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Item 1
Id 73810356
Date 2025-08-29
Title Handelsstreit zwischen Indien und USA schadet beiden Seiten
Short title Der Handelsstreit schadet Indien und den USA
Teaser Zwei der größten Volkswirtschaften tragen gerade einen Handelskonflikt aus. US-Zölle auf indische Waren sind auf 50 Prozent gestiegen. Doch die Folgen könnten für beide Seiten schmerzhaft werden.
Short teaser Zwei der größten Volkswirtschaften tragen einen Handelskonflikt aus. Die Folgen könnten für beide schmerzhaft werden.
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Als Narendra Modi im Juni 2023 zu einem Staatsbesuch in die USA reiste, schien noch alles in Ordnung. Der Prunk und Pomp, mit dem der indische Premierminister damals empfangen wurde, unterstrich das große Interesse der USA an engen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. "Ich bin davon überzeugt, dass die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Indien zu denen gehören, die das 21. Jahrhundert prägen werden", betonte der damalige US-Präsident Joe Biden.

Bei seinem neuerlichen Besuch im Weißen Haus Anfang des Jahres fiel Modis Empfang durch den neu ins Amt gewählten Donald Trump weniger opulent aus. Die Gespräche jedoch waren herzlich und es wurde viel über Geschäftsabschlüsse gesprochen. Sechs Monate später hat sich das Bild komplett gewandelt. Seit dem 27. August werden auf die meisten Waren, die von Indien in die USA exportiert werden, Zölle in Höhe von 50 Prozent erhoben. Dieser Wert zählt zu den höchsten der Welt.

Die Spannungen eskalierten schnell, nachdem Donald Trump im April angekündigt hatte, gegen zahlreiche Handelspartner Zölle zu erheben. Die Handelsgespräche mit Indien verliefen ergebnislos. Die Lage verschärfte sich weiter, als Trump wegen der Ankäufe von russischem Öl durch Indien zusätzliche Zölle in Höhe von 25 Prozent ankündigte.

Damit haben sich die Beziehungen zu einem der wichtigsten strategischen Partner der Vereinigten Staaten im indopazifischen Raum verschlechtert. Das beunruhigt jene in Washington, die diese Beziehungen als elementar für die Stabilität und Sicherheit in der Region betrachten. In Indien macht man sich hingegen große Sorgen über die Auswirkungen der Zölle auf die rapide wachsende Wirtschaft des Landes.

Wie konnte es soweit kommen?

Rick Rossow leitet das Programm India and Emerging Asia Economics am Center for Strategic and International Studies (CSIS), einer Denkfabrik in Washington DC. Trump liege richtig damit, den "Protektionismus" Indiens anzuprangern, sagt er gegenüber der DW. Die Sprache, die der US-Präsident verwende, sei jedoch schroff und die angewendeten Instrumente hart. Modi nehme dadurch politischen Schaden.

Die Verhandlungen sind nach Ansicht vieler Beobachter gescheitert, weil Indien unbedingt russisches Öl kaufen wolle. Sushant Singh, Dozent an der Fakultät für Südasiatische Studien der US-Universität Yale, sieht den Handelsdisput noch in einem anderen Zusammenhang: Singh verweist auf den Konflikt zwischen Indien und Pakistan von Mai dieses Jahres und Trumps Rolle bei den Verhandlungen einer Waffenruhe.

"Trump behauptet, die Waffenruhe sei durch ihn und seine Beamten zustande gekommen. Modi ist jedoch der innenpolitische Eindruck wichtig, er habe Pakistan geschlagen und Pakistan habe auf Knien um eine Waffenruhe betteln müssen", sagte Singh der DW. "Deshalb kann Modi in diesem Punkt gegenüber Trump nicht nachgeben, weil seine innenpolitische Darstellung komplett zunichtegemacht würde.

Die Auswirkungen auf Indien

Nun muss Indiens Wirtschaft mit Trumps Zöllen klarkommen. Die Vereinigten Staaten sind der größte Handelspartner des Landes. 2024 exportierte Indien Waren im Wert von rund 87 Milliarden US-Dollar (74,5 Milliarden Euro) in die USA. Diese Zahl dürfte bis 2026 um über 40 Prozent fallen, rechnete die Denkfabrik Global Trade Research Initiative aus. Übrig blieben demnach etwa 50 Milliarden US-Dollar oder 43 Milliarden Euro.

Zu den wichtigsten Exportgütern Indiens zählen Textilien, Schmuck und Edelsteine. In einigen dieser Branchen könnte das Exportvolumen in den kommenden zwölf Monaten massiv einbrechen, so Global Trade Research Initiativ in Neu-Delhi. Hunderttausende Arbeitsplätze wären damit in Gefahr.

Andererseits machten die von den Zöllen betroffenen Waren und Produkte mit 14 Prozent nur einen relativ kleinen Teil der indischen Wirtschaft aus, meint dagegen Rossow. Die Auswirkungen auf die Realwirtschaft sollten sich daher im Rahmen halten. Zudem habe Premierminister Modi die Fertigungsindustrie und "Made in India"-Politik stark gefördert. "Der eingeschränkte Zugang zum größten Exportmarkt könnte diesen Teil der Wirtschaft zu einem kritischen Zeitpunkt dämpfen", meint Rossow.

Was haben die USA zu verlieren?

Der Wert der 2024 nach Indien exportierten US-Waren betrug 42 Milliarden US-Dollar (36 Milliarden Euro) und damit weniger als die Hälfte der indischen Exporte in die USA. "Mit Blick auf die Bilanz liegen die Verluste hauptsächlich auf indischer Seite", sagt Singh. "Die USA unter Trump gehen mit China, Indien und dem Indopazifik offensichtlich sehr unterschiedlich um. Indien hat keinen Handlungsspielraum."

Wirtschaftlich würde Indien sicherlich mehr leiden, doch auch die USA hätten einen Preis zu bezahlen, ist sich Rossow sicher. Insbesondere sei ein deutlicher Rückgang der Zahl indischer Studierender an US-amerikanischen Universitäten zu erwarten.

Ein weiterer wirtschaftlicher Faktor, der bedacht werden sollte, sind laut Gary Hufbauer, Experte für internationalen Handel am Peterson Institute for International Economics, frühere Pläne der USA, einen Teil der Produktion von China nach Indien zu verlagern. Dies sei nun in Gefahr. "Eine Zeitlang sah es so aus, als entwickle sich Indien zu einer Alternative für die Fertigung vieler Dinge, die in China produziert werden", erklärt er der DW. "Doch das erscheint jetzt unwahrscheinlich."

Singh hebt außerdem hervor, dass sich führende indisch-amerikanische Unternehmer im Tech-Bereich nicht gegen Trump positioniert hätten. Und dies, obwohl verschiedene indische Staatsangehörige im Zuge der verschärften Einwanderungspolitik unter Trump die USA verlassen mussten. "Keiner von ihnen wird sich gegen Trump stellen, weil auch sie Angst haben."

Das geopolitische Risiko sei für Trump jedoch größer als das wirtschaftliche, räumt Singh ein. "Es könnte zu einer Situation kommen, in der sich China zu einer großen asiatischen Macht entwickelt und Indien zu einer etwas untergeordneten Rolle bereit ist. Geopolitisch könnten sie sich abstimmen - zum Nachteil der USA."

Gibt es noch Chancen für eine Einigung?

Weniger Spannungen wären im Interesse beider Seiten, sagt Rossow. "Indien steht kurz davor, die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt zu werden", betont er. "Angesichts unserer geteilten Sorge bezüglich des militärischen und wirtschaftlichen Aufstiegs Chinas ist eine starke Partnerschaft für die regionale Sicherheit und das gemeinsame Wachstum von entscheidender Bedeutung."

Neu-Delhi sei verzweifelt bemüht, ein Handelsabkommen mit den USA abzuschließen, ist Sushant Singh überzeugt. "Sie wollen ein Abkommen", sagt er. "Sie wollen Trump einen Erfolg bescheren. Es könnte jederzeit passieren, jede Woche, jeden Monat. Mit der Trump-Regierung ist alles möglich." Für Modi sei diese Auseinandersetzung innenpolitisch zudem sehr gefährlich, meint Singh. Ein Grund mehr für ihn, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

Item URL https://www.dw.com/de/handelsstreit-zwischen-indien-und-usa-schadet-beiden-seiten/a-73810356?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Die USA und Indien sind zwei der größten Volkwirtschaften der Welt
Image source Jamie McCarthy/Getty Images
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Item 2
Id 73798937
Date 2025-08-29
Title Indien und Pakistan: Streit um das Wasser im Indus-System
Short title Indien und Pakistan: Streit um das Wasser im Indus-System
Teaser Nach dem Konflikt im Mai steht der Wasser-Vertrag zwischen Pakistan und Indien infrage: Laut dem Schiedshof in Den Haag darf Indien den Wasserzufluss nach Pakistan nicht einschränken. Neu-Delhi sieht das anders.
Short teaser Bei dem Wasser-Vertrag mit Pakistan will Indien eine Entscheidung des Schiedshof in Den Haag nicht anerkennen.
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Das Indus-System mit fünf Flüssen ist eine Lebensader in Südasien und Quelle für Konflikte zugleich. Der Indus, Jhelum und Chenab fließen am Oberlauf durch von Indien verwaltete Gebiete Kaschmirs, durch von Pakistan beanspruchte Kaschmir-Regionen und dann weiter abwärts durch Pakistan selbst. Ravi und Sutlej führen durch Indien und Pakistan. Seit Monaten stehen sie im Mittelpunkt einer schleichenden, aber erbitterten Auseinandersetzung zwischen den beiden rivalisierenden Atommächten.

Hintergrund ist ein tödlicher Angriff auf Touristen im indisch verwalteten Teil Kaschmirs im April, der Anfang Mai zu einen mehrtätigen Militärkonflikt zwischen Indien und Pakistan führte. Indien kündigte an, ein Wasserverteilungsabkommen mit Pakistan werde "mit sofortiger Wirkung ausgesetzt - bis Pakistan glaubhaft und unwiderruflich seiner Unterstützung des grenzüberschreitenden Terrorismus abschwört".

Neu-Delhi scheint auf dieser Position auch nach dem Ende der Auseinandersetzungen mit Pakistan im Mai zu beharren. In einer Rede Anfang des Monats sagte der indische Premierminister Narendra Modi, dass "Blut und Wasser nicht zusammen fließen".

Die Ankündigung Indiens, den so genannten Indus-Wasservertrag , englisch "Indus Water Treaty" (IWT), aus dem Jahr 1960 auszusetzen. geht aber bislang wohl nicht über rhetorische Statements hinaus. Alle derzeit zugänglichen Berichte deuten darauf hin, dass Neu-Delhi keine konkreten Maßnahmen zur Einschränkung des Wasserflusses nach Pakistan ergriffen hat. Diese hätten nämlich schwerwiegende Folgen für die pakistanische Landwirtschaft und auch für Kraftwerke an dem Fluss-System. Islamabad warnte in diesem Zusammenhang davor, dass solche Maßnahmen Indiens als "Kriegshandlung" angesehen würden.

Indien stellt Gerichtsbarkeit und Legitimität in Frage

Der Ständige Schiedshof in Den Haag hat kürzlich über die Auslegung zentraler Teile des IWT entschieden. Indien müsse Pakistan grundsätzlich ermöglichen, die Flüsse uneingeschränkt zu nutzen – außer bei spezifisch festgelegten Ausnahmen.

Der Ständige Schiedshof - englisch "Permament Court of Arbitration" (PCA) - wurde auf den Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 zur friedlichen Beilegung internationaler Konflikte eingerichtet. Die Schiedsinstanz, seit 1900 mit Sitz in Den Haag, ist eine administrative Einrichtung, hat aber keine unmittelbare Entscheidungsbefugnis.

Indien wies die Haltung des Schiedshofes als irrelevant zurück. "Indien hat die Rechtmäßigkeit, Legitimität oder Kompetenz des sogenannten Schiedshofs nie anerkannt. Seine Urteile sind daher rechtlich nicht bindend und haben keinen Einfluss auf Indiens Nutzungsrechte an den Gewässern", sagte Außenministeriumssprecher Randhir Jaiswal.

"Indien weist auch Pakistans selektive und irreführende Bezugnahmen auf die Stellungnahme des Gerichts kategorisch zurück", fügte Jaiswal hinzu.

Fortschritte "in absehbarer Zeit unwahrscheinlich"

Experten für Außenpolitik und Wissenschaftler erklärten gegenüber der DW, Indien und Pakistan befänden sich offenbar in einer Sackgasse, da ihre diplomatischen Kanäle blockiert seien.

Uttam Kumar Sinha, Senior Fellow am Manohar Parrikar Institute for Defence Studies in Delhi, meint, dass der Streit sich zu einer "breiteren asiatischen Agenda zur Wasserpolitik" entwickeln könne, in der Pakistan und Indien versuchen würden, jeweils Verbündete um sich zu scharen.

"Pakistan wird den Schiedsspruch internationalisieren und ihn in verschiedenen Foren - von der UNO bis zur Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) - nutzen, um auf seine Wasserknappheit aufmerksam zu machen. Indien hingegen wird darauf bestehen, dass der Schiedsspruch keine Auswirkungen auf seine Souveränität hat, und den Ausbau seiner Wasserkraft- und Bewässerungsinfrastruktur an den westlichen Flüssen vorantreiben", so Sinha.

Sinha ist Autor von Trial by Water - einem Buch, das die geopolitischen Aspekte der Wasserverteilung im Indusbecken untersucht. Der Experte weist darauf hin, dass reale Allianzen eher über die Zukunft von Staudämmen und die Wassernetze entscheiden könnten als Urteile in Den Haag.

"Da die Gerichte außer Gefecht gesetzt sind und der IWT ruht, sind pragmatische Lösungen außerhalb juristischer Foren die einzige Option." Doch ohne politische Normalisierung seien Fortschritte "in absehbarer Zeit unwahrscheinlich", so Sinhas eher skeptische Einschätzung. Der Senior Fellow an dem Institut in Delhi sieht Pakistan in der Pflicht. Wichtig sei es, "dass Pakistan eine Atmosphäre frei von grenzüberschreitendem Terrorismus schafft und glaubwürdige Beweise dafür vorlegt, dass solche Aktivitäten wirksam eingedämmt wurden".

Indien könnte neue Instrumente entwickeln

Ajay Bisaria, ehemaliger Hochkommissar für Pakistan, glaubt, dass Indien in den kommenden Jahren weiteren Druck auf Pakistan ausüben wird.

"In den nächsten fünf Jahren könnte Indien ein Entwicklungsprogramm starten, um beschleunigt Kanäle und Speicher an den fraglichen Flüssen zu errichten. Indien könnte so seine Hebelwirkung auf Pakistan verstärken", sagte Bisaria gegenüber der DW.

Er wies darauf hin, dass das Vertragsrecht auch eine Vertragsänderung oder gar eine Kündigung aufgrund erheblicher Veränderungen der Umstände zulässt. Er nannte dabei als Beispiele technologischer Fortschritte im Staudammbau oder neue Situationen aufgrund des Klimawandels.

Die Zukunft der Flüsse bleibe eng mit dem Thema grenzüberschreitender Terrorismus aus Pakistan verbunden. Der Diplomat sieht dabei eine mögliche Neuauflage des Vertrags: "Ein großer Deal gegen den Terrorismus könnte ebenso zu einem großen Deal über die gemeinsame Nutzung von Gewässern führen - mit einem neu ausgehandelten Nachfolgevertrag, der den Wasservertrag von 1960 ersetzen könnte."

Indus, Jhelum und Chenab sind entscheidend für Pakistan

Mahendra Lama, Spezialist für Entwicklungsökonomie und die Volkswirtschaften Südasiens, warnt vor einer Rhetorik mit militärischen Drohungen im Zusammenhang mit den Flüssen. "Wasserressourcen sind gemeinsame natürliche Ressourcen, die kooperatives Management und Diplomatie statt militärischer Konfrontation erfordern", so Lama.

Millionen Menschen in Pakistan sind beim Trinkwasser, in der Landwirtschaft und im täglichen Leben allgemein auf die Flüsse Indus, Jhelum und Chenab angewiesen. Diese Flüsse sind besonders wichtig in Punjab und Sindh - Regionen, deren landwirtschaftliche Produktion den Großteil der Bevölkerung des Landes ernährt und das Rückgrat der ländlichen Wirtschaft bildet.

"Das Management dieser grenzüberschreitenden Flüsse muss sich auf Dialog, Vertrauensbildung, Rechtsverträge wie den IWT und kollaborative Rahmenbedingungen konzentrieren", fügte er hinzu.

Chance für Hinterzimmer-Diplomatie

Der Verteidigungsexperte Sinha, der sich eingehend mit dem Thema befasst hat, weist auf drei praxisorientierte Komponenten hin, um das Problem zu lösen.

"Erstens: Eine begrenzte Wiederbelebung der Datenkooperation, zweitens: projektspezifische Designprüfungen und drittens: ein operatives Verständnis, das durch informelle Hinterzimmer-Diplomatie erreicht werde. Dabei könne sich Indien und Pakistan auf saisonale Grenzen für Spitzenlastbetriebe (zur zusätzlichen Energiegewinnung) oder Absenkungen des Wasserspiegel zur Spülung der Flussläufe mit Entfernung von Sedimenten einigen."

"Ohne solche pragmatischen Schritte besteht nicht nur die Gefahr einer militärischen Eskalation, die das Leben im Fluss-Becken für seine 250 Millionen Einwohner noch unvorhersehbarer und gefährlicher machen würde, sondern auch die einer stetigen Erosion der Wasserströme, die die Stabilität tagtäglich beeinträchtigen könnten", fügt Sinha hinzu.

Aus dem Englischen adaptiert von Shabnam von Hein

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Image caption Indus-Delta im Süden Pakistans
Image source Asif Hassan/AFP
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Item 3
Id 73792302
Date 2025-08-29
Title Polen in der Wehrmacht: Verräter oder Opfer NS-Deutschlands?
Short title Polen in der Wehrmacht: Verräter oder Opfer NS-Deutschlands?
Teaser Bis zu 450.000 Polen haben im Zweiten Weltkrieg in der deutschen Wehrmacht gedient. Lange galten sie als Landesverräter - doch die historische Wahrheit ist komplizierter. Das zeigt eine Ausstellung in Danzig.
Short teaser Eine Ausstellung in Danzig widmet sich bis zu 450.000 Polen, die im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht dienen mussten.
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Wer den ersten Raum der Ausstellung im Rathaus von Danzig/Gdansk betritt, sieht Dutzende Porträtfotos: Junge Männer in Uniformen der deutschen Wehrmacht schauen den Besucher an; manche lächeln, andere sind bitterernst oder sogar traurig. Eigentlich sollten solche Bilder nichts Außergewöhnliches sein, denn zwischen 1939 und 1945 wurden insgesamt 17 Millionen Männer in die Nazi-Armee einberufen. Diese Fotos aber sind besonders: Sie zeigen Bürger des von Deutschland besetzten Polens, die die feldgraue Militäruniform der verhassten Feindesarmee tragen.

Die Ausstellung "Unsere Jungs" - der Titel wurde von einer ähnlichen Ausstellung in Luxemburg übernommen - stellt sich einem unbequemen Tabuthema, das lange verschwiegen und verdrängt wurde: dem Militärdienst von Polen in Adolf Hitlers Armee. "Das waren Menschen von hier, also unsere Jungs. Ihre Familien leben hier, bis heute," erklärte das Danziger Museum.

Rechtskonservative Kreise in Polen reagierten auf die Eröffnung Mitte Juli mit Ablehnung und Empörung. Soldaten des Dritten Reiches als "unsere" darzustellen, sei eine "historische Lüge" und "moralische Provokation", schrieb der damalige Präsident Andrzej Duda auf X. "Die Polen als Nation waren Opfer der deutschen Besatzung und des deutschen Terrors, nicht Täter oder Beteiligte", betonte Duda.

Auch der Chef des rechtskonservativen Lagers in Polen, Jaroslaw Kaczynski, meldete sich zu Wort: Die Ausstellung sei "ein Schlag gegen die polnische Staatsräson und stellt die historischen Fakten in Frage", erklärte der Vorsitzende der Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Vor dem Rathaus von Danzig demonstrierten zur Ausstellungs-Eröffnung PiS-Politiker unter einem Banner mit der Aufschrift "Verräter".

Sogar der Vizepremier und Verteidigungsminister der amtierenden Mitte-Links-Regierung, Wladyslaw Kosiniak-Kamysz, bemerkte, "Unsere Jungs" diene nicht der polnischen Erinnerungspolitik. Im Internet lief eine Hasswelle gegen die Ausstellungsmacher, so dass die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt werden mussten.

Zwischentöne statt Schwarz-Weiß-Schema

"Die polnische Erinnerungspolitik kennt nur Schwarz-Weiß-Schema, Helden oder Verräter. Wir wollten die Zwischentöne zeigen: Die tragischen Schicksale von Menschen, die 1939 unter brutalen Druck gerieten", sagt der Pressesprecher des Museums Danzigund einer der Kuratoren der Ausstellung, Andrzej Gierszewski, der Deutschen Welle.

Nach der Besetzung Polens durch NS-Deutschland im Herbst 1939 wurden weite Teile des polnischen Territoriums rechtswidrig ins Deutsche Reich eingegliedert - darunter Pommern mit Danzig, Westpolen mit Posen und Lodz sowie Oberschlesien. In diesen annektierten Gebieten wurde die polnische Führungsschicht - Politiker, Geistliche, Beamte und Lehrer - ermordet oder in die Konzentrationslager verschleppt.

Terror, Germanisierung, Zwangsrekrutierung

Dieser ersten Terrorwelle fielen zehntausende Polinnen und Polen zum Opfer. Im Zuge der "Germanisierung" wurden die als "überflüssig" eingestuften Bevölkerungsteile vertrieben. Menschen, die die deutschen Behörden als "germanisierungsfähig" einstuften, wurden in die "Deutsche Volksliste" (DVL) aufgenommen. Das bedeutete manche Privilegien, darunter eine zunächst auf zehn Jahre beschränkte deutsche Staatsbürgerschaft - aber auch Pflichten, vor allem die Wehrpflicht.

Über die Aufnahme in die DVL entschieden allein die deutschen Behörden; im Falle der Ablehnung drohten Repressalien bis zur Einweisung ins Konzentrationslager. Bis Kriegsende standen 2,9 Millionen Menschen im besetzen Polen auf der DVL. Je schlechter die Situation an den Fronten für die Wehrmacht wurde - vor allem nach der Niederlage in Stalingrad Anfang 1943 -, desto größer war der Bedarf an neuem "Kanonenfutter".

Untertauchen oder Nazi-Uniform tragen?

Den Eingezogenen blieb die Wahl zwischen Pest und Cholera: Sie konnten den Dienst verweigern und untertauchen, was schlimmste Folgen für ihre Familien, samt Verschleppung ins Konzentrationslager, bedeutete - oder sich ihrem Schicksal fügen. Deserteure, die erwischt wurden, endeten meistens unter dem Fallbeil. An der Westfront liefen fast 90.000 polnische Wehrmachtssoldaten zu den Briten und Amerikanern über. Sie kämpften später in polnischen Einheiten der Alliierten gegen Nazi-Deutschland.

Nach Kriegsende galten Polen, deren Namen auf der Deutschen Volksliste standen, als Landesverräter. Manche wurden wegen Kollaboration verurteilt. Polnische ehemalige Wehrmachtssoldaten schwiegen daher über ihre Vergangenheit, versteckten belastende Unterlagen oder vernichteten sie. Uniformen wurden aus Familienfotos wegretuschiert. Viele Pommern und Schlesier lebten mit dem Trauma, Bürger zweiter Klasse zu sein.

Vergangenheit als politische Waffe

Dass Vergangenheit auch nach Jahrzehnten gefährlich sein kann, erfuhr Polens heutiger Premierminister Donald Tusk vor 20 Jahren am eigenen Leib: Als er sich 2005 um das Präsidentenamt bewarb, behauptete das politische Lager seines Kontrahenten Lech Kaczynski, Tusks Großvater hätte sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet. Tatsächlich war Jozef Tusk 1944 zwangseingezogen worden - lief aber bereits nach knapp vier Monaten zu den Westalliierten über.

"Die historische Erinnerung Polens wird vom Zentrum in Warschau bestimmt und dominiert. Die Erfahrungen von Menschen aus Randgebieten, etwa Pommern oder Oberschlesien, werden ignoriert," meint Historiker Ryszard Kaczmarek. Millionen Menschen würden auf diese Weise aus der polnischen historischen Erinnerung ausgeschlossen.

Die lebhafte gesellschaftliche Reaktion auf die Ausstellung beweist, dass bei diesem Thema Nachholbedarf besteht: Viele Menschen brachten den Ausstellungsmachern wertvolle Erinnerungsstücke: Fotos, Briefe, Uniformen und sogar Eiserne Kreuze, die bisher unter Verschluss gehalten wurden.

Nach der ersten Protestwelle, die von der politischen Opposition angeheizt wurde, hat sich die Situation inzwischen beruhigt. Im letzten Raum der Ausstellung können die Besucher auf Zetteln ihr Urteil abgeben. Es überwiegen positive Meinungen. "Ich habe gelesen und gesehen - und bin dankbar," schrieb ein Besucher.

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Image caption Im Vorraum der Ausstellung "Unsere Jungs" werden Porträts von Polen gezeigt, die in der Wehrmacht dienen mussten
Image source Jacek Lepiarz/DW
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Item 4
Id 73809816
Date 2025-08-29
Title Kosovos Parlament wählt Sprecher - Blockade geht weiter
Short title Kosovos Parlament wählt Sprecher - Blockade geht weiter
Teaser Sieben Monate nach der Parlamentswahl in Kosovo gibt es endlich einen Parlamentspräsidenten - doch nun fehlt ein Stellvertreter. Beobachter sehen die Blockade als existenzbedrohend für den Staat.
Short teaser Sieben Monate nach der Parlamentswahl in Kosovo gibt es einen Parlamentspräsidenten - nun fehlt ein Stellvertreter.
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Der 45-jährige Dimal Basha, ein Abgeordneter der linken kosovarischen Regierungspartei Vetevendosje (VV), wurde am Dienstag (26.08.2025) mit 73 Ja-Stimmen zum Parlamentssprecher Kosovos gewählt, die der Position des Parlamentspräsidenten entspricht. Es bedurfte in den vergangenen Monaten nicht weniger als 57 Versuche der Abgeordneten und zur Klärung des Verfahrens zweier Urteile des Verfassungsgerichts bis Vetevendosje endlich einen Kandidaten fand, der die Unterstützung einer ausreichenden Zahl von Abgeordneten bekam.

Das Parlament war im Februar dieses Jahres gewählt worden. Seine Arbeit stand seitdem still, da bis zum Dienstag dieser Woche kein Präsident gewählt werden konnte. Dennoch kann das Parlament seinen Geschäftsbetrieb auch jetzt noch nicht aufnehmen, da es den Abgeordneten nicht gelang, alle stellvertretenden Sprecher zu wählen. Einer der Stellvertreter muss aus dem Kreis der Vertreter der serbischen Minderheit kommen, so schreibt es die Verfassung vor. Doch die erforderliche Mehrheit von 61 Stimmen fand sich nicht.

Die von Serbien unterstützte serbische Partei Srpska Lista, die mit neun Abgeordneten im Parlament vertreten ist, schlug als Kandidaten Slavko Simic vor. Doch der erhielt in drei Wahlgängen nicht die erforderlichen Stimmen. Als sein Name zum vierten Mal vorgeschlagen wurde, ließ der neue Sprecher Dimal Basha die Abstimmung nicht zu und berief sich dabei auf ein Urteil des Verfassungsgerichts, das festlegt, dass ein Kandidat für das Amt des Sprechers nicht mehr als dreimal nominiert werden kann.

Trotz des Widerstandes der Srpska Lista behauptete Basha, dass die Regel für die Wahl aller stellvertretender Sprecher gelte. Als die Srpska Lista sich dennoch weigerte, einen anderen Kandidaten zu benennen, loste Basha Kandidaten aus den Namen der verbleibenden acht Abgeordneten der Srpska Lista aus. Aber auch sie erhielten nicht genügend Stimmen.

Keine Lösung der Krise

Für die politische Analystin Donika Emini, Expertin in der Beratungsgruppe für Balkanpolitik in Europa (BIEPAG), ist Kosovo "weit von einer endgültigen Lösung der Krise entfernt, weil sich das Parlament nicht konstituieren kann". Für sie ist das Verhalten der Srpska Lista bei der Frage der Kandidatenbenennung "typisch", da diese Partei "die verfassungsmäßige Ordnung und die Republik Kosovo kontinuierlich in Frage stellt und das Narrativ Belgrads vertritt, dass die Existenz Kosovos als unabhängiges Land bestreitet".

Erst wenn die Riege des Parlamentspräsidenten und seiner Stellvertreter vollständig ist, kann die Präsidentin des Landes, Vjosa Osmani, der größten Partei, Vetevendosje, die Aufgabe übertragen, eine neue Regierung zu bilden. Mit 48 Abgeordneten im 120-köpfigen Parlament müsste ihr Vorsitzender Albin Kurti, der derzeitige amtierende Ministerpräsident, jedoch mindestens einen Koalitionspartner finden, um auf eine Mehrheit der Stimmen zu kommen. In Frage kommen dafür rein rechnerisch nur die Demokratische Partei Kosovos (PDK), die 24 Abgeordnete hat, und die Demokratische Liga Kosovos (LDK) mit 20 Abgeordneten.

Nach Meinung von Donika Emini sind "die Bedingungen für eine Zusammenarbeit von Vetevendosje mit der PDK und der LDK jedoch "sehr begrenzt". Dies gelte umso mehr für die anderen Parteien, so Emini zur DW. Sie schlussfolgert, dass damit die Wahrscheinlichkeit vorgezogener Neuwahlen wachse.

Neue Gewitterwolken

Doch auch ohne Parlamentswahlen stehen in Kosovo bald andere Wahlen an: im Oktober 2025 die Kommunalwahl, im Februar 2026 die Präsidentschaftswahl. Letztere erfolgt im Parlament - dort müssen zwei Drittel der Abgeordneten für ein Staatsoberhaupt stimmen.

Der Politologe Nexhmedin Spahiu sieht deshalb neue Gewitterwolken aufziehen: Wenn sich das Parlament mit den aktuellen Mehrheitsverhältnissen monatelang nicht einmal auf einen Kandidaten zum Parlamentspräsidenten habe einigen können, der ja mit einfacher Mehrheit gewählt werde, dann werde das für das Staatsoberhaupt umso schwerer, denn für seine Wahl seien zwei Drittel der Stimmen nötig. Deshalb sei es die "dringendste Aufgabe für das Parlament, im Moment seiner Konstituierung eine Verfassungsänderung zu beschließen", mit der die Präsidentschaftswahl zu einer Direktwahl durch das Volk gemacht werde.

Kosovo müsse alles tun, um neue politische Blockaden zu verhindern, so Spahiu. Ähnlich sieht es auch Donika Emini. Eine Blockade wie in den vergangenen Monaten gefährde nicht nur die Funktionsfähigkeit, "sondern sogar die Existenz Kosovos als Staat", sagt sie. Die gewählten Abgeordneten müssten sich dieser Dimension bei ihrer parlamentarischen Arbeit bewusst sein.

Item URL https://www.dw.com/de/kosovos-parlament-wählt-sprecher-blockade-geht-weiter/a-73809816?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Dimal Basha, der neue kosovarische Parlamentspräsident, am 26.08.2025 in Prishtina
Image source Press office of Vetëvendosje (official publications for media)
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Item 5
Id 73808633
Date 2025-08-29
Title Mehr als drei Millionen Arbeitslose in Deutschland
Short title Mehr als drei Millionen Arbeitslose in Deutschland
Teaser Die Arbeitslosigkeit ist ein Indikator, wie es der Wirtschaft eines Landes geht. Die jüngsten Zahlen kommen nicht unerwartet.
Short teaser Die Arbeitslosigkeit ist ein Indikator, wie es der Wirtschaft eines Landes geht. Die Zahlen kommen nicht unerwartet.
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Der Arbeitsmarkt in Deutschland sei nach wie vor von der wirtschaftlichen Flaute der vergangenen Jahre geprägt, erläutert die Chefin der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles. Sie gibt sich aber auch optimistisch. Es gebe erste Anzeichen einer Stabilisierung, "wenn auch zarte", so Nahles. Die Kurzarbeit liege weiter auf erhöhtem Niveau, lasse aber seit Jahresbeginn kontinuierlich leicht nach. Diese Maßnahme ist eine vorübergehende Verkürzung der regulären Arbeitszeit, um betriebsbedingte Kündigungen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu vermeiden.

Merz: "Herbst der Reformen"

Erstmals seit mehr als zehn Jahren sind über drei Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos. Die Arbeitslosenquote legte um 0,1 Prozentpunkte auf 6,4 Prozent zu. Dies verdeutlicht aus Sicht von Bundeskanzler Friedrich Merz, wie notwendig Reformen für mehr Wachstum und Erwerbsfähigkeit sind. "Darauf wird sich die Bundesregierung konzentrieren", sagte Merz in Toulon am Rande der deutsch-französischen Ministergespräche. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit komme nicht unerwartet. Merz hatte bereits einen "Herbst der Reformen" angekündigt.

Die eingetrübte Lage am Arbeitsmarkt wirft auch ein Schlaglicht auf die wirtschaftliche Schwäche der größten Volkswirtschaft Europas. " Drei Millionen Arbeitslose sind ein Armutszeugnis für die Reformverweigerung der vergangenen Jahre", sagte Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger. Deutschland brauche einen echten "Herbst der Reformen". "Die Regierung darf sich nicht in den zahlreichen Kommissionen wegducken und die jetzt notwendigen Entscheidungen weiter vertagen, verschleppen und verwässern", mahnte Dulger.

Negative Folgen für die Konjunktur

Viele Firmen in Deutschland reagieren auf die schwierige Lage mit verstärktem Stellenabbau. Ifo-Präsident Clemens Fuest erwartet angesichts der eingetrübten Lage am Jobmarkt negative Folgen für die Konjunktur. "Der private Konsum ist derzeit schon verhalten, obwohl die verfügbaren Einkommen schneller wachsen als die Konsumentenpreise", sagte der Chef des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts der Nachrichtenagentur Reuters. Viele Haushalte sparten mehr, weil sie sich Sorgen um die Zukunft machten.

fab/jj (dpa, rtr)

Redaktionsschluss: 16.00 Uhr (MESZ) - dieser Artikel wird nicht weiter aktualisiert.

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Image caption Die Agentur für Arbeit sammelt in Deutschland die Daten zum Arbeitsmarkt
Image source Sina Schuldt/dpa/picture alliance
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Item 6
Id 73780746
Date 2025-08-29
Title Schweißt Trump die BRICS enger zusammen?
Short title Schweißt Trump die BRICS enger zusammen?
Teaser Die USA wollen die BRICS-Staaten mit extrem hohen Zöllen strafen. Jetzt bereiten Indien, China und Russland ein Gipfeltreffen in Tianjin vor und es scheint, als förderten Trumps Drohungen die Solidarität der BRICS sogar.
Short teaser Es scheint, als förderten die Zoll-Drohungen des US-Präsidenten die Solidarität der BRICS-Staaten untereinander.
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Die BRICS (benannt nach: Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) sind ein stetig anwachsender Staatenbund, der eine gemeinsame Position neben den Wirtschaftsräumen in Europa und den USA sucht - und jetzt von US-Präsident Donald Trump unter Druck gesetzt wird.

China, das größte BRICS-Mitglied, muss mit Zöllen von 145 Prozent im Handel mit den USA kalkulieren, wenn es sich nicht mit Trump einigen kann. Brasilien und Indien wurden mit Zöllen in Höhe von 50 Prozent belegt. Südafrika ist mit einer Abgabe von 30 Prozent gestraft, und selbst neuere Mitglieder wie etwa Ägypten müssen wegen ihrer BRICS-Teilnahme mit höheren Zölle rechnen.

Trump hat in den ersten sieben Monaten seiner zweiten Amtszeit wiederholt vor zusätzlichen Strafmaßnahmen gegen alle Länder gewarnt, die sich einer "antiamerikanischen Politik" anschließen - ein deutlicher Hinweis auf die in Washington registrierten wachsenden Herausforderungen für die globale Vorherrschaft der USA.

Trump - der gemeinsame Gegner

Der ehemalige indische Handelsbeamte und Gründer der Global Trade Research Initiative (GTRI), Ajay Srivastava, ist der Ansicht, dass sich die BRICS-Staaten durch Trumps zusätzliche Strafen nur "wenig eingeschüchtert" fühlen. Der DW sagte er, die Zölle "geben BRICS einen gemeinsamen Anreiz, ihre Abhängigkeit von den USA zu verringern, auch wenn die Ziele unterschiedlich sind".

Die zusätzlichen Zölle führen bei den BRICS-Mitgliedern zu außergewöhnlichen Belastungen. Denen begegnen sie, in dem sie ihre bilateralen Handelsabkommen in nationalen Währungen ausweiten, um so ihre Abhängigkeit vom US-Dollar zu verringern. Die Zentralbanken der BRICS-Staaten haben zudem ihre Goldkäufe erhöht - ein weiteres Zeichen für ihren Wunsch nach einer De-Dollarisierung.

Während Trump bereits erklärt, BRICS sei "tot", sehen Kritiker das nicht so: In einem Kommentar für die Washington Post weist Max Boot vom Think Tank Council on Foreign Relations darauf hin, dass sich Brasilien, Südafrika und Indien jetzt stärker China und Russland annäherten. Trump schwäche "die Macht der USA, indem er Amerikas Freunde auf perverse Weise mit unseren Feinden vereint".

Gipfeltreffen in China

Der Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) im nordchinesischen Tianjin, der am Sonntag beginnt, ist ein weiteres Indiz für die wachsende Solidarität unter den BRICS-Mitgliedern. Der chinesische Präsident Xi Jinping empfängt Indiens Premier Narendra Modi, Russlands Präsident Wladimir Putin sowie Staats- und Regierungschefs aus rund 20 weiteren Ländern des Globalen Südens.

Schon jetzt drängt Moskau darauf, mit den ersten trilateralen Gesprächen von China, Russland und Indien seit sechs Jahren den Kern der Allianz zu stärken. Im Kreml ist man überzeugt, dass ein Treffen der drei größten BRICS-Mitgliedern dazu beitragen könnte, langjährige Spannungen, insbesondere zwischen Indien und China, abzubauen und damit ein stärkeres Gegengewicht zum Westen zu bilden.

Indien und China - streitende Nachbarn

Trumps enorme Zölle haben Neu-Delhi dazu veranlasst, die Wirtschaftsbeziehungen mit China zu stärken, Direktflüge wieder aufzunehmen, Visabeschränkungen zu lockern und Handelsgespräche zu intensivieren. Beide Länder sprechen zudem über eine Beilegung langjähriger Streitigkeiten entlang der gemeinsamen Grenze.

In der vergangenen Woche hat sich Peking bereiterklärt, die Lieferungen von Seltenen Erden in das südasiatische Land zu erhöhen. China kontrolliert über 85 Prozent der weltweiten Verarbeitung dieser Rohstoffe, die Indien für saubere Energie, Elektrofahrzeuge und Verteidigungstechnologien dringend benötigt.

Die chinesisch-indischen Beziehungen bleiben dennoch schwierig. Shilan Shah vom Londoner Unternehmen Capital Economics erinnert an Chinas enge Beziehungen zu Indiens Nachbarn und "Erz"-feind Pakistan und an den Bau eines chinesischen Wasserkraftwerks auf dem tibetischen Plateau, der in Neu-Delhi für Unbehagen gesorgt hat. Außerdem, so Shah in einer Forschungsnotiz, schadeten chinesische Billigimporte "Indiens Bemühungen zur Stärkung seiner heimischen Industrie".

Auch könnten Indiens langjährige Beziehungen zu Washington dem BRICS-Projekt schaden. Indien ist noch immer stark vom US-Markt und der US-Technologie abhängig. Die Exporte in die USA beliefen sich im Jahr 2024 auf insgesamt 66,46 Milliarden Euro, während die Exporte nach Russland und China deutlich geringer ausfielen.

Chinas Einfluss wächst

Brasilien bemühte sich Anfang des Monats in einem Telefonat zwischen Xi und dem brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva um eine Stärkung des bilateralen Handels mit China, seinem größten Handelspartner. Nach China gehen 26 Prozent aller brasilianischen Exporte - doppelt so viel wie in die USA.

Ein symbolträchtiger Auftritt Putins und Xis während der russischen Siegesparade im Mai unterstrich die zunehmende strategische Ausrichtung zwischen Moskau und Peking. Mehr als 90 Prozent des bilateralen Handels zwischen Russland und China werden laut Kreml mittlerweile in Yuan und Rubel abgewickelt.

Südafrika hält an seinen BRICS-Verpflichtungen fest und will trotz Trumps Drohungen seinen eigenen Kurs verfolgen. Sanusha Naidu vom südafrikanischen Institute for Global Dialogue sagte der DW, Pretoria sei nicht bereit, ihre BRICS-Verpflichtungen zurückzunehmen, "insbesondere nicht in Bezug auf die Reform der globalen Governance, Technologie, Landwirtschaft, akademischen Austausch und bilateralen Handel".

"Pragmatische Zusammenarbeit"

BRICS ist inzwischen von ursprünglich vier auf zehn Mitglieder angewachsen - Saudi-Arabien ist sich über einen Beitritt noch nicht im Klaren - und fragmentiert sich aufgrund divergierender nationaler Interessen zunehmend. Der ehemalige indische Handelsbeamte Srivastava sagte dazu, bei BRICS gehe es "weniger um perfekte Einheit als vielmehr um pragmatische Zusammenarbeit in Handel, Finanzen und Lieferketten".

Der Handel innerhalb der BRICS-Staaten wird weiter wachsen. Das erwartet jedenfalls Mihaela Papa, Forschungsdirektorin am Center for International Studies. Auch wenn sich nicht alles nicht sofort verwirklichen ließe. "Wir können mit stärkerer politischer Unterstützung für neue Handelsinitiativen, Buy BRICS-Kampagnen und Projekte wie die BRICS-Getreidebörse sowie den Ausbau lokaler Währungsabwicklungsmechanismen rechnen", sagte Papa der DW.

Ein von Russland unterstützter Vorschlag für eine einheitliche BRICS-Währung als Konkurrenz zum Dollar liegt weiterhin auf Eis. Dies deutet auf eine Zukunft hin, die weniger von konkurrierenden Finanzsystemen als vielmehr von einem Flickenteppich sich überschneidender Netzwerke geprägt sein wird. GTRI-Gründer Srivastava prognostiziert, dass der Dollar "über Jahre hinweg dominant bleiben wird, parallele Abwicklungssysteme in Yuan, Rupie und Rubel jedoch wachsen werden. Dies wird den Dollar nicht entthronen", sagte er, "aber sein Monopol stetig schwächen".

Dieser Beitrag ist aus dem Englischen adaptiert worden.

Item URL https://www.dw.com/de/schweißt-trump-die-brics-enger-zusammen/a-73780746?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Die Anführer der größten BRICS-Staaten im vergangenen Jahr: Xi Jinping (China), Wladimir Putin (Russland) und Narendra Modi (Indien)
Image source Alexander Shcherbak/TASS/dpa/picture alliance
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Item 7
Id 73765364
Date 2025-08-29
Title Guinea-Bissau: Pressefreiheit vor den Wahlen massiv unter Druck
Short title Guinea-Bissau: Pressefreiheit vor den Wahlen massiv bedroht
Teaser Die Regierung von Guinea-Bissau hat am 15. August portugiesische Medien ausgewiesen. Die Maßnahme droht, die Pressefreiheit vor den Wahlen im November massiv einzuschränken und löst international Kritik aus.
Short teaser Guinea-Bissau weist portugiesische Medien aus. Kritiker sehen massive Bedrohung der Pressefreiheit vor den Wahlen.
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Kritiker werten die Entscheidung, die portugiesischen Medien auszuweisen, als schweren Rückschlag für die Medienfreiheit. Betroffen sind die öffentlich-rechtlichen Sender RTP und RDP sowie die Nachrichtenagentur Lusa.

Im Interview mit der Deutschen Welle (DW) verurteilte Indira Correia Baldé, Vorsitzende der Journalistengewerkschaft SINJOTECS, die Ausweisung als "antidemokratisch" und sprach von einem Klima der Angst, das sich verschärft habe, seitdem Präsident Umaro Sissoco Embaló 2020 an die Macht gekommen sei: "Für mich als Journalistin und Gewerkschaftsführerin kam diese Entscheidung nicht überraschend. Die in den vergangenen Jahren dokumentierten Vorfälle zeigen, dass wir früher oder später an diesen Punkt gelangen würden. Journalistinnen und Journalisten werden systematisch bei ihrer Arbeit behindert und öffentlich beleidigt."

Baldés Kollegin Fátima Tchumá Camará, einer Guineerin, die für den Radiosender RDP arbeitet, sei der Zugang zum Präsidentenpalast verweigert worden. "Später wurde ich selbst von der Berichterstattung für RTP África über Regierungsangelegenheiten ausgeschlossen. Wiederholt wurden Sendungen von RTP und RDP blockiert. Es gab also klare Warnzeichen", so Baldé.

Das Problem betrifft laut Baldé nicht nur die ausgewiesenen portugiesischen Medienschaffenden, sondern auch einheimische Kolleginnen und Kollegen: "Viele von ihnen stehen nun vor der Arbeitslosigkeit. Die Gewerkschaft fordert eine rasche Rücknahme der Entscheidung und den Erhalt der Arbeitsplätze."

Angriffe auf Journalisten

Verschiedene internationale Organisationen, darunter das Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ), der European Newsroom (ENR) und Reporter ohne Grenzen (RSF), kritisierten die Ausweisung scharf. Sadibou Marong, RSF-Direktor für Westafrika, erklärte gegenüber der DW: "Unsere Organisation betrachtet die Schließung der Büros von Lusa, RDP und RTP als einen harten Schlag gegen die Pressefreiheit. Die Behörden ordneten die Schließung am 15. August an - bis heute gibt es keine offizielle Begründung. Alles deutet auf eine willkürliche Maßnahme hin. RSF fordert die Regierung daher auf, diese Suspendierung sofort aufzuheben."

Auf die Frage, ob die unabhängige und pluralistische Berichterstattung im Wahlkampf gefährdet sei, antwortete Marong: "Diese Schließung wurde drei Monate vor den Wahlen beschlossen und könnte ein Zeichen dafür sein, dass die Behörden die Berichterstattung einschränken und beeinflussen wollen. Wir befürchten, dass die verbliebenen Journalistinnen und Journalisten zunehmend unter Druck geraten und sich nicht mehr frei und unabhängig berichten."

Weiter erinnerte Marong an die zunehmende Gewalt gegen Medienschaffende: "In den letzten Jahren haben wir leider mehrere Fälle von Angriffen auf Journalistinnen und Journalisten in Guinea-Bissau dokumentiert. So wurde der private Radiosender Capital FM im Jahr 2022 mit Schusswaffen überfallen. Reporter wurden bei Demonstrationen festgenommen oder eingeschüchtert."

Ein weiteres Beispiel ist das des Journalisten Armando Lona, Chefredakteur von "O Democrata", der im Mai 2024 bei einem friedlichen Protest in Bissau von Sicherheitskräften geschlagen und anschließend zehn Tage ohne Prozess festgehalten wurde. Lona berichtete von Folter während der Haft.

"Auch Waldir Araújo, Korrespondent der RDP, wurde angegriffen. Das sind alarmierende Zeichen für die Sicherheit der Presse im Land. Wir fordern die Behörden auf, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, damit Journalistinnen und Journalisten ohne Angst arbeiten können", warnte Marong.

Schweigen der Regierung - Reaktionen der Opposition

Die DW versuchte mehrfach, Außenminister Carlos Pinto Pereira sowie Premierminister Braima Camará zu einer Stellungnahme zu bewegen. Beide verweigerten jegliche Auskunft.

Aus den Reihen der Opposition kamen hingegen deutliche Worte. Baciro Djá, ehemaliger Premierminister und Oppositionspolitiker der "Inklusiven Patriotischen Allianz" (API-CG), erklärte gegenüber der DW: "Wir verurteilen dieses verantwortungslose Vorgehen der Regierung entschieden. Diese Medien leisten einen essenziellen Dienst, indem sie die Diaspora mit unserem Land verbinden. Jeder Demokrat verurteilt diese Entscheidung. Es könnte ein Versuch sein, die Bedingungen zur Manipulation der Wahlen zu schaffen."

