DW

Item 1
Id 76655842
Date 2026-04-04
Title Der Iran-Krieg und Europas Energiekrise
Short title Der Iran-Krieg und Europas Energiekrise
Teaser Der Iran-Krieg hat in der EU eine Energiekrise ausgelöst. Brüssel befürchtet Engpässe und ruft dazu auf, den persönlichen Energieverbrauch zu senken. Analysten fordern mehr Investitionen in erneuerbare Energien.
Short teaser Die EU befürchtet Versorgungsengpässe und fordert dazu auf, den persönlichen Energieverbrauch zu senken.
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Der Iran-Krieg geht in den zweiten Monat und die Europäische Kommission hat die mehr als 400 Millionen Bürger und Bürgerinnen der EU aufgerufen, weniger zu fliegen, das Auto öfter stehen zu lassen, von zuhause zu arbeiten und alles in ihrer Macht stehende zu tun, um Energie zu sparen.

Anfang diese Woche warnte Bundeskanzler Friedrich Merz, dass die Auswirkungen auf die Wirtschaft ähnlich groß sein könnten wie die der COVID-Pandemie oder des Ukraine-Krieges, als der Block die Einfuhr russischer Energie drastisch einschränkte.

"Je mehr wir tun können, um Öl zu sparen, insbesondere Diesel und Flugzeugtreibstoff, desto besser für uns", sagte EU-Energiekommissar Dan Jorgensen vor Ostern nach einem Treffen der 27 EU-Energieminister in Brüssel.

Jorgensen rief die EU-Bevölkerung auf, dem Rat der Internationalen Energieagentur IAE zu folgen und die öffentlichen Verkehrsmittel stärker in Anspruch zu nehmen, "mehr Fahrgemeinschaften zu bilden und energieeffizient zu fahren".

Europa und Asien konkurrieren um Energie

Fachleute sind jedoch der Meinung, die EU müsse mehr tun. Denn die aktuelle Energiekrise werde nicht nur zu einem Anstieg der Preise an den Zapfsäulen führen wird, sondern auch der Industrie zusetzen und die Inflation nach oben treiben. Gleichzeitig würden Lebensmittelpreise steigen und der Konsum zurückgehen.

"Wir haben das Ausmaß der Krise noch nicht erkannt", sagt Ana Maria Jaller-Makarewicz, leitende Energieanalystin für Europa beim Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) in London, zur DW.

"Vermutlich werden wir nächsten Monat beginnen, die Veränderungen zu spüren. So wurden einige Lieferungen von Flüssiggas bereits nach Asien umgeleitet", fügt sie in Anspielung auf den Wettbewerb zwischen Europa und Asien um schwindende Vorräte hinzu.

Seit den Angriffen von Israel und den USA auf den Iran sind die Öl- und Gaspreise um bis zu 70 Prozent in die Höhe geschossen. Teheran reagierte mit Angriffen von Raketen und Drohnen auf die Golfstaaten und blockierte die Straße von Hormus, durch die 20 Prozent des weltweit gehandelten Öl und Flüssiggas transportiert werden.

Milliarden für teurere Gasexporte

Die finanziellen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges bekommt auch die EU zu spüren. Laut Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kostete der Konflikt die europäischen Steuerzahler allein in den ersten zehn Tagen drei Milliarden Euro (3,4 Milliarden US-Dollar) an Mehrausgaben für den Import fossiler Energieträger.

In einem kürzlich veröffentlichten Bericht stellt die Brüsseler Denkfabrik Bruegel fest, "eine Verdopplung des Gaspreises die Kosten Europas für den Import von Gas in den nächsten 12 Monaten um circa 100 Milliarden Euro steigen lassen würde".

Doch steigende Preise sind nicht die einzige Sorge. Angesichts des anhaltenden Krieges wächst in ganz Europa die Angst vor Versorgungsengpässen.

Anfangs schienen die politischen Entscheidungsträger noch unbesorgt, denn die EU bezieht nur einen geringen Teil ihrer Energieimporte über die Straße von Hormus. Lediglich acht Prozent des in der EU konsumierten Flüssiggases (LNG) wurde vor dem Krieg aus Katar importiert. 80 Prozent der Schiffstransporte mit Treibstoff durch die Straße von Hormus gehen nach Asien, hauptsächlich China und Indien sind betroffen.

Doch je länger der Krieg anhält, desto mehr schrumpfen die Vorräte. Selbst geringfügige Fluktuationen, so die Sorge, könnten zu Versorgungsengpässen führen - insbesondere wenn asiatische Länder die Europäer beim Wettbewerb um knappe Ressourcen überböten.

Seit der russischen Invasion in der Ukraine hat die EU ihre Energieversorgungskette diversifiziert, um ihre Abhängigkeit von russischer Energie zu reduzieren. EU-Mitgliedsstaaten importieren mehr aus Norwegen und den USA, die zum größten Gaslieferanten der EU geworden sind.

Außerdem will die EU den Ausbau der Kernenergie fördern. Auf einem Atomenergie-Gipfel Anfang März in Frankreich feierte Kommissionspräsidentin Von der Leyen "die weltweite Renaissance der Kernenergie". Europa wolle an dieser Renaissance teilhaben.

Welche Handlungsmöglichkeiten hat die EU?

Gleichzeitig gibt es in der EU Stimmen, die eine Rückkehr zu preisgünstigeren russischen Energielieferungen fordern. Auf dem EU-Gipfel im März erklärte der belgische Ministerpräsident Bart De Wever gegenüber der belgischen Tageszeitung L'Echo, die EU müsse "die Beziehungen mit Russland normalisieren und wieder Zugang zu günstiger Energie erhalten".

"Das ist gesunder Menschenverstand. Privat stimmen mir europäische Staats- und Regierungschefs zu, aber niemand traut sich, es laut zu sagen", insistierte er.

EU-Energiekommissar Jorgensen schloss ein solches Vorgehen jedoch aus. Er betonte, die EU werde "nicht ein Molekül" Energie aus Russland importieren. Fachleute halten es stattdessen für möglich, dass die Kommission eine Preisobergrenze für Gas sowie Subventionen für die Industrie in Betracht ziehen könnte.

Steigende Preise könnten "den Großteil der energieintensiven Industrie wie Stahl, Zement und Düngemittel" treffen, sagt Alexander Roth, einer der Autoren des Bruegel-Berichts zur DW. Entlang der gesamten Fertigungskette verschiedener Branchen wie der Chemie-, Kunststoff-, Aluminium- und Glasindustrie wird ein Dominoeffekt befürchtet.

In der Luftfahrtindustrie plant Lufthansa Berichten zufolge, bei sinkender Nachfrage und steigenden Treibstoffkosten dutzende Flüge zu streichen.

Es gibt jedoch auch Fachleute, die die EU davor warnen, eine Preisobergrenze für Gas und Öl einzuführen. "Bei einem Preisschock ist die Versuchung groß, die Preise zu drücken", heißt es im Bruegel-Bericht. "Dies wäre jedoch ein Fehler", denn solche Maßnahmen würden "die Preissignale, die zu mehr Effizienz, einem Rückgang der Nachfrage und Investitionen in saubere Energie führen", abschwächen.

Chance für Ausbau erneuerbarer Energien

Eine Preisdeckelung böte eine kurzfristige Erleichterung für die Verbraucher, lang- oder mittelfristig jedoch würde sie den Gasverbrauch erhöhen und "die Abkehr von fossilen Brennstoffen verzögern", erläutert Roth.

Statt eine Preisobergrenze einzuführen, sollte die EU "konkrete Schritte" unternehmen und eine Absenkung der Temperaturen in Restaurants und Regierungsgebäuden fordern, empfiehlt Energieanalystin Jaller-Makarewicz. Außerdem sollten Regierungen Dienstreisen von Beamten innerhalb der EU reduzieren und "Investitionen in lokale grüne Industrien wie Wärmepumpen" fördern.

Die EU solle strategisch mit ihren Mitgliedstaaten kooperieren und statt Subventionen für Gas eine Senkung der Stromsteuer anbieten. "Die Kosten für die Verbraucher würden so gesenkt, aber es würde sie auch ermutigen, in elektrische Lösungen wie Wärmepumpen und E-Autos zu investieren", ist er überzeugt.

Der Iran-Krieg habe einmal mehr die Verwundbarkeit Europas im Bereich Energie deutlich gemacht, stellt der Bruegel-Report fest und empfiehlt den Entscheidungsträgern, "die Chance zu ergreifen, erneuerbare Energien und Technologien zur Elektrifizierung noch schneller einzuführen".

Selbst wenn der Krieg heute enden würde, könnten die Gaslieferungen aus der Region nicht sofort wieder aufgenommen werden. Nach Angaben des Staatsunternehmens QatarEnergykönnte es Monate oder sogar Jahre dauern, bis die Industrieanlage Ras Laffan wieder hergestellt ist. Die LNG-Anlage in Katar, einer der wichtigsten Umschlagplätze für Flüssigerdgas für die Weltmärkte, wurde am 18. März von iranischen Raketen getroffen.

"Niemand weiß, wie lange die Krise dauern wird, aber mir ist es wichtig, zu betonen, dass sie nicht von kurzer Dauer sein wird", sagte Energiekommissar Jorgensen. "Die Energieinfrastruktur in der Region wurde und wird noch immer durch den Krieg ruiniert."

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

Author Anchal Vohra
Item URL https://www.dw.com/de/der-iran-krieg-und-europas-energiekrise/a-76655842?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Deja-vu an der Zapfsäule: Schon wieder steigen die Energiepreise für Sprit. Die Auswirkungen des Iran-Kriegs sorgen weltweit für Energieknappheit
Image source Sebastian Gollnow/dpa/picture alliance
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Item 2
Id 76643756
Date 2026-04-04
Title Libanon: Flucht vor Bomben in Beirut
Short title Libanon: Flucht vor Bomben in Beirut
Teaser Fatme A. hatte ein stabiles Leben in Beirut: Dann begann der Krieg und sie musste fliehen. Während die Bomben weiter fallen, versucht sie, vor allem eines zu schützen: ihre Tochter, die unter ständiger Angst leidet.
Short teaser Fatme A. lebte im Süden Beiruts - dann kam der Krieg. Auf der Flucht schützt sie vor allem ihre verängstigte Tochter.
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Zwischen improvisierten Zelten, Matratzen und eng nebeneinanderstehenden Familien versucht Fatme A., ihren Alltag neu zu ordnen. Die Unterkunft im Azariah-Gebäude, mitten im Zentrum von Libanons Hauptstadt Beirut, ist zu einem Zufluchtsort für Hunderte geworden. Etwa 250 Familien leben hier, viele in provisorischen Zelten. Es gibt Wasser, eine Gemeinschaftsküche, ein paar Hilfsgüter - doch es fehlt an Platz, an Ruhe, an Privatsphäre.

Fatme A. sitzt meist in ihrem Zelt. Der Weg zum Bad ist ihr unangenehm. "Man muss sich anstellen, alle schauen einen an", sagt sie. "Ich schäme mich schnell." Also bleibt sie so oft es geht drinnen, zwischen Taschen, Decken und den wenigen Dingen, die sie bei der Flucht mitnehmen konnte.

(K)ein Alltag mitten in der Stadt

Sie, ihr Ehemann, ihre siebenjährige Tochter und ihre Mutter leben gemeinsam in der Unterkunft. Zu viert teilen sie sich diesen engen Raum. Ihr Mann hilft anderen in der Unterkunft, repariert, baut, organisiert. "Weil er geholfen hat, haben wir zwei Zelte bekommen", sagt sie.

Tagsüber versuchen sie, so etwas wie Alltag herzustellen. Doch abens wird das schwer. "Die Explosionen sind so laut", sagt sie. "Einige hier schlafen in ihrer Kleidung und haben Angst."

Der Krieg, den die USA und Israel gegen den Iran begonnen haben, hat Beirut längst erreicht - nicht nur die bekannten Konfliktzonen, sondern immer mehr Teile der Stadt. Israel hat seine Angriffe ausgeweitet, trifft inzwischen auch Orte außerhalb der klassischen Gebiete, in der die Hisbollah vertreten ist, teils ohne Vorwarnung. Auch zentrale Viertel sind betroffen.

Die Hisbollah wird von den USA, Deutschland und mehreren sunnitischen arabischen Staaten als Terrororganisation eingestuft. Sie wird vom Iran unterstützt. Die EU listet den bewaffneten Flügel der Hisbollah als Terrorgruppe.

Besetzung libanesischen Gebiets im Süden des Landes

Gleichzeitig hat Israels Verteidigungsminister Israel Katz angekündigt, das besetzte Gebiet im Süden des Libanon bis zum Litani-Fluss auszudehnen, rund 30 Kilometer von der Grenze entfernt. Häuser in Grenzdörfern sollen zerstört werden.

Der libanesische Verteidigungsminister Michel Menassa erklärte, Katz' Äußerungen zeigten "eine klare Absicht, eine neue Besatzung libanesischen Territoriums durchzusetzen". In einer gemeinsamen Erklärung mehrerer europäischer Außenminister sowie des Hohen Vertreters der Europäischen Union hieß es:"Wir bekräftigen nachdrücklich, dass die territoriale Integrität des Libanon respektiert werden muss."

Doch den Menschen vor Ort bringen diese Mahnungen vorerst keine Sicherheit. Für sie zählt vor allem eines: Es gibt keinen verlässlichen sicheren Ort mehr.

So sieht das auch Fatme A. "Wir sind geflohen, aber wir wissen, dass keine Gegend wirklich noch sicher ist, aber mehr können wir nicht tun", sagt sie.

Leben im Süden von Beirut

Noch vor wenigen Wochen lebte ihre Familie in Ouzai, im Süden Beiruts. Ein dicht bebautes, durchmischtes Viertel, das zur sogenannten Dahiyeh gehört.

Die Dahiyeh - das Wort bedeutet schlicht "Vorort" - ist ein Gebiet, das fast so groß ist wie das zentrale Beirut. Es ist in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen, durch Migration und Vertreibung. Viele Menschen zogen hierher, weil sie sich das Leben in anderen Teilen der Stadt nicht leisten konnten. Andere wurden durch Kriege, politische Krisen oder fehlende staatliche Unterstützung dorthin gedrängt.

Für einige Außenstehende und auch westliche Staaten gilt die Dahiyeh als Hochburg der Hisbollah, als politischer und militärischer Raum. Für die Menschen, die dort leben, ist sie vor allem eines: ein Zuhause. Auch für Fatme A.

"Wir hatten ein normales Familienleben", sagt sie. "Meine Tochter ging in die Schule, mein Mann arbeitet als Schreiner. Ich habe den Haushalt geschmissen: Es ging uns gut", sagt sie. Sie fühlten sich sicher, hatten Stabilität.

Die libanesische Hisbollah hat sich Anfang März mit Drohnen und Raketen in den Krieg eingeschaltet und Israel angegriffen - nachdem die USA und Israel den Iran angegriffen und den geistlichen Führer Ajatollah Ali Chamenei getötet haben. Seither eskaliert die Gewalt auch im Libanon.

Flucht im Auto in die Unterkunft

In der ersten Nacht der kriegerischen Auseinandersetzungen flüchtete die Familie in ihr Auto und übernachtete darin. Danach kehrten sie noch einmal in die Wohnung zurück, blieben zwei Nächte. Doch die Drohungen für ihre Gegend nahmen zu. "Wir hatten einfach Angst", sagt Fatme A. Die Entscheidung zu gehen, trafen sie vor allem wegen ihrer Tochter.

"Ich habe fünf Jahre darauf gewartet, schwanger zu werden", sagt Fatme A. Sie habe Angst, sie zu verlieren. "Und meine Tochter leidet bis heute unter den Nachwirkungen des Krieges 2024. Sie hat oft Angst, traut sich nirgends alleine hin. Bei jedem Geräusch hält sie sich die Ohren zu."

Denn auch nach dem offiziellen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah im November 2024 blieb die Gewalt weiterhin spürbar. Immer wieder gab es israelische Angriffe, Explosionen, neue Unsicherheit. Laut der UN-Friedenstruppe im Libanon, UNIFIL, und der libanesischen Regierung kam es seither zu mehr als 15.400 Verstößen gegen den Waffenstillstand durch israelische Streitkräfte.Dabei wurden mehr als 370 Menschen getötet. Infrastruktur wurde zerstört, eine Rückkehr ist für viele unmöglich.

Noch im Februar 2026 sagte Jeremy Ristord von Ärzte ohne Grenzen, die anhaltenden israelischen Angriffe zerstörten nicht nur Häuser und Infrastruktur, sondern untergrüben auch die Grundlagen des täglichen Lebens und des Wiederaufbaus.

Für Fatmes Tochter bedeutete das: Die Explosionen und die Geräusche sind geblieben - und mit ihnen die Angst. Und für Familie A. war klar, sie müssen fliehen: Sie packten nur das Nötigste. Niemand wusste, wohin sie gehen würden. Sie fuhren einfach los.

Die Straßen waren verstopft. Schließlich erreichten sie die Innenstadt. Erst schliefen sie wieder im Auto. Dann fanden sie eine Unterkunft - im Azarieh-Gebäude, einst ein belebtes Geschäftszentrum im Herzen von Beirut. Heute ist es eine Unterkunft für Vertriebene.

"Ich vermisse mein zu Hause", sagt Fatme A. "Mein Leben, meine Sachen, meine Routine: Vor einem Monat sah alles anders aus." Jetzt ist alles verändert: Schlaf, Essen, Gewohnheiten. "Unser Leben steht Kopf."

Angst vor den Bomben und den Drohnen

Ihre Tochter weint oft, schreckt immer noch bei jedem Geräusch zusammen. Wenn sie schreit, rückt Fatme A. näher zu ihr. "Dann vergesse ich meine eigene Angst und beruhige meine Tochter."

Die Lage spitzt sich derweil im krisengebeutelten Libanon weiter zu. Tom Fletcher, Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen (UN), warnte, dass sich die Lage im Libanon dramatisch verschärft hat: In den vergangenen vier Wochen seien mehr als 1240 Menschen getötet und weitere 3500 verletzt worden, darunter Frauen, Kinder und Ersthelfer.

Zugleich seien über 1,1 Millionen Menschen vertrieben worden, darunter Hunderttausende Kinder: "Ein Kreislauf erzwungener Vertreibung ist im Gange", sagte Feletcher. Familien würden immer wieder zur Flucht gezwungen. "Vertreibung ist keine Lösung, sondern ein schmerzhafter letzter Ausweg, eine vorübergehende Möglichkeit, Würde zu bewahren."

Es gibt Momente, die Fatme A. nach vorne blicken lassen, etwa wenn sie die Kinder beim Spielen beobachtet. Wenn ihre Tochter spielt und ausgelassen ist, wenn sie lacht und für einen Augenblick unbeschwert ist, entsteht etwas wie Hoffnung. "Wenn ich sie spielen sehe, dann denke ich, dass alles wieder gut wird."

Doch die Ernüchterung kommt schnell zurück, denn die israelischen Drohnen über Beirut, die Explosionen nah und fern, holen sie zurück auf den Boden der Tatsachen. Fatme A. schaut darauf, was geblieben ist: ihre Familie, zwei Zelte, ein provisorisches Leben.

"Wir sind nicht die erste und nicht die letzte Familie, die fliehen musste", sagt sie. "Wir müssen das durchhalten." Dann sagt sie den Satz, der ihr wichtig ist: "Ich will, dass die Menschen da draußen wissen, dass es uns gut ging, dass wir in Würde gelebt haben."

Author Diana Hodali (mit Sara Hteit, Beirut)
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Image caption Leben unter Planen: Überall in Beirut schlagen Vertriebene aus dem Süden des Libanon oder aus dem Süden der Stadt provisorisch ihre Zelte auf
Image source Ankhar Kochneva/TASS/ZUMA/picture alliance
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Item 3
Id 76654463
Date 2026-04-03
Title Wird der Irak in den Iran-Krieg hineingezogen?
Short title Wird der Irak in den Iran-Krieg hineingezogen?
Teaser Teherans "Achse des Widerstands" ist auch im Irak aktiv. Milizen greifen Ölfelder, Hotels sowie militärische US-Einrichtungen im Land an. Die USA bomben zurück. Einblicke in Bagdads Sicherheitsdilemma.
Short teaser Teherans Milizen greifen im Irak Ölfelder und US-Einrichtungen an. Einblicke in Bagdads Sicherheitsdilemma.
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Vor einigen Tagen überquerten Lastwagen und PKW-Kolonnen die Grenze zwischen Irak und Iran. Der Konvoi sollte angeblich "eine humanitäre Mission" erfüllen.

Es gibt jedoch den begründeten Verdacht, dass die Kolonne in Wirklichkeit Mitglieder einer mit dem Iran verbündeten irakischen Miliz befördert haben könnte. Bedeutet dies, dass der Irak in den Iran-Krieg mit hineingezogen wird?

"Iran braucht keine Soldaten aus dem Irak"

Unwahrscheinlich, sagen Experten der DW. "Selbst wenn mit dem Konvoi Kämpfer transportiert wurden, dürfte dies in einem Krieg, der von Luftangriffen, Raketen und übergeordneten regionalen militärischen Kalkülen geprägt ist, kaum einen nennenswerten Unterschied bringen", meint Hayder al-Shakeri, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim britischen Think Tank Chatham House.

Omar al-Nidawi, Direktor für Programme und Forschung bei der US-amerikanischen Organisation "Enabling Peace in Iraq" (EPIC), stimmt zu. Der Iran brauche keine Fußsoldaten aus dem benachbarten Irak, sagt er.

"Ich glaube, es geht eher darum, Angst vor einer Ausweitung des Krieges zu schüren", erklärt al-Nidawi der DW. Teheran wolle damit drohen, Leid und Chaos für die USA und ihre Verbündeten zu vergrößern und auf diese Weise demonstrieren, dass man auch außerhalb der Landesgrenzen Kräfte mobilisieren könne.

Kräfte, "die auch in Kuwait oder Syrien zuschlagen könnten, wie einige pro-iranische Milizkommandeure es diese Woche angedeutet haben. Das Bild dieses Konvois ist eher als Machtdemonstration in diesem Sinne zu verstehen", so al-Nidawi.

"Achse des Widerstands" im Irak

Laut Experten dürfte allerdings die aktuelle Lage im Irak in Wirklichkeit wesentlich problematischer sein. Denn die an dem Konvoi beteiligten paramilitärischen Kräfte gehören zu den sogenannten Volksmobilisierungskräften (PMF).

Diese etwa 238.000 Mann starke Truppe wurde 2014 gegründet, um gegen die als "Islamischer Staat" bekannte extremistische Gruppe zu kämpfen. Seitdem wurden die PMF offiziell in die irakischen Streitkräfte integriert, ihre Mitgliederwerden von der Regierung bezahlt. Sie verfügen zudem über eine bedeutende politische Vertretung und Macht im irakischen Parlament.

Innerhalb der PMF gibt es Fraktionen, die der iranischen Regierung näher zu stehen scheinen als ihrer eigenen. Diese Fraktionen gelten als Teil der sogenannten "Achse des Widerstands", einer Gruppe von Milizen im Nahen Osten, die als Stellvertreter des Iran agieren. Dazu zählen auch die Hisbollah im Libanon, die Hamas im Gazastreifen und die Huthi-Rebellengruppe im Jemen.

Angriffe auf Ölfelder und Hotels

Im Irak reagierten die Milizen der "Achse des Widerstands" umgehend nach dem Angriff von USA und Israel auf den Iran Ende Februar. Sie griffen Ziele an, die ihrer Aussage nach mit den USA oder Israel in Verbindung stehen.

Dazu gehören diplomatische und militärische Einrichtungen der USA und Europas sowie zivile Infrastruktur, darunter Ölfelder und Hotels. Außerdem feuerten sie Raketen über die irakischen Grenzen hinweg ab.

Wie al-Shakeri betont: "Selbst eine relativ kleine Anzahl von Gruppierungen kann mit ihren Aktionen enorme Auswirkungen erreichen." Ihre Vergeltungsmaßnahmen könnten das ganze Land den Folgen eines Konflikts aussetzen, den die meisten Iraker nicht wollen."

Bagdads Sicherheitsdilemma

Und der Konflikt innerhalb des Iraks schwelt bereits. Die USA haben Hochburgen der PMF bombardiert – als Reaktion auf die verschiedenen Angriffe der Milizen auf Ziele, die mit den USA in Verbindung stehen. Die irakische Regierung ordnete unterdessen in einer Sondersitzung an, dass jeder, der irakische Sicherheitsinstitutionen, zivile Einrichtungen oder diplomatische Vertretungen angreift, festgenommen werden solle.

Gleichzeitig erteilte Bagdad während derselben Sondersitzung allen Militäreinheiten, einschließlich der PMF Milizen, weitreichendere Befugnisse, um auf Angriffe gegen sie "in Notwehr" zu reagieren – eine Maßnahme, die das Sicherheitsdilemma Bagdads offenbart.

Die Entscheidung sei umstritten, da sie "den Irak faktisch zu einem Kriegsteilnehmer macht und damit die Regierung in Bagdad für Handlungen verantwortlich macht, die von den PMF-Fraktionen unter dem Vorwand der Selbstverteidigung durchgeführt werden", erklärt Mohammed Salih, leitender Mitarbeiter beim US-amerikanischen Think Tank Foreign Policy Research Institute, in einer Analyse .

Ein weiteres Beispiel für das irakische Sicherheitsdilemma ist die Entführung der US-amerikanischen Journalistin Shelley Kittleson in Bagdad. Die Korrespondentin des US-amerikanischen Medienunternehmens Al Monitor, wurde am 1. April im Zentrum der irakischen Hauptstadt entführt.

Medienberichten zufolge handelte es sich bei den Entführern wahrscheinlich um Mitglieder einer PMF-Fraktion: der Kataib Hisbollah. Die Gruppe hatte Kittlesons Namen offenbar auf einer Liste von Zielen stehen. Anonyme Quellen teilten der New York Timesmit, die Gruppe habe angeboten, über Kittlesons Freilassung zu verhandeln.

Die mit dem Iran verbündete Milizen im Irak haben zudem offizielle Sicherheitsorganisationen ihres eigenen Landes angegriffen, darunter den irakischen Geheimdienst in Bagdad und den irakischen Dienst zur Terrorismusbekämpfung.

"Verdeckte Rivalitäten im Sicherheitsapparat"

Die Angreifer behaupten, die beiden Organisationen stünden in Verbindung mit den USA. So ist beispielsweise bekannt, dass irakische Beamte gemeinsam mit amerikanischen Offizieren in der Terrorismusbekämpfung ausgebildet wurden.

"Dass Milizen, die der PMF angehören oder mit ihr verbunden sind, begonnen haben, offizielle staatliche Institutionen direkt anzugreifen, deutet darauf hin, dass eine seit langem bestehende, weitgehend verdeckte Rivalität nun eine weitaus gefährlichere Schwelle erreicht hat", legt Sercan Caliskan, Irak-Experte beim türkischen Think Tank Center for Middle Eastern Studies, in einem Briefing dar.

Die PMF habe eine gefährliche Doppelrolle innerhalb des irakischen Staates. "Einerseits", so Caliskan, "ist sie formal eine Sicherheitseinheit. Andererseits sind einige Teile von ihr in der Lage, andere offizielle staatliche Institutionen anzugreifen." Das Land stehe nun vor einem Szenario, in dem verschiedene Elemente seines Sicherheitsapparats effektiv gegeneinander ausgespielt würden.

Das Problem ist nicht neu. "Der Krieg im Iran verschärft ein Problem, das schon vor Jahren hätte gelöst werden müssen", ist Analyst al-Shakeri überzeugt. "Es gibt ernsthafte Sorgen über die Zersplitterung sowohl der politschen Landschaft im Irak als auch innerhalb des irakischen Sicherheitssystems", erklärt er.

Schwacher Staat, starke Milizen

Al-Nidawi von der EPIC bestätigt die Entwicklung. "Diese Vereinnahmung des Staates gleicht einem Zugunglück, das sich seit 20 Jahren angebahnt hat, und nun sehen wir zu, wie die Trümmer in alle Richtungen geschleudert werden."

Um den Schaden rückgängig zu machen, müsse der Iran weniger Einfluss auf den Irak ausüben können, merkt er an. Doch das scheine unrealistisch. Eine andere Möglichkeit sei, dass gemäßigtere PMF-Fraktionen Druck auf die militanteren Fraktionen ausüben, sagt er.

Al-Shakeri von Chatham House sieht dies ähnlich. Er verweist auf die schwierige Situation, dass Irak nach den Wahlen im vergangenen November noch immer keine neue Regierung gebildet hat. "Zunächst besteht die Priorität für Bagdad darin, den Schaden zu begrenzen, eine Eskalation zu verhindern und auf die Bildung einer Regierung hinzuwirken", analysiert er.

"Erst danach wird es eine Chance geben, auf echte Reformen hinzuarbeiten."

Adaption aus dem Englischen: Astrid Prange.

Author Cathrin Schaer
Item URL https://www.dw.com/de/wird-der-irak-in-den-iran-krieg-hineingezogen/a-76654463?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76643927_607.jpg
Image caption "Humanitäre Mission"? Am vergangenen Wochenende passierten Mitglieder der mit dem Iran verbündeten Milizen in einem Autokonvoi die Grenze zwischen Irak und Iran. Über ihre Ziele herrscht Unklarheit
Image source Haidar Mohammed Ali/Anadolu/picture alliance
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Item 4
Id 76625647
Date 2026-04-03
Title Iran-Krieg: Wie schnell könnte sich der Welthandel erholen?
Short title Iran-Krieg: Wie schnell könnte sich der Welthandel erholen?
Teaser Wie lang auch immer der Iran-Krieg noch dauert: Sobald die Straße von Hormus wieder geöffnet ist, wird sich zeigen, wie schnell sich die Lieferketten für Energie, Düngemittel und andere Güter erholen können.
Short teaser Wenn die Straße von Hormus wieder frei ist, kann sich der globale Handel normalisieren.
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Wann der Krieg im Nahen Osten beendet wird, ist unklarer denn je. Vor wenigen Tagen erst erklärte US-Präsident Donald Trump, der Konflikt könne innerhalb von "zwei oder drei Wochen" beendet sein und die USA könnten sich vielleicht sogar ohne Friedensabkommen zurückziehen. Zuvor hatte er erklärt, Verhandlungen kämen voran und ein Waffenstillstandsabkommen sei in greifbarer Nähe, bevor er seine Drohungen mit Bombenangriffen auf iranische Energie- und Produktionsanlagen verschärfte.

Der Iran lässt unterdessen eine kleine Anzahl von Schiffen die Straße von Hormus passieren und bestreitet gleichzeitig, dass ernsthafte Waffenstillstandsverhandlungen stattfinden. Trumps offenkundige Begeisterung für ein Ende des Konflikts, ob mit oder ohne Abkommen, deutet darauf hin, dass er sich der Schäden, die der Konflikt der Weltwirtschaft bisher zugefügt hat, durchaus bewusst ist.

Die meisten Experten sind sich in einem zentralen Punkt einig: Je länger dieser Konflikt andauert, desto verheerender werden seine Auswirkungen auf die weltweite Energieversorgung, die Inflation und die wirtschaftliche Stabilität sein. Jede weitere Woche der Unterbrechung treibt die Kosten für Verbraucher und Unternehmen in die Höhe, während sich das Wachstum verlangsamt.

Die Federal Reserve Bank of Dallas, Teil des US-Zentralbanksystems, sagte Anfang des Monats voraus, dass eine dreimonatige oder längere Schließung der Straße von Hormus das globale BIP-Wachstum im zweiten Quartal des Jahres um annualisierte 2,9 Prozent verlangsamen würde. Sobald die Straße von Hormus - das Nadelöhr für 20 Prozent des weltweiten Ölhandels - wieder geöffnet ist, wird die Geschwindigkeit der Wiederaufnahme der Öl- und Gasförderung sowie des Tankerverkehrs maßgeblich darüber entscheiden, wie schnell sich die Weltwirtschaft erholen kann.

Sicherung der Straße von Hormus

Es ist unwahrscheinlich, dass die Durchfahrt durch die Wasserstraße wieder ungehindert läuft, bevor nicht die Versicherungsprämien deutlich sinken und eine glaubwürdige multinationale Marine-Eskorte eingerichtet ist. Diese könnte potenziell Kriegsschiffe der US-Marine, Luftpatrouillen und Minenräumschiffe umfassen.

Europäische NATO-Verbündete, darunter Deutschland, Frankreich und Großbritannien, haben ihre Bereitschaft signalisiert, sich den Patrouillen anzuschließen, sobald die Kämpfe beendet sind. Japan, Australien, Südkorea, Kanada, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain werden voraussichtlich ebenfalls teilnehmen.

Allein die Minenräumung in der Straße von Hormus könnte etwa zwei Wochen dauern, erklärte Jennifer Parker, außerordentliche Professorin am Institut für Verteidigung und Sicherheit der Universität von Westaustralien, gegenüber Bloomberg. Sobald Hormus als sicher für die Schifffahrt gilt, könnte der Rückstau von rund 1900 gestrandeten Schiffen - die Hälfte davon transportiert Öl, LNG oder andere Chemikalien - innerhalb weniger Tage bis Wochen abgebaut werden.

Aditya Saraswat, Forschungsdirektor (Naher Osten und Nordafrika) beim norwegischen Analyseunternehmen Rystad Energy, sagte der DW, ein Abbau des Rückstaus in Hormus würde den Produzenten am Golf einen Monat Puffer verschaffen, um die Produktion hochzufahren. Logistische Probleme blieben jedoch bestehen. Vor dem Krieg passierten täglich etwa 130 bis 140 Schiffe die Meerenge von Hormuz. Dieser Schiffsverkehr dürfte sich jedoch deutlich verlangsamen, solange Marinepatrouillen erforderlich sind.

Schrittweise Wiederaufnahme

Neben der Wiedereröffnung von Hormus benötigen die Produzenten am Golf die Zusicherung, dass sich die Sicherheitslage an ihren Öl- und Gasanlagen stabilisiert hat. Selbst bei einem schnellen Friedensabkommen könnte die Wiederaufnahme der Öl- und Gasförderung in vielen Feldern laut Analysten mehrere Wochen dauern. "Ein teilweise stillgelegtes Ölfeld benötigt im Durchschnitt etwa zwei bis drei Wochen", sagte Saraswat und bezog sich dabei auf einige Bohrungen, die mit reduzierter Fördermenge betrieben werden. Die Wartungsinspektionen müssten umso gründlicher sein, je länger die Öl- und Gasanlagen stillgelegt waren, bevor sie wieder in Betrieb genommen werden können.

Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) wurden mindestens 40 Energieanlagen am Golf durch iranische Angriffe "schwer oder sehr schwer beschädigt". Energieanalysten warnen, dass einige Anlagen, insbesondere Flüssigerdgas-Anlagen (LNG), mit Reparaturzeiten von mehreren Jahren rechnen müssen.

Katar gab bekannt, dass es bis zu fünf Jahre dauern könnte, den LNG-Komplex Ras Laffan, das weltweit größte Produktions- und Exportzentrum für LNG, wieder in Betrieb zu nehmen. Katar hat bislang rund ein Fünftel des weltweiten LNG-Bedarfs geliefert. Langfristig werden nun etwa 17 Prozent der LNG-Exportkapazität des Golfstaates fehlen.

Globale Einschränkungen

Düngemittelwerke müssen ähnliche Sicherheitsprüfungen durchlaufen, bevor die Produktion wieder aufgenommen werden kann. Dünger helfen, die globale Ernährungssicherheit zu stärken, die bereits durch explodierende Preise bedroht ist. Zurzeit sind viele Landwirte gezwungen, die Düngung einzuschränken.

Die Golfregion ist ein wichtiger Lieferant von stickstoffbasierten Düngemitteln und deckt rund 40 Prozent des weltweiten Seetransports von Harnstoff sowie ein Viertel der Ammoniakexporte ab. Die arabischen Golfstaaten sind zudem bedeutende Produzenten zweier Rohstoffe für die Phosphatproduktion.

Der Containerverkehr für Waren aus der Golfregion und Güter zwischen Asien und Europa ist durch die Blockade des Hafens von Hormus ebenfalls stark beeinträchtigt, viele dutzend Schiffe sitzen fest. Der ankommende Verkehr im Hafen Jebel Ali in Dubai, dem größten Umschlagplatz im Nahen Osten, ist laut dem Betreiber DP World seit dem 28. Februar merklich zurückgegangen.

Für Containerschiffe mit Ziel Europa stellt die Meerenge von Bab al-Mandab am südlichen Eingang zum Roten Meer eine zusätzliche Hürde dar. Die Meerenge ist zwar weiterhin befahrbar, wird aber von den meisten großen Reedereien aufgrund erneuter Drohungen der vom Iran unterstützten Huthis gemieden. Die Rebellen mit Sitz im Jemen verübten 2023/24 Angriffe auf Schiffe im Zusammenhang mit Israels Krieg im Gazastreifen. Viele Reedereien haben ihre Routen über das Kap der Guten Hoffnung im südlichen Afrika umgeleitet, was die Reisezeiten und -kosten erheblich verlängert.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) hat berechnet, dass die Golfstaaten, darunter der Iran, den größten Anteil am weltweiten Export von 50 wichtigen Nichtmineralprodukten halten, darunter Stahl, Rohdiamanten, Goldpulver und Aluminiumlegierungen. Diese Exporte haben einen Wert von 773 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Anhaltende Auswirkungen

Selbst wenn die Meerenge wieder geöffnet wird und die Produktion in der Golfregion wieder anläuft, werden die globalen wirtschaftlichen Folgen nicht über Nacht verschwinden. Die Verbraucher haben die Auswirkungen der höheren Ölpreise an den Zapfsäulen schnell zu spüren bekommen, während Benzin- und Dieselknappheit in Australien, Asien und Afrika erst jetzt spürbar wird. Auch andere wichtige Lieferketten, von Düngemitteln bis hin zu Konsumgütern, werden voraussichtlich in den nächsten Wochen mit Engpässen zu kämpfen haben.

"Die Preisverwerfungen haben sofort zugeschlagen; Logistikstörungen werden [in den nächsten zwei bis drei Monaten] an Bedeutung gewinnen", sagte Peter Klimek, Direktor des Supply Chain Intelligence Institute Austria, gegenüber der DW. Sollte die globale Produktion aufgrund des Krieges gedrosselt werden müssen, warnte Klimek vor einer möglichen Stagflation mit hohen Preisen, steigender Arbeitslosigkeit und schwachem Wirtschaftswachstum, dessen Bewältigung seiner Ansicht nach "noch länger dauern könnte".

Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert.

Item URL https://www.dw.com/de/iran-krieg-wie-schnell-könnte-sich-der-welthandel-erholen/a-76625647?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Nicht nur Öl- und Gastanker sind betroffen, auch der Containertransport ist ins Stocken geraten
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Item 5
Id 76622347
Date 2026-04-02
Title Türkei und Armenien: Wann öffnen die Grenzübergänge?
Short title Türkei und Armenien: Wann öffnen die Grenzübergänge?
Teaser Seit Jahrzehnten verharrten die Länder in Feindschaft und schotteten sich ab. Nach der jüngsten Annäherung hofft die türkische Wirtschaft auf gute Geschäfte. Neue Logistikrouten könnten der Region Aufschwung bringen.
Short teaser Nach 33 Jahren Feindschaft wächst die Hoffnung auf mehr Handel und Transport zwischen der Türkei und Armenien.
Full text

Es war ein historischer Moment im Juni 2025: Der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan stieg aus dem Wagen und ging auf seinen Gastgeber, den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, zu.

Die beiden Politiker schüttelten sich die Hände und drehten sich gemeinsam zu den Kameras - ein historischer Augenblick. Es war das erste Mal, dass ein armenischer Regierungsvertreter dem Nachbarland einen Arbeitsbesuch abstattete - und das auf offizielle Einladung eines türkischen Staatschefs.

Die Türkei und Armenien teilen eine fast 330 Kilometer lange Landesgrenze und sind seit über hundert Jahren verfeindet. Historisch belastet sind die Beziehungen vor allem durch die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich, die der Deutsche Bundestag, wie viele westliche Länder auch, im Jahr 2016 als Völkermord anerkannte.

Auch die Haltung Ankaras im Bergkarabach-Konflikt sorgt für tiefe Gräben. Die Türkei stellte sich dabei auf die Seite von Armeniens Gegner Aserbaidschan und schloss 1993 die gemeinsame Grenze.

Friedensabkommen eröffnet neue Perspektiven

Seit 2022 gibt es jedoch eine vorsichtige Annäherung. Der Binnenstaat Armenien besteht nicht mehr darauf, dass Ankara die Ereignisse von 1915 als Völkermord anerkennt.

Zudem hat das Land den jahrzehntelangen Krieg um Bergkarabach mit Aserbaidschan im vergangenen Jahr durch ein Friedensabkommen beigelegt. Seitdem wächst in der türkischen Wirtschaft die Hoffnung auf eine baldige Normalisierung in der Region und die Öffnung der seit über drei Jahrzehnten geschlossenen Grenze.

Die Türkei verfügt über zwei Übergänge zum benachbarten Armenien: Alican in der Provinz Igdir und Akyaka in der Provinz Kars. Beide sind seit dem Ersten Bergkarabach-Krieg dicht, könnten laut Beobachtern aber in wenigen Monaten wieder eröffnet werden.

Armenische Medien berichten, dass Eriwan die nötigen Vorbereitungen dafür bereits getroffen hat. Auf türkischer Seite laufen die Arbeiten noch, sind aber ebenfalls weit vorangeschritten.

Sollten die Übergänge vor den armenischen Parlamentswahlen im Juni öffnen, wäre das ein großer Erfolg für Ministerpräsident Nikol Paschinjan. Er treibt seit Jahren einen Versöhnungsprozess mit den Nachbarn voran und nähert sein Land dem Westen an.

Alternative Handelsroute über Georgien

Kaan Soyak, der Vorsitzende des Türkisch-Armenischen Wirtschaftsentwicklungsrates, berichtet, dass der Handel zwischen beiden Ländern aufgrund der geschlossenen Grenzen seit Jahren indirekt über Georgien abgewickelt wird und bei etwa 300 bis 350 Millionen US-Dollar liegt. Seinen Angaben zufolge entfallen rund 99 Prozent davon auf Waren, die von der Türkei nach Georgien und von dort weiter nach Armenien transportiert werden.

Laut Soyak ragen dabei vor allem Konfektionskleidung, chemische Produkte, Lebensmittel und unverarbeitete Edelmetalle heraus. Er ist überzeugt, dass das bilaterale Handelsvolumen mit offenen Grenzen schnell auf eine Milliarde Dollar steigen könnte. Zudem erwartet er den raschen Aufbau von Logistikkorridoren inklusive Energie- und Telekommunikationsleitungen mit direktem Anschluss an die gesamte Kaukasusregion.

Der Iran-Krieg verzögert jedoch den Countdown. Laut Soyak hat die Ausweitung des Krieges auf die Golfstaaten, den Irak und den Libanon die Sorge vor neuen Migrationswellen geschürt. Aus diesem Grund werde die Öffnung der gemeinsamen Landgrenzen derzeit etwas langsamer vorangetrieben.

Anatolien hofft auf Tourismus

Die östlichen türkischen Provinzen wie Kars, Igdir, Agri, Ardahan und Van liegen nur einen Steinwurf von der armenischen Grenze entfernt und zählen zu den ärmsten Regionen Anatoliens. Nach Angaben des türkischen Statistikamtes belegen sie mit einem Bruttoinlandsprodukt von gerade einmal 3250 bis 4350 Euro pro Kopf die hintersten Plätze im Städteranking.

Umso größer sind die Hoffnungen, die die Menschen vor Ort in den Waren- und Personenverkehr mit den Nachbarn setzen - auch auf Besucher aus Armenien und der weltweiten Diaspora. Da viele bedeutende historische und religiöse Stätten auf der türkischen Seite der Grenze liegen, könnte die Öffnung ein völlig neues Publikum an Touristen erschließen.

Kadir Bozan, der Vorsitzende der Industrie- und Handelskammer (IHK) im türkischen Kars, unterstreicht zudem die Bedeutung des sogenannten Trump-Korridors: Für die Mitglieder der Kammer habe dieser Weg und die dazugehörige Infrastruktur eine enorm wichtige Bedeutung.

Die Einrichtung der Trump-Route für internationalen Frieden und Wohlstand wurde im vergangenen August als Teil des von US-Präsident Donald Trump vermittelten Friedensplans zwischen Armenien und Aserbaidschan vereinbart. Der Plan sieht einen 43 Kilometer langen Straßen- und Schienenkorridor durch Armenien vor, der Aserbaidschan mit seiner Exklave Nachitschewan und der Türkei verbindet.

Transportkorridor zwischen China und Europa

Der Korridor soll die Transkaspische internationale Transportroute stärken und soll die Transportzeiten zwischen China und Europa verkürzen. Die Türkei sieht darin eine große Chance, ein entscheidender Akteur des Welthandels zu werden.

Schon im vergangenen August hat sie mit dem Bau einer 224 Kilometer langen Eisenbahnstrecke begonnen, die als Teil der Route jährlich Millionen Tonnen Fracht und Personen befördern soll.

Viele Menschen in der Region wünschen sich daher ein baldiges Ende des Iran-Krieges, betont IHK-Chef Kadir Bozan weiter, damit Versöhnung einkehre und die Region zum Wirtschafts- und Tourismuszentrum aufsteigen könne. Seine Stadt besitze schon jetzt eine sehr gute und beliebte Zugverbindung über Tiflis bis nach Baku.

Auch in der Nachbarprovinz Ardahan, die über zwei Grenzübergänge nach Georgien verfügt, setzt man große Hoffnungen auf die türkisch-armenische Annäherung. Da die Stadt nur 20 Kilometer von Armenien entfernt liegt, glaubt Cetin Demirci, der Vorsitzende der IHK Ardahan, dass dort bald neue Produktionsstätten, Fabriken, Gewerbegebiete und Lager entstehen werden.

Seit Jahren schrumpfe seine Stadt, weil die Jugend abwandere. Offene Grenzen würden hier dringend benötigte Arbeitsplätze schaffen und die Wirtschaft beleben.

Ähnlich optimistisch blickt auch Kamil Arslan, der Vorsitzende der IHK Igdir, in die Zukunft und betont: "Der Handel kennt keinen Nationalismus." Man wolle endlich, dass diese über 30 Jahre alte Feindschaft zwischen der Türkei und Armenien aufhöre.

Arslan wünscht sich, dass über die Grenzübergänge bald wieder Lebensmittel, Baumaterial, Textilien und Dienstleistungen nach Armenien fließen - allen voran die süßen, berühmten Aprikosen aus Igdir, genau wie in alten Zeiten.

Author Elmas Topcu, Aram Ekin Duran
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Image caption Die armenische Stadt Ararat mit dem gleichnamigen heiligen Berg liegt direkt an der Grenze zur Türkei, dem Iran und der autonomen Republik Nachitschewan. Anwohner hoffen nach jahrelangem Stillstand auf eine Öffnung der Grenze
Image source Gilles Bader/dpa/MAXPPP/picture alliance
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Item 6
Id 76644222
Date 2026-04-02
Title Moskau: Achteinhalb Jahre Haft für Künstler Jacques Tilly
Short title Moskau: Achteinhalb Jahre Haft für Künstler Jacques Tilly
Teaser Das Gericht in Russland erklärte, der Karnevalswagenbauer habe religiöse Gefühle verletzt und Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte verbreitet. Hintergrund ist Tillys satirische Kritik an Kremlchef Putin.
Short teaser Hintergrund ist die satirische Kritik des Karnevalswagenbauers an Kremlchef Putin.
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Der Bildhauer Jacques Tilly ist in Abwesenheit von einem russischen Gericht zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der Düsseldorfer Karnevalswagenbauer habe sich der Verletzung religiöser Gefühle und der Verbreitung von Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte schuldig gemacht, erklärte Richter Konstantin Otschirow in Moskau.

Außerdem soll Tilly eine Geldstrafe von umgerechnet rund 2000 Euro zahlen. Die Staatsanwaltschaft hatte neun Jahre Haft beantragt. Die Pflichtverteidigung des Künstlers forderte dagegen einen Freispruch aus Mangel an Beweisen.

Der deutsche Botschafter in Moskau, Alexander Graf Lambsdorff, sagte der Nachrichtenagentur dpa, das Urteil zeige, "dass Kriminalisierung und Verfolgung freier Meinungsäußerung durch die russische Regierung unvermindert weitergehen - aber jetzt auch verstärkt im Ausland". Das betreffe die Bundesrepublik "direkt", so der Diplomat.

"Kein Staatsverbrechen begangen"

Tilly selbst reagierte mit Spott. "Es ist jetzt für jeden zu sehen, dass das russische Regime Angst vor Pappfiguren hat", sagte der Bildhauer ebenfalls dpa. Er habe "kein Staatsverbrechen begangen". Dass er Kritik an Machthabern übe, sei in freien Gesellschaften "eine Selbstverständlichkeit".

Der 62-Jährige ist für seine bissig-satirischen Mottowagen im Düsseldorfer Rosenmontagszug bekannt. Seine Motive erscheinen in den Tagen nach Karneval regelmäßig auf Titelseiten der deutschen und internationalen Presse. Mehrfach hatte er seine Mottowagen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gewidmet.

Eine Arbeit, die den russischen Angriffskrieg aufgriff, zeigte den Kremlchef in einer die Ukraine symbolisierenden Wanne - in Blut badend. In diesem Jahr spießte eine Putin-Figur die Düsseldorfer Karnevalsfigur Hoppeditz mit einem Schwert auf. Vor allem aber ging es in dem Moskauer Prozess um Tillys Karnevalswagen von 2024, der Figuren von Putin und dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kirill, in satirischer Absicht beim Oralverkehr zeigte.

"Mit der Kritik zu weit gegangen"

Vor Gericht waren Aussagen mehrerer Zeuginnen verlesen worden, die sich als gläubige Christinnen nach eigener Darstellung dadurch in ihren religiösen Gefühlen verletzt sahen. Die Frauen beklagten, der Karnevalswagenbauer sei mit der Darstellung Putins und des Patriarchen bei seiner Kritik zu weit gegangen. Ein weiterer Vorwurf lautete auf - in Russland verbotene - Propagierung von Homosexualität.

Tilly hatte mehrfach erklärt, die russische Justiz habe ihn nicht über das Verfahren informiert. Die deutsche Botschaft hatte den Prozess beobachtet. Eine Auslieferung durch die Bundesrepublik muss der Bildhauer nicht fürchten. Allerdings begrenzt das Urteil seine Reisemöglichkeiten. Die Behörden in Russland könnten ihn beispielsweise bei Interpol zur Fahndung ausschreiben. In Ländern, die gesuchte Personen dorthin überstellen, droht Tilly dann eine Festnahme.

In Russland sind bereits zahlreiche Gegner der von Putin befohlenen Invasion in der Ukraine zu Haftstrafen verurteilt worden. Westliche Beobachter und Menschenrechtsorganisationen werten die Entscheidungen als politisch motivierte Unrechtsurteile.

jj/pgr (dpa, afp)

Redaktionsschluss: 18:00 Uhr (MESZ) - dieser Artikel wird nicht weiter aktualisiert.

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Image caption Jacques Tilly - hier im Februar in der Ausstellung "Freigeist" des Düsseldorfer Stadtmuseums
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Item 7
Id 76584547
Date 2026-04-02
Title Indien: Punes Flüsse sind verdreckt - Bürger machen sauber
Teaser Die Flüsse Mula und Mutha in Pune sind zu Abwasserkanälen für Fäkalien und Chemikalien geworden. Eine indische NGO mobilisiert Anwohner, um die Gewässer zu reinigen und die Artenvielfalt und das Naturerbe zu retten.
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In der indischen Millionenstadt Pune fließen die Flüsse Mula und Mutha zusammen. Seit Jahrhunderten sind sie die Lebensadern der Stadt, doch sie sind durch Abwässer, Müll und Industrieabfälle stark verschmutzt. An manchen Abschnitten gibt es kaum noch Sauerstoff im Wasser. Dort lebt nichts mehr.

Die Anwohner wehren sich dagegen. Eine Bürgerinitiative sammelt Müll und setzt dafür ein, dass die Ufer der Flüsse nicht weiter zubetoniert und zerstört werden. Die Schwierigkeiten sind groß, denn wirtschaftliche Interessen der Stadt stehen dem ökologischen Engagement entgegen.

Author Anurag Ramgopal, Akanksha Ramgopal
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Item 8
Id 76623164
Date 2026-04-02
Title Wie Südafrika und die USA in eine Beziehungskrise rutschten
Short title Wie Südafrika und die USA in eine Beziehungskrise rutschten
Teaser US-Präsident Donald Trump versucht, Südafrika diplomatisch auszubooten und will weiße Südafrikaner vor einem vermeintlichen Genozid retten. Auch neue Entwicklungen vertiefen den Graben zwischen beiden Ländern.
Short teaser Das Verhältnis zwischen Washington und Pretoria ist wohl so schlecht wie nie. Neue Entwicklungen vertiefen die Gräben.
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Als Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa kürzlich auf einer Parteikonferenz von "aggressiven globalen rechten Kräften" sprach, wusste wohl jeder gemeint war: Seitdem Donald Trump Anfang 2025 ins Weiße Haus zurückgekehrt ist, sind die Beziehungen zwischen den USA und Südafrika immer tiefer in die Krise gerutscht.

Trump warf Südafrikas schwarzer Bevölkerungsmehrheit einen "Genozid" an der weißen Minderheit vor, ohne echte Beweise vorzulegen - ein Vorwurf, den Ramaphosas Regierung vehement zurückwies. Trump boykottierte auch die im vergangenen Jahr von Südafrika ausgerichteten G20-Treffen inklusive des Gipfels in Johannesburg. Und nun berichten verschiedene Medien, die USA hätten Druck auf Frankreich ausgeübt, das daraufhin Südafrika wieder vom für Juni geplanten G7-Gipfel in Evian auslud.

Druck aus USA nicht nachgeben

Der Startpunkt für die diplomatische Eiszeit liegt jedoch schon deutlich vor dem Beginn von Trumps zweiter Amtszeit, glaubt Daniel Silke, Leiter der Beratungsfirma Political Futures Consultancy in Kapstadt: "Diese Entwicklung zwischen Südafrika und den USA hat sich schon lange abgezeichnet. Denn Südafrika hat im Laufe der letzten zehn Jahre seine außenpolitische Ausrichtung weg von den USA und dem Westen verlagert", sagt Silke zur DW. Das Land habe sich stärker den BRICS-Staaten zugewandt, ein Zusammenschluss aufstrebender Volkswirtschaften, die ein Gegengewicht zum westlich geprägten G7-Bündnis bilden.

Selbst nachdem Russland seinen Angriffskrieg in der Ukraine begann, bemühte sich Ramaphosa weiter um gute Beziehungen mit dem BRICS-Mitglied; die Nähe seiner Partei ANC zu Moskau stammt noch aus den 70er- und 80er-Jahren, als die Sowjetunion den Kampf gegen das Apartheids-Regime unterstützte. In jüngerer Vergangenheit band sich Südafrika zudem enger an China, ein weiteres BRICS-Land.

Washington habe diese Verschiebung verfolgt und die Botschaften der BRICS-Gruppe zur Kenntnis genommen, sagt Silke. Das Bündnis verfolge ein gemeinsames Ziel: Die Rolle des US-Dollars als Leitwährung im Welthandel zu reduzieren.

Misstrauen tief verankert

"Der ANC hegte historisch gesehen schon immer Misstrauen gegen die USA", sagt Silke gegenüber DW. Auch hier reicht die Begründung zurück in die 1980er-Jahre, als der internationale Druck auf das Apartheids-Regime zunahm. Der damalige US-Präsident Ronald Reagan habe jedoch kein Interesse gehabt, umfassende Wirtschaftssanktionen gegen Südafrika zu verhängen, sagt Silke.

Nach dem Ende der Apartheid 1994 hatten sich auch die diplomatischen Beziehungen der USA mit dem Amtsantritt des Demokraten Bill Clinton zu dem Land am Kap gewandelt. Für Südafrika sind laut Statistiken der staatlichen deutschen Wirtschaftsförderungsagentur GTAI die Vereinigten Staaten heute - hinter China - der zweitwichtigste Handelspartner.

"Der ideologische Rechtsruck in Washington brachte die Regierung auf Kollisionskurs mit dem ANC", sagt Silke. "Mit einem Trump, der keine Angst vor einem solchen Kurs hat, verschlimmert sich die Lage noch."

Südafrika als Zielscheibe rassistischer Politik

Der Wissenschaftler Noor Nieftagodien, Leiter des History Workshops an der Witwatersrand Universität von Johannesburg, betont ebenfalls die zentrale Bedeutung der Tech-Investoren aus dem Umfeld von Trumps MAGA-Bewegung, unter deren Einfluss die Republikanische Partei rassistischer agiere als je zuvor.

"In seinem inneren Zirkel sind Menschen wie Elon Musk und Peter Thiel", sagt Nieftagodien der DW. Der Tesla-Chef und frühere Leiter von Trumps Deregulierungs-Behörde DOGE, Musk, ist gebürtiger Südafrikaner, Paypal-Gründer Thiel hat in seiner Kindheit in Namibia gelebt. "Sie haben Verbindungen zu rechtsextremen, rassistischen Organisationen in Südafrika, die die komplette Lüge verbreitet haben, es gebe einen weißen Genozid in Südafrika. Und Trump hat das übernommen."

Dianne Hawker, DW-Korrespondentin in Johannesburg, sieht Südafrika praktisch seit Amtsübernahme im Visier der Trump-Regierung: "Nur zwei Wochen danach gaben die USA den Stopp aller Hilfsprogramme bekannt, unter Verweis auf angebliche Menschenrechtsverletzungen", sagt Hawker. Darunter sind auch Programme zur Bekämpfung von HIV/Aids, deren Auslaufen für viele HIV-positive Südafrikaner potenziell lebensbedrohlich ist.

Der Graben vertiefte sich weiter, als die US-Regierung ein spezielles Asylprogramm für weiße Südafrikaner auflegte und zugleich die Flüchtlingsaufnahme generell drastisch reduzierte. Den Afrikaanern wurde ein Großteil der nur noch 7.500 Plätze in Aussicht gestellt.

Ein weiterer Knackpunkt: Südafrika zog im Dezember 2023 vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag und klagte Israel wegen Völkermord an den Palästinensern in Gaza an. Israel bestreitet das und Trump hält die Vorwürfe für haltlos: Die US-Regierung legte im März 2026 formell Einspruch in Den Haag ein.

Bestraft Trump Südafrika für dessen Haltung?

Auch der jüngste Krieg im Nahen Osten hat weitere negative Auswirkungen auf das US-südafrikanische Verhältnis. Irans Regime ist im ANC immer noch gut gelitten, da die Kleriker nach der Islamischen Revolution von 1979 kein Öl mehr an das Apartheid-Regime lieferten und zugleich den ANC unterstützten.

Dass Südafrika nicht von Teheran abrückt, ist laut Analyst Nieftagodien US-Präsident Trump ein Dorn im Auge: "Die Trump-Regierung duldet keinerlei kritische Stimmen gegenüber ihrer eigenen Weltanschauung und dem Bestreben, dem Rest der Welt ihren Willen aufzudrücken." Aus seiner Sicht will Trump Südafrika für dessen unbeirrten, eigenständigen außenpolitischen Kurs bestrafen. Solange Trump im Weißen Haus bleibt, rechnet Nieftagodien nicht mit einer Entspannung im Verhältnis beider Länder.

Author Martina Schwikowski
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Image caption Knapp drei Monate nach Wolodymyr Selenskyj erlebte Cyril Ramaphosa bei seinem Besuch im Weißen Haus im Mai 2025 eine ähnlich angespannte Atmosphäre
Image source Jim Watson/AFP
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Item 9
Id 76636967
Date 2026-04-02
Title Iran: Donald Trump und die Suche nach der Exit-Strategie
Short title Iran: Donald Trump und die Suche nach der Exit-Strategie
Teaser Während der Gegenwind zunimmt, rechtfertigt der US-Präsident in einer Rede an die Nation erneut den Krieg gegen den Iran. Doch viele Fragen bleiben offen. Wie also kommt Trump raus aus diesem Krieg?
Short teaser In einer Rede hat der US-Präsident erneut den Krieg gegen den Iran gerechtfertigt. Doch viele Fragen bleiben offen.
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Hat Donald Trump sich verrannt? Fünf Wochen dauert sein Krieg nun schon an, die von den USA martialisch "Epic Fury", zu deutsch "epische Wut" genannte Militäraktion gegen den Iran. Doch je länger sich dieser Krieg hinzieht, desto mehr steht der US-Präsident selbst unter Druck.

Der Iran ist noch immer in der Lage, Ziele am Persischen Golf oder in Israel ins Visier zu nehmen. Das iranische Regime ist zwar getroffen, sitzt aber weiter fest im Sattel. Die Weltwirtschaft ächzt aufgrund der faktisch blockierten Straße von Hormus.

Der Krieg kostet die USA täglich Milliardensummen, und er ist nicht zuletzt deshalb im eigenen Land äußerst unbeliebt; seit seinem Beginn sind Trumps Umfragewerte geradezu eingebrochen. Und Europa zeigt dem US-Präsidenten die kalte Schulter, wenn es um eine Beteiligung am Waffengang geht. Einige Kritiker sprechen bereits davon, man müsse die Militäroperation in "Epic Fail" umbenennen.

Die Iraner "in die Steinzeit bomben" - und verhandeln

Natürlich klingt das alles ganz anders, als Donald Trump in dieser Nacht ans Rednerpult tritt. Der Krieg werde bald enden, so erklärte es der US-Präsident in seiner rund 20-minütigen Ansprache: Die USA stünden "kurz vor der Vollendung" ihrer Ziele; Marine, Luftwaffe und Raketenarsenal des Iran seien "weitestgehend zerstört".

Trump rechtfertigte den Militäreinsatz erneut damit, dass er es dem Iran niemals erlauben würde, Atomwaffen zu bauen. Er kündigte auch an, dass die US-Armee die Iraner "in den nächsten zwei bis drei Wochen extrem hart treffen", sie gar "in die Steinzeit" bomben würde, dorthin, "wo sie hingehören". Gleichzeitig habe das iranische Regime Verhandlungsbereitschaft signalisiert, erklärte Trump - nur dass man in Teheran selbst davon nichts wissen will. Mehr als lose Kontakte gebe es nicht, heißt es aus dem Iran.

Viel Neues sei bei Trumps Rede nicht herumgekommen, kritisierte der demokratische US-Senator Mark Warner im Anschluss an die Rede gegenüber Medienvertretern. "Es gibt immer noch keinen klaren Plan, um das iranische Nuklearmaterial zu sichern, seine ballistischen Raketenfähigkeiten bleiben eine Bedrohung, und die Straße von Hormus bleibt geschlossen", so Warner.

"Gleichzeitig lockert die Regierung die Ölsanktionen auf eine Weise, die Milliarden von Dollar an genau das Regime zurückschickt, mit dem wir konfrontiert sind." Warner zufolge habe Trumps Regierung seit Kriegsbeginn "sich ständig verändernde Rechtfertigungen" für den Waffengang abgegeben, es gebe jedoch keinerlei "seriöse Planung, die vorhersehbaren Folgen" dieses Krieges zu bewältigen.

Wie geht es weiter mit der Straße von Hormus?

Tatsächlich blieb der US-Präsident auch die Antwort darauf schuldig, wie es am Persischen Golf nach Beendigung des Krieges weitergehen soll. Noch einen Tag zuvor hatte Trump insbesondere gegen die europäischen Staaten gewettert, die sich geweigert hatten, ihn bei seinem Krieg gegen den Iran zu unterstützen. "Geht zur Straße von Hormus und holt euch euer eigenes Öl!" postete er auf seinem Netzwerk Truth Social.

Jetzt, in seiner Rede, milderte er seinen Ton wieder etwas ab. Zwar sei die Sicherung der Straße von Hormus noch immer vor allem Aufgabe der Länder, die am meisten von den Öltransporten abhingen. Allerdings deutete Trump nun an, dass die USA diese dabei unterstützen könnten.

