Der Iran-Krieg geht in den zweiten Monat und die Europäische Kommission hat die mehr als 400 Millionen Bürger und Bürgerinnen der EU aufgerufen, weniger zu fliegen, das Auto öfter stehen zu lassen, von zuhause zu arbeiten und alles in ihrer Macht stehende zu tun, um Energie zu sparen.
Anfang diese Woche warnte Bundeskanzler Friedrich Merz, dass die Auswirkungen auf die Wirtschaft ähnlich groß sein könnten wie die der COVID-Pandemie oder des Ukraine-Krieges, als der Block die Einfuhr russischer Energie drastisch einschränkte.
"Je mehr wir tun können, um Öl zu sparen, insbesondere Diesel und Flugzeugtreibstoff, desto besser für uns", sagte EU-Energiekommissar Dan Jorgensen vor Ostern nach einem Treffen der 27 EU-Energieminister in Brüssel.
Jorgensen rief die EU-Bevölkerung auf, dem Rat der Internationalen Energieagentur IAE zu folgen und die öffentlichen Verkehrsmittel stärker in Anspruch zu nehmen, "mehr Fahrgemeinschaften zu bilden und energieeffizient zu fahren".
Europa und Asien konkurrieren um Energie
Fachleute sind jedoch der Meinung, die EU müsse mehr tun. Denn die aktuelle Energiekrise werde nicht nur zu einem Anstieg der Preise an den Zapfsäulen führen wird, sondern auch der Industrie zusetzen und die Inflation nach oben treiben. Gleichzeitig würden Lebensmittelpreise steigen und der Konsum zurückgehen.
"Wir haben das Ausmaß der Krise noch nicht erkannt", sagt Ana Maria Jaller-Makarewicz, leitende Energieanalystin für Europa beim Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) in London, zur DW.
"Vermutlich werden wir nächsten Monat beginnen, die Veränderungen zu spüren. So wurden einige Lieferungen von Flüssiggas bereits nach Asien umgeleitet", fügt sie in Anspielung auf den Wettbewerb zwischen Europa und Asien um schwindende Vorräte hinzu.
Seit den Angriffen von Israel und den USA auf den Iran sind die Öl- und Gaspreise um bis zu 70 Prozent in die Höhe geschossen. Teheran reagierte mit Angriffen von Raketen und Drohnen auf die Golfstaaten und blockierte die Straße von Hormus, durch die 20 Prozent des weltweit gehandelten Öl und Flüssiggas transportiert werden.
Milliarden für teurere Gasexporte
Die finanziellen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges bekommt auch die EU zu spüren. Laut Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kostete der Konflikt die europäischen Steuerzahler allein in den ersten zehn Tagen drei Milliarden Euro (3,4 Milliarden US-Dollar) an Mehrausgaben für den Import fossiler Energieträger.
In einem kürzlich veröffentlichten Bericht stellt die Brüsseler Denkfabrik Bruegel fest, "eine Verdopplung des Gaspreises die Kosten Europas für den Import von Gas in den nächsten 12 Monaten um circa 100 Milliarden Euro steigen lassen würde".
Doch steigende Preise sind nicht die einzige Sorge. Angesichts des anhaltenden Krieges wächst in ganz Europa die Angst vor Versorgungsengpässen.
Anfangs schienen die politischen Entscheidungsträger noch unbesorgt, denn die EU bezieht nur einen geringen Teil ihrer Energieimporte über die Straße von Hormus. Lediglich acht Prozent des in der EU konsumierten Flüssiggases (LNG) wurde vor dem Krieg aus Katar importiert. 80 Prozent der Schiffstransporte mit Treibstoff durch die Straße von Hormus gehen nach Asien, hauptsächlich China und Indien sind betroffen.
Doch je länger der Krieg anhält, desto mehr schrumpfen die Vorräte. Selbst geringfügige Fluktuationen, so die Sorge, könnten zu Versorgungsengpässen führen - insbesondere wenn asiatische Länder die Europäer beim Wettbewerb um knappe Ressourcen überböten.
Seit der russischen Invasion in der Ukraine hat die EU ihre Energieversorgungskette diversifiziert, um ihre Abhängigkeit von russischer Energie zu reduzieren. EU-Mitgliedsstaaten importieren mehr aus Norwegen und den USA, die zum größten Gaslieferanten der EU geworden sind.
Außerdem will die EU den Ausbau der Kernenergie fördern. Auf einem Atomenergie-Gipfel Anfang März in Frankreich feierte Kommissionspräsidentin Von der Leyen "die weltweite Renaissance der Kernenergie". Europa wolle an dieser Renaissance teilhaben.