Auch Domingos Simões Pereira, Vorsitzender der größten Oppositionspartei PAIGC und Präsident der vom Präsidenten aufgelösten Nationalversammlung, äußerte sich besorgt: "Wir haben in der Vergangenheit immer wieder versucht, alle unsere Partner vor der Erosion der Demokratie und der Bürgerrechte in Guinea-Bissau zu warnen." Das Land nähere sich gefährlich dem Abgrund, sei an der Schwelle zur Diktatur. Der Druck auf die Presse sei dafür ein untrügliches Anzeichen, so Pereira.

Portugal setzt auf diplomatische Lösung

Die portugiesische Regierung hat bisher verhalten reagiert und betont, den Konflikt auf diplomatischem Weg lösen zu wollen. Die Beziehungen zu der portugiesischsprachigen Welt gehören für Lissabon gewissermaßen zur Staatsräson. Öffentliche Kritik blieb bislang aus - sehr zum Unmut von Pressefreiheitsaktivisten, die befürchten, dass Zurückhaltung weitere Repressionen begünstigen könnte.

Guinea-Bissau ist Mitglied der Gemeinschaft der Portugiesischsprachigen Länder (CPLP) und führt derzeit den Vorsitz dieser Organisation. Als Mitglied hat sich das Land verpflichtet, Prinzipien wie Pressefreiheit, Meinungsvielfalt und mediale Freizügigkeit zu wahren. Die Ausweisung der portugiesischen Medien steht in direktem Widerspruch zu diesen Verpflichtungen.

Instabile Lage vor den Wahlen

"Die ohnehin fragile Medienlandschaft in Guinea-Bissau wird durch solche Vorfälle weiter geschwächt", warnt Indira Correia Baldé. Die anstehenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen am 23. November 2025 werden mit großer internationaler Aufmerksamkeit beobachtet.

Nach geltendem Recht hätten die Wahlen bereits im Vorjahr stattfinden sollen. Präsident Umaro Sissoco Embalós Amtszeit ist offiziell abgelaufen. Bereits am 4. Dezember 2023 hatte er nach mehreren Tagen gewaltsamer Unruhen das Parlament aufgelöst - eine Aktion, die er als "versuchten Staatsstreich" bezeichnete. Seitdem regiert er per Dekret ohne parlamentarische Kontrolle. Bei den nächsten Wahlen im November will Embaló erneut antreten.

Die politische Lage im Land bleibt angespannt. Die widersprüchlichen Aussagen Embalós sowie die anhaltenden Konflikte mit der Opposition nähren Zweifel daran, ob Guinea-Bissau tatsächlich auf dem Weg zu Stabilität ist - oder ob weitere politische Unruhen drohen.

Indira Correia Baldé fasst zusammen: "Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Regierung den Druck auf die Medien aufrechterhält oder den Weg zu freier und unabhängiger Berichterstattung wieder öffnet - ein entscheidender Faktor für die Glaubwürdigkeit der bevorstehenden Wahlen und die Zukunft der Demokratie in Guinea-Bissau."

Item URL https://www.dw.com/de/guinea-bissau-pressefreiheit-vor-den-wahlen-massiv-unter-druck/a-73765364?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Radionutzer auf dem Markt von Bandim in Bissau: Portugiesische Medien wurden am 15. August 2025 ohne Angabe von Gründen suspendiert.
Image source Andre Kosters/dpa/picture alliance
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Item 8
Id 73798491
Date 2025-08-28
Title Wer von den neuen Ausreise-Regelungen der Ukraine profitiert
Short title Wer von den neuen Ausreise-Regelungen der Ukraine profitiert
Teaser In der Ukraine dürfen Männer zwischen 18 und 22 Jahren nun trotz Kriegsrechts ins Ausland reisen. Regierung und Behörden hoffen, dass die jungen Menschen in die Ukraine zurückkehren.
Short teaser Die ukrainische Regierung erlaubt nun Männern zwischen 18 und 22 Jahren, trotz Kriegsrechts, ins Ausland zu reisen.
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An diesem 28. August sind in der Ukraine neue Regelungen für die Ausreise von wehrpflichtigen jungen Männern in Kraft getreten. Sofern sie nicht älter als 22 Jahre sind, können sie nun ungehindert die Grenze überqueren. "Wir wollen, dass die Ukrainer maximal Kontakt zur Ukraine halten", sagte Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko nach dem Beschluss.

Damit setzt die Regierung eine Initiative des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj um, der Anfang August versprochen hatte, die Grenze für junge Männer im Alter von 18 bis 22 Jahren zu öffnen. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 war es 18 bis 60 Jahre alten Männern untersagt, die Ukraine zu verlassen. Die Basis für diese Entscheidung war das Kriegsrecht und die allgemeine Mobilmachung. Zunächst wurden jedoch nur Männer ab 27 und seit April 2024 auch die 25-Jährigen zur Armee eingezogen.

"Ziel ist es, jungen Ukrainern vor allem bessere Möglichkeiten für ein Studium, für Praktika und legale Beschäftigungen im Ausland zu eröffnen, damit sie Erfahrungen sammeln und diese später beim Aufbau der Ukraine einsetzen können", schrieb der ukrainische Innenminister Ihor Klymenko auf Telegram. "Wir tun unser Bestes, um sicherzustellen, dass die ukrainische Jugend Zugang zu hochwertiger Bildung und internationaler Erfahrung hat und gleichzeitig ein starker Bestandteil unseres Staates bleibt."

Auslandsreisen bis zum 23. Geburtstag

Oberst Andrij Demtschenko, Sprecher des Grenzdienstes der Ukraine, bestätigte der DW, dass Männer bis zu ihrem 23. Geburtstag die Grenze nun ungehindert überqueren könnten.

Allerdings würden die neuen Regelungen nicht für Personen gelten, die bestimmte Ämter in Behörden, staatlichen Stellen und Organen der lokalen Selbstverwaltung innehaben. "Auslandsreisen dieser Personengruppe können nach wie vor nur im Rahmen einer Dienstreise durchgeführt werden", sagte der Oberst.

Verliert die Ukraine ihre jungen Menschen?

Weil Männer im wehrfähigen Alter bisher nicht ausreisen durften, haben Eltern ihre Kinder massenhaft außer Landes gebracht, noch bevor sie die Volljährigkeit erreichen. So konnten sie im Ausland studieren und gleichzeitig einer Einberufung entgehen, falls das Einberufungsalter herabgesetzt wird. Für die Ukraine, die zunehmend junge Männer zu verlieren begann, wurde das zu einem ernsthaften Problem.

"Wir mobilisieren keine Menschen unter 25 Jahren. Und es ist falsch, ihnen die Möglichkeit zu nehmen, das Land zu verlassen oder nach Hause zurückzukehren, wenn sie bereits im Ausland studieren. So verlieren wir eine ganze Generation. Die jungen Menschen fürchten eine Rückkehr, weil sie dann nicht mehr ausreisen können", sagt Fedir Wenislawskyj der DW. Der Abgeordnete der Regierungspartei "Diener des Volkes" gehört dem Ausschuss für nationale Sicherheit, Verteidigung und Geheimdienste an.

Welche Folgen hat der Regierungsbeschluss?

Sozialforscher Oleksandr Hladun wundert sich über solche Argumente. Er glaubt nicht, dass ein legaler Auslandsaufenthalt zur Rückkehr junger Menschen beitragen wird. "Dieser Beschluss führt dazu, dass Leute weggehen, niemand wird zurückkehren", sagt das Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine im DW-Gespräch. "Einerseits heißt es von den Behörden, an der Front und im Hinterland gebe es nicht genug Menschen und dass Ausländer für Arbeitsplätze gebraucht würden, und dann wird die Ausreise von Männern begünstigt." Hladun findet, dieser Schritt werde die demografischen Probleme in der Ukraine noch verschärfen.

Gerade unter den Menschen im Alter von 18 bis 29 Jahren möchten viele dauerhaft im Ausland leben. Das ergab eine im Sommer durchgeführte Befragung des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts "Rating". "Etwa zehn Prozent aller Ukrainer sagen, dass sie gerne ständig im Ausland leben würden", sagt "Rating"-Meinungsforscher Oleksij Antypowytsch. "Bei Menschen im Alter von 18 bis 29 Jahren liegt dieser Anteil bei etwa 20 Prozent - also bei jedem Fünften. Das ist ziemlich viel."

Doch der Experte sieht darin kein großes Problem. "Es ist klar, dass vor allem junge Männer ins Ausland wollen, weil sie ab einem Alter von 25 Jahren zur Armee eingezogen werden können. Aber seien wir ehrlich: Wir sind im vierten Kriegsjahr und alle Eltern, die ihre Kinder außer Landes oder zum Studium ins Ausland bringen wollten, haben dies bereits getan", glaubt Antypowytsch. "Daher wird dies keine kritischen Auswirkungen auf die demografische oder sonstige Lage im Land haben."

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

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Image caption Ein junger Mann geht mit einer ukrainischen Flagge am 24. August 2025, dem Unabhängigkeitstag der Ukraine, am Mainzer Rheinufer entlang
Image source Andreas Arnold/dpa/picture alliance
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Item 9
Id 73793224
Date 2025-08-28
Title Wie demokratisch kann ein Orchester sein?
Short title Wie demokratisch kann ein Orchester sein?
Teaser Der Dokumentarfilm "Die Haydn Expedition" erzählt die Geschichte von künstlerischer Freiheit und demokratischem Handeln. Jetzt wurde der Film der Deutschen Welle bei einem besonderen Event in Hamburg präsentiert.
Short teaser Der Dokumentarfilm "Die Haydn Expedition" erzählt die Geschichte von künstlerischer Freiheit und demokratischem Handeln.
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Ist es Zufall, dass an diesem Abend der zweite Satz aus Joseph Haydns Streichquartett Op. 76, Nr. 3 von Musikern der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen(DKB) vorgetragen wird? Nein - und das mindestens aus zweierlei Gründen. Erstens geht es in dem Dokumentarfilm "Die Haydn Expedition", der in der Halle 424 im Hamburger Hafen gezeigt wird, um dieses Orchester und den großen Komponisten der Wiener Klassik. Und zweitens war die Melodie aus dem Quartett-Satz die musikalische Vorlage für die deutsche Nationalhymne, in der es gleich zu Beginn "Einigkeit und Recht und Freiheit" heißt - allesamt wichtige Merkmale einer Demokratie.

Und genau das ist das Thema der Veranstaltung, zu der die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen eingeladen hat und zu dem es ein hochkarätig besetztes Podiumsgespräch gibt: klassische Musik und demokratisch geführtes Unternehmertum. Die DKB gilt für viele in diesem Bereich als Vorbild, denn sie ist demokratisch organisiert und finanziell unabhängig. Für Albert Schmitt, Managing Director des Orchesters, ist das neben der Virtuosität der 41 Musiker ein Erfolgsrezept des Orchesters: "Die demokratische Vorgehensweise schafft die Grundlage dafür, dass jeder einzelne Musiker sich maximal mit dem Orchester identifiziert. Jeder hat seine Stimme, jeder hat die Möglichkeit, sich einzubringen, und jeder ist dadurch auch permanent motiviert, Höchstleistungen zu vollbringen."

Von der "Müslitruppe" zum Profiorchester

1980 wird das Orchester von Musikstudenten mit dem Anspruch gegründet, alle Entscheidungen basisdemokratisch zu treffen. Welche Stücke spielen wir? Welcher Dirigent arbeitet mit uns? Welche Musiker nehmen wir in unsere Gruppe auf? Alle haben ein Mitspracherecht. "Wir haben die Demokratie mit der Muttermilch aufgesogen, weil wir einen Weg gesucht haben, wie wir ein Orchester so strukturieren können, dass es den Musikern gehört, dass die Musiker die Eigentümer sind und auch bleiben", so Schmitt. Was anfangs als "Müslitruppe" belächelt wird und wie eine Wohngemeinschaft wirkt, professionalisiert sich über die Jahre.

1999 entscheiden sich die Musiker, das Orchester in ein Unternehmen umzuwandeln. Als Gesellschafter der neu gegründeten GmbH sind sie jetzt nicht nur für die künstlerische, sondern auch für die wirtschaftliche Seite verantwortlich. Das bedeutet, dass sich die DKB im Gegensatz zu den 129 öffentlich finanzierten Orchestern in Deutschland fast komplett selbst finanzieren muss. Über den Verkauf von Tickets und Tonträgern sowie Sponsoringerlösen erwirtschaftet sie heute rund 75 Prozent der Einnahmen. Der Rest sind staatliche Subventionen. Die Musiker werden nicht tariflich bezahlt, so wie ihre angestellten Kollegen, sondern leistungsbezogen. Dafür ist das Orchester unabhängig und kann alles demokratisch entscheiden.

Liebe auf den ersten Blick

Doch Demokratie kann auch zäh und anstrengend sein. Bratschistin Friederike Latzko, von Anfang dabei, erinnert die Zusammenarbeit manchmal an den Stress in einer Beziehung: "Natürlich hat jeder bei uns eine eigene Meinung, vor allem, wenn es um künstlerische Entscheidungen geht. Dann wird intensiv diskutiert und man denkt, dass alles viel schneller gehen müsste, aber die schnelleren Prozesse sind nicht immer die besseren. Am wichtigsten ist, dass alle Musiker mitgenommen werden und dass das Ergebnis am Ende stimmt."

Top-Dirigenten werden engagiert, die Programme sind anspruchsvoller, die Auftrittsorte internationaler. 2004 kann die DKB den estnischen Dirigenten Paavo Järvi als künstlerischen Leiter gewinnen. "Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt Paavo Järvi. Der Dirigent schätzt von Anfang an die Arbeitsweise und die Strukturen des Orchesters. So wie ihm gehe es den Musikern auch um Verantwortung: "In einem normalen Orchester haben Musiker Rechte. Aber in der Deutschen Kammerphilharmonie haben sie Rechte UND Verantwortung." Mit Järvi am Pult avanciert die DKB zu einem der besten Orchester der Welt. Heute sind die Musiker und ihr Dirigent berühmt für ihre Präzision, ihre Transparenz und ihr demokratisches Miteinander.

Die Freiheit der Kunst

Das zeigt auch der Film "Die Haydn Expedition" von Regisseur Christian Berger, eine Produktion der Deutschen Welle in Zusammenarbeit mit dem NDR. Berger dokumentierte für die Deutsche Welle bereits drei Großprojekte des Orchesters: "Das Beethoven-Projekt", "Schumann at Pier2" und "Der Brahms Code". Die Musiker und ihr Dirigent hatten sich - natürlich demokratisch - dafür entschieden, die 12 Londoner Symphonien von Joseph Haydn erst bei Konzerten aufzuführen und dann später im Studio aufzunehmen. Sie wollten mit dem Vorurteil aufräumen, dass Joseph Haydns Musik langweilig sei.

Mit dem Komponisten verbindet sie außerdem die Freiheit der Kunst. Bevor Joseph Haydn (1732 - 1809) seine Londoner Symphonien komponierte, war er viele Jahre am Hofe von Fürst Nikolaus von Esterhazy in Wien angestellt. Als sein Arbeitgeber starb, begann für den 58-jährigen Haydn ein neues Leben: Das Hoforchester wurde aufgelöst und er war freischaffender Komponist. Er folgte einer Einladung nach London, wo er gefeiert wurde, große Konzerte gab und Meisterwerke komponierte, darunter die Londoner Symphonien. Und genau diese Freiheit ist es, die die Musiker der DKB auch für sich beanspruchen. Das geht so weit, dass sie während der Aufnahmen der Symphonien in den Abhörsessions mitentscheiden, welche Takes auf die CD kommen und wo noch nachgebessert werden muss.

Demokratie im Kleinen wie im Großen

Damit ist die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen nicht weit weg von Optimierungs-Prozessen in der freien Wirtschaft. Auch dies wurde in der prominent besetzten Podiumsdiskussion in Hamburg deutlich. Prof. Dr. Michael Otto, seit vielen Jahren Unterstützer der DKB, hat die Führungskultur in seinem Unternehmen, der Otto Group mit weltweit 36.300 Mitarbeitenden, komplett umgebaut. Er wollte die Teams stärken, so dass sie mit ihrer Fachkompetenz eigenständig und schnell Entscheidungen treffen können. Beim Podiumsgespräch spricht er sich entschieden gegen das Top-Down-Management aus: "Es ist viel wichtiger heute, dass ein Team sich voll einbringt und dass eine Führungskraft nur die Rahmenbedingungen schafft und nicht autoritär von oben ansagt, was getan werden muss, oder glaubt, er oder sie müsse permanent alles kontrollieren." Wie bei der DKB sei es wichtig, dass es in Unternehmen Freiräume gebe und eine dazugehörige Fehlertoleranz.

Dass Demokratie ein hohes und zugleich gefährdetes Gut ist, weiß auch Peter Limbourg, Intendant der Deutschen Welle, der auf dem Podium mitdiskutiert: "Die Demokratie ist weltweit unter Druck, aber sie ist nach wie vor auch das Beste, was wir haben. Sie sorgt für Checks and Balances und dafür, dass es nicht dazu kommt, dass wenige, die Macht und das Geld haben, allein bestimmen, wo es lang geht." Auch ihn beindruckt der Ansatz der DKB: "Das Orchester trägt die Werte der Demokratie, der Transparenz und des Miteinanders in die Welt."

Am Ende der Veranstaltung steht wieder Livemusik: Ein Ensemble aus acht Musikern spielt ein von Oboist Ulrich König unkonventionell arrangiertes Potpourri aus Werken, die in den vergangenen Jahren für Großprojekte und Symphonie-Zyklen eingespielt wurden. Hier zeigt sich, dass die Musiker der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen nicht nur virtuos und kreativ sind, sondern auch viel Humor haben.

Item URL https://www.dw.com/de/wie-demokratisch-kann-ein-orchester-sein/a-73793224?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (460 x 259) https://static.dw.com/image/73795861_302.jpg
Image caption Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit ihrem Künstlerischen Leiter Paavo Järvi
Image source Julia Baier
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Item 10
Id 73729417
Date 2025-08-28
Title Nord-Stream-Ermittlungen werfen heikle Fragen auf
Short title Nord-Stream-Ermittlungen werfen heikle Fragen auf
Teaser Nach einem Medienbericht erhärtet sich der Verdacht, dass eine Gruppe Ukrainer die Gasleitung gesprengt hat. Besonders brisant: Es gibt Hinweise auf Hilfe durch ukrainische Behörden.
Short teaser Die Spuren nach der Sprengung der Gasleitung führen nach einem Medienbericht immer eindeutiger in die Ukraine.
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Drei Jahre nach der Sprengung der Nord-Stream-Gaspipeline in der Ostsee haben deutsche Ermittler nach einem Medienbericht alle Mitglieder einer Gruppe identifiziert, die für die Tat verantwortlich sein soll. Alle sollen Ukrainer sein. Außerdem wurde am 21. August ein erster Tatverdächtiger in Italien gefasst. Die deutsche Bundesanwaltschaft ließ an der Adria den mutmaßlichen Koordinator der Operation per europäischen Haftbefehl festnehmen.

Gemeinsame Recherchen der Wochenzeitung "Die Zeit", der "Süddeutschen Zeitung" und der ARD berufen sich auf Erkenntnisse der Bundesanwaltschaft. Demnach bestand das Sabotagekommando aus einem Skipper, dem jetzt festgenommenen Koordinator Serhii K., einem Sprengstoffexperten und vier Tauchern. Politisch pikant: Ein Mitglied der Gruppe, der inzwischen getötete ukrainische Soldat Wsewolod K., erhielt demnach im vergangenen Jahr bei der Bundeswehr eine militärische Ausbildung.

Medienbericht spricht von Hilfe von ukrainischen Behörden

Die Bundesanwaltschaft hat sich bislang nicht zu dem Medienbericht geäußert. Tatsächlich enthält er politischen Sprengstoff. Denn der Verdacht, dass die Gruppe Hilfe von ukrainischen staatlichen Stellen erhielt, erhärtet sich demnach.

So seien die Verdächtigen mit ukrainischen Originalpässen mit falschen Namen durch Polen nach Deutschland gereist. Einer der Verdächtigen sei außerdem im Sommer 2024 in einem Auto des ukrainischen Militärattachés aus Polen in die Ukraine gebracht worden, um einer Festnahme zu entgehen.

Sollten Verbindungen zur ukrainischen Staatsführung bei einem massiven Sabotageakt gegen deutsche Infrastruktur nachgewiesen werden, würde das die ukrainisch-deutschen Beziehungen schwer belasten - und womöglich die weitere deutsche Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland infrage stellen.

Die Politikerin Sahra Wagenknecht hatte bereits nach der Festnahme von Serhii K. der Nachrichtenagentur Reuters gesagt, es sei "komplett abwegig", dass die Gruppe "ohne Rückendeckung der ukrainischen Führung und der damaligen Biden-Administration in den USA handelten". Und weiter: "Es ist völlig absurd, dass Deutschland viele Milliarden für Ukraine-Hilfen ausgibt, aber niemals Aufklärung von (Präsident Wolodymyr) Selenskyj einforderte. Auch mögliche Entschädigungsfragen sollten sich stellen", sagte die Chefin des Bündnisses Sahra Wagenknecht, die wiederholt Sanktionen gegen Russland abgelehnt hat.

Nord Stream ist ein russisch-deutsches Megaprojekt, das von Anfang an viele Gegner hatte, unter anderem Polen, die USA, die baltischen Staaten und vor allem seit Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 die Ukraine. Daher war die Frage bei den Ermittlungen immer: Wem nützt die Sprengung?

Die Chronologie:

2005: Die deutsche Regierung unter dem damaligen SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder unterzeichnet zusammen mit der russischen Regierung unter Präsident Wladimir Putin eine Absichtserklärung zum Bau der Pipeline Nord Stream 1. Sie soll russisches Gas unter Umgehung von Transitländern durch die Ostsee nach Deutschland bringen. Erste Vorschläge der Idee wurden bereits in den 1990er Jahren gemacht.

2006: Gründung der Gesellschaft Nord Stream AG zur Planung und Umsetzung des Projekts. Beteiligt sind die russische Gazprom und mehrere europäische Energieversorger, denn an der Gasversorgung sind nicht nur die Deutschen, sondern auch andere Europäer interessiert.

2010: Baubeginn von Nord Stream 1. Die doppelröhrige Pipeline mit einer Länge von je 1224 Kilometern verbindet Wyborg in Russland mit dem deutschen Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern.

2011/2012: Inbetriebnahme der beiden Röhren. Sie sollten dem Betreiber zufolge mindestens 50 Jahre lang Europa mit Gas versorgen. Baukosten nach Angaben der Nord Stream AG: 7,4 Milliarden Euro.

Russlands Krim-Annexion spielt keine Rolle

2013: Beginn der Planungen von Nord Stream 2, zwei weiteren 1250 km langen Strängen, die im wesentlichen parallel zu den bestehenden Röhren von Russland nach Deutschland verlaufen sollen.

2015: Erste Verträge von Nord Stream 2 werden unterzeichnet. Beteiligt sind erneut der russische Staatskonzern Gazprom und mehrere europäische Energieversorger. Nur ein Jahr zuvor hatte Russland die ukrainische Halbinsel Krim annektiert. Für die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist das kein Grund, das Projekt zu stoppen.

Der Widerstand nimmt zu

2016: Von Anfang an haben vor allem die Ukraine, Polen und die baltischen Staaten Bedenken gegen Nord Stream wegen ihrer Sicherheitsinteressen und äußern ihre Sorge immer vehementer. Auch die EU warnt. Nach der ersten Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten nimmt der Widerstand auch der USA gegen Nord Stream zu. Trump warnt vor einer zu starken Abhängigkeit Deutschlands von russischen Energielieferungen. Die Bundesregierung ignoriert sämtliche Bedenken und stellt Nord Stream nicht nur als Antwort auf Europas Energieversorgungssicherheit, sondern auch als Instrument der Friedenssicherung durch Handel dar.

2018: Baubeginn von Nord Stream 2. Bundeskanzlerin Angela Merkel räumt erstmals ein, dass Nord Stream kein bloß privatwirtschaftliches Projekt sei, sondern "natürlich auch politische Faktoren zu berücksichtigen sind". Ein Stopp kommt für sie aber nicht infrage.

2019: Der Ton der USA wird schärfer. Richard Grenell, US-Botschafter in Berlin, schreibt Drohbriefe an deutsche Unternehmen, die an Nord Stream beteiligt sind.

2021: Nord Stream 2 wird fertig gestellt. SPD-Bundeskanzler Olaf Scholz spricht sich kurz nach der Amtsübernahme im Dezember dagegen aus, das Projekt aus politischen Gründen zu stoppen. Er bezeichnet die Pipeline als "privatwirtschaftliches Vorhaben", das unabhängig von den Beziehungen zu Russland zu bewerten sei, die währenddessen immer schwieriger werden.

Der Krieg verändert alles

22. Februar 2022: Vor dem Hintergrund russischer Aggression gegenüber der Ukraine setzt Bundeskanzler Scholz die Zertifizierung von Nord Stream 2 und damit das Genehmigungsverfahren aus.

24. Februar 2022: Russland greift die Ukraine an. Die Nord-Stream-Kritiker fühlen sich bestätigt. Die Gaslieferungen über Nord Stream 1 gehen zunächst weiter. Aufgrund der EU-Sanktionen gegen Russland verringert sich aber die Menge, die die Staaten der EU von Russland beziehen.

Juli/August 2022: Angeblich aufgrund von Wartungsarbeiten wird Nord Stream 1 von Russland stillgelegt. Gazprom macht eine defekte Turbine für weitere Verzögerungen verantwortlich. Die Gasversorgung wird später begrenzt wiederaufgenommen, schließlich bis Ende August erneut eingestellt. Sie soll laut Kreml-Sprecher Dmitri Peskow erst bei einem Ende der Russland-Sanktionen wiederaufgenommen werden.

Wer steckt hinter der Sprengung?

26. September 2022: Beide Pipeline-Stränge von Nord Stream 1 und einer der beiden Stränge von Nord Stream 2 in der Nähe der dänischen Insel Bornholm werden gesprengt. Deutschland, Dänemark und Schweden nehmen Ermittlungen auf.

2023: Im Laufe der Zeit werden verschiedene Theorien geäußert, wer hinter den Anschlägen stecken könnten. Der US-Investigativjournalist Seymour Hersh behauptet, die USA und Norwegen hätten die Gasleitungen gesprengt. Beweise kann er allerdings nicht vorlegen.

August 2024: Die polnische Staatsanwaltschaft hat nach eigenen Angaben von der deutschen Bundesanwaltschaft einen Europäischen Haftbefehl zur Festnahme eines Verdächtigen erhalten, der an den Anschlägen beteiligt gewesen sein soll. Laut der "Tagesschau" war dies bereits im Juni. Der verdächtige Ukrainer Wolodymyr Z., der sich nach polnischen Angaben zuletzt in Polen aufhielt, soll sich bereits Anfang Juli in die Ukraine abgesetzt haben. Nach Medienberichten war er Tauchlehrer. Die Frage, warum die polnischen Behörden nicht früher handelten, begründet die polnische Staatsanwaltschaft mit einem Formfehler: Von deutscher Seite habe es keinen Eintrag in das Schengen-Register gegeben, in dem die mit Europäischem Haftbefehl Gesuchten geführt werden. Daher habe der polnische Grenzschutz Wolodymyr Z. nicht verhaften können.

21. August 2025: Italienische Carabinieri nehmen den von der deutschen Bundesanwaltschaft gesuchten Ukrainer Serhii K. an der Adria fest.

Wie könnte es weitergehen? Nord Stream ist offenbar nicht komplett abgeschrieben und könnte Gegenstand einer amerikanisch-russischen Vereinbarung zur Beilegung des Ukraine-Kriegs werden. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte bereits im März im staatlichen Fernsehen gesagt: "Über Nord Stream wird gesprochen."

Dieser Artikel erschien erstmals am 22.08.2025 und wurde am 28.08. nach dem Medienbericht von "Die Zeit", "Süddeutscher Zeitung" und ARD aktualisiert.

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Image caption Seit dem Anschlag auf die Gaspipeline im September 2022 gehen deutsche Ermittler der Frage nach, wer dahintersteckt
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Item 11
Id 73780219
Date 2025-08-28
Title Neuer Kampfjet: Merz und Macron sollen schlichten
Short title Neuer Kampfjet: Merz und Macron sollen schlichten
Teaser Bei einem Treffen in Toulon sollen Frankreichs Präsident Macron und der deutsche Kanzler Merz dem Eurofighter-Nachfolger neuen Schwung verleihen. Berlin wirft der französischen Rüstungsindustrie Blockade vor.
Short teaser In Toulon sollen Frankreichs Präsident und der Kanzler dem Eurofighter-Nachfolger neuen Schwung verleihen.
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Es ist mit mindestens 100 Milliarden Euro das teuerste einzelne Rüstungsprojekt Europas: Das "Future Combat Air System" (FCAS) soll einen neuen europäischen Kampfjet ab dem Jahr 2040 mit Drohnenflotten vereinen, gesteuert aus einer europäischen Verteidigungs-Cloud.

"Es ist eher ein fliegendes Kampfsystem", sagt der deutsche Sicherheitsexperte Christian Mölling im DW-Interview. Das Ziel: Mehr Unabhängigkeit von den USA und dem dort produzierten Kampfjet F-35 mit Tarnkappen-Technologie.

Doch vor allem um das eigentliche Flugzeug gibt es Streit zwischen den beteiligten Firmen Dassault in Frankreich sowie Airbus in Deutschland und Spanien.

Druck vom französischen Rüstungskonzern Dassault

Der ist jetzt so stark eskaliert, dass nun die Chefs ranmüssen: Überraschend kommen der französische Präsident Emmanuel Macron und der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz zum Treffen des deutsch-französischen Sicherheits- und Verteidigungsrates ins südfranzösische Toulon. Das Gremium tagt zwei Mal im Jahr, meistens unbeachtet von der großen Öffentlichkeit.

Doch vor allem der Vorstandsvorsitzende des französischen Kampfjetbauers Dassault hat in den vergangenen Monaten großen Druck aufgebaut. Die Firma baut entscheidende Komponenten für die atomare Abschreckung Frankreichs, die Grundlage für die militärische Unabhängigkeit des Landes.

Im April spielte Dassault-Chef Éric Trappier vor dem Verteidigungsausschuss im französischen Parlament die nationale Karte: Manche sagten, "eine Schwächung dieser Unabhängigkeit" wie durch das FCAS-Projekt "sei nicht so schädlich", weil sie durch die gegenseitige Abhängigkeit der europäischen Partner ausgeglichen würde. Doch er glaube, so Trappier, "wenn man diesen Schritt einmal getan hat, gibt es kein Zurück mehr."

Airbus Deutschland pocht auf Produktionsanteile

Daher müsse sorgfältig abgewogen werden, "was wir unseren Verbündeten überlassen". Das ist starker Tobak für die Verfechter einer gesamteuropäischen Rüstungsindustrie. Die Politik müsse entscheiden mit wem Frankreich den Kampfjet der nächsten Generation baue.

Der europäische Luftfahrtkonzern Airbus hingegen pocht genauso auf Mitsprache. Airbus baut in Deutschland den bisherigen Kampfjet der deutschen Luftwaffe, den Eurofighter, und will sich aus dem Geschäft nicht verdrängen lassen.

"Das ist etwas, das Deutschland sehr gut macht und Deutschland möchte das behalten", sagt der Rüstungsexperte Emil Archambault vom Think Tank DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik) in Berlin im DW-Interview.

Vertragsverhandlungen für zweite Projektphase: Prototyp des Kampfjets

Grund für die Eskalation des deutsch-französischen Streits im Moment ist, dass im Hintergrund Verträge für die nächste, die zweite Projektphase verhandelt werden: Es geht um den Bau des ersten Prototyps des Flugzeuges als Herz des neuen Systems. Hier will die Firma Dassault noch mehr Entscheidungsmacht als ohnehin schon.

Man könne die genaue Aufteilung ändern, so DGAP-Forscher Archambault. "So, dass Frankreich einen größeren Anteil des Flugzeugs baut" und andere Bereiche in Deutschland und Spanien dagegen stärke. "Doch das kann auch sehr kompliziert sein. Denn es geht ja nicht nur um die Hauptfirmen, sondern auch die mittelständischen Zulieferer. Da geht es um die Frage: wer macht genau was, und wer koordiniert das", sagt Archambault. In einem Werbevideo im Internet versucht zumindest Airbus den Eindruck der Technologie-Führerschaft zu vermitteln.

Politisches Signal in Toulon erwartet

Bei dem Treffen von Präsident und Kanzler in Südfrankreich erwartet Archambault aber kaum mehr als ein "politisches Signal", dass Frankreich und Deutschland das Projekt weiterbetreiben. Gespräche über Vertragsdetails könne es kaum geben, solange der dritte Partner - Spanien - nicht mit am Tisch sitze.

Doch die Zeit drängt: Bei seinem Besuch in Berlin im Juli vereinbarte der französische Präsident Macron mit Kanzler Friedrich Merz, dass ihre Verteidigungsminister schon im Herbst eine endgültige Lösung vorlegen sollen. Andernfalls ist der Beginn von Projektphase zwei im kommenden Jahr unrealistisch.

Allerdings hat der deutsche Kanzler im Moment womöglich die besseren Argumente: vor allem mehr Geld. Frankreich ist hoch verschuldet und die Regierung steht womöglich vor dem Aus, weil sie keine Mehrheit für den Haushalt bekommt.

"Das Besondere ist, dass Deutschland in der besonderen einmaligen Situation ist, eine Priorisierung zwischen kurzfristigen und langfristigen Rüstungsprojekten derzeit nicht machen zu müssen, weil wir die Ausnahme der Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse haben", sagt Sicherheitsexperte Christian Mölling im DW-Interview.

Deutschlands schnelle Wiederaufrüstung wichtiger als Zukunftsprojekte wie FCAS?

Vor dem Hintergrund der Bedrohung durch Russland und Moskaus Angriffskrieg in der Ukraine gebe es in Deutschland "eine sehr kurzfristige Rüstungsagenda, die heißt wir kaufen mehr von dem was wir schon haben und was funktioniert. Und dann sind da Zukunftsprojekte wie FCAS, die sind jetzt gerade nicht so wichtig", so Mölling. Er könne sich vorstellen, dass das Projekt FCAS verschlankt oder auch zeitlich gestreckt werde.

Möglicherweise könnte aber auch ein Perspektivwechsel helfen beim hochgekochten Streit mit dem französischen Kampfjet-Bauer Dassault.

"Auch, wenn es einige Leute nicht gerne hören", so Mölling mit Blick auf Frankreichs Stolz in der eigenen Kampfjet-Produktion: "Der Jet, also die Zelle, ist gar nicht die wichtigste Technologie" bei FCAS. Viel wichtiger seien die Drohnen, die "sogenannten Carrier" und vielleicht noch wichtiger die "Combat Cloud", also die Software, die alle Kampfsysteme miteinander verbinde.

Wichtiger als der Kampfjet: Digitale Vernetzung

Genau das zeige sich gerade bei der Verteidigung der Ukraine, wo Drohnen eine zentrale Rolle spielten, so Mölling. Denn: es seien gar nicht die Drohnen selbst, die der Ukraine bei ihrem Abwehrkampf helfen, sondern die Vernetzung aller Informationen: Bilder von Drohnen, Satelliten, Aufklärung.

"Das ist im Grunde genommen der Schlüssel, den man beherrschen muss auch und vor allem, wenn man von den Amerikanern unabhängig werden will." Und das wollen alle Beteiligten.

Er glaube deshalb, so Mölling, dass FCAS nicht vor dem Aus stehe. Präsident und Kanzler würden klar machen: "Das kann nicht sterben, also wenn die beiden da hinkommen, dann ist das erstmal auch ein Energiepush, ein klares politisches Zeichen" – für eine Zukunft von FCAS. Irgendwann.

Item URL https://www.dw.com/de/neuer-kampfjet-merz-und-macron-sollen-schlichten/a-73780219?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Bislang nur Attrappe: Der Kampfjet neuer Generation soll das Herzstück des Kampfsystems FCAS werden
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Item 12
Id 73791695
Date 2025-08-28
Title Beethovenfest 2025: Die Grenzen der Klassik sprengen
Short title Beethovenfest 2025: Die Grenzen der Klassik sprengen
Teaser Hip Hop mit Barockinstrumenten, ein Orchester, das Sinfonien auswendig spielt, oder junge nigerianische Musizierende mit Afrobeats? Das Bonner Beethovenfest setzt unter dem Motto "Alles ultra" neue Akzente.
Short teaser Ein Orchester, das Sinfonien auswendig spielt, Hip Hop mit Barockinstrumenten? Das Beethovenfest zeigt, was geht.
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Beim Aurora Orchestra sorgt allein die Bühnenpräsenz für Erstaunen. Das Orchester spielt nicht nur im Stehen, sondern sämtliche Werke auswendig. Für das Eröffnungskonzert beim Bonner Beethovenfest am 29. August hat sich das Londoner Ensemble von Gründer und Dirigent Nicholas Collon an Schostakowitschs 5. Sinfonie gewagt, sowie an Beethovens Violinkonzert, mit der gebürtigen Kirgisin Alena Baeva als Solistin.

"Ich freue mich, dass die großartige Alena Baeva mit dem Aurora Orchestra das diesjährige Beethovenfest eröffnet", sagt Steven Walter, Intendant des Beethovenfestes, der DW. "Das Programm und die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler entstehen rein nach künstlerischen Kriterien, wobei verschiedenste internationale Perspektiven und Persönlichkeiten zur Geltung kommen."

Junge Talente fördern

Stars wie der Dirigent Iván Fischer mit dem Budapester Festival Orchester oder zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker treten beim Beethovenfest genauso auf wie junge aufstrebende Talente. Einige stammen aus Russland und leben im Westen. Dazu gehört der junge Dirigent Maxim Emelyanychev, der gleich mit zwei kammermusikalischen Formationen (dem Scottish- und dem Mahler Chamber Orchestra) nach Bonn kommt.

Ebenso die Cellistin Anastasia Kobekina, die als Residenzkünstlerin des Festivals solo und mit unterschiedlichen Begleitungen auftritt. "Und das in einer Phase, in der sie aktuell zum Klassik-Superstar reift und Konzerte auf der ganzen Welt gibt", betont Walter. "Ich freue mich, dass sie ein neues Klaviertrio des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov zur Aufführung bringen wird."

"Alles ultra", aber wie?

Intendant Steven Walter will beim Bonner Beethovenfest Erlebnisse schaffen, die im Gedächtnis bleiben. Seine Erfahrung: "Alles, was eine Einzigartigkeit ausstrahlt, funktioniert beim Publikum sehr gut." Der Auftritt des Aurora Orchestra ist einer von vielen einzigartigen Momenten, die in den kommenden vier Wochen das Beethovenfest unter dem Motto "Alles ultra" prägen.

Der Ausdruck "ultra" geht auf den Dichter Johann Wolfgang von Goethe zurück, der sich vor 200 Jahren bei seinem Freund, dem Musiker Carl Friedrich Zelter, beklagte, dass alles "ultra" sei, dass die Welt immer schnelllebiger werde. Es beunruhigte ihn, dass die Menschen, getrieben vom technischen Fortschritt, danach strebten "schneller, weiter und höher" zu kommen. Ähnliche Befürchtungen, wie sie heute im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz bestehen.

Mit Beethoven den klassischen Rahmen sprengen

Doch "ultra" bedeutet auch, den klassischen Rahmen zu sprengen, etwas außerhalb der üblichen Gewohnheiten und Regularien zu tun. So, wie Ludwig van Beethoven mit seiner Musik, seinen Sinfonien und besonders mit den späten Klaviersonaten und Streichquartetten den bis dahin gekannten klassischen Rahmen sprengte. Gerade seine späten Werke fanden Kritiker befremdend.

Beim Beethovenfest finden genau diese Stücke ihren Platz. Der deutsche Pianist Fabian Müller ist in vier Konzerten mit Beethovens Klaviersonaten unterwegs. Das Javus Quartett widmet sich Beethovens spätem Streichquartett Opus 132 mit Dissonanzen, Klangfarben und Stimmungswechseln, die kaum spielbar sind und schon weit in die Zukunft weisen. Das Budapest Festival Orchester unter Iván Fischer wird zum Abschluss des Festivals Beethovens 7. Sinfonie spielen.

Beethoven-Fusionen mit Weltmusik und Afrobeats

Steven Walter selbst sprengt den klassischen Rahmen, indem er Konzerte anbietet, bei denen nicht nur Klassische Musik das Programm dominiert, sondern auch Jazz, Rap und Weltmusik. Genau dafür steht das traditionelle Campus-Projekt, das Jugend-Begegnungsprojekt der DW und des Beethovenfestes. Es präsentiert in seiner 23. Ausgabe Nigeria als Gastland.

Junge Musikerinnen und Musiker aus unterschiedlichen Jugendformationen Nigerias sowie vom deutschen Bundesjugendorchester treten am 11. September ihm Rahmen des Camus-Konzerts auf. Sie bringen unter anderem Meisterwerke nigerianischer Klassik, aber auch Neubearbeitungen deutscher und nigerianischer traditioneller Lieder zur Aufführung.

Mit odò (Fluss) liefert die nigerianisch-britische Komponistin Cassie Kinoshi eine Hommage an die Yorùbá-Kultur Nigerias, das Werk entstand im Auftrag der Deutschen Welle. Und zwischendrin blitzt die Egmont-Ouvertüre auf - Beethovens universelle Botschaft für Freiheit und den Widerstand gegen Tyrannei. Unter dem Motto "Afropop meets Beethoven" sind auch Mitlieder der Band BANTU (Brotherhood Alliance Navigating Towards Unity) dabei. Gründer der Band ist der nigerianisch-deutsche Musiker, Kurator und Filmproduzent Adé Bantu, der auch am Konzept mitgewirkt hat.

Höher singen, schneller spielen, weiter denken

Andere Formationen mischen Jazz, Techno oder Latino-Rhythmen mit klassischer Musik. Das Streichquartett Brooklyn Rider wird Beethovens Streichquartette mit aktuellen Stücken der Jazzmusikerin Matana Roberts spielen. Marialy Pacheco und Francesco Tristano treten an zwei Klavieren mit Latino-Rhythmen, Musik von Johann Sebastian Bach und Techno in einen Dialog ohne ein festes Programm.

Für Steven Walter, so sagt er es, ist jeder Mensch irgendwie "ultra". Zum Beethovenfest hat er viele junge Interpretinnen und Interpreten mit besonderen Fähigkeiten oder Herangehensweisen eingeladen. So etwa die Sängerin Golda Schultz, die in höchsten Stimmlagen singt, oder den Schlagzeuger Bernhard Schimpelsberger, der rasend schnell indische Tablas spielt, aber ebenso Werke von Maurice Ravel oder Béla Bartók begleitet.

Ein Festival für das Gemeinschaftsgefühl

Juri De Marco vom Stegreif Orchester hat mit seiner kleinen Trompete die Welt bereist. Mit seinem Instrument improvisiert er Mitsingkonzerte ohne Noten und Texte. De Marco möchte einer Welt, "in der oft alles extrem, laut und übersteigert erscheint", entgegenwirken und so gar nicht "ultra" sein.

Weil Steven Walter die Teilhabe aller Menschen am Beethovenfest wichtig ist, gibt es mehrere Veranstaltungen, die zum Mitmachen einladen. Beim einem Eröffnungs-Open-Air für alle machen Samy Deluxe und Mikis Takeover! Ensemble Rap mit Barockinstrumenten. Außerdem lädt das Deutsche Sinfonieorchester ein zum "Symphonic Mob" in der Bonner Innenstadt. Wer will, kann sein Instrument mitbringen und einfach mitspielen oder -singen.

Livestream Eröffnungskonzert auf YouTube DW Classical Music mit dem Aurora Orchestra am 29. August um 19 Uhr 30 MEZ

Livestream Campus Konzert “Beethoven meets Afrobeat” auf YouTube DW Classical Music mit jungen Musizierenden aus Nigeria und Deutschland am 11.September um 19 Uhr 30 MEZ

Item URL https://www.dw.com/de/beethovenfest-2025-die-grenzen-der-klassik-sprengen/a-73791695?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Das Aurora Orchestra wird das Beethovenfest 2025 eröffnen
Image source Mark Allan
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Item 13
Id 73791212
Date 2025-08-28
Title Ukraine: Lässt Orban die ungarische Minderheit im Stich?
Short title Ukraine: Lässt Orban die ungarische Minderheit im Stich?
Teaser Viktor Orban tritt als Schutzpatron der Auslandsungarn auf. Doch einen russischen Luftangriff auf eine westukrainische Stadt, in der auch viele Ungarn leben, verurteilt er nicht. Steckt dahinter ein strategisches Kalkül?
Short teaser Orban verurteilt einen russischen Luftangriff auf eine westukrainische Stadt, in der viele Ungarn leben, nicht. Warum?
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Vor wenigen Wochen stilisierte Viktor Orban einen Todesfall in der Ukraine zu einem Angriff auf die gesamte ungarische Nation. Es ging um einen ungarischstämmigen Rekruten in der westukrainischen Region Transkarpatien, in der auch eine ungarische Minderheit lebt. Der Mann war unter bis heute nicht geklärten Umständen in einem Krankenhaus verstorben, nachdem er zuvor aus einem militärischen Ausbildungslager desertiert war. Orban, seine Regierung und seine Partei Fidesz suggerierten einen staatlich sanktionierten Mord.

Nun ist in Transkarpatien etwas geschehen, das deutlich mehr in die Kategorie eines Angriffs auf die ungarische Nation passt. Doch Ungarns Staatsführung reagiert diesmal zurückhaltend. Es geht um einen großen russischen Luftangriff auf die Ukraine am vergangenen Donnerstag (21.08.2025). Dabei trafen zwei russische Raketen auch die westukrainische Stadt Mukatschewo (Munkacs). Dort leben viele ethnische Ungarn. Zudem spielt die Stadt im nationalen Bewusstsein Ungarns eine herausragende Rolle: Transkarpatien gehörte bis 1918 zum ungarischen Teil der Habsburger Monarchie. Doch Ungarns Staatsführung verurteilte den Angriff mit keinem Wort.

Die Raketen trafen ein Werk der US-amerikanischen Firma Flex, in dem Haushaltsgeräte montiert werden und zerstörten es teilweise. Das Werk produziert nach eigenen und offiziellen ukrainischen Angaben nur für den zivilen Bereich und hat rund 2800 Beschäftigte. Bei dem nächtlichen Angriff wurden mehr als 20 Menschen schwer verletzt. Mukatschewo hat etwa 85.000 Einwohner, rund neun Prozent davon sind Ungarn.

Das Adjektiv "russisch" verschwindet

Ungarns Staatspräsident Tamas Sulyok drückte in einem Facebook-Post am Morgen des 21. August sein "tiefes Mitgefühl mit den Verletzten des russischen Raketenangriffs" aus. Kurz darauf war das Adjektiv "russisch" jedoch aus dem Post verschwunden. Erst Stunden später meldete sich auch Viktor Orban selbst zu Wort. Er schrieb auf Facebook, dass man während einer Regierungssitzung "die Folgen des russischen Raketenangriffs auf Munkacs durchgesprochen" habe. Man müsse weiterhin Friedensanstrengungen unternehmen, so Orban.

Dass Ungarns Premier und sein Apparat der Ukraine seit Jahren tatsachenwidrig vorwerfen, die ungarische Minderheit identitär und kulturell vernichten zu wollen, aber den russischen Angriff auf Mukatschewo mit keinem einzigen Wort verurteilten, empörte Ungarns regierungskritische Öffentlichkeit zutiefst. In sozialen Medien brachen Shitstorms gegen den "feigen Präsidenten" und gegen die "Doppelmoral der kremlhörigen Regierung" los.

Ungarns Oppositionsführer Peter Magyar bezeichnete den Staatspräsidenten als "Marionette". Der Politologe Zoltan Lakner schrieb auf Facebook, die Reaktionen der ungarischen Regierung zeigten, "wie weit es mit der Souveränität gegenüber Putin noch her sei: gar nicht mehr".

Reaktion "nicht überraschend"

Der ukrainische Politologe, Faschismusforscher und Experte für europäischen Rechtsextremismus Anton Shekhovtsov sagt der DW, dass die Art, wie die ungarische Staatsführung auf den Angriff in Mukatschewo reagiert, nicht überraschend sei. "Obwohl EU-Mitglied, ist Ungarn unter Orban ein prorussisches Regime und betreibt seit langem antiukrainische Kampagnen", so Shekhovtsov.