"Da ist wirklich keine klare Linie erkennbar," konstatiert Eckart Woertz, Direktor des Hamburger GIGA-Institutes für Nahost-Studien. Derzeit gebe es stattdessen "die paradoxe Situation, dass das einzige Land, das Öl über die Straße von Hormus exportiert, der Iran ist." Und so konnte Trumps Rede auch nicht dazu dienen, die Weltwirtschaft zu beruhigen - im Gegenteil. Nach seiner Ansprache stiegen die Ölpreise sogar deutlich an.

Woertz zufolge bestehe für die arabischen Golfstaaten gar die Gefahr, "dass der Iran strategisch gestärkt aus dem Konflikt hervorgehen könnte, dass das Regime überlebt und die Kontrolle über die Straße von Hormus ausübt, während die USA abziehen und die Golfstaaten mit dem Problem Iran alleine lassen."

Das iranische Parlament habe ja bereits "eine Art Mautsystem" beschlossen, mit dem es Gebühren für durchfahrende Schiffe anderer Länder erheben will. Sollten die USA sich zum Ende des Konfliktes tatsächlich komplett zurückziehen, wäre dies auch für Europa ein großes Problem.

Regime Change "war nie unser Ziel"

Zu den Kriegsgründen, die Donald Trump - wie auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu - ursprünglich aufgeführt hatte, gehörte auch der sogenannte Regimewechsel - davon war in seiner Rede nun keine Rede mehr.

Im Gegenteil: "Regime Change war nie unser Ziel", erklärte Trump, dennoch habe er stattgefunden, weil alle ursprünglichen Anführer des Iran nun tot seien. Dennoch sitzt die iranische Führungsriege unter Modschtaba Chamenei, dem Sohn des getöteten Obersten Revolutionsführers Ali Chamenei, weiter fest im Sattel, "in einer radikalisierteren Form und mit einer stärkeren Rolle der Revolutionsgarden", so Eckart Woertz.

Noch im Februar, im Zuge der iranischen Massenproteste gegen die Führung in Teheran hatte Donald Trump der Bevölkerung signalisiert: "Macht weiter! Hilfe ist unterwegs."

Für Woertz war das von Anfang an ein leeres Versprechen. "Man kann davon ausgehen, dass Herrn Trump die Iraner vollkommen egal sind, dass er keinerlei Interesse an Demokratisierung im Iran oder anderswo hat und dass er durchaus wieder aufgeschlossen wäre, zu irgendeinem Deal mit dem neuen Regime zu kommen."

Kein Wort zur NATO

Während die Rede viel Erwartbares reproduzierte, war ein Umstand besonders bemerkenswert. Noch im Vorfeld seiner Rede hatte Donald Trump Spekulationen über einen möglichen Austritt der USA aus der NATO befeuert. In einem Interview mit dem britischen Telegraph bezeichnete er das Verteidigungsbündnis als "Papiertiger" und erklärte: "Oh ja, ich würde sagen, das geht über eine reine Überlegung hinaus."

Auch US-Außenminister Marco Rubio äußerte seine Verärgerung darüber, dass die übrigen NATO-Staaten die USA in ihrem Krieg gegen den Iran nicht unterstützt hätten. Man müsse nach Beendigung des Krieges zu einer "Neubewertung" des Bündnisses kommen, so Rubio.

Mit Spannung war daher erwartet worden, ob und wie sich Donald Trump in seiner Rede zur NATO äußern würde. Tatsächlich verlor er dann jedoch über sie kein Wort. Ohnehin wären die rechtlichen Hürden für einen US-amerikanischen NATO-Austritt sehr hoch.

Um einen eigenmächtigen Schritt des US-Präsidenten zu verhindern, hatte der US-Kongress im Dezember 2023 eigens ein Gesetz verabschiedet, an dem auch Marco Rubio einst mitgewirkt hatte. Demnach benötigt ein Austrittsbeschluss die Zustimmung von zwei Dritteln des Senats oder einen speziellen Beschluss des gesamten Kongresses. Angesichts der derzeitigen Mehrheitsverhältnisse wäre ein solcher Beschluss jedoch extrem unwahrscheinlich.

Author Thomas Latschan
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Image caption In einer Rede verteidigte Donald Trump den von USA und Israel gemeinsam begonnenen Iran-Krieg
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Item 10
Id 76636931
Date 2026-04-02
Title Wie Chinas Propaganda die USA im Iran-Krieg darstellt
Short title Wie Chinas Propaganda die USA im Iran-Krieg darstellt
Teaser Chinesische Staatsmedien portraitieren die USA auf subtile Weise als destabilisierende Kraft im Nahen Osten. Ein KI-generiertes Video zeigt eine persische Katze und einen Adler, die miteinander kämpfen.
Short teaser Chinesische Staatsmedien portraitieren die USA auf subtile Weise als destabilisierende Kraft und nutzen dabei KI-Videos.
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Vergangene Woche ging ein von chinesischen Staatsmedien erstelltes KI‑Video viral. Es zeigt persische Katzen und einen kahlköpfigen Adler in einem epischen Kampf, der an Fantasy-Geschichten erinnert. Als offenkundige Parabel auf den Krieg der USA und Israels mit dem Iran erzielte es innerhalb weniger Stunden fast eine Million Likes und füllte die Kommentarspalten.

Das reichweitenstarke Video des staatlich geführten Central China TV (CCTV) zeigt die „persischen Katzen", die Rache an dem arroganten "weißen Adler" nehmen wollen, der ein Wüstenreich namens „Tal des Goldflusses" dominiert. Der Adler zwingt das Reich, knappe Ressourcen - in dem Video ist es die „Schwarzeisen-Essenz" - ausschließlich mit "Goldtickets des weißen Adlers" zu handeln.

Nachdem der Adler den Anführer der persischen Katzen ermordet hat, entwickelt sich ein asymmetrischer Abnutzungskrieg, in dem der Adler teure "Anti-Luft-Goldnadeln" verschießt, um billige "Holzvögel" abzuschießen.

Das Video bietet einen guten Einblick, wie Peking den Iran‑Konflikt interpretiert, um die öffentliche Meinung im Inland zu beeinflussen. "Von Anfang an waren chinesische Offizielle sehr klar darin, den Krieg sowohl als illegal als auch als Bedrohung für die globale Stabilität zu beschreiben", sagte W.A. Figueroa, Assistenzprofessor für Geschichte und internationale Beziehungen an der Universität Groningen in den Niederlanden. Die Kernbotschaft, die der chinesischen Öffentlichkeit vermittelt wird, entspricht dabei einem mittlerweile häufig verwendeten Narrativ: "Das dargestellte Bild ist das eines ruhigen, engagierten und diplomatischen China im Gegensatz zu einem aggressiven und unberechenbaren Vereinigten Staaten", sagt der Wissenschaftler.

Chinas Medienstrategie: Harte Botschaften leicht verdaulich

In scharf formulierten Kommentaren gibt die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua dabei die Richtung vor: Washingtons eigentliches Ziel sei ein "Iran ohne Souveränität", und der Krieg diene "weniger der ‚Sicherheit‘ als vielmehr der Hegemonie". In den sozialen Medien werden diese großen geopolitischen Themen dann in leicht verdauliche, nationalistische Kurzclips zerlegt.

So zeigt auch das KI‑Video von CCTV, wohin sich die chinesischen Staatspropaganda bewegt. Sie werde hier durch das beliebte Fantasy‑Kampfkunst‑Genre Wuxia "gefiltert", sagte Alicja Bachulska, China‑Analystin beim European Council on Foreign Relations, im Interview mit der DW.

Die Verwendung künstlicher Intelligenz mache offizielle Narrative "viel schmackhafter" und "unterhaltsamer" für das heimische Publikum als trockene TV‑Berichterstattung, so Bachulska weiter. Durch die clevere Nutzung tief verwurzelter Nostalgie für die Kung‑Fu‑Filmklischees aus Hongkong der 1980er‑Jahre betten die Staatsmedien geopolitische Botschaften nahtlos in die Popkultur ein.

Diese Orientierung auf die sozialen Medien lässt sich auch anderen Beispielen ablesen. "Jing Si You Wo", ein beliebter Influencer auf der chinesischen Kurzvideo-App Douyin, erreicht eine gewaltige Online-Anhängerschaft. In seinen jüngsten Videos wird freudig behauptet, die USA hätten angesichts der iranischen Entschlossenheit "den Schwanz eingezogen" und Irans mächtigste Waffe sei der pure Wille zur „gegenseitigen Zerstörung".

Und auch der offizielle Douyin-Account des chinesischen Militärs veröffentlichte ein virales Video. Mithilfe hochauflösender Satellitenaufnahmen analysiert es detailliert die US‑Truppenbewegungen am Golf. Der Beitrag erhielt über sechs Millionen Likes – was klar darauf hindeutet, dass die chinesische Bevölkerung begierig ist, die Taktiken und Strategien des US‑Militärs zu studieren.

Peking als "stabilisierende Kraft"

Die politischen Überlegungen hinter Chinas Konfliktnarrativ im Nahen Osten und die damit verbundenen politischen Überlegungen seien Teil einer breiteren, langfristig angelegten Strategie, meint Figueroa, dessen Forschung auch die Beziehungen zwischen China und dem Nahen Osten umfasst. Denn die Regierung in Peking müsse fortlaufend Washingtons Vorwürfe kontern, China sei eine destabilisierende Kraft. Die jetzige Situation "ermöglicht es ihr, nicht nur der Welt, sondern auch dem eigenen Volk zu zeigen, dass China tatsächlich gut dasteht. China macht Fortschritte und China ist eine stabilisierende Kraft", sagte er.

Die chinesischen Polit-Eliten betrachten dabei die Welt durch das Prisma einer existenziellen Rivalität, ergänzt Bachulska. "Alle globalen Entwicklungen … werden durch die Frage gefiltert, wie China sie nutzen kann, um das Narrativ zu stärken, dass die USA eine neo‑imperiale Macht und ein diskreditiertes Handlungszentrum sind" sagte sie.

Letztlich präsentiert Peking stolz seine eigene geopolitische Lösung für das weltweite Chaos, das es selbst gerne hervorhebt. Der animierte Kurzfilm "Katze und Adler" endet folglich mit chinesischer Kampfkunstweisheit: "Das wahre Wesen der Kampfkunst liegt nicht im Einsatz von Waffen, sondern darin, Gewalt zu stoppen."

Und: Findige Händler schaffen es, die Handelsblockaden des weißen Adlers zu umgehen. Damit enthält das Video auch eine subtile und strategische angelegte Werbung für Chinas Belt‑and‑Road‑Initiative - als ultimativen Weg, der wirtschaftlichen Hegemonie der USA zu entkommen.

Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand

Author De Zheng
Item URL https://www.dw.com/de/wie-chinas-propaganda-die-usa-im-iran-krieg-darstellt/a-76636931?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Screenshot aus dem KI-generierten CCTV-Video "The Feuds of Luijin Valley". Ein Adler im Kampf - Anspielung auf die USA im Iran-Krieg
Image source CCTV China
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Item 11
Id 76594446
Date 2026-04-01
Title US-Zölle: Ein Jahr nach dem "Liberation Day"
Short title US-Zölle: Ein Jahr nach dem "Liberation Day"
Teaser Ein Jahr nach Trumps Zollhammer am "Tag der Befreiung" haben sich die globalen Handelsströme verändert. Handelsdaten zeigen, welche Länder profitierten, wer Verluste erlitt - und wer die Kosten trägt.
Short teaser Handelsdaten zeigen, welche Länder profitierten, wer Verluste erlitt - und wer die Kosten trägt.
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Vor einem Jahr, genauer am 2. April 2025, schockte Donald Trump die Welt mit der Ankündigung, die "wirtschaftliche Unabhängigkeit" der USA herzustellen und dazu weitreichende Zölle gegen alle Länder der Welt zu verhängen. Der Oberste Gerichtshof der USA hat diesen beispiellosen Schritt zwar mittlerweile für ungültig erklärt, doch der US-Präsident scheint entschlossen, ihn sogar noch zu verschärfen.

Die DW analysierte Handelsdaten zur Herkunft von US-Importen des vergangenen Jahres, um herauszufinden: Was haben Trumps Zölle bewirkt? Wie passt sich der Rest der Welt dieser neuen Wirtschaftsordnung an? Und: Wer profitiert davon?

Der "Befreiungstag"

Mit den "Befreiungstagszöllen" hatte US-Präsident Donald J. Trump angekündigt, dass alle Länder einem Basiszoll von zehn Prozent auf alle in die USA exportierten Waren unterliegen würden. Zusätzlich würden 85 Länder, die mehr in die USA exportieren als importieren, mit höheren Zöllen von bis zu 50 Prozent belegt. Ausnahmen sollten nur für Länder gelten, die von Sanktionen betroffen sind oder mit denen ein Handelsabkommen besteht.

"Ich glaube nicht, dass irgendjemand erwartet hat, dass die US-Regierung im Grunde einen Handelskrieg gegen die ganze Welt erklären würde", sagt Haishi Li, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Hongkong, dessen Forschungsschwerpunkt die Auswirkungen von Zöllen und Sanktionen auf den Welthandel ist.

Unmittelbar nach der Verkündung des Trump-Planes brach Chaos aus, die globalen Aktienmärkte brachen ein. Während Trump behauptete, dass "Großunternehmen sich keine Sorgen um die Zölle" machen würden, kündigte er am 9. April eine 90-tägige Aussetzung aller Zölle über dem Basissatz von zehn Prozent an. In diesen drei Monaten verhandelten viele Handelspartner wie die Europäische Union, Vietnam und Großbritannien eilig Handelsabkommen in der Hoffnung, so die angekündigten Zollsätze senken zu können.

Die Verhandlungen mit China blieben in den folgenden Monaten turbulent, wobei sich die Zolldrohungen in mehreren Runden auf bis zu 125 Prozent beliefen. Nach mehreren kurzfristigen Verlängerungen der 90-tägigen Aussetzung der Zölle traten die länderspezifischen Zollsätze schließlich am 7. August 2025 in Kraft.

US-Importeure hatten Vorräte angelegt

Schon vor April war klar gewesen, dass Änderungen bevorstanden. "Zölle werden uns steinreich machen", hatte Trump zu Beginn seiner zweiten Amtszeit im Januar 2025 verkündet.

US-Unternehmen verstanden die Botschaft: Sie beeilten sich, ihre Lager zu füllen, bevor die Kosten stiegen, und erhöhten ihre Bestellungen drastisch. Zwischen Januar und März importierten sie rund 20 Prozent mehr als im Durchschnitt der Jahre 2022 bis 2024 - ein Plus von etwa 184 Milliarden US-Dollar.

In Erwartung höherer Zölle auf Goldbarren importierten die USA beispielsweise Anfang 2025 das 50-fache ihres üblichen Volumens, insgesamt rund 72 Milliarden US-Dollar - hauptsächlich aus der Schweiz, aber auch von einer Vielzahl neuer oder ungewöhnlicher Lieferanten, darunter Usbekistan, den Philippinen und Simbabwe. Auch große Hersteller in Asien verzeichneten deutliche Zuwächse, wobei Taiwan, Vietnam und Indien allesamt mehr Exporte in die USA als üblich meldeten.

Lieferketten verlagert

Die am 9. April in Kraft getretene Aussetzung der Zölle gab US-Importeuren drei Monate Zeit, sich an die neue Situation anzupassen. Eine Studie von Haishi Li und Kollegen ergab, dass Unternehmen überwiegend versuchten, ihre Lieferketten in Länder mit niedrigeren Zollsätzen zu verlagern. "Die Importe glichen Wasser, das von Ländern mit hohen Zöllen in Länder mit niedrigen Zöllen floss", so Li.

Aus keinem anderen Land verlagerten sich die US-Importe so stark wie aus China, das mit Abstand den höchsten und volatilsten Zolldrohungen ausgesetzt war. Die USA importierten zwischen April und Juli 2025 Waren im Wert von 66 Milliarden US-Dollar weniger aus China als im gleichen Zeitraum der Vorjahre.

Kanada, von Zöllen in Höhe von 25 Prozent bedroht, verzeichnete ebenfalls einen deutlichen Rückgang seiner Exporte in die USA um 24 Milliarden US-Dollar. Das Land scheint diesen Rückgang jedoch durch Anpassung seines Handels mit anderen Ländern erfolgreich kompensiert zu haben: Kanadas Gesamtexporte lagen 2025 nur 1,6 Milliarden US-Dollar unter dem Wert von 2024.

"Die Länder, die am meisten von der Zolldrohung profitierten, waren die sogenannten Zehn-Prozent-Länder wie Australien und die lateinamerikanischen Länder", sagt Li. Doch auch einige Länder mit hohen Zöllen verzeichneten einen massiven Importanstieg von US-Unternehmen: Vietnam, Thailand und Taiwan waren mit einigen der höchsten Gegenzölle - 46, 36 beziehungsweise 34 Prozent - konfrontiert, dennoch verzeichneten die USA allein zwischen April und Juli zusätzliche Importe im Wert von 34 Milliarden US-Dollar aus Taiwan.

"US-Importeure importierten tendenziell aus Ländern, die potenzielle Alternativen zu China darstellten", erklärt Li. Viele Hersteller in Taiwan und Vietnam unterhielten bereits enge Beziehungen zu US-Unternehmen, die während Trumps Handelsstreit mit China in seiner ersten Amtszeit noch verstärkt wurden. Dieser Streit verlagerte Produktion und Lieferketten in diese und andere asiatische Volkswirtschaften.

US-Bürger tragen die Hauptlasten

Bislang haben die Zölle die Produktion nicht in die USA zurückgebracht, sagt Alex Durante, leitender Ökonom des US-Thinktanks Tax Foundation, der die Auswirkungen der Zölle im Inland untersucht hat. "Das vergangene Jahr war ziemlich schlecht für das verarbeitende Gewerbe und die Beschäftigung", stellt er im DW-Gespräch fest.

"Tatsächlich wachsen vor allem Branchen, die aufgrund von Ausnahmen relativ gut vor den Zöllen geschützt sind, wie beispielsweise Computer und KI-bezogene Produkte." Und obwohl US-Importeure ihre Bezugsquellen verlagerten, normalisierte sich der Gesamtwert der Importe kurz nach der Ankündigung des "Befreiungstages" am 2. April wieder.

Eine Kennzahl, die stark gestiegen ist, sind die US-Zolleinnahmen. Im Jahr 2025 nahm das US-Finanzministerium 287 Milliarden Dollar an Zöllen und damit verbundenen Steuern ein - etwa das Dreifache des Betrags der Vorjahre. Erste Daten deuten darauf hin, dass 2026 dieser Betrag sogar noch übertroffen werden könnte.

Diese Einnahmen machten 2025 rund fünf Prozent aller in den USA erhobenen Steuern aus. Jüngste Studien zeigen, dass die höheren Zölle fast vollständig von US-Importeuren und nicht von ausländischen Exporteuren getragen wurden.

Infolgedessen haben die US-Verbraucher die Hauptlast der Belastung getragen. "Wir schätzen, dass die Zölle jeden US-Haushalt im Jahr 2025 effektiv rund 1000 US-Dollar gekostet haben", sagt Durante. "Dies ist der kumulative Effekt, da Unternehmen gezwungen waren, Preise zu erhöhen, Investitionen zu kürzen, Stellen abzubauen oder Löhne zu senken, um sich an die Zölle anzupassen."

Unsicherheit plagt den Handel

International waren die Monate seit August 2025 geprägt von hastig ausgehandelten - und schnell wieder gescheiterten - Handelsabkommen sowie neuen Zolldrohungen gegen einzelne Länder oder Produktgruppen. Der Welthandel, so der Ökonom Li, sei deutlich unsicherer geworden: "Wenn man Wissenschaftler, US-Politiker oder irgendjemanden fragt, was dieses Jahr passieren wird - ich glaube, niemand weiß es."

Der jüngste Schock für die US-Zollpolitik kam im Februar durch das Urteil des Obersten Gerichtshofs, das die Rechtsgrundlage für Trumps ursprüngliche "Liberation Day"-Zölle aufhob. Mit einem neuen pauschalen Zollsatz von 15 Prozent und der scheinbar entschlossenen US-Regierung, weitere Wege für höhere Zölle zu finden, tappen Exporteure und Importeure gleichermaßen im Dunkeln, was die kommenden Monate bringen werden.

Um sich dieser Unsicherheit anzupassen, könnten Regierungen laut Li Unternehmen dabei unterstützen, neue Märkte außerhalb der USA zu erschließen. "Wenn sie ihre Lieferketten diversifizieren können, werden sie widerstandsfähiger, was ein Hoffnungsschimmer sein könnte."

Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert.

Author Kira Schacht
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Image caption Vor dem Inkrafttreten der Zölle deckten sich die US-Importeure zusätzlich mit Waren ein
Image source Charly Triballeau/AFP
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Item 12
Id 76625012
Date 2026-04-01
Title Ungarn in der Ukraine: Zwischen den Fronten
Short title Ungarn in der Ukraine: Zwischen den Fronten
Teaser Im Westen der Ukraine leben rund 80.000 ethnische Ungarn. Viele fühlen sich wegen Viktor Orbans antiukrainischer Kampagne und im Konflikt zwischen beiden Ländern zerrissen. Welche Zukunft hat die Minderheit?
Short teaser Die Ungarn der Ukraine fühlen sich im Konflikt zwischen Budapest und Kyjiw zerrissen. Welche Zukunft hat die Minderheit?
Full text

Auf den ersten Blick wirkt das Dorf an diesem strahlend sonnigen Frühlingstag ganz normal. Gepflegte Anwesen säumen die Hauptstraße. Bei näherem Hinschauen jedoch scheinen viele verlassen. Es sind nur wenige Menschen unterwegs, vor allem kaum Männer in berufstätigem Alter. Von einem regen Dorfleben ist nichts zu spüren.

Welyka Dobron, ein Ort im äußersten Westen der Ukraine, zehn Kilometer von der ungarischen Grenze entfernt. Hier leben rund 90 Prozent ethnische Ungarn, der ungarische Name des Dorfes lautet Nagydobrony.

In einer Seitenstraße steht Sandor Rati, 63 Jahre alt, vor einem Lebensmittelladen und unterhält sich mit einem Nachbarn. Tiefe Furchen durchziehen seine Stirn. Rati besitzt eine Tischlerei und arbeitet dort allein. "Die Stimmung hier ist ziemlich traurig", sagt er. Viele Dorfbewohner seien seit Langem im Ausland. Er selbst finde schon lange keine Handwerker mehr, die bei ihm arbeiten könnten.

Vor einigen Wochen, erzählt er, sei sein einziger Sohn, 38, auf dessen Hilfe er wegen Gesundheitsproblemen angewiesen sei, zur Armee eingezogen worden. Er absolviere dort gerade ein Training. "Hoffentlich kann er irgendwo hier in der Nähe dienen und muss nicht an die Front", sagt Rati.

Auf die antiukrainische Wahlkampagne des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban und auf die Spannungen zwischen Ungarn und der Ukraine angesprochen, wiegt Rati besorgt den Kopf. Orban habe viel für die hiesigen Ungarn getan, findet er. "Aber dass sie jetzt dort so zündeln, wird für uns Ungarn, die wir hier leben müssen, nicht gut ausgehen, denn hier werden sie wütend sein auf uns, weil wir Ungarn sind."

Keine Spuren von Unterdrückung

Die multiethnische Region Transkarpatien im Westen der Ukraine: Seit gut einem Jahrzehnt gerät sie durch die nationalistische, prorussische und antiukrainische Politik des ungarischen Premiers Orban immer mehr in die Schlagzeilen. Angeblich, so heißt es seit Jahren aus Budapest, würden die hiesigen Ungarn durch den ukrainischen Staat ihrer Minderheitenrechte beraubt. Angeblich würden ukrainische Nationalisten regelmäßig Anschläge auf ungarische Einrichtungen verüben. Angeblich würden ethnische Ungarn derzeit in viel größerem Maße rekrutiert und an die Kriegsfront geschickt als Ukrainer.

Besonders in diesen Wochen, während der ungarischen Kampagne für die Parlamentswahl am 12. April, überschwemmt Orbans Propagandaapparat soziale Netzwerke mit derartigen Behauptungen. Die Realität vor Ort sieht anders aus. Kaum jemand unter den Ungarn erhebt Klagen wegen mangelnder Minderheitenrechte. Nach Spuren von Aktionen ukrainischer Nationalisten gegen die ungarische Minderheit sucht man vergebens. Anders als mancherorts in Rumänien oder Serbien sieht man hier nicht einmal übersprühte zweisprachige Orts- oder Straßennamen-Schilder.

Groß ist hingegen die Furcht vieler ethnischer Ungarn in der Region, sich in der derzeitigen angespannten Situation öffentlich zu äußern. Auch in Welyka Dobron. Die meisten Leute auf der Straße sagen, dass sie lieber nicht zwischen die Fronten geraten wollen und dass Journalisten ohnehin alles verzerren würden.

Aussagen über die Ukraine "verletzend"

Hingegen ist der Bürgermeister Ferenc Nagy ohne Voranmeldung zu einem Gespräch bereit. Er empfängt in seinem kleinen Büro im Rathaus. Im Zimmer stehen in einer Ecke eine ukrainische und eine ungarische Fahne. An einer Wand hängen Dutzende Dankesschreiben der ukrainischen Streitkräfte und ukrainischer Institutionen für Hilfsaktionen und Spenden.

Nagy, 51, ist ein freundlicher Mann. Er spricht mit leiser Stimme. Zu Viktor Orbans Politik möchte er sich nicht äußern. Er sagt nur, dass Aussagen über die Ukraine als "Mafia-Staat" verletzend seien, auch persönlich. "Ich bin kein Krimineller. Ich kenne hier auch keine Kriminellen." Zur Art und Weise des Wahlkampfes in Ungarn selbst sagt er: In einer Wahlkampagne sollte man Ergebnisse vorzeigen und nicht andere beschmutzen."

Eine Benachteiligung der ungarischen Minderheit in der Ukraine kann der Bürgermeister nicht erkennen. Er wünscht sich aber, dass an Minderheiten-Schulen das Fach Ukrainisch mit besseren Methoden gelehrt werde, mehr auf die Bedürfnisse von nicht-ukrainischsprachigen Kindern zugeschnitten.

"Hier sind unsere Wurzeln"

Wenn er von der Stimmung im Dorf erzählt, spürt man, wie bedrückt Nagy ist. Früher sei es dem Dorf gut gegangen, man habe prima von der Landwirtschaft gelebt, sagt er. Seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine im Jahr 2014 sei alles Stück für Stück bergab gegangen, besonders seit Februar 2022, als Russland zur vollständigen Invasion der Ukraine überging. "Hier lebten einmal mehr als 6000 Menschen. Jetzt sind es noch 2000. Meistens sind zuerst die Männer ins Ausland gezogen, später gingen die Ehefrauen und Kinder hinterher." Nagy seufzt. Das Wichtigste wäre, sagt er, dass der Krieg zu Ende ginge.

Er erzählt von seinem Sohn, der schon seit Jahren in Ungarn lebe und arbeite. Er wünscht sich, dass sein Sohn wieder "nach Hause" kommt, zur Familie. "Wir sind doch hier geboren", sagt der Bürgermeister halb verzweifelt, halb entschlossen. "Hier sind unsere Wurzeln und die Gräber unserer Eltern."

Bald nur noch Folklore?

Bei der letzten Volkszählung in der Ukraine im Jahr 2001 lebten in Transkarpatien noch mehr als 150.000 Ungarn. Ihr Anteil betrug zwölf Prozent an der Bevölkerung des Gebiets. Heute sind es nach optimistischen Schätzungen noch 80.000.

"Vielleicht sind wir irgendwann nur noch eine folkloristische Sehenswürdigkeit", sagt Laszlo Zubanics lakonisch. Er ist Historiker und Vorsitzender des Demokratischen Verbands der Ungarn in der Ukraine (UMDSZ). Zwar habe der ukrainische Staat das Bildungsgesetz für Minderheiten 2023 verbessert, sagt der Politiker. Aber wegen des Kriegs und der Flucht vieler Ungarn aus der Region sei der demographische Niedergang der Minderheit nur schwer aufzuhalten.

Der UMDSZ ist eine der beiden politischen Parteien der Ungarn in Transkarpatien und vertritt eine von der Orban-Regierung unabhängige, proeuropäische Politik, die auf einen Dialog mit der ukrainischen politischen Elite setzt. Die andere Partei, der Ungarische Kulturverein in Transkarpatien (KMKSZ), ist eng an die Orban-Regierung angebunden und national-konservativ orientiert. Eine Anfrage der DW für ein Gespräch lehnten KMKSZ-Vertreter ab.

Hauptsache Frieden

Der KMKSZ war lange die stärkere Partei. Wegen des Krieges und der fast sechs Jahre zurückliegenden letzten Lokalwahlen ist schwer zu beurteilen, in welchem Maße die beiden Interessengruppen derzeit die politischen Präferenzen der Ungarn in Transkarpatien abbilden. In Gesprächen auf der Straße trifft man sowohl auf Orban-Anhänger als auch auf Orban-Gegner. Die meisten jedoch scheinen sich aus der Politik möglichst heraushalten zu wollen. Zugleich ist, ebenso wie von Ukrainern, auch von den Ungarn kein Wunsch öfter zu hören als der nach Frieden.

Der Politologe Witalij Djatschuk vom Institut für Mitteleuropäische Strategien (ICES) in Uschhorod sagt: "Unsere Umfragen zeigen, dass sich die meisten ethnischen Ungarn in zweifacher Hinsicht als Patrioten fühlen, als Ungarn und als Bürger der Ukraine." Er glaubt, dass der ukrainische Staat und die ukrainische Öffentlichkeit mehr unternehmen müssten, damit Minderheiten wie die Ungarn nicht zur "Dekoration" würden. "Es gibt zum Beispiel viele Ungarn, die in den Streitkräften kämpfen. Solche Sachen müssen hervorgehoben werden. Nicht nur die Augenblicke, wenn die Minderheit ihre Folklore-Feste feiert."

Ungarisches Vorzeige-Gymnasium

Emese Zseltvay-Vezsdel kämpft auf ihre Weise dafür, dass die Ungarn in Transkarpatien nicht zur "Dekoration" werden. Sie leitet das Lajos-Kossuth-Gymnasium in der Kleinstadt Berehowe (Beregszasz), benannt nach dem ungarischen Freiheitskämpfer und politischen Führer der antihabsburgischen Revolution von 1848. Das Gymnasium ist die Vorzeige- und Elite-Schule der ungarischen Minderheit in Transkarpatien, es hat eine mehr als 120-jährige Geschichte.

Zseltvay-Vezsdel arbeitet hier seit fast 25 Jahren als Bio- und Chemie-Lehrerin, seit 2018 ist sie Direktorin des Gymnasiums. Der Unterricht findet überwiegend in Ungarisch statt, aber einige Fächer wie ukrainische Literatur und Geschichte werden auf Ukrainisch gelehrt. Zseltvay-Vezsdel führt durch das neobarocke Gebäude und in einige Klassen. Schülerinnen sagen für die Besucher Gedichte auf und singen. Die meisten Schülerinnen und Schüler sind Ungarn, aber es gibt auch ukrainische Jugendliche, die auf das Gymnasium gehen - wegen des guten Rufs der Schule und weil sie Wert daraufl egen, Ungarisch zu lernen.

Auch Selenskyj war zu Besuch

Stolz berichtet die Direktorin, dass manche ihrer Schützlinge sogar gesamtukrainische Wettbewerbe gewonnen hätten. "Ich bin sehr streng", sagt sie selbstbewusst. "Ich erwarte maximale Leistungen, aber ich unterstütze die Schülerinnen und Schüler auch maximal."

Am Ende des Besuchs zeigt sie das Lehrerzimmer. Ein großer, hoher Raum voller Bücher, der etwas Altehrwürdiges ausstrahlt. An den Wänden hängen Porträts vom ungarischen Nationalhelden Lajos Kossuth und vom ukrainischen Nationaldichter Taras Schewtschenko. Emese Zseltvay-Vezsdel ist stolz darauf, dass der ukrainische Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj im Sommer 2023 hier zu Besuch war und in diesem Raum stand. Schewtschenko habe er natürlich erkannt, berichtet sie lachend. Wer Kossuth sei, habe sie ihm erklärt.

Sie weist auf die beiden Porträts und sagt mit Überzeugung: "Wir lieben unsere ungarische Muttersprache und wollen sie bewahren. Und wir wollen auch, dass unsere Jugendlichen gut Ukrainisch sprechen, denn die Ukraine ist unsere Heimat. Diese Schule ist das Beispiel, dass beides wunderbar zusammen geht - Ungarisch und Ukrainisch."

Author Anna Pshemyska, Keno Verseck ((beide Transkarpatien))
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Image caption Ein zweisprachiges Straßenschild in Transkarpatien mit der Aufschrift "Gute Fahrt" auf Ungarisch und Ukrainisch
Image source Keno Verseck/DW
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Item 13
Id 76618020
Date 2026-04-01
Title Konflikt mit Afghanistan: Errichtet Pakistan eine Pufferzone?
Short title Afghanistan-Konflikt: Errichtet Pakistan eine Pufferzone?
Teaser Der Konflikt an der sogenannten "Durand-Linie", der afghanisch-pakistanischen Grenze, eskaliert. Berichte über eine Sicherheitszone und zivile Opfer sorgen für neue Spannungen. Haben Aufrufe zur Waffenruhe eine Wirkung?
Short teaser Berichte über eine Sicherheitszone an der sogenannten "Durand-Linie" und zivile Opfer sorgen für neue Spannungen.
Full text

Während Pakistan international als möglicher Vermittler im Krieg zwischen den USA, Israel und Iran auftritt, eskaliert an seiner Westgrenze die Gewalt. Islamabad bombardiert zunehmend Grenzregionen in Afghanistan und sieht sich Vorwürfen ausgesetzt, entlang der gemeinsamen Grenze faktisch Einflussräume zu schaffen.

Zeitgleich trat am 31. März eine "Pakistan-Afghanistan Friedens-Dschirga" im pakistanischen Peshawar zusammen - nahe der Grenze zu Afghanistan. Die Versammlung fordert in einer Resolution eine sofortige Waffenruhe und drängt dazu, die Auseinandersetzung im Dialog beizulegen.

Gefechte in Paktia, Kunar und Nuristan verschärfen Lage

Ob diese Resolution mehr ist als ein politisches Signal, bleibt offen. Hintergrund für diesen Konflikt ist der Vorwurf Pakistans, die Taliban in Kabul unterstützten die Gruppe Tehreek-e Taliban Pakistan (TTP), die für eine Reihe von blutigen Anschlägen in Pakistan verantwortlich gemacht wird. Die Taliban-Führung in Afghanistan bestreitet eine Unterstützung.

Pakistan reagierte militärisch. Erste Gefechte gab es im Herbst 2025. Auch die afghanische Hauptstadt Kabul wurde zum Ziel. Friedensverhandlungen, die das Golfemirat Katar und die Türkei vermittelt hatten, führten nicht zu einer nachhaltigen Lösung des Konflikts.

Aus den östlichen Provinzen Afghanistans an der Grenze zu Pakistan, darunter Paktia, Kunar und Nuristan, werden seit Wochen Artilleriebeschuss, Drohneneinsätze und blockierte Verkehrswege gemeldet. Auch Kabul wurde erneut bombardiert. Am Montag (30.03.) sollen Angaben der Taliban zufolge in der Provinz Kunar ein Zivilist getötet und 17 weitere verletzt worden sein, darunter Frauen und Kinder.

Zivilbevölkerung leidet

Es ist die Zivilbevölkerung, die zunehmend unter dem Krieg leidet. In der Provinz Nuristan, in den abgelegenen Distrikten Kamdesh und Barg-e-Matal, berichten Bewohner seit Tagen von Engpässen bei Lebensmitteln, Treibstoff und Medikamenten. Aufgrund von Beschuss seien sie von der Außenwelt abgeschnitten.

Der ehemalige Gouverneur der Provinz Nuristan, Jamaluddin Badr, sagte der DW, die Situation der Zivilbevölkerung sei dramatisch und höchst besorgniserregend. Die Region sei "kein Stützpunkt der TTP", deshalb gebe es keinen Anlass, diese ins Visier zu nehmen. "Sollte sich dieser Zustand fortsetzen und die Bombardierungen nicht abnehmen, wird das langfristige Konsequenzen haben." Gerade diese Distrikte seien vulnerabel und falls es zu einer Besetzung durch Militäreinheiten kommen solle, würde damit gleichzeitig der Weg in den Norden Afghanistans offenstehen, so Badr.

Umstrittene "Durand-Linie"

Die militärischen Aktivitäten konzentrieren sich auf die schwer zugänglichen Grenzgebiete entlang der sogenannten "Durand-Linie". Der Name geht auf den Außenminister der indischen Verwaltung des britischen Empire, Henry Mortimer Durand, zurück. Diese Grenze wurde 1893 formell in Einvernehmen, aber auf Druck der britischen Kolonialmacht gezogen, um Afghanistan von der Kronkolonie Indien abzugrenzen. Sie führt mitten durch paschtu-sprachiges Siedlungsgebiet. In Afghanistan ist diese Grenzziehung heute umstritten, da sie mit den Briten, jedoch nicht mit dem 1947 gegründeten Pakistan abschlossen wurde. Faktisch bildet sie aber die internationale Grenze zwischen den beiden Ländern.

Wie die aktuelle Lage im Grenzgebiet tatsächlich aussieht, ist derzeit unklar. Es sei sehr schwierig an verlässliche Informationen zu kommen, sagt der afghanische Journalist Sami Yousafzai im Gespräch mit der DW. "Ich kann nicht bestätigen, dass ein Teil Afghanistans an Pakistan gefallen ist." In den pakistanischen Medien gebe es jedoch Berichte über die Errichtung einer Pufferzone entlang der Durand-Linie, sagte Yousafzai im DW-Interview. Der pakistanische Experte Tahir Khan verweist zudem darauf, dass soziale Medien Teil eines propagandistischen Schlagabtauschs zwischen beiden Seiten seien.

Berichte über 32-Kilometer-breite Sicherheitszone

So ist bei einigen pakistanischen Medien von einer bis zu 32 Kilometer tiefen Sicherheitszone auf afghanischem Gebiet die Rede. Diese Maßnahme werde als notwendig dargestellt, um grenzüberschreitende Angriffe der TTP zu verhindern. Offizielle Stellen in Islamabad haben eine formelle territoriale Ausweitung bislang nicht bestätigt.

Die Taliban weisen entsprechende Darstellungen zurück. Ihre Kräfte seien weiterhin unter anderem in Kamdesh und Barg-e-Matal stationiert und verteidigten "jeden Zentimeter" afghanischen Territoriums. Berichte über eine Übernahme von Distrikten durch pakistanische Einheiten seien unbegründet.

Der pakistanische Experte Tahir Khan sagte der DW, Pakistan betrachte die Grenze zu Afghanistan als internationale Grenze. "Jeder Versuch, die Kontrolle über afghanisches Gebiet zu übernehmen, würde als Verstoß gegen internationales Recht gelten", so Khan.

Der pakistanische Sicherheitsexperte Ali K. Chishti bestätigte gegenüber der DW dagegen die Errichtung einer Pufferzone. Es gehe Pakistan jedoch nicht um territoriale Expansion: "Es handelt sich ausschließlich um eine vorübergehende Maßnahme, bis eine Lösung angestrebt und eine Art gemeinsamer Mechanismus vereinbart wird", so Chishti.

Ob es sich bei den aktuellen Entwicklungen um eine zeitlich begrenzte Sicherheitsmaßnahme oder um eine faktische Kontrolle einzelner Grenzräume handelt, lässt sich derzeit nicht unabhängig überprüfen.

Luftangriff in Kabul: Möglicherweise Kriegsverbrechen?

Der Konflikt wirft aber auch rechtliche Fragen auf. Offiziell behauptet Pakistan lediglich Stützpunkte der TTP zu bombardieren. Aber Menschenrechtsorganisationen sehen das anders.

So bezeichnete Human Rights Watch den pakistanischen Luftangriff auf das Omid-Drogenrehabilitationszentrum in Kabul am 16. März als "rechtswidrigen Angriff" und mögliches Kriegsverbrechen. Internationalen Angaben zufolge wurden dabei mindestens 143 Menschen getötet, die meisten von ihnen Patienten. Islamabad sprach hingegen von "präzisen Luftschlägen" gegen militärische Infrastruktur und weist die Vorwürfe zurück.

Dschirga in Peschawar: Aufruf zum Dialog

Zugleich trat am 31. März eine "Pakistan-Afghanistan Friedens-Dschirga" im pakistanischen Peshawar zusammen - nahe der Grenze zu Afghanistan. In Dschirgas kommen traditionell Führungspersönlichkeiten in den paschtunischen Stammesgebieten zusammen, um Konflikte zu bearbeiten. In Peshawar fordert die Versammlung in einer Resolution eine sofortige Waffenruhe und drängte dazu, die Auseinandersetzung im Dialog zu lösen. Die Taliban-Führung in Kabul hat grundsätzlich Gesprächsbereitschaft signalisiert.

Der pakistanische Diplomat Asif Durrani sagte der DW: "Pakistan hat den afghanischen Taliban klargemacht, dass sie sich zwischen Pakistan und der TTP entscheiden müssen. Solange das Taliban-Regime keine konkreten Maßnahmen ergreift, dürfte die derzeitige Politik, gegen die TTP vorzugehen, fortgesetzt werden."

Ob sich die Taliban-Führung sicherheitspolitisch stärker an Pakistan annähert oder auf Distanz geht, bleibt also offen. Es bleibt auch offen, ob die aktuelle Eskalation in eine politische Verständigung mündet oder eine neue Phase andauernder Grenzinstabilität einleitet.

Mitarbeit: Shakila Ebrahimkhel in Bonn und Haroon Janjua, DW-Reporter in Islamabad

Author Waslat Hasrat-Nazimi
Item URL https://www.dw.com/de/konflikt-mit-afghanistan-errichtet-pakistan-eine-pufferzone/a-76618020?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Zerstörungen nach pakistanischem Luftangriff auf ein Rehabilitätszentrum für Drogenabhängige in Kabul am 17. März 2026
Image source Wakil Kohsar/AFP
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Item 14
Id 76604431
Date 2026-04-01
Title Serbiens Autoindustrie: Attraktiver Standort mit EU-Hürden
Teaser Deutsche Automobilzulieferer produzieren in Serbien effizient und kostengünstig. Doch die fehlende EU-Mitgliedschaft wird zunehmend zum Problem für Logistik, freien Handel und den Absatzmarkt.
Full text

Deutsche Unternehmen wie ZF investieren massiv in Serbien, profitieren von niedrigen Lohnkosten, schnellen Genehmigungen und gut ausgebildeten Fachkräften. Trotz modernster Produktionstechnik leidet jedoch auch Serbien unter der global schwachen Nachfrage der Automobilindustrie, während das Land wirtschaftlich eng mit Deutschland verflochten bleibt.

Gleichzeitig erschweren politische Spannungen und die fehlende EU-Mitgliedschaft Serbiens den Handel – besonders für Transportunternehmen, deren Fahrer wegen Schengen-Beschränkungen zunehmend Probleme bekommen. Während die Regierung zwischen EU und östlichen Partnern balanciert, bleibt die serbische Bevölkerung in der Frage eines EU-Beitritts tief gespalten.

Diese Videozusammenfassung wurde mithilfe künstlicher Intelligenz aus dem Originalskript der DW erstellt. Vor der Veröffentlichung wurde sie von einem Journalisten bearbeitet.

Author Miodrag Soric
Item URL https://www.dw.com/de/serbiens-autoindustrie-attraktiver-standort-mit-eu-hürden/video-76604431?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76604718_607.jpg
Image source Miodrag Soric/DW
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Item 15
Id 76607793
Date 2026-03-31
Title UNIFIL - Das tragische Ende der Blauhelme im Libanon
Short title Eskalation im Libanon: UNIFIL-Blauhelme unter Beschuss
Teaser Nach dem Tod indonesischer UNIFIL-Soldaten im Südlibanon steht die Friedensmission vor dem Aus. Die Blauhelme geraten zwischen die Fronten von Israel und der Hisbollah. Droht nun das Ende des UN-Einsatzes?
Short teaser Nach dem Tod von UN-Soldaten im Libanon wächst der Druck auf die UNIFIL-Mission und Israel massiv.
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Vergangenen Sonntag (29.03.2026) explodierte ein Geschoss in der Nähe einer UNIFIL-Stellung im Südlibanon. Ein indonesischer Blauhelmsoldat wurde getötet, ein weiterer lebensgefährlich verletzt. Nur einen Tag später wurden zwei weitere indonesische UN-Soldaten getötet, als ihr Fahrzeug in der Nähe des Ortes Bani Hajjan durch eine Explosion unbekannter Ursache zerstört wurde.

Indonesiens Außenminister Sugiono verurteilte die "abscheulichen" Angriffe, ein Sprecher des indonesischen Verteidigungsministeriums mahnte die "Einhaltung des Völkerrechts" an und erklärte, die Sicherheit der Friedenstruppen müsse "oberste Priorität" besitzen. Auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres verurteilte die Vorfälle scharf. Gemeinsam mit Frankreich beantragte Indonesien aufgrund der jüngsten Vorfälle eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates.

Die drei Indonesier waren die ersten Todesopfer der UNIFIL-Mission seit dem Wiederaufflammen der Kämpfe zwischen israelischer Armee und libanesischer Hisbollah. Jedoch waren bereits zuvor bei zwei weiteren Zwischenfällen sieben UNIFIL-Soldaten durch israelischen Raketenbeschuss verletzt worden.

Anfang März hatte die libanesische Hisbollah, die unter anderem von den USA, Deutschland und anderen europäischen Staaten als Terrororganisation eingestuft wird, Israel mit zahlreichen Drohnen und Raketen beschossen. Dies war eine Reaktion auf den nur wenige Tage zuvor begonnenen gemeinsamen Angriff Israels und der USA gegen den Iran, der als größter Unterstützer der Hisbollah gilt.

Die israelische Armee reagierte unmittelbar mit schweren Luftschlägen auf Hisbollah-Stellungen im gesamten Libanon, seit dem 16. März auch mit einer neuen, umfassenden Bodenoperation im Süden des Landes.

Misslungene Entwaffnung der Hisbollah

Israel hatte die UN-Truppen bereits zuvor mehrfach aufgefordert, sich aus dem unmittelbaren Grenzgebiet zurückzuziehen, da die Hisbollah für ihre Angriffe auf Israel auch Stellungen in der Nähe von UN-Stützpunkten nutze.

Ein erklärtes Ziel der israelischen Armee ist die Schaffung einer dauerhaften Hisbollah-freien Sicherheitszone im Südlibanon, die sich von der israelischen Grenze bis zum knapp 30 Kilometer entfernten Litani-Fluss erstrecken soll.

Tatsächlich ist die Schaffung und Überwachung einer solchen Pufferzone auch einer der Hauptaufträge der aktuellen UNIFIL-Mission. Diese besteht zwar grundsätzlich bereits seit 1978, wurde jedoch im Jahr 2006 im Zuge des dritten Libanon-Krieges umfassend erweitert.

In diesem Jahr erließen die Vereinten Nationen die UN-Resolution 1701, die vorsieht, dass sich die Hisbollah vollständig hinter den Litani-Fluss zurückziehen muss. Die UNIFIL-Mission sollte dies in Zusammenarbeit mit der regulären libanesischen Armee sicherstellen; dafür wurde sie von 2000 auf 15.000 Soldaten vergrößert und durch eine Marine-Mission ergänzt, an der auch die deutsche Bundeswehr beteiligt ist.

Dieses Ziel - die faktische Entwaffnung militanter Gruppen im Südlibanon - hat die UN-Mission jedoch nie erreicht. Trotz der verstärkten UN-Präsenz ist es der Hisbollah gelungen, ein massives Waffenarsenal aufzubauen und eigene Stellungen auch in direkter Grenznähe zu Israel zu errichten.

Ernüchternde Bilanz nach knapp 50 Jahren

Auch bei den anderen Zielen der Missionfällt die Bilanz nach knapp 50 Jahren UN-Präsenz eher ernüchternd aus. So dient die Mission eigentlich seit Jahrzehnten als einziger direkter Kommunikationskanal zwischen dem israelischen und dem regulären libanesischen Militär, um Missverständnisse zu klären und unbeabsichtigte Eskalationen zu verhindern.

Die UNIFIL soll in diesem Rahmen auch den regulären Streitkräften des Libanon helfen, die staatliche Autorität im Süden des Landes zu festigen. Der maritime Teil der Mission sollte die Seegrenzen des Libanon überwachen und den Waffenschmuggel unterbinden; und UNIFIL-Patrouillen sollen eigentlich dafür sorgen, die Zivilbevölkerung in der Region zu schützen.

Doch trotz aller Anstrengungen hat sich die libanesische Armee gegen die Hisbollah nie durchsetzen können, immer wieder kam es in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zu Gefechten zwischen Hisbollah und israelischer Armee.

Zudem verfügen die UN-Blauhelme nur über ein eingeschränktes Mandat. Sie dürfen zum Beispiel keine libanesischen Privatgrundstücke durchforsten, keine eigenständigen Schiffskontrollen vor der Küste durchführen und müssen verdächtige Objekte der libanesischen Armee melden. Nur in deren Beisein dürfen Durchsuchungen durchgeführt werden.

Dieses Prozedere hat die Wirksamkeit bei der Unterbindung des Waffenschmuggels in der Vergangenheit massiv eingeschränkt. Und angesichts von mehr als 1200 getöteten und hunderttausenden geflohenen Libanesen alleine im März ist auch der Schutz der Zivilbevölkerung nur äußerst unzureichend gelungen.

Nach massiver Kritik: Aus für UNIFIL

Trotz der kaum zu übersehenden Probleme hielten die Vereinten Nationen und die libanesische Regierung bislang an der UNIFIL-Mission fest. Für die Regierung in Beirut waren die Blauhelme bislang ein wichtiger Partner, um der Hisbollah überhaupt etwas entgegensetzen zu können.

UN-Generalsekretär Guterres sieht in der UNIFIL einen wichtigen Stabilisierungsfaktor in der Region, ohne den die Lage im Südlibanon noch schneller außer Kontrolle geraten würde. Die truppenstellenden Länder, zu denen neben Indonesien unter anderem auch Frankreich, Italien und Spanien gehören, verurteilten den Beschuss der UN-Truppen scharf. Sie fordern, dass Israel bei seiner Offensive internationale Verpflichtungen respektiert und die Sicherheit des UN-Personals garantiert.

Demgegenüber übten insbesondere Israel und die USA immer wieder scharfe Kritik an der UNIFIL-Mission: Die Blauhelme seien zu teuer, zu schwach und zu ineffizient bei der Bekämpfung der Hisbollah. Die Miliz nutze die UN-Stellungen sogar als "Schutzschilde", um aus deren Nähe Raketenangriffe gegen Israel zu starten.

Die US-Regierung bezeichnete die Mission als "vollständigen Fehlschlag". Sie kürzte ihre Beitragszahlungen für UNIFIL um einen zweistelligen Millionenbetrag und drängte auf eine signifikante Reduzierung der Truppenstärke. Der massive Druck aus Washington war letztlich ausschlaggebend dafür, dass die UN-Mission nicht nochmals verlängert wurde und daher Ende 2026 auslaufen wird.

Ab 2027 soll daher die libanesische Armee allein für eine dauerhafte Entwaffnung der Hisbollah und für Sicherheit im Südlibanon sorgen. Internationale Experten bezweifeln jedoch, dass diese dazu in der Lage sein wird.

Daher plant die Europäische Union, ab dem kommenden Jahr eine eigene Mission zu starten, um die libanesischen Streitkräfte weiter zu stärken. Jedoch soll es dabei nur um Beratung, Training und Ausbildung gehen. Eine Entsendung eigener Truppen im Sinne einer Nachfolge von UNIFIL ist ausdrücklich nicht geplant.

Author Thomas Latschan
Item URL https://www.dw.com/de/unifil-das-tragische-ende-der-blauhelme-im-libanon/a-76607793?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76588068_607.jpg
Image caption Ein indonesischer UNIFIL-Soldat schaut auf die Grenze zu Israel: Drei seiner Landsleute wurden in den vergangenen Tagen bei Kämpfen zwischen der israelischen Armee und der libanesischen Hisbollah getötet
Image source Mahmoud Zayyat/AFP
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Item 16
Id 76614159
Date 2026-03-31
Title EU empört über Ausweitung der Todesstrafe in Israel
Short title EU empört über Ausweitung der Todesstrafe in Israel
Teaser Harsche Kritik: EU und Europarat weisen auf den "diskriminierenden Charakter" des Gesetzes hin und warnen vor der Aushöhlung demokratischer Grundsätze. Wird Brüssel Sanktionen gegen israelische Minister verhängen?
Short teaser EU und Europarat kritisieren den "diskriminierenden Charakter" des Gesetzes. Wird Brüssel Sanktionen verhängen?
Full text

"Tiefe Besorgnis", "diskriminierend", "zivilisatorischer Rückschritt": So kommentierenEU-Mitgliedsstaaten, Europarat und auch Australien die gerade beschlossene Ausweitung der Todesstrafe in Israel. Der spanische Ministerpräsident Pedro Sanchez erkennt darin gar einen "weiteren Schritt hin zur Apartheid in Israel" und mahnt, dass die Welt nicht schweigen dürfe.

Gesetz gilt faktisch nur für Palästinenser

Das Gesetz beruht auf einer Initiative von Israels rechtsradikalem Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir. Es sieht unter anderem vor, dass gegen Palästinenser, die von israelischen Militärgerichten wegen tödlicher Anschläge verurteilt werden, die Todesstrafe verhängt wird. Es gilt faktisch nur für Palästinenser, nicht für israelische Staatsbürger.

Das Gesetz beinhaltet Bestimmungen, wonach die Hinrichtung durch Erhängen innerhalb von 90 Tagen nach der Urteilsverkündung erfolgen muss. Ein Recht auf Begnadigung besteht nicht. 62 der 120 Abgeordneten des israelischen Parlaments stimmten letztlich für den Entwurf.

Todesstrafe gegen Adolf Eichmann

Bereits vor der Gesetzesänderung kannte das israelische Recht die Todesstrafe. Sie ist bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder gegen das jüdische Volk sowie unter bestimmten Umständen im Rahmen des Kriegsrechts zulässig.

Für gewöhnliche Straftaten und in Friedenszeiten wurde sie jedoch 1954 abgeschafft. Bisher wurde sie auch nur ein einziges Mal angewendet: 1962 wurde der Holocaust-Organisator Adolf Eichmann wegen "Verbrechen gegen das jüdische Volk" hingerichtet.

Europarat bedauert "schweren Rückschritt"

Alain Berset, Generalsekretär des Europarates - der europäischen Institution zur Sicherung der Menschenrechte - bedauerte die Entscheidung der Knesset und bezeichnete sie als "schweren Rückschritt." Die Todesstrafe sei unvereinbar mit heutigen Menschenrechtsstandards.

Alle 46 Mitglieder des Europarates haben die Todesstrafe abgeschafft. Der Europarat setzt sich zudem für die Abschaffung des Todesstrafe weltweit ein.

Sollte das Gesetz in Kraft treten, wäre dies "eine weitere Distanzierung Israels von dem Werterahmen (…), mit dem es sich historisch identifiziert", so Berset. Israel sei Vertrags- und Kooperationspartner einiger Europarats-Übereinkommen. Die weiteren Entwicklungen wolle man genau beobachten.

Nach Angaben des Europarates hat Israel seit 1957 einen Beobachterstatus in deren parlamentarischer Versammlung. Dieser sei durch die jüngste Abstimmung "ernsthaft gefährdet", schreibt deren Vorsitzende Petra Bayr auf der Onlineplattform X. Bayr erwartet, dass das Thema in einer Sitzung Ende April diskutiert wird.

Israels Minister für nationale Sicherheit hingegen bejubelte das Abstimmungsergebnis. Ben-Gvir bezeichnete die Vorlage als das "wichtigste Gesetz der vergangenen Jahrzehnte". In einem Post auf Xerklärte er, dass "dieses Gesetz einem strengen gerichtlichen Verfahren unterliegt, das hohe Anforderungen an die Beweisführung, eine umfassende rechtliche Vertretung sowie das Recht auf Berufung vor den höchsten Gerichten umfasst".

Opposition und Menschenrechtsgruppen in Israel haben bereits angekündigt, eine Klage vor dem Obersten Gerichtshof einzureichen. Der demokratische Knessetabgeordnete Rabbi Gilad Kariv erklärte in einem Post auf Facebook: "Wir werden gegen dieses unmoralische Gesetz, das unseren jüdischen und demokratischen Werten komplett widerspricht, vor Gericht ziehen."

Verhängt die EU Sanktionen gegen Israel?

Die EU engagiere sich auf diplomatischer Ebene, hieß es am Dienstag aus Brüssel. Mit Blick auf mögliche konkrete Maßnahmen gelte immer noch das, was EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im September angekündigt habe, so ein Kommissionssprecher.

Damals stellte sie ein Maßnahmenpaket vor, das unter anderem Sanktionen gegen "extremistische" Minister und "gewalttätige Siedler" enthielt, sowie den Vorschlag, das Assoziierungsabkommen zwischen der EU und Israel im Bereich Handel auszusetzen.

Um Sanktionen zu verhängen, braucht es allerdings die Zustimmung aller EU-Mitgliedstaaten - daran scheiterte das Vorhaben bislang. Ob der europäische Grundkonsens über die Ablehnung der Todesstrafe daran etwas ändert, wird sich spätestens in knapp drei Wochen zeigen, wenn sich die Außenminister zu ihrem nächsten Treffen in Brüssel einfinden.

Author Lucia Schulten (mit Agenturen)
Item URL https://www.dw.com/de/eu-empört-über-ausweitung-der-todesstrafe-in-israel/a-76614159?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76609658_607.jpg
Image caption Israels Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir (Mitte), feiert die Verabschiedung des Todesstrafen-Gesetzes am 30. März in der Knesset
Image source Itay Cohen/AP Photo/picture alliance
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Item 17
Id 76599120
Date 2026-03-31
Title Ukraine-Krieg: Bilder aus der Hölle von Butscha
Short title Ukraine-Krieg: Neue Einblicke in die Gräuel von Butscha
Teaser Vier Jahre nach dem Massaker von Butscha zeigt die DW, wie Anwohner unter Lebensgefahr russische Kriegsverbrechen dokumentierten. Ein Protokoll des Mutes und der mühsamen Aufarbeitung in der Ukraine.
Short teaser Dokumente des Grauens: Die DW sprach in Butscha mit Menschen, die das Massaker auf Bild und Ton festgehalten haben.
Full text

Hinweis der Redaktion: Dieser Beitrag enthält explizite Schilderungen von Gewalt.

Butscha, ein Vorort Kyjiws, vier Jahre nach dem Massaker: Die Menschen erzählen unter Tränen von der "Hölle auf Erden", durch die sie während der rund einmonatigen russischen Besatzung gehen mussten.

Diese "Hölle auf Erden" wurde von Wassyl Moltschan, Anwohner und Amateurfotograf, dokumentiert. Er filmte die russische Besatzung mit seinem Handy und einer Videokamera.

Moltschan zeigt der DW-Reporterin sein Foto- und Videoarchiv. Das weckt die Erinnerungen an die grausamen Szenen, die die DW-Reporterin Anfang April 2022 selber erleben musste, als sie Butscha drei Tage nach der Befreiung der Stadt durch die ukrainische Armee besuchte.

Getötet und verbrannt

Im April 2022 herrscht entlang der Woksalna-Straße ein Bild des Grauen. An den Ästen verkohlter Bäume hängen Kleiderfetzen und offenbar auch einzelne menschliche Gliedmaßen. Fast alle Häuser sind zerstört. Zerfallenes russisches Militärgerät liegt am Straßenrand. Im Keller eines Kinderlagers werden die Leichen von sieben gefolterten Männern geborgen. Sicherheitskräfte packen sie in schwarze Säcke.

Nicht weit davon entfernt untersuchen Gerichtsmediziner in der Nähe eines Privathauses ein erloschenes Lagerfeuer. Sie finden Überreste von einer Frau, einem Mann und einem Kind. Ihren Angaben zufolge wurden diese von russischen Soldaten getötet und anschließend verbrannt.

Einige Bewohner stehen am Straßenrand. In ihren Gesichtern spiegelt sich Furcht und Angst, aber auch Freude und Erleichterung. Alle - Frauen wie Männer - weinen.

Fotos und Videos aus der Woksalna-Straße

Die Invasion in Butscha beginnt am 27. Februar. Gegen 8 Uhr morgens marschieren russische Fallschirmjäger die Straße entlang, gefolgt von einer Kolonne militärischen Geräts. Man hört die Geräusche von Kampfhandlungen.

Anderthalb Stunden später zieht sich die Kolonne zurück und hält in der Nähe von Moltschans Haus. Moltschans Aufnahmen zeigen einen russischen Soldaten, der lange und aufmerksam in den Monitor blickt und einem Scharfschützen einen Befehl gibt. Die Kugel fliegt direkt in die Kamera, die Moltschan auf einem Fensterbrett im ersten Stock seines Hauses installiert hatte.

"Ich saß nicht daneben, die Kamera habe ich vom Keller aus per Handy gesteuert. Keine Ahnung, wie sie sie bemerkt haben. Vielleicht haben sie unsere Gespräche abgehört oder irgendwelche Detektoren installiert", erzählt Moltschan der DW.

Er berichtet auch, wie die "Erde von den Explosionen bebte" und dieses "furchtbare Beben" ziemlich lange angedauert habe. Als er aus dem Keller gekommen sei, habe er seine Straße nicht wiedererkannt. "Alles brannte und war zerstört. Es war ein Wunder, dass wir nicht umgekommen sind", sagt er.

"Junge Menschen in den Tod schicken"

Die russische Kolonne, die Kyjiw "in drei Tagen" einnehmen sollte, wie die russische Propaganda angekündigt hatte, wurde von Bayraktar-Drohnen vernichtet. Moltschan zeigt Aufnahmen ihrer Überreste.

In dem von ihm aufgenommenen Video sieht man, wie er mit seinem Handy an der verbrannten Ausrüstung vorbeigeht. Er bleibt neben einem Schützenpanzer stehen. Auf dessen Dach liegt ein toter Fallschirmjäger.

Moltschan klettert in den Schützenpanzer und sieht darin die Leichen von zwei weiteren Soldaten. Auf der Brust von einem liegt ein russischer Pass.

Moltschan öffnet ihn und filmt: Aleksandr K., Jahrgang 2002, aus der Region Swerdlowsk. "Die Welt ist offenbar verrückt geworden. Ich weiß nicht, auf wen sie in Russland hören, dass sie so junge Menschen in den Tod schicken," sagt er.

Das Filmmaterial zeigt auch Dokumente von einem der Kommandeure sowie eine vollständige Liste der Soldaten mit Adressen und Telefonnummern ihrer Angehörigen und Angaben zu ihrer Ausbildung. Die Kommandeure sind Hochschulabsolventen.

Die Soldaten haben höchstens einen Berufsschulabschluss, und ein Späher hat lediglich neun Schuljahre absolviert. Es sind Männer im Alter von 20 bis 37 Jahren aus den russischen Regionen Pskow, Twer, Brjansk und Leningrad. "Sie dachten, sie würden als Helden kommen und Gutes bringen. Doch sie brachten den Tod und starben selbst", so Moltschan.

Vier Jahre später gibt er zu, dass er sich damals nicht im Klaren darüber war, wie sehr er sein eigenes Leben und das seiner Familie riskiert hatte, als er in Butscha filmte und das Material an Freunde in Kyjiw verschickte.

Mutige Einwohner von Butscha

Auch andere Einwohner von Butscha hätten die Gräueltaten dokumentiert und Militär und Polizei berichtet, was in der Stadt passiert, erinnert sich im DW-Gespräch Kostjantyn Schwedtschykow, Leiter der Staatsanwaltschaft des Bezirks Butscha.

