Promillegrenze beim Alkohol ist kompliziert.
Full text

Ab April 2024 soll Cannabis in Deutschland freigegeben werden, parallel dazu soll auch ein neuer gesetzlicher THC-Grenzwert für den Straßenverkehr vorliegen. Geplant ist ein Grenzwert für den Wirkstoff THC im Blut - so wie die 0,5-Promille-Grenze beim Alkohol.

Gegenwärtig liegt der Grenzwert in Deutschland bei 1 Nanogramm (ng) THC pro Milliliter Blut für gelegentliche Konsumenten und bei 3 ng/ml für regelmäßige Konsumenten.

Unterschiedliche Grenzwerte je nach Konsumverhalten, wie kann das sein? Und warum gilt das nicht für Alkohol? Und wieso ist der Grenzwert für gelegentliche Konsumenten in Frankreich nur halb so hoch, aber in den Niederlanden dreimal so hoch?

Warum ist ein Cannabis-Grenzwert schwer festzumachen?

Dass der Konsum von Cannabis das Fahrverhalten beeinflussen kann, ist unbestritten: Cannabis enthält psychoaktive Substanzen wie Tetrahydrocannabinol (THC), die auf das zentrale Nervensystem wirken und für die Rauschwirkung verantwortlich sind.

Aber im Gegensatz zu Alkohol, dessen Auswirkungen relativ schnell spürbar sind und mit der Blutalkoholkonzentration korrelieren, kann die Wirkung von Cannabis verzögert auftreten und auch nach dem Konsum noch einige Zeit anhalten.

Anders als beim Alkohol, bei dem eine bestimmte Blutalkoholkonzentration (BAC) relativ zuverlässig mit einem bestimmten Grad der Beeinträchtigung und einem erhöhten Unfallrisiko korreliert, ist die Beziehung zwischen der im Blut gemessenen THC-Konzentration und der Fahrfähigkeit weniger klar. Es gibt keine eindeutige Schwelle, ab der jemand sicher fahren kann oder nicht.

Auch deshalb ist es schwierig, einen einheitlichen Grenzwert für Cannabis im Straßenverkehr festzulegen, der sowohl wissenschaftlich fundiert als auch praktisch anwendbar ist.

Warum schwankt der THC-Gehalt?

Beim Kiffen steigt die THC-Konzentration im Blut zunächst stark an, fällt dann aber erst mal ebenso schnell wieder ab. Denn das THC verteilt sich im gut durchbluteten Gewebe wie der Lunge, dem Herz, der Leber oder dem Gehirn und lagert sich zunächst im Fettgewebe ab. Von dort gelangt es dann in den kommenden Tagen und Wochen wieder zurück in die Blutbahn. Deshalb lässt sich Cannabis-Konsum auch noch Wochen später nachweisen.

Die Art, wie Cannabis konsumiert wird, beeinflusst die Geschwindigkeit und die Konzentration von THC im Blut. Das Rauchen von Cannabis führt zu einer schnelleren Aufnahme von THC und zu höheren Konzentrationen im Blut. Nach dem Verzehr von Cannabisprodukten wie Keksen oder Tees muss THC zuerst durch den Verdauungstrakt gehen und dann von der Leber metabolisiert werden, bevor es in den Blutkreislauf gelangt. Die Wirkung kann erst nach 30 Minuten bis zu mehreren Stunden eintreten. Obwohl die Wirkung langsamer eintritt, kann sie auch länger anhalten, da THC durch den Verdauungstrakt langsamer abgebaut wird.

Aber die Auswirkungen von Cannabis auf die kognitive Funktion, auf Koordination, Reaktionszeit und Wahrnehmung können je nach individueller Empfindlichkeit und Konsumgewohnheiten stark von Person zu Person variieren. Und damit auch die Fähigkeit zum sicheren Führen eines Fahrzeugs.

Wie vermindert Cannabis die Fahrtüchtigkeit?

Häufig fallen bekiffte Fahrer auf, weil sie besonders langsam fahren. Sie bemerken ihre Einschränkungen selber und wollen sie kompensieren - statt den Wagen stehen zu lassen.

Denn Cannabis kann die Reaktionszeiten verlangsamen. Fahrer reagieren also möglicherweise langsamer auf verändernde Verkehrssituationen, zum Beispiel beim Bremsen oder Ausweichen von Hindernissen. Außerdem mindert Cannabis-Konsum die Aufmerksamkeit und Konzentration. Fahrer können wichtige Verkehrsschilder, Fußgänger oder andere Fahrzeuge übersehen.

Der Konsum von Cannabis kann aber auch das Urteilsvermögen beeinträchtigen. Fahrer treffen dann riskantere Entscheidungen, fahren zu schnell oder ignorieren Vorfahrtsregeln. Die motorischen Fähigkeiten können durch den Cannabis-Konsum eingeschränkt und die Raum- und Zeitwahrnehmung verändert werden. Fahrer können dann die Geschwindigkeit und Entfernung anderer Fahrzeuge schwerer einschätzen.

Welche Regeln gelten international?

Die Regelungen zum Cannabiskonsum im Straßenverkehr variieren je nach Land erheblich.

Einige Länder wie Schweden haben eine Nulltoleranzpolitik im Straßenverkehr, egal ob Cannabis oder Alkohol, jeglicher Nachweis von Drogen im Blut kann also zu strafrechtlichen Konsequenzen führen, unabhängig von der Menge oder von einer tatsächlichen Beeinträchtigung.

Andere Länder haben festgelegte Grenzwerte für den THC-Gehalt im Blut oder im Speichel. Die variieren aber erheblich je nach Land. Frankreich: 0,5 ng/ml THC im Blut, Schweiz: 1,5 µg/l THC im Blut, Niederlande: 3 ng/ml THC im Blut. Manchmal wird auch nach Fahrerfahrung unterschieden. Kanada: Anfänger 2 ng/ml THC oder erfahrener Fahrer 5 ng/ml THC im Blut.

Einige Länder verwenden kombinierte Ansätze, bei denen neben festgelegten Grenzwerten auch Verhaltensbeobachtungen und standardisierte Feldtests durchgeführt werden, um die Fahrtauglichkeit zu bewerten. Dies ist beispielsweise in den USA der Fall, wo einige Bundesstaaten Grenzwerte für THC im Blut haben, aber auch die Möglichkeit besteht, eine Fahruntüchtigkeit aufgrund von Verhaltensindikatoren festzustellen.

Warum braucht es einen Grenzwert?

Grenzwerte im Straßenverkehr dienen als objektive Maßnahme, um die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer zu gewährleisten, unabhängig davon, ob eine Person subjektiv glaubt, dass sie noch fahrtüchtig ist.

Selbst wenn regelmäßige Cannabis-Konsumenten wie auch Alkohol-Konsumenten individuell keine Verhaltensauffälligkeiten zeigen, braucht es einen verbindlichen Grenzwert. Und wenn ein Grenzwert bei Cannabis wissenschaftlich schwer zu bestimmen ist, muss diese Obergrenze dann eben politisch durch den Gesetzgeber festgelegt werden.

Item URL https://www.dw.com/de/cannabis-am-steuer-warum-lässt-sich-ein-thc-grenzwert-schwer-festlegen/a-68317127?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Grenzwerte dienen als objektive Maßnahme, unabhängig davon, ob jemand subjektiv glaubt, noch fahrtüchtig zu sein.
Image source Fabian Sommer/dpa/picture alliance
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Item 28
Id 68315256
Date 2024-02-21
Title Montpellier: Kostenlos mit Bus und Bahn
Short title Montpellier: Kostenlos mit Bus und Bahn
Teaser Im südfranzösischen Montpellier müssen die Einwohner seit Dezember 2023 nicht mehr für den öffentlichen Nahverkehr zahlen. Manche Bewohner finden, diese öffentlichen Gelder könnte man sinnvoller einsetzen.
Short teaser In Montpellier ist der öffentliche Nahverkehr für Bewohner nun kostenfrei - zur Freude fast aller.
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Es war wie eine vorgezogene Silvesterparty. Am 21. Dezember 2023 zählte Montpelliers Bürgermeister Michaël Delafosse gemeinsam mit einigen Mitgliedern des Stadtkabinetts von zehn auf null herunter, bis es genau 19 Uhr war. Hunderte Zuschauer, die den Feierlichkeiten auf dem Place de la Comédie im Stadtzentrum beiwohnten, bejubelten den Eintritt der südfranzösischen Stadt in eine neue Ära: Seitdem dürfen deren Bewohner umsonst mit den lokalen öffentlichen Transportmitteln fahren. Schon mehr als 50 Städte und Gemeinden haben bisher eine solche Maßnahme ergriffen - darunter Estlands Hauptstadt Tallinn und das nordfranzösische Dünkirchen. Montpellier ist mit 500.000 Einwohnern in dieser Liste nun Europas größte Metropole. Zur Freude vieler, jedoch nicht aller Bewohner der südfranzösischen Stadt. .

Rayene Chabbi ist erleichtert, dass sie nun nicht mehr für den Bus und die Straßenbahn zahlen muss, die sie wochentags wie an diesem Montagmorgen zur Arbeit nimmt. Vorher hatte sie die sieben Kilometer im Auto ihrer Eltern zurückgelegt, um das Geld für das Ticket zu sparen. "Kostenlose öffentliche Transportmittel sind wirklich eine gute Idee", sagt die 31-Jährige im Gespräch mit der DW. "Gerade für Leute wie mich, die es sich vorher zweimal überlegt haben, bevor sie die 50 Euro für das Monatsabonnement ausgeben. Schließlich verdiene ich nur 1950 Euro brutto pro Monat. Meiner Schwester geht's ähnlich - auch sie fährt jetzt oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln, was sie vorher nie gemacht hat."

Etwa eine halbe Stunde später steigt Chabbi im nordöstlich gelegenen Stadtteil Castelnau-le-Lez aus der Tram. "Mit dem Auto hätte ich zehn Minuten länger gebraucht und bestimmt im Stau gestanden, was mich immer total stresst. Ich mag es, so entspannt bei der Arbeit anzukommen. Zudem ist es umweltfreundlicher", meint sie und läuft die wenigen Hundert Meter zum Unternehmen Simax, wo sie als Assistentin der Chefin arbeitet.

Montpelliers "positive Umweltpolitik"

Das mittelgroße Unternehmen, welches einfach zu bedienende sogenannte No-Code-Management-Software für Firmen herstellt, finanziert den kostenlosen öffentlichen Nahverkehr mit - durch eine zweiprozentige Steuer auf Gehälter. Wie etwa 2500 andere Firmen in Montpellier, die ebenfalls elf Angestellte oder mehr haben. Insgesamt kommen so etwa 30 Millionen Euro zusammen. Simax-Gründerin Miren Lafourcade unterstützt die Initiative.

"Wir sind vor fünf Jahren hierher gezogen, weil wir dadurch direkt neben einer Tram-Haltestelle sind. Vorher war es sehr kompliziert, in öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu kommen. Es ist prima, dass die Steuern, die wir zahlen, endlich einmal für etwas Sinnvolles genutzt werden", sagt sie gegenüber DW. Simax macht zurzeit einen jährlichen Umsatz von etwa 1,5 Millionen Euro und beschäftigt 60 Leute. Dieses Jahr sollen zehn weitere dazu kommen. Nachhaltigkeit werde dabei weiterhin zentral sein, so Lafourcade. "Wir nutzen Server, die ihre Energie ausschließlich aus erneuerbaren Quellen speisen, und achten darauf, nicht zu viel Strom für Licht und die Klimaanlage zu verschwenden", erklärt sie. Vergangenes Jahr hat das Unternehmen sogar seine CO2-Bilanz berechnen lassen. "Dabei schneiden wir gar nicht schlecht ab - gerade, was den Transport angeht. Trotzdem wir können uns noch verbessern und zum Beispiel weniger Plastik kaufen", sagt sie.

Eine solche Herangehensweise freut Julie Frêche, Vizepräsidentin der Metropole Montpellier und deren Beauftragte für Verkehr. "Wir wollen positive Umweltpolitik machen. Durch die kostenlosen Transportmittel verfügen Bewohner der Stadt über mehr Einkommen. Außerdem tun wir etwas für die Luftqualität", sagt sie. Die Stadt ergreife zudem Maßnahmen, um sich auf heißere Tage vorzubereiten - schließlich erreichen die Temperaturen in der Stadt im Sommer mitunter fast 50 Grad Celsius. Montpellier plant, bis 2026 rund 50.000 zusätzliche Bäume zu pflanzen und begrünt zahlreiche Flächen. "Außerdem sind wir dabei, 235 Kilometer zusätzliche Fahrradwege zu schaffen, zu den bestehenden 41 fünf weitere Buslinien hinzuzufügen und eine fünfte Straßenbahnlinie zu bauen", erklärt Frêche.

Kostenloser Nahverkehr kommt nicht allen in gleichem Maße zugute

Die neue Tramlinie wird auch den Vorort Saint-Jean-de-Vedas anbinden. Hier wohnen über 12.000 Menschen - zahlreiche neue Wohnhäuser sind im Bau. Deswegen bräuchte es auch weit mehr als nur eine zusätzliche Straßenbahn, meint jedenfalls Hugo Daillan. Er ist Mitglied eines lokalen Vereins von Verkehrsnutzern. "Hier in Saint-Jean-de-Vedas gibt es bisher nur eine Tram-Haltestelle", sagt der 28-Jährige zu DW und zeigt auf die Anzeigetafel. Daillan wohnt im Zentrum Montpelliers und arbeitet in einem Blumenladen in Saint-Jean-de-Vedas. "Die Bahn kommt lediglich im Viertelstundentakt - auch jetzt, am Ende des Arbeitstages. Deswegen fahren hier viele mit dem Auto."

Das öffentliche Verkehrsnetz sei so schlecht, schimpft Daillan, dass die lokale Verwaltung sogar in einem Distrikt ein kostenpflichtiges Shuttle einsetze. "Wenn man nicht bedenkt, dass die Stadt sich immer weiter ausweitet, nützen kostenlose Verkehrsmittel nur Bewohnern des Stadtzentrums, aber nicht denen des Umlands. Die 'kostenlose' Maßnahme geht auf Kosten eines besseren Transportnetzes. Man sollte dieses Geld in dessen Ausbau investieren." Das sieht auch Alexandre Brun so. Er ist Dozent für Geographie an der Universität Paul-Valéry in Montpellier. "Man sollte auch die Vororte besser untereinander anbinden - bisher muss man oft einen Umweg übers Zentrum machen", sagt er zu DW. Zudem fürchtet er, die Steuer könne Unternehmen davon abschrecken, sich in Montpellier niederzulassen. "Dabei brauchen wir sie, um die Arbeitslosigkeit zu senken", so Brun. Die lag 2023 bei 9,6 Prozent, mehr als zwei Prozentpunkte über dem nationalen Durchschnitt.

"Schneller, entspannter, sauberer"

Doch unter Autofahrern in Saint-Jean-de-Vedas scheint die Maßnahme weniger umstritten – zumindest bei denen, die nicht ins Zentrum pendeln müssen. "Das ist wirklich praktisch - jetzt fahre ich öfter mal mit der Straßenbahn ins Zentrum zum Einkaufen", sagt die 40-jährige Kindergärtnerin Claire Maurin. Der 66-jährige Pierre Chanal steigt ein paar Meter weiter gerade aus seinem Auto aus. "Im Stadtkern gibt es zu viel Verkehr und Parken ist dort sehr teuer. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln geht es schneller, und man ist viel entspannter", sagt der Rentner.

Diesen Enthusiasmus teilt auch Fady Hamadé, Ökonom und Direktor der Denkschmiede Institut für Umweltressourcen und Nachhaltige Entwicklung im Zentrum von Montpellier. "Wie alle öffentlichen Dienstleistungen ist auch dies eine Maßnahmen zur Umverteilung", sagt er. "Dabei gibt es positive externe Effekte: Es entsteht weniger CO2 und Luftverschmutzung. Außerdem sieht man, dass nun mehr Menschen ins Stadtzentrum kommen - auch aus ärmeren Bevölkerungsgruppen. Es haben bereits mehrere neue Läden in der Fußgängerzone aufgemacht."

Item URL https://www.dw.com/de/montpellier-kostenlos-mit-bus-und-bahn/a-68315256?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Seit Januar gratis: Öffentlicher Nahverkehr in Montpellier
Image source Lisa Louis/DW
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Item 29
Id 65196662
Date 2024-02-21
Title Wie die Muttersprache unser Gehirn formt
Short title Wie die Muttersprache unser Gehirn formt
Teaser Sprache entsteht in verschiedenen Regionen unseres Gehirns. Forscher konnten zeigen, dass diese je nach Muttersprache anders verknüpft sind. Das Wissen lässt sich etwa nutzen, um Schlaganfall-Patienten zu helfen.
Short teaser Sprachregionen im Gehirn sind je nach Muttersprache anders verschaltet. Wie Forscher dieses Wissen nutzen können.
Full text

Ein Arabisch-Muttersprachler muss im Gespräch genau hinhören: Meint sein Gegenüber kitabun (كتاب) oder katib (كاتب)? "Buch" oder "Schriftsteller"? Beide Wörter basieren auf derselben Sprachwurzel k-t-b ( ب - ت - ك), was im Arabischen sehr häufig vorkommt.

Ein Deutsch-Muttersprachler hingegen muss sich vor allem auf die Satzstruktur konzentrieren: "Leihst du dir das Buch von deinem Lieblingsschriftsteller aus?" Teile von trennbaren Verben wie "ausleihen" sind im Deutschen oft an verschiedenen Stellen im Satz verstreut.

Die arabische und die deutsche Sprache sind sehr verschieden. Aber lassen sich diese Unterschiede auch im Gehirn von Muttersprachlern erkennen? Das wollten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig wissen. Das Team rund um Doktorandin und Erstautorin Xuehu Wei hat dafür jeweils 47 Arabisch- und Deutsch-Muttersprachler in einer Studie untersucht.

Bei der Auswahl der Probanden haben die Forschenden darauf geachtet, dass sie einsprachig aufgewachsen sind und damit nur eine Muttersprache besitzen. Neben ihrer Erstsprache konnten die Probanden lediglich etwas Englisch.

Hirnscans verraten Unterschiede der Muttersprachler

Das Wissenschaftler-Team hat die Teilnehmenden gebeten, sich in einen speziellen Magnetresonanztomographen (MRT) zu legen. Dieser fertigt nicht nur hochauflösende Scans vom Gehirn an, sondern wirft auch Informationen über die Verbindungen der Nervenfasern aus. Mithilfe dieser Daten konnten die Forscher daraufhin berechnen, wie stark die einzelnen Sprachregionen miteinander verdrahtet sind.

"Das Ergebnis hat uns sehr überrascht, weil wir immer davon ausgegangen sind, dass Sprache universell ist", sagt Alfred Anwander, Forscher in der Abteilung Neuropsychologie am Leipziger Max-Planck-Institut und Mitautor der Studie. "Wir dachten, dass es unabhängig von der Sprache ist, wo sie im Gehirn verarbeitet wird und auch wie stark die Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Bereichen ist."

Bei den Arabisch-Muttersprachlern konnte das Forscher-Team sehen, dass die linke und rechte Gehirnhälfte stärker miteinander verknüpft ist. Auch zwischen den seitlichen Lappen des Großhirns, genannt Temporallappen, und hin zum mittleren Teil, dem sogenannten Parietallappen, gab es eine stärkere Verbindung.

Sprachzentren für Aussprache und Bedeutung

Das ist durchaus plausibel: Diese Hirnregionen sind dafür zuständig, die Aussprache und Bedeutung der gesprochenen Sprache zu verarbeiten. Ein Arabisch-Muttersprachler muss sich genau darauf konzentrieren, wie das Wort ausgesprochen wird und welche Bedeutung es dadurch hat: Hat sein Gesprächspartner nun "kitabun" (Buch) oder "katib" (Schriftsteller) gesagt?

Bei den Deutsch-Muttersprachlern fanden die Wissenschaftler stärkere Verbindungen in der linken Gehirnhälfte und hin zum Frontallappen im vorderen Bereich des Gehirns. Auch das lässt sich anhand der deutschen Sprache erklären, denn diese Regionen sind dafür verantwortlich, den Satzbau einer Sprache zu verarbeiten. Schachtelsätze wie den letzten Satz können Deutsch-Muttersprachler dadurch ohne Probleme verstehen.

"Unsere Studie liefert neue Erkenntnisse darüber, wie sich das Gehirn an kognitive Anforderungen anpasst– unser strukturelles Netzwerk der Sprache wird also durch die Muttersprache geprägt", fasst Mitautor Anwander zusammen.

Wertvolles Wissen über verschiedene Sprachverarbeitung

Wichtig zu betonen sei es, so der Forscher, dass diese unterschiedlichen Verschaltungen weder Vor- noch Nachteile für die Sprechenden bedeuten. "Die Verschaltung ist einfach nur anders, nicht besser oder schlechter", so Anwander.

Das Wissen um die unterschiedlich verdrahteten Sprachzentren hingegen bringt für beide Muttersprachler Vorteile. Zum Beispiel könnte die Behandlung von Schlaganfall-Patienten verbessert werden. Manche Betroffene leiden an einer Sprachstörung, genannt Aphasie. Für die verschiedenen Muttersprachler könnten unterschiedliche Therapieansätze entwickelt werden, mit denen die Patienten schneller wieder sprechen lernen.

"Außerdem wird es sehr spannend sein, die Untersuchung auf mehr Sprachen auszudehnen", so Anwander. In einer anderen Studie haben die Max-Planck-Forscher Deutsch-, Englisch- und Chinesisch-Muttersprachler untersucht. Die Ergebnisse stehen derzeit noch aus.

Es ist also noch offen, ob und wie weitere Muttersprachen das Gehirn unterschiedlich prägen. Auch eine größer angelegte Studie von Deutsch- und Arabisch-Muttersprachlern wäre hilfreich, um die Ergebnisse zu bestätigen.

Neue Methoden für das Fremdsprachenlernen

Im zweiten Schritt der aktuellen Studie werden die Forscher analysieren, was in den Gehirnen der arabischsprachigen Menschen passiert, während sie Deutsch lernen. "Wir sind gespannt darauf zu sehen, wie sich das Netzwerk beim Lernen einer neuen Sprache ändert", sagt Anwander.

Die Erkenntnisse sollen am Ende dazu dienen, Methoden für das Lernen von Fremdsprachen zu verbessern. Je nach Lerntyp und Muttersprache könnten unterschiedliche Strategien entwickelt werden, um zum Beispiel einfacher Deutsch zu lernen. Dafür sei aber noch viel Forschung nötig. "Von der individuellen Lernstrategie anhand eines Gehirnscans sind wir noch weit weg", so der Forscher. Bis dahin kommen Lernende wohl nicht um ihr Vokalbelheft herum.

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Item 30
Id 68277197
Date 2024-02-21
Title Gerüstet für die Zukunft: Klimawandel als Unterrichtsfach
Short title Gerüstet für die Zukunft: Klimawandel als Unterrichtsfach
Teaser Seit 2019 ist der Klimawandel Pflichtlehrstoff an italienischen Schulen. Doch was ist mit anderen Kindern weltweit? Was lernen sie in der Schule über die globale Erwärmung und die Umwelt?
Short teaser Bereiten die Schulen die Kinder ausreichend darauf vor, sich ein einer Welt im Wandel zurechtzufinden?
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Monica Capo sieht es gerne, wenn ihre Schüler sich die Hände schmutzig machen. Im Garten ihrer Grundschule in der süditalienischen Stadt Neapel pflanzt sie mit den Kindern Blumen an und erntet Gemüse. Der Klimawandel ist ein komplexes Thema, von dem man sich leicht überwältigt fühlen kann. Darum versucht sie, ihn greifbar zu machen.

"Ich möchte, dass sie die Natur lieben, dass sie mitten in ihr stecken", sagt Capo, die der Überzeugung ist, dass über diese Verbindung ein Verständnis dafür wachsen kann, was auf dem Spiel steht.

2019 kündigte Italien an, als erstes Land den Klimawandel als verpflichtendes Thema auf den Lehrplan zu setzen. In den Schulen müssen Kinder im Alter zwischen sechs und 19 Jahren nun jedes Jahr 33 Stunden Unterricht zum Thema Klimawandel erhalten. In diesen Stunden vermittelt Capo den Kindern, wie man einen Baum pflanzt und pflegt, recycelt, Wasser spart, den Energieverbrauch senkt oder warum wir Fast Fashion vermeiden sollten.

Dabei versucht sie, die Dringlichkeit des Themas zu vermitteln, ohne Ängste zu schüren. "Ich tue mein Bestes, sie nicht zu verängstigen", sagt Capo über ihre Schüler, die zwischen 6 und 11 Jahre alt sind. "Doch je früher sie lernen, desto besser."

Eine ungewisse Zukunft für die Kinder von heute

Capo weiß genau, dass die steigenden Temperaturen Auswirkungen auf die Zukunft ihrer Schüler haben werden. Im Laufe ihres Lebens werden Kinder dieser Altersgruppe Vorhersagen zufolge einen Temperaturanstieg von 1,5 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit erleben. Dieser wird begleitet sein von einem fast vierfachen Anstieg extremer Wetterereignisse wie Dürren, Waldbrände und Überschwemmungen. Etwa eine Milliarde Kinder sind bereits jetzt extrem von klimabedingter Wasserknappheit, Krankheit und Vertreibung bedroht. Ihre Entwicklungs- und Überlebenschancen sind so stark gefährdet, dass die UN den Klimawandel als eine Krise der Kinderrechte bezeichnet.

Doch nicht alle Schulen statten ihre Schüler mit den nötigen Werkzeugen aus, die die jungen Menschen brauchen, um eine im Wandel begriffene Welt zu begreifen und sich in ihr zurechtzufinden.

Klimabildung hat für viele Länder keine Priorität

Obwohl Bildung im Klimaabkommen von Paris als wichtiges Instrument bei der Bekämpfung der Klimakrise erwähnt wird, nennen weniger als ein Drittel der Länder, die das Abkommen unterzeichnet haben, Schulbildung in ihren nationalen Klimaschutzprogrammen.

Das macht sich auch in den Klassenzimmern bemerkbar. Nur in der Hälfte der nationalen Lehrpläne, die 2021 von der UNESCO ausgewertet wurden, wird der Klimawandel erwähnt. Und das auch häufig nur am Rande. Etwa 70 Prozent der von der UN-Organisation befragten jungen Menschen gaben an, nicht über genügend Wissen zu verfügen, um den Klimawandel zu verstehen oder zu erklären. Eine zwischen 2020 und 2021 in Großbritannien durchgeführte Umfrage stellte fest, dass mehr als ein Drittel der Schüler eigenen Angaben zufolge in der Schule nichts oder nur wenig über die Umwelt gelernt hatte.

Doch ob durch Rekordtemperaturen oder extreme Wettereignisse, die Klimakrise macht sich immer stärker bemerkbar. Weltweit ist man sich daher zunehmend einig, dass die "Kinder sensibilisiert werden und mit den Werkzeugen ausgestattet werden müssen, die ihnen die Möglichkeit geben, Teil der Lösung zu sein", sagt Stefania Gianni, stellvertretende Generaldirektorin für Bildung bei der UNESCO.

Wer sind die Klassenbesten in Sachen Klimabildung?

Zwar gibt es keine offiziellen Statistiken dazu, wie wirksam die Lehrplanänderung in Italien ist, doch in den Klassenzimmern tut sich etwas und die Lehrkräfte geben positive Rückmeldungen, berichtetdie Vereinigung der italienischen Lehrkräfte und Schulverwalter. Capo erzählt, dass die Lehrbücher aktualisiert wurden und die Schulen und Lehrkräfte mehr Mittel erhalten.

Italien ist nicht das einzige Land, das als möglicher Vorreiter im Bereich Klimabildung die Aufmerksamkeit auf sich zieht. In Neuseeland ist der Klimawandel zwar kein Pflichtthema, aber seit 2020 haben alle weiterführenden Schulen Zugang zu aktualisierten Unterrichtsmaterialien, die von führenden wissenschaftlichen Einrichtungen verfasst wurden. Sie behandeln zum Beispiel Themen wie die "Klima-Angst" und erzählen die Geschichte von Klimaaktivisten.

Mexiko änderte im Jahr 2019 sogar seine Verfassung und nahm das Verständnis und den Schutz der Umwelt als verpflichtendes Thema für das Bildungssystem des Landes auf.

Es braucht eine Umgestaltung des Bildungssystems

Ein allgemeingültiges Modell für die Klimabildung gebe es nicht, sagt Stefania Gianni von der UNESCO. In Berlin oder Rom müsse diese anders aussehen als in einem kleinen Dorf in Nigeria. Schulen müsse es möglich sein, sie nach ihren jeweiligen Bedürfnissen zu gestalten.

Neben der Aktualisierung von Lehrplänen, die häufig viel Zeit in Anspruch nimmt und politisch kontrovers sein kann, gebe es andere Möglichkeiten, Veränderungen zu bewirken, erklärt Gianni. Für eine echte Umgestaltung des Bildungssystems sei ein ganzheitlicherer Ansatz erforderlich. Dazu gehöre die Einbindung der breiteren Bevölkerung in die Klimabildung, der Bau nachhaltiger Schulgebäude und die nachhaltige Bewirtschaftung dieser Gebäude ebenso wie eine bessere Ausbildung der Lehrkräfte.

Mehr Klimabildung auch für Lehrkräfte

Auch der Mangel an Wissen und Qualifizierungen der Lehrer selbst muss angegangen werden. Das ist die Erkenntnis einer 2023 von einem unabhängigen Forschungsinstitut, der Academy of the Social Sciences Australia, durchgeführten Studie zur Klimabildung global.

Capo ist die eine leidenschaftliche Klimaaktivistin und Gründerin der Teachers for Future Italia (einer Nebengruppe der Bewegung Fridays for Future). Doch nicht alle haben - wie sie - das Selbstvertrauen, den Klimawandel in ihrem Unterricht zu behandeln. Nur 40 Prozent der Lehrkräfte, die die UNESCO für eine Untersuchung in 100 Ländern befragte, trauten sich zu, die Tragweite des Klimawandels zu erklären. Eine Umfrage unter Lehrkräften in Europa aus dem Jahr 2020 stellte fest, dass ein Mangel an Fachwissen der wichtigste Grund war, warum der Klimawandel im Unterricht nicht behandelt wurde.

Ein Gegengewicht zur Klima-Angst

Für Capo ist das Klassenzimmer eines der wichtigsten Instrumente zur Bekämpfung der Klimakrise, denn es gibt Lehrkräften wie ihr einen direkten Draht zu den jungen Menschen. So können sie die Fakten darlegen und die Desinformationen entschärfen, die die Schüler online gelesen oder von der klimaskeptischen Regierung Italiens gehört haben.

"Auf TikTok kursieren jede Menge Desinformationen zum Klimawandel. Das macht es unerlässlich, den Schülern beizubringen, wie sie Fake-News von der Wahrheit unterscheiden können", sagt Capo. Die meisten seien interessiert, hätten jedoch auch Angst, erzählt sie. Sie versucht, ihnen zu vermitteln, dass Wissen und Handeln ein Gegengewicht zu dieser Angst sein können.

"Ich möchte, dass alle im Klassenzimmer wissen, dass wir etwas tun können und dass es noch immer Hoffnung gibt", betont sie. "Wir brauchen Hoffnung, um etwas verändern zu können."

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

Item URL https://www.dw.com/de/gerüstet-für-die-zukunft-klimawandel-als-unterrichtsfach/a-68277197?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Der Kontakt mit der Natur soll das Verständnis für den Klimawandel schärfen
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Item 31
Id 42669456
Date 2024-02-21
Title Welttag der Muttersprache: "Guten Morgen" in 19 Sprachen
Short title Welttag der Muttersprache: "Guten Morgen" in 19 Sprachen
Teaser 6000 Sprachen gibt es weltweit, doch die Hälfte von ihnen ist vom Verschwinden bedroht. Die UNESCO feiert deshalb einmal im Jahr den Tag der Muttersprache. Und erinnert an die Bedeutung der Sprachenvielfalt.
Short teaser 6000 Sprachen gibt es weltweit, doch die Hälfte von ihnen ist vom Verschwinden bedroht.
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Seit dem Jahr 2000 feiert die Weltkulturorganisation UNESCO den Internationalen Tag der Muttersprache. Jedes Jahr am 21. Februar erinnern die Vereinten Nationen an die Bedeutung des Kulturgutes Sprache. Alle zwei Wochen gehe eine Sprache verloren, so die UNESCO.

Das Datum ist nicht zufällig gewählt. Es erinnert daran, dass im Jahre 1952 die damalige pakistanische Regierung beschloss, Urdu als alleinige Amtssprache einzuführen. Urdu wurde allerdings nur von einer kleinen Minderheit gesprochen. Deshalb gingen die Menschen am 21. Februar 1952 auf die Straße, um gegen das Vorhaben zu protestieren. Weitaus mehr, nämlich 98 Prozent der Bevölkerung im damaligen Ost-Pakistan, sprachen Bengali. 1971 erklärte das damalige Ost-Pakistan im neu gegründeten Staat Bangladesh Bengali als Landessprache. Bangladesh stellte 1999 den Antrag, den 21. Februar zum Welttag der Muttersprache zu erklären.

Unser Webvideo gibt einen Einblick in die Sprachenvielfalt bei der Deutschen Welle.

so/ka (dw.com, UNESCO)

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Item 32
Id 68310634
Date 2024-02-20
Title Brasilien vor einem Jahrzehnt der Industrialisierung
Short title Brasilien vor einem Jahrzehnt der Industrialisierung
Teaser Autohersteller, Maschinenbauer, Energieprojekte: Brasilien zieht derzeit internationale Investitionen an. Mittelfristig dürfte das Land einen großen Sprung nach vorne machen.
Short teaser Das größte südamerikanische Land wird für Investitionen der Industrie immer attraktiver. Das liegt auch an Europa.
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Die Branche überschlägt sich mit Superlativen: "Der Sektor erwartet den größten Investitionszyklus der Geschichte", sagt Marcio de Lima Leite, Präsident des Verbandes der Automobilfabrikanten Brasiliens (Anfavea) vor wenigen Tagen im Gespräch mit Journalisten. Nach Verbandsangaben plant die Automobilindustrie im größten Land Südamerikas bis 2029 Investitionen in Höhe von rund 100 Milliarden Reais (umgerechnet 20 Milliarden Dollar). Kaum eine Woche vergeht, an dem nicht Konzerne wie Volkswagen oder der neue Big Player auf dem Markt, BYD aus China, neue Ankündigungen platzieren.

"Wenn man sich dieses Wettrennen anschaut, ist China sehr stark im Kommen: In den letzten sechs Jahren hat China den vierten Platz in Lateinamerika bei der Autoproduktion und den Verkäufen in Lateinamerika verlassen", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Felipe Rodrigues von der Universität Fluminense (UFF) im Gespräch mit der DW. Er erwartet, dass China in den nächsten fünf bis sieben Jahren etwa ein Drittel des Marktes beherrschen wird. Und dazu geht der erste chinesische Hersteller nun den Schritt nach Brasilien und baut dort sein erstes eigenes Werk.

Dazu passt die Ankündigung von Präsident Lula da Silva vom Donnerstag, wonach der südkoreanische Autobauer Hyundai Motor umgerechnet eine Milliarde Euro in Brasilien investieren will.

Symbolträchtiger Start in Goias

Die Autobranche ist aber nur eine Sparte eines Jahrzehnts der Industrialisierung, wie es Brasilien gerade erlebt. Für Aufsehen sorgte vor wenigen Tagen auch der Startschuss für den Bau der ersten Anlage der chinesische WeiChai Group, einem der weltweit größten Hersteller von Motoren und Landmaschinen. Gemeinsam mit dem heimischen Unternehmen Stemac, das bislang die Motoren des chinesischen Unternehmens importiert, wird das Projekt vorangetrieben.

Die Erwartungen sind hoch: "Itumbiara wird die Produktionskapazitäten und die technologische Expansion dieses Großunternehmens ganz Lateinamerika zur Verfügung stellen. Das ist etwas, was das Konzept der Stadt verändert", ist Gouverneur Ronaldo Caiado aus dem Bundesstaat Goias überzeugt. Das chinesische Unternehmen soll die Motoren von Anfang bis Ende vor Ort in der 100.000-Einwohner-Stadt Itumbiara herstellen, um den brasilianischen Markt und andere Länder zu bedienen. Zumindest ist das so versprochen und nur so entstehen auch die erhofften Arbeitsplätze vor Ort.

Tor nach Lateinamerika

"Diese neue Fabrik wird ein Tor für WeiChai-Produkte in Lateinamerika sein. Es wird wichtige Segmente wie Bergbau, Landwirtschaft, Boote und andere Maschinen beliefern", steuert der Minister für Industrie und Handel, Joel Sant'Anna Braga Filho, bei. Das lässt sich die Regionalregierung offenbar einiges kosten: "Der Gouverneur hat uns die attraktive Steuerpolitik vorgestellt und wir haben uns entschlossen, unseren Fuß auf brasilianischen Boden zu setzen", wird WeiChai-Vizepräsident Guo Shan Gan in den lokalen Medien zitiert.

Ein Grund, warum Brasilien attraktiver für Industrieinvestitionen wird, ist auch die Rolle, die das Land bei der Produktion von Wasserstoff spielen soll. Erst im letzten Jahr sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen dem brasilianischen Staatspräsidenten Luiz Inacio Lula da Silva Fördermittel in Höhe von zwei Milliarden zu. Das Geld soll Wasserstoffprojekten zugutekommen. In der Regel siedelt sich die Industrie auch dort an, wo die Planer in der Zukunft eine verlässliche und günstige Energieversorgung erwarten. Brasiliens starke Rolle bei erneuerbaren Energien dürfte hier eine Rolle spielen.

"Brasilien ist auch eine Supermacht im Bereich der erneuerbaren Energien. 87 Prozent des von Ihnen erzeugten Stroms kommt aus regenerativen Energiequellen. Auf den Gesamtenergieverbrauch umgelegt sind das 50 Prozent. Das ist wirklich beeindruckend, und wir können viel von ihnen lernen", sagte von der Leyen bei einem Brasilien-Besuch im letzten Jahr.

Staat hinkt dem Tempo hinterher

Die Investitionen in Brasilien sind allerdings fast überwiegend privatwirtschaftlicher Natur. Deutlich zurück bleiben dagegen die Investitionen in die Infrastruktur: Häfen, Flughäfen, Verkehrsrouten. Brasiliens Finanzminister Fernando Haddad legte erstmals nach zwei Jahren wieder ein defizitäres Haushaltsbudget vor. Schuld daran sei die Vorgänger-Regierung unter Jair Bolsonaro, sagte Haddad. Die hatte allerdings zuletzt zwei Jahre in Folge Haushaltsüberschüsse verzeichnet.

Auch die Zahl der neu geschaffenen formellen Arbeitsverträge hält mit dem Tempo der guten Nachrichten aus dem Investitionssektor nicht Schritt. Das abgeschlossene Jahr endete mit 1,5 Millionen neuen formellen Arbeitsplätzen und damit deutlich unter den 2,01 Millionen aus dem 2022 und den 2,78 Millionen (2021). Für das Jahr 2024 erwarten die Experten sogar eine weitere Verlangsamung. Einen spürbaren Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt bringen die Investitionsversprechen vorerst noch nicht.

Mitarbeit: Ramona Samuel

Der Artikel wurde am 20.02. veröffentlicht und am 22.02. um die Ankündigung der Investition von Hyundai aktualisiert.

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Image caption Im Hafen von Santos in der Nähe von Sao Paulo
Image source Nelson Almeida/AFP
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Item 33
Id 68305327
Date 2024-02-20
Title Berlinale im Schatten des Israel-Hamas-Krieges
Short title Berlinale im Schatten des Israel-Hamas-Krieges
Teaser Politik ist für das Internationale Filmfestival Berlin kein Fremdwort. In diesem Jahr sorgt der Nahostkonflikt für hitzige Debatten und auch Proteste.
Short teaser Politik ist für das Filmfestival kein Fremdwort. Kein Wunder also, dass der Nahostkonflikt für hitzige Debatten sorgte.
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Die Berlinale ist als Filmfestival bekannt, das politische Themen aufgreift und für humanitäre Werte eintritt. Debatten und Proteste rund um den Krieg zwischen Israel und der Hamas waren bei der diesjährigen Veranstaltung unweigerlich zu erwarten.

Auf dem Roten Teppich bei der Festivaleröffnung tauchten zunächst einige "Free Gaza"-Schilder auf, aber ansonsten verlief die Eröffnungsgala am 15. Februar ohne Störungen.

Drei Tage später protestierten dann unerwartet etwa 50 pro-palästinensische Unterstützer auf dem European Film Market auf, der eng mit dem Festival verbunden ist. Der Filmmarkt für Fachleute der Filmindustrie steht normalerweise nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit.

Auch Berlinale-Mitarbeitende fordern stärkeres Statement

Kritik kam auch aus den Reihen der Festivalorganisation selbst. In einem offenen Brief, der aktuell von 60 Berlinale-Vertragspartnern - darunter Kuratoren verschiedener Sektionen des Festivals - unterzeichnet wurde, wird das Festival aufgefordert, seine offizielle Stellungnahme zur aktuellen humanitären Krise in Gaza zu verschärfen.

Das Berlinale-Leitungsduo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian betonte bei der Vorstellung des Programms, dass ihr Mitgefühl allen Opfern der Krise im Nahen Osten gelte. "Wir möchten, dass das Leid aller wahrgenommen wird und mit unserem Programm verschiedene Perspektiven auf die Komplexität der Welt eröffnen", hieß es konkret.

Den Unterzeichnern reicht das jedoch nicht aus: "Wir schließen uns einer weltweiten Solidaritätsbewegung an, die einen sofortigen Waffenstillstand und die Freilassung aller Geiseln fordert", heißt es in dem Schreiben. "Da die Welt Zeuge eines unvorstellbaren Verlusts an zivilen Leben in Gaza ist - darunter auch von Journalisten, Künstlern und Filmschaffenden - sowie der Zerstörung eines einzigartigen kulturellen Erbes, brauchen wir eine stärkere institutionelle Haltung."

Boykottaufruf von Strike Germany

Ein weiterer offener Brief kommt von den Teilnehmern der Sektion "Forum Expanded" - ein unabhängig kuratiertes Programm des Festivals. Es gilt als experimentelle Sektion und zielt darauf ab, das Verständnis von Kino zu erweitern.

Die mehr als 100 Unterzeichnenden des Briefes brachten ihre Unterstützung für vier Kolleginnen und Kollegen zum Ausdruck, die ihre Werke im Vorfeld des Festivals aus der Auswahl zurückgezogen hatten. Die vier Filmschaffenden erklärten auf Instagram ihre Solidarität mit der Bewegung "Strike Germany", die zum Boykott von staatlich geförderten Kultureinrichtungen in Deutschland aufruft. Ihnen wird vorgeworfen, das Recht auf freie Meinungsäußerung zu Israels Politik und insbesondere die Solidarität mit Palästina zu unterdrücken.

Ein israelischer Film behandelt den Aufstieg des Faschismus

Die israelischen Filmemacher hingegen, die auf dem Festival vertreten sind, scheuen nicht davor zurück, die Regierung ihres Landes zu kritisieren.

So stellt Regisseur Amos Gitai auf der Berlinale seinen neuen Spielfilm "Shikun" vor. Der Film basiert auf Eugene Ionescos Theaterstück "Rhinoceros" aus dem Jahr 1959 - eine absurde Fabel, die den plötzlichen Aufstieg des Faschismus im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs thematisiert.

Gitai entwickelte das Filmprojekt während der Protestbewegung gegen die umstrittene Justizreform des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu. Die Reform wurde von Kritikern als Angriff auf die Demokratie des Landes betrachtet.

In "Shikun" (was auf Hebräisch "sozialer Wohnungsbau" bedeutet) präsentiert Gitai einen Querschnitt der vielfältigen israelischen Gesellschaft. Er zeigt Szenen mit Israelis und Palästinensern, aber auch mit Ukrainern und anderen Neuankömmlingen im Land. Sie alle leben in einem Wohnkomplex zusammen: Alte und junge Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen und sich mit der aktuellen Lage in Israel auseinandersetzen.

Gitai will seine Zuschauer mit einer unkonventionellen Erzählstruktur herausfordern. In einem Interview während der Berlinale erklärte er, dass er von der einheitlichen Erzählweise in den Filmen von Streaming-Anbietern gelangweilt sei.