Die neueste prorussisch-antiukrainische Episode in Orbans Ungarn ist dabei ein weiterer Meilenstein. In den vergangenen Monaten hatte Orban in Ungarn eine extrem zugespitzte öffentliche Kampagne gegen die Ukraine und ihre EU-Mitgliedschaft geführt. Darin wurden das Nachbarland und seine Menschen pauschal als Mafia-Staat und als brutale Kriminelle abgestempelt.

Derzeit haben die Beziehungen zwischen Ungarn und der Ukraine wegen Angriffen der ukrainischen Armee auf die russische Druschba-Erdöl-Pipeline einen neuen Tiefpunkt erreicht. Ungarn bezeichnet die Angriffe als Kriegserklärung auf sich selbst und auf die Europäische Union (EU), weil mit einer Zerstörung der Pipeline angeblich die europäische Energiesicherheit gefährdet werde.

Schutzmacht für Minderheit

Die Ursprünge von Orbans prorussischer Orientierung reichen lange zurück. Aktuell geht es vor allem um die innenpolitische Situation in Ungarn. Dem Premier drohen bei der Wahl im Frühjahr 2026 Abwahl und Machtverlust. Ein Wahlkampfthema ist für ihn, sich als Anti-Kriegs-Politiker zu inszenieren, die EU als "Kriegstreiber" zu verteufeln und Ressentiments gegen die Ukraine und die Ukrainerinnen und Ukrainer zu schüren.

Das Schweigen zu russischen Angriffen auf zivile Einrichtungen und Betriebe in Transkarpatien könnte sich innenpolitisch jedoch als Fehler erweisen. Orban hat sich und seine Regierung zur obersten Schutzmacht für die in den Nachbarländern lebenden ungarischen Minderheiten erklärt. In einem Fall wie dem Angriff auf Mukatschewo kollidiert jedoch die prorussische Orientierung Orbans mit dem Schutzmachtanspruch für ungarische Minderheiten.

In Transkarpatien herrschte bisher unter nicht wenigen ethnischen Ungarn die Ansicht, dass die Region vor russischen Angriffen sicher sei, da Orban sich dafür bei dem russischen Staatschef Wladimir Putin eingesetzt habe. Dieses Narrativ ist nun zusammengebrochen. Zwar hatte es 2023 und 2024 bereits zwei Drohnenangriffe in der Region gegeben, die allerdings bei Weitem nicht so schwer waren wie der jetzige.

Loyalität gegenüber Putin

Dass Orban keine klaren Worte der Verurteilung des russischen Angriffs ausspricht, könnte zu einem Gefühl der Entfremdung bei den ukrainischen Ungarn, aber auch bei denen in der Slowakei und in Rumänien führen. Letztere hatte Orban bereits vor den Kopf gestoßen, als er in der rumänischen Präsidentschaftswahl im Mai 2025 zur Wahl des rechtsextremen und antiungarisch eingestellten Kandidaten George Simion aufrief - aus dem Kalkül heraus, dass ein Präsident Simion in der EU sein Verbündeter sein könnte.

Dass Orban nun die Interessen der ungarischen Minderheit in der Ukraine opfert, um dem russischen Despoten Putin seine Loyalität zu zeigen, könnte ebenso ein langfristiges strategisches Kalkül sein - um irgendwann das Gebiet Transkarpatien zurück unter ungarische Herrschaft zu bringen. Der Politologe Shekhovtsov glaubt zwar nicht, dass Ungarn von sich aus militärische Gewalt einsetzen würde, weil es dafür nicht stark genug sei. "Aber Orban hofft, dass die Ukraine als Staat zusammenbricht", sagt Shekhovtsov. "Dann könnten sie das Gebiet kampflos besetzen, ähnlich wie beim von Hitler verursachten Zusammenbruch der Tschechoslowakei 1938/39."

Item URL https://www.dw.com/de/ukraine-lässt-orban-die-ungarische-minderheit-im-stich/a-73791212?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (460 x 259) https://static.dw.com/image/73713456_302.jpg
Image caption Russischer Angriff auf eine Fabrik in Mukatschewo in Transkarpatien, Ukraine
Image source Zakarpattia Regional Prosecutor's Office/REUTERS
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Item 14
Id 73784178
Date 2025-08-28
Title Zurück zur Pflicht – wie Europas Armeen junge Menschen rekrutieren
Short title Wie Europas Armeen junge Menschen rekrutieren
Teaser Deutschland holt die Wehrpflicht in abgespeckter Form zurück. Andere NATO-Staaten haben nie aufgehört, junge Männer und Frauen an die Waffe zu rufen. Ein Überblick, wie die Streitkräfte ihre Nachwuchsprobleme angehen.
Short teaser Deutschland holt die Wehrpflicht in abgespeckter Form zurück. Andere EU-Staaten haben den Zwangsdienst nie abgeschafft.
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2011 setzte Deutschland die Wehrpflicht aus. Nun führt die Bundesregierung einen "Neuen Wehrdienst" ein, der sich mit dem Fragebogenmodell an Schweden orientiert und zunächst auf Freiwilligkeit setzt. Ab dem 1. Juli 2027 werden jedoch alle Männer eines Jahrgangs zur verpflichtenden Musterung herangezogen - Frauen können freiwillig teilnehmen. Wer sich zum Wehrdienst bei der Bundeswehr meldet, muss ein Bewerbungsverfahren durchlaufen und erhält den Status "Soldat auf Zeit" (SaZ). Damit sind die Rekruten finanziell bessergestellt als im bisherigen Freiwilligen Wehrdienst, Prämien sollen zudem längere Verpflichtungen attraktiv machen.

Das Modell enthält eine eingebaute Pflicht-Option: Sollte sich die Sicherheitslage zuspitzen oder zu wenige Freiwillige gefunden werden, kann die Bundesregierung per Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundestags eine verpflichtende Einberufung beschließen. Die Wehrerfassung wird deshalb reaktiviert, digitalisiert und modernisiert.

Nach ihrer Dienstzeit bleiben die jungen Männer (und Frauen) durch regelmäßige Reservedienste an die Armee gebunden. Für die NATO-Ziele ist dieser Reserve-Aufwuchs zentral. Die Bundeswehr will auf diese Weise ihre personellen Lücken schließen.

Frankreich - Nationaldienst light, starke Reserve

Frankreich hat die klassische Wehrpflicht bereits 1996 unter Staatspräsident Jacques Chirac abgeschafft. Präsident Emmanuel Macron führte 2019 den "Service National Universel" ein. Der SNU besteht aus einem einmonatigen Programm für Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren, das teilweise militärisch organisiert ist, aber auch soziale und bürgerschaftliche Inhalte umfasst.

Immer wieder war von einer allgemeinen Pflicht die Rede, Macron selbst hatte das 2018 angekündigt. Doch inzwischen ist klar: Der SNU bleibt freiwillig. Weder die Mittel noch die politische Unterstützung reichen für eine flächendeckende Einführung. Paris setzt stattdessen auf den Ausbau der Reserve: Von derzeit 40.000 auf 80.000 Kräfte soll sie wachsen und die Berufsarmee im Ernstfall schnell verstärken.

Großbritannien - Berufsarmee mit Reservisten als Lückenfüller

Die Wehrpflicht wurde 1960 abgeschafft. Großbritannien hält seither an seiner Berufsarmee fest. Doch das Traditionsmodell leidet unter chronischem Nachwuchsmangel. Militäranalytiker warnen gleichwohl, dass die Wiederkehr der Wehrpflicht weder effizient noch praxistauglich sei. Stattdessen sei der Ausbau der Reservekräfte die sinnvollere Reaktion auf steigende sicherheitspolitische Anforderungen durch die russische Bedrohung.

Polen - Reservisten, Territorialverteidigung und Wehrunterricht

Polen verzichtete 2008 auf die Wehrpflicht, rüstet aber seit der russischen Invasion in der Ukraine so massiv auf wie kein anderes EU-Land. Die Armee soll bis 2035 auf 300.000 Soldaten anwachsen. Dazu kommen 50.000 Mann der neu geschaffenen Territorialverteidigung.

Ein zweiter Pfeiler ist die Reserve: Die Kenntnisse ehemaliger Wehrpflichtiger werden systematisch aufgefrischt, neue Rekruten über Kurzzeitausbildungen gebunden. Und: Polen setzt auf Wehrbildung in Schulen. In über 200 "militärischen Vorbereitungsklassen" lernen Jugendliche ab 14 Jahren Geländemärsche, Schießübungen und Disziplin. Für die Armee ist das ein Nachwuchspool und für den Staat ein Instrument patriotischer Erziehung.

Schweden - Zwangsdienst für Kontingente

2010 abgeschafft, 2017 zurückgeholt: In Schweden müssen sich alle 18-Jährigen online registrieren und persönliche Angaben machen. Ein Teil wird anschließend zur Musterung eingeladen. Jährlich legt die Armee fest, wie viele Rekruten gebraucht werden - meist zwischen fünf und zehn Prozent eines Jahrgangs. Dieses Kontingent wird zwangsverpflichtet, Männer wie Frauen. Wer freiwillig Dienst leisten will, hat bessere Chancen eingezogen zu werden. Wer nicht will, kann sich nicht immer entziehen.

Seit 2023 gilt zudem wieder eine zivile Dienstpflicht: Wer nicht bei der Armee landet, kann zum Beispiel im Rettungsdienst oder Katastrophenschutz eingesetzt werden.

Finnland - Wehrpflicht als Pfeiler der Gesellschaft

Finnland hat die Wehrpflicht nie abgeschafft. Alle Männer ab 18 Jahren müssen dienen, Frauen können sich freiwillig melden. Der Grundwehrdienst dauert zwischen sechs und zwölf Monaten, je nach Waffengattung. Rund zwei Drittel eines Jahrgangs leisten tatsächlich Militärdienst, was ein extrem hoher Wert im europäischen Vergleich ist.

Besonders ist, wie tief die Pflicht in die Gesellschaft eingebettet ist: Fast jeder finnische Mann gilt nach seinem Grundwehrdienst als Reservist und wird regelmäßig zu Übungen einberufen. So verfügt das 5,5-Millionen-Einwohner-Land im Ernstfall über eine Mobilisierungsstärke von mehr als 250.000 Soldaten. In Helsinki gilt das System nicht nur als militärische Notwendigkeit, sondern auch als integraler Bestandteil der nationalen Identität.

Norwegen - Prestige-Armee mit Gleichstellung

Norwegen führt seit 2016 Männer und Frauen gleichermaßen zur Musterung. Nur ein Bruchteil wird einberufen, was den Dienst in den Augen vieler Norweger prestigeträchtig macht. Neben der regulären Armee spielen Reservisten eine wachsende Rolle, um Engpässe zu vermeiden.

Dänemark - Wehrpflicht für Frauen ab 2026

Alle Männer ab 18 sind wehrpflichtig, ab 2026 auch Frauen. Der Grundwehrdienst soll von vier auf elf Monate verlängert werden. Offiziell können junge Menschen durch ein Losverfahren eingezogen werden. Tatsächlich melden sich seit Jahren mehr Freiwillige, als die Armee benötigt. Rund 4000 Rekruten werden jährlich gebraucht, oft bewerben sich fast doppelt so viele.

Damit ist die Wehrpflicht in Dänemark bislang vor allem ein Druckmittel im Hintergrund: Wer will, kommt zum Zug. Wer nicht will, wird so gut wie nie gezwungen. Mit der künftigen Ausweitung auf Frauen könnte sich dieses Kräfteverhältnis allerdings verschieben.

Österreich - wie früher in Deutschland

In Wien blieb die Wehrpflicht ununterbrochen in Kraft. Männer zwischen 18 und 35 leisten sechs Monate Militär- oder neun Monate Zivildienst. Frauen können freiwillig antreten. Die Debatte um Abschaffung flackert immer wieder auf, ist angesichts der geopolitischen Lage aber politisch tot. Auch Österreich, das nicht zur NATO gehört, setzt verstärkt auf eine Reserve, die über regelmäßige Übungen eingebunden bleibt.

Lettland - Rückkehr mit Ansage

Im baltischen Lettland kehrte ab 2023 die Wehrpflicht zurück. Alle Männer zwischen 18 und 27 sollen für elf Monate dienen, Frauen können freiwillig teilnehmen. Ab 2028 werden jährlich 7500 Männer eingezogen - die gleiche Zahl wie Berufssoldaten. Ersatzdienst ist möglich, aber ebenfalls in staatlichen Einrichtungen. Lettland koppelt Wehrpflicht und Reserve eng, um möglichst viele Bürger langfristig in Sicherheitsstrukturen einbinden zu können.

Litauen und Ukraine - Pflicht im Kriegsmodus

Litauen reaktivierte 2015 die Wehrpflicht und zieht jährlich rund 3500 Männer ein. Sie bleiben danach Teil der Reserve und dienen der Abschreckung.

Die Ukraine hat seit 2014 wieder eine Wehrpflicht, seit der russischen Vollinvasion 2022 können alle Männer von 18 bis 60 eingezogen werden. Millionen Ukrainer stehen unter Waffen, Millionen weitere gelten als Reservisten.

Griechenland - Wehrpflicht mit Tradition

Alle Männer zwischen 18 und 45 dienen zwölf Monate. Wer verweigert, muss doppelten Zivildienst leisten. Grund sind die Spannungen mit der Türkei und die niedrige Geburtenrate. Reservistenübungen gehören fest zum System. Griechenland hält damit eine Art Volksarmee auf Standby.

Türkei - Wehrpflicht gegen Geld

Alle Männer zwischen 20 und 41 Jahren müssen in der Türkei mindestens sechs Monate Militärdienst leisten. Eine Besonderheit ist die sogenannte Bedelli Askerlik: Nach einem Monat Grundausbildung können Wehrpflichtige die restliche Dienstzeit durch eine einmalige Zahlung umgehen.

Früher lag die Gebühr bei umgerechnet etwa 5000 Euro, inzwischen wurde sie mehrfach angehoben. Aktuell beträgt sie rund 243.000 Lira, umgerechnet etwa 6300 bis 6500 Euro. Wer sich dieser Pflicht komplett entzieht, riskiert Geldstrafen oder sogar Gefängnis. Ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung gibt es nicht.

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Image caption Mit dem "Neuen Wehrdienst" zurück zur aktiven Wehrpflicht?
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Item 15
Id 73760565
Date 2025-08-28
Title Globale Wasserkrise könnte Billionen kosten
Short title Globale Wasserkrise könnte Billionen kosten
Teaser Weltweit verschärfen Hitze und Dürren den Wassermangel. Das bedroht Ernährung, Wirtschaft und führt zu Flucht sowie politischen Unruhen.
Short teaser Hitze und Dürren verschärfen den Wassermangel weltweit. Die Schäden sind groß, Flucht und politische Unruhen folgen.
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Der Planet Erde besteht zu 70 Prozent aus Wasser. Doch nur etwa 0,5 Prozent davon sind Süßwasser, das zum Trinken, Waschen und Bewässern zur Verfügung steht. Aufgrund steigender Nachfrage und zunehmender Hitze durch den Klimawandel wird Süßwasser jedoch immer knapper.

Weltweit haben bereits rund zwei Milliarden Menschen keinen regelmäßigen Zugang zu frischem Trinkwasser und die Hälfte der Weltbevölkerung leidet einen Teil des Jahres unter Wasserknappheit.

Wasserstress ist kostspielig. Er kann zu Ernteeinbußen führen, die Ernährungsunsicherheit verschärfen, die Energieproduktion verringern und aufgrund schlechter sanitärer Verhältnisse die Gesundheitsrisiken erhöhen.

Der wirtschaftliche Wert funktionierender Süßwasserökosysteme wurde laut der Naturschutzorganisation World Wildlife Fund (WWF) für das Jahr 2023 auf 49 Billionen Euro geschätzt - das entspricht rund 60 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP).

"Nicht genug Wasser für alle"

In den trockenen, von Dürre geplagten Ländern Afrikas und des Nahen Ostens wird der Wassermangel in den nächsten 20 bis 30 Jahren zu einem wirtschaftlichen Rückgang von 25 Prozent führen, sagt Quentin Grafton vom UNESCO-Lehrstuhl für Wasserökonomie.

Dies bedeutet auch weniger Geld für notwendige Lebensmittelimporte oder für wichtige Infrastrukturmaßnahmen zur Linderung der Wasserknappheit - etwa für Dämme oder Entsalzungsanlagen.

"Dies ist eine entscheidende Phase. Wir müssen uns viel schneller anpassen", sagt Grafton über die Notwendigkeit, sich mit den Auswirkungen des Wasserstresses auf die Weltwirtschaft auseinanderzusetzen.

Da Wasserknappheit die Lebensmittelversorgung, die Wirtschaftstätigkeit und die Beschäftigung in diesen Regionen beeinträchtigt, könne es zu sozialen und politischen Unruhen kommen, erklärt Grafton, der auch Wirtschaftsprofessor an der Australian National University ist.

Die Folgen sind Vertreibung und Massenmigration. Da Menschen aus Gebieten mit zunehmender Wüstenbildung auch das Mittelmeer überqueren, kann dies zu Instabilität in Regionen wie Südeuropa führen.

Das Problem wird zusätzlich verschärft, da die Umsetzung von Lösungen ebenfalls enorme Kosten verursacht. Vielfältige Süßwasserökosysteme könnten die Dauer und Schwere von Dürren verringern, wurden jedoch durch Bebauung und übermäßige Wassernutzung zerstört. Nun sind umfangreiche Sanierungsmaßnahmen erforderlich. Seit 1970 hat die Welt laut WWF rund ein Drittel ihrer Feuchtgebiete verloren.

Die Wasserkrise dürfte auch den Aufstieg mächtiger Schwellenländer bremsen. Laut Grafton verfügt Indien nicht über genügend Wasser, um beispielsweise in Kohlekraftwerken Strom mit Dampfturbinen zu erzeugen. Diese Kraftwerke hatten das schnelle Wirtschaftswachstum ermöglicht und zur Linderung der Armut im ganzen Land beigetragen.

"Ihr Ziel ist ein Wachstum von 7 Prozent, aber das ist utopisch", sagt Grafton über Indien, in dem 18 Prozent der Weltbevölkerung leben, das aber nur über 4 Prozent der globalen Süßwasserressourcen verfügt. "Es gibt nicht genug Wasser für alle."

Indiens arme Landbevölkerung leidet am stärksten unter der Wasserknappheit. Die Übernutzung des Grundwassers ist angesichts des sinkenden Grundwasserspiegels ein großes Problem. Zu den Lösungen gehören Programme zur Verstärkung lokaler Wassereinzugsgebiete mit Erddämmen, die den Monsunregen vor der Trockenzeit besser speichern.

Wassermangel: weniger Ernte und mehr Hunger

Rekordhitze und Dürren verändern den Wasserkreislauf. Wasser verdunstet schneller, Flüsse fließen langsamer, Seen und Stauseen trocknen aus.

Die Bodenfeuchte und der Nährstoffgehalt sind dauerhaft zurückgegangen. Das hat die landwirtschaftliche Produktion - die Grundlage der Wirtschaft in Asien und Afrika - massiv beeinträchtigt.

Während der schweren Dürre am Horn von Afrika von 2020 bis 2023 starben etwa 13 Millionen Nutztiere und die Ernten fielen aus. Mindestens 20 Millionen Menschen in Eritrea, Äthiopien, Kenia, Somalia und Sudan litten in der Folge unter akuter Nahrungsmittelknappheit und dem Verlust ihrer Lebensgrundlage. Der Klimawandel hat die Dürre um ein Hundertfaches wahrscheinlicher gemacht.

Südlich der Sahara werden allein 40 Milliarden Stunden pro Jahr für das Sammeln von Wasser aufgewendet. Laut der Hilfsorganisation "The Water Projekt", ließe sich diese Zeit besser für die Erwerbsarbeit oder Bildung nutzen.

Europas drohende Wasserkrise

Europa und die Antarktis erwärmen sich schneller als andere Kontinente. Entsprechend nimmt die Wasserknappheit zu. 2024 war in Europa das bisher heißeste Jahr. Deutschland erlebte den trockensten Spätwinter und Frühling seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Dürre breitete sich über weite Teile des Kontinents vom Vereinigten Königreich bis nach Mitteleuropa aus, die Mittelmeerländer litten unter anhaltender Hitze, Waldbränden und Wasserknappheit.

Gleichzeitig konkurrieren immer mehr Industriezweige um die begrenzten Wasserressourcen, sagt Sergiz Moroz, Experte für Wassermanagement bei der NGO European Environment Bureau.

"Die IT-Branche kommt plötzlich nach Brüssel und sagt, dass wir für das bevorstehende Wachstum viel hochwertiges Wasser brauchen", so Moroz. "Die Landwirte kommen und sagen: Ohne Wasser können wir keine Lebensmittel anbauen."

Die EU prüft daher den erheblichen Wasserverbrauch von IT-Rechenzentren, die auf wasserintensive Kühlsysteme angewiesen sind und zusammen mit Cloud Computing und KI rasch expandieren. Die Wasserresilienzstrategie der EU soll 2026 in Kraft treten und Technologieunternehmen Nutzungsbeschränkungen auferlegen.

In England wird aufgrund von Klimawandel, Bevölkerungswachstum und Umweltbelastungen bis 2055 ein Wassermangel erwartet. Laut Regierungsprognosen wird dann rund 30 Prozent des heutigen Verbrauchs fehlen.

Das größte Wasserdefizit wird der dicht besiedelte Südosten von England aufweisen. "Die Wasserressourcen des Landes stehen unter enormem und stetig zunehmendem Druck", sagt Alan Lovell, Vorsitzender der englischen Umweltbehörde. Er betont, dass dieses Defizit das Wirtschaftswachstum und die Nahrungsmittelproduktion bedrohe.

Erderhitzung verschlechtert Wasserzugang in den USA

In den USA tragen Bürger mit eingeschränktem Zugang zu Wasser die Hauptlast der dortigen Kosten. Immer mehr Haushalte verfügen nicht über ausreichenden Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen. Infolgedessen geben diese Haushalte laut einer Studie der kalifornischen Non-Profit-Organisation DigDeep aus dem Jahr 2022 durchschnittlich 15.800 US-Dollar mehr pro Jahr für Gesundheitsversorgung, Arbeitsausfälle und verlorene Bildungschancen aus als andere Haushalte.

"Da Wasser knapper wird, wird die Zahl der Menschen ohne Zugang aufgrund des Drucks durch klimabedingte Ereignisse voraussichtlich steigen", sagt George McGraw, Gründer und CEO von DigDeep.

"Der einfachste Weg, die US-Wirtschaft vor diesen Schocks zu schützen, ist die allgemeine Gewährleistung des Zugangs zu Wasser", so McGraw gegenüber der DW.

Dazu gehören Investitionen in "intelligente, nachhaltige Wassersysteme, sowohl netzgebunden als auch netzunabhängig", im Gegensatz zu den "Zugangsbarrieren" in veralteten Wasserversorgungssystemen, die nicht klimaresistent sind.

Adaptiert aus dem Englischen von Gero Rueter. Redaktion: Tamsin Walker

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Image caption Indischer Händler im ausgetrocknetem Flussbett: Wassermangel schadet der Menschheit weltweit
Image source Franck Metois/imageBROKER/picture alliance
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Item 16
Id 73782077
Date 2025-08-28
Title Irak: Mehr oder weniger Einfluss für pro-iranische Milizen?
Short title Irak: Mehr oder weniger Einfluss für pro-iranische Milizen?
Teaser Irakische Politiker wollen pro-iranische Milizen stärker in staatliche Strukturen einbinden und so besser kontrollieren. Inländische Kritiker sowie die US-Regierung befürchten, dies könne ihren Einfluss vielmehr stärken.
Short teaser Ein Gesetzentwurf will pro-iranische Milizen stärker einbinden und kontrollieren. Kritiker befürchten das Gegenteil.
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Die Sorgen sind groß: Am vergangenen Wochenende wurde dem irakischen Parlament nach Monaten politischen Ringens ein umstrittenes Gesetz vorgelegt. Dieses zielt darauf, die irregulären Paramilitärs, die sogenannten Volksmobilisierungskräfte (PMF), zu regulieren. Damit ist die Integration dieser überwiegend pro-iranischen Milizen in bestehende Sicherheitsstrukturen gemeint.

Für den Fall, dass das Gesetz verabschiedet wird, prophezeien Kritiker verheerende Folgen. Das US-Außenministerium warnte, "bewaffnete Terrorgruppen, die die Souveränität des Irak untergraben", drohten Teil des offiziellen irakischen Militärs zu werden. Befürworter des Gesetzentwurfs vertreten die entgegengesetzte Meinung: Sie sehen darin einen Weg, bewaffnete Gruppen wieder in staatliche Institutionen zu integrieren und unter Kontrolle zu bringen. Gelänge dies, könnte sich der Irak "endlich von dem zwei Jahrzehnte währenden Einfluss des Iran auf seine Politik zu befreien", schrieb Renad Mansour, Leiter des Projekts "Iraq Initiative" des britischen Thinktanks Chatham House, im vergangenen Monat.

Eigenmächtig agierende Milizen

Die PMF wurden 2014 gegründet, als religiöse Führer wehrfähige Männer zumeist schiitischer Glaubensrichtung zum Kampf gegen die extremistische, sunnitisch geprägte Terrororganisation "Islamischer Staat" aufriefen.

Seitdem sind PMF-Gruppen zu einer machtvollen Kraft innerhalb des irakischen Systems geworden. Einige - wenn auch nicht alle - PMF-Fraktionen agieren unabhängig vom Staat. Sie neigen oftmals dazu, der religiösen und militärischen Führung des Iran die Treue zu schwören, da sie von dieser finanziell, logistisch und auch spirituell unterstützt werden. Beobachtern zufolge gehören die PMF zur sogenannten, iranisch dominierten "Achse des Widerstands". Zu dieser zählen auch die Hisbollah im Libanon, die Huthi-Miliz im Jemen und die Hamas im Gazastreifen.

Dass die PMF zumindest laut ihren zahlreichen Kritikern die Interessen des Iran über die des Irak setzen, gilt auch vielen Irakern als problematisch. Ähnlich sehen es die USA, die mehr als 2000 Soldaten im Irak stationiert haben. Einige PMF-Gruppen gelten zudem als verantwortlich für Angriffe auf US-Stützpunkte im Irak und in Jordanien.

Der neue Gesetzesentwurf soll ein Gesetz von 2016 aktualisieren, das nur eine minimale Definition der PMF und ihres Status enthielt - das aber eigentlich bereits deren Integration in die regulären Streitkräfte vorsah. Doch manches blieb in der Schwebe. "Unklarheiten hinsichtlich der Befehlshierarchie, der Haushaltsaufsicht und der Integration in den nationalen Sicherheitsrahmen sind zu Quellen anhaltender Spannung geworden", schrieb Ali al-Mawlawi, Direktor des Londoner Beratungsunternehmens Horizon Advisory, Anfang des Jahres in einer Analyse für das Washingtoner Stimson Center. "Der neue Gesetzentwurf soll diese Lücken schließen, indem er klarere Parameter für die Rolle der PMF im irakischen Staat festlegt."

Das neue PMF-Gesetz sieht vor, eine PMF-Militärakademie einzurichten und die Befugnisse des PMF-Vorsitzenden auszuweiten. Auf dieser Grundlage könnte er Operationen ohne vorherige Rücksprache mit anderen Behörden leiten. Zudem würde das Gesetz einem den PMF verbundenen Unternehmen, der Firma "Muhandis General Company for Construction, Engineering and Mechanical, Agricultural and Industrial Contracting", zusätzliche Legitimität verschaffen. Kritiker werfen dem 2023 gegründeten Unternehmen unter anderem Landraub vor. Zudem genieße es bei Regierungsaufträgen eine Vorzugsbehandlung, so die Kritiker.

Die Argumente der Gegner

Kritiker des neuen PMF-Gesetzes weisen auf Ähnlichkeiten zwischen den PMF und den Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) im Iran hin. Seit ihrer Gründung 1979 während der iranischen Revolution haben die IRGC an Macht gewonnen und operieren nun unabhängig vom offiziellen iranischen Militär.

Sollte das neue Gesetz verabschiedet werden, würden die ebenfalls als temporäre Kriegseinheit gegründeten PMF zu einer "parallelen Streitmacht, die nach eigenem Ermessen handeln kann", argunmentiertMichael Knights, Irak-Experte am Washington Institute, in einer Analyse vom April dieses Jahres. Die PMF würden zu einer "vollständig ermächtigten, ministeriumsähnlichen Institution, die später nur schwer reformiert, geschweige denn aufgelöst werden könnte".

Das US-Außenministerium lehnt das Gesetz vehement ab. "Wir unterstützen echte irakische Souveränität, keine Gesetzgebung, die den Irak in einen iranischen Satellitenstaat verwandeln würde", sagte ein Sprecher des Außenministeriums Anfang des Monats.

Die USA drängen irakische Politiker, das neue PMF-Gesetz nicht zu verabschieden. Für den Fall, dass sie es doch tun, drohen die USA mit finanziellen Sanktionen oder der Aussetzung der Sicherheitskooperation. Sie bestehen zudem auf der vollständigen Entwaffnung der PMF.

Die Argumente der Befürworter

Irakische Politiker, darunter Premierminister Mohammed Shia al-Sudani, erklären demgegenüber, das neue Gesetz sei ein Weg, die PMF besser zu kontrollieren.

Forderungen, die PMF einfach zu entwaffnen oder aufzulösen, seien unrealistisch, argumentiert auch Experte Ali al-Mawlawi in seiner erwähnten Analyse für das Stimson Center. Wer dies versuche, riskiere konfessionelle Spannungen zu schüren. Zudem seien die PMF kein monolithischer Block iranischer Interessenvertreter, wie die USA oft argumentierten. Sie seien von vielen unterschiedlichen Gruppen geprägt und tief in der irakischen Gesellschaft verwurzelt. Auch operierten sie nicht völlig außerhalb der Befehlskette der Regierung.

"Es besteht jedoch kaum ein Zweifel daran, dass die Organisation unter internem Verfall und wachsender Ablehnung seitens der Öffentlichkeit leidet", so al-Malawi weiter. "Hält man sie nicht in Schach, besteht die Gefahr, dass die PMF eine spaltende und politisierte Kraft bleibt, die anfällig für externe Manipulationen ist."

Reformen seien darum zwar nicht notwendig, wohl aber sinnvoll, so al-Malawi. So sollte die PMF beispielsweise weniger politisch sein, dem Iran nicht so nahe stehen, Transparenz in ihren Finanzen schaffen und sich im Wesentlichen auf ihr Kernziel besinnen, nämlich den Irak vor Terrorismus zu schützen.

Premierminister al-Sudani gilt nicht weniger Kritikern als zu Iran-freundlich. Doch er könnte mehr Erfolg dabei haben, den Irak aus dem Einfluss des Iran zu lösen, als seine Vorgänger, schrieben Experten des European Council on Foreign Relations bereits im Mai in einer Analyse. Würden andere Mitglieder der "Achse des Widerstands" geschwächt, dürfte dies die Erfolgsaussichten weiter steigern.

"Angesichts der Zerstörung der Hisbollah wollen die PMF ein solches Ergebnis unbedingt vermeiden", so die ECFR-Experten. "Zwar zeigten sie sich angesichts der Ereignisse im Libanon kooperativer. Doch ist es unwahrscheinlich, dass sie Entscheidungsbefugnisse an den Staat abgeben, selbst innerhalb neuer Regierungsstrukturen."

Um Konflikte zu vermeiden, müsse jede Reform "den lokalen Verbündeten des Iran klarmachen, dass sie keiner existenziellen Bedrohung ausgesetzt sind und dass in den entstehenden neuen politischen Systemen Platz für sie besteht", so der ECFR.

Entscheidung vertagt

Die Entscheidung darüber, wie es weitergeht, wurde inzwischen auf unbestimmte Zeit vertagt. Zwar wurde dem Parlament am vergangenen Samstag ein endgültiger Entwurf des PMF-Gesetzes vorgelegt - und iakischen Medienberichten zufolge drängten Politiker, die es unterstützen, auf eine möglichst baldige Verabschiedung.

Einen Tag später erklärte der Sprecher des irakischen Parlaments, Mahmoud al-Mashhadani, jedoch gegenüber dem TV-Sender Alawla TV, dass der Gesetzesentwurf in absehbarer Zeit nicht weiter vorankommen werde. Die amerikanischen Drohungen müssten ernst genommen werden, sagte er - und das Gesetz sei nicht dringlich und könnte später erneut geprüft werden.

Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.

Item URL https://www.dw.com/de/irak-mehr-oder-weniger-einfluss-für-pro-iranische-milizen/a-73782077?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Parade so genannter Volksmobilisierungseinheiten in der Stadt Diyala, nördlich von Bagdad, 2021
Image source ASSOCIATED PRESS/picture alliance
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Item 17
Id 73763065
Date 2025-08-28
Title Medikamente ändern bei Hitze gefährlich die Wirkung
Short title Medikamente ändern bei Hitze gefährlich die Wirkung
Teaser Der Körper reagiert bei großer Hitze unterschiedlich auf Medikamente. Um eine Überdosierung zu verhindern, wird die Dosis vom Arzt individuell angepasst. International verbindliche Dosierungsrichtlinien fehlen.
Short teaser Der Körper reagiert bei Hitze anders auf Medikamente. Doch international verbindliche Dosierungsrichtlinien fehlen.
Full text

Der Hausarzt verschreibt einem 70-Jährigen mit langjähriger Herzinsuffizienz und Rhythmusstörungen zweimal täglich 50 mg eines Betablockers. Normalerweise ist dem Patienten damit gut geholfen. Aber was passiert, wenn draußen fast 40 Grad herrschen?

Die Außentemperatur spielt bei der Dosierung eine wichtige Rolle. Denn um die Körperkerntemperatur konstant zu halten, reagiert der Körper bei großer Hitze mit verstärktem Schwitzen, erweiterten Blutgefäßen und einer gesteigerten Durchblutung der Haut. Gelingt diese Temperaturregulation nicht, kann es zu Kreislaufproblemen, Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Muskelkrämpfen, Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkten oder zu einem Hitzschlag kommen.

Wer Medikamente nimmt, sollte bei Hitze besonders viel trinken. Denn durch den Flüssigkeitsverlust können Medikamente viel stärker wirken und auch die Nebenwirkungen verstärken sich drastisch.

Das gilt besonders für Betablocker, so Prof. Dr. Julia Stingl, die Ärztliche Direktorin der Abteilung für Klinische Pharmakologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Die "Heidelberger Hitzetabelle" gilt als wichtige Orientierungshilfe, um die Dosierung von Medikamenten während Hitzeperioden entsprechend anzupassen.

Betroffen sind aber auch Diuretika, also Entwässerungsmitteln und Abführmittel, die einen stärkeren Wasserverlust begünstigen, Psychopharmaka und Mittel, die bei Depressionen eingesetzt werden, Anticholinergika, Antihistaminika oder selbst verbreitete Schmerzmitteln wie ASS oder Ipuprofen.

Um eine Überdosierung zu verhindern, muss die Dosierung bei großer Hitze individuell angepasst, also meisten gesenkt werden. Viele wissen aber nicht, dass eine entsprechende Anpassung nötig ist, auch weil entsprechende Warnhinweise auf den Beipackzetteln meist fehlen.

Mehr Todesfälle bei oder durch Hitze?

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben weltweit jährlich etwa 490.000 Menschen infolge großer Hitze- mit steigender Tendenz in den letzten Jahrzehnten.

Dass so viele Menschen in Hitzeperioden sterben, liegt auch an der veränderten Wirkung und den verstärkten Nebenwirkungen von Medikamenten bei großer Hitze, so Stingl gegenüber der DW.

"Ganz klar, wir sehen das in der klinischen Pharmakologie: Der Klimawandel führt zu mehr Todesfällen, vor allem bei älteren Menschen, die viele Arzneimittel einnehmen", sagt die Pharmakologin. "Die verstärkten Nebenwirkungen führen zu Gleichgewichtsstörungen, zu Schwindel, zu Koordinationsstörungen, auch zur Verwirrtheit. Wir sehen deutlich mehr Stürze und mehr Aufnahmen in der Notaufnahme aufgrund von Stürzen bei alten Menschen in den sommerlichen Hitzeperioden."

Als "direkte Hitzetote" gelten oftmals nur Personen, bei denen zum Beispiel Tod durch Hitzschlag oder akutes Organversagen an sehr heißen Tagen festgestellt wurde. Andere "exzessmortalitätsbasierte Schätzungen" - wie die von der WHO - erfassen die Gesamtsterblichkeit während Hitzewellen. So werden auch Herzinfarkte, Schlaganfälle, etc. in Zusammenhang mit Hitzeereignissen als "indirekte Hitzetote" einbezogen.

In Europa gab es im Jahr 2023 nach Auswertung von Forschergruppen um das Barcelona Institute for Global Health und basierend auf Eurostat-Daten mehr als 47.000 Hitzetote. Die Zahlen für Europa schwankten in den letzten Jahren zwischen ca. 30.000 und 70.000 Toten, je nach Intensität der Hitzeperioden.

Besonders betroffen sind Griechenland, Bulgarien, Italien und Spanien. In Deutschland wurden 2024 etwa 2800 bis 3000 hitzebedingte Todesfälle gezählt.

Wer ist bei Hitze besonders gefährdet?

Zur Risikogruppe gehören vor allem ältere Menschen und Pflegebedürftige, chronisch Kranke insbesondere mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenleiden, Nierenproblemen und Diabetes sowie Säuglinge und Kleinkinder, da sie viel schwitzen und einen erhöhten Flüssigkeitsbedarf haben. "Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr in den verschiedenen Lebensaltern, das ist eigentlich der Hauptfokus", so Julia Stingl.

Betroffen sind aber auch Menschen, die bei Hitze schwer körperlich arbeiten oder sich lange im Freien aufhalten, wie z. B. Personen auf dem Bau oder in der Landwirtschaft. "Wenn der Körper durch die Hitze ausgetrocknet ist, arbeiten die Nieren nicht mehr richtig, man wird verwirrt bis zum Delir (Zustand akuter Verwirrtheit, Anm. der Redaktion). Das Flüssigkeitsdefizit sollte nicht mit alkoholischen Getränken auffüllt werden, weil das gerade in der Kombination mit Arzneimitteln zu Nebenwirkungen und gefährlichen Reaktionen führen kann", so Stingl.

Gefährdet sind zudem Wohnungs- und Obdachlose, die der Hitze oftmals schutzlos ausgesetzt sind und sich keine Abkühlungen leisten können.

Wird Hitze bei der Dosierung ausreichend berücksichtigt?

Die Dosierung von Medikamenten richten sich einheitlich nach den Zulassungsstudien, die oftmals in industrialisierten Ländern durchgeführt werden. Extreme Hitzeeffekte bei Arzneimitteln werden bislang kaum berücksichtigt.

Allerdings könne es einen für alle verbindlichen Standards bei Hitze auch nicht geben, so Stingl. "Jungen Menschen, die ja auch in klinischen Studien für die Zulassung eingeschlossen werden, machen Hitzeperioden nicht viel aus, weil sie genug trinken, sich vielleicht im Kühlen aufhalten und genügend bewegen. Da muss ich die Dosierung auch nicht ändern. Aber bei den empfindlichen Patientengruppen, die bei Hitzeperioden unter Medikamentennebenwirkungen leiden, muss ich niedriger dosieren. Das aber muss ich individuell in der Praxis erkennen. Für die Medikamentenzulassung ist das nicht relevant", sagt die Heidelberger Pharmakologin.

Einzelfallprüfung statt allgemeiner Richtlinien

Die Abwägung von Risiken und Vorteilen bei der Dosierung sei komplex, so Soko Setoguchi, Professorin für Medizin und Epidemiologie an der US-amerikanischen Rutgers University. Das Absetzen eines Medikament oder eine Änderung der Dosierung könne immerhin schwerwiegende Konsequenzen haben.

"Solche Entscheidungen erfordern eine gemeinsame Entscheidungsfindung zwischen Patienten und Ärzten, wobei die individuellen klinischen Umstände berücksichtigt werden müssen und nicht pauschale Dosierungsänderungen vorgenommen werden dürfen", sagt Setoguchi gegenüber der DW.

Allgemeingültige Dosisempfehlungen bei Hitze zu geben sei sehr schwierig, erläutert auch Prof. Dr. Bernhard Kuch, der Direktor der Klinik für Innere Medizin am Stiftungskrankenhaus Nördlingen. "Auch hier gilt es meines Erachtens um die Förderung der so genannten "awareness" der Ärzteschaft, des Gesundheitswesens und natürlich der betroffenen Patienten, um individuell angepasste Dosierungen in entsprechenden Risikogebieten bzw. Risikoepisoden zu ermöglichen", sagt Kuch im DW-Interview.

Richtlinien an geänderte Klimabedingungen anpassen

Grundsätzlich müssen die Auswirkungen von extremer Hitze auf die Arzneimittelverträglichkeit stärker berücksichtigt werden, da sind sich die Expertinnen und Experten einig. Dies gelte vor allem in Gebieten, wo sich das Klima deutlich ändere. Etwa für südeuropäische Länder oder in Nordafrika, wo der Klimawandel für "immer stärkere Hitzeperioden mit über 50 Grad Celsius in baumlosen Städten" sorge, sagt Stingl.

Die bisherigen Studien und die aufeinander abgestimmten Zulassungsverfahren sorgen zwar dafür, dass Patienten weltweit möglichst schnell und umfassend mit Medikamenten versorgt werden können, so Setoguchi.

Aber: "Da mit dem Klimawandel eine Zunahme extremer Hitze zu erwarten ist, müsste das Regulierungsverfahren möglicherweise überdacht werden", sagt die Medizin-Professorin. "In naher Zukunft könnten regionsspezifische oder bevölkerungsspezifische Studien erforderlich sein, insbesondere für Gebiete, in denen extreme Hitze zur Norm wird, wie im Nahen Osten, in Nordafrika, in Afrika, Südasien und Südamerika".

Der Artikel wurde am 28.08.25 überarbeitet

Item URL https://www.dw.com/de/medikamente-ändern-bei-hitze-gefährlich-die-wirkung/a-73763065?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Zur Risikogruppe gehören vor allem ältere Menschen und chronisch Kranke mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Image source Robert Kneschke/Zoonar/picture alliance
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Item 18
Id 73784341
Date 2025-08-27
Title Faktencheck: Schreibt die Trump-Regierung die Geschichte um?
Short title Faktencheck: Schreibt die Trump-Regierung die Geschichte um?
Teaser Donald Trumps Vize JD Vance hat mit Äußerungen zum Zweiten Weltkrieg Kritik ausgelöst. Trump selbst ist mit diversen historischen Unwahrheiten aufgefallen - von Irak-Invasion bis Zölle - und will Museen zensieren.
Short teaser Die Trump-Administration verdreht historische Fakten - von Irak-Invasion bis Zölle. Und sie will Museen zensieren.
Full text

US-Vizepräsident JD Vance hat mit fragwürdigen Aussagen zum Ende des Zweiten Weltkrieges für Spott im Netz gesorgt. In einem TV-Interview,in dem er auf die Position der Trump-Administration zum russischen Krieg in der Ukraine angesprochen wurde, behauptete Vance, dass der Zweite Weltkrieg durch Verhandlungen beendet worden sei.

"Der Zweite Weltkrieg endete mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands und Japans, nicht mit Verhandlungen", konterte der Account "Republicans against Trump" auf X,ehemals Twitter, und teilte einen Ausschnitt des Vance-Videos.

Das stimmt, denn der Zweite Weltkrieg endete mit der vollständigen Kapitulation Nazi-Deutschlands am 8. Mai 1945, nachdem sich Nazi-Führer Adolf Hitler umgebracht hatte. Das mit Nazi-Deutschland verbündete Japan kapitulierte später im August, nachdem die USA Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hatten.

Das ist lediglich die jüngste Entgleisung der Trump-Administration in Bezug auf geschichtliche Zusammenhänge. US-Präsident Donald Trump selbst hat wiederholt historische Fakten verdreht, um sein eigenes Narrativ zu untermauern. Er setzt Museen unter Druck und hat sie dafür kritisiert, US-amerikanische Geschichte, insbesondere die Zeit der Sklaverei, in einem negativen Licht darzustellen.

DW-Faktencheck hat sich einige von Trumps kontroversen historischen Behauptungen einmal genauer angeschaut.

Trumps Onkel und der Unabomber

Ted Kaczynksi - besser bekannt als der "Unabomber" - war einer der bekanntesten inländischen Terroristen in den USA. Er tötete drei Menschen und verletzte 23 weitere. Dabei zielte er vor allem auf Wissenschaftler ab. In einem Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten verschickte er 16 Paketbomben.

Trump behauptete auf einer Veranstaltung in Pittsburgh, Pennsylvania im Juli, dass sein inzwischen verstorbener Onkel John, damals MIT-Professor, Kaczynski unterrichtet habe. Kaczynski selbst studierte jedoch zunächst in Harvard und später an der University of Michigan. Trumps Onkel starb im Jahr 1985, während Kaczynski erst 1996 verhaftet wurde. Trumps Story wurde von mehreren Medien widerlegt.

Irreführende Aussagen über Zölle und die Weltwirtschaftskrise

In einer Kabinettssitzung im Juli sagte Trump, die Weltwirtschaftskrise "hätte niemals stattgefunden", wenn die USA Zölle beibehalten hätten. Er behauptete, dass Zölle erst nach der Wirtschaftskrise wieder eingeführt wurden.

Die "Great Depression"begann 1929 und dauerte etwa ein Jahrzehnt an. Der Smoot-Hawley Tariff Actvon 1930, der eigentlich US-amerikanische Firmen stärken sollte, erhöhte Einfuhrzölle und löste eine Welle von Vergeltungszöllen von mehr als 20 Ländern aus. Dies verschlimmerte die globale Wirtschaftskrise. Zuvor hatte der Fordney-McCumber Tariffvon 1922 bereits Zölle auf importierte Güter erhoben.

Trump sagt, er habe vor einer Irak-Invasion gewarnt

Trump behauptet schon seit langem, dass er den Einmarsch US-amerikanischer Truppen in den Irak 2003 abgelehnt habe. Im Juni beteuerte ererneut: "Ich war entschieden dagegen, in den Irak einzumarschieren. Ich habe es laut und deutlich gesagt", sagte er auf dem Rollfeld neben der Air Force One. "Und ich habe tatsächlich gesagt: 'Geht nicht rein, geht nicht rein, geht nicht rein.'"

CNNund Buzzfeedberichteten bereits 2016, dass Trump 2002 im Gespräch mit dem Moderator der The Howard Stern Show seine Unterstützung für die Invasion ausdrückte. Als Trump während einer Townhall-Debatte mit dem CNN-Moderator Anderson Cooperdarauf angesprochen wurde, räumte er ein, dass er dies "gesagt haben könnte." Trump erklärte dann, dass er "als der Krieg begonnen hatte, gegen den Krieg war".

Die Washington Postpublizierte bereits 2016 einen Faktencheck zu Trumps Aussagen inklusive einer Timelinemit Kommentaren von Trump vor der Irak-Invasion 2003, und wies Widersprüche nach.

Trump will Geschichte in Museen umschreiben

Trump unterzeichnete ein präsidentielles Dekret, eine "Executive Order", die den Vize-Präsidenten als Vorstandsmitglieds des Smithsonian Board of Regents befähigt, "unangemessene, spaltende oder antiamerikanische Ideologie" von den Museen, Lernzentren und dem Zoo der Smithsonian Institution zu eliminieren, so ein offizielles Statement des Weißen Hauses.

Zur Smithsonian Institution gehören ein Zoo, 17 Museen in Washington D.C. und zwei in New York. 62 Prozent der Mittel sind staatlich finanziert.

Trump kritisierte die Smithsonian Institution auf Truth Socialdafür, dass der Fokus darauf liege, "wie furchtbar unser Land ist, wie schlimm die Sklaverei war und wie erfolglos die Unterdrückten waren".

Vor den Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit nächstes Jahr hat die Trump-Administration acht Museen für eine Überprüfung vorgesehen, darunter das National Museum of American History sowie das National Museum of African American History and Culture. Sie müssen nun ihre Pläne für Ausstellungen, Bildungsmaterialien und digitale Inhalte einreichen. Weitere Museen werden in einer zweiten Phase überprüft, wie das Weiße Haus in einem Brief andie Smithsonian Institution mitteilte.

Letzte Woche veröffentlichte das Weiße Haus einen Artikel,der die Ausstellungen in den Museen kritisiert, die sich mit den Themen Rasse, Sklaverei, Sexualität und Immigration beschäftigen. Als Antwort darauf haben über 150 Kulturorganisationen sowie mehr als 300 Einzelpersonen ein Statement unterzeichnet,und ihr Engagement für künstlerische Freiheit und Widerstand gegen politischen Druck bekräftigt.