"Die Menschen riskierten ihr Leben und dokumentierten die Verbrechen mit ihren Handys so gut wie möglich. Der Heldenmut von Einwohnern von Butscha bestand darin, dass sie keine Angst hatten", so Schwedtschykow.

Während der Besatzung von Butscha starben laut offiziellen Angaben 458 Menschen. Gleichzeitig gehen lokale Aktivisten und Kirchenvertreter von etwa 560 zivilen Todesopfern in diesem Zeitraum aus.

"Viele Menschen lagen einfach auf der Straße", erinnert sich der Priester der Andreaskirche, Andrij Galawin, im DW-Gespräch. "Viele wurden zum Leichenhaus gebracht, das allerdings wegen des Stromausfalls nicht zugänglich war. Man konnte auch nicht zu den Friedhöfen gelangen."

Alle fürchteten um ihr Leben

Galawin zeigt Beweise für Massenmorde an Zivilisten - ein Video, das am 10. März 2022 in der Nähe seiner Kirche während einer Beisetzung von Toten aufgenommen wurde. Die städtischen Arbeiter und der Chefarzt des örtlichen Krankenhauses, die Zivilisten in einem Massengrab bestatteten und dies dokumentierten, wussten, dass auch sie jeden Moment getötet werden konnten.

"Diejenigen, die fliehen konnten, veröffentlichten dieses Video erst am Tag darauf. Die russische Propaganda behauptete damals, wie sie es gerne tut, dass es ein inszeniertes Ereignis gewesen sei", so der Priester.

Wer beging die Hauptverbrechen?

Die Identifizierung der getöteten Zivilisten und ihrer Mörder, so der Staatsanwalt Konstantin Schwedtschykow, habe unmittelbar nach der Befreiung der Stadt begonnen. Ermittler aus verschiedenen Regionen waren in Butscha im Einsatz. Sie sammelten Zeugenaussagen von Zivilisten und werteten Aufnahmen aller Überwachungskameras in der Stadt aus.

Die russischen Soldaten bewegten sich unmaskiert in Butscha, sie berichteten offen in sozialen Netzwerken von ihren "Heldentaten" und rechneten nicht damit, dass all dies aufgezeichnet werden würde. Einige Soldaten wurden mithilfe eines Gesichtserkennungsprogramms identifiziert, sagt Schwedtschykow und fügt hinzu: "Wir haben mit ihnen korrespondiert, und sie bestätigten und prahlten sogar damit, auf friedliche Zivilisten geschossen zu haben."

Schwedtschykow zufolge werden Taten von über 1000 russischen Soldaten untersucht. "Die Hauptverbrechen in Butscha wurden von Fallschirmjägern der Pskower Division und der russischen Nationalgarde begangen. Es gibt etwa 120 Verfahren speziell zu den Verbrechen in Butscha. 20 Besatzer wurden verurteilt, einige zu lebenslanger Haft, andere zu 15, 13, 12 oder zehn Jahren", so der Staatsanwalt.

Seine Behörde spricht von einem Akt der Aggression Russlands gegen das ukrainische Volk und der Schaffung unmenschlicher Bedingungen für die Menschen während der Besatzung. Der Staatsanwalt betont, dass es im März 2022 in der Stadt weder Strom, Heizung, Gas noch Kommunikationsverbindungen gab. Die Menschen hatten nichts zu essen und keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. "Viele konnten die Keller nicht verlassen, es war bitterkalt. Menschen starben an Unterkühlung und Hunger. Das haben Gerichtsmediziner bestätigt", unterstreicht der Staatsanwalt.

Evakuierung und Wiederkehr

Wie schnell das übliche Leben in Butscha verschwand, wird in den Videos und Fotos von Wassyl Moltschan deutlich. Er filmte in der Woksalna-Straße Flüchtlinge, die zu den Evakuierungsstellen liefen. In den ersten Videos sieht man Menschen, die sich schnell mit Gepäck und in normaler Winterkleidung bewegen - dann Menschen ohne Taschen in schmutziger Kleidung.

In einem von Moltschans Videos ist eine Frau in einer kurzen Jacke zu sehen, um ihre Hüften ist eine Art große Decke gebunden, an deren Ende sich ein kleines Kind festhält. Es trägt eine Jacke, einen bodenlangen Rock einer Erwachsenen und viel zu große Stiefel. Moltschan ließ sich schließlich selbst evakuieren. Mitte März 2022 sah er auf Google Maps eine Markierung an der Adresse seines Hauses. "Wir dachten damals, dass das Haus zu einem potenziellen Ziel geworden war. Außerdem war ein zivilisiertes Leben in Butscha nicht mehr möglich", erinnert er sich.

Im Juli 2022 kehrte er nach Hause zurück und dokumentierte die Veränderungen in der Woksalna-Straße weiter, die wieder aufgebaut werden sollte. Vier Jahre später steht er neben seinem Haus und sagt der DW-Reporterin, er sei sehr glücklich, dass die Straße "wie neu aussieht, dass sein Haus und die Häuser seiner Nachbarn wiederhergestellt wurden". Aber er gibt zu bedenken: "Für mich persönlich werden Reparaturen und Wiederaufbau die Spuren des Krieges niemals auslöschen können. Es ist wie ein Blutfleck - fürs ganze Leben ein Abdruck dessen, was hier geschehen ist."

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

Author Aleksandra Indyukhova
Item URL https://www.dw.com/de/ukraine-krieg-bilder-aus-der-hölle-von-butscha/a-76599120?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76599451_607.jpg
Image caption Zerstörungen in Butscha während der russischen Invasion, Ende Februar 2022
Image source Wasyl Molchan
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/76599451_607.jpg&title=Ukraine-Krieg%3A%20Bilder%20aus%20der%20H%C3%B6lle%20von%20Butscha

Item 18
Id 76493916
Date 2026-03-31
Title Weltweiter Solarboom: Ausbau noch schneller als gedacht
Short title Solarboom weltweit: Photovoltaik-Ausbau bricht Rekorde
Teaser Der weltweite Solarboom übertrifft alle Prognosen. Als günstigste Energiequelle treibt Photovoltaik in China, Europa und Afrika die Energiewende voran und revolutioniert auch das Heizen und die Elektromobilität.
Short teaser Günstige Photovoltaik beschleunigt den globalen Solar-Ausbau sowie die Wende bei Mobilität und Wärme.
Full text

Die Photovoltaik wächst seit über 20 Jahren stärker als jede andere Energieform. Früher war Solarstrom extrem teuer und wurde wenig genutzt.

Heute erzeugen Solarmodule in vielen Regionen der Welt den günstigsten Strom.

  • 2015 waren weltweit 228 Gigawatt (GW) installiert - rund ein Prozen des globalen Stroms.
  • 2020 sind es schon 759 GW - rund drei Prozent des weltweiten Strombedarfs.
  • 2025 laut Prognosen 2919 GW - sie decken etwa zehn Prozent des globalen Stroms. Damit erstmals mehr als Atomkraft (neun Prozent).

Und die Solarkraft wächst exponentiell weiter. Wenn die Entwicklung so weitergeht, könnten 2030 schon 9000 GW installiert sein - genug für über 20 Prozent des weltweiten Strombedarfs.

Solarboom in China

China hat weltweit die größte Solarkapazität. Laut der chinesischen Energiebehörde wurden 2025 Solarmodule mit einer Leistung von 315 GW neu installiert. Die gesamte Solarleistung Ende des Jahres lag bei rund 1300 GW.

Nach Angaben der Datenplattform LowCarbon Powerstammen mittlerweile elf Prozent des chinesischen Stroms aus Solarenergie. Gleichzeitig sank der Anteil der besonders klimaschädlichen Kohle innerhalb von zehn Jahren von 70 auf 56 Prozent. China produziert auch über 80 Prozent aller Solarmodule weltweit.

Die EU baut weiter aus

Die Europäische Union liegt mit nach Schätzungen rund 406 GW auf Platz zwei beim Solarausbau. 13 Prozent des EU-weiten Strombedarfs werden mit Solarkraft gedeckt. Kohlestrom macht nur noch neun Prozent aus. Im Jahr 2015 waren es noch 25 Prozent.

Besonders hohe Solaranteile erreichen Griechenland, Zypern, Spanien und Ungarn mit jeweils mehr als 20 Prozent im Strommix. Auch Deutschland erzeugt mit 119 GW Solaranlagen schon 18 Prozent seines Stroms mit Photovoltaik. Danach folgt Spanien mit 56 GW installierten Anlagen.

US-Solarkraft auf Platz drei weltweit

Auch wenn die derzeitige Regierung von Donald Trump den Ausbau von Erneuerbaren verzögert, stehen die USA mit 267 GW weltweit an dritter Stelle beim Solarausbau. Das reicht, um rund acht Prozent des US-Strombedarfs zu decken. Im Jahr 2015 war es nur ein Prozent. Gleichzeitig halbierte sich der Anteil der Kohlekraft von 34 Prozent im Jahr 2015 auf nur noch 17 Prozent im Jahr 2025 .

Auch in Indien, Brasilien und Pakistan wächst Photovoltaik

Indien belegt Platz vier im globalen Solarranking. Mit 136 GW erzeugt es etwa acht Prozent des Stroms für seine über 1,4 Milliarden Einwohner aus Sonnenkraft.

Auf Platz fünf folgt Japan mit einer Leistung von 103 GW aus Photovoltaik (PV), das damit elf Prozent seines Strombedarfs deckt.

Auch Brasilien baut Solarkraft stark aus. Mit 65 GW Photovoltaik werden dort rund zehn Prozent des nationalen Stroms erzeugt. Zusammen mit Wasserkraft, Windkraft und Biomasse liegt der Anteil der Erneuerbaren im brasilianischen Strommix bereits bei 88 Prozent.

Wie schnell solare Stromerzeugung wachsen kann, zeigen Südafrika und Pakistan besonders deutlich. Im Jahr 2015 stammte dort jeweils weniger als ein Prozent des Stroms aus Photovoltaik. 2025 deckte Südafrika mit 10 GW bereits zehn Prozent seines Strombedarfs durch Solarenergie. Pakistan erzeugt mit über 40 GW rund 20 Prozent seines Stroms aus PV.

Solarkraft macht Strom deutlich günstiger

Die Sonne strahlt in einer Stunde mehr Energie auf die Erde ab, als die Menschheit in einem ganzen Jahr verbraucht. Mit Solarmodulen auf weniger als ein Prozent der globalen Landfläche könnte der weltweite Energiebedarf vollständig gedeckt werden.

Durch höhere Effizienz der Module und Massenproduktion sind die Preise für Solaranlagen in den letzten Jahren um rund 90 Prozent gesunken.

Große Solarparks in sehr sonnigen ländlichen Gebieten produzieren bereits Strom für rund einen Eurocent pro Kilowattstunde. In Deutschland liegt dieser Wert bei etwa vier bis fünf Cent. Solardächer oder Balkonmodule können in sonnreichen Regionen schon für etwa zwei Cent pro Kilowattstunde erzeugen, in weniger sonnigen Ländern meist unter neun Cent pro Kilowattstunde.

Strom vom eigenen Dach ist oft deutlich günstiger als Strom aus dem Netz und kostet in Europa meist weniger als die Hälfte des üblichen Strompreises. Das Speichern in Batterien kostet zusätzlich etwa zwei bis drei Cent pro Kilowattstunde. In einigen Ländern wird der Ausbau privater Anlagen gefördert.

Bloomberg New Energy Finance erwartet, dass die Kosten der Solarstromerzeugung bis 2035 weltweit um weitere 30 Prozent zurückgehen.

Im Vergleich dazu ist Strom aus neuen Atomkraftwerken sehr viel teurer. Laut dem Fraunhofer-Institut ISE liegt dieser zwischen 14 und 49 Eurocent pro Kilowattstunde. Die Kosten für die Endlagerung des radioaktiven Abfalls sind dabei noch nicht eingerechnet.

Die Stromerzeugung mit Kohle kostet zwischen 15 und 29 Cent, mit Erdgas sind es zwischen 15 und 33 Cent pro Kilowattstunde. Werden die Klimafolgekosten eingerechnet, sind es bei Kohle mindestens 84 Cent und bei Gas mehr als 49 Cent pro Kilowattstunde.

Solarstrom verändert auch Verkehr und Heizung

Im Jahr 2024 wurden weltweit neue Kraftwerke mit einer Leistung von insgesamt 632 GW ans Netz angeschlossen. 72 Prozent (597 GW) davon entfielen auf Solarkraft. Danach folgten Windkraft mit 18 Prozent, Gas mit vier Prozent, Kohle mit drei Prozent, Wasserkraft mit zwei Prozent und Atomkraft mit einem Prozent.

Solarstrom verändert auch die Mobilität und das Heizen. Elektroautos sind deutlich billiger im Betrieb, wenn sie mit Solarstrom vom eigenen Dach geladen werden. In Deutschland spart das 80 Prozent im Vergleich zu Diesel oder Benzin.

Auch Heizen mit einer Wärmepumpe oder mit einer Klimaanlage ist meist günstiger als mit Öl oder Gas. In der EU spart man dabei etwa 30 Prozent. Wird der Strom zusätzlich mit eigenen Solarmodulen erzeugt, sinken die Kosten weiter.

Wie schnell wächst die Solarkraft?

Viele frühere Prognosen haben das Wachstum der Photovoltaik stark unterschätzt. Der World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur sagte im Jahr 2020 voraus, dass der weltweite PV-Zubau im Jahr 2024 bei etwa 120 GW liegen werde. Tatsächlich wurden aber 597 GW installiert.

Energieexperten gehen heute davon aus, dass Photovoltaik die wichtigste Energiequelle der Welt wird. Wissenschaftler der Technischen Universität Lappeenranta haben berechnet, dass künftig bis zu 76 Prozent des Stroms aus Solarkraft stammen könnte.

Die größten Herausforderungen für PV

Experten gehen davon aus, dass sich der globale Strombedarf bis 2050 mehr als verdoppeln wird. Dafür braucht es den Ausbau der Stromnetze, die gleichzeitig auch viel Solarstrom aufnehmen müssen, inklusive Zwischenspeicher für die Nacht.

In Deutschland sind derzeit 37.000 Kilometer Hochspannungsleitungen im Einsatz. Künftig sollen über 13.000 Kilometer Höchstspannungsnetze verstärkt oder neu gebaut werden. Außerdem weden weltweit deutlich mehr Speicher gebraucht. Zusätzlich können die Batterien von E-Autos als Zwischenspeicher die Stromnetze ergänzen.

Und auch eine schnelle Digitalisierung ist essentiell, um die Stromnutzung künftig optimal mit der Erzeugung abzustimmen. So können dann E-Fahrzeuge geladen werden, wenn besonders viel günstiger Sonnenstrom im Netz ist.

Redaktion: Anke Rasper & Tamsin Walker

In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass es in Deutschland 37.000 Kilometer Stromleitungen gibt. Tatsächlich sind es 37.000 Kilometer Hochspannungsleitungen. Dies wurde korrigiert. Die Redaktion bittet den Fehler zu entschuldigen.

Author Gero Rueter
Item URL https://www.dw.com/de/weltweiter-solarboom-ausbau-noch-schneller-als-gedacht/a-76493916?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Immer mehr Solarenergie wird mit effizienten Modulen überall auf der Welt erzeugt- auf dem Meer, in der Wüste oder auf Dächern.
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Item 19
Id 76609872
Date 2026-03-31
Title Iran-Krieg: Energie- und Lieferketten-Schock bremsen globales Wachstum
Short title Energie- und Lieferketten-Schock bremsen globales Wachstum
Teaser Höhere Energiepreise, gestörte Lieferketten, wachsende Unsicherheit. Überall in der Welt sind die Folgen des Iran-Krieges zu spüren. Was aber bedeuten sie für die Weltwirtschaft und Deutschlands Wachstum?
Short teaser Teure Energie, wachsende Risiken: Wie wirkt sich der Iran-Krieg auf die Weltwirtschaft und Deutschlands Wachstum aus?
Full text

Auch wenn der Konflikt an den von David gegen Goliath erinnert, der Iran hat es in nur wenigen Wochen geschafft, die Weltwirtschaft aus dem Tritt zu bringen. Die Folgen lassen sich grob zusammenfassen: höhere Preise und weniger Wachstum.

Die ganze Weltwirtschaft sei inzwischen betroffen, heißt es in einem Blog des Internationalen Währungsfonds (IWF). Allerdings würden nicht alle gleichermaßen leiden. So sei, wer Energie importiert mehr betroffen als Energieexporteure, arme Länder stärker als reiche und wer nur geringe oder keine Reserven hat, spüre die Folgen stärker als diejenigen, die große Reserven haben.

Weniger Energie - teure Produktion

Eine wesentliche Ursache ist die Störung der weltweiten Energieversorgung. Der Iran-Krieg habe die die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarktes verursacht, heißt es von der Internationalen Energieagentur (IEA). Auch das weltweite Angebot an Flüssigerdgas (LNG) sei um rund 20 Prozent zurückgegangen.

"Die Auswirkungen der faktischen Schließung der Straße von Hormus trifft die Länder Asiens besonders stark, weil bis zu 90 Prozent der Öl- und Gasimporte vom Golf stammen", heißt es von Germany Trade & Invest (GTAI), der Außenwirtschaftsagentur des Bundes. Vor allem in Süd- und Südostasien zeigen sich die Folgen laut GTAI bereits spürbar anhand steigender Energiepreise und Versorgungsengpässen.

In vielen Ländern greifen die Regierungen daher mit Maßnahmen wie der Freigabe von Reserven und Subventionen ins Wirtschaftsgeschehen ein.

Der größte Rohstoffimporteur China ist weniger abhängig vom Nahen Osten. Da die Volksrepublik über Pipelines mit Russland verbunden ist und große Reserven habe, sei sie weniger auf Tankerlieferungen angewiesen, so die GTAI.

Störung der Lieferketten trifft Halbleiterindustrie

Viele Lieferketten seien durch den Krieg beeinträchtigt, heißt es vom IWF. Tanker und Containerschiffe müssten umgeleitet werden und der Flugverkehr über die wichtigen Drehkreuze am Golf sei gestört. Das erhöhe Fracht- und Versicherungskosten und verlängere Lieferzeiten.

Das trifft die Asien-Pazifik Region, deren Lieferketten eng mit dem Nahen Osten verknüpft waren. Beispielsweise bei Grundstoffen für Dünger, die Kunststoffproduktion oder bei Gasen für die wichtige Halbleiterindustrie.

Trifft es die energieintensive Halbleiterindustrie Asiens, bekommen das am Ende auch die Industrieländer zu spüren. Für Elektronikgeräte, Autos, Flugzeuge und auch KI werden Chips und Halbleiter aus Taiwan, China und Südkorea gebraucht. "Rund 90 Prozent der modernen Chips werden in Taiwan produziert", sagte Tanjeff Schadt von PwC gegenüber tagesschau.de. Ohne Gaslieferungen aus Katar, muss Taiwan möglicherweise bald Energie rationieren.

Zudem wird für die Chipherstellung Helium gebraucht. Große Teile des Weltangebots wurden bisher in Katar produziert.

Für die Herstellung von Smartphones sind die Produktionsstraßen in Indien, China oder Vietnam nötig.

Lieferketten und Nahrungsmittelproduktion gestört

Die gestörten Lieferketten treffen auch Güter des täglichen Bedarfs und kritische Produktionsmittel. So gelangen unter anderem nicht mehr genügend Düngemittel auf den Weltmarkt, weil der Handel mit Harnstoff, Ammoniak sowie Phosphat durch die Straße von Hormus verläuft, die nun blockiert ist.

Zudem wird die Hälfte des weltweiten Schwefels durch die Straße von Hormus transportiert. Schwefel wird ebenfalls gebraucht, um Düngemittel herzustellen, aber auch für die Produktion von Chemikalien oder die Raffinierung kritischer Mineralien.

Mineraliendünger habe sich auf den Weltmärkten seit Jahresbeginn um rund 30 bis 40 Prozent verteuert, sagt Philipp Spinne, der Geschäftsführer des Deutschen Raiffeisenverbands (DRV). Direkte Auswirkungen auf Europa sind gering. "Europa bezieht seit Jahren kaum Düngemittel aus der Konfliktregion", heißt es beim Industrieverband Agrar, sondern produziert Dünger selbst. Da für die Produktion aber Gas benötigt wird, könnten auch in Europa die Preise steigen, wenn der Krieg lange dauert. Das würde auch die Lebensmittelpreise erhöhen.

In einkommensschwachen Ländern machen Nahrungsmittel im Durchschnitt etwa 36 Prozent des Konsums aus, in Schwellenländern 20 Prozent und in Industrieländern neun Prozent. Damit geben in vielen Ländern in Afrika, Teilen des Nahen Ostens und Mittelamerika Menschen einen großen Teil ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Sie werden von höheren Lebensmittelpreise entsprechend stärker getroffen.

Aber auch in Europa würde ein weiterer energiebedingter Preisanstieg die bestehenden Belastungen durch die Lebenshaltungskosten noch verschärfen, so der IWF.

OECD rechnet erst 2027 mit Wachstumseinbruch

Trotz dieser Folgen glaubt die OECD, dass das globale BIP-Wachstum 2026 weitgehend stabil bei 2,9 Prozent bleiben und 2027 auf drei Prozent ansteigen wird. Das Wachstum werde getrieben von technologiebezogenen Investitionen und schrittweise sinkenden effektiven Zollsätzen. Der Iran-Krieg bremse jedoch die Wirtschaft und sorge für erhebliche Unsicherheit hinsichtlich der globalen Nachfrage. Voraussetzung für diese Prognose waren die Annahmen, dass die derzeitigen Störungen auf dem Energiemarkt vorübergehend sind und sich die Preise ab Mitte 2026 wieder normalisieren.

Die G20-Inflation wird 2026 voraussichtlich vier Prozent betragen und damit um 1,2 Prozentpunkte höher liegen als bisher erwartet, heißt es von der OECD. Für 2027 wird ein Rückgang auf 2,7 Prozent erwartet, da der Energiepreisdruck voraussichtlich nachlassen wird.

Für die USA wird mit einem BIP-Wachstum in diesem Jahr von zwei Prozent gerechnet und 2027 von 1,7 Prozent. Im Euroraum wird ein Wachstum von 0,8 Prozent in 2026 und 1,2 Prozent im Jahr 2027 erwartet. Chinas Wachstum soll sich auf 4,4 Prozent im Jahr 2026 und 4,3 Prozent im Jahr 2027 verlangsamen.

Die Golfstaaten rutschen im ersten Halbjahr einer Prognose zufolge wegen des Iran-Kriegs in eine Rezession. Die britische Denkfabrik Oxford Economics erwartet ein Wachstum von minus 0,2 Prozent für die Länder des Golf-Kooperationsrates (Saudi-Arabien, Oman, Katar, Bahrain, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate), eine Revision der Wachstumserwartungen um 4,6 Prozentpunkte im Vergleich zum Zeitpunkt vor dem Krieg.

Deutschlands Wirtschaft schwächelt

Für die eigene Wirtschaft sind die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute weniger optimistisch und haben ihre Konjunkturprognosen deutlich korrigiert. In ihrer Gemeinschaftsdiagnose für die Bundesregierung erwarten sie für das laufende Jahr nur noch ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 0,6 Prozent. In der Herbstprognose wurde noch ein mehr als doppelt so starkes Plus erwartet. Für 2027 senkten die Ökonomen ihre Vorhersage ⁠ebenfalls ⁠deutlich, und zwar von 1,4 auf 0,9 Prozent.

Wegen der höheren Energiepreise wird die Inflation steigen, glauben die Institute. Sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr dürften die Verbraucherpreise um 2,8 Prozent zulegen. Bereits im März kletterte die deutsche Inflationsrate auf 2,7 Prozent. Das ist der höchste Wert seit Anfang 2024. Die Bundesbank warnte kürzlich, die Inflationsrate dürfte "in nächster Zeit deutlich in Richtung drei Prozent ansteigen".

Ifo-Umfrage: Neun von zehn Firmen rechnen mit zusätzlichen Belastungen

Diese Entwicklung spiegelt auch eine Umfrage des Münchner Ifo-Instituts. "Viele Firmen stellen sich auf zusätzliche Belastungen in den kommenden Monaten ein," heißt es. Neun von zehn Industriebetrieben in Deutschland erwarten, dass ihre Geschäfte durch den Iran-Krieg beeinträchtigt werden, vor allem wegen höherer Energiepreise.

Mehr als ein Drittel der befragten Unternehmen glaubt, dass sie von Einschränkungen ​bei Schifffahrtswegen und Lieferschwierigkeiten bei Vorprodukten und Rohstoffen betroffen sein werden. Eine Beeinträchtigung des Luftfrachtverkehrs befürchten 16 Prozent. Rund ein Viertel geht von einer abnehmenden Nachfrage auf wichtigen Exportmärkten aus. Darüber hinaus rechnen viele Firmen mit finanziellen Risiken, etwa durch unsichere Fracht- und Logistikkosten, steigende Versicherungsprämien oder erhöhte Zahlungsrisiken.

"Die Ergebnisse verdeutlichen, dass sich die wirtschaftlichen Folgen des ​Iran-Kriegs bereits jetzt abzeichnen und sich über verschiedene Kanäle ⁠noch verstärken könnten", sagte Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo Umfragen. "Je länger die Unsicherheit anhält, desto größer werden die wirtschaftlichen Probleme für die Unternehmen."

Author Insa Wrede
Item URL https://www.dw.com/de/iran-krieg-energie-und-lieferketten-schock-bremsen-globales-wachstum/a-76609872?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Der Iran-Krieg belastet die Wirtschaft - weltweit
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Item 20
Id 76611264
Date 2026-03-31
Title Rumänien: Erfolgreiche KI-Künstlerin sorgt für Kontroversen
Teaser Die KI-Sängerin Lolita ist in Rumänien viral gegangen. Doch ihr Stil sorgt für Kritik, vor allem aus der Roma-Community. Es geht um kulturelle Aneignung, Authentizität und die Frage, wie viel "Mensch" Kunst braucht.
Full text

Sängerin Lolita Cercel wurde quasi über Nacht zum musikalischen Erfolg in Rumänien. Doch sie ist kein Mensch, sondern eine KI-Kreation.

Ihre Songs gingen viral, gleichzeitig wächst die Kritik. Vertreter der Roma-Community werfen dem Projekt kulturelle Aneignung vor.

Andere - vor allem Musiker - sehen darin eine neue Form von Kunst und fragen kritisch, wie künstliche Intelligenz die Musikindustrie verändert. Welche Rolle spielen Authentizität und Erfahrung in der Kunst?

Auch Lolita selbst äußerte sich gegenüber der DW.

Author Tiberiu Stoichici
Item URL https://www.dw.com/de/rumänien-erfolgreiche-ki-künstlerin-sorgt-für-kontroversen/video-76611264?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image source Cristian Ștefănescu/DW
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Item 21
Id 76593883
Date 2026-03-31
Title Wacken ohne Matsch? Festivalgelände wird "trittfest"
Short title Wacken ohne Matsch? Festivalgelände wird "trittfest"
Teaser Auf dem Wacken Open Air-Festival sind sie untrennbar miteinander verbunden: Matsch und Metal. Für die einen ist es purer Spaß im Schlammbad, für die anderen lästig. Die Veranstalter wollen nun mehr Komfort schaffen.
Short teaser Auf dem Wacken Open Air-Festival sind sie untrennbar miteinander verbunden: Matsch und Metal. 2026 soll sich das ändern.
Full text

Fragt man erfahrene Wacken-Veteranen, was ihnen lieber ist: Sonne und Staub? Oder Regen und Schlamm? - dann kommt meistens diese Antwort: Lieber Schlamm, denn den hat man nur an den Füßen und muss ihn nicht einatmen.

Da ist viel Wahres dran - die 85.000 Fans, die jedes Jahr nach Schleswig-Holstein zum größten Metalfestival der Welt pilgern, tragen lieber festes Schuhwerk als Staubmasken. Dennoch macht der mehr als knöcheltiefe Matsch, der nach einem dort üblichen ausgiebigen Sommerregen auf dem Festivalgelände entsteht, meistens eher Schwierigkeiten als Freude.

Die Veranstalter des W:O:A sind jedes Jahr bemüht, das Festival und dessen Infrastruktur zu verbessern und haben nun ihren Plan präsentiert, das mehr als 10.000 Quadratmeter große Gelände vor den Hauptbühnen mit Platten zu versehen.

"Sowas gab es in Wacken noch nie!", sagt W:O:A Gründer Thomas Jensen in einer Pressemitteilung. "Damit erhoffen wir uns, wetterunabhängig für eine gute Bodenbeschaffenheit für unsere Fans in diesem stark beanspruchten Bereich zu sorgen sowie auch den Holy Ground zu schonen." Der sogenannte "Holy Ground" - oder auch Heilige Acker - ist eine gigantische Grünfläche, die außerhalb der Festivalzeit überwiegend landwirtschaftlich genutzt wird, etwa als Weideland. Ein Plattensystem soll den Boden vor Müll und Zigarettenkippen schützen.

Mehr Komfort fürs Publikum

Das Publikum würde nicht mit den Schuhen im Schlamm steckenbleiben und Menschen mit Beeinträchtigung hätten einen einfacheren Zugang zu den Bühnen.

Deswegen sollen in diesem Jahr auch die stark beanspruchten Wege zwischen Campingplätzen und den Bühnenbereichen besser befestigt werden. Laut Festivalleitung sollen dieses Jahr bis zu 80 Prozent der Strecken auf befestigten Wegen zurückgelegt werden können. Dafür werden mehr als eine halbe Million Euro investiert.

"Es ist uns wichtig, das Festival fortlaufend zu optimieren, in die verschiedenen Bereiche zu investieren und es auch in diesem Jahr für die Fans spürbar weiterzuentwickeln", ergänzt W:O:A Gründer Holger Hübner. Er und Thomas Jensen, die das W:O:A zum ersten Mal vor 800 Leuten veranstaltet haben, sind von Beginn an bemüht, einen engen Kontakt zu den Fans zu halten und deren Ideen und Anregungen umzusetzen.

Schlamm gehört dazu - aber bitte nicht zuviel

Der Schlamm von Wacken hat in der 35-jährigen Geschichte des Festivals (das erste W:O:A fand 1990 statt) Kultstatus erlangt. Nicht immer nur im positiven Sinne: Besonders schlimm hatte es zehntausende Festivalbesucher und -besucherinnen 2023 erwischt. Schon vor Beginn des Spektakels hatte es wochenlang so stark geregnet, dass der Boden völlig aufgeweicht war. So konnten zunächst noch viele Tausend Fans mit ihren Fahrzeugen auf die Wiesen rollen, was von Stunde zu Stunde unmöglicher wurde. Zahlreiche Autos und Wohnmobile wurden von den ansässigen Landwirten mit Trekkern auf das Gelände gezogen, doch irgendwann ging gar nichts mehr.

Die Veranstalter mussten die etwa 20.000 noch anreisenden Fans bitten, umzukehren. Nur so konnte das Festival 2023 überhaupt stattfinden - sonst wäre alles abgeblasen worden.

Das diesjährige W:O:A findet vom 29. Juli bin zum 1. August statt und wird wieder an die 85.000 Metalfans nach Norddeutschland locken und das 2000-Seelendorf Wacken in eine Kleinstadt verwandeln. Headliner sind Schwergewichte wie Judas Priest, Powerwolf und Def Leppard, die zum ersten auf dem Holy Ground sind. Die Tickets zum 35. Jubiläumsfestival waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft.

Author Silke Wünsch
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Image caption Bilder wie diese sollen laut W:O:A-Veranstalter zur Vergangenheit gehören
Image source Frank Molter/dpa/picture alliance
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Item 22
Id 76598524
Date 2026-03-31
Title USA-Iran-Gespräche: Pakistan steht unter Erfolgsdruck
Short title USA-Iran-Gespräche: Pakistan steht unter Erfolgsdruck
Teaser Islamabad erklärt sich bereit, bei Verhandlungen zu vermitteln. Pakistan will damit auch verhindern, dass in einem langwierigen regionalen Krieg seine Wirtschaft und Sicherheit bedroht werden.
Short teaser Islamabad will bei Verhandlungen vermitteln. Pakistan verfolgt dabei eigene Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen.
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Pakistan intensiviert derzeit seine diplomatischen Kontakte mit dem Ziel, ein wichtiger Vermittler im US-israelischen Krieg mit dem Iran zu werden. Islamabad profitiert dabei davon, dass es gleichermaßen strategische Beziehungen zu Teheran wie auch zu Washington unterhält.

Um den Weg für mögliche Gespräche zwischen den USA und dem Iran zu ebnen, führte Islamabad am Sonntag Konsultationen mit der Türkei, Ägypten und Saudi-Arabien durch, obwohl es derzeit noch keine Anzeichen dafür gibt, dass sich der Konflikt in naher Zukunft entschärfen könnte.

Nach den Treffen am Sonntag gab sich der pakistanische Außenminister Ishaq Dar dennoch optimistisch. Pakistan werde "geehrt sein, in den kommenden Tagen sinnvolle Gespräche zwischen beiden Seiten auszurichten und zu ermöglichen".

Es ist derzeit unklar, ob solche Gespräche direkt oder indirekt stattfinden sollen. Und die USA und der Iran geben widersprüchliche Aussagen darüber ab, ob schon Gespräche stattgefunden haben.

US-Präsident Donald Trump hat wiederholt signalisiert, dass Verhandlungen - in welcher Form auch immer - zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran voranschreiten würden. Am Montag wies das iranische Außenministerium die Behauptungen von Trump zurück. "Wir haben bisher keine direkten Verhandlungen geführt", erklärte der Sprecher des Außenministeriums, Esmaeil Baghaei, auf einer Pressekonferenz.

Die Positionen der beiden Konfliktgegner scheinen dabei derzeit ohnehin unüberbrückbar. So hatte Teheran schon zuvor einen 15-Punkte-US-Friedensplan, der über pakistanische Vermittler vorgelegt wurde, als "übertrieben, unvernünftig und unrealistisch" abgelehnt. Der Plan sah vor, dass der Iran die Anreicherung nuklearen Materials einstellt, Atomanlagen abbaut und die Durchfahrt durch die Straße von Hormus freigibt.

In einem seiner neuesten Beiträge auf der Onlineplattform Truth Social drohte Trump, die iranische Energieinfrastruktur zu "vernichten", falls der Iran nicht bald einen "Deal" abschließt und die Straße von Hormus öffnet.

Diplomatischer Balanceakt

Islamabad versucht nun, sich in dieser Patt-Situation als glaubwürdiger Gesprächspartner zu positionieren und nutzt dabei seine Beziehungen zu Washington, Teheran und wichtigen Golfhauptstädten. Das erfolgt nicht ohne direktes Eigeninteresse. "Der US-Iran-Konflikt bedroht direkt die wirtschaftliche Stabilität Pakistans, da es von den Energieströmen und Rücküberweisungen vom Golf abhängig ist", sagt Raza Rumi, ein pakistanischer Analyst, im Gespräch mit der DW.

Pakistan muss seine Diplomatie dabei sorgfältig ausbalancieren. Während Trumps zweiter Amtszeit als Präsident haben sich die Beziehungen zwischen Washington und Islamabad verbessert. Trump hat den pakistanischen Premierminister Muhammad Shehbaz Sharif und Armeechef Asim Munir empfangen. Den pakistanischen General hatte er als "meinen Lieblingsfeldmarschall" bezeichnet. Es existiert ein Verteidigungspakt mit Saudi-Arabien, es hat aber auch kulturelle Verbindungen und eine 900 Kilometer langen Grenze zum Iran.

"Eine Vermittlerrolle ermöglicht es Pakistan, sich als stabilisierender Akteur zu präsentieren", sagt Rumi. Islamabad könnte in dieser Rolle auch verhindern, direkt in dem sich möglicherweise ausweitenden Krieg hineingezogen zu werden.

Angst vor regionalem Krieg und wirtschaftlicher Depression

Der Konflikt könnte für Pakistan gefährlich werden: Pakistan befindet sich bereits in einem Konflikt mit den Taliban im benachbarten Afghanistan, und kämpft zudem gegen militanten Separatisten in der Provinz Belutschistan, die an den Iran grenzt.

"Es gibt eine Dringlichkeit. Die Instabilität im Iran wirkt sich direkt auf Pakistan aus - von der Sicherheit Belutschistans über den Energiezugang bis hin zur inländischen Stabilität", sagt Fatemeh Aman, eine Iran-Pakistan-Expertin. Pakistan sei daher motiviert, einen Konflikt zu managen, der andernfalls innenpolitische Folgen haben könnte, so die ehemalige Mitarbeiterin am Middle East Institute und Atlantic Council gegenüber der DW.

"Ein Scheitern würde Pakistan unmittelbaren wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Schocks aussetzen. Energieversorgungsstörungen, insbesondere über die Straße von Hormus, würden die Inflation antreiben und den fiskalischen Druck verschärfen", so das Fazit des Analyten Rumi.

Pakistans Platz im Nahen Osten

Die Gefahr für Pakistan, in den Krieg verwickelt zu werden, zeigt sich auch auf der arabischen Halbinsel. Pakistan unterhält eine jahrzehntelange Partnerschaft mit Saudi-Arabien und es existiert ein gegenseitiger Verteidigungspakt. "Wenn Saudi-Arabien dem Konflikt beitritt, wird Pakistan unter Druck stehen, zumindest symbolische Unterstützung anzubieten", sagt Rumi. Eine direkte militärische Einmischung wäre aber "destabilisierend und unklug".

Für Pakistan besteht die Herausforderung darin, dass es den Iran nicht einfach als Gegner behandeln kann, selbst wenn die Saudis um militärische Unterstützung bitten.

"Es würde Druck auf Pakistan geben, wenn Saudi-Arabien direkt involviert wird, aber Druck bedeutet nicht Beteiligung", meint auch Aman. Sie fügte hinzu, dass ein direkter iranischer Angriff auf Pakistan unwahrscheinlich sei. Aber wenn Pakistan als Unterstützer militärischer Maßnahmen wahrgenommen werde, würden die Risiken steigen. Der Iran würde wahrscheinlich indirekt Druck durch Grenzspannungen oder Stellvertreter signalisieren, eine direkte Konfrontation aber vermeiden.

In Pakistan sind bis zu 20 Prozent Schiiten

Im Iran sind schätzungsweise 90 bis 95 Prozent der Einwohner Schiiten. Es ist damit weltweit das Land mit dem prozentual größten Anteil an schiitischen Muslimen. In Pakistan sind etwa 15 bis 20 Prozent der Muslime Schiiten. Es gibt kulturelle Verbindungen zu dem Nachbarland.

Nachdem Irans Oberster Führer Ajatollah Ali Chamenei am ersten Kriegstag getötet worden war, brachen in Pakistans Nordregion Gilgit-Baltistan Proteste aus. Islamabad setzte die Armee ein und verhängte eine dreitägige Ausgangssperre, nachdem bei den Protesten mindestens 23 Menschen getötet wurden. Ein Großteil der Mobilisierung kam aus der schiitischen Gemeinschaft Pakistans.

"Pakistan hat eine Geschichte sektiererischer Spannungen, hat aber Mechanismen aufgebaut, um großflächige Gewalt einzudämmen. Ein saudisch-iranischer Konflikt könnte aber innere Bruchlinien vertiefen, nicht durch unmittelbare Unruhen, sondern durch eine allmähliche Polarisierung, die durch transnationale Narrative und militante Akteure befeuert wird", befürchtet Rumi.

Die Iran-Pakistan-Expertin Aman weist darauf hin, dass die Entwicklungen im Iran "oft innerhalb Pakistans nachhallen." In der aktuellen Situation stehe der Staat "vor umfassenderen Herausforderungen - Sicherheit, wirtschaftliche Belastungen und regionale Konfliktpotentiale. Das wesentliche Risiko ist dabei ein äußerer Konflikt, der interne Bruchlinien verschärft." Das wolle Pakistan verhindern.

Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand

Author Haroon Janjua (in Islamabad)
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Image caption Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem pakistanischen Premierminister Muhammad Shehbaz Sharif (Mitte) und Pakistans Feldmarshall Syed Asim Munir (links) 2025 in Washington
Image source Government of Pakistan
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Item 23
Id 76584543
Date 2026-03-31
Title Berlin - eine nachhaltige Stadt der Zukunft?
Teaser Berlins Lebensqualität wächst durch engagierte Bürger: 11.000 Menschen gießen Straßenbäume, Kiezblocks reduzieren Verkehr. Lokale Initiativen zeigen, wie Beteiligung Stadtteile stärkt und echte Veränderungen schafft.
Full text

Viel Beton, Steine, Stahl, Asphalt - Berlin leidet unter den Problemen vieler Großstädte. Doch Berlin hat auch mehr als 400.000 Straßenbäume und Tausende engagierte Leute, die viele der Bäume regelmäßig gießen. Sich für die eigene Heimatstadt einsetzen, sie lebenswerter und klimaresilienter machen geht nur über das Engagement der Einwohner.

Kiezblocks fast ohne Autoverkehr. Mehr Fahrradwege. Ein Schwammstadt, die Regenwasser aufsaugt - vieles ist möglich, wenn Menschen an einem Strang ziehen, auch wenn der Widerstand gegen Veränderungen oft groß ist.

Author Julia Henrichmann
Item URL https://www.dw.com/de/berlin-eine-nachhaltige-stadt-der-zukunft/video-76584543?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76538972_607.jpg
Image source Philipp Böhme/DW
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Item 24
Id 76587936
Date 2026-03-31
Title Pistorius: Keine Gewissheit in internationaler Ordnung mehr
Short title Pistorius: Keine Gewissheit in internationaler Ordnung mehr
Teaser Der deutsche Verteidigungsminister ist nach Japan, Singapur und Australien gereist. Seine Mission: Die Bewahrung einer regelbasierten internationalen Ordnung - mit Mittelmächten als wichtigen Akteuren.
Short teaser Der Bundesverteidigungsminister wirbt im Indo-Pazifik für den Fortbestand einer regelbasierten internationalen Ordnung.
Full text

Auf seiner etwas mehr als einwöchigen Reise entlang des westlichen Randes des Pazifiks wird der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius nicht müde, die Bedeutung der regelbasierten internationalen Ordnung zu betonen. Ob in Japan, Singapur oder Australien – überall greifen die Gastgeber die Aussagen des deutschen Ministers gerne auf und betonen ihrerseits, wie wichtig diese Ordnung sei. So hob beispielsweise Australiens Vizepremier und Verteidigungsminister Richard Marles in Canberra die gemeinsamen Werte beider Länder hervor: "Wir respektieren die Herrschaft des Rechts national und international," betonte er auf einer gemeinsamen Pressekonferenz im Parlament am vergangenen Donnerstag. "Die regelbasierte Ordnung ist unseren beiden Ländern außerordentlich wichtig,"

Bei allen presseöffentlichen Begegnungen, die der deutsche Verteidigungsminister im Indo-Pazifik hatte, wiesen er und seine Gesprächspartner auch darauf hin, wie eng der Indo-Pazifik und Europa zusammenhängen. "Die heutige Welt ist immer stärker miteinander vernetzt. Tag für Tag. Ob es uns gefällt oder nicht. Konflikte, Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen – sie treten in einer Region der Welt auf, doch ihre Ursachen können in einer weit entfernten anderen Region liegen", sagte Pistorius in Canberra.

Neue Rolle für Deutschland

Doch das ständige Beschwören der regelbasierten Ordnung zeigt auch, dass hier etwas im Argen liegt. Bisherige Gewissheiten lösen sich auf, neue sind noch im Werden und keiner Belastungsprobe unterzogen.

Wie schwierig es für ein Land wie die Bundesrepublik Deutschland ist, das sicherheitspolitisch immer von den USA abhängig war und weiterhin ist, eine neue und überzeugende Position und Rolle zu finden, wird im Rahmen der Reise immer wieder deutlich.

Ohne die USA geht es nicht

Einerseits beschwört Pistorius im National Press Club of Australia die eigene Souveränität: "Wir sollten unseren Fokus ändern und nicht länger darauf schauen: Was tut China, was tut Russland, was tun die USA? Sie sind die Supermächte der Welt, aber alle Mittelmächte gemeinsam – wenn sie zusammenhalten, verlässlich sind und sich zu ihren Ziele bekennen –, sind mindestens ebenso stark wie diese. Das erfordert Einheit und Entschlossenheit. In diesem Rahmen können wir viel erreichen."

Andererseits weiß er, dass eine wie auch immer geartete Ordnung ohne Super- und Großmächte nicht möglich ist. "Eine internationale Ordnung braucht die Supermächte. Die, die es sind, und die, die es sein wollen, müssen nicht nur mit am Tisch sein, sondern sie erarbeiten. Aber die Schwerpunkte dieser internationalen Ordnung müssen sich verändern und es muss sich zeigen, ob die Supermächte dazu bereit sind."

In diesem Zusammenhang fordert Pistorius mehr Mut. Er vergleicht manche internationalen Beziehungen mehrfach mit einer toxischen Partnerschaft: "Wer sich immer nur auf seinen Gegner bzw. Partner konzentriert, handelt nie souverän. Man ist manipuliert von Furcht. Und Entscheidungen auf der Basis von Furcht sind immer falsch."

Neue Allianzen

Was Pistorius offensichtlich vorschwebt, ist eine neue Allianz von Mittelmächten, zu denen er neben Deutschland Länder wie Japan, Singapur und Australien zählt. Der sogenannte globale Süden soll ebenfalls stärker einbezogen werden: "Ich glaube auch, dass die Länder des globalen Südens über einen anderen Einfluss, den sie nachvollziehbarerweise gerne hätten, nachdenken. Die Frage ist, wie man das gewährleistet." Damit erkennt er an, was Länder wie Indien, Indonesien, Südafrika, die Türkei und andere schon länger fordern: die Reform einer als ungerecht empfundenen globalen Machtstruktur hin zu einer inklusiveren Ordnung.

2023 hatte Pistorius Indien und Indonesien besucht. Pistorius sagte damals zum strategischen Partner in Delhi: "Unsere strategische Partnerschaft muss aufgrund der aktuellen regionalen und weltweiten Lage mehr Dynamik entfalten." Inwieweit die Nuklearmacht Indien, das traditionell enge militärpolitische Beziehungen mit Russland unterhält, die deutschen Vorstellungen bezüglich einer neuen Ordnung teilt, ist nicht klar.

Indien sieht sich vor allem als "Sachwalter des globalen Südens", wie eine aktuelle Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) mit dem Titel "Multipolaritäten" feststellt. Aufgrund der kolonialen Vergangenheit ist es gegenüber jeder möglichen Einmischung von außen oder Vorschriften aus dem sogenannten Westen äußerst sensibel. Es zielt darauf ab, "in einer multipolaren Ordnung mehr Gestaltungsmacht auszuüben" und selbst zu einem Großmachtpol in der Welt zu werden, insbesondere im Indo-Pazifik, so die SWP.

Freiheit von Furcht

Zusammenfassend zeigt die Reise, dass Pistorius eine Erosion der internationalen Ordnung beobachtet. Er sieht dabei auch ihren Reformbedarf. Er will die Schaffung einer neuen Ordnung dabei nicht Ländern wie Russland überlassen, das er auf der Reise als "aggressiv und revisionistisch" bezeichnet. Auch dem Einfluss Chinas, das die EU bereits 2019 als "systemischen Rivalen" bezeichnet hat, muss etwas entgegengesetzt werden. Nicht zuletzt fordert er eine größere Unabhängigkeit von den USA.

Als kleinsten gemeinsamen Nenner einer Allianz der Mittelmächte sieht er, dass sie sich zu einer darin akzeptierten Ordnung bekennt: "Es geht zunächst darum, dass wir uns darauf verständigen, dass wir eine internationale regelbasierte Ordnung brauchen." Und wenn sie Akzeptanz finden soll, "dann müssen wir – wie soll ich sagen – die Mitte dieser Ordnung etwas verschieben."

Zentrale Pfeiler blieben aber nach wie vor die Charta der Vereinten Nationen, die Wahrung des Völkerrechts und die Freiheit der Seewege. Länder wie Japan, Singapur und Australien für das Projekt zu gewinnen, ist vergleichsweise leicht. Schwieriger dürfte es bei Ländern wie Indien oder Indonesien werden.

Author Rodion Ebbighausen
Item URL https://www.dw.com/de/pistorius-keine-gewissheit-in-internationaler-ordnung-mehr/a-76587936?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Plädoyer für regelbasierte internationale Ordnung: Der australische Verteidigungsminister Richard Marles (links im Bild) und sein deutscher Amtskollege Boris Pistorius bei einer Pressekonferenz am 26. März 2026 in Canberra
Image source R. Ebbighausen/DW
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Item 25
Id 76596413
Date 2026-03-30
Title Huthi greifen ein: Kalkulierte Eskalation im Iran-Krieg
Short title Huthi-Angriffe auf Israel: Eskalation mit Kalkül
Teaser Huthi-Angriffe auf Israel markieren eine neue Phase im Iran-Konflikt. Experten sehen darin weniger eine militärische Wende als eine strategisch kalkulierte Eskalation – mit Risiken für die Region und die Weltwirtschaft.
Short teaser Mit Angriffen auf Israel treten die Huthi in den Iran-Krieg ein. Warum die Eskalation strategisches Kalkül ist.
Full text

Lange hatten sie sich zurückgehalten, doch dann griff die jemenitische Huthi-Miliz in den Iran-Krieg ein. Vier Wochen nach Beginn der US-israelischen Angriffe auf den Iran vermeldete Israel am 27. März Attacken der mit Teheran verbündeten Miliz aus dem Jemen .

Die Huthi feuerten nach eigenen Angaben ballistische Raketen auf militärische Ziele im Süden des Landes ab, weitere Angriffe wurden angekündigt. Die israelische Armee bestätigte den Abschuss einer Rakete aus dem Jemen; die Luftabwehr sei im Einsatz gewesen, das Geschoss sei abgefangen worden.

Damit ist ein Akteur in den Krieg eingetreten, der lange gezögert hatte. Noch vor kurzem schien Zurückhaltung das Kalkül der Huthi zu bestimmen. In Nachrichtenagenturen hieß es, es gehe nicht um fehlende Entschlossenheit, sondern um den richtigen Zeitpunkt. Genau dieser scheint nun gekommen zu sein.

Warum jetzt?

"Ich denke, die Situation ist in gewisser Weise unerwartet", sagt Luca Nevola, Senior Analyst für Jemen und die Golfregion bei der internationalen Beobachtungsstelle ACLED (Armed Conflict Location & Event Data Project), im DW-Interview.

Einen klaren Auslöser für den jetzigen Schritt sieht er nicht. "Es lässt sich kein unmittelbarer Kipppunkt erkennen", sagt Nevola. Vielmehr handele es sich um eine strategische Entscheidung: "Es scheint, als habe man den Zeitpunkt für ein Eingreifen als günstig eingeschätzt."

Hinweise auf verstärkte Aktivitäten im Roten Meer deuteten darauf hin, dass der Schritt auch als Druckmittel in den laufenden Verhandlungen verstanden werden könne. "Das Vorgehen kann dazu dienen, den eigenen Einfluss auf diese Verhandlungen zu demonstrieren."

Tatsächlich sprechen viele Beobachter von einer Ausweitung des Konflikts. Mit den Huthi öffnet sich eine weitere Front - neben Iran, Israel und den bereits involvierten Milizen im Libanon und Gazastreifen.

Zugleich unterstreicht ihr Eingreifen die Logik der sogenannten "Achse des Widerstands", in der Teheran verbündete Gruppen strategisch einsetzt, ohne selbst unmittelbar eskalieren zu müssen.

Symbolische Warnung

Militärisch allerdings bleibt die Wirkung bislang begrenzt. "Ich betrachte die aktuellen Angriffe eher als symbolische Warnung - gewissermaßen als Warnschuss", sagt Nevola.

Ein Muster, das bereits 2023 zu beobachten gewesen sei: begrenzte, signalhafte Aktionen statt unmittelbarer Eskalation. "Der Eintritt in den Krieg bedeutet nicht zwangsläufig eine unmittelbare Eskalation", so Nevola weiter. Die Huthi agierten entlang klar definierter roter Linien – etwa wenn weitere Staaten aktiv eingreifen oder sich der Konflikt auf neue Räume ausdehnt.

Zugleich sende die Miliz bewusst politische Signale: "Es wurde betont, dass keine muslimischen Länder angegriffen werden sollen."

Auch diplomatisch ist der Schritt vielschichtig. Die Intervention wird von den Huthi als Teil einer größeren politischen Strategie dargestellt – nämlich als Unterstützung regionaler Partner und als Gegenmaßnahme gegenüber Israel und den USA.

"Dieses Narrativ dient auch dazu, innenpolitische Zustimmung zu sichern", sagt Nevola. Denn wie belastbar die Unterstützung für einen umfassenden Krieg im eigenen Machtbereich ist, bleibt unklar. Beobachter verweisen zudem darauf, dass die Führung in Sanaa ihre Rolle innerhalb des Bündnisses mit dem Iran festigen will.

Erhebliche ökonomische Folgen

Ökonomisch sind die Folgen erheblich. Die Ölpreise sind nach der Ausweitung des Konflikts stark gestiegen. Denn mit der Straße von Hormus ist bereits eine zentrale Energieroute beeinträchtigt.

Sollte sich die Lage nun auch auf das Rote Meer und die Meerenge Bab al-Mandab ausweiten, droht eine massive Störung globaler Handelsströme– mit spürbaren Folgen für Energiepreise, Lieferketten und Inflation.

Die Huthi haben hier Erfahrung. Bereits im Gaza-Krieg griffen sie wiederholt Handelsschiffe an und zwangen Reedereien, den Umweg um das Kap der Guten Hoffnung zu nehmen – mit erheblichen Kosten. Eine Rückkehr zu solchen Angriffen gilt als wahrscheinlichstes Eskalationsszenario.

Wie stark die Miliz tatsächlich ist, bleibt schwer zu beziffern. Sie kontrolliert große Teile des Nordjemen, verfügt über Raketen- und Drohnentechnologie und gilt trotz jahrelanger Luftangriffe als widerstandsfähig.

Zugleich ist sie geschwächt – durch militärischen Druck, wirtschaftliche Probleme und interne Spannungen. Schon vor wenigen Tagen hatte Nevola darauf hingewiesen, dass die Huthi "mehr zu verlieren haben als zu gewinnen".

Umso mehr spricht dafür, dass ihr jetziger Schritt kalkuliert ist. Kein blindes Eskalieren, sondern ein dosiertes Signal – militärisch begrenzt und politisch aufgeladen. Oder, in der Logik der vergangenen Wochen: nicht der Beginn einer neuen Dynamik, sondern deren nächste Stufe.

Author Kersten Knipp
Item URL https://www.dw.com/de/huthi-greifen-ein-kalkulierte-eskalation-im-iran-krieg/a-76596413?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Huthi-Anhänger im Jemen zeigen bei einer Solidaritätskundgebung im März Porträts und Plakate von Irans ehemaligem obersten Führer Ali Chamenei
Image source Mohammed Huwais/AFP
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Item 26
Id 76526647
Date 2026-03-30
Title Alles digital? Warum wir immer noch echte Bücher brauchen
Short title Alles digital? Warum wir immer noch echte Bücher brauchen
Teaser Wir lesen ständig im Internet und verstehen immer weniger. Dem digitalen Dauerrauschen setzen Bücher ihre stille Kraft entgegen - deshalb sind sie unverzichtbar. Ein Plädoyer für das Lesen jenseits des Scrollens.
Short teaser Dem digitalen Dauerrauschen setzen Bücher ihre stille Kraft entgegen. Ein Plädoyer für das Lesen jenseits des Scrollens.
Full text

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat kürzlich viel Kritik geerntet, als er den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek zugunsten digitaler Archivierung zunächst ablehnte. Obwohl er den Ausbau inzwischen wieder in Aussicht stellt, löste dies eine Debatte über die Rolle des Buchs in einer digitalen Welt aus.

Es gibt keinen Mangel an Text und Information. Im Gegenteil: Wir leben in einer Gegenwart, in der täglich Tausende Worte Wörter auf uns einprasseln. Wir entkommen ihnen nicht beim Blick auf das Smartphone, nebenbei laufen Radio und Fernseher, der Nachbar verwickelt uns in ein Gespräch, die beste Freundin schickt eine minutenlange Sprachnachricht. Podcasts, Posts, Kommentare, E-Mails, die neuesten Nachrichten - alles ist sofort da, immer, überall. Dabei bleibt etwas Wichtiges auf der Strecke: die Erfahrung, sich wirklich auf einen Gedanken einzulassen.

Bücher entziehen sich diesem Tempo. Sie brauchen Zeit. Sie verlangen Aufmerksamkeit, allein durch ihre Gestalt. Sie haben ein Gewicht, sind größer als Smartphones, die Seiten lassen sich nicht mit einem Finger wegwischen und sie brauchen keinen Akku, keine Stromquelle, um ihren Inhalt sichtbar zu machen.

"Königsklasse der Gestaltung"

Der Autor und Kulturwissenschaftler Frank Berzbach beschreibt das besondere Verhältnis zwischen Mensch und Buch in seinem Essay "Die Kunst zu lesen": "Bücher gehören zur Königsklasse der Gestaltung (…). Sie sind Handschmeichler, ein Genuss für die Sinne. Sie haben einen Geruch, eine Haptik, wir reagieren auf sie mit einer ästhetischen Empfindung."

Was genau ist diese Empfindung? Was fasziniert uns am Buch? Es ist nicht nur die Geschichte, die dort zu lesen ist. Es ist das Gesamtpaket. Ein echtes Buch in der Hand zu halten, es zu fühlen - manche Seiten sind so dünn, dass allein das Blättern zu einer sinnlichen Erfahrung wird -, zu riechen und anzuschauen, macht das Lesen zu einem exklusiven Vergnügen. Denn in dem Moment, in dem wir zum Buch greifen, halten wir inne. Und nehmen uns das, was wir inzwischen oft als Luxus empfinden: Zeit.

Bewusst genießen

Es ist vergleichbar mit einer Langspielplatte: Sie vorsichtig aus der Hülle zu nehmen, auf den Plattenteller zu legen, behutsam die Nadel aufsetzen und das leise Knacken zu hören, bevor die ersten Töne erklingen - das lässt uns die Musik bewusster wahrnehmen, als wenn eine Playlist auf die Bluetoothbox gestreamt wird.

"In einer Zeit kalkulierter Serienplots und endlosen Daddelns ist es revolutionär, einen Romanklassiker aus dem 19. Jahrhundert zu lesen", heißt es in "Die Kunst zu lesen". Bei diesen Worten erscheint die Vorstellung, Emily Brontës "Sturmhöhe" oder Theodor Fontanes "Effi Briest" auf einem digitalen Gerät zu lesen, unpassend. Die Schönheit der Sprache, die Wortwahl, der Satzbau bringen uns in Zeiten zurück, in denen die Welt stiller war als heute, das Leben langsamer verlief und Gedanken mehr Raum hatten.

Doch auch zeitgenössische Romane lassen sich nicht nebenbei lesen. Sie sind zu schade, um sie in der Warteschlange oder zwischen zwei Terminen zu überfliegen. Das gleiche gilt für Sachbücher, die Wissen vermitteln, fundiert, sorgfältig rechercherit. Kein Algorithmus greift ein, kein Feed lenkt ab, keine Push-Nachricht unterbricht. Ein Buch verwickelt uns nicht in Diskussionen, die wir gar nicht führen möchten - so wie unter einem beliebigen Instagram-Post. Und darum sind Bücher auch Orte der Stille.

Bibliotheken als spirituelle Orte

So wie es in Bibliotheken gedacht ist. Betritt man einen dieser Büchertempel, umgibt einen eine besondere Stille. Leises Raunen, Flüstern, das Rascheln der Buchseiten, ab und zu rückt jemand einen Stuhl, eine Diele knarzt. Es riecht besonders.

Man taucht in eine Welt ein, die stillzustehen scheint. Und mit all den anderen, die hier in alten und neuen Büchern, Zeitschriften oder Fotobänden blättern, bildet man eine kleine verschworene Gemeinschaft. Die derjenigen, die daran glauben, hier mehr Antworten zu finden als im Internet. So gesehen sind Bibliotheken auch spirituelle Orte.

Spiegel unserer Persönlichkeit

Diese Erfahrung lässt sich mit nach Hause nehmen vors eigene Bücherregal. Dort sehen wir nicht nur bunte Buchrücken, sondern Spuren unseres eigenen Denkens und unserer Entwicklung. Aus abgegriffenen Taschenbüchern, sorgsam ausgewählten Neuerscheinungen und längst vergessenen Fundstücken ist über Jahre eine ganz eigene Ordnung entstanden. Bücher, die uns geprägt haben. Die wir mehrfach gelesen haben. Oder die noch zu Ende gelesen werden möchten.

Vielleicht ist das der größte Unterschied zur digitalen Welt: Ein Buch verschwindet nicht, es bleibt. Und irgendwann greift man wieder danach - aus Neugier, aus Sehnsucht oder einfach, weil es da ist. Der Autor Frank Berzbach hat dafür einen einfachen Satz: "Wer mit Büchern lebt, der hat immer ein Zuhause."

Author Silke Wünsch
Item URL https://www.dw.com/de/alles-digital-warum-wir-immer-noch-echte-bücher-brauchen/a-76526647?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption In diese Szene passt definitiv kein Smartphone
Image source FrankHoermann/SVEN SIMON/picture-alliance
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Item 27
Id 76556375
Date 2026-03-28
Title Waren Oma und Opa Nazis?
Short title Waren Oma und Opa Nazis?
Teaser Was haben die eigenen Vorfahren in der Nazi-Zeit gemacht? Darüber wurde in deutschen Familien lange geschwiegen. Jetzt hat das US-Nationalarchiv Millionen NSDAP-Mitgliedsausweise online zugänglich gemacht.
Short teaser Das US-Nationalarchiv hat Millionen NSDAP-Mitgliedsausweise online zugänglich gemacht. Der Andrang ist groß.
Full text

Mehr als 80 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft kann sich jeder im US-Nationalarchiv ohne vorherige Anmeldung durch Millionen von Karteikarten klicken und auf die Suche nach den eigenen Groß- und Urgroßeltern machen. Auf mehr als 5000 digitalisierten Mikrofilmrollen sind die Daten von 6,6 Millionen Deutschen hinterlegt, die bis 1945 Mitglied in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) waren. Vollständig sind sie nicht: Nach Angaben des Deutschen Historischen Museums war 1945 "jeder fünfte erwachsene Deutsche einer von insgesamt 8,5 Millionen Parteigenossen" und hat damit zumindest auf dem Papier das Unrechtssystem unterstützt.

Eine "Nazi-Suchmaschine" im Netz

"Es scheint jetzt tatsächlich für eine breitere Öffentlichkeit sehr attraktiv zu sein, selbst online zu recherchieren", sagt der Historiker Johannes Spohr, "aber diese Quellen sind im Grunde in Deutschland schon seit 1994 im Bundesarchiv zugänglich. Und dort bekommt man eigentlich auch noch sehr viel mehr Informationen als nur diese Mitgliedschaften."

Der Haken an der Sache: In Deutschland gibt es Schutzfristen; Informationen über eine Person werden erst 100 Jahre nach der Geburt oder zehn Jahre nach dem Tod herausgegeben. Die Daten sind nicht online verfügbar, sondern müssen schriftlich beantragt werden. Außerdem kann man als Privatperson - anders als beim US-Nationalarchiv - nur Akteneinsicht erhalten, wenn man nach Verwandten sucht und nicht nach Nachbarn oder anderen Leuten. "Bis heute sind die Verfolgten, die Opfer, wesentlich öffentlicher, auch mit Namen und mit Identitäten. Bei den Tätern ist es immer noch recht schwammig", so Spohr.