Im Film zitiert er einige der größten Denker der Geschichte, von Umberto Eco bis Robert Musil. Außerdem inszeniert er Auszüge aus einem Artikel der israelischen Journalistin Amira Hass mit dem Titel "'I Was Just Following Orders': What Will You Tell Your Children?" (Deutsch: Ich habe nur Befehle ausgeführt: Was wirst du deinen Kindern erzählen?), den sie schon 2018 veröffentlicht hat. Der Artikel sollte Israelis für die Notlage der Menschen im Gazastreifen sensibilisieren.

Hass, Tochter von Holocaust-Überlebenden, gehörte zu den ersten Kritikern der deutschen Haltung gegenüber Israel nach den Anschlägen vom 7. Oktober. Weniger als zehn Tage nach den Anschlägen veröffentlichte sie in der israelischen Zeitung Haaretz einen Meinungsartikel mit dem Titel "Deutschland, du hast deine Verantwortung längst verraten".

Gitais Film schließt mit einem Zitat aus dem Gedicht "Think of Others" des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish (1941-2008).

Gitai: "Netanjahu ist eine Bedrohung für Israel"

Der Film "Shikun" mag sich für einige Zuschauerinnen und Zuschauer, die mit den Gegebenheiten in Israel nicht vertraut sind, kryptisch anfühlen, doch Gitai macht seine Ansichten über die derzeitige israelische Regierung auf der Berlinale sehr deutlich. Er betont, dass die brutalen Terroranschläge der Hamas in keiner Weise zu rechtfertigen seien, stellt aber auch klar, dass sein Heimatland "eine Geisel von Netanjahus rechtsextremer Koalition" sei.

Gegenüber der DW führt Gitai aus, dass Netanjahu ein "Manipulator auf höchstem Niveau" sei, der "Israel zerstören könnte". Weil der israelische Ministerpräsident keine moralischen Skrupel habe, "hat er die schlimmsten Teile der israelischen Gesellschaft um sich geschart: die ultranationalistischen, rassistischen, extremistischen Provokateure, die ultraorthodoxen Reaktionäre, die gegen Frauen und gegen die LGBTQ-Community sind".

Deutschland soll eine "stärkere moralische Haltung einnehmen"

Ein weiterer Film, der den Nahostkonflikt auf der Berlinale thematisiert, ist "No Other Land". Er wurde von einem palästinensisch-israelischen Kollektiv gedreht.

Der Dokumentarfilm schildert die Geschichte von Basel Adra, einem jungen palästinensischen Aktivisten und einem der Co-Regisseure des Films. Seit Jahren kämpft er gegen die Auslöschung seines Dorfes Masafer Yatta im israelischen Westjordanland. Dort werden Häuser abgerissen und Bewohner vertrieben, weil die israelische Armee an diesem Ort einen Truppenübungsplatz bauen will.

Der israelische Journalist Yuval Abraham unterstützt Adra bei seinen Bemühungen, gegen die Ungerechtigkeit der israelischen Besatzung vorzugehen.

Die israelische Unterdrückung führe unweigerlich zu Gewalttaten, so die Aktivisten im Film. Deshalb sei es um so wichtiger, dass der Westen mehr Druck auf die israelische Regierung ausübe, um die Besatzung zu beenden.

"Ich weiß, dass die Deutschen große Schuldgefühle wegen der Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg haben", sagt Abraham im DW-Interview. Viele seiner Verwandten seien während des Holocausts umgekommen. Aber diese Schuld solle jetzt nicht "als Waffe" eingesetzt werden, um sich dagegen zu weigern, einem Waffenstillstand zu fordern. Vielmehr solle Deutschland diese Schuldgefühle nutzen, um "dabei zu helfen, eine politische Lösung zu erreichen! Sie nutzen, um Druck auf den Staat Israel auszuüben und die Besatzung zu beenden", sagt der israelische Dokumentarfilmer. "Das wäre für mich die angemessene moralische Haltung der Regierung."

Adaption aus dem Englischen: Kevin Tschierse

Item URL https://www.dw.com/de/berlinale-im-schatten-des-israel-hamas-krieges/a-68305327?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Der Dokumentarfilm "No Other Land" wurde von einem palästinensisch-israelischen Kollektiv gedreht
Image source Berlinale
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Item 34
Id 68299150
Date 2024-02-20
Title Klimakrise: Japan verkauft Staatsanleihen für grünen Wandel
Short title Klimakrise: Japan verkauft Staatsanleihen für grünen Wandel
Teaser Angesichts der Klimakrise setzt Japan auf seine größte Stärke: die Technologie. Es ist das erste Land der Welt, das Staatsanleihen anbietet, um privates Geld in den grünen Wandel zu lenken.
Short teaser Japan ist das erste Land der Welt, das staatliche Anleihen zur Reduzierung von Emissionen anbietet
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Japan verkauft Klimaanleihen - in der vergangenen Woche versteigerte die Regierung Zehn-Jahres-Anleihen im Wert von 800 Milliarden Yen, umgerechnet knapp fünf Milliarden Euro. Und das ist erst der Anfang. Die nächste Tranche ist für Ende dieses Monats geplant. Die Behörden hoffen, Staatsanleihen im Gesamtwert von 125 Milliarden Euro verkaufen zu können, um den grünen Wandel des Landes zu finanzieren, der in Japan als Green Transformation (GX) bezeichnet wird.

Das asiatische Land ist das erste und bislang einzige Land der Welt, das Staatsanleihen anbietet, um damit Reformen zur Bekämpfung des Klimawandels zu finanzieren. Diese von der Regierung ausgegebenen Wertpapiere werden an private Investoren verkauft. Die Anleger haben Anspruch auf periodische Zinszahlungen und den vollen Nennwert der Anleihe.

Auf diese Weise kann die Regierung privates Geld in ihre Klimaziele stecken, ohne ihren regulären Haushalt zu sprengen. Ein Teil der Mittel soll in Projekte wie kostengünstige Windkraftanlagen, Kohlenstoff-Recycling-Technologien und Flugzeuge fließen, die alternative Treibstoffe verwenden. Ein Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der Entwicklung modernster Batterien und Mikrochips, die die Emissionen langfristig reduzieren sollen.

Im Vorfeld des ersten Verkaufs betonte der Vorsitzende der Japan Securities Dealers Association, Toshio Morita, dass es Japan an natürlichen Ressourcen mangele und daher anfällig für drastische Energieengpässe sei, auf der anderen Seite aber "technologische Stärken aufweist".

"Die 'Grüne Transformation' zielt darauf ab, Gesellschaft und Industrie von ihrer früheren, von fossilen Brennstoffen geprägten Basis auf eine neue mit sauberer Energie zu verschieben. Sie ist eine Kerninitiative, die die Industrie- und Energiepolitik verändern und die Wettbewerbsfähigkeit sowohl von Unternehmen als auch des Staates stärken soll", sagt Morita.

Zu hohe Erwartungen?

Die Anleihen sind dabei ein Schlüsselelement in den Plänen von Premierminister Fumio Kishida, um damit die Transformation der japanischen Industrie und Gesellschaft zu finanzieren. Bis zum Ende des Jahrzehnts hofft Japan, seine Treibhausgasemissionen auf weniger als die Hälfte des Wertes von 2013 zu senken. Bis 2050 will das Land die Emissionen auf Null reduzieren. Schätzungsweise 940 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Investitionen sind in den nächsten zehn Jahren erforderlich, wenn Japan seine Ziele erreichen will. Die Resonanz des Finanzsektors auf die Klimaanleihen war gemischt.

So sprach sich die japanische Versicherungsgesellschaft Dai-Ichi Life Insurance Co nachdrücklich für die Anleihen aus und bestätigte, dass sie investiere, um "den Übergang der japanischen Gesellschaft hin zu einer Wachstumswirtschaft ohne Kohlenstoffemission zu fördern".

Andere Unternehmen zeigen sich zurückhaltender. Ein Sprecher vom Vermögensmanager Nikko Asset Management Co sagte der DW, dass sich das Unternehmen nicht zu neuen Anleihen äußern werde, da es sich "noch um ein neues Instrument handelt und unsere verschiedenen Experten es noch analysieren, bevor sie Fragen abschließend beantworten können".

Insgesamt lagen die Verkäufe der Wertpapiere in der letzten Woche leicht unter den Erwartungen, obwohl die Klimaanleihen immer noch besser abschnitten als die Standardstaatsanleihen der japanischen Regierung. "Die Erwartungen vor der Auktion waren zu hoch", meinte Keisuke Tsuruta, Anleihen-Stratege bei Mitsubishi UFJ Morgan Stanley Securities, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters.

Kritiker wollen mehr Klarheit über Standards

Japan hat Mühe, seine Zusagen für die Reduzierung fossiler Brennstoffe zu erfüllen, da die Wirtschaft schwächelt und die Bevölkerung schrumpft. Der Kernkraftsektor wurde durch die Atomkatastrophe in Fukushima 2011 lahmgelegt und hat sich bis heute nicht erholt, so dass das Land gezwungen ist, über 90 Prozent seines Energiebedarfs zu importieren.

Martin Schulz, Chefökonom des japanischen Mischkonzerns Fujitsu, sagte der DW, dass der Haushalt der Regierung bereits "überstrapaziert" sei. "Diese Anleihen sind schon seit einiger Zeit geplant und sollen die Entwicklung erneuerbarer Energien und den Ausbau der Infrastruktur finanzieren, diese Finanzierung aber aus der Bilanz der Regierung heraushalten", sagte er.

Das Programm selbst sei nicht neu, da die Klimaanleihen viele Gemeinsamkeiten mit den bisher von der Regierung verwendeten Infrastrukturbauanleihen hätten, so Schulz. Viele würden sich auch fragen, ob die gelisteten grünen Projekte tatsächlich international anerkannten Standards entsprechen.

"Es ist eine knifflige Angelegenheit, genau zu bestimmen, wofür diese Mittel verwendet werden und ob sie tatsächlich alle 'grün' oder 'erneuerbar' sind", sagte er. "Im Moment sieht das ein bisschen flauschig aus." Kritiker befürchten, dass hier "Greenwashing" betrieben werden könnte. Einige der als förderungswürdig genehmigten Übergangsaktivitäten, so zum Beispiel Hybridfahrzeuge und die Entwicklung von Wasserstoff, könnten eher auf eine Unterstützung der Industrie ausgerichtet sein.

Japans "Meilenstein" als Beispiel für andere

Die Climate Bonds Initiative (CBI), eine in London ansässige Non-Profit-Organisation, die zu Politik und Klimaengagement berät, lobt hingegen die Initiative und bezeichnet sie in einer Erklärung als "globales Beispiel für Best Practice".

Die Organisation hob Japans Verpflichtung hervor, über 55 Prozent der Erlöse für Forschungs- und Entwicklungsinitiativen zur Begrenzung des Temperaturanstiegs bereitzustellen. Dazu gehören erneuerbare Energien, aber auch Technologien, bei denen Wasserstoff zur Herstellung von Stahl verwendet wird, wodurch Kohlenstoffemissionen aus dem Prozess nahezu eliminiert werden.

"Unternehmen, Städte und Länder müssen Übergangspläne im Einklang mit den globalen Emissionsreduktionszielen erstellen", sagte CBI-Chef Sean Kidney. "Diese Anleihen zeigen deutlich, wie Regierungen und andere Mittel aufbringen können, um in diesen Übergang zu investieren. Dies ist ein bedeutender Meilenstein in der Übergangsfinanzierung."

Der nächste Verkauf von weiteren Staatsanleihen in Wert von fünf Milliarden Euro mit einer Laufzeit von fünf Jahren soll am 27. Februar stattfinden. Im Laufe des nächsten Geschäftsjahres, das am 1. April beginnt, sollen weitere Übergangsanleihen im Wert von acht Milliarden verkauft werden.

Redaktion: Darko Janjevic

Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand

Item URL https://www.dw.com/de/klimakrise-japan-verkauft-staatsanleihen-für-grünen-wandel/a-68299150?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Japan hat ehrgeizige Klimaziele, die Wirtschaft steht aber unter Druck
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Item 35
Id 68261538
Date 2024-02-19
Title Warum und seit wann singen Menschen?
Short title Warum und seit wann singen Menschen?
Teaser Vögel und Wale verschaffen sich mit ihren Gesängen einen Überlebensvorteil. Evolutionsforscher Darwin glaubte, der menschliche Gesang gehe auf Paarungsrufe der Vögel zurück. Aber es gibt überzeugendere Theorien.
Short teaser Gesang ist für Vögel und Wale überlebenswichtig. Darwin deutete Gesang als Paarungsruf. Aber es gibt bessere Theorien.
Full text

Für Vögel und Wale ist Gesang überlebenswichtig - ob bei der Partnersuche, zur Kommunikation mit Artgenossen oder um Entfernungen einzuschätzen. Für den Menschen aber ist Gesang vordergründig nicht zentral fürs Überleben. Trotzdem ist er ein zentraler Bestandteil fast aller Kulte und Kulturen. Aber wann und warum fingen Menschen einst an zu singen?

Suche nach dem Ursprung des Gesangs

Unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, sind keine Sänger. Zwar können bestimmte Schopfgibbons sogar im Duett singen, aber der Stimmapparat von Gorillas, Schimpansen und Bonobos erlaubt ihnen lediglich, spitze Schreie oder kehlige Laute zu äußern.

Evolutionsforscher Charles Darwin glaubte, dass der menschliche Gesang auf die Paarungsrufe der Vögel zurückgehe, da bei Vögeln die guten Sänger bei der Partnerwahl deutlich erfolgreicher als die weniger begabten Artgenossen sind.

Diese Beobachtung übertrug Darwin auf den Menschen und glaubte, dass urzeitliche Männer - noch bevor sie richtig sprechen konnten - für Frauen gesungen hätten, "um das andere Geschlecht zu bezaubern" und sich so einen Fortpflanzungsvorteil zu sichern.

Allerdings lässt sich der menschliche Gesang schwerlich mit dem Vogelgezwitscher vergleichen. Zumal die ältesten bekannten Gesänge von Ur- und Naturvölkern keine Liebeslieder oder Paarungsgesänge sind, sondern rituelle, kriegerische oder religiöse Gesänge, so der deutsche Musikforscher Carl Stumpf Ende des 19. Jahrhunderts.

Gegen Darwins Balz-Theorie spricht auch, dass es gerade beim rituellen oder beim gemeinsamen Singen nicht darum geht, andere Mitsingende auszustechen, sondern gemeinsam ein melodisches Klangerlebnis zu erschaffen.

Singen stärkt die Gemeinschaft

Bereits in der Antike glaubte der griechische Philosoph Platon um etwa 400 vor unserer Zeitrechnung, dass Menschen aus einem Bedürfnis nach sozialer Harmonie heraus singen.

Diese Ansicht teilt auch der Musikpsychologe David Huron von der Ohio State University, der das Standardwerk "Sweet Anticipation" verfasst hat. Demnach singt der Mensch, weil er auf soziale Beziehungen angewiesen ist und sich einer Gruppe zugehörig fühlen will.

Dass – vor allem gemeinsames - Singen den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärkt, etwa bei der gemeinsamen Arbeit, im Chor oder am Lagerfeuer, ist vielfach belegt, etwa durch eine Studie, die 2016 in der Zeitschrift "Psychology of Music" erschien. Wenn Singen die Gemeinschaft stärkt, dann sichert die gestärkte Gemeinschaft auch das Überleben des Einzelnen.

Gemeinsamer Gesang kann Ängste vertreiben und Feinde einschüchtern. Er schmiedet die einzelnen Individuen zu einer Gruppe zusammen und kann Menschenmassen auf eine Religion oder eine Ideologie einschwören. Wenn die singende Gruppe dann auch noch die gleiche, also uniforme Kleidung trägt und sich auf gleiche Weise bewegt, wird dieser Zusammenhalt noch einmal verstärkt.

Singen schüttet Glückshormone aus

Viele Menschen singen, weil es ihnen Spaß macht und gut tut. Das ist nicht nur ein subjektives Gefühl, sondern lässt sich auch wissenschaftlich erklären.

Beim Singen werden körpereigene Glückshormone wie Endorphine, Serotonin, Dopamin und Adrenalin ausgeschüttet. Gleichzeitig werden Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin abgebaut. Vorausgesetzt, man singt gerne, verbessert Singen so nachweislich die Stimmung und den allgemeinen Gefühlszustand. Außerdem wird die Zirbeldrüse im Gehirn stimuliert, die das Hormon Melatonin produziert und den Schlaf-Wach-Zyklus reguliert. Singen fördert außerdem die Ausbildung antioxidativer Enzyme und hat so einen tumorhemmenden Effekt.

Wenn man in der Gemeinschaft singt, dann ist der positive Effekt noch größer. Nach mehr als einer halben Stunde Gesang schüttet das Gehirn zusätzlich das Bindungshormon Oxytocin aus. Dieses Hormon wird auch bei stark emotionalen Momenten wie beim weiblichen Orgasmus, bei der Geburt eines Kindes oder beim Stillen verstärkt produziert. Oxytocin sorgt auch dafür, dass beim Singen eine innige Beziehung zu Mitsingenden aufgebaut wird.

In den 1990er-Jahren untersuchten schwedische Forschende mehr als 12.000 Personen aus allen Altersgruppen und fanden heraus, dass Mitglieder von Chören und Gesangsgruppen eine deutliche höhere Lebenserwartung haben als Menschen, die nicht singen. Die Ergebnisse der Studie "The Choir Singing and Health Project" wurden in mehreren wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht, darunter auch "The British Medical Journal" (BMJ).

Singen kann helfen zu heilen

Viele Kulturen vertrauen auf die heilende Kraft der Stimme, um Kranke zu heilen. Denn Gesang und Musik wirken sich nicht nur auf den Hormonhaushalt aus, sondern verändern auch den Herzschlag und den Blutdruck, beeinflussen die Atemfrequenz und wirken entspannend.

Auch in der modernen Therapie wird Gesang und Musik eingesetzt, etwa bei Depressionen, Ängsten oder Traumata. Bei Ess- und Persönlichkeitsstörungen sowie bei psychosomatischen Erkrankungen oder bei Demenz kann therapeutisches Singen ebenfalls helfen.

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Image caption Gemeinsamer Gesang unterstützt vor allem mit einer uniformen Kleidung das Gruppengefühl
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Item 36
Id 68293153
Date 2024-02-19
Title Warum fühlt sich der Kampf für Klimaschutz hoffnungslos an?
Short title Warum fühlt sich der Kampf für Klimaschutz hoffnungslos an?
Teaser Eine überwältigende Mehrheit der Menschen unterstützt Klimaschutzmaßnahmen. Trotz Gegenwind. Um Fortschritte zu erzielen, müssten die Menschen aber erkennen, dass sie nicht allein seien, sagen Analysten.
Short teaser Eine Mehrheit unterstützt den Klimaschutz. Doch die Menschen müssen wissen, dass sie nicht allein seien, so Analysten.
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Landwirte, die gegen die Klimapolitik der EU protestieren. Politiker, die den menschengemachten Klimawandel anzweifeln und weiter auf fossile Brennstoffe setzen. Verschwörungstheoretiker, die klimafreundliche Konzepte wie die 15-Minuten-Städte als Tyrannei bezeichnen: überall scheint es Gegenwind gegen Umweltreformen zu geben.

Und doch zeigen die Ergebnisse einer Anfang Februar veröffentlichten Studie, dass auf der ganzen Welt eine überwältigende Mehrheit der Befragten Umweltschutzmaßnahmen befürworten. Demnach unterstützen 86 Prozent der Weltbevölkerung diesen Kurs. 89 Prozent fordern sogar noch mehr politische Maßnahmen.

Für die Studie sprachen Forschende mit fast 130.000 Menschen entweder telefonisch oder persönlich. Die repräsentative Umfrage wurde in den Jahren 2021 und 2022 in 125 Ländern durchgeführt. Verantwortlich sind die Universität Bonn, das deutsche Leibniz-Institut für Finanzforschung SAFE und die Universität Kopenhagen.

Für Theo Schnarr von der Klimaaktivistengruppe Letzte Generation in Deutschland waren die Ergebnisse keine völlige Überraschung. Zu den Protestformen der Gruppe gehören auch umstrittene Straßenblockaden. Schnarr erinnert sich, dass er dabei oft Tee und Essen von Passanten bekam. Diese Unterstützung spiegelte sich jedoch selten in der Medienberichterstattung wider.

"Die Stimme der Mehrheit muss lauter werden", sagte Madalina Vlasceanu. Die Professorin für Psychologie an der Universität New York sagt zur DW, die Berichterstattung oder der öffentliche Diskurs konzentriere sich allzu oft auf das Negative. "Man hört die Mehrheit nicht. Was man hört, sind die wirklich lauten Extreme."

Unterschätzte Mehrheit

Die Tendenz, sich auf das Negative zu konzentrieren, hat die öffentliche Wahrnehmung der Klimaschutzbemühungen verzerrt. Dabei würden viele etwas gegen die globale Erwärmung tun. 69 Prozent der Befragten wären bereit, mindestens ein Prozent ihres monatlichen Einkommens für Klimaschutzmaßnahmen einzusetzen.

Doch obwohl so viele bereit sind so zu handeln, unterschätzten die Befragten um 26 Prozentpunkte, wie viele ihrer Mitbürger das Gleiche tun würden.

Das kann Konsequenzen haben. "Menschen, die die öffentliche Unterstützung für Klimamaßnahmen systematisch unterschätzen, sind oft auch weniger bereit, selbst etwas zu tun", sagte Armin Falk, ein Bonner Wirtschaftsprofessor, der an der Studie beteiligt war.

Patrick Kennedy-Williams, Mitbegründer der in Großbritannien ansässigen Organisation "Klima-Psychologen" begegnet solchen Stimmungen in seiner Arbeit häufig. "Es gibt diese offensichtliche Diskrepanz zwischen unseren individuellen Gedanken, Gefühlen und Motivationen und dem, was wir von den Menschen um uns herum wahrnehmen. Das führt zu einem geringeren Gefühl der kollektiven Wirksamkeit", sagt der klinische Psychologe der DW.

Eine Studie der US-amerikanischen gemeinnützigen Organisation ecoAmerica aus dem Jahr 2023 ergab, dass 42 Prozent der Amerikaner "sehr besorgt" über den Klimawandel sind. Sie glaubten aber, dass nur 14 Prozent der Menschen um sie herum dies ebenso empfinden. Dieselbe Umfrage zeigte, dass vier von zehn Amerikanern nicht wissen, was in ihrem Umfeld oder in ihrem Ort gegen den Klimawandel getan wird.

Klimaangst kann lähmend sein

Diese Diskrepanz schürt Klimaangst: ein überwältigendes Gefühl von Schuld oder Panik angesichts der globalen Erwärmung und ihrer Auswirkungen. "Das ist eine isolierende Erfahrung", sagte Kennedy-Williams.

Verstärkt würden diese Gefühle durch durch eine Flut von belastenden schlechten Nachrichten, untätige Regierungen oder unehrliche Praktiken wie Greenwashing, bei denen sich Unternehmen ohne Grundlage ein umweltfreundlicheres Image geben. "Und das kann zyklisch werden: Je größer unsere Klimaangst ist, desto schlechter nehmen wir die Menschen um uns herum wahr."

Klimaschutz politisch aufgeladen

Hinzu kommt: "Das Thema Klima ist in vielen Teilen der Welt politisiert worden", sagt Li Shuo, der das China Climate Hub am Asia Society Policy Institute in Washington leitet. Drängende Probleme - wie die Umstellung auf umweltfreundliche Energien, zerstörerische Auswirkungen extremer Wetterverhältnisse - würden dadurch wie parteistrategische Fragen behandelt.

Das verzögere dringend gebrauchte Veränderungen, sagt Li, der zuvor viele Jahre bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace tätig war. "Und ich glaube, diese Dynamik wird durch soziale Medien begünstigt und verschärft", fügte er hinzu.

Psychologie-Professorin Vlasceanu hebt in ihrer Studie hervor: Die Leugnung des Klimawandels ist in den sozialen Medien immer noch weit verbreitet. Selbst wenn immer mehr Menschen beginnen, die Realität des Klimawandels zu akzeptieren.

"Falschinformationen sind bei diesem Thema von entscheidender Bedeutung und das Hauptwerkzeug, um Maßnahmen zu verzögern", sagt sie und fügt hinzu: "Solange man die Öffentlichkeit nur genug verwirrt und ein wenig Zweifel aufkommen lässt, haben die Menschen eine Entschuldigung, sich dem Problem nicht zu stellen."

Was kann man tun?

Um den Pessimismus überwinden zu können, schlägt Li vor, Wege zu finden, das abstrakte Thema Klimawandel auf den Alltag herunterzubrechen. Also den Menschen zu zeigen, wie ihre Zukunft zum Beispiel mit saubererer Luft und einer kohlenstoffarmen Wirtschaft besser sein könnte. "So kann eine düstere, manchmal hoffnungslose Herausforderung zukunftsorientiert betrachtet werden", sagt er.

Psychologe Kennedy-Williams stimmt dem zu. Er warnt aber davor, sich zu sehr auf die Vorteile neuerer Technologien wie Wärmepumpen zu verlassen. Diese teuren Lösungen könnten die Menschen wegen der hohen Kosten abschrecken.

"Sie sehen sich selbst nicht in diesen Debatten und daher auch nicht als Teil der Lösung", sagte er. Als positives Beispiel erzählt Kennedy-Williams von Kampagnen im Osten Londons. Diese bringen Menschen den Klimawandel näher, indem sie zeigen, wie sich die Luftverschmutzung auf ihre Familien auswirkt.

Solche Aktionen zeigten den Menschen, dass sie mit ihren Sorgen nicht allein sind. "Die Situation ist nicht hoffnungslos", sagt Klima-Aktivist Theo Schnarr. "Die Menschen sind bereit für einen Wandel, man muss ihn nur einleiten."

Aus dem Englischen adaptiert von Uta Steinwehr

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Image caption Wer an Demonstrationen für Klimaschutz teilnimmt, sieht ganz unmittelbar: Auch anderen ist das Thema wichtig
Image source Annette Riedl/dpa/picture alliance
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Item 37
Id 68262822
Date 2024-02-19
Title Berlinale 2024: Warum der Ehrenbär-Gewinner polarisiert
Short title Berlinale 2024: Warum der Ehrenbär-Gewinner polarisiert
Teaser Der Filmemacher Martin Scorsese wurde auf der diesjährigen Berlinale mit dem Ehrenbären für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Er hat Meisterwerke geschaffen, aber auch für viel Aufregung gesorgt.
Short teaser Martin Scorsese wurde mit dem Ehrenbären ausgezeichnet. In der Vergangenheit hat er schon für einigen Aufruhr gesorgt.
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Martin Scorsese ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Regisseure und Produzenten Hollywoods. Seine Sammlung an Preisen und Auszeichnungen kann sich wahrlich sehen lassen. Am 20. Februar 2024 kam eine weitere Ehrung hinzu: Der 81-Jährige erhielt den Goldenen Ehrenbären der Berlinale für sein Lebenswerk.

Seit 1967 hat er bei 26 Spielfilmen und vielen weiteren Dokumentarfilmen Regie geführt. Sein neuestes Werk, "Killers of the Flower Moon", handelt von der systematischen Ermordung amerikanischer Ureinwohner des Osage-Stamms in den 1920er-Jahren. Die Täter: weiße Siedler, die das ölreiche Land erobern wollten. Der Film basiert auf historischen Tatsachen und ist für zehn Oscars nominiert, darunter eine für Lily Gladstone, die damit als erste amerikanische Ureinwohnerin für einen Academy Award in der Kategorie Beste Schauspielerin nominiert wurde.

Während der Film von vielen Seiten gelobt wurde, gehen die Meinungen innerhalb der indigenen Gemeinschaft auseinander: "Das Hauptproblem ist, dass wir diese Art von Geschichten hauptsächlich aus der Perspektive der weißen Kolonisatoren erzählen", sagte etwa Jeremy Charles, ein Cherokee-Filmemacher, der New York Times.

Es ist nicht das erste Mal, dass Scorsese für einen seiner Filme kritisiert wird. Lange bevor in der Filmbranche Forderungen nach mehr Diversität und Geschlechtergerechtigkeit laut wurden, polarisierten seine Werke.

Hier sind fünf Kontroversen, die zum Vermächtnis des Regisseurs Martin Scorsese gehören.

1. Der Vorwurf der Gewaltverherrlichung

Schon früh in seiner Karriere entwickelte der Regisseur seine typischen Themen wie Machogehabe und Machtausübung. Die Gewalt in "Taxi Driver" (1976) und die Besetzung einer Kinderprostituierten mit der damals zwölfjährigen Jodie Foster machten das mit der Goldenen Palme ausgezeichnete Meisterwerk zu einem umstrittenen Film.

Angeblich war "Taxi Driver" einer der Auslöser für die wahnhafte Besessenheit eines Mannes namens John Hinckley Jr., der 1981 versuchte, Präsident Ronald Reagan zu ermorden, weil er, wie er sagte, "Jodie Foster beeindrucken wollte".

Manche Kritiker Scorseses meinen, der Regisseur müsse das Verhalten seiner Protagonisten in seinen Filmen direkter verurteilen. Doch Scorsese findet solche moralischen Haltungen "mehr als langweilig", wie er kürzlich in einem Interview mit Timothee Chalamet für die Zeitschrift GQ sagte. Er bezog sich dabei auf die Reaktionen auf "The Wolf of Wall Street" (2013). Auch dieser Film stand im Verdacht, "psychopathisches Verhalten zu verherrlichen".

2. Scorsese und die katholische Kirche - eine komplizierte Beziehung

Bevor er seine Leidenschaft für das Kino entdeckte, wollte Scorsese Priester werden. Er ist bis heute ein bekennender Katholik.

Viele seiner Filme drehen sich um Glaubensfragen. Doch mit dem Film "Die letzte Versuchung Christi" (1988) verärgerte er konservative Katholiken.

Der Film enthält eine halluzinatorische Sequenz, in der Jesus (gespielt von Willem Dafoe) Sex mit Maria Magdalena hat. Die Vorführungen wurden von Protesten begleitet. Der Film wurde in verschiedenen Ländern verboten, darunter auch in Argentinien, dem Geburtsland von Papst Franziskus.

Inzwischen scheint das Verhältnis zwischen dem Vatikan und dem provokanten Regisseur wieder aufgetaut zu sein. Nach einer Vorführung seines Films "Silence" (2016) über die Verfolgung von Jesuitenchristen im Japan des 17. Jahrhunderts hatte Scorsese sein erstes Treffen mit dem Papst. Anfang dieses Jahres kündigte der Regisseur an, dass er einen weiteren Film über Christus drehen wolle. Dieser soll auf dem Roman "Das Leben Jesu" basieren.

3. Streit mit Marvel-Fans

In einem Interview mit dem Empire-Magazin aus dem Jahr 2019 erklärte Scorsese, die Marvel-Superheldenfilme seien für ihn kein Kino. Er verglich sie mit "Themenparks" und argumentierte, dass ihnen die emotionale und psychologische Tiefe fehle, die er mit echtem Kino verbinde.

Regisseure und Stars des Marvel Cinematic Universe wurden aufgefordert, auf seine Äußerungen zu reagieren. Das Thema hat sich zu einem Streit zwischen ihm und den Fans der Superhelden-Blockbuster entwickelt. Ausgang offen.

4. Scorseses teure Partnerschaft mit Netflix

Obwohl er einst die Meinung vertrat, dass Streaming-Dienste das Kino "entwerteten", tat er sich dann doch für "The Irishman" (2019), seinen Film mit Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci in den Hauptrollen, eng mit Streaming-Anbieter Netflix zusammen.

Der Filmemacher erklärte, niemand sonst in Hollywood sei bereit gewesen, für die Produktion zu zahlen, in der eine bahnbrechende - und teure - "De-Aging"-Technologie zum Einsatz kam. Das Budget belief sich auf 250 Millionen Dollar. Dem Hollywood Reporter zufolge überdenkt Netflix derzeit sein Vorgehen. Die "Ära der teuren Eitelkeiten", die Scorsese die Produktion dieses Films ermöglichte, sei "wahrscheinlich vorbei".

5. Die fehlenden Frauenfiguren

Diese Debatte hat Scorsese während seiner gesamten Karriere begleitet, wurde aber nach der Veröffentlichung von "The Irishman" neu entfacht: In dem dreieinhalbstündigen Film sagen Frauenfiguren nur ein paar wenige Sätze.

Ein Blick in seine Filmografie zeigt jedoch, dass der Filmemacher auch Werke mit starken weiblichen Hauptfiguren inszeniert und nuanciertere Darstellungen von Frauen gedreht hat, darunter "Alice Doesn't Live Here Anymore" (1974) und "The Age of Innocence" (1993) oder seine aktuelle Netflix-Serie über die New Yorker Ikone Fran Lebowitz.

Scorsese beschreibt seine Arbeit als eine Erkundung der Menschheit, die wenig mit der Geschlechtertrennung zu tun habe, wie er kürzlich in einem Interview mit der britischen Tageszeitung The Guardian sagte: "Ich versuche herauszufinden, wer wir als menschliches Wesen sind, als Organismus, woraus unsere Herzen gemacht sind."

Aus dem Englischen adaptiert von Rayna Breuer.

Item URL https://www.dw.com/de/berlinale-2024-warum-der-ehrenbär-gewinner-polarisiert/a-68262822?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Der legendäre Regisseur Martin Scorsese hat schon so manche Kontroverse ausgelöst
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Item 38
Id 68254472
Date 2024-02-17
Title Europäer arbeiten immer weniger - muss das sein?
Short title Europäer arbeiten immer weniger - muss das sein?
Teaser In Europa stehen so viele Menschen in Lohn und Brot wie nie zuvor - und gleichzeitig fehlen Fachkräfte. Experten mahnen einen Kurswechsel an. Sollen bald mehr Arbeiter weniger arbeiten - oder umgekehrt?
Short teaser Experten fordern einen Kurswechsel: Sollen bald mehr Arbeiter weniger arbeiten - oder umgekehrt?
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Wie bekommt man die Europäer dazu, mehr zu arbeiten? Diese Frage treibt einige der reicheren Volkswirtschaften in Europa um. Regierungen und Wirtschaftsvertreter in Deutschland, den Niederlanden und Österreich versuchen gerade, Überstunden attraktiver zu machen - etwa durch bessere Kinderbetreuung, Steuererleichterungen oder flexiblere Arbeitszeitgestaltung.

Dabei stehen ihnen die Absicht vieler Beschäftigter entgegen, tendenziell weniger arbeiten zu wollen. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit sinkt, während die Zahl der Teilzeitstellen zunimmt und Gewerkschaften das Ende der 38,5-Stunden-Woche erkämpfen wollen.

Der 47-jährige Gymnasiallehrer Martin Stolze meint dazu, man solle "arbeiten, um zu leben und nicht leben, um zu arbeiten". Das hält er für das Motto der Zeit. Er wolle gerade genug arbeiten, dass er davon leben könne und sich sonst Dingen widmen, die wirklich wichtig seien. Er habe nicht immer so gedacht.

Rekordbeschäftigung in Europa

Generell ist Erwerbsarbeit in Europa derzeit ebenso nachgefragt wie verfügbar. Die Beschäftigungsquote innerhalb der EU liegt bei fast 75 Prozent, während die "reicheren" Länder Deutschland, Österreich und Niederlande sogar Rekordzahlen in diesem Bereich melden. Der Anteil weiblicher Beschäftigter hat dabei deutlich zugenommen.

Ein Hauptgrund für die aktuelle Arbeitsmarktlage ist, so viele Wirtschaftswissenschaftler, der Anstieg der Teilzeitjobs. Derzeit arbeiten in den drei reicheren europäischen Ländern rund ein Drittel der Beschäftigten nicht "voll". In den Niederlanden arbeitet fast die Hälfte der Angestellten 35 Stunden oder noch weniger in der Woche. Zum Vergleich: In den USA trifft das nicht einmal auf jeden Zehnten zu. Und diese Entwicklung geht vor allem auf die Frauen zurück - sie müssen viel häufiger als Männer ihre Arbeitszeit mit Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen unter einen Hut bringen.

Eine hohe Beschäftigungsrate heißt demnach nicht, dass automatisch auch mehr gearbeitet wird. Obwohl in Deutschland von 2005 bis 2022 sieben Millionen Menschen mehr arbeiten, hat das Land nur einen vergleichsweise geringen Zuwachs an Arbeitsstunden verzeichnet. Im Durchschnitt hat ein Deutscher 2022 weniger als 1350 Stunden gearbeitet - das ist weniger als in jedem anderen Land innerhalb der Industriestaaten-Organisation OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung).

Dieser Gesellschaft gehe es ziemlich gut, fasste das im vergangenen Jahr Clemens Fuest, Chef des Ifo-Institutes in München zusammen: "Weniger Menschen müssen arbeiten, und es gibt mehr Freizeit." Aber er warnte auch vor der Kehrseite - einem zunehmenden Mangel an Arbeitskräften in den kommenden Jahre.

Problematische Teilzeit

Teilzeitjobs sind in Branchen wie Erziehung und Kinderbetreuung, die personell dünn ausgestattet sind und in denen viele Stellen unbesetzt sind, bereits ein Problem. Wenn mehr Angestellte weniger als die volle Arbeitszeit erbringen, sei es, sagen die Verantwortlichen, schwer, genug Betreuungszeiten zu besetzen. Personalmangel, sagen viele Experten, werde zukünftig noch zunehmen, wenn die "Baby-Boomer-Generation" in den Ruhestand geht.

Maartje Lak-Korsten, Direktorin der Grundschule De Kleine Nicolaas in Amsterdam, berichtet, dass immer mehr Bewerber an nur vier Tagen in Woche arbeiten wollen. "Ich beginne ein Vorstellungsgespräch immer mit der Frage, warum sie vier Tage arbeiten wollen", sagt sie. "'Was brauchen Sie, um Vollzeit arbeiten zu können?' Ich zähle Ihnen die Vorteile auf - was die Bezahlung angeht und ihre Zukunftsaussichten, damit sie sich klar sind über die Folgen ihrer Entscheidung."

Für Arbeitgeber und Politiker ist es eine Herausforderung, dass viele Arbeitnehmer in den reicheren Staaten es sich leisten können, nicht Vollzeit zu arbeiten. In den Niederlanden, so der Ökonom Bastiaan Starink von der Universität in Tilburg, sei ein "1,5 Einkommen" vielfach zur Regel geworden. Das heißt, ein Partner in einem Haushalt mit zwei arbeitenden Mitgliedern arbeitet Vollzeit, der andere in Teilzeit. "Es ist wohl ein Luxus, das wir in den Niederlanden es uns leisten können, nicht voll zu arbeiten", sagt Starink.

Das betrifft nicht nur gemeinsame Haushalte: Die Architektin Thais Zucchetti aus Amsterdam arbeitete im vergangenen Jahr 28 Stunden die Woche, als sie ihr Studium abschloss. Bald werde sie wieder 32 Stunden arbeiten, weil ihr Arbeitgeber das so möchte. Der Grund dafür, sagt sie, sei nicht notwendig finanziell. "Ich denke, dass ich Moment mit 28 Stunden genug verdiene, um gut leben zu können", sagt Zuchetti. "Die Idee dahinter ist, dass ich, wenn ich weiter 28 Stunden arbeiten würde, ich aus meinen Hobby als Illustratorin vielleicht einen Nebenverdienst machen könnte.

Die Suche nach mehr Stunden

Arbeitgeber und Regierungen versuchen gerade herauszufinden, wie mehr Arbeitsstunden aus jenen Angestellten, die sie bereits beschäftigen, herauszuholen sind. Das deutsche Bundesland Baden-Württemberg hat damit begonnen, von allen Erziehern, die weniger als 75 Prozent arbeiten wollen, eine Begründung dafür zu verlangen - und das gilt auch für jene, die bereits eine reduzierte Arbeitszeit haben. Laut Erziehungsministerium betrifft diese Initiative, die Teil eines größeren Maßnahmepaketes ist, 4000 der 115.000 im Lande beschäftigten Lehrer.

Einer von ihnen ist Martin Stolze, Gymnasiallehrer für Englisch, der auf einer halben Stelle arbeitet. Die Teilzeit erlaube ihm, mehr Zeit für seine Eltern zu haben und sie mache die Schulwoche erträglicher. "Ich sehe großes Potential darin, mehr Arbeitsstunden herauszukitzeln. Aber ich glaube, dass meine Kollegen sehr, sehr gute Gründe haben, die nicht unter das Regelwerk fallen."

Andere Regierungen wählen freundlichere Ansätze, wenn sie auch oft schwierig sind. In den Niederlanden hat man sich darauf geeinigt, das Erziehungsgeld zu erhöhen. Das sollte bereits im nächsten Jahr geschehen, wurde wegen der angespannten Haushaltslage aber um zwei Jahre verschoben. Die konservativ-grüne Regierung in Österreich hat sich vom Plan verabschiedet, die Einkommenssteuer zu senken. Auch in Deutschland wird eine Reform der Besteuerung verschoben: Das sogenannte Ehegatten-Splitting, das Haushalte mit 1,5 Einkommen bevorteilt, soll doch nicht geändert werden. Dafür wird jetzt debattiert, dass Unternehmen - neben anderen Maßnahmen - auch "Homeoffice"-Angebote ausweiten sollen.

Das Potential in einem neuen Arbeitsmarkt

Eine niederländische Organisation wählt einen anderen Ansatz: Arbeitgebern zu helfen, ihr existierendes Personal länger arbeiten zu lassen. Die Non-Profit-Organisation "Het Potentieel Pakken", was ungefähr heißt: "Das Potential besser ausschöpfen", arbeitet mit ihren Klienten daran, wie man die Angestellten am besten anspricht und wie Arbeitspläne in kleineren Teams erstellt werden.

Zu großem Teil durch das Gesundheitsministerium finanziert arbeitet Het Potentieel Pakken vor allem mit Pflegediensten und Schulbehörden zusammen. Angestellte, die meisten von ihnen sind Frauen, seien typischerweise schon bereit, mehr zu arbeiten, sagt die Gründerin des Unternehmens, Wieteke Graven. Sie seien nur noch nicht gefragt worden.

"Es ist buchstäblich so", erzählt Graven, "dass wir Leute treffen, die vielleicht 50 Jahre alt sind und du fragst: 'Warum arbeitest Du 18 Stunden in der Woche?'" und sie antworten: "'Nun, ich habe vor 20 Jahren mit 18 Stunden angefangen und habe das einfach seitdem nicht geändert.'"

Für Graven ist das ein Zeichen, wie selbstverständlich Teilzeitarbeit inzwischen geworden ist. Daher sei es um so wichtiger, das Thema öffentlich zu diskutieren. "Ich denke, da gibt es immer dieses Spannungsfeld zwischen persönlichen Wünschen und den Anforderungen der Gesellschaft. Ich finde, das ist eine ganz fundamentale Debatte, die wir jetzt führen müssen."

Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt.

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Image caption Wann ist denn Feierabend? Eine Vollzeitjob mit 40-Stunden-Woche ist für viele in Europa nicht mehr reizvoll.
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Item 39
Id 68268302
Date 2024-02-17
Title Computer oder Bücher - womit lernen Kinder besser?
Short title Computer oder Bücher - womit lernen Kinder besser?
Teaser Experten streiten darüber, ob Kinder besser digital oder mit gedruckten Materialien lernen. Dabei ist für die Bildung entscheidender, ob Kinder arm oder reich aufwachsen.
Short teaser Experten streiten darüber, ob Kinder besser digital oder mit gedruckten Materialien lernen.
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Der antike griechische Philosoph Sokrates sagte, dass das Aufschreiben von Dingen die Menschen vergesslich machen würde. Heute, Tausende von Jahren später, sind wir in der glücklichen Lage, über Sokrates' Gedanken zu diskutieren - eben weil sie aufgeschrieben wurden.

Experten sagen oft, dass das geschriebene Wort - etwa in Büchern - am besten ist, und dass Computer sich negativ auf das Lernen auswirken, und zwar fast aus denselben Gründen, aus denen Sokrates gegen das Aufschreiben war: Vergesslichkeit, denn wer alles nachschauen (oder googlen) kann, muss sich nichts mehr merken.

Weil immer mehr Klassenzimmer von gedruckten auf digitale Lehrmittel umsteigen, untersuchen Forschende die Auswirkungen auf das Lernen der Kinder. Das Gebiet ist neu und die Erkenntnisse sind nicht einheitlich - es gibt keinen wissenschaftlichen Konsens darüber, ob Kinder besser mit Büchern oder digitalen Medien lernen.

In einer Studie an Grundschulen in Honduras wurde beispielsweise festgestellt, dass der Ersatz von Schulbüchern durch Laptops letztlich keinen Unterschied in der Lernleistung der Schüler und Schülerinnen ausmachte - weder positiv noch negativ. Es scheint also, dass beide Formen des Lernens - gedruckt und digital - je nach Person und Situation effektiv sein können oder eben nicht.