Obwohl in dem Statement Trump nicht explizit beim Namen genannt wird, erwähnt es wachsende Besorgnis über die Einmischung in Institutionen wie die Smithsonian Institution und das Kennedy Center.

Redaktion: Rachel Baig

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Image caption Der US-amerikanische Präsident Donald Trump hat Museen dafür attackiert, dass sie zeigen "wie schlimm Sklaverei war"
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Item 19
Id 73783041
Date 2025-08-27
Title Taylor Swift & parasoziale Bindungen: Jubel über Verlobung
Short title Taylor Swift & parasoziale Bindungen: Jubel über Verlobung
Teaser Der Post, in dem Sängerin Taylor Swift ihre Verlobung mit Footballspieler Travis Kelce verkündete, brachte Instagram kurzzeitig zum Erliegen: Zu viele Likes. Warum freuen sich so viele Menschen für eine völlig Fremde?
Short teaser Die Nachricht brachte Instagram kurzzeitig zum Erliegen. Warum freuen sich so viele Menschen für eine völlig Fremde?
Full text

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Taylor Swift ist verlobt. In den sozialen Medien teilten Fans der Sängerin ihre persönlichen Reaktionen in ihren eigenen Posts. Zu sehen sind Menschen, die vor Freude schreien oder Tränen in den Augen haben. Ein TikTok-Video zeigt einen amerikanischen Professor, der eine Prüfung absagt, weil er sich nach dieser Nachricht genau so wenig konzentrieren könne wie seine Studierenden.

Besonders häufig wiederholen sich in den Social Media Media Posts Fragen wie "Warum freue ich mich gerade so sehr, als wäre es meine eigene Verlobung?" oder "Wie soll ich mich jetzt noch auf die Arbeit konzentrieren?"

Natürlich ist bei vielen eine gute Portion Augenzwinkern oder Übertreibung dabei. Aber immerhin haben innerhalb eines Tages mehr als 28 Millionen User den Instagram-Post zur Verlobung geliked.

Was steckt hinter dem Phänomen, Anteil am Leben einer Prominenten zu nehmen, als wäre es die beste Freundin?

Parasoziale Beziehungen: Einseitige Freundschaft

Wenn eine Person freundschaftliche oder romantische Gefühle für jemanden entwickelt, den sie nicht persönlich kennt, spricht man von einer "parasozialen Beziehung". Das kann mit Megastars wie Taylor Swift der Fall sein, aber auch mit Internet-Persönlichkeiten wie dem Lieblingsinfluencer oder dem Moderator des Podcasts, den man jede Woche hört. Der entscheidende Faktor: Der Celebrity weiß nichts von der Existenz der Person, die Anteil an seinem Leben nimmt. "Meine Freundin, die mich nicht kennt", nennt Psychologin Sonia Jaeger das Phänomen in ihrem Blog.

Das Konzept der parasozialen Beziehung geht Hand in Hand mit der wachsenden Popularität von Reality Shows im Fernsehen und sozialen Medien. Früher kannten Fans von ihren Idolen nur Projekte wie Filme oder Alben, und die wenigen Details, die zum Beispiel in der "Homestory" einer Zeitschrift veröffentlicht wurden.

Heute weiß man viel mehr aus dem Privatleben von Prominenten: Die Namen ihrer Haustiere, ihre Dating-Historie, wo sie Urlaub machen, mit welchen gesundheitlichen Problemen sie zu kämpfen haben. Entweder, weil die Stars diese Infos selber teilen, oder weil sie von der Vielzahl der Smartphones aufgenommen werden, die quasi pausenlos auf sie gerichtet sind.

Was passiert bei parasozialen Beziehungen?

Bei so viel Informationen kann die Illusion von Intimität entstehen, schreibt Jaeger. Es ist kein Wunder, dass sich Menschen, die wissen wie Taylor Swifts Katzen heißen, wie häufig ihre Mutter bereits den Krebs besiegte und wie viele teils toxische Beziehungen sie schon hinter sich hat, über ihre Verlobung freuen.

Das Bedürfnis, sich anderen verbunden zu fühlen, ist Teil der menschlichen Evolution. "Vor 250.000 Jahren mussten Menschen sich auf andere verlassen können, um zu überleben. Deswegen bauten wir soziale Beziehungen auf", sagt Arthur C. Brooks, Soziologe und Professor an der Harvard University. "Und deswegen fühlen wir uns von anderen angezogen und haben Interesse an ihrem Leben, wenn sie uns regelmäßig genug begegnen." Ob diese Begegnungen im echten Leben stattfinden oder es sich um ein Instagram Update handelt, ist dabei egal.

Sind parasoziale Beziehungen gesund oder ungesund?

Pauschal lässt sich nicht sagen, ob parasoziale Beziehungen gut oder schlecht sind. Es ist nichts dabei, sich über die Verlobung eines Weltstars mit einem Leistungssportler zu freuen, wenn das Ereignis einfach eine Ablenkung von all den schlechten Nachrichten ist, die sonst gerade die Weltöffentlichkeit beschäftigen.

Die Zugehörigkeit zu einer Fan-Gemeinschaft, die ein Interesse am Leben und Schaffen einer Person teilen und sich darüber austauschen, lässt Menschen sich weniger einsam fühlen. Während der COVID-19-Pandemie konnten parasoziale Beziehungen, die komplett online stattfinden, das Bedürfnis nach menschlicher Verbindung zumindest teilweise befriedigen, schreibt Jaeger.

Doch Experten sind sich auch einig: Parasoziale Beziehungen können niemals gegenseitige Beziehungen mit Menschen im "echten" Leben ersetzen. Prominente wie Taylor Swift und Travis Kelce spiegeln die Zuneigung ihrer Fans nicht persönlich zurück. Diese Art von Beziehung ist wie Fast Food, sagt Brooks: "Es schmeckt gut, hat aber keinerlei Nährwert und gibt uns nicht das, was wir brauchen."

Mit anderen Worten: Taylor Swift wird nicht gratulieren, wenn man selbst die Nachricht der eigenen Verlobung auf Instagram postet. Es braucht echte Freunde, die sich für uns freuen und die Zuneigung erwidern, die wir ihnen entgegenbringen.

Item URL https://www.dw.com/de/taylor-swift-parasoziale-bindungen-jubel-über-verlobung/a-73783041?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Knapp 29 Millionen Menschen gefällt das: Popstar Taylor Swift und Footballspieler Travis Kelce haben sich verlobt
Image source Taylor Swift and Travis Kelce/ZUMAPRESS/picture alliance
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Item 20
Id 73778751
Date 2025-08-27
Title Joggerin konfrontiert Voyeur und startet Petition
Short title Joggerin konfrontiert Voyeur und startet Petition
Teaser Eine Frau will einen Mann anzeigen, der ihren Po gefilmt hat - und muss feststellen, dass sein Handeln nicht strafbar ist. Ihr Kampf für eine Gesetzesänderung facht eine Debatte an: Was ist in Deutschland erlaubt?
Short teaser Eine Frau will einen Mann anzeigen, der ihren Po filmte - und muss feststellen, dass sein Handeln nicht strafbar ist.
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An einem Februartag joggt die 30-jährige Werbetexterin Yanni Gentsch allein durch einen Kölner Park. Sie bemerkt hinter sich einen Radfahrer, der ihr folgt und dabei ihren Po mit seinem Smartphone filmt. Gentsch stellt den Mann zur Rede und zwingt ihn dazu, die Aufnahmen zu löschen.

Sie hat dafür nun ihrerseits ihr Smartphone eingeschaltet. Das Video zeigt einen Mann, der angesichts der Entschlossenheit der Frau überfordert wirkt. Er stammelt Entschuldigungen und behauptet, es sei "nichts passiert", aber schließlich wirft er ihr vor, selbst Schuld zu sein: "Warum ziehen Sie denn so eine Hose an?" Es ist eine klassische Täter-Opfer-Umkehr, die Gentsch mit einem Satz kontert, der zum Slogan ihrer Bewegung wird: "Meine Klamotten sind keine Einladung!"

Das Video geht viral, hat mehr als 16 Millionen Aufrufe auf Instagram - und löst eine Welle der Solidarität aus. "Ich bin beeindruckt von deinem Mut", "Wenn eine Frau für sich einsteht, steht sie für alle Frauen ein" oder "Krass gut reagiert, danke und Respekt" lauten die Kommentare.

Petition für Gesetzesänderung

Gentsch will den Mann anzeigen, doch sie erfährt, dass das nicht möglich ist. Der Grund: Nach aktueller Gesetzeslage in Deutschland ist heimliches Filmen nur dann strafbar, wenn es den Intimbereich betrifft - etwa bei "Upskirting" (dem Filmen unter dem Rock) oder Aufnahmen nackter Haut. Bekleidete Körperteile, selbst wenn sie gezielt und sexuell motiviert gefilmt werden, sind nicht geschützt.

Yanni Gentsch will das nicht hinnehmen und startet die Petition "Voyeur-Aufnahmen strafbar machen". Inzwischen (Stand: 27. August) haben sie mehr als 120.000 Menschen unterzeichnet. Die zentrale Forderung: eine Erweiterung des deutschen Strafgesetzbuch-Paragrafen §184k, die jede sexuell motivierte, heimliche Aufnahme, unabhängig von Nacktheit, strafbar macht. Gentsch schreibt: "Die aktuelle Gesetzeslage schützt Täter, nicht Opfer." Heimliches Filmen sei ein Machtmissbrauch: "Die Scham gehört auf die Seite der Täter (...)."

Sexuelle Belästigung von Frauen in Deutschland: hohe Quote

Ihre Petition, adressiert an Bundesjustizministerin Stefanie Hubig, übergab sie am 25. August persönlich dem nordrhein-westfälischen Justizminister Benjamin Limbach. Im November wird die Justizministerkonferenz nun über eine Änderung des Strafgesetzbuchs beraten. Limbach ist dafür: "Unser Recht muss eine klare Grenze ziehen, wenn Körperteile in sexueller Absicht heimlich oder gegen den Willen einer Person abgefilmt oder fotografiert werden."

Das Echo auf Yanni Gentschs Initiative ist groß, nicht nur in den Sozialen Medien: Überregionale Zeitungen, Radiosender und selbst die Hauptnachrichtensendung Tagesschau zur Prime Time berichten. Das liegt zum einen daran, dass Gentsch mit ihrem mutigen Auftreten große Strahlkraft hat, aber es liegt zum anderen auch daran, dass das von ihr Erlebte noch immer Realität für fast alle Frauen in Deutschland ist.

Denn sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum, in welcher Form auch immer, haben laut einer Studie der Hochschule Merseburg von 2022 bereits neun von zehn Befragten ertragen müssen.

Yanni Gentsch machte bei der Übergabe ihrer Petition klar: "Sexualisierte Belästigung ist nie harmlos, sondern der erste Schritt einer Gewaltspirale."

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Image caption Kämpft für mehr Schutz von Frauen in Deutschland: Yanni Gentsch
Image source Federico Gambarini/dpa/picture alliance
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Item 21
Id 73720833
Date 2025-08-27
Title Brückenbauer: Die Gewinner der Goethe-Medaille 2025
Short title Brückenbauer: Die Gewinner der Goethe-Medaille 2025
Teaser Der inhaftierte türkische Kulturförderer Osman Kavala wurde mit einer der diesjährigen Goethe-Medaillen ausgezeichnet. Die beiden anderen Preisträger kommen aus China und Belgien.
Short teaser Der inhaftierte türkische Kulturförderer Osman Kavala wurde mit einer der diesjährigen Goethe-Medaillen geehrt.
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Sie wollen Gräben überwinden, Menschenrechte und Demokratie stärken und eine gemeinsame Sprache finden: Für ihr herausragendes Engagement wurden der in der Türkei inhaftierte Kulturmäzen Osman Kavala, die chinesische Germanistin Li Yuan und der belgische Archäologe und Schriftsteller David Van Reybrouck jetzt mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet.

Die feierliche Verleihung fand am 28. August, dem Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes, in Weimar statt. Da Kavala nicht selbst anwesend sein konnte, hat seine Frau, die Sozialwissenschaftlerin Ayşe Buğra, ihn bei dem Festakt vertreten.

Osman Kavalas Einfluss bleibt

"Ich habe immer daran geglaubt, dass wir durch Kunst und Kultur helfen, Vorurteile zu überwinden und Verständnis füreinander zu entwickeln", so ein Zitat von Osman Kavala, mit dem er die Mission seines Lebens beschreibt. Dieses Statement übermittelte er aus einem Istanbuler Gefängnis.

Dort sitzt Osman Kavala aus politischen Gründen mit kurzer Unterbrechung seit 2017 ein. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Unternehmer gehört zu den wichtigsten Kulturförderern in der Türkei. Die von ihm gegründete Kultur- und Kunststiftung "Anadolu Kültür” unterstützt verschiedene Projekte, auch in marginalisierten Regionen wie Anatolien. Dort, in der Stadt Diyarbakir, ist Anadolu Kültür seit den Anfängen 2002 aktiv und tritt für eine Stärkung der Zivilgesellschaft ein.

Die Stiftung fördert unter anderem einen Fonds für Kinder, einen Buchverlag und das Theater Mordem. Die Unterstützung für diese Initiativen sei essentiell, sagt die Kulturmanagerin Asena Günal, die Anadolu Kültür stellvertretend für Osman Kavala leitet. Das Diyarbakir Arts Center gehört mit seinen Theater- und Filmfestivals sowie Konzerten, oft in Kooperation mit dem Goethe-Institut, zu einem zentralen Ort für künstlerischen Austausch und zivilgesellschaftliches Engagement weit über die Grenzen der Türkei hinaus. Mit Programmen wie TANDEM förderte Osman Kavala zudem den Austausch zwischen Kultureinrichtungen in Anatolien und Europa.

"Wenn mich jemand fragt, ob ich etwas brauche, dann ist das wirklich Anadaolu Kültür, also Osman Kavala. Sei es für eine Ausstellung, eine Idee oder, um einen Künstler aus dem Ausland zu holen", sagt der türkische Choreograph Mihran Tomasyan und steht mit dieser Aussage sicher nicht allein. Ob als Unterstützer, Ideengeber, Kunstmäzen: Osman Kavala bleibt wichtig für das Kulturleben in der Türkei. Auch aus dem Gefängnis heraus.

Mit KI das Deutschlernen revolutionieren

Eine weitere Goethe-Medaille geht an die chinesische Sprachwissenschaftlerin Li Yuan. Ihre Arbeit trage wesentlich zur interkulturellen Verständigung sowie zur Stärkung des Faches Deutsch als Fremdsprache in China bei, so die Jury.

"Ich bin jemand, der gerne Neues auf den Weg bringt", sagt Li Yuan über sich selbst. Und das tut sie. Die Germanistikprofessorin forscht an der Zhejiang Universität (ZJU) in Hangzhou an der Frage, wie man mit Hilfe Künstlicher Intelligenz besser Deutsch lernen kann. Gemeinsam mit KI-Expertinnen und -Experten hat sie empirische Daten zu häufig auftretenden Fehlern beim Deutschlernen gesammelt und analysiert. Daraus entstand ein intelligentes Feedback-Tool, das gerade in der Erprobungsphase ist.

Offen für Neues war Li Yuan schon immer, auch als sie 2003 zur Promotion an die Technische Universität nach Berlin ging und später mit einem Postdoc-Stipendium wiederkehrte. Schon während der Promotion schätzt sie die Doktorandenkolloquien, wo sie über ihre Forschung sprechen kann, Fragen anderer beantwortet und selbst kritisch fragen kann. "Von dieser Diskussionskultur profitiere ich bis heute", sagt sie. Während ihrer Professur ab 2011 an der ZJU etabliert sie einen Einführungskurs in wissenschaftliches Arbeiten, der heute verpflichtend für alle Germanistik-Studierenden in China ist. Die Fähigkeit, Probleme selbständig anzugehen und zu lösen, sei in jedem Beruf wichtig, davon ist sie überzeugt.

Inzwischen entwickelt Li Yuan Deutsch-Lehrwerke für ganz China, wobei es nicht nur um Fachwissen geht, sondern auch um Sozialkompetenz. Ihr Anliegen ist es, dass Sprachlernende sich auch mit globalen Fragen beschäftigen. Li Yuan leitet das Institut für Deutschlandstudien und das Zentrum für Global Competence an der ZJU und sie hält Kontakt nach Deutschland. Sie hofft, mit ihrem Engagement den wissenschaftlichen Austausch zwischen Deutschland und China zu fördern.

Zuhören und sich einmischen

"Es gibt wohl nichts, was mich glücklicher macht, als Menschen zu interviewen", sagt der belgische Archäologe und Schriftsteller David Van Reybrouck. Und davon zeugen seine Bücher. Zum Beispiel das über die Kolonialgeschichte des Kongo, das in zig Sprachen übersetzt wurde. Van Reybrouck sucht den Kontakt zu den Menschen vor Ort, hört zu, hält alles in seinen Notizbüchern fest. Und muss sich manchmal beeilen, das in ein Buchformat zu bringen. So, wie bei dem letzten über die Kolonialzeit in Indonesien. "Ich hatte Zeitzeugen aus den 1920er- und 1930er-Jahren gefunden. Inzwischen ist mir klar geworden, dass ich bei vielen der Letzte war, der mit ihnen sprechen konnte", sagt er.

Für sein aktuelles Buch - wieder über den Kongo - war er acht Wochen auf einem Containerschiff. Es geht um die Ausbeutung fossiler Energien. "Wir glauben, dass das, was vor uns liegt, ein Selbstbedienungsladen ist. Ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Menschen, die dort in Zukunft leben wollen", sagt er.

David Van Reybrouck ist in seinem Heimatland Belgien erfolgreicher Autor und Initiator politscher Debatten. 2011 gründet er die NGO G1000, eine Plattform für Bürgerbeteiligung. Per Losverfahren werden Menschen bestimmt, die Mitspracherecht haben über die Zukunft des Landes. Ein Konzept, das in mehreren europäischen Ländern Nachahmer fand. David Van Reybrouck blickt nicht nur sehr genau auf die Geschichte des europäischen Kolonialismus. Er lebt "Demokratie als lebendige, partizipative Praxis", so begründet das Goethe-Institut die Wahl des dritten Preisträgers.

Item URL https://www.dw.com/de/brückenbauer-die-gewinner-der-goethe-medaille-2025/a-73720833?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (460 x 259) https://static.dw.com/image/73805550_302.jpg
Image caption Sie nahmen die Goethe-Medaille entgegen: David Van Reybrouck, Ayşe Buğra (für ihren Mann Osman Kavala) und Li Yuan
Image source Henry Sowinski
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Item 22
Id 73779279
Date 2025-08-27
Title "Endlich nach Deutschland ausreisen": Hoffnung für Afghanen
Short title "Endlich nach Deutschland ausreisen": Hoffnung für Afghanen
Teaser Nach jahrelangem Warten dürfen afghanische Familien mit Aufnahmezusage endlich nach Deutschland ausreisen. Für die Betroffenen geht es oft ums Überleben.
Short teaser Nach jahrelangem Warten dürfen afghanische Familien mit Aufnahmezusage endlich nach Deutschland ausreisen.
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Deutschland will den seit Monaten geltenden Einreise-Stopp für gefährdete Afghaninnen und Afghanen, die eine Aufnahmezusage besitzen, demnächst aufheben. Zahlreiche Betroffene waren vor den Taliban nach Pakistan geflohen und warten seit Jahren auf ihr deutsches Visum - wie eine afghanische Familie, die die DW dort getroffen hat. Aus Sicherheitsgründen bleiben Angaben zur ihren Identitäten unveröffentlicht.

Sharif (Name geändert) lebt mit seiner Familie in Islamabad, in ständiger Angst, verhaftet und nach Afghanistan abgeschoben zu werden. Polizeirazzien in Gästehäusern, in denen afghanische Geflüchtete untergebracht sind, haben die Familie gezwungen, immer wieder den Aufenthaltsort zu wechseln.

Vor der Machtübernahme der Taliban 2021 arbeitete Sharif in Afghanistan. Als die Islamisten Kabul einnahmen, floh er mit seiner Familie nach Pakistan.

Er gehört zu den besonders gefährdeten Menschen, die von den Taliban verfolgt werden - darunter ehemalige Ortskräfte, die für die Bundeswehr oder deutsche Organisationen vor Ort gearbeitet haben, Menschenrechtler und Journalisten. Die Bundesregierung hatte dieser Gruppe eine Aufnahme in Deutschland zugesichert.

Sharifs Antrag auf Aufnahme wurde zwar bewilligt, doch das Verfahren zog sich quälend in die Länge. "Wir stehen hier vor vielen Problemen. Das größte ist die drohende Abschiebung", sagt Sharif. "Täglich durchsucht die Polizei Unterkünfte und nimmt alle mit, die sie findet. Wenn wir nach Afghanistan zurückgeschickt werden, bin ich sicher, dass ich dort getötet werde."

Leben in Angst vor Abschiebung

Mehr als 2000 Afghanen warten derzeit in Pakistan auf ihre Ausreise nach Deutschland. Doch die pakistanische Polizei nahm Hunderte fest und schob sie nach Afghanistan ab. Zwar gibt es momentan keine Abschiebungen, doch wie es ab dem 1. September weitergeht, ist unklar. Pakistan hat für diesen Monat weitere Abschiebungen angekündigt. Mehr als eine Million Menschen könnten davon betroffen sein.

Die ständige Bedrohung belastet Sharifs Familie schwer. Seine Kinder dürfen aus Angst vor Entdeckung nicht zur Schule, seine Frau - selbst gut ausgebildet - hat keine Möglichkeit zu arbeiten.

"Als wir hier ankamen, hofften wir, dass unsere Kinder etwas lernen und sich eine Zukunft aufbauen könnten. Doch ein Jahr ist bereits verloren", sagt seine Frau Alishba (Name geändert).

Sie versuche, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten: "Aber mein größter Wunsch ist, dass wir endlich nach Deutschland ausreisen dürfen." Nur dort können sie ihre Ausbildung fortsetzen. "Nach Afghanistan will ich nie zurück. Dort würden wir getötet, und die Zukunft unserer Kinder wäre zerstört."

Die Aufnahme gefährdeter Afghaninnen und Afghanen war ins Stocken geraten, nachdem die neue Bundesregierung entschieden hatte, in jedem Einzelfall eine Sicherheitsüberprüfung vorzunehmen.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) wies den Vorwurf zurück, die Regierung spiele beim Aufnahmeprogramm auf Zeit. Beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung sagte er, man könne nicht erwarten, dass Versäumnisse der vergangenen Jahre innerhalb weniger Wochen aufgearbeitet würden. Er habe Mitarbeiter angewiesen, wieder vor Ort tätig zu werden und die Verfahren einschließlich der Sicherheitsüberprüfungen fortzuführen.

Im Gespräch mit der DW versicherte Dobrindt: "Afghanen, bei denen die Bundesrepublik Deutschland durch rechtskräftige Gerichtsbeschlüsse zur Visaerteilung und zur Gestattung der Einreise verpflichtet wurde, werden nach Deutschland einreisen."

Gerichte zwingen Bundesregierung zum Handeln

Laut Medienberichten sollen bereits in den kommenden Tagen erste Familien per Linienflug in Deutschland ankommen. Hintergrund sind Entscheidungen deutscher Verwaltungsgerichte, die das Auswärtige Amt verpflichten, zugesagte Visa tatsächlich auszustellen - andernfalls drohten Zwangsgelder. Die Richter stellten klar, dass die Bundesrepublik rechtlich an ihre Zusagen gebunden sei.

"In Pakistan befinden sich Personen in unterschiedlichen Phasen des Ausreiseverfahrens. Die Prüfverfahren laufen derzeit wieder an", teilte das Auswärtige Amt am 26. August mit. "Personal der zuständigen Behörden ist vor Ort, um die Aufnahmeverfahren fortzuführen."

Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, der Caritasverband oder Reporter ohne Grenzen hatten zuletzt massiven Druck auf die Bundesregierung ausgeübt, endlich zu handeln. Für viele Betroffene geht es ums Überleben: Zurück in Afghanistan drohen Verfolgung, Haft oder gar der Tod.

Mitarbeit: Ali Kaifee in Islamabad

Item URL https://www.dw.com/de/endlich-nach-deutschland-ausreisen-hoffnung-für-afghanen/a-73779279?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (460 x 259) https://static.dw.com/image/67919501_302.jpg
Image caption Deutschland hat besonders gefährdeten Menschen aus Afghanistan, darunter Ortskräfte, Menschenrechtler und Journalisten, eine Aufnahme zugesichert
Image source Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/picture alliance
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Item 23
Id 73772390
Date 2025-08-27
Title "Ich wollte nicht weg": Wie läuft die Evakuierung im Donbass?
Short title "Ich wollte nicht weg": So läuft die Evakuierung im Donbass
Teaser Vor zwei Wochen ist die russische Armee nordöstlich von Pokrowsk in Richtung Dobropillja im Donbass vorgestoßen. Die Front nähert sich, Menschen müssen fliehen. Eine DW-Reporterin war vor Ort.
Short teaser Die Einheimischen müssen die Stadt Dobropillja im Donbass verlassen, da sich die Front nähert. Eine DW-Reportage.
Full text

"Wir sitzen auf Koffern", sagt Natalia über ihr Leben in Swjatohoriwka im Osten der Ukraine. Das Dorf liegt am Rande der Stadt Dobropillja, zu der Russlands Armee auf fast zehn Kilometer vorgerückt ist. Auch wenn ukrainische Soldaten einige Ortschaften befreien konnten, stehen die umliegenden Dörfer weiterhin unter Dauerbeschuss.

Natalja verlässt Swjatohoriwka nur deshalb nicht, weil ihre betagten Eltern eine Evakuierung ablehnen. "Mein Vater sagt: Ich bin hier geboren und hier werde ich auch sterben. Ich sage dann: 'Du wirst sterben. Aber wer wird dich begraben, wenn alle weg sind?'", erzählt sie. Wir treffen Natalia in einem praktisch verlassenen Dorf an, während einer Evakuierung, die von Polizisten der Gruppe "Weißer Engel" zusammen mit Freiwilligen durchgeführt wird.

Da die Evakuierung im Donbass gefährlich ist, fährt die Gruppe in einem gepanzerten Fahrzeug, das mit elektronischer Kampfausrüstung ausgestattet ist. Während David, ein Freiwilliger der wohltätigen Mission "Aura", am Steuer sitzt, schaut Polizist Ilja Malzew auf die Karte. In Swjatohoriwka sollen sie zwei Adressen aufsuchen.

"Und wo werde ich wohnen?"

An der ersten Adresse wartet die 74-jährige Maria, die schon ihre Sachen gepackt hat. Ein Polizist nimmt ihre Taschen und eine Freiwillige hilft der Frau, die nur langsam gehen kann, auf einen Stock gestützt. Maria steigt schließlich ins Auto und atmet schwer. "Die Drohnen fliegen direkt auf uns zu. Ich wollte eigentlich nicht weg, ich dachte, ich bin doch schon alt. Aber das Leben zwingt mich. Es ist unerträglich, in unserer Straße ist nur noch ein Nachbar geblieben, alle anderen sind weg", erzählt sie.

Die zweite Adresse können die Helfer nicht gleich finden. Nur wenige Bewohner kennen die 70-jährige Tetjana, die auf der Evakuierungsliste steht. Schließlich findet sie ein Polizist in einem der verlassenen Häuser. Hier suchte sie vor einer Woche Zuflucht, nachdem ihr Haus im nahen Dobropillja durch Beschuss zerstört worden war. "Meine Sachen musste ich dort zurücklassen", beklagt Tetjana.

"Los geht's! Es hat keinen Sinn, hier zu bleiben", redet Ilja Malzew auf Tetjana ein. Sie bedeckt ihr Gesicht mit den Händen, will zunächst nicht mitgehen. Doch letztlich bedankt sie sich bei den Helfern. Lächelnd sagt Tetjana: "Und ich dachte schon, man hätte mich vergessen." Auf dem Weg raus aus Swjatohoriwka fragt 70-Jährige, wo sie künftig ihre Rente bekommen wird. "Da, wo Sie wohnen werden", sagen die Helfer. "Und wo werde ich wohnen?", fragt sie.

"Die Lage hat sich dramatisch verändert"

Die Unterbringung der Menschen aus den Ortschaften nahe der Front, sei nicht weniger schwierig als die Evakuierung selbst, berichtet Kostjantyn Tunyzkyj, ein weiterer Polizist der "Weißen Engel". Auch Tunyzkyj ist ein Binnenvertriebener. Er lebte ursprünglich in der Ortschaft Kurachowe, die seit Anfang des Jahres von Russland besetzt ist.

Für die Evakuierten aus Dobropillja, Swjatohoriwka und anderen Dörfern geht zunächst zu einem Zwischenstopp in der Region Donezk. Dort sind Freiwillige verschiedener Wohltätigkeitsorganisationen aktiv. Sie bringen die Menschen dann weiter in die Region Dnipropetrowsk. Dort werden sie in einen Zug gesetzt, die sie in andere Regionen des Landes bringt, oder in einer Notunterkunft untergebracht. In dieser Woche überstieg die Zahl der evakuierten Menschen jedoch die Zahl der Plätze in der Unterkunft deutlich - Evakuierte mussten in Zelten schlafen.

Aus der Gegend um Dobropillja gingen täglich Dutzende Evakuierungsanfragen ein, berichtet Kostjantyn Tunyzkyj. "In Dobropillja wurde ein ganzer Wohnblock durch eine Lenkbombe zerstört. Dort warteten fünf Personen auf uns, die dort die Nacht verbracht haben", sagt der Polizist und fügt hinzu: "Die Lage hat sich dramatisch verändert."

Wenn die Evakuierungsgruppen eine Ortschaft nicht betreten könnten, weil die Gefahrenlage zu hoch sei, bitte man die Menschen, zu Fuß zu gehen, erläutert der Polizist. Er erzählt von einem Anruf eines älteren Ehepaars. "Im Dorf Nykanoriwka gab es heftige Kämpfe. Ein altes Ehepaar, das schlecht laufen kann, brachte eine bettlägerige alte Frau in einer Schubkarre ins benachbarte Dorf Bilezke. Sie sagten, das russische Militär habe den Sohn der bettlägerigen Frau erschossen, ebenso ihre Nachbarn, die sich im Keller versteckt hatten", erzählt Tunyzkyj.

"Die Leute haben schnell ihre Sachen gepackt"

Die Menschen verlassen Dobropillja und seine Vororte auch mit eigenen Fahrzeugen. Ein Auto mit einem weißen Band und einem Anhänger hält am Evakuierungspunkt. Das Band solle vor russischen Drohnen schützen und der Anhänger solle ihr gesamtes Leben an einen neuen Ort bringen, sagt Natalia, die Besitzerin des Autos. Sie hat Dobropillja gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Katze verlassen. "Dort sind schon sehr viele Häuser zerstört. Es ist sehr unheimlich in der Stadt. Die Leute haben schnell ihre Sachen gepackt und sich auf den Weg gemacht", sagt die Frau.

"Ehrlich gesagt, weiß ich noch nicht, wie es weitergeht. Ich muss das alles erst einmal überstehen", fährt Natalia fort. Sie und ihr Mann sind auf dem Weg nach Ternopil in den Westen der Ukraine und wollen ihren Sohn zu besuchen, der Soldat war und wegen einer Verwundung aus der Armee ausgemustert wurde. Natalias Mutter ist noch in Dobropillja. "Ich konnte sie nicht überreden", seufzt sie.

"Es kommt vor, dass Menschen eine Evakuierung ablehnen. Meistens, weil sie sich nicht selbst darum bemüht haben, sondern von ihren Angehörigen auf eine Liste gesetzt wurden", erklärt der Polizist Tunyzkyj. Doch selbst dann versuchen die Helfer, die Menschen zu überreden. "Es wird der Zeitpunkt kommen, wo niemand mehr zu ihnen wird kommen können", sagt er.

"Mein Rat ist, sich in Sicherheit zu bringen"

Der 56-jährige Oleh aus Pokrowsk weiß, wie es ist, wenn man nicht weggehen will. "Mein Rat ist, sich in Sicherheit zu bringen", betont er heute. Oleh hat Wunden im Gesicht, eine Naht über dem Auge, seine Hand ist verbunden. Er verließ Pokrowsk mit dem Fahrrad. "Ich bin entkommen, ich hatte Glück. Aber entlang der Straße liegen viele kaputte Fahrräder, Motorräder und Autos", erzählt er.

Drei Tage zuvor war eine russische Kampfdrohne in Olehs Garten geflogen. "Es war wie ein kleines Flugzeug, das Kreise zog. Ich war mir der Gefahr nicht bewusst. Doch die plötzliche Explosion brannte mir fast die Augen aus", erzählt er. Seine Nachbarn kamen ihm zu Hilfe. Durch den Drohnenangriff hat Oleh teilweise sein Augenlicht verloren.

Er beschloss zu gehen, denn auch die Krankenhäuser in Pokrowsk arbeiten nicht mehr. "Es gibt ständigen Beschuss. Häuser brennen. Die Stadt gibt es nicht mehr", sagt er. Im Juni wurde Olehs Bruder von einer Artilleriegranate getötet. Er habe ihn an einem Zaun begraben müssen, erzählt Oleh. "Viele Menschen sind in Gärten begraben", fügt er hinzu.

"Wenn jemand Zweifel hat, rate ich ihm: Geht!", wiederholt der Mann. Im vergangenen September, als die Evakuierung in Pokrowsk begann, weigerte er sich noch zu gehen und schickte nur seine Frau und Tochter nach Odessa. Damals wollte er sein Haus nicht aufgeben. "Ich habe an meinen Habseligkeiten gehangen. Aber das Leben ist wertvoller", betont Oleh. Jetzt passen seine Habseligkeiten in zwei Taschen, mit denen er nun zu seiner Frau und Tochter fährt.

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

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Image caption "Weiße Engel" werden die Polizisten der Evakuierungsgruppe genannt, die den Menschen bei der Umsiedelung hilft - wie dieser Frau in Swjatohoriwka im Gebiet Donezk
Image source Hanna Sokolova-Stekh/DW
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Item 24
Id 73779793
Date 2025-08-27
Title Sri Lanka: Haft von Ex-Präsident löst Korruptionsdebatte aus
Short title Sri Lanka: Haft von Ex-Präsident löst Korruptionsdebatte aus
Teaser Ranil Wickremesinghe ist der erste Ex-Präsident in der Geschichte Sri Lankas, der verhaftet wurde. Ihm droht eine Anklage wegen des angeblichen Missbrauchs öffentlicher Gelder.
Short teaser Erstmals wurde ein Ex-Präsident in Sri Lanka wegen Veruntreuung verhaftet. Es gab Lob und Kritik.
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Die Verhaftung des ehemaligen sri-lankischen Präsidenten Ranil Wickremesinghe sorgte für Aufsehen. Der 76-Jährige saß seit Freitag (22.08.) in Haft, kam am Dienstag (26.08.) aber auf Kaution frei. Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiter wegen Korruption. Wickremesinghe soll rund 59.500 US-Dollar an staatlichen Geldern für einen privaten Zwischenstopp in Großbritannien verwendet haben, als er im September 2023 von einem Besuch aus Havanna und New York zurückkehrte.

Nach seiner Festnahme wurde der Ex-Präsident zuerst in das Welikada-Gefängnis in einem Vorort der Hauptstadt Colombo gebracht. Dann wurde er in ein staatliches Krankenhaus zur medizinischen Versorgung verlegt. Nach Angaben seiner Partei "United National Party" (UNP) leidet Wickremesinghe an schwerer Dehydrierung, Diabetes und Bluthochdruck. Vom Krankenhaus aus wurde er unter strengen Sicherheitsvorkehrungen per Videokonferenz vom Gericht angehört.

Wickremesinghe: Präsident der Krisenzeit

2022 hatte Wickremesinghe sein Amt als Präsident Sri Lankas angetreten, nachdem er zuvor sechs Amtsperioden lang Premierminister war. Sein Land im Indischen Ozean befand sich in einer massiven Wirtschaftskrise. Die Menschen hatten Monate lang auf den Straßen gegen seinen Vorgänger Gotabaya Rajapaksa protestiert, bevor er zum Präsidenten gewählt wurde.

Wickremesinghe gelang es später, die bröckelnde Wirtschaft zu stabilisieren. Es regte sich aber heftiger Widerstand in der Öffentlichkeit gegen ihn wegen seinen drastischen Sparmaßnahmen und Sozialabbau. Ferner erhöhte er die Steuern für alle Schichten.

Im vergangenen September verlor Wickremesinghe dann die Präsidentschaftswahlen gegen den linken Kandidaten Anura Kumara Dissanayake. Bei den Parlamentswahlen zwei Monate später errang Dissananyakes Bündnis National People's Power einen Erdrutschsieg.

"Den Rubikon überschritten"

Die linke Regierung von Dissanayake sagt der Korruption unter früheren Regierungen den Kampf an. Mehr als ein Dutzend ehemaliger hoher Regierungsbeamten ist bereits verhaftet worden. Gegen sie wird wegen angeblicher Korruption und anderen Fehlverhaltens ermittelt.

Wickremesinghe sei unter den Festgenommenen der profilierteste Politiker, sagt Saliya Pieris, Fachanwalt für Strafrecht und Ex-Vorsitzender der Anwaltskammer von Sri Lanka. "Dies ist das erste Mal, dass gegen einen sri-lankischen (Ex-)Präsidenten strafrechtlich ermittelt wird."

Mit der Verhaftung Wickremesinghes habe die neue Regierung "den Rubikon" überschritten, meint Pieris. Er warnt vor Vorverurteilung, bevor die Ermittlungen abgeschlossen seien. Die Öffentlichkeit nehme so wahr, dass die Polizei als Ermittlungsbehörde "den Willen der Regierungspartei" ausführe. "Die Strafverfolgung darf aber nicht als Werkzeug der Regierung angesehen werden", warnt Pieris. "Das ist nicht gut für die Rechtsstaatlichkeit."

Frederick Udayakumara Wootler, Sprecher der sri-lankischen Polizei, betont im DW-Interview, dass die Polizei nach geltenden Ordnungen und Gesetzen des Landes in alle Richtungen ermitteln werde.

"Politische Hexenjagd"

Der Vizechef der oppositionellen UNP, Dinendra Ruwan Wijewardene, beharrt darauf, dass Wickremesinghe niemals öffentliche Gelder missbraucht habe. Die staatlichen Gelder seien nur für die Sicherheit des damaligen Präsidenten ausgegeben worden. Wickremesinghes Frau, die ehemalige First Lady Maithree Wickremesinghe, habe ihr Ticket für die Reise nach Großbritannien selbst bezahlt.

"Hier gibt es absolut nichts strafrechtlich Relevantes. Wenn US-Präsident Donald Trump nach Schottland und Irland reist und dort Golf spielt, ist das dasselbe", sagt Wijewardene. Er kritisiert die Verhaftung von Wickremesinghe als "politische Hexenjagd". Die Regierung um Dissanayake wolle seine Kritiker zum Schweigen bringen und "eine Botschaft an andere Oppositionen senden, dass auch sie durchaus aufgrund frei erfundener Anschuldigungen verhaftet werden können".

"Das ist ein Schlag ins Gesicht der Demokratie, wenn Sie mich fragen", sagt Jeevan Thondaman, Abgeordneter der oppositionellen UNP, der während der Präsidentschaft von Wickremesinghe Kabinettsminister war. "Ich habe das Gefühl, dass sich die Regierung selbst ins Bein geschossen hat, weil der Ex-Präsident etwas geschafft hat, was niemand sonst vor ihm geschafft hat, die Opposition zu vereinen."

Ex-Präsidenten auf Schulterschluss mit Wickremesinghe

Drei Ex-Präsidenten Sri Lankas, Chandrika Kumaratunga, Mahinda Rajapaksa und Maithripala Sirisena, bekundeten ihre Solidarität mit Wickremesinghe und verurteilten seine Inhaftierung als "kalkulierten Angriff" auf die Demokratie.

Sri Lankas Regierungssprecher hat bis zum Redaktionsschluss nicht auf die Bitte der DW um eine Stellungnahme reagiert. Regierungsnahe Juristen hatten am Sonntag erklärt, dass niemand das "Recht habe, staatliche Gelder zu missbrauchen", auch nicht ein Ex-Präsident. Die Kritik der Opposition bringe eine "Missachtung des Gerichts" zum Ausdruck.

"Die derzeitige Regierung will sich als großer Vorreiter in Sachen Korruptionsbekämpfung präsentieren und zeigen, dass niemand über dem Gesetz steht", sagt Paikiasothy Saravanamuttu, Direktor der Denkfabrik "Centre for Policy Alternatives".

"Einen Schritt in die richtige Richtung" sieht auch die junge Aktivistin Melani Gunathilaka. "Es fühlt sich so an, als würden sich die Mühlen der Justiz endlich drehen", sagt sie. "Früher hatte sie sich nie dem Wohle der Menschen zugewandt, aber jetzt fühlt es sich so an, als wäre sie tatsächlich auf der Seite der Gerechtigkeit."

Rajapaksa-Familie unangetastet

Bis jetzt bleibt die politisch und wirtschaftlich dominierende Rajapaksa-Familie von der Strafverfolgung verschont. Die Gebrüder Rajapaksa waren insgesamt 15 Jahre lang Präsident des südasiatischen Landes. Ihrer Familie werden Vetternwirtschaft, Korruption und finanzielle Misswirtschaft vorgeworfen.

Die Rajapaksas hätten immer noch eine gewisse "emotionale Affinität" unter Teilen der singhalesisch-buddhistischen Mehrheit, von denen viele für die amtierende Regierungspartei NPP gestimmt haben, sagt Rajni Gamage, Forschungsstipendiatin am Institut für Südasienstudien der National University of Singapore. Gamage bezog sich damit auf den Bürgerkrieg in Sri Lanka von 1983 bis 2009 zwischen Regierungstruppen und den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), die im Volksmund als "Tamil Tigers" bekannt sind und für die Schaffung einer unabhängigen Heimat für die Minderheit der Tamilen kämpften.

Die Mehrheit der Menschen sind Singalesen mit etwa 75 Prozent, während 15 Prozent Tamilen auf Sri Lanka wohnen. Die restlichen zehn Prozent verteilen sich auf andere Bevölkerungsgruppen. Die Tamilen fühlen sich unterdrückt und wollten deswegen die Unabhängigkeit. Die Regierungstruppen siegten schließlich.

Gamage warnte, dass sich die Situation verschärfen könnte, "wenn weitere Verhaftungen folgen, vor allem die von hochrangigen Politikern". Es bestehe "die reale Gefahr einer Eskalation" durch die Opposition. Sie könnte Proteste mobilisieren und die ordnungspolitische Fähigkeit der Regierung infrage stellen. "Dies könnte beide Seiten in einen Teufelskreis verschärfter politischer Konfrontation treiben und die derzeitige politische Landschaft möglicherweise destabilisieren."

Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand, aktualisiert mit Agenturmaterial AFP

Item URL https://www.dw.com/de/sri-lanka-haft-von-ex-präsident-löst-korruptionsdebatte-aus/a-73779793?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Staatschef von 2022 bis 2024: Ranil Wickremesinghe (Archivfoto)
Image source Eranga Jayawardena/AP/picture alliance
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Item 25
Id 70435138
Date 2025-08-27
Title Wasserknappheit: Wie Berlin zur Schwammstadt werden soll
Short title Wasserknappheit: Wie Berlin zur Schwammstadt werden soll
Teaser Weil Hitze und Trockenheit zunehmen, will Berlin mehr Regenwasser sammeln und das Wassermanagement verbessern. Damit will die Stadt eine sogenannte Schwammstadt werden.
Short teaser Weil Hitze und Trockenheit zunehmen, will Berlin Regenwasser auffangen und Schwammstadt werden.
Full text

Berlin liegt in einer trockenen Region Deutschlands und die Wasserversorgung ist jeden Sommer wieder Thema. Der menschengemachte Klimawandel verstärkt das Problem. Deswegen plant die Stadt eine sogenannte Schwammstadt zu werden. Das heißt: Regenwasser soll aufgefangen, gespeichert und bei Bedarf wieder abgegeben werden – wie bei einem Schwamm.

Dazu baut die Stadt zunächst riesige unterirdische Becken, in denen Regenwasser gesammelt wird. Neun dieser Anlagen sind bereits fertiggestellt. Eine davon liegt unter dem Mauerpark, einem beliebten Treffpunkt im Bezirk Prenzlauer Berg, wo einst ein Teil der Berliner Mauer stand.

Riesige Wasserspeicher unter Berlin

Am größten Auffangbecken in der Stadt wird noch gebaut. Mit einer Tiefe von 30 Metern wird der runde Betonbau nach seiner Fertigstellung im Jahr 2026 fast 17.000 Kubikmeter Regenwasser fassen. Das entspricht etwa der Größe von sieben olympischen Schwimmbecken.

Wenn es stark regnet und das Berliner Abwassersystem überzulaufen droht, wird das überschüssige Wasser in den Becken gespeichert. Anschließend wird es in eine Kläranlage gepumpt und erst dann wieder in die Kanäle und Flüsse Berlins, etwa die Spree, eingeleitet.

So wird verhindert, dass Fäkalien und Abwässer bei Starkregen in die Spree gespült werden, sagt Astrid Hackenesch-Rump, Sprecherin der Berliner Wasserbetriebe (BWB). Die BWB sind für die Trinkwasserversorgung sowie für das Abwasser-Management der Stadt verantwortlich.

"Bei diesem Programm geht es nicht nur um Ressourcenschonung und Trockenheit, sondern auch um die Vermeidung von Mischwasserüberläufen", so Hackenesch-Rump.

Kanalisation bei Starkregen überfordert

Sogenannte Mischwasserüberläufe treten in solchen Wassersystemen auf, in denen Regenwasser und häusliche Abwässer im selben Rohrnetz gesammelt werden. Diese Systeme waren ursprünglich dafür ausgelegt, das gesamte Abwasser zu einer Kläranlage zu leiten, bevor es in natürliche Gewässer eingeleitet wird.

Bei starken Regenfällen kann die Wassermenge, die in das System gelangt, jedoch dessen Kapazität übersteigen. In diesem Fall fließt das überschüssige Wasser - bestehend aus Regenwasser und unbehandeltem Abwasser - direkt in nahegelegene Flüsse.

Rund 2000 der 10.000 Kilometer Abwasserkanäle der Stadt sind Mischwassersysteme mit Überläufen an 180 Stellen. Die Überläufe sind Öffnungen im Abwassersystem, die in die Spree führen, erklärt Hackenesch-Rump.

Wenn zu viel Regen die Fische sterben lässt

Im Vergleich zu anderen Städten sind Berlins Wasserwege relativ klein und das Wasser fließt dort vergleichsweise langsam. Das ist anders als beispielsweise in größeren Flüssen wie dem Rhein, im Westen Deutschlands, der durch Köln und viele andere Städte fließt. Er hat eine durchschnittliche Fließgeschwindigkeit von 2200 Kubikmetern Wasser pro Sekunde und kann sich daher recht schnell reinigen.

"In Berlin haben wir einen Durchfluss von weniger als zehn Kubikmetern pro Sekunde. Deswegen bleibt das, was da hineingeflossen ist, natürlich eine ganze Weile liegen", sagt Hackenesch-Rump. "Deshalb führen diese Abwasserüberläufe regelmäßig zu Fischsterben und Sauerstoffmangel in den Gewässern."

Doch den Berliner Wasserplanern wurde bald klar, dass die neuen Regenwasserbecken das Problem zwar eindämmen, aber nicht komplett beheben können. Der Grund: Die meisten Flächen Berlins sind bebaut, dort kann das Wasser nicht mehr in den Boden versickern oder von Pflanzen aufgesaugt werden. Stattdessen fließt es vom Beton oder Asphalt in die Kanalisation und kann sich dort mit anderem Abwasser vermischen. "Ein Prozent mehr Versiegelung führt zu drei Prozent mehr Überläufen", so Hackenesch-Rump.

Das Schwammstadt-Konzept: mehr als nur Wasserspeicher

"Das bedeutet, dass wir das Ziel, die Überschwemmungen zu reduzieren, zwar nicht erreichen konnten. Aber immerhin haben wir den Status quo beibehalten. Das heißt, wenn wir [die Becken] nicht gebaut hätten, wäre das Problem noch größer."

Der Berliner Senat und die Wasserbetriebe BWB haben deshalb eine sogenannte "Regenwasseragentur" gegründet. Die Agentur berät Stadtplaner bei der Gestaltung von begrünten Dächern und Gebäuden. Sie soll außerdem innovative Ideen für das Auffangen und Speichern von Regenwasser entwickeln, damit es sich nicht mit dem Abwasser vermischt.