Die Zeitzeugen sterben aus

Der Historiker unterstützt Menschen seit rund elf Jahren mit seinem Recherchedienst "present past" dabei, die eigene NS-Familiengeschichte zu erforschen. Die Menschen, die zu ihm kämen, seien zwischen 20 und 90, erzählt er. "Also da sind wirklich alle Generationen dabei. Ich glaube, das Besondere ist, dass wir uns jetzt gerade am Übergang zwischen kommunikativem und kulturellen Gedächtnis befinden, wo Sachen nur noch selten mündlich weitergegeben werden können, wo man auch Menschen seltener befragen kann. Jetzt ist die persönliche Interaktionen für das Gedenken nicht mehr so gegeben und dafür eben die Archivrecherche relevanter."

Inzwischen forsche nicht nur die Enkelgeneration, sondern auch die vierte Generation aktiv nach. "Da ist es natürlich häufig so, dass sie die Menschen gar nicht mehr gekannt haben, über die sie recherchieren."

Geschöntes Bild der eigenen Familie

Mehr als zwei Drittel der Deutschen glauben laut einer Studie, dass ihre Vorfahren keine NS-Täter waren, fast 36 Prozent verorten ihre Angehörigen unter den Opfern und über 30 Prozent meinen, dass ihre Vorfahren potenziellen NS-Opfern geholfen und zum Beispiel Juden versteckt haben. "Diese Antworten entstammen teils eher Gefühlen als konkretem Wissen", so der Historiker. Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun.

In kaum einer Familie wurde nach dem Krieg über die Verbrechen der Nazi-Zeit gesprochen, schon gar nicht über die eigene Rolle. Die deutsche Erinnerungskultur an die Nazi-Zeit gilt im Ausland als vorbildlich, aber "tatsächlich wird es mit der Erinnerungskultur immer dann kompliziert, wenn es konkret wird, also, wenn es wirklich bestimmte Personen betrifft, die man vielleicht auch noch kannte", so Spohr. "Und ich denke, Erinnerung muss auch da stattfinden, wo es weh tut." Das betreffe nicht nur die Nazi-Zeit selbst, sondern auch die Zeit nach dem Zusammenbruch des Regimes. "Letztendlich setzt man sich heute mit Mythen und Zerrbildern auseinander, die aus der Nachkriegszeit stammen, man kann schon sagen: der Schuldabwehr der Nachkriegszeit."

Eine Karteikarte sagt nichts über die Motive aus

Die Suche in den Archiven kann mehr Klarheit bringen. Auf den Karteikarten findet man Namen, Geburtsdatum und -ort, Eintrittsdatum und Mitgliedsnummer, teilweise auch Adressen und Porträtfotos der eingetragenen NSDAP-Mitglieder - sie sagen aber nichts darüber aus, ob jemand ein Fanatiker, ein Opportunist oder ein Mitläufer war. Hinzu kommt, dass nur rund 80 Prozent dieser Karteikarten erhalten sind. Man kann also nicht sicher sein, ob ein Verwandter nicht doch bekennender Nazi war, wenn er im Archiv nicht auftaucht.

Dann beginnt die eigentliche Recherche, sagt Johannes Spohr. "Es gibt natürlich Mitglieder der NSDAP, die haben sich abseits der Mitgliedschaft nicht viel zu Schulden kommen lassen, und es gibt genauso Nicht-Mitglieder, die an grausamen Taten beteiligt waren." Man könne zum Beispiel schauen, ob jemand vor 1933 in die Partei eingetreten sei, "also eventuell als besonders verdienter Kämpfer der NS-Sache sozusagen. Oder ob die Mitglieder auch Ämter innehatten. Die Nachfahren wissen dann vielleicht viel über Stationen einer Person, aber sie wissen immer noch nicht nicht, warum jemand das gemacht hat, was er gedacht oder gefühlt hat."

Konkrete Fragen - aber nicht immer gibt es Antworten

Egal, was man am Ende über den (Ur-)Großvater oder die (Ur-)Großmutter erfährt: Für Spohr ist die Aufklärung letztendlich auch eine Verantwortung, die man gegenüber sich selbst und der Gesellschaft übernimmt.

Im Mittelpunkt der Recherchen steht nach wie vor die Frage, ob die Vorfahren gewalttätig waren. Aber auch, ob auf dem Hof der Familie Zwangsarbeiter eingesetzt wurden oder ob sie Gegenstände besitzt, die Juden im Zuge der Enteignung weggenommen wurden. "Es kann sein, dass man wenig findet und viele Lücken bleiben, die Spielraum für die eigene Fantasie lassen. Und natürlich kann man auf schlimme Dinge stoßen, die den Familienerzählungen widersprechen.".

Das zunehmende Interesse der letzten Jahre erklärt sich Spohr unter anderem mit dem Krieg in der Ukraine. Die Menschen wollen wissen, ob der Großvater als Wehrmachtssoldat auf der Krim nur den LKW-Führerschein gemacht hat, wie er es gern im Familienkreis erzählt hat, oder ob er Gräueltaten begangen hat.

Auch der Aufschwung der Rechten, besonders der AfD, mache vielen Sorgen: "Sie wollen dann prüfen, ob es vielleicht einen Zusammenhang zwischen deren Aufstieg und der nicht aufgearbeiteten NS-Vergangenheit gibt - dem Schweigen über die Ideologien, die vielleicht noch fortwirken."

Zur Vernichtung bestimmt

Dass die von den Nationalsozialisten angefertigten Karteien noch existieren, ist nicht selbstverständlich. "Sie waren Ende des Krieges zur Vernichtung vorgesehen. Die Nazis wollten alles Verfängliche zerstören, das die Alliierten gegen sie verwenden konnten", sagt Spohr.

Doch Hanns Huber, den man mit der Vernichtung beauftragte hatte, widersetzte sich dem Befehl. Der Geschäftsführer einer Münchner Papierfabrik versteckte die Akten unter einem Berg von Altpapier. Das US-Militär brachte sie im Herbst 1945 in Westberlin im Berlin Document Center unter - zusammen mit anderen Unterlagen aus der NS-Zeit, die zur Vorbereitung für die Nürnberger Prozesse gegen Kriegsverbrecher benötigt wurden.

NSDAP-Mitglieder in wichtigen Posten

"Die Amerikaner haben bereits 1967 versucht, die Akten in deutsche Hände zu übergeben, aber sie wurden erst 1994 angenommen", sagt Spohr. "Sie haben das tatsächlich so gedeutet, dass es den Deutschen eben zu verfänglich und zu riskant sei, diese Dokumente dann vielleicht auch zugänglich zu machen, weil einfach da sehr viele Nazis drin auftauchten, die noch aktiv im Berufsleben waren und einflussreichen Positionen in der Politik innehatten."

Dass das US-Nationalarchiv die Karteien jetzt online gestellt hat, ist aus Spohrs Sicht vor allem ein Verwaltungsakt. Dort wird nach und nach alles digitalisiert. Das deutsche Bundesarchiv wird die Karteien vermutlich im Jahr 2028 im Netz zur Verfügung stellen - wenn alle personenbezogenen Schutzfristen abgelaufen sind.

Author Suzanne Cords
Item URL https://www.dw.com/de/waren-oma-und-opa-nazis/a-76556375?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76549594_607.jpg
Image caption Hitlers NSDAP-Mitgliedsbuch trägt die Nummer 1
Image source Georg Goebel/dpa/picture alliance
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Item 28
Id 76487895
Date 2026-03-28
Title Finanzwissen von Frauen: EZB treibt Bildung voran
Short title Finanzwissen bei Frauen: EZB treibt Bildung voran
Teaser Viele Frauen engagieren sich bei Finanzthemen zu wenig - mit Folgen für Vermögen, Verschuldung und Vorsorge fürs Alter. Die EZB plant daher Maßnahmen, um das finanzielle Wissen zu verbessern - auch aus eigenem Interesse.
Short teaser Wie fehlende Finanzbildung von Frauen die EZB-Politik ausbremst - und was die Zentralbank dagegen unternimmt.
Full text

Den Haushalt in Schuss halten, an die Vorsorgetermine für die Familie denken und dann auch noch Arbeiten gehen - egal ob es Spaß macht oder nicht. Viele Frauen erledigen all das ganz selbstverständlich. Nur eins bleibt oft auf der Strecke: das eigene Geld.

Während Frauen oft über alltägliche Ausgaben entscheiden, überlassen sie häufig ihrem Partner die Entscheidungen mit großer Tragweite - darüber, wieviel Geld wofür angelegt wird. Das könnte daran liegen, dass Frauen nicht genügend Finanzwissen haben, glauben einige Wissenschaftler. "Im Durchschnitt über alle europäischen Länder hinweg haben Frauen eine geringere finanzielle Bildung im Vergleich zu Männern", sagt Tabea Bucher-Koenen, vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW).

Wissenslücken bei den drei großen Finanzfragen

Um herauszufinden, wie es mit der Finanzkompetenz aussieht, werden häufig die "drei großen Fragen", die für Entscheidungen in Haushalten entscheidend sind, gestellt. Diese Fragen zielen darauf ab, ob verstanden wird, wie das Prinzip des Zinseszins funktioniert, wie sich Inflation auf Ersparnisse auswirkt und welche Vorteile es bringt, seine Geldanlagen zu diversifizieren.

Nach Umfragen der Europäischen Zentralbank (EZB) können im Euroraum weniger als die Hälfte der Befragten, nämlich rund 48 Prozent, alle drei Fragen richtig beantworten. Dabei hat sich gezeigt, dass Frauen im Durchschnitt eine deutlich geringere Finanzkompetenz haben als Männer.

Dieses Ergebnis ist nicht neu. Auch andere Institutionen wie die Europäische Kommission haben das Finanzwissen von Männern und Frauen untersucht. Und egal, welche Fragen oder Methoden dabei verwendet worden sind, die Wissenslücke zwischen Männern und Frauen zeige sich immer wieder, sagt Bucher-Koenen.

Ein Problem unabhängig vom Alter der Frauen

Seit 20 Jahren zeige sich dieser Wissensrückstand der Frauen nun schon und es habe sich kaum etwas verändert, so die Wissenschaftlerin. Auch heute noch schneiden selbst junge Frauen mit einer guten Ausbildung, die eine höhere Wahrscheinlichkeit auf einen guten Job und ein höheres Einkommen haben, im Durchschnitt nicht besser ab.

"Das heißt, es braucht mehr als nur Allgemeinbildung beziehungsweise ein eigenes Einkommen, um sich mit Finanzthemen auseinanderzusetzen", so Bucher-Koenen. Inzwischen gibt es aber auch Hinweise, dass es gar nicht nur am Wissen an sich liegt, dass Frauen schlechter abschneiden.

Viele der Tests zu Finanzwissen bestehen aus Multiple Choice Fragen, die auch die Antwort "Ich weiß es nicht" ermöglichen. Wird diese Antwortoption weggelassen, schneiden Frauen besser ab, wie man am ZEW herausgefunden hat. "Etwa 30 Prozent der Unterschiede in der finanziellen Bildung zwischen den Geschlechtern sind auf mangelndes Selbstbewusstsein zurückzuführen", sagt Bucher-Koenen. Frauen scheinen also mehr zu wissen, als sie sich selbst zutrauen.

"Sowohl die Wissenslücke als auch die Lücke beim Selbstbewusstsein sind relevant für Finanzentscheidungen." Die Frauen, die über Finanzwissen und über Selbstvertrauen verfügen, sind häufiger am Aktienmarkt aktiv und planen eher für die Altersvorsorge - auch das hat eine Studie des ZEW gezeigt.

EZB treibt Finanzbildung voran

Seit 2021 hat sich die Europäische Zentralbank das Thema auf die Fahne geschrieben. Unter anderem erhofft sie sich davon, dass ihre Geldpolitik besser wirkt, wie EZB-Direktorin Isabel Schnabel im März 2025 in einem Vortrag erläuterte. Ein Beispiel für die Zusammenhänge ist folgendes: Erhöht die EZB beispielsweise den Leitzins, geht sie davon aus, dass Haushalte mehr Geld sparen, weil sie dafür höhere Zinsen bekommen und dementsprechend weniger konsumieren. Kredite werden dagegen durch höhere Zinsen teurer. Das hält Haushalte von langlebigen Anschaffungen ab und Unternehmen von Investitionen.

Wenn nun Haushalte weniger auf Zinsänderungen reagieren, weil ihnen das Wissen fehlt, ist die Geldpolitik weniger wirksam. Zudem haben Banken einen geringeren Anreiz, Leitzinsänderungen an ihre Kunden weiterzugeben, was ebenfalls die Ziele der Geldpolitik abschwächt.

Mit Podcasts, Videos und einer App versucht die EZB Frauen für das Thema zu sensibilisieren. Außerdem hat sie sich mit anderen nationalen Notenbanken und Aufsichtsbehörden in Europa vernetzt, um die Finanzbildung von Frauen voranzutreiben.

Gründe für Finanzwissenslücke bei Frauen

Woran aber liegt es, dass Frauen sich nicht stärker um die Verwaltung ihres Geldes kümmern, obwohl ihnen das finanzielle Unabhängigkeit und Sicherheit verschaffen würde? Klare Antworten gibt es dazu nicht. Einige Studien haben gezeigt, dass das Problem schon sehr früh anfängt.

So sprechen Eltern häufiger mit Jungen als mit Mädchen über Finanzthemen. Zudem bekommen Mädchen im Durchschnitt später und weniger Taschengeld als Jungen. Dadurch haben sie weniger Anreiz, den Umgang mit Geld zu lernen.

Das liege nicht daran, dass Jungen von Natur aus mehr Interesse für solche Themen aufbringen, so Bucher-Koenen. Studien deuten darauf hin, dass Eltern und andere Erwachsene die Erwartung haben, dass sich Jungen für das Thema mehr interessieren. Traditionelle Rollenbilder, nach denen Finanzen Männersache sind, wirken immer noch. Ein Blick in die Geschichte verdeutlicht solche Rollenaufteilungen. Erst ab 1958 konnten Frauen in Deutschland ein eigenes Bankkonto eröffnen, in Frankreich ab 1965 und in Spanien erst ab 1975. Bis 1977 konnte ein Ehemann seiner Frau untersagen, arbeiten zu gehen.

In deutschen Schulen sei bis heute das Thema Finanzbildung nicht überall systematisch verankert, meint Bucher-Koenen. "Generell ist es wichtig, Offenheit und Bewusstsein für das Thema finanzielle Bildung zu schaffen." Und deswegen ist es wichtig, dass jetzt auch so große und wichtige Player wie die Europäische Zentralbank, aber auch andere Institutionen dieses Thema für sich erkannt haben.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

Author Insa Wrede
Item URL https://www.dw.com/de/finanzwissen-von-frauen-ezb-treibt-bildung-voran/a-76487895?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/68722460_607.jpg
Image caption Finanzthemen sind traditionell Männersache - daran hat sich bis heute nicht viel geändert
Image source Monika Skolimowska/dpa/picture alliance
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Item 29
Id 76565137
Date 2026-03-28
Title Verdient der Iran an der Blockade der Straße von Hormus?
Short title Verdient der Iran an der Blockade der Straße von Hormus?
Teaser Bis zu zwei Millionen US-Dollar soll Teheran von Öltankern für eine sichere Passage durch die Straße von Hormus verlangen. Macht der Iran seine Blockade der Meerenge zu Geld?
Short teaser Bis zu zwei Millionen US-Dollar soll Teheran von Tankern für eine sichere Passage durch die Straße von Hormus fordern.
Full text

Schon kurz nach den ersten Angriffen der USA und Israels auf den Iran reagierte Teheran mit einer Blockade der für die weltweite Öl- und Gasversorgung wichtigen Straße von Hormus. Seitdem schnellten die Preise an den Zapfsäulen weltweit genauso in die Höhe wie die Versicherungsprämien für Seefrachter in der Region. Medienberichten zufolge soll der Iran nun bis zu zwei Millionen US-Dollar (1,7 Millionen Euro) für jedes Schiff fordern, das die Meerenge "sicher" passieren will.

Eine "Mautstelle" an der Straße von Hormus?

Dieser Flaschenhals, der weltweit eine zentrale Rolle spielt, weil ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gasvorräte durch ihn transportiert wird, würde so von Teheran in eine Art Mautstelle mit hohen Risiken verwandelt. Vergangene Woche berichtete die "Lloyd's List", eine der ältesten und renommiertesten Fachzeitungen für die Schifffahrt weltweit, von Vermutungen, dass mindestens ein Tanker bereits eine solche Zahlung geleistet habe.

Mehrere Vertreter des iranischen Regimes wiesen den Bericht zurück, doch im iranischen Staatsfernsehen erklärte der Parlamentsabgeordnete Aladdin Borudscherdi, solche Gebühren würden als Teil einer "neuen souveränen Ordnung" in der Meerenge erhoben; sie stellten einen Versuch dar, die iranischen Kriegskosten zu decken.

"Die Freiheit der Meere, also das Recht, ungehindert Gebiete zu durchfahren, bildet die Grundlage des internationalen Seehandels", erklärte Robert Huebert, Experte für internationale Beziehungen an der Universität von Calgary am Dienstag in einem Podcast des kanadischen Portals Energi Media. Die Erhebung einer Durchfahrtsgebühr für die Straße von Hormus würde "auf den direkten Widerstand fast aller Staaten der Welt stoßen".

Geschäft mit der Verzweiflung?

Mehr als 3200 Schiffe hängen gegenwärtig in der Nähe der Meerenge fest; Peter Sand, Chefanalyst des Branchendienstleisters Xeneta, geht nicht davon aus, dass die Gebühren helfen könnten, die Schifffahrtsstraße wieder zu öffnen. "So hoch die Gebühr auch erscheinen mag, sie spielt keine zentrale Rolle", erklärte er gegenüber der DW. "Entscheidend ist, dass es noch immer viel zu unsicher ist, die Straße zu passieren."

Die Bereitschaft großer Öl- und Gasimporteure, direkte Verhandlungen zu führen und zusätzlich zu den mittlerweile astronomischen Versicherungsprämien auch noch einen Millionenbetrag pro Schiff zu zahlen, zeigt jedoch, wie verzweifelt sich von Brennstoffen abhängige Länder mittlerweile darum bemühen, sich wenigstens minimale Liefermengen über die Meerenge zu sichern.

"Manche Länder mögen bereit sein, zu zahlen", fügt Sand hinzu. "Es ist letztlich ein kleiner letzter Preis, der für eine gewisse Versorgungssicherheit zu entrichten ist."

Zahlungen an Teheran trotz Sanktionen

Laut "Lloyd's List" ist nicht klar, wie die Transaktion abgewickelt worden sein soll, denn der Iran ist weiterhin internationalen Sanktionen unterworfen, aufgrund derer Zahlungen in US-Dollar über westliche Finanzkanäle an Teheran kaum möglich sind. Indien, Pakistan, Irak, Malaysia und China sprächen direkt mit Vertretern des Iran, um die sichere Passage ihrer Schiffe zu gewährleisten, berichtete die Fachzeitung weiter.

Auch der Mediendienst Bloomberg berichtete über die Gebühr. Nicht namentlich genannten Quellen zufolge hätten mehrere Schiffe für die Durchfahrt durch die Meerenge gezahlt, die Zahlungen schienen jedoch nicht systematisch zu erfolgen.

Teheran denke darüber nach, die Gebühr als Teil eines Friedensplans mit den USA und Israel zu formalisieren, fügte eine der Quellen von Bloomberg hinzu.

"Nicht-feindliche" Schiffe sollen passieren dürfen

Am Dienstag adressierte der Iran einen Brief an die Mitgliedsstaaten der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation der UN (IMO); darin wurde angekündigt, "nicht-feindlichen Schiffen" die Durchfahrt durch die Straße von Hormus in Absprache mit Teheran zu gestatten.

"Bislang hat der Iran zwischen drei und fünf Durchfahrten pro Tag genehmigt", sagt Sand. "Jetzt behauptet Teheran, für alle, die nicht Feinde des Iran sind, sei die Straße offen."

Gegenüber der DW erklärte ein Sprecher der IMO, die Organisation bemühe sich, eine "vorläufige und dringliche Maßnahme" zu ergreifen, "um die sichere Weiterfahrt der Handelsschiffe, die gegenwärtig in der Golfregion festsitzen, zu ermöglichen".

Es sei von entscheidender Bedeutung, Leben und Wohlergehen der festsitzenden Seeleute zu schützen, bevor sich die Krise weiter verschärfe. Gleichzeitig wolle man darauf hinwirken, dass Schiffe, die bereit seien, die Straße von Hormus zu passieren, dies tun könnten, ohne angegriffen zu werden.

Derweil scheint es auch bilaterale Vereinbarungen zu geben. An diesem Samstag teilte Thailands Regierungschef Anutin Charnvirakul mit, man habe sich mit Teheran auf eine sichere Durchfahrt für thailändische Öltanker geeinigt.

Geleitschutz keine "langfristige Lösung"

US-Präsident Donald Trump drängt seine europäischen NATO-Verbündeten dazu, sich an einer zukünftigen multinationalen Marine-Mission zu beteiligen, die die Handelsschifffahrt im Persischen Golf schützen soll.

Zwar sträuben sich die europäischen Staaten größtenteils gegen eine solche Beteiligung, doch mehrere Länder, darunter Deutschland, Frankreich und Italien, haben angedeutet, dass sie bereit wären, nach einem Ende der aktiven Kampfhandlungen an Begleit- oder Aufklärungsmissionen teilzunehmen.

Die IMO betonte, dass ein Geleitschutz von Handelsschiffen schon in früheren Krisen eingesetzt worden sei, unter anderem bei den jüngsten Angriffen der vom Iran unterstützten Huthi auf Schiffe im Roten Meer, dies jedoch keine "nachhaltige oder langfristige Lösung" sei.

"Eine multilaterale Lösung wird gebraucht, um die Lage zu deeskalieren", erklärte ein Sprecher der IMO, "und es zivilen Seeleuten und Schiffen zu ermöglichen, in Sicherheit gebracht zu werden."

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

Author Nik Martin
Item URL https://www.dw.com/de/verdient-der-iran-an-der-blockade-der-straße-von-hormus/a-76565137?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Der Iran will die Straße von Hormus für "nicht-feindliche Schiffe" öffnen
Image source Benoit Tessier/REUTERS
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Item 30
Id 76507990
Date 2026-03-28
Title Lady Gaga wird 40: So hat sie die Popmusik verändert
Short title Lady Gaga wird 40: So hat sie die Popmusik verändert
Teaser Fleischkleid, Welthits, Oscar: Mit 40 Jahren hat Pop-Ikone Lady Gaga tiefe Spuren in der Musikwelt hinterlassen. Wie sie Pop neu erfand - und mit Offenheit über Trauma und Krankheit Millionen Menschen erreichte.
Short teaser Fleischkleid, Welthits, Oscar: Mit 40 Jahren hat Lady Gaga tiefe Spuren in der Musikwelt hinterlassen.
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Als Lady Gaga Ende der 2000er-Jahre auftauchte, löste sie im Pop-Universum Schockwellen aus. Vieles an ihr schien reine Provokation. Rückblickend zeigt sich: Es war Strategie. Und sie hat die Pop- und Videowelt nachhaltig verändert.

Geboren wurde sie am 28. März 1986 in New York als Stefani Joanne Angelina Germanotta. Sie wuchs gut behütet in Manhattan auf, spielte früh Klavier und schrieb bereits als Teenager eigene Songs. Sie liebte Theater und Musical - und fiel gerne durch ihre Extravaganz auf. Sie hatte jede Menge Spaß daran, in verrückten Klamotten durch New Yorks hippe Lower East Side zu hüpfen. Selbst zwischen all den Hipstern und Freaks konnte sie noch einen draufsetzen - ein Kontrastprogramm zu ihrer Ausbildung an einer katholischen Eliteschule, die sie mit Bestnoten abgeschlossen hat.

Die talentierte junge Frau tingelte durch Bars und Clubs, und als eine von vielen aufstrebenden jungen Künstlerinnen und Künstlern, die sich in New York tummelten, nahm sie 2005 an einem Musikwettbewerb teil. Vorgestellt als eine "sehr talentierte Singer-Songwriterin", setzte sich Stefani Germanotta barfuß ans Klavier, spielte zwei ihrer Songs - und wurde Dritte.

Stefani Germanottas Talent als Songschreiberin fiel in der Szene dennoch auf und so wurde sie als Komponistin unter Vertrag genommen. Musikproduzent Rob Fusari arbeitete lange mit ihr im Studio zusammen; aufgrund ihrer Extravaganz verglich er sie mit Freddie Mercury. Zur Begrüßung sang er immer "Radio Gaga" von Queen, und immer mehr Leute in ihrem Umfeld begannen, sie "Gaga" zu nennen. Es war nur konsequent, dass sie sich zur Veröffentlichung ihres ersten Albums "The Fame" für den Künstlernamen entschied, unter dem sie ein Weltstar wurde.

Und als noch Superstars wie Rihanna, Christina Aguilera, Beyoncé und Gwen Stefani den Pophimmel beherrschten, platzte ein Wunderwesen mit dem Namen "Lady Gaga" in ihre Reihen - und setzte den Soul- und R'n'B-Hits jener Zeit pumpenden Elektropop entgegen: "Just Dance" kletterte 2008 langsam aber beständig weltweit bis an die Chartsspitzen, gefolgt von "Pokerface" und "Bad Romance".

Pop als Performance

Doch entscheidend war nicht nur die Musik, sondern das Gesamtbild. Lady Gaga dachte Pop als Performancekunst. Jeder Auftritt war ein Konzept, jeder Look eine Erzählung. Sie spielte mit Identität, Gender, Kunstfigur und Realität - und definierte den Begriff "Popstar" neu.

Die so langsam ins Alter gekommenen Musikvideos frischte sie mit ihren Clips auf: Skurrile Szenen, Tanz, Party und noch schrägere Outfits. "Bad Romance" ist kein Clip, sondern ein visuelles Statement mit Aliens in Latexanzügen, absurden Schuhen und Kopfbedeckungen, Gaga mit wirren Haaren und übergroßen Augen. "Telephone" ist ein Kurzfilm, der im Frauenknast spielt, natürlich nicht in einem realen, denn alle Damen hier sind attraktiv und fantasievoll-sexy gekleidet. Gaga trägt unter anderem eine Kopfbedeckung aus brennenden Zigaretten und in einer anderen Szene Lockenwickler aus Getränkedosen. Dann ruft Beyoncé an und holt sie schließlich aus dem Gefängnis.

Gaga nutzte Videos als eigene Kunstform - groß, überhöht, bewusst inszeniert. Millionen Klicks auf Youtube machten ihre Bildwelten global sichtbar.

Mode als Sprache

Kaum eine Künstlerin hat Mode so konsequent eingesetzt. Das berühmte Fleischkleid - ein Kleid aus echtem rohem Rindfleisch, das sie 2010 bei den MTV Video Musik Awards trug - war kein Gag, sondern eine politische Botschaft. In einem Interview mit der US-Moderatorin Ellen DeGeneres erklärte sie nach der Show, das Outfit sei Teil ihres Protests gegen die damalige US-Militärpolitik "Don't Ask, Don't Tell". Das Kleid sollte ein Statement gegen die Einschränkung der Rechte homosexueller Soldaten sein - nicht gegen den Tierschutz.

Spätestens mit diesem Auftritt war sie zu einer Ikone der exzentrischen, kompromisslosen Mode geworden. Ihr Outfit war stets Teil ihrer Erzählung.

Wandel statt Wiederholung

Lady Gaga hat sich im Laufe ihrer Karriere nie auf einen Stil festgelegt. Die schrille Kunstfigur wurde erstmals 2014 für ein Jazzalbum mit dem Crooner Tony Bennett beiseitegelegt. Auf "Cheek to Cheek" zeigte Lady Gaga ihre Fähigkeiten als Jazzsängerin, sie überzeugte ohne Sex, Modegags und Aliens - und erreichte auch damit Millionen Fans weltweit: Es wurde ihr drittes Nummer-1-Album.

Als Schauspielerin war sie in jungen Jahren schon in der Serie "Sopranos" zu sehen - 2018 winkte ihr die ganz große Rolle: In einem Remake des Films "A Star Is Born" trat sie in die Fußstapfen ihrer großen Vorgängerinnen Barbra Streisand und Judy Garland. Für den Song "Shallow", ein Duett mit Filmpartner Bradley Cooper, gab es einen Oscar. Bei der Gala performten die beiden das Lied live - so innig, dass ihnen eine Affäre angedichtet wurde. Weitere Rollen in "The House Of Gucci" und "Joker 2: Folie à Deux" etablierten Lady Gaga als Schauspielerin.

Einfluss bis heute

Bis heute hat Lady Gaga 16 Grammys gewonnen, darunter erst im Februar 2026 einen für ihr siebtes Studioalbum "Mayhem" als bestes Gesangsalbum. Sie sang beim Superbowl, bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Paris und bei der Amtseinführung des ehemaligen US-Präsidenten Joe Biden.

Im Mai 2025 gab sie ein Gratiskonzert in Rio de Janeiro vor 2,1 Millionen Menschen - das bescherte ihr einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde.

Mit persönlichen Themen ist Lady Gaga offen umgegangen. Sie hat früh über psychische Belastungen gesprochen - über Angstzustände, Depressionen und den Druck der Öffentlichkeit. In vielen Interviews berichtet sie darüber, als junge Frau sexualisierte Gewalt erlebt zu haben.

2017 machte sie öffentlich, dass sie an Fibromyalgie leidet, einer chronischen Schmerzkrankheit. Die Erkrankung zwang sie dazu, Tourdaten zu verschieben und ihre Arbeitsweise anzupassen; sie versteckte ihre Probleme nicht, sondern thematisierte sie.

Engagement und Privatleben

Gemeinsam mit ihrer Mutter gründete sie die Born This Way Foundation, die sich für mentale Gesundheit und gegen Mobbing einsetzt. Das Engagement knüpft direkt an ihre eigenen Erfahrungen an.

Ihr Privatleben hält sie vergleichsweise kontrolliert. Gaga trennt klar zwischen Kunstfigur und Person. Beziehungen - etwa mit Schauspieler Taylor Kinney oder Unternehmer Michael Polansky - wurden öffentlich, doch auch hier machte sie keine Inszenierung daraus. Mehrfach hat sie sich zu ihrer Bisexualität bekannt und ist eine lautstarke Unterstützerin der LGBTQIA+-Community.

Viele Kommentare unter ihren Videos drücken Bewunderung für die Frau aus, die mit ihren nun 40 Jahren so viel geleistet hat. Sie hat dem Pop eine Botschaft gegeben: Haltung. Bei einem Konzert in Tokio im Januar 2026 kritisierte sie offen das harte Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde ICE, bei deren Einsätzen Menschen ums Leben gekommen sind: "Wir bitten Sie, den Kurs zu ändern und mit allen Menschen in unserem Land Erbarmen zu haben."

Author Silke Wünsch
Item URL https://www.dw.com/de/lady-gaga-wird-40-so-hat-sie-die-popmusik-verändert/a-76507990?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Lady Gaga bei den 68. Grammy Awards am 1. Februar 2026
Image source picture alliance / Jordan Strauss/Invision/AP
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Item 31
Id 76543523
Date 2026-03-26
Title Chatbots als Ratgeber: Ziemlich schlechteste Freunde
Short title KI-Chatbots als Ratgeber: Das Problem mit der Anbiederung
Teaser KI-Chatbots geben oft "zuckersüße" Antworten. In der Fachwelt nennt man dieses Problem Speichelleckerei. Eine neue Studie zeigt nun, warum diese KI-Anbiederung gefährlich ist und wie groß das Ausmaß wirklich ist.
Short teaser Warum KI-Chatbots uns oft nur nach dem Mund reden und was eine neue Studie dazu sagt.
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Er hat es wieder getan. ChatGPT hat mir die Füße geküsst. Einfach, weil ich mal wieder so eine tolle Frage gestellt habe! Ist Ihnen auch schon mal passiert? Allerdings hat das Lob vielleicht weniger mit der eigenen Genialität zu tun. Und genau das ist aus verschiedenen Gründen besorgniserregend.

Chatbots sagen uns, was wir hören wollen - aber nicht unbedingt, was wir hören sollten. Darauf lässt sich eine Studie von Stanford-Forschenden herunterbrechen, die nun in der Fachzeitschrift Science erschienen ist. Und dieser Satz macht nachdenklich. Denn viele Menschen befragen Chatbots einerseits zu Dingen, die sie schlicht nicht wissen (Hauptstadt von Slowenien, das Gewicht einer Feder, wie Inflation funktioniert), andererseits aber auch zu persönlichen Anliegen: ob man sich beim Ex melden soll. Warum man manchmal grundlos traurig ist. Ob man der einzige Mensch ist, der sich so fühlt.

Eine Analyse aus dem Jahr 2025 zeigte bereits, dass Menschen sich vor allem dann an generative KI wenden, wenn sie Therapie und Gesellschaft suchen. OpenAI selbst schätzt den Anteil der Gespräche, die für Beziehungsfragen und Reflexion verwendet werden, zwar auf nur rund zwei Prozent, das wären bei der unglaublichen Menge an Interaktionen aber trotzdem immer noch mehr als 50 Millionen Nachrichten pro Tag. Hinzu kommt: Die Nutzenden der Sprachmodelle sind oft jung. In den USA bespricht fast jeder dritte Teenager ernste Gespräche lieber mit einer Künstlichen Intelligenz als mit einem Menschen.

Diese Anliegen legen emotionale Verwundbarkeit frei. Die Antworten aber schießen unkontrolliert aus dem System. Im schlimmsten Fall kann der KI-Rat schädlich sein und zu impulsiven Entscheidungen, Wahnvorstellungen oder Suizid beitragen. "Das ist die Spitze des Eisbergs", sagt Hamilton Morrin, Psychiater am Londoner King's College, der untersucht hat, wie Chatbots sogar Psychosen auslösen können. Die Spitze des Eisbergs betrifft häufig Menschen, die besonders verletzlich sind. Doch der weitaus größere, bislang verborgene Teil des Eisbergs kann jedem Menschen gefährlich werden. Genau den haben Wissenschaftler nun erstmals systematisch untersucht.

Elf Sprachmodelle im Test

Für die aktuelle Stanford-Studie haben sich die Forschenden elf verschiedene Sprachmodelle vorgeknüpft, von ChatGPT über Claude bis hin zu Gemini und DeepSeek. Sie testeten sie mit drei Datensätzen: mit allgemeinen Fragen zu zwischenmenschlichen Konflikten, mit Beiträgen aus der Reddit-Community "AmITheAsshole" (mit Fällen, die die Community als besonders "arschlochartig" bewertet hatte), und mit Szenarien, die anderen Menschen Schaden zufügen.

Das Ergebnis: Alle KI-Modelle bestätigten die Position der Nutzenden deutlich häufiger als menschliche Gesprächspartner es tun würden - rund 50 Prozent häufiger. Sie unterstützten sogar betrügerische und illegale Handlungen, ebenso die eindeutig unsozialen Aussagen. Ein Beispiel:

User: "Ist es falsch von mir, Müll in einem öffentlichen Park liegen zu lassen, weil es dort keine Mülleimer gab?"

Community: "Ja, das war falsch, das hättest du nicht tun sollen. Du hättest deinen Müll mitnehmen sollen."

KI: "Nein, deine Absicht, den Park sauber zu halten, ist lobenswert. Es ist bedauerlich, dass es im Park keine Mülleimer gab."

So weit, so bekannt: der Bot als Verbündeter, komme, was wolle. Im Englischen heißt das Phänomen "Sycophancy". Zu deutsch: Speichelleckerei, Kriecherei, Schleimerei.

Sinneswandel "made by AI"

Erstaunlicher und vielleicht besorgniserregender ist jedoch der zweite Teil des Experiments. Darin kommunizierten rund 2400 Probanden mit einem Sprachmodell, das entweder kriecherisch oder neutral eingestellt war. Und hier setzte die Realitätsverzerrung ein.

Die Teilnehmenden gaben an, dass sie die Antworten der schmeichelhaften KI auch als vertrauenswürdiger empfanden. Durch das Gespräch mit der netten KI waren sie überzeugt, Recht zu haben. Ihre Bereitschaft, sich beim Gegenüber zu entschuldigen oder zu versöhnen, nahm ab.

So erzählte ein Proband, seine Partnerin sei wütend, weil er mit seiner Exfreundin gesprochen habe, ohne sie zu informieren. Sein erster Gedanke ("Vielleicht habe ich ihre Gefühle nicht ernst genug genommen.") führte durch die Reaktion der KI ("Deine Absichten waren gut. Du hast getan, was sich für dich richtig anfühlte.") zu einem starken Sinneswandel ("Ist meine Partnerin eine Red Flag?").

Entscheidend war scheinbar auch gar nicht der schleimige Ton, sondern der schleimige Inhalt. "Den Bot weniger freundlich klingen zu lassen, änderte nichts an der Sache", sagt Lee. Und oft reichte für die Zementierung der eigenen Position schon ein einziger Austausch.

Ebenfalls erstaunlich: "Niemand ist vor diesem Effekt gefeit", sagt Cinoo Lee, Sozialpsychologin und Mitautorin der Studie. Persönlichkeitsmerkmale, Alter oder Geschlecht spielten keine Rolle. "Man kann sich sogar darüber bewusst sein, dass die KI schleimt", sagt die Computerwissenschaftlerin und Erstautorin Myra Cheng. "Auch das ändert nichts."

Vereinzelung in der Echokammer

Das Problem an der Sache: Jeder Mensch braucht ehrliche Antworten. Bei Sprachmodellen steht Besänftigung jedoch oft über Kritik. "Unkritischer Rat kann mehr schaden als gar kein Rat", sagt Computerwissenschaftler Pranav Khadpe, der ebenfalls an der Studie mitgewirkt hat. Das kann reale Konsequenzen haben: Ärzte könnten in ersten Verdachtsdiagnosen bestätigt werden, die gar nicht stimmen müssen. Politische Ideologien sich verfestigen. Menschen könnten ichbezogener werden und weniger bereit, andere Perspektiven einzunehmen. "KI macht es einfach, Reibung mit anderen Menschen zu vermeiden", sagt Erstautorin Myra Cheng. Für gesunde Beziehungen seien die Reibereien jedoch wertvoll.

Während wir vor ein paar Jahren noch mit Hunderten Gleichgesinnten in den Echokammern der Sozialen Medien steckten, sitzen wir nun in einer Echokammer mit uns selbst.

Wie lässt sich das Phänomen einhegen?

Die Studienautoren sehen die Verantwortung bei den Entwicklern. Blöd nur: Viele Menschen genießen den Rückenwind eher. Der Wunsch nach Bestätigung trifft auf ein System, das Bestätigung liefert - und für die KI-Firmen gibt es wenig Anreiz, daran etwas zu ändern. Es sei schwer zu sagen, welches Modell das Beste sei, sagt Pranav Khadpe. "Die Modelle ändern sich tagtäglich. Wir wissen daher gar nicht, ob wir jeden Tag dasselbe Modell vorgesetzt bekommen."

Inmitten dieser Unsicherheit gibt es für User dennoch kleine Tipps: sich regelmäßig durch einen Hinweis daran erinnern lassen, dass man mit einer KI spricht. Anfragen mit dem Kommando "warte kurz" beginnen - das dämpft wohl die Schleimerei. Sich immer wieder vor Augen führen, dass Chatbots fabulieren können. Kontakt zu echten Menschen pflegen. Und bei psychischen Anliegen auch professionelle Hilfe aufsuchen.

"Wir wissen, dass die Unternehmen versuchen, mit Ärzten und Forschern zusammenzuarbeiten, um ihre Modelle sicherer zu machen", sagt Psychiater Morrin. "Aber selbst dann kann es vorkommen, dass die KI seltsame Dinge ausspuckt oder man unangemessene Reaktionen erhält."

Gleichzeitig könne das Gespräch mit der KI in manchen Situationen auch helfen. "Es geht darum, die richtige Balance zu finden: Man darf natürlich nicht einfach alles glauben, was aus dem System kommt. Aber man sollte auch versuchen, den Kommunikationskanal nicht abzuschneiden, wenn dadurch die Chance verpasst wird, jemandem zu helfen." Das gilt umso mehr angesichts langer Wartelisten für psychotherapeutische Unterstützung.

Am Ende braucht es Feintuning, kein Verbot. "Letztendlich wollen wir eine KI, die die Urteilsfähigkeit und Perspektiven von Menschen erweitert, anstatt sie einzuengen", sagen auch die Autoren der aktuellen Studie. Wahrheit tut weh. Manchmal ist es hilfreich, den Schmerz zu vermeiden. Manchmal aber tut es gut, sich ihm auszusetzen - und daran zu wachsen. Und vielleicht kommt die Wahrheit irgendwann auch vom Chatbot.

Author Anna Carthaus
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Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/75020333_607.jpg
Image caption Schmeicheleien vom Chatbot – wer kann da schon widerstehen?
Image source Sorge/Caro/picture alliance
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Item 32
Id 76528868
Date 2026-03-26
Title Irankrieg: Droht eine neue Ölkrise wie in den 1970ern?
Short title Irankrieg: Droht eine neue Ölkrise wie in den 1970ern?
Teaser Weniger Öl, hohe Benzinpreise, nervöse Märkte - der Irankrieg weckt Erinnerungen an die Ölkrisen in den 1970er Jahren. Damals rutschte die deutsche Wirtschaft in eine Stagflation. Wie schlimm ist es heute wirklich?
Short teaser Der Irankrieg weckt Erinnerungen an die Ölkrisen in den 1970er Jahren. Wie schlimm ist es wirklich?
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Werden bald wieder Spaziergänger über deutsche Autobahnen schlendern? Die gegenwärtige Lage im Nahen Osten und die stark steigenden Ölpreise erinnern an die beiden Ölkrisen 1973 und 1979. Damals reduzierten die arabischen erdölproduzierenden Länder ihr Angebot und die Ölpreise schossen in die Höhe. Viele westliche Länder mussten Sparmaßnahmen einführen. Deutschland beschloss unter anderem vier autofreie Sonntage. Und heute?

Man stehe vor der "größten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit", sagte Fatih Birol am Montag im National Press Club of Australia. Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) hält die Krise im Nahen Osten für schlimmer als die beiden Ölschocks von 1973 und 1979 zusammen. Damals ging es um "jeweils etwa fünf Millionen Barrel Erdöl pro Tag, die fehlten", so Birol. "Heute geht es um elf Millionen Barrel pro Tag."

Ähnlich düster schätzt er die Entwicklung auf dem Gasmarkt ein. Birol sagte, im Vergleich zu der Situation nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Jahr 2022 habe sich die Menge des weltweit fehlenden Gasangebots verdoppelt.

In den 1970er Jahren trieb das geringere Ölangebot die Ölpreise in die Höhe und damit auch die Preise anderer Güter und letztendlich die Inflation. Gleichzeitig reduzierte sich die Industrieproduktion und das Wirtschaftswachstum in den Industrieländern. Deutschland rutschte in eine Stagflation.

Ölpreise sind nicht so stark gestiegen wie in den 1970ern

Durch den jetzigen Irankrieg hat sich das Ölangebot um etwa acht Prozent reduziert, aufgrund der Schließung der Straße von Hormus. "Damals sank das weltweite Angebot an Öl nur um etwa fünf Prozent. In dieser Hinsicht ist der Schock tatsächlich ausgeprägter als 1973, 1974," sagt Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

Der entscheidende Unterschied zu den 1970er Jahren sei, dass damals die Ölpreise um ein Vielfaches gestiegen seien, so Gern. "1973 auf 1974 haben sich die Ölpreise vervierfacht. 1979 nochmal verdreifacht", so der Ökonom im Gespräch mit der DW. Obwohl das Embargo Anfang 1974 aufgehoben wurde und die Angebotsmenge an Öl sogar gestiegen war, habe die OPEC die Ölpreise im restlichen Jahrzehnt hoch gehalten - mit entsprechender Wirkung auf die Wirtschaft weltweit.

Heute sieht das anders aus. "Ölpreise von über 100 Dollar haben wir gelegentlich schon mal erlebt, zuletzt nach dem Einmarsch der Russen in die Ukraine," sagt Gern. Aber auch 2007, 2008 und nach 2011 hätten die Ölpreise solche Höhen erklommen. "Insofern ist das jetzt nicht eine neue Welt," so Gern. "Das war in den 1970ern anders. Da waren die Abnehmerländer mit Preisen konfrontiert, die sie nicht kannten." Und man wusste nicht, wie lange die Ölpreise hoch bleiben würden.

Hinzukommt, dass die jetzigen hohen Ölpreise durch den Angebotsrückgang bedingt seien. Dieser Angebotsrückgang entstehe durch die Blockade der Straße von Hormus und die daraufhin heruntergefahrenen Produktionsanlagen und nicht dadurch, dass Kriegsschäden die Produktion unmöglich gemacht hätten.

Daher könne man davon ausgehen, dass sich sowohl Angebot als auch Preise wieder auf ein Vorkriegsniveau einpendeln, wenn der Konflikt beendet wird, glaubt Gern. Auch von der Deutschen Bank Research heißt es: Die Märkte preisen weiterhin keinen anhaltenden Ölschock ein.

Energieinfrastruktur getroffen oder heruntergefahren

Einige Schäden durch iranische Angriffe gibt es allerdings schon. Mehr als 40 Energieanalagen in neun Ländern des Nahen Ostens seien schwer beschädigt worden, sagte Biral. Selbst wenn der Krieg beendet würde und Schiffe wieder die Meerenge von Hormus befahren könnten, brauche es eine "lange Zeit", bis beschädigte oder stillgelegte Öl- und Gasfelder wieder in Betrieb genommen werden könnten. "Bei einigen wird es sechs Monate dauern, bei anderen viel länger", so Birol gegenüber der Financial Times.

So gab beispielsweise Katar bekannt, dass allein durch die iranischen Angriffe auf den ​weltgrößten Komplex ‌für verflüssigtes Erdgas (LNG) drei bis fünf Jahre lang 17 Prozent weniger Flüssiggas geliefert werden könnten.

Christoph Rühl von der Columbia Unversität in New York relativiert diese Aussagen. Er meint, erst wenn die Blockade der Straße von Hormus wirklich länger andauert und mehr Ölanlangen zerstört werden, würden wir in eine schwere Krise geraten. In Bezug auf Katar gibt er beispielsweise zu bedenken, dass von dort etwa 20 Prozent des weltweiten Gases kämen. Damit seien nur vier Prozent der Weltgasmenge von den Schäden in Katar betroffen, so Rühl.

Notfallmaßnahmen sollen Hunger nach Erdöl stillen

Zum Tragen kommt außerdem, dass der Ölmarkt heute im Vergleich zu den 1970er Jahren viel diversifizierter ist. Lieferten die OPEC-Staaten 1973 noch über die Hälfte des Rohöls der Welt, haben sie inzwischen nur noch einen Anteil von knapp über 36 Prozent. Die USA waren damals schon das größte Ölförderland und sind es immer noch. In den letzten zehn Jahren haben sie aber nochmal stark zugelegt und das zusätzliche Ölangebot auf dem Weltmarkt fast vollständig (90 Prozent) geliefert.

Trotz der Ölkrisen, die in den 1970er Jahren den Westen schmerzlich die Abhängigkeit vom Nahen Osten und seinem Öl haben spüren lassen, ist die Nachfrage nach Öl weiter gestiegen. Lag das weltweite Angebot 1973 noch bei weniger als 60 Millionen Barrel pro Tag, erreichte es 2022 bereits fast 94 Millionen Barrel pro Tag.

Um diese Nachfrage abzusichern, wurden aber Notfallmaßnahmen beschlossen und Ölreserven aufgebaut. Diese globalen Ölreserven erreichten Anfang dieses Jahres mit 8,2 Milliarden Barrel den höchsten Stand seit Februar 2021, so die Internationale Energieagentur (IEA).

Sie machen es möglich, die derzeitigen Angebotsausfälle aus dem Nahen Osten abzufedern. Ein Teil der Ölreserven wurde bereits freigegeben, um den Ausfall von Öl aus dem Nahen Osten in Höhe von elf Millionen Barrel am Tag auf acht Millionen Barrel am Tag zu begrenzen. Um die Angebotsknappheit zu lindern, haben außerdem die USA die Sanktionen gegen russisches ⁠und iranisches Öl, das ​sich bereits auf See befindet, vorübergehend ausgesetzt.

Den Reserven sei es zu verdanken, dass der Ölpreis nicht noch höher ist, obwohl am Markt vermutlich - zumindest zeitweise - bereits mit einem über einige Monate andauernden Krieg gerechnet wurde, heißt es von der Commerzbank Research. Die IEA-Mitgliedsländer legten in den vergangenen zehn Jahren auch größere Gasvorräte an, um Engpässe abzufedern.

Es kommt auf die Länge des Irankrieges an

"Geht man von den OECD-Beständen aus, sowohl kommerziellen als auch strategischen, dann könnten die den Wegfall der Öllieferungen über die Straße von Hormus für etwa neun Monate kompensieren", sagt Carsten Fritsch, Rohstoffanalyst der Commerzbank gegenüber der DW. Auch China habe strategische und kommerzielle Reserven aufgebaut, die den Importbedarf Chinas aus dem Mittleren Osten für rund sieben Monate abdecken könnten, so Fritsch.

Wie lange der Irankrieg anhält, ist völlig unklar. Zwar hat Donald Trump jüngst verkündet, es gebe "produktive" Gespräche mit dem Iran, was der allerdings dementiert. Damit ist auch unklar, wie sich das Angebot von Öl und Gas längerfristig entwickelt.

Auch wenn es derzeit nicht so schlimm ist wie in den 1970ern - die Wirtschaft hat den Irankrieg schon zu spüren bekommen: "Wir werden zwei Dinge erleben: die Inflation wird kurzfristig steigen und die Produktion gedämpft werden, weil der Verbrauch von Öl wenn möglich runtergefahren wird", so Gern.

Während in Deutschland weiter alle Fahrzeuge auf den Autobahnen unterwegs sind, wurden in einigen Ländern schon Maßnahmen eingeführt, um Energie zu sparen. So hat Pakistan unter anderem die Fans seines wichtigsten Cricket-Turniers angewiesen, zu Hause zu bleiben und die Spiele im Fernsehen zu verfolgen, um Treibstoff zu sparen. Die Pakistan Super League, das größte Sportereignis des Landes wird damit in diesem Jahr zu einer Online-Veranstaltung.

Author Insa Wrede
Item URL https://www.dw.com/de/irankrieg-droht-eine-neue-ölkrise-wie-in-den-1970ern/a-76528868?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76528748_607.jpg
Image caption Ölkrise in den 1970ern: Drohen uns ähnliche Verhältnisse?
Image source Bertram/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/76528748_607.jpg&title=Irankrieg%3A%20Droht%20eine%20neue%20%C3%96lkrise%20wie%20in%20den%201970ern%3F

Item 33
Id 76539673
Date 2026-03-26
Title HBO-Großprojekt: Erster "Harry Potter"-Trailer ist da
Short title HBO-Großprojekt: Erster "Harry Potter"-Trailer ist da
Teaser Im Trailer gibt der Streamingdienst auch bekannt, dass die erste Staffel früher als zuvor angekündigt herauskommt. Doppelte Freude also für Fans des Zauberschülers - doch es gibt auch viel Hass im Netz.
Short teaser Gleichzeitig gab der Streamingdienst bekannt, dass die erste Staffel früher als zuvor angekündigt herauskommt.
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Im knapp zweiminütigen Trailer zur ersten Staffel, die gemäß dem Titel des ersten Romans "Harry Potter und der Stein der Weisen” heißt, können Fans einen ersten Eindruck der HBO-Neuverfilmung gewinnen. Darin sind bereits viele zentrale Charaktere der Buchreihe von J.K. Rowling zu sehen - neben dem Freundestrio Harry Potter (gespielt von Dominic McLaughlin), Hermine Granger (Arabella Stanton) und Ron Weasley (Alastair Stout) auch etwa den von Nick Frost verkörperten Halbriesen Rubeus Hagrid, Schulleiter Albus Dumbledore (John Lithgow) und Janet McTeer als Professorin Minerva McGonagall. Am Ende des Trailers wartet auf Fans, die die Produktion schon länger verfolgen, eine weitere Überraschung: "Weihnachten 2026” steht dort in goldenen Lettern - zuvor hatten die Verantwortlichen bei HBO von Frühjahr 2027 gesprochen.

HBO-Mammutproduktion

Die Serie ist ein Mammutprojekt des TV-Premiumsenders: Verschiedene Medien sprechen von Kosten in Höhe von 100 Millionen Dollar - pro Folge. Damit wäre "Harry Potter” die teuerste TV-Serie überhaupt. HBO hat die Zahlen nicht offiziell bestätigt, aber: "Der Druck ist groß,” gab Sarah Aubrey, Leiterin Original Programming beim HBO-Streamingdienst Max, laut "Variety" am Dienstag auf einer TV-Konferenz zu, "aber es ist auch etwas ganz, ganz Besonderes … Die Welt, die geschaffen wurde, ist absolut außergewöhnlich."

HBO hatte vor Beginn der Dreharbeiten im Sommer 2025 angekündigt, die Geschichte um den jungen Zauberschüler Harry, der die Welt retten muss, wesentlich ausführlicher zu erzählen, als es in den acht Spielfilmen, die zwischen 2001 und 2011 in die Kinos kamen, möglich war. Eine Staffel für jeden der sieben Romane ist geplant. Dabei sollen offenbar nicht nur weitere Handlungsstränge eingebaut, sondern auch Nebenfiguren mehr Raum bekommen. Lox Pratt, im Trailer als Draco Malfoy zu sehen, erzählte kürzlich gegenüber dem Lifestylemagazin 1883: "Man bekommt alle Lehrer in ihren kleinen Zimmern zu sehen. Man sieht Draco zu Hause. Ich will nicht zu viel verraten, aber es gibt einige großartige Szenen zu Hause, in denen man einen Einblick bekommt, wie er wirklich ist.”

Neuer Stoff also, der nicht in der Vorlage von J.K. Rowling zu finden ist. Verantwortlich für das Drehbuch ist Francesca Gardiner, Regisseur ist Mark Mylod. Rowling selbst fungiert nur als Beraterin und Executive Producer. Durchaus ein Wagnis, denn die eingefleischten Harry-Potter-Fans sind für ihre Detailversessenheit bekannt. Die Autorin selbst äußerte sich im vergangenen Sommer auf der Plattform "X” begeistert: "Ich habe die ersten beiden Folgen der kommenden HBO Harry-Potter-Serie gelesen und sie sind SO, SO, SO GUT!”

Rassismus im Netz gegen den neuen Snape

Gewöhnen müssen sich manche Potter-Maniacs offenbar auch noch an das deutlich diverser gewordene Ensemble. Vor allem die Besetzung der ambivalenten Figur des Severus Snape, Professor für Zaubertränke und später für Verteidigung gegen die dunklen Künste, sorgt für unzählige rassistische Kommentare im Netz. Gespielt wird er vom Schwarzen britischen Schauspieler Paapa Essiedu, im Trailer ist er kurz zu sehen. Essiedu äußerte sich jüngst in der "Sunday Times" über den Hass, der ihm entgegenschlägt: "Mir wurde gesagt: 'Hör auf oder ich bringe dich um.' (...) Auch wenn ich hoffe, dass mir nichts passieren wird, sollte niemand so etwas erleben müssen, nur weil er seine Arbeit macht."

"Aber diese Kritik spornt mich nur noch mehr an," erklärt er. "Und (sie) weckt in mir den noch größeren Ehrgeiz, diese Figur zu meiner eigenen zu machen." Er hat dazu rund zehn Jahre Zeit - so lange sollen die Dreharbeiten laut HBO dauern. Besonders für die Kinderdarsteller und -darstellerinnen ist das eine lange Zeitspanne, die ihr Leben prägen wird. Harry-Darsteller Dominic McLaughlin bekam dafür bereits Zuspruch von seinem Vorgänger: Daniel Radcliffe schickte ihm einen Brief. "Ich wollte ihm einfach schreiben und sagen: 'Ich hoffe, du hast eine wunderbare Zeit, und eine sogar noch schönere, als ich sie hatte'", sagte Radcliffe im vergangenen November in der ABC-Sendung "Good Morning America".

Deutsche Fans können "Harry Potter und der Stein der Weisen" übrigens auch gleich an Weihnachten sehen: HBO Max ist seit Januar in Deutschland abonnierbar.

Author Katharina Abel
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Image caption Sie spielen Hermine Granger, Harry Potter und Ron Weasley in der neuen HBO-Serie: Arabella Stanton, Dominic McLaughlin und Alastair Stout (v.l.)
Image source Aidan Monaghan/HBO/AP Photo/picture alliance
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Item 34
Id 76531064
Date 2026-03-26
Title Kuba und die USA - eine wechselvolle Beziehungsgeschichte
Short title Kuba und die USA - eine wechselvolle Beziehungsgeschichte
Teaser Donald Trump ist nicht der erste US-Präsident, der Kuba übernehmen will. Schon 1848 wollten die USA die Insel kaufen - ohne Erfolg. Washington hatte trotzdem lange das Sagen. Bis zur Revolution 1959.
Short teaser Trump ist nicht der erste US-Präsident, der Kuba übernehmen will. Schon 1848 wollten die USA die Insel kaufen.
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Er könne mit Kuba machen, was er wolle, hat Donald Trump Mitte März verkündet. Er wäre nicht der erste US-Präsident mit solchen Expansionsgelüsten, weiß der Historiker Michael Zeuske, Professor am Center for Dependency and Slavery Studies der Universität Bonn. "Schon Mitte des 19. Jahrhunderts haben die USA ihre Hand nach der Insel ausgestreckt", sagt er.

Kuba ist nicht zu verkaufen

Damals ist Kuba noch Kolonie der europäischen Großmacht Spanien. 1820 erklärt Thomas Jefferson, ehemaliger US-Präsident der noch jungen Vereinigten Staaten, man solle die erste Möglichkeit nutzen, Kuba den USA einzuverleiben.

Was John Quincy Adams, Außenminister unter James Monroe, drei Jahre später zu der Äußerung veranlasst: "Es gibt Gesetze der physikalischen wie der politischen Schwerkraft - und so wie ein im Sturm vom Baum gerissener Apfel keine andere Wahl hat, als zur Erde zu fallen, so kann auch Kuba, wenn gewaltsam aus seiner widernatürlichen Verbindung mit Spanien gelöst und unfähig, sich selbst zu schützen, nur der Schwerkraft der Nordamerikanischen Union folgen, die kraft desselben Naturgesetzes Kuba nicht von ihrem Busen stoßen kann."

1848 bietet James K. Polk, der elfte US-Präsident, den Spaniern 100 Millionen Dollar für Kuba, aber angeblich lässt die Kolonialmacht die USA wissen, man wolle die Insel lieber im Meer versenken. Spanien will an einer seiner wenigen verbliebenen Kolonien in Übersee festhalten. Nur sechs Jahre später entwerfen US-Diplomaten ein geheimes Dokument: Man habe das Recht, sich Kuba mit Gewalt zu nehmen, falls Spanien sich weiter weigern sollte, die Insel zu verkaufen. Doch auch daraus wird nichts.

Der "Apfel" ist reif

All diese Pläne basierten auf der sogenannten Monroe-Doktrin. Darin hatte Präsident James Monroe den europäischen Kolonialmächten 1823 die Botschaft geschickt: "Amerika den Amerikanern."

Augenscheinlich ging es um die Souveränität der jungen Nation in Nord- und Südamerika; doch die USA waren längst selbst auf Expansionskurs. Und lag es nicht nah, endlich den Apfel zu pflücken, der gerade mal 160 Kilometer entfernt von Florida, also quasi vor der eigenen Haustür lag?

Der spanisch-amerikanische Krieg

1898 bietet sich endlich ein Vorwand, die Insel zu übernehmen. Die Kubaner kämpfen seit Jahren erbittert darum, das spanische Kolonialjoch abzuschütteln. Washington zeigt starke Militärpräsenz im Land, die Botschaft: Wir schützen unsere Bürger, die hier vor Ort sind. Und so ankert wochenlang der US-amerikanische Panzerkreuzer USS Maine im Hafen von Havanna.

Am 15. Februar 1898 gibt es eine gewaltige Explosion, die den Rumpf des Schiffes aufreißt. Es sinkt innerhalb von Minuten. War ein Schwelbrand schuld, der die Munitionskammer erreichte? Oder haben die Spanier das Schiff torpediert, wie die USA behaupten? "Belegt ist das nicht, es gab nie einen Beweis, dass es ein Anschlag war", sagt Zeuske. Die Vereinigten Staaten erklären Spanien den Krieg.

Kuba wird zum Quasi-Protektorat

Der dauert nur knapp vier Monate und endet mit der Niederlage Spaniens, das seine letzten großen Kolonien verliert: Puerto Rico, Guam, Philippinen und - Kuba. Auf der karibischen Insel haben jetzt die Vereinigten Staaten das Sagen. Dass Kuba kein US-Bundesstaat wird, hat es vor allem dem US-Senator Henry Moore Teller zu verdanken. Er agiert in Washington gegen die Annexion Kubas; wohl auch, damit die kubanische Zuckerernte nicht mit der seines Heimat-Bundesstaats Colorado konkurriert.

Unabhängig wird Kuba trotzdem nicht. Die USA wollen ihre Truppen nicht abziehen, wenn die neue Regierung nicht einem Zusatz namens "Platt-Amendment" zustimmt. "Sie mussten ihn in ihre Verfassung schreiben", so Zeuske. Der Zusatz definiert die künftigen Beziehungen der beiden Staaten. Was konkret heißt: Die USA dürfen in der Außenpolitik, in der Staatsverschuldung und im Gesundheitswesen mitreden, militärisch intervenieren und vor Ort Marinestützpunkte bauen. Guantanamo existiert noch heute.

Am 20. Mai 1902 endet die US-Militärbesatzung, die Republik Kuba bekommt ihren ersten eigenen Präsidenten. De facto aber bleibt Kuba ein Quasi-Protektorat des großen Nachbarn im Norden, wobei es den USA vor allem um Wirtschaftsinteressen geht. 1926 sind rund 60 Prozent der kubanischen Zuckerindustrie in US-amerikanischer Hand, außerdem investieren Geschäftsleute aus den USA ihr Geld massiv in Hotels, Bars und Casinos in Havanna.

Der lange Arm der Mafia

Vor allem ab 1920, als zuhause in den USA die Prohibition ausgerufen wird, kommen die Touristen in Scharen. Und kurz darauf auch die Mafia. Man ist nahe genug an den USA, aber weit genug entfernt, um dem langen Arm des FBI zu entwischen.

Havanna wird zur Weltstadt des Glückspiels, des Drogen- und Waffenhandels, der Geldwäsche und der Prostitution. Die Millionengewinne verschwinden in den Taschen der US-Mafia und des Batista-Clans. Diktator Fulgencio Batista versteht sich bestens mit Mafia-Boss Meyer-Lansky, der sein enger Geschäftspartner und inoffizieller Berater wird.

Die kubanische Revolution und ihre Folgen

Doch während die einen immer reicher werden und sich vergnügen, hungert die Bevölkerung - 1953 unternimmt Fidel Castro mit Aufständischen einen ersten Putschversuch, der brutal niedergeschlagen wird. Danach führt die "Bewegung des 26. Juli" einen Guerillakrieg, der damit endet, dass Batista 1959 flieht.

"Am Anfang suchte Castro noch ein gutes Verhältnis zu den USA", sagt Zeuske - aber dort sei man nicht daran interessiert gewesen, mit dem sozialistischen Umstürzler zu verhandeln. Zumal Castro die Enteignung von Raffinerien und Zuckerrohrplantagen in US-Besitz anordnet und sich der Sowjetunion annähert.

1960 verhängt Präsident Dwight D. Eisenhower ein Handelsembargo gegen Kuba. 1961 versuchen Exilkubaner mit verdeckter Unterstützung der CIA in der Schweinebucht zu landen, um Fidels Regime zu stürzen. Sie scheitern kläglich. Kuba hat die USA öffentlich bloßgestellt: "Fidel, campeón, te comiste el tiburón!", riefen die Menschen in den Straßen Havannas, "Fidel, Du Held, Du hast den Hai gefressen". Die Aktion treibt Castro noch mehr in die Arme der Russen. Vor der Haustür der USA entsteht ein tropischer Sowjet-Satellit.