Frühes Lernen hilft der Gehirnentwicklung

Mit Hilfe der Neurowissenschaft können Pädagogen entscheiden, welche Hilfsmittel in den verschiedenen Entwicklungsstadien eines Kindes eingesetzt werden sollten. Neurowissenschaftler haben gezeigt, dass Lernen und Gedächtnisbildung zu neuen Verbindungen im Gehirn führen. Das Gehirn ist plastisch, also formbar - es wächst und löscht Verbindungen zwischen Neuronen, während wir Erinnerungen bilden, lernen und vergessen. Das gilt für alle Altersgruppen, aber besonders bei Kindern.

Die Plastizität des Gehirns hängt in hohem Maße von unseren Erfahrungen und unserer Umgebung ab. Studien haben herausgefunden, dass wir umso mehr lernen, je reichhaltiger unser Lernumfeld in der Kindheit ist. Es beeinflusst auch die Art und Weise, wie unser Gehirn neue Dinge für den Rest unseres Lebens lernt.

Das beste Beispiel dafür ist das Sprachenlernen. Kinder lernen im Vergleich zu Erwachsenen sehr viel leichter eine zweite Sprache, weil ihr Gehirn plastischer ist. Darüber hinaus können Erwachsene, die in ihrer Kindheit zwei Sprachen gelernt haben, viel schneller eine dritte Sprache lernen als Erwachsene, die in ihrer Kindheit nur eine Sprache gelernt haben - ihr Gehirn ist auf das Erlernen von Sprachen trainiert worden.

Am anderen Ende des Spektrums verändert der Entzug von Sinneseindrücken in der Kindheit das Gehirn dauerhaft zum Schlechten. Kinder, denen verschiedene Erfahrungen vorenthalten werden - zum Beispiel weniger Berührungen und Interaktionen mit Erwachsenen, weniger Anblicke und Geräusche und wenig Zugang zum Lernen - können kleinere Gehirne entwickeln. Diese Veränderungen lassen sich später im Leben oft nicht mehr rückgängig machen.

Vorteile vielfältiger Lernerfahrungen

Was bedeutet das für die Bildung? Kinder müssen mit so vielen verschiedenen Arten von Lernmitteln wie möglich in Berührung kommen, sowohl mit digitalen als auch mit "altmodisch" gedruckten. Auch mit der Hand schreiben (auf Papier!) hilft beim Lernen. Studien zeigen, dass das Gehirn beim Schreiben aktiv an der Aufzeichnung beteiligt, beim Tippen jedoch weniger aktiv ist.

Aber auch die Nutzung digitaler Lernplattformen kann eine reichhaltigere Erfahrung bedeuten: Eine Fülle von Animationsfilmen, belohnungsbasierte Lern-Apps, virtuelle Klassenzimmer und KI-Tools wie ChatGPT können Schüler auf interaktive Weise zum Lernen motivieren.

Die Forschung hat gezeigt, dass digitale Technologien die Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten, die manuelle Geschicklichkeit und das visuell-räumliche Arbeitsgedächtnis verbessern, wenn sie in einem Lernkontext eingesetzt werden. Die positiven Ergebnisse beeinflussen alle Bereiche des Lernens eines Kindes, einschließlich Sprache, Lese- und Schreibfähigkeit, Mathematik, Naturwissenschaften, Allgemeinwissen, kreatives Denken - die Liste ist endlos.

PCs: Auswirkungen auf körperliche und geistige Gesundheit

Die digitalen Technologien sind allerdings nicht ausschließlich unbedenklich. Einige Studien zeigen, dass sich Computer negativ auf die Aufmerksamkeit auswirken können. Untersuchungen stellten außerdem fest, dass Kinder Computer passiv nutzen, anstatt sie als aktives Lernwerkzeug zu verwenden, das das Gehirn anregt. Ob diese negativen Auswirkungen kurzfristig oder dauerhaft sind, ist noch nicht klar.

Einige Studien deuten auch darauf hin, dass eine übermäßige Computernutzung die körperliche und geistige Gesundheit beeinträchtigt. Das könnte aber eher mit dem langen Sitzen zu tun haben als mit den Computern selbst. Deshalb ist es für die Entwicklung von Kindern und auch für ihre schulischen Leistungen wichtig, draußen zu spielen und aktiv zu sein.

Das eigentliche Problem bei der Bildung ist Armut

Bei der Bildung eines Kindes spielen viele Faktoren eine Rolle. Das häusliche Umfeld ist ebenso wichtig wie die Materialien und Technologien, die sie zum Lernen verwenden. Eines der größten Probleme im Bildungsbereich ist die Armut und der damit einhergehende schlechte Zugang zu Büchern und Computern.

Dieses Problem wurde vor allem während der COVID-19-Pandemie deutlich, weil Kinder aus benachteiligten Verhältnissen in Zeiten, in denen die Schulen geschlossen waren, zu Hause die nötigen Lernmitteln und Unterstützung fehlten. Dies zeigte beispielsweise eine im Vereinigten Königreich durchgeführte Untersuchung, die ergab, dass ein Drittel der Schüler in benachteiligten Regionen während der Pandemie keinen angemessenen Zugang zu häuslichen Lernmitteln hatte.

Studien zufolge führte das zu einer Verschlechterung der schulischen Leistungen dieser Kinder. Dieses Ergebnis ist vor allem auf die ungleichen Bildungschancen zurückzuführen. Ein Trend, der weltweit zu beobachten ist.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert.

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Image caption Ein vielfältiges Lernumfeld ist für Kinder extrem wichtig
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Item 40
Id 67980875
Date 2024-02-17
Title Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan: Viele Kinder schwer krank
Short title Ärzte ohne Grenzen: Viele afghanische Kinder schwer krank
Teaser Die Gesundheitslage in Afghanistan ist seit der Machtübernahme der Taliban verheerender denn je: weniger Geld, weniger medizinisches Personal. Die Leidtragenden sind vor allem die Kinder.
Short teaser Die Gesundheitslage in Afghanistan ist seit der Machtergreifung der Taliban schlimmer denn je. Leidtragende sind Kinder.
Full text

Sobald die Sonne aufging, verließ Nicolas Aschoff das Quartier von "Ärzte ohne Grenzen" und machte sich auf den Weg ins Regionalkrankenhaus in Mazar-i-Sharif im Norden Afghanistans. Bis Sonnenuntergang arbeitete der Kinderarzt mit mehr als 20 lokalen Assistenz- und Fachärzten auf der Kinderintensivstation und in der pädiatrischen Notaufnahme des Krankenhauses. Viele der jungen Patienten und Patientinnen waren schwer krank, die Stationen ständig überfüllt.

"Die Situation war schon vor der Machtübernahme der Taliban schlecht und die Kindersterblichkeit sehr hoch", sagt Aschoff nach seiner Rückkehr aus Afghanistan. Doch seit die Taliban an der Regierung sind, habe sich die Lage nochmal deutlich verschlechtert. "Das liegt vor allem daran, dass die internationale Gemeinschaft weniger Geld zur Verfügung stellt."

Seit August 2023 versucht die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" mit Hilfe des Projektes in Mazar-i-Sharif die desolate Gesundheitssituation von Kindern und Neugeborenen zu verbessern. Es fehlt an Geld und Fachpersonal. Vor allem aber fehlt es den Menschen an ausreichend Nahrungsmitteln.

Unterernährte Kinder sterben am häufigsten

"Viele Schwangere sind schon mangelernährt", sagt Aschoff. Die Bedingungen für deren Kinder seien schwer. "Es sind die Frühgeburten und die magelernährten Kinder, die wir am häufigsten verlieren", sagt der Kinderarzt. Für die geschwächten kleinen Körper sei jede Infektion potentiell tödlich. Masern, Tuberkulose oder auch das RS-Virus sind lebensgefährlich.

Die Mediziner behandeln nicht nur viele Krankheiten, deren Hauptursache Armut und Hunger sind. Auch Durchfallerkrankungen durch verunreinigtes Trinkwasser sind an der Tagesordnung. "Vergiftungen durch toxische Substanzen aus den Restbeständen der Streitkräfte wie Farbe, Treibstoff und andere ätzende Stoffe sehen wir ebenfalls sehr häufig", sagt Aschoff.

Kinderkrankenhaus ständig überbelegt

Rund 3000 Kinder kommen jeden Monat in die neu eingerichtete pädiatrische Notaufnahme des Krankenhauses. Die Station für schwerkranke Neugeborene bietet Platz für 27 Babys - allerdings ist sie ständig überbelegt: oft müssen in den Bettchen und Brutkästen über 60 Kinder, die intensivmedizinisch betreut werden, gleichzeitig untergebracht werden. "Gerade für Infektionskrankheiten ist das ziemlich ungünstig", sagt Aschoff. Auch die Qualität der Behandlung leide, wenn die Stationen permanent überfüllt sind.

Mit Hilfe eines sogenannten Triagesystems schätzen Ärzte die Schwere der Erkrankung ein und entscheiden, welche Kinder auf der Intensivstation für Säuglinge behandelt werden müssen und welcheauf der normalen Kinderstation behandelt werden können. "Das ist eine gängige Praxis in jeder Notaufnahme und nicht zu verwechseln mit der Not-Triage, über die während der Corona-Pandemie viel die Rede war", erklärt Aschoff. Alle Kinder würden medizinisch versorgt.

Um eine Priorisierung vornehmen zu können, werden den Kinder verschiedene Farben zugewiesen, die Auskunft über ihren Gesundheitszustand geben. "Grün triagierte Kinder sind nicht ernsthaft krankt, deshalb verweisen wir sie an einen lokalen Kinderarzt", erklärt Aschoff. "Gelbe Kinder" bleiben im Krankenhaus und werden von `Ärzte ohne Grenzen´ behandelt. Um die schwersten Fälle, die rot triagierten Kinder, hat sich Nicolas Aschoff selbst gekümmert oder seine lokalen Kollegen und Kolleginnen in der Akutbehandlung angeleitet.

Wenn Aschoffs Schicht im Krankenhaus zu Ende war, kümmerte er sich im Quartier der Hilfsorganisation um die Ausbildung lokaler Ärzte und Ärztinnen. "Ziel von `Ärzte ohne Grenzen´ ist, sich überflüssig zu machen", sagt der Mediziner. Damit das funktionieren kann, arbeitet die Organisation mit dem Gesundheitsministerium zusammen. Auch das ist mittlerweile von den Taliban geführt.

Zusammenarbeit mit Taliban schwierig, aber notwendig

Wenn "Ärzte ohne Grenzen" das Krankenhaus und das Land wieder verlässt, wollen sie sichergestellt wissen, dass die aufgebauten Strukturen weiterbestehen, damit kranke Kinder behandelt werden können. Das funktioniere nur mit Rückendeckung durch die Taliban-Regierung.

Erschwert wird diese Zusammenarbeit unter anderem dadurch, dass die Taliban den Frauen ein Berufsverbot erteilt haben. Die Leitlinien von "Ärzte ohne Grenzen" sehen allerdings vor, keinerlei Geschlechterunterschiede zu machen. Frauen gehörten zu Aschoffs Ärzteteam dazu und nehmen genau wie ihre männlichen Kollegen an den Fortbildungen teil.

Zwar seien Frauen, die im medizinischen Bereich arbeiten, teilweise vom Berufsverbot ausgenommen, sagt Aschoff. "Dennoch war das Thema Gegenstand andauernder Diskussionen."

Nicolas Aschoff glaubt dennoch, dass die Arbeit in der Klinik auch dann fortgesetzt werden kann, wenn "Ärzte ohne Grenzen" das Projekt für beendet erklärt und sich zurückzieht. "Die afghanischen Kollegen sind unglaublich motiviert und haben eine gute Ausbildung", sagt Aschoff.

Allerdings sei es ebenso wichtig, dass dem afghanischen Gesundheitswesen genügend Geld zur Verfügung steht, um kranke Kinder behandeln zu können, so Aschoff. "Die internationale Gemeinschaft sollte Afghanistan nicht die Hilfe entziehen", findet der Kinderarzt.

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Image caption Frühgeborene und unterernährte Kinder erkranken schnell schwer und sterben häufig
Image source Oriane Zerah
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Item 41
Id 68247379
Date 2024-02-16
Title Spanien: Wenn Tourismus zur Plage wird
Short title Spanien: Wenn Tourismus zur Plage wird
Teaser Spanien wollte unabhängiger werden vom Tourismus, das Gegenteil ist passiert. 2023 war ein Rekordjahr für die heimische Urlaubswirtschaft. Die Probleme sind unübersehbar.
Short teaser Spanien wollte unabhängiger werden vom Tourismus, das Gegenteil ist passiert. Die Probleme sind unübersehbar.
Full text

Oscar Villasante wohnt seit 26 Jahren mitten in Madrid, im bunten Künstlerviertel Lavapies. Bisher lebten hier Migranten und Kreative friedlich zusammen. Das könnte sich jedoch bald ändern.

Der 62-jährige Kameramann ist eigentlich begeistert von Spaniens Premierminister, dem Sozialisten Pedro Sánchez. Aber die Politik bei den Themen Tourismus und Mieten hält er für schlecht: "Es wird viel angekündigt, aber am Ende kaufen immer mehr Investmentfonds hier in Lavapies Gebäude auf", sagt Villasante. "Der gesamte Stadtkern wird für Investoren und Luxusurlauber hochpoliert. Das ist keine bürgerfreundliche Politik."

Im Madrider Regionalparlament regieren die Konservativen, aber was in der Hauptstadt passiert, wiederholt sich fast überall in Spanien, ohne dass die nationale Regierung aktiv gegensteuert. Die Renovierung der Städte erfolgt über Private-Equity-Investoren und reiche Individuen, die nach dem Kauf von Wohngebäuden fast das Doppelte an Miete verlangen.

Ein Beispiel sieht Oscar Villasante in seiner direkten Nachbarschaft, in der Calle Tribulete 7 in Lavapies. Seit Monaten bereitet das Unternehmen Elix Rental Housing, das zum spanisch-deutschen Vermögensverwalter AltamarCAM in Madrid gehört, den Kauf der Immobilie vor, um daraus Ferienwohnungen zu machen. Bisher wohnen dort Langzeitmieter mit meist alten Verträgen zu sehr günstigen Konditionen.

Die Mietervereinigung "Sindicato de Inquilinas e Inquilinos de Madrid" will verhindern, dass diese Mieter nun ihre Wohnungen verlieren und hat zu protesten aufgerufen, an denen sich auch Oscar Villasante beteiligt.

Spaniens Beliebtheit wird zum Problem

Das Geschäft mit dem Tourismus ist für Investoren lohnend. Nach Schätzungen der Regionalregierung kamen im Jahr 2023 rund 14 Millionen Besucher in die spanische Hauptstadt - fast ein Drittel mehr als im Vorjahr. Sie gaben 15 Milliarden Euro aus.

Madrid hat vieles, was Besucher anzieht. Viele Erasmus-Studenten verbringen hier ein Semester, zahlreiche Gourmet-Restaurants locken zahlungskräftige Kunden an. Bald bekommt die Stadt auch noch eine Formel-1-Rennstrecke.

Viele Madrilenen schlagen die Hände über den Kopf zusammen, dass die Regionalregierung nicht anfängt, den Massenandrang zu begrenzen. Sie lieben den Gang über ihren Wochenmarkt, das Frühstück in der traditionellen Bar. Oscar Villasante fürchtet, dass sich bald nur noch Touristen die Stadt leisten können.

Nach Angaben des spanischen Statistikamts INE kamen in 2023 rund 85 Millionen ausländische Besucher nach Spanien. Das sind fast 19 Prozent mehr als im Vorjahr und sogar 1,9 Prozent mehr als 2019, also vor der Corona-Pandemie.

Der Anstieg hat dazu beigetragen, dass die spanische Wirtschaft im vergangenen Jahr um 2,5 Prozent zulegen konnte und damit alle internationalen Erwartungen übertraf.

Aber Villasante warnt: "Katalonien und Andalusien sind schon seit Wochen im Notzustand wegen der anhaltenden Dürre. Die Landwirte protestieren, weil sie ihre Felder nicht mehr richtig bewässern können, aber beim Tourismus wird nichts limitiert."

In den vergangenen Jahren hat sich in Barcelona, Mallorca und Ibiza eine zunehmende Unzufriedenheit der Einheimischen mit den negativen Auswirkungen des Massentourismus gezeigt. Auch auf den Kanaren, die noch viel abhängiger von den Urlaubern sind, haben die Proteste im Jahr 2023 zugenommen.

Der spanische Wirtschaftsverband CEOE spricht bereits von einer neuen Tourismus-Feindlichkeit im Land. Die Lobbyisten warnen jedoch, dass die Branche ein Garant für Spaniens Wohlstand sei. Nach Regierungsangaben sind hier fast drei Millionen Menschen beschäftigt.

Tourismus bleibt Wirtschaftstreiber

Im vergangenen Jahr wurden laut dem spanischen Tourismus-Verband Exceltur in der Branche 186 Milliarden Euro umgesetzt, das sind 12,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im laufenden Jahr erwartet der Verband eine weitere Steigerung auf 13,4 Prozent.

Dabei platzt Spanien touristisch schon jetzt aus allen Nähten. Nicht nur die Metropolen Madrid und Barcelona sowie die Kanaren und Balearen sind überlaufen. Auch Städte wie Malaga und Sevilla werden von Touristen überrant.

Eigentlich war es das erklärte Ziel der Regierung Sánchez, die Abhängigkeit des Landes vom Tourismus zu reduzieren. Das war die Lehre aus der Zeit der Corona-Pandemie, die in den touristischen Zentren katastrophale wirtschaftliche Auswirkungen hatte.

Zu Herzen genommen hatte sich dieses Ziel etwa Francina Armengol, bis zum vergangenen Sommer sozialistische Regierungschefin der Balearen.

"Sie setzte Maßnahmen durch, um den spekulativen Investoren auf der Insel einen Riegel vorzuschieben und beschränkte den Kreuzfahrttourismus in Palma. Es war eine Nachhaltigkeitsstrategie", sagt der dort ansässige deutsche Immobilienunternehmer Matthias Meindel.

Ähnliche Prioritäten hatte Ada Colau, bis 2023 regierende Bürgermeisterin von Barcelona. In ihrer achtjährigen Amtszeit sagte sie u.a. AirBnB und anderen Vermittlern von Ferienwohnungen den Kampf an. Der Anziehungskraft von Barcelona auf Touristen und digitale Nomaden tat das aber keinen Abbruch. Rund 26 Millionen Besucher kamen 2023 in die Gaudí-Metropole.

Madrid will Verhältnisse wie in Barcelona vermeiden

Mit dem Tourismus hat in Barcelona auch die Kriminalität zugenommen, etwa in Form organisierter Diebesbanden. Die Mietervereinigung "Sindicato de Inquilinas e Inquilinos de Madrid" befürchtet, dass das bald auch in der spanischen Hauptstadt so der Fall sein könnte. In einer städtischen Umfrage gaben 27 Prozent der Bürger dort an, dass fehlende Sicherheit für sie im Jahr 2023 das größte Problem war.

Lily Rose, eine Französin, die im Rahmen des europäischen Erasmus-Programms derzeit in Madrid studiert, fühlt sich dagegen nicht unsicher. "Im Vergleich zu Paris ist das hier ein Paradies." Ein größeres Problem war es für sie aber, in Madrid ein bezahlbares Zimmer zu finden: "Da gibt es schon enorme Wartelisten." Eine Studentin aus Island berichtet, dass sie 850 Euro für einen Raum in einer Wohnung bezahlen muss.

Während sich die Vermieter solcher Wohnungen die Hände reiben, fühlen sich die Mieter des Hauses Calle Tribulete 7 in Lavapies dagegen in ihrer Existenz bedroht. Ein großes Transparent am Haus wirft Elix Rental Housing Spekulation vor - auch die internationalen Touristen, die an diesem Tag über den Wochenmarkt im Viertel schlendern, sollen mitbekommen, was hier passiert.

Oscar Villasante sagt, in Vierteln wie Lavapalies hätten Touristen zwar nicht nur negative Effekte, weil durch mehr Polizei und Konsum dort auch Betteln und Dealen zurückgehen. "Aber es geht um das richtige Maß." Die nationale Regierung und die lokalen Bürgervertreter müssten vielerorts die Reißleine ziehen, wenn Spanien seinen guten Ruf als sicheres und freundliches Urlaubsland nicht verlieren wolle.

Item URL https://www.dw.com/de/spanien-wenn-tourismus-zur-plage-wird/a-68247379?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption "Geld kann man nicht essen" - Demonstration in Madrid gegen Spekulation und für Klimagerechtigkeit
Image source Stefanie Müller/DW
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Item 42
Id 68141118
Date 2024-02-16
Title Masern: Eine tödliche Krankheit, die verhindert werden kann
Short title Masern: Eine tödliche Krankheit, die verhindert werden kann
Teaser Masern sind noch immer eine der ansteckendsten und potenziell tödlichsten Krankheiten überhaupt. Der beste Schutz ist und bleibt die Impfung, sagt die EU-Gesundheitsbehörde ECDC.
Short teaser Masern sind noch immer eine der ansteckendsten und potenziell tödlichsten Krankheiten, aber: Masern sind vermeidbar.
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Die Zahl der durch Masern verursachten Todesfälle ist im Jahr 2023 um 40 Prozent gestiegen, warnen die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die US-amerikanischen Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention (CDC) in einem gemeinsamen Bericht, der im November 2023 veröffentlicht wurde. Auch hier hat die COVID-19-Pandemie ihre Spuren hinterlassen.

Als "erschütternd, aber leider nicht unerwartet angesichts der sinkenden Impfraten, die wir in den letzten Jahren erlebt haben," bezeichnet John Vertefeuille, der Direktor des Bereiches für globale Impfkampagnen der CDC, den Anstieg.

Die Ausbreitung des Virus im Jahr 2023 führte zu Epidemien in 37 Ländern. Neun Millionen Kinder erkrankten und 136.00 Menschen starben, vor allem in ärmeren Ländern, so die WHO und CDC. Sie rufen die weltweiten Gesundheitssysteme dazu auf, ihre Impfanstrengungen zu verstärken, auch in reicheren Regionen wie den USA und Europa.

Denn auch in Europa stiegen die Masernfälle im Jahr 2023 auf mehr als 42.000. Dies entspricht einem Anstieg um das 45-fache gegenüber dem Vorjahr.

Impfmüdigkeit durch COVID-19-Pandemie

Dabei war die Zahl der Masernfälle seit den 1980er Jahren weltweit rückläufig. Nach Angaben der WHO ist dies vor allem auf die Impfprogramme zurückzuführen, die allein in den letzten 20 Jahren potentiell mehr als 50 Millionen Menschenleben gerettet haben.

Während es in den 1980er Jahren weltweit noch bis zu vier Millionen Masernfälle pro Jahr gab, waren die Infektionsraten Anfang der 2020er Jahre auf einige Hunderttausend gesunken.

In Deutschland liegt die Inzidenz bei Masern seit 2020 unter der von der WHO geforderten Inzidenz von 1 Fall pro 1 Million Einwohner. Dies dürfte auch auf die Masern-Impfpflicht zurückzuführen sein, die seit März 2020 in Deutschland gilt. Gleichwohl steigen auch hierzulande die Zahlen derzeit leicht an.

Der jüngste Anstieg zeigt: Die Masern sind noch nicht verschwunden oder gar ausgerottet. Und das liegt laut WHO vor allem daran, dass sich die Menschen - insbesondere Kinder - nicht impfen lassen: "Wo Kinder nicht geimpft sind, kommt es zu Ausbrüchen".

Die Masern-Impfrate sei "suboptimal", gab auch das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) am 16. Februar 2024 bekannt. Laut ECDC wird die Anzahl der Masernfälle in der Europäischen Union und im europäischen Wirtschaftsraum in den kommenden Monaten weiter steigen, weil nicht genug geimpft worden sei.

Die Gesundheitsbehörde sagt, es bestehe eine "hohe Wahrscheinlichkeit, dass Masern aus Gebieten, wo sie häufig vorkommen, importiert werden". Die kommenden Monate seien die Hochzeit für das Masernvirus.

"Niemand sollte an Masern sterben", sagt ECDC Direktorin Andrea Ammon. "Impfungen sind eine sichere und effektive Methode, vermeidbare Tode zu verhindern."

Masern bleiben gefährlich

Die Krankheit ist hoch ansteckend und potenziell tödlich, aber es gibt keine spezifische Behandlung für Masern. Eine Vorbeugung durch eine Impfung gilt daher als beste Möglichkeit, die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. Allerdings hat die COVID-19-Pandemie diesen Bemühungen einen Strich durch die Rechnung gemacht, sodass die Fallzahlen sprunghaft angestiegen sind.

Laut CDC wurden in den ersten beiden Jahren der Pandemie etwa 61 Millionen Masernimpfungen verschoben oder versäumt. Dies deckt sich mit anderen Daten der WHO, wonach im Jahr 2021 schätzungsweise 128.000 Menschen an Masern starben, die meisten davon waren ungeimpfte oder unzureichend geimpfte Kinder unter fünf Jahren.

Was sind die Symptome von Masern und wer ist am meisten gefährdet?

Die Symptome ähneln denen einer Erkältung: hohes Fieber, Husten, laufende Nase. Außerdem zeichnen sich Masern durch einen Ausschlag am ganzen Körper aus.

Die Krankheit kann zu Lungenentzündung, Durchfall, Taubheit, Blindheit, Hirnschäden und in den schlimmsten Fällen zum Tod führen.

Masern werde oft in Kombination mit Röteln und Mumps beschrieben, weil die Symptome, die sie verursachen, ähnlich sind.

Wo kann man sich mit Masern anstecken?

Masern werden durch Viren ausgelöst. Wie bei vielen anderen Virusinfektionen erfolgt die Übertragung häufig über Husten und Niesen - als sogenannte Tröpfcheninfektion.

Aber auch in schlecht belüfteten Räumen kann sich das Virus verbreiten, da es in der Luft und auf Oberflächen bis zu zwei Stunden lang aktiv und ansteckend bleiben kann.

Nach Angaben der WHO kann das Masernvirus von einer infizierten Person auf neun von zehn weiteren - ungeimpften - Personen übertragen werden, mit denen die infizierte Person engen Kontakt hat.

Grundsätzlich kann sich jeder mit Masern anstecken, Kinder sind jedoch besonders gefährdet.

Nach Angaben der WHO sind auch Flüchtlinge einem besonders hohen Masernrisiko ausgesetzt. So hat das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) seine Besorgnis über die Ausbreitung von Masern und anderen vermeidbaren Krankheiten wie Polio im Gazastreifen zum Ausdruck gebracht.

Fast 19.000 Kinder, die zu den "1,9 Millionen Binnenvertriebenen" (Flüchtlingen) gehören, haben seit Oktober 2023 wegen der Kämpfe in der Region keine Routineimpfungen mehr erhalten.

Prävention: Die Masernimpfung

Der Masernimpfstoff kann allein verabreicht werden, wird aber oft vor allem bei Kindern mit Impfstoffen gegen Mumps, Röteln und/oder Windpocken kombiniert - das ist die sogenannte MMR-Impfung.

Die WHO empfiehlt, dass Kinder zwei Dosen des Impfstoffs erhalten, um ihre Immunität zu gewährleisten - unabhängig davon, ob es sich um einen reinen Masernimpfstoff oder die kombinierte MMR-Impfung handelt.

Eine Impfung kann eine Erkrankung nicht verhindern, aber geimpfte Personen haben meist einen leichteren oder untypischen Krankheitsverlauf und übertragen nur selten Masernviren auf weiter Personen.

Behandlung: Was passiert, wenn man Masern hat?

Es gibt keine direkte Behandlung für Masern. Gesundheitsexperten raten den Patienten jedoch, sich auszuruhen, viel Wasser zu trinken, um eine Dehydrierung zu vermeiden, insbesondere bei Durchfall oder Erbrechen, und bei Bedarf Schmerzmittel einzunehmen.

Ärzte können auch Antibiotika verschreiben, um Begleiterkrankungen wie Lungenentzündung, Ohr- und Augeninfektionen zu behandeln.

Wichtig: Da Masern allerdings ein Virus sind, können Antibiotika eine Maserninfektion nicht bekämpfen, da sie nur nur bakterielle Infektionen bekämpfen. Und der Missbrauch von Antibiotika führt zu einer zunehmenden antimikrobiellen Resistenz, wodurch die Medikamente unbrauchbar werden.

Alles, was Sie also tun können, ist, sich bestmöglich - mit der Impfung - zu schützen und dem Virus seinen Lauf zu lassen.

Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert. Er wurde ursprünglich am 1. Februar 2024 veröffentlicht und am 16. Februar 2024 um Äußerungen des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten über Masernimpfungen ergänzt.

Item URL https://www.dw.com/de/masern-eine-tödliche-krankheit-die-verhindert-werden-kann/a-68141118?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Die beste Behandlung für Masern ist laut Gesundheitsexperten die Vorbeugung - durch eine Impfung
Image source Biju Boro/AFP
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Item 43
Id 68272712
Date 2024-02-16
Title ESC: Trotz Protesten soll Israel teilnehmen
Short title ESC: Trotz Protesten soll Israel teilnehmen
Teaser Der Krieg im Nahen Osten überschattet auch den Eurovision Song Contest (ESC). Einige Länder hatten den Ausschluss Israels gefordert. Doch die Europäische Rundfunkunion hält an der Teilnahme fest.
Short teaser Einige Länder hatten den Ausschluss Israels gefordert. Doch die Europäische Rundfunkunion hält an der Teilnahme fest.
Full text

Zur Begründung erklärte die Europäische Rundfunkunion (EBU) am Donnerstag (15.02.2024) unter anderem, der ESC sei "eine unpolitische Musikveranstaltung" und "kein Wettbewerb zwischen Regierungen". Der ESC findet dieses Jahr am 11. Mai im schwedischen Malmö statt. Im Vorfeld der Entscheidung hatte es mehrere Petitionen gegen eine Teilnahme Israels an dem weltweit größten jährlichen Live-Musikwettbewerb gegeben. Deren Initiatoren beriefen sich darauf, dass auch Russland nach dem Angriffskrieg gegen die Ukraine von der Veranstaltung 2022 ausgeschlossen worden war. Auch im Gastgeberland Schweden gibt es Protestaufrufe. Mehr als 1000 schwedische Künstlerinnen und Künstler forderten die Europäische Rundfunkunion Ende Januar auf, Israel wegen seiner "brutalen Kriegsführung in Gaza" auszuschließen, wie es in dem offenen Brief heißt.

ESC "keine politische Veranstaltung"

Noel Curran, Generaldirektor der EBU, begründete seine Entscheidung nun damit, dass es nicht Aufgabe der Europäischen Rundfunkunion sei, Kriege zu vergleichen. Entscheidend sei das Verhältnis der öffentlich-rechtlichen Sender zu den jeweiligen Regierungen. Der russische Sender habe mit den gemeinsamen Werten der EBU gebrochen. Das Verhältnis des öffentlich-rechtlichen israelischen Rundfunks zur Regierung sei dagegen grundlegend anders. Curran verwies darauf, dass die israelische Regierung in den vergangenen Jahren sogar mit der Schließung des Senders KAN gedroht habe. Die EBU hat nach eigenen Angaben die Bedingungen für eine Teilnahme Israels geprüft. Ihr Aufsichtsrat sei übereingekommen, dass "der israelische öffentlich-rechtliche Sender KAN auch in diesem Jahr alle Regeln des Wettbewerbs erfüllt und wie in den vergangenen 50 Jahren teilnehmen kann". Damit wird Israel am 9. Mai am Halbfinale teilnehmen, bei dem sich zehn von 16 Ländern für das Finale am 11. Mai qualifizieren. Israel hat den ESC bereits vier Mal gewonnen.

Eden Golan geht für Israel ins Rennen

Dieses Jahr wird Eden Golan, eine 20-jährige Künstlerin, die in Russland aufgewachsen ist, Israel vertreten. Ihr Song für den Wettbewerb steht noch nicht fest. Die Vorauswahl des deutschen Kandidaten findet am Freitag, dem 16. Februar, statt.

Der Eurovision Song Contest wird seit 1950 von der Europäischen Rundfunkunion organisiert. 112 Organisationen aus 56 Ländern gehören der EBU an. Israel führt seit Oktober vergangenen Jahres Krieg gegen die Hamas. Auslöser war ein beispielloser Angriff der Islamisten auf israelisches Gebiet am 7. Oktober. Dabei tötete die Hamas mehr als 1160 Menschen und entführte rund 250 Personen in den Gazastreifen, wie aus israelischen Angaben der Nachrichtenagentur AFP hervorgeht.

Israel reagierte auf den Angriff mit einem massiven Militäreinsatz im Gazastreifen. Nach jüngsten Angaben der Hamas wurden dabei mindestens 28.576 Menschen getötet. Diese Angaben sind von unabhängiger Seite nicht überprüfbar.

so/suc (dpa, AFP)

Item URL https://www.dw.com/de/esc-trotz-protesten-soll-israel-teilnehmen/a-68272712?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Israel wird beim Eurovision Song Contest antreten
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Item 44
Id 68256959
Date 2024-02-15
Title Alaskapocken: Erster Todesfall durch das Virus
Short title Alaskapocken: Erster Todesfall durch das Virus
Teaser In den USA kam ein Mann Ende 2023 mit Alaskapocken ins Krankenhaus. Kürzlich ist er verstorben. Alaskapocken werden vermutlich von Wühl- und Spitzmäusen übertragen. Was Sie sonst noch über das Virus wissen müssen.
Short teaser Ein älterer Mann in den USA ist kürzlich an Alaskapocken verstorben. Das müssen Sie über das Virus wissen.
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Die Alaskapocken (englisch: Alaskapox) gehören zu den sogenannten Orthopoxviren oder "Säugerpocken" und sind mit Pocken, Kuhpocken und Mpox (ursprünglich als "Affenpocken" bekannt) verwandt. Infektionen sind bisher nur im US-Bundesstaat Alaska aufgetreten.

Seit dem ersten Fall im Jahr 2015 sind bisher nur insgesamt sieben Infektionen bei Menschen gemeldet worden. Bis auf den aktuellen Fall verliefen alle Infektionen mild und erforderten keinen Krankenhausaufenthalt.

Die Alaskapocken-Patienten berichteten über eine oder mehrere Hautläsionen, die Spinnen- oder Insektenbissen ähneln. Zu den Symptomen gehören auch geschwollene Lymphknoten und Gelenk- oder Muskelschmerzen, die in der Regel innerhalb weniger Wochen abklingen.

Wie wird das Virus übertragen?

Forscher glauben, dass das Virus eine sogenannte Zoonose sein könnte, also von Tieren auf den Menschen übertragen werden kann. Die Gesundheitsbehörden Alaskas berichteten, dass Alaskapocken 2020 und 2021 bei zwei Arten von Kleinsäugern - Wühlmäusen und Spitzmäusen - im Fairbanks North Star Borough, einem Bezirk im Bundesstaat Alaska, festgestellt wurden. Dort traten auch die meisten der menschlichen Fälle auf.

Wie genau das Virus vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist, ist noch unklar. Die Patienten könnten sich über Haustiere angesteckt haben, die wiederum mit infizierten Wühl- oder Spitzmäusen in Kontakt gekommen waren. Das könnte auch im Fall des verstorbenen Patienten passiert sein.

Direkte Übertragungen von Mensch zu Mensch wurden zwar bisher nicht beobachtet. Experten warnen jedoch davor, dass andere Orthopoxviren durch direkten Kontakt mit infektiösen Hautläsionen übertragen werden können. Sie raten Menschen mit Hautläsionen, die möglicherweise durch Alaskapocken verursacht wurden, die betroffene Stelle mit einem Verband abzudecken.

Was wissen wir über den Alaskapocken-Todesfall?

Der nun in Alaska verstorbene Mann wurde von den Gesundheitsbehörden als "älter" bezeichnet, sein genaues Alter gaben die Behörden nicht bekannt.

Er lebte auf der abgelegenen Kenai-Halbinsel, die vor der Südküste des Bundesstaates in den Golf von Alaska ragt. Die Halbinsel ist mehr als 483 Kilometer (300 Meilen) von der zweitgrößten Stadt Alaskas, Fairbanks, entfernt, wo die sechs anderen Fälle auftraten. Die Gesundheitsbehörden vermuten daher, dass sich das Virus auf kleine Säugetiere außerhalb dieser Region ausgebreitet hat.

Der Mann nahm im Rahmen seiner Krebsbehandlung Medikamente ein, die das körpereigene Abwehrsystem unterdrücken. "Der immungeschwächte Status des Patienten hat wahrscheinlich zum Schweregrad der Erkrankung beigetragen", so das Gesundheitsministerium von Alaska in einem Bulletin zu diesem Fall.

Im September 2023 entdeckte der Erkrankte rote Pusteln in seiner rechten Achselhöhle. Im November wurde er wegen Müdigkeit, Schmerzen und eingeschränkter Beweglichkeit in seinem rechten Arm ins Krankenhaus eingeliefert. Die Ärzte entdeckten vier weitere Läsionen an seinem Körper.

Tests ergaben schließlich, dass der Mann an Alaskapocken erkrankt war. Später "zeigte er eine verzögerte Wundheilung, Unterernährung, akutes Nierenversagen und Atemstillstand", so das Gesundheitsministerium von Alaska. Der Patient starb im Januar 2024.

Der Mann hatte allein gelebt und war nicht verreist, bevor er sich infizierte. Er hatte jedoch berichtet, dass er sich um eine streunende Katze kümmerte, die regelmäßig kleine Säugetiere jagte und ihn häufig kratzte - so auch in der Nähe seiner Achselhöhle, kurz bevor sich dort die erste Läsion entwickelte.

Es ist möglich, dass die Katze mit einer infizierten Wühlmaus oder einem anderen kleinen Säugetier in Kontakt gekommen war und die Infektion dann an den Mann weitergegeben hatte.

Was tun, wenn Sie glauben, dass Sie Alaskapocken haben?

Suchen Sie einen Arzt auf, wenn Sie glauben, dass Sie sich mit dem Virus angesteckt haben könnten. Vermeiden Sie es, Läsionen an Ihrem Körper zu berühren.

Es gibt zwar keine Beweise für eine Übertragung von Alaskapocken von Mensch zu Mensch, aber einige andere Orthopoxviren verbreiten sich über den Kontakt mit den infektiösen Läsionen der Erkrankten, so dass die Gesundheitsbehörden Alaskas zur Vorsicht raten.

Sie empfehlen Menschen, die an Alaskapocken erkrankt sein könnten, "gute Handhygiene zu praktizieren, die gemeinsame Benutzung von Kleidungsstücken, die mit den Läsionen in Berührung gekommen sein könnten, zu vermeiden und Kleidung und Bettwäsche [von möglicherweise Infizierten] getrennt von anderen Haushaltsgegenständen zu waschen."

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Image caption Verwandte dieser Waldwühlmaus sollen die Alaskapocken in sich tragen
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Item 45
Id 65438473
Date 2024-02-15
Title Faktencheck: Wie (un)gefährlich ist Cannabis?
Short title Faktencheck: Wie (un)gefährlich ist Cannabis?
Teaser In Deutschland könnte der Cannabis-Konsum von April an legal sein, andere Länder zögern noch. Zu Cannabis, Marihuana, Hanf und Co. kursieren weltweit viele Mythen - Die DW hat vier davon einem Faktencheck unterzogen.
Short teaser Um den Konsum von Cannabis kursieren immer noch viele Mythen. Ein DW-Faktencheck zur Legalisierung in Deutschland.
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Sollte Cannabis legal sein? Mehrere Regierungen haben sich in den letzten Jahren dafür entschieden, etwa in Kanada, Südafrika und in mehreren US-Bundesstaaten. In weiten Teilen der Welt ist der Besitz und Konsum von Cannabis allerdings verboten und wird häufig streng bestraft .

In Deutschland soll der Bundestag in der Woche ab dem 19. Februar 2024 über ein neues Cannabis-Gesetz abstimmen. Da alle drei Regierungsparteien das Gesetz befürworten, gilt die Verabschiedung als sicher. Dann wären vom 1. April an der Eigenanbau, Besitz und Konsum kleiner Mengen Cannabis für Volljährige in Deutschland erlaubt.

Das Thema bleibt allerdings umstritten und im Netz kursieren allerlei Behauptungen, die sich nicht immer belegen lassen. Das DW-Faktencheck-Team hat sich die Studienlage angeschaut und mit Experten und Expertinnen gesprochen, um Klarheit zu schaffen.

Ist Cannabis eine Einstiegsdroge?

Behauptung: Cannabis sei "eine Einstiegsdroge für viele andere Bereiche", sagt zum Beispiel der Ministerpräsident Bayerns Markus Söder.

DW-Faktencheck: Unbelegt.

Die Theorie, dass Cannabiskonsum zum Konsum härterer und gefährlicherer Drogen führt, ist wohl eines der häufigsten Argumente gegen eine Legalisierung, und eines der ältesten. So sagte etwa Söders Parteikollege und CSU-Generalsekretär Martin Huber gegenüber der BILD-Zeitung vor kurzem: "Mit Drogenclubs und legalem Eigenanbau verharmlost die Ampel die Einstiegsdroge Cannabis."

Auf Social Media halten vor allem Befürworter der Legalisierung dagegen.

Fakt ist: Es gibt eine Korrelation zwischen Cannabiskonsum und dem späteren Konsum härterer Rauschmittel, das zeigen Studien. Je früher und je häufiger Menschen Cannabis konsumieren, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eines späteren Konsums anderer illegaler Drogen.

Aber: Korrelation ist nicht Kausalität

"Wenn man guckt, wie jemand zum Heroinkonsumenten geworden ist, wird man auf dem Weg den Cannabiskonsum mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit finden", bestätigt Dr. Stefan Tönnes, Leiter der forensischen Toxikologie der Universitätsklinik Frankfurt. "Wenn man aber andersherum schaut, wie viele Cannabiskonsumenten nachher zu einem Heroinkonsum übergehen - das sind ganz, ganz, wenige." Das zeigt: Eine Korrelation allein ist noch kein Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang, eine Kausalität.

Vollständig widerlegen lässt sich die Einstiegsdrogen-Theorie dennoch nicht, sagt Dr. Eva Hoch, Psychologin der Psychiatrie des Uniklinikums München. Sie beschäftigt sich seit rund 20 Jahren wissenschaftlich mit den Effekten von Cannabis. "Cannabis stimuliert natürlich das Belohnungszentrum im Gehirn und könnte dadurch pharmakologisch die Drogenaffinität fördern."

Doch es gebe darüber hinaus eine Vielzahl von weiteren Risikofaktoren für Konsum von illegalen Drogen, die berücksichtigt werden müssten. Das schreibt auch das National Institute on Drug Abuse (NIDA), genauso wie, dass zur Frage nach Cannabis als Einstiegsdroge noch weitere Forschung nötig ist. Die Behauptung von Cannabis als Einstiegsdroge bleibt solange erst mal unbelegt.

Ist Alkohol gefährlicher als Cannabis?

Behauptung: Alkohol sei "über 100 Mal gefährlicher als Cannabis", wird in diesem Tweet behauptet.

DW-Faktencheck: Irreführend.

Häufig wird - insbesondere von Legalisierungs-Befürwortern - behauptet, Alkohol sei um ein Vielfaches gefährlicher als Cannabis. Mehrere Social Media-Posts und Zeitungsartikel berichten von einer Studie, laut der Alkohol angeblich 114 Mal gefährlicher sei als Cannabis.
Diese Aussage ist allerdings nicht haltbar - die Zahl findet sich in der zitierten Studie nicht wieder. Sie zeigte lediglich, dass das Risiko einer tödliche Überdosis Alkohol größer ist als das einer tödlichen Überdosis Cannabis.

Da Cannabis seine Wirkung beim Rauchen schnell entfaltet, könne die Stärke des Rausches im Vergleich zu Alkohol hier besser kontrolliert werden, sagt Stefan Tönnes. Damit sinke das Risiko einer Überdosis. Aber: "Bei Konsum von Cannabis als Gebäck können Überdosierungen ebenso auftreten."

Die negativen Auswirkungen beider Drogen beginnen nicht erst bei der Überdosierung. Mit anderen, nicht notwendigerweise tödlichen Konsequenzen für Gesundheit und Umfeld der Konsumenten befasst sich die in den Posts zitierte Untersuchung aber nicht.