Zudem hat die Stadt Berlin ein Gesetz erlassen, das besagt, dass auf einem neuen Baugrundstück nur ein kleiner Teil des Regenwassers in die Kanalisation fließen darf. Der Rest muss entweder verdunsten oder im Boden versickern.

So wurde beispielsweise vor kurzem ein neuer Wohnblock mit einem großen Teich in einer kleinen Grünanlage gebaut, der das Regenwasser auffängt. Die Pflanzen helfen bei der Reinigung des Wassers, das dann für die Bewässerung verwendet werden kann. Begrünungsmaßnahmen wie diese tragen auch dazu bei, die Stadt abzukühlen und vor Überflutungen zu schützen.

"Um die Wasserkrise zu lösen, brauchen wir die Bereitschaft der Menschen, über Grenzen hinaus zu denken - und sei es nur über die eigene Grundstücksgrenze", so Hackenesch-Rump.

Adaptiert aus dem Englischen Jeannette Cwienk

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Image caption Mitten im Herzen von Berlin wird ein riesiger Wasserspeicher gebaut
Image source Sven Bock/Berliner Wasserbetriebe
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Item 26
Id 73758028
Date 2025-08-27
Title Von Brasilien bis Peru: Lateinamerika setzt auf die Schiene
Short title Von Brasilien bis Peru: Lateinamerika setzt auf die Schiene
Teaser Die Zukunft heißt Eisenbahn: Riesige Infrastrukturprojekte zwischen dem Rio Bravo und Feuerland sollen die Wettbewerbsfähigkeit des Kontinents erhöhen. Sie haben das Potential, die globalen Handelsströme neu zu ordnen.
Short teaser Riesige Infrastruktur-Projekte zwischen dem Rio Bravo und Feuerland sollen die globalen Handelsströme neu ordnen.
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Für Brasiliens Planungsministerin Simone Tebet sind ihre Infrastrukturpläne eine Art industrielle Revolution: "Wenn dieses Projekt verwirklicht wird, werden wir die gesamte Wirtschaftslandschaft Brasiliens verändern." Gemeint ist die "Ferrovia Bioceânica", die transozeanische Eisenbahnlinie, die die brasilianische Atlantikküste mit dem neuen peruanischen Megahafen Chancay an der Pazifikküste verbinden soll.

Es wäre eine Art "Panamakanal auf Schienen". Die Dimensionen sind enorm: 3000 Kilometer lang ist die Strecke, rund 3,4 Milliarden US-Dollar sollen investiert werden.

Dahinter steckt die geopolitische Strategie, dass Brasilien unabhängiger von den USA wird. Allerdings zum Preis einer größeren Abhängigkeit von China, das sowohl den Hafen in Peru als auch die Eisenbahnlinie finanziert und damit auch kontrollieren wird.

Brasilianische Wirtschaft profitiert

"Brasilien hat keine Küste am Pazifik. Brasilianische Produkte mit Ziel Asien müssen einen langen Weg zurücklegen. Entweder durch den Panamakanal oder um das Kap der Guten Hoffnung herum. Eine direkte Landverbindung zum Pazifik für die brasilianischen Regionen, die große Produzenten von Agrarrohstoffen und Mineralien für den Export sind, würde der brasilianischen Wirtschaft sehr zugute kommen", sagt der brasilianische Politikwissenschaftler Mauricio Santoro, der sich auf die brasilianisch-chinesischen Beziehungen konzentriert hat, im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Ministerin Tebet verspricht: "Das Eisenbahnprojekt wird Brasilien viel wettbewerbsfähiger machen. Es ist eine radikale Veränderung. Sie wird sich direkt auf Regionen im Norden, im Zentrum, im Landesinneren des Südostens und im Nordosten auswirken."

400 Milliarden für 55 Projekte

Das Leuchtturmprojekt Ferrovia Bioceânica steht in Lateinamerika über allem, aber auch andere Länder planen, ihre Infrastruktur zu modernisieren und setzen dabei auf Schienenprojekte. Laut der Entwicklungsbank für Amerika und die Karibik (CAF) gibt es in der Region derzeit 55 Eisenbahnprojekte, die derzeit Investitionen in Höhe von 400 Milliarden US-Dollar erfordern würden.

CAF-Präsident Sergio Díaz Granados warb auf einem eigens dazu organisierten "Internationalen Forum zur Wiederbelebung des Eisenbahnverkehrs" in Bogota dafür, "die Eisenbahn als Kraft für nachhaltige Entwicklung und Integration der Region neu zu denken". Genau das tun derzeit zahlreiche lateinamerikanische Länder und setzen darauf, neue Wirtschaftsinfrastrukturen aufzubauen oder Metropolregionen mit dem Umland besser zu vernetzen.

So plant die chilenische Staatsbahn EFE die Passagierstrecken Santiago-Melipilla (1,88 Milliarden US-Dollar) und Santiago-Batuco (950 Millionen US-Dollar). In der kolumbianischen Hauptstadt Bogota kommt das Metro-Projekt voran, das die Millionenmetropole mit den umliegenden Gemeinden in Cundinamarca besser vernetzen und den Verkehrsinfarkt innerhalb der Stadt bekämpfen soll.

Tren Maya startet mit Problemen

Bereits in Betrieb ist ein Projekt in Mexiko: Der "Tren Maya" soll einerseits touristische Stätten im Süden Mexikos miteinander verbinden, andererseits aber auch Fracht transportieren. Allerdings hat der Tren Maya Anlaufschwierigkeiten.

Zwar wurden seit Aufnahme des Betriebs bis Mitte August rund 1,36 Millionen Passagiere in insgesamt 7290 Fahrten mit dem Tren Maya befördert. Das entspricht nach offiziellen Angaben einem monatlichen Anstieg von 19 Prozent.

Das Fazit der mexikanischen Medien jedoch fällt bislang zurückhaltend aus. Der Tren Maya habe seit seiner Einweihung 5.807 Milliarden Pesos (266 Milliarden Euro) verloren, kommentiert das Fachportal El Financiero. Tren-Maya-Direktor Óscar David Lozano Águila hält dagegen: "Dank dieser Infrastrukturmaßnahme entwickelt sich die Region zu einem neuen Wirtschaftszentrum mit hohem mittel- und langfristigen Potenzial."

Im Nachbarland Guatemala ist das Interesse an einer Integration an den Tren Maya schon jetzt groß. "Wir glauben, dass Grenzen nicht trennen, sondern verbinden, und dass es die Pflicht benachbarter und befreundeter Länder ist, sich bestmöglich abzustimmen, um gemeinsame Entwicklungsziele in den Grenzregionen zu erreichen", sagte Guatemalas Präsident Bernardo Arevalo jüngst. In Kürze will die Regierung in Guatemala-Stadt ein Konzept vorstellen, wie der Anschluss an den Tren Maya organisatorisch und ökonomisch gelingen soll.

Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung von Ramona Samuel (Rio de Janeiro) und Nathaly Moreno (Bogota) verfasst.

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Image caption Der "Maya-Zug" im Konfettiregen: Eisenbahnprojekte wie dieses wecken große Hoffnungen in Lateinamerika
Image source Juan Carlos Buenrostro/picture alliance/dpa
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Item 27
Id 73758586
Date 2025-08-26
Title Syrien: Wer verantwortet die konfessionelle Gewalt?
Short title Syrien: Wer verantwortet die konfessionelle Gewalt?
Teaser Morde, Entführungen, Übergriffe: Die Gewalt in Syrien ist längst nicht überwunden. Über Ursachen und Hintergründe informiert unter anderem eine Untersuchung der Vereinten Nationen.
Short teaser Die Gewalt in Syrien ist längst nicht überwunden. Über die Hintergründe informiert unter anderem eine UN-Untersuchung.
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Vor mehr als einem Monat verschwand Hamza al-Amareen. Der 33-jährige Syrer, Leiter eines Notfallzentrums der syrischen Zivilschutzorganisation Weißhelme, wurde nach Angaben seiner Familie am 16. Juli aus seinem Fahrzeug entführt. Er war gerade von Löscharbeiten zurückgekehrt und unterstützte ein Team der Vereinten Nationen bei Evakuierungen nach den jüngsten Gewalttaten in der Region Suwaida, der Heimat der drusischen Minderheit in Syrien.

Kurz hatte seine Familie telefonischen Kontakt mit den Entführern. Danach, erklärten Verwandte, habe man von dem dreifachen Vater nichts mehr gehört.

"Humanitäre Helfer werden normalerweise nicht ins Visier genommen", schreibt al-Amareens Familie der DW in einem E-Mail-Interview. "Sie haben nichts mit Konflikten zu tun. Hamza gehörte keiner Seite an, sein Engagement war rein humanitärer Art." Seine Familie vermutet, dass Al-Amareen von einer drusischen Miliz in Suwaida gefangen gehalten wird. Sie will nicht ausschließen, dass er nur aufgrund seiner sunnitischen Religionszugehörigkeit entführt wurde. Gewalt wird in Syriens Konflikten von vielen Seiten angewendet.

Die Mitte Juli ausgebrochene Gewalt in Suwaida forderte den Tod von schätzungsweise fast 1700 Menschen. Sie ist nicht der einzige Fall dieser Art: Im März kamen bei Kämpfen in den hauptsächlich von der alawitischen Minderheit bewohnten Küstengebieten laut Menschenrechtlern rund 1000 Menschen ums Leben.

Verschärft werden die Zusammenstöße durch zahlreiche Des- und Fehlinformationen, durch Vorurteile und Verschwörungstheorien zur Frage, wer für die schlimmste Gewalt verantwortlich sei.

"Niemand kennt die Fakten", sagtetwa ein lange vor Beginn des Bürgerkriegs 2011 nach Deutschland übersiedelter Syrer der Website "Syria in Transition". "Die Interpretation der Verantwortlichen hängt ganz von der politischen Perspektive ab."

Verschiedene Untersuchungen

Im Juli veröffentlichte die Übergangsregierung eine Untersuchung über die Gewalt vom März dieses Jahres. Das Papier identifizierte 298 mutmaßliche Täter, die mit militärischen Gruppierungen zumindest aus dem Umfeld der Übergangsregierung in Verbindung stehen. Hinzu kamen 265 weitere mutmaßliche Täter, die mit dem ehemaligen Assad-Regime verbunden sein sollen.

In der vergangenen Woche veröffentlichte eine mit der Überwachung von Menschenrechtsverletzungen in Syrien beauftragte unabhängige internationale Untersuchungskommission der UN einen Bericht, der die Gewalt Anfang März noch detaillierter beschreibt. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass die Gewalt in den alawitisch geprägten Küstengebieten "einem systematischen Muster an mehreren, weit verstreuten Orten folgte". Dies könnte auf eine "organisierte Politik innerhalb bestimmter Gruppierungen oder Privatpersonen" hindeuten. Den Ermittlern zufolge gab es hingegen "keinen Beweis für eine Regierungspolitik oder einen Plan zur Durchführung solcher Angriffe".

Der Bericht dokumentiert 42 Vorfälle, mehr als 200 Zeugen wurden befragt. Er zeigt nicht zuletzt, wie chaotisch die Lage im Gesamten war. So schützten beispielsweise in einigen Städten regierungsnahe Kämpfer Zivilisten, während andere zur selben Zeit und in derselben Stadt offenkundig an Kriegsverbrechen und Plünderungen beteiligt waren.

Der Bericht stellte fest, dass es auf allen Seiten Gewalt, außergerichtliche Tötungen, religiös motivierte Übergriffe und Fehlverhalten gab - sogar von Zivilisten, die die Situation als Deckmantel für eigene Gewalttaten nutzten.

Die Eruption der Gewalt sei nachvollziehbar, sagte Aaron Zelin, Senior Fellow am Washington Institute. Er verweist auf eine frühere Untersuchung der syrischen Regierung. Diese ging davon aus, dass 200.000 Menschen auf die eine oder andere Weise an der Gewalt an der Küste beteiligt waren. Die islamistische Rebellenmiliz Haiat Tahrir al-Sham, deren Mitglieder heute die Übergangsregierung anführen und die das Rückgrat der neuen Armee bildet, hatte allerdings selbst früher schätzungsweise nur 30.000 bis 60.000 Kämpfer in ihren Reihen.

Jahrzehntelanges Misstrauen

"Der Krieg in Syrien endete nicht wie von Zauberhand mit Assads Sturz", sagt Lars Hauch, Forscher bei der britischen Beratungsfirma Conflict Mediation Solutions und leitender Herausgeber der Webseite "Syria in Transition". Er dauere indirekt weiterhin an. Auch die Einmischung von außen und regionale Rivalitäten seien noch nicht überwunden: "Syrien ist geprägt von Traumata, die Generationen zurückreichen. Zudem leidet das Land unter konfessionellen Spaltungen, unter digital verbreiteten Falschinformationen sowie mangelnder Regierungsführung."

Experten zufolge hat das Assad-Regime mit brutaler Gewalt gegen eigene Staatsbürger ethnische und konfessionelle Spaltungen gezielt angefacht. Jahrzehntelang aufgestaute Antipathien kommen nun, nach dem Ende der Diktatur, zum Vorschein. Einige syrische Zivilisten nutzen das relative Sicherheitsvakuum, um sich an denjenigen zu rächen, die ihnen während der Diktatur Schaden zufügten. Zusammen mit der Verbreitung gezielter Fehlinformationen erschwert dies die Aufklärung über Unrecht und Verantwortlichkeiten.

"Infolge des Krieges ist das Land außerdem mit Waffen überschwemmt", so Zelin weiter. "Viele Personen sind für die Gewalt verantwortlich, denn der Staat hat faktisch kein Gewaltmonopol. Daher wird die Gewalt höchstwahrscheinlich so weitergehen, bis sich diese Dynamik ändert."

Klima von "Straflosigkeit und Angst"

Beobachter und zivilgesellschaftliche Aktivisten sehen die Verantwortung für Befriedung und Aussöhnung bei der Übergangsregierung. "Die vom Assad-Regime etablierten Normen müssen überwunden werden. Darum muss die Übergangsregierung dringend handeln", meint auch Razan Rashidi, Geschäftsführerin der in Großbritannien beheimateten Menschenrechtsorganisation 'The Syria Campaign' im DW-Interview: "Die Regierung muss die Zivilbevölkerung schützen und ihre Streitkräfte zur Rechenschaft ziehen. Angriffe auf humanitäre Helfer und die Einschüchterung von Journalisten und Vertretern der Zivilgesellschaft werden die im ganzen Land verfestigte Kultur der Straflosigkeit und Angst weiter verstärken."

Die Familie des vermissten Entwicklungshelfers Hamza al-Amareen kann derweil nur abwarten. Sie fordert die syrische Übergangsregierung und internationale Organisationen dazu auf, Druck auf die Miliz auszuüben, die ihn festhält. "Wir sind unter allen Umständen gegen die Spaltung Syriens", sagt sie. "Wir haben Freunde aus allen Konfessionen in Syrien. Und wir hoffen weiterhin auf eine Verbesserung der Lage, denn wir glauben an eine bessere, sicherere Zukunft für unser Land."

Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.

Item URL https://www.dw.com/de/syrien-wer-verantwortet-die-konfessionelle-gewalt/a-73758586?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (460 x 259) https://static.dw.com/image/73694155_302.jpg
Image caption Rund 1700 Personen kamen bei den Kämpfen in der Region Suwaida ums Leben
Image source Abdulaziz Ketaz/AFP/Getty Images
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Item 28
Id 73758872
Date 2025-08-26
Title Republik Moldau: Wechselvolle Geschichte, fragile Gegenwart
Short title Republik Moldau: Wechselvolle Geschichte, fragile Gegenwart
Teaser Mit der schweren historischen Last einer langen russischen und sowjetischen Herrschaft im Gepäck sucht die Republik Moldau seit 1991 als "zweiter rumänischer Staat" einen eigenen Weg. Russland will das nicht zulassen.
Short teaser Die Republik Moldau sucht seit 1991 als "zweiter rumänischer Staat" einen eigenen Weg. Russland will das nicht zulassen.
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Seit dem Beginn des vollständigen russischen Krieges gegen die Ukraine im Februar 2022 taucht auch deren kleiner südlicher Nachbar, die Republik Moldau, immer öfter in der Berichterstattung auf. Im Frühjahr 2022 sah es so aus, als könne Russland bald auch in die Republik Moldau einmarschieren. Mit einer Besetzung des militärisch so gut wie wehrlosen Landes wäre die Ukraine in einen Zwei-Fronten-Krieg geraten und Russland stünde an der Südostgrenze der NATO und der Europäischen Union.

Daher widmen europäische, darunter auch deutsche Politiker, der Republik Moldau seither so viel Aufmerksamkeit wie nie zuvor. Sie erhielt zusammen mit der Ukraine im Juni 2022 als Solidaritätsgeste der EU den Status eines Beitrittskandidaten. Einige europäische Länder, darunter vor allem Deutschland, unterstützen die Republik Moldau militärisch. Zum Unabhängigkeitstag am 27. August reisen Bundeskanzler Friedrich Merz, der französische Staatspräsident Emmanuel Macron und der polnische Ministerpräsident Donald Tusk in das Land - eine historische Geste.

Für Nicht-Experten ist allerdings vieles verwirrend: Warum ist die Amtssprache in der Republik Moldau Rumänisch? Worum geht es im Transnistrien-Konflikt? Und wer sind die Gagausen? Hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie wurde die Republik Moldau ein eigenständiger Staat?

Der größte Teil des heutigen moldauischen Territoriums, das Gebiet zwischen den Flüssen Dnister und Pruth, gehörte historisch zum Fürstentum Moldau, dessen westlicher Teil heute in Rumänien liegt. Der historische Name des Gebiets zwischen Dnister und Pruth, Bessarabien, geht auf das mittelalterliche Fürstengeschlecht Basarab zurück. 1812 annektierte Russland das Gebiet, bis 1917 gehörte es zum russischen Imperium. Ende 1917 wurde eine von Russland unabhängige moldauische Republik ausgerufen. Ein Jahr später erklärte sie ihren Anschluss an Rumänien. Als Folge des Hitler-Stalin-Pakts ließ Stalin Bessarabien 1940 erneut annektieren und machte es - zusammen mit Teilen einer am östlichen Ufer des Dnister bereits bestehenden moldauischen Autonomen Sowjetrepublik - zu einer eigenen Sowjetrepublik. Diese erklärte sich am 27. August 1991, wenige Tage nach dem Moskauer Putsch, für unabhängig.

Moldawien oder Republik Moldau?

Moldawien geht zurück auf den mittelalterlichen lateinischen Namen des Fürstentums, ist als Landesbezeichnung heute aber durch die phonetische Übersetzung des russischen "Moldawija" russisch/sowjetisch konnotiert und erinnert an die stalinistische Zeit mit den Massenmorden und Massendeportationen von Moldauern und der brutalen Russifizierungspolitik. Der moldauische Staat wird in offiziellen deutschsprachigen Dokumenten und Aufschriften als Republik Moldau bezeichnet. Seine Vertreter legen Wert darauf, dass diese Bezeichnung im Deutschen respektiert wird.

Welche Volksgruppen leben in der Republik Moldau?

Die Moldauer machen heute etwa drei Viertel der rund 3,4 Millionen Einwohner aus. Sie sprechen Rumänisch in einer Mundart, die lediglich phonetisch leicht, nicht aber grammatikalisch oder lexikalisch vom Hochrumänischen abweicht und lediglich einige Regionalismen aufweist. Die größte nationale Minderheit sind die Ukrainer, danach folgen Gagausen, Russen, Bulgaren und Roma, außerdem gibt es eine kleine Zahl von Polen und Deutschen.

Rumänisch oder Moldauisch?

Da nahezu identisch mit dem Rumänischen, ist Moldauisch keine anerkannte eigene Sprache. Mehr als drei Jahrzehnte lang gab es jedoch einen politisch motivierten Streit um die Bezeichnung der moldauischen Amtssprache - sie wurde bis 2023 in der Verfassung als Moldauisch geführt. Beispielsweise beharrten einige ehemalige Staatspräsidenten darauf, dass sie Moldauisch sprächen, nicht aber Rumänisch. Bereits 2013 hatte das Verfassungsgericht jedoch entschieden, dass der Name der Sprache Rumänisch ist. In der gesamten geschriebenen Sprache wird in der Republik Moldau ausnahmslos das Standardrumänisch verwendet. Ganz ähnlich wie in Österreich das Standarddeutsch verwendet wird.

Diskriminierung von Russischsprachigen?

Obwohl nicht Amtssprache, war das Russische nach der Unabhängigkeit 1991 in den Städten und in einigen Regionen der Republik Moldau viele Jahre vorherrschende Verkehrssprache, während das Rumänische den Ruf einer Küchen- und Bauernsprache hatte. Eine Diskriminierung russischsprachiger Menschen fand und findet nicht statt. Obwohl Kenntnisse des Rumänischen für Staatsbeamte und einen Teil der Berufe im öffentlichen Dienst vorgeschrieben sind, erfüllen manche diese Verpflichtung noch immer nicht. Der moldauische Staat verzichtet aber auf Sanktionen und bietet kostenlos Rumänisch-Kurse an.

Worin besteht der Transnistrien-Konflikt?

Als in den Jahren 1989 bis 1991 in der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik eine Bewegung der nationalen rumänischen Wiedergeburt immer mehr Auftrieb gewann, kam es in der dortigen kommunistischen Partei zu Machtkämpfen zwischen Reformern, die auf den Zug der neuen Nationalbewegung aufsprangen, und moskautreuen Hardlinern. Letztere riefen in dem Landstreifen Transnistrien am östlichen Ufer des Dnister noch vor der Unabhängigkeit der Republik Moldau ein separatistisches Regime aus. Es begründete diesen Schritt mit der angeblichen Diskriminierung Russischsprachiger und mit dem Widerstand gegen eine mögliche Wiedervereinigung mit Rumänien. Als die Armee und die Sicherheitskräfte der Republik Moldau im Frühjahr 1992 versuchten, die Separatisten zu entmachten, griff das in Transnistrien seit Sowjetzeiten stationierte russische Militär gegen die legitimen Machthaber ein. Russland führte damit seinen ersten postsowjetischen Krieg gegen ein unabhängiges Land.

Nach dem Ende der Kämpfe im Frühsommer 1992 und einem bis heute anhaltenden Waffenstillstand etablierte sich in Transnistrien ein international und auch von Russland nicht anerkanntes, diktaturähnliches Regime. Diese wird politisch und ökonomisch von ehemaligen und teils noch aktiven russischen Geheimdienstoffizieren organisiert und gemanagt. Das Regime finanzierte sich bisher im Wesentlichen durch russische Gaslieferungen, die von der Republik Moldau bezahlt wurden. Nach dem fast vollständigen Ende der Gaslieferungen seit Anfang 2025 ist die Zukunft des Gebiets offen. Obwohl die Moldauer auch in Transnistrien die relative Bevölkerungsmehrheit bilden, ist faktisch Russisch alleinige Verkehrssprache. Rumänisch (Moldauisch) in lateinischer Schrift zu schreiben, ist in Transnistrien verboten.

Gagausien und die Gagausen

Die Gagausen sind eine turksprachige, christlich-orthodoxe Volksgruppe mit geschätzt 200.000 Angehörigen. Rund 150.000 von ihnen leben im Süden der Republik Moldau. Sie wanderten im 18. und 19. Jahrhundert aus Gebieten im heutigen Bulgarien in die Region ein. Nach der Unabhängigkeit der Republik Moldau 1991 gab es unter den politischen Vertretern der Gagausen Unabhängigkeitsbestrebungen, die 1994 mit dem Autonomiestatut für die Gagausen beendet wurden. Es ist eines der weitgehendsten Autonomiestatute in Europa; nur in der Außen-, Sicherheits- und Währungspolitik ist Gagausien der moldauischen Zentralregierung untergeordnet.

Obwohl selbst Opfer russischer und sowjetischer Assimilierungs- und Repressionspolitik, sind die Gagausen heute weitgehend russischsprachig und überwiegend prorussisch orientiert, weshalb es immer wieder zu Konflikten mit der Zentralregierung kommt.

Der lange Arm Moskaus

Jahrzehntelang waren russische Gaslieferungen sowie der willkürliche Importstopp moldauischer Agrarprodukte nach Russland der Hebel, mit dem der Kreml in der Republik Moldau immer wieder eine prorussische Politik erzwingen konnte. Beides ist inzwischen weggefallen, da sich die Republik Moldau ökonomisch von Moskau losgelöst hat.

Dafür hat Russland in den vergangenen Jahren seine hybride und propagandistische Kriegsführung über prorussische Parteien und Politiker wie Ilan Shor intensiviert. Wie erfolgreich Russland damit ist, zeigte sich beim sehr knapp ausgegangenen EU-Referendum im Herbst 2024.

Wiedervereinigung mit Rumänien?

Etwa 860.000 moldauische Bürgerinnen und Bürger haben auch die rumänische Staatsbürgerschaft - rund ein Viertel aller Staatsbürger, darunter auch die derzeitige moldauische Staatspräsidentin Maia Sandu. Der Grund bei den meisten sind die Reisefreiheit und die Arbeitsmöglichkeiten in der EU, da viele Moldauer im EU-Ausland arbeiten. Eine Wiedervereinigung der Republik Moldau mit Rumänien steht kurz- und mittelfristig jedoch nicht an - laut Umfragen von Mitte 2025 wären rund 60 Prozent der Moldauer dagegen, darunter auch viele rumänischsprachige. In Rumänien herrscht verbreitet ein kulturelles Überlegenheitsgefühl gegenüber den Moldauern, zudem lebt in der Republik Moldau die Erinnerung an die Zeit Großrumäniens fort, als Bessarabien als rückständige Provinz und Ort für Strafversetzungen für Beamte galt. Allerdings werden die Wege beider Staaten wegen ihrer gemeinsamen Geschichte, Kultur und Sprache künftig immer enger werden - ob das langfristig in eine Wiedervereinigung mündet, ist offen.

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Image caption In der Republik Moldau stoßen proeuropäische und prorussische Kräfte aufeinander
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Item 29
Id 73772414
Date 2025-08-26
Title Frankreichs Haushaltskrise: Regierung zockt um Vertrauen
Short title Frankreichs Haushaltskrise: Regierung zockt um Vertrauen
Teaser Premier Bayrou ringt ums Budget und stellt die Vertrauensfrage. Scheitert der Zentrumspolitiker, könnte Frankreich in nur 20 Monaten schon den fünften Regierungschef erleben - ein Novum in der jüngeren Geschichte.
Short teaser Scheitert Premier Bayrou, könnte Frankreich in nur 20 Monaten schon den fünften Regierungschef erleben - ein Novum.
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Als François Bayrou an diesem Montag vor die Presse tritt, wirkt er gefasster, als man es von einem Politiker auf Abruf erwarten würde: ruhige Stimme, ernster Blick. Er habe den Präsidenten gebeten, das Parlament am 8. September zu einer außerordentlichen Sitzung einzuberufen, um noch vor Beginn der Haushaltsdebatten im Parlament die Vertrauensfrage zu stellen.

Der Premier möchte mit dieser überraschenden Entscheidung Rückhalt für das geplante Sparbudget gewinnen, das in Frankreich auf große Ablehnung stößt. Die Minderheitsregierung plant Einsparungen von gut 44 Milliarden Euro, um das Defizit im kommenden Jahr auf 4,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu senken - noch immer weit entfernt von den EU-Kriterien. Zu den symbolträchtigen Maßnahmen zählt auch das Streichen zweier Feiertage.

Mit der Vertrauensabstimmung wagt Bayrou einen Schritt, der nicht nur seine eigene Karriere bedroht. Scheitert er, müsste Präsident Emmanuel Macron wohl innerhalb von gut 600 Tagen den vierten Premier austauschen und einen fünften Regierungschef ernennen - nach Élisabeth Borne, Gabriel Attal und Michel Barnier. Ein Verschleiß, wie man ihn sonst nur mit den Krisenjahren der Dritten Republik verbindet.

Frankreichs Innenpolitik: vergleichbar mit 1932/33?

Damals, zu Beginn der 1930er Jahre, taumelte Frankreich durch die Folgen der Weltwirtschaftskrise. Regierungen kamen und gingen, Premierminister stürzten im Monatsrhythmus. Zwischen 1932 und 1933 verschliss die Dritte Republik sechs Regierungschefs. Ein Rekord, der ihre politische Lähmung offenbarte.

Die Ursache war fast immer dieselbe: der Streit um das Budget, das Königsrecht des Parlaments. Jeder Versuch, die Bücher zu schließen, zerbrach am Widerstand der Abgeordneten. Steuererhöhungen, Kürzungen, Sonderabgaben - sämtliche Pläne scheiterten. So wurde der Haushalt zum Stolperstein, der das Vertrauen in die Demokratie zersetzte und die III. Republik lähmte.

Bayrous Dilemma heute

Neunzig Jahre später klingt manches vertraut. Heute drückt Frankreich ein Schuldenberg von über 3000 Milliarden Euro, die Zinslast frisst jedes Jahr Dutzende Milliarden aus dem Etat. Brüssel mahnt Sparsamkeit und die Finanzmärkte beobachten die Pariser Politik mit Argusaugen.

Nach Bayrous Ankündigung reagierte die Börse mit fallenden Kursen und steigenden Zinsen für die Staatsanleihen, die in diesem Monat sogar zeitweise über das Niveau Griechenlands gestiegen sind. Ohne glaubwürdigen Konsolidierungsplan droht Paris eine Herabstufung durch Ratingagenturen.

Die Regierung setzt mit ihrem Budget auf eine Mischung aus Subventionskürzungen, gebremstem Wachstum der Sozialausgaben und moderaten Steuererhöhungen für Spitzenverdiener und damit auf einen "Sparkurs light", wie ihn Ökonomen seit Jahren fordern. Doch das Problem liegt nicht in den Zahlen, sondern im Parlament.

Frankreichs Opposition: geeint gegen den Premier

Seit den Wahlen vom Sommer 2024 hat die Regierung keine absolute Mehrheit im Parlament, das sich faktisch in drei große Blöcke teilt: die extreme Rechte des Rassemblement National (RN), die den Präsidenten stützende Mitte und das Linksbündnis.

Der RN setzt nun offen auf Neuwahlen. "Wir werden gegen die Vertrauensfrage stimmen. Nur eine Auflösung wird den Franzosen die Chance geben, über ihre Zukunft zu entscheiden", erklärte Marine Le Pen auf der Plattform X, die nach einem Gerichtsverfahren bei Neuwahlen wohl nicht noch einmal antreten dürfte. Statt zu sparen, fordert der RN Investitionen in Polizei, Armee und die Stärkung der Kaufkraft. Finanzieren will die Partei dies über neue Schulden.

Auch von links heißt es, Bayrou wähle den falschen Hebel. Die extreme Linke von La France Insoumise (LFI) plant für den 10. September eine generalstreik-artige Protestaktion. Aber auch Grüne, Kommunisten und Sozialisten schließen mittlerweile jede Unterstützung für den Premier aus, so dass aktuell keine Mehrheit für Bayrou in Sicht scheint. Sozialistenchef Olivier Faure spricht von einem "unfairen Haushalt" und versprach im TV-Interview ein "Alternativbudget", das mutmaßlich auf neue Steuern für Konzerne und Vermögende hinausläuft.

Auch im konservativen Lager ist der Sparkurs nicht unumstritten. Xavier Bertrand, Präsident der Region Hauts-de-France warnte davor, die Mittelschichten überproportional zu belasten. Eine zu harte Linie, so die Befürchtung, löse die Schuldenprobleme nicht und stärke lediglich den in den Umfragen führenden RN.

Regierung in Paris warnt vor IWF-Intervention

Die Regierung selbst wirbt derweil um Vertrauen und warnt zugleich vor den Folgen eines Scheiterns. Finanzminister Éric Lombard erklärte am Dienstag im französischen Radio, man wolle "keine Politik der Angst" betreiben, doch das Risiko sei real: Im schlimmsten Fall könnte sogar der Internationale Währungsfonds eingreifen.

"Unsere Verantwortung ist es, das Vertrauen der Märkte zu bewahren. Wir sind in der Spur", versicherte Lombard und warnte zugleich vor der wachsenden Zinslast. Bereits jetzt, so der Minister, drohe Frankreich bald höhere Kreditkosten zahlen zu müssen als Italien.

Für 2026 kündigte er ein "Budget de redressement et d'équité" an, einen "Haushalt der Sanierung und der Fairness". Geplant sind Einsparungen in Höhe von 44 Milliarden Euro. Die stärksten Schultern sollten auch dazu stärker beitragen, damit die Bevölkerung erkenne, dass es beim Sparen gerecht zugehe, so der Finanzminister. "Die Franzosen müssen sehen, dass das Opfer geteilt wird."

François Bayrou: ein Premier auf Abruf

Premier Bayrou sitzt in der Zwickmühle. Ohne deutliche Einschnitte verliert er das Vertrauen der Märkte. Mit harten Einschnitten bekommt er keine Parlamentsmehrheit für den Haushalt 2026. Die Vertrauensfrage ist damit auch eine Wette auf die Stabilität des ganzen Systems.

Scheitert der Premier am 8. September, steht Präsident Macron, der das Sparbudget ausdrücklich unterstützt, vor schwierigen Entscheidungen. Ruft er nach nur einem Jahr erneut Parlamentswahlen aus? Setzt er auf eine Expertenregierung oder einen Premier aus einem anderen Lager? Oder stellt er, anderthalb Jahre vor der Präsidentschaftswahl, sogar sein eigenes Mandat infrage und ebnet den Weg für einen vorzeitigen Machtwechsel?

Für den Moment jedenfalls bleibt die zentrale Frage unbeantwortet: Wie regiert man ein Land, dessen Finanzen aus dem Ruder laufen, wenn keine Mehrheit bereit ist, die Lasten zu tragen?

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Image caption Pokert mit der Vertrauensfrage: Premierminister François Bayrou
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Item 30
Id 73765902
Date 2025-08-26
Title Polens Präsident blockiert Sozialhilfe für Ukrainer
Short title Polens Präsident blockiert Sozialhilfe für Ukrainer
Teaser Polens rechtsnationaler Staatschef Karol Nawrocki hat mit seinem Veto die Verlängerung der Hilfen für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine blockiert. Die Regierung sucht nach einer Lösung für Hunderttausende Menschen.
Short teaser Der Streit zwischen Polens neuem rechtsnationalen Staatschef Karol Nawrocki und der Regierung Donald Tusk eskaliert.
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Der Zeitpunkt für den Paukenschlag war wahrscheinlich mit Absicht gewählt: Ausgerechnet am Montag (25.08.2025), einen Tag nach dem Unabhängigkeitstag der Ukraine, gab der polnische Präsident Karol Nawrocki bekannt, dass er Einspruch gegen das Ukraine-Hilfen-Gesetz der Regierung eingelegt hat. Es sollte ukrainischen Flüchtlingen in Polen Unterstützung wie Kindergeld und Sozialhilfe bis März 2026 sichern. Die bisherige Regelung läuft Ende September aus.

"[Kindergeld] 800Plus sollte nur denjenigen Ukrainern zustehen, die in Polen arbeiten", sagte Nawrocki vor der Presse in Warschau. Im Gesundheitswesen würden die Ukrainer ohnehin bevorzugt, weil sie unabhängig davon, ob sie arbeiten und Beiträge in die Krankenversicherung einzahlen, behandelt werden. "Polnische Staatsbürger werden im eigenen Staat schlechter behandelt als unsere Gäste aus der Ukraine. Ich bin damit nicht einverstanden", betonte das Staatsoberhaupt und wiederholte seinen Spruch aus dem Wahlkampf: "Zuerst Polen, zuerst die Polen."

Seit Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine im Februar 2022 sind rund eine Million Ukrainer ins Nachbarland Polen geflohen, die meisten von ihnen sind Frauen und Kinder. Das Veto des Präsidenten bringt die Regierung von Donald Tusk in die Bredouille. Sie muss nun eine Lösung finden, sonst stehen die Flüchtlinge in Kürze ohne jede rechtliche Grundlage da.

Nawrocki: Stimmung hat sich geändert

Die Finanzlage sowie die politische und gesellschaftliche Stimmung in Polen hätten sich in den vergangenen dreieinhalb Jahren grundlegend geändert, sagte Nawrocki. Das mache eine Korrektur der bisherigen Politik notwendig. Der Staatschef versicherte aber, dass die Unterstützung der Ukraine im Konflikt mit Russland Polens "strategisches und geopolitisches Ziel" bleibe.

Er kündigte einen eigenen Gesetzentwurf an, in dem die Sozialleistungen und die Gesundheitsversorgung neu geregelt werden sollen. Auch die Voraussetzungen für die Einbürgerung sollen verschärft und die Strafen für den illegalen Grenzübertritt erhöht werden.

"Nawrocki hat sein antiukrainisches Gesicht gezeigt", kommentiert die Tageszeitung Gazeta Wyborcza am Dienstag (26.08.2025). Er wolle damit seine Nähe zu antiukrainischen Nationalisten demonstrieren, schreibt der Kommentator Roman Imielski.

Erinnerung an das Massaker von Wolhynien

Der promovierte Historiker Nawrocki schlug darüber hinaus vor, die Zeichen der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) um Stepan Bandera und ihres militärischen Arms, der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) mit den Symbolen der Nazis und der Kommunisten gleichzusetzen und im Strafrecht zu verbieten.

Die UPA hatte im Jahr 1943 in Wolhynien, einem Gebiet, das vor dem Zweiten Weltkrieg zu Polen gehört hatte und nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 deutsch besetzt wurde, einen brutalen Kampf gegen die dortige polnische Bevölkerung aufgenommen, um das Gebiet ethnisch zu säubern. Die Zahl der polnischen Opfer wird auf ca. 100.000 geschätzt. In der Ukraine wird Bandera als Held des Widerstandes gegen die Sowjetisierung der Ukraine verehrt, in Polen gilt er als verantwortlich für den Völkermord an den Polen.

Kein Starlink-Internet in der Ukraine?

Der Vizepremier und Digitalisierungsminister Krzysztof Gawkowski warnte, dass das Veto des Präsidenten auch die Finanzierung der Internetverbindung für die Ukraine gefährde. Polen finanziert die Versorgung der Ukraine mit dem Kommunikationsdienst Starlink von Elon Musk mit 43 Millionen Euro jährlich. Die Verlängerung des Gesetzes bis ins nächste Jahr hätte auch die Fortsetzung dieser Finanzierung sichergestellt. Mit seiner Entscheidung sei das Staatsoberhaupt das Risiko eingegangen, dass in der Ukraine "de facto das Internet abgeschaltet wird" - in den Schulen, Krankenhäusern und auch in der Steuerverwaltung. Er könne sich kein besseres Geschenk für Putins Armee als das Abschalten des Internets in der Ukraine vorstellen, so Gawkowski auf dem Kurznachrichtendienst X.

"Karol Nawrocki hat das ganze System [der Hilfen für die Ukrainer] umgestürzt. Das kann verheerende Folgen für den Arbeitsmarkt, für Tausende polnische Firmen, sowie für die Beziehungen zu unseren Nachbarn haben. Es kann sein, dass wir Hunderttausende Beschäftigte verlieren", kommentiert Boguslaw Chrabota in der Tageszeitung Rzeczpospolita.

Ukrainer tragen zum wirtschaftlichen Erfolg bei

Aus einem Bericht der staatlichen BGK-Bank geht hervor, dass das Kindergeld für ukrainische Familien 2,8 Milliarden Zloty (ca. 600 Millionen Euro) kostet, während die von Ukrainern einbezahlten Steuer- und Sozialbeiträge 15,1 Milliarden Zloty (ca. 3,5 Milliarden Euro) betragen. Dank der Ukrainer wächst das polnische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,5-2,4 Prozent jährlich.

Trotz der ökonomischen Vorteile hat sich die Stimmung gegenüber den ukrainischen Flüchtlingen dreieinhalb Jahre nach dem russischen Angriff gedreht. Laut einer Untersuchung des Mieroszewski-Zentrums vom Ende 2024 halten 51 Prozent der Befragten die Sozialhilfen für die Ukrainer für zu hoch, nur fünf Prozent für zu niedrig. Eine Forschungsgruppe der Universität Warschau hat im Februar mitgeteilt, dass sich 96 Prozent der Befragten eine Einschränkung finanzieller Hilfen für die Flüchtlinge wünschten.

Nawrocki hat sein Amt am 6. August angetreten. Er baut das Präsidialamt, in dem Politiker der rechtskonservativen Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) das Sagen haben, zu einem alternativen Machtzentrum aus. Sein Ziel ist es, die Regierung von Tusk maximal zu schwächen, um der PiS eine Rückkehr zur Macht, wahrscheinlich mit der rechtsextremen und libertären Konfederacja, 2027 zu ermöglichen.

Treffen der Europäer mit Trump ohne Polen

Der heftige Streit zwischen Regierung und Präsident hat inzwischen auch die bisher verschonte Außenpolitik erreicht, in der das polnische Staatsoberhaupt eine gesetzlich verankerte Rolle spielt. Vor dem Treffen europäischer Staats- und Regierungschefs, hochrangiger Vertreter der EU und Präsident Wolodymyr Selenskyjs mit US-Präsident Donald Trump am 18. August hatten Nawrockis Mitarbeiter bei der amerikanischen Regierung interveniert. Sie hatten darauf gedrängt, dass der Staatschef und nicht Premier Tusk an der Zusammenkunft im Weißen Haus teilnehmen sollte. Wegen des Kompetenzstreits war letztendlich gar kein polnischer Vertreter bei dem Treffen anwesend.

Ein Besuch in Washington will Nawrocki nun am 3. September nachholen. Sein erster Auslandsbesuch gilt selbstverständlich seinem großen Vorbild: Donald Trump.

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Image caption Der neue polnische Präsident Karol Nawrocki versucht, die liberale Politik der Regierung von Donald Tusk zu torpedieren
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Item 31
Id 73759037
Date 2025-08-26
Title Filmfestspiele Venedig 2025: Jede Menge Stars
Short title Filmfestspiele Venedig 2025: Jede Menge Stars
Teaser Hollywood-Größen wie Julia Roberts, George Clooney und Cate Blanchett sind Gäste auf dem roten Teppich, Regielegende Werner Herzog wird geehrt - und auch die Politik ist ein Thema in Venedig, nicht nur auf der Leinwand.
Short teaser Hollywood-Größen, preiswürdige Filme, aber auch die Politik werden in diesem Jahr die Filmfestspiele in Venedig prägen.
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Im Hauptwettbewerb der 82. Internationalen Filmfestspiele Venedig​​​​​​​ konkurrieren ab dem 27. August 21 internationale Filme um die wohl wichtigste Trophäe des europäischen Kinos: den Goldenen Löwen.

Dazu reisen auch in diesem Jahr etliche Stars an, um ihren Film bestmöglich zu präsentieren: So wird Julia Roberts erstmals den Lido besuchen, um Luca Guadagninos "After the Hunt" vorzustellen, einen von der #MeToo-Bewegung inspirierten Thriller. Die Hollywood-Ikone spielt eine Philosophieprofessorin aus Yale, die in eine schwierige Lage gerät, als ihre Doktorandin (Ayo Edebiri aus "The Bear") Almas Kollegen und Freund (Andrew Garfield) der sexuellen Nötigung beschuldigt.

Ein weiterer Neuling in Venedig ist der ehemalige Profi-Wrestler und heutige Action-Superstar Dwayne "The Rock" Johnson, der ausnahmsweise einmal in einem ernsthaften Film auftritt. Er spielt den ehemaligen Amateur-Wrestler und MMA-Kämpfer Mark Kerr in "The Smashing Machine" von Indie-Liebling Benny Safdie. Emily Blunt spielt Kerrs Frau Dawn Staples.

Hollywood erobert den Roten Teppich in Venedig

Zu den Stammgästen auf dem roten Teppich gehört George Clooney, der die Hauptrolle in Noah Baumbachs "Jay Kelly" spielt. Darin geht es um einen berühmten Schauspieler, der mit seinem langjährigen Manager (gespielt von Adam Sandler) durch Europa reist, während die beiden über ihr Vermächtnis und ihre Lebensentscheidungen nachdenken.

Cate Blanchett und Adam Driver, die ebenfalls regelmäßig in Venedig zu Gast sind, kehren dieses Jahr mit "Father Mother Sister Brother" zurück, dem mit Spannung erwarteten neuen Film des Independent-Film-Pioniers Jim Jarmusch. Der Film besteht aus drei zeitgenössischen Charakterstudien, die in den USA, Dublin und Paris spielen, und handelt von den Beziehungen zwischen erwachsenen Kindern (darunter Blanchett und Driver) und ihren etwas distanzierten Eltern, gespielt von Tom Waits und Charlotte Rampling.

Fans des koreanischen Films kommen bei "No Other Choice", dem neuen Thriller von Meisterregisseur Park Chan-wook ("Oldboy", "Die Taschendiebin"), voll auf ihre Kosten. Darin spielt Lee Byung-hun einen Mann, der aus einer langjährigen Anstellung entlassen wurde und nun auf skrupellose Weise versucht, seinen Job zurückzubekommen.

Emma Stone hat für "Bugonia", dem englischsprachigen Remake des völlig verrückten und absolut brillanten südkoreanischen Science-Fiction-Films "Save the Green Planet" aus dem Jahr 2003, erneut mit Regisseur Giorgos Lanthimos zusammengearbeitet. Lanthimos gewann 2023 den Goldenen Löwen für "Poor Things". Im vergangenen Jahr siegte Pedro Almodóvar mit "The Room Next Door".

Und auch Jacob Elordi ist in der Stadt, um Guillermo del Toros lang erwartete Frankenstein-Verfilmung zu präsentieren, in der auch Oscar Isaac, Mia Goth und Christoph Waltz zu sehen sind.

Netflix wieder dabei

Nach einer Pause im vergangenen Jahr kehrt Netflix mit Macht an den Lido zurück. Neben Del Toros "Frankenstein" und Baumbachs "Jay Kelly" rollt der Streaminganbieter den roten Teppich für "A House of Dynamite" aus, den ersten Spielfilm von Actionregisseurin Kathryn Bigelow ("Tödliches Kommando - The Hurt Locker") seit acht Jahren.

Der Thriller, in Echtzeit erzählt, dreht sich um eine Gruppe von Beamten des Weißen Hauses - unter anderem gespielt von Idris Elba, Rebecca Ferguson, Greta Lee und Jared Harris -, die sich mit einem bevorstehenden Atomraketenangriff auf die USA konfrontiert sehen.

Venedig ist der inoffiziellen Auftakt der Preisverleihungs-Saison, und das diesjährige Programm scheint besonders Oscar-tauglich zu sein. Regisseur Paolo Sorrentino, Oscar-Preisträger für "La Grande Bellezza - Die große Schönheit", eröffnet das Festival mit "La Grazia", in dem seine langjährige Muse Toni Servillo die Hauptrolle spielt.

Mona Fastvold, Co-Autorin und Produzentin des dreifachen Oscar-Gewinners "Der Brutalist", kommt mit "The Testament of Ann Lee" nach Venedig, einem historischen Drama-Musical mit Amanda Seyfried als Ann Lee, der Gründerin der religiösen Sekte der Shaker im 18. Jahrhundert.

Künstler und Filmemacher Julian Schnabel kehrt mit seinem preisverdächtigen Historienfilm "In the Hand of Dante" nach Venedig zurück, einem Thriller um ein handgeschriebenes Manuskript von Dante Alighieris Göttlicher Komödie. Im Film geben sich gleich mehrere Stars ein Stelldichein: Oscar Isaac spielt eine Doppelrolle, außerdem gehören Jason Momoa, Gerard Butler, Gal Gadot, Martin Scorsese und Al Pacino zum Cast.

Auszeichnung für Werner Herzog

In diesem Jahr gibt es in Venedig auch mehrere Dokumentarfilme, die auf Preisverleihungs- und Bestenlisten landen könnten. So präsentiert der legendäre deutsche Regisseur Werner Herzog, der am Mittwochabend bei der Eröffnungsfeier des Festivals den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhielt, den unkonventionellen Naturdokumentarfilm "Ghost Elephants". Der Film begleitet indigene Khoisan-Fährtenleser in Angola auf ihrer Suche nach einer legendären - möglicherweise mythischen - Elefantenherde.

Laura Poitras, mit dem Oscar ausgezeichnet für ihren Edward-Snowden-Dokumentarfilm "Citizenfour", hat gemeinsam mit Mark Obenhaus an "Cover-up" gearbeitet, einem Porträt über Seymour Hersh. Der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Investigativjournalist deckte während des Vietnamkriegs und des Irakkriegs Skandale in der US-Armee auf.

Aktuelle Konflikte auf der großen Leinwand ...