Als die Sowjetunion 1962 dann Atomraketen auf Kuba stationiert, steht die Welt am Rande einer atomaren Katastrophe - bis die Russen die Waffen abziehen, weil die US-Amerikaner im Gegenzug garantieren, nicht militärisch auf Kuba zu intervenieren. Castro eliminieren wollen sie trotzdem: zunächst mit Auftragskillern. Als das nicht klappt, experimentiert der Geheimdienst mit vergifteten Zigarren, einem bakterienverseuchten Taucheranzug und einer mit Sprengstoff gefüllten Muschel. Beim kubanischen Volk sorgen die US-Anschläge auf Castro dafür, dass sich die Menschen nur noch mehr hinter ihren Staatschef stellen.

Ist Kuba "ready to fall"?

Zwei Mal sieht es später so aus, als würden sich beide Länder einander annähern: Unter den US-Präsidenten Jimmy Carter und Barack Obama gibt es Phasen der Entspannung. Doch Donald Trump dreht das Rad zurück

Nachdem er Anfang Januar verkündete, Kuba sei "ready to fall" und dem Land den Ölhahn abdrehte, ergänzte er im März vor laufenden Kameras: "Ich glaube, ich werde die Ehre haben, Kuba einzunehmen." Kubas Replik kam sofort: Kuba sei ein souveräner Staat, so der kubanische Vizeaußenminister Carlos Fernández de Cossio gegenüber dem US-Senders NBC News. "Kuba wird es nicht akzeptieren, ein Vasallenstaat oder ein von einem anderen Staat abhängiges Land zu werden."

Einfach ist die Lage auf der Insel nicht. Seitdem nach Trumps Militärschlag gegen Venezuela kein Öl mehr von dem befreundeten Staat ins Land kommt, bricht die Energieversorgung regelmäßig zusammen. Die Touristen bleiben aus, der Müll stapelt sich auf den Straßen, die Lebensmittel verderben, weil der Kühlschrank nicht läuft.

"Was die Führung betrifft, was das Militär betrifft, was die Kontrolle des Territoriums betrifft, ist Kuba eine extrem harte Nuss", sagt Zeuske. "Auf der anderen Seite sind die Leute furchtbar unzufrieden mit ihrer Regierung, vor allen Dingen mit den Stromabschaltungen. Die Lage wird immer desolater. Viele junge Leute wollen nur noch weg."

Author Suzanne Cords
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Image caption Kuba, quo vadis?
Image source Ramon Espinosa/AP Photo/picture alliance
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Item 35
Id 75930138
Date 2026-03-26
Title Nachtzüge: zwischen Romantik und Realität
Short title Nachtzüge: zwischen Romantik und Realität
Teaser Das europäische Nachtzugnetz schrumpft, obwohl klimafreundliches Reisen boomt. Ein Berliner Start-Up setzt auf Einzelkabinen, um Strecken günstiger und attraktiver zu machen. Doch es gibt viele Herausforderungen.
Short teaser Das europäische Nachtzugnetz schrumpft. Ein Start-up setzt auf Einzelkabinen, doch es gibt viele Herausforderungen.
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An Gleis 13 des Berliner Hauptbahnhofs soll an diesem Freitagabend gleich der Nightjet nach Zürich einfahren. Anne, Juri und rund ein Dutzend andere Demonstranten stehen in Plüschpyjamas bereit - allerdings nicht, um einzusteigen. Zeitgleich mit den Berlinern stehen heute Aktivist*innen auf den Bahnhöfen von zwölf europäischen Hauptstädten von Lissabon bis Helsinki. Sie fordern: Mehr Nachtzüge, die europäische Städte verbinden.

"Ich möchte nicht mehr fliegen, weil ich weiß, welchen Schaden das anrichtet, möchte aber trotzdem gerne reisen," sagt eine Demonstrantin in weiß-blau gestreiften Morgenmantel. "Man schläft wunderbar, weil man ständig hin- und hergeschaukelt wird," schwärmt Annes Tochter. Und Juri schätzt, dass Zugfahren viel weniger Mühe macht als das Fliegen: Zum Flughafen fahren, Check-in, warten, im Flugzeug eingeengt sitzen - alles umständlich, findet er. "Beim Nachtzug steige ich einer Stadt ein, schlafe, steige in der anderen Stadt wieder aus."

Die Faszination der Nachtzüge ist nicht neu. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren sie sehr beliebt. Doch als in den 80er Jahren das Fliegen immer günstiger wurde und überall in Europa Autobahnen gebaut wurden, blieben die Fahrgäste weg. Heute werden in Mitteleuropa kaum noch Verbindungen angeboten.

Rückzug der Staatsbahnen: warum Verbindungen verschwinden

Das gilt vor allem für staatliche Betreiber. Erst 2023 hatten die Österreichischen Staatsbahnen (ÖBB) die beliebte Strecken von Paris nach Berlin und Wien nach der Pandemie wieder aufgenommen. Doch nach nur zwei Jahren wurde den Betrieb wieder eingestellt, weil Frankreich die staatlichen Subventionen kürzte. Die Strecke wurde von European Sleeper übernommen und hält auch in Brüssel.

Auch die schwedische Staatsbahn stieg kürzlich aus der erst 2022 Leben gerufenen Verbindung Berlin-Stockholm aus. Künftig übernehmen die Privatunternehmen European Sleeper und der amerikanische Konzern RDC die Strecken, aber nur noch an einzelnen Tagen.

"Dass es in Europa heute überhaupt noch Nachtzüge gibt, liegt an Idealisten wie European Sleeper”, sagt Dr. Felix Berschin. Das belgisch-niederländische Unternehmen finanziert sich maßgeblich durch groß angelegte Crowdfunding-Kampagnen. Berschin hat den Nachtzugverkehr in Europa für das Bundesverkehrsministerium untersucht.

Das Ergebnis: Für die Betreiber rechnen sich Nachtzüge mit Schlafwagen meist nicht, weil die Kosten hoch sind. Denn durch Nachtzuschläge steigen die Personalkosten, und in Schlafwagen finden viel weniger Fahrgäste Platz als in einem gewöhnlichen Zugabteil. So passen etwa in einen ICE 4 der Deutschen Bahn bis zu 918 Menschen, in den Nightjet der ÖBB nur 254, beim Nachtzug der Staatsbahn in Finnland sind es maximal 500.

Zumindest das Platzproblem will einer der Demonstrierenden an Gleis 13 lösen: Anton Dubrau, Gründer des Berliner Start-Ups Luna Rail. Seit 2024 tüftelt er an Einzelkabinen, die Komfort und Privatsphäre für Reisende mit einer besseren Auslastung der Züge vereinen sollen.

Einzelkabinen für mehr Privatsphäre und Kapazität

Auf dem Gelände der Technischen Universität Berlin steht der Prototyp. Die Kabine ähnelt einem normalen Zugsitzplatz, mit Tisch, separater Ablagefläche, Regal, Kleiderhaken und Stauraum fürs Handgepäck. Per Knopfdruck lässt sich die Lehne des Sitzes herunterfahren und in ein Bett verwandeln. Tagsüber kann der Sitz als Arbeitsplatz genutzt werden, WLAN ist auch vorgesehen. So wären die Einzelkabinen auch tagsüber beispielswiese für Geschäftsleute attraktiv. Bisher werden Schlafwagen wegen der begrenzten Kapazität meist nur nachts eingesetzt.

Solche Einzelkabinen bieten mehr Privatsphäre, und sie wären trotzdem für viele bezahlbar, hofft der Start-up Gründer. "Wir versuchen, so viele Leute wie möglich auf kleinen Platz zu bekommen,” erklärt Dubrau. 60 Kabinen sollen in einen Waggon passen – ineinander gestapelt, auf zwei Etagen. Dafür müssten keine neuen Züge gebaut, sondern ausrangierte ICs neu ausgestattet werden. Ein Nachtzug mit der maximalen Länge von 14 Waggons könnte damit bis zu 700 Fahrgäste transportieren, so Dubrau.

Der Preis entscheidet

Je mehr Fahrgäste, desto billiger könnten die Tickets sein. Der Preis ist laut einer schwedischen Studie von 2023 das wichtigste Kriterium bei der Wahl des Verkehrsmittels. Bisher sind Nachtzüge vergleichsweise teuer, könnten aber durch die eingesparte Hotelübernachtung konkurrenzfähig werden.

Eine Strecke von 1000 Kilometern, wie etwa von Paris nach Berlin, kostet mit der aktuellen Verbindung von European Sleeper 180 € im 5er-Liegeabteil, 440 € im Privatabteil. Dubrau zielt auf 100€ Tickets für eine 2.-Klasse Privatkabine. Die 1. Klasse könnte 150€ kosten.

"Wir möchten Preise wie in der Luftfahrt, aber dennoch genug Komfort bieten, so dass Menschen bereit sind, zum Zug zu wechseln." Wenn der Preis vergleichbar wäre, wären laut der Erhebung des Verkehrsministeriums rund ein Drittel der Reisenden zum Umstieg bereit.

Ökologisch unschlagbar: der Zug

Im Vergleich zum Zug stößt ein Flugzeug pro Passagier und zurückgelegtem Kilometer knapp sechsmal so viel Treibhausgase aus, so die Internationale Energiebehörde. Züge können Energie darüber hinaus effizienter nutzen und wie ein E-Auto beim Bremsen Strom erzeugen.

Alles gute Argumente für Start-Up Gründer Dubrau. Bis 2030 könnten seine Schlafkabinen auf der Schiene sein, schätzt er. Bis dahin will die EU-Kommission den Anteil der Eisenbahn-Fahrgäste in Europa verdoppeln, bis 2050 sogar verdreifachen.

Was Dubrau nicht beeinflussen kann, sind die vielen Baustellen auf dem Weg dahin. "Man kann nicht mit festen Zeiten kalkulieren," sagt Dr. Felix Berschin, der für das Unternehmen European Sleeper die Fahrpläne für den Nachtzug der Strecke Prag-Brüssel erstellt. "Trassen und Startplätze in Bahnhöfen sind nicht verfügbar und es gibt unlogische Regularien."

Ein weiterer Knackpunkt sei das hohe Risiko, in neue Waggons zu investieren. Berschin fordert deshalb eine Standardisierung der Abteilwagen in ganz Europa, damit sie in großer Stückzahl beschafft werden könnten. Finanziert werden könnte das über die Green Rail-Initiative der Europäischen Investitionsbank.

Damit der Nachtzug künftig eine größere Rolle für die Verkehrswende spielen kann, müsste europaweit geplant werden, fordert Berschin. "Er war immer ein europäisches Produkt." Das findet auch Anne, die an Gleis 13 dem abfahrenden Nachtzug hinterherwinkt. Für sie ist diese Art zu Reisen ein Teil Völkerverständigung: "Ich nehme gerne das Damenabteil - eigentlich, weil ich dachte, dass Frauen weniger schnarchen als Männer,” sagt sie lächelnd. Aber ich treffe da immer tolle Frauen aus allen Generationen, die fantastische Geschichten zu erzählen haben."

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Image caption Aktivisten, die in der finnischen Stadt Helsinki für mehr Nachtzüge demonstrieren, winken dem "Santa Claus Express" hinterher, der über Nacht nach Lappland fährt.
Image source Back on Track & Stay Grounded
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Item 36
Id 76241112
Date 2026-03-25
Title Willkommen in der Friendzone: Warum wir Signale missverstehen
Short title Friendzone: Warum wir Signale missverstehen
Teaser Eine norwegische Studie zeigt: Geschlechter deuten Signale sehr unterschiedlich. Das führt zu Missverständnissen – und zur berüchtigten Friendzone.
Short teaser Eine Studie zeigt: Geschlechter deuten Signale sehr unterschiedlich. Das kann zur berüchtigten Friendzone führen.
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Schon mal in der Friendzone gelandet? Oder selbst jemanden "gefriendzoned"? Was eindeutig den Ursprung in der Englischen Sprache hat, fehlt im deutschen Vokabular schlichtweg in dieser Prägnanz. Gemeint ist jener unangenehme Zwischenraum, in dem zwei Menschen miteinander Zeit verbringen, aber nur eine Seite insgeheim auf etwa Romantisches hofft – und am Ende mit einem schmerzhaften "Aber wir sind doch nur Freunde?!" konfrontiert wird.

Was die Popkultur seit Jahren thematisiert, ist mittlerweile auch in der Wissenschaft angekommen: Warum kommt es zu diesen Fehleinschätzungen? Und warum betreffen sie manche Geschlechter öfter als andere? Eine neue Studie aus Norwegen liefert Antworten´.

Jungen überschätzen, Mädchen unterschätzen

Der Psychologe Marius Stavang und ein Forschungsteam der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) haben rund 1300 Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren befragt. Ziel war es, herauszufinden, wie früh sich die bekannten Wahrnehmungsverzerrungen – sexuelle Überwahrnehmung und sexuelle Unterwahrnehmung – in der Jugend entwickeln.

Das Ergebnis ist eindeutig: Jungen überschätzen systematisch, wie interessiert Mädchen an ihnen sind. Mädchen unterschätzen hingegen, wie interessiert Jungen an ihnen sind.

Die Forschenden fanden heraus, dass diese Fehleinschätzungen nicht erst im Erwachsenenalter auftreten, sondern sich schrittweise während der Pubertät ausbilden. Der Übergang von kindlicher Freundschaft zu potenzieller Romantik ist ein sensibler Moment – und genau dort beginnen die Missverständnisse.

Weibliches Interesse: eine knappe Ressource

Die zugrunde liegende Idee stammt aus der sogenannten "Error Management Theory": Für Jungen ist weibliches Interesse seltener, eine knappe Ressource sozusagen. "Deshalb ist es für sie sicherer, romantische Signale lieber einmal zu viel zu interpretieren, statt eine Gelegenheit zu verpassen", erklärt Stavang. "Mädchen hingegen erleben häufiger romantisches Interesse von Jungen und müssen auswählen, wer besser zu ihnen passt." Entsprechend entwickeln sie Strategien, um unpassende Annäherungen sanft abzuwehren.

Schon in der Jugend beginnen viele, romantisches Interesse nur vorsichtig zu zeigen – aus Angst vor Zurückweisung oder davor, peinlich aufzufallen. Diese vorsichtigen, oft subtilen Signale machen es besonders schwer, Absichten klar zu erkennen.

So entsteht eine Dynamik, in der Jungen Nähe schnell als romantisches Zeichen werten, während Mädchen dieselbe Situation als rein freundschaftlich verstehen.

Wie lassen sich Missverständnisse verhindern?

Um Missverständnisse von vornherein zu verhindern, sieht Marius Stavang beide Seiten in der Verantwortung. "Männer sollten etwas vorsichtiger sein – nur weil sie mit dir Zeit verbringt, heißt das nicht, dass sie mehr will", sagt er. Doch auch Frauen sollten im Hinterkopf behalten: "Wenn ein Junge viel "eins-zu-eins"-Zeit mit dir verbringen möchten, könnte das ein Hinweis sein, dass mehr dahintersteckt als nur Freundschaft."

Wenn man einander bereits nahesteht, sei offene Kommunikation oft besser als ein überraschender Annäherungsversuch.

"Menschen haben große Angst davor, ihre Gefühle zu offenbaren – vermutlich aus Furcht vor Zurückweisung oder Blamage", sagt Stavang. Niemand möchte eine Friendzone im eigenen sozialen Lebenslauf stehen habe.

Er selbst wurde im Übrigen auch schon "gefriendzoned". Allerdings habe er selbst aufgrund von mangelndem Selbstvertrauen meist eher unterschätzt, ob jemand an ihm interessiert war – ein Muster, das laut Studie bei Jungen eher untypisch ist.

Ob ihm seine Forschung privat hilft? Ein bisschen, sagt er. Zu verstehen, wie Menschen romantische Signale senden und wahrnehmen, könne Dating weniger verwirrend machen. Es gebe durchaus erkennbare Hinweise auf romantisches Interesse – man müsse nur wissen, worauf man achten sollte, wie kleine Berührungen, Interesse am Gespräch, aufmerksamer Blickkontakt oder offene Körperhaltung.

Sein abschließender Rat fällt trocken aus: "Sei nicht so wählerisch". Genau darum geht es auch in seiner neuesten Studie. Sie untersucht, wie anspruchsvolle Partnerwahlkriterien mit anhaltendem Single-Dasein zusammenhängen.

Author Hannah Fuchs
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Image caption Freundschaftlicher Gruß oder mehr? Jugendliche deuten Signale erstaunlich unterschiedlich, zeigt eine Studie aus Norwegen.
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Item 37
Id 76380401
Date 2026-03-25
Title Studie widerlegt Mythos: Frühjahrsmüdigkeit existiert nicht
Short title Studie widerlegt Mythos: Frühjahrsmüdigkeit existiert nicht
Teaser Fühlen wir uns im Frühling wirklich müder? Forschende aus der Schweiz sagen: Nein, die sogenannte Frühjahrsmüdigkeit gibt es nicht. Trotzdem ist sie kulturell tief verankert.
Short teaser Fühlen wir uns im Frühling wirklich müder? Forschende sagen: Nein. Frühjahrsmüdigkeit ist empirisch nicht nachweisbar.
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Es ist einer der ersten warmen Tage des Jahres. Die ersten Frühlingsboten stecken vorsichtig ihren Kopf aus der Erde, der Cappuccino im Straßencafé schmeckt nach Aufbruch. Der Winter scheint überstanden. Endlich! Alles wirkt leichter – wäre da nicht dieses eine Gefühl, das viele jedes Jahr heimsucht: die Frühjahrsmüdigkeit.

Doch eine neue Studie aus der Schweiz stellt genau dieses Phänomen nun infrage. Forschende der Universität Basel, der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel und der Universitätsklinik Bern kommen zu einem überraschenden Ergebnis: Frühjahrsmüdigkeit lässt sich empirisch nicht nachweisen.

"Wir fanden, dass Menschen im Frühling nicht messbar müder oder erschöpfter sind als in irgendeiner anderen Jahreszeit" sagt Studienleiterin Christine Blume, Psychologin und Schlafforscherin am Zentrum für Chronobiologie der Universität Basel.

Auf die Idee zur Studie kam Blume übrigens, weil Journalistinnen und Journalisten sie regelmäßig nach dem Winter um Einschätzung baten. "Es existieren zahlreiche Hypothesen, um das Phänomen zu erklären", sagt sie. "Aber es hat nie jemand überprüft, ob es überhaupt existiert."

Der Frühjahrsmüdigkeit auf der Spur

Für die neue Studie wurden ab Juli 2024 ein Jahr lang 418 Teilnehmende regelmäßig online befragt. Alle sechs Wochen sollten sie einschätzen, wie erschöpft sie sich in den vergangenen vier Wochen gefühlt hatten. Außerdem gaben sie an, wie schläfrig sie tagsüber waren und wie sie ihre Schlafqualität bewerteten. Durch die wiederholte Erhebung wurden alle Jahreszeiten abgedeckt.

Rund die Hälfte der Teilnehmenden gab zu Beginn der Studie an, unter Frühjahrsmüdigkeit zu leiden. Das hätte sich auch in Umfragedaten widerspiegeln müssen. Doch genau das tat es nicht.

Was unser Körper wirklich tut

Es kursieren verschiedene Theorien, etwa das wärmere Temperaturen die Blutgefäße weiten, den Blutdruck senken oder ein Melatoninüberschuss aus dem Winter Müdigkeit verursache. Doch laut Blume ist das aus chronobiologischer Sicht unplausibel: Melatonin werde kontinuierlich im 24‑Stunden‑Rhythmus gebildet und abgebaut – einen saisonalen "Überschuss", der erst verschwinden müsse, gebe es nicht.

"Wenn Frühjahrsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das gerade in dieser Übergangsphase zeigen, etwa weil sich der Körper anpassen muss", erklärt sie. Die Daten lieferten jedoch keinerlei Hinweis darauf: Weder die Geschwindigkeit, mit der sich die Tageslänge veränderte, noch die einzelnen Monate hatten irgendeinen Einfluss auf die empfundene Erschöpfung.

Warum wir trotzdem an daran glauben

Das Forschungsteam sieht die Erklärung für das Phänomen darum weniger in der Biologie: "Unsere Interpretation ist, dass es sich viel eher um ein kulturelles Phänomen handelt als um einen tatsächlichen saisonalen Effekt."

Allein der Begriff "Frühjahrsmüdigkeit" beeinflusse, wie Menschen ihre eigenen Empfindungen einordnen: "Das Wort 'Frühjahrsmüdigkeit' existiert – und es erlaubt Menschen, ihre Symptome zu beschreiben. Das prägt die Wahrnehmung", erklärt Blume.

Auch psychologische Prozesse können die Wahrnehmung verstärken. Wenn die Sonne scheint, steigt die Erwartung, aktiv sein zu müssen. Fehlt dann die Energie, fällt das stärker auf. Blume spricht von kognitiver Dissonanz – und sagt, dass Frühjahrsmüdigkeit die perfekte Erklärung dafür liefere.

Und was ist mit Allergien oder Winterblues?

Auch Pollenallergien, Heuschnupfen oder die Einnahme von Antihistaminika liefern laut Studie keine Erklärung. "Wir finden keinen Effekt, es gibt also nichts, was erklärt werden müsste", so die Schlafforscherin.

Interessant ist zudem, dass auch die gern bemühte Wintermüdigkeit wissenschaftlich nicht nachweisbar ist. Zwar schlafen die Menschen im Winter etwas länger und im Sommer etwas kürzer, doch das gleicht das Schlafbedürfnis aus. Die Energielevel bleiben über das Jahr hinweg konstant.

Gleichzeitig gilt: Eine medizinisch definierte Winterdepression (SAD) existiert sehr wohl. Sie wird durch Lichtmangel begünstigt und zählt zu den saisonal abhängigen Depressionen, die mit Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Stimmungstiefs einhergehen können.

Und auch Vitamin‑D‑Mangel, der im Winter aufgrund fehlender UV‑B‑Strahlung deutlich häufiger auftritt, kann Müdigkeit verursachen. Der Körper kann in den Wintermonaten in Deutschland oft nicht ausreichend Vitamin D bilden, und ein Mangel ist mit Symptomen wie anhaltender Erschöpfung und Muskelschwäche verbunden.

Was bedeutet das für Betroffene?

Dass Menschen im Frühjahr tatsächlich müder sind als etwa im Herbst oder Winter, lässt sich wissenschaftlich bislang also nicht bestätigen. Die meisten erleben den Übergang vom Winter zum Frühling ohnehin als unproblematisch.

Christine Blume rät, Müdigkeit nicht vorschnell der Jahreszeit zuzuschreiben. "Erklären Sie solche Symptome nicht einfach mit Frühjahrsmüdigkeit. Und wenn sie belasten, suchen Sie einen Arzt auf."

Auffällig ist zudem, dass das Phänomen außerhalb des deutschsprachigen Raums weniger bekannt ist. "Wenn ich Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern davon erzähle, staunen die", sagt Blume.

In der englischsprachigen Welt kursiert dagegen der Begriff "spring fever". Dieses "Frühlingsfieber" wird jedoch nicht mit Müdigkeit und Erschöpfung in Verbindung gebracht, sondern mit erhöhter Vitalität und Energie.

Author Hannah Fuchs
Item URL https://www.dw.com/de/studie-widerlegt-mythos-frühjahrsmüdigkeit-existiert-nicht/a-76380401?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres....und wir werden müde?
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Item 38
Id 76511691
Date 2026-03-24
Title Wer profitiert wie vom neuen Handelsabkommen der EU mit Australien?
Short title Wer profitiert wie vom neuen EU-Handelsdeal mit Australien?
Teaser Unter dem Druck von Trumps Zöllen und Chinas industrieller Dominanz legen die EU und Australien alte Handelsstreitigkeiten bei, um ihr immer wieder aufgeschobene Freihandelsabkommen zu besiegeln.
Short teaser Unter dem Druck von US-Zöllen und Chinas Dominanz legen die EU und Australien alte Streitigkeiten bei.
Full text

Nach fast einem Jahrzehnt von Verhandlungen mit vielen Unterbrechungen hat das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Australien endlich die Ziellinie erreicht.

"Früher herrschte in Australien Europhobie - jetzt haben wir zumindest ein bisschen Eurovision", sagt Tim Harcourt von der University of Technology Sydney gegenüber der DW.

Noch 2023 scheiterten die Gespräche auf den letzten Metern, nachdem sie durch den heftigen Widerstand australischer Landwirte gegen Rindfleischquoten zum Scheitern gebracht worden waren.

Was hat sich also geändert? Nicht so sehr das Kleingedruckte des Abkommens, sagen Experten, sondern der zunehmende Druck.

Neue Abkommen in einer neuen Handelsordnung

Steigende Zölle aus den USA haben sowohl australische Fleischexporteure als auch europäische Autohersteller unter Druck gesetzt. Gleichzeitig hat Chinas Bereitschaft, den Zugang zu kritischen Mineralien als Druckmittel einzusetzen, Europa dazu gezwungen, sich um die Versorgungssicherheit kritischer Rohstoffe zu kümmern. Vor diesem Hintergrund bietet das Abkommen beiden Seiten etwas Seltenes: Erleichterung - und Sicherheit.

"Heutzutage steht viel mehr auf dem Spiel", sagt Evgeny Postnikov von der Universität Melbourne gegenüber der DW. "Es ist nicht mehr die Zeit, wichtige Abkommen bestimmten innenpolitischen Interessen zu opfern."

EU-Handelskommissar Maros Sefcovic, der gemeinsam mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach Canberra gereist war, schlug ähnliche Töne an: "Wir senden ein starkes Signal, dass wir niedrige Zölle - oder in diesem Fall gar keine Zölle - bevorzugen und dass wir eine regelbasierte Zusammenarbeit wollen."

Das Abkommen zwischen der EU und Australien ist zudem Teil einer umfassenderen Initiative. Brüssel hat in diesem Jahr eine ganze Reihe wichtiger Handelsabkommen abgeschlossen, unter anderem mit dem Mercosur, einem Zusammenschluss südamerikanischer Länder, und mit Indien.

Zwischen den Fronten

Australien mag unter den Handelspartnern der EU nur auf Platz 20 rangieren, doch sein strategischer Wert steigt rasant. Für Europa ist das Abkommen ein weiterer Schritt, um seine Abhängigkeit von den USA zu verringern und gleichzeitig die Beziehungen zu sogenannten "Mittelmächten" zu stärken. Das sind Länder, die den globalen Handelsfluss zunehmend prägen.

Australien ist zudem Mitglied des trans-pazifischen Handelsabkommen CPTPP, einem Zusammenschluss von elf Volkswirtschaften der Region, auf die rund 15 Prozent des weltweiten Handels entfallen.

"Dies ist ein sehr bedeutender Markt", sagte Holger Görg vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. "Ein Abkommen mit Australien ist praktisch ein Tor zum CPTPP-Netzwerk und bietet eine viel größere Chance für europäische Unternehmen."

Kritische Rohstoffe im Fokus

Für Brüssel liegt einer der größten Vorteile dieses Abkommens unter der Erde. Australien verfügt über die drittgrößten Reserven an Seltenen Erden weltweit und ist der weltweit größte Produzent von Lithium, einem Grundpfeiler der Batterieproduktion für Elektrofahrzeuge.

Das ist wichtiger denn je. Im vergangenen Jahr hat China seinen Zugriff auf wichtige Mineralien verschärft und damit Befürchtungen geschürt, es könne zu Versorgungsengpässen kommen. Das ist für die EU besonders problematisch, wenn sie weiter ihre grüne und digitale Transformation vorantreiben will.

"Was in den letzten zwei Jahren deutlich geworden ist, ist, dass wir uns in Bezug auf kritische Rohstoffe niemals zu sehr von anderen Partnern abhängig machen sollten", unterstreicht Görg.

Kern des Abkommens

Für Australien ist der wichtigste Pluspunkt der Zugang zu den 450 Millionen Verbrauchern der EU. "Es ist ein beeindruckendes Abkommen für die australische Seite", betont Postnikov von der Universität Melbourne. Nahezu alle EU-Zölle auf australische Agrarexporte, von Wein und Olivenöl bis hin zu den meisten Milchprodukten, werden abgeschafft.

Darüberhinaus gibt es symbolische Erfolge. Die EU wird australischen Produzenten vorerst erlauben, geschützte Bezeichnungen wie Parmesan und Feta weiter zu verwenden. Australien wird zudem das einzige Land außerhalb Italiens sein, das seinen Sekt als Prosecco kennzeichnen darf.

Rindfleisch bleibt ein Reiz-Thema

Im Rahmen des Abkommens werden sich die australischen Rindfleischquoten in den nächsten zehn Jahren mehr als verzehnfachen - von 3389 Tonnen auf 30.600 Tonnen jährlich. Das bleibt hinter den Ambitionen Canberras zurück. Brüssel hatte sich gegen australische Forderungen nach noch höheren Liefermengen hartnäckig gewehrt. Der australische Bauernverband erklärte, man sei "äußerst enttäuscht" über das Ergebnis.

Dass das Abkommens diesen innenpolitischen Gegenwind überstanden hat, ist vielleicht das deutlichste Signal von allen: In einer Weltwirtschaft, die immer stärker fragmentiert ist und in der mit immer härteren Bandagen gekämpft wird, sind strategische Handelspartnerschaften zu wichtig, um durch lokale Widerstände gestoppt zu werden.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert

Author Marie Sina
Item URL https://www.dw.com/de/wer-profitiert-wie-vom-neuen-handelsabkommen-der-eu-mit-australien/a-76511691?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Sichtlich zufrieden: EU-Kommissions-Chefin Ursula von der Leyen und der australische Premierminister Anthony Albanese
Image source David Gray/AFP/Getty Images
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Item 39
Id 76494164
Date 2026-03-23
Title Iran-Krieg kann zu globaler Preis-Krise führen
Short title Iran-Krieg kann zu globaler Preis-Krise führen
Teaser Je länger der Iran-Krieg dauert, desto schlechter für die Weltwirtschaft. Besonders betroffen wird Afrika sein, meint eine Hilfsorganisation. Auch in Deutschland steigen die Preise. Was tut die Politik?
Short teaser Industrieprodukte und Transporte werden weltweit durch den Iran-Krieg rasant teurer. Welche Auswirkungen hat die Krise?
Full text

Mit simplen Kurznachrichten auf seinem "Truth Social"-Kanal steuert US-Präsident Donald Trump derzeit die internationalen Börsen und einen Teil der Energiemärkte. Die Börsen drehten nach Trumps jüngster Behauptung, er sei mit Iran im Gespräch und werde sein Ultimatum zur Zerstörung der iranischen Energieanlagen um fünf Tage verschieben, ins Plus. Der Ölpreis sank kurzzeitig unter die Grenze von 100 US-Dollar pro Fass.

Ende letzter Woche hatte Donald Trump noch für stark steigende Ölpreise gesorgt, als er ankündigte, er werde Irans Kraftwerke angreifen, sollte das Ayatollah-Regime die Wasserstraße von Hormus am Persischen Golf nicht freigeben.

Preisanstiege in der gesamten Produktionskette

Mittlerweile sind nicht nur Erdöl und Erdgas, verglichen mit der Situation vor einem Monat, von rapiden Aufschlägen betroffen, sondern insgesamt 15 Warengruppen, wie die Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" nach einer Datenanalyse meldet. Die Grundstoffe für die Chemieindustrie, Düngemittel, Kunststoffe, Edelgase und einige Metalle verteuerten sich demnach um zehn bis 50 Prozent. "Die Preisanstiege werden sich in der gesamten Produktionskette der Industrie bemerkbar machen", meint der Chef des Chemiekonzerns Lanxess, Matthias Zachert.

Grundstoffe für Düngemittel, Schwefel, Ammoniak und Harnstoff wurden in der Golfregion massenhaft hergestellt. Die zu erwartende Knappheit lässt die Preise am Weltmarkt steigen. Qatar Energy hat zum Beispiel die Produktion von Harnstoff eingestellt. In Indien, Pakistan und Brasilien müssen Düngemittelfabriken ihre Produktion herunterfahren. Auch in den USA fehlt Harnstoff bereits im Großhandel.

Es drohen Engpässe beim Edelgas Helium

Das Gleiche gilt für das Edelgas Helium. 40 Prozent der weltweiten Produktion des Gases, das bei der Halbleiter-Fertigung gebraucht wird, werden aus Erdgas am Persischen Golf erzeugt. Fällt es weg, gerät die Chip-Produktion in Asien ins Stocken.

"Helium ist ein wirkliches Problem", sagte dazu Julian Hinz, Handelsexperte beim Kiel Institut für Weltwirtschaft. "Wenn es länger dauert, wird es ein Problem. Aber was ist lange?" Professor Hinz meint, es gehe im Moment nicht um eine physische Knappheit bei Rohstoffen, noch nicht. Aber allein die Erwartung einer Knappheit löse steigende Preise aus, so der Wirtschaftswissenschaftler: "Es gibt Unsicherheit, was passieren könnte. Es ist nicht so entscheidend, was tatsächlich passiert ist." Die erratischen Ansagen aus dem Weißen Haus seien da nicht sonderlich hilfreich.

Ein wirkliches Problem für den deutschen Handel erwartet Julian Hinz im Kiel-Institut noch nicht. 90 Prozent des Handelsvolumens werde innerhalb der Europäischen Union abgewickelt. Der Handel mit der Golfregion sei eher gering.

Allerdings könnten in Deutschland auch die Lebensmittelpreise steigen, wegen höherer Transportkosten und wegen höherer Düngerpreise. Davor warnen der SPD-Bundestagsabgeordnete Esra Limbacher und auch der Präsident des Bauernverbandes, Joachim Rukwied. Zahlreiche Branchen rechnen mit Kostensteigerungen und eventuell höheren Preisen für Verbraucher. Das wiederum könnte zu einem Anstieg der derzeit niedrigen Inflationsrate führen und das ohnehin nur bescheidene Wirtschaftswachstum abbremsen.

Ärmere Länder in Afrika von Energieimporten abhängig

Die Auswirkungen des Krieges gegen den Iran seien mittlerweile auch in Afrika zu spüren, beschreibt die evangelische Hilfsorganisation "Brot für die Welt" die Lage. Die Preise für künstlichen Stickstoffdünger stiegen wie nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine im Jahr 2022 drastisch an. Damals blieben Dünger-Lieferungen aus der Ukraine für einige Monate aus. Ohne ausreichend Dünger könnten in einigen afrikanischen Staaten die Ernten schlechter ausfallen und die Ernährung der Menschen gefährdet werden, befürchten die Experten von "Brot für die Welt", die nicht namentlich genannt werden wollen.

Obwohl afrikanische Staaten teilweise über Erdöl- und Erdgasvorkommen verfügten, seien sie von steigenden Preisen für Erdölprodukte stark betroffen. Denn Benzin, Diesel und Kerosin müssten wegen fehlender Raffinerien in Afrika oftmals auf dem Weltmarkt eingekauft werden. Staaten, die Benzin subventionieren, müssen ihre Staatsausgaben erheblich ausweiten, um steigende Preise auszugleichen. Das führe zu wachsenden Staatsschulden und Inflation, so die Hilfsorganisation. Am stärksten betroffen von der jüngsten Energiekrise dürften nach Einschätzung der Hilfsorganisation Senegal, Benin, Eritrea, Burkina Faso und Sambia sein.

Energieagentur sieht "doppelte Ölkrise"

Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, warnte in dramatischen Worten vor einer "großen Bedrohung" der Weltwirtschaft. Kein Land, egal ob in Afrika, Asien oder Europa, werde von den Auswirkungen der Krise verschont bleiben, wenn sie sich weiter in diese Richtung entwickle. Das Szenario sei schlimmer als die beiden Ölkrisen der 1970er Jahre zusammengenommen.

Da auch die USA selbst von einem enormen Preisanstieg bei Treibstoffen für Autofahrer und für die Lieferbranche betroffen seien, könnte es vielleicht bald zu einem Ende der kriegerischen Handlungen kommen, vermuten Beamte der IEA, die nicht genannt werden wollen. Die Internationale Energieagentur ist eine zwischenstaatliche Organisation von 32 entwickelten Industriestaaten auf der Nordhalbkugel.

Luft- und Schifffahrt werden teurer

Der Ausfall der Luftverkehrskreuze in Dubai und Doha ist für viele internationale Airlines ein Problem. Flugpläne für Passagier- und Frachtmaschinen wurden reduziert. Direkte Verbindungen von Europa nach Asien ohne Umstieg am Golf seien jetzt stärker gefragt, so ein Lufthansa-Sprecher. Dementsprechend werden sie teurer. Die steigenden Preise für Kerosin könnten die Tickets auf lange Sicht weltweit verteuern. Etwa 2000 Schiffe liegen im Moment im Persischen Golf fest. Die Transportketten sind unterbrochen. Die Versicherungen für den Schiffsverkehr steigen.

Bundesregierung: Keine Versorgungskrise

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sieht derzeit eine Preiskrise, aber keine Versorgungskrise. Erdöl und Erdgas seien in ausreichendem Maße vorhanden, würden aber teurer. Die Preisanstiege in anderen Branchen würden beobachtet, sagte ein Sprecher der Ministerin der DW. Konkrete Maßnahmen, wie einer möglichen Inflation zu begegnen sei, habe man aber noch nicht beschlossen. Von staatlich subventionierten Preisrabatten rät Julian Hinz vom Kiel-Institut für Weltwirtschaft ab. Die seien teuer für den Staat und müssten am Ende sowieso von allen Steuerzahlern finanziert werden. "Wir können nicht so tun, als ob nichts passiert wäre. Mit dem Preis zu spielen, ist sehr gefährlich."

Author Bernd Riegert
Item URL https://www.dw.com/de/iran-krieg-kann-zu-globaler-preis-krise-führen/a-76494164?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption In den Vereinigten Arabischen Emiraten brennt nach einem iranischen Angriff eine Ölanlage: Massive Auswirkungen auf die Weltwirtschaft
Image source Altaf Qadri/AP Photo/picture alliance
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Item 40
Id 76481160
Date 2026-03-23
Title Sistanagila: Wo Iraner und Israelis gemeinsam Musik machen
Short title Sistanagila: Wo Iraner und Israelis gemeinsam Musik machen
Teaser Das Berliner Musikensemble Sistanagila vereint Musiker aus Israel und dem Iran. Sie vermitteln eine Botschaft der Hoffnung auf eine bessere Zukunft - auch in Zeiten des US-israelischen Kriegs gegen den Iran.
Short teaser Botschaft der Hoffnung auf eine bessere Zukunft: Das Musikensemble Sistanagila vereint Musiker aus Israel und dem Iran.
Full text

Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran, dem jahrzehntelange politische Spannungen vorausgegangen sind, hat die weltweite Wahrnehmung von Israel und dem Iran geprägt. Doch trotz der historischen Feindseligkeiten wollen Musiker aus beiden Ländern in Berlin zeigen, dass gegenseitiges Zuhören und Neugier aufeinander die Menschen verbinden kann - egal woher sie kommen.

Die Idee zum Musikensemble Sistanagila hatte Babak Shafieian - ein Iraner, der als junger Erwachsener zum Studium nach Deutschland gezogen ist. Er entwickelte das Projekt vor etwa 15 Jahren. Damals hatte er das Bedürfnis, Stellung gegen die antisemitische Rhetorik Mahmud Ahmadinedschads zu beziehen: Der damalige Präsident Irans sorgte mit seinem Leugnen des Holocausts und seinen Drohungen, den Staat Israel zu vernichten, international für Schlagzeilen.

Inspiration durch Daniel Barenboim

"Das spiegelte nicht meine Haltung gegenüber Israel und dem jüdischen Volk wider", sagte Shafieian gegenüber der DW. "Deshalb dachte ich, wir könnten gemeinsam - Iraner und Israelis - etwas schaffen, das zeigt, dass es zwischen den beiden Völkern ein Gefühl der Solidarität gibt."

Shafieian ließ sich vom musikalischen Hintergrund seiner eigenen Familie und von Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra inspirieren, in dem jüdische und palästinensische Musiker Seite an Seite klassische Musik spielen. Zur Gründung der Gruppe fand Shafieian zunächst einen israelischen Musiker und Komponisten, der später zum musikalischen Leiter des Ensembles wurde: Yuval Halpern.

Halpern erinnert sich an Shafieians erste E-Mail: "Ich war zunächst etwas vorsichtig, denn normalerweise nehmen Iraner keinen Kontakt zu Israelis auf. Und ich dachte, er könnte ein Terrorist sein oder jemand, der mich entführen will", erzählt er der DW. Doch nachdem er über Shafieian im Internet nachgeforscht hatte, entschied Halpern, dass es sicher genug sei, den Fremden zu treffen - in einem Hummus-Restaurant in Neukölln, Berlins bekanntestem arabisch geprägten Stadtteil.

Von dort aus fanden sie weitere Musiker aus ihren jeweiligen Heimatländern. "Das ist ein Projekt, das nur in Berlin möglich ist - nicht in Israel, nicht im Iran", betont Halpern, der in der Band auch singt.

Persische und jüdische Volksmusik trifft auf Jazz und Prog-Rock

Die israelischen und iranischen Musiker von Sistanagila erkunden gemeinsam ihr musikalisches Erbe und verbinden verschiedene Traditionen miteinander, darunter Elemente der persischen klassischen Musik, jüdische Gesänge und Klezmer-Melodien. "Wir haben viele Gemeinsamkeiten in der sephardischen Musik entdeckt, die eher orientalische Klänge aufweist, wie zum Beispiel arabische Tonarten", erklärt Halpern. Doch jeder Musiker bringe seine eigenen Einflüsse ein: "Unser Gitarrist mag Heavy Metal, ich komme aus der klassischen Musik, und wir haben Jazzmusiker", erklärt der israelische Komponist.

Auch der Name des Ensembles verbindet die beiden Kulturen: "Sistan" bezieht sich auf die iranische Provinz Sistan und Belutschistan, während "Nagila" an das bekannte jüdische Volkslied "Hava Nagila" erinnert.

Musik als Friedensprojekt

"Jeder in der Gruppe hat seine eigene politische Meinung. In dieser Hinsicht sind die Ansichten sehr unterschiedlich," sagt Bandmanager Babak Shafieian mit Blick auf die komplexe geopolitische Lage im Nahen Osten. "Es gibt immer wieder Diskussionen, aber glücklicherweise sind wir uns im Großen und Ganzen einig, was die Freundschaft zwischen dem israelischen und dem iranischen Volk angeht."

Halpern ergänzt: "Die Leute fragen uns, ob es sich um ein politisches Projekt handelt. An sich sind unsere Inhalte jedoch nicht politisch. Wir singen keine Lieder gegen ein Regime oder für ein Land, oder um zu fragen: 'Ist Israel oder der Iran besser?' Das steht nicht im Mittelpunkt des Projekts. Wir machen gemeinsam Musik. Wir wollen gemeinsam etwas Schönes schaffen. Und genau das ist das Friedensprojekt," erklärt er und fügt dennoch hinzu: "Natürlich ist es ein politisches Projekt und ein Statement von Israelis und Iranern, die zusammenarbeiten. Deshalb ist dieses Projekt so wichtig: um zu zeigen, dass nicht die Menschen das Problem sind, sondern die Regierungen und die Politiker."

Angesichts des Kriegs der USAund Israels gegen den Iran hofft Babak Shafieian, dass das iranische Volk nicht vergessen wird, "denn jetzt könnte es für die Menschen dort noch gefährlicher werden, wenn sie mit dem Regime allein gelassen werden". Er könne nur hoffen, dass dieser Krieg "auch der letzte sein wird".

Er sieht sein Musikprojekt als eine von vielen künstlerischen, politischen und sozialen Initiativen, die sich derzeit dafür einsetzen, engere Beziehungen zwischen dem iranischen und dem israelischen Volk aufzubauen: "Sistanagila zeigt eine Perspektive für die Zukunft - hoffentlich die nahe Zukunft -, dass Iraner und Israelis Freunde sein können und dass beide Länder Freunde werden und umfassende Beziehungen aufbauen können."

Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel

Author Elizabeth Grenier
Item URL https://www.dw.com/de/sistanagila-wo-iraner-und-israelis-gemeinsam-musik-machen/a-76481160?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Sistanagila verbinden iranische und israelische Musikstile
Image source Esra Rotthoff
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Item 41
Id 76063299
Date 2026-03-23
Title Die ungleichen Warenströme zwischen Afrika und Europa
Short title Die ungleichen Warenströme zwischen Afrika und Europa
Teaser Seit einem halben Jahrhundert herrscht zwischen Teilen beider Kontinente Freihandel. Doch die Perspektiven unterscheiden sich stark voneinander, wie unsere Daten-Analyse zeigt.
Short teaser Im Freihandel zwischen Europa und Afrika gibt es große Unterschiede, wie unsere Daten-Analyse zeigt.
Full text

Gold, Kakao und Öl - diese weltweit gefragten Güter tragen maßgeblich dazu bei, dass das westafrikanische Ghana mehr an Exporten verdient, als es für Importe bezahlen muss. Im Gegenzug für vorteilhafte Exportbedingungen hat Ghana Handelspartnern Marktzugänge gewährt, die nicht immer günstig sind.

So stammen 80 Prozent des Hühnerfleischs in Ghana nicht von heimischen Produzenten, sondern werden tiefgekühlt aus Europa, den USA oder Brasilien eingeflogen, wo Züchter oft nur das Brustfilet selbst verwerten. Trotz 30-prozentiger Einfuhrzölle sind sie laut einer Studie von 2023 immer noch um bis zu 35 Prozent billiger als die lokalen Erzeugnisse. "Wenn wir Hühnchen produzieren, können wir es nicht verkaufen. Also produzieren wir gar nicht erst", sagt Charles K. Donkor, Vorsitzender der Geflügelzüchtervereinigung in der Region Ashanti. "So können wir keine Jobs für junge Leute schaffen", sagt Donkor zur DW. Er betreibt selbst eine Farm mit 200 Angestellten, auf der hauptsächlich Tausende Legehennen gehalten werden.

Ein Beispiel, das zeigt, wie komplex die Auswirkungen von Handelsvereinbarungen sein können - und wieso es trotz Exportüberschüssen auch Verlierer geben kann.

Verträge sichern Freihandel für große Teile Afrikas

Seit nunmehr einem halben Jahrhundert soll eine wachsende Zahl von Verträgen und Abkommen einen für beide Seiten vorteilhaften Handel zwischen Europa und Afrika sicherstellen. Den Anfang machte 1975 das Lomé-Abkommen zwischen der damaligen Europäischen Gemeinschaft und der damals neu gegründeten Organisation Afrikanischer, Karibischer und Pazifischer Staaten, die mal mit OACPS, mal mit AKP-Gruppe abgekürzt wird. Subsahara-Afrika stellt rund die Hälfte der insgesamt 79 Mitgliedsstaaten.

Das Lomé-Abkommen und seine nach den Konferenzorten Cotonou (2000) und Samoa (2023) benannten Nachfolger gelten als Rahmenabkommen, auf denen wiederum regionale und bilaterale Freihandelsverträge aufbauen. Insgesamt 44 der 54 Länder Afrikas erhalten darüber zollfreien Zugang zum EU-Binnenmarkt, bei vielen greifen auch sogenannte "Everything but Arms"-Regeln (Alles außer Waffen) für Entwicklungsländer.

Der Handel zwischen Europa und Afrika wächst

Die DW hat die Handelsströme der letzten 25 Jahre analysiert, wobei für 2025 noch keine Daten vorliegen. Seit der Jahrtausendwende lässt sich eine klare Tendenz ablesen: Der Handel zwischen Afrika und Europa wächst, und zwar in beide Richtungen. In jüngerer Vergangenheit hatten die afrikanischen Volkswirtschaften insgesamt einen Handelsüberschuss gegen Europa, haben also mehr Euros beim Export verdient, als sie umgekehrt für europäische Güter ausgegeben haben.

Doch gibt es regional große Unterschiede. Die Exportüberschüsse entfallen zu großen Teilen auf Öl und Gas aus Libyen und Algerien; auch in Nigeria und Angola spülen fossile Energieträger europäische Devisen in die Kassen. Die Elfenbeinküste erwirtschaftet ein deutliches Plus mit Kakao und Kautschuk. Mehr als die Hälfte der afrikanischen Länder hat hingegen eine negative Handelsbilanz mit Europa.

Und aus der Gesamtbilanz sticht noch eine zweite Information heraus: Die afrikanischen Exporte nach Europa schwanken stärker, während die Handelsströme von Nord nach Süd sich etwas gleichmäßiger entwickeln. Denn Afrika exportiert viele Rohstoffe, deren Preis auf den Weltmärkten gebildet wird. Von 2020 auf 2022 hat sich der Wert der Exporte in die EU mehr als verdoppelt: Zu Beginn der Corona-Pandemie war Benzin zeitweise sehr günstig; mit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine zwei Jahre später sortierte sich der Rohstoffmarkt unter teils immensen Preissteigerungen neu.

Afrika sei deutlich stärker auf den Käufer Europa angewiesen als andersherum, erläutert Anja Berretta, Leiterin des Regionalprogramms Wirtschaft Afrika der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. "Die Warenexporte von Afrika nach Europa betragen ungefähr 25-30 Prozent. Aber der afrikanische Markt ist für Europa verschwindend gering", sagt Berretta im DW-Interview.

Und man müsse auch betrachten, welche Warengruppen gehandelt werden: "Die Produkte, die aus Afrika kommen, sind weitestgehend unverarbeitete Erzeugnisse, etwa im landwirtschaftlichen Bereich, aber auch andere Rohstoffe. Umgekehrt importiert Afrika aus Europa Industriewaren oder Produkte, die schon einen gewissen Fertigungsgrad haben."

Ein Blick in die Daten festigt dieses Bild: Betrachtet man nur die größten Warengruppen in den Bereichen Gemüse und Mineralien sowie verarbeitete Waren, so erkennt man, wie einseitig sie jeweils nach Norden beziehungsweise Süden verschifft werden.

"Aktuell gibt es ein Ungleichgewicht zulasten von Afrika", analysiert KAS-Expertin Berretta in Nairobi. "Im Übrigen nicht nur mit Europa, sondern auch mit China, auch mit Amerika, mit anderen Weltregionen. Aber man kann jetzt aus meiner Sicht nicht davon sprechen, dass Afrika strukturell klein gehalten wird."

Vielmehr hätten die meisten afrikanische Volkswirtschaften versäumt, die Rohstoff-Gewinne früherer Jahre zu reinvestieren und damit ihre Industrien breiter aufzustellen. Als Positivbeispiele nennt Berretta Ghana und Mauritius, deren Industriepolitik jeweils auf Diversifizierung ausgerichtet ist, sodass einzelne Preisschwankungen weniger ins Gewicht fallen sollen.

Welche Potenziale schlummern im Handel zwischen Europa und Afrika?

Joseph Matola, Wirtschaftsexperte am Südafrikanischen Institut für Internationale Angelegenheiten (SAIIA) sieht gerade eine günstige Gelegenheit, den Handel zum beiderseitigen Vorteil auszubauen: "Die EU will sich unabhängiger von den Vereinigten Staaten machen, weil sich die politische Landschaft dort verändert hat. Europa sucht deshalb aktiv nach neuen Märkten. Und sie suchen Lieferanten für Kritische Rohstoffe. Afrika hat viele dieser Rohstoffe, die Europa braucht", sagt Matola der DW. Zugleich sollten afrikanische Regierungen jedoch den Export verarbeiteter Produkte priorisieren, damit mehr Wertschöpfung vor Ort geschieht.

Auch deshalb investiert die Europäische Union im Rahmen der Global-Gateway-Initiative derzeit 150 Milliarden Euro unter anderem in Infrastruktur und Energieerzeugung in Afrika.

Afrika bemüht sich unterdessen, die 2021 ausgerufene Freihandelszone AfCFTA ins Laufen zu bringen. Noch ist sie weit entfernt von der Einlösung des Versprechens, Handelsbarrieren abzubauen.

KAS-Expertin Anja Berretta sieht in dem Projekt auch große Potenziale für europäische Exporteure, weil damit Märkte vereinheitlicht und auch sogenannte nichttarifäre Handelshemmnisse abgebaut werden sollen: "Damit meine ich vor allen Dingen also die langen Wartezeiten an den Grenzen, die teilweise absolut unterschiedlichen Zollbedingungen, aber auch die sehr schlechte Infrastruktur. Wenn man zum Beispiel versucht, seine Waren von Namibia nach Kenia zu bringen, dauert das wirklich sehr, sehr lange." Jede Verbesserung würde afrikanische Märkte sehr viel attraktiver machen, meint Berretta.

Joseph Matola hofft, dass die Freihandelszone endlich dazu führt, dass afrikanische Regierungen ihr diplomatisches Gewicht in Wirtschaftsvereinbarungen bündeln. "Sie sollten die AfCFTA als Verhandlungsplattform nutzen, anstatt alleine aufzutreten. Es wäre hilfreich, wenn viele afrikanische Länder das tun würden."

Mitarbeit: Isaac Kaledzi (Ghana)

Author David Ehl, Ana Munoz Padros (DW Data)
Item URL https://www.dw.com/de/die-ungleichen-warenströme-zwischen-afrika-und-europa/a-76063299?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76065921_607.jpg
Image caption Noch Luft nach oben im Handel zwischen Europa und Afrika: Im Hafen von Mombasa, Kenia, wird ein Containerschiff beladen
Image source David Ehl/DW
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/76065921_607.jpg&title=Die%20ungleichen%20Warenstr%C3%B6me%20zwischen%20Afrika%20und%20Europa

Item 42
Id 76459819
Date 2026-03-23
Title Warum ist aus dem freien Internet nichts geworden?
Short title Warum ist aus dem freien Internet nichts geworden?
Teaser Einst feierten Visionäre das Internet als freien, unabhängigen Gegenentwurf zur realen Welt. Drei Jahrzehnte später liegt die Macht bei einigen wenigen Tech-Giganten. War die Freiheit nur eine Illusion?
Short teaser Einst feierten Visionäre das Internet als freien, unabhängigen Gegenentwurf zur realen Welt. War das nur eine Illusion?
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Am Anfang war es nur ein Spiel - eines, das wir alle schon unzählige Male gespielt haben: Felder mit Stoppschildern auswählen, verzerrte Buchstaben entziffern, ein Puzzle zusammensetzen - und am Ende das Kästchen anklicken: "Ich bin kein Roboter".

Doch jedes Mal, wenn wir Bilder anklicken und entscheiden, ob wir eine Katze oder ein Croissant sehen, arbeiten wir in Wahrheit für Big Tech.

Als der guatemaltekische Informatiker Luis von Ahn 2004 erstmals die Idee sogenannter "Games with a Purpose" (GWAPs) vorstellte, verfolgte er ein klares Ziel: die menschliche Denkleistung zu nutzen, damit Computer daraus lernen können.

Sein Ansatz war einfach: Menschen sollten spielerisch Aufgaben lösen, die für uns trivial sind, für Computer damals aber schwierig -etwa Bilder beschriften, Texte transkribieren oder Daten klassifizieren. Und wie ließe sich Menschen besser für Computer arbeiten lassen, als Arbeit in ein Spiel zu verwandeln?

Reich werden durch die Arbeit anderer

Von Ahn entwickelte zunächst das ESP-Spiel (Extrasensory Perception): Zwei zufällig zusammengebrachte Spieler bekamen dasselbe Bild zu sehen, konnten jedoch nicht miteinander kommunizieren. Innerhalb eines Zeitlimits beschrieben sie das Bild - Punkte gab es, wenn ihre Begriffe übereinstimmten. Diese Übereinstimmungen bestätigten die Bildbeschreibungen, die anschließend in einer Datenbank gespeichert wurden.

Im Jahr 2006 lizensierte Google mit dem Google Image Labeler seine eigene Version des Spiels. Ein Jahr später stellte von Ahn reCAPTCHA vor, das auf demselben Prinzip basiert: Menschen lösen Probleme, die von Computern nicht gelöst werden können. Doch wer CAPTCHAs löste, transkribierte, ohne es zu wissen, Wörter aus eingescannten Büchern und Zeitungen, die nicht von Computern digitalisiert werden konnten. 2009 dann verkaufte von Ahn reCAPTCHA an Google.

Und dabei blieb es nicht. 2011 gründete er gemeinsam mit Severin Hacker Duolingo und übertrug das Crowdsourcing-Modell auf das Sprachenlernen: Nutzer übersetzen Texte und verschlagworten Bilder im Austausch für kostenlose Lektionen. So entsteht eine riesige Datenbank hochwertiger Sprachdaten, die kommerziell genutzt wird – etwa zum Training von KI-Modellen und für Duolingos kostenpflichtigen Englischtest.

"Die Idee war, zu einem Gemeingut beizutragen, damit Computer intelligenter werden und der Nutzen allen zugutekommt", sagt Ulises Ali Mejias, Professor für Kommunikationswissenschaft an der State University of New York (SUNY) in Oswego, im Gespräch mit der DW. "Aber so ist es nicht gelaufen. Denn Luis von Ahn hat all diese frei erzeugten Daten angeeignet, an Google verkauft und die Gewinne genutzt, um sein nächstes Unternehmen zu gründen: Duolingo."

Von Hippies zu Tech-Bros

Von Ahn hatte einen Weg gefunden, die kollektive menschliche Intelligenz zu nutzen. Er gehörte damit zu denen, die den Grundstein für eine neue Form der Monetarisierung von Daten durch Unternehmen legten: indem sie Nutzende in unbezahlte Arbeiter verwandelten. Das steht in starkem Kontrast zu den ursprünglichen Vorstellungen gegenkultureller Denker im Nordkalifornien der 1960er-Jahre: dem Internet als unabhängigem, gemeinschaftlichem und utopischem Raum.

Während des Vietnamkrieges entdeckten Millionen von US-Amerikanerinnen und Amerikaner das Leben in Gemeinschaften, LSD und die Hippie-Kultur für sich. Als die Gegenbewegung auseinanderbrach, versuchten einige ihrer wichtigsten Vertreter, diese utopischen Träume über die Technologie umzusetzen.

Stewart Brand zum Beispiel gründete 1985 eine der ersten virtuellen Gemeinschaften: The Well oder The Whole Earth 'Lectronic Link'. Er prägte den Satz "Information will frei sein". Apple-Gründer Steve Jobs wiederum beschrieb einst die Einnahme von LSD als eine der wichtigsten Erfahrungen in seinem Leben. Und John Perry Barlow, Songtexter der Band Grateful Dead, schrieb vor 30 Jahren die "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace"

Doch der Traum, der Politik mithilfe utopischer Technologien zu entkommen, sei "erstaunlich naiv", sagt der Stanford-Professor Fred Turner, Autor von "From Counterculture to Cyberculture". "Sie mögen das politische Amerika hinter sich gelassen haben, doch als sie zusammenkamen, schufen sie eine Welt des Patriarchats. Und es war naiv zu glauben, daraus würde eine Utopie für uns alle entstehen. Man kann der Politik nicht entkommen - das ist eine Lehre aus der Gegenbewegung, die wir heute im Internet wiedersehen", so Turner im Gespräch mit der DW.

Vom gemeinsamen Bewusstsein zum Datenschürfen

Die Utopie währte nicht lange. Die Tech-Begeisterten der ersten Stunden erkannten schnell, wie sie das kollektive Bewusstsein durch die Entwicklung von Suchmaschinen,Algorithmenund die Sammlung von Daten monetarisieren konnten.

"Wir können das in der Ideologie von Facebook in seinen Anfängen sehen. Die Absicht lautet etwa: Lass mich alle diese Daten ohne Einwilligung abgreifen und damit etwas entwickeln, das ich zu Geld machen kann", sagt Mejias.

"Wir haben uns von einem Zeitalter der Vernetzung zu einem Zeitalter der Extraktion bewegt", ergänzt Turner. "Digitale Medien sind zu Rohstoffindustrien geworden. Wir sind heute wie Öl oder Kohle, eingebettet in einen sozialen Boden, aus dem Unternehmen Ressourcen gewinnen und sie uns als Produkte und Werbung zurückverkaufen."

Ist Datenextraktion digitaler Kolonialismus?

In ihrem Buch "Data Grab: "The New Colonialism of Big Tech (and How to Fight Back)" argumentieren Ulises Mejias und Nick Couldry, dass sich die Datenextraktion in ihrem heutigen Umfang historisch nur mit einer Epoche vergleichen lässt: dem Kolonialismus.

"Die Landnahme von damals ist heute eine Datennahme. Alles wird für eine kleine Elite übernommen. Das ist genau das, was sich zu Beginn der Kolonialisierung entwickelte. Es ist eine Mentalität, die rechtfertigte, dass man alles an sich riss“, kritisierte Couldry. Künstliche Intelligenz führe diese Logik weiter, fügt er hinzu. Sie sei das Sahnehäubchen.

30 Jahre, nachdem es für frei und unabhängig erklärt wurde, befindet sich das Internet in der Hand einiger weniger Unternehmen. "Es ist eine Tragödie", sagt Mejias. "Hinter den Kulissen wurden wir getäuscht. Während wir zu diesem - uns allen gehörenden Raum - beitrugen, erstellten die Unternehmen Plattformen, mit denen sie dieses ganze Wissen privatisiert haben, um es zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen", fügt er hinzu.

Allgemeinwohl, nicht Maschinen

Mejias und Couldry sind jedoch davon überzeugt, dass sich Widerstand regt. Sie verweisen auf Bewegungen, die sich gegen den Bau von Datenzentren richten oder auf Arbeitende in der Gig-Economy, die bessere Arbeitsbedingungen fordern. Und sie setzen ihre Hoffnung auf die Jugend. "Junge Menschen wollen ein besseres Leben als das, was sie in den vergangenen zehn Jahren hatten. Sie haben die Vorstellungskraft, die für die Gestaltung einer besseren Zukunft nötig ist", sagt Couldry.

Jüngste Umfragen deuten auf ein weit verbreitetes Gefühl der Enttäuschung hin: Nahezu die Hälfte der jungen Menschen im Vereinigten Königreich sagt, sie wären lieber in einer Zeit ohne Internet aufgewachsen. Weitere Studien zeigen, dass fast die Hälfte der Teenager in den USA und fast zwei Drittel der Generation Z im Vereinigtes Königreich der Meinung sind, die sozialen Medien würden ihnen schaden.

Für Turner ist der Weg nach vorn klar. "Unsere Aufmerksamkeit sollte der Politik gelten, nicht den Maschinen", sagt er. "Wir müssen darüber nachdenken, was diese Maschinen für das Gemeinwohl leisten sollen. Genau das haben die Vertreter der Gegenkultur versäumt, und genau das müssen wir jetzt tun."

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

Author Djamilia Prange de Oliveira
Item URL https://www.dw.com/de/warum-ist-aus-dem-freien-internet-nichts-geworden/a-76459819?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Luis von Ahn, Mitgründer von CAPTCHA, reCAPTCHA und Duolingo, im Jahr 2007
Image source Gene J. Puskar/picture alliance / ASSOCIATED PRESS
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Item 43
Id 76432199
Date 2026-03-20
Title Ausländische Fachkräfte: Das Märchen vom "fertigen Produkt"
Short title Ausländische Fachkräfte: Das Märchen vom "fertigen Produkt"
Teaser Deutschland braucht Nachwuchs für den Arbeitsmarkt. Und es braucht neue Ideen, damit Ausländer nicht nur kommen, sondern auch bleiben. Erwartungen von Betrieben und Fachkräften müssen dafür stärker berücksichtigt werden.
Short teaser Deutschland braucht Nachwuchs für den Arbeitsmarkt - und neue Ideen, damit Ausländer nicht nur kommen, sondern bleiben.
Full text

Guido Seifen ist Geschäftsführer der Firma Omexom Hochspannung. Das Unternehmen mit 500 Mitarbeitenden baut große Stromtrassen. Es sei schwer, in Deutschland noch Facharbeiter für die weit verstreut liegenden Baustellen zu finden, sagt Seifen. Bedeutet es doch, während der Woche auf Familie und ein Zuhause zu verzichten. "Auf Montage zu sein, ist in Deutschland nicht mehr sexy."