Dabei brächten die unterschiedlichen Rauschwirkungen von Alkohol und Cannabis jeweils eigene Gefahren mit sich, erklärt Stefan Tönnes. Auch Auswirkungen auf das soziale Umfeld und die psychische Gesundheit seien dabei zu beachten. "Alkohol hat einen ganz wesentlichen Effekt, der in der Enthemmung und erhöhten Risikobereitschaft liegt. Das ist bei Cannabis eigentlich weniger der Fall. Hier haben wir aber das unvorhersehbare Paranoia-Risiko, und da kann die individuelle Empfindlichkeit bezüglich der Cannabiswirkung unterschiedlich sein."

Die negativen Auswirkungen von Alkoholkonsum auf den Körper sind längst erwiesen. "Alkohol hat eine hohe organschädigende Wirkung und verursacht dort mehr gesundheitliche Schäden als Cannabis," sagt auch Suchtforscherin Eva Hoch. Aber: "Es kommt auch auf die Intensität des Gebrauchs an, nicht nur auf die Substanz."

Die eindeutige Erfassung der gesundheitlichen Risiken von Cannabis werde erschwert durch seine verschiedenen Konsumformen, sagt Hoch. In Europa wird Cannabis zum Beispiel häufig mit Tabak geraucht, dessen gesundheitsschädigende,krebserregende Wirkung bekannt ist – diese hängt so indirekt mit dem Cannabiskonsum zusammen.

Überdosierungen durch Alkohol sind also wahrscheinlicher als durch Cannabis. Beide Drogen können aber auch bereits in kleineren Mengen die körperliche und psychische Gesundheit ihrer Konsumenten gefährden und sich negativ auf deren Umfeld wirken. Diese Gefahr lässt sich kaum in einer Zahl zusammengefasst vergleichen – die Behauptung, Alkohol sei 114-Mal gefährlicher als Cannabis, ist also irreführend.

Kann man durch übermäßigen Cannabis-Konsum sterben?

Behauptung: Es wurde noch "kein Todesfall aufgrund einer Überdosis Cannabis" verzeichnet, wird in diesem Tweet behauptet.

DW-Faktencheck: Richtig.

Nach Angaben des National Institute on Drug Abuse (NIDA) hat es bisher noch keinen Todesfall durch Überdosierung gegeben, der ausschließlich auf Cannabis zurückzuführen ist.Auch die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) stellen fest, dass "eine tödliche Überdosis unwahrscheinlich ist".

Trotzdem ist Cannabiskonsum als Todesursache aber immer wieder im Gespräch und Gegenstand wissenschaftlicher Studien.

In den 1970er Jahren wurde an Hunden und Affen getestet, welche Cannabisdosis potenziell tödlich sein könnte. Den Tieren wurde dabei oral eine hohe Dosis THC verabreicht. Sie zeigten Symptome wie Schläfrigkeit, Zittern, Erbrechen - überlebten den unfreiwilligen Trip aber.

Tierstudien lassen sich zwar nur schwer auf den Menschen übertragen. Dennoch gilt auch für uns: "Die letale Dosis für Cannabis ist sehr, sehr hoch", sagt Eva Hoch. "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein Mensch so viel zu sich nehmen würde."

Cannabis: Tod nicht ausgeschlossen

Forschende des Londoner Kings College haben versucht, rückblickend herauszufinden, ob Cannabis für Menschen tödlich sein kann. Sie prüften alle Todesfälle, die sich in England zwischen 1998 und 2020 ereignet haben und bei denen Cannabis im Spiel war. Bei nahezu allen Fällen war Cannabis allerdings nicht die einzige Droge - durchschnittlich waren drei bis sieben andere Substanzen nachweisbar: Opiate, Alkohol, aber auch Medikamente wie Beruhigungs- oder Schlafmittel.

Bei vier Prozent stellten die Forschenden Cannabis als alleinige Todesursache fest, in der Regel aufgrund von Verletzungen während des Rausches. In einem Fall hätte eine Cannabistoxizität zum Tod geführt. Unklar bleibt dabei jedoch, ob eine einzelne Dosis zum Tod geführt hat oder die Dauer des Konsums schließlich dazu beigetragen hat.

Eva Hoch ergänzt, dass es "weitere publizierte Fälle von Cannabis-bezogenen Todesfällen gibt". Diese sind im Zusammenhang mit Unfällen, Suiziden oder kardiovaskulärer Komplikationen, wie einem Herzinfarkt, berichtet worden. Doch die Kausalität dieser Todesfälle zu klären, sei schwierig.

Kiffen ist nicht gut fürs Herz

Auch die NIDA etwa warnt vor den Risiken, die von der erhöhten Herzfrequenz durch Cannabiskonsum ausgehen können. "Marihuana erhöht die Herzfrequenz für bis zu drei Stunden nach dem Rauchen. Dieser Effekt kann das Risiko eines Herzinfarkts erhöhen," heißt es.

"Cannabis hat durchaus eine Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System", sagt auch Stefan Tönnes. "Personen, die besonders empfindlich, vorbelastet oder vielleicht sogar vorgeschädigt sind, können daher besonders empfindlich auf Cannabis reagieren."

Auf einen Zusammenhang von Cannabiskonsum und einem erhöhten Risiko bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD) deuten auch ältere Studien hin. "Ausschließen, dass das lebensbedrohlich werden kann, kann man nicht", so Tönnes.

Warum ist eine einzelne Überdosis (wahrscheinlich) nicht tödlich?

Doch das Risiko, an einer einzelnen Überdosis Cannabis zu versterben, sei "zu vernachlässigen", schlussfolgern die Forschenden des Kings College.

Neben der riesigen Menge Cannabis, die nötig wäre, gilt es auch physiologisch als eher unwahrscheinlich, sagt auch Eva Hoch. Das sehr geringe Vorkommen von Cannabinoid-Rezeptoren im Hirnstamm erklärt, warum Cannabis - zumindest bei Menschen ohne Vorerkrankungen - weniger starke Effekte auf die Atmung oder andere wichtige Körperfunktionen wie Blutdruck oder Herzfrequenz hat. Opioid-Rezeptoren hingegen spielen im Hirnstamm eine größere Rolle, weshalb eine Überdosis Heroin zu Atemstillstand führen kann.

"Auch Alkohol kann eine lähmende Wirkung auf das zentrale Nervensystem, insbesondere auf das Atemzentrum haben", sagt Stefan Tönnes, "und daher zum Tod führen."

Tötet Cannabis Gehirnzellen?

Behauptung: "Marihuana tötet keine Gehirnzellen", behauptet dieser Twitter-Account.

DW-Faktencheck: Unbelegt.

Wie wirkt Cannabis beziehungsweise Marihuana - so werden die getrockneten, harzhaltigen Blüten und die blütennahen, kleinen Blätter der weiblichen Hanfpflanze bezeichnet - aufs Gehirn? Eine erste Untersuchung, die zeigte, dass Marihuanakonsum Gehirnzellen tötet, fand in den 1970er Jahren statt. Der umstrittene amerikanische Psychiater Robert Heath von der Tulane University Medical School in New Orleans sorgte damals für Schlagzeilen als er meinte, dies anhand eines Versuchs mit Rhesusaffen belegt zu haben.

Die qualitative Durchführung des Experiments stieß allerdings auch auf große Kritik. Später wurden die Ergebnisse der Heath-Studie von Forschenden des National Center for Toxical Research in Arkansas widerlegt . Doch das war erst der Anfang.

Viele Hypothesen, keine Klarheit

Bis heute zeigen Studien über die langfristigen Auswirkungen von Cannabis auf die Gehirnstruktur beim Menschen widersprüchliche Ergebnisse.

Auch Eva Hoch verfolgt die Hypothesen und die "Explosion an Publikationen" rund um Cannabis. "Es stimmt, dass Cannabis in die Neurophysiologie eingreift", sagt sie. Aber auf die Frage, wie neurotoxisch - also schädigend für das Gehirn - der Hauptwirkstoff von Cannabis, das Tetrahydrocannabinol (THC), wirklich ist, dazu kann auch sie keine klare Aussage machen. Das Thema sei sehr umstritten und weitere Forschung sei nötig.

Zu den unmittelbaren, kurzfristigeren Auswirkungen ist hingegen schon mehr bekannt. So ist gut belegt, dass bestimmte geistige Fähigkeiten nach akutem Cannabisgebrauch beeinträchtigt sind, wie das Kurzzeitgedächtnis, psychomotorische Koordination oder die Aufmerksamkeitsspanne. Bei chronischem Konsum können diese Auswirkungen auch tagelang bestehen bleiben. Sie scheinen jedoch nach mehrwöchiger Abstinenz reversibel zu sein.

Jugendliche gefährdet

Unbestritten ist hingegen, dass Cannabiskonsum vor allem junge Gehirne schädigen kann, da sich das Gehirn in der Übergangsphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter deutlich weiterentwickelt, warnt Eva Hoch.

Auch die CDC warnt, dass der Konsum von Marihuana vor dem 18. Lebensjahr sich darauf auswirken kann, wie das Gehirn Verbindungen für Funktionen wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Lernen aufbaut, betont aber auch, dass die Auswirkungen des Marihuanakonsums auf das Gehirn von vielen Faktoren abhängt, wie der Menge des THC, wie oft es konsumiert wird, von dem Alter beim Erstkonsum, und ob der Konsum mit anderen Substanzen einhergeht, zum Beispiel Alkohol oder Tabak.

Langfristige Auswirkungen auf das Gehirn können auch durch andere Faktoren als Marihuana verursacht werden, etwa durch die Genetik, das häusliche Umfeld oder andere unbekannte Faktoren.

Neurogenese durch Cannabis: Forschung nötig

2019 sorgte indes eine Studie für Aufsehen, die ergab, dass sich in bestimmten Gehirnbereichen bei Jugendlichen nach dem Kiffen mehr Graue Substanzbildet. Ob die Zunahme der Grauen Substanz allerdings als nützlich oder eher schädlich zu werten ist, dazu wollten sich selbst die beteiligten Forschenden nicht eindeutig positionieren. Es sei Vorsicht bei der Interpretation der Daten angebracht.

Doch grundsätzlich sei die Behauptung, dass Cannabis neue Gehirnzellen wachsen lassen kann, interessant und müsse in der Zukunft weiter verfolgt werden, so Hoch.

Erste tierexperimentelle Versuche fokussieren sich auf die Wirkung von Cannabidiol (CBD) auf die Neurogenese. CBD gehört zusammen mit THC zu den bekanntesten Cannabinoiden, also chemischen Verbindungen, die in Cannabis vorkommen. Der kleine aber feine Unterschied: THC wirkt psychoaktiv, CBD nicht.

Man müsse das körpereigene Cannabissystem weiter erforschen, plädiert Suchtforscherin Hoch: "Wann fördern Cannabinoide die Gesundheit, wann bergen sie Risiken?" Bislang wurden über 140 Cannabinoide entdeckt. Von den meisten sei die Wirkung noch gar nicht untersucht.

Aber: "Cannabisprodukte, die auf dem Schwarzmarkt erhältlich sind, haben ein völlig unklares Cannabinoid-Profil. Meist enthalten sie sehr wenig CBD, dafür viel vom berauschenden Hauptwirkstoff THC. Auch gefährliche Beimischungen wie synthetische Opioide oder Cannabinoide könnten enthalten sein, sagt Hoch. Deshalb lautet ihre Empfehlung an Jugendliche: "Ihr tut eurem Gehirn etwas Gutes, wenn ihr nicht kifft."

Mitarbeit : Uta Steinwehr

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 11.06.2023 veröffentlicht und am 15.02.2024 mit Informationen zur Legalisierung in Deutschland aktualisiert.

Item URL https://www.dw.com/de/faktencheck-wie-un-gefährlich-ist-cannabis/a-65438473?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Wie gefährlich ist Cannabiskonsum? Wie hier beim Global Marijuana March in Madrid machen sich Befürworter für die Legalisierung stark, andere warnen. Wer hat recht?
Image source Guillermo Gutierrez/Zumapress/picture alliance
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Item 46
Id 68244546
Date 2024-02-15
Title Stars und Politik: Ausblick auf die Höhepunkte der Berlinale 2024
Short title Berlinale 2024: Stars und Politik
Teaser Die 74. Berlinale erwartet Stars und Filmemacher aus aller Welt. Auch in diesem Jahr beleuchten zahlreiche Beiträge die aktuellen politischen Krisen und Kriege.
Short teaser Auch in diesem Jahr beleuchten zahlreiche Beiträge der 74. Berlinale die aktuellen politischen Krisen und Kriege.
Full text

"Small Things Like These" (Kleine Dinge wie diese) heißt die irisch-belgische Produktion unter der Regie von Tim Mielants, die am Donnerstag die 74. Berlinale eröffnet. In den Hauptrollen spielen Cillian Murphy, Eileen Walsh, Michelle Fairley und Emily Watson. Das Drama läuft im offiziellen Wettbewerb und handelt von Irlands "Magdalenen-Wäschereien". Dabei handelt es sich um Besserungsanstalten, die von der katholischen Kirche betrieben wurden. "Gefallene junge Frauen", also Prostituierte, mussten hier unter teils menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten. Diese Einrichtungen existierten von den 1820er-Jahren bis 1996.

Mehr Vielfalt im Wettbewerb

Zwanzig Filme konkurrieren in diesem Jahr um den Goldenen und die Silbernen Bären, die höchsten Auszeichnungen der Berlinale. Die internationale Jury, die die Gewinnerfilme auswählt, wird von der mexikanisch-kenianischen Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong'o geleitet. Sie wird von sechs Co-Juroren unterstützt: dem Schauspieler und Regisseur Brady Corbet (USA), der Regisseurin Ann Hui (Hongkong, China), dem Regisseur Christian Petzold (Deutschland), dem Regisseur Albert Serra (Spanien), der Schauspielerin und Regisseurin Jasmine Trinca (Italien) und der Schriftstellerin Oksana Zabuzhko (Ukraine). Da es sich bei vielen Werken um Koproduktionen handelt, treten insgesamt 30 Länder im Wettbewerb an.

Der afrikanische Kontinent, der im vergangenen Jahr gar nicht vertreten war, tritt gleich mit drei Filmen an. Der in Mauretanien geborene malische Regisseur Abderrahmane Sissako, dessen Film "Timbuktu" 2014 für einen Oscar nominiert wurde, präsentiert "Black Tea". Sein neuestes Werk erzählt die Geschichte einer jungen Frau von der Elfenbeinküste, die sich nach ihrer Einwanderung nach Asien in einen älteren Chinesen verliebt.

Die in Tunesien geborene Filmemacherin Meryam Joobeur geht mit ihrem Spielfilmdebüt "Who Do I Belong To" ins Rennen. Es ist das Porträt einer Mutter, die mit der Rückkehr ihres Sohnes, einem Kämpfer der militanten Organisation "Islamischer Staat", kurz IS, überfordert ist.

Die französisch-senegalesische Filmemacherin Mati Diop geht mit einem von zwei Dokumentarfilmen in den Wettbewerb: "Dahomey" handelt von der Rückgabe von 26 der königlichen Schätze des Königreichs Dahomey an Benin. Diop, die mit der gefeierten Premiere ihres 2019 erschienenen Spielfilms "Atlantics" bereits Cannes-Geschichte geschrieben hat, ist die erste schwarze Regisseurin im Wettbewerb des Festivals.

Von Nepal über Iran bis zu Pablo Escobars Flusspferd

Zu den weiteren internationalen Höhepunkten zählt der erste nepalesische Beitrag in der Geschichte des Berlinale-Wettbewerbs, "Shambhala" von Min Bahadur Bham.

Der dreimalige Gewinner des Silbernen Bären, der südkoreanische Filmemacher Hong Sang-soo, geht mit "A Traveler's Needs" mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle erneut ins Rennen. Die französische Schauspielikone, die 2022 den Preis für ihr Lebenswerk erhielt, aber nicht persönlich an der Preisverleihung teilnehmen kann, wird dieses Jahr auf dem Festival geehrt.

Auch das iranische Regie-Duo Maryam Moghadam und Behtash Sanaeeha ist mit seinem neuesten Werk "My Favorite Cake" im Wettbewerb vertreten. Allerdings hindert sie der Iran daran, persönlich der Weltpremiere ihres Films beizuwohnen. Die Filmemacher "wurden mit einem Reiseverbot belegt, ihre Pässe wurden beschlagnahmt und ihnen drohen Gerichtsverfahren, die ihre Arbeit als Künstler und Filmemacher betreffen", hieß es in einer Erklärung der Berliner Festivalorganisatoren, die auch an den Iran appellierten, die restriktiven Maßnahmen zu beenden.

Der Film "Pepe" von Nelson Carlo de los Santos Arias, den Chatrian als den "unklassifizierbarsten" Film der Auswahl bezeichnete, handelt vom Geist eines Nilpferdes, das von Afrika nach Kolumbien gebracht wurde, um im Zoo des Drogenbarons Pablo Escobar gehalten zu werden.

Auch Europäer prominent im Bärenrennen

Auch Deutschland, Frankreich und Italien sind im Wettbewerb stark vertreten. Dazu gehört der neueste Film des mehrfach ausgezeichneten deutschen Regisseurs Andreas Dresen, "Von Hilde, mit Liebe", der auf der wahren Geschichte der Anti-Nazi-Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" basiert.

Die französischen Filmveteranen Bruno Dumont und Olivier Assayas sind ebenso im Rennen um einen Goldenen oder Silbernen Bären wie die Gewinnerin der Camera d'Or von Cannes, Claire Burger.

Dialogförderung inmitten des Israel-Hamas-Krieges

Berlin gilt auch als das politischste der drei großen europäischen Filmfestivals. Die Exekutivdirektorin Mariette Rissenbeek und der künstlerische Leiter Carlo Chatrian haben angekündigt, nach der diesjährigen Ausgabe ihre Ämter niederzulegen. Man sei "besorgt, dass sich Antisemitismus, antimuslimische Ressentiments und Hassreden in Deutschland und weltweit ausbreiten". Man wolle einen "offenen Dialog" über den Israel-Hamas-Krieg ermöglichen.

Eine der Plattformen für diesen Austausch ist das so genannte Tiny House Project, ein Begegnungsraum, der vom 17. bis 19. Februar am Potsdamer Platz, dem Hauptveranstaltungsort der Berlinale, aufgebaut wird. Das Projekt wurde von der palästinensischen Deutschen Jouanna Hassoun und dem israelischen Deutschen Shai Hoffmann konzipiert, die seit mehreren Jahren zusammenarbeiten, um über den Nahostkonflikt aufzuklären. Während des Festivals findet außerdem eine Podiumsdiskussion zum Thema "Filmemachen in Zeiten des Konflikts" statt.

In der Sektion Berlinale Special wird "Shikun" des israelischen Regisseurs Amos Gitai als "Versuch, eine Plattform für den Dialog im Nahen Osten zu schaffen" beschrieben. Auch in der Sektion Panorama beschäftigen sich zwei aktivistische Arbeiten mit dem Nahen Osten: die Dokumentarfilme "No Other Land" eines palästinensisch-israelischen Kollektivs und "Diaries from Lebanon" von Myriam El Hajj.

Unterdessen hat ein Filmemacher aus Protest gegen die deutsche Unterstützung Israels während des Israel-Hamas-Krieges seine Arbeit offiziell aus der Sektion Forum Expanded des Festivals zurückgezogen. Der ghanaische Regisseur Ayo Tsalithaba erklärte in einem Statement in den sozialen Medien, er schließe sich dem Aufruf "Strike Germany" zum Boykott deutscher Kulturinstitutionen an.

Stars auf dem roten Teppich

Ein Filmfestival ist natürlich auch ein Fest des Glamours und der Stars, und da hat Berlin in diesem Jahr einiges zu bieten. Filmlegende Martin Scorsese wird am 20. Februar mit dem Goldenen Ehrenbären geehrt. Die Netflix-Produktion "Spaceman" feiert auf der Berlinale ihre Weltpremiere und die Stars Adam Sandler und Carey Mulligan sind vor Ort. Fans des Marvel Cinematic Universe finden Sebastian Stan im Wettbewerbsbeitrag "A Different Man". Im Berlinale Special sind unter anderem Riley Keough und Jesse Eisenberg in "Sasquatch Sunset" zu sehen, einem Bigfoot-Drama ohne Dialoge. Weitere prominente US-Schauspieler, die in Berlin auf dem roten Teppich erwartet werden, sind Kristen Stewart in "Love Lies Bleeding", Lena Dunham in "Treasure" und Amanda Seyfried in "Seven Veils". Die Abschlussgala mit der Verleihung des Goldenen und der Silbernen Bären findet am 24. Februar statt.

Aus dem Englischen adaptiert von Sabine Oelze.

Item URL https://www.dw.com/de/stars-und-politik-ausblick-auf-die-höhepunkte-der-berlinale-2024/a-68244546?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Die Berlinale ruft - ab Donnerstag laufen zehn Tage lang Filme in Berliner Kinos
Image source Halil Sagırkaya/Anadolu/picture alliance
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Item 47
Id 68252371
Date 2024-02-15
Title Berlinale 2024: Debatte um Umgang mit der AfD
Short title Berlinale 2024: Debatte um Umgang mit der AfD
Teaser Als "Schaufenster zur Welt" ging die Berlinale einst an den Start. Die 74. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele ringt um ihre Weltoffenheit - und um den Umgang mit der rechtsextremistischen Partei AfD.
Short teaser Die 74. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele ringt um den Umgang mit der AfD und ihrer Weltoffenheit.
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Noch bevor am Donnerstag der rote Teppich ausgerollt wurde und Stars aus aller Welt auf der Berlinale 2024 ihren großen Auftritt zelebrieren, schlugen die Wellen hoch. Umstritten ist die Einladung - und spätere Ausladung - von Politikern der Partei "Alternative für Deutschland" (AFD), die in Teilen als "gesichert rechtsextrem" gilt und deshalb vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet wird. Die Berlinale gehört neben Cannes und Venedig zu den großen Filmfestivals der Welt. Entsprechend groß ist die internationale Aufmerksamkeit.

Eigentlich lief alles rund für das scheidende Führungsduo der Berlinale, die Niederländerin Mariette Rissenbeek und den Italiener Carlo Chatrian: Mit Regielegende Martin Scorcese, der den Goldenen Ehrenbären erhalten soll, der Jurypräsidentin Lupita Nyong'o ("Wakanda forever"), der Oscar-Nominierten Sandra Hüller ("Anatomie eines Falls") und Cillian Murphy ("Oppenheimer") erwartet das Berliner Publikumsfestival wieder illustre Gäste und spannende Filme. Der Kartenvorverkauf läuft. Doch nun wird das Filmfestival vom Streit über rechtsextreme Gäste überschattet.

Erst Einladung, dann Ausladung

Nach tagelangen Diskussionen hat die Berlinale-Leitung fünf zur Eröffnungsgala eingeladene AfD-Politikerinnen und -Politiker kurzerhand wieder ausgeladen. Man habe ihnen mitgeteilt, "dass sie bei der Berlinale nicht willkommen sind", erklärte das Leitungsduo vergangene Woche. Begründung: es sei ihnen "als Berlinale und als Team wichtig, unmissverständlich Position für eine offene Demokratie zu beziehen". Entsprechend empört reagierten Vertreter der AfD.

Die Berlinale-Leitung begründete ihre Entscheidung auch mit den zuvor erfolgten Enthüllungen über "explizit antidemokratische Positionen" und einzelne Politiker der AfD. Das Netzwerk "Correctiv" hatte Anfang Januar über ein Geheimtreffen von AfD-Politikern, Mitgliedern der rechtskonservativen Werteunion, Rechtsextremen und Unternehmern berichtet. Bei dem Treffen in Potsdam Ende November 2023 sei es um Pläne für eine Vertreibung von Millionen Menschen mit Migrationshintergrund aus Deutschland gegangen, heißt es in dem Bericht. In Deutschland wirkten die Recherchen von Correktiv wie ein Weckruf: Seither gingen Hundertausende Menschen für Demokratie und gegen die AfD auf die Straßen. Aber auch international hat das Thema Kreise gezogen: In einem offenen Brief zeigten sich rund 200 Filmschaffende aus aller Welt empört über die Einladung rechtsextremer Politiker. Sie sei ein weiterer Beleg für das "feindselige und heuchlerische Umfeld", dem Kunst und Kultur in Berlin und Deutschland ausgesetzt seien. Man glaube nicht, dass die Eröffnung der Berlinale ein sicherer Ort für bedrohte Minderheiten sein könne, die aufgrund ihrer sexuellen Identität oder Orientierung, ihrer Hautfarbe oder Herkunft von einer, so wörtlich, "anderen rechtsextremen, nationalkonservativen Bewegung in Deutschland verfolgt und ermordet wurden". Der Brief, über den zuerst das US-Filmmagazin Deadline berichtete, ist inzwischen nicht mehr aufrufbar.

Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek reagierte mit einem englischsprachigen Statement auf dem Instagram-Account der Berlinale, zu dem sich die Festivalleitung offenbar gedrängt sah: Sowohl die Kulturbeauftragte des Bundes, Claudia Roth, als auch der Berliner Senat hätten Einladungskontingente für die Eröffnungsfeier erhalten, heißt es darin. Diese seien an gewählte Abgeordnete aller Parteien im Bundestag und im Berliner Abgeordnetenhaus verteilt worden. Darunter seien auch Mitglieder der AfD, die in beide Parlamente gewählt wurden und damit auch in den politischen Kulturausschüssen und anderen Gremien vertreten seien. "Das ist ein Fakt, und den müssen wir als solches akzeptieren", so Rissenbeek.

Die Einladung von Abgeordneten des Bundestages und des Berliner Abgeordnetenhauses - auch der AfD - aufgrund der Einladungsquote über Kulturstaatsministerin Claudia Roth und den Berliner Senat ist jedoch seit Jahren gängige Praxis und war bislang nicht beanstandet worden. Kulturstaatsministerin Roth sagte dazu am Dienstag, sie respektiere die Entscheidung der Berlinale-Leitung, auch wenn sie diese nicht empfohlen habe. Es müsse noch viel mehr getan werden, um die Demokratie zu fördern und gegen Abgeordnete vorzugehen, die "eine Idee haben von einer Demokratiezersetzung", zu bekämpfen. Eine Ausladung allein reiche nicht.

Seit jeher sind die Berliner Filmfestspiele auch ein Forum für politische Debatten. So zog kürzlich ein Regisseur aus Protest gegen die deutsche Haltung zu Israel seinen Berlinale-Beitrag zurück. Nun haben die bundesweiten Proteste gegen die AfD und die Diskussion um den Umgang mit der in Teilen rechtsextremen Partei auch die Berlinale erreicht.

Berlinale ist seit ihren Anfängen politisch

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges zwischen Ost und West war die Berlinale 1951 von Oscar Martay, dem Film Officer der Berliner US-Militärverwaltung ins Leben gerufen worden. Das Motto der ersten Ausgabe: "Schaufenster der freien Welt". Als Eröffnungsfilm lief am 6. Juni 1951 Alfred Hitchcocks "Rebecca" im Titania-Palast. Im Ostteil der Stadt fand - als Reaktion darauf - das "Festival des demokratischen Films" statt, auf dem hauptsächlich Filme aus dem damaligen Ostblock gezeigt wurden.

War die frühe Berlinale vor allem ein Publikums- und Glamourfestival, bei dem sich zahlreiche Filmstars wie Gary Cooper, Sophia Loren, Jean Marais, Jean Gabin, Michèle Morgan, Henry Fonda, Cary Grant, Jean-Paul Belmondo oder Rita Hayworth präsentierten, so änderte sich die Ausrichtung des Festivals deutlich ab Ende der 1960er Jahre. Die gesellschaftliche und politische Polarisierung nahm zu, auch die Berlinale wurde politischer: So löste der Vietnamkriegsfilm "o.k." von Michael Verhoeven auf der Berlinale 1970 heftige Kontroversen aus. Die Jury trat zurück, das Wettbewerbsprogramm wurde gestrichen.

Ob die zuerst ein- und dann ausgeladenen AfD-Politiker zur Eröffnungsgala erscheinen werden, war bis zuletzt offen. Das Leitungsduo der Berlinale will nicht von seiner Linie abweichen: "Die Weltoffenheit muss verteidigt werden", so Chatrian im einem Interview der Neuen Osnabrücker Zeitung.Die Freiheit der Kunst sei essentiell in der Demokratie. "Wir erteilen rechtsextremem oder rechtspopulistischem Gedankengut eine klare Absage."

Item URL https://www.dw.com/de/berlinale-2024-debatte-um-umgang-mit-der-afd/a-68252371?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Die Berlinale definierte sich schon immer auch als politisches Festival
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Item 48
Id 68254457
Date 2024-02-14
Title Studie: Die wirtschaftlichen Kosten von Kriegen
Short title Studie: Die wirtschaftlichen Kosten von Kriegen
Teaser Wie hoch sind die Kosten des Krieges in der Ukraine? Was wäre der Schaden von Kriegen in anderen Ländern? Eine neue Studie gibt Antworten.
Short teaser Wie hoch sind die Kosten des Ukraine-Krieges? Was wäre der Schaden von anderen Kriegen? Eine neue Studie gibt Antworten.
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Bis zum Jahr 2026 werde allein die Ukraine durch die Invasion Russlands umgerechnet rund 120 Milliarden US-Dollar an Wirtschaftsleistung einbüßen. Noch größer, fast eine Billion Dollar, ist der Schaden am Kapitalstock, also bei Sachwerten wie Maschinen, Anlagen und Fabrikgebäuden.

Das geht aus Berechnungen hervor, die Forscher des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW) und der Universität Tübingen am Mittwoch veröffentlicht haben.

Auch die wirtschaftliche Belastung für am Krieg unbeteiligte Drittländer ist erheblich. Sie büßen der Untersuchung zufolge innerhalb von fünf Jahren (2022-2026) insgesamt rund 260 Milliarden Dollar an Wirtschaftsleistung ein. Hiervon entfallen etwa 70 Milliarden Dollar auf EU-Länder, allein 15 bis 20 Milliarden Dollar auf Deutschland.

Historische Daten

Basis der Untersuchung ist eine Analyse von historischen Daten, die mehr als 150 Kriege seit 1870 umfasst. Hieraus leiten die Kieler Forscher verschiedene Erkenntnisse ab, etwa wie stark das Bruttoinlandsprodukt innerhalb von fünf Jahren Kriegsdauer durchschnittlich sinkt oder wie sehr die Inflation steigt.

"Die Berechnungen beruhen auf den Kosten 'typischer' zwischenstaatlicher Kriege in der Vergangenheit. Je nach Dauer und Intensität des Krieges sind weniger oder mehr schwerwiegende Szenarien denkbar", sagt Jonathan Federle, Forscher am IfW Kiel und Hauptautor der Studie.

"Die von uns berechneten Übertragungseffekte auf andere Länder berücksichtigen vor allem die durch geografische Nähe bedingten Handelsverflechtungen und die Größe der jeweiligen Volkswirtschaft, in der ein Krieg ausbricht", so Federle weiter.

Was wäre, wenn... Taiwan, Iran

Anhand der Daten und Parameter ist es den Forschern auch möglich, Aussagen über den wirtschaftlichen Schaden hypothetischer Kriege zu treffen - Kriege also, die gar nicht stattgefunden haben.

Beispiel Taiwan: China beansprucht die demokratisch regierte Insel als Teil des eigenen Staatsgebiets und droht immer wieder, dies notfalls auch gewaltsam durchzusetzen.

In Taiwan würde ein "typischer Krieg" mit einer Dauer von fünf Jahren demnach zu weltweiten Verlusten beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Höhe von 2,2 Billionen Dollar führen. Weil das Land durch seine Chip-Industrie mit der gesamten Weltwirtschaft eng verbunden ist, betonen die IfW-Forscher, dass die tatsächlichen Kriegskosten auch deutlich höher ausfallen könnten.

Beispiel Iran: Sollte die islamische Republik zum Schauplatz eines Krieges werden, könnten sich die Kosten in Form von für die Weltwirtschaft verlorenem BIP über einen Zeitraum von fünf Jahren auf bis zu 1,7 Billionen Dollar belaufen. Der Iran ist derzeit nicht so stark in den Welthandel eingebunden, auch aufgrund von Sanktionen. Die IfW-Forscher gehen deshalb davon aus, dass ihre Schätzungen wahrscheinlich am oberen Rand der tatsächlichen Kosten liegen.

Online-Tool frei zugänglich

Neben der Studie haben die Kieler Forscher auch ein Tool entwickelt, das zur freien Verfügung im Internet steht. Hier können die Schäden verschiedener Kriege berechnet werden. Vor der Nutzung weist eine Anzeige darauf hin, dass die Zahlen auf historischen Durchschnittswerten beruhen und sich nur auf die wirtschaftlichen Kosten bei BIP und Kapitalstock beziehen.

Die Warnung soll Nutzer des Tools für die Beschränkungen der Untersuchung sensibilisieren, nämlich dass eine Übertragung historischer Werte auf die Zukunft nur begrenzt aussagekräftig ist.

"Insgesamt zeigen die Berechnungen einmal mehr, wie hoch auch ökonomisch der Wert des Friedens ist und wie katastrophal ein Krieg auf eigenem Boden in jeder Hinsicht ist", fasst IfW-Präsident Moritz Schularick die Studienergebnisse zusammen. Sein Fazit: Militärische Stärke und glaubwürdige Abschreckung, die Angriffe von außen unwahrscheinlich machten, seien insofern auch aus ökonomischer Perspektive sinnvoll.

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Image caption Zerstörte Lagerhalle nach einem russischen Raketenangriff in Kiew (Dezember 2023)
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Item 49
Id 68231160
Date 2024-02-14
Title GPS-Chaos: Wie Jamming Satellitensignale stört
Short title GPS-Chaos: Wie Jamming Satellitensignale stört
Teaser Satellitennavigation ist heute selbstverständlich. Wegfindung ohne GPS? Undenkbar. Doch das System ist störungsanfällig. Funken Signale dazwischen, ist von Jamming oder Spoofing die Rede. Das passiert oft vorsätzlich.
Short teaser Navigation ohne GPS? Undenkbar. Doch das System ist störungsanfällig für absichtliches Jamming und Spoofing.
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Satellitennavigation ist aus unserem Alltag kaum mehr wegzudenken. Die GPS-Geräte im Auto, Smartphone oder der Uhr würden nicht mehr funktionieren - wir würden wohl nur mit großen Schwierigkeiten von A nach B finden.

Doch nicht nur im Privaten, auch in wirtschaftlichen und öffentlichen Bereichen sind Navigationsdaten mittlerweile unerlässlich - sei es für automatisierte Prozesse in der Landwirtschaft, Satellitensignale in Stromnetzen, in Telekommunikationsnetzen oder bei Finanztransaktionen. GPS gehört zur Grundausstattung im Flug- und Schiffsverkehr.
Und genau dort wird auch gerade wieder deutlich, dass das System angreifbar ist.

Jamming: Gestörte Satellitensignale sind keine Seltenheit

Seit Dezember verfolgen Sicherheitsexperten gezielte Störungen - Jamming oder Spoofing genannt - der Satellitennavigation im Ostseeraum bis nach Deutschland. Es werden "sporadisch aus dem nordöstlichen Bereich des deutschen Luftraums Störungen der vom Satellitennavigationssystem 'Global Positioning System' (GPS) ausgestrahlten Navigationssignale gemeldet", teilte das Bundesverkehrsministerium (BMDV) der Deutschen Presse-Agentur (dpa) auf Anfrage mit.

Deutsche Sicherheitsforscher, Luftfahrtexperten und Militärs verfolgen die GPS-Störungen ziemlich genau und auch eine konkrete Ortung der Störquellen ist möglich. Zu den Ergebnissen wird öffentlich allerdings keine Auskunft gegeben. Einen konkreten Verdacht gibt es laut dpa aber: Russland, das nach unterschiedlichen Berichten auch seine eigenen Städte mit einer Art Störschirm gegen Angriffe schützt, wie sie die Ukraine als Teil ihrer Verteidigung mit Drohnen fliegt.

Solche Störungen sind nichts Neues. GPS-Störungen werden weltweit registriert. So warnte Indiens Luftfahrtbehörde DGCA die Ende 2023, dass mehrere zivile Flüge aus Indien in der Nähe des Irans vom Kurs abkamen, nachdem ihre Navigationssysteme versagt hatten. Offenbar wurde ihr GPS-Signal manipuliert. Eines der Flugzeuge flog schließlich fast unerlaubt in den iranischen Luftraum. Auch die Luftfahrtvereinigung OPSGROUP hat seit Ende September 2023 mehr als 50 solcher Vorfälle von Passagierflugzeugen registriert. Auf der Website werden regelmäßige Updates veröffentlicht.

Nicht nur in der Luft, auch auf See sind diese Störungen problematisch. So zeigte eine Studie aus dem Jahr 2019, dass Tausende von Schiffen in der Nähe des Hafens von Shanghai von fatalen Störungen betroffen waren. Es tauchten Schiffe auf den Bildschirmen des Automatischen Identifikationssystem (AIS) auf, wo in Wirklichkeit keine waren. Es wurden Frachter in voller Fahrt angezeigt, die eigentlich im Hafen lagen. Eine bis dato der größten maritimen GPS-Attacken.

Gezielte Störungen von Satellitensignalen kommen häufig in Krisenregionen , etwa am Schwarzen Meer oder im Nahen Osten vor, insbesondere dem östlichen Mittelmeerraum, Irak, Libanon, Libyen, Zypern, der Türkei und Armenien. Auf einer Karte namens GPSJAM.org sind aktuelle Störungen visualisiert. Diese basieren auf Daten von Flugzeugen, die Informationen über die GPS-Genauigkeit enthalten.

Doch auch schon früher, bevor Navigationssatelliten betroffen waren, gab es Jamming. Dann waren etwa Kurzwellen-Radioprogramme oder über Satelliten ausgestrahlte Fernsehsendungen betroffen, die zum Beispiel Menschen in bestimmten Gebieten nicht empfangen sollten.

Wie funktioniert GPS?

Genau genommen ist das, was wir als GPS bezeichnen, also ein System zur Positionsbestimmung via Satelliten, eigentlich "GNSS": Global Navigation Satellite System. GPS, das NAVSTAR Global Position System, ist nur ein Teil davon.

Weltweit gibt es vier Hauptsysteme: Neben GPS von den USA auch Galileo von der EU, GLONASS von Russland und Beidou von China. Während alle anderen Systeme primär auf die militärische Nutzung ausgerichtet sind, ist Galileo das einzige System unter rein ziviler Kontrolle. Mit Galileo wurde Ende Januar 2023 eine Genauigkeit erreicht, die die konkurrierenden Systeme GPS, GLONASS und Beidou um mehr als den Faktor 10 übertrifft. Allerdings unterstützen noch nicht alle Geräte Galileo.

Das NAVSTAR GPS gilt daher immer noch als Referenz und wird am häufigsten verwendet. In rund 20.000 Kilometern Höhe umkreisen die Satelliten die Erde. Mithilfe von Empfängern und Algorithmen werden Positions-, Navigations- und Zeitdaten (kurz: PNT) für Luft-, See- und Landreisen synchronisiert. Um die genaue Position zu berechnen, muss ein GPS-Gerät das Signal von mindestens vier Satelliten lesen können.

Jamming und Spoofing: Wie werden GPS-Signale gestört?

Doch die Signalübertragung funktioniert nicht immer reibungslos. Beim Jamming (deutsch: Störung) sendet ein Störsender ein Signal aus, welches das originale, aber schwächere Signal überlagert, sodass der Empfänger das echte Satellitensignal nicht mehr vollständig entschlüsseln kann.

Durch andere Funksignalquellen kann Jamming unbeabsichtigt erfolgen - etwa durch Radar- oder Kommunikationssysteme auf benachbarten Frequenzen. Jamming kann aber auch vorsätzlich eingesetzt werden. Vorsätzliches Jammen mit GNSS-Störsendern ist in den meisten Ländern illegal, im Internet sind Equipment und Anleitungen aber problemlos erhältlich.

Beim sogenannten Spoofing (deutsch: Manipulation) werden absichtlich falsche PNT-Daten übertragen, um den Nutzenden die wahre Position zu verschleiern. Sie erhalten falsche Navigationsdaten. Beim Spoofen sind komplexere Geräte notwendig, um die Satellitensignale vorzutäuschen.

Gegenmaßnahmen: Was hilft gegen Jamming und Spoofing?

Da sich Piloten und Schiffskapitäne auf mehrere Systeme stützen, besteht nach Einschätzen von Forschenden des Deutschen Zentrum für Luft-und Raumfahrt (DLR) für diese "keine akute Gefährdung". Unbedeutend sind die Störungen dennoch nicht. "Allerdings kam es schon zu Routenänderungen und Flugausfällen", schreiben sie. Besonders Spoofing-Attacken in der Luft und auf See können Chaos auslösen, wie die Beispiele oben zeigen.

Mit Blick auf die Entwicklung zukünftiger Technologien zur Positionsbestimmung, die für den zunehmenden Verkehr und die Automatisierung im Mobilitätssektor notwendig sind, sei man aber "gut beraten, solche Störungen ernst zu nehmen und bei derartigen zukünftigen Technologieentwicklungen zu berücksichtigen".

Am DLR-Institut für Kommunikation und Navigation wird bereits an alternativen Navigationssystem gearbeitet, zum Beispiel an "R-MODE". Es laufe derzeit in der Ostsee im Testbetrieb und ermögliche Schiffen eine Positionsbestimmung auch bei GNSS-Störungen durch die Nutzung anderer Funksignale. Eine vergleichbare Alternative gebe es mit "LDACS-NAV" auch für die Luftfahrt.

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Image caption Satellitennavigation ist heute nicht mehr wegzudenken. Experten wollen die übertragenen Signale störungssicher machen.
Image source ESA/dpa/picture-alliance
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Item 50
Id 68227700
Date 2024-02-14
Title Film "Colonos": Massenmord an den Indigenen von Feuerland
Short title Film "Colonos": Völkermord an den Indigenen von Feuerland
Teaser Sie wurden wie Tiere gejagt und abgeschlachtet: 150 Jahre nach dem Genozid an den Indigenen von Feuerland erzählt der Film "Colonos" von den Gräueln der Kolonisation.
Short teaser Die indigenen Bewohner Feuerlands wurden brutal abgeschlachtet. Nun erzählt ein Film von den Gräueln der Kolonisation.
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"Colonos" ist ein Western der besonderen Art, der eine brutale Geschichte erzählt: Um 1900 brechen drei Reiter zu einer Expedition nach Feuerland auf. Für ihren Auftraggeber, den Großgrundbesitzer Menendez, sollen sie dessen riesige Ländereien "sichern", das heißt: mit Gewalt von der indigenen Bevölkerung befreien. Felipe Gálvez' Spielfilmdebüt "Colonos", bei den Filmfestspielen in Cannes ausgezeichnet, erzählt von diesen brutalen Ereignissen.

Das Todeskommando ermordete Indigene vom Volk der Selk'nam, hochgewachsene Menschen, Nomaden, die von der Jagd auch auf die Schafe der Kolonisatoren leben. Die weißen Siedler antworteten mit Waffengewalt. Ein Genozid, der von der Weltöffentlichkeit fast unbemerkt bleibt.

Abrechnung mit dem rassistischen Kino

Gálvez' Film macht die Gewalt sichtbar und schlägt damit eines der dunkelsten Kapitel der chilenischen Geschichte auf. "Es ist ein Film", sagt der Regisseur in einem Interview mit dem deutschen Fernsehsender ARD, "der von der Vergangenheit erzählt, aber in die Gegenwart reicht und Dinge reflektiert, die heute passieren."

"Colonos" sieht zwar auf den ersten Blick aus wie ein Western, ist aber keiner. "Das Kino des 20. Jahrhunderts war ein aktiver Komplize des Kolonisierungsprozesses in Amerika", sagt Regisseur Gálves, "der Western ein Propagandagenre, das das Abschlachten der indigenen Bevölkerung rechtfertigte." Der Western habe das Töten zum Unterhaltungskino gemacht und die Ureinwohner als Bösewichte dargestellt. "Es war ein extrem rassistisches Kino", so Gálves.

Der Film beruht auf Tatsachen, die verstärkt auch die Weltöffentlichkeit interessieren. Die ersten weißen Siedler erreichten Feuerland mit der Weltumsegelung des Portugiesen Ferdinand Magellan im Jahre 1520. Wegen der zahllosen Lagerfeuer, die den Indigenen unter anderem zur Kommunikation dienten, tauften sie die Inselgruppe an der Südspitze des Kontinents "Feuerland". Die Kolonisierung der "Tierra del Fuego" begann aber erst um 1850, als die ersten Einwanderer aus Argentinien, Chile und Europa auf die Isla Grande übersetzten. Die Schafzüchter, Goldsucher und Missionare schleppten unbekannte Krankheiten ein und machten damit den Ureinwohnern den Garaus.