Venedig ist normalerweise eher nicht für seine politischen Inhalte bekannt. Doch in diesem Jahr zeigt das Festival gleich mehrere Filme, die sich mit aktuellen geopolitischen Themen befassen.

"The Voice of Hind Rajab" der tunesischen Filmemacherin Kaouther Ben Hania basiert auf der erschütternden wahren Geschichte eines sechsjährigen Mädchens während der israelischen Invasion in Gaza - einschließlich ihres verzweifelten letzten Telefonats mit den Rettungskräften des Roten Halbmonds. Alberto Barbera, künstlerischer Leiter der Filmfestspiele von Venedig, konnte seine Tränen kaum zurückhalten, als er auf einer Pressekonferenz über den Film sprach.

Um die russische Politik geht es in Olivier Assayas' "The Wizard of the Kremlin", in dem Jude Law als Wladimir Putin und Paul Dano als einflussreicher Strippenzieher hinter den Kulissen des Kremls zu sehen sind.

Der Iran steht im Mittelpunkt zweier Filme, die im Rahmenprogramm des Filmfestivals gezeigt werden: Ali Asgaris "Divine Comedy" ist eine düstere Satire über einen iranischen Filmemacher, der mit der Zensur zu kämpfen hat, und Amir Azizis "Inside Amir" begleitet einen jungen Iraner, der kurz davor steht, das Land zu verlassen.

... und vor dem Kinosaal

Doch nicht nur auf der Leinwand geht es derzeit in Venedig um Politik: Am 23. August unterzeichneten Hunderte von Filmemachern und Kulturschaffenden unter dem Banner "Venice4Palestine" einen offenen Brief, in dem sie das Festival auffordern, eine klare Haltung zum Krieg in Gaza einzunehmen, das israelische Vorgehen zu verurteilen und palästinensischen Stimmen mehr Raum zu geben.

Das italienische Künstlerkollektiv Artisti #NoBavaglio hat zu einer Großdemonstration am 30. August aufgerufen und gewarnt, dass das Festival Gefahr laufe, zu einer "traurigen, leeren Vitrine" zu verkommen, wenn es den Krieg ignoriere.

Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel

Dieser Artikel wurde am 28. August aktualisiert.

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Image caption Einer der Stars in Venedig 2025: George Clooney (Szene aus "Jay Kelly")
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Item 32
Id 73765844
Date 2025-08-26
Title Nordkorea versteckt den Ukraine-Krieg nicht mehr
Short title Nordkorea versteckt den Ukraine-Krieg nicht mehr
Teaser Nordkoreas Führer Kim Jong Un weint um gefallene Soldaten und bereitet damit die Bevölkerung auf die Entsendung weiterer Truppeneinheiten nach Russland vor.
Short teaser Nordkoreas Führer Kim weint um gefallene Soldaten und bereitet damit die Bevölkerung auf weitere Entsendungen vor.
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Ungewöhnliche Szenen ereigneten sich kürzlich in Pjöngjang.Kim Jong Un kniete vor den Porträts von 101 nordkoreanischen Soldaten, die im Krieg Russlands gegen die Ukraine fielen. Er heftete Abzeichen an ihre gerahmten Fotos, die an einer Wand hingen, und umarmte weinende Angehörige. Mit den Bildern von der Gedenkzeremonie am 21. August bekräftigte Nordkoreas Regime öffentlich seine Beteiligung an Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Es nahmen Mitglieder einer Einheit teil, die in der Region Kursk für Russland kämpfte.

Kim würdigte die Gefallenen laut der nordkoreanischen Staatsagentur KCNA als "große Helden und Patrioten" und "Märtyrer". Sein Herz schmerze, weil er die toten Männer nur auf ihren Fotos sehen könne. "Wenn ich vor den Hinterbliebenen der gefallenen Soldaten stehe, weiß ich nicht, wie ich meine Reue und Entschuldigung dafür ausdrücken soll, dass ich ihr kostbares junges Leben nicht schützen konnte", sagte Kim, obwohl er die Männer selbst nach Russland geschickt hatte. Zurückgekehrte Soldaten und Offiziere ehrte er mit Medaillen.

"Kampfausbildung" als Todesursache

Das Regime nutzte die Trauerfeier, um den Einsatz seiner Truppen im fernen Westen Russlands zu rechtfertigen. Diese Soldaten folgten einer Bitte Russlands und trugen zur Freundschaft mit Moskau bei. Kim betonte "die langjährige Allianz mit Russland" auch durch einen Besuch der russischen Botschaft in Pjöngjang. Moskau unterstützte das Regime propagandistisch: Präsident Wladimir Putin lieferte eine Dankeserklärung, die Nordkoreas Staatsmedien veröffentlichten. Schon bei der Militärparade auf dem Roten Platz im Mai hatte Putin einen nordkoreanischen General umarmt, der die Truppen befehligte.

Nordkorea entsandte nach inoffiziellen Angaben aus Südkorea, der Ukraine und den USA bisher 14.000 bis 15.000 Soldaten nach Russland. Es schickte auch Millionen Artilleriegranaten, Dutzende Selbstfahrgeschütze und Hunderte Kurzstreckenraketen. Beide Staaten wollten diese Unterstützung lange nicht bestätigen. Das nordkoreanische Militär hielt selbst die Angehörigen im Dunkeln. In den Sterbeurkunden der Gefallenen stand "Kampfausbildung" als Todesursache.

Doch am 28. April lobte die Parteizeitung Rodong Sinmun plötzlich auf der Titelseite die "Heldentaten" von nordkoreanischen Soldaten in Russland. Zwei Tage zuvor hatte Russlands Generalstabschef Waleri Gerasimow die "bedeutende Hilfe" aus Nordkorea erstmals öffentlich gemacht. Der nächste Schritt erfolgte Ende Juni. Da zeigte das Staatsfernsehen Kim Jong Un, wie er mit ernster Miene die Särge toter Soldaten berührte, die aus Russland überführt wurden.

Bis zu 30.000 Soldaten nach Russland?

Durch die Offenlegung des Militäreinsatzes kann Kim leichter weitere Kontingente nach Russland schicken. Die Bevölkerung ist nun darauf vorbereitet, dass einige Soldaten in Särgen zurückkehren. Laut einem Bericht der russischen Staatsagentur TASS kündigte Ex-Verteidigungsminister Sergei Schoigu bei seinem Besuch in Nordkorea am 17. Juni an, dass Nordkorea weitere 1.000 Pioniere und 5.000 Bausoldaten nach Russland schicken werde. Sie sollen Minen räumen und die zerstörte Infrastruktur in der Region Kursk wiederaufbauen.

Darüber hinaus bereitet Nordkorea laut ukrainischen Geheimdienstquellen gerade die Entsendung von zusätzlichen 25.000 bis 30.000 Soldaten zu Kampfeinsätzen in die Ukraine vor. Jenny Town, Leiterin des Korea-Programms am Stimson Center in Washington, hält diese Schätzung für "hoch". Aber die Zahl könnte erreicht werden, da es sich nicht um Elitesoldaten handele. Doch "10.000 bis 20.000 klingt realistischer", sagte sie dem US-Sender CNN. Die Zahl hänge vom russischen Bedarf ab. Kim werde liefern, da er Putin volle Unterstützung zugesagt habe. Es gebe Gerüchte, dass russische Generäle bereits in Nordkorea seien und dort Truppen ausbildeten, berichtete die Korea-Expertin.

Kims Kasse klingelt

Die Veröffentlichung der Trauerfeier dürfte auch innenpolitische Gründe haben. Selbst in dieser totalitären Diktatur, die sich gegen ungefilterte Informationen abschottet wie kein anderes Land, ließ sich der Einsatz der Soldaten anscheinend nicht mehr verbergen. "Gerüchte über die tatsächliche Zahl der Opfer verbreiteten sich in Nordkorea, die öffentliche Unzufriedenheit wuchs", sagt der Ostasien-Experte Khang Vu an der privaten US-Universität Boston College. Südkoreanische Geheimdienstbeamte schätzten die nordkoreanischen Verluste in Russland auf 600 tote und 4.100 verletzte Soldaten.

Auf diese Unruhe in der Bevölkerung reagierte Kim Ende April mit der Anordnung, in der Hauptstadt ein Denkmal für die getöteten Soldaten zu errichten. "Diese Geste stellt die Soldaten auf die gleiche Stufe wie die Nordkoreaner, die im Zweiten Weltkrieg gegen Japan und im Koreakrieg fielen", betonte Vu. Außerdem gewährte Kim den Familien der gefallenen Soldaten offenbar das Privileg, in die gut versorgte Hauptstadt Pjöngjang umzuziehen, was als Versuch einer Besänftigung gilt.

Angesichts massiver Vorteile kann es sich Führer Kim nämlich nicht leisten, keine Soldaten mehr nach Russland zu schicken. Seine Streitkräfte sammeln wertvolle Kampferfahrung im modernsten Krieg des 21. Jahrhunderts, testen ihre Waffensysteme unter Schlachtfeldbedingungen und erhalten Zugang zu russischen Militärtechnologien. Die Entsendung lässt auch Kims Kasse klingeln: Unbestätigten Informationen des südkoreanischen Geheimdienstes zufolge kassiert das Regime 2.000 Dollar pro Monat für jeden entsandten Soldaten. Zudem verbessert der Machthaber durch die russischen Lieferungen von Ölprodukten und Nahrungsmitteln am UN-Embargo vorbei die Versorgungslage für die Partei- und Militärelite in Pjöngjang.

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Image caption Nordkoreas Machthaber Kim würdigte Gefallenen im russischen Krieg gegen die Ukraine
Image source KCNA/REUTERS
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Item 33
Id 73736675
Date 2025-08-25
Title "Wir schaffen das" - Deutschlands Asylpolitik und die EU
Short title "Wir schaffen das" - Deutschlands Asylpolitik und die EU
Teaser Der Anstieg von Asylsuchenden in den Jahren 2015/2016 betraf die ganze EU. Wie blicken die Politik und die Menschen im Rest Europas auf die Asyl- und Migrationsdebatte der letzten zehn Jahre?
Short teaser Über veränderte Diskurse zu neuen Gesetzen - Wie blicken die Menschen und die Politik auf die letzten zehn Jahre?
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Als die damalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel vor zehn Jahren ihren berühmten, für manche berüchtigten, Satz "Wir schaffen das!" sagte, hatte das nicht nur Folgen für Deutschland, sondern auch für Europa.

Diesem Satz folgte Anfang September 2015 Merkels Entscheidung, dass die Polizei Geflüchtete nicht mehr an den Grenzen aufhalten solle. Folglich stellten in den Jahren 2015 bis 2016 über eine Millionen Menschen einen Asylantrag in Deutschland.

In der gesamten EU stieg die Zahl der Asylbewerberinnen und Asylbewerber damals sprunghaft an. Im Jahr 2015 verzeichnete die EU-Statistikbehörde Eurostat über 1,2 Millionen Asylanträge, im Jahr 2016 über 1,5 Millionen. In den Folgejahren blieb die Zahl der Anträge, mit Ausnahme von 2020, über dem Niveau der Jahre vor 2015. Nach einem erneuten Anstieg auf über eine Million Erstanträge 2023, sinken derzeit die Zahlen. Lange Zeit war Deutschland das Hauptzielland von Asylbewerbern in der EU. 2025 wurde es laut Medienberichten erstmals von Frankreich überholt.

Migration - eines der wichtigsten Themen für europäische Wählerinnen und Wähler

Diese Entwicklungen gehen nicht spurlos an den Europäern vorbei. Bei den letzten EU-Parlamentswahlen 2024 waren, laut Eurostat, 24 Prozent der Befragten der Meinung, dass Migration ein Thema ist, dass vorrangig diskutiert werden sollte.

Auch bei nationalen Wahlen spielte das Thema eine herausragende Rolle, insbesondere in den Mitgliedstaaten, in denen in den letzten Jahren eine rechtspopulistische Partei den Wahlsieg eingefahren hat, wie etwa in Österreich oder den Niederlanden.

Anouk Pronk vom niederländischen Clingendael-Institut sagt gegenüber der DW, dass es im letzten niederländischen Wahlkampf im November 2023 eine "obsessive Fokussierung" auf das Thema gegeben habe.

Damals sei es so dargestellt worden, als sei die Migration der Grund für die Probleme im Land, wie etwa für die Wohnungskrise, überlastete Sozialsysteme oder Probleme im Schul- und Gesundheitswesen. Derzeit beobachtet Pronk, dass man sich davon etwas löse und versuche, diese Probleme anzugehen und nicht die Migration zum Sündenbock für alles zu machen.

Nicht nur in Deutschland, sondern auch auf europäischer Ebene, gibt es immer wieder Klagen, dass die Systeme durch Asylsuchende und andere Geflüchtete überlastet seien. Teilweise führt dies zu drastischen Maßnahmen, wie etwa in Belgien, wo männliche Asylbewerber seit 2023 nicht mehr staatlich untergebracht werden.

Sind die Europäer migrationsfeindlicher geworden?

Zwischen öffentlicher Meinung und beigemessener Bedeutung gibt es einen Unterschied, sagt Lenka Drazanova gegenüber der DW. Und die Bedeutung des Themas Migration habe sich in den letzten zehn Jahren durch die hohe Präsenz in den Medien und der Politik verstärkt, sagt die Politologin, die am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz forscht.

An der Grundhaltung, wer in der Gesellschaft für oder gegen Migration ist, habe sich allerdings nichts geändert. Was sich seit 2015 geändert habe sei, dass die Menschen, die gegen Migration seien, ihre Ablehnung stärker ausdrückten. Als Grund für diese einwanderungsfeindliche Haltung, benennt Drazanova Bedrohungsgefühle - wie etwa die Angst vor dem Unbekanntem oder vor dem Verlust des Arbeitsplatzes.

Die hohe Zahl der in Deutschland ankommenden Asylsuchenden habe bei einigen Europäern - insbesondere in Mittel- und Osteuropa - solche Gefühle ausgelöst. Dabei käme es weniger auf die tatsächliche Zahl an, sondern mehr auf die Diskussion über Migration an sich.

Der Diskurs über Migration in Europa hat sich verändert

Außerdem hätten sich die sozialen Normen und politische Kultur, wie über Migration und Geflüchtete gesprochen wird, seit 2015/2016 verändert, so die Politikwissenschaftlerin Drazanova. Dies stehe auch im Zusammenhang mit der Normalisierung rechtsextremer Ansichten.

Auch Politologin Pronk sieht eine Veränderung in der Diskussion. Zur Zeit von Angela Merkels "Wir schaffen das!" sei es mehr um eine "Pflicht zu helfen" gegangen. Heute werde die Debatte um Migration mehr als ein Sicherheitsrisiko dargestellt.

Dies könne man beispielsweise an dem neuen EU-Pakt für Asyl und Migration sehen. Dort gehe es vor allem darum, wie man die Grenzen schützen könne und Menschen, die kein Bleiberecht in der EU hätten, schneller wieder abschieben könne. Den Grund für diese Entwicklung sieht die Politologin in der großen Belastung der Asylsysteme der EU-Mitgliedstaaten.

EU verschärft Asylregeln - und bekommt Druck von Mitgliedstaaten

In dem Asyl- und Migrationspakt, der im Sommer 2026 in Kraft treten soll, sind sogenannte Grenzverfahren vorgesehen, für diejenigen Geflüchteten, die aus Ländern mit einer geringen Anerkennungsquote kommen.

Auch arbeitet die EU derzeit an einer neuen Rückführungsverordnung. Bislang war es, laut der Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl so, dass Migranten nur in ein Land abgeschoben werden konnten, zu dem sie eine Verbindung haben oder wenn sie zustimmen. Dieses Kriterium solle fallen, wenn es nach der EU-Kommission geht. Dies gilt als Voraussetzung, um Menschen gegen ihren Willen in einen Staat, mit dem beispielsweise ein entsprechendes Abkommen besteht, abzuschieben. Auch sollen "Rückkehrzentren" geschaffen werden. Dabei handelt es sich um eines der Modelle, das in der EU seit einiger Zeit unter dem Stichwort "innovative Lösungen" diskutiert wird.

Aus einigen EU-Mitgliedstaaten wird Druck auf die EU ausgeübt, die Asylregeln weiter zu verschärfen. So trafen sich beim letzten EU-Gipfel im Juni 21 der 27 Mitgliedstaaten um strengere Vorschriften für die gemeinsame Asylpolitik zu erarbeiten. Der Einladung aus Dänemark, den Niederlanden und Italien folgte erstmals auch der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz.

Politik ist nicht gleich öffentliche Meinung

In einem sind sich die beiden Expertinnen einig: Von der politischen Debatte und der Gesetzgebung lässt sich nicht unmittelbar auf die öffentliche Meinung über Migration in Europa schließen.

Die Debatte innerhalb der Gesellschaft sei nuancierter, sagt Pronk. Dies hätte man zum Beispiel bei der grundsätzlichen Hilfsbereitschaft gegenüber den ukrainischen Geflüchteten innerhalb der EU gesehen.

Auch Drazanova weist im Gespräch mit der DW daraufhin, dass die öffentliche Meinung gegenüber Migration sehr komplex sei. So kann es etwa sein, dass ein und dieselbe Person positiv gegenüber Migranten eingestellt sei, die bereits im Land seien, eine offene Einwanderungspolitik jedoch ablehne. Grundsätzlich zeige sich in Studien aber, dass sich die öffentliche Meinung in Europa gegenüber Migranten in den letzten Jahren etwas gebessert habe.

Item URL https://www.dw.com/de/wir-schaffen-das-deutschlands-asylpolitik-und-die-eu/a-73736675?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Afghanischer Flüchtling bedankt sich bei Deutschland im September 2015
Image source Martin Meissner/AP Images/picture alliance
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Item 34
Id 73720084
Date 2025-08-25
Title Deutschland: Im Süden soll der Strompreis steigen
Short title Deutschland: Im Süden soll der Strompreis steigen
Teaser In Deutschland ist der Strom überall gleich teuer. Das wollen einige Bundesländer ändern: Im Norden werde der grüne Strom produziert, im Süden werde er verbraucht - das soll sich zukünftig auch im Preis niederschlagen.
Short teaser In Deutschland ist der Strom überall gleich teuer. Das könnte sich bald ändern.
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Auf die deutschen Stromkunden kommt einiges Ungemach zu. Und der Regierungskoalition in Berlin droht eine weitere Zerreißprobe. Der Grund: die sogenannte Stromgebotszone. Die sorgt dafür, dass elektrische Energie für Großkunden überall im Land gleich teuer ist. Das ist vielen Experten ein Dorn im Auge.

Ihre Forderung: Beim Strompreis solle mehr auf Angebot und Nachfrage geschaut werden. Wo der grüne Strom produziert wird, nämlich in den nördlichen, küstennahen Bundesländern ist das Angebot größer als die Nachfrage - hier sollte der Strompreis sinken. In anderen, industriell geprägten, Bundesländern dagegen ist die Nachfrage größer als das Angebot - hier sollte der Strompreis steigen.

Das wäre natürlich das Ende der Stromgebotszone in ihrer jetzigen Form: Sie würde entweder abgeschafft oder durch ein System mehrerer verschiedener Stromgebotszonen ersetzt. Doch in Deutschland wollen viele einflussreiche Akteure am bisherigen Modell festhalten, etwa die Stromnetzbetreiber oder der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Energiepreise als Konjunkturbremse

Das Strompreisproblem müsse, so Industrievertreter, möglichst schnell behoben werden, da der hohe Strompreis in Deutschland die schwache Konjunktur abzuwürgen drohe. Ein Beispiel sei die Stahlbranche. Deren Rohstahlproduktion sei im Inland im ersten halben Jahr um knapp 12 Prozent auf 17,1 Millionen Tonnen gesunken, so die Wirtschaftsvereinigung Stahl in Berlin.

"Der Produktionseinbruch in unserer Branche zeigt, wie dramatisch es um den Industriestandort Deutschland steht", sagte die Hauptgeschäftsführerin der Vereinigung, Kerstin Maria Rippel, im vergangenen Monat der Nachrichtenagentur dpa: "Politisch muss jetzt alles darangesetzt werden, für energieintensive Industrien wie die Stahlindustrie einen international wettbewerbsfähigen und langfristig verlässlichen Strompreis zu sichern."

Wer wie viel bezahlen soll

Einen Weg zu geringeren Strompreisen für die Industrie will die EU-Kommission erkannt haben: Fort mit der Stromgebotszone, die in Deutschland und Luxemburg gilt! Auch vier Regierungschefs norddeutscher Bundesländer denken so: Peter Tschentscher (SPD) aus Hamburg, Daniel Günther (CDU) aus Schleswig-Holstein, Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) und Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) forderten dies am 13. August im Handelsblatt.

Damit scheint ein neuer Konfliktherd in der Berliner Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD aufzubrechen. In Norddeutschland sollen die Preise sinken, die Bayern sollen mehr zahlen? Das ist mit der bayrischen CSU nicht vorstellbar. Aus dem Wirtschaftsministerium kam jedenfalls zwei Tage später die kernige Ansage: "Wie im Koalitionsvertrag bekräftigt, plant die Bundesregierung, an der einheitlichen deutschen Strompreiszone festzuhalten"

Nach Ansicht des BDEW sei das auch der richtige Weg. Verbandssprecherin Katja Sandscheper verwies in einer Stellungnahme für die DW auf eine Untersuchung im Auftrag der EU-Regulierungsbehörde Acer, nach der "die Idee einer Aufteilung der deutschen Strompreiszone ökonomisch nicht überzeugen kann".

Wenig hilfreiche Konstruktion

Doch einige Experten denken, dass die komplexe Lage am deutschen Strommarkt auch in der Preisgestaltung abgebildet werden müsse. Denn in Norddeutschland, wo der grüne Strom (meist aus Windkraft) produziert wird, ist er genauso teuer wie dort, wo er nicht generiert, aber dafür in größeren Mengen verbraucht wird: In Süd- und Westdeutschland.

Solange nicht genug Strom in den Süden transportiert werden kann, weil die Netzkapazität dazu noch nicht ausreicht, müssten die dortigen Großkunden entweder am Strom sparen (was aus wirtschaftlichen Gründen nicht geht) oder einen höheren Preis für die saubere Energie bezahlen. So lange, bis die "Physik der Netze" einen höheren Stromtransport erlaubt oder sie selbst ausreichend grünen Strom produzieren.

Daher sei die Stromgebotszone wenig hilfreich, sagt Lion Hirth zur DW: "Durch den deutschlandweit einheitlichen Strompreis werden häufig Entscheidungen getroffen, die in der Physik des Netzes nicht möglich und volkswirtschaftlich unsinnig sind." Im Gegenteil, findet der Professor für Energiepolitik an der Hertie School in Berlin: "Nur lokale Preise auf dem Strommarkt können die Dynamik des Stromnetzes sinnvoll in Flexibilitätsanreize übersetzen."

Andreas Löschel, Inhaber des Lehrstuhls für Umwelt-und Ressourcenökonomik an der Ruhr-Universität Bochum, sieht das ähnlich. Der DW schrieb er: "In den letzten Jahren ist Angebot und Nachfrage auf dem Strommarkt räumlich immer weiter auseinandergefallen. Physik und Ökonomie passen nicht zusammen. Deshalb sind lokale Preise und regionale Preisungleichheiten tatsächlich sinnvoll."

Ein weiterer Experte, der in diese Richtung denkt, ist Bernd Weber vom Think Tank Epico (Energy and Climate Policy and Innovation Council). Er beobachtet, dass "die Erzeugung erneuerbarer Energien schneller wächst als der Netzausbau." Das verursache Kosten, die man durch "lokale Strompreissignale" eindämmen könne: "Kleinere Preiszonen sind ökonomisch effizienter, weil sie regionale Unterschiede bei Erzeugungskapazitäten und Netzinfrastruktur besser abbilden. Es gibt damit positive Erfahrungen, zum Beispiel in Skandinavien."

Was hilft der Wirtschaft?

Für Weber hätte eine Abschaffung der einheitlichen Stromgebotszone "marktwirtschaftliche Vorteile". Es könnten so "regionale Unterschiede abgebildet" und "Investitionen mit Anreizen effizienter" gesteuert werden. Es gäbe zwar auch Nachteile, etwa für "Unternehmen in Hochpreis-Regionen". Es sei eine politische Aufgabe, die Verteilungsfragen fair zu lösen. "Das wäre machbar."

Der Verband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sieht das anders. Eine "Gebotszonenteilung würde sich über Jahre hinziehen. Diese lange Übergangsphase würde zu enormer Planungsunsicherheit führen. Die Folge: Investitionsentscheidungen könnten verschoben oder sogar ganz überdacht werden - ein Risiko, das sich Deutschland in der Transformation zur Klimaneutralität nicht leisten kann."

Wohin geht der Weg?

Bernd Weber von Epico beklagt, dass die Debatte über eine Aufteilung der Strompreiszone "stark politisiert und oft zu kurz gedacht" sei und warnt: "Sollte eine Aufteilung - wie es aktuell scheint - politisch nicht durchsetzbar sein, drohen die strukturellen Probleme zu bleiben oder sich sogar zu verschärfen."

Lion Hirth ist in dieser Frage eindeutig: "Damit Deutschland seine ehrgeizigen wirtschaftlichen und klimapolitischen Ziele erreichen kann, braucht es ein Strommarktdesign, dass die physikalische und ökonomische Realität widerspiegelt. Und dazu gehören auch lokale Preise auf dem Strommarkt."

Aber nicht so, heißt es vom BDEW. Man solle "den Ausbau Erneuerbarer Energien und des Stromnetzes in Einklang bringen" und sich dabei "stärker am Ertrag und an den Kosten für die Systemintegration orientieren." Aber, so Sprecherin Sandscheper, ihr Verband werde "an einer einheitlichen Stromgebotszone festhalten".

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Image caption Onshore oder offshore, wie hier vor Rügen in der Ostsee: Wind und damit grünen Strom gibt es an der Küste genug
Image source Fred Tanneau/AFP/Getty Images
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Item 35
Id 73711826
Date 2025-08-24
Title Wie lange Kinder an den Bildschirm dürfen
Short title Wie lange Kinder an den Bildschirm dürfen
Teaser Kinder wachsen in einer Welt auf, die vollgepflastert ist mit Smartphones, Tablets und Computern. Wie viel Medienzeit ist in welcher Lebensphase vertretbar?
Short teaser Kinder wachsen in einer Welt auf, die voll ist mit Bildschirmen. Wie viel Medienzeit ist in welcher Lebensphase ok?
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Es ist schon erstaunlich: Es gibt Studien, Untersuchungen und Empfehlungen, aber bis heute gibt es international keine einheitlichen Regeln, wie viel Bildschirmzeit für Kinder in Ordnung ist. Sicherlich hat jedes Kind unterschiedliche Bedürfnisse. Und bis die Wissenschaft genug Daten für eine Empfehlung gesammelt hat, sind Technologien und gesellschaftliche Normalitäten schon längst wieder drei Schritte weiter.

Aber ein paar Grundsätze gibt es, auf die sich Medizinerinnen und Psychologen, Suchtforscherinnen und Medienpädagogen einigen können. Sie sind eng damit verknüpft, was Kinder in der jeweiligen Entwicklungsphase brauchen. Und sie folgen dem Prinzip der Vorsorge: Besser dem wissenschaftlich begründeten Verdacht folgen, dass Handys und Co. Schaden anrichten, als sich nachher zu ärgern.

In den ersten Lebensjahren soll die Welt erkundet werden

“Bildschirmfrei bis drei", so lautet die Kurzformel für die ersten Lebensjahre in Deutschland. “In dieser Lebensphase brauchen und erfassen Kinder Bildschirminhalte noch nicht“, sagt die Kinderärztin Ulrike Gaiser, die die deutsche Medienleitlinie für Kinder mitgeschrieben hat. Die WHO ist weniger streng und empfiehlt Kindern ab dem zweiten Lebensjahr nicht mehr als eine Stunde Bildschirmzeit am Tag. Sie sagt aber auch: Weniger ist besser.

In den ersten ein bis zwei Lebensjahren gehe es darum, dass ein Kind mit seiner Umwelt in Kontakt kommt. In dieser Phase weite das Kind seinen Fokus, so Ulrike Gaiser. Von der Mama zu anderen Menschen, zum Raum, es nimmt plötzlich einen Ball auf der anderen Seite des Zimmers wahr – und beginnt im Raum zu krabbeln. Dafür sei es wichtig, dass ein Kind lernt, seine Aufmerksamkeit selbst zu steuern – und nicht vor etwas gesetzt wird, das die Aufmerksamkeit abzieht.

Kinder sollten außerdem früh lernen, dass es manchmal ein wenig dauert, bis ihre Bedürfnisse befriedigt werden. Dass zwischen Schrei und elterlicher Essenslieferung eben Zeit vergeht. Dass man die Welt nicht mit Wisch oder Knopfdruck gestalten oder verschwinden lassen kann. Warten und Dinge akzeptieren, das sei die Basis fürs Leben, sagt Ulrike Gaiser.

Bildschirme sind Zeiträuber

Kinder nehmen die Welt anders wahr als Erwachsene“, sagt die Kinderpsychologin Julia Asbrand von der Universität Jena. Das gilt auch für Inhalte von Filmen oder auf Social Media. “Bei sehr jungen Kindern kann alles, was sie sehen, in ihrer Vorstellung echt sein“, erklärt Asbrand. Klar mache das Angst! Als Elternteil sei es gut, innezuhalten und zu fragen: “Was hast du denn da jetzt gesehen?“ Und: “Hast du dazu Fragen?“

Was Expertinnen und Experten am meisten stört: Bildschirmzeit verdrängt Zeit in der Realität. Zeit, in der Kinder ihre Motorik entwickeln. In der sie mit anderen Menschen interagieren und soziale Erfahrungen machen. Neuere Forschung zeigt: Mit jeder Minute am Bildschirm hören Kinder sechs Worte weniger von ihren Eltern. Addiert man das über die Zeit, kommt zum Abi ein hübsches, kleines Lexikon zusammen. Je länger Kinder alleine vor dem Bildschirm sitzen, desto schlechter ist später ihre Sprachfähigkeit. Reduziert man hingegen die Bildschirmzeit von Kindern, verbessern sich Fähigkeiten wie Feinmotorik, Aufmerksamkeit oder soziales Verhalten.

Im Kindergarten geht's um Interaktion und Fantasie

Bevor Kinder in die Schule kommen, gehe es darum, dass sie die Welt erkunden, haptische Erfahrungen machen, sich im Raum orientieren, mit anderen spielen – und zwar mehrere Stunden am Tag, sagt Ulrike Gaiser. Beim Spielen lernen sie auch, dass andere Menschen manchmal andere Ideen haben. Dass man mit ihnen verhandeln, sich durchsetzen oder nachgeben muss. Dass man auch mal scheitert.

Diese Phase sei außerdem wichtig für die Ausbildung von Fantasie. Kinder müssen lernen, die Welt zu erkunden und selbst zu gestalten. Je weniger Gelegenheit Kinder haben, innere Bilder zu erzeugen, desto schwerer fällt es ihnen, fantasievoll zu werden. Deshalb reichen maximal 30 Minuten Screentime in dieser Lebensphase.

Wertevermittlung in der Grundschule

Im Alter zwischen sechs und neun würden Kinder das erste Mal so etwas wie Moral ausbilden, sagt Ulrike Gaiser. “Wollen wir das dem Internet überlassen?“. Es gehe um Fähigkeiten wie Disziplin, Leistung oder Wissen – und ob ich mich aufs eigene Wissen verlassen kann oder nur auf das, was im Internet steht. Die Empfehlung hier lautet in Deutschland: Maximal 30 bis 45 Minuten in der Freizeit. Und bitte begleitet.

Ganz so dogmatisch gelten die Zahlen aber nicht. Klar ist weniger Bildschirmzeit besser. Aber Verabredungen und Mitreden liefen heutzutage nun mal übers Digitale, sagt Kinderpsychologin Asbrand. “Man kauft sich das eine für das andere ein.“ Wenn das Kind - besonders dann in der nächsten Lebensphase - nicht in der WhatsApp-Gruppe der Klasse ist, ist es ausgeschlossen. Das dürfe auch nicht passieren.

Bei Jugendlichen wird es schwieriger, den Inhalt zu begleiten

Fachleute wissen auch: Es ist eine Illusion, Kinder von Handys wegzuhalten. Die Frage ist also stattdessen, wie ein gesunder Mediengebrauch aussieht. In Deutschland empfehlen Mediziner Neun- bis Zwölfjährigen maximal 45 bis 60 Minuten Bildschirmzeit in der Freizeit. Zwischen 12 und 16 Jahren maximal ein bis zwei Stunden, zwischen 16 und 18 Jahren etwa zwei Stunden.

In dieser Zeit der Abnabelung sei es umso wichtiger, interessiert und offen nachzufragen und sich zeigen zu lassen, was die Kinder sich so anschauen, erklärt Julia Asbrand. “Eines der größten Probleme ist, wenn die Kinder Sachen heimlich machen, dann aber zum Beispiel Grooming begegnen, wenn sich also Erwachsene mit Missbrauchsabsicht ihr Vertrauen erschleichen wollen. Kinder trauen sich dann teilweise nicht, das gegenüber ihren Eltern anzusprechen, weil sie wissen: Ich hätte das nicht machen dürfen“.

Nicht alles ist schlecht

Wir wissen selbst, dass die Zeiten, die wir vorschlagen, kaum einhaltbar sind“, sagt Ulrike Gaiser. Viel wichtiger als die exakte Zeit sei der Inhalt: Was genau gucken sich die Kinder an? Ein Lernspiel für die Schule? Reels aus dem Ukrainekrieg? Katzenvideos? Oder hängt das Kind mit Essstörung gerade zu viel mit digitalen Fitness-Influencern ab? Vor allem: wie geht’s ihm damit?

Aus Perspektive der Suchtforschung sei vor allem wichtig, dass der Konsum nicht zur Gewohnheit werde, sagt Julia Asbrand. Dazu kommt: Jedes Kind ist anders, jedes Medium ist anders, jeder Inhalt ist anders. Harte wissenschaftliche Evidenz gäbe es da einfach nicht.

Ein Verzicht auf digitale Medien wäre weltfremd. "Es gibt fantastische Sachen im Internet!“, sagt Ulrike Gaiser. So können Tablets und Co. in der Schule ein sinnvolles Hilfsmittel sein. Um Sprachen zu lernen, die Peergroup zu finden, eine eigene Stimme zu entwickeln. Im Privaten können soziale Medien helfen, Kontakte zu pflegen, zum Beispiel zu den Großeltern oder dem Vater auf Montage. Sie können auch helfen, Kontakte aufzunehmen: Einer ihrer Patienten, erzählt Ulrike Gaiser, tausche sich online mit einem Polarforscher aus.

Was Eltern tun können

Eltern sollten ihre Kinder, solange es geht, nicht vor dem Bildschirm allein lassen. Über die Mediennutzung sprechen und sich zeigen lassen, was die Kinder anschauen. Eine gute Eltern-Kind-Beziehung, Freiheit oder Vertrauen sei entscheidend. Wie auch das Wissen über mögliche Gefahren, zum Beispiel wie süchtig digitale Medien machen können. Alarmiert sollten Eltern sein, wenn das Kind sich zurückzieht, auf andere Aktivitäten verzichtet, allgemein traurig oder verstimmt ist.

Technisch könne man Unterbrechungen der Plattformen nutzen und und klare Regeln aufstellen, die man auch selber vorlebt. Zum Beispiel: Um acht gehen alle Handys ins Bett. Auch die der Eltern.

Item URL https://www.dw.com/de/wie-lange-kinder-an-den-bildschirm-dürfen/a-73711826?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Während Kinder nur auf ihr Handy schauen, spielen sie nicht miteinander
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Item 36
Id 73728777
Date 2025-08-22
Title "In die Sonne schauen" soll den Oscar für Deutschland holen
Short title "In die Sonne schauen" soll den Oscar für Deutschland holen
Teaser In Cannes räumte das Drama "In die Sonne schauen" den Jurypreis ab. Nun geht der Film von Regisseurin und Autorin Mascha Schilinski als deutscher Beitrag auch ins Rennen um einen Oscar.
Short teaser In Cannes räumte das Drama den Jurypreis ab. Nun geht Mascha Schilinskis Film ins Rennen um einen Oscar.
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Mascha Schilinskis Werk sei "formal kompromisslos, emotional existenziell und künstlerisch einzigartig - ohne Parallele im deutschen und internationalen Kino." So begründete die neunköpfige Jury ihre Entscheidung über den Film, der Deutschland in der Kategorie "Bester internationaler Spielfilm" bei der Oscar-Verleihung vertreten wird. Das Drama verwebe über ein Jahrhundert hinweg die Leben von vier Frauen, die gegen Enge, Gewalt und gesellschaftliche Zwänge kämpften.

"Als Werk von seltener Dringlichkeit, meisterhaft inszeniert, poetisch, universell und mutig, ist 'In die Sonne schauen' eine körperliche Erfahrung, die nachhallt und sich in das Gedächtnis einbrennt", fügte die unabhängige Expertenjury hinzu, die von German Films, der Auslandsagentur für deutsches Kino, ernannt wurde.

Die Entscheidung wurde am Donnerstag (21.08.2025) bekanntgegeben.

Der Film spielt auf einem abgelegenen Bauernhof in der Altmark, die seit der Wiedervereinigung zum Bundesland Sachsen-Anhalt gehört. Er erzählt die Geschichte von vier Frauen, die hier zu unterschiedlichen Zeiten zu Hause sind.

Vier Frauen, vier Geschichten

Alma wächst kurz vor dem Ersten Weltkrieg im deutschen Kaiserreich auf. Als sie erfährt, dass sie nach ihrer verstorbenen Schwester benannt wurde, lebt sie in ständiger Angst, deren Schicksal zu teilen. Erika lebt während des Zweiten Weltkriegs auf dem Hof. Sie ist von ihrem kriegsversehrten Onkel fasziniert und verliert sich in gefährlichen Fantasien. Angelika wiederum ist in den 1980er-Jahren beheimatet, also zu DDR-Zeiten, und balanciert auf einem schmalen Grad zischen Lebenshunger und Todessehnsucht. Nelly ist ein Kind der 2020er-Jahre, deren Eltern aus Berlin mit ihr hergezogen sind, um den mittlerweile heruntergekommen Hof zu renovieren.

Alle vier Frauen sind durch durch unausgesprochene Ängste, verdrängte Traumata und vergrabene Familiengeheimnisse auf unheimliche Weise miteinander verbunden. Ein tragisches Ereignis wiederholt sich und lässt die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen.

Ein "Jahrhundertfilm", der Cannes eroberte


Mascha Schilinskis Film "In die Sonne schauen" wurde aus fünf eingereichten Titeln ausgewählt und warf "Amrum" von Fatih Akin, "Cranko" von Joachim A. Lang, "Riefenstahl" von Andres Veiel und "Der Tiger" von Dennis Gansel aus dem Rennen.

"In die Sonne schauen" eröffnete bereits den offiziellen Wettbewerb der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes, wo er gemeinsam mit "Sirat" von Oliver Laxe den Preis der Jury erhielt.

Schilinskis Drama wurde auch von den Festival-Kritikern gefeiert; das Portal Filmstarts beschrieb es als "Jahrhundertfilm", der Hollywood Reporter lobte es als "fesselndes, mutiges Porträt der Weiblichkeit", während das Magazin Deadline feststellte, dass der "hervorragende Film eine Meisterleistung von ätherischer, beunruhigender Brillanz" sei.

Die Filmemacherin reagierte auf die Oscar-Nominierung mit einem Dankeschön im Namen des gesamten Produktionsteams: "Wir freuen uns unglaublich über die Anerkennung und den Zuspruch, den wir augenblicklich mit unserem Film erfahren. Im Namen des ganzen Teams möchte ich mich dafür bedanken, dass 'In die Sonne schauen' die große Ehre zuteil wird, Deutschland bei den Oscars vertreten zu dürfen", so Mascha Schilinski. Der Preis der Jury beim diesjährigen Filmfestival Cannes für ihren Film stehe dafür, "dass es sich lohnt, an die eigene künstlerische Vision zu glauben. Und dafür, dass man sich selbst treu bleiben kann - wenn man die richtigen Weggefährten findet." Sie wünschte sich, dass die Sichtbarkeit von diesem Film dazu führe, dass Filmkünstler- und Künstlerinnen in Deutschland auf mehr Offenheit und Unterstützung treffen, wenn sie versuchten neue erzählerische Wege zu gehen.

Nach seiner Premiere in Cannes wurde "In die Sonne schauen" auch auf Festivals in Schanghai, im tschechischen Karlovy Vary und bei verschiedenen australischen Veranstaltungen gezeigt. Anfang September feiert der Film seine Nordamerika-Premiere auf dem Toronto Film Festival; in die deutschen Kinos kommt er bereits am 28. August.

Der lange Weg zu den Oscars

Die Produzenten von "In die Sonne schauen" - Maren Schmitt, Lucas Schmidt und Lasse Scharpen - betonten, wie wichtig es sei, dass mehr Frauen bei den Oscars vertreten sind. Wie sie in ihrer Erklärung hervorheben, wurden bisher erst neun Regisseurinnen für den Oscar in der Kategorie "Beste Regie" nominiert.

Die Einreichung bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass der deutsche Film unter den Nominierten landen wird. Aus allen internationalen Spielfilmen, die bis zum 1. Oktober dieses Jahres eingereicht wurden, wählt die Akademie 15 Finalisten aus, die am 16. Dezember bekanntgegeben werden. Die Shortlist mit den fünf endgültigen Nominierten wird am 22. Januar 2026 veröffentlicht.

Für die Academy Awards ist ein internationaler Spielfilm ein Werk, das außerhalb der USA produziert wurde und überwiegend in einer anderen Sprache als Englisch gedreht wurde. Die eingereichten Filme müssen zwischen dem 1. Oktober 2024 und dem 30. September 2025 in den Kinos ihrer jeweiligen Länder erschienen sein.

Das letzte Mal sorgte ein deutscher Film 2023 bei der Oscarverleihung für Furore: Edward Bergers "Im Westen nichts Neues", ein Anti-Kriegs-Epos nach dem Roman von Erich Maria Remarque aus dem Jahr 1929, gewann nicht nur die Trophäe für den besten internationalen Film, sondern noch drei weitere Oscars.

Adaption aus dem Englischen: Suzanne Cords

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Image caption Mascha Schilinskis Flim überzeugte in Cannes und könnte nun auch eine Oscar-Trophäe gewinnen
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Item 37
Id 73712223
Date 2025-08-21
Title Gamescom: Polens junge Games-Branche buhlt um Aufmerksamkeit
Short title Gamescom: Polens junge Games-Branche buhlt um Aufmerksamkeit
Teaser Angesichts des Andrangs auf der Gamescom sollte man nicht meinen, dass die Branche in der Krise steckt - doch sie hat mit vielen Problemen zu kämpfen. Das trifft auch die äußerst kreative polnische Spieleindustrie.
Short teaser Aus Polen stammen einige bemerkenswerte Games. Doch die Krise der Games-Branche trifft auch polnische Studios.
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Special Agent T.H.U.N.D.E.R. reist um die Welt, um das Böse zu besiegen. Er rennt, schleicht sich an, kämpft wie ein waschechter Actionheld und hat dabei allerlei Gadgets zur Verfügung. So kann er zum Beispiel kurze Strecken in der Luft fliegen. Aber 009 ist kein durchtrainierter, Martini-schlürfender Frauenheld à la James Bond: Der furchtlose Geheimagent ist ein Hund.

Ein Action- und Schleichspiel (ein Game, bei dem der Spieler versucht, unentdeckt zu bleiben, Anm. d. Red.), in dem die Spielerinnen und Spieler in die Rolle eines kläffenden Vierbeiners schlüpfen - darauf muss man erst mal kommen. "Barkour" heißt das Spiel der polnischen Varsav Game Studios, das noch 2025 erscheinen soll. Gründer und Studiochef Łukas Rosinski erklärt im DW-Gespräch auf der internationalen Spielemesse Gamescom in Köln, was aus seiner Sicht die große Stärke polnischer Entwicklerinnen und Entwickler ist. "Wir sind kreativ. Und das ist das Wichtigste, was derzeit in Polen passiert. Spiele aus Polen sind in vielerlei Hinsicht einzigartig."

"Spezielles Gen" zum Überleben

Łukas Rosinski glaubt, dass dies mit der Geschichte des Landes zusammenhängt, das jahrhundertelang von fremden Mächten beherrscht wurde und mal dem Osten, mal dem Westen näher war. Bis zum Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des Ostblocks war Polen sozialistisch, wenig später fanden die ersten freien Wahlen statt. Seit 2004 ist Polen EU-Mitglied.

"Es gab immer das Problem, kämpfen zu müssen, um zu überleben. Wenn man kämpft und überlebt, hat man ein spezielles Gen, das einen dazu zwingt, Dinge anders zu machen, um zu überleben", so Rosinski. "Man muss sich verstecken. Man muss anders denken. Und so blieb dieses spezielle Gen bei uns. Davon bin ich überzeugt." Auch junge Menschen suchten heute noch nach anderen Wegen, Dinge zu tun - zum Beispiel kostengünstiger. "Die Arbeitskosten in Polen sind zwar nicht so viel niedriger, aber immer noch niedriger. Und die Anzahl der kreativen Menschen ist immer noch höher als in Europa."

Aufstieg der polnischen Spielebranche

Rund 500 Studios zählte Polen dem Bericht des europäischen Dachverbands der Videospielentwickler zufolge im Jahr 2022. Das Zentrum der polnischen Spieleindustrie liegt in der Hauptstadt Warschau, dem Sitz des Vorzeigeentwicklers CD Projekt Red, der mit "Cyberpunk 2077" und der "The Witcher"-Reihe weltweit Lorbeeren eingeheimst hat. Aber auch in Krakau, Breslau, Danzig und anderen Städten haben sich in den letzten Jahren Gamestudios gegründet. Insgesamt arbeiteten 2022 rund 15.000 Menschen in der polnischen Spieleindustrie. Damit belegte Polen neben Frankreich im europäischen Vergleich die ersten beiden Plätze. Zwischen 2014 und 2021 verkauften sich eine Handvoll Spiele aus Polen weltweit mehr als eine Million Mal.

Dabei ist die polnische Spieleindustrie vergleichsweise jung. Sie gründete sich erst in den 1990er-Jahren. Damals sei der PC für viele Menschen in Polen ein Statussymbol gewesen und habe sich rasant verbreitet, sagt Kuba Palyka, Creative Director des Warschauer Zenmaster Studios, im DW-Interview. Die ersten Spiele entstanden am Heimcomputer. Ihn selbst hat die Zeit ebenfalls geprägt.

Das neue Zenmaster-Spiel "Blood of the Tyrant" ist eine Reminiszenz an die meist kostenlosen Flash-Spiele, die in den späten 1990er-Jahren die Browser eroberten. Zu Beginn der sich langsam professionalisierenden Spielebranche in Polen herrschte in eine Wildwest-Atmosphäre, erinnert sich Kuba Palyka. "Es gab nicht so viele Regeln, manchmal war es schwierig an sein Geld zu kommen und bezahlt zu werden." Doch mit dem Erfolg polnischer Games auf dem Weltmarkt kamen die Investoren.

Eine "polnische Spezialität" sind Simulationen, in denen Spieler bestimmte Charaktere darstellen: vom Automechaniker ("Car Mechanic Simulator") über einen Drogendealer ("Drug Dealer Simulator") bis hin zum Renovierungsprofi ("House Flipper"). Außerdem sind Horrorspiele, Rollenspiele, Aufbauspiele und Retro-Shooter Genres, die viele Studios in Polen bedienen. Mittlerweile gibt es staatliche Förderprogramme – die jedoch aus Sicht der Indie-Entwickler bei weitem nicht ausreichen – sowie zahlreiche Ausbildungsstätten, wie Privatschulen und Universitäten, wo junge Menschen ihr Handwerk lernen können.

Krise der Games-Industrie trifft auch Polen

Doch die Krise in der Games-Branche ist auch an Polen nicht vorbeigegangen. Welche Krise, möchte man fragen, wenn man die Besuchermassen auf der Gamescom sieht und von den Veranstaltern neue Messerekorde verkündet werden. Über 1500 Aussteller aus 72 Ländern präsentieren sich dem Publikum. Doch der erste Eindruck täuscht - hinter den Kulissen schwächelt die Branche tatsächlich.

Nach dem Hoch des Entertainment-Sektors während der Corona-Pandemie, als viele Menschen Videospiele für sich entdeckten, die Spielefirmen expandierten und Investoren Geld in die Branche pumpten, kam der Einbruch. Seit 2022 haben weltweit schätzungsweise mehr als 37.000 Menschen aus der Games-Branche ihren Job verloren. Große Firmen haben Mitarbeitende entlassen, kleine Studios mussten komplett schließen.