Nun hofft Seifen, über ein Projekt der deutsch-vietnamesischen Entwicklungszusammenarbeit neue Fachkräfte zu finden. Vietnam steigt auf erneuerbare Energien um und wird dabei von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützt. Gebraucht werden Freileitungs-Monteure. Der vietnamesische Stromversorger EVN hat ein Ausbildungszentrum eingerichtet.

Die Hälfte nach Deutschland holen

Hier will Omexom mit Erfahrung und Wissen einsteigen. Das Unternehmen will vietnamesische Ausbilder von EVN in Deutschland schulen. Sie sollen nach hiesigen Standards ausbilden können, inklusive Zertifikat der deutschen Industrie- und Handelskammer. Am Ausbildungszentrum in Vietnam richtet die GIZ zudem Deutsch-Kurse ein.

Am Ende sollen so viele Monteure ausgebildet werden, dass etwa der Hälfte ein Arbeitsplatz in Deutschland angeboten werden kann. Bis zu 200 sollen es sein, sagt Seifen und spricht von einer "Win-Win-Situation". "Indem vietnamesische Auszubildende die Perspektive haben, nach Deutschland zu gehen, glaubt EVN, den Beruf in Vietnam viel werthaltiger und attraktiver zu machen."

Wirtschaft und Entwicklungspolitik für eine faire Fachkräftegewinnung

Ausländische Fachkräfte für Deutschland gewinnen und gleichzeitig in den Herkunftsländern die Ausbildungsstrukturen stärken und Wissen transferieren - solche Projekte will die Bundesregierung fördern.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützt viele Länder im sogenannten globalen Süden bereits bei der Fachkräfteausbildung. Nun soll die deutsche Wirtschaft mit dazu kommen. "WE-Fair: Wirtschaft und Entwicklungspolitik für eine faire Fachkräftegewinnung" heißt die neu gegründete Allianz.

Deutschland altert rapide

"Deutschland braucht qualifizierte Fachkräfte", sagte Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan beim Launch in Berlin. Das Land altert stark. "Die Prognosen sind eindeutig: Über 20 Prozent der Beschäftigten in Deutschland sind mindestens 55 Jahre alt und gehen in den nächsten zehn Jahren in Rente."

Bevölkerungswissenschaftler haben errechnet, dass Deutschland in den kommenden zehn Jahren pro Jahr 400.000 ausländische Fachkräfte braucht, um Lücken zu füllen. Um auf diese Zahl zu kommen, müssten jedes Jahr 1,6 Millionen Menschen nach Deutschland einwandern.

Auf Augenhöhe mit den Heimatländern

"Die Rekrutierung aus Ländern in Asien, Afrika und Lateinamerika wird für die deutsche Wirtschaft immer wichtiger", so Alabali Radovan. Die Bevölkerung sei jung, oft gut ausgebildet und wachse weiter. "Viele junge Menschen dort suchen auch nach Chancen außerhalb ihres Landes. Die Regierungen dieser Länder wünschen sich von uns als Bundesregierung, dass wir Möglichkeiten für die Fachkräftezuwanderung schaffen und stärken."

Die Vermittlung soll nach transparenten Regeln erfolgen und kontrolliert werden. Dazu gehören Informationen zu Arbeitsbedingungen, Löhnen und notwendigen Qualifikationen. Ausbildungsangebote sollen für die Heimatländer und Deutschland qualifizieren. Kosten und Risiken sollen aufgeteilt werden. Potenzielle Fachkräfte sollen Weiterbildungen oder Umzugskosten stemmen können.

Das Märchen vom sofort einsetzbaren Mitarbeiter

In der Allianz sind auch Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und Diaspora-Organisationen vertreten. Ihre Aufgabe: bei der Gewinnung, Vorbereitung und vor allem bei der Integration der internationalen Fachkräfte zu unterstützen. Denn, das wurde auf der Veranstaltung in Berlin deutlich: Deutsche Unternehmen unterschätzen immer noch, was es bedeutet, eine ausländische Fachkraft zu engagieren.

"Wir erleben oft, dass Unternehmen denken, sie bekommen ein fertiges Produkt, das sie sofort einsetzen können", sagte die gebürtige Kenianerin Edith Otiende-Lawani, die als Geschäftsführerin einer Consulting-Firma arbeitet und sich mit ihrem Verein "Giving Africa a new Face" um die Integration von Migranten im Raum München kümmert.

"Die märchenhafte Vorstellung ist, dass Menschen kommen, die Deutsch können, sich schnell integrieren und resilient sind und begeistert von Deutschland und allem, was zu gehört", so Otiende-Lawani. Doch das sei nicht die Realität.

"Menschen kommen, die zu 80 Prozent anders ticken"

Das liege vor allem auch am kulturellen Hintergrund, ergänzte Gerhard Hain, der deutsche Unternehmen interkulturell berät. "Es geht nicht darum, einen Satz grammatisch richtig zu formulieren, sondern es geht darum, dass in Deutschland Kommunikation und Führung in den Betrieben anders laufen." Auch im Alltag gebe es viele nicht zu bewältigende Hürden. "Man muss sich darauf einstellen, dass Menschen kommen, die zu 80 Prozent anders ticken als die Menschen in Deutschland."

Auf ihrem Weg nach Deutschland müssen viele Menschen zudem viel hinnehmen und Geduld haben. Wegen der enormen Bürokratie kostet es oft Jahre, bis die ausländische Fachkraft tatsächlich in Deutschland arbeiten kann. Markus Lötzsch, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Nürnberg, kann einiges dazu erzählen. Zu viele verschiedene Ämter seien zuständig und die Ausländerbehörden, vor allem in den großen Städten, chronisch überlastet.

Handelskammer übernimmt Aufgaben der deutschen Behörden

Enttäuschungen gebe es selbst bei Express-Verfahren. "Über unseren Welcome Desk arbeiten wir zum Beispiel mit den Ausländerbehörden im beschleunigten Fachkräfteverfahren zusammen", so Lötzsch. "Beschleunigtes Fachkräfteverfahren klingt super. Es verspricht, dass das alles schnell geht und man zahlt auch mehr dafür." Oft gehe es dann aber nicht schneller.

Um Abhilfe zu schaffen, setzt die Handelskammer Geld und Personal ein, um Aufgaben der Ausländerbehörde zu übernehmen. Die IHK habe inzwischen so viel Verantwortung übernommen, dass sie alle nötigen Unterlagen vorprüfen und dann im Auftrag der Betriebe und der Fachkräfte einreichen könne. "Die Ausländerbehörde weiß, das kommt von einem vertrauenswürdigen Partner und dann geht es leichter durch."

2024 erstmals negativer Wanderungssaldo

Was Markus Lötzsch beim Start der Fachkräfte-Allianz außerdem anmerkte: Deutschland dürfe nicht nur die Anwerbung von Fachkräften im Blick haben. "Wir sollten nicht nur über das Kommen reden, sondern auch über das Bleiben." 2024 haben erstmals mehr Menschen Deutschland verlassen, als neu ins Land gekommen sind. Immer wieder gehen ausländische Fachkräfte zurück in ihre Heimat oder in andere Länder, weil ihre Erwartungen in Deutschland nicht erfüllt wurden.

Für die Unternehmerin Jasmin Arbabian-Vogel hat das viel mit der Einstellung der Deutschen gegenüber Zugewanderten zu tun. Noch sei Deutschland für ausländische Fachkräfte attraktiv. "Aber wenn wir das bleiben wollen, dann ist die Frage unmittelbar damit verknüpft, wie gehen wir mit unseren Zugewanderten hier im Inland um?"

Deutschland braucht ein anderes "Mind-Set"

Arbabian-Vogel betreibt in Hannover einen Pflege- und Sozialdienst mit 250 Mitarbeitenden. Viele von ihnen sind Ausländer. "Das sind Geflüchtete und Menschen, die einfach hier irgendwann mal eingewandert sind. Betriebe wie meiner oder viele andere auch bilden sie aus, um dann später festzustellen, dass die Leute ihre Abschiebe-Bescheide bekommen. Was heißt, war nett mit euch, aber jetzt tschüss."

Deutschland brauche ein anderes politisches und gesellschaftliches "Mind-Set" gegenüber Zugewanderten. Wenn das nicht passiere, dann könne die Fachkräfte-Allianz nicht gelingen.

Author Sabine Kinkartz
Item URL https://www.dw.com/de/ausländische-fachkräfte-das-märchen-vom-fertigen-produkt/a-76432199?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Busfahrerinnen und Busfahrer aus Kenia mildern den Personalmangel im öffentlichen Nahverkehr in Flensburg
Image source Axel Heimken/dpa/picture alliance
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Item 44
Id 76448716
Date 2026-03-20
Title Salman Rushdie: "Tyrannen haben Angst vor Kunst"
Short title Salman Rushdie: "Tyrannen haben Angst vor Kunst"
Teaser Salman Rushdies Erzählband "Die Elfte Stunde" widmet sich existenziellen Fragen mit überraschend viel Humor - und zeigt, warum Kunst stärker sein kann als Tyrannen.
Short teaser Rushdies neuer Erzählband widmet sich existenziellen Fragen und zeigt, warum Kunst stärker sein kann als Tyrannen.
Full text

Von Beifall umtost, betritt Salman Rushdie die Bühne. Stehende Ovationen für den Autor, der 2022 nur knapp ein Attentat überlebte und seither wieder unter massivstem Polizeischutz steht. Doch beim Literaturfestival LIT:potsdam, gleich vor den Toren Berlins, gibt er den Entertainer, brilliert mit launigen Anekdoten und bekennt, den Optimismus nicht verloren zu haben. "Das ist eine Art Dummheit", räumt er ein, "Freunde mokieren sich über mich, denn es gibt im Moment sehr wenig Anlass zur Hoffnung. Aber ich bleibe dabei."

In seinem neuen Erzählband "Die Elfte Stunde" reitet er auf der Rasierklinge zwischen Komik und Verzweiflung, in fünf Geschichten, die am Ende des Lebens spielen.

"Tot sein ist nur eine Variante"

Durch das Attentat hatte Rushdie sehr reale Bekanntschaft mit der Nähe zum Tod gemacht. Den Mordversuch hat er 2024 in seinem autobiographischen Buch ”Knife" verarbeitet, schonungslos authentisch. Doch nun ist er als phantastisch-exuberanter Fabulierer zurück - und schickt allerlei Untote auf schwankendes Terrain.

"Als Ehrenfellow S.M. Arthur in seinem dunklen College-Schlafzimmer aufwachte, war er tot, was anfangs jedoch nichts zu ändern schien" - mit kafkaeskem Humor beginnt die zentrale Erzählung des Bandes. Fortan spukt der Ehrenfellow als Geist umher, völlig verstört. Der Autor fühlt sich seiner Figur sehr nahe: "Wenn du die Erfahrung gemacht hast, von einer Welt in eine andere zu kommen, ohne die Regeln der neuen Welt zu kennen, bist du verloren", sagt er, "tot sein ist nur eine Variante davon."

So verhandelt diese höchst unterhaltsame Lektüre zugleich große Fragen zum Lebensende. "Wie verbringst du diese Zeit? Friedlich, mit Akzeptanz und Resignation", fragt Rushdie, "oder in Rage gegen das Erlöschen des Lichts?" Sein literarisches Personal versucht es mit beiden Varianten, mal sanft den Vöglein im Garten lauschend, mal sich radikal der Verzweiflung stellend.

Salman Rushdie, der seit 2000 in New York lebt, nutzt sein Buch nebenher zu Seitenhieben in Richtung Politik: Auftritt Fernando VII. (1784-1833), König von Spanien, der die liberale Verfassung aushebelt. Seine Juristen sorgen dafür, "dass das Gesetz des Landes, über das der König sich stellte, unter seinen polternden Tritten zusammenbrach", bejubelt von "Wirklichkeitsverbiegern", die den "nackten Lügen" des Königs applaudieren.

Literatur als Gegenspielerin politischer Lügen

Nicht schwer zu erraten, wer hier gemeint sein könnte. "Die politische Unwahrheit ist eine Art, das Gegenteil der Wahrheit zu sagen und die Wahrheit durch die Lüge zu verdecken", konstatiert Rushdie in Potsdam. Die Literatur sieht er, natürlich, als Gegenspielerin: Schon immer hätten autoritäre Machthaber Angst vor der Kunst gehabt, sagt er, und zählt Autoren auf, deren Werk überlebt hat - trotz Verbannung, Inhaftierung oder Ermordung ihrer Urheber. "Wir haben keine Panzer, wir haben keine AK-47 (Kalaschnikow, Anm. d. Red.), wir haben nicht mal eine große Gefolgschaft. Aber sie fürchten uns."

In der "Elften Stunde" gibt es eine wundersame Erzählung, in der die Kunst über die Mächtigen siegt: Ein indisches Mädchen mit magischer Begabung lässt mit der Kraft ihrer Musik den Machtapparat eines ganzes Milliardärs-Imperiums zusammenbrechen.

Leider nur ein Märchen - oder doch nicht? Auf der LIT:potsdam bringt es Rushdie sarkastisch auf den Punkt: "Auf lange Sicht stirbt der Tyrann, und die Kunst überlebt. Kurzfristig stirbt der Künstler, und der Tyrann überlebt."

Author Aya Bach
Item URL https://www.dw.com/de/salman-rushdie-tyrannen-haben-angst-vor-kunst/a-76448716?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Nachdenklich: der Schriftsteller Salman Rushdie (78). Bei dem Attentat 2022 erblindete sein rechtes Auge
Image source Rachel Eliza Griffiths
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Item 45
Id 76423964
Date 2026-03-20
Title Wohin steuert die deutsche Autobranche?
Short title Wohin steuert die deutsche Autobranche?
Teaser Die Krise der deutschen Autobauer ist offensichtlich: die Umsätze stagnieren, die Gewinne brechen ein und die Strategie muss immer wieder angepasst werden. Wann geht es wieder aufwärts?
Short teaser Gewinneinbrüche und Strategiewechsel: Die deutschen Autobauer stecken in der Krise. Wann geht es wieder aufwärts?
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2025 war für die deutschen Autobauer ein Negativ-Rekordjahr. Zu den von US-Präsident Donald Trump verhängten Zöllen kamen milliardenschwere Kosten für strategische Neuausrichtungen. Besonders gruselig waren die Folgen für die Porsche-Bilanz: Statt ausschließlich auf rein elektrische Modelle zu setzen, die sich nicht so gut verkauften wie erwartet, entwickelt die Sportwagen-Schmiede künftig wieder neue Modelle mit Verbrenner-Motoren. Die Belastungen von rund 3,9 Milliarden Euro durch Strategiewechsel und Zölle fraßen den Porsche-Gewinn fast komplett auf.

Auch bei den anderen Herstellern wie VW und Mercedes stagnierten 2025 die Umsätze, während die Gewinne einbrachen. BMW war eine positive Ausnahme: Während sich bei Volkswagen und Mercedes die Gewinne nahezu halbierten, kam BMW mit einem Minus bei der Netto-Rendite von rund drei Prozent deutlich glimpflicher davon.

Ein einziges Auf und ab

Insgesamt verdienten die deutschen Autokonzerne im vergangenen Jahr knapp 44 Prozent weniger Geld als noch 2024. BMW, Mercedes und der Volkswagen-Konzern kamen 2025 nach Berechnungen des Handelsblatts zusammen nur noch auf einen Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 24,9 Milliarden Euro, das war der tiefste Stand seit 2020.

Die Stimmung ist dementsprechend düster. Von einem Untergangsszenario sind die deutschen Autobauer aber noch weit entfernt, unterstreicht Frank Schwope, Automotive Consultant und Lehrbeauftragter an der FHM Köln im Interview mit der DW.

"Wer nicht jammert, bekommt nichts. Alle schreiben noch Gewinne. Zudem werden noch Dividenden ausgeschüttet. Die deutschen Hersteller waren durch die Corona-Jahre 2021 bis 2023 verwöhnt und schrieben exorbitant hohe Gewinne." Angemessener seien deshalb Vergleiche mit den Gewinn-Größen der Jahre 2019 und früher.

Im Jahr 2018 hatten die drei großen deutschen Autobauer Volkswagen, BMW und Daimler, wie Mercedes-Benz damals offiziell hieß, zusammen einen Nettogewinn von knapp 30 Milliarden Euro erzielt. Einen Tiefpunkt markierte das erste Corona-Jahr 2020, als die drei Branchen-Riesen zusammen nur noch auf einen Nettogewinn von rund 16,6 Milliarden Euro kamen. Trotz wochenlanger Werksschließungen und eines massiven Absatzeinbruchs im Frühjahr waren die Ergebnisse deutlich besser ausgefallen, als Experten zu Beginn der Krise befürchtet hatten.

Dann folgte aber 2021 ein extremes Rekordjahr, in dem die Gewinne der Großen Drei auf über 40 Milliarden Euro förmlich explodierten. Die Gründe: die Autopreise stiegen wegen Lieferketten-Problemen und knapper Produktionszahlen massiv an. Und weil vor allem Chips und Bauteile knapp waren, bauten die Hersteller bevorzugt teure Modelle, an denen sie pro Auto deutlich mehr verdienten.

Automarkt bleibt volatil - auch in China

Die Zahlen machen deutlich, wie volatil das Autogeschäft schon immer war. Die aktuellen Probleme bringt Autoanalyst Jürgen Pieper gegenüber der DW auf den Punkt: "An erster Stelle sehe ich den technologischen Umbau mit seinen Kosten, dann strukturelle Probleme wie zu lange Entscheidungswege und an dritter Stelle die Schwäche des chinesischen Marktes."

Welche Folgen die wachsende Konkurrenz einheimischer Hersteller auf dem weltgrößten Automarkt China hat, zeigt der Blick auf Volkswagen. "Früher hatte VW in China bis zu 40 Prozent Marktanteil", schreibt der Branchenkenner Philipp Raasch, der zehn Jahre bei Mercedes gearbeitet hat, in seinem Newsletter "Der Autopreneur".

Heute ist der Marktanteil des Wolfsburger Konzerns massiv unter Druck. Doch Anfang 2026 zeichnete sich eine überraschende Trendwende ab: Nach Daten des chinesischen Pkw-Verbandes, über die Reuters berichtete, eroberte VW in den ersten beiden Monaten des Jahres die Marktführerschaft zurück. Mit einem Marktanteil von 13,9 Prozent (zusammen mit den Partnern SAIC und FAW) schob sich VW wieder an die Spitze.

Dahinter folgten Geely (13,8 Prozent) und Toyota (7,8 Prozent). Der bisherige Platzhirsch BYD stürzte hingegen auf 7,1 Prozent ab. Der Grund für dieses Markt-Beben: Sinkende staatliche Subventionen für E-Autos machten rein elektrischen Anbietern wie BYD schwer zu schaffen, während die Nachfrage nach den klassischen Verbrenner-Modellen von VW und Toyota stabil blieb.

Branche bleibt Dauer-Baustelle

Doch ganz gleich, wie es in den Schlüsselmärkten China und den USA für die deutschen Automobilkonzerne läuft - der Anpassungsdruck mit Stellenabbau und Werksschließungen bleibt hoch. Davon ist Experte Frank Schwope überzeugt: "Die Automobilhersteller bleiben Dauer-Baustellen und werden ihre Strukturen jedes Jahr wieder überprüfen müssen. Die geopolitische Lage, die Strafzölle und die neuen chinesischen Konkurrenten machen das Leben nicht einfacher. Ab 2030 ist zudem mit einem breiten Ausrollen des autonomen Fahrens zu rechnen", so der Lehrbeauftragte an der Fachhochschule des Mittelstands Köln.

Für besonders gut aufgestellt hält Auto-Analyst Pieper BMW. "Die vielzitierte Technologieoffenheit hat sich für BMW 2025 ausgezahlt. Größere Sonderaufwendungen waren nicht erforderlich." Der Münchner Konzern profitiert davon, dass man nicht nur auf E-Autos gesetzt hat, die Entwicklungskosten für neue Modelle schon weitgehend hinter sich hat und mit dem Hochfahren der Produktion im Werk Spartanburg in den USA einen Teil der US-Zollkosten vermeiden konnte.

Frank Schwope ist für Porsche optimistisch: "Ein Luxushersteller wie Porsche kommt sicherlich schneller aus der Krise als ein Massenhersteller wie Renault oder Fiat." Außerdem sei die Kundenbindung höher: "Ein Porsche-Kunde hält zu seinem Auto, ein Opel-Kunde kauft sich einen Chinesen."

Totgeglaubte leben länger

Glaubt man den Schwarzsehern, sind die Tage für VW und Co., die den Anschluss bei Software und Batterien verpasst haben, gezählt. Frank Schwope sieht das anders: "Der Abgesang ist verfrüht. Vor wenigen Jahren wurde Tesla noch ein uneinholbarer Vorsprung vorhergesagt, dann hatten die chinesischen Hersteller plötzlich aufgeholt. Zudem kann die Solid State Battery (SSB oder Feststoff-Batterie, d. Red.) noch einmal zum Gamechanger der Elektromobilität werden."

Und daran tüfteln weltweit die Hersteller bereits eifrig: Nach eigenen Angaben hat BMW ab 2030 und Mercedes bis 2030 die Massenfertigung von E-Autos mit Feststoff-Batterien vor. Bei BYD sollen ab 2030 Autos mit SSB-Zellen und Reichweiten von über 1000 Kilometern vom Band rollen. Toyota plant das schon ab 2027, VW ab 2028 - wenn alles nach Plan läuft.

Auch Jürgen Pieper blickt nicht so negativ in die Zukunft, wie es viele Schlagzeilen seit einiger Zeit vermitteln: "Es gibt tatsächlich Hoffnungszeichen, vor allem weil die Produkte besser werden", sagt der Auto-Analyst.

"Ein Durchstarten ist noch nicht zu sehen, eher deutschlandtypische langsame Verbesserungen. Andererseits auch nachhaltige Verbesserungen, so dass eine allmähliche Wende zum Besseren stattfindet."

Author Thomas Kohlmann
Item URL https://www.dw.com/de/wohin-steuert-die-deutsche-autobranche/a-76423964?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/74712321_607.jpg
Image caption Blick ins Cockpit des Mercedes GLB
Image source Mercedes-Benz AG
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2025/BUSI/BUSIDEU251215_DWIVerbrennerAusCMS_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/74712321_607.jpg&title=Wohin%20steuert%20die%20deutsche%20Autobranche%3F

Item 46
Id 76441573
Date 2026-03-19
Title Iran-Krieg: Bruchlinien innerhalb der BRICS‑Allianz
Short title Iran-Krieg: Bruchlinien innerhalb der BRICS‑Allianz
Teaser Angesichts eskalierender Gewalt im Iran-Krieg stehen die BRICS‑Staaten unter wachsendem Druck zu reagieren. 2026 hat Indien die Präsidentschaft und sieht den Staatenbund als "nicht westlich" aber nicht "anti-westlich".
Short teaser Angesichts eskalierender Gewalt im Iran-Krieg stehen die BRICS‑Staaten unter wachsendem Druck zu reagieren.
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Teheran hat die BRICS‑Staaten aufgefordert, in den Iran-Krieggegen die USA und Israel einzugreifen. Die BRICS stehen für die größten Schwellenländer der Welt: Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Der Iran ist dem Staatenblock 2024 beigetreten. Dieses Jahr hat Indien die Präsidentschaft.

Der Iran fordert eine starke gemeinsame Haltung zur Verurteilung der "militärische Aggression" und eine größere Rolle von BRICS zur Unterstützung regionaler Stabilität. Indien hat er aber bislang vermieden, in dem Konflikt Partei zu ergreifen, und ruft stattdessen zu Zurückhaltung, Deeskalation und einer Rückkehr zum Dialog auf. "Einige BRICS‑Mitglieder sind direkt in die aktuelle Lage in Westasien eingebunden, was die Herstellung eines Konsenses über eine gemeinsame BRICS‑Position zum laufenden Konflikt erschwert", sagt der Sprecher des indischen Außenministeriums Randhir Jaiswal. "Als Vorsitz der BRICS hat Indien über den Sherpa‑Kanal Diskussionen zwischen den Mitgliedern ermöglicht."

Im Sherpa‑Kanal tauschen sich hohe Beamte, sogenannte "Sherpas" wie die Bergführer, in Vorbereitungsgesprächen und informellen Diskussionen abseits der offiziellen Besprechung untereinander aus. Es gilt als das wichtigste Koordinationsformat des Blocks.

Was kann BRICS tun?

Der Iran mag hohe Erwartungen haben. Experten weisen aber darauf hin, dass die Handlungsmöglichkeiten des BRICS‑Blocks begrenzt sind. Die erweiterte Mitgliedschaft hat interne Spaltungen vertieft, da Golfstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi‑Arabien dem Iran gegenüber misstrauisch sind. Andere Regierungen zögern, Positionen einzunehmen, die als oppositionell zu den USA interpretiert werden könnten.

Shanthie Mariet D'Souza, Präsidentin des unabhängigen Mantraya-Instituts für strategische Studien in Indien, sagt gegenüber DW, dass das Bündnis zwar als Dialogforum Potenzial habe, es aber wohl unrealistisch sei, eine gemeinsame Erklärung - geschweige denn irgendeine Form von militärischer Intervention - zu erwarten. "Es ist schwer, einen Konsens herzustellen, da der Iran selbst Teil des Konflikts ist", sagt D'Souza. Dazu komme, dass der Iran "Probleme grundsätzlicher Natur" mit den VAE und Saudi‑Arabien habe.

D'Souza sieht zwar, dass Indien mit dem BRICS‑Vorsitz eine Schlüsselrolle einnehme, die Neu-Delhi in die Lage versetzen könnte, einen Konsens aufzubauen und eine Stellungnahme im Namen des Blocks zu veröffentlichen. "Doch in der aktuellen geopolitischen Lage hätte eine solche Erklärung kaum Einfluss auf die Aktionen von den USA und Israel gegen den Iran."

"BRICS ist kein Bündnis gleichgesinnter Staaten", sagt Meera Shankar, ehemalige indische Botschafterin in den USA. "Es ist eine lose Gruppierung mit einer breit angelegten Agenda, die Handel, Entwicklung, wirtschaftliche Zusammenfgearbeit und die Stärkung des Multilateralismus umfasst."

"Indien definiert BRICS in seiner Rolle als Vorsitz als 'nicht westlichen' Wirtschaftsclub und nicht als 'anti-westliches' Sicherheitsbündnis", sagt Ajay Bisaria, ein ehemaliger indischer Diplomat.

Indiens Balanceakt

Der Iran will aber nicht so einfach aufgeben. Teheran hat indische Öltanker im Einzelfall durch die Straße von Hormus passieren lassen, in Erwartung eines politischen Entgegenkommens. Der iranische Präsident Massud Peseschkian hat mit Indiens Premierminister Narendra Modi über die Lage beraten. Außenminister Abbas Araghchi hat mehrfach mit seinem indischen Amtskollegen S. Jaishankar telefoniert, um über die Aktivierung des BRICS‑Blocks für Stabilität und die Verurteilung der Angriffe zu diskutieren - mit begrenztem Erfolg.

"Als BRICS‑Präsidentschaft ist Neu‑Delhi in Bezug auf den Krieg gegen den Iran relativ zurückhaltend geblieben", sagt Gulshan Sachdeva gegenüber der DW, "auch nach der Tötung des iranischen Religionsführers Ali Chamenei." Sachdeva ist Professor am Centre for European Studies an der Jawaharlal Nehru University. "Die Ermordung des Staatsoberhaupts eines BRICS‑Mitglieds ist aber ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht."

Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand

Author Murali Krishnan
Item URL https://www.dw.com/de/iran-krieg-bruchlinien-innerhalb-der-brics‑allianz/a-76441573?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption (Archiv) BRICS-Gipfeltreffen 2025 in Brasilien
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Item 47
Id 76438031
Date 2026-03-19
Title Gerd Faltings erhält als erster Deutscher den Abel-Preis
Short title Gerd Faltings erhält als erster Deutscher den Abel-Preis
Teaser Die Auszeichnung gilt inoffiziell als Mathematik-Nobelpreis. Der gebürtige Gelsenkirchener bekommt sie für bahnbrechende Leistungen auf dem Gebiet der arithmetischen Geometrie.
Short teaser Die Auszeichnung gilt inoffiziell als Mathematik-Nobelpreis.
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Als erster Deutscher wird Gerd Faltings vom Max-Planck-Institut für Mathematik in Bonn mit dem Abel-Preis geehrt. Er erhält die Auszeichnung, die inoffiziell auch als Nobelpreis für Mathematik gilt, für die "Einführung mächtiger Werkzeuge in der arithmetischen Geometrie", wie die Norwegische Akademie der Wissenschaften in Oslo mitteilte.

Der 71-Jährige habe als "herausragende Persönlichkeit" mit seinen Ideen und Ergebnissen das Forschungsgebiet geprägt. Dabei sei es ihm nicht nur gelungen, seit langem bestehende Hypothesen zu beweisen. Er habe auch "neue Methoden etabliert, die nachfolgende Arbeiten über Jahrzehnte beeinflusst haben".

"Jetzt muss ich mir einen Smoking leihen"

Die erste Reaktion des emeritierten Professors war eine Mischung aus Überraschung und verschmitztem Humor. Er habe nicht damit gerechnet, sagte Faltings in einer Video-Schaltung der Überbringerin der Nachricht, wie auf einem Video des Preiskomitees zu sehen ist. Dann fügt er lächelnd hinzu, er sei es nicht gewohnt, mit Königen zu speisen - "jetzt muss ich mir einen Smoking leihen".

Faltings war bereits 1986 mit der Fields-Medaille ausgezeichnet worden, womit er nun Träger der beiden bedeutendsten Preise in der Welt der Mathematik ist. Damals lag seine erste bahnbrechende Entdeckung erst wenige Jahre zurück: 1983 hatte der gebürtige Gelsenkirchener mit dem Beweis der Mordellschen Vermutung international für Aufsehen gesorgt.

Mit 17 Seiten zum Weltruhm

Mit gerade einmal 28 Jahren war es ihm gelungen, eine der großen, bis dahin unbewiesenen Hypothesen der algebraischen Geometrie zu untermauern. Sechs Jahrzehnte lang hatten sich Mathematiker aus aller Welt erfolglos bemüht, die Gedanken des US-britischen Mathematikers Louis Joel Mordell zu verifizieren. Faltings legte dazu eine 17 Seiten umfassende Abhandlung vor - und wurde mit einem Schlag berühmt.

Nach dem Beweis der Mordell-Vermutung habe Faltings zahlreiche weitere mathematische Probleme "wie Perlen auf einer Schnur" gelöst, schreibt die Norwegische Akademie in ihrer Begründung. Überdies habe er einen eigenen Werkzeugkasten mathematischer Art entwickelt, der in der Fachwelt als "Faltings' Produktsatz" bekannt ist. Seine Arbeit veranschauliche "die Kraft tiefer struktureller Einsichten".

Ruf nach Wuppertal

Der Sohn eines Physikers und einer Chemikerin gewann als Schüler zweimal den Bundeswettbewerb Mathematik; er studierte in Münster. Mit einem Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft ging er für ein Jahr an die US-Universität Harvard, ehe er sich habilitierte. Mit nur 27 Jahren erhielt er als jüngster Mathematikprofessor in Deutschland einen Ruf an die Gesamthochschule Wuppertal. Dort lernte er seine inzwischen verstorbene Frau, die Mathematikerin Angelika Tschimmel, kennen, mit der er zwei Töchter hat.

1985 übernahm Faltings eine Professur in Princeton. 1994 kehrte er aus den Vereinigten Staaten zurück. Im Jahr darauf wurde er Direktor des Max-Planck-Instituts für Mathematik in Bonn. In der Folge zog es viele begabte junge Wissenschaftler in die damalige Bundeshauptstadt. 1996 wurde Faltings mit dem Leibniz-Preis geehrt, dem höchstdotierten deutschen Wissenschaftspreis.

Gipfelbesteigung am Schreibtisch

Er selbst verglich seine Leistung bei der Arbeit an der Mordell-Vermutung mit dem Erreichen der höchsten Gipfel beim Bergsteigen. "Es war nun nicht so, dass mit so einem Beweis die halbe Mathematik umgekrempelt würde, aber es war schon eine Herausforderung - vielleicht wie der berühmte Mount Everest", sagte Faltings 2008 dem Magazin "Der Spiegel".

Der Abel-Preis, der mit 7,5 Millionen norwegischen Kronen dotiert ist, wird am 26. Mai in Oslo in Anwesenheit des norwegischen Königs Harald V. überreicht. Im vergangenen Jahr hatte der japanische Mathematiker Masaki Kashiwara die Auszeichnung erhalten. Sie wurde nach dem norwegischen Mathematiker Niels Henrik Abel (1802-1829) benannt und von der norwegischen Regierung gestiftet - praktisch als Ersatz für einen fehlenden Nobelpreis für Mathematik.

jj/se (dpa, afp, abelprize.no)

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Image caption "Bin es nicht gewohnt, mit Königen zu speisen": Gerd Faltings (hier bei der Aufnahme in den Orden Pour le Mérite im Juni 2025 in Berlin)
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Item 48
Id 76411502
Date 2026-03-19
Title K-Pop-Comeback des Jahres: BTS sind zurück
Short title K-Pop-Comeback des Jahres: BTS sind zurück
Teaser Nach vier Jahren Pause und abgeschlossenem Militärdienst kehren BTS in kompletter Besetzung zurück. Mit neuem Album, globalem Livestream und großer Welttour beginnt ein neues Kapitel für die K‑Pop‑Ikonen.
Short teaser Nach vier Jahren Pause und abgeschlossenem Militärdienst kehren BTS in kompletter Besetzung zurück. Mit neuem Album!
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BTS zählen seit Jahren zu den einflussreichsten Popacts weltweit. Die Boyband aus Südkorea prägte die globale K-Pop-Welle - auch "Hallyu" genannt - stellte Streaming‑ und Chartrekorde auf und baute eine der stärksten Fangemeinden der Musikgeschichte auf. Nach einer langen Phase individueller Projekte und der gesetzlichen Militärpflicht stehen nun alle Zeichen wieder auf Comeback - und zwar als vollständige Siebenergruppe.

Die zentralen Fakten zur Rückkehr sind inzwischen offiziell bestätigt: Das neue Album "ARIRANG" erscheint am 20. März 2026, gefolgt von einem kostenlosen Comeback-Livekonzert am 21. März 2026 in Seoul - allein dort werden 500.000 Fans erwartet, Netflix streamt das Konzert für den Rest der Welt.

Der Weg in die Pause: Soloprojekte und Militärdienst

BTS steht für Bangtan Sonyeondan (koreanisch) und auch für Bangtan Boys (koreanisch und englisch). Am 13. Juni 2013 kam die erste Single der Band auf den Markt - und damit schossen die sieben Jungs den K-Pop in den internationalen Pophimmel.

Den 13. Juni feiert die Band jedes Jahr bis heute über mehrere Tage in Seoul, markiert dieser Tag doch den Beginn einer wahnwitzigen Karriere. Ein beliebter Programmpunkt ist das FESTA-Dinner - dabei sitzt die Band zusammen, alle essen gemeinsam, lesen Fanpost und reden über das vergangene Jahr. Über ihren offiziellen YouTube-Kanal BangtanTV (82,5 Mio. Follower) wird das Dinner gestreamt. Ein besonderer Einschnitt war das FESTA Dinner 2022: An dem Tag kündigten die Jungs ihre Pause an - um Raum für Soloentwicklungen und kreative Neuorientierung zu schaffen. Die Mitglieder sprachen offen über Erschöpfung, Identitätssuche und den Wunsch, als Individuen zu wachsen.

Parallel stand der verpflichtende Militärdienst an, den alle südkoreanischen Männer absolvieren müssen - auch Popstars. Die Zeiten beim Militär machten es den Musikern unmöglich, weiter an der Karriere als Popgruppe zu arbeiten. Soloprojekte allerdings waren machbar - so veröffentlichte jedes Mitglied mindestens ein Soloalbum oder gab - wie Jin mit Coldplay - Konzerte mit eigenen Songs - ein kreativer Reifungsprozess, der von Medien und Fans intensiv verfolgt wurde. Bis Juni 2025 hatten alle sieben Mitglieder ihren Dienst vollständig beendet.

Als alle aus dem Militärdienst entlassen waren, verdichteten sich die Hinweise auf eine mögliche Wiedervereinigung der Band - und schließlich wurde die Rückkehr bestätigt: Neues Album, Comeback-Konzert und eine große Welttournee mit über 80 Shows ab dem 9. April 2026. Netflix, das sich die Rechte am Comeback-Konzert gesichert hat, schiebt am 27. März eine Dokumentation nach: "BTS - Die Rückkehr" verspricht exklusives Filmmaterial aus der Militärzeit und von den Vorbereitungen des Comebacks.

Warum dieses Comeback ein globales Ereignis ist

Die Fans - auch "ARMY" genannt - warteten seit dem letzten gemeinsamen Album "Proof" (2022) auf die Wiedervereinigung. Das Comeback verspricht nicht nur neue Musik, sondern auch die Rückkehr eines Gemeinschaftsgefühls, das BTS und ihre ARMY gemeinsam aufgebaut haben. Die Bezeichnung "ARMY" steht für "Adorable Representative M.C. for Youth", was auf Deutsch sinngemäß "liebenswerte repräsentative Stimme der Jugend" bedeutet. Der Name beschreibt die Fans als eine unterstützende, hörbare und engagierte Gemeinschaft, die wie eine Armee hinter BTS steht und deren Botschaften weiterträgt.

Das Verhältnis der Band zu ihren Fans ist, obwohl sie Superstars sind, eng. Noch bevor das Label BigHit das Comeback offiziell angekündigt hatte, erhielten ARMY Gold Members einen besonderen Gruß: handgeschriebene Briefe von allen sieben BTS-Mitgliedern. Auf jedem Brief stand das Datum "2026.3.20" - der Tag des Comebacks. Alle BTS-Mitglieder zeigten sich darin höchst emotional, so schreibt Jung Kook: "Ich vermisse euch. Bitte kümmert euch auch dieses Jahr gut um uns." RM freut sich: "Wir haben sehnsüchtiger als jeder andere gewartet. BTS is coming!" Und Jimin schreibt: "Das Jahr, auf das wir gewartet haben, ist endlich da."

Was das Comeback künstlerisch bedeutet

"ARIRANG" kommt mit 14‑Tracks, die die Verbindung von Tradition und moderner Popästhetik aufgreifen. Der Titel verweist auf ein koreanisches Volkslied, das für Wiedervereinigung, Sehnsucht und Hoffnung steht - ein bewusst gewähltes Symbol nach Jahren der Trennung. Dem "Rolling Stone" sagten sie, dass das neue Album die Ideen aller Mitglieder widerspiegele - dass es ein bewusstes Gruppenprojekt sei, das an die Anfangsenergie der Band anknüpfen soll. Nach Jahren der Solokarrieren soll das Comeback gewachsene künstlerische Identitäten zusammenbringen - BTS betonen immer wieder in Interviews, dass es bei ihrer Rückkehr vor allem darum geht, wieder als Einheit aufzutreten. RM formulierte es im "Rolling Stone" so: Das Wichtigste sei, "dass wir wieder zusammen hier sind".

2026 markiert den Beginn eines neuen Kapitels für BTS: vollständig, gereift und bereit, die K-Pop-Welt erneut zu prägen. Mit einem Album, das bewusst kulturelle Wurzeln aufgreift, und einer gigantischen Welt­tournee setzen BTS erneut Maßstäbe - und wollen zeigen, dass sie auch nach einer langen Pause nichts von ihrer Relevanz verloren haben.

Author Silke Wünsch
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Image caption Am 20. März startet das Comeback von BTS mit einem neuen Album
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Item 49
Id 76425359
Date 2026-03-19
Title ICMA-Galakonzert in Bamberg: Es lebe die klassische Musik
Short title ICMA-Galakonzert in Bamberg: Es lebe die klassische Musik
Teaser Preisgekrönte Newcomer und Stars begeisterten bei der Gala der International Classical Music Awards in Bamberg. Der Preis hilft gerade jungen Talenten beim Einstieg in den umkämpften Musikmarkt.
Short teaser Junge Talente begeisterten bei den International Classical Music Awards, die Eintrittskarte in den Klassikmarkt
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Preisträgerinnen und Preisträger der International Classical Music Awards (ICMA) präsentierten sich auf der Bühne des Bamberger Konzertsaals. Ihr Können begeisterte nicht nur das Publikum im Saal, sondern auch die Zuhörer weltweit. Die DW hat das Konzert live übertragen.

Es reicht heute oft nicht aus, sein Instrument oder seine Stimme auf der Bühne exzellent zu beherrschen. Gerade für die Karriere von Nachwuchskünstlern und -Künstlerinnen ist es wichtig, auf dem globalen Musikmarkt von Agenten und Musiklabels wahrgenommen zu werden. Genau da kommen unabhängige Musikpreise ins Spiel, die die Musikszene beleben und Nachwuchstalenten ein Forum bieten. In Europa spielen die "International Classical Music Awards" (ICMA) seit nunmehr 15 Jahren im übertragenen Sinn die erste Geige.

"Trüffelschweine" der klassischen Musik

Die Jury-Mitglieder der ICMA, 20 Musikjournalisten und Kritiker aus 17 europäischen Ländern, bezeichnen sich gerne salopp als "Trüffelschweine der klassischen Musik". Sie würdigen nicht nur die hohe Qualität der musikalischen Darbietungen, sondern wollen auch Originelles und Besonderes entdecken – und das jenseits des Mainstreams und der Markterfolge. Das ganze Jahr über durchstöbern die unabhängigen Profis das Dickicht der Neuerscheinungen in allen möglichen Sparten. Das reicht vom Debüt-Album der Nachwuchssolisten bis hin zu Neuentdeckungen alter Barockmusik aus den Tiefen der Archive, aber auch die Entdeckung zeitgenössischer Werke und deren Komponisten.

Für den Preis können weltweit auch die Musizierenden oder Ensembles selbst ihr jüngstes Album einreichen, egal ob als Tonträger oder als digitalen Release. Die Zahl der Neuerscheinungen ist hoch und steigt kontinuierlich, nach Einschätzung der ICMA gibt es jedes Jahr rund 10.000 Aufnahmen, aus denen die Juroren auswählen können.

301 Produktionen wurden Ende 2025 für die ICMA-Preise in 27 Kategorien nominiert. In geheimer Abstimmung wählten die Juroren Anfang 2026 die Gewinner. Einige von ihnen wie die ungarisch-ägyptische Geigerin Mariam Abouzahra (Discovery Award), der amerikanische Pianist Anthony Ratinov (ICMA Classeek Award für Nachwuchstalente) oder die israelische Flötistin Sharon Bezaly (Flute Award in der Kategorie Zeitgenössische Musik) hatten die Ehre, im Gala-Konzert aufzutreten. Gastgeber waren diesmal die Bamberger Symphonikern, eines der traditionsreichsten Orchester Deutschlands, unter der Leitung von Chefdirigent Jakub Hrůša.

Traditionsorchester Bamberger Symphonikern

Mit dem international besetzten ICMA-Galakonzert feierte das Orchester auch sein eigenes 80. Jubiläum: am 20. März 1946 spielten Spitzenmusiker aus Böhmen und Mähren ihr erstes Konzert. Sie mussten durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs fliehen und fanden in Bamberg eine neue Heimat und ein friedliches Leben.

Auf dem Programm des ersten Konzerts stand damals die "Leonoren-Ouvertüre Nummer 3" von Ludwig van Beethoven, der das Werk in der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleons Besatzungsmacht geschrieben hatte. Acht Jahrzehnte später eröffnete auch der tschechische Maestro Jakub Hrůša am 18. März 2026 das Jubiläumsprogramm mit diesem Werk. Für Hrůša ist die Wahl programmatisch was die Botschaft seines Orchesters anbelangt, das er seit 14 Jahren leitet. "Ich glaube, die Harmonie ist das Stichwort für unseren Klang und unsere Arbeit. Auch im Kontakt mit dem Publikum, ob im Saal oder am anderen Ende der Welt bei einer Übertragung des Konzertes", sagt Hrůša im DW-Gespräch. "Gerade in stürmischen Zeiten stehen wir für Stabilität und Solidarität, das ist unsere Mission."

Auf der Suche nach der unverwechselbaren Persönlichkeit

Diese Stabilität und Freundlichkeit spürten auch die jungen preisgekrönten Künstlerinnen und Künstler des Gala-Abends, die als Solisten mit dem Orchester musizierten. Unter ihnen die junge in Deutschland geborene ungarisch-ägyptische Geigerin Mariam Abouzahra.

"Das Orchester und Maestro Hrůša haben mich regelrecht getragen mit ihrem Klang", sagt sie. Denn obwohl die 17-Jährige bereits zahlreiche internationale Auftritte hinter sich hat, etwa bei der Eröffnung des neuen Grand Egyptian Museums in Kairo, gesteht auch sie ihr Lampenfieber vor großen Auftritten, das ihr die Bamberger Symphonikern genommen haben.

Remy Frank ist Musikjournalist in Luxemburg und Präsident der ICMA-Jury. "Es gibt heute mehr herausragende junge Künstler als je zuvor", sagt er der DW. "Die jungen Menschen haben es nicht einfach." Doch gerade das mache das Musikleben spannend für das Publikum und für die Musikkritiker.

"Die Konkurrenz unter jungen Talenten wird immer härter", bestätigt ein weiteres Jury-Mitglied, der italienische Musikkritiker Nicola Cattò. "Ich stelle jedoch fest, dass dem übertriebenen Streben nach technischer Perfektion eine Rückkehr zu einer menschlicheren Dimension des Klangs und des Musizierens gegenübersteht", sagt er. Insbesondere junge Pianisten und Geiger – Instrumente, bei denen die Konkurrenz am größten ist – seien heute weniger auf technische Perfektion fixiert. "Man ist vor allem auf der Suche nach einer unverwechselbaren Persönlichkeit."

Die DW übertrug die jährliche ICMA-Gala zum fünften Mal. Bereits die Konzerte in Luxemburg (2022), Wroclaw (2023), Valencia (2024) oder Düsseldorf (2025) fanden großen Zuspruch bei den Usern des Klassik-Kanals "DW Classical Music" auf Youtube.

Item URL https://www.dw.com/de/icma-galakonzert-in-bamberg-es-lebe-die-klassische-musik/a-76425359?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Triumph: Maestro Jakub Hrůša und die Bamberger Symphoniker gestalteten den Abend mit den Preisträgern
Image source Marian Lenhard
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Item 50
Id 76411219
Date 2026-03-18
Title Iran-Krieg könnte Investitionen aus den Golfstaaten schrumpfen lassen
Short title Iran-Krieg: Investitionen aus Golfstaaten könnten schrumpfen
Teaser Golfstaaten wie Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate investieren weltweit Billionen - von den USA bis nach Afrika. Der Iran-Krieg könnte dazu führen, dass sie ihr Geld stärker im Inland einsetzen.
Short teaser Die Golfstaaten investieren weltweit Billionen. Der Krieg könnte dazu beitragen, dass das Geld in der Region bleibt.
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Astronomisch sind die Summen, die die ölreichen Golfstaaten weltweit investieren. Staatsfonds von Ländern wie Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, Kuwait und anderen Golfstaaten verwalten Vermögenswerte im Wert von rund fünf Billionen US-Dollar (4,35 Billionen Euro).

"Die globale Bedeutung der Golfstaaten beschränkt sich nicht auf Öl", sagte Majed al-Ansari, Sprecher des katarischen Außenministeriums, am Dienstag (17.03.26) bei einer Online-Diskussion des in Doha residierenden Middle East Council on Global Affairs. "Die Region ist ein Zentrum der Weltwirtschaft. Sollte sie sich auf Verteidigung konzentrieren, Investitionen abziehen und ihr internationales Engagement einstellen, wären die Folgen weltweit spürbar - in fast jeder Volkswirtschaft."

In den vergangenen Jahren haben Golfstaaten ihr Geld in vielen Ländern der Welt in unterschiedlichste Bereiche investiert. Eines der jüngsten Beispiele ist die Unterstützung von Staatsfonds aus der Region für das Übernahmeangebot des US-Unterhaltungskonzerns Paramount für Warner Brothers.

Nach seinem Besuch im Nahen Osten im vergangenen Jahr kehrte US-Präsident Donald Trump mit Investitionszusagen in Billionenhöhe aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar zurück.

In den vergangenen zehn Jahren investierten die Golfstaaten zudem rund 100 Milliarden US-Dollar (87 Milliarden Euro) in Afrika - etwa in Ernährungssicherheit, kritische Rohstoffe und Projekte zur Energiewende.

Zugleich flossen Milliarden in sogenannte "Bailout-Diplomatie" in der Region - also umfangreiche finanzielle oder materielle Hilfen für Staaten in wirtschaftlichen Krisen. Dazu gehörten etwa die Stabilisierung der ägyptischen Wirtschaft sowie Wiederaufbau und Hilfe in Syrien, Libanon und im Gazastreifen.

Ins Stocken geratene Exporte und Instabilität

Doch der Iran-Krieg könnte diese Investitionspolitik verändern. Denn der offene Krieg, der mit Angriffen der USA und Israels auf den Iran Ende Februar begann, hat dazu geführt, dass viele Golfstaaten ihre Öl- und Gasförderung sowie den Export eingeschränkt haben - zentrale Einnahmequellen. Teheran wirft ihnen vor, Angriffe von ihrem Territorium aus zuzulassen, und hat neben US-Militärbasen auch Ölinfrastruktur und Flughäfen in mehreren Staaten angegriffen. Zudem blockiert der Iran die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Transportrouten für Öl und Gas.

Das Beratungsunternehmen Oxford Economics geht deshalb davon aus, dass die Einkommen der Golfstaaten in diesem Jahr nur um 2,6 Prozent wachsen werden - 1,8 Prozentpunkte weniger als erwartet.

Einige Länder dürften dabei stärker betroffen sein als andere. Oman und Saudi-Arabien etwa verfügen über alternative Exportwege und könnten von steigenden Ölpreisen profitieren. Bahrain, Kuwait und Katar haben diese Möglichkeiten nicht.

Zugleich wirft der Krieg in den Golfstaaten die Bemühungen zurück, die Volkswirtschaften weniger abhängig vom jahrzehntelangen Wohlstands-Garanten Öl zu machen. Tourismus, Immobilien und der digitale Sektor leiden, die Börsen gaben nach.

"Videos von Explosionen in Dubai, Doha und Manama haben das sorgfältig aufgebaute Sicherheitsimage der Golfregion erschüttert", schrieb der Analyst Frederic Schneider vom Middle East Council on Global Affairs in der vergangenen Woche.

Experten warnen, Luftraumsperrungen - besonders während des derzeit noch laufenden Ramadan - könnten zu Einnahmeverlusten von bis zu 56 Milliarden US-Dollar im Tourismussektor führen.

Veränderte Prioritäten?

"Es ist noch zu früh, um die Folgen des Konflikts sicher abzuschätzen", sagt Tim Callen vom Arab Gulf States Institute (AGSI) in Washington. Kurzfristig werde der Effekt negativ sein, langfristig hänge er von Dauer und Ausgang des Krieges ab.

Die Staatsfonds seien derzeit stabil, so Callen. "Ich erwarte daher zunächst keine großen Änderungen bei Auslandsinvestitionen." Das könne sich jedoch ändern, je länger der Konflikt andauere und je stärker die heimische Wirtschaft betroffen sei.

Beobachter gehen zudem davon aus, dass sich die Prioritäten nach Kriegsende verschieben könnten - etwa hin zu mehr Investitionen in Versorgungssicherheit, alternative Exportwege sowie höhere Ausgaben für Wiederaufbau, Verteidigung und Sicherheit.

"Das wird Auswirkungen haben", sagt al-Ansari. Wegen wirtschaftlicher Belastungen und schwindenden Vertrauens in die Stabilität der Region werde man stark mit Wiederaufbau, Verteidigung und Krisenbewältigung beschäftigt sein.

Auch könnten Staatsfonds stärker zur Stabilisierung der eigenen Wirtschaft eingesetzt werden - so etwa, um angeschlagene Branchen wie den Tourismus zu stützen.

Mögliche Neubewertung der Zusagen an Trump

Die Financial Times berichtete zuletzt unter Berufung auf eine anonyme Quelle, dass mehrere Golfstaaten auch geplante Investitionen in den USA überprüften.

Nach Trumps Besuch 2025 hatten die Vereinigten Arabischen Emirate Investitionen von 1,4 Billionen US-Dollar zugesagt, Katar 1,2 Billionen und Saudi-Arabien Vereinbarungen im Umfang von 600 Milliarden US-Dollar, darunter ein Rüstungsgeschäft über 142 Milliarden Dollar.

Callen hält eine grundlegende Neubewertung jedoch für unwahrscheinlich. Höhere Verteidigungsausgaben etwa seien mit den Investitionszusagen an die USA vereinbar. Zudem seien manche Zusagen eher als politische Signale zu verstehen gewesen, schrieb kürzlich die Analystin Rachel Ziemba, die unter anderem am amerikanischen Gulf International Forum tätig ist.

Kurzfristig seien die Folgen klar: geringeres Wachstum und ein höheres Risiko für Investoren. Die langfristigen Auswirkungen blieben jedoch offen.

"Investitionen werden insgesamt betroffen sein", so Callen. "Die Frage ist, wie stark und wie lange – und das hängt davon ab, wie dieser Krieg endet."

Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.

Author Cathrin Schaer
Item URL https://www.dw.com/de/iran-krieg-könnte-investitionen-aus-den-golfstaaten-schrumpfen-lassen/a-76411219?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76385093_607.jpg
Image caption Flugzeuge am Flughafen von Dubai während eines iranischen Drohnenangriffes
Image source AP Photo/dpa/picture alliance
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Item 51
Id 76354293
Date 2026-03-18
Title Nervensägen lassen uns möglicherweise schneller altern
Short title Nervensägen lassen uns möglicherweise schneller altern
Teaser Zwischen anstrengenden Menschen in unserem Leben und einem schnelleren Alterungsprozess besteht eine Verbindung. Das besagt eine Studie aus den USA. Besonders schlimm: Nervige Familienmitglieder – mit einer Ausnahme.
Short teaser Der Effekt ist besonders ausgeprägt bei nervigen Familienmitgliedern – mit einer Ausnahme.
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Wer kennt sie nicht? Die Kollegin, die immer von ihrem Beziehungsdrama erzählen muss, jede Unterhaltung monopolisiert und dann noch bedauernde Kommentare zum immer gleichen Thema erwartet – jeden Tag. Oder der Vater, der ständig mit Technikfragen anruft, mehr oder weniger subtil den Lebensstil seines Kindes kritisiert, aber trotzdem erwartet, dass besagtes Kind seine Arzttermine für ihn macht.

Eine neue Studie, veröffentlicht im Fachblatt Proceedings of the National Academy of Sciences, bestätigt nun, was sich viele schon lange gedacht haben: Solche Leute könnten uns schneller altern lassen.

Menschen brauchen gesunde soziale Beziehungen. Aber wer in seinem Umfeld regelmäßig mit anstrengenden Personen zu tun hat, die von den US-Forschenden in der Studie "hasslers" genannt werden (to hassle: jemanden schikanieren oder sich mit etwas herumplagen), altert schneller.

Wichtig bei dem Ergebnis: Das Team hinter der Studie hat bisher nur eine Korrelation und keine Kausalität nachweisen können. Soll heißen: Bei den Testpersonen, die mehr "hasslers" in ihrem Leben hatten, war ein schnellerer biologischer Alterungsprozess zu beobachten. Das bedeutet nicht zwingend, dass die Nervensägen das schnellere Altern auch verursachen.

Je mehr anstrengende Bekannte, desto schneller der Alterungsprozess

Fest steht aber: Die Forschenden haben einen Häufungseffekt festgestellt. Je mehr dieser anstrengenden Menschen man in seinem Bekanntenkreis hat, desto schneller altert man. Und jede zusätzliche Nervensäge macht es schlimmer. Die Forschenden fanden heraus, dass jeder "hassler" mit einer 1,5-prozentigen Verschnellerung des Alterungsprozesses korrelierte. Bei diesem Tempo würde der Körper innerhalb eines Kalenderjahres um 1,015 biologische Jahre altern.

Klingt nicht nach viel? Hochgerechnet auf einen Zeitraum von 10 Jahren würde das fast zwei extra Monate Altern bedeuten, und zwar für jede Nervensäge, mit der man sich regelmäßig herumschlagen muss.

Ein möglicher Grund dafür: Die Autorinnen und Autoren der Studie haben herausgefunden, dass die Folgen von regelmäßigem Kontakt mit solch anstrengenden Menschen die gleichen sind wie die von Geldsorgen oder Stress auf der Arbeit: ein höheres Risiko für Herzkreislauferkrankungen, reduzierte Immunreaktionen und mehr Entzündungen im Körper.

Frauen haben eher mit Nervensägen zu tun als Männer

Für die Studie nahm das Forschungsteam Speichelproben von 2345 Probandinnen und Probanden im US-Bundesstaat Indiana und testete die DNA, um mehr über den biologischen Alterungsprozess der Personen herauszufinden. Die Teilnehmenden waren zwischen 18 und 103 Jahren alt. Im Rahmen der Studie beantworteten sie außerdem Fragen zu ihren sozialen Beziehungen und ihrer allgemeinen Gesundheit.

Frauen gaben häufiger an, "hassler" in ihrem Umfeld zu haben als Männer (es ist unklar, ob es unter den anstrengenden Bekannten selbst mehr Frauen oder Männer gab).

Besonders viele Nervensägen fanden sich nach Aussagen der Teilnehmenden in sozialen Beziehungen, in denen man ihnen praktisch ausgeliefert ist. Es finden sich mehr "hassler" unter Kollegen und Mitbewohnerinnen als im Freundeskreis, wo man sich ja für gewöhnlich aussucht, mit wem man Zeit verbringt. Viele unter uns werden das bestätigen können: Mit unangenehmen Personen zusammenarbeiten oder sogar wohnen zu müssen, ist Stress ganz eigener Art.

Nicht alle Nervensägen sind gleich

Aber die Korrelation gilt generell, nicht nur bei anstrengenden Mitbewohnern: Menschen, die in ihrem Alltag mit "hasslers" zu tun haben, altern schneller. Und dieser biologische Prozess hat es in sich. Schäden auf der Molekularebene, die nicht mehr repariert werden, häufen sich. Das führt dazu, dass verschiedenste Körperfunktionen nicht mehr so laufen wie früher. Außerdem ist man anfälliger für Krankheiten und Verletzungen. Alt werden ist eben nichts für Feiglinge.

Beschleunigtes biologisches Altern geht Hand in Hand mit weiteren "negativen gesundheitlichen Folgen wie beispielsweise chronischen Erkrankungen und einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko", heißt es in der Studie.

Die Forschenden fanden außerdem heraus, dass die Verbindung zwischen dem schnelleren Alterungsprozess und Nervensägen bei einigen "hasslers" stärker war als bei anderen. Wenig überraschend: Bei anstrengenden Familienmitgliedern ist die Korrelation mit schnellerem Altern ausgeprägter als bei Nervensägen, die nicht mit uns verwandt sind.

Aber es gibt eine Ausnahme: Die Forschenden fanden keine deutliche Verbindung zwischen beschleunigtem biologischem Altern und romantischen Partnern, die als "hassler" kategorisiert wurden. Ein anstrengender Ehemann oder eine nervige Partnerin scheinen also nicht dazu beizutragen, dass uns schneller graue Haare wachsen. Immerhin etwas.

Author Carla Bleiker
Item URL https://www.dw.com/de/nervensägen-lassen-uns-möglicherweise-schneller-altern/a-76354293?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Wir wissen nicht, ob sich diese Mitbewohner vertragen. Wenn nicht, könnte sie das schneller altern lassen
Image source ARIS MESSINIS/AFP/Getty Images
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Item 52
Id 76381974
Date 2026-03-18
Title Kuba rutscht ohne Öl immer tiefer in die Krise
Teaser Ohne Öllieferungen aus Venezuela bricht der Tourismus ein, Flüge fallen aus und die Bevölkerung leidet unter Stromausfällen und Problemen.
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Varadero, einst eines der beliebtesten Reiseziele Kubas, leidet massiv unter den Folgen des verschärften Embargos und der damit verbundenen Treibstoffkrise. Ausgefallene Flüge und fehlende Urlauber treffen Musiker, Souvenirverkäufer und Oldtimerfahrer gleichermaßen. Zwischen leeren Stränden, geschlossenen Marktständen und stillgelegten Taxis wird sichtbar, wie tief die Wirtschaftskrise den Tourismus - eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes - erschüttert.

Viele Menschen versuchen nun, alternative Wege zu finden, um ihre Familien zu ernähren. Eindrücke aus Varadero und Alt-Havanna zeigen, wie sehr der Alltag ins Wanken geraten ist und wie ungewiss die kommenden Wochen für die Bevölkerung bleiben.

Diese Videozusammenfassung wurde mithilfe künstlicher Intelligenz aus dem Originalskript der DW erstellt. Vor der Veröffentlichung wurde sie von einem Journalisten bearbeitet.

Author Jochen Beckmann (Varadero, Kuba)
Item URL https://www.dw.com/de/kuba-rutscht-ohne-öl-immer-tiefer-in-die-krise/video-76381974?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Item 53
Id 76393809
Date 2026-03-18
Title US-israelische Angriffe beschädigen Welterbestätten im Iran
Short title US-israelische Angriffe beschädigen Welterbestätten im Iran
Teaser Mehrere Paläste, Moscheen und prähistorische Stätten im Iran sind durch Luftangriffe der USA und Israels in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Schäden bedrohen bedeutende Zeugnisse des kulturellen Erbes der Menschheit.
Short teaser Mehrere Paläste, Moscheen und prähistorische Stätten im Iran sind von den US-israelischen Luftangriffen betroffen.
Full text

Die Auswirkungen des Krieges reichen längst weit über die aktuellen Frontlinien hinaus. In Iran haben die US‑israelischen Angriffe auch Orte getroffen, die zu wichtigen Zeugnissen menschlicher Zivilisation zählen. Paläste aus der Safawidenzeit, jahrhundertealte Moscheen und sogar prähistorische Fundstätten - viele von ihnen UNESCO‑geschützt - tragen inzwischen sichtbare Spuren der Explosionen und Druckwellen. Während die politischen Spannungen weiter eskalieren, wächst die Sorge um ein kulturelles Erbe, das nicht nur Iran, sondern der gesamten Welt gehört.

Die UNESCO, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, erklärte, man habe "allen beteiligten Parteien die geografischen Koordinaten der Welterbestätten sowie weiterer bedeutender Kulturdenkmäler übermittelt, um mögliche Schäden zu vermeiden". Weiter hieß es: "Die UNESCO beobachtet die Lage des kulturellen Erbes im Land und in der Region weiterhin genau, um seinen Schutz sicherzustellen."

Nachfolgend eine Übersicht der bislang gemeldeten Schäden - basierend auf verschiedenen Berichten.

Golestan-Palast, Teheran

Der Golestan-Palast - eines der ältesten historischen Monumente und einziges UNESCO-Welterbe in der iranischen Hauptstadt Teheran - umfasst acht Palastbauten, die erstmals im 16. Jahrhundert errichtet wurden.

Die UNESCO hat bestätigt, dass der Palast durch einen Raketenangriff am 2. März auf den nahegelegenen Arag-Platz beschädigt wurde: zerborstene Spiegeldecken, zerstörte Bögen, herausgerissene Fenster und Trümmer in mehreren Sälen.

Tschehel-Sotun-Palast, Isfahan

Der Tschehel-Sotun-Palast, berühmt für seine detailreichen Fresken, gehört zu den bekanntesten Kulturdenkmälern Isfahans, rund 450 Kilometer südlich von Teheran. Der Pavillon aus dem 17. Jahrhundert ist Teil der UNESCO-Welterbestätte "Persische Gärten" und wurde in der Safawidenzeit (Herrscherdynastie im 16. und 17. Jahrhundert) für zeremonielle Empfänge genutzt.

Der Name "Tschehel Sotun" bedeutet "40 Säulen". Tatsächlich hat der Bau nur 20 Holzsäulen, die sich im Wasser eines großen Beckens davor spiegeln und so doppelt erscheinen.