Welche Handlungsmöglichkeiten hat die EU?
Gleichzeitig gibt es in der EU Stimmen, die eine Rückkehr zu preisgünstigeren russischen Energielieferungen fordern. Auf dem EU-Gipfel im März erklärte der belgische Ministerpräsident Bart De Wever gegenüber der belgischen Tageszeitung L'Echo, die EU müsse "die Beziehungen mit Russland normalisieren und wieder Zugang zu günstiger Energie erhalten".
"Das ist gesunder Menschenverstand. Privat stimmen mir europäische Staats- und Regierungschefs zu, aber niemand traut sich, es laut zu sagen", insistierte er.
EU-Energiekommissar Jorgensen schloss ein solches Vorgehen jedoch aus. Er betonte, die EU werde "nicht ein Molekül" Energie aus Russland importieren. Fachleute halten es stattdessen für möglich, dass die Kommission eine Preisobergrenze für Gas sowie Subventionen für die Industrie in Betracht ziehen könnte.
Steigende Preise könnten "den Großteil der energieintensiven Industrie wie Stahl, Zement und Düngemittel" treffen, sagt Alexander Roth, einer der Autoren des Bruegel-Berichts zur DW. Entlang der gesamten Fertigungskette verschiedener Branchen wie der Chemie-, Kunststoff-, Aluminium- und Glasindustrie wird ein Dominoeffekt befürchtet.
In der Luftfahrtindustrie plant Lufthansa Berichten zufolge, bei sinkender Nachfrage und steigenden Treibstoffkosten dutzende Flüge zu streichen.
Es gibt jedoch auch Fachleute, die die EU davor warnen, eine Preisobergrenze für Gas und Öl einzuführen. "Bei einem Preisschock ist die Versuchung groß, die Preise zu drücken", heißt es im Bruegel-Bericht. "Dies wäre jedoch ein Fehler", denn solche Maßnahmen würden "die Preissignale, die zu mehr Effizienz, einem Rückgang der Nachfrage und Investitionen in saubere Energie führen", abschwächen.
Chance für Ausbau erneuerbarer Energien
Eine Preisdeckelung böte eine kurzfristige Erleichterung für die Verbraucher, lang- oder mittelfristig jedoch würde sie den Gasverbrauch erhöhen und "die Abkehr von fossilen Brennstoffen verzögern", erläutert Roth.
Statt eine Preisobergrenze einzuführen, sollte die EU "konkrete Schritte" unternehmen und eine Absenkung der Temperaturen in Restaurants und Regierungsgebäuden fordern, empfiehlt Energieanalystin Jaller-Makarewicz. Außerdem sollten Regierungen Dienstreisen von Beamten innerhalb der EU reduzieren und "Investitionen in lokale grüne Industrien wie Wärmepumpen" fördern.
Die EU solle strategisch mit ihren Mitgliedstaaten kooperieren und statt Subventionen für Gas eine Senkung der Stromsteuer anbieten. "Die Kosten für die Verbraucher würden so gesenkt, aber es würde sie auch ermutigen, in elektrische Lösungen wie Wärmepumpen und E-Autos zu investieren", ist er überzeugt.
Der Iran-Krieg habe einmal mehr die Verwundbarkeit Europas im Bereich Energie deutlich gemacht, stellt der Bruegel-Report fest und empfiehlt den Entscheidungsträgern, "die Chance zu ergreifen, erneuerbare Energien und Technologien zur Elektrifizierung noch schneller einzuführen".
Selbst wenn der Krieg heute enden würde, könnten die Gaslieferungen aus der Region nicht sofort wieder aufgenommen werden. Nach Angaben des Staatsunternehmens QatarEnergykönnte es Monate oder sogar Jahre dauern, bis die Industrieanlage Ras Laffan wieder hergestellt ist. Die LNG-Anlage in Katar, einer der wichtigsten Umschlagplätze für Flüssigerdgas für die Weltmärkte, wurde am 18. März von iranischen Raketen getroffen.
"Niemand weiß, wie lange die Krise dauern wird, aber mir ist es wichtig, zu betonen, dass sie nicht von kurzer Dauer sein wird", sagte Energiekommissar Jorgensen. "Die Energieinfrastruktur in der Region wurde und wird noch immer durch den Krieg ruiniert."
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.






































