Der Markt war nach dem übermäßigen Wachstum in den Lockdown-Zeiten übersättigt, die allgemeine Lage der Weltwirtschaft mit Inflation und steigenden Zinsen erhöhte die Kosten für neue Entwicklungen und die starke Konkurrenz unzähliger neuer Spiele tat ihr Übriges. Hinzu kam, dass Investoren ihr Geld in anderen Branchen anlegten (nach Beginn des Ukraine-Kriegs nicht zuletzt in der Rüstungsindustrie). Auch in Polen hätten sich Investoren zurückgezogen, sagt Łukas Rosinski. Das führt dazu, dass einige Indie-Studios auf Spenden angewiesen sind und über Crowdfunding Gelder akquirieren.

Hoffen auf staatliche Förderung

Manch einer finanziert das erste Spiel überwiegend selbst - so wie der Gründer des Studios Dark Jay, Dominik Sójka, der "Arms of God" komplett alleine entwickelte. Er weiß um die Nöte der Branche.

Sei es vor ein paar Jahren schwierig gewesen, Grafiker oder Designer für ein Projekt zu gewinnen, sagt er der DW, erhielten Auftraggeber heute in wenigen Tagen zahlreiche Bewerbungen. Auch die KI verdrängte in den letzten Jahren Designerinnen, Übersetzer und Sprecherinnen, erklärt Dominik Sójka.

Polens Indie-Entwickler wünschen sich daher mehr finanzielle Unterstützung durch eine stabile staatliche Games-Förderung insbesondere, wenn es um die Produktion des ersten Spiels eines Studios geht. Aktuell sei die Hilfe nicht besonders groß, bemerkt Dominik Sójka. Ob die Krise noch andauert oder bereits vorüber ist, darüber sind sich die polnischen Indie-Entwickler uneins.

Doch jetzt wollen sie erst mal gemeinsam am Stand des polnischen Publishers Galaktus auf der Gamescom ihre Spiele präsentieren. Alle hoffen, den Geschmack des internationalen Publikums zu treffen und herauszustechen aus der Masse an Games, die tagtäglich um Aufmerksamkeit konkurrieren.

Item URL https://www.dw.com/de/gamescom-polens-junge-games-branche-buhlt-um-aufmerksamkeit/a-73712223?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Der Indie-Entwickler und Creative Director des Spiels "Blood of the Tyrant", Kuba Palyska, hat den Aufstieg und Wandel der polnischen Spielebranche selbst miterlebt
Image source Kristina Reymann-Schneider/DW
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Item 38
Id 73719011
Date 2025-08-21
Title USA senken Autozölle für EU-Importe auf 15 Prozent
Short title USA senken Autozölle für EU-Importe auf 15 Prozent
Teaser Nach der Zollvereinbarung zwischen US-Präsident Trump und EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen gibt es nun auch gute Nachrichten für die Automobilbranche: Die USA fahren ihre Zölle auf Autoimporte aus der EU zurück.
Short teaser Nach der Zollvereinbarung zwischen den USA und der EU gibt es nun auch gute Nachrichten für die Automobilbranche.
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Die US-Zölle auf Autoimporte aus EU-Staaten sollen rückwirkend zum 1. August von 27,5 auf 15 Prozent sinken. EU-Handelskommissar Maros Sefcovic kündigte in Brüssel an, die Europäische Union werde die dafür notwendigen Voraussetzungen schaffen. "Ich denke, das sind willkommene Nachrichten für die Autoindustrie", sagte er.

Zuvor hatten die EU und die USA eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht, die auf den Handelsgesprächen zwischen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und US-Präsident Donald Trump in Schottland basiert. Darin ist festgehalten, dass Washington seine Autozölle zurücknimmt, sobald die EU den Gesetzgebungsprozess für Einfuhrerleichterungen zugunsten bestimmter US-Produkte einleitet. Geplant ist unter anderem die vollständige Abschaffung der Zölle auf US-Industriegüter sowie der Abbau von Handelsbarrieren für bestimmte Lebensmittel.

Mehr US-Energie und mehr Investitionen

Für die europäische Autobranche endet damit eine Phase der Unsicherheit. Nach dem Treffen von Trump und von der Leyen am 27. Juli hatten die Hersteller vergeblich auf konkrete Zollsenkungen gehofft, da ihre Fahrzeuge zunächst nicht unter die neue Regelung für den Basiszollsatz von 15 Prozent fielen. Dies soll nun durch die aktuelle Erklärung geändert werden. Neben den Autozöllen enthält das Dokument zahlreiche weitere Vereinbarungen zwischen beiden Seiten, die bereits beim Spitzentreffen in Schottland vereinbart wurden.

So verpflichtet sich die EU, bis zum Ende von Trumps Amtszeit US-Energie im Wert von 750 Milliarden Dollar zu beziehen. Nach Angaben von Kommissionspräsidentin von der Leyen sollen insbesondere Flüssigerdgas (LNG), Öl und Kernbrennstoffe aus den Vereinigten Staaten die Versorgungslücken schließen, die nach dem geplanten vollständigen Verzicht auf russisches Gas und Öl entstehen. Darüber hinaus sagt die EU zu, in den kommenden Jahren weitere 600 Milliarden Dollar in den USA zu investieren.

pgr/se (dpa, afp, rtr, Europäische Kommission)

Item URL https://www.dw.com/de/usa-senken-autozölle-für-eu-importe-auf-15-prozent/a-73719011?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Nach einer grundlegenden Einigung zwischen der EU und den USA gibt es nun auch eine Regelung für die Automobilbranche (Symbolbild)
Image source Sina Schuldt/dpa/picture alliance
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Item 39
Id 73692695
Date 2025-08-20
Title Wie beeinflussen NS-Menschenversuche die Medizin bis heute?
Short title Wie beeinflussen NS-Menschenversuche die Medizin bis heute?
Teaser Eine neue Datenbank erzählt die Leidensgeschichten von Opfern der medizinischen Zwangsforschung in der NS-Zeit. Welche Rolle spielen die damals gesammelten Präparate und Ergebnisse in der modernen Medizin und Forschung?
Short teaser Eine neue Datenbank erfasst tausende Opfer der Zwangsforschung. Was geschah mit den Präparaten und Ergebnissen?
Full text

Medizinische Zwangsforschung und Menschenversuche gehören zu den dunkelsten Kapiteln der NS-Zeit. Vor allem an Juden, Kriegsgefangenen, Sinti und Roma, Behinderten und anderen diskriminierten Gruppen wurden Krankheitserreger, Giftstoffe und Medikamente getestet. Ihnen wurden Organe entnommen, man ließ sie kontrolliert erfrieren, sie wurden zwangssterilisiert, selektiert und getötet. Das Ausmaß der Gräueltaten ist kaum vorstellbar.

Zehntausende wurden Opfer dieser menschenverachtenden Experimente. Von 16.000 dieser Menschen gibt es nun detaillierte Profile in einer neuen Online-Datenbank. Sie enthält zudem mehr als 13.000 Profile von Menschen, deren Schicksale noch nicht abschließend beforscht sind. Erstmals gibt es so einen systematischen Zugang zu Namen und Lebensdaten von Opfern, zu einzelnen Experimenten und den daran beteiligten Institutionen.

Veröffentlicht wurde die Datenbank von der Wissenschaftsakademie Leopoldina und der Max-Planck-Gesellschaft. Wissenschaftler von deren Vorgängerin, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, hatten zur NS-Zeit an Humanpräparaten geforscht, die zweifelsfrei von den Massentötungen stammten.

Rassismus als Rechtfertigung - kaum juristische Konsequenzen

Über 200 Einrichtungen in Deutschland und Europa standen mit medizinischen Verbrechen im Nationalsozialismus in Verbindung. Das ganze Ausmaß der Gräueltaten zeigte ein 2023 erschienener Report, den die Lancet-Kommission für Medizin, Nationalsozialismus und Holocaust erarbeitet hatte.

Der detaillierte Bericht belegt, dass Mediziner in unterschiedlichen Funktionen mit dem Verweis auf die "Rasse"-Zugehörigkeit die Taten rechtfertigten und in erheblichem Umfang Zwangssterilisierungen, Euthanasie-Programme und Selektionen umsetzten. Nur wenige Mediziner und Forschende wurden nach dem Krieg für ihrer Taten zur Verantwortung gezogen.

NS-Spuren bis in die Gegenwart

Nach dem Krieg setzten manche Wissenschaftler und Institutionen ihre Arbeit relativ unbehelligt fort. Prominente Vertreter aus der NS-Medizin, zum Beispiel an der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, konnten nach 1945 in der Bundesrepublik weiterarbeiten. Auch in der Luftfahrt- und beim Aufbau des weltraummedizinischen Programms der NASA sei auf die Expertise von Personen zurückgegriffen worden, die ihre Erkenntnisse auch aus KZ-Experimenten bezogen hatten, so Medizinhistoriker Prof. Dr. Herwig Czech von der Medizinischen Universität Wien, der die Lancet-Kommission für Medizin, Nationalsozialismus und Holocaust maßgeblich mit initiiert hatte.

Besonders in der Nachkriegszeit wurden einige der im Nationalsozialismus erhobenen Daten unreflektiert übernommen, auch weil über die Umstände der Versuche selten gesprochen wurde oder die Herkunft der Daten verschleiert wurde. Daten beispielsweise zur Kältetoleranz, Sulfonamid-Antibiotikum-Behandlungen oder der Wirkung von Phosgengas, die von Menschenversuchen stammten, wurden nach dem Krieg in medizinischen Fachzeitschriften publiziert, mehrfach weiter zitiert und benutzt.

Phosgen ist ein Atemgift, das im Ersten Weltkrieg als chemischer Kampfstoff eingesetzt wurde. Die Ergebnisse der NS-Kampfstoffforschung wurden in den 1980er Jahren in den USA wieder aufgegriffen, fand der Wissenschaftshistoriker Florian Schmaltz heraus. "Noch 1988 schlugen Wissenschaftler der US-Umweltschutzbehörde vor, die Ergebnisse von Otto Bickenbachs Phosgenexperimenten an Häftlingen im Konzentrationslager Natzweiler-Struthof als Grundlage für neue Tierversuche im Zusammenhang mit Vorschriften zur Phosgenbelastung zu verwenden – ein Plan, der erst nach Protesten einer Gruppe ihrer Kollegen innerhalb der Behörde aufgegeben wurde", so Prof. Sabine Hildebrandt von der Harvard Medical School in Boston gegenüber der DW.

Sehr späte Aufarbeitung

Teile der Humangenetik, der Psychiatrie und der medizinischen Anthropologie griffen ebenfalls methodisch auf Praktiken zurück, die im Nationalsozialismus entwickelt und angewandt wurden. "Eine verhältnismäßig hohe Kontinuität gab es im Gebiet der Anatomie und der Neuropathologie, weil in der NS-Zeit große neuropathologische Sammlungen erstellt worden sind, auf die sich die Forschung noch lange nach dem Krieg bezogen hat", sagt Prof. Czech.

Der "wissenschaftliche Erkenntniswert" dieser menschenverachtenden Untersuchungen halte sich zwar in Grenzen und spiele angesichts des inzwischen erfolgten wissenschaftlichen Fortschritts faktische keine Rolle mehr, so der Medizinhistoriker.

Doch Präparate aus der NS-Zeit wie Gewebeproben, Organpräparate oder Hirnschnitte von Opfern wurden noch Jahrzehnte nach 1945 in deutschsprachigen Forschungsinstituten und für die Lehre verwendet. Eine systematische Revision und Bestattung fand vielfach erst ab den 1980er- und 1990er-Jahren statt, nachdem politischer und gesellschaftlicher Druck aufgebaut wurde. Ein bekanntes Beispiel ist die Aufarbeitung der Sammlungen an verschiedenen Standorten der Max-Planck-Gesellschaft, die erst 1997 begann.

Bewussterer Umgang mit der Vergangenheit

Zwei seien die meisten Techniken und Daten aus der NS-Zeit kaum mehr aktuell und würden daher zumindest nicht aktiv angewendet, so die Anatomin Hildebrandt. "Das bedeutet jedoch nicht, dass Erkenntnisse aus dieser Forschung nicht in das allgemeine medizinische Wissen eingeflossen sind und weiterwirken, zum Beispiel in Lehrbüchern der einzelnen medizinischen Disziplinen."

Auch wenn heute eine kritische Reflexion und ethische Debatte über den Umgang mit diesen Erkenntnissen in der Medizin und Forschung Standard sei, brauche es weiterhin mehr Bewusstsein darüber, in welchem Kontext die Daten und Erkenntnisse in einzelnen wissenschaftlichen Publikationen stamme, so Hildebrandt. "Kennzeichnung und Kontextualisierung allein reichen ohnehin nicht, sondern sie müssen durch Nennung der Opfer, deren Biografie und Leiden ergänzt werden."

Modellcharakter auch für andere Länder?

Medizinische Zwangsforschung und Menschenversuche wurden nicht nur im Nationalsozialismus, sondern auch davor und danach weltweit – besonders in kolonialen Zusammenhängen – durchgeführt. Aber eine kritische Auseinandersetzung hat es oftmals nicht oder nur unzureichend gegeben. "Das ist ja einer der Gründe, warum die Lancet-Kommission gegründet wurde: Die Medizin im Nationalsozialismus stellt das am besten erforschte und bislang extremste Beispiel medizinischer Grenzüberschreitungen unter Bedingungen von Unrechtsregimen dar", sagt Hildebrandt.

Einzelne Länder, vor allem mit Kolonialgeschichte, stellen sich dieser Verantwortung. Andere Länder wie etwa Japan, das ebenfalls medizinische Gräueltaten und Menschenversuche an Kriegsgefangenen und der Zivilbevölkerung in China, Korea und anderen besetzten Gebieten verübte, bislang nicht.

"Andere Länder und Zeiten haben andere Geschichten, die oft noch genau erforscht werden müssen, um den Einfluss auf die Gegenwart deutlich zu machen", so Sabine Hildebrandt von der Harvard Medical School in Boston. "Hier in den USA gibt es endlich mehr Forschung zur Geschichte von Medizin und Sklaverei, doch unsere gegenwärtige Regierung versucht das jetzt wieder rückgängig zu machen."

Der Artikel wurde am 21.08.25 aktualisiert

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Image caption Präparate von Opfern der NS-Zeit wurden noch Jahrzehnte nach 1945 in deutschsprachigen Forschungsinstituten verwendet
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Item 40
Id 73615829
Date 2025-08-20
Title Seltene Erden: Warum Recycling in Deutschland kaum vorankommt
Short title Warum Deutschland bisher kaum Seltene Erden recycelt
Teaser Die EU will für Metalle der Seltenen Erden nicht mehr vom Import aus China abhängig sein. Doch trotz wachsender Nachfrage bleibt das Recycling Seltener Erden in Deutschland hinter den Erwartungen zurück. Woran liegt das?
Short teaser Die EU will weniger Abhängigkeit von China bei Seltenen Erden – sind grüne Alternativen profitabel?
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Mit seinen Obstgärten aus niedrigen Bäumen und dem kleinen Hafen mit sonnenbeschienenen Segelbooten versprüht Bitterfeld einen Hauch ländlichen Charmes. Doch die ostdeutsche Stadt etwa 140 km südwestlich von Berlin hat auch eine weniger idyllische Seite.

Der flache See, Silbersee genannt, entstand auf dem Gelände eines stillgelegten Tagebaus. Früher wurde hier Braunkohle abgebaut. Seit mehr als einem Jahrhundert ist die Stadt auch ein wichtiger Standort der Chemieindustrie in Deutschland. Davon zeugt bist heute ein Gewirr aus Rohren, der verseuchte Boden in der Region und die inzwischen modernisierten Industrieparks mit einer Vielzahl von Unternehmen.

Jetzt könnte Bitterfeld ein weitere wichtige Rolle spielen – als Zentrum, um Seltene Erden in Europa zu gewinnen.

Seltene Erden sind chemischen Elemente, die für die Herstellung von Permanentmagneten unerlässlich sind. Sie stecken in Unterhaltungselektronik, erneuerbaren Energien und Wehrtechnik. Und bisher stammen sie größtenteils ausChina. Europa ist auf Importe angewiesen und würde das gerne ändern. Hier kommt Bitterfeld ins Spiel.

Trotz strategischem Potenzial in der Finanzkrise

Die Idee ist, Seltene Erden aus ausgedienten Elektronikgeräten zu recyceln. Im Mai 2024 eröffnete die familiengeführte deutsche Technologiegruppe Heraeus dafür eine Anlage in Bitterfeld: ein graues, rechteckiges Gebäude, umgeben von einem hohen Stacheldrahtzaun. Bei der Eröffnung wurde der Standort als "die größte Recycling-Anlage für Seltene-Erden-Magnete in Europa" vorgestellt.

Ursprünglich sollte die Anlage jährlich rund 600 Tonnen Magnetpulver aus Seltenen Erden produzieren, mit dem Ziel, diese Menge bald auf 1.200 Tonnen zu verdoppeln. Doch es kam anders.

Ein Jahr nach dem Start berichtet Heraeus, dass die Anlage Schwierigkeiten hat, kostendeckend zu arbeiten, trotz des strategisch wichtigen Potenzials.

"Ich kann keine genaue Zahl nennen, aber wir sind weit von unserer Kapazitätsgrenze entfernt", so David Christian Bender, Co-Leiter von Heraeus Remloy. Er fügte hinzu, dass das europäische Recycling "nicht mit den Lieferungen von Seltenen Erden aus China konkurrieren kann".

Der Heilige Gral der Hightech-Wirtschaft

Vier Industriesektoren in Deutschland sind besonders abhängig von Importen Seltener Erden: die Automobilindustrie, der Maschinen- und Anlagenbau, die Energiebranche und die Verteidigung. Einer der wichtigsten Rohstoffe für diese Sektoren ist Neodym.

Das silbrig-weiße Metall findet sich in unzähligen Smart-Geräten – von Elektromotoren und Windturbinen bis zu MRT-Scannern und Smartphone-Lautsprechern – und gilt als heiliger Gral der Hightech-Ökonomie. In Form von Neodym-Eisen-Bor-Magneten ist es auch für militärische Anwendungen von zentraler Bedeutung.

"Diese Magnete werden in präzisionsgelenkten Waffen, Radar- und Sonarsystemen, Satellitenkommunikation und zur Geräuschreduzierung bei Militärfahrzeugen verwendet", erklärt Stefan Steinicke vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).

Obwohl Europa über einige Vorkommen verfügt, wird Neodym derzeit nicht abgebaut. Tatsächlich importiert der Kontinent 100 % seiner schweren Seltenen Erden wie Terbium und 85 % seiner leichten Seltenen Erden wie Neodym aus China. Das Land produziert auch 90 % der weltweiten Magnete.

"Wenn es um Elektromotoren, Robotik und Drohnen geht, ist die Importabhängigkeit nicht nur hoch, sondern systemkritisch", so Steinicke. Kurzfristige Importstopps führen zu Produktionsverzögerungen, Lieferengpässen und Preissteigerungen. Langfristige Ausfälle könnten Projektabbrüche in Schlüsseltechnologien bedeuten und strategische Unsicherheiten bei Investoren verursachen.

Im April dieses Jahres beschränkte China den Export mehrerer schwerer Seltener Metalle und Magnete drastisch – mit Folgen: In Teilen Deutschlands kamen Produktionslinien zum Stillstand.

Eine sauberere Abkürzung

2024 führte die EU das Gesetz über kritische Rohstoffe ein, den Critical Raw Materials Act. Bis 2030 sollen mindestens 10 % des Bedarfs in Europa gefördert, 40 % verarbeitet und 25 % recycelt werden. Die Abhängigkeit von einem einzelnen Nicht-EU-Land soll maximal 65 % betragen.

Experten begrüßen die Ziele, halten sie jedoch für ambitioniert. Die EU müsse schneller handeln, mehr investieren und kreativere politische Instrumente einsetzen.

Die Produktionskette vom Bergbau bis zum Magneten ist lang und teuer. "Eine grüne Mine ist ein Widerspruch in sich – sie bringt immer Umweltzerstörung und Verschmutzung mit sich", sagt Pascal Leroy, Generaldirektor des WEEE Forums, einer Brüsseler Non-Profit-Organisation für Elektroschrott.

Das sogenannte Short-Loop-Recycling nutzt Vakuumschmelzen und überspringt so die schmutzigsten und energieintensivsten Schritte des längeren Recyclingprozesses – es gilt daher als umweltfreundlichere Alternative zum Bergbau.

Neben Heraeus Remloy arbeiten mehrere europäische Unternehmen daran, eine führende Rolle im REE-Recycling einzunehmen.

Doch es ist schwierig, Kunden zu finden, die bereit sind, für europäische Produkte mehr zu zahlen.

Jan Giese, Senior Manager beim deutschen Metallhändler TRADIUM, sieht die Herausforderungen in den "relativ hohen Preisen für interessantes Schrottmaterial", den höheren Produktionskosten in Europa, "niedrigeren Recyclingkapazitäten und daraus resultierenden schlechteren Skaleneffekten".

Laut TRADIUM ist der Preis für Neodymoxid – trotz einiger Preisschwankungen – seit März 2022 insgesamt gefallen und erreichte Mitte 2024 einen Tiefpunkt. Auch das erschwert die Rentabilität der Recycling-Unternehmen.

Bisher werden weniger als ein Prozent der in der EU verbrauchten Seltenen Erden recycelt, erklärt eine Pressereferentin der EU-Kommission. Zwar habe Brüssel mehrere Projekte zur Unterstützung privater Investitionen genehmigt, eine grundlegende Veränderung sei jedoch nicht zu erwarten.

Anfang nächsten Jahres plant die EU die Einführung einer speziellen Plattform, um Käufer und Anbieter strategischer Rohstoffe zu vernetzen und die Bezugsquellen zu diversifizieren.

Keine Wunderlösung

"Recyclingquoten könnten Teil einer Lösung sein", sagt Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Er betont die Notwendigkeit "einer kohärenten politischen Anstrengung, die ein Mosaik an Maßnahmen vereint", und schloss eine Steuervergünstigung für in Europa hergestellte oder recycelte Magnete nicht aus. Solche Schritte müssten jedoch "in enger Abstimmung innerhalb der EU" erfolgen, so Hardt.

Nahezu 50 % des Elektroschrotts in der EU werden nicht gesammelt, weniger als 40 % werden recycelt. Die EU-Kommission plant, die WEEE-Richtlinie – das EU-Gesetz zur Regelung von Elektroschrott – zu überarbeiten, um Sammlung, Behandlung und Marktanreize besser aufeinander abzustimmen.

Laut Leroy müsse Brüssel spezielle Abfallcodes für Permanentmagnete einführen, damit diese rückverfolgbar und recycelbar seien, bevor sie verloren gehen oder exportiert werden.

Gemeinsam mit Partnern hat das WEEE Forum außerdem die Online-Plattform Urban Mine geschaffen, die die Menge an wertvollen Materialien im EU-Abfall aufzeigt – es entspricht laut der Platform derzeit dem Gewicht von etwa drei Millionen afrikanischen Elefanten.

Bender, Co-Leiter von Heraeus Remloy, hofft auf eine rasche Einführung von Maßnahmen zur Förderung des Recyclings Seltener Erden. Er fordert verbindliche Quoten sowie finanzielle oder steuerliche Anreize für den Einsatz recycelter europäischer Magnete, insbesondere in der Automobilindustrie.

"Die Lage ist sehr schwierig.Wenn jetzt nichts geschieht, sehe ich keine Veränderungen bis 2030", sagt er – trotz der ehrgeizigen Ziele aus Brüssel.

Adaptiert aus dem Englischen von Anne-Sophie Brändlin

Dieser Artikel wurde im Rahmen des Netzwerks „Thematic Networks of PULSE" produziert, einer europäischen Initiative zur Förderung grenzüberschreitender journalistischer Zusammenarbeit.

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Image caption Bitterfelds ländlicher Charme ist von industriellem Flair geprägt
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Item 41
Id 73683772
Date 2025-08-18
Title Können internationale Investoren Israels Kurswechsel in Gaza erzwingen?
Short title Können internationale Investoren Israels Gazakurs ändern?
Teaser Norwegens Staatsfonds, der größte der Welt, verkauft israelische Unternehmensanteile und setzt so Netanjahu wegen Gaza unter Druck. Wie groß ist die Tragweite solcher Finanztransaktionen aber wirklich?
Short teaser Norwegens Staatsfonds zieht sich aus israelischen Unternehmen zurück und setzt damit Netanjahu wegen Gaza unter Druck.
Full text

Die israelische Regierung hat sich bislang auffällig zurückhaltend zu Norwegens Entscheidung vom 11. August geäußert, Investitionen aus mehrere israelischen Unternehmen teilweise abzuziehen, ausgelöst durch ethische Bedenken hinsichtlich des Krieges im Gazastreifen.

Der zwei Billionen Dollar (1,71 Billionen Euro) schwere norwegische Staatsfonds kündigte an, Investitionen aus elf mit Israel verbundenen Unternehmen abzuziehen und Verträge mit in diesem Land tätigen Vermögensverwaltern zu kündigen. Der Fonds leitete eine dringende Überprüfung ein, nachdem Medien berichtet hatten, dass er in ein Unternehmen investiert hatte, das Teile für israelische Militärjets herstellt.

Während israelische Medien Norwegens Vorgehen als "zutiefst beunruhigend" und "politisch motiviert" bezeichneten, glauben einige Analysten, dass israelische Beamte bewusst Zurückhaltung üben, um die so genannte Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionsbewegung (BDS), die seit zwei Jahrzehnten eine Kampagne gegen Israel führt, nicht noch weiter zu ermutigen.

Symbolische Erfolge für die BDS-Boykottbewegung

Seit ihrer Gründung im Jahr 2005 hat die BDS eine Reihe symbolischer und materieller Erfolge erzielt, indem sie Institutionen, Unternehmen und Regierungen unter Druck gesetzt hat, ihre Beziehungen zu israelischen Einrichtungen, die an der Besetzung der palästinensischen Gebiete beteiligt sind, abzubrechen. Die von Palästinensern geführte Bewegung wird von Israel und den USA regelmäßig des Antisemitismus bezichtigt.

Der Deutsche Bundestag verabschiedete sogar eine Resolution zu BDS - erstmals 2019 und erneut 2024 -, in der die Bewegung als "antisemitisch" bezeichnet und ihr der Zugang zu öffentlichen Mitteln untersagt wurde. BDS gewann neuen Schwung, nachdem israelische Streitkräfte nach den Angriffen der palästinensischen Miliz Hamas am 7. Oktober 2023 eine Militäroperation in Gaza gestartet hatten. Die Bewegung führte zu umfangreichen Desinvestitionen von Unternehmen wie bei den Finanzkonzernen AXA aus Frankreich und Scotiabank aus Kanada. Samsung Next, der Risikokapitalfonds des südkoreanischen Technologieriesen und 7-Eleven traten den Rückzug aus Israel an.

Eine von BDS organisierte Verbraucherbewegung traf auch McDonald's und die britische Sandwichkette Pret a Manger, während mehrere Städte und Universitäten in den USA unter dem Einfluss von BDS-Kampagnen Resolutionen verabschiedeten, um ihre Beziehungen zu israelischen Unternehmen abzubrechen.

Obwohl die Anteilsverkäufe durch Norwegen voraussichtlich nur eine begrenzte wirtschaftliche Auswirkung auf Israel haben werden, warnte der Ökonom Benjamin Bental von der israelischen Universität Haifa, dass dies einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen könnte. Norwegen sende "ein Signal über die Aktivitäten israelischer Unternehmen, die ihm nicht gefallen, dem andere folgen könnten", sagte Bental der DW. "Wenn der Damm einmal gebrochen ist und es zu einer Flut kommt, wird dies von großer Bedeutung sein."

Norwegen überprüft israelische Beteiligungen

Der norwegische Staatsfonds, der weltweit größte seiner Art, hielt Ende 2024 Anteile an 65 israelischen Unternehmen im Wert von rund 1,95 Milliarden US-Dollar (1,67 Milliarden Euro). Er hält nach wie vor Beteiligungen an fast 50 israelischen Unternehmen. Der Fonds, eine Tochtergesellschaft der norwegischen Zentralbank, gab an, diese Beteiligungen aktiv zu überprüfen, um die Einhaltung des Völkerrechts sicherzustellen. Man plane nun, alle israelischen Projekte intern zu managen und künftige Investitionen auf Unternehmen zu beschränken, die im israelischen Aktienindex vertreten sind.

Die BDS-Bewegung begrüßte die Entscheidung Norwegens als "großen ethischen Sieg". Die Gewerkschaft LO, eine der einflussreichsten Arbeitnehmerorganisationen Norwegens, hat sich bei der Regierung für entschlossenere Maßnahmen eingesetzt. Die Mitglieder der Gewerkschaft haben kürzlich für einen vollständigen Wirtschaftsboykott Israels gestimmt.

Die Ankündigung Norwegens folgt auf eine Reihe von Desinvestitionen in ganz Europa. Im April 2024 hat sich der irische strategische Investmentfonds ISIF aus sechs israelischen Unternehmen zurückgezogen. Mehrere Gemeinderäte im Vereinigten Königreich haben ebenfalls Anträge verabschiedet, die ihre Pensionsfonds dazu verpflichten, ihre Investitionen in Israel aufzugeben.

Viele dieser Entscheidungen standen im Zusammenhang mit Israels Siedlungsprogramm im besetzten Westjordanland und in Ostjerusalem, das von den Vereinten Nationen und der Europäischen Union als völkerrechtswidrig eingestuft wird. Israel kündigte kürzlich die größte Ausweitung der Siedlungen im besetzten Westjordanland seit Jahrzehnten an, wobei der israelische Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, dieser Schritt "verhindere die Gründung eines palästinensischen Staates".

BDS "nichts" im Vergleich zu Trumps Israel-Zöllen

Dany Bahar, Senior Fellow am Center for Global Development, einem in der US-Hauptstadt Washington ansässigen Think Tank, glaubt, dass die Auswirkungen von Boykotten und Desinvestitionen auf das Wachstum Israels und seine Fähigkeit, Krieg zu führen, nach wie vor gering sind. Die BDS-Boykotte und Desinvestitionen "haben nicht in einem Ausmaß stattgefunden, das die israelische Wirtschaft beeinträchtigen könnte", sagte Bahar gegenüber der DW. "Sie sind nichts im Vergleich zu den Zöllen, die Trump gegen Israel verhängt hat", die er als den "schlimmsten Boykott" bezeichnete, den Israel jemals erlebt habe. Im April erklärte US-Präsident Donald Trump, dass israelische Waren, die in die USA eingeführt werden, mit einem Zollsatz von 17 Prozent belegt werden, obwohl Israel alle Zölle auf US-Importe abgeschafft hat. Der Satz wurde später auf 15 Prozent gesenkt.

In Bezug auf den Verkauf der norwegischen Vermögenswerte argumentierte Bahar, dass die allgemeine Investitionslandschaft in Israel weiterhin stabil sei und dass die Marktkräfte diese Entscheidung wahrscheinlich außer Kraft setzen würden. "Jemand anderes wird diese Anteile kaufen, weil es sich um gute Unternehmen handelt. Israel hat der Welt in Bezug auf Wissen und Produkte viel zu bieten. Investoren wissen das", sagte er.

Trotz der Besorgnis einiger Investoren aufgrund geopolitischer Spannungen und BDS-Kampagnen haben sich die ausländischen Investitionen in Israel nach einem Einbruch im Jahr 2023 deutlich erholt. Im Jahr 2024 beliefen sich die Nettoinvestitionen von Nichtansässigen laut der Bank von Israel auf etwa 27 Milliarden US-Dollar, verglichen mit nur acht Milliarden US-Dollar im Jahr 2023.

Israel mit wachsenden Gefahr von Sanktionen konfrontiert

Diese Widerstandsfähigkeit unterstreicht die robusten wirtschaftlichen Fundamentaldaten Israels und seine engen Verbindungen zu den globalen Märkten. Der zunehmende internationale Druck - verdeutlicht durch die jüngste Entscheidung Norwegens - signalisiert jedoch eine wachsende Tendenz, Israel durch gezielte Sanktionen für seine Handlungen im Gazastreifen und im Westjordanland zur Rechenschaft zu ziehen. In seinem letzten Amtsjahr verhängte der ehemalige US-Präsident Joe Biden Sanktionen gegen 19 israelische Siedler und acht Organisationen wegen Gewalt im Westjordanland. Sie wurden von Donald Trump im Januar 2025 wieder aufgehoben.

Über 30 Bundesstaaten, darunter Texas und Florida, haben Anti-BDS-Gesetze erlassen, die es staatlichen Behörden verbieten, mit Organisationen zusammenzuarbeiten, die Israel boykottieren. Großbritannien, Frankreich und Kanada haben israelische Siedler, denen Gewalt vorgeworfen wird, mit Reisebeschränkungen und dem Einfrieren von Vermögenswerten belegt. Die EU hat außerdem rechtsextreme israelische Gruppen, die an Angriffen auf Palästinenser beteiligt sind, auf eine schwarze Liste gesetzt. Washington hat unterdessen Personen, die mit den Unruhen in Verbindung stehen, den Zugang zu Immobilien und Finanzmitteln verwehrt.

Neun weitere Länder, darunter Südafrika, Bolivien und Malaysia, sind noch weiter gegangen und haben umfassende Wirtschaftssanktionen gegen Israel verhängt. Zu diesen Maßnahmen gehören das Verbot von Waffenverkäufen und das Ende von Treibstoff-Lieferungen, die vom Militär verwendet werden könnten. Deutschland, traditionell einer der engsten Verbündeten Israels, kündigte diesen Monat an, alle Militärexporte, die in Gaza verwendet werden könnten, "bis auf Weiteres" einzustellen, und verwies dabei auf die sich verschärfende humanitäre Krise.

Könnten Sanktionen Israel zum Einlenken zwingen?

Die EU erwägt außerdem, Israel den Zugang zum 95 Milliarden Euro (111 Milliarden US-Dollar) schweren Forschungsfonds "Horizon Europe" zu verwehren, und macht dafür Menschenrechtsverletzungen in Gaza verantwortlich. Der Plan ist derzeit aufgrund mangelnder Einigkeit ins Stocken geraten, da Frankreich, Spanien, Irland und Slowenien Brüssel zu mehr Maßnahmen drängen, während Deutschland, Italien und Ungarn Sanktionen ablehnen. Bental warnte, dass EU-Sanktionen "ernsthafte Auswirkungen auf die Funktionsfähigkeit israelischer Unternehmen haben würden".

Fast ein Drittel der israelischen Exporte gehen in die EU, was laut Bental etwa ein Prozent des israelischen BIP ausmacht. Bahar teilte diese Besorgnis, verwies jedoch auf die tief verwurzelte Rolle Israels in der weltweiten Innovation und im Handel als Grund dafür, dass weiterer Druck seitens der internationalen Gemeinschaft nur begrenzt wirksam sein dürfte. "Was auch immer man von Israel und dem Krieg halten mag, das Land verfügt über sehr qualifizierte Ingenieure und Entwickler. Die Wirtschaft ist so stark in die Weltwirtschaft eingebunden, dass es nicht so einfach ist, sich von Israel abzukoppeln", sagte er gegenüber der DW.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert

Item URL https://www.dw.com/de/können-internationale-investoren-israels-kurswechsel-in-gaza-erzwingen/a-73683772?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Norwegens Finanzminister Jens Stoltenberg erklärt, Investitionen aus mehreren israelischen Unternehmen teilweise abzuziehen
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Item 42
Id 73649199
Date 2025-08-18
Title Der Mann, der den Tanga erfand
Short title Der Mann, der den Tanga erfand
Teaser Er sollte den Körper nicht sexualisieren, sondern ihn befreien: der Tanga. Erfunden wurde das winzige Stück Stoff von Modedesigner Rudi Gernreich, und er war wie alles in seinem Leben: ein politisches Statement.
Short teaser Erfunden wurde der Tanga vom Designer Rudi Gernreich, und er war wie alles in seinem Leben: ein politisches Statement.
Full text

Dieser Tage sieht man ihn überall: Er ragt aus Hüfthosen hervor als wäre es 2008, glitzert unter transparenten Strandkleidern hervor oder entblößt braungebrannte Pobacken am Strand.

Richtig, die Rede ist vom Tanga, der gerade sein Comeback feiert - dank dem Revival der Mode aus den 2000er-Jahren, als er omnipräsent war. Was viele über ihn nicht wissen: Seine Erfindung war ein politisches Statement und sein Schöpfer ein schwuler Mann.

Juli 1974: der letzte Sommer des Nacktbadens in Los Angeles

Aber der Reihe nach. Im Jahre 1974 verwandelte sich der beliebte Venice Beach in Los Angeles einen Sommer lang in ein Meer aus entblößten Hinterteilen.

"Alle waren nackt", erinnert sich ein Rettungsschwimmer in der US-amerikanischen Zeitung "LA Times". Wie es dazu kam, weiß keiner so genau. Sicher ist, dass der FKK-Hype in die Zeit der Hippies fiel, die sich wohl darüber freuten, dass Nacktheit noch nicht explizit verboten war.

Doch der nackte Sommertraum sollte nicht lange anhalten: Erst kam die Presse, dann die Polizei. Nachdem das Nacktbaden Schlagzeilen gemacht hatte, verbot Los Angeles es kurzerhand ganz.

Was das mit dem Tanga zu tun hat? Rudi Gernreich, ein österreichischer Designer, der in LA lebte, rebellierte gegen das Verbot. Und zwar auf seine Weise. Als Antwort auf die Zensur des nackten Körpers kreierte Gernreich ein winziges Stück Stoff für alle Geschlechter, das nur das Nötigste verdeckte.

Dabei ging es dem Designer nicht darum, Körper zu sexualisieren. Im Gegenteil: "Die Befreiung des Körpers wird die Gesellschaft von ihrem sexuellen Komplex heilen", soll er gesagt haben. Es war nicht das erste Mal, dass er mit Mode Tabus brach.

Karriere in LA

Gernreich wurde am 8. August 1922 in Wien geboren. In Los Angeles fand er 1938 eine neue Heimat, weil der damals 16-jährige Sohn jüdischer Eltern mit seiner Mutter vor den Nazis fliehen musste. Sein Vater hatte sich kurz vorher das Leben genommen. Während seine Mutter Backwaren von Tür zu Tür verkaufte, suchte sich auch der junge Rudi ein Job, um die Familienkasse aufzubessern: Er wusch Leichname in Vorbereitung für deren Autopsie.

"Ich muss lachen, wenn Leute mir sagen, dass meine Kleidung so körperbewusst ist, als hätte ich Anatomie studiert. Und wie ich Anatomie studiert habe", sagte Gernreich in einem Essay in Moffitts und Claxtons "The Rudi Gernreich Book".

Tatsächlich studierte Gernreich später nicht Anatomie, sondern Kunst, arbeitete als Kostümdesigner und als Tänzer. In seinen Entwürfen erkennt man stets seine Faszination für Körper jeden Geschlechts.

"Männlich oder weiblich, alle werden sich gleich anziehen"

In einer Zeit, in der Homosexualität in den USA noch unter Strafe stand, lebte Gernreich schon offen als schwuler Mann. Er war Mitgründer der Mattachine Society, eine der ersten Organisationen für LGBTQIA+-Rechte in den USA.

Was wir heute als queer bezeichnen, lebte Gernreich schon damals. Für ihn war die Zukunft der Mode unisex: "Kleidung wird nicht mehr als männlich oder weiblich identifiziert werden", sagte er bereits in den 1970er-Jahren voraus. "Winter oder Sommer, männlich oder weiblich, alle werden sich gleich anziehen." Für die Expo in Osaka 1970 entwarf er eine ganze unisex-Kollektion, seine Models - weiblich wie männlich - waren ungeschminkt, kahlrasiert und enthaart.

Schluss mit Korsette und Sanduhr-Silhouette: Free the nipple

Gernreichs Mode brach auch mit den Schönheitsidealen der 1950er-Jahre, die Frauenkörper in enge Korsette zwangen. Spätestens 1964 wurde er einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als er seinen berüchtigten Oben-Ohne-Badeanzug präsentierte: den Monokini. Der damals wie heute als skandalös wahrgenommene Badeanzug entblößte die Brust bis auf zwei Stoffstreifen gänzlich - quasi ein Tanga für den Busen.

Denn Gernreich fand, Frauen sollten genauso wie Männer ihre Nippel zeigen dürfen - und vor allem sollten sie selbst darüber entscheiden dürfen. "Ich mag es nicht, Frauen vorzuschreiben, was sie tragen sollen", sagte er 1966 in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP.

Wie er wohl auf die heutige Zeit blicken würde, in der Instagram weibliche Nippel zensiert und öffentliche Nacktheit nach wie vor vielerorts ein Problem ist? Gernreich war in jedem Fall ein Mann, der seiner Zeit voraus war.

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Image caption Designer Rudi Gernreich machte mit Bademode Furore
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Item 43
Id 73613485
Date 2025-08-17
Title Was die Antibabypille mit Auschwitz zu tun hat
Short title Was die Antibabypille mit Auschwitz zu tun hat
Teaser Am 18. August 1960 kam die Antibabypille erstmals in den USA auf den Markt. Die Grundlagen für die revolutionäre Pille schuf der Gynäkologe Carl Clauberg, der in Auschwitz weibliche Häftlinge sterilisierte.
Short teaser Am 18. August 1960 kam die Pille in den USA auf den Markt. Grundlage dafür waren Experimente an Frauen in Auschwitz.
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Der Schmerz, als ein Häftling ihr in Auschwitz die Lagernummer eintätowierte, sei heftig gewesen, erinnert sich Renée Düring. "Sei froh, dass du eine Nummer bekommst, sonst würdest du direkt im Ofen landen", sagte er.

Die Nazis hätten sie vor die Wahl gestellt: "Entweder du gehst ins Vernichtungslager Birkenau", sagte man ihr, "oder du stehst uns für medizinische Forschungen zur Verfügung. Das wird dich nicht umbringen."

Renée Düring (1921-2018) entschied sich für letzteres - und landete als menschliches Versuchskaninchen in den Händen des Gynäkologen Carl Clauberg. Ihre Geschichtehat sie 1992 dem United States Holocaust Memorial Museumerzählt. Die Kölner Jüdin war eine von hundertenFrauen, an denen der Mediziner Sterilisationsexperimente durchführte.

Carl Clauberg: Autorität in der Hormonforschung

Clauberg studiert an der Medizinischen Fakultät in Kiel und erwirbt 1925 seinen Doktortitel. Er spezialisiert sich im Bereich Gynäkologie und entwickelt gemeinsam mit Chemikern des Pharmaunternehmens Schering-Kahlbaum Hormonpräparate. Sein Verfahren, unfruchtbaren Frauen zu einer Schwangerschaft zu verhelfen, macht ihn zu einer Autorität in Sachen Hormonforschung.

Am 1. Mai 1933 tritt Carl Clauberg in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) und die SA (Sturmabteilung, eine paramilitärische Kampforganisation der NSDAP, Anm. d. Red.) ein. Wie viele Ärzte im Nazi-Deutschland erhoffte er sich von den Machthabern Hilfe, um seine Forschung voranzutreiben. Unter den Nazis gehört es zur Pflichterfüllung jeder deutschen Frau, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen - am besten blond und blauäugig.

Clauberg forscht aber auch an einer Methode, wie man Frauen sterilisieren kann. Dies war ganz im Sinne der menschenverachtenden NS-Rassenpolitik. Denn die hatte zum Ziel, Juden und Sinti und Roma den Nachwuchs zu verwehren und sie auszulöschen.

Die Hölle von Block 10

1942 schickt Clauberg ein Gesuch an Heinrich Himmler, dem nach Adolf Hitler mächtigsten Mann in Deutschland - und zuständig für die Durchführung des Holocausts. Er wolle, so der Gynäkologe, seine "neue Methode zur operationslosen Unfruchtbarmachung minderwertiger Frauen" durchführen und brauche dafür Räumlichkeiten.

Im Frühjahr 1943 ist es soweit. Er bekommt zwar kein eigenes Institut, aber einen Trakt in Auschwitz. Im Block 10 schafft Clauberg sich sein eigenes Versuchslabor. Die ersten Jüdinnen aus dem benachbarten Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau werden hierher umquartiert.

Nach Aussage Clauberg sind die Häftlingsfrauen für ihn gesichtslos, ihn interessieren nur ihre Unterbäuche. "Morgens, nachdem wir gezählt wurden, wurden unsere Nummern aufgerufen, um nach unten zu kommen. Wir warteten in einer Reihe draußen und dann wurden wir nacheinander in einen Raum gebracht und auf einen schwarzen Glastisch gelegt, der ein Röntgentisch war. Während die Flüssigkeit in unseren Körper injiziert wurde, lief die Röntgenmaschine, sodass der Arzt sehen konnte, was er mit der Flüssigkeit machte, aber diese Injektion brannte so schrecklich", erinnerte sich Renée Düring Jahre später an die Torturen, die sie erleiden musste.

Weder Renée noch die anderen Frauen wissen zu dem Zeitpunkt, was mit ihnen passiert. Clauberg praktiziert an ihnen, was er zuvor bereits an Tieren getestet hat. Seine Instrumente sind nicht steril, der Arzt verwendet sie mehrfach. Es gibt auch keine Betäubung – nur diese Spritze.

Wenn das Kontrastmittel ihm zeigt, dass die Eileiter durchlässig sind, kommen die Frauen ein, zwei Wochen später wieder auf den Tisch. Dann spritzt er eine giftige Substanz in den Unterleib, die die Wände der Eileiter verkleben und verätzen soll. Klappt das nicht, wiederholt er die Prozedur. "Ich musste drei Tage mit schrecklichen Schmerzen liegen", so Düring.

Eitrige Bauchfellentzündungen, Blutvergiftungen, wehenartige Schmerzen und schreckliches Brennen – das sind gängige Nebenwirkungen von Claubergs Versuchen. Die Frauen wollen ihre Schreie zurückhalten, denn es heißt, sonst kommen sie nach Birkenau in die Gaskammer.

Menschenverachtende Medizin

Wie ist es möglich, dass ein Arzt alle ethischen Bedenken über Bord wirft und Menschen wie Tiere behandelt? "Medizinische und menschliche Überlegungen spielen eine untergeordnete Rolle in dem Moment, wo jemand davon ausgeht und akzeptiert hat: Das sind keine Menschen mehr, das sind Untermenschen", so die Historikerin Prof. Dr. Andrea Löw vom Zentrum für Holocaust-Studien in München gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Bei Clauberg sei "grenzenloser Ehrgeiz" dazugekommen. "Er hat seine Chance gesehen, sich das System zunutze zu machen, um seine Karriere voranzutreiben und Ruhm und Ehre zu erreichen. Dem hat er alles untergeordnet."

Himmler will von Clauberg wissen, wie viel Zeit es bräuchte, um 1000 Frauen zu sterilisieren. Die Antwort des Mediziners: Ein entsprechend eingeübter Arzt allein mit 10 Assistenten sollte in der Lage sein, höchstwahrscheinlich ein paar 100, wenn nicht 1000 Juden an einem Tag zu sterilisieren.

Drohender Prozess in Deutschland

Dazu kommt es nicht mehr. Am 27. Januar 1945 befreit die Rote Armee Auschwitz. Clauberg hat sich da schon ins Frauen-KZ-Ravensbrück abgesetzt, wo er seine Versuche fortsetzt.

Als die Sowjets im April auch hier anrücken, flieht er. Zwei Monate später wird er entdeckt, verhaftet und in Moskau zu 25 Jahren Straflager verurteilt.

Doch schon 1955 wird er frühzeitig aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und fühlt sich von seiner "Vaterstadt geradezu fürstlich empfangen", so ist es in den Akten der Oberstaatsanwaltschaft Kiel dokumentiert. Clauberg wird wieder an der Kieler Universitätsklinik tätig. Die Ärzteschaft ist längst noch nicht entnazifiziert, der Kollege, der in Auschwitz tätig war, höchstwillkommen.

Doch im November 1955 erstattet der Zentralrat der Juden Anzeige gegen Clauberg, es gibt über 100 Zeugen, die gegen ihn aussagen wollen. Er selbst spricht von Verleumdung und fühlt sich als Justizopfer.

Er behauptet, er habe die Frauen in Block vor dem Tod retten wollen, seine Einrichtung sei ein "Lebensrettungs-Institut" gewesen; so steht es in den Ermittlungsakten. Aber Carl Clauberg stirbt am 9. August 1957, bevor ihm der Prozess gemacht werden kann.