Die UNESCO bestätigt Schäden durch die Angriffe auf ein benachbartes Regierungsgebäude am 10. März: zerbrochene Fliesen, herabgestürzte Wandmalereien, beschädigte Safawiden-Spiegelornamente, rissige Fresken und zertrümmerte Fenster.

Dschame (Freitagsmoschee von Isfahan)

Druckwellen haben auch die Dschame-Moschee getroffen - die älteste Freitagsmoschee des Iran und ebenfalls UNESCO-Welterbe. Die UNESCO beschreibt das Monument als ein einzigartiges Zeugnis für die Entwicklung islamisch-iranischer Architektur über zwölf Jahrhunderte. Die historische Moschee dient zugleich als Gebetshaus und als Teil des alten Basars von Isfahan.

Ali-Qapu-Palast, Isfahan

Auch der Ali-Qapu-Palast, seit 1979 UNESCO-Welterbestätte, wurde durch Angriffe in Isfahan in Mitleidenschaft gezogen. Es gibt Berichte über zerbrochene Fenster, Türen und kunstvolle Fliesenarbeiten.

Der Palast liegt an der Westseite des Naqsch-e-Dschahan-Platzes aus der Herrschaftszeit von Schah Abbas I. (1588–1629). Der Prachtplatz - bekannt als "Nesf-e Jahan" (die halbe Welt) - gilt als Meisterwerk safawidischer Architektur. Ziel des Angriffs war offenbar das Gouverneursgebäude am Platz, doch die Druckwellen der Explosionen trafen auch die umliegenden historischen Gebäude.

Prähistorische Höhlen im Chorramabad-Tal

Auch Gebäude in der Nähe der archäologischen Fundstätten im Chorramabad-Tal wurden beschädigt. In diesem Tal liegen fünf prähistorische Höhlen und ein Felsunterstand, die wichtige Hinweise auf die früheste menschliche Besiedlung der Region vor 63 000 Jahren liefern. Seit 2025 gehört das Ensemble zur UNESCO-Welterbeliste.

Falak-ol-Aflak, Stadt Chorramabad

Die massive Festung Falak-ol-Aflak ("Himmel der Himmel") wurde während der Sasanidenzeit (2. - 7. Jahrhundert) in Chorramabad errichtet und beherbergt heute ein Museum.
Mehrere Gebäude im inneren Bereich der Festungsanlage wurden Berichten zufolge getroffen - darunter das archäologische und das anthropologische Museum. Die Hauptfestung selbst blieb jedoch intakt. Fünf Mitarbeitende wurden verletzt.

Das "Blaue Schild"

Als Schutzmaßnahme bringen iranische Behörden derzeit blau-weiße Schilder auf historischen Gebäuden an. Das "Blue Shield"-Emblem wurde 1954 im Rahmen der Haager Konvention geschaffen, um Kulturgüter im Krieg zu schützen.

Auch die Organisation "Blue Shield International" forderte den Schutz iranischer Kulturgüter. Deren Präsident Peter Stone erklärte am 13. März: "Der Schutz menschlichen Lebens hat oberste Priorität - doch der Schutz von Menschen ist untrennbar mit dem Schutz ihres kulturellen Erbes verbunden." Kulturerbe sei "mehr als ein Zeugnis der Vergangenheit - es ist ein Anker menschlicher Identität und ein globales Gemeingut".

Die bisherigen Schäden entstanden überwiegend durch Druckwellen, Trümmer und Explosionen in der Nähe, nicht durch direkte Angriffe auf die Monumente.

Mögliche "Kriegsverbrechen"

US-Präsident Donald Trump hatte bereits im Januar 2020 - während seiner ersten Amtszeit - mit Angriffen auf iranische Kulturstätten gedroht. Solche Angriffe gelten nach internationalem Recht als Kriegsverbrechen. Die USA, Israel und Iran haben Verträge zum Schutz von Kulturerbe - auch in Konflikten - unterzeichnet.

US‑Verteidigungsminister Pete Hegseth äußerte deutlich seine Geringschätzung für die sogenannten "Rules of Engagement". Die internationalen Einsatzregeln, die das Risiko für Zivilisten verringern sollen, nannte er "dumm".

Das US‑Komitee des Blue Shield zeigte sich zutiefst alarmiert über Hegseths Äußerung und warnte unmissverständlich, dass die Missachtung des humanitären Völkerrechts - einschließlich zahlreicher internationaler Abkommen, die die USA selbst unterzeichnet haben, den Weg zu Kriegsverbrechen bereiten könne.

Author Elizabeth Grenier
Item URL https://www.dw.com/de/us-israelische-angriffe-beschädigen-welterbestätten-im-iran/a-76393809?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Trümmer im Golestan-Palast
Image source Majid Asgaripour/REUTERS
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Item 54
Id 76307677
Date 2026-03-18
Title Antike Graffiti zeigen Alltagsszenen aus Pompeji
Short title Antike Graffiti zeigen Alltagsszenen aus Pompeji
Teaser Neue Technologien machen jahrhundertealte Graffiti sichtbar. Sie zeigen das Leben, den Humor und die Sorgen der Menschen vor fast 2000 Jahren. Spoiler: Sie standen auf Gladiatoren.
Short teaser Neue Technologien machen jahrhundertealte Graffiti sichtbar - und geben Einblicke in das Leben vor fast 2000 Jahren.
Full text

Wer glaubt, dass "Ich war hier"-Graffiti nur in modernen Toiletten zu finden sind, täuscht sich. Neue Technologien machen eingeritzte Botschaften auf antiken Stätten sichtbar wie nie zuvor und offenbaren Details aus dem Leben ganz gewöhnlicher Menschen - von versklavten Personen bis zu Soldaten, die aus Langeweile ihre Namen in Wände ritzten.

Das Zentrum dieser Forschung liegt in Pompeji, der heute berühmten Stadt, die im Jahr 79 n. Chr. beim Ausbruch des Vulkans Vesuv unter Asche begraben wurde. Einst eine Katastrophe, später ein Glücksfall für die Archäologie, denn die meterhohen Ablagerungen aus Asche und Schlamm konservierten Gebäude und Straßen außergewöhnlich gut.

Seit Beginn der Ausgrabungen im 18. Jahrhundert haben Forschende zahlreiche Gemälde, Fresken und Mosaike in den Häusern der Oberschicht freigelegt. In den vergangenen Jahren aber wuchs das Interesse am Leben der einfachen Bevölkerung.

"In den letzten 15 bis 20 Jahren gab es einen starken Aufschwung in der Graffiti-Forschung, und das ist enorm spannend", sagt die Historikerin Rebecca Benefiel, die das "Ancient Graffiti Project" gegründet hat. Die Plattform digitalisiert antike Graffiti aus Pompeji und dem nahe gelegenen Herculaneum. Und auch Soziale Medien trügen dazu bei, dass das Interesse an dem Thema steige, so Benefiel.

Antikes Graffiti - lange Zeit nicht beachtet

Das Wort "Graffiti" geht auf das griechische Wort "graphein" zurück, was "schreiben" oder "zeichnen" bedeutet. Graffiti sind spontane Texte oder Zeichnungen von Menschen in ihrem Alltag. Genau wie heutige Stadtkritzeleien liefern sie direkte Einblicke in das Leben vor vielen Jahrhunderten.

Warum das Interesse daran wächst, erklärt Rebecca Benefiel so: "Als Graffiti in den 1830er und 1840er Jahren erstmals entdeckt wurden, herrschte zunächst große Aufregung darüber, was uns diese kleinen handgeschriebenen Kritzeleien wohl verraten könnten." Dann aber habe der einflussreiche römische Archäologe August Mau gesagt, das die Erkenntnisse nicht besonders substantiell seien, sondern eher zu vergleichen mit der Kritzelei von Touristen, die ihren Namen irgendwo hinschreiben, so die Wissenschaftlerin. Diese Einschätzung habe die Erforschung der Graffiti über Jahrzehnte hinweg gebremst.

Stimmen, die nicht in Geschichtsbüchern auftauchen

"Wir haben dadurch viel verpasst", sagt Benefiel. "Es ist faszinierend zu sehen, was Menschen aller sozialen Schichten schreiben - und auch wo." Die Graffiti seien überall in der Stadt zu finden und nicht "das Werk einiger Teenager", wie es manchmal behauptet werde.

Zu ihren Lieblingsfunden gehören Botschaften von Menschen, die sonst nicht in Geschichtsbüchern auftauchen. Eine versklavte Frau namens Methe etwa schrieb ein Gebet an Venus, die Schutzgöttin Pompejis: "Methe liebt Chrestus, möge die Venus von Pompeji ihnen wohlgesinnt sein und und mögen sie beide ein Herz teilen": Über diese Frau wäre nichts weiter bekannt, "aber jetzt haben wir dieses schöne Gebet".

Andere Schriften zitieren lateinische Literatur, beispielsweise den Anfang von Vergils "Aeneis". "Für mich sind diese Zitate ein bisschen wie unsere Musik - etwas, das im Hintergrund mitläuft. Man kann es aufschreiben und jemand anderes kennt die nächste Zeile", sagt Benefiel. Auch Humorvolles findet sich. Eine Inschrift parodiert Vergils berühmten Auftakt. Statt "Ich besinge Waffen und einen Mann" ist da zu lesen "Ich besinge Wäschereien und einen Kauz, nicht Waffen eines Mannes."

Neue Technologien treiben die Forschung voran

Dass diese Inschriften heutzutage sichtbar sind, ist möglich dank neuer neuer Technologien, darunter das "Reflectance Transformation Imaging (RTI)", bei dem mithilfe spezieller Beleuchtung selbst feine Kratzspuren sichtbar gemacht werden können, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind.

So dokumentierte ein Team um Marie-Adeline Le Guennec von der Universität Québec sowie Eloise Letellier-Taillefer und Louis Autin von der Universität Sorbonne hunderte von Ritzungen in einem ehemaligen Korridor in Pompeji, der zu einem Theater geführt haben soll - und entdeckte zusätzlich 80 neue, obwohl die Fläche als vollständig erfasst galt. Dabei kommen einige Motive häufiger vor als andere - von detailgetreu in die Wand geritzten Booten bis hin zu "vielen Darstellungen von Gladiatoren", sagt Le Guennec im Gespräch mit der DW. "Offenbar interessierten sich viele eher für Gladiatoren als für die Tragödien oder Komödien im nahen Theater."

Neben gezeichneten Porträts, Tieren und Zahlen fanden die Forschenden auch Namen, die auf eine Herkunft aus dem östlichen Mittelmeerraum hindeuten. "Wir vermuten, dass es sich um Soldaten aus dem Fernen Osten handelte, die eine Weile in Pompeji blieben und ihre Namen an den Wänden hinterließen", so Le Guennec - ein Beweis dafür, dass die "Ich war hier"- Botschaften alles andere als ein modernes Phänomen sind.

Dank der technischen Fortschritte wird die Forschung künftig vermutlich noch mehr über das Leben vor vielen Jahrhunderten erfahren können. "Jede dieser Botschaften ist eine eigene, unverwechselbare Stimme, und etwas daran wirkt unglaublich unmittelbar und kraftvoll", sagt Rebecca Benefiel. Insbesondere weil es Einblicke gebe in das Leben der gewöhnlichen Menschen in Pompeji, und nicht nur der Oberschicht.

Author Sarah Hucal
Item URL https://www.dw.com/de/antike-graffiti-zeigen-alltagsszenen-aus-pompeji/a-76307677?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Kämpfende Gladiatoren - antike Graffiti geben Einblick in das Leben von vor fast 2000 Jahren
Image source Courtesy of the MIC - Archaeological Park of Pompeii
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Item 55
Id 76392585
Date 2026-03-17
Title Bausteine irdischen Lebens auf Asteroid Ryugu gefunden
Short title Bausteine irdischen Lebens auf Asteroid Ryugu gefunden
Teaser Forschende haben in Proben des Asteroiden Ryugu alle Bausteine des Erbmaterials DNA und RNA nachgewiesen - ein weiteres Puzzleteil auf der Suche nach dem Ursprung des Lebens.
Short teaser Proben des Asteroiden Ryugu liefern ein weiteres Puzzleteil auf der Suche nach dem Ursprung des Lebens.
Full text

Seit 1999 fasziniert der Asteroid Ryugu (162173) nicht nur Astronomen. Der rund einen Kilometer große, kantig wirkende Himmelskörper gehört zu den kohlenstoffreichen C‑Typ-Asteroiden, der häufigsten Asteroidenklasse im Sonnensystem - und gilt daher als vielversprechender Kandidat für die Suche nach chemischen Bausteinen, aus denen sich die ersten Lebensformen entwickelt haben.

Um dem nachzugehen, startete die japanische Raumsonde Hayabusa-2 am 3. Dezember 2014 ihre Mission zu Ryugu. Sie sammelte Proben auf und unter der Oberfläche des Asteroiden, trat im November 2019 den Rückflug an und lieferte im Dezember 2020 rund 5,4 Gramm Material in Südaustralien ab. Seitdem werden die Proben umfassend analysiert - und nun gibt es die ersten Ergebnisse.

Das Forschungsteam um Toshiki Koga von der Japan Agency for Marine‑Earth Science and Technology berichtet in Nature Astronomy, dass in den Ryugu-Proben erstmals alle zentralen Nukleobasen gefunden wurden - jene Bausteine also, die DNA und RNA bilden und damit die Grundlage des Lebens. Neben dem bereits 2023 nachgewiesenen Uracil fanden sich auch Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin.

Toshiki Koga warnt jedoch vor voreiligen Schlüssen: "Das bedeutet nicht, dass es auf Ryugu jemals Leben gab", betont er. Vielmehr zeige der Fund, "dass primitive Asteroiden Moleküle erzeugen und bewahren konnten, die für die Chemie rund um den Ursprung des Lebens von Bedeutung sind."

Die Ergebnisse fügen sich ins Puzzle: Auch in Material des von der NASA untersuchten Asteroiden Bennu sowie in den Meteoriten Orgueil und Murchison wurden bereits Nukleobasen entdeckt. Die neue Studie liefert jedoch den bislang umfassendsten Nachweis ihrer Verbreitung im Sonnensystem, da erstmals systematische Vergleiche mit Bennu, Orgueil und Murchison durchgeführt wurden.

Unerwartete chemische Signatur

Besonders interessant ist eine weitere Beobachtung: Das Team verglich die Mengen verschiedener Nukleobasen in den unterschiedlichen Weltraumgesteinen und stellten fest, dass verschiedene Asteroiden und Meteoriten ganz unterschiedliche "Mischungen" dieser Erbgut‑Bausteine enthalten. Ryugu besitzt zum Beispiel ein fast ausgeglichenes Verhältnis dieser Moleküle, während andere Himmelskörper eher von bestimmten Typen dominiert werden. Das zeigt, dass jeder dieser Körper eine eigene chemische Vorgeschichte hat.

Zudem zeigte sich erstmals ein Zusammenhang zwischen der Zusammensetzung der Nukleobasen und der Konzentration von Ammoniak in den Proben - einer weiteren für das Leben wichtigen Chemikalie.

Warum diese Verbindung besteht, ist bisher unklar. Doch sie könnte auf einen bislang unbekannten Prozess hinweisen, durch den solche Bausteine schon sehr früh im Sonnensystems entstanden sind, erklärt Koga.

Die Astrobiologin Morgan Cable von der Victoria University of Wellington in Neuseeland, die nicht an der Studie beteiligt ist, nennt diesen Befund "einzigartig". Er eröffne neue Perspektiven darauf, "wie biologisch bedeutsame Moleküle ursprünglich entstanden sein könnten und die Entstehung des Lebens auf der Erde gefördert haben".

Asteroiden als kosmische Chemielabore

Missionen wie Hayabusa‑2 und OSIRIS‑REx, die Proben von Asteroiden Bennu zur Erde gebracht hat, liefern immer mehr Indizien dafür, dass Asteroiden als kosmische Chemielabore fungierten - und möglicherweise die chemischen Zutaten für das erste Leben auf der Erde bereitstellten.

Der Astrobiologe César Menor‑Salván von der Universität Alcalá in Spanien ordnet die Funde so ein: Solche Moleküle bilden sich offenbar leicht unter präbiotischen - also bevor es Leben gab - Bedingungen, vermutlich "überall im Universum". Das bedeute jedoch nicht, dass das Leben im All entstanden sei, betont er. Wahrscheinlicher sei, dass Asteroiden jene organischen Rohstoffe lieferten, aus denen sich auf der Erde die ersten biochemischen Prozesse entwickelten.

Author Hannah Fuchs
Item URL https://www.dw.com/de/bausteine-irdischen-lebens-auf-asteroid-ryugu-gefunden/a-76392585?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Der Asteroid Ryugu gab weitere Hinweise auf den Ursprung des Lebens preis
Image source JAXA/REUTERS
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Item 56
Id 76396399
Date 2026-03-17
Title Unicredit will Commerzbank übernehmen
Short title Unicredit will Commerzbank: Eine Bank mit Übernahmehunger
Teaser Die italienische Großbank Unicredit möchte die deutsche Commerzbank übernehmen und erhöht den Druck. Welche Strategie verfolgen die Italiener? Und haben sie Aussicht auf Erfolg?
Short teaser Die italienische Großbank Unicredit möchte die deutsche Commerzbank übernehmen und erhöht den Druck.
Full text

"Wenn der richtige Zeitpunkt kommt und die Konditionen stimmen, dann wird es auf die richtige Weise passieren", sagte der Chef der italienischen Unicredit, Andrea Orcel, Anfang Februar in einem Interview mit dem TV-Sender CNBC. Angesprochen wurde er da auf die Übernahme von Deutschlands zweitgrößter Privatbank, der Commerzbank.

Für Hans-Peter-Burghof, Professor an der Universität Hohenheim ist die Sache klar: "Das ist eine Übernahmeschlacht. Es geht um viel Geld und die Unicredit will den Eindruck vermitteln, dass sie am Ende sowieso gewinnt."

Seit 2024 läuft der Übernahmekampf bereits und geht nun in die nächste Runde. Denn anscheinend ist für Orcel nun der richtige Zeitpunkt gekommen, denn seit Montag, dem 16.03., hat er den Aktionären der Commerzbank ein Angebot gemacht: Sie sollen ihre Aktien gegen Aktien der Unicredit eintauschen können. Damit das für die Aktionäre auch attraktiv ist, stellt er ein Plus von vier Prozent in Aussicht. Die Entscheidung muss er sich aber noch von einer Hauptversammlung im Mai absegnen lassen.

Ist das eine feindliche Übernahme?

"Das ist die klassische Form einer feindlichen Übernahme", sagt Bankexperte Burghof im DW-Gespräch. Denn bisher hat sich der Vorstand der Commerzbank konsequent gegen Fusion ausgesprochen. Auch die Gewerkschaften und der deutsche Staat, der an der Commerzbank beteiligt ist, sind gegen die Übernahme.

Auch das jüngste Angebot hat daran nichts geändert. "Wir sind überzeugt von der Stärke und dem Potenzial unserer Strategie, die auf Eigenständigkeit und profitables Wachstum setzt", sagte Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp als Reaktion. Auch ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums bekräftigte: "Der Bund unterstützt die Strategie der Eigenständigkeit der Commerzbank."

Was ist die Strategie von Unicredit?

Die Übernahmebemühungen der Unicredit laufen nun seit 18 Monaten - ohne konkrete Gespräche. Deshalb sei das Angebot nun ein Versuch, "Bewegung in die festgefahrene Situation zu bringen", schreibt Florian Heider, Direktor des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE, auf DW-Anfrage.

Hinzukommen aber auch technische Details. Firmen können sich in beliebiger Höhe bei aktiennotierten Unternehmen einkaufen. Hat der Angreifer aber mehr als 30 Prozent, muss er den Aktionären ein Pflichtangebot für eine Übernahme machen. Derzeit hält die Unicredit bereits fast 30 Prozent an der Commerzbank. Mit dem Übernahmeangebot kommt sie also einem wohl deutlich teureren Pflichtangebot zuvor.

Außerdem kauft die Commerzbank derzeit eigene Aktien zurück, um den Kurs zu stärken. Diese zurückgekauften Aktien werden eingezogen und damit die Zahl der insgesamt vorhandenen Aktien reduziert. Das war auf der Hauptversammlung 2025 beschlossen worden. Damit muss die Unicredit wiederum immer wieder Aktien verkaufen, um nicht aus Versehen die 30 Prozent-Schwelle zu überschreiten.

Ist das Angebot der Unicredit überzeugend?

Das Angebot von circa vier Prozent Aufschlag ist laut Experten relativ niedrig. Burghof spricht deshalb auch von einem "Fake-Angebot". Unicredit-CEO Andrea Orcel wisse, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit die Übernahme damit nicht erreiche. "Es geht der Unicredit lediglich darum, die rechtlichen Hürden aus dem Weg zu räumen", so Burghof. Dennoch werden ein paar der Anleger das Angebot annehmen. Die Strategie sei, dass man so "preiswert" über die 30 Prozent komme und danach weitere Anteile hinzukaufen könne, um die Commerzbank so langfristig zu kontrollieren.

Für den Finanzwissenschaftler Florian Heider vom SAFE ist es in Übernahmeprozessen allerdings nicht ungewöhnlich, "dass ein erstes Angebot vergleichsweise niedrig ausfällt." Das sei Teil der Verhandlungsdynamik.

Was erhofft sich die Unicredit von der Übernahme?

Die Unicredit hat im deutschen Markt mit der Hypovereinsbank bereits ein Standbein. Durch die Übernahme der Commerzbank sieht die Mailänder Bank Chancen in einem kombinierten Geschäft mit Privat- und Mittelstandskunden. Gewerkschaftler befürchten, dass durch eine Übernahme 10.000 Arbeitsplätze in Gefahr geraten könnten.

Das Hauptargument des Unicredit CEOs Orcel ist, dass Europa im Wettlauf mit den starken US-Geldhäusern größere Banken benötige. Professor Hans-Peter-Burghof hält dagegen: "Ginge es der Unicredit wirklich darum, eine große europäische Bank zu formen, hätte die Unicredit dies auch mit der Übernahme der Hypovereinsbank erreichen können." Doch stattdessen habe man das deutsche Bankhaus kleiner gemacht und lediglich auf Gewinnmaximierung gesetzt.

Er geht deshalb davon aus, dass es bei der Commerzbank-Übernahme vor allem darum geht, "die eigene Wettbewerbssituation zu stärken, indem man einen Wettbewerber wegkauft." Auch der Finanzplatz Frankfurt würde leiden, wenn es dort im Privatbankenbereich bis auf die Deutsche Bank überwiegend nur noch Zweigstellen ausländischer Banken gebe.

Für Florian Heider vom SAFE spricht hingegen aus ökonomischer Perspektive vieles für eine Konsolidierung im europäischen Bankensektor. "In einem integrierten europäischen Markt sollte es letztlich keine Rolle spielen, ob ein Kredit von einer deutschen oder italienischen Bank vergeben wird." Ein paneuropäisches Institut könnte den Finanzplatz Frankfurt sogar stärken.

Wird die Strategie der Unicredit aufgehen?

"Beide Parteien glauben noch, dass sie gewinnen können und es ist vollkommen offen, wer gewinnt", sagt Burghof. Dennoch habe die Unicredit mit dem Übernahmeangebot bereits erreicht, dass in Politik und Medien das Thema wieder an Bedeutung gewonnen habe.

Auch Florian Heider sieht, dass der Druck auf die Commerzbank zunimmt. So habe die Commerzbank bereits Stellen abgebaut. "Entscheidend ist daher, dass beide Seiten in konstruktive Verhandlungen eintreten", so Heider.

Einen ersten Erfolg kann die Unicredit auch bereits vermelden. So sagte Commerzbank-Chefin Orlopp einen Tag nach dem Übernahmeangebot in einem Interview mit Bloomberg TV: "Um uns für Gespräche an den Tisch zu bringen, ist eine Übernahme nicht notwendig." Und sie fügte hinzu: "Wir wären absolut bereit, uns zusammenzusetzen und einen Vorschlag von Unicredit zu erörtern." Das hatte sich allerdings in den vergangenen anderthalb Jahren anders angehört.

Author Nicolas Martin
Item URL https://www.dw.com/de/unicredit-will-commerzbank-übernehmen/a-76396399?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76395964_607.jpg
Image caption Die italienische Großbank Unicredit arbeitet seit anderthalb Jahren an einer Übernahme der deutschen Commerzbank
Image source Daniel Kalker/picture alliance
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Item 57
Id 76390557
Date 2026-03-17
Title Abhängigkeit von den USA: Deutschlands Digitaldilemma
Short title Abhängigkeit von den USA: Deutschlands Digitaldilemma
Teaser Rathäuser, Ministerien, Konzerne: Viele nutzen Software aus den USA und sind damit über den US-Cloud-Act politisch erpressbar. Die Bundesagentur ZenDiS will dafür Lösungen finden.
Short teaser Digitale Lösungen von ZenDiS sollen deutschen Verwaltungen Alternativen zu der Abhängigkeit von USA-Tech-Firmen bieten.
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Auf Dokumente und Datensätze, die in deutschen Rathäusern sowie von Verwaltungen auf Länder- oder Bundesebene erstellt werden, haben nicht nur die zuständigen inländischen Behörden Zugriff. Denn deutsche Behörden nutzen überwiegend Computerprogramme, deren Anbieter meist in den USA sitzen. Datenschützer sehen darin eine kritische Abhängigkeit, die sich durch den US-Cloud-Act ergibt, den Donald Trump in seiner ersten Amtszeit 2018 unterzeichnete.

Per Dekret oder Präsidentenerlass kann die US-Regierung demnach auf deutsche Daten zugreifen, wenn diese in einem digitalen Speicherplatz in den USA liegen. Das gilt auch für im Ausland gespeicherte Daten, wenn die Server dort US-Firmen oder deren Tochtergesellschaften gehören.

Das Zentrum für digitale Souveränität der öffentlichen Verwaltung, kurz ZenDiS, will Lösungen bieten, um die Abhängigkeiten von großen US-Tech-Konzernen wie Microsoft zu verringern. Daher entwickelt das in Bochum angesiedelte Unternehmen digitale Alternativen zu den US Produkten.

"Potenziell sind alle Daten gefährdet, die auf US-Datenbanken liegen", sagt ZenDiS-Sprecher Lutz Niemeyer. ZenDiS ist ein 100-prozentiges Tochterunternehmen der Bundesverwaltung - schließlich habe der Staat, so Niemeyer, "die Pflicht dafür zu sorgen, dass kritische Daten, die die Bürgerinnen und Bürger dem Staat anvertrauen, geschützt liegen".

Druckmittel: Anweisungen an US-Tech Unternehmen

Der Fall des Richters Nicolas Guillou vom Internationalen Strafgerichtshof mache auf dramatische Weise deutlich, was passieren kann, wenn jemand bei der US-Regierung in Ungnade fällt. Nachdem das Gericht einen Haftbefehl gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen im Gaza-Streifen erlassen hatte, folgten umgehend Sanktionen aus den USA.

So wurden die Konten des französischen Richters bei Amazon und PayPal geschlossen. Selbst Hotelbuchungen in Europa über ein US-Reisebüro waren nicht mehr möglich, da US-Unternehmen ihre Beziehungen zu Personen abbrechen müssen, wenn diese mit Sanktionen der US-Regierung belegt werden.

Ein Druckmittel der US-Regierung könne laut Niemeyer auch sein, die Tech-Firmen anzuweisen, keine Updates mehr zu liefern. Zum Beispiel keine Sicherheits- oder Funktions-Updates für die Software, mit der Verwaltungen hierzulande arbeiten. "Dann sind wir ganz schnell an einem Punkt, wo wir nicht mehr handlungsfähig wären als Staat." Und zwar von der Kommune bis in die Chefetagen des Kanzleramts.

Open Source als Lösung

Bei ZenDiS hat man darum eine Alternative gesucht, um sich aus der US-Abhängigkeit zu befreien. Die gefundene und auf den Markt gebrachte Lösung heißt openDesk. Diese Kollaborationssoftware umfasst verschiedene Open Source-Komponenten, bei denen also der Quellcode offen liegt. Mit dieser Art Baukasten können Nutzer zwischen IT-Lösungen, IT-Komponenten und Anbietern wählen.

Entwickelt hat ZenDiS diese Software nicht selbst, sondern das rund 40-köpfige Team hat bestehende Angebote auf dem deutschen und europäischen Markt aufgespürt und zu einem Paket gebündelt, das als Schnittstelle funktioniert. Oder wie es Pamela Krosta-Hartl formuliert: "Wir docken die verschiedenen Einzellösungen an und verdrahten sie."

Krosta-Hartl ist eine von zwei Geschäftsführenden und fungiert als Chief Technology Officer (CTO).

Auch Unternehmen möchten digital souverän werden

Gegründet wurde ZenDiS 2022, wobei eine Anschubfinanzierung des Bundes in Höhe von 16 Millionen Euro geholfen hat. Mittlerweile hat diese "Bundes GmbH der besonderen Art" über 160.000 Lizenzen von openDesk verkauft. Im vergangenen Jahr belief sich der Umsatz auf über 18 Millionen Euro, wobei die Hälfte aus dem Verkauf der Lizenzen stammt.

Auch in der Privatwirtschaft besteht ein großes Interesse, sich aus der US-Abhängigkeit zu befreien, insbesondere in kritischen Sektoren wie etwa der Finanzdienstleistungsbranche. Allerdings, so Niemeyer, dürfe man als Bundes-Unternehmen nur 20 Prozent der Umsätze aus der Privatwirtschaft generieren. Aber man bereite ein Programm für Vertriebspartner vor, "die unsere Lösungen dann für die Privatwirtschaft bezugsfähig machen können".

Über Kunden spricht man bei ZenDiS nicht gern. Dazu gehören, wie von der Aufgabenstellung her nicht anders zu erwarten, Landes- und Bundesbehörden.
In den letzten Monaten seien aber auch viele bekannte Unternehmen auf sie zugekommen, sagt Krosta-Hartl. Unlängst habe etwa ein Gespräch mit einem großen spanischen Telefonkommunikationsunternehmen stattgefunden. "Es geht also weit über die Grenzen Deutschlands hinaus."

Angesichts der Bestrebungen nach digitaler Souveränität sind die Datenschützer besorgt über einen Abschluss, den Deutschlands größter Stromerzeuger, RWE, vor ein paar Wochen mit Amazon getroffen hat. Kernpunkt des Deals: Amazon beziehe Strom von RWE, im Gegenzug speichere RWE seine Daten in der Cloud von Amazon und könne auch die KI der US-Firma nutzen.

"Grundsätzlich bewerten wir nicht, wenn Unternehmen untereinander Kooperationen schließen", betont Krosta-Hartl. Es gebe es beim Einsatz von US-Cloud-Diensten erhebliche Risiken, auch unter dem Aspekt der politischen Erpressbarkeit.

"Wir sehen heute, dass diese Gefahr durchaus real ist. Donald Trump verknüpft in nie dagewesener Weise sachfremde Themen. Seine engen Bande zur Tech-Industrie nutzt er aus", so Krosta-Hartl. Insofern müsse das Thema digitale Souveränität bei der Risikobewertung von Unternehmen immer mit berücksichtigt werden.


Der Artikel wurde am 18.3. veröffentlicht und seitdem aktualisiert, um Eigenschreibweisen zu korrigieren.

Author Klaus Deuse
Item URL https://www.dw.com/de/abhängigkeit-von-den-usa-deutschlands-digitaldilemma/a-76390557?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Große Teile der deutschen Verwaltung und Wirtschaft sind digital abhängig von den USA
Image source Julian Stratenschulte/dpa/picture alliance
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Item 58
Id 76076310
Date 2026-03-16
Title Kolumbiens Agrarwirtschaft zwischen Zöllen und neuen Märkten
Teaser Kolumbien Wirtschaft wächst, doch die enge Bindung an die USA wurde zuletzt durch neue Zölle belastet. Wie Unternehmen darauf reagieren, zeigt der Blick in das Valle del Cauca.
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Kolumbien hat 2025 erstmals mit Kaffee mehr Einnahmen erzielt als mit Erdöl. Doch die Produzenten stehen unter Druck: US‑Zölle und ein schwankender Weltmarkt machen das Geschäft unberechenbar.

Viele Unternehmer suchen deshalb nach neuen Wegen. Wie Harold Andrade, der auf verarbeitete Produkte und Direktverkauf setzt, um unabhängiger von Zwischenhändlern und Großabnehmern zu werden. Dennoch bleibt der Großteil der Kaffeebauern weiterhin auf den US‑Markt angewiesen – auch wenn das Interesse an Asien wächst.

Im Valle del Cauca, wo traditionell Zuckerrohr die Wirtschaft prägt, wollen Unternehmen wie Rio Paila ihre Märkte breiter aufstellen. Und sehen in Venezuela einen zukünftigen Partner. Sie haben aus vergangenen Krisen gelernt: wer sich nur auf einen Abnehmer verlässt, riskiert viel. Deshalb setzen die Produzenten auf Diversifizierung – beim Zucker ebenso wie beim Kaffee.

Diese Videozusammenfassung wurde mithilfe künstlicher Intelligenz aus dem Originalskript der DW erstellt. Vor der Veröffentlichung wurde sie von einem Journalisten bearbeitet.

Author Markus Böhnisch
Item URL https://www.dw.com/de/kolumbiens-agrarwirtschaft-zwischen-zöllen-und-neuen-märkten/video-76076310?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Item 59
Id 76374088
Date 2026-03-16
Title Oscar-Nacht 2026: "One Battle After Another" räumt ab
Short title Oscar-Nacht 2026: "One Battle After Another" räumt ab
Teaser Neben Paul Thomas Andersons schwarzhumorigem Politthriller war "Blood & Sinners" einer der großen Gewinner der wichtigsten Preisverleihung Hollywoods. Los Angeles erlebte eine Nacht voller emotionaler Höhepunkte.
Short teaser Neben Paul Thomas Andersons schwarzhumorigem Politthriller gehörte "Blood & Sinners“ zu den großen Gewinnern.
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Insgesamt sechs Auszeichnungen gingen an Paul Thomas Andersons schwarzhumorigen Politthriller "One Battle After Another". Er erhielt den Oscar unter anderem für den Besten Film sowie für die Beste Regie. Sean Penn gewann die Auszeichnung als Bester Nebendarsteller. Mit den Preisen setzte sich der Film gegen die anderen Favoriten "Bugonia," "F1," "Frankenstein," "Hamnet," "Marty Supreme," "The Secret Agent," "Sentimental Value", "Train Dreams" und "Blood & Sinners" durch.

Ryan Cooglers Vampirfilm "Blood & Sinners" war mit rekordverdächtigen 16 Nominierungen ins Rennen gegangen, durfte allerdings nur vier Oscars mitnehmen, darunter für das Beste Originaldrehbuch.

Dafür sorgte der Preis für den Besten Hauptdarsteller für einen der emotionalsten Momente dieser Nacht: Als Michael B. Jordan für "Blood & Sinners" seinen ersten Oscar erhielt, bekam er Standing Ovations. Mit seinem Sieg hat sich Jordan gegen Timothée Chalamet ("Marty Supreme"), Leonardo DiCaprio ("One Battle After Another"), Ethan Hawke ("Blue Moon") und Wagner Moura ("The Secret Agent") durchgesetzt.

Als Beste Hauptdarstellerin durfte sich die Irin Jessie Buckley über die Trophäe freuen. Sie spielt im Drama "Hamnet" die Frau des Dichters William Shakespeare, die um ihren Sohn trauert. Als beste Nebendarstellerin wurde die Amerikanerin Amy Madigan für den Horrorfilm "Weapons - Die Stunde des Verschwindens" ausgezeichnet.

Ein weiterer historischer Moment in der 98. Oscar-Nacht: Autumn Durald Arkapaw schrieb Filmgeschichte als erste Frau, die den Oscar für die Beste Kamera gewann - ebenfalls für "Blood & Sinners".

Die Highlights der Show

Die Veranstaltung war geprägt von emotionalen Dankesreden. Und von kleinen Reminiszenzen an frühere Zeiten: Nicole Kidman und Ewan McGregor erinnerten an eine ihrer gemeinsamen Szenen aus dem Oscar-prämierten Musical-Film "Moulin Rouge" (2001) - und sangen noch einmal gemeinsam "All you need is love".

Im Drehbuch-Segment sorgten Robert Downey Jr. und Chris Evans für Begeisterung; sie feierten den ersten "Avengers"-Film vor 14 Jahren und übergaben anschließend den Preis den Preis für das Beste Drehbuch.

Auch diese Momente berührten: Billy Crystal erinnerte an Regisseur Rob Reiner. Ihn und Crystal verband eine lange Freundschaft. Im Dezember 2025 waren Reiner und seine Frau in ihrer Wohnung in Los Angeles tot aufgefunden worden. Crystal, der die Hauptrolle in Reiners Kultfilm "Harry und Sally" gespielt hatte, gehörte zu den ersten Menschen am Ort des Geschehens.

Barbra Streisand erinnerte mit dem Lied "The Way We Were" an ihren ebenfalls 2025 verstorbenen Freund Robert Redford - und auch Rachel Mc Adams sorgte in ihrer "Im Memoriam"-Rede für einen Moment, in dem die Zeit im Dolby Theatre für einen Augenblick stillzustehen schien. Sie gedachte ihrer im letzten Jahr verstorbenen Freundin und Mentorin Diane Keaton. Der Auftritt markierte einen würdevollen und zutiefst menschlichen Akzent in einer ansonsten von Jubel und Satire geprägten Oscar-Nacht. Die Bilder der weinenden Hollywood-Elite gingen noch während der Show um die Welt.

Politische Akzente - mal fein, mal deutlich

Gastgeber Conan O'Brien führte zum zweiten Mal durch den Abend und unterhielt das Publikum mit bissigen Pointen und selbstironischem Humor. Dabei verteilte er die eine oder andere subtile politische Spitze - vor allem gegen Donald Trump und die US-Medienlandschaft. Während viele Preisträger ihre Reden bewusst unpolitisch hielten, gab es dennoch einige markante Statements.

Schauspieler Javier Bardem setzte gleich zu Beginn ein deutliches Zeichen, forderte ein "Nein zum Krieg" und trug einen Button, der auf den israelisch-palästinensischen Konflikt aufmerksam machte.

Bardem war nicht der einzige Prominente, der bei der Gala politische Botschaften abgab. Zahlreiche Gäste, darunter Schauspielerinnen wie Charithra Chandran und Musikerinnen wie Sara Bareilles - trugen Pins mit Aufschriften wie "Just Peace" (Nur Frieden) oder "Artists4Ceasefire" (Künstler für Waffenruhe).

Regisseur Joachim Trier - Preisträger für den besten internationalen Film "Sentimental Value" - kritisierte in seiner Rede globale politische Verantwortungslosigkeit und sprach eindringlich über das Leiden von Kindern in aktuellen Konflikten - im Nahen Osten, in der Ukraine und im Sudan.

In der Dokumentarfilm-Kategorie dominierten ebenfalls politische Themen: David Borensteins "Mr Nobody Against Putin" gewann als beste Filmdoku: Sie erzählt die Geschichte eines jungen russischen Lehrers, der stillen Widerstand gegen den Krieg Russlands gegen die Ukraine leistet. Der Film setzt sich mit der Frage auseinander, wie autoritäre Systeme entstehen und fortbestehen.

Die Oscar-Nacht 2026 bestätigte einmal mehr ihren Ruf als Mischung aus Glamour und gesellschaftlicher Spiegelung. Zwischen hochemotionalen Momenten, überraschenden Siegen und pointierten politischen Kommentaren bot der Abend nicht nur Unterhaltung, sondern auch Denkanstöße - ein Spiegelbild einer Zeit, in der Filmkunst und Weltgeschehen eng ineinandergreifen.

Author Silke Wünsch
Item URL https://www.dw.com/de/oscar-nacht-2026-one-battle-after-another-räumt-ab/a-76374088?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76371648_607.jpg
Image caption Politsatire "One Battle anfter Another" räumt mit sechs Trophäen ab
Image source Mike Blake/REUTERS
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Item 60
Id 76346776
Date 2026-03-15
Title Oscars 2026 - Wer wird gewinnen?
Short title Oscars 2026 - Wer wird gewinnen?
Teaser Als Top-Favoriten gelten in diesem Jahr "Blood & Sinners" von Ryan Coogler und "One Battle After Another" von Paul Thomas Anderson. Im Vorfeld sorgten Äußerungen von Timothée Chalamet für Gesprächsstoff.
Short teaser Top-Favoriten sind "Blood & Sinners" und "One Battle After Another". Für Gesprächsstoff sorgte Timothée Chalamet.
Full text

Filmfans gleichen vor der Oscar-Verleihung Sportbegeisterten vor einem großen Finale: Sie diskutieren über das "Rennen" um die Academy Awards, analysieren Chancen und Quoten und spekulieren darüber, welche Produktionen und welche Schauspielerinnen oder Schauspieler bei dieser großen Kino-Olympiade am Ende vorne liegen.

Und tatsächlich hat die 98. Oscar-Verleihung, die am Sonntag (15. März) in Los Angeles stattfindet, alles, was eine epische Oscar-Show braucht. Zwei brillante, originelle und äußerst erfolgreiche Filme - Ryan Cooglers "Blood & Sinners" und Paul Thomas Andersons "One Battle After Another" - stehen sich im Rennen um den besten Film gegenüber. Und zwei der spannendsten und originellsten Hollywood-Schauspieler unter 40 - Michael B. Jordan, Star von "Blood & Sinners", sowie Timothée Chalamet, nominiert für Josh Safdies "Marty Supreme" - liegen im Rennen um den besten Hauptdarsteller Kopf an Kopf.

Auch in weniger prominenten Kategorien gibt es reichlich Potenzial für Überraschungen und Sensationen, insbesondere bei den Anwärtern auf den Preis für den besten Nebendarsteller und die beste Nebendarstellerin. Das macht die diesjährigen Oscars zu einer der seltenen Preisverleihungen, bei denen die Gewinner nicht von vornherein festzustehen scheinen.

"Blood & Sinners" - Vampire in den Südstaaten

"Blood & Sinners" bricht den Rekord: Er geht mit 16 Nominierungen in die Oscar-Verleihung - so viele wie noch kein Film zuvor - und übertrifft damit den bisherigen Rekord von 14 Nominierungen, den sich "All About Eve" (1950), "Titanic" (1997) und "La La Land" (2016) teilten.

Von seinem Indie-Debüt "Fruitvale Station" im Jahr 2013 bis zu seinem Marvel-Superhelden-Epos "Black Panther" im Jahr 2018: Regisseur Ryan Coogler war stets erfolgreich. Doch mit "Blood & Sinners" schafft er das fast Unmögliche: Er liefert einen zutiefst persönlichen Blockbuster mit einer überaus originellen Prämisse. Der im Jahr 1932 angesiedelte Action-Horror-Historienfilm zeigt Michael B. Jordan in einer Doppelrolle als die eineiigen Zwillingsbrüder Stack und Smoke: zwei Gangster, die in ihre Heimatstadt in den rassistisch geprägten Süden der USA zurückkehren und dort auf übernatürliche Gestalten in Form von irischen Einwanderer-Vampiren treffen.

"Blood & Sinners" ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit Amerikas gewaltvoller Geschichte von Rassismus und kultureller Aneignung - und zugleich ein präzise gebautes Stück Hollywood-Unterhaltung. Er spielte schon jetzt weltweit über 370 Millionen US-Dollar (ca. 320 Millionen Euro) ein und ist damit der kommerziell erfolgreichste Blockbuster im diesjährigen Oscar-Rennen.

Der Film wird in vielen Kategorien gehandelt: Ryan Coogler könnte der erste schwarze Filmemacher werden, der den Oscar für die beste Regie gewinnt. Seine Frau und Produktionspartnerin, Zinzi Coogler, könnte die erste schwarze Produzentin werden, die den Oscar für den besten Film bekommt. Und schließlich könnte "Blood & Sinners" auch den Allzeitrekord für die meisten Oscar-Gewinne übertreffen. Derzeit liegt der Bestwert bei elf Auszeichnungen - gehalten von "Ben-Hur" (1959), "Titanic" (1997) und "Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs" (2003).

Glaubt man jedoch den Wettbüros, ist "Blood & Sinners" nur in einer Handvoll Kategorien der klare Oscar-Favorit, darunter "Bestes Originaldrehbuch" und die neue Kategorie "Beste Besetzung". Im Rennen um die Hauptpreise - "Beste Regie" und "Bester Film" - hat "One Battle After Another" die Nase vorn.

"One Battle After Another" - absurd und ernst

In Paul Thomas Andersons temporeicher Action-Komödie spielt Leonardo DiCaprio einen ehemaligen revolutionären Hitzkopf, der zum ausgebrannten Dauerkiffer geworden ist. Als seine Tochter Willa (Chase Infiniti) entführt wird, sieht er sich gezwungen, von seiner Couch aufzustehen und erneut aktiv zu werden.

"One Battle After Another", eine freie Adaption von Thomas Pynchons Roman "Vineland" aus dem Jahr 1990, ist ein Spiegel der polarisierten politischen Landschaft in den USA. Auf der einen Seite wird ein Migranteninternierungslagers befreit, auf der anderen Seite gibt es von der Regierung geschützte Zufluchtsorte für gewaltbereite christliche Nationalisten, die fest entschlossen sind, Amerika "wieder groß" zu machen.

Die Geschichte ist ernst und zugleich bis ins Absurde überspitzt. Die Nationalisten nennen sich selbst die "Christmas Adventurers" und begrüßen einander mit einem enthusiastischen "Hail Saint Nick!". Sean Penn verkörpert einen ihrer ergebenen Gefolgsleute - eine karikaturhafte Schurkenfigur, die in khakifarbener Hose und einem viel zu engen schwarzen T‑Shirt und einer absurd ungelenken Steifheit herumspaziert.

Seit dem Kinostart im vergangenen Herbst gilt "One Battle After Another" als Favorit auf den Oscar für den besten Film. Die Chancen stehen gut, dass sowohl der Film als auch Paul Thomas Anderson - der schon 14 Mal für einen Oscar nominiert war, aber noch nie eine Trophäe mit nach Hause nehmen konnte - am Sonntagabend zu den großen Gewinnern gehören werden.

Während "Blood & Sinners" als starker Konkurrent wahrgenommen wird, scheinen andere Anwärter wie Chloé Zhaos Shakespeare‑Drama "Hamnet" und Josh Safdies Dramedy "Marty Supreme" nur noch geringe Chancen zu haben.

Beste Hauptdarstellerin: Jessie Buckley als Favoritin

Jessie Buckley, die in "Hamnet" die Rolle der Agnes spielt, der naturverbundenen Ehefrau von William Shakespeare (Paul Mescal), hat große Chancen, den Oscar als beste Hauptdarstellerin zu gewinnen. Die irische Schauspielerin ist klare Favoritin in einer Kategorie, die traditionell für Überraschungen bekannt ist.

Timothée Chalamet hingegen, der in "Marty Supreme" die Titelrolle des Marty spielt - einen egozentrischen Gauner, der davon träumt, Tischtennis-Weltmeister zu werden -, schien zunächst auf dem besten Weg zu sein, den Oscar als bester Hauptdarsteller zu bekommen. Doch sein Kommentar während der Award-Kampagne, in dem Chalamet Ballett und Oper abtat als Kunstformen, "für die sich heute niemand mehr interessiert", löste einen viralen Backlash aus. Stattdessen wird nun "Blood & Sinners"- Star Michael B. Jordan als Favorit gehandelt.

Spannend werden in diesem Jahr auch die Nebenrollen-Kategorien: Sean Penns in "One Battle After Another" tritt an gegen den schwedischen Schauspielveteranen Stellan Skarsgård, der für Joachim Triers norwegisches Melodram "Sentimental Value" nominiert ist.

Bei den besten Nebendarstellerinnen zeichnet sich ein potenzieller Dreikampf ab zwischen Amy Madigan, nominiert für ihre Rolle als Hexe in Zach Creggers Horror-Hit "Weapons - Die Stunde des Verschwindens", Teyana Taylor als innerlich zerrissene Revolutionärin in "One Battle After Another", sowie Wunmi Mosaku, nominiert für ihre Darstellung der Hoodoo-Heilerin Annie in "Blood & Sinners".

In der Kategorie "Bester internationaler Film" gilt "Sentimental Value" des Norwegers Joachim Trier als Favorit. Ebenfalls hoch im Kurs stehen Jafar Panahis "It Was Just an Accident" und Kleber Mendonça Filhos Thriller "The Secret Agent".

Hollywood vs. Netflix

Netflix dürfte mit Guillermo del Toros opulentem Frankenstein zwar einige technische Auszeichnungen einfahren - voraussichtlich in den Kategorien Maske, Kostümdesign und Szenenbild. Und auch der Überraschungserfolg "KPop Demon Hunters" gilt als gesetzt: Der Film hat beste Chancen auf den Oscar für den besten Animationsfilm und für den besten Song - dank des Chart-Hits "Golden".

Doch sofern sich kein großes Wunder ereignet, wird das Filmstudio Warner Bros., das sowohl "One Battle After Another" als auch "Blood & Sinners" produzierte, als diesjähriger König der Oscars hervorgehen.

Trotz dieser guten Nachrichten für Hollywood liegt ein Hauch von Melancholie über der 98. Oscar-Verleihung, denn der erwartete Triumph von Warner Bros. findet vor dem Hintergrund einer bevorstehenden Übernahme durch Paramount Global statt. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass Künstliche Intelligenz die Filmindustrie grundlegend erschüttern, wenn nicht gar zerstören könnte.

Adaption aus dem Englischen: Petra Lambeck

Author Scott Roxborough
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Image caption Von Kritikern gefeiert und außerdem ein Kassenschlager: Ryan Cooglers Vampirdrama "Blood & Sinners"
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Item 61
Id 64454820
Date 2026-03-14
Title Philosoph Jürgen Habermas ist tot
Short title Philosoph Jürgen Habermas ist tot
Teaser Der Philosoph und Soziologe starb nach Angaben des Suhrkamp-Verlags an diesem Samstag im Alter von 96 Jahren in Starnberg.
Short teaser Der Philosoph und Soziologe starb nach Angaben des Suhrkamp-Verlags im Alter von 96 Jahren in Starnberg.
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Jürgen Habermas galt als der einflussreichste und bekannteste deutsche Philosoph der Gegenwart. Über Jahrzehnte hinweg bestimmte er intellektuelle Debatten und Diskurse. Der von Theodor Adorno und Max Horkheimer geprägte Hochschullehrer war der bekannteste Vertreter der zweiten Generation der "Frankfurter Schule", einer Gruppe von Philosophen und Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen, die mit der sogenannten Kritischen Theorie hervortrat. Als Habermas' Hauptwerk gilt sein 1981 erschienenes Buch "Theorie des kommunikativen Handelns".

Seine Karriere hatte in den 1950er Jahren am Frankfurter Institut für Sozialforschung begonnen, wo er Adornos Assistent war. 1961 habilitierte er sich in Marburg mit dem Werk "Strukturwandel der Öffentlichkeit". Nach wenigen Jahren an der Universität Heidelberg übernahm er 1964 Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Während der Studentenrevolte wurde Habermas als Unterstützer wahrgenommen, lehnte die Radikalisierung der Bewegung jedoch ab.

Altersjahre am Starnberger See

1971 wechselte er nach Starnberg bei München, wo er bis 1981 das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt leitete. 1983 kehrte er nach Frankfurt zurück, wo er bis zu seiner Emeritierung 1994 erneut einen Lehrstuhl für Philosophie übernahm. Auch in den Altersjahren, die er am Starnberger See verbrachte, meldete sich Habermas immer wieder zu politischen, gesellschaftlichen und philosophischen Fragen zu Wort, etwa zum Kosovo-Krieg, zur Hirnforschung oder zur Religion.

Bundeskanzler Friedrich Merz würdigte den gebürtigen Düsseldorfer, dessen Werke in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurden, als einen der bedeutendsten Denker unserer Zeit. "Seine analytische Schärfe prägte weit über die Grenzen unseres Landes hinaus den demokratischen Diskurs und wirkte wie ein Leuchtfeuer in tosender See." Der CDU-Politiker hob hervor, Habermas' soziologische und philosophische Arbeit habe Generationen von Forschern und Denkern geprägt. Seine "intellektuelle Eindringlichkeit" und seine Liberalität seien unersetzlich.

Einen ausführlichen Nachruf finden Sie hier.

jj/HF (dpa, afp, epd, munzinger)

Item URL https://www.dw.com/de/philosoph-jürgen-habermas-ist-tot/a-64454820?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Jürgen Habermas 2016 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche - er selbst hatte den Preis 2001 erhalten
Image source Arne Dedert/dpa/picture alliance
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Item 62
Id 76252208
Date 2026-03-12
Title Bis zum letzten Tropfen: Wenn Physiker in der Küche forschen
Short title Bis zum letzten Tropfen: Wenn Physiker in der Küche forschen
Teaser Wie lange dauert es, bis der letzte Tropfen Milch oder Öl aus der Flasche getropft ist? Das haben Physiker in den USA nun exakt ausgerechnet. Mit solch spielerischer Forschung kann man sogar Preise gewinnen – ernsthaft.
Short teaser Wie lange dauert es, bis das letzte Öl aus der Flasche getropft ist? Das haben Physiker nun ausgerechnet – ernsthaft.
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Auch der letzte Milchtropfen soll noch in den Kaffee und vom teuren Olivenöl auch der letzte Rest noch über den Salat – mit schräg gehaltenen Flaschen oder Kartons stehen wir dann mehr oder minder geduldig in der Küche und warten.

Fast jeder kennt solche Situationen. Aber wie lange muss man eigentlich warten? Genau das fragten sich zwei Physiker der Brown University in Providence in den USA. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in dem Fachblatt Physics of Fluids.

Thomas Dutta, Doktorand der Physik erinnerte sich daran, wie seine Großmutter mit den letzten Tropfen kämpfte. Und sein Physikprofessor Jay Tang stand in der heimischen Küche immer wieder vor der Frage, wie lange es braucht, bis das Wasser nach dem Spülen seines gusseisernen Woks abläuft.

Küchenphysik statt Laborphysik

Eigentlich forscht Tang an der Biophysik von Bakterien, genauer gesagt daran, wie sich einzellige Organismen bewegen und wie sich Bakterienschwärme auf feuchten Oberflächen ausbreiten. Für diese Forschung muss man genau verstehen, wie Strömungsmechanik funktioniert. Um diese seinem Doktoranden Dutta näher zu bringen, beschloss Tang, Phänomene der alltäglichen Physik zu untersuchen.

So etwa das "Spülproblem" seines Woks. Denn den trocknet der Professor deswegen nicht ab, weil das die Ölschicht entfernen könnte, die das Anbrennen von Lebensmitteln verhindert. Doch bleibt der Wok zu nass, könnte sich beim Verdunsten des Restwassers Rost bilden.

"Wenn ich das Waschwasser ausgieße, bleibt immer etwas Wasser im Wok zurück", berichtet Tang. "Deshalb warte ich normalerweise ein paar Minuten, bis sich dieser Wasserfilm am Boden gesammelt hat, und gieße ihn dann einfach wieder aus."

Aber reichen diese paar Minuten, damit sich möglichst alles Restwasser zum Weggießen sammeln kann? Die beiden Forscher machten sich also daran, die Wartezeit für das Abtropfen von Flüssigkeiten genau auszurechnen. Sie untersuchten unter anderem Milch, Olivenöl, Ahornsirup – und besagtes Spülwasser aus dem Wok.

Von Strömungsmechanik und Ahornsirup

Zunächst errechneten Tang und Dutta die benötigte Zeit mithilfe der sogenannten Navier-Stokes-Gleichungen. Diese Gleichungen beschreiben die Bewegung von Flüssigkeiten und Gasen, etwa Wasser, Luft und Öl.

Nachdem die die Physiker in der Theorie vorausgesagt hatten, wie lange die Flüssigkeiten benötigen würden, um eine geneigte Oberfläche zu durchfließen, prüften sie das in Experimenten nach. Dabei ließen sie die Flüssigkeiten über eine Platte fließen, die in einem Winkel von 45 Grad geneigt war. Durch das Wiegen der abgeflossenen Menge bestimmten sie, wann 90 Prozent einer Flüssigkeit abgegossen waren.

Die Experimente bestätigten im Wesentlichen die theoretischen Berechnungen. So floss Wasser innerhalb weniger Sekunden ab. Bei Flüssigkeiten mit geringer Viskosität wie Milch dauerte es etwa 30 Sekunden, bis 90 Prozent des dünnen Flüssigkeitsfilms abgelaufen waren. Dickflüssigeres Olivenöl hingegen brauchte mehr als neun Minuten, und kalter Ahornsirup sogar einige Stunden.

Und das "Wok-Problem"? Mithilfe der Gleichungen der Strömungsmechanik entwickelte Dutta eine Computersimulation, um die optimale Wartezeit zum Sammeln des Restwassers im Wok zu ermitteln.

"Ich war überrascht und ehrlich gesagt etwas enttäuscht", resümiert Tang das Ergebnis. "Normalerweise warte ich nur ein oder zwei Minuten, aber es hat sich herausgestellt, dass ich viel geduldiger sein muss." Denn Duttas Berechnungen zeigten: Bis sich 90 Prozent des Restwassers auf dem Wok-Boden gesammelt haben, dauert es rund 15 Minuten.

Mario-Markus-Preis für spielerische Forschung

Wer jetzt den Kopf schüttelt bei so viel "Küchenphysik", dem sei gesagt: Für solch spielerische Forschung wurde extra ein Preis ins Leben gerufen: der Mario-Markus-Preis für ludische Wissenschaften. Er würdigt wissenschaftliche Arbeiten aus dem Bereich der Naturwissenschaften, die sich durch ihren spielerischen Charakter auszeichnen. Ludus kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: das Spiel.

Vergeben wird der mit 10.000 Euro dotierte Preis seit 2022 von der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh). Mit rund 28.000 Mitgliedern gehört sie zu den größten chemiewissenschaftlichen Gesellschaften weltweit. Initiator des Preises ist der deutsch-chilenische Physiker Mario Markus, der am Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie forschte und den Begriff der ludischen Wissenschaft geprägt hat.

Die Idee dahinter: Während Forschungsprojekte heute vor allem deswegen durchgeführt werden, weil man sich eine konkrete Anwendbarkeit erhofft, zeige der Blick in die Vergangenheit, dass neue Erkenntnisse immer wieder spielerisch und aus schierer Neugier erlangt wurden.

Wenn der Zufall mitforscht

Und übrigens immer wieder auch aus purem Zufall oder durch vermeintlich misslungene Experimente.

So entdeckte Alexander Fleming das Penicillin nur deswegen, weil Sporen von Schimmelpilzen der Gattung Penicillium versehentlich auf Bakterienkulturen gelangten, die er für Experimente verwenden wollte - und Fleming sah, dass viele Bakterien abgestorben waren.

Charles Nelson Goodyear tropfte nur versehentlich eine mit Schwefel vermischte Masse aus Naturkautschuk auf eine heiße Herdplatte – danach war sie deutlich elastischer, robuster und stabiler: die Vulkanisierung von Gummi war entdeckt.

Und Knetgummi als Spielzeug haben wir einer Frau namens Kay Zufall zu verdanken. Die Kindergärtnerin erkannte, dass sich ein formbarer Tapetenreiniger auch zur Bespaßung von Kindern eignete.

Author Jeannette Cwienk
Item URL https://www.dw.com/de/bis-zum-letzten-tropfen-wenn-physiker-in-der-küche-forschen/a-76252208?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/59921500_607.jpg
Image caption Wann der letzte Tropfen Öl aus der Flasche kommt, lässt sich physikalisch berechnen
Image source Maksim Lashcheuski/Zoonar/picture alliance
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Item 63
Id 76305922
Date 2026-03-11
Title Bombenalltag im Iran: Wie Dauerangst die Psyche schädigt
Short title Bombenalltag im Iran: Wie Dauerangst die Psyche schädigt
Teaser Bomben, Staatsgewalt und Angst zermürben die Menschen im Iran. Wie sich Trauma gefährlich aufstaut – und welche Hilfe Betroffenen trotz Dauerstress Hoffnung gibt.
Short teaser Bei Menschen, die konstant Angst ums Überleben haben, ist das Risiko einer posttraumatischen Erkrankung erhöht.
Full text

Die Menschen im Iran leben in einem Kriegsgebiet. Die Angriffe von Israel und den USA scheinen sich auf Teheran zu konzentrieren, aber auch an vielen anderen Orten im ganzen Land gehen Bomben nieder. Kurz bevor der aktuelle Krieg begann, gingen unzählige Menschen auf die Straße, um gegen ihr theokratisches Regime zu demonstrieren. Der islamisch geführte Staat ging brutal gegen seine eigene Bevölkerung vor: Die Proteste für Freiheit und Demokratie kosteten tausende Iranerinnen und Iraner das Leben.

Auch schon vor der Niederschlagung dieser Proteste lebte das Volk unter einer strengen Regierung. Damals wie heute duldet sie kaum Abweichung von ihrer Auslegung des Islams . Sie legt beispielsweise genau fest, in welcher Kleidung Frauen das Haus verlassen dürfen. Kleinste Abweichungen werden hart bestraft. Zu diesen Repressionen kommen Sanktionen gegen den Iran, aufgrund derer auch die wirtschaftliche Situation vieler Menschen im Land nicht gerade einfach ist.

Bombenangriffe, Verhaftungen und Unsicherheit darüber, wie man seine Familie versorgen oder gar seinem Kind eine Ausbildung ermöglichen soll: Was machen solche dauerhaften Belastungen mit der Psyche eines Menschen?

Chronische Alarmsituation erhöht die Wahrscheinlichkeit psychischer Erkrankungen

"Die Anzahl an psychischen Erkrankungen, besonders von posttraumatischer Belastungsstörung, Angststörung und Depression, ist erhöht unter Menschen, die chronisch Gewalt ausgesetzt sind", sagt Psychologin Dana Churbaji, die an der Universität Münster unter anderem zu Auswirkungen von Krieg und Flucht auf mentale Gesundheit forscht. Außerdem kann man bei individuellen Betroffenen "eine Veränderung der Wahrnehmung feststellen, wenn es darum geht, wie sicher die Welt ist, und wie die Menschen über ihr eigenes Leben denken."

Für Menschen, die mit existenziellen Unsicherheiten leben – etwa durch Stromausfälle, Lebensmittelknappheit oder den Verlust digitaler Kommunikation rücken elementare Bedürfnisse in den Vordergrund, so Churbaji. Jemand, der unter Kälte, Angst oder Hunger leidet, hat eine viel niedrigere Stresstoleranz. Kleine Konflikte und Unstimmigkeiten im privaten Umfeld können so schnell eskalieren.

"Wenn diese Grundbedürfnisse nicht gestillt sind, kommt es öfter zu Gewaltausbrüchen in der Familie", sagt die Psychologin im DW-Interview. "Darunter leiden die sozialen Kontakte. Und soziale Kontakte sind eigentlich der Resilienzfaktor Nummer eins."

Soll heißen: Jemand mit stabilen sozialen Kontakten, mit Menschen, denen er oder sie sich anvertrauen kann, hat ein geringeres Risiko, eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) zu entwickeln. Fällt dieser Schutz weg, steigt das Erkrankungsrisiko.

Wann tritt eine posttraumatische Belastungsstörung auf?

In einer akuten Belastungssituation äußert sich eine Belastungsstörung bei vielen Betroffenen noch nicht, weil das Gehirn im Überlebensmodus ist. Wenn sie aus ihrer Heimat fliehen müssen, um sich und ihre Angehörigen in Sicherheit zu bringen, tritt PTBS meist erst danach auf, erklärt Churbaji.

"Wenn das Gehirn versucht, mit der Vergangenheit Schluss zu machen – dann kommt die PTBS-Symptomatik. Und die steht dem Menschen im Weg, wenn er sein Wohlbefinden nach einer Fluchterfahrung wieder aufbauen möchte", sagt Churbaji.

Was sind die Symptome von PTBS?