Missionar forscht zum Leben der Indigenen

Vermutlich waren diese vor rund 10.000 Jahren nach Patagonien und Feuerland gekommen. Wie vier weitere indigene Völker trotzten die Selk'nam den widrigen Lebensumständen des Insellabyrinths mit seinem polaren Klima aus brennender Sonne und antarktischer Kälte. Die Feuerländer zogen in kleinen Gruppen durch die karge, von Wasseradern zerschnittene Landschaft.

Die Selk'nam bauten keine Städte, keine Monumente. Sie hinterließen keine Tongefäße und kannten keine Schriftsprache. An ihre Kultur erinnern heute vor allem historische Fotos und Forschungsberichte des Missionars Martin Gusinde (1886-1969).

Von den Steyler Missionaren, einer Ordensgemeinschaft päpstlichen Rechts in der römisch-katholischen Kirche, nach Chile entsandt, unternahm der österreichische Priester und Anthropologe Gusinde zwischen 1918 und 1924 vier Forschungsreisen und dokumentierte dabei in Bild und Ton das Leben der damals schon fast ausgerotteten "Feuerland-Indianer". Ein umfangreicherBildband erschien zuletzt im deutschen Verlag Hatje Cantz mit dem "Begegnungen auf Feuerland".Gusindes Fotos werden heute vom Anthropos Institut der Steyler Missionare in Sankt Augustin bei Bonn aufbewahrt. Manche zeigen Ureinwohner bei rituellen Handlungen wie der Hain-Zeremonie: Nackte junge Männer tanzen im Kreis, um den Regen zu vertreiben und die Sonne herbeizurufen. Auf anderen Bildern sind die Körper mal mit Strichen und Kreisen, mal mit Punkten und Farbfeldern bemalt, je nach Zweck und Anlass. "Gusinde war einer der ersten Ethnologen", sagt der Bibliothekar des Anthropos-Instituts, Harald Grauer, im DW-Interview, "der den direkten Kontakt zu den Völkern gesucht hat. Und in der Tat: Niemand kam ihnen so nahe wie Gusinde.

Kritisch beleuchtet: Die Rolle der Kirche

Einen kritischen Blick auf die Rolle der Kirche beim Völkermord an den Selk'nam wirft derzeit auch eine Graphic Novel der chilenischen Autoren Carlos Reyes und Rodrigo Elgueta: "Wir, die Selk'nam". Denn mit den Schafzüchtern und Goldsuchern kamen die Missionare. Nach Protesten gegen den Völkermord trieben die chilenischen Behörden die Selk'nam zusammen. Einige wurden in ein provisorisches Lager im Hafen von Punta Arenas oder nach Ushuaia verschleppt, andere kamen in eine Missionsstation auf der Isla Dawson, einer chilenischen Insel in der Magellanstraße. So wurden die Missionare, wie Kritiker heute meinen, trotz bester Absichten zu Beschleunigern des Genozids.

Ein weiteres düsteres Kapitel in der Kolonisierung Feuerlands schrieben die "Völkerschauen". Auch Selk'nam wurden nach Europa verschleppt und dort als primitive Urmenschen aus Südamerika vermarktet: Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis Anfang der 1930er-Jahre zogen Völkerschauen ein Millionenpublikum an. Europaweit führend im Geschäft mit dem Menschenzoo war der Hamburger Tierpark Hagenbeck.

Selk'nam wurden auch in Menschenzoos präsentiert

Dem Hamburger Kolonialismusforscher Jürgen Zimmerer zufolge bestätigten sie beim Publikum das Selbstbild der eigenen Überlegenheit. Diese Geschichte sei bisher kaum aufgearbeitet, so Zimmerer im Norddeutschen Rundfunk.

Vielleicht braucht es dafür mehr Mut? Einer, der auf Dialog mit den Indigenen setzt, ist der Ethnologe Lars Frühsorge. Der Leiter der Völkerkundesammlung Lübeck hat kürzlich die Ausstellung"Hoffnung am Ende der Welt. Von Feuerland zur Osterinsel".

verantwortet. Zuvor allerdings reiste er nach Feuerland, um Nachfahren von Selk'nam zu treffen, ihnen Fotos der Exponate zu zeigen und sein Konzept zu besprechen. Für Völkerkundemuseen , das habe er gelernt, sei ein solcher Dialog "überlebenswichtig", sagt Frühsorge.

Dass die Selk'nam in der Jetzt-Zeit angekommen sind, zeigt nicht nur Felipe Gálvez' aufreibendes Leinwanddrama "Colonos". Im Herbst 2023 erkannte Chiles Regierung - nach vielen Jahren des Kampfes - die Selk'nam offziell als existierende indigene Gemeinschaft an. Ihr Schicksal erzählt der Film "Colonos", ab dem 15. Februar 2024 in den deutschen Kinos zu sehen ist.

Item URL https://www.dw.com/de/film-colonos-massenmord-an-den-indigenen-von-feuerland/a-68227700?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Auf der Jagd nach den Ureinwohnern von Feuerland: Filmstill aus "Colonos"
Image source QuijoteFilms
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Item 51
Id 68197828
Date 2024-02-14
Title Warum Bob Marley eine Ikone der Menschenrechte ist
Short title Warum Bob Marley eine Ikone der Menschenrechte ist
Teaser Bob Marley hat den Reggae weltberühmt gemacht - nicht nur wegen seiner Musik, sondern auch wegen seiner Botschaften, die heute wichtiger sind denn je. Davon erzählt das Biopic "One Love", das jetzt in die Kinos kommt.
Short teaser Bob Marley hat den Reggae weltberühmt gemacht - nicht nur wegen seiner Musik, sondern auch wegen seiner Botschaften.
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Als Bob Marley im Juni 1980 in der Kölner Sporthalle auf der Bühne stand, war der Musiker aus Jamaika bereits von seiner Krankheit gezeichnet. Doch seine Ausstrahlung zog die 8000 Zuschauer in ihren Bann - vor allem, als er den "Redemption Song" anstimmte. Ganz allein, im Lichtkegel eines Scheinwerfers, umgeben von den Rauchschwaden hunderter Joints, die im Publikum herumgereicht wurden.

Ein knappes Jahr später war Marley tot, er starb am 11. Mai 1981 an Krebs. Er wurde nur 36 Jahre alt. Doch seine politischen und spirituellen Botschaften haben bis heute Bestand und werden auch in Zukunft in seinen Songs weiterleben.

Bob Marley hat den Reggae und dessen Botschaften in die Welt getragen - so nachhaltig, dass die UNESCO diese Musik zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt hat und Reggae auch auf der ganzen Welt gespielt wird. Die Filmbiografie "One Love" will Bob Marley ein weiteres Denkmal setzen.

Rastafari, eine junge Religion

In Alter von 22 Jahren entdeckte Bob Marley die Rastafari-Religion für sich. Sie ist erst ein knappes Jahrhundert alt. Als ihre Geburtsstunde gilt der Tag, an dem Haile Selassie I. zum Kaiser von Äthiopien gekrönt wurde - der 2. November 1930. Wenige Jahre zuvor hatte der jamaikanische Aktivist Marcus Garvey die Krönung eines mächtigen schwarzen Königs in Afrika vorhergesagt, der die Befreiung der Schwarzen bringen würde.

Selassies ursprünglicher Name war Ras Tafari Makkonen. "Ras" bedeutet in der amharischen Sprache, die in Äthiopien gesprochen wird, soviel wie "Fürst". Die Rastafari sahen in ihm die Wiederkunft Jesu Christi und betrachteten ihn als lebendigen Gott auf Erden. Vieles im Glauben der Rastafari bezieht sich auf die Bibel, vor allem auf das Alte Testament.

Die Rastafari glauben an eine - auch spirituelle - Rückkehr nach Afrika, in das gelobte Land Äthiopien. Die schwarzen Jamaikaner sind Nachfahren der Sklaven, die aus Afrika nach Amerika und in die Karibik verschleppt wurden.

Rastafari wollen mit Hilfe ihres Glaubens den kulturellen Bruch, der durch die Versklavung ihrer Vorfahren entstand, überwinden. Dabei geht es um ein möglichst natürliches und naturnahes Leben, um die Prinzipien von Liebe und Frieden, es geht um Gerechtigkeit, Einheit und Gleichheit - und um den Kampf gegen Babylon - ein Synonym für die "westliche Welt", die so viel Unglück über das afrikanische Volk gebracht habe. Babylon steht auch für Jamaika, wo die Vorfahren als Sklaven gestrandet sind.

Hautfarbe ist egal

Rastafari wendet sich gegen jede Form der politischen, kulturellen und religiösen Unterwerfung von Menschen. So ist Rastafari eine weltweite Bewegung mit Anhängern aller Hautfarben. Heute wird ihre Zahl weltweit auf 700.000 bis eine Million geschätzt.

Durch das Tragen von Dreadlocks (Filzlocken) wollen sich einige Rastas bewusst von der Oberschicht der Gesellschaft abgrenzen. Die historischen Wurzeln der Dreadlocks liegen bei den Widerstandskämpfern der Mau-Mau, die sich in Kenia gegen die britische Kolonialmacht auflehnten. Mit ihnen identifizieren sich viele Rastafari. Das so oft erwähnte Rauchen von Marihuana dient eher zur Bewusstseinserweiterung als dem Berauschen und ist nicht unbedingt Teil der Rastafari-Religion.

Bob Marley machte Reggae weltberühmt

Mit Bob Marley, der als erster Superstar aus einem Entwicklungsland gilt, wurde auch der Reggae, die Musik der Rastafari, weltweit bekannt. Entstanden ist diese Musik in den 1960er-Jahren auf Jamaika, zu einer Zeit, als soziale Unruhen herrschten und Gangster die Straßen unsicher machten. DJs, die mit ihren "Soundsystems" (mobilen Diskotheken) auf den Straßen Musik machten, entwickelten diesen Sound aus vielen bereits bekannten Genres wie Mento, Ska, Soul und Jazz. Bob Marley war maßgeblich an dieser Entwicklung beteiligt.

Der entspannte und doch treibende Rhythmus eignete sich hervorragend, um die positiven Botschaften von Frieden und Liebe zu verbreiten.

Bob Marleys Texte benutzen viel religiöse Rhetorik, sind aber auch bodenständig und erzählen von den Problemen einer diskriminierten Minderheit, von Ghettos, Sklaverei und Ungerechtigkeit. Und wie ein roter Faden zieht sich der Rastafari-Glaube durch Marleys Lieder.

Bob Marleys Lieder

"Get Up Stand Up" ist entstanden, nachdem Bob Marley auf Haiti war und die Armut der Menschen dort unter der Duvalier-Diktatur (1957 - 1986) ihn offenbar schockiert hat. Der Text fordert die Menschen auf, für ihre eigenen Rechte zu kämpfen und nicht aufzugeben. Das Lied ermutigt, auf das eigene Urteilsvermögen zu vertrauen. "Get Up, Stand Up" gilt als inoffizielle Hymne von Amnesty International.

"Exodus" behandelt den Rastafari-Glauben der Rückkehr nach Afrika. Im Text heißt es: "Seid ihr zufrieden mit dem Leben, das ihr führt? Wir wissen, wohin wir gehen, wir wissen, woher wir kommen, wir verlassen Babylon, wir gehen in das Land des Vaters. In diesem Exodus bewegt sich das Volk Jahs (Gottes)".

In "Zimbabwe" fordert Bob Marley die Afrikaner auf, Simbabwe zu befreien, das unter der britischen Kolonialherrschaft den Namen "Rhodesien" trug. Bei der Unabhängigkeitsfeier Simbabwes spielte Marley das Lied live. Es wurde zur inoffiziellen Nationalhymne des Landes.

Oft falsch verstanden: No Woman, No Cry

"Keine Frau, kein Geheule", könnte man bei diesem Titel vordergründig denken. Doch Bob Marley wollte damit etwas Tröstliches sagen - denn in der Sprache der Bewohner von Trenchtown bedeutet "No Woman, No Cry": "Nein, Frau, weine nicht!"

Trenchtown ist das Ghetto der jamaikanischen Hauptstadt Kingston, in dem Bob Marley aufwuchs. Der Song spiegelt das Lebensgefühl dort wider, geprägt von Armut und starken Familienbanden, die sich gegenseitig unterstützen. Das Lied entstand, als Marley im Hinterhof saß und eine Frau in der Nachbarschaft weinen hörte.

Marleys Erbe: Redemption Song

Das Lied "Redemption Song" ist Marleys Vermächtnis. Es gibt mehrere Aufnahmen davon, aber eigentlich sollte es nur diese eine Version werden, die rein mit Stimme und Gitarre auskommt, wobei das Weglassen der Instrumente die Intensität des Liedes erhöht.

Marley zitiert darin den Rasta-Propheten Marcus Garvey, der 1937 in einer Rede sagte: "Emancipate yourself from mental slavery, none but ourselves can free our mind." Die Sklaverei der Vorfahren müsse aus den Köpfen der Menschen verschwinden, erst wenn man geistig frei sei, sei man wirklich frei.

Diese Gedanken und das Wissen um seinen baldigen Tod haben Bob Marley zum "Redemption Song" inspiriert. Ein Lied, mit dem er auch heute noch vielen Menschen weltweit Hoffnung gibt.

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Image caption Bob Marley im Juli 1980
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Item 52
Id 68231505
Date 2024-02-13
Title Wie Liebe die Hormone in Gehirn und Körper tanzen lässt
Short title Wie Liebe die Hormone in Gehirn und Körper tanzen lässt
Teaser Verliebt zu sein ist nicht nur am Valentinstag aufregend. Eine große Rolle spielen dabei Hormone. Sie regen in verschiedenen Phasen der Verliebtheit die Gehirnaktivität an und sorgen für das Kribbeln im Bauch.
Short teaser Verliebt zu sein ist nicht nur am Valentinstag aufregend. Hormone sorgen für das Kribbeln im Bauch.
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Wenn wir uns verlieben, schüttet der Körper einen Hormoncocktail mit Serotonin, Phenylethylamin, Dopamin und Oxytocin aus, der es in sich hat. Die meisten dieser hormonellen Botenstoffe werden im Gehirn gebildet.

"Dort kann man sie nicht durch Blut abnehmen messen", bedauert der Bochumer Forscher Helmut Schatz von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Liebe lässt sich zwar nicht messen. Aber wissenschaftlich nachvollziehen lassen sich die Auswirkungen des Hormonmixes dennoch. Das geht mit Tomographen, die zumindest die Aktivitäten in einzelnen Hirnarealen aufzeichnen.

Welche Phasen Verliebte durchlaufen und welche Hormone sie dabei begleiten, kann ganz schön aufregend sein!

Phase 1: "Ich bin ja so verliebt!"

Herzklopfen und Schmetterlinge im Bauch - dahinter stecken Dopamin und das "Verliebtheitshormon" Phenylethylamin. Es sorgt dafür, dass eine erotische Anziehungskraftzwischen Menschen entsteht. Zusätzlich macht Dopamin uns offen gegenüber anderen. Also auch gegenüber der künftigen großen Liebe.

Phase 2: "Wir haben uns geküsst!"

Lust zu knutschen? Dann los! Küssen ist nicht nur schön, sondern auch gesund. Die Pulsfrequenz steigt und der Stoffwechsel verbessert sich. Wer viel küsst, ist weniger anfällig für Bluthochdruck und Depressionen.

Der ausgetauschte Speichel ist gut für das Immunsystem und die Zähne, weil antimikrobielle Enzyme Karies und Parodontose vorbeugen. Und auch um tiefe Falten brauchen sich eifrige Küsser weniger Sorgen zu machen. Sie trainieren alle 34 Gesichtsmuskeln auf einmal und straffen so ihre Haut.

Phase 3: "Nur in Deiner Nähe bin ich glücklich"

Insbesondere frisch Verliebte neigen dazu, den geliebten Menschen zu idealisieren, alle Gedanken kreisen um ihn. Das überschäumende Verliebtsein ist mit neuronaler Aktivität in Hirnbereichen verbunden, die bei Belohnung und Motivation, Emotionen sowie sexueller Erregung beteiligt sind.

Bekannt ist, dass bestimmte Hirnareale, die bei romantischer Liebe eine Rolle spielen, sich mit dem sogenannten Annäherungssystem oder auch Verhaltensaktivierungssystem, kurz BAS (Behavioral Activation System), überschneiden.

Das BAS bewirkt, dass wir positive Reize verstärkt wahrnehmen, neugieriger sind und selbstbewusster handeln, heißt es in einer australischen Studie, die im Fachjournal "Behavioural Sciences" erschienen ist. "Menschen, die romantische Liebe erleben, zeigen eine Reihe von Kognitionen, Emotionen und Verhaltensweisen, die auf eine gesteigerte BAS-Aktivität hindeuten", heißt es in der Studie. Den Ergebnissen zufolge gibt es einen Zusammenhang zwischen BAS und Verliebtsein: Es reagiert auf Reize in Bezug auf die geliebte Person.

Gleichzeitig nimmt bei frisch Verliebten überraschenderweise das Glückshormon Serotonin ab. Forscher erklären das so: Verliebte verlieren den rationalen Blick und stellen den Partner voll und ganz in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit. Wenn die Person für längere Zeit (oder auch nur für fünf Minuten) nicht in der Nähe ist, kommt es zu Entzugserscheinungen, ähnlich wie bei Drogensüchtigen.

Phase 4: "Du und ich für immer und ewig"

Wichtig für eine Partnerschaft ist auch das "Kuschelhormon" Oxytocin. Es fördert nicht nur die Bindung zwischen Mutter und Kind, sondern auch zwischen Partnern.

Zusätzlich sorgt es in sozialen Beziehungen für Vertrauen. Allerdings hat es auch seine schlechte Seiten: Es bewirkt, dass Menschen andere ausgrenzen. Das machen Verliebte in der Regel aber - wenn überhaupt - nicht mit böser Absicht.

Phase 5: Zeit zu zweit mit Testosteron und Östrogen

Sex hat nur indirekt mit den klassischen Verliebtheitshormonen zu tun. Auf Sexualität wirken vor allem die Geschlechtshormone Testosteron und Östrogen. Beim weibliche Orgasmus wird außerdem das Hormon Oxytocin hoher Konzentration ausgeschüttet. Je mehr davon ausgeschüttet wird, desto heftiger ist der Orgasmus und das anschließende Gefühl der Bindung an denjenigen, mit dem man diesen Orgasmus erlebt hat.

Sex hat auch für die Gesundheit angenehme Begleiteffekte. Die Partner verbrennen beim Sex jeweils bis zu einige hundert Kilokalorien, so Endokrinologe Schatz.

Durch den Sex neigen Männer außerdem weniger zu Prostatakrebs. Und die vom Körper freigesetzten, opiumähnlichen Substanzen können sogar wie Schmerzmittel wirken. "Knie- oder Wirbelschmerzen bei älteren Männern gehen davon aber auch nicht weg", verrät Hormonforscher Helmut Schatz.

Der Zauber der Liebe

Ob die Liebe hält, hängt allerdings von viel mehr ab als nur von den Hormonen. "Man darf die Hormone nicht isoliert betrachten", betont Schatz. "Verliebtheit hängt stark von der Psyche ab. Und auch vom Nervensystem."

Der Zauber des Verliebtseins ist also nicht nur ein biologischer Prozess. Die Hormone sind nur Teil eines Netzwerks aus Komponenten, die für das Gefühl "Liebe" verantwortlich sind.

Um die Liebe vor dem Alltag zu retten, rät Endokrinologe Schatz, gelegentlich zum Beispiel mal Achterbahn zu fahren: Gefahrensituationen schweißen Paare zusammen. Einen anderen Tipp hat der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth: öfter Komplimente machen. Ehrliche und nette Worte können die vermehrte Ausschüttung von neuronalen Wirkstoffen wie Oxytocin und Dopamin auslösen. Genau der Stoff also, den Verliebte brauchen.

Der Artikel erschien ursprünglich 2017 und wurde zum Valentinstag 2024 mit der australischen Studie aktualisiert.

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Image caption Liebe lässt sich nicht messen. Aber die Auswirkungen des Hormoncocktails lassen sich wissenschaftlich feststellen
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Item 53
Id 68227255
Date 2024-02-13
Title Wie Lettland Russlands größter Alkohollieferant wurde
Short title Wie Lettland Russlands größter Alkohollieferant wurde
Teaser Whisky und Wein aus Lettland? Warum westeuropäische Produzenten das baltische Land als Zwischenstation für ihren Russlandhandel nutzen. Aus Riga Jennifer Pahlke.
Short teaser Whisky und Wein aus Lettland? Warum westeuropäische Firmen Lettland als Zwischenstation für ihren Russlandhandel nutzen.
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Lettland ist im vergangenen Jahr Russlands Hauptlieferland für Whisky geworden. In den ersten neun Monaten des Jahres 2023 importierte Russland Whisky im Wert von knapp 244 Millionen Euro.

Davon entfielen nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti fast Dreiviertel, nämlich 177 Millionen Euro, auf Lettland. An zweiter Stelle - aber schon weit abgeschlagen - steht ein weiteres baltisches Land: Litauen. Es hat Russland Whisky im Wert von knapp 27 Millionen Euro verkauft.

Mit Wein-Exporten im Wert von 73 Millionen Euro hat Lettland zudem Italien als Hauptlieferant abgelöst - der größte Weinproduzent der Welt exportierte zwischen Januar und August 2023 Wein für knapp 68 Millionen Euro nach Russland.

Nach Angaben des lettischen Statistikbüros betrug die Summe aller Exporte von Lettland nach Russland im Jahr 2023 (bis einschließlich November) über 1,1 Milliarden Euro.

Fast die Hälfte davon sind Exporte von Getränken, Spirituosen und Essig. Damit gehört Russland, was das Exportvolumen angeht, auch im Jahr 2023 zu Lettlands fünf größten Exportmärkten.

Gleiche Lieferketten, andere Dokumentation

Natürlich sind die baltischen Länder nicht plötzlich zu einer lukrativen Weinbauregion oder einem Hotspot zur Whiskyherstellung geworden. Vielmehr stammt der weitaus größte Teil der alkoholischen Getränke, die aus Lettland nach Russland exportiert werden, von westeuropäischen Unternehmen, die in Lettland registriert sind.

Das haben Vertreter des lettischen Verbandes der Alkoholindustrie bestätigt. "Es scheint einige größere Unternehmen aus westeuropäischen Ländern zu geben, die Lettland einfach als eine Art Vertriebszentrum nutzen", sagt Matiss Mirosnikovs, Ökonom der Bank of Latvia im Gespräch mit der DW. "Es handelt sich also nicht unbedingt um die Produktion der lettischen Industrie, sondern um Reexporte."

Warum die baltischen Länder in den Zollstatistiken als Ursprungsland auftauchen, erklärt der Leiter der russischen Spirituosenimportfirma Ladoga, Veniamin Grabar, in einem Gespräch mit der russischen Agentur für internationale Informatinom RIA Novosti.

"Wenn früher in den Dokumenten stand, dass die Importe nach Russland einfach über Lettland oder Litauen liefen, erscheinen jetzt die baltischen Staaten als Zielort des Exports. Und von dort aus finden dann die Lieferungen nach Russland statt."

Die Logistikketten haben sich demnach also nicht geändert. Es sind die gleichen Produzenten, die Russland beliefern - nur, dass in ihrer Dokumentation nun Lettland als Zielland steht. Um die Ausfuhr aus der EU nach Russland, inklusive Zollpapieren, kümmern sich nun die lettischen Partner.

Westliche Länder fürchten Imageverlust

Die Exporte verstoßen zwar nicht gegen die EU-Sanktionen. Dass Lettland aber quasi als Vertriebszentrum genutzt wird, zeige, dass viele westeuropäische Firmen einen Imageschaden befürchten, wenn sie direkt nach Russland exportierten, meint Matiss Mirosnikovs.

Für andere Unternehmen gehe es um die Existenz: "Einige Firmen haben nur Russland und Belarus als Kunden. Deswegen wollen und vor allem können sie ihr Geschäft nicht einfach so einstellen."

Für viele unabhängige Organisationen ist es dennoch eine Frage der Ethik, ob man angesichts des von Moskau begonnenen Krieges in der Ukraine noch Geschäfte mit Russland machen sollte.

Die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine gegründete private Moral Rating Agency aus London etwa rankt westliche Firmen nach ihrem Russlandgeschäft.

Demnach gehört der französische Konzern Pernod Ricard - unter anderem bekannt für Marken wie Absolut Wodka und Jameson Whisky - zu den größten Lieferanten alkoholischer Getränke nach Russland.

Parallelhandel über Drittländer

Russische Medien berichteten zwar, Pernod Ricard plane, sein Russlandgeschäft einzustellen. Doch laut einer Pressemitteilung des Spirituosengiganten werde es "einige Monate" brauchen, das Geschäft in Russland einzustellen.

Russische Mitarbeiter würden dennoch weiterhin bezahlt. Der sogenannte Parallelhandel über Drittländer scheint indes weiterzulaufen.

Auf eine Anfrage der DW nach einer Stellungnahme hat Pernod Ricard in Lettland nicht geantwortet. Auch bei den anderen Alkoholexporteuren in Lettland wollte niemand mit der Deutschen Welle sprechen.

Widerspruch zur baltischen Russland-Politik

Der zunehmende Spirituosenhandel mit Russland steht in starkem Kontrast zu der Russland-Politik der baltischen Länder. Lettland, Litauen und Estland treiben in der EU die Sanktionen gegen Russland besonders stark voran.

Schon lange vor dem Krieg in der Ukraine warnten sie vor dem aggressiven Kurs Putins. Nun wenden sich Estland und Lettland sogar von der russischen Sprache ab: Bildung soll nur noch in den jeweiligen Landessprachen erfolgen.

Wer mit russischem Pass in Lettland leben möchte, auch wenn der- oder diejenige bereits das ganze Leben dort verbracht hat, muss jetzt das Sprachniveau Lettisch A2 erreichen. Sonst droht die Ausweisung.

Wie passen die politische und kulturelle Abkehr von Russland mit dem wachsenden Alkohol-Export zusammen? Das zuständige lettische Agrarministerium wollte sich dazu nicht äußern und ließ eine Anfrage der DW nach einer Stellungnahme unbeantwortet.

Die damalige lettische Wirtschaftsministerin Ilze Indriksone hatte lettischen Medien auf die Frage nach Russland-Exporten im Sommer 2023 geantwortet, dass die Regierung die Unternehmen seit langem aufgefordert habe, den Handel mit Russland und Belarus einzustellen

"Wir haben auch über die physische Schließung der Grenze und die Verhinderung des landgebundenen Verkehrs diskutiert. Aber wenn nicht alle Länder, die an Russland und Weißrussland grenzen, sondern nur wir die Grenze schließen, wird das keine Ergebnisse bringen."

Ökonom Matiss Mirosnikovs hat eine persönliche Meinung: "Es gibt zwei Seiten. Auf der einen Seite ist es gut, Geld von Russland zu erhalten, weil sie dann weniger Geld für militärische Zwecke ausgeben können. Auf der anderen Seite ermöglicht man den Eliten, das zu tun, was sie wollen, nämlich ein möglichst normales Leben zu führen, sodass sie keine Veränderungen herbeiführen wollen.“

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Image caption Nicht von Sanktionen betroffen: Der Alkoholhandel zwischen Lettland und Russland (Symbolbild)
Image source Frank Duenzl/picture alliance
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Item 54
Id 68217729
Date 2024-02-12
Title Warum Cannabis Heißhunger auslöst
Short title Warum Cannabis Heißhunger auslöst
Teaser Das Rauchen von Cannabis löst Essattacken aus. Aber warum? Forschende haben herausgefunden, was dabei im Gehirn vor sich geht. Und das könnte sogar helfen, den Appetit von Krebspatienten anzuregen.
Short teaser Wissenschaftler haben herausgefunden, wie Cannabis den Appetit anregt. Das könnte Menschen mit Krebs helfen.
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Das Rauchen von Cannabis kann den Appetit anregen - das ist bekannt. Aber wie genau das vor sich geht und warum dieses Wissen durchaus nützlich sein kann, haben neue Forschungsergebnisse aus den USA gezeigt.

Die Forschenden der Washington State Universität setzten Ratten und Mäuse Cannabisdampf aus, um so bestimmte Gehirnregionen zu stimulieren, die mit Appetit zu tun haben. Dann beobachteten sie das Fressverhalten der Nagetiere, beispielsweise wie oft sie fraßen.

Donald Abrams, Onkologe an der Universität von Kalifornien in San Francisco, war nicht an der Studie beteiligt. Er hält die Ergebnisse für eine nützliche Ergänzung zu bereits bestehenden Forschungen, die sich mit der medizinischen Anwendung von Cannabis beschäftigen.

"Ratten sind keine Menschen", sagt Abrams, "aber als jemand, der in den 60er Jahren studiert hat, weiß ich, dass Cannabis den Appetit anregt." Offenbar das Ergebnis eines Selbstversuchs. Die neuen Forschungserkenntnisse könnten beispielsweise Menschen helfen, die sich einer Krebsbehandlung unterziehen müssen und keinen Appetit haben. Dabei ist es gerade für sie wichtig, genug zu essen, damit sie bei Kräften bleiben.

Cannabis aktiviert spezifische Neuronen

Doch zurück zur Studie: Die Forschenden setzten die Ratten und Mäuse einer vergleichbaren Cannabismenge aus, die auch Menschen beim Konsum durchschnittlich rauchen. Das Fressverhalten der Ratten und Mäuse zeigte, dass sie häufiger nach Nahrung suchten, nachdem sie Cannabisdampf geatmet hatten.

Dann untersuchten die Forschenden bei den Mäusen die neuronale Aktivität. Dabei stellten sie fest, dass das Cannabis eine kleine Gruppe spezifischer Neuronen im Hypothalamus aktivierte. Der Hypothalamus kontrolliert den Appetit, kontrolliert aber auch andere Funktionen wie Körpertemperatur und Stimmung.

Werden diese spezifischen Neuronen aktiviert, löst das eine Kaskade von neuronalen Signalen aus, die mit Motivation und Bewegung verbunden sind. Das ist es, was uns Menschen dazu bringt, vom Sofa aufzustehen, um in den Küchenschränken nach Süßkram und Chips zu suchen. Bei den Ratten und Mäusen in der Studie war das nicht viel anders - auch sie gingen auf Nahrungssuche.

Wie die Chemikalien in Cannabis den Appetit beeinflussen

Die Forschenden analysierten daraufhin die Wechselwirkung zwischen den Chemikalien in Cannabis und der Gehirnaktivität, die mit Appetit und Nahrungsaufnahme zusammenhängt. Cannabis setzt Chemikalien frei, die als Cannabinoide bekannt sind: Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD).

THC und CBD lösen Neuronen im Hypothalamus aus, die ein Protein namens Cannabinoid-1-Rezeptor (CB1-Rezeptor) hervorbringen. Man weiß, dass dieser Rezeptor den Appetit steigert und die Suche nach Nahrung anregt.

Die neue Studie ergab, dass der Hypothalamus deutlich mehr Zellen mit dem CB1-Rezeptor aktivierte, sobald die Mäuse Nahrung sahen. Die Forschenden schalteten daraufhin die entsprechenden Neuronen bei einigen Mäusen aus und konnten beobachteten, dass das Cannabis den Appetit dann deutlich weniger stimulierte.

Medizinisches Cannabis soll den Appetit anregen

Forschende untersuchen schon seit einiger Zeit die appetitanregenden Eigenschaften von Cannabis. Man hofft, medizinisches Cannabis beispielsweise bei Menschen einsetzen zu können, die sich einer Chemotherapie unterziehen müssen und deshalb kaum Appetit verspüren oder bei Menschen, die unter Magersucht leiden.

Entsprechend wurden Medikamente auf synthetischer Basis entwickelt. Sie sollen die Wirkung von Cannabis imitieren. In einigen Studien - zum Beispiel zur Behandlung von Magersucht - wirkten die Medikamente jedoch nicht zuverlässig.

Nach Michelle Sexton, Forscherin an der Universität von Kalifornien in San Diego (USA), könne dies daran liegen, dass die Medikamente oral eingenommen wurden, was möglicherweise nicht so wirksam ist wie das Rauchen von Cannabis. Per E-Mail teilte Sexton der DW mit, dass "die Beweise für die Auswirkungen von verdampftem Cannabis auf den Appetit nicht ausreichend untersucht sind."

In den USA und einigen anderen Ländern, darunter auch Deutschland, ist Cannabis nach wie vor eine verbotene Substanz. Selbst in US-Bundesstaaten wie Colorado und Kalifornien, wo Cannabis in lizenzierten Verkaufsstellen erhältlich ist, wird es nicht für den medizinischen Gebrauch akzeptiert.

Abrams aber sieht durchaus eine positive Wirkung. "Cannabis ist die einzige Therapie gegen Übelkeit, die gleichzeitig den Appetit steigert. Es ist auch gut gegen Schmerzen, Schlaflosigkeit, Angst und Depressionen, also etwas, das ich Menschen, die mit Krebs leben und auch für ihr Leben nach der Erkrankung häufig empfehle", so Abrams. Seit 40 Jahren empfehle er es, dürfe es aber nicht verschreiben.

Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert.

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Image caption Cannabis und Heißhunger hängen zusammen. Ob das auch in der Medizin nützlich sein könnte, versuchen Forschende herauszufinden.
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Item 55
Id 68206207
Date 2024-02-12
Title Überlebenswichtige Tiere sterben aus
Short title Überlebenswichtige Tiere sterben aus
Teaser Wandernde wildlebende Tiere sind wichtig für die Biodiversität. Mittlerweile aber gehen die Populationen um fast die Hälfte zurück. Damit steht ein funktionierendes Ökosystem auf dem Spiel.
Short teaser Wildlebende Tiere sind wichtig für die Biodiversität. Durch deren drastischen Rückgang steht das Ökosystem auf dem Spiel
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Die Lage ist mehr als dramatisch: Das macht der erste UN-Bericht über den Zustand der wandernden wild lebenden Tierarten der Welt deutlich. Demnach ist die Tierwelt in einem schockierenden Zustand, die Zahl der weltweit wandernden Tierarten nimmt rasant ab, und das globale Aussterberisiko vieler Tiere steigt.

Zu wandernden wild lebenden Tierarten gehören zum Beispiel Zugvögel und Fledermäuse, aber auch Insekten, Fische, Reptilien und Meeresschildkröten. Besondern Schutz brauchen auch wandernde Meeressäugetiere wie Wale und Seehunde sowie viele landlebende Säugetiere wie etwa Antilopen oder Elefanten.

"Wir rasen praktisch ungebremst auf das sechste Massenaussterben der Geschichte zu. Die Natur befindet sich in einer tiefen, systemischen Krise. Umweltverschmutzung, Lebensraumzerstörung, Überfischung oder illegaler Wildtierhandel sind nur einige der Treiber des Artensterbens", sagte Arnulf Köhncke, der Leiter Artenschutz bei der Umweltschutzorganisation WWF Deutschland.

"Dazu kommen die Folgen der weltweiten Klimakrise, die auf den Verlust der biologischen Vielfalt wie ein Brandbeschleuniger wirkt. Wir Menschen sind dabei gleichzeitig Täter und Opfer: Das weltweite Artensterben ist menschengemacht und raubt uns gleichzeitig die Lebensgrundlagen", so Köhncke weiter.

Bei fast 44 Prozent der Tierarten, die unter CMS (UN-Konvention zur Erhaltung der wandernden wild lebenden Tierarten) gelistet sind, gehen die Populationen erheblich zurück. Mehr als jede fünfte Tierart auf der CMS-Liste ist vom Aussterben bedroht, das ist fast ein Viertel. Werden nicht schnell intensive Maßnahmen zur Erhaltung getroffen, werden diese Tiere vielleicht schon bald von der Erde verschwunden sein.

Wichtige Lebensräume sind nicht geschützt

Um zu überleben, brauchen wandernde wild lebende Tierarten sichere Biodiversitätsgebiete. Etwas mehr als die Hälfte dieser Gebiete aber hat keinen Schutzstatus. Das hat zur Folge, dass bei drei von vier Tierarten die Gefahr besteht, dass ihr Lebensraum kleiner wird oder dass sie ihn ganz verlieren. Wandernde wild lebende Tierarten legen oft lange Wege zurück und überschreiten Ländergrenzen.

Zerfallen diese Regionen in kleine Fragmente, werden einzelne Flächen voneinander abgetrennt und isoliert, gibt es kaum noch zusammenhängende Gebiete. Ursache sind u.a. Urbanisation oder auch extensive Landwirtschaft. Können die Tiere ihre langen Wanderungen, nicht mehr beibehalten, beeinträchtigt das die genetische Vielfalt.

"Wandernde Arten reisen regelmäßig, manchmal über tausende von Kilometern, um bestimmte Orte zu erreichen. Auf dem Weg dorthin sind sie enormen Herausforderungen und Gefahren ausgesetzt", sagte Amy Fraenkel, CMS Exekutivsekretärin. "Das gilt auch für die Zielorte, an denen sie brüten oder an denen sie Nahrung finden."

Da die Tiere auf ihren Wanderungen auch Ländergrenzen überschreiten, ist die globale Community gefordert, um sie zu schützen. Das betrifft Vögel, Fische und Säugetiere genauso wie Insekten.

Bedrohung durch Klimawandel und Umweltverschmutzung

Einen sehr großen Anteil an der Bedrohung der wandernden wild lebenden Tiere haben Klimawandel und Umweltverschmutzung. Der vorgelegte Bericht zeige auf, dass nicht nachhaltige, menschliche Aktivitäten die Zukunft wandernder Arten gefährdeten, sagte Inger Andersen von den Vereinten Nationen.

Diese Lebewesen sind wichtige Indikatoren für Umweltveränderungen und spielen auch eine wesentliche Rolle dabei, die Funktion und die Widerstandsfähigkeit der komplexen Ökosysteme unseres Planeten aufrechtzuerhalten. "Die globale Gemeinschaft hat die Möglichkeit, diese neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Belastungen, denen wandernde Arten ausgesetzt sind, in konkrete Maßnahmen zur Erhaltung umzusetzen", so Andersen weiter. Die Lage ist äußerst prekär, jeder Aufschub spitzt sie weiter zu.

Wandernde Tierarten sind wichtig für unser Ökosystem

Der Fokus des jetzt veröffentlichten Berichtes liegt auf den 1.189 Tierarten, die von den CMS-Vertragsparteien als schutzbedürftig eingeordnet wurden. Darüber hinaus analysiert der Bericht weitere 3.000 Arten, die nicht auf der Liste des CMS stehen.

Der größte Feind all dieser Tierarten sind wir Menschen. Wir schädigen die Artenvielfalt beispielsweise durch Überfischung und die Zerstörung von wichtigen Lebensräumen. Mehr als die Hälfte der gelisteten Gebiete sind bedroht.

Wandernde Tierarten halten unser Ökosystem aufrecht. Insekten beispielsweise bestäuben Pflanzen und bilden so ein wichtiges Glied in der Nahrungskette. Das gleiche gilt für viele Vogelarten. Aber die Bedingungen sind jetzt andere. "Bei den Vögeln gibt es viele Beispiele dafür, dass sie ihre Zugzeiten und bis zu einem gewissen Grad auch die Zugrouten ändern", sagt Colin Galbraith von der schottischen Organisation NatureScot. "Diese Tiere sind eng mit ihrem Nahrungsangebot verbunden, und das kann ihnen entgehen, wenn sie zu spät im Jahr [an ihrem Ziel] ankommen oder zu früh. Viele wandern von einem Ende der Erde zum anderen."

Internationale Zusammenarbeit ist entscheidend, um ihnen zu helfen. Es sei notwendig, Maßnahmen entlang der Migrationsrouten zu ergreifen und das zu allen Jahreszeiten. Vögel kontrollieren auch Schädlinge und verhindern deren Verbreitung. Das ist essentiell, damit Ernten nicht vernichtet werden. "Wenn man Singvögel vernichtet, was die Chinesen während der Kulturrevolution getan haben, dann hat man normalerweise jahrelang wirklich furchtbare Ernten. Die Menschen hungerten damals und mussten Spatzen aus Russland importieren", gibt Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut zu Bedenken. Diese übernahmen dann die Aufgaben der Singvögel.

Säugetiere wie beispielsweise Gnus, die vor allem südlich der Sahara zu finden sind, legen jedes Jahr große Entfernungen zurück, um geeignete Weideplätze zu finden. Dabei verteilen sie über ihren Kot Pflanzensamen und tragen so dazu bei, dass die Pflanzenvielfalt weiter bestehen bleibt. Auch Fische, die u.a. wegen Überfischung stark vom Aussterben bedroht sind, sichern während ihrer Wanderungen den Nährstoffkreislauf.

Je weniger wandernde wild lebende Tiere es auf der Erde gibt, umso größer ist die Gefahr, dass unser Ökosystem komplett zusammenbricht.

Wandernde Tierarten kennen keine Grenzen

Ob klein oder groß, ob Wasser, Land oder Luft - für nahezu alle wandernden wild lebenden Tierarten haben sich die Lebensbedingungen verschlechtert: Vom rund 50 Millimeter großen Monarchfalter, der nicht einmal ein Gramm wiegt und zwischen 70 und 330 Kilometern am Tag fliegt, bis hin zu Blauwalen, die bis zu 28 Metern groß werden: Sie alle tragen durch ihre Wanderungen maßgeblich zur Vielfalt und zu einem funktionierenden Nahrungskette bei und damit zum Überleben.

Der Bericht schildert nicht nur die dramatische Situation, in der sich viele Tierarten befinden. Der Bericht gibt auch positive Beispiele. Eines davon betrifft Zypern. Dort konnte durch verschiedene lokale Maßnahmen die Nutzung illegaler Vogelnetze um 91 Prozent verringert werden.

"Wandernde Arten verbinden die ganze Welt", sagt Wikelski. "Aber noch viel wichtiger ist, dass sie enorme Leistungen für das Ökosystem erbringen."

Wenn alle Länder zusammenarbeiten, besteht Hoffnung, dass die Zahl der vom Aussterben bedrohter Tierarten doch noch reduziert werden kann.

Item URL https://www.dw.com/de/überlebenswichtige-tiere-sterben-aus/a-68206207?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Gnus verteilen auf der Wanderung über ihren Kot Pflanzensamen und tragen so zur Pflanzenvielfalt bei.
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Item 56
Id 68226339
Date 2024-02-11
Title Monet-Gemälde in Frankreich mit Suppe beworfen
Short title Monet-Gemälde in Frankreich mit Suppe beworfen
Teaser Erneuter Angriff von Aktivisten auf ein Kunstwerk: In Lyon ist ein Gemälde von Claude Monet mit Suppe beworfen worden.
Short teaser Erneuter Angriff von Aktivisten auf ein Kunstwerk: In Lyon ist ein Gemälde von Claude Monet mit Suppe beworfen worden.
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Es wirkt wie ein Widerspruch: Die französische Aktivistengruppe Riposte Alimentaire kämpft für Lebensmittel und wirft dazu Lebensmittel auf berühmte Gemälde. So erneut geschehen an diesem Sonnabend in Lyon. Zwei Aktivistinnen schütten Suppe auf "Le Printemps" (Frühling) des Impressionisten Claude Monet, rufen Parolen und lassen sich dabei filmen.

Ihr Statement vor dem bekleckerten Kunstwerk: "Dieses Gemälde wird das einzige sein, das übrig bleibt, wenn wir nicht reagieren. Was sollen künftige Künstler malen? Unser Leben und alles, was wir kennen, ist in Gefahr. Die Kunst ist in Gefahr. Aber wir haben immer noch die Wahl. Wir fordern soziale Sicherheit für nachhaltige Lebensmittel."

Tatort war das Musée des Beaux-Arts in Lyon, Frankreichs drittgrößter Metropole. Das dort ausgestellte Monet-Gemälde aus dem Jahr 1872 war durch Glas geschützt. Das Museum erstattet Anzeige wegen Vandalismus, will das Bild in den kommenden Tagen genau prüfen und gegebenenfalls restaurieren. Die beiden Aktivistinnen seien festgenommen worden.

"Wir lieben die Kunst"

Die Aktivistengruppe Riposte Alimentaire (in etwa: Lebensmittel-Gegenschlag), die nach eigenen Angaben für bezahlbare, nachhaltige und gesunde Lebensmittel für alle kämpft, hatte vor kurzem schon einmal einen Suppenanschlag auf ein Kunstwerk verübt. Zwei Aktivistinnen nahmen Ende Januar die "Mona Lisa" im Pariser Louvre ins Visier. Damals kam Kürbissuppe zum Einsatz.