1960 kam die Pille

Laut Protokollen hat der Mediziner 500 bis 700 Frauen sterilisiert. Viele seiner Opfer lebten weiter - traumatisiert und unfruchtbar. Renée Düring allerdings durfte ein Wunder erleben: Sie wurde trotz Claubergs Eingriffen Mutter einer Tochter.

Am 18. August 1960 kam in den USA das erste Medikament zur hormonellen Empfängnisverhütung mit dem Namen "Enovid" auf den Markt. Claubergs Grundlagenforschung hat maßgeblich zur Entwicklung des Präparats beigetragen.

Die Firma Schering, die einst Claubergs Experimente finanzierte, ging im Pharmakonzern Bayer auf. Sie vertreibt die Antibabypille. "Diese revolutionäre Methode der Familienplanung wurde zu einem Schlüsselfaktor der Emanzipation und einem Wendepunkt für die Gesellschaft", verkündete der Konzern auf seiner Webseite.

Die Frauen in Block 10 hatten nicht die Wahl, sich für oder gegen ein Kind zu entscheiden.

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Image caption Der Gynäkologe Carl Clauberg behandelte die inhaftierten Frauen in Auschwitz wie Versuchskaninchen
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Item 44
Id 73650844
Date 2025-08-15
Title Lutz muss gehen: Wie geht es weiter bei der Deutschen Bahn?
Short title Lutz muss gehen: Wie geht es weiter bei der Deutschen Bahn?
Teaser Mit der Entlassung von Bahnchef Richard Lutz gerät Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder unter Zugzwang. Binnen Wochen müssen Nachfolge und neue Konzernstrategie stehen - inmitten einer tiefen Bahnkrise.
Short teaser Nach der Entlassung von Bahnchef Richard Lutz: Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder gerät unter Zugzwang.
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In Deutschland ist die Diskussion um die Nachfolge von Noch-Bahnchef Richard Lutz und die künftige Strategie für die Deutsche Bahn (DB) voll entbrannt. "Damit wächst der Druck auf den Verkehrsminister enorm", sagte der Chef des Interessenverbands "Allianz pro Schiene", Dirk Flege. "Er muss nun innerhalb weniger Wochen die längst überfällige Bahnstrategie der Regierung vorstellen und den dazu passenden Vorstandsvorsitzenden gleich mit."

Lutz wird die Bahn nur noch solange führen, bis ein Nachfolger für ihn gefunden ist. Darauf haben sich Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder, Richard Lutz und der Bahn-Aufsichtsratsvorsitzende Werner Gatzer verständigt. "Die Suche nach einem neuen Bahnchef, einer neuen Bahnchefin hat mit diesem Augenblick begonnen", sagte Schnieder am späten Donnerstagnachmittag bei einer eilig anberaumten Pressekonferenz in Berlin.

Lutz leitet den bundeseigenen Konzern seit Anfang 2017. Davor war er von 2010 bis 2017 Finanzvorstand der DB. Im Konzern arbeitet der 61 Jahre alte Pfälzer seit 1994, er kennt das Unternehmen und die Branche besser als viele andere.

Kritiker hoffen auf Veränderungen

Der Bundesverkehrsminister will am 22. September eine neue Strategie für den bundeseigenen Konzern vorstellen. "Idealerweise können wir mit der Strategie im September den oder auch die neue Vorstandsvorsitzende präsentieren", ergänzte Schnieder. Die Strategie sei in weiten Zügen fertig, es seien lediglich noch Detailfragen zu klären.

"Die Lage bei der Bahn ist dramatisch, allein wenn Sie auf die Kundenzufriedenheit, die Pünktlichkeitswerte oder die Wirtschaftlichkeit schauen", sagte Schnieder. Zuerst wolle er die Strategie klären, dann die Personalfragen.

Der Chef der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Martin Burkert, sagte der Nachrichtenagentur AFP, es sei Schnieders Recht, den Bahn-Chef zu entlassen. "Dass er das tut, ohne eine Nachfolge zu präsentieren, nehmen wir aber überrascht zur Kenntnis."

Mit Blick auf die dramatische Lage bei der Bahn und die anstehenden Sanierungsmaßnahmen "verbietet sich ein Führungsvakuum", sagte Burkert, der auch im Aufsichtsrat der Bahn sitzt. Schnieder werde jetzt daran gemessen werden, ob seiner Entscheidung eine schnelle Lösung folgt "oder ob sich die Situation bei der Bahn noch verschärft".

Kritiker des Noch-Bahnchefs erhoffen sich nun eine Chance auf einen grundlegenden Kurswechsel beim bundeseigenen Konzern. Die "Unzulänglichkeiten" der Bahn, die das Management in den vergangenen Jahren verursacht habe, müssten "jetzt ein Ende haben", sagte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), Mario Reiß. Nötig seien nun eine "Sanierung und Entflechtung der Finanzströme" des Konzerns, die Modernisierung der Infrastruktur sowie eine "grundlegende Reform" der Unternehmensstruktur.

Spekulationen über Nachfolger

Spekulationen über potenzielle Lutz-Nachfolger und -Nachfolgerinnen gibt es seit Wochen. Genannt wurde bereits die aktuelle Chefin der Regionalverkehrstochter DB Regio, Evelyn Palla, oder der kurzzeitige Bundesfinanzminister Jörg Kukies. Allerdings herrscht Skepsis darüber, ob die tiefgreifenden Probleme bei der Bahn mit einem Wechsel an der Konzernspitze ausgeräumt werden können.

"Dass DB-Chef Lutz gehen wird, macht nichts besser", sagte Matthias Gastel, der für Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag sitzt. Es brauche eine stärkere Kontrolle und Steuerung durch den Bund - und mehr Geld. "Die Finanzplanung der schwarz-roten Koalition hätte zwangsläufig den Stopp von Aus- und Neubauprojekten zur Folge."

Auch die Elektrifizierung und Digitalisierung kämen nicht voran, so der Grünen-Verkehrsexperte. Damit werde erkennbar, dass die Regierung bei der Bahn nichts verbessern möchte.

Viele offene Baustellen bei der Bahn

Egal, wer neuer Bahn-Chef wird: Es warten große Herausforderungen, die sich nicht in kurzer Zeit werden lösen lassen. Die Bahn dürfte erst einmal eine Dauerbaustelle bleiben - und das unter besonderer Beobachtung der Politik und leidgeplagter Kunden. Die Pünktlichkeit ist das Dauerthema bei der Bahn und das Dauerärgernis für die Fahrgäste.

Im Fernverkehr kamen im vergangenen Jahr nur 62,5 Prozent der Züge pünktlich an. Im Jahr 2017 waren es noch deutlich mehr, nämlich 78,5 Prozent. Im Vergleich mit den Bahngesellschaften zehn anderer EU-Staaten war die DB AG im vergangenen Jahr Schlusslicht. Allzu oft fallen zudem Züge aus oder sind überfüllt, während andernorts nur selten einer fährt.

Die Bahn führt marode, hoch belastete Strecken als Hauptgrund für die unpünktlichen Züge an. Deswegen sollen rund 40 besonders belastete Strecken bis 2036 einer Generalsanierung unterzogen werden. Der Plan: keine schrittweise Sanierung im laufenden Betrieb, sondern monatelange Vollsperrungen für umfassende Modernisierungen.

Der Anfang wurde im vergangenen Jahr zwischen Frankfurt und Mannheim gemacht, derzeit wird die Strecke zwischen den Metropolen Hamburg und Berlin grundlegend saniert. Für Fahrgäste bedeutet das zunächst monatelange Belastungen.

Doch die Entwicklung der Infrastruktur und des Bahnbetriebs hängt auch stark vom Wohlwollen der Regierung ab - und vom Geld, das die Politik bereitstellt. Die Bahn-Infrastruktur wurde jahrzehntelang vernachlässigt, die Folge ist ein riesiger Investitionsstau im höheren zweistelligen Milliardenbereich. Die Bahn erhielt zuletzt zwar deutlich mehr Geld, dennoch warnte Noch-Bahnchef Lutz davor, dass auch diese Mittel nicht reichten, um die Bahn wirklich zukunftsfest zu machen.

Die neue Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD hatte in ihrem Koalitionsvertrag eine Neuaufstellung des Aufsichtsrats und des Bahn-Vorstands angekündigt, "mit dem Ziel, mehr Fachkompetenz abzubilden und eine Verschlankung zu erreichen". Diese Neuaufstellung hat nun offensichtlich begonnen.

Der Bahn-Konzern schreibt seit Jahren rote Zahlen. Das von Lutz 2024 gestartete Sanierungsprogramm sah daher nicht nur Veränderungen für Infrastruktur und Betrieb vor, sondern auch für den Konzern selbst. So sollen Tausende Stellen eingespart und die Profitabilität erhöht werden.

pgr/AR (afp, dpa, rtr)

Redaktionsschluss: 18:00 Uhr (MESZ) - dieser Artikel wird nicht weiter aktualisiert.

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Image caption Der Chef der Deutschen Bahn, Richard Lutz, muss gehen - wer folgt?
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Item 45
Id 73640677
Date 2025-08-15
Title Kein globales Plastikabkommen erreicht
Short title Kein globales Plastikabkommen erreicht
Teaser Der geplante Vertrag gegen die weltweite Plastikverschmutzung ist vorerst gescheitert. Größter Streitpunkt bei den UN-Verhandlungen war, ob und wie die Plastikproduktion begrenzt werden soll.
Short teaser Der geplante Vertrag gegen die weltweite Plastikverschmutzung ist gescheitert. Hauptstreitpunkt: die Plastikproduktion.
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Zehn Tage lang hatten Delegationen aus gut 180 Ländern versucht, Wege zur Lösung aus der Plastikkrise zu finden - vergeblich. Die Verhandlungen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen in Genf haben gezeigt: Die Gräben zwischen ehrgeizigen Ländern, etwa aus der EU oder Lateinamerika, und den Ölförderländern sind zu tief.

Nachdem schon im vergangenen Dezember beim UN-Plastikgipfel im südkoreanischen Busan kein Vertrag zustandekam, sollten die Gespräche in Genf eigentlich die letzte Verhandlungsrunde für ein Plastikabkommen sein. Manche Beobachter hatten auf einen historischen Kompromiss gehofft: eine wegweisende Vereinbarung, die dem Pariser Klimaabkommen gleich kommen könnte.

Entsprechend enttäuscht zeigte sich der dänische Umweltminister und Leiter der EU-Delegation im Gespräch mit der DW. Es sei "tragisch zu sehen, dass einige Länder versuchen, ein Abkommen zu blockieren, einen Vertrag, der uns die notwendigen Instrumente an die Hand geben würde, um die Plastikverschmutzung zu bekämpfen - eines der größten Umweltprobleme, mit denen wir auf der Erde konfrontiert sind."

Der kolumbianische Delegierte Haendel Rodriguez sagte mit Blick auf ölproduzierende Länder, eine Übereinkunft sei "von einer kleinen Zahl von Staaten blockiert worden, die einfach keine Einigung wollten".

Umweltverbände: besser kein Plastikabkommen als ein schlechtes

Zwar kritisieren Umweltorganisationen das Scheitern der Plastik-Verhandlungen. Doch es herrscht auch eine gewisse Erleichterung. "Kein Abkommen ist in diesem Fall besser als eines, das den Status quo auf UN-Ebene zementiert, anstatt eine echte Lösung für die Plastikkrise zu sein", so Florian Titze von der Umweltstiftung WWF.

Ähnlich äußert sich die Umweltorganisation Greenpeace: "Oberste Priorität muss eine effektive Lösung der Krise sein", sagte Moritz Jäger-Roschko, Plastikexperte von Greenpeace. "Kein fauler Kompromiss, der den Status quo zementiert und der fossilen Industrie erlaubt, weiter Kasse zu machen, indem sie die Welt mit Müll flutet."

Kritik von mehreren Seiten gab es auch an der Konferenzleitung. So hatte der Vorsitzende, Luis Vayas Valdivieso aus Ecuador, erst am vorletzten Tag einen eigenen Vertragsentwurf vorgelegt. Doch darin kamen alle ambitionierten Ziele so gut wie gar nicht mehr vor.

Warum sollte die Plastikproduktion begrenzt werden?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warnen unmissverständlich: Ohne eine Eindämmung der Produktion von neuem Plastik wird es nicht gelingen, die Plastikverschmutzung zu begrenzen und lebenswichtige Ressourcen, wie Wasser, Böden, die Meere und die Gesundheit der Menschen zu schützen.

Mit Blick auf Plastikmüll habe man bereits die planetaren Grenzen erreicht, so Melanie Bergmann, Meereswissenschaftlerin am Alfred-Wegener Institut. Sie gehört der Scientists Coalition an, einem Netzwerk unabhängiger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt, die über die Folgen von Plastikverschmutzung für die Gesundheit und die Umwelt informieren und sich für eine stärkere Regulierung beim Thema Plastik einsetzten.

Plastikmüll ist weltweites Problem - nur darin ist man sich einig

Weltweit werden jährlich 413 Millionen Tonnen Plastik produziert. Rund eine Millionen LKW-Ladungen davon landen im Meer. Doch gerade mal neun Prozent des weltweiten Kunststoffs werden recycelt. Der Rest wird verbrannt, landet auf Deponien, im Meer, verschmutzt Böden, landet in Pflanzen, der Nahrung, schadet der menschlichen Gesundheit.

Mikroplastik ist inzwischen überall auf der Welt nachweisbar – auch im menschlichen Körper, im Blut, in den Organen, im Gehirn, in der Muttermilch.

Rund 16.000 Chemikalien werden für die Produktion und der Verarbeitung von Plastik eingesetzt. Mehr als 4200 davon sind laut einer Studie der Fachzeitschrift Nature nachweislich giftig für Mensch und Umwelt. Dennoch könnte sich die Plastikproduktion bis 2060 Schätzungen zufolge sogar verdreifachen.

Warum sind die Positionen so unterschiedlich beim Thema Plastik?

Rund hundert Länder setzen sich für ein ambitioniertes Abkommen ein, das auch eine Reduzierung der Plastikproduktion und der Regulierung schädlicher Chemikalien beinhaltet. Dazu gehören unter anderem viele Länder aus Afrika und Lateinamerika, ebenso Deutschland und die EU.

Doch weil Plastik aus Öl hergestellt wird, und riesige Gewinne abwirft, blockierten die Herstellerländer und Ölproduzenten der sogenannten Like-Minded Coalition (der Koalition der ähnlich gesinnten), darunter Russland, Iran und Saudi-Arabien und auch die USA, eine stärkere Regulierung der Produktion. Sie wollten von vornherein ein Abkommen, dass sich vor allem auf den Umgang mit Plastikmüll konzentriert, statt auf die Herstellung, also der Ursache des Problems.

Während der Verhandlungen wurde auch noch einmal deutlich, wie wenig die US-Regierung von Multilateralismus und vom Umweltschutz hält. So lehnte die US-Delegation einen Zwischenentwurf ab, der auf bindende statt freiwillige Zusagen setzte. Und das, obwohl es dabei weder um die Reduzierung der Plastikproduktion, noch um eine Regulierung gefährlicher Chemikalien gegangen wäre. Das Fehlen dieser Punkte hatten viele Staaten, darunter die EU, übrigens als "inakzeptabel” bezeichnet.

Wie hoch waren die Ambitionen beim Plastikabkommen wirklich?

Viele Delegationen, darunter die aus Peru, Kolumbien, aus Inselstaaten wie die Malediven und allen voran der Gesandte Panamas, Juan Carlos Monterrey, kämpften mit leidenschaftlichen Statements im Plenum der Weltgemeinschaft für strengere Regeln – ohne Erfolg.

Vor allem aber das Fehlen politischer Schwergewichte in Genf nährte Zweifel daran, wie ernst es manchen Ländern aus der "Koalition der Ambitionierten" tatsächlich mit dem Abkommen war. So nahmen zwar einige europäische Umweltminister teil, nicht aber der deutsche.

Deutschland gehört zur Gruppe der ambitionierten Länder, ist aber gleichzeitig der größte Plastikproduzent Europas. Mehrere Weltkonzerne der Chemiebranche wie BASF, Bayer, Merck und Henkel haben hier ihren Firmensitz.

In Deutschland und Europa gibt es bereits vergleichsweise hohe Standards für die Abfallwirtschaft und für das Recycling. Welchen Effekt hätte also das Plastikabkommen in solchen Ländern?

"Wir sind da in Europa relativ gut aufgestellt, wir haben eine einigermaßen funktionierende Kreislaufwirtschaft”, sagte der deutsche Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth zur DW. Das heißt im Umkehrschluss: Abgesehen von der Gefahr durch Mikroplastik, das keine Grenzen kennt, ist ein globales Plastikabkommen vor allem für solche Länder wichtig, die mit großen Müllproblemen zu kämpfen haben.

Wie geht es weiter im Kampf gegen die Plastikkrise?

Die Zukunft der Verhandlungen ist aktuell noch unklar. Uganda beantragte eine neue Verhandlungsrunde zu einem späteren Zeitpunkt.

EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall sagte im Gespräch mit der DW: "Wir sind hierhergekommen, um uns auf einen rechtsverbindlichen Vertrag zur Beendigung der Plastikverschmutzung zu einigen. Das ist uns nicht gelungen." Dennoch habe Genf habe "eine gute Grundlage" für eine Wiederaufnahme von Verhandlungen geschaffen, so Roswall.

Auch Deutschlands Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth hofft auf eine neue Gesprächsrunde. Die Staatenvertreter seien sich einig, dass das globale Plastikproblem auch auf globaler Ebene gelöst werden müsse. "Dafür brauchen wir mehr Zeit. Und vor allem muss der Verhandlungsprozess besser organisiert werden als dies in Busan und in Genf der Fall war."

Redaktionelle Mitarbeit: Jeannette Cwienk

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Image caption Die Welt verschließt die Augen vor dem Plastikmüll - wieder wurde kein globales Plastikabkommen vereinbart
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Item 46
Id 73638630
Date 2025-08-14
Title Russland: Trump erwägt Sekundärsanktionen - eine gute Idee?
Short title Russland: Trump erwägt Sekundärsanktionen - eine gute Idee?
Teaser Können Sanktionen gegen Sanktionsbrecher Russlands Aggression in der Ukraine bremsen oder wenigstens die russische Wirtschaft schwächen? Manche glauben an eine Abschreckung, andere warnen, sie seien nicht durchsetzbar.
Short teaser Können Sanktionen gegen Sanktionsbrecher Russlands Aggression in der Ukraine bremsen? Das ist umstritten.
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Bevor man über Sekundärsanktionen sprechen kann, muss man erst einmal Primärsanktionen angewendet haben - wie im Fall des russischen Überfalls auf die Ukraine: Nachdem Moskau im Februar 2022 den Krieg gegen die Ukraine begonnen hatte, wurde der Aggressor mit Wirtschaftssanktionen der USA, Großbritanniens, der Europäischen Union und anderer Länder belegt. Diese Sanktionen schränkten inländische Unternehmen und Einzelpersonen in ihrem Handels- und Geschäftsverkehr mit Russland ein.

Die Sanktionen waren ein Versuch, Russland zu einem Kurswechsel zu bewegen, ohne auf direkte militärische Gewalt zurückzugreifen. Seitdem wurden sie ausgeweitet: Russlands Auslandsvermögen wurden eingefroren und die Mehrheit der russischen Banken vom globalen Bankensystem abgeschnitten.

Um seine Wirtschaft am Laufen zu halten, hat Russland seinen Handel auf andere Länder wie China, Indien, die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate umgeleitet. Um sein Öl weltweit zu transportieren, greift das Land auf eine sogenannte Schattenflotte von Tankern zurück.

Was sind Sekundärsanktionen?

Um dieses wirtschaftliche Katz-und-Maus-Spiel zu beenden und Russland an den Verhandlungstisch zu zwingen, arbeitet der US-Senat an der Verabschiedung eines parteiübergreifenden Gesetzes, das Ländern, die weiterhin Geschäfte mit Russland machen, "sekundäre Sanktionen" androht.

Primäre Sanktionen richten sich gegen ausländische Länder oder Unternehmen. Sie schränken jedoch auch Bürger und Unternehmen des sanktionierenden Landes selbst ein, indem sie deren Zusammenarbeit mit den sanktionierten Parteien der "Gegenseite" einschränken oder verbieten.

Sekundäre Sanktionen gehen aber noch einen Schritt weiter und erstrecken sich auf Drittländer, Unternehmen oder Einzelpersonen, die Geschäfte mit sanktionierten Parteien tätigen. Obwohl diese Drittunternehmen nicht direkt an die Gesetze des sanktionierenden Landes gebunden sind, werden sie zur Einhaltung gedrängt: Man droht ihnen mit Konsequenzen, sollten sie mit dem sanktionierten Land Geschäfte machen.

"Sekundäre Sanktionen zielen nicht darauf ab, ausländische Tochtergesellschaften zur Befolgung der Richtlinien eines sanktionierenden Landes zu zwingen", so John F. Forrer in einem Papier des Atlantic Council, einer Denkfabrik mit Sitz in Washington.

Stattdessen würde das sanktionierende Land (also die USA) "seine eigenen Firmen oder Bürger darin einschränken, Handelsbeziehungen mit bestimmten Firmen oder Personen zu unterhalten." Der US-Gesetzentwurf würde Zölle von 500 Prozent auf Waren aus Ländern ermöglichen, die russisches Öl, Uran, Erdgas und Erdöl oder petrochemische Produkte kaufen oder verkaufen.

Waffe in der Hand des Stärkeren

Die Vereinigten Staaten sind der größte Befürworter von Sekundärsanktionen. Ihre Macht rührt von der Bedeutung des US-Dollars auf globaler Ebene und von der Angst anderer Länder her, den Zugang zum US-Markt oder seinem Finanzsystem zu verlieren.

Dass ein erheblicher Teil des grenzüberschreitenden Handels in Dollar abgewickelt wird oder über das US-Bankensystem läuft, verschafft dem Land großen Einfluss. Für viele Länder ist die Aufrechterhaltung dieses Zugangs wichtiger als ihre Geschäfte mit sanktionierten Regimen.

"Sekundärsanktionen können zwar als Teil des Gesamtpakets funktionieren, aber Absicht, Zeitpunkt und Glaubwürdigkeit der Drohung sind entscheidend", sagte Lena Surzhko Harned. Die Politologin ist stellvertretende Direktorin der Public Policy Initiative an der Penn State Behrend in den USA.

Sie seien ein wichtiges Instrument mit symbolischer Kraft, sagte Harned zur DW. "Wie alle Drohungen verliert es jedoch seine Macht, wenn es nicht als glaubwürdig wahrgenommen wird oder andere Schlupflöcher gefunden werden."

Gegen wen wurden sie bereits eingesetzt?

Die Obama-Regierung setzte Sekundärsanktionen gegen Banken und andere Unternehmen ein, die im Iran Geschäfte machen, und konnte das Land so zu Verhandlungen über die Begrenzung seines Atomprogramms bewegen. In jüngerer Zeit haben die USA Sekundärsanktionen gegen chinesische Unternehmen verhängt, die mit Nordkorea Handel treiben oder Finanztransaktionen abwickeln.

Die USA erließen Sekundärsanktionen gegen Unternehmen, die mit Venezuela Geschäfte machen, insbesondere im Öl- und Finanzsektor. So sollte das Regime von Nicolás Maduro isoliert werden. Im vergangenen April verhängte Präsident Donald Trump Sekundärzölle gegen Länder, die venezolanisches Öl importieren.

Ein zweischneidiges Schwert

Nicht jedes Land fürchtet Sekundärsanktionen und manche finden kreative Schlupflöcher, um ihr Geschäftsgebaren zu verschleiern. Sie setzen auf alternative Währungen wie den chinesischen Yuan oder auf Kryptowährungen. Unternehmen oder Länder, die Sanktionen unterliegen, können Tauschhandel betreiben oder Zwischenhändler oder Briefkastenfirmen einsetzen, um Geschäfte abzuschließen.

Sekundärsanktionen sind schwer durchzusetzen und bergen das Risiko von Vergeltungsmaßnahmen. Und sie können betroffene Länder einander auch näherbringen - und damit weiter vom US-Einfluss entfernen.

Viele Experten hielten Sekundärsanktionen für kein wirksames Instrument, so John F. Forrer, der außerordentlicher Professor an der School of Business der George Washington University ist. Sie seien der Ansicht, dass sie das Risiko mit sich brächten, "neue Konflikte mit Verbündeten und Gegnern zu provozieren, die gegen Beschränkungen und wirtschaftliche Härten für ihre eigene Industrie und Bevölkerung Einspruch erheben", argumentierte Forrer.

"Nur unter ganz bestimmten Umständen"

Letztendlich ist es schwierig zu sagen, was genau ein Land zu einem Kurswechsel bewegt, wenn so viele Variablen zu berücksichtigen sind. "Sekundärsanktionen sollten bei der Ausgestaltung von Wirtschaftssanktionen als Option in Betracht gezogen werden, aber nur unter ganz bestimmten Umständen", schloss Forrer. "Wie bei jeder Wirtschaftssanktion können sie, falsch eingesetzt, mehr Schaden als Nutzen anrichten."

"Sekundärsanktionen gegen Dritte nicht einzusetzen, ist eine Verschwendung eines potenziell nützlichen Instruments", fasst Lena Surzhko Harned zusammen. Sie warnt jedoch davor, sie für "ein Allheilmittel" zu halten.

Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert.

Item URL https://www.dw.com/de/russland-trump-erwägt-sekundärsanktionen-eine-gute-idee/a-73638630?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Ein russische Öltanker am Bosporus: Wer weiß, was er für wen von wo nach wo transportiert?
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Item 47
Id 73620693
Date 2025-08-14
Title Afghan Youth Orchestra im Exil: Widerstand gegen die Taliban
Short title Afghan Youth Orchestra: Widerstand gegen die Taliban
Teaser In ihrer Heimat ist Musik verboten. Nach Flucht und Verbannung spielt das Afghanische Orchester beim Festival Young Euro Classic ein bewegendes Programm über Verlust, Hoffnung und die Kraft der Musik gegen das Vergessen.
Short teaser Das Afghanische Jugendorchester spielt beim Young Euro Classic in Berlin Lieder gegen die Politik der Taliban.
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Sie spielen für ihr Land, die Hoffnung und die Freiheit. Allein, dass es das "Afghan Youth Orchester" gibt, ist schon ein Widerstand gegen die Herrschaft der Taliban. Im August 2021, als die Taliban in Afghanistan erneut die Macht ergriffen haben, ist es einem ganzen Orchester gelungen, nach Europa zu fliehen. Die jungen Musikerinnen und Musiker des "Afghanistan National Institute of Music" (ANIM) haben seit vier Jahren in Portugal eine neue Heimat gefunden und sind zu Gast beim Young-Euro-Classic-Festival in Berlin.

"In Afghanistan Instrumente herzustellen und zu musizieren, ist komplett verboten", sagt Ahmad Sarmast, Gründer und Direktor des ANIM im Gespräch mit der DW. 273 Menschen aus dem Umfeld seiner Musikschule konnte er nach eigenen Angaben die Flucht aus Afghanistan ermöglichen. In Kabul wurden seine Musikschule geschlossen und die Instrumente zerstört. "Musik zu hören und auszuüben, ist ein Menschenrecht. Dieses Recht wird der Bevölkerung in Afghanistan verweigert" sagt Sarmast. "Dadurch ist mein Land eine 'stille Nation' geworden."

Young Euro Classic will Musiktraditionen bewahren

Im Exil aber lebt die afghanische Musik weiter, auch beim Young Euro Classic in Berlin. Jedes Jahr treten Hunderte junge Musizierende aus aller Welt bei dem internationalen Jugendorchester-Festival auf. Neben europäischen Orchestern sind auch außereuropäische Ensembles dabei. "Der Kern des Festivals bleibt die Sinfonik und wie unterschiedlich die Länder mit dieser Tradition der klassischen Musik umgehen", sagt Projektleiterin Carolin Trispel der DW.

Mittlerweile hat sich das Spektrum erweitert. In der noch jungen Reihe "Festival im Festival" treten Ensembles vorrangig mit Musik aus ihrer Heimat auf und spielen auf traditionellen Instrumenten ihrer Kultur. "Wir sind auch daran interessiert, Musiktraditionen für die Zukunft zu erhalten und eine Plattform zu bieten, diese weiterzuentwickeln", sagt Trispel. In diesem Jahr sind neben afghanischen Musikern und Musikerinnen auch Ensembles aus Bolivien, Indonesien, Indien, Gambia und dem indigenen Volk der Samen aus dem Norden Skandinaviens dabei.

Die verbotene Musik

Einige dieser Ensembles spielen traditionelle Musik, die in der jeweiligen Heimat verboten war. So auch der Gesang der Samen, das "Joiken". Dieser spirituell anmutende Sprechgesang war vom 18. bis ins 20. Jahrhundert als Ausdruck einer nicht-christlichen Religion untersagt. "Man sieht das oft bei indigenen Völkern, dass ihre eigene musikalische Sprache durch die Kolonialisierung unterdrückt wurde und die musikalische Tradition nicht mehr ausgeübt werden durfte", sagt Carolin Trispel.

Das bolivianische Ensemble "Dos Pares de la OEIN" spielt alte Weisen aus den Anden sowie neue Stücke, die eigens für ihre traditionellen Instrumente komponiert wurden. Das afghanische "Azada-Ensemble", eine Gruppe des Jugendorchesters, bietet traditionelle Musik und Tänze. Es geht um die Verbindung zwischen Mensch und Natur, um die Schönheit des Landes und der Musik.

Protest gegen die Politik der Taliban

Im Rahmen des Campus-Projekts beim Beethovenfest war das Afghan Youth Orchester zusammen mit iranischen Musikerinnen und Musikern 2023 in Bonn zu Gast. Eingeladen hatten das Beethovenfest, das Bundesjugendorchester und die DW. "Als wir nach Bonn kamen, war nicht das ganze Orchester dabei, sondern nur ein Teil", sagt der Begründer des Orchesters Ahmad Sarmast. In Berlin tritt jetzt das gesamte Orchester mit 51 Mitgliedern beim Young Euro Classic auf und gestaltet das Abschlusskonzert. "Jedes Stück, das wir spielen, ist in gewisser Weise verbunden mit der aktuellen Situation in Afghanistan und der Politik der Taliban", sagt Sarmast.

In den Liedern, die das Afghan Youth Orchester spielt, geht es unter anderem um den Zusammenhalt der Bevölkerung. "Ein Lied ist ein Aufruf an die afghanischen Männer, die unterdrückten Frauen dort bei ihrem Kampf für Freiheit und Gleichberechtigung zu unterstützen", erläutert Sarmast. Der junge portugiesische Dirigent und Leiter des Orchesters, Tiago Moreira da Silva, hat die Lieder arrangiert.

Mit Musik gegen das Vergessen

Ein bekanntes traditionelles Stück verbinden die Afghanen mit dem Neujahrsfest. Das Fest und die Musik haben die Taliban verboten. "Das wurde in Afghanistan seit tausenden Jahren gefeiert", erläutert Sarmast. "Das Stück zu spielen, ist ein Protest nach der Demontage der kulturellen Tradition durch die Taliban in Afghanistan."

Das letzte Lied des Konzerts beruht auf einem bekannten persischen Frühlingsgedicht. Es handelt von der Rückkehr des Frühlings und symbolisch gesehen von der Rückkehrt des Friedens. Ahmad Sarmast zitiert den chilenischen Dichter und Freiheitskämpfer Pablo Neruda: "Ihr könnt die Blumen und Bäume abschneiden, aber der Frühling kommt immer wieder, die Freiheit, könnt ihr nicht aufhalten." Über die sozialen Medien hält das Orchester Kontakt in die Heimat, auch mit Streams von Konzerten.

"Die Hoffnung lebt fort", beteuert Ahmad Sarmast. Ohne Hoffnung könne man nicht leben. "Wir wollen die Taliban wissen lassen, dass es bisher kein Unterdrücker-Regime in der Geschichte der Menschheit geschafft hat, an der Macht zu bleiben. Und das wird auch mit den Taliban so sein."

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Image caption Das Afghan Youth Orchestra ist mit 51 Musizierenden beim Young Euro Classic dabei
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Item 48
Id 73612332
Date 2025-08-14
Title Currydurst - Werbegag mit Bier und Ketchup
Short title Currydurst - Werbegag mit Bier und Ketchup
Teaser Es ist nur ein Marketing-Coup - aber im Heimatland des Bierbrauens sorgt das Bier mit dem Geschmack einer fruchtig-würzigen Currysoße für Neugierde. Gleichzeitig ist es ein echtes Stück Hamburg.
Short teaser Es ist nur ein Marketing-Coup - aber das Bier mit dem Currywurst-Geschmack macht neugierig.
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Erst kommt der Durst, dann die Wurst? Oder doch beides auf einmal? Die Hamburger Kultmarke Astra Bier und der norddeutsche Gewürzhersteller Hela haben sich für ein ungewöhnliches Projekt zusammengeschlossen und bringen ein Bier namens "Currydurst" auf den deutschen Markt. Ein Werbecoup - mit einer liebevollen Hommage an die Imbisskultur zwischen Elbe, Hafen und Reeperbahn.

Astra ist St. Pauli-Kult

Astra ist längst ein Stück Hamburger Kiezkultur. In St. Pauli, wo der Hafen und die Erotikbars zuhause sind, gehört Astra längst zur Alltagsromantik. Die Wurzeln führen zurück ins Jahr 1647, als ein flämischer Brauer im Norden Hamburgs erstmals ein Bier braute, das den Namen "Bavaria"-Bier führte, obwohl es nichts mit Bayern zu tun hatte.

Es sollte fast 300 Jahre dauern, bis die Bavaria-Brauerei mit der Actien-Brauerei aus St. Pauli fusionierte: 1922 entstand die Bavaria-St. Pauli-Brauerei, deren Bier, das "Astra Urtyp", fortan überall auf dem Kiez, wie die Hamburger liebevoll ihr Viertel nennen, ausgeschenkt wurde.

Neue Identität mit Herz & Anker

Die 1990er Jahre waren turbulent: Die Brauerei wechselte mehrfach den Besitzer, bis 1997 das Aus drohte. Die Stadt Hamburg schließlich brachte die Rettung und kaufte Astra. Noch im selben Jahr übernahm der andere große Hamburger Bierbrauer "Holsten" die Traditionsmarke und entschied, ihr ein neues Gesicht zu geben.

Unter dem Motto "Astra. Was dagegen?" setzte man auf eine freche Werbekampagne - mit neuem Logo: dem Herz-Anker, der die Verbindung zum Leben auf dem Kiez symbolisiert. Seit 2000 ist dieses Symbol das Markenzeichen - rebellisch, eigenwillig, typisch St. Pauli - das Hamburger Stadtviertel mit dem ehrlichsten Fußballverein, der Reeperbahn und seinen bunten rauen Menschen. Das Logo ein Statement für Vielfalt, Toleranz und Kiezgefühl.

Hela: Vom Kräuterhandel zum weltweiten Gewürzhersteller

Hela steht für Hermann Laue. Der Kaufmann gründete 1906 seinen Gewürzhandel - ebenfalls in Hamburg. Vorteilhafterweise lag der Firmensitz direkt beim Hamburger Schlachthof, der von Hela mit Salzen und Gewürzen beliefert wurde. 1963 gelang der Firma mit seinem "Curry Gewürzketchup" ein Coup, der bis heute für eine Ketchup-Legende gesorgt hat. Die rote Soße ist eine Kombination aus Tomatenketchup, süßlicher Würze und milder Currynote.

Erfunden wurde sie als Antwort auf die immer größer werdende Beliebtheit der Currywurst, die gut 15 Jahre zuvor in Berlin erfunden worden war und mit scharfer Tomatensoße serviert wurde. Der neue Currygeschmack aus Hamburg passte perfekt zur Wurst und verbreitete sich so in allen Imbissbuden der Republik. Bis heute zählt die Soße in der typischen großen roten Plastikflasche mit dem gelben Etikett zu einer der bekanntesten deutschen Kultmarken, und darüber hinaus ist sie auf mehreren Kontinenten beliebt.

Affinität zur Popkultur

Beide Traditionsunternehmen haben nicht nur eine gemeinsame Herkunft - sie teilen auch eine Affinität zur Popkultur, mit ironisch-witzigem Auftreten. Astra, bekannt für freche Marketingkampagnen, spielt bewusst mit der Geschmackserwartung: "Manche fragen sich: 'Geht das?' Wir sagen: 'Muss das!'", heißt es in der begleitenden Pressemitteilung.

Auch Hela zeigt einen gewissen Humor: "Seit 60 Jahren passt unser Ketchup zur Wurst - jetzt auch zum Bier." Ob "Currydurst" ein Werbegag mit kurzer Haltbarkeit bleibt oder zum Kultgetränk avanciert, wird sich zeigen. Noch ist das Bier streng limitiert - gebraut wurden nur 2000 Liter - und nur für kurze Zeit erhältlich. Klar ist: Die Kombination aus regionalem Stolz, schrägem Humor und interessantem Geschmack dürfte für Aufmerksamkeit sorgen - nicht nur auf dem Kiez.

Funfact: Ausgeschenkt wird "Currydurst" erstmals am 16. August beim Festival "Astra Stechen & Zechen", das in der Astra-Brauerei in Hamburg stattfindet und eine Plattform für Craftbeer-Brauer und Tattoo-Künstler bietet. Bier trinken und sich dabei tätowieren lassen - mehr Kiez geht kaum.

Item URL https://www.dw.com/de/currydurst-werbegag-mit-bier-und-ketchup/a-73612332?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Ob das wirklich schmeckt? Zwei Kultmarken aus Norddeutschland sagen: ja!
Image source Astra Brauerei St Pauli GmbH
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Item 49
Id 73623517
Date 2025-08-13
Title Warum ist Trump China gegenüber so nachgiebig?
Short title Warum Donald Trump China gegenüber so nachgiebig ist
Teaser Donald Trump gibt bei seinen Zolldrohungen gegen China nach und ist sogar zu einem Gipfeltreffen bereit. Dagegen belegt er Indien und Brasilien mit hohen Zöllen. Was hat Peking, das andere nicht haben?
Short teaser Donald Trump gibt bei seinen Zolldrohungen gegen China nach. Was hat Peking, das andere nicht haben?
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Nachdem China aus US-Sicht monatelang ein Handelsparia war, scheint US-Präsident Donald Trump die Beziehungen nun neu ausrichten und eine weitere Zollspirale vermeiden zu wollen. Im April noch hatte Trump China als "größte Bedrohung für Amerika" bezeichnet und behauptet, das Land habe die größte Volkswirtschaft der Welt jahrzehntelang "betrogen". Daraufhin verhängte er massive Zölle von 145 Prozent auf chinesische Waren.

Nur wenige Monate später hat sich der Ton geändert. Trump hat die Zollpause für China verlängert, Präsident Xi Jinping als "starken Führer" gelobt und die Idee eines Gipfeltreffens zwischen den USA und China im Herbst ins Spiel gebracht. Unterdessen müssen Länder wie Indien und Brasilien nun mit den höchsten Strafen rechnen - bis zu 50 Prozent Zölle -, während Chinas Satz auf vergleichsweise milde 30 Prozent begrenzt ist.

Trump macht es aus verschiedenen Gründen China etwas leichter: Er möchte einen Zollanstieg vermeiden - und zwar gerade jetzt, weil sich US-Einzelhändler mit chinesischen Importen für die wichtige Weihnachtszeit eindecken. Er gewinnt zudem Zeit für Verhandlungen über ein umfassenderes Handelsabkommen, das auch die Bereiche Technologie, Energie und Seltene Erden umfassen könnte.

Da China das einzige Land ist, das Washingtons aggressiver Politik entschieden entgegentritt, glaubt Antonio Fatas, Wirtschaftsprofessor an der INSEAD Business School, dass Pekings Strategie Trump möglicherweise in Schwierigkeiten gebracht hat. "Von Anfang an war klar, dass China eher zu einem umfassenden Handelskrieg bereit ist als die USA", sagte Fatas gegenüber der DW. Dieser hätte "wirtschaftliche Folgen, die sich die Trump-Regierung nicht leisten kann".

Chinas Geheimwaffe

Pekings stärkste Karte im Handelspoker mit den USA ist seine Dominanz bei den sogenannten Seltenen Erden, die für die Produktion von Elektrofahrzeugen bis hin zu Raketenleitsystemen unverzichtbar sind. Da die US-Industrie von chinesischen Lieferungen abhängig ist, sind sie zu einem entscheidenden Faktor im Handelsstreit geworden.

Als Trump im April horrende Zölle ankündigte, verhängte China, das rund 60 Prozent der weltweiten Produktion Seltener Erden und fast 90 Prozent ihrer Raffinierung kontrolliert, Exportkontrollen für sieben Seltene Erden und sogenannte Permanentmagnete. Das hat die US-Industrie, darunter auch die Automobilindustrie, hart getroffen.

Washington hingegen drängt auf strengere Beschränkungen des chinesischen Zugangs zu Chips für Künstliche Intelligenz (KI) und übt gleichzeitig Druck auf Peking aus, die Einfuhr russischen Öls zu kürzen.

Dazu drängt Trump China, den Kauf von US-Sojabohnen zu vervierfachen - wichtig für amerikanische Landwirte und aus Trumps Sicht ein Beitrag zum Ausgleich der Handelsbilanz der beiden Weltmächte. Das Handelsdefizit der USA mit China lag im vergangenen Jahr bei umgerechnet rund 254,5 Milliarden Euro.

China hingegen strebt eine dauerhafte Reduzierung der US-Zölle an, insbesondere im Technologie- und Fertigungssektor. Peking will außerdem Schutz für chinesische Unternehmen vor US-Sanktionen und Zusagen hinsichtlich des Zugangs zu hochmodernen US-Chips.

"Trump hat genug um die Ohren"

Die Ökonomin Alicia Garcia-Herrero vom Brüsseler Think Tank Bruegel nannte Trumps zahlreiche handelspolitische, innenpolitische und geopolitische Herausforderungen – wie die Friedensgespräche mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am Freitag in Alaska – als weitere Gründe dafür, dass er China mehr Spielraum einräumt.

"Trump hat genug um die Ohren und keine andere Wahl, als China mehr Zeit einzuräumen als anderen Ländern", sagte sie der DW. Nachdem der Zollfrieden bis Anfang November verlängert wurde, können sich die Verhandlungsführer auf die umstrittensten Themen konzentrieren.

Vor allem geht es darum, eine Rückkehr zu dreistelligen Zöllen zu vermeiden – 145 Prozent auf chinesische Waren und 125 Prozent auf US-Exporte. Beide Seiten sind sich einig, dass ein solcher Schritt wirtschaftlich schädlich wäre. Chinas aktueller durchschnittlicher Zollsatz von 30 Prozent liegt weiterhin deutlich über dem der meisten anderen Länder. Chinesische Kupfer- und Stahlexporte in die USA unterliegen einer Abgabe von 50 Prozent.

Trump dreht den Spieß gegen Indien um

Während China zusätzliche Zeit bekommt, ist Indien schnell vom bevorzugten Partner zu Beginn von Trumps zweiter Amtszeit zum Handelsschurken geworden. Das Land sieht sich nun mit einem Strafzoll von bis zu 50 Prozent konfrontiert – 25 Prozent auf allgemeine Güter und kürzlich weitere 25 Prozent, weil Indien nach wie vor russisches Öl importiert. Die Zölle sollen voraussichtlich am 27. August in Kraft treten.

Antonio Fatas von INSEAD merkt an, dass "Indien weder die Wirtschaftskraft Chinas noch die für die US-Industrie entscheidenden Exporte hat, um der US-Wirtschaft Schaden zuzufügen." Er rät Neu-Delhi, mit Verbündeten zusammenzuarbeiten, um gemeinsam bessere Zollbedingungen zu erreichen.

Und was hat Indien nicht? Jedenfalls nicht genug? Seltene Erden:

Auch wenn China in den Verhandlungen die Oberhand zu haben scheint, warnte Han Shen Lin vom Strategieberatungsunternehmen The Asia Group vor Selbstgefälligkeit auf chinesischer Seite. Schließlich lasse Trumps Hang zum Chaos Raum für unerwartete Manöver. "Wir dürfen die Fähigkeit der USA, [den Verhandlungen] mehr Schockwirkung zu verleihen, nicht unterschätzen", sagte Han der Nachrichtenagentur Reuters. Er vermutet, dass "der Einfluss der USA als größter Verbrauchermarkt der Welt ein Faktor sein wird, der andere Länder zum vorsichtigen Umdenken bewegen wird."

"Zum Nachteil der Europäischen Union"

Trotz seines milderen Tons hält Trump den Druck auf China auf andere Weise aufrecht. Chinesische Exporteure haben für die USA bestimmte Waren über südostasiatische Länder umgeleitet, insbesondere über Vietnam, Malaysia und Thailand. Ziel ist es, ihren Ursprung zu verschleiern und direkte US-Zölle zu umgehen.

Als Reaktion darauf hat Trump einen umfassenden Umschlagzoll von 40 Prozent gegen alle Länder verhängt, die im Verdacht stehen, die Umleitung chinesischer Waren zu erleichtern. Dieser Zoll ist vergangene Woche in Kraft getreten.

Da sich die Verhandlungen zwischen den USA und China voraussichtlich bis zum Stichtag hinziehen werden, prognostiziert Garcia-Herrero, die auch Chefvolkswirtin bei der französischen Investmentbank Natixis ist, eine teilweise Entspannung des Handels. Diese komme US-Unternehmen zugute, lasse wichtige Verbündete jedoch außen vor.

"Wir werden wahrscheinlich sowohl bei den Exportkontrollen für High-End-Chips von US-Seite als auch bei den Exportkontrollen für Seltene Erden von Peking Bewegung bekommen", sagte sie der DW. "Für China wird es wahrscheinlich einen etwas niedrigeren [Basis-]Zoll geben, und US-Unternehmen werden einen besseren Zugang zum chinesischen Markt erhalten, zum Nachteil der Europäischen Union, Südkoreas und Japans."

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Image caption Bildkombination von Donald Trump und Xi Jinping - Trump lächelt, macht er auch Zugeständnisse?
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Item 50
Id 73599427
Date 2025-08-12
Title Sommerfrische heute: Nostalgie trifft Social Media
Short title Sommerfrische heute: Nostalgie trifft Social Media
Teaser Einst stand sie für wochenlange Landpartien der Städter, heute ist sie ein Lifestyle-Hashtag: Die "Sommerfrische" verbindet nostalgischen Charme mit moderner Auszeitkultur - und erlebt im Netz ein erfrischendes Comeback.
Short teaser Die "Sommerfrische" verbindet nostalgischen Charme mit moderner Auszeitkultur - und erlebt im Netz ein Comeback.
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"Sommerfrische" - das klingt nach leichten Kleidern im lauen Wind, Picknickkörben auf rotweiß karierten Decken, nackten Füßen im Bach oder Ostseeferien im Strandkorb. Der Begriff hat tatsächlich eine lange Tradition: Er entstand Anfang des 19. Jahrhunderts, als wohlhabende Städter der stickigen, heißen Luft der wachsenden Metropolen entfliehen wollten. Man fuhr "in die Sommerfrische" - an die frische Luft - meist in ländliche Gegenden, in Kurorte, an Seen, ans Meer oder in die Berge. Dort warteten Pensionen, Gasthöfe, schöne Landschaften, lange Spaziergänge und gepflegtes Nichtstun.

Besonders die aufkommenden Eisenbahnverbindungen machten die Sommerfrische möglich. Innerhalb weniger Stunden konnte man vom Stadttrubel ins Grüne reisen. Beliebte Ziele waren der Schwarzwald, die Ostsee oder die Alpenregionen.

Mehr als Urlaub: Lebensgefühl mit Etikette

Die Sommerfrische war mehr als Urlaub - sie war ein Ritual, ein Lebensgefühl. Ganze Familien zogen für Wochen aufs Land, oft in gemietete Zimmer bei Bauern oder in gut geführte Gasthöfe. Die Mütter und Kinder blieben meist den ganzen Sommer über, während der Vater nur am Wochenende "aufs Land kam".

Man wanderte, badete im See, malte und zeichnete oder musizierte. Man saß auf Veranden, trank Kaffee oder erfrischende Limonaden und plauderte mit den Nachbarn, während Kinder in Matrosenanzügen über Wiesen tollten. Selbst im Müßiggang galt Etikette: ein gepflegtes Äußeres gehörte ebenso dazu wie feste Essenszeiten, und beim Spaziergang wurde freundlich gegrüßt.

Künstler, Kaiser und Komponisten in der Sommerfrische

Auch Künstler, Schriftsteller und Musiker fanden Inspiration in der Sommerfrische. Gustav