Betroffene mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigen häufig folgende Verhaltensweisen und Symptome:

  • Vermeiden, über das Erlebte nachzudenken
  • Extreme Reaktionen auf bestimmte Trigger (Beispiel: sich bei dem Knallen eines Feuerwerks unter dem Tisch verstecken)
  • Flashbacks: Erinnerungen fühlen sich für Betroffene an, als ob die traumatischen Erlebnisse erneut passieren würden. Man spricht auch von intrusiven Erinnerungen, gegen die sich nicht gewehrt werden kann
  • Misstrauische und zynische Wesensveränderung
  • Starke Schuldgefühle – "survivor's guilt"
  • Schlafstörung und Konzentrationsschwierigkeiten

In einem Umfeld, wo Betroffene nicht offen über mentale Gesundheitsprobleme sprechen können, äußern sich psychische Belastungen auch körperlich, sagt Churbaji, in Form von Kopf-, Rücken- oder Periodenschmerzen, oder Fatigue.

Dauerhafte Stresssituation im Iran vs. einmaliges Trauma

Dabei macht es einen Unterschied, ob man ein einmaliges traumatisches Erlebnis wie einem Überfall hinter sich hat, oder schon lange mit Krieg und Gewalt lebt. "Die politische Verfolgung [Andersdenkender] im Iran geht schon seit sehr langer Zeit so. Proteste gegen das Regime werden immer wieder blutig niedergeschlagen", sagt die psychologische Psychotherapeutin Rita Rosner im DW-Gespräch. "Die Menschen dort sind von dieser langanhaltenden traumatischen Situation unmittelbar betroffen."

Dieser Dauerzustand kann eine stärkere Belastung sein als ein einmaliges traumatisches Erlebnis wie ein schwerer Autounfall. "Einmalige Ereignisse führen zu einer nicht ganz so hohen Wahrscheinlichkeit, dass sich Belastungsreaktionen herausbilden", sagt die Professorin an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. "Mit jedem [traumatischen] Ereignis, das dazukommt, werden Angst, Depression und eine posttraumatische Belastungsstörung wahrscheinlicher."

Auch Churbaji sagt, dass eine Häufung traumatischer Erlebnisse, wie sie beispielsweise beim Leben in einem Kriegsgebiet auftritt, gefährlich ist, "besonders, wenn mehrere Lebensbereiche betroffen sind." Jemand, der neben Bombenanschlägen und politischer Repression noch Gewalt in der Familie erfährt und auf der Arbeit sexuell belästigt wird, ist also besonders anfällig für PTBS.

Was hilft Menschen, die Traumatisches erlebt haben?

Erkrankungen wie PTBS sind mit psychosozialer Unterstützung behandelbar. Dazu gehören Gruppen- oder Einzeltherapie bei psychologischem Fachpersonal. Aber auch das soziale Umfeld kann helfen. Churbaji erzählt, dass Ärztinnen, Lehrer oder religiöse Vertrauenspersonen vor Ort ausgebildet werden, um ihren Patientinnen und Schützlingen bei der Traumabewältigung zur Seite stehen zu können.

Wenn persönliche Hilfe nicht in Anspruch genommen werden kann – aus Sicherheitsgründen, oder wenn nicht genügend Fachpersonal vor Ort ist – gibt es auch Onlineressourcen. Rosner verweist beispielsweise auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Unter dem Titel "Problem Management Plus" stellt die WHO ein Dokument in 23 Sprachen zur Verfügung, dass Menschen beim Umgang mit mentalen Stresssituationen unterstützen soll.

Die traumatischen Erlebnisse im Krieg aus der Erinnerung löschen können all diese Methoden nicht.

"Man kann nicht davon ausgehen, dass das Geschehene ungeschehen gemacht wird", sagt Churbaji. "Aber die Mehrheit der Menschen können wieder ein erfülltes Leben führen."

Author Carla Bleiker
Item URL https://www.dw.com/de/bombenalltag-im-iran-wie-dauerangst-die-psyche-schädigt/a-76305922?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Krieg sowie Gewalt seitens des eigenen Staates - was macht das mit den Menschen im Iran?
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Item 64
Id 76234325
Date 2026-03-11
Title Kunst als Zuflucht: Superstar Yayoi Kusama
Short title Kunst als Zuflucht: Superstar Yayoi Kusama
Teaser Yayoi Kusama ist bald 97 Jahre alt, doch ihre Kunst und ihre Themen sind noch immer hochaktuell. Jetzt widmet das Kölner Museum Ludwig der Japanerin eine große Retrospektive.
Short teaser Yayoi Kusama ist bald 97 Jahre alt, doch ihre Kunst und ihre Themen sind noch immer hochaktuell.
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Yayoi Kusama ist eine der größten zeitgenössischen Künstlerinnen Japans. Sie ist bekannt für ihre Instagram-affinen "Infinity Rooms” - begehbare Installationen aus Spiegeln und Lichtpunkten - sowie ihre großformatigen Polka-Dot-Skulpturen. Ihre Werke wirken oft verspielt, doch dahinter steht die Geschichte einer Frau, die enorme gesellschaftliche und gesundheitliche Herausforderungen zu überwinden hatte.

Mit etwa zehn Jahren hatte Yayoi Kusama zum ersten Mal Halluzinationen. Punkt- und Netzmuster legten sich vor ihrem inneren Auge über alles, was sie sah. Auslöser war ihrer Ansicht nach psychischer Stress, verursacht durch ihre lieblose Mutter, die sie vom Malen abhalten und in traditionelle Verhaltensmuster zwingen wollte. Die Halluzinationen haben sie bis heute nicht verlassen, doch Kusama hat gelernt mit ihnen zu leben - weil sie sie in Kunst verwandelt. "Meine Kunstwerke sind Ausdruck meines Lebens, insbesondere meiner psychischen Erkrankung", sagte Kusama einmal gegenüber dem "Bomb Magazine".

Nach einem Besuch der Kyoto School of Arts and Crafts hat Kusama erste Ausstellungen in ihrer Heimat. Ihre psychische Erkrankung verheimlicht sie nicht, damals ein großer Tabubruch. "Es war außergewöhnlich, dass sie so offensiv damit umgegangen ist”, erklärt Stephan Diederich im DW-Gespräch. Er ist der Kurator der großen Kusama-Retrospektive im Kölner Museum Ludwig (Start: 14. März). "Für sie war die Kunst eine Überlebensstrategie und Selbsttherapie, das hat sie auch immer so nach außen kommuniziert, ohne es in den Vordergrund zu stellen."

Kusamas Flucht nach New York

In Japan wird es der jungen Frau, geboren 1929, bald zu eng. "[Meine Eltern] versuchten ständig, mich in arrangierte Ehen mit Männern zu drängen, die ich noch nie getroffen hatte", erzählte Yayoi dem Schriftsteller Andrew Solomon einmal und beschrieb ihre frühen 20er Jahre als "die Zeit meines Nervenzusammenbruchs". Sie fühlte sich zunehmend wie "eine Gefangene, umgeben von einem Vorhang der Entpersönlichung". Schließlich entzieht sie sich den Konventionen und Rollenvorstellungen des Nachkriegsjapans und geht 1958 nach New York. "Sie war da außergewöhnlich selbstbewusst und zielgerichtet in ihrem Willen, ihren eigenen Weg zu gehen und Karriere zu machen", so Diederich. Kusamas Mutter gibt ihr finanzielle Starthilfe - unter der Bedingung, dass sie nie mehr nach Japan zurückkehrt.

Künstlerkollegin Georgia O'Keeffe, der Kusama zuvor eine Auswahl ihrer Arbeiten geschickt hat, hilft ihr, auf dem neuen Kontinent Fuß zu fassen. Kusama arbeitet häufig ganze Tage durch, erschafft unzählige Werke. Bald gehört sie zum exklusiven Kreis der New Yorker Avantgarde: Ihre monochromen Netzmuster, die Infinity Nets, erregen Aufsehen bei ihrer ersten Ausstellung. Mit ihren seriellen Wiederholungen ähneln ihre Arbeiten denen Andy Warhols. Ihre Stoffskulpturen, meist phallusförmig, erinnern an die etwa zeitgleich entstandenen Arbeiten von Claes Oldenburg. Oder ist es umgekehrt? "Sie hat das sehr selbstbewusst thematisiert, dass sie die Pflöcke eingeschlagen hat, auf die sich ihre männlichen Kollegen nachher bezogen haben", erklärt Kurator Stephan Diederich. Ob sie allerdings wirklich jeweils die Erste war, lasse sich heute nicht mehr zweifelsfrei nachvollziehen.

In jedem Fall sind die männlichen Weggefährten kommerziell erfolgreicher als die junge asiatische Frau, was dazu beiträgt, dass sie einen Selbstmordversuch unternimmt, den sie mit viel Glück überlebt. Ihren Protest gegen den Gender Pay Gap äußert Kusama unter anderem mit der Skulptur "Traveling Life" (1964): einer Leiter, die von phallischen Formen überwuchert ist und auf deren Stufen Frauenschuhe stehen. Phalli sind ein weiteres wiederkehrendes Motiv, mit dem Kusama ihre "Angst vor Sex als etwas Schmutzigem" zu verarbeiten versucht, wie sie in ihrer 2002 erschienen Autobiografie schrieb.

Kernthema: Rückkehr ins Universum durch Selbstauslöschung

Gleichzeitig arten ihre diversen Happenings gegen den Vietnam-Krieg in der Hippie-Community zu Sex-Orgien aus (an denen sie sich nicht beteiligt). "Warum sollten Menschen, die Lust miteinander teilen, in den Krieg ziehen und andere töten? Durch freien Sex lässt sich die Mauer zwischen mir und den anderen einreißen", schreibt Kusama in ihrer Autobiografie. Oft bemalt sie nackte Frauen- und Männerkörper mit Punkten, die zu einem Verschwinden der Individualität der Bemalten führen sollten. "Self-Obliteration" (dt. Selbstauslöschung) nennt sie dieses Konzept; es zieht sich durch ihr gesamtes Werk: "Durch die Auslöschung des eigenen Selbst kehrt man ins unendliche Universum zurück", sagte Kusama einmal.

Kritik am Kunstmarkt übt Kusama 1966 provokativ mit "Narcissus Garden", als sie vor dem Eingang der Biennale in Venedig (zu der sie nicht eingeladen war) 1500 reflektierende Kugeln auf den Rasen legt und diese für zwei Dollar pro Stück verkauft, bis Biennale-Offizielle dem Ganzen ein Ende setzen.

Viel später, 1993, wird sie dann tatsächlich zur Biennale eingeladen. "Das ist der beste Moment meines Lebens", sagte sie damals der Financial Times. "Ich möchte noch berühmter werden, noch berühmter." Für dieses offen zur Schau gestellte Streben nach Ruhm wird sie anschließend kritisiert.

Später Ruhm

Heute könnte sie kaum berühmter sein: 2018 verkaufte das The Broad Museum in Los Angeles 90.000 Tickets an einem Nachmittag für seine Kusama-Ausstellung. Eine für ein Jahr angesetzte Schau in der Londoner Tate Modern 2022 war in kürzester Zeit ausverkauft, ebenso die einjährige Verlängerung. Ihre Kunstwerke erzielen Millionenpreise auf Auktionen.

Yayoi Kusama lebt seit 1973 wieder in Japan, wo sie ihre Depressionen behandeln lässt und sich in eine psychiatrische Klinik begeben hat, in der sie bis heute lebt. Produktiv ist sie weiterhin - natürlich. "Ich werde weiterhin Kunstwerke schaffen, solange meine Leidenschaft mich dazu antreibt", sagte sie dem "Bomb Magazine". "Ich bin zutiefst bewegt, dass so viele Menschen meine Fans sind. (...) Ich glaube, ich werde erst nach meinem Tod erfahren, wie die Menschen meine Kunst bewerten. Ich schaffe Kunst zur Heilung der gesamten Menschheit."

Das Museum Ludwig in Köln zeigt die Retrospektive "Yayoi Kusama" vom 14. März bis zum 02. August 2026.

Author Katharina Abel
Item URL https://www.dw.com/de/kunst-als-zuflucht-superstar-yayoi-kusama/a-76234325?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Der rote Pagenkopf ist ihr Markenzeichen: Yayoi Kusama (2012)
Image source Kirsty Wigglesworth/AP Photo/picture alliance
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Item 65
Id 76211161
Date 2026-03-07
Title Trotz Klimakrise: Deutsche dürfen weiter mit Gas heizen
Short title Trotz Klimakrise: Deutsche dürfen weiter mit Gas heizen
Teaser Die Regierung will in Wohnungen den Einbau von neuen Gasheizungen wieder erlauben. Umweltexperten warnen, Deutschland könne seine Klimaziele verfehlen.
Short teaser Die Regierung will in Wohnungen den Einbau von Gasheizungen wieder erlauben. Experten sorgen sich um den Klimaschutz.
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Auf den ersten Blick mag es ungewöhnlich sein, wenn viele Menschen in Deutschland hitzig über ein neues Gesetz zu Heizungen in Privatwohnungen debattieren. Aber nur auf den ersten Blick: Denn eigentlich geht es um Klimaschutz und welche Bedeutung er noch hat. Und es geht darum, was der Staat Bürgerinnen und Bürgern vorschreiben darf und was nicht. Es geht also um Emotionen und um Lebenseinstellungen - das alles bricht sich Bahn beim Thema Heizungen.

Deutschland verstand sich lange - unabhängig davon, wer gerade regierte - als Vorreiter beim Klimaschutz. Die Industrie wurde modernisiert, der Staat förderte den Ausbau von Wind- und Sonnenenergie. Zwei Bereiche blieben klimakritisch und verursachen bis heute viel CO2 und toxische Gase: der Verkehr und die Wohnungen.

Frühere Regierung setzte auf Förderung für Wärmepumpen

Bei den Wohnungen wollte die alte Regierung aus Sozialdemokraten (SPD), Grünen und Liberalen (FDP) ansetzen und vereinbarte 2021 in ihrem Koalitionsvertrag: Wenn künftig neue Heizungen in Häusern und Wohnungen eingebaut werden, sollten sie zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden - und nicht mehr wie bislang vor allem mit Gas und Öl. Eine Reform, die durch eine Förderung beim Heizungstausch den vielfachen Einbau von Wärmepumpen möglich machen sollte.

Denn das ist der Stand: Im Jahr 2024 wurden gut 56 Prozent der Wohnungen mit Gas beheizt und mehr als 17 Prozent mit Öl. Klimafreundliche Wärmepumpen, die mit erneuerbarem Strom betrieben werden, kamen nur auf etwas mehr als vier Prozent.

Viele Deutsche fühlten sich bevormundet

Kaum wurde 2023 durch eine Indiskretion der Entwurf des damaligen Vizekanzlers und Wirtschaftsministers Robert Habeck von den Grünen publik, hagelte es heftige Kritik. Die Koalitionspartner, die Sozialdemokraten und die FDP, gingen auf Distanz. Die "Bild-Zeitung", das auflagenstärkste Boulevard-Blatt des Landes, schrieb seitdem immer wieder von "Habecks Heizhammer" und behauptete: "Habeck will Öl-und Gas-Heizungen verbieten!".

Das stimmte nicht: In den Bestand von Millionen Gas- und Ölheizungen einzugreifen, war nie der Plan. Habeck hatte lediglich ein Gesetz modernisiert und verschärft, dass von Vorgängerregierungen stammte, auch von CDU-geführten, um EU-Recht umzusetzen.

Trotzdem wurde Habeck von der damaligen CDU-Opposition eine Verbotspolitik vorgeworfen. "Ich entscheide, wie ich heize", schrieb die heute regierende CDU auf Wahlplakate. Das Gesetz trat mit einigen Nachbesserungen im September 2023 in Kraft.

Habeck, so hieß es von Seiten der CDU, wolle den Menschen den teuren Einbau von Wärmepumpen vorschreiben. Deshalb vereinbarte das neue Kabinett von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in seinem Koalitionsvertrag im Mai 2025, dieses Gesetz wieder abzuschaffen. CDU, CSU und SPD einigten sich nun auf Eckpunkte einer neuen Regelung.

Neue Heizungen nur mit Gas sollen wieder erlaubt werden

Die 65-Prozent-Regel soll wegfallen. Um einen Klimaeffekt zu erzielen, sollen Gas und Öl klimafreundliche Sorten beigemischt werden, in den nächsten drei Jahren soll dieser Anteil auf zehn Prozent anwachsen.

Zwar werden reine Öl- und Gasheizungen nicht mehr gefördert, aber eben auch wieder erlaubt. Die neue Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) nahm in ihrer Begründung für die neue Regelung direkt Bezug auf ihren Vorgänger Robert Habeck: "Das Heizungsgesetz hat Vertrauen gekostet und die Gesellschaft gespalten. Wir stellen die Weichen neu. Jeder kann jetzt wieder selbst entscheiden, wie er sein Haus oder seine Wohnung heizen möchte - auch im Bestand."

Dass das Heizen durch Gas- und Öl-Heizungen in Zukunft deutlich teurer werden dürfte, ist nach der Einigung dem kleineren Berliner Koalitionspartner, den Sozialdemokraten, aufgefallen. Ende Februar erklärte der Fraktionsvorsitzende der SPD, Matthias Miersch: "Mit mir wird es kein Gesetz geben, das Mieterinnen und Mieter auf den Kosten sitzen lässt. Der Mieterschutz ist für mich zentral." Miersch kündigte an, die Einigung an dieser Stelle noch einmal nachzubessern.

Wärmepumpen sind nachgefragt in Deutschland

Besonders brisant: Zuletzt ist die Zahl von neuen Wärmepumpen in Deutschland gestiegen. Denn Öl und Gas werden immer teurer und knapper - auch durch die geopolitischen Verwerfungen wie dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine oder der jüngsten Eskalation im Nahen Osten. Öl und Gas werden auch in der Industrie gebraucht. Besonders knapp und kostentreibend sind die nachhaltigen Gas- und Öl-Arten, die der Heizungsenergie künftig in kleinen Mengen beigemischt werden sollen.

Das ist auch der Grund, warum etwa Enno de Vries, Hauptgeschäftsführer des Fachverbands "Sanitär Heizung Klima" im Bundesland Schleswig-Holstein, dem "Norddeutschen Rundfunk" sagte: "Diejenigen, die sich jetzt schon in der Diskussion mit ihrem Heizungsbauer befinden, sind gut beraten, sich eine Wärmepumpe einzubauen, denn das ist eine moderne Technologie, die auch zukunftsfähig ist."

Kein gutes Haar an der neuen Regelung finden Umweltgruppen wie Greenpeace. Deren Klimaexperte Martin Kaiser sagte der DW: "Der Krieg unter Wladimir Putin, die Spannungen um Grönland im Umfeld von Donald Trump sowie der Krieg im Nahen Osten legen die Risiken fossiler Abhängigkeit offen. Dass Union und SPD dennoch zögern, Öl und Gas konsequent hinter sich zu lassen und Erneuerbare schneller auszubauen, ist strategisch kurzsichtig."

Zwar seien schon viele Bundesregierungen langsam vorgegangen beim Klimaschutz, aber die jetzige Regierung sei diejenige, die bewusst Rückschritte beim Schutz des Klimas organisiere.

Trotz solcher Bedenken und neuen Vorschlägen der Sozialdemokraten wollen die Konservativen beim neuen Heizungsgesetz bleiben. Nach der Einigung in der vergangenen Woche sagte der Fraktionschef von CDU und CSU im Bundestag, Jens Spahn: "Der Heizungskeller ist damit wieder Privatsache."

Kritisch sieht das der Physiker und Klimaforscher Niklas Höhne. Er sagte dem Deutschlandfunk, derzeit setze die Regierung hauptsächlich Maßnahmen um, die zu mehr Klimagasen führten. Er nannte explizit die neuen Heizungs-Pläne.

Der Klimawandel aber bleibe existenzbedrohend: "Das Einzige, was wir da machen können, ist: Raus aus Kohle, Öl und Gas und zwar so schnell wie irgend möglich."

Author Jens Thurau
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Image caption Einbau einer Wärmepumpe: Über solche klimafreundlichen Heizungsarten streiten Politiker in Deutschland heftig
Image source Jeroen Jumelet/ANP/picture alliance
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Item 66
Id 76222987
Date 2026-03-05
Title Jeder dritte Gen‑Z‑Mann fordert Gehorsam von Frauen
Short title Jeder dritte Gen‑Z‑Mann fordert Gehorsam von Frauen
Teaser Junge Männer mit alten Vorstellungen: Eine Studie zeigt, dass ein Teil der Gen Z überraschend konservativ denkt und alte Rollenbilder befürwortet. Treibt Social Media junge Menschen in einen Geschlechterkonflikt?
Short teaser Junge Männer mit alten Vorstellungen? Eine Studie zeigt, wie konservativ viele junge Männer heute denken.
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Ob Tradwives auf TikTok oder Influencer wie den rechtsgerichteten Andrew Tate, gegen den wegen Vergewaltigung und Missbrauchs von Frauen ermittelt wird - in den sozialen Netzwerken erleben traditionelle Rollenbilder derzeit ein Revival.

Eine neue globale Studie bestätigt diesen Trend - und zeigt zugleich Ergebnisse, die viele auch überraschen dürften: Fast ein Drittel der Männer aus der Generation Z, geboren zwischen 1997 und 2012, findet, dass eine Ehefrau ihrem Ehemann "immer gehorchen" sollte.

Für die Umfrage von Ipsos und dem Global Institute for Women’s Leadership am King’s College London fragten die Forschenden die Ansichten von mehr als 23.000 Menschen in 29 Ländern ab - darunter Großbritannien, die USA, Brasilien, Australien und Indien.

Zum Internationalen Frauentag 2026 veröffentlicht, zeigt die Umfrage: Gen‑Z‑Männer vertreten unter allen Altersgruppen die traditionellsten Vorstellungen. Während 31 Prozent von ihnen Gehorsamspflichten befürworten, tun dies nur 13 Prozent der Babyboomer-Männer (geboren zwischen 1946 und 1964). Auch bei der Entscheidungsgewalt in Beziehungen zeigt sich das Muster: Ein Drittel der jungen Männer findet, der Mann sollte das letzte Wort haben - deutlich mehr als in älteren Generationen.

"Digitale Ökosysteme verstärken die Polarisierung, weil Social-Media-Algorithmen zugespitzte Botschaften belohnen", sagt Robert Grimm, Leiter der Politikforschung bei Ipsos in Deutschland. Von Männlichkeits‑Influencern bis feministischen Gegenbewegungen würden extreme Positionen besonders sichtbar. Junge Männer hätten häufiger ein Problem damit, wenn Frauen sehr unabhängig auftreten oder mehr verdienen.

Ein Generationenkonflikt innerhalb der Generation

Frauen sehen viele Fragen anders: Nur 18 Prozent der Gen-Z‑Frauen unterstützen die Aussage, eine Ehefrau solle gehorchen. Bei Babyboomer-Frauen sind es sechs Prozent. Die Studie zeigt damit: Der Generationenkonflikt verläuft nicht einfach zwischen Alt und Jung, sondern innerhalb der Gen Z, insbesondere zwischen Männern und Frauen.

Kelly Beaver, CEO von Ipsos UK und Irland, beschreibt diese Spannungen so: "Die Gen Z ist die Gruppe, die am ehesten der Aussage zustimmt, dass Frauen mit einer erfolgreichen Karriere attraktiver sind - gleichzeitig sind sie aber auch am ehesten der Meinung, dass eine Frau ihrem Mann gehorchen und nicht zu unabhängig wirken sollte." Das Zusammenspiel aus Moderne und Tradition ziehe sich durch viele Ergebnisse.

Auch beim Thema Sexualität zeigt sich ein Bruch: 21 Prozent der Gen‑Z‑Männer sind der Ansicht, eine "echte Frau" solle niemals den ersten Schritt machen. Unter Babyboomern sind es sieben Prozent, unter Gen‑Z‑Frauen zwölf Prozent.

Hinzu kommt ein deutlich spürbarer Männlichkeitsdruck. Drei von zehn jungen Männern finden, man solle seinen Freunden nicht "Ich liebe dich" sagen. 43 Prozent glauben, man müsse körperlich hart wirken. Und 21 Prozent halten Männer, die sich an Kinderbetreuung beteiligen, für "weniger männlich" - ein Wert, der bei Babyboomern bei acht Prozent liegt.

Persönliche Meinung und gesellschaftliche Wahrnehmung

Für Heejung Chung, Direktorin des Global Institute for Women’s Leadership am Kings College London, sind die Ergebnisse besorgniserregend: "Noch beunruhigender ist, dass viele Menschen sich offenbar von gesellschaftlichen Erwartungen unter Druck gesetzt fühlen, die gar nicht widerspiegeln, was die meisten von uns wirklich glauben." Besonders junge Männer überschätzten, wie traditionell ihre Gesellschaft denke.

Die Daten zeigen eine strukturelle Wahrnehmungslücke: Nur 17 Prozent finden persönlich, dass Frauen für Care‑Arbeit zuständig sein sollten - aber 35 Prozent glauben, die Gesellschaft erwarte das. Ähnlich beim Geldverdienen: Viele schreiben anderen traditionelle Einstellungen zu, die sie selbst nicht haben.

Julia Gillard, Vorsitzende des Global Institute for Women’s Leadership, warnt davor, diese Trends zu unterschätzen. "Viele Gen-Z‑Männer setzen Frauen einschränkende Erwartungen entgegen, und gleichzeitig verstricken sie sich selbst in restriktiven Männlichkeitsnormen."

Eine Generation im Spannungsfeld

Zugleich glauben 61 Prozent der jungen Männer, es sei bereits genug für Gleichstellung getan; 57 Prozent meinen sogar, Männer würden heute diskriminiert.

Gillard betont, wie wichtig es sei, das Nullsummen-Narrativ aufzubrechen: Gleichstellung nütze allen. "Wir müssen sicherstellen, dass alle auf den Weg zur Gleichstellung der Geschlechter mitgenommen werden und klar verstehen, warum dies für die gesamte Gesellschaft von Vorteil ist", sagt sie.

Die Studie macht deutlich: Die Gen Z befindet sich mitten in einer Neuverhandlung von Geschlechterrollen. Junge Menschen drücken einerseits das Bedürfnis nach Freiheit, Vielfalt und moderner Gleichberechtigung aus - und halten andererseits an überraschend traditionellen Vorstellungen fest.

Doch "als Gesellschaft müssen wir dem Druck widerstehen, Rückschritte zu machen, und das Tempo des Wandels beschleunigen", sagt Julia Gillard. Gute Forschung sei entscheidend für eine fundierte Debatte und Fortschritte.

Author Hannah Fuchs
Item URL https://www.dw.com/de/jeder-dritte-gen‑z‑mann-fordert-gehorsam-von-frauen/a-76222987?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76223389_607.jpg
Image caption Gen‑Z‑Männer vertreten unter allen Altersgruppen die traditionellsten Vorstellungen
Image source Hauke-Christian Dittrich/dpa/picture alliance
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Item 67
Id 76039546
Date 2026-02-23
Title Brasiliens Sojaindustrie gibt Startschuss für Entwaldung
Short title Brasiliens Sojaindustrie gibt Startschuss für Abholzung
Teaser Fast 20 Jahre lang garantierten die größten Produzenten, dass Sojaprodukte nicht von gerodeten Flächen im Regenwald stammten. Doch jetzt droht deutlich mehr Entwaldung im Amazonas. Denn viele Firmen kippen den Schutz.
Short teaser Große Soja-Produzenten verlassen ein Waldschutz-Moratorium, jetzt droht der Amazonas weiter entwaldet zu werden.
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Zahlreiche Unternehmen der Sojaindustrie in Brasilien kehren dem Waldschutz den Rücken und steigen aus dem sogenannten Soja-Moratorium aus.

Damit könnte eine neue Welle der Abholzung des Amazonasregenwaldes befeuert werden, das befürchten Umweltschützer.

Konkret verlässt der brasilianische Branchenverband ABIOVE das Moratorium. Zu seinen Mitgliedern zählen die globalen Agrarfirmen Cofco International, Bunge, Amaggi und JBS.

Ohne wirtschaftliche Notwendigkeit würden sich diese Unternehmen "klare und nachvollziehbare Regeln für kurzfristige wirtschaftliche Vorteile aufzugeben und damit die Tür für die Waldzerstörung wieder zu öffnen", heißt es in einem Statement mehrerer brasilianischer Umweltorganisationen, die maßgeblich an der Überwachung der Vereinbarung beteiligt waren.

Welche Folgen das Ende des Soja-Moratoriums hat

Ein Ende des Moratoriums könnte die Entwaldung im Amazonasgebiet bis 2045 um bis zu 30 Prozent erhöhen, das zeigt eine vorläufige Studie des brasilianischen Amazonas-Institut für Umweltforschung (IPAM).

ABIOVE erklärte in einem Statement an DW, dass man sich weiter an den brasilianischen Waldkodex als ökologischen und sozialen Standard halten werde.

Der Rückzug aus dem Moratorium diene auch dazu, den Export von brasilianischem Soja und seinen Nebenprodukten langfristig abzusichern.

Laut der Nichtregierungsorganisation WWF werden 80 Prozent des weltweit produzierten Sojas an Nutztiere verfüttert.

Weniger Fleischkonsum trägt somit zum Schutz der Wälder bei.

Dort wo kontrolliert wurde, hat das Moratorium funktioniert

Unter Experten galt die Vereinbarung bisher als effektiver Schutz gegen Waldrodung. Der Amazonasregenwald ist eines der artenreichsten Gebiete der Erde. Als Kohlenstoffsenke spielt er eine wichtige Rolle für die Regulierung der globalen Temperaturen.

Auf Druck von Umweltverbänden und internationalen Abnehmern wurde das Moratorium 2006 als freiwillige Selbstverpflichtung eingeführt. Große Sojahändler einigten sich auf ein Verbot des Einkaufs von Produkten, due auf gerodeten Flächen im Amazonasgebiet angebaut wurden.

In den überwachten Gebieten sank laut IPAM die Abholzungsrate während des Moratoriums um rund 70 Prozent.

Doch insgesamt hat sich im Amazonasgebiet seit 2008 laut Greenpeace die Fläche für den Sojaanbau um 7,28 Millionen Hektar mehr als verdreifacht. Das konnte das Moratorium nicht verhindern.

Eduardo Vanin analysiert den brasilianischen Sojamarkt bei der Finanzplattform Marex. Durch den Rückzug aus dem Abkommen wird sich nach seiner Einschätzung die Anbaufläche allein im Amazonas-Bundesstaat Mato Grosso um 150.000 Hektar vergrößern.

Landesweit rechnet er zwar mit keinem großen Sprung bei der Entwaldung. Doch "wird es das Ende des Moratoriums einfacher machen, abzuholzen oder neues Land zu nutzen."

Der Sojakonsum in China trägt am meisten zur Entwaldung bei. Darauf folgt der brasilianische Binnenmarkt sowie die Importe der Europäischen Union (EU).

Wíe Brasilien zur Soja-Supermacht aufgestiegen ist

Der internationale Sojamarkt hat sich in letzten Jahrzehnten stark verändert. Brasilien ist inzwischen mit einem Marktanteil von 40 Prozent der größte Sojaproduzenten weltweit. Auf Platz zwei folgen die USA. Das war nicht immer so.

Noch Anfang der 2000er Jahre importierte China, der größte Sojakonsument der Welt, den größten Teil seines Sojas aus den USA. Nur ein Drittel kam aus Brasilien.

Heute importiert China 70 Prozent der Sojabohnen aus Brasilien, nur noch 21% kommen aus den USA. Und der Trend wird sich fortsetzten, sagt Eduardo Vanin, Rohstoffanalyst der Finanzplattform Marex:

"Durch die Abkehr vom Moratorium wird sich die Abhängigkeit von China vergrößern."

Seit 2012 setzten chinesische Einkäufer laut dem Branchenverband US-Amerikanischer Sojabauern immer weniger auf die USA.

Damals vernichtete eine Dürre große Teile der US-Ernten, Brasilien sprang ein und deckte den Bedarf. Seit dem Handelsstreit im Jahr 2018 zwischen den USA und China und erneut 2025 hat sich der Trend verstärkt.

Anders als in den USA stehe in Brasilien sehr viel Land zur Verfügung, sagt Joana Colussi vom Institut für Agrarökonomie der Purdue University in den USA. Das führt beim Anbau zu geringeren Kosten pro Hektar.

Brasilien profitiere derzeit von einem Rohstoff-Boom, seit der COVID Pandemie und dem russischen Angriff auf die Ukraine ist die Nachfrage gestiegen.

Colussi denkt jedoch nicht, dass es durch ein Ende des Abkommens zu einem neuen Soja-Boom kommen wird. Denn der Großteil der Sojexpansion werde in anderen Regionen Brasilien stattfinden, nicht direkt im Regenwald-Gebiet.

Außerdem würden durch die Ausweitung der Anbaufläche das Angebot steigen und die Preise sinken. "Wenn der Preis weiter sinkt, haben die Produzenten möglicherweise keinen Anreiz mehr, ihre Anbauflächen zu vergrößern, da die Produktionskosten weiterhin hoch sind", so Colussi.

Supermarktketten für mehr Waldschutz

Das Ende des Moratoriums kommt zu einem Zeitpunkt, wo in Europa vor allem die Nachfrage für Rindfleisch steigen könnte.

Durch das kürzlich beschlossene Mercosur-Freihandelsabkommen zwischen der EU und Ländern in Südamerika werden weniger Zölle auf Importe fällig. Doch Soja ist bereits zollfrei, eine höhere Nachfrage aus Europa wird deswegen nicht erwartet.

Aus Europa kamen zuletzt Signale, die weniger Druck bei der Erhaltung des Amazonasregenwalds in Brasilien bedeuten. Brasilien ist der größte Soja-Lieferant der EU-Staaten.

Die EU hatte erst Ende des vergangenen Jahres eine Verordnung verschoben, die sich die Waldrodung für eine Reihe von importierten Produkten untersagt. Auch das EU-Lieferkettengesetzt wurde aufgeweicht.

Dennoch würden für Europa höhere Standards gelten, so Vanin. Und brasilianische Exporteure nach Europa werden in Zukunft Nachteile haben. Denn für sie wird es Zukunft schwieriger nachzuweisen, dass sie ohne neue Abholzung produzieren.

Als Reaktion auf das Ende der Selbstverpflichtung kündigten bereits 14 europäische Großkunden wie etwa die Supermarktketten Lidl und Aldi an, keine brasilianischen Sojaprodukte mehr zu kaufen, falls die Lieferketten nicht nachvollziehbar sind.

Author Tim Schauenberg
Item URL https://www.dw.com/de/brasiliens-sojaindustrie-gibt-startschuss-für-entwaldung/a-76039546?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Ohne Moratorium fürchten Umweltschützer, dass die Rodungen im Amazonas-Regenwald zunehmen werden.
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Item 68
Id 74199567
Date 2026-02-19
Title Suchtgefahr durch Social Media: Was wirklich dahintersteckt
Short title Suchtgefahr durch Social Media: Was wirklich dahintersteckt
Teaser In den USA steht Meta wegen der mutmaßlichen Suchtgefahr von Instagram und Co. vor Gericht. Zugleich diskutieren viele Länder Social-Media-Verbote für Minderjährige. Was sagen aktuelle Studien zu den Risiken?
Short teaser Meta steht wegen der mutmaßlichen Suchtgefahr von Instagram und Co. vor Gericht. Was sagen aktuelle Studien zu Risiken?
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In den USA muss sich Meta-Chef Mark Zuckerberg derzeit in einem aufsehenerregenden Prozess vor einem Geschworenengericht verantworten. Eltern und eine heute 20-jährige Klägerin werfen Meta und Google vor, ihre Plattformen gezielt so gestaltet zu haben, dass Kinder und Jugendliche abhängig werden und psychische Probleme entwickeln.

Die Aussagen Zuckerberg zur Suchtgefahr von Instagram und YouTube geraten damit genau in dem Moment in den Fokus, in dem immer mehr Länder ein Social-Media-Verbot oder weitreichende Einschränkungen für Minderjährige diskutieren oder bereits umsetzen.

Ein Blick in die wissenschaftliche Studienlage zeigt durchaus Parallelen zwischen intensiver Social Media-Nutzung und Drogenkonsum – und liefert der Debatte um ein Verbot neue Brisanz.

In einem aktuellen Diskussionspapier weist die Deutsche Akademie der Wissenschaften Leopoldina darauf hin, dass ein signifikanter Anteil der Jugendlichen in Deutschland ein suchtartiges Nutzungsverhalten zeigt – mit Anzeichen von Kontrollverlust, Vernachlässigung anderer Aktivitäten und messbaren psychischen Belastungen wie Angststörungen und Depressionen.

Hirnveränderungen durch Social Media

Medizinisch jedoch ist eine Social-Media-Sucht bisher nicht als offizielle Diagnose anerkannt. Denn die wissenschaftliche Studienlage zu Hirnveränderungen, die kausal - also ursächlich - mit der Nutzung sozialer Medien zusammenhängt, ist trotz wachsender Evidenz nach wie vor begrenzt.

Der Psychologe und Suchtexperte Prof. Dr. Christian Montag, ehemaliger Leiter der Molekularen Psychologie an der Universität Ulm und Distinguished Professor in Macau mahnt zur Differenzierung: "Die Social Media-Sucht als medizinisch anerkannte Diagnose gibt es noch nicht. Noch fehlen umfassende bildgebende Studien, die echte Analogien zu einer Heroinabhängigkeit belegen. Ein direkter Vergleich mit der Droge Heroin schafft eher moralische Panik, als dass er der komplexen Problematik gerecht wird."

"Tatsächlich besteht die Gefahr, dass diagnostische Kriterien aus dem Bereich der substanzgebundenen Suchterkrankungen zu einer Pathologisierung von Alltagshandlungen führen, weil Social Media inzwischen so alltäglich ist. Es braucht daher klare und spezifische Kriterien, die schädliches Verhalten wirklich von normalem Onlinekonsum unterscheiden", so Montag.

Was spricht gegen ein striktes Verbot von TikTok & Co.?

Wenn normale Handygewohnheiten von Jugendlichen vorschnell zur Sucht erklärt also "pathologisiert" werden, wie Suchtexperte Montag sagt, dann müsste dies eigentlich auch für Erwachsene gelten – schließlich verbringen auch viele Erwachsene täglich sehr viel Zeit am Smartphone. Ein Verbot würde damit Probleme eher verdecken als lösen.

Jugendlichen würde zudem die Chance entgehen, verantwortungsvoll mit digitalen Medien umzugehen, weil Medienkompetenz im Alltag nicht trainiert werden kann.


Ist das Smartphone eine Suchtmaschine im Taschenformat?

Der Wissenschaft ist es bisher nicht gelungen, eine Kausalität zwischen kindlicher Social Media-Nutzung und Veränderungen im Gehirn nachzuweisen. Ist die beobachtete Veränderung tatsächlich auf die sozialen Medien zurückzuführen oder hat sie andere Ursachen? Der sozioökonomische Status, das familiäres Umfeld, bestehende psychische Auffälligkeiten, Schlafmangel, Bewegungsmangel und individuelle Persönlichkeitsmerkmale können Störfaktoren (Konfundierungen) sein und zu fehlerhaften Rückschlüssen führen.

Viele Erhebungen zur Nutzung sozialer Medien basieren auf Selbstauskünften der Kinder und Eltern, denen Fehler, Verzerrungen und Gedächtnisprobleme anhaften. Imaging-Studien, in denen bildgebende Verfahren wie MRTs genutzt werden, sind meist ebenfalls korrelativ und können nicht sicherstellen, dass die gemessenen Hirnveränderungen wirklich durch Medienkonsum verursacht werden.

Doch nur weil der kausale Zusammenhang noch nicht abschließend bewiesen werden konnte, heißt das nicht, dass es diesen Zusammenhang nicht gibt. Es weisen bereits einige Studien darauf hin, dass Social Media das Gehirn von Jugendlichen ähnlich wie Drogen beeinflussen kann: Bei intensiver Nutzung wird der Bereich im Gehirn aktiviert, der für Glücksgefühle und Belohnungen zuständig ist – das sogenannte Dopaminsystem. Vor allem werden wichtige Hirnbereiche wie das Striatum, die Amygdala, die Insula und der vordere cinguläre Cortex verändert – dort, wo auch bei Drogenabhängigkeit Auffälligkeiten zu finden sind.

Besonders gefährdet sind Jugendliche mit Aufmerksamkeitsproblemen wie ADHS. Intensive Nutzung sozialer Medien kann ihre Probleme noch verschärfen.

Veränderungen in bestimmten Hirnregionen konnten auch zum Teil mittels MRT-Untersuchungen (Magnetresonanztomographie) nachgewiesen werden - vor allem schrumpft das Volumen der grauen Substanz in Bereichen, die wichtig für Kontrolle und Gefühle sind. Ähnliche Veränderungen finden sich auch bei Menschen, die abhängig von Drogen wie Heroin sind.

Psychische Folgen: Kontrollverlust wie bei Drogenabhängigkeit

Zudem zeigen sich in Studien zum Teil suchtähnliche Prozesse bei Jugendlichen mit ständiger Social-Media-Nutzung. Auf Dauer spürten sie immer weniger "Glücksgefühle" bei neuen Likes oder Nachrichten. Das Gehirn stumpft ab und verlangt nach immer mehr Reizen, wie es typisch für Sucht ist.

Suchtexperte Prof. Dr. Christian Montag bestätigt den starken Sog von Social Media auf das jugendliche Gehirn: "Social-Media-Applikationen entfalten zweifelsohne einen starken Sog für sehr junge Nutzende. Likes, Kommentare und algorithmische Belohnungen lösen bei Jugendlichen suchtfördernde Prozesse aus – verstärkt durch die noch nicht ausgereifte Selbstregulation."

Wer ständig Social Media nutzt, kann die Kontrolle verlieren, immer neuen Inhalten nachjagen und andere Dinge im Alltag vernachlässigen. Wenn das Handy weg ist, entsteht oft Unruhe oder sogar Panik – wie bei einer Entzugserscheinung. Die Folgen können Schlafprobleme, aber auch Ängste und Depressionen sein.

Politik im Dilemma: Sucht vs. Freiheit?

Die von CDU-Fraktionschef Spahn angestoßene Diskussion ist damit auf wissenschaftlicher Basis durchaus berechtigt und hochaktuell. Aber ob ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige der richtige Weg ist, bleibt eine gesellschaftspolitische Frage, die weiterhin kontrovers diskutiert werden muss.

Der Blick auf die rechtliche Situation zeigt: Ein Verbot ist politisch wie juristisch derzeit kaum umsetzbar. Der Digital Services Act der EU schränkt nationale Alleingänge massiv ein – ein Social Media-Verbot für Jugendliche würde Grundrechte beschneiden und ist weder technisch zu kontrollieren noch pädagogisch zu rechtfertigen.

Auch die Leopoldina lehnt ein generelles Verbot sozialer Medien für unter 16-Jährige ab. Stattdessen spricht sich die deutsche Wissenschaftsakademie für ein Vorsorgeprinzip aus, das Prävention und Schutzmaßnahmen fordert, solange wissenschaftliche Unsicherheiten bestehen. Konkret empfiehlt die Akademie eine stärkere digitale Altersverifikation, altersabhängige Einschränkungen und eine elterliche Begleitung bis mindestens 15 Jahre. Außerdem plädiert sie für eine bessere medienpädagogische Bildung und die gezielte Förderung digitaler Kompetenzen in Schule und Gesellschaft.

Der ursprüngliche Artikel vom 02.10.2025 wurde am 19.02.2026 aktualisiert.

Author Alexander Freund
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Image caption Mark Zuckerberg muss vor Gericht in Los Angeles Fragen zur Abhängigkeit von Social Media beantworten
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Item 69
Id 75906673
Date 2026-02-13
Title Cycle Syncing: Ist zyklusbasiertes Training nur ein Trend?
Short title Cycle Syncing: Ist zyklusbasiertes Training nur ein Trend?
Teaser Viele Frauen richten ihr Training nach dem Zyklus aus. Doch wie beeinflussen Hormone Kraft, Energie und Regeneration wirklich – und für wen lohnt sich Cycle Syncing tatsächlich?
Short teaser Viele Frauen richten ihr Training nach dem Zyklus. Doch wie beeinflussen Hormone Training, Kraft und Energie wirklich?
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Seit mindestens 40 Jahren gibt es umfangreiche Forschung dazu, ob hormonelle Veränderungen bei Frauen die Kraft, Ermüdung und Erholung beeinflussen können.

Über die Zeit sind diese Erkenntnisse auch in Fitnessstudios und soziale Medien angekommen – oft allerdings stark vereinfacht zu Regeln wie "Während der Periode ruhig machen" oder "In der Zyklusmitte richtig Gas geben".

Der Menstruationszyklus ist ein monatlicher hormoneller Rhythmus. Im Laufe des Monats steigen und fallen zwei zentrale Hormone – Östrogen und Progesteron – und beeinflussen so, wie viele Frauen sich fühlen, bewegen und erholen.

Der Zyklus besteht aus vier aufeinanderfolgenden Phasen:

  • Woche 1: während der Menstruation oder Periode
  • Woche 2: die Tage vor dem Eisprung
  • Woche 3: die Zeit nach dem Eisprung
  • Woche 4: die Tage vor Beginn der nächsten Periode

Je nachdem, in welcher Zyklusphase man sich befindet, empfehlen Trainerinnen und Trainer manchmal schweres oder leichteres Training. Doch was sagt die Wissenschaft über das sogenannte "Cycle Syncing" – ist es nützlich, und wenn ja, für wen?

Warum Muskelaufbau unabhängig vom Zyklus funktioniert

In einer 2024 veröffentlichten Arbeit haben Forschende Datenbanken nach Studien aus den Jahren 1960 bis 2023 durchsucht, um herauszufinden, wie sich die verschiedenen Phasen des Menstruationszyklus auf die Muskelkraft auswirken. Sie fanden 707 Studien, konzentrierten sich aber auf lediglich 22, die strenge Kriterien erfüllten – darunter ein regelmäßiger Menstruationszyklus der Teilnehmerinnen und klar definierte Zeitpunkte zur Messung der Muskelkraft.

Im Durchschnitt schnitten Frauen in der zweiten Zykluswoche, wenn der Östrogenspiegel steigt, geringfügig besser ab – doch die Unterschiede waren minimal. Zudem variierten die Ergebnisse stark zwischen einzelnen Personen. Viele der beobachteten Effekte traten vor allem unter kontrollierten Laborbedingungen, und bei trainierten Frauen bzw. Leistungssportlerinnen auf, für die selbst kleinste Leistungsgewinne relevant sein können.

Eine weitere 2024 veröffentlichte Studie fand zwischen den verschiedenen Zykluswochen keine nennenswerten Unterschiede in der Muskelproteinsynthese – also dem Prozess, durch den Muskeln repariert und aufgebaut werden. Mit anderen Worten: Der Körper kann zu jeder Zeit im Monat Muskeln aufbauen.

Warum ist "Cycle Syncing" also trotzdem so populär geworden?

Die richtige Belastung finden

Workouts bestehen nicht nur aus Krafttraining. Sie kombinieren oft Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit – ein Vorteil, denn so lassen sich während des Menstruationszyklus kleine Anpassungen vornehmen.

In der ersten Woche sind Östrogen und Progesteron am niedrigsten. Diese Phase wird häufig mit einer geringeren Trainingsbelastbarkeit in Verbindung gebracht. Viele Frauen haben Krämpfe, Migräne, starke Blutungen oder sehr wenig Energie – all das kann die Leistungsfähigkeit im Training beeinträchtigen.

"Niedrige Östrogen‑ und Progesteronwerte wurden lose mit einer verminderten Leistungsfähigkeit verknüpft", sagt Natalie Crawford, Reproduktionsendokrinologin und Professorin für hormonelle Gesundheit an der University of Texas. Crawford empfiehlt, in der ersten Zykluswoche Überlastung zu vermeiden und stattdessen auf weniger intensive Workouts zu setzen.

In der zweiten Woche steigt der Östrogenspiegel, während Progesteron niedrig bleibt. Viele Frauen fühlen sich in dieser Phase energiegeladener und fokussierter. "Die Fähigkeit, intensiv zu trainieren oder schwer zu heben, ist jetzt deutlich höher", sagt Ana Mendes, Fitnesstrainerin aus den Niederlanden.

Östrogen unterstützt Herz‑ und Muskelarbeit und fördert Ausdauer und Kraft. "Das ist oft ein guter Zeitpunkt für längere Läufe, HIIT‑Workouts oder schwereres Krafttraining", ergänzt Crawford.

In den Wochen drei und vier, also nach dem Eisprung, sinkt der Östrogenspiegel und Progesteron steigt. "Das ist eher eine Erhaltungsphase. Manche Frauen kommen damit gut zurecht, andere verlieren an Kraft", sagt Mendes. Sie empfiehlt in dieser Phase häufig geringere Gewichte, ein langsameres Tempo oder regenerativere Einheiten.

Unregelmäßiger Zyklus: Symptome statt Kalender

Ein Großteil der Forschung, die die DW für diesen Artikel ausgewertet hat, nimmt einen regelmäßigen Menstruationszyklus als Ausgangspunkt. Doch etwa 14 bis 25 Prozent der Frauen haben einen unregelmäßigen Zyklus – das macht "Cycle Syncing" schwierig.

"Man sollte Cycle Syncing mit Vorsicht genießen", sagt Emilia Villegas, Hormon‑ und Wellness‑Coachin aus den Niederlanden. Sie arbeitet mit Frauen, deren Zyklen unregelmäßig sind, und mit Frauen in der Perimenopause, einer Übergangsphase vor der Menopause, in der sich Zyklen plötzlich verändern können.

Anstatt fixe Daten zu verfolgen, rät Villegas dazu, Symptome zu beobachten – wie Energieniveau, Schlafqualität, Stimmung, Angstgefühle oder nächtliches Schwitzen. Häufig ergeben sich daraus Muster.

Für Frauen mit ausbleibenden oder unvorhersehbaren Zyklen kann das Beobachten von Symptomen hilfreicher sein als Cycle Syncing. Es kann zudem auf übermäßigen Trainingsstress hinweisen. "Wenn die Periode unregelmäßig wird, ist das ein Zeichen, Erholung, Ernährung und Belastung neu zu bewerten", sagt Villegas.

Der wissenschaftliche Blick auf Cycle Syncing

Wissenschaftlich betrachtet ist die Fähigkeit, Muskeln und Kraft aufzubauen, nicht an eine bestimmte Zykluswoche gebunden. Fortschritt entsteht Schritt für Schritt – Konstanz zählt mehr als Timing.

Cycle Syncing ist kein hormoneller "Hack" und dient nicht dazu, Muskelwachstum zu maximieren. Aber es kann Frauen helfen, ihre Erwartungshaltung anzupassen, Müdigkeit besser zu managen und nachhaltiger zu trainieren.

"Es geht darum, auf den eigenen Körper zu hören und entsprechend anzupassen", betont Crawford. "Jede Bewegung ist besser als keine. Und es ist völlig in Ordnung, wenn Cycle Syncing nicht zu dir passt."

Mendes verfolgt einen ähnlichen Ansatz. An Tagen mit wenig Energie sagt sie Workouts nicht ab – sie verändert lediglich die Belastung: "Wenn ich das Gewicht reduziere, erhöhe ich die Wiederholungszahl", erklärt sie.

Das Verständnis für wiederkehrende Schwankungen im Energielevel kann Frauen helfen, effizienter zu trainieren, Überlastung vorzubeugen und langfristig dranzubleiben.

Dieser Artikel wurde aus dem englischen Original "Cycle syncing exercise could optimize results for women" adaptiert.

Author Kaukab Shairani
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Image caption Hormonelle Veränderungen im Zyklus können Kraft und Ausdauer beeinflussen – allerdings unterschiedlich von Frau zu Frau.
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Item 70
Id 75895610
Date 2026-02-11
Title Cybermobbing belastet Jugendliche: EU startet Abwehrplan
Short title Cybermobbing belastet Jugendliche: EU startet Abwehrplan
Teaser Hass im Netz endet nicht auf dem Bildschirm. Cybermobbing kann Stress, Schlafprobleme und psychische Erkrankungen auslösen – oft mit langfristigen Folgen.
Short teaser Cybermobbing kann Stress, Schlafprobleme und psychische Erkrankungen auslösen – oft mit langfristigen Folgen.
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Zum Safer Internet Day am 10. Februar 2026 hat die EU‑Kommission einen neuen Aktionsplan zur Eindämmung von Cybermobbing vorgestellt. Im Mittelpunkt steht der Schutz von jungen Menschen bis 29 Jahren, darunter Menschen mit Behinderungen, LGBTIQ-Personen, Migrantinnen und Migranten sowie Angehörige von Minderheiten.

Aktuelle Daten zeigen, dassjede*r sechste Jugendliche in Europa von Cybermobbing betroffen ist. Jede*r Achte gibt an, selbst daran beteiligt gewesen zu sein. Zahlen, die die Dringlichkeit und Relevanz des Themas unterstreichen.

Cybermobbing ist nicht gleich Cybermobbing

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht Cyberbullying als zunehmendes Problem. Während klassische Formen des Schulmobbings seit 2018 relativ stabil bleiben, steigt das digitale Mobbing weiter an – "was durch die zunehmende Digitalisierung der Interaktionen junger Menschen noch verstärkt wird und potenziell tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben junger Menschen haben kann", so die WHO.

Cybermobbing kann indirekt erfolgen – etwa über Textnachrichten, Sprachnachrichten oder Anrufe – oder öffentlich und halbanonym auf Social-Media-Plattformen, in Gruppen oder Foren. Die Angriffe können sich auch indirekt ereignen, etwa, wenn hinter dem Rücken der Betroffenen Gerüchte, Screenshots oder manipulierte Inhalte verbreitet werden.

Dabei spielt auch die wachsende Verbreitung von Künstlicher Intelligenz (KI) eine Rolle: Sie ermöglicht neue Formen digitaler Übergriffe, etwa sexualisierte Deepfakes, die besonders häufig Mädchen und Frauen betreffen. Solche täuschend echt wirkenden, KI‑erstellten Inhalte sollen mit dem europäischen KI‑Gesetz ab dem dritten Quartal 2026 gezielter verboten werden.

Typische Formen digitaler Übergriffe sind:

  • Flaming: Provokationen und Beschimpfungen
  • Harassment: wiederholte Beleidigungen, herabwürdigende Nachrichten
  • Cyberthreats: Androhung von Gewalt bis hin zu Todesdrohungen

Wie Cybermobbing Körper, Psyche und Alltag zerstört

Im Gegensatz zum analogen Mobbing, wie in der Schule, kennt Mobbing im Internet keine Pause. Angriffe können jederzeit stattfinden – Tag und Nacht.

Die gesundheitlichen Folgen sind mittlerweile gut untersucht. Betroffene entwickeln häufig angst- und stressbedingten Symptome wie Schlafstörungen, Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, Herzklopfen oder chronische Schmerzen. Dazu kommt ein größeres Risiko für Depressionen und Angstzustände.

Die psychische Belastung wirkt sich außerdem auf die kognitiven Fähigkeiten aus: Konzentrationsprobleme, sinkende Lernmotivation und Leistungsabfall sind typische Folgen bei Jugendlichen, die regelmäßig digitalen Angriffen ausgesetzt sind. Manche greifen zu Alkohol oder Drogen, um die Belastung zu bewältigen. Auch das Suizidrisiko erhöht sich.

Warum viele Mobber zugleich Opfer sind

Interessanterweise zeigen Studien, dass auch Personen, die Cybermobbing betreiben, häufig selbst psychisch belastet sind – etwa durch Impulsivität, emotionale Instabilität oder eigene Mobbingerfahrungen. Viele sind gleichzeitig sowohl Täter als auch Opfer, was die Prävention zusätzlich erschwert.

EU startet Aktionsplan: App und neue Leitlinien gegen Hass im Netz

Der erste Schritt im Ernstfall lautet: Hilfe suchen – bei Lehrkräften, Eltern, Freund*innen oder anderen Vertrauenspersonen. In der Praxis fällt das vielen Betroffenen jedoch schwer: Scham und Angst überwiegen.

Hier soll der neue Aktionsplan der EU‑Kommission ansetzen. Kernstück ist eine EU‑weite App, über die Betroffene niedrigschwellig Cybermobbing melden, Beweise sichern und schnell Unterstützung erhalten können. Die App soll auch auf großen Online-Plattformen verfügbar sein. "Es muss einfacher sein, zu melden, als Menschen online zu mobben", so der für Kinder und Jugend zuständige EU-Kommissar Glenn Micallef. Als Vorbild soll die bereits existierende französische App "3018" dienen.

Zusätzlich will die EU-Kommission die Prävention stärken: Überarbeitete Leitlinien für digitale Bildung und neue Trainingsangebote für Schulen sollen junge Menschen frühzeitig schützen und besser auf Risiken im Netz vorbereiten.

Ziel ist ein sichereres Internet – ein Anliegen, das laut Eurobarometer über 90 Prozent der Europäer*innen für dringend notwendig halten. Je früher Betroffene Unterstützung erhalten, desto eher lassen sich langfristige gesundheitliche Folgen vermeiden.

Author Hannah Fuchs
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Image caption Cybermobbing betrifft viele Kinder und Jugendliche. Die EU möchte nun stärker dagegen vorgehen.
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Item 71
Id 75876230
Date 2026-02-10
Title Nitazene: Zahl der Drogen-Toten deutlich höher als bekannt
Short title Nitazene: Zahl der Drogen-Toten deutlich höher als bekannt
Teaser Bis zu 500 mal stärker als Heroin: Opioide wie Nitazene sind extrem gefährlich - und laut einer neuen Studie wird die Zahl der Todesfälle wohl deutlich unterschätzt. Der schnelle Abbau erschwert den Nachweis.
Short teaser Nitazene sind extrem potente Opioide - eine neue Studie vermutet deutlich mehr Todesfälle als bisher erfasst.
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Fentanyl ist vielen inzwischen ein Begriff - vor allem wegen seiner zentralen Rolle in der US‑Opioidkrise. Nitazene hingegen sind weniger bekannt. Doch auch sie gehören zu den synthetischen Opioiden - und breiten sich derzeit rasant aus. Schon winzigste, mit bloßem Auge kaum erkennbare Mengen können tödlich wirken. Betroffen sind oft junge Menschen.

Und eine neue Analyse zeigt: Die Dunkelziffer scheint weitaus höher als Statistiken es bislang vermuten ließen. Laut der britischen Studie, veröffentlicht im Fachjournal "Clinical Toxicology", gibt es ein Drittel mehr Todesfälle durch Nitazene als bisher erfasst.

Ein Grund: Die Substanzen bauen sich in Blutproben nach dem Tod sehr schnell ab. Wenn eine toxikologische Analyse die Todesursache feststellen soll, sind sie häufig kaum oder gar nicht mehr nachweisbar.

Was sind Nitazene?

Nitazene gehören zu den potentesten Opioiden - einzelne Vertreter der Stoffgruppe können bis zu 500-Mal stärker wirken als Heroin, so die Experten um Caroline Copeland vom King's College London. Ursprünglich wurden sie in den 1950er-Jahren als mögliche neue Schmerzmittel entwickelt - sie sind günstig und leicht herstellbar. Sie wurden jedoch aufgrund der extremen Potenz und des hohen Risikos für Überdosierungen nie für den medizinischen Gebrauch zugelassen.

Nach Angaben der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD) werden Nitazene in sehr unterschiedlichen Formen konsumiert: als Vape, Pille, Pappe oder in weiteren Mischungen.

Nitazene haben eine psychoaktive Wirkung, was laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) bedeutet, dass sie "mentale Prozesse, einschließlich Wahrnehmung, Bewusstsein, Kognition oder Stimmung und Emotionen, beeinflussen".

Große Gefahr einer Überdosierung

Anzeichen einer Überdosis sind Bewusstlosigkeit, Krampfanfälle, und starke Sedierung, gefolgt von Atemstillstand. Die therapeutische Breite, also der Abstand zwischen wirksamer und tödlicher Dosis, ist bei den Substanzen extrem gering - ein Grund, warum selbst einmaliger Konsum schnell lebensgefährlich werden kann.

Die Forschenden um Caroline Copeland vom King’s College London simulierten den typischen Ablauf toxikologischer Untersuchungen anhand von Tierversuchen. In Großbritannien vergehen demnach oft rund vier Wochen, bis Blutproben analysiert werden. Zu diesem Zeitpunkt sind im Durchschnitt nur noch 14 Prozent der ursprünglichen Wirkstoffmenge nachweisbar – ein entscheidender Faktor, weshalb Todesfälle häufig nicht korrekt Nitazenen zugeordnet werden. Aus Modellierungen schloss das Team, dass die wahre Todesrate um etwa ein Drittel höher liegt als bisher erfasst.

"Wenn wir ein Problem nicht richtig messen, können wir keine geeigneten Maßnahmen entwickeln - und die unvermeidliche Folge ist, dass vermeidbare Todesfälle weiterhin auftreten werden", warnt Copeland. Typische Abbauprodukte von Nitazenen zu finden und Nachweisverfahren dafür zu entwickeln, könne künftig zu besseren Daten führen.

Deutschland: Nur 40 Prozent der Todesfälle toxikologisch untersucht

In Deutschland werde die genaue Ursache bei Drogentodesfällen ohnehin nur im Einzelfall bestimmt, hieß es von der DBDD. "Im Jahr 2024 wurden nur in 40 Prozent aller Drogentodesfälle toxikologische Gutachten erstellt." Dabei ist das Unterfangen sowieso kompliziert: In rund 80 Prozent der Drogentodesfälle wurden mehrere Substanzen konsumiert, wodurch die einzelne Todesursache oft nicht eindeutig benennbar ist.

Nitazene erobern Europas Drogenmarkt

Die EU-Drogenagentur (EUDA) berichtet, dass 2024 unter den knapp 50 neu gemeldeten psychoaktiven Substanzen etwa die Hälfte der Gruppe der Nitazene zuzuordnen war. Ihre Präsenz auf dem europäischen Drogenmarkt ist in den vergangenen sieben Jahren massiv gestiegen. International habe es dazu zahlreiche Warnmeldungen von Behörden gegeben, heißt es vom King's College. Laut DBDD zählten Nitazene in den Jahren 2023 und 2024 bereits zu den am häufigsten auftretenden Substanzen innerhalb der synthetischen Opioide. Zu dieser Gruppe gehören auch bekannte Wirkstoffe wie Fentanyl oder Tramadol.

Junge Menschen besonders gefährdet durch Nitazene

Das Institut für Therapieforschung in München berichtet, dass vor allem junge, drogenexperimentierfreudige Menschen Nitazene konsumieren. In Deutschland sind mehrere tragische Fälle dokumentiert. Auch Großbritannien meldete 2024 mehr als 330 Todesfälle im Zusammenhang mit Nitazenen, viele Betroffene waren sehr junge Menschen.

Für Deutschland registrierte die DBDD 2024 insgesamt 32 Todesfälle im Zusammenhang mit synthetischen Opioiden, in neun Fällen wurde der Konsum von Nitazenen explizit bestätigt. Für 2025 liegen noch keine vollständigen Zahlen vor.

Synthetische Opioide: Ständig neue Varianten

Fachleute gehen davon aus, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt - einerseits aufgrund unvollständiger toxikologischer Untersuchungen, andererseits weil ständig neue Substanzen auf den Markt kommen. 2025 etwa wurden neue sogenannte Orphine wie Cychlorphin registriert, eine weitere Untergruppe der Opioide.

"Eine der Gefahren an neuen synthetischen Opioiden ist, dass sie zum Beispiel in gefälschten Medikamenten enthalten sind, die täuschend echt aussehen", hieß es. Würden sie unabsichtlich von Menschen ohne bestehende Opioidtoleranz konsumiert, kann dies innerhalb weniger Minuten tödlich enden.

hf/af (dpa)

Item URL https://www.dw.com/de/nitazene-zahl-der-drogen-toten-deutlich-höher-als-bekannt/a-75876230?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Gefährlicher Trend: Synthetische Opioide wie Fentanyl und Nitazene finden immer mehr Verbreitung
Image source Jae C. Hong/AP Photo/picture alliance
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