Wegen des Angriffs auf das mit Panzerglas geschützte Gemälde von Leonardo da Vinci sollen sie nach Angaben der Staatsanwaltschaft eine finanzielle Unterstützung für einen Opferverband leisten. "Wir lieben die Kunst", sagt die Bewegung zur Rechtfertigung ihrer Bilderstürmerei, "aber zukünftige Künstler werden auf einem brennenden Planeten nichts zu malen haben".

Es war jetzt in Lyon nicht das erste Mal, dass ein Monet-Gemälde zum Ziel von Umweltaktivisten wurde. Im Oktober 2022 bewarfen in Deutschland Mitglieder der Organisation "Letzten Generation" das Gemälde "Les Meules" ("Heuschober") im Potsdamer Museum Barberini mit Brei. Auch dieses war durch Glas geschützt. Im Juni 2023 beschmierten Aktivisten in Schwedens Hauptstadt Stockholm ein anderes Werk des französischen Impressionisten, "Der Garten des Künstlers in Giverny", mit roter Farbe und klebten ihre Hände an die Glasabdeckung.

Zuletzt hatte es weltweit in verschiedenen Museen Angriffe von Aktivisten unterschiedlichster Gruppen auf berühmte Kunstwerke gegeben. Unter den Zielen waren Andy Warhols "Campbell's Soup" in Australien und in Großbritannien Vincent Van Goghs "Sonnenblumen" in London.

AR/kle (afp, dpa)

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Image caption Monet-Werk "Le Printemps" von 1882 (es gibt mehrere Gemälde mit diesem Titel)
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Item 57
Id 68222632
Date 2024-02-10
Title EU-Institutionen einigen sich auf neue Schuldenregeln
Short title EU-Institutionen einigen sich auf neue Schuldenregeln
Teaser Der Streit war lang, die Verhandlungen waren zäh, nun der Durchbruch: Die EU ist einen Schritt weiter, ihre Regeln für Staatsschulden neu aufzustellen. Die Einigung kam - wie so oft in Brüssel - spät in der Nacht.
Short teaser Nach zähen Verhandlungen nun der Durchbruch: Die EU ist einen Schritt weiter bei neuen Regeln für Staatsschulden.
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"Deal!", heißt es in der nächtlichen Mitteilung der EU-Ratspräsidentschaft, die zurzeit Belgien inne hat. Die seit Jahren diskutierte Reform der europäischen Schuldenregeln hat eine wichtige Hürde genommen: Unterhändler der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union und Vertreter des Europaparlaments einigten sich grundsätzlich auf die neuen Vorgaben. 16 Stunden hatte diese finale Verhandlungsrunde gedauert - bis spät in die Nacht auf diesen Samstag.

"Die neuen Regeln werden helfen, ausgeglichene und nachhaltige öffentliche Finanzen und Strukturreformen zu erreichen und werden Investitionen, Wachstum und die Schaffung von Jobs in der EU fördern", frohlockte die belgische EU-Ratspräsidentschaft über ihren Verhandlungserfolg. Die Einigung werde den Stabilitäts- und Wachstumspakt erheblich verbessern und wirksame und anwendbare Regeln für alle EU-Länder gewährleisten, erklärte der belgische Finanzminister Vincent Van Peteghem.

Die Präsidentin der EU-Kommission lobte ebenfalls den Kompromiss. Ziel sei "eine wettbewerbsfähige und faire europäische Wirtschaft", ließ Ursula von der Leyen verlauten. Die neuen Regeln ermöglichten es den EU-Ländern, "in ihre Stärken zu investieren und gleichzeitig ihre öffentlichen Finanzen zu konsolidieren", fügte sie hinzu.

Mehr Zeit für Schuldenabbau

Im Kern geht es vor allem darum, Zeitraum und Umfang des Abbaus von Staatsschulden zu lockern. Wenn ein Mitgliedsstaat ein Defizit angehäuft hat, das über den sogenannten Maastricht-Kriterien liegt, soll dessen Regierung künftig bis zu sieben Jahren Zeit bekommen, um wieder unter diese Höchstgrenze zu kommen.

Die jährliche Neuverschuldung eines Staates darf - wie bisher - drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) nicht überschreiten. Die Gesamtverschuldung eines Landes darf zudem bei höchstens 60 Prozent dieser wirtschaftlichen Leistung liegen. Künftig soll aber stärker die jeweilige Lage in den einzelnen EU-Ländern berücksichtigt werden. Auf diese Flexibilisierung hatten hoch verschuldete EU-Staaten wie Frankreich und Italien bestanden.

Stabilitätspakt seit Januar wieder in Kraft

Aufgrund der Corona-Pandemie sowie des russischen Angriffs auf die Ukraine und der damit verbundenen unvorhersehbaren finanziellen Belastungen hatte die EU ihren Stabilitätspakt ausgesetzt. Doch das galt nur bis Ende 2023. Inzwischen gelten die alten Regeln des Stabilitätspakts wieder.

Grundlage der nun getroffenen Einigung waren Reformvorschläge der EU-Kommission. Kritik daran kam vor allem von Deutschland. Die Kommissionsvorschläge würden den Stabilitätspakt zu sehr aufweichen, hieß es aus Berlin.

Die Regierungen der EU-Staaten verständigten sich deswegen nach monatelangen Verhandlungen auf etliche Veränderungen. Diese wurden Ende des Jahres von den EU-Finanzministern abgesegnet. Danach waren allerdings noch Verhandlungen mit dem Europaparlament notwendig, die jetzt in der Nacht erfolgreich abgeschlossen wurden.

Nun muss die Einigung noch im Ministerrat in Brüssel von den nationalen Regierungen bestätigt werden. Auch das Europäische Parlament muss noch endgültig zustimmen. Beides gilt aber als reine Formsache.

AR/jj (dpa, afp, rtr, wdr)

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Image caption Euro-Bargeld: Maastricht-Kriterien bleiben
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Item 58
Id 68190725
Date 2024-02-09
Title 2024: Wenn in China der Drache erwacht
Short title 2024: Wenn in China der Drache erwacht
Teaser Drachen gibt es in allen Kulturen der Welt. Doch in China haben sie eine besondere Bedeutung. Dort beginnt das neue Jahr am 10. Februar im Zeichen des Holzdrachen.
Short teaser Drachen gibt es in allen Kulturen der Welt. In China beginnt das neue Jahr am 10. Februar im Zeichen des Holzdrachen.
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Die Chinesen haben eine besondere Beziehung zu ihrem Drachen, dem "long". Sie bekämpfen ihn nicht und halten ihn auch nicht für böse. In China gilt der Drache als Vorfahre der Menschen und als Herrscher über das Wasser. Der erste Tag des chinesischen Neujahrfests fällt in diesem Jahr auf den 10. Februar. Das Frühlingsfest, auch Mondneujahr genannt, markiert den Beginn des Frühlings. Es wird imReich der Mitte und in mehreren Ländern Ostasiens groß gefeiert.

Traditionell versammeln sich die Familien zu einem ausgiebigen Essen. Die Kinder erhalten Geldgeschenke in kleinen roten Umschlägen, die "hong bao" genannt werden.

Mit dem Beginn des Mondjahres beginnt auch die Rotation des chinesischen Tierkreises. Er erstreckt sich über einen Zwölfjahres-Zyklus und wird jeweils durch ein Tier repräsentiert.

Es gibt mehrere Geschichten, die das Tierkreiszeichen erklären: Eine Legende besagt, dass der Jade-Kaiser - eine wichtige chinesische Gottheit - alle Tiere zu einem großen Rennen eingeladen hatte, wobei die ersten zwölf seine Gunst gewannen. Die zwölf Tiere, die gewonnen haben, sind in der Reihenfolge ihres Erscheinens Ratte, Ochse, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund und Schwein.

Berühmte Drache-Persönlichkeiten

Wer in den Jahren 1928, 1940, 1952, 1964, 1976, 1988, 2000, 2012 oder 2024 geboren wurde, darf sich Drache nennen. Prominente Drachen der Popkultur sind der japanische Videospielentwickler Shigeru Miyamoto (Super Mario Brothers und Donkey Kong), der britische Sänger John Lennon und die 16-fache Grammy-Gewinnerin Adele sowie der amerikanische Pop-Art-Künstler Andy Warhol (1928-1987), der italienische Schauspieler und Oscar-Preisträger Roberto Benigni, die kenianische Umweltschützerin und Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai (1940-2011) und der mexikanische Filmregisseur Guillermo del Toro.

Und wie es der Zufall will, war auch der Kampfkünstler und Schauspieler Bruce Lee (1940-1973) ein Drachenbaby. Seine Fans in Hongkong gaben ihm schon früh den Spitznamen "Kleiner Drache", und einer seiner berühmtesten Filme hieß 1973 "Enter the Dragon" (dt. "Der Mann mit der Todeskralle").

Jedes Tierjahr ist einem der fünf Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall oder Wasser zugeordnet. Genau genommen ist 2024 das Jahr des Holzdrachen.

Eine Kreatur, die noch niemand gesehen hat

Der Drache gilt als eines der glücklichsten und mächtigsten Tiere des chinesischen Tierkreises. Er steht für Glück, Kraft, Gesundheit und das männliche Yang-Element. Drachenmenschen gelten als charismatisch, intelligent, selbstbewusst, kraftvoll und von Natur aus glücklich und begabt. Darüber hinaus ist der Drache das einzige Fabelwesen im chinesischen Tierkreis.

Für ein Wesen, das niemand je zu Gesicht bekommen hat, spielt der Drache im Glauben der alten Zivilisationen - in Asien ebenso wie in Europa, Afrika und Amerika - eine auffallend große Rolle.

Gefeiert im Osten, gefürchtet im Westen

In den ostasiatischen Kulturen umgibt den Drachen eine mystische Aura. Viele Menschen nahmen an, dass er "Wolken aushauchte, die Jahreszeiten beeinflusste und Flüsse, Seen und Meere kontrollierte", wie das American Museum of Natural History auf seiner Internetseite schreibt. Obwohl sie meist als flügellos dargestellt werden, können Drachen in der Regel fliegen. In der chinesischen Mythologie bewacht ein "Himmelsdrache" namens Tianlong die himmlischen Wohnstätten der Götter.

Die europäischen Drachen des Mittelalters wurden oft als bösartige, feuerspeiende Ungeheuer mit Fledermausflügeln dargestellt, die entweder Schätze bewachten oder Dörfer in Angst und Schrecken versetzten, so dass sich Helden erheben mussten, um sie zu töten. Eine in der europäischen Kunst häufig dargestellte Geschichte ist die des christlichen Heiligen Georg, der die Tochter eines libyschen Königs vor einem Drachen rettet und diesen im Tausch gegen das Versprechen der Untertanen des Königs, sich taufen zu lassen, tötet.

Quetzalcóatl, was in der Aztekensprache Nahuatl "gefiederte Schlange" bedeutet, war eine der bekanntesten drachenartigen Gottheiten der mesoamerikanischen Kultur. Sowohl bei den Azteken als auch bei den Maya galt Quetzalcóatl als Gott des Windes, des Himmels, der Erde und als Schöpfergott. Laut der Enzyklopädie Britannica wurde er als Schutzpatron der Priester, als Erfinder des Kalenders und der Bücher sowie als Beschützer der Goldschmiede und anderer Handwerker verehrt.

Das alte mesopotamische Schöpfungsepos erzählt vom babylonischen Gott Marduk, der seine Drachenmutter Tiamat - ein vierbeiniges, nichtmenschliches Säugetier mit Flügeln, Schuppen, Hörnern und Reißzähnen - tötete, weil sie den Menschen das Wasser vorenthielt, indem sie den Regen zurückhielt.

Von Fossilien oder Ängsten getrieben?

Adrienne Mayor, Professorin an der Stanford University, hat mehrere Bücher verfasst, in denen sie Verbindungen zwischen Mythen und den Fossilien ausgestorbener prähistorischer Kreaturen herstellt.

Ihre These: Unsere Ahnen haben die Knochen, die sie ausgegruben, möglicherweise falsch interpretiert. Daraus seien Fabelwesen wie Drachen, Zyklopen oder Greife entstanden. Tatsächlich hat Mayor's Arbeit mehrere Museumsausstellungen in den Vereinigten Staaten inspiriert und wurde in Dokumentarfilmen wie dem History Channel "Ancient Monster Hunters" (2006) und dem BBC-Film "Dinosaurs, Myths, and Monsters" (2011) aufgegriffen.

Der US-Anthropologe David E. Jones von der University of Central Florida hingegen argumentiert in seinem Buch "An Instinct for Dragons" (2002), die übereinstimmenden Merkmale von Drachen in verschiedenen Kulturen deuteten auf eine Verschmelzung jener Raubtiere hin, die die Menschen seit der Antike fürchteten, wie etwa Raptoren, Großkatzen, Pythons oder Krokodile.

Ikonen der Popkultur

Zu den berühmten Drachen in der Popkultur gehören heute der Jabberwock in Lewis Carrolls klassischem Kinderroman "Through the Looking-Glass"/1872 (Deutsch: "Alice hinter den Spiegeln"/1966) und Smaug aus J.R.R Tolkiens Klassiker "The Hobbit"/1937) (Deutsch: "Der kleine Hobbit"/1957). Der Kampf gegen verschiedene Drachenarten war eine der Herausforderungen beim Trimagischen Turnier in J.K. Rowlings "Harry Potter"-Serie. Am bekanntesten ist vielleicht das Fantasy-Tischrollenspiel "Dungeons & Dragons", das 1974 auf den Markt kam und seitdem in digitale Versionen umgewandelt und verfilmt wurde, zuletzt 2023 in "Dungeons & Dragons: Honor Among Thieves".

Adaption aus dem Englischen: Stefan Dege.

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Image caption "Kleiner Drache" ist der Spitzname des Kampfsportlers Bruce Lee, hier auf einem Wandgemälde in Chinatown in San Francisco
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Item 59
Id 68215886
Date 2024-02-09
Title Weniger CO2: Mit Methanol über die Meere
Short title CO2-Reduktion: Methanol-Route über die Ozeane
Teaser Mit Schiffen wird der größte Teil des Welthandels abgewickelt. Die aber haben ein Problem: Sie sind wahre CO2-Schleudern und tragen zur Klimaveränderung bei. Reedereien und Schiffbauer suchen nach Alternativen.
Short teaser Große Schiffe sind wahre CO2-Dreckschleudern. Reedereien und Schiffbauer suchen nach Alternativen.
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Die zweitgrößte Reederei der Welt, Maersk aus Dänemark, will den Ausstoß an klimaschädlichen Gasen bei ihren Schiffen drastisch verringern: Am 6. Februar 2024 ist im chinesischen Ningbo die mit Methanol angetriebene Ane Maersk zu ihrer Jungfernfahrt nach Europa aufgebrochen - aus Sicherheitsgründen rund um das Kap der Guten Hoffnung. Das Schiff war bei der Werft Hyundai Heavy Industries in Südkorea gebaut worden, ihm sollen weitere 17 Schiffe gleicher Bauart folgen, die in diesem und im nächsten Jahr ausgeliefert werden.

Die Ane Maersk mit ihrer Kapazität von 16.000 20-Fuß-Standardcontainern (TEU) ist nicht das erste Methanol-Schiff der Reederei: Bereits im September hatten die Dänen das weltweit erste mit grünem Methanol betriebene Containerschiff überhaupt an den Start gebracht, die Laura Maersk. Taufpatin in Kopenhagen war EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Dieses Schiff ist allerdings deutlich kleiner als die Ane Maersk und wird lediglich im Zubringerverkehr auf der Ostsee eingesetzt.

Methanol geht auch grün - manchmal

In einer Pressemitteilung der Reederei zum geplanten Auslaufen der Ane Maersk hatte es geheißen: "Maersk hat sich ausreichend grünes Methanol gesichert, um die Jungfernfahrt des Schiffes abzudecken, und arbeitet weiter an Beschaffungslösungen für 2024/25 für seine methanolfähige Schiffsflotte." Das bedeutet zweierlei: Das Schiff fährt mit nur sehr geringem Treibhausgasausstoß nach Europa, ist aber nicht auf Methanol festgelegt - es kann auch mit anderen (nicht notwendig "grünen") Treibstoffen angetrieben werden.

Seit 2021 hat Maersk nur noch Schiffe in Auftrag gegeben, die, wie es in einer Pressemitteilung vom Dezember vergangenen Jahres heißt, "mit grünen Treibstoffen" fahren. Alle diese Schiffe werden demnach mit "dual-fuel-engines (Maschinen, die mit zwei verschiedenen Treibstoffarten befeuert werden können) ausgestattet sein und dabei auch mit grünem Methanol betrieben werden können".

Nicht ganz neu

Methanol wird bereits seit einigen Jahren als Schiffstreibstoff getestet und auch eingesetzt. Der Tanker Lindanger etwa wurde im November 2015 auf Kiel gelegt - ebenfalls in Südkorea - und im April 2016 an die norwegische Reederei Westfal-Larsen ausgeliefert. Sie ist die zweitgrößte Reederei Norwegens mit Schwerpunkt Chemikalientanker und hat ihre Schiffe an die Reederei Waterfront Shipping in Vancouver verchartert.

Die wiederum ist eine Tochtergesellschaft der Methanex Corporation, dem eigenen Angaben nach größten Methanol-Produzenten weltweit. Die Lindanger ist das erste Schiff mit Zweitaktmotor, das mit dem Kraftstoff Methanol betrieben wird. Weitere, ebenfalls mit Methanol betriebene Tanker sind die Mari Boyle, die Mari Jone und die Leikanger - alle von Hyundai gebaut.

"Erfolgversprechender Treibstoff"

Die nordwestdeutsche Meyer Werft hat bereits einige Exemplare mit Flüssiggasantrieb-Antrieb gebaut. Dieser Treibstoff (LNG: Liquefied Natural Gas) gilt, wenn er CO2-neutral hergestellt wird, auch als Alternative zu den herkömmlichen Schiffstreibstoffen. Auf Anfrage der DW antwortete die Werft aus Papenburg, sie halte aber auch "Methanol aufgrund vieler Faktoren für einen erfolgversprechenden Treibstoff".

Man verfolge aber auch andere Ansätze: "Wir arbeiten vor allem an Energieeinsparung und dem Einsatz neuer Formen der Energieerzeugung wie beispielsweise dem Einsatz von Brennstoffzellen." Dabei könne auch Methanol "in Brennstoffzellen genutzt werden, nachdem es in Wasserstoff reformiert worden ist. Noch in diesem Jahr wird unsere Werft in Turku mit der Mein Schiff 7 erstmals ein Kreuzfahrtschiff abliefern, das mit Methanol betrieben werden kann."

Die Meyer Werft arbeitet mit dem Fraunhofer Institut für Großstrukturen in der Produktionstechnik IGP in Rostock zusammen. Dabei, so die Papenburger zur DW, entstehen auch neue Ideen: "Neben neuen Schiffen entwickeln wir aktuell im Projekt 'Retrotank' auch Nachrüstlösungen für bereits existierende Schiffe, um auch diese Flotten schneller klimafreundlicher betreiben zu können."

Containerschiffe unter Segeln?

Die Entwicklung und vor allem der Bau von großen Schiffen ist stets ein langwieriger Prozess, der außerdem sehr teuer ist. Aus diesen Gründen werden grundlegende Neuerungen immer mit einigen Jahren Verzögerung umgesetzt. Daher ist der Weg zu einer CO2-neutralen Schifffahrt noch sehr weit.

Neben dem Einsatz "grüner" Treibstoffe gibt es noch andere Modelle, die aber, obwohl schon lange bekannt und ausprobiert, noch Jahre bis zu einer möglichen Umsetzung brauchen. Dazu zählt beispielsweise die Idee, auch große Schiffe wie Tanker und Containerschiffe mit Segeln auszurüsten. So könnte, günstige Winde vorausgesetzt, viel Treibstoff eingespart werden.

Neuerungen brauchen Zeit

Einen ganz anderen Weg könnten sogenannte Flettner-Rotoren weisen. Dieses Konzept, bei dem durch Rotoren in hohen Masten bei richtigem Windeinfallswinkel ein Vortrieb erzeugt wird, ist schon lange bekannt und in Einzelfällen bereits erfolgreich getestet worden.

Anton Flettner hatte das nach ihm benannte Antriebssystem bereits vor rund 100 Jahren patentieren lassen. Prototypen, wie etwa die 1924 gebaute Buckau, konnten sich aber gegen die damals favorisierten Dieselmotoren nicht durchsetzen. Spätestens die Weltwirtschaftskrise am Ende des Jahrzehnts hatte der Weiterentwicklung der Flettner-Rotoren ein Ende gesetzt.

In jüngerer Zeit wird das Konzept aber wieder verfolgt: 2008 lief die E-Ship 1 vom Stapel, die Flettner-Rotoren verwendet. Heutzutage werden - wenn auch selten - solche Rotoren bei Schiffen als Zusatzantrieb verbaut, um einen energiesparenden Hybridantrieb zur Verfügung zu stellen. Das Beispiel des Patentes von Anton Flettner zeigt: Neuerungen im Schiffsbau brauchen lang, bis sie erkannt und umgesetzt werden.

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Image caption Die in der Ostsee bereits mit Methanol fahrende Laura Maersk bei ihrer Taufe im September 2023
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Item 60
Id 68196246
Date 2024-02-09
Title Decoding China: "Jahr des Drachen" unter Deflationsdruck
Short title Decoding China: "Jahr des Drachen" unter Deflationsdruck
Teaser Am Samstag hat in China das Jahr des Drachen begonnen. Zu Neujahr mehren sich die Anzeichen, dass die künftige Konjunkturentwicklung wenig Anlass zur Freude geben wird. Und es gibt Zweifel an den offiziellen Statistiken.
Short teaser Am Samstag hat in China das Jahr des Drachen begonnen. Aber Konjunkturprognosen geben wenig Anlass zur Freude.
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In den chinesischen Tierkreiszeichen ist das Jahr des Drachen ein Symbol für "Glück, Weisheit und Erfolg". Ob die chinesische Konjunktur auch im neuen Jahr erfolgreich sein wird, ist allerdings noch mit einem Fragezeichen zu versehen. Viele Experten gehen derzeit von einem Abschwung aus.

Als erstes Indiz dafür sank der Konsum von Schweinefleisch, mit dem viele traditionelle Gerichte zubereitet werden. Dieser Indikator ist deswegen interessant, weil jedes zweite Kilo Schweinefleisch auf der Welt in China konsumiert wird. Bloomberg zitiert einen Metzger in der Hauptstadt Peking, der ein Drittel weniger Umsatz im Vergleich zu normalen Feiertagen beklagte, obwohl das Kilo Schweinefleisch im Schnitt um 20 Prozent günstiger ist als vor einem Jahr.

Zum ausbleibenden Binnenkonsum kommt erschwerend hinzu, dass diese Woche die Börsenaufsicht Chinas eine Reihe von Maßnahmen beschloss, die den anhaltenden Einbruch des chinesischen Aktienmarktes eindämmen sollen. Viele Börsianer und Wertpapierhändler sehen darin ein schlechtes Omen für das Jahr des Drachen. Was in den staatlich kontrollierten Börsen passiert, gilt immer als Vorzeichen für die Entwicklung der Konjunktur. Der Shanghaier SSE Index ist in den letzten zwölf Monaten um knapp 13 Prozent eingebrochen.

"Wenn das Jahr nicht gut anläuft und die Verbraucher das Geld nicht ausgeben, wird China lange in der Deflation bleiben", sagte Wang Guo-Chen, Ökonom am Chung-Hua Institut für Wirtschaftsforschung (CIER) in Taiwan, gegenüber DW. Eine Deflation entsteht, wenn auf dem Markt die Angebote größer sind als die Nachfrage. Und wenn die Konsumenten nicht mehr genug Geld haben, um die Waren zu kaufen. Das führt dazu, dass die Preise fallen. Ökonomen halten die Deflation für noch schlimmer als das Gegenteil, die Inflation, wenn die Preise steigen.

Low-Budget-Urlauber

Wie Weihnachten in Ländern mit christlich geprägter Tradition ist das Neujahrsfest in China für den Einzelhandel und Dienstleistungssektor die konsumstärkste Zeit. Zu Jahresbeginn werden gerne neue Haushaltsgeräte angeschafft und den Freunden und Familien Geschenke gemacht. Auch die Gastronomie freut sich auf große Partygesellschaften. "Es ist das wichtigste Fest für Chinesen", sagt die 31-jährige Kong, die in Shanghai lebt. "Es ist sicherlich notwendig, eine Menge Geld für ein Festmahl und eine Vielzahl von Geschenken vorzuhalten", so die Mutter eines Kleinkindes.

Anstatt das Fest zu Hause zu feiern, entschied sich Kong dieses Jahr, mit ihrer Familie den Beginn des Frühlings im Süden zu feiern. Diese Option wird in immer mehr Haushalten beliebter. Man feiert und macht gleichzeitig Urlaub. "Vor vier Wochen wollte ich ein Familienzimmer buchen. Das war kaum noch möglich", sagt sie. Allerdings gibt Kong nur Geld aus, das sie ausgeben muss. Viele Chinesen bevorzugen nun Reisen mit einem "festen Budget"

Im Dezember berichtete die staatsnahe Zeitung "Global Times", dass die Buchungen für Auslandsreisen nach Singapur, Malaysia und Thailand im Vergleich zum Vorjahr um das 15-Fache gestiegen seien. Die Zahlen scheinen beeindruckend zu sein. Aber es gilt auch zu bedenken: Im vorangegangenen Corona-Jahr 2022 war es überhaupt schwierig, internationale Reisen zu unternehmen - wegen der Infektionsschutzmaßnahmen.

Nun wird im Zeitraum von sechs Wochen rund um das Frühlingsfest 2024 ein rekordverdächtiges Volumen von neun Milliarden Einzelbuchungen erwartet - inklusive Kurztrips in die nähere Umgebung zum Wohnort. Doch eine Inlandstouristin, die gerade in der Nähe von Peking Skiurlaub macht, berichtet von gesunkenen Preisen bei Hotelbuchungen im Vergleich zu den letzten Jahren. Hou, die verbeamtete Lehrerin einer städtischen Schule, sagt der DW, sie habe selbst nichts vom wirtschaftlichen Abschwung mitbekommen. "Aber ich habe in meinem Freundeskreis gehört, dass viele unter Arbeitslosigkeit und Gehaltskürzungen leiden. Sie kaufen weniger Kleidung und Geschenke zum Fest."

Falsche Zahlen?

Im Januar gab Chinas Premierminister Li Qiang auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos die erste Hochrechnung für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts 2023 bekannt. Nach einer Aufholjagd zum Jahresende hat die chinesische Wirtschaft mit 5,2 Prozent das offizielle Wachstumsziel der Regierung erreicht. Nach Angaben des chinesischen Amts für Statistik stieg 2023 der gesamte Umsatz von Konsumgütern um 7,2 Prozent auf umgerechnet 6,3 Billionen Euro. Allein die Einnahmen der Gastronomie wuchsen um 20,4 Prozent, der Einzelhandel um 5,8 Prozent.

Diese Zahlen werfen jedoch Fragen auf, sagt Wirtschaftsexperte Wang. "Eine Abweichung von der Realität ist hier möglich", denn während die Einnahmen der Gastronomiebetriebe stiegen, sanken die Preise für Lebensmittel wie Schweinefleisch im Laufe des Jahres unter Deflationsdruck. Das sei nicht plausibel. 2023 war die Inflationsrate in China so niedrig wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr.

"Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Wie viel Geld haben die Chinesen 2023 fürs Essen ausgegeben? Entweder gibt es ein Problem mit den Einnahmen der Restaurants. Die Zahlen sind nicht so stark gestiegen. Oder die Lebensmittelpreise sind nicht so niedrig."

Widersprüche in der chinesischen Statistik sieht nicht nur Wang. "Ein Großteil der Ökonomen betrachtet die offiziellen Wirtschaftsdaten Pekings nur noch als 'Bezugspunkt'", schrieb die Fachzeitung Financial Times in einem Leitartikel. "Wenn der Jahresauftakt nicht gelingt, wird sich das natürlich negativ auf das ganze Jahr auswirken", sagt Wang.

Decoding China" ist eine DW-Serie, die chinesische Positionen und Argumentationen zu aktuellen internationalen Themen aus der deutschen und europäischen Perspektive kritisch einordnet.

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Item 61
Id 68205639
Date 2024-02-08
Title Die Karnevalisten sind los: Weiberfastnacht in Deutschland
Short title Die Karnevalisten sind los: Weiberfastnacht in Deutschland
Teaser Deutschlands Narren drehen wieder voll auf. Der Straßenkarneval hat begonnen, ganz traditionell mit Frauenpower an Weiberfastnacht.
Short teaser Deutschlands Narren drehen wieder voll auf. Der Straßenkarneval hat begonnen, ganz traditionell mit Frauenpower.
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Im Süden Deutschlands sind die Narren Frühaufsteher. In Konstanz in Baden-Württemberg weckten sie die Bevölkerung in den frühen Morgenstunden mit Musik und Glocken, machten Krach in dem sie mit Rätschen ratterten. Mitglieder der Narrenzunft Blätzlebuebe liefen durch die Innenstadt, angeführt vom Polizeiblätz auf seinem hölzernen Ross.

Zu etwas ausgeschlafenerer Zeit ging es in den westdeutschen Karnevalshochburgen am Rhein los. Pünktlich um 11.11 Uhr brach dort der närrische Frohsinn aus. Mit Weiberfastnacht oder Altweiberdonnerstag begann traditionell der Straßenkarneval. In vielen Städten stürmten Frauen die Rathäuser und übernahmen symbolisch die Macht.

Ein närrischer Hotspot: das Bundesland Nordrhein-Westfalen. In Düsseldorf nahmen die "Möhnen" Oberbürgermeister Stephan Keller gefangen. Der lieferte sich mit den Frauen auf dem Rathausbalkon das an diesem Tag übliche Wortgefecht, gab am Ende aber - auch wie üblich - klein bei.

Ein ganz besonderer Karnevalsauftakt war es diesmal in Bonn-Beuel, wo die Weiberfastnacht einst erfunden wurden. In diesem Jahr wird nämlich der 200. Jahrestag des sogenannten Wäscherinnen-Aufstands gefeiert. 1824 hatten sich die Beueler Wäscherinnen gegen das Patriarchat und die damit verbundene Ausbeutung der Frauen gewandt und ein Damenkomitee gegründet.

Wenn es den Männer an die Krawatte geht

"Der Brauch der Wäscherinnen, sich beim Kaffeeklatsch nach einem festen Reglement über die groben Verstöße ihrer Männer gegen den Hausfrieden und die eheliche Treue auszutauschen, überstand die unterschiedlichen politischen Epochen bis heute", heißt es ganz offiziell von der Stadt Bonn. Seit 1958 benennen die Beueler Frauen alljährlich auch eine Repräsentantin aus ihren eigenen Reihen, die Wäscherprinzessin.

Auch in Bonn erfunden: An Weiberfastnacht muss sich so mancher Mann von einem besten Stück verabschieden. In den 1950er-Jahren, als die Stadt am Rhein noch Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland war, fingen in den Bonner Ministerien selbstbewusste Sekretärinnen damit an, ihren Chefs am Karnevals-Donnerstag das Statussymbol Krawatte abzuschneiden.

Vom Wetter nicht die Laune verderben lassen

Auch in zwei weiteren rheinischen Karnevalshochburgen geht es jetzt turbulent zu. In Mainz, der Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz, versammelten sich zahlreiche Karnevalisten der Tradition entsprechend am Fastnachtsbrunnen auf dem Schillerplatz. In Köln ließ das Dreigestirn aus Prinz, Bauer und Jungfrau die Jecken los.

Eine Herausforderung war das Wetter: Am Morgen konnten sich die Karnevalisten etwa in Köln nur mit Schirm, Ganzkörper-Verkleidung oder mit durchsichtigem Regencape über dem Kostüm ins Getümmel stürzen. Danach gab es aber auch trockene Phasen. Der Kölner Karnevalspräsident Christoph Kuckelkorn sagte der Deutschen Presse-Agentur, aufgrund des schlechten Wetters sei der Andrang dieses Mal geringer als sonst. "Entweder kommen die Menschen später oder sie haben sich besonnen, zu Hause zu feiern, was ja auch ein schönes Konzept ist."

Regen und Konfetti - Bunt und vielfältig

Im "Kwartier Latäng", dem Kölner Studentenviertel rund um den Partyhotspot Zülpicher Straße, herrschte allerdings auch vor dem offiziellen Start um 11.11 Uhr schon wieder großes Gedränge. Dieser Bezirk zieht vor allem junge Feiernde an.

Kuckelkorn betonte: "Köln ist bunt. Wir haben alle Nationalitäten, alle Religionszugehörigkeiten, Orientierungen hier. Köln ist ein Raum der Vielfalt. Da haben irgendwelche Strömungen, die das in irgendeiner Weise auch nur annähernd eingrenzen wollen, überhaupt keine Chance, und dafür streiten wir", sagte Kuckelkorn in Anspielung auf die deutschlandweiten Proteste gegen Demokratiefeinde und Rechtsextremisten. "Der Karneval steht immer fest an der Seite der Demokratie."

In Köln stehen an diesem Donnerstag rund 1500 Polizisten, 200 Ordnungsamtsmitarbeiter und mehr als 1000 private Sicherheitskräfte bereit, um den Ansturm der Partytouristen in halbwegs geregelte Bahnen zu lenken. Erstmals gab es in diesem Jahr ein Straßenfest auf den Kölner Ringen, um das überfüllte Studentenviertel rund um die Zülpicher Straße zu entlasten.

In Köln läuft dieses Jahr auch eine Präventionskampagne unter dem Motto "It's a dress, not a yes!" Videoclips machen darauf aufmerksam, dass bestimmte Kleidung oder ausgelassenes Feiern nicht als Einladung für sexuelle Übergriffe missverstanden werden dürfen.

AR/pg (dpa, afp, kna)

Item URL https://www.dw.com/de/die-karnevalisten-sind-los-weiberfastnacht-in-deutschland/a-68205639?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Närrinnen vor dem Düsseldorfer Rathaus: Symbolische Machtübernahme
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Item 62
Id 68199296
Date 2024-02-08
Title Deutsch-französischer Politologe Alfred Grosser ist tot
Short title Deutsch-französischer Politologe Alfred Grosser ist tot
Teaser Intellektueller jüdischer Herkunft, Kämpfer für die deutsch-französische Verständigung. Der Politologe Alfred Grosser mischte sich stets ein. Nun ist der Versöhner aus Frankreich im Alter von 99 Jahren gestorben.
Short teaser Intellektueller jüdischer Herkunft, Kämpfer für die deutsch-französische Verständigung. Der Versöhner ist nun gestorben.
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Die besänftigende Sprache der Diplomatie war seine Sache nicht - und doch war Alfred Grosser ein großer Diplomat, und zwar immer dann, wenn es um die deutsch-französische Freundschaft ging Dabei redete er nie etwas schön. Immer ehrlich und gerade heraus zu sein, war Grossers Besonderheit. Als sich die halbe Welt nach den Anschlägen auf das Satiremagazin Charlie Hebdo zum Solidaritätsmarsch in Paris einfand, sprach er von einer "Heuchlerparade". Es sei lächerlich, dass Politiker aus Ankara und Moskau an einer Demonstration für Pressefreiheit teilnähmen.

"Bitte nicht das Abendland überspannen", sagte Grosser an Pegida und die AfD gerichtet. In Bezug auf die selbsternannten "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida) polterte er in einer deutschen TV-Talkrunde: "Wenn jetzt immer vom christlich-jüdischen Abendland gesprochen wird, dann wird mir als Jude regelrecht schlecht." Und kritisierte aufs Schärfste die Partei und Bürgerbewegung "Alternative für Deutschland" (AfD). "Das Abendland, das Sie verteidigen, wollte Hitler auch schon."

Grossers Vater kämpfte im Ersten Weltkrieg für Deutschland

Grosser wusste, wovon er sprach. Am 1. Februar 1925 in Frankfurt am Main geboren, musste er als Achtjähriger mit seiner jüdischen Familie aus Deutschland fliehen. Sein Vater, der als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte und für Tapferkeit mit dem Eisernen Kreuz Erster Klasse ausgezeichnet worden war, hatte den Entschluss, sein Heimatland zu verlassen, kurze Zeit nach Hitlers Machtübernahme gefasst. Er und alle anderen jüdischen Veteranen waren aus dem Verband der Träger des Eisernen Kreuzes ausgeschlossen worden.

Dies berichtete Grosser 2014 in einer Rede vor dem Deutschen Bundestag. Anlass war eine Gedenkstunde an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Ausgerechnet in Frankreich - dem Land, gegen das sein Vater im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte - sei Paul Grosser als Weltkriegsveteran gewürdigt worden. Für seinen Sohn Alfred wurde Frankreich schon bald eine neue Heimat - und doch ließ ihn seine Herkunft bis zuletzt nicht los.

Umtriebiger Politologe, produktiver Autor

Über 30 Bücher hat der Politologe – lange Zeit unterrichtete er an der renommierten Hochschule für Politik "Sciences Po" in Paris - geschrieben. In so gut wie allen Publikationen versuchte er entweder den Franzosen zu erklären, wie die Deutschen ticken oder den Deutschen, was Frankreich bewegt. Ihm gelang es, Innen- und Außensicht zugleich zu liefern, mal schreibt er "Wie anders sind die Deutschen" (2002), dann wieder "Wie anders ist Frankreich" (2005).

In seiner historischen Bundestagsrede über den Ersten Weltkrieg versicherte er den Deutschen, heute sähen 82 Prozent der Franzosen in Deutschland den verlässlichsten Partner. Es ist Menschen wie Grosser zu verdanken, dass die deutsch-französische Freundschaft heute mehr als bloße Interessenspolitik ist. Als Frankreichs Präsident Charles de Gaulle 1963 den Elysee-Vertrag unterschrieben hatte, sei dies - so Grosser - noch "keine Liebesbeziehung" gewesen.

Disput um "L‘Allemagne"

Für sein Engagement wurde Grosser etliche Male ausgezeichnet - in Deutschland wie in Frankreich. Er war unter anderem Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt, des Großen Verdienstkreuzes in Deutschland wie auch des Großkreuzes der Ehrenlegion, (Légion d'honneur) - eine der höchsten Auszeichnungen des französischen Staates.

Dabei beschränkten sich sein Wissen und seine Meinungsfreude nicht allein auf das Feld der aktuellen Politik und Zeitgeschichte beider Länder. Auch deren Kultur fühlte sich Grosser verbunden und half gerne nach, wenn es mal wieder Missverständnisse gab.

Als 2013 - ausgerechnet im 50. Jahr des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags - ein Streit über die Ausstellung "De l'Allemagne" im Pariser Louvre entspann, war es Grosser, der mit seinem für ihn so typischen verschmitzten Lächeln wieder für Klarheit sorgte. Zwar sei die Ausstellung vom kunsthistorischen Niveau ziemlich enttäuschend, dass Deutschland aber - so wurde es in deutschen Zeitungen empfunden - als ein "von starken dunklen Kräften gebeuteltes Land, das mehr oder weniger geradlinig auf den Nationalsozialismus zusteuerte" gezeigt werde, sei dennoch völlig übertrieben.

Kritiker Israels – und der Israelkritiker

Grosser war ein Querdenker. Das zeigte sich auch in Bezug auf Israel. Als der deutsche Nobelpreisträger Günter Grass 2012 scharf für sein Israel-Gedicht angegriffen und gar als Antisemit beschimpft wurde, ergriff Grosser als einer der wenigen Partei für Grass. Natürlich sei das, was Grass geschrieben habe, ästhetisch betrachtet, kein Gedicht, aber die inhaltliche Aussage treffe zu, sagte Grosser der Süddeutschen Zeitung. Die israelische Regierung provoziere und riskiere einen Krieg mit dem Iran. Man müsse Israel kritisieren können, ohne gleich als Antisemit abgestempelt zu werden - ein Schicksal, das sogar auch ihm zuteil geworden sei.

Grosser war ein Kenner voll emotionaler Nähe von Deutschland, Frankreich oder auch Israel und behielt zugleich stets de kritischen Blick des Außenstehenden. Genau das machte ihn zu einem großen Intellektuellen.

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Image caption Alfred Grosser galt als Architekt der deutsch-französischen Freundschaft
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Item 63
Id 68129434
Date 2024-02-08
Title Kölner Karneval: Immer noch Männersache?
Short title Kölner Karneval: Immer noch Männersache?
Teaser Warum spielt im Kölner Karneval ein Mann eine Jungfrau? Was ist eine Tanzmarie - und was hat sie mit dem 30-jährigen Krieg zu tun? Und seit wann dürfen Frauen im Rosenmontagszug mitgehen? Wir klären auf.
Short teaser Warum spielt im Kölner Karneval ein Mann eine Jungfrau? Und seit wann dürfen Frauen im Rosenmontagszug mitgehen?
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Seit jeher wird in Köln der Karneval gefeiert. Früher ging es rau zu, ungeordnet, anarchisch, und so anstößig, dass einflussreiche Kölner im 19. Jahrhundert beschlossen, diesen karnevalistischen "Wildwuchs" zu reglementieren.

Eine Gruppe mehrerer Herren aus der Kölner Bildungselite gründete im Jahr 1823 das "Festordnende Comité" und stellte dem neu geordneten Karneval eine Figur voran: Der "Held Karneval" sollte seinen "edlen Charakter" dem "erbärmlichen Treiben" in den Gassen entgegenstellen. Aus dem Helden Karneval wurde 1872 schließlich der "Prinz Karneval". Begleitet wurde er von zwei Figuren, die schon seit Jahrhunderten Facetten der Stadt verkörperten: der Bauer, der für die Wehrhaftigkeit der Stadt Köln steht, und die Jungfrau als Sinnbild der römischen Gründerin von Köln, Colonia Agrippina, die schützend die Hände über die Stadt legt. Der Begriff "Dreigestirn" für das Trio wurde erst 1938 zur offiziellen Bezeichnung der Kölner Karnevalsregenten. Das damalige "Festordnende Comité" nennt sich heute Festkomitee, unter seinem Dach sind etwa 120 Kölner Karnevalsgesellschaften versammelt.

Reine Männersache

Der vor 200 Jahren neu organisierte Kölner Karneval war reine Männersache. Und so wurden alle Figuren, die im Karneval eine Rolle spielten, von Männern dargestellt.

Männer stellten sich als Marktweiber oder Putzfrauen verkleidet auf die Bühne und hielten zotige Reden. Die Jungfrau an der Seite des Karnevalsprinzen war ein Mann in Frauenkleidern, und auch die Tanzmariechen (Erste Tänzerinnen einer Tanzgruppe, Anm. d. Red.) waren Männer. Die "Mariechen" stehen für die Marketenderinnen, also die Frauen, die schon im 30-jährigen Krieg (1618-1648) die Soldatenheere begleiteten und "unterhielten". Dem männlichen Tanzmariechen, damals noch im langen Rock, wurde ein Tanzoffizier zur Seite gestellt. Mehr lustig als elegant anzusehen, tippelten die Paare bei den großen Veranstaltungen auf der Bühne herum.

"Kampf gegen das Transvestitentum"

Das gefiel den Nationalsozialisten, die seit 1933 an der Macht waren, ganz und gar nicht. Grell geschminkte Männer in Frauenkleidern - das war viel zu nah dran an der Homosexualität - und die wurde unter dem Naziregime verfolgt und bestraft. So kam es, dass die Karnevalsvereine angewiesen wurden, im "Kampf gegen das Transvestitentum" nur noch Frauen als Tanzmariechen einzusetzen.


Die Karnevalsgesellschaften fügten sich dem Druck des Regimes. Schließlich hatten etliche Karnevalisten gute Beziehungen zu den Nazis und wollten sich nicht unbeliebt machen. So durften ab 1936 nur noch gemischte Tanzpaare auftreten, obgleich unter vorgehaltener Hand die Überzeugung herrschte, dass Frauen diesem Job körperlich nicht gewachsen seien. Zudem seien die Witze auf den Veranstaltungen viel zu derb und anstößig für weibliche Gemüter, fürchtete man damals.

Die Herren irrten sich. Die Damen hatten Ausstrahlung, tanzten die Männer in Grund und Boden und trugen auch sonst keine psychischen Schäden davon. Das war offenbar so nett anzusehen, dass es auch nach dem Ende der Nazi-Ära dabei blieb. Egal ob Tanzmarie, Funkenmariechen, Regimentstochter, Gardemädchen oder Marketenderin: Der Posten der Ersten Tänzerin sollte fortan nur noch an eine Frau gehen.

Warum die Jungfrau auch heute noch ein Mann ist

Anders erging es der Figur der Jungfrau im Kölner Dreigestirn. Von jeher war diese Rolle männlich besetzt. Doch auch hier setzten sich die Nazis gegen die Tradition durch: 1938 und 1939 waren es Paula Zapf und Else Horion, die als erste und einzige Frauen in der Geschichte des Kölner Dreigestirns diese Rolle übernahmen. 1940 gab es wegen des Karnevalsverbots im Zweiten Weltkrieg nur noch ein inoffizielles Dreigestirn, aber auch hier mit einer weiblichen Jungfrau, Elfriede Figge. Das Trio trat nur einmal auf: heimlich, mit ein paar Karnevalisten, auf der Kegelbahn einer Kneipe.

Erst 1949 gab es wieder einen Rosenmontagszug sowie ein Dreigestirn. In der Rolle der Jungfrau war wieder ein Mann: weil es erstens an die alte Tradition knüpfte und man zweitens mit Regeln, die die Nazis eingeführt haben, nichts mehr zu tun haben wollte.

Dass die Jungfrau im Dreigestirn bis in alle Ewigkeit von einem Mann dargestellt wird, ist übrigens nicht in Stein gemeißelt: In der Satzung des Festkomitees steht, dass das Dreigestirn aus einer seiner Gesellschaften stammen muss. Unter denen sind auch reine Damengesellschaften. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis auch ein Kölner Dreigestirn weiblicher wird.

"Der Zug wird zu lang, wenn Frauen mitgehen"

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb der organisierte Karneval weitestgehend Männersache. Im Rosenmontagszug hatten Frauen bis in die 1970er-Jahre so gut wie nichts zu suchen.

Die Argumente waren absurd: der Zug werde zu lang, wenn Frauen mitgehen. Frauen könnten sich an umherfliegenden Kamellen und anderen Wurfgeschossen verletzen, zudem seien Frauen nicht so trinkfest wie Männer. Auch seien sie im alkoholisierten Zustand viel unangenehmer als betrunkene Männer. Und schließlich hieß es noch, dass in den Kleiderkammern des Festkomitees nur Kostüme in Herrengrößen vorhanden seien.

So durften nur die Tanzmariechen und die weiblichen Musiker der Karnevalskapellen im Rosenmontagszug mitgehen. Ausnahmen wurden allerdings für die Prominenz gemacht; so schmückte man sich 1950 etwa mit der damals berühmten Schauspielerin Magda Schneider.

Erst 1978 durften Frauengruppen dann im Zug mitgehen. Der damalige Zugleiter ließ Proteste der Traditionalisten an sich abprallen und sorgte dafür, dass der weibliche Anteil im Rosenmontagszug schnell wuchs. Waren 1978 noch 400 Frauen dabei, waren es vier Jahre später schon 1700.

"Frauenstimmen klingen komisch, wenn sie Kölsch singen"

Auch die Karnevalsmusik wird von männlichen Künstlern dominiert - bis heute. Unter den zehn beliebtesten Kölner Bands im Karneval gibt es keine mit weiblicher Beteiligung. Dabei gibt es kölsche Karnevalssängerinnen, die seit Jahrzehnten im Geschäft sind, jedoch angeblich nicht so gut sind wie die Männer. Die Begründungen dafür sind teils hanebüchen: Frauenstimmen würden nicht gut klingen, wenn sie in kölscher Mundart singen, heißt es etwa. Zudem könne man nicht so gut mitsingen, weil weibliche Stimmen zu hoch seien.

Allerdings treten mittlerweile immer mehr selbstbewusste junge Musikerinnen auf den Plan. Und sie zeigen den männlichen Kollegen, dass auch sie es drauf haben, einen Saal zum Kochen zu bringen. Doch leicht haben sie es nicht - die Macht der alten Gewohnheiten reicht selbst bis in die Damengesellschaften, auf deren Buchungslisten selten eine Künstlerin steht.

Deshalb kämpfen einige junge Musikerinnen für mehr Sichtbarkeit. Rückhalt bekommen sie vor allem von alternativen Karnevalsvereinen, die mit daran arbeiten, den traditionellen Kölner Karneval ins Hier und Jetzt zu holen und dessen Zukunft weiblicher zu gestalten.

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Image caption Prinz Karneval und sein Gefolge 1884. Bis heute eine rein männliche Angelegenheit
Image source Festkomitee Kölner Karneval
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Item 64
Id 68183369
Date 2024-02-07
Title Bauträger insolvent - was jetzt?
Short title Bauträger insolvent - was jetzt?
Teaser Gestiegene Baukosten und Zinsen: Quer durch Deutschland gehen derzeit reihenweise Bauträger pleite. Im besten Fall bleibt eine Bauruine. Im schlimmsten Fall zerstört es Existenzen. Mit Glück geht es gut aus.
Short teaser Ein Paar kauft sich in ein Neubauprojekt ein, dann geht der Bauträger pleite. So geht es aktuell vielen in Deutschland.
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Ich dachte nur, das ist jetzt nicht war: Mein Albtraum ist Wirklichkeit geworden, der Bauträger meldet Insolvenz an. Ich war traurig, sehr traurig.

Monika Daniel und ihr Mann bekamen die Nachricht per Mail im Mai 2019. Bis dahin hatten sie schon etwas mehr als 300.000 Euro für ihre Wohnung im Neubauprojekt bezahlt. In Deutschland zahlt man meist nach Baufortschritt. Das Ehepaar hatte etwas gesucht, in dem es alt werden konnte, das barrierefrei ist. Dafür gaben sie ihr Erspartes her, verkauften sogar ihre Eigentumswohnung.

Wenn ein Bauträger in die Insolvenz geht, gibt es kein Geld zurück. Die Daniels standen - im wahrsten Sinne des Wortes - vor einer Baustelle. Nur etwas mehr als der Rohbau stand. Es gab zumindest schon Fenster. Aber noch keine Sanitäreinrichtungen, keine Wände, kein Putz, keine Abdichtungen oder Bodenbeläge und ein Balkongeländer - all das fehlte.

Die 62-Jährige möchte nicht mit Foto in die Öffentlichkeit. Sie hat Sorge, dass es sich negativ auf den Wert ihrer Wohnung auswirken könnte. Aber ihre Geschichte hat sie uns trotzdem erzählt.

"Keiner hat Interesse, das Gebäude weiterzubauen"

So wie dem Paar aus der Nähe von Frankfurt am Main geht es momentan vielen Menschen in Deutschland. Wie vielen genau, dazu gibt es keine verlässlichen Zahlen. Die Auftragsstornierungen sind jedoch deutlich gestiegen: Der entsprechende Indikator lag im September 2023 bei 21,4 Prozent. Das liegt weit über dem durchschnittlichen Niveau von 3,5 Prozent. Das zeigt: Der Wohnungsbau in Deutschland steckt in einer tiefen Krise

Szenenwechsel: Eine in die Jahre gekommene deutsche Gaststätte. Hier sitzen Monika Daniels und ihr Mann mit etwa 60 anderen Betroffenen, kurze Zeit nachdem sie die Nachricht von der Insolvenz erhalten hatten. Der Insolvenzverwalter des Bauträgers hatte die Käuferinnen und Käufer zu einem Treffen eingeladen.

"Er hat dann gesagt, keiner habe Interesse, das Gebäude weiterzubauen, weder er noch die Handwerker. Die einzigen, die das weiterbauen wollen, wären wir, die Käufer.”

Monika Daniel stockt. Sie kneift die Augenbrauen über den runden Brillengläsern zusammen, nur einige blonde Strähnen fallen vor ihre Stirn, verdecken die ernste Miene. Sie nimmt einen tiefen Atemzug und presst ihre Lippen aufeinander: "Da muss man schon schlucken, wenn man das hört. Unverblümt die Wahrheit auf den Tisch geknallt."

Vorher über die Risiken informiert

Vor dem Kauf hatte das Ehepaar mit diversen Banken gesprochen, mit Freunden, die Bauingenieure waren, mit Anwälten, sich über Risiken informiert, über den Bauträger selbst. Die Daniels hatten ein gutes Gefühl. Sie kannten das ja. Ihre erste Eigentumswohnung war auch ein Neubauprojekt.

Zu Weihnachten schenkte der Bruder von Monika Daniels ihr und ihrem Mann einen Bauarbeiterhelm und eine -weste. Eigentlich halb aus Scherz. Beides kam schließlich regelmäßig zum Einsatz. Das Betreten der Baustelle war eigentlich vom Bauträger untersagt, doch die Daniels sprachen sich mit den Leuten von der Baustellensicherung ab. Nach Feierabend und an Wochenenden dokumentierten sie den Baufortschritt. Wo liegen die Elektroleitungen, die Spiralen der Fußbodenheizung, was hat sich getan seit dem letzten Besuch. Auch wenn der Bauträger das nicht gerne gesehen habe.

Die Bauarbeiten verzögerten sich

Das Ehepaar beobachtete, das die Bauarbeiten nur langsam vorangingen. Der Einzug war eigentlich im Dezember 2018 geplant. Im Herbst 2018 wurde Monika Daniel nervös. Der Bauträger versicherte aber immer wieder, dass er alles noch aufholen würde.

Mitte April 2019 kam dann die Nachricht, es gäbe Liquiditätsprobleme.

"Da war ich schon geschockt. Es war immer meine größte Sorge, dass der Bauträger pleite gehen könnte," erinnert sich Monika Daniel. Sie hatte genau dieses Risiko vor dem Kauf bei den Banken angesprochen. Die sagten, sie solle sich keine Sorgen machen, dann würde mit einem anderen Bauträger weitergebaut werden.

Drei Wochen später meldet der Bauträger Insolvenz an. Es wird nicht weitergebaut.

Der Insolvenzverwalter wird zum Treuhänder

Die Angst, auf einer Bauruine sitzen zu bleiben, sei groß gewesen, sagt Monika Daniel im Gespräch mit der DW. Es folgen schlaflose Nächte, die Angst vor einer Privatinsolvenz.

Sie könne sich nicht mehr an alle Details beim Treffen in der Gaststätte erinnern. "Man verdrängt ja auch Sachen," sagt sie und greift mit ihrer linken Hand in eine Strähne ihrer kinnlangen blonden Haare. Aber es habe niemand geweint, keiner hatte Panik. Alle hörten konzentriert zu. Alle schienen unter Schock zu stehen.

Der Insolvenzverwalter schlägt vor, eine Treuhandgemeinschaft zu gründen, er könne der Treuhänder werden. Ein Treuhänder verwaltet im Namen und zum Vorteil einer anderen Person - in diesem Fall der Eigentümergruppe - Vermögenswerte, Eigentum oder Rechte. Der Treuhänder sammelt dann das Geld ein, bezahlt die Handwerker, verwaltetet den Bau. Die Betroffenen entscheiden sich für diese Option.

Die Eigentümergruppe muss eine neue Bauleitung finden, Handwerker und Handwerkerinnen. Schwierig, denn angefangene Projekte würden nicht gerne übernommen, sagt Daniel. Am Ende übernimmt ein Architekturbüro die Rolle des Bauleiters.

Der Bau wird immer teurer

"Wir haben wie Studenten gelebt", sagt Monika Daniel, lacht und wirft den Kopf nach hinten, “das hat mich wirklich an meine Berufsanfänge erinnert." Mit 57 Jahren zieht sie mit ihrem Mann in eine 60-Quadratmeter-Souterrainwohnung gegenüber vom Neubauprojekt.

Alles steht voller Umzugskartons. Mit Stoffen versucht das Ehepaar, sie zu verdecken, um es ein bißchen gemütlicher zu machen. "Manchmal haben wir auch gelacht, wenn wir die Kartons durchwühlten und uns fragten: Ist die Sache jetzt hier oder im Lager." Humor habe den beiden durch diese Zeit geholfen.

Derweil wird der Bau immer teurer. Es fehlen Baupläne, Bescheinigungen. Unterlagen müssen nachgereicht werden. Auch die Baupreise steigen. Während der Corona-Pandemie kommt es zu Lieferengpässen. Das Lager, die Wohnung verursachen Kosten, die Kredite müssen bedient werden.

Altersversorgung wird aufgelöst

Monika Daniel arbeitet als Pressesprecherin. Ihr Mann ist pensioniert, vorher war er Journalist bei einer Tageszeitung. Das Geld wird knapp, also löst Monika Daniel ihre Altersversorgung auf. "Wir mussten den Gürtel enger schnallen."

Sie betont aber auch, anderen ginge es noch viel schlechter. Die Einschränkungen hätten ihr nicht so viel ausgemacht. Sie hätten sich nie viel geleistet. Genau deswegen, habe sie aber auch manches Mal gehadert: "Ich bin mein Leben lang so sparsam gewesen und dann kommt man in so eine Situation, weil andere Mist bauen."

Würde sie es noch einmal tun?

Der Bau der neuen Wohnung kostete insgesamt etwa 100.000 Euro mehr. Hinzu kamen noch Lagerkosten, Miete und Kosten für den Rechtsanwalt.

Ob sie es noch einmal tun würde? Dass könne sie bis heute nicht beantworten, sagt Daniel. Sie würde aber nicht nochmal ihr Eigentum verkaufen, um neu zu kaufen. Sie mache bald ein Seminar, in dem erklärt werde, was man bei der Insolvenz eines Bauträgers beachten müsse. Sie wolle einfach wissen, ob sie etwas anders hätte machen können.

Der Traum ist Wirklichkeit geworden

An einem sonnigen Tag im August 2021 verbringen die Daniels ihre erste Nacht in der neuen Wohnung. Tagsüber kam die Nachricht, dass sie einziehen dürfen. Während Monika Daniel bei der Arbeit ist, baut ihr Mann das Bett in der neuen Wohnung auf und überrascht sie. Am Abend können sie von ihrer Dachterrasse aus über dem Taunusgebirge den Sonnenuntergang sehen.

Vor allem ihr soziales Umfeld hätte dem Ehepaar durch die Bauzeit geholfen. Freunde, Familie, ihr Arbeitgeber, die Wohngemeinschaft, die immer mehr zusammengewachsen sei und auch die lokale Kirchengemeinde. “Mein Mann war mein Fels in der Brandung. Dennoch kann man mit seinen Ängsten ja auch nicht immer zu seinem Partner. Er trägt dieselbe Last. Da tut es gut, auch mal das Herz bei einer Freundin ausschütten zu können."

Dem Interview mit DW habe sie zugestimmt, weil sie den Menschen in Deutschland, die jetzt auch von einer Bauinsolvenz betroffen sind, Mut machen möchte.

Am Ende ist aus dem Albtraum doch noch ein schöner Traum geworden: "Wir haben von einer tollen Wohnung geträumt und dieser Traum ist Wirklichkeit geworden."

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Image caption Der Wohnungsbau in Deutschland steckt in einer Krise
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Item 65
Id 68154016
Date 2024-02-06
Title Grüner werden, tiefer graben: die geheime Waffe gegen CO2
Short title Wie lässt sich CO2 aus der Atmosphäre entfernen?
Teaser Kohlendioxid, chemisch CO2, ist als Treibhausgas für den Klimawandel verantwortlich. Es kann aus der Atmosphäre entfernt und gelagert werden - aber das ist nicht billig. Wie funktioniert das Abscheiden von CO2 genau?
Short teaser Das Treibhausgas CO2 kann aus der Atmosphäre entfernt und gelagert werden. Wie funktioniert das genau?
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Kohlendioxid (CO2) ist ein natürlicher und wichtiger Bestandteil der Erdatmosphäre. Aber mit etwa 422 Teilen pro Million oder 0,04 Prozent ist seine Konzentration heute mehr als doppelt so hoch wie vor 200 Jahren, zu Beginn der industriellen Revolution. Seitdem haben menschliche Aktivitäten - vor allem das Verbrennen fossiler Energieträger - die CO2-Konzentration auf gefährlich hohe Werte erhöht.

Wenn sich Kohlendioxid und andere Treibhausgase in der Atmosphäre ansammeln, wirken sie wie eine Decke: Sie verhindern, dass die Sonnenenergie nachts in den Weltraum zurückstrahlt. In der Folge steigen die globalen Temperaturen und der Planet erwärmt sich.

Was genau ist Kohlenstoffabscheidung und -speicherung, CCS?

Kohlendioxid wird auf natürliche Weise durch Wälder und andere Pflanzen aus der Atmosphäre aufgenommen. Pflanzen verwenden C02 zum Wachsen und binden es. Auch die Ozeane und Böden nehmen CO2 auf. Doch das braucht Zeit. Überdies vernichten wir solche natürlichen Kohlenstoffsenken zunehmend durch Abholzung, den übermäßigen Einsatz von Pestiziden und durch Umweltverschmutzung.

Die CO2-Abscheidung und -speicherung (CCS) kann verhindern, dass überschüssiges Kohlendioxid überhaupt in die Atmosphäre gelangt. Dazu wird das Gas aus der Luft eingesaugt und in Speichern gelagert.

Das Verfahren wurde erstmals in den 1970-er Jahren eingeführt. Doch es ist wegen Gesundheits- und Sicherheitsbedenken immer noch umstritten.

So gibt es die Sorge, dass Menschen oder Tiere ersticken könnten, wenn etwa die Rohre in den technischen Anlagen oder in den Lagerstätten undicht sind. Oder dass Metalle und andere Schadstoffe ausgeschwemmt werden könnten und dann das Trinkwasser verunreinigen. Außerdem gibt es die Befürchtung, dass eingelagertes Kohlendioxid lokale Erdbeben auslösen könnte.

In Deutschland ist diese Technik bisher verboten.

Wie funktioniert CCS mit punktueller CO2 Abscheidung?

Bei der sogenannten "punktuellen CO2-Abscheidung" wird Kohlenstoffdioxid direkt am Entstehungsort von anderen Abgasen getrennt. Sie entstehen zum Beispiel bei der Produktion in Stahlwerken, Raffinerien, Zement- und Düngemittelfabriken oder bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Kohle oder Erdgas.

In neueren Anlagen wird das CO2 schon vor dem Verbrennen aus dem Brennstoff entfernt.

Bei allen Verfahren wird das CO2 nach der Abscheidung zu einer Flüssigkeit zusammengepresst und zu einer geeigneten Lagerstätte transportiert. Solche Lagerstätten liegen in der Regel tief unter der Erde. Als Speicher kommen beispielsweise ehemalige Öl- und Gaslager, stillgelegte Kohlebergwerke oder auch poröse, mit Salzwasser gefüllte Gesteinsformationen in Frage.

Was ist DACCS?

Kohlenstoffdioxid kann aber auch mit Hilfe von Filtern und Chemikalien direkt aus der Luft gefiltert werden, auf Englisch: Direct Air Capture with Carbon Storage, DACCS. Bei diesem Verfahren erfolgt die Abscheidung nicht direkt in einer Fabrik oder an einem Schornstein, sondern aus der Umgebungsluft.

Die Anlagen für diese Technik benötigen allerdings viel Energie und sind immer noch sehr teuer.

Und was ist BECCS?

Eine weitere Option, CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen, bietet die Bioenergie. Hier wird Biomasse, also Holz, Stroh oder Energiepflanzen, in Kraftwerken verbrannt, um Energie zu gewinnen - das sogenannte BECCS. (englisch: Bio-Energy with Carbon Capture and Storage). Das dabei freiwerdende CO2 wird ebenfalls abgefangen und unterirdisch gespeichert.

Künftig könnten noch mehr Pflanzen gezielt für die Gewinnung von Bioenergie angebaut werden, um noch mehr zu Kohlenstoff zu binden.

Allerdings konkurrieren diese Energiepflanzen dann mit den Pflanzen, die für die Ernährung angebaut werden, denn Ackerflächen und Wasservorräte weltweit sind begrenzt.

All diese CCS-Technologien werden bisher erst wenig eingesetzt und sind noch nicht in größerem Maßstab erprobt.

Warum ist die CO2-Abscheidung und -speicherung so wichtig?

Selbst wenn wir die Kohlendioxidemissionen in naher Zukunft stark reduzieren, muss die Welt bis zum Jahr 2100 zwischen 450 Milliarden und 1,1 Billionen Tonnen CO2 abscheiden und einlagern - so ein Expertenbericht von Januar 2023.

Auch der Weltklimarat der Vereinten Nationen erklärte 2022, dass der Einsatz von CO2-Entfernungstechnologien "unvermeidlich" sein wird, wenn die Welt ihre Netto-Null-Emissionsziele bis 2050 erreichen will.

Aktuellen Untersuchungen zufolge werden derzeit nur 0,1 Prozent der weltweiten Emissionen durch solche Technologien aufgefangen. Der CCS-Sektor müsste sich also in den nächsten zehn Jahren erheblich weiterentwickeln.

Kritik gibt es daran, dass die CCS-Technologie dazu führen könnte, dass weiterhin Öl, Gas und Kohle gefördert und verbrannt werden. Viele Expertinnen und Experten halten es für besser, den CO2 Ausstoß rasch zu reduzieren. Sie fordern, dass wir uns von fossilen Brennstoffen so schnell wie möglich unabhängig machen und sie möglichst gar nicht mehr nutzen.

Redaktion: Tamsin Walker

Adaption aus dem Englischen: Jeannette Cwienk

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Image caption Die CCS-Technik wird seit den 1970-er Jahren erprobt
Image source Patrick Pleul/dpa/picture alliance
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Item 66
Id 68184184
Date 2024-02-06
Title König Charles ist krank - wie geht es weiter bei den Royals?
Short title König Charles ist krank - wie geht es weiter bei den Royals?
Teaser Noch vor einer Woche hatte ein fröhlicher König Charles nach einer geglückten OP das Krankenhaus verlassen. Nun kam eine erschreckende Diagnose: Krebs.
Short teaser Gerade noch hatte König Charles nach einer geglückten OP das Krankenhaus verlassen. Nun kam eine erschreckende Diagnose.
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Eigentlich war es nur eine vergrößerte Prostata, ein Routine-Eingriff, was bei älteren Männern oft passiert - selbst Könige sind nicht davor gefeit. Deswegen ist König Charles auch sehr offen mit der Krankheit umgegangen; er hat dafür geworben, dass Männer ab einem bestimmten Alter zur Vorsorge gehen. Charles ist 75 Jahre alt.

Am 29. Januar verließ er fröhlich lächelnd mit Queen Camilla an seiner Seite das Krankenhaus in der Nachbarschaft des Buckingham Palace. Alles schien soweit in Ordnung zu sein, doch haben die Ärzte bei weiteren Untersuchungen schließlich feststellen müssen, dass König Charles an "einer Krebsform" erkrankt ist. "Seine Majestät hat eine entsprechende Therapie begonnen, während der er auf Anraten seiner Ärzte keine auswärtigen offiziellen Termine wahrnehmen wird. Er wird sich aber weiterhin um Staatsgeschäfte kümmern und offizielle Dokumente bearbeiten." So hieß es am Montagabend (5.2.2024) in einer Pressemitteilung des Buckingham Palastes.

Selbst Harry kommt

Nach einer Meldung der BBC teilte Charles seiner engeren Familie die neue Diagnose persönlich mit. Selbst sein jüngerer Sohn Harry, Herzog von Sussex, werde in den nächsten Tagen von seinem Wohnort in Kalifornien nach London reisen, um den Vater zu treffen. Das Verhältnis zwischen den beiden war in den vergangenen Jahren erheblich abgekühlt; Harry und seine Frau Meghan haben im Januar 2020 den Buckingham Palace verlassen und auf sämtliche royale Titel und Vorzüge verzichtet.

Dass Harry nun nach London kommt, lässt Raum für Spekulationen darüber, wie schlimm es denn nun wirklich um den König steht. Es kann aber genauso ein Anstandsbesuch eines Sohnes sein, der seinen Vater nach einer Krebsdiagnose sehen möchte.

Charles möchte Spekulationen über seinen Zustand mit Offenheit entgegentreten. Dies sei ein Zeichen dafür, dass Charles die Monarchie verändern und modernisieren will, meint die Historikerin Sarah Gristwood in der BBC: "Bisher wurde die Verletzlichkeit eines Monarchen immer sorgfältig hinter den Palastmauern verborgen."

So war Charles Mutter, Königin Elizabeth, wesentlich zurückhaltender mit Informationen über ihren Gesundheitszustand. In diesem Zusammenhang war auch immer wieder diskutiert worden, bis zu welchem Grad die Öffentlichkeit ein Anrecht darauf habe, über den Gesundheitszustand ihres Staatsoberhaupts informiert zu werden.

Genesungswünsche aus der ganzen Welt

Charles war seiner Mutter Queen Elizabeth II. nach deren Tod im Herbst 2022 auf den Thron gefolgt. Während die Briten in Sorge um Charles sind, zweifelt der britische Premierminister Rishi Sunak nicht daran, dass der König bald schon seine volle Gesundheit wiedererlangt.

Auch aus dem Ausland sind Genesungswünsche eingetroffen. Der kanadische Premierminister Justin Trudeau, in dessen Land Charles gleichfalls Staatsoberhaupt ist, äußerte, ganz Kanada sei in Gedanken bei dem König. Der amerikanische Präsident Joe Biden gab an, er hoffe, bald mit Charles sprechen zu können. Selbst der frühere Präsident Donald Trump meldete sich zu Wort und sagte, er bete für den König.

Wie geht es nun weiter?

Im vergangenen Jahr hatte König Charles mehr als 500 Termine wahrgenommen. Das wird er nun erheblich einschränken müssen - dafür springen andere Mitglieder der Königsfamilie ein. Charles' Gattin, Queen Camilla, wird ihr geplantes Programm weiter verfolgen, und auch Prinz William, der direkte Thronfolger, wird seinen Vater vertreten.

Für den schlimmsten aller Fälle - dass Charles nicht mehr zurückkommen kann und seiner Krankheit erliegt - ist bereits kurz nach dem Beginn seiner Regentschaft vor knapp 17 Monaten gesorgt worden. Wie bei seiner Mutter gibt es ein ganz genaues Protokoll, das die Schritte nach dem Ableben eines britischen Monarchen minutiös vorgibt. Wie schon bei Queen Elizabeth ("London Bridge") trägt auch dieses Protokoll den Namen einer Brücke: "Menai Bridge" - benannt nach der ersten eisernen Hängebrücke der Welt in Anglesey, Wales. Es liegt nahe, dass dieser Name auf den Titel zurückfällt, den Charles bis zu seiner Inthronisation getragen hat: Prince of Wales.

Es wird erwartet, dass die "Operation Menai Bridge" viele Ähnlichkeiten zur "Operation London Bridge" aufweist. Sobald das Protokoll durchgeführt ist, würde Prinz William gemeinsam mit seiner Frau Kate die Krone übernehmen.

Doch zunächst einmal zeigt sich der Buckingham Palast weit davon entfernt, die Operation "Menai Bridge" überhaupt zu erwähnen. Die Verlautbarungen klingen zuversichtlich und sollen auch das britische Volk positiv stimmen. Das wird nicht ganz einfach, denn das Jahr hat für die royale Familie nicht gut begonnen.

Wieder ein "Annus horribilis"?

Angefangen hat alles am 4. Januar, als bekannt wurde, dass Charles' Bruder Prinz Andrew im Zuge des Sexskandals um Jeffrey Epstein eine weitere Frau sexuell belästigt haben soll. Kurz zuvor war er einem Missbrauchsprozess durch eine Einigung mit der Klägerin entgangen - doch nun ist klar, diese Frau war nicht die einzige, die Rede ist sogar von "Orgien mit Minderjährigen".

Am 17. Januar folgten die Meldungen von der Prostata-Erkrankung des Königs und zeitgleich wurde bekannt, dass sich Prinzessin Kate einer Unterleibs-OP unterziehen musste. Am 20. Januar schließlich eine weitere Hiobsbotschaft: Charles' Ex-Schwägerin Sarah Ferguson hat zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres Krebs.

Trotz dieser schlechten Nachrichten möchte sich König Charles offenbar nicht kleinkriegen lassen. Er sei laut Palast "positiv gestimmt" und freue sich darauf, so bald wie möglich wieder voll in den Dienst seines Landes zurückzukehren.

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Image caption An "einem Krebs erkrankt": Großbritanniens König Charles III.
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Item 67
Id 68172623
Date 2024-02-06
Title Der Bachelor: Wissenschaft nimmt Datingshows unter die Lupe
Short title Der Bachelor: Wissenschaft nimmt Datingshows unter die Lupe
Teaser "Der Bachelor" gilt weltweit als Erfolgsformat. Forschende versuchen zu entschlüsseln, wohin die Liebe im Reality-TV am häufigsten fällt. Feststeht: Frauen finden öfter ihr Glück.
Short teaser "Der Bachelor" ist ein Erfolgsformat. Forschende versuchen, den Liebes-Code im Reality-TV zu entschlüsseln.
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Eine neue Staffel "Der Bachelor“. Mal wieder. Obwohl: Diesmal sind es sogar ZWEI Bachelors in einer Sendung, die sich in der neuesten Ausgabe der Datingshow auf die Suche nach der Liebe ihres Lebens begeben.

Und wieder stellt sich die Frage, wer die letzte Rose bekommt. Die Bachelors werden es wissen, vielleicht die Produzenten und - die Biologie.

"The Bachelor" ist seit der Produktion der ersten US-Staffel im Jahr 2002 ein Erfolgsformat - egal ob mit Bachelor oder Bachelorette als Protagonist bzw. Protagonistin.

2023 startete in den USA die 27. Staffel der Sendung, in Deutschland sind wir derzeit bei der 14. Ausgabe. Doch auch international wird man der Bachelors und Bacherlorettes nicht müde: Kanada, Australien, Neuseeland, Großbritannien, Japan, Vietnam, Schweiz, Finnland, Norwegen, Schweden, Rumänien, Russland, Ukraine, Frankreich, Polen, Israel - überall gab oder gibt es Junggesellen oder Jungesellinnen, die in dem Format ihr Glück suchen.

Partnerwahl: Der Bachelor als Studiengrundlage

Forschende des Instituts für Psychologie an der Universität Würzburg haben die TV-Show genauer unter die Lupe genommen und meinen, in dem Format Beweise für evolutionäre Theorien bei der Partnerwahl wiederzuerkennen. Sie gingen der Frage nach, wie der Beginn einer Beziehung und ihre Dauer vom Geschlecht der Person abhängt, die ihren gewünschten langfristigen Partner aus einem Pool potenzieller Kandidaten auswählt. Also: Wie sich der Mikrokosmos Bachelor/Bachlorette aufs echte Leben übertragen lässt. Die Forschung wurde in "Frontiers in Psychology" veröffentlicht.

Um die Frage zu beantworten, analysierten die Forschenden 169 Bachelor- und Bachelorette-Staffeln, die zwischen 2002 und 2021 in 23 Ländern ausgestrahlt worden waren. Die erforderlichen Daten entnahmen sie Wikipedia, Nachrichtenartikeln oder anderen Onlineressourcen. Wichtig waren unter anderem Alter und Geschlecht des Protagonisten bzw. der Protagonistin und des gewählten Partners oder der Partnerin. Berücksichtigt wurden auch die Anzahl der Teilnehmenden und der Beziehungsstatus bzw. die Länge der Beziehung nach der Sendung.

Das Ergebnis in Kürze: Wenn Frauen den Partner auswählten, kamen mehr Beziehungen zustande. Während die Männer in der Regel jüngere Partnerinnen wählten, entschieden sich Frauen für Partner, die näher an ihrem eigenen Alter lagen. Wenn es beim Bachelor oder bei der Bachelorette zu einer Beziehung kam, wurde die Dauernicht durch das Geschlecht des Protagonisten beeinflusst.

Evolutionstheorien im Reality-TV

Die Forschenden sehen in den Ergebnissen alte Theorien bestätigt, etwa evolutionäre Muster bei den Alterspräferenzen, wonach Männer durchweg jüngere - also vermeintlich fruchtbarere - Partnerinnen bevorzugten.

Oder etwa die Theorie der elterlichen Investition. Diese besagt, dass das Geschlecht mit der höheren Mindestinvestition in den Nachwuchs - in der Regel die Frau - bei der Partnerwahl eine größere Vorsicht an den Tag legt. Die minimale Investition des Mannes in die Nachkommen besteht aus ein paar Minuten Zeit für den Geschlechtsverkehr, die minimale Investition der Frau hingegen ist eine Schwangerschaft und das Großziehen des Nachwuchses.

Für die Frau ist es demnach von entscheidender Bedeutung, sicherzustellen, dass diese hohe Anfangsinvestition nicht umsonst getätigt wurde. Frauen bevorzugen nach diesem evolutionspsychologischen Ansatz Partner, die Macht, Status und Ressourcen, wie Vermögen, besitzen, also Voraussetzungen, die für das Aufziehen der Nachkommen nützlich sind. Na klar!

Ergebnisse nach Drehbuch?

Doch ist es wirklich so leicht und vor allem noch zeitgemäß? Die Schlussfolgerungen haben auch Schwächen, schreiben die Forschenden. Sie räumen unter anderem ein, dass Entscheidungen in den Sendungen bezüglich der Finalisten und Finalistinnen nicht von den Protagonisten selbst, sondern von den Produzenten getroffen sein könnten. Es geht um die ewige Frage der "scripted reality", einer vermeintlichen Wahrheit also mit fiktiven Elementen und Handlungen.

Auch die von den Forschenden analysierten Sendungen, also der Umfang der Stichproben, oder der Cast generell könnten das Ergebnis beeinflusst haben. So sind die teilnehmenden Frauen beim Bachelor laut Bachelordata primär zwischen 25 und 26 Jahren alt, also noch recht jung. Dem Bachelor bleibt keine andere Wahl als sich für eine solch jüngere Partnerin zu entscheiden. Die teilnehmenden Männer bei Bachelorette sind 29 bis 30 Jahre.

Auf der sozialen Nachrichtenseite "Reddit" wird die Studie oder vielmehr das Format "Bachelor" diskutiert, das nach Ansicht der Nutzenden auf hetero-patriarchalische Beziehungen ausgerichtet ist. Auch den Drang, menschliches Handeln mit der Evolution zu rechtfertigen, sehen Leser kritisch. So schreibtein User, der sich mit Evolutionsbiologie beschäftigt: "Ich sehe durchaus den theoretischen Wert der Übertragung von evolutionären Perspektiven auf die Erforschung des menschlichen Verhaltens, aber in der Praxis scheint es zu oft darauf hinauszulaufen, die Art und Weise, […] wie Menschen handeln, mit der Behauptung zu rechtfertigen, es sei alles biologisch angeboren." Dies sei in der heutigen Zeit, in der sich kulturelle Normen und Praktiken so schnell verbreiten, nicht mehr beweisbar.

Nichtsdestotrotz ein Happy End: Laut Studienautoren haben sich acht Prozent der Paare tatsächlich für eine Heirat entschieden.

Doch was fasziniert uns so am Bachelor?

Trotz der Kritik sind Dating-Shows wie der Bachelor oder Reality-TV allgemein nicht mehr aus der Fernsehlandschaft wegzudenken. Sie laufen zur Prime Time oder On-Demand - wann auch immer der Voyeurist in uns das Verlangen nach Flirts, Streitereien und Schadenfreude hat.

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Image caption Ist die Partnerwahl bei "Der Bachelor" einfache Evolutionspsychologie?
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Item 68
Id 68143984
Date 2024-02-06
Title Streikwelle: Stillstand in Deutschland
Short title Streikwelle: Stillstand in Deutschland
Teaser Das neue Jahr hat mit zahlreichen Streiks begonnen. Streiken die Deutschen nun mehr als früher und drohen uns Zustände wie in Belgien oder Frankreich? Wir haben versucht, Antworten zu finden.
Short teaser Das neue Jahr hat mit zahlreichen Streiks begonnen. Streiken die Deutschen mehr als früher?
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Die Streikwelle rollt weiter. Die Dienstleistungs-Gewerkschaft Verdi hat das Bodenpersonal und die Technik mehrerer Gesellschaften von Deutschlands größter Airline Lufthansa für diesen Mittwoch (7. Februar) zu einem ganztägigen Warnstreik aufgerufen. Es drohen erneut zahlreichen Flugausfälle und Verspätungen.

Dabei mussten sich die Deutschen in den letzten Wochen bereits oft in Geduld üben. Gleich zweimal wurde Anfang des Jahres die Deutsche Bahn für mehrere Tage lahmgelegt, es folgten Ausstände des Sicherheitspersonals an Flughäfen, außerdem blieben in fast allen Bundesländern Busse und Bahnen des Nahverkehrs für einen Tag stehen und bei dem Ferienflieger Discover Airlines, einer Lufthansa-Tochter, nahmen viele Piloten den Steuerknüppel für zwei Tage nicht in die Hand.

Steigt die Streiklust der Deutschen?

Für große ausufernde Streiks ist eigentlich Frankreich bekannt, in jüngster Zeit wird gefühlt auch in Deutschland immer mehr gestreikt. "Das hängt vor allen Dingen damit zusammen, dass in den Bereichen gestreikt wird, beispielsweise im Verkehrssektor, in denen ganz viel Bürgerinnen und Bürger betroffen sind", sagt dazu Thorsten Schulten von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Wenn in anderen Sektoren, wie Bau, Chemie oder Metall unter Umständen auch mit viel mehr Menschen gestreikt werde, dann würde das in der Öffentlichkeit gar nicht so wahrgenommen, weil der Alltag nicht beeinflusst sei. Ob tatsächlich mehr gestreikt wird, sei aber unklar, weil er noch keine genauen Zahlen zu Streiks im letzten Jahr habe, meint der Arbeitsmarktexperte.

Allerdings sei die Streikbeteiligung im letzten Jahr höher gewesen. Selbst die Gewerkschaften hätten sich erstaunt darüber gezeigt, wie viele Menschen sich dem Streikaufruf tatsächlich anschließen und zudem in die Gewerkschaft eintreten, so Schulten.

"Wir sehen heute sicherlich mehr Streiks als vor zehn oder 20 Jahren", sagt Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. "Allerdings gab es natürlich auch Phasen wie in den 1980er Jahren in Deutschland, in denen sehr viel gestreikt wurde."

Vergleicht man die Arbeitskämpfe in Deutschland mit denen in den Nachbarländern, dann ist es hier vergleichsweise ruhig. In den Jahren 2012 bis 2021 sind in Deutschland durchschnittlich 18 Arbeitstage pro 1000 Beschäftigten pro Jahr ausgefallen. In Frankreich und Belgien dagegen 92 beziehungsweise 96 Tage.

Wandel vom Arbeitgeber zum Arbeitnehmermarkt

Gestreikt wird in Deutschland vor allem, weil die Inflation den Menschen sehr zugesetzt hat. "Ganz viele Menschen haben heute eine geringere Kaufkraft, weil die Löhne in den letzten drei Jahren deutlich weniger stark gestiegen sind als die Preise und die Menschen jetzt einen Ausgleich für diesen Kaufkraftverlust haben möchten", glaubt DIW-Chef Fratzscher.

Gestreikt wird aber auch, weil es einen Arbeitskräftemangel durch die demografische Entwicklung gibt. "Wir haben 1,8 Millionen offene Jobs. Das macht die Beschäftigten selbstbewusster. Sie fordern bessere Arbeitsbedingungen, eine bessere Bezahlung und wollen das auch durchsetzen", so Fratzscher. Dementsprechend wird nicht nur für mehr Geld, sondern auch beispielsweise für weniger Arbeitszeit gestreikt wie beim Bahnstreik Anfang des Jahres. Die Streiks in dieser Woche auf den Flughäfen und im Personennahverkehr verteidigte Verdi-Chef Frank Werneke dementsprechend: "Die Arbeitsbedingungen in diesen Bereichen sind so katastrophal, dass die Menschen Entlastung haben wollen."

Insgesamt werde sich die Verschiebung von einem Arbeitgebermarkt zu einem Arbeitnehmermarkt in den kommenden Jahren noch beschleunigen, mutmaßt Fratzscher. "Ich sehe die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass wir in den nächsten zwei, drei Jahren mehr Streiks und Arbeitskämpfe sehen werden." Signale gibt es bereits: "Wir werden den Konflikt nicht mit dem Wattebausch lösen", kündigte etwa die neue Chefin der Gewerkschaft IG Metall in Baden-Württemberg, Barbara Resch, an.

Vor allem aber stehen in diesem Jahr wichtige Lohnrunden an, beispielsweise im Bankgewerbe, im Baugewerbe, in der Chemischen Industrie und in der Metall- und Elektro-Industrie. Ende 2024 enden auch die Tarifverträge bei der Deutschen Post und im Öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen. Insgesamt wird es Tarifverhandlungen für etwa 12 Millionen Beschäftigte geben, so das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans Böckler Stiftung (WSI).

Jahrzehntelanger Mitgliederschwund bei den Gewerkschaften

Wenn es um die Macht der Gewerkschaften geht, gilt sowohl die Zahl der Mitglieder als auch der Grad der Tarifbindung als Indikator. Gute Nachrichten gab es gerade von der Dienstleistungsgesellschaft Verdi, die sich über ein Mitgliederplus von rund 40.000 Menschen im vergangenen Jahr freut. Sie hat damit so viele neue Mitglieder gewonnen wie noch nie seit ihrer Gründung 2001. Schaut man aber auf die letzten dreißig Jahre, haben die Gewerkschaften beständig und in großem Ausmaß Mitglieder verloren.

Diesen Abwärtstrend zu durchbrechen ist nicht einfach, denn die Demographie macht sich auch bei den Gewerkschaften bemerkbar. Ihre Mitgliederstruktur entspreche nicht der Beschäftigtenstruktur, erklärt Schulten. Die großen geburtenstarken Jahrgänge, die in den nächsten Jahren in Rente gehen, seien auch in den Gewerkschaften deutlich überrepräsentiert. "Das heißt, die Gewerkschaften müssen alleine um ihren Mitgliederstand zu halten, jedes Jahr per Saldo mehr neue Beschäftigte aufnehmen, und das ist eine richtige Herkulesaufgabe", so Schulten.

Er geht davon aus, dass insbesondere Verdi die vielen neuen Mitglieder vor allen Dingen den Arbeitskämpfen zu verdanken habe. Den Umkehrschluss, dass die Gewerkschaften die Streiks vielleicht aus eigenen Machtkalkül vorantreiben, will er aber nicht ziehen. Auch Fratzscher hält das nicht für plausibel, allerdings meint er, "Gewerkschaften streiken auch, um Mitglieder zu werben oder anderen Gewerkschaften Mitglieder abzuluchsen - wie im Fall der Lokführergewerkschaft GDL".

Macht durch Tarifbindung

Auch bei der sogenannten Tarifbindung mussten die Gewerkschaften in den vergangenen Jahrzehnten Federn lassen. Waren Anfang der 1990er Jahre in Deutschland etwa 80 Prozent der Beschäftigten in tarifgebunden Jobs, sind es jetzt nur noch knapp die Hälfte. Die andere Hälfte arbeitet in Unternehmen, die nicht an Tarifverträge mit Gewerkschaften gebunden sind, sondern Hausverträge haben.

Dabei gewähren Tarifverträge auch Arbeitgebern viele Vorteile. Beispielsweise gewinnen sie Planungssicherheit während der Laufzeit von Tarifverträgen, weil da nicht gestreikt werden darf. In Zeiten mit Vollbeschäftigung, wie in den 1960er Jahren hätten die Arbeitgeber Flächentarifverträge bevorzugt, während die Gewerkschaften lieber auf betrieblicher Ebene verhandeln wollten, so Schulten. "Danach haben viele Unternehmen eine Tarifbindung offensichtlich nicht mehr für nötig gehalten, insbesondere in den 2000er Jahren, wo es eine hohe Massenarbeitslosigkeiten gab." Möglicherweise sei nun, mit der verbesserten Position der Arbeitnehmer wieder ein Wendepunkt gekommen sei, an dem die Arbeitgeber eher bereit seien, Tarifverträge abzuschließen, sagt Schulten.

Den Plänen der EU-Kommission würde das entgegenkommen. Sie hat im Herbst 2022 eine Richtlinie erlassen, nach der die Tarifbindung in den Mitgliedstaaten auf mindestens 80 Prozent angehoben werden soll. Diese Richtlinie muss innerhalb von zwei Jahren in nationales Recht umgesetzt werden. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil will das seit langem angekündigte Tariftreuegesetz in diesem Frühjahr auf den Weg bringen. Zur Stärkung von Tarifverträgen werde die Regierung im Frühjahr ein Gesetz vorlegen: "Wir wollen, dass öffentliche Aufträge des Bundes nur noch an Unternehmen gehen, die nach Tarif bezahlen", so der Minister.

Der Artikel wurde am 1.2.2024 erstmals publiziert und am 6.2.24 aktualisiert.

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Image caption Warnstreik, hier an einem Busbahnhof in Berlin
Image source iesa Johannssen/REUTERS
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Item 69
Id 68179730
Date 2024-02-06
Title "The Crown": Kutsche und Kostüme unterm Hammer
Short title "The Crown": Kutsche und Kostüme unterm Hammer
Teaser Die britische Monarchie fasziniert Menschen aus aller Welt, was zum großen Erfolg der Netflix-Serie "The Crown" beigetragen hat. Nun werden knapp 450 Kostüme und Requisiten versteigert.
Short teaser Den Royals ganz nah: Hunderte Kostüme und Requisiten aus der Netflix-Serie "The Crown" werden versteigert.
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Die Netflix-Serie "The Crown" erzählt in 60 Episoden von der ehemaligen Königin des Vereinigten Königreichs und ihrer Familie. Queen Elizabeth II. wird von drei Schauspielerinnen verkörpert, die die gesamte Regierungszeit der Monarchin abdecken - von 1947 bis zu ihrem Tod.

Wer das Leben der britischen Royals verfolgt, findet in der Serie viele Parallelen. Nicht alles, was in der preisgekrönten Serie erzählt wird, beruht auf wahren Begebenheiten, manches wurde der Dramatik zuliebe hinzugedichtet. Und so gelingt es "The Crown" meisterhaft, das Publikum vor dem Bildschirm in seinen Bann zu ziehen. Das liegt zum einen an den Geschichten über die Royals, die mit ihren Liebschaften und Skandalen seit jeher Stoff für Unterhaltung bieten, und zum anderen an den schauspielerischen Leistungen der Darstellenden. Nicht zuletzt überzeugen auch Inszenierung, Kostüme und die gesamte Ausstattung.

Opulente Ausstattung und Liebe zum Detail

"The Crown" zählt zu den teuersten Serien, die je gedreht wurden. Die Schöpfer versuchten größtmögliche Nähe zur realen Königsfamilie und zu realen Schauplätzen herzustellen. Die Liebe zum Detail reicht vom nachgebildeten Verlobungsring von Lady Diana über die Hausbar von Queen Mum bis hin zur goldenen Kutsche der Königsfamilie.

Ein großer Teil des Budgets wurde für die Kostüme und Requisiten aufgewendet, die Kostümabteilung war die größte Abteilung der gesamten Produktion. Die Gewänder der Schauspielerinnen und Schauspieler stehen den Originalen in nichts nach. Die Kostümbilderinnen schneiderten Roben für die Krönungszeremonie, Ballkleider für die weiblichen Royals und fertigten eine Replik des durchsichtigen Kleids an, mit dem Kate Middleton einst bei Prinz William Eindruck hinterlassen hatte.

Knapp 450 dieser Kostüme und Requisiten - darunter viele Möbelstücke wie Schreib-, Schmink- und Beistelltische, aber auch eigens angefertigte Gemälde - werden nun im Londoner Auktionshaus Bonham versteigert. Der Erlös der Live-Auktion von rund 150 Objekten am 7. Februar fließt in ein Stipendienprogramm der britischen Film- und Fernsehhochschule NFTS (National Film and Television School).

Unter den ausgefalleneren Objekten ist auch eine Nachbildung des Eingangstors der Downing Street Nummer 10, dem Amtssitz des britischen Premierministers. Die britische Boulevardzeitung "Daily Mail" verbreitete das Gerücht, dass sich der frühere britische Premierminister Boris Johnson für die Kulisse interessieren würde. Mit einem Schätzwert von 23.000 bis 35.000 Euro gehört dieses Objekt zu den teuersten.

Auch eine Reproduktion des hölzernen Krönungsstuhls, des sogenannten Saint Edward's Chair, steht zur Versteigerung. Das Original wurde 1296 von König Eduard I. in Auftrag gegeben. Wer auch immer den Zuschlag bekommt, kann sich immerhin ein bisschen wie ein König oder eine Königin fühlen.

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Image caption "The Crown" geizte nicht mit aufwendigen Kostümen und Requisiten
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Item 70
Id 68175210
Date 2024-02-05
Title OECD halbiert Wachstumsprognose für Deutschland
Short title OECD halbiert Wachstumsprognose für Deutschland
Teaser Die Industriestaatenorganisation OECD hat die Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft im laufenden Jahr merklich angehoben. Für Deutschland sieht es eher düster aus.
Short teaser Die Industriestaatenorganisation OECD hebt die Prognose für die Weltwirtschaft an, für Deutschland sieht es düster aus.
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Die deutsche Wirtschaft wird nach Prognose der Industriestaaten-Organisation (OECD) auch in diesem Jahr beim Wachstum international hinterherhinken. Sie halbierte am Montag ihre Prognose für den Anstieg des Bruttoinlandsproduktes auf 0,3 Prozent, nachdem es im vergangenen Jahr sogar leicht geschrumpft war. Ein deutlich besseres Abschneiden wird den anderen großen Euro-Ländern Frankreich (0,6 Prozent), Italien (0,7 Prozent) und Spanien (1,5 Prozent) zugetraut.

Besser schlagen dürften sich auch andere Industrienationen wie die USA (2,6 Prozent) oder Großbritannien (0,7 Prozent), so die in Paris ansässige OECD. Nur Argentinien soll merklich schlechter abschneiden. Hier könnte das BIP um 2,3 Prozent sinken, laut Vorhersage. Für 2025 senkte die OECD ihre Prognose für Deutschland von 1,2 auf 1,1 Prozent, womit sie erneut unter dem Schnitt der Euro-Zone von 1,3 Prozent bleibt.

"Dies liegt vor allem daran, dass die energieintensive Industrie ein größeres Gewicht in der deutschen Wirtschaft hat als in anderen Ländern der Euro-Zone", erklärte OECD-Expertin Isabell Koske das erwartete schwache Abschneiden von Europas größer Volkswirtschaft. "Die Abhängigkeit von russischen Energieimporten war in Deutschland größer als zum Beispiel in Frankreich." Das habe nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine zu einer stärkeren Verteuerung von Energie in Deutschland geführt. Diese beeinträchtige die Produktion in energieintensiven Industrien noch immer.

Haushaltskrise bremst Wirtschaftsentwicklung

"Zudem hat die Haushaltskrise die Unsicherheit für die Unternehmen und Haushalte erhöht", nannte Koske auch ein hausgemachtes Problem. Die Bundesregierung ist nach dem Verfassungsgerichtsurteil zur Schuldenbremse auf einen Sparkurs eingeschwenkt. Die Krise habe zum Rückgang der Investitionen im vierten Quartal 2023 geführt und den privaten Konsum trotz gestiegener Reallöhne zurückgehalten.

Der Arbeitsmarkt zeigt sich trotz konjunktureller Dauerflaute vergleichsweise robust. "Der Fachkräftemangel ist das größte Problem für viele deutsche Unternehmen", sagte Koske. "Trotz gegenwärtig schlechter Geschäftslage halten deshalb viele Unternehmen an ihren Arbeitskräften fest."

Mehr Planungssicherheit nötig

Um die Konjunktur wieder in Schwung zu bekommen, muss nach den Worten vom OECD-Experten Robert Grundke vor allem die Finanzierung der geplanten Projekte im Klima- und Transformationsfonds über 2024 hinaus geklärt werden, um für Unternehmen und Haushalte Planungssicherheit zu schaffen.

"Um die Energiewende und die Digitalisierung zu beschleunigen, müssen die Infrastrukturplanung und die lokale Verwaltungskapazität verbessert und der Verwaltungsaufwand verringert werden", sagte Grundke. Verbindliche und einheitliche IT-Standards sollten aufgestellt, kommunen- und länderübergreifend die Harmonisierung der Verwaltungsverfahren sowie gemeinsame Software-Entwicklung gefördert werden.

Anreize schaffen über Steuerpolitik

"Sehr hohe Steuern auf Arbeit verringern zudem das Arbeitsangebot", sagte Grundke. Geringere Steuern und Sozialabgaben für untere und mittlere Einkommen sollten durch eine Streichung von verzerrenden und regressiven Steuervergünstigungen finanziert werden - etwa bei der Erbschaftssteuer oder der Besteuerung von Bestandsimmobilien und dem Wegfall von Dienstwagenprivileg und Dieselsubvention.

Zudem arbeite die Hälfte aller Frauen Teilzeit in Stellen, für die sie überqualifiziert seien. "Die Anreize für das Arbeitsangebot von Frauen im Steuer- und Sozialleistungssystem sollten verbessert werden", sagte Grundke. Gefördert werden könne dies etwa durch die Reform des Ehegattensplittings oder die Abschaffung der Mitversicherung des geringfügig beschäftigten Ehepartners in der Krankenversicherung. Auch sollten ältere Menschen dazu befähigt werden, länger zu arbeiten.

hb/iw (rtr,afp)

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Image caption Für die Weltwirtschaft sieht es wieder besser aus, für die deutsche Volkswirtschaft eher nicht
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Item 71
Id 68172465
Date 2024-02-05
Title Deutsche Waren im Ausland weniger gefragt
Short title Deutsche Waren im Ausland weniger gefragt
Teaser Schwaches Jahr für den deutschen Außenhandel: Der Export von Waren ist 2023 gegenüber dem Vorjahr um 1,4 Prozent gesunken. Im Jahr 2022 hatten die Ausfuhren noch einen Rekordwert erreicht.
Short teaser Schwaches Jahr für den deutschen Außenhandel: Der Export ist 2023 gegenüber dem Vorjahr um 1,4 Prozent gesunken.
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Die deutschen Exporte sind 2023 wegen der mauen Weltkonjunktur und eines schwachen Jahresabschlusses eingebrochen. Sie fielen um 1,4 Prozent im Vergleich zu 2022 auf 1562,1 Milliarden Euro, wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte. Wegen Nachholeffekten nach dem ersten Nachfrageschock infolge der Corona-Krise hatte es 2022 und 2021 jeweils kräftige Zuwächse gegeben. Die Importe nahmen noch stärker ab: Sie fielen um 9,7 Prozent auf 1352,5 Milliarden Euro. Daraus ergibt sich ein Exportüberschuss von fast 210 Milliarden Euro.

"Letztlich ist die Weltwirtschaft zu schwach, um für Dynamik zu sorgen", sagte der Chefvolkswirt der Privatbank Hauck Aufhäuser Lampe, Alexander Krüger. Es zeichne sich bereits jetzt ein erneut schweres Jahr für die Exportbranche ab. "Die Verspannungen im Roten Meer sorgen für neue Handelsrisiken", sagte Krüger angesichts der wiederholten Angriffe der Huthi-Rebellen auf Containerschiffe auf der wichtigen Handelsroute zwischen Asien und Europa.

Schwacher Dezember - Mauer Ausblick

Zuletzt ging es überraschend stark bergab: Im Dezember brachen die Warenexporte um 4,6 Prozent im Vergleich zum Vormonat auf 125,3 Milliarden Euro ein - der größte Rückgang seit einem Jahr. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten nur mit einem Minus von 2,0 Prozent gerechnet, nachdem es im November noch ein kräftiges Plus von 3,5 Prozent gegeben hatte.

Viele Zentralbanken haben ihre Leitzinsen im Kampf gegen die hohe Inflation kräftig angehoben, was Kredite für Investitionen in deutsche Exportschlager wie Maschinen, Anlagen oder Fahrzeuge deutlich verteuert und damit die Nachfrage dämpft.

Die Importe sanken im Dezember sogar um 6,7 Prozent auf 103,1 Milliarden Euro, auch das ist das größte Minus seit einem Jahr. "Dies bestätigt uns in der Annahme, dass die deutsche Wirtschaft auch im laufenden Jahr schrumpfen dürfte", sagte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel.

Die Exporte in die Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) nahmen im Dezember um 5,5 Prozent auf 67,5 Milliarden Euro ab. Die meisten deutschen Ausfuhren gingen am Jahresende erneut in die Vereinigten Staaten, auch wenn sie um 5,5 Prozent auf 12,7 Milliarden Euro sanken. Das China-Geschäft schrumpfte sogar um 7,9 Prozent auf 7,5 Milliarden Euro, die Exporte in das Vereinigte Königreich gingen um 4,3 Prozent auf 7,4 Milliarden Euro zurück.

In dieses Jahr sind die deutschen Exporteure mit wenige Schwung gestartet: Ihre Erwartungen für die Geschäfte in den kommenden Monaten sanken im Januar erneut. Das entsprechende Barometer fiel auf minus 8,4 Punkte und damit auf den niedrigsten Stand seit September 2023. "Die Exporteure brauchen neue Impulse", sagte der Leiter der Ifo-Umfragen, Klaus Wohlrabe.

hb/iw (rtr,dpa)

Item URL https://www.dw.com/de/deutsche-waren-im-ausland-weniger-gefragt/a-68172465?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Drehscheibe des deutschen Außenhandels: Der Hamburger Hafen
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Item 72
Id 68152535
Date 2024-02-05
Title Zweite Amtszeit für El Salvadors Bitcoin-Präsident
Short title Zweite Amtszeit für El Salvadors Bitcoin-Präsident
Teaser Wohl kaum ein Präsident ist so beliebt wie Nayib Bukele. Sein Kampf gegen kriminelle Banden wird international als Erfolg gefeiert und kopiert. Seine großen Bitcoin-Versprechen hat Bukele bisher aber nicht eingelöst.
Short teaser Wohl kaum ein Präsident ist so beliebt wie Nayib Bukele. Seine Bitcoin-Versprechen hat er bisher aber nicht eingelöst.
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Noch vor den offiziellen Wahlergebnissen hat sich Nayib Bukele zum Sieger der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen erklärt. Der Sieg war ihm eigentlich schon vor den Wahlen gewiss, denn der 42-Jährige Werbefachmann hat Zustimmungsraten wie kein ein anderer Präsident. Bukele kennt die Wirkung klarer und einfacher Botschaften. Schon zu Beginn seiner ersten Präsidentschaft 2019 inszenierte er sich als starken Führer, der El Salvador sicher und international bedeutsam macht. Dafür wird der 42-Jährige mittlerweile von vielen verehrt und von einigen als autoritär abgelehnt.

Vor allem sein Kampf gegen die kriminellen Banden wird in vielen Ländern mit ähnlichen Problemen begeistert verfolgt und kopiert. Denn Bukele hat aus dem unsichersten Staat Lateinamerikas ein Land gemacht, in das zunehmend wieder Touristen kommen. Die Bevölkerung traut sich wieder auf die Straße, die Wirtschaft wächst langsam, die Arbeitslosigkeit sinkt.

Aber die sinkende Kriminalitätsrate hat einen hohen Preis: Das Land mit seinen 6,3 Millionen Einwohnern hat mittlerweile die höchste Inhaftierten-Rate weltweit.

Die Gefängnisse sind auch so voll, weil Bukele es mit der Demokratie und den Bürgerrechten nicht so genau nimmt. So hat er die Untersuchungshaft bei mutmaßlichen Kriminellen auf zwei Jahre verlängert. Menschenrechtsorganisationen sagen, dass viele Menschen unschuldig im Gefängnis sitzen. Kritische Journalisten berichten von Bedrohungen, wenn sie über Unrecht und die Machenschaften von Bukeles Netzwerk berichten.

Doch Nayib Bukele lächelt solche Vorwürfe weg. Vor zwei Jahren bezeichnete er sich mit einem Augenzwinkern als "coolster Diktator der Welt". Geschadet hat ihm das nicht - im Gegenteil.

Inszenierung als Bitcoin-Präsident

International hat Bukele vor allem wegen seiner Bitcoin-Visionen Schlagzeilen gemacht: Es war im September 2021, da führte El Salvador als erstes Land weltweit den Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel ein. Dagegen gab es in der Hauptstadt San Salvador mehrmals heftige Proteste.

Seitdem legt der Staat selbst in der Digitalwährung an. Auch entwickelte El Salvador eine eigene digitale Geldbörse - die Chivo-Wallet. Damit sollten auch Menschen Zugang zu Bankgeschäften bekommen, die bisher nur mit Bargeld hantierten. Wer die App installierte und sich auswies, der bekam 30 Dollar obendrauf.

In einem animierten Video, das Nayib Bukele mit seinen 6,2 Millionen Instagram-Followern und 7,5 Millionen TikTok-Fans vor Kurzem geteilt hat, wird vom Erfolg der Mission berichtet: "El Salvador macht weiter Gewinn", heißt es da. "Würden wir jetzt verkaufen, wären wir sieben Millionen Dollar im Plus". Viele Menschen könnten dank "des Geldes der Zukunft" jetzt auch an Bankgeschäften teilhaben, heißt es weiter. In dem Video wird den Medien - unter anderem der Deutschen Welle - vorgeworfen, einseitig und negativ über das Thema berichtet zu haben.

Tatsächlich könnte El Salvadors Bitcoin-Portfolio derzeit im Plus sein. Doch so genau kann das niemand sagen. "Wie viel die Staatskasse mit Bitcoin gewonnen oder verloren hat, wissen wir nicht wirklich, weil es keinen transparenten Nachweis gibt, wann der Präsident in welcher Form wie viele Bitcoin gekauft hat", sagt der Lateinamerika-Forscher Christian Ambrosius von der Freien Universität Berlin. Bukele gibt lediglich ab und zu über Twitter bekannt, zu welchem Kurs der Staat Bitcoin erwirbt.

Kaum jemand nutzt das Chivo-Wallet

Auch insgesamt wirkt die Erfolgsbilanz der Bitcoin-Mission bisher eher bescheiden. So bleibt die soziale Revolution aus. Der Bitcoin ist auch zwei Jahre nach der Einführung nicht besonders verbreitet.

Einer repräsentativen Umfrage zufolge, die im Wissenschaftsportal Science veröffentlicht wurde, wissen zwar rund zwei Drittel der Bevölkerung über die Chivo Wallet Bescheid. Rund die Hälfte der Bevölkerung hat sich die digitale Geldbörse auch heruntergeladen. Doch die Hälfte davon wiederum nur wegen des Begrüßungsgeldes. Am Ende blieben laut der Umfrage nur fünf Prozent, die wirklich Bitcoins mit der Chivo Wallet sparten oder damit bezahlten. Die Autoren schreiben: "Bitcoin wurde nicht auf breiter Front akzeptiert." Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Großprojekte in der Schwebe

Auch vor zwei Jahren kündigte Bukele vor internationaler Presse und Kryptofans an, dass sein Land ein neues Eldorado für Digitalwährungen werden würde. Am Fuße eines Vulkans sollte dafür die Bitcoin-City entstehen. Steuerfreiheit sollte Unternehmer aus der ganzen Welt anlocken. Die Geothermie aus dem Vulkan sollte die Stadt mit Energie versorgen.

Finanzieren wollte Bukele seine Pläne mit einer Bitcoin-Anleihe. Doch laut Christian Ambrosius ist von Bukeles Megaprojekten nicht viel übrig geblieben. "All dies waren medial groß aufgezogene Projekte, die nie viel Substanz hatten", sagt der El Salvador-Experte.

Für die Bitcoin-Anleihe hätte es keine Nachfrage gegeben. Man habe sich ausrechnen können, "dass Bitcoin Bonds in der geplanten Form nicht attraktiv waren, wenn zusätzlich zu dem Risiko von Kursentwicklungen auch noch ein Risiko des Zahlungsausfalls hinzukommt."

Noch immer wandern die Leute aus

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte die Einführung des Bitcoin 2021 heftig kritisiert. Eine Analyse kam zu dem Schluss, dass die hohen Preisschwankungen des Bitcoins ein "signifikantes Risiko für die finanzielle Stabilität" des Landes darstellten.

Auch deshalb verweigerte der IWF, wichtige Gelder für das Land bereitzustellen. Doch mittlerweile sprechen der IWF und Bukele wieder von "produktiven Gesprächen", und auch die Ratingagentur S&P hat kürzlich die Kreditwürdigkeit für El Salvador nach oben korrigiert.

Christian Ambrosius sieht dennoch keine langfristige Wirtschaftsstrategie von Bukele. "Die sogenannte Bitcoin-Ökonomie besteht meines Erachtens vor allem aus heißer Luft."

Die wirtschaftlichen Herausforderungen des Landes bestünden weiter vor allem darin, dass viele Menschen keinerlei soziale Aufstiegsmöglichkeiten hätten und in die USA abwanderten. Rund ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts des Landes stammt nach wie vor aus Rücküberweisungen von Familienangehörigen aus den USA.

Aber immerhin habe die Inszenierung rund um den Bitcoin es geschafft, das Land bekannter zu machen, so Ambrosius. Davon könne der Tourismus weiter profitieren. Bukeles einfache und klare Botschaften scheinen also doch irgendwie anzukommen, während die Kritik an seinem autoritären Vorgehen an ihm und den Wählern in El Salvador abprallt.

Der Artikel ist am 2.2.2024 erschienen und wurde nach der Wahl am 5.2.2024 aktualisiert.

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Image caption Große Zustimmung für den Präsidenten: Unterstützerin von El Salvados Präsident Nayib Bukele
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Item 73
Id 68163656
Date 2024-02-03
Title Ex-US-Banker wird neuer Zentralbankchef in der Türkei
Short title Ex-US-Banker wird neuer Zentralbankchef in der Türkei
Teaser Die türkische Zentralbank bekommt schon wieder einen neuen Chef: Fatih Karahan. Seine Vorgängerin war überraschend zurückgetreten. Nun muss sich Karahan um die Bekämpfung der rasanten Inflation in der Türkei kümmern.
Short teaser Fatih Karahan ist der Neue an der Spitze der türkischen Zentralbank. Seine Vorgängerin war überraschend zurückgetreten.
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Stellvertreter war Fatih Karahan schon, nun lautet sein offizieller Titel Gouverneur. Der 42-Jährige rückt auf den Chefposten der türkischen Notenbank in Ankara - ernannt von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Das wurde am späten Freitagabend im Amtsblatt der Türkei bekannt gemacht.

Karahan löst damit die bisherige Chefin Hafize Gaye Erkan ab, die wenige Stunden zuvor überraschend ihren Rücktritt angekündigt hatte. Erkan hatte die Zentralbank seit vergangenem Juni geleitet und war die erste Frau, die das Amt innehatte. Die 44-Jährige war wegen Vorwürfen der Vetternwirtschaft unter Beschuss geraten.

Auslöser war ein Bericht der regierungskritischen Tageszeitung "Sözcü", die eine Mitarbeiterin der Zentralbank mit der Aussage zitiert hatte, Erkans Vater habe sich unrechtmäßig in Personalentscheidungen eingemischt. Erkan wies die Vorwürfe zurück. Auf ihrem Social-Media-Kanal schrieb die Bankerin, sie trete zurück, um ihre Familie und ihr "unschuldiges Kind" zu schützen.

Umbesetzung mitten in der Inflationsbekämpfung

Damit war eine erneute Neubesetzung des Chefpostens nötig - ausgerechnet in einer schwierigen Zeit, in der die Türkei weiterhin mit einer hohen Teuerungsrate zu kämpfen hat. Ökonomen machen Erdogans unkonventionelle Wirtschaftspolitik mit dafür verantwortlich, dass die Lebenshaltungskosten stark in die Höhe schossen und die Bürger Schwierigkeiten haben, sich Lebensmittel, Wohnraum und andere lebensnotwendige Dinge zu leisten.

Nach seinem erneuten Wahlsieg im Mai änderte Erdogan jedoch seinen Kurs. Er ernannte ein neues Wirtschaftsteam unter der Leitung des ehemaligen Merrill-Lynch-Bankiers Mehmet Simsek. Der kehrte als Finanzminister ins Kabinett in Ankara zurück und holte Erkan als neue Gouverneurin an die Spitze der Zentralbank.

Um der Inflation Einhalt zu gebieten, hob Erkan den Leitzins schrittweise von 8,5 auf 45,0 Prozent an - was ihre Vorgänger mutmaßlich das Amt gekostet hätte. Doch Präsident Erdogan ließ die Gouverneurin gewähren. Ihr Rücktritt jetzt sei ihre ganz persönliche Entscheidung, so Erkan. Nach der Rückzugsankündigung am Freitag kündigte Finanzminister Simsek an, die bisherige Wirtschaftspolitik werde fortgeführt.

Chef mit US-Meriten

Fatih Karahan war von Präsident Erdogan bereits im Juli zu einem der drei stellvertretenden Gouverneure der Zentralbank ernannt worden. Nach einem Wirtschaftsstudium in den USA arbeitete er für ein Jahrzehnt bei der US-Notenbank Fed des Regionalbezirks New York. Außerdem war er von 2022 an als leitender Ökonom für den Online-Händler Amazon tätig.

Die große Aufgabe bleibt: Die Inflation liegt in der Türkei mit etwa 65 Prozent immer noch extrem hoch. Nach einem Anstieg auf 85 Prozent im Jahr 2022 war sie zeitweise zwar gefallen, zuletzt aber wieder gestiegen. Ein Grund für die hohe Inflation ist die schwache Landeswährung Lira, die Einfuhren in die Türkei erheblich verteuert.

AR/jj (dpa, rtr, ap)

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Image caption Neuer Notenbankchef Karahan: Erst bei Amazon, jetzt in Ankara (Archivbild)
Image source ANKA
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Item 74
Id 58645906
Date 2024-02-03
Title Gertrude Stein - Salon-Löwin mit dunkler Vergangenheit
Short title Gertrude Stein - Salon-Löwin mit dunkler Vergangenheit
Teaser Vor 150 Jahren wurde die jüdische Kunstsammlerin und Schriftstellerin Gertrude Stein geboren. Sie war eine lesbische Ikone, beherbergte Picasso - und übersetzte antisemitische Reden.
Short teaser Die Kunstsammlerin Gertrude Stein wurde vor 150 Jahren geboren. Sie war eine lesbische Ikone und mit Picasso befreundet.
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Gertrude Stein führte zweifellos ein bewegtes Leben: innovativ im Umgang mit Sprache, ein lesbisches Rollenmodell, eine feministische Pionierin und literarische Anarchistin, die in ihrer Pariser Wohnung Gastgeberin illustrer Autoren und Künstler wie Hemingway, Fitzgerald oder Picasso durchfütterte.

Doch neben ihrem progressiven Lebensstil entwickelte die jüdisch-amerikanische Schriftstellerin und Kunstsammlerin während des Zweiten Weltkriegs auch eine Beziehung zu Nazi-Kollaborateuren, die ihr vermutlich das Leben und ihre außergewöhnliche Kunstsammlung rettete.

Ströme des Bewusstseins

Als jüngstes von fünf Kindern wurde Stein am 3. Februar 1874 in Allegheny, Pennsylvania, als Tochter wohlhabender Einwanderer deutsch-jüdischer Abstammung geboren. Als sie noch ein Kleinkind war, zog die Familie Stein kurzzeitig nach Europa, wo Gertrude ihre ersten Lebensjahre in Österreich und Frankreich verbrachte. Die Familie kehrte 1879 in die USA zurück und ließ sich zunächst in Baltimore und später in Oakland, Kalifornien, nieder.

1893 schrieb sich Stein am Radcliffe College ein, einem Frauencollege in Cambridge, das dem damals nur für Männer zugelassenen Harvard College gleichgestellt war. Sie studierte dort vier Jahre Psychologie. Einer ihrer Dozenten war William James, der als "Vater der amerikanischen Psychologie" bekannt wurde und Bruder des Schriftstellers Henry James war. Er ermutigte sie, die Erzählform des "Bewusstseinsstroms", wie sie etwa Schriftsteller James Joyce nutzte, zu erforschen. Sie sollte für ihren modernistischen Schreibstil prägend werden.

Später schrieb sich Stein an der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore ein. Nach anfänglich guten Leistungen verlor sie jedoch bald das Interesse und schloss das Studium nicht ab. Stattdessen zog Gertrude Stein nach Paris, wo ihr Bruder Leo lebte und bereits Kunst sammelte.

Mäzenin der Avantgarde-Kunst

Als versierte Kunstliebhaber sammelten die Geschwister Bilder von bekannten Künstlern wie Cézanne, Renoir, Manet und Gauguin. Aber sie kauften auch Werke von damals weithin unbekannten Malern, darunter frühe kubistische Gemälde von Pablo Picasso, Georges Braque und Juan Gris oder auch expressionistische Bilder von Henri Matisse. Ein Artikel in der "New York Times" von 1968 bezeichnete ihre Wohnung in der Rue de Fleurus 27 am linken Seine-Ufer als "erstes Museum für moderne Kunst".

Stein veranstaltete immer samstags Abendsalons, die nicht nur europäische Avantgarde-Künstler anzogen, deren Werke in ihrer Wohnung vom Boden bis zur Decke hingen, sondern auch amerikanische Schriftsteller. Stein nannte sie die "verlorene Generation"; zu ihren literarischen Gästen gehörten Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald und Ezra Pound.

"Jeder brachte jemanden mit, und sie kamen zu jeder Zeit, und es begann, ein Ärgernis zu sein, und so begannen die Samstagabende", wie Stein in ihrem Werk "The Autobiography of Alice B. Toklas" schrieb.

Sitzen für Picasso

Picasso begann kurz nach ihrer ersten Begegnung im Jahr 1905 mit der Arbeit an einem Porträt von Stein, als Dank für ihr Mäzenatentum. Stein saß angeblich bis zu 90 Mal für den spanischen Meister Modell. Erst dann meinte er, ihre Persönlichkeit - nicht ihr Aussehen - zufriedenstellend auf Leinwand gebannt zu haben.

Viele sahen jedoch wenig Ähnlichkeit mit Stein in dem, was ein Vorgeschmack auf Picassos Experimente im Kubismus sein sollte. Picasso soll geantwortet haben: "Macht nichts, am Ende wird sie es schaffen, genau so auszusehen." Das 1906 vollendete Werk ist heute Teil der ständigen Sammlung des Metropolitan Museum of Art in New York.

Der Komiker Charlie Chaplin, den Stein 1934 während einer sechsmonatigen Vortragsreise in den USA kennengelernt hatte, bezog sich in seinem Film "Rampenlicht" von 1952 auf ihr Gedicht "Sacred Emily", das 1913 geschrieben und 1922 veröffentlicht wurde. Darin heißt es: "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose."

Chaplin schrieb später in seiner Autobiografie über die Schriftstellerin: "Sie würde mich gerne in einem Film sehen, wie ich die Straße hinaufgehe und um eine Ecke biege, dann noch eine Ecke und noch eine."

Verärgerter Hemingway

"Gertrude Stein ist angekommen", stand auf einem Schild, mit dem die Schriftstellerin und ihre Lebensgefährtin Alice B. Toklas während einer Werbetour auf dem New Yorker Times Square begrüßt wurden. Stein hatte bereits mehrere Bücher veröffentlicht, in denen es um lesbische Liebesaffären gegangen war, etwa "Q.E.D." oder "Tender Buttons" (1914).

"The Autobiography of Alice B. Toklas" brachte ihr aber schließlich literarischen Ruhm ein. Das Buch war 1933 in New York bereits neun Tage vor seiner Veröffentlichung ausverkauft, wurde in den beiden Folgejahren viermal nachgedruckt und machte Stein und Toklas zum damals berühmtesten lesbischen Paar der Welt.

Es ging darin um ihr Leben in Paris, wobei einige bissige Beobachtungen über die berühmten Pariser Salongäste gar nicht gut ankamen. Matisse war verärgert darüber, wie Stein seine Frau beschrieben hatte. Hemingway nannte es "ein verdammt erbärmliches Buch", nachdem er darin als "zerbrechlich und feige" beschrieben worden war. Er revanchierte sich in seinen 1964 erschienenen Memoiren "Paris - Ein Fest fürs Leben", in denen er Steins Prosa als Wiederholungen bezeichnete, "die ein gewissenhafterer und weniger fauler Schriftsteller in den Papierkorb gesteckt hätte".

Mit Nazi-Kollaborateuren befreundet

Während des Ersten Weltkriegs hatten sich Stein und Toklas freiwillig für den "American Fund for the French Wounded" gemeldet, um Versorgungsgüter in französische Krankenhäuser zu liefern - obwohl keine der beiden am Steuer besonders geschickt war. Beide erhielten die "Médaille de la Reconnaissance française", eine Auszeichnung, die an Zivilisten als Zeichen der Dankbarkeit der französischen Regierung verliehen wurde.

Steins Aktivitäten während des Zweiten Weltkriegs wurden kritischer hinterfragt. Als Jüdin und Homosexuelle, die im von den Nazis besetzten Frankreich lebte, wurde ihr geraten, das Land zu verlassen. Doch Stein und Toklas verließen lediglich Paris und gingen nach Bilignin, das im nicht von den Nationalsozialisten besetzten Teil des Landes lag, unter der Leitung des Vichy-Regimes. Dort übersetzte Stein zwar die antisemitischen Reden des ehemaligen französischen Generals Philippe Pétain ins Englische, doch es kam nie zu einer Veröffentlichung der Texte.

Stein war auch mit Bernard Fay befreundet, einem weiteren mächtigen Beamten der Vichy-Regierung. Sein Einfluss sorgte wohl dafür, dass die Nazis ihren riesigen und wertvollen Fundus an Kunstwerken nicht plünderten.

Stein starb kurz nach dem Krieg, vor 75 Jahren, am 27. Juli 1946. Sie wurde 72 Jahre alt und auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise begraben, wo auch Oscar Wilde, Frédéric Chopin, Edith Piaf, Amedeo Modigliani und Jim Morrison bestattet wurden.

Deutsche Adaption: Torsten Landsberg

Dieser Artikel wurde am 25. Januar 2024 aktualisiert.

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Image caption Gertrude Stein im Jahr 1938 am Schreibtisch ihrer Pariser Wohnung
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Item 75
Id 68141075
Date 2024-02-01
Title Ägypten: Großer Streit um eine kleine Pyramide
Short title Ägypten: Großer Streit um kleine Pyramide
Teaser Soll die kleinste der drei Pyramiden von Gizeh restauriert werden? Darüber ist in Ägypten ein Streit entbrannt. Kritiker fragen spöttisch, ob als nächstes der schiefe Turm von Pisa begradigt wird.
Short teaser Soll die kleinste der drei Pyramiden von Gizeh restauriert werden? Darüber ist in Ägypten ein Streit entbrannt.
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Die Menkaure-Pyramide ist mit 65 Metern Höhe die kleinste der drei Pyramiden auf dem Plateau von Gizeh. Neben ihr ragen die Sphinx und die größere Pyramide von Cheops und Chephren (146 m) in den ägyptischen Himmel, die zu den Touristenmagneten zählen. Pharao Mykerinos (Menkaure ist sein altgriechischer Name, Anm. d. Redaktion), ließ sein Grab etwa zwischen 2540 und 2520 v. Chr. errichten. Die staatliche Altertümerverwaltung hält sie heute für renovierungsbedürftig.

Ägyptische und japanische Archäologen haben bereits damit begonnen, die äußere Granitverkleidung an den vier Seiten der Menkaure-Pyramide zu rekonstruieren. Mostafa Waziri, Chef der ägyptischen Altertümerverwaltung, spricht von einem "Jahrhundertprojekt".

Social Media Proteste folgten auf Video

In einem am Freitag auf Facebook veröffentlichten Video zeigte er, wie Arbeiter Granitblöcke, die seit einem Erdbeben rund um die Pyramide verstreut lagen, auf den Sockel der Pyramide setzen. Ursprünglich bestand die Pyramide von Menkaure aus 16 Granitblöcken.

Die Arbeiten sollen drei Jahre dauern, das Ergebnis werde "Ägyptens Geschenk an die Welt des 21. Jahrhunderts" sein, so Waziri. Sein Post in den sozialen Medien stieß jedoch auf wenig Gegenliebe. Eine Expertin bezeichnete das Projekt gar als "absurd". Monica Hanna, eine der führenden Ägyptologinnen des Landes, sagte der Nachrichtenagentur AFP: "Fehlt nur noch, die Pyramide von Menkaure mit Kacheln zu verkleiden!" Ein solcher Umgang mit dem ägyptischen Kulturerbe müsse aufhören, so Hanna in einer Erklärung auf Facebook. "Alle internationalen Grundsätze für Renovierungen verbieten solche Eingriffe". Es existierten keine Beweise dafür, dass die Granitblöcke auf der Pyramide positioniert waren. "Daher ist jeder Versuch, die Blöcke rund um die Pyramide zu verkleiden, ein eklatanter Eingriff in die ursprüngliche Arbeit der Erbauer."

Dutzende von Nutzern schrieben wütende Kommentare unter das Video. Einige reagierten mit Sarkasmus: "Wann wird das Projekt zur Begradigung des Turms von Pisa geplant?", fragte einer ironisch. Tatsächlich gab es in der Vergangenheit immer wieder Versuche, den schiefen Turm von Pisa zu richten oder zumindest zu stabilisieren. Heute hat die Touristenattraktion eine Neigung von vier Grad, gilt aber vorerst als gerettet.

Debatte um Schutz des kulturellen Erbes

Auch für Ägypten ist der Tourismus sehr wichtig. Pyramiden gelten als Touristenmagnet. Nach den neuesten Zahlen der Weltbank, die vor der Corona-Pandemie erhoben wurden, kamen 2019 rund 13 Millionen Touristen ins Land und 2,5 Millionen Menschen - fast ein Zehntel aller Ägypter - arbeiteten in der Branche. Damit ist der Tourismus eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes am Nil und beschert Ägypten unverzichtbare Deviseneinnahmen.

Schon deshalb ist die Erhaltung des kulturellen Erbes ein wichtiges Thema. Oft entzünden sich daran hitzige Debatten, wie das Beispiel der Altstadt von Kairo zeigt. Verfall und Zerstörung der historischen Viertel lösen immer wieder Proteste der Zivilgesellschaft aus, wie das ägyptische Online-Portal "Papyrus" berichtet. Die Publikation ist einst aus der deutsch-ägyptischen Entwicklungszusammenarbeit hervorgegangen.

Die aus dem 15. Jahrhundert stammende Abu al-Abbas al-Mursi-Moschee in der Küstenstadt Alexandria, der zweitgrößten Stadt Ägyptens, sorgte kürzlich ebenfalls für Diskussionen. Ein mit der Renovierung beauftragter Bauunternehmer hatte ohne Absprache beschlossen, die historischen Decken der größten Moschee der Stadt, die bekannt sind für Schnitzereien und ihre Farbigkeit, weiß zu streichen, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete. Die örtlichen Behörden kündigten dem Bericht zufolge eine Untersuchung an.

Japan bezahlt den Projektstart

Für manche Kritiker kommt die Restaurierung der Pyramide von Menkaure ohnehin zur Unzeit: Das Projekt fällt in eine Zeit des wirtschaftlichen Abschwungs. Ägypten muss 32 Milliarden US-Dollar an Auslandskrediten zurückzahlen, berichtet das ägyptische Nachrichtenportal National . Verschärft wird die Schuldenkrise durch eine hohe Inflation und einen starken Rückgang des Handels über den Suezkanal, eine wichtige Einnahmequelle für die ägyptische Regierung.

Projektleiter Waziri wies die Kritik in einem Fernsehinterview jedoch zurück. Die erste Phase des Projekts werde schließlich von Japan finanziert.

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Image caption Die Pyramide von Menkaure im Vordergrund, dahinter die Pyramide von Chephren und die Cheops-Pyramide
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Item 76
Id 68142633
Date 2024-02-01
Title Sicherheitspersonal an deutschen Flughäfen im Warnstreik
Short title Sicherheitspersonal an deutschen Flughäfen im Warnstreik
Teaser An elf Airports in Deutschland ist der Betrieb weitgehend lahmgelegt. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat die Mitarbeiter der privaten Sicherheitsfirmen zum Arbeitskampf aufgerufen. Es geht um höhere Löhne.
Short teaser An elf Airports in Deutschland ist der Betrieb weitgehend lahmgelegt. In dem Arbeitskampf geht es um höhere Löhne.
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Ein Warnstreik der privaten Luftsicherheitskräfte bringt die Reisepläne zahlloser Passagiere an den deutschen Flughäfen an diesem Donnerstag durcheinander. Ein Ausstand beim Luftsicherheitspersonal hat große Auswirkungen, da die Beschäftigten an den Airports Passagiere, Gepäck und Mitarbeiter kontrollieren.

Am größten deutschen Flughafen Frankfurt am Main sind die Sicherheitskontrollen außerhalb des Transitbereichs geschlossen. Ein Zustieg zu Flügen ab Frankfurt ist damit nicht möglich, wie der Betreiber Fraport mitteilte. An dem Airport im Bundesland Hessen wurden von 1120 geplanten Flugbewegungen zunächst 310 gestrichen.

Die Deutsche Lufthansa rief ihre Passagiere über ihre App dazu auf, neben dem Flughafen Frankfurt auch nicht zu den Airports Hamburg, Bremen, Berlin, Leipzig, Dresden und Erfurt zu kommen. Auch an diesen Flughäfen ist ein Einstieg nicht möglich.

In Köln geht nichts mehr, kaum Betrieb in Berlin

Generell sind die Auswirkungen an den elf bestreikten Flughäfen unterschiedlich. Am Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg BER etwa wurden alle Starts und viele Ankünfte gestrichen. Das Terminal ist menschenleer. In Düsseldorf, der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens, fiel ein Drittel der Starts und Landungen aus. In Köln/Bonn, wo bereits seit Mittwochabend gestreikt wird, fallen nach Angaben einer Sprecherin "nahezu alle Flüge" aus. Auch an den Flughäfen Leipzig/Halle und Dresden geht nichts mehr. Hier streiken neben den Beschäftigten der Luftsicherheit auch die Angestellten der Mitteldeutschen Flughafen AG.

Am Airport Hannover wurden alles Starts gestrichen, nur wenige Maschinen landeten. Passagiere erhalten in der Regel von ihrer jeweiligen Fluggesellschaft Informationen über ihre Verbindungen und Alternativen. Die Flughäfen selbst bieten oft auf ihren Internetseiten Informationen zum Status von Starts und Landungen.

Nach Schätzung des Flughafenverbandes ADV werden am Donnerstag insgesamt rund 1100 Flüge ausfallen oder verspätet starten. Betroffen sind schätzungsweise 200.000 Passagiere.

Flugbetrieb läuft in München und Nürnberg

Nicht bestreikt werden das wichtige Drehkreuz in der bayerischen Landeshauptstadt München und der Flughafen Nürnberg. Dort erfolgen die Sicherheitskontrollen nicht von Privatfirmen, sondern von Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Am Freitag soll bundesweit wieder ein normaler Flugbetrieb möglich sein.

Verdi ist zufrieden

Der Verhandlungsführer der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Wolfgang Pieper, zeigte sich am Morgen zufrieden mit dem Beginn des Arbeitskampfs. Der Streik sei gut angelaufen, sagte er. Es gebe eine "gute bis sehr gute" Beteiligung. Ab dem Vormittag gab es vielerorts Kundgebungen der Branchen-Mitarbeiter.

Verdi begründet die Warnstreiks mit den stockenden Tarifverhandlungen mit dem Bundesverband der Luftsicherheitsunternehmen (BDLS). Die Gewerkschaft fordert für die bundesweit rund 25.000 Branchen-Beschäftigten 2,80 Euro mehr Lohn pro Stunde, höhere Funktionszulagen und Mehrarbeitszuschläge ab der ersten Überstunde - bei einer Laufzeit von einem Jahr. Derzeit verdienen die Luftsicherheitsassistenten in der untersten Entgeltgruppe 20,60 Euro pro Stunde, was bei 160 Monatsarbeitsstunden ein Bruttogehalt von knapp 3300 Euro ergibt. Dazu kommen Zuschläge für Nachtarbeit, Sonn- und Feiertage sowie Mehrarbeit.

Der Arbeitgeberverband bezeichnet die Forderungen als überzogen und den Warnstreik als Eskalation. Am 6. Februar sollen die Tarifgespräche in Berlin fortgesetzt werden.

Hamburger Flughafen auch am Freitag bestreikt

Noch während des Warnstreiks der Luftsicherheitskräfte rief Verdi zu weiteren Aktionen auf. Am Freitag sollen am Flughafen Hamburg die Bodenverkehrsdienstleister von 3.00 Uhr bis 23.59 Uhr die Arbeit niederlegen. Betroffen seien die Dienstleister Groundstars, Stars und Cats. Deren Beschäftigte sind laut Verdi unter anderem für die Be- und Entladung der Flugzeuge, die Bereitstellung technischen Geräts, das Zurückschieben der Flugzeuge, die Gepäckabfertigung, die Flugzeug-Enteisung sowie die Innenreinigung der Maschinen zuständig. Auch in diesem Tarifstreit geht es um höhere Löhne.

se/sti (rtr, dpa, afp)

Item URL https://www.dw.com/de/sicherheitspersonal-an-deutschen-flughäfen-im-warnstreik/a-68142633?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Die Eingänge zur Sicherheitskontrolle am Flughafen Hamburg sind geschlossen
Image source picture alliance/dpa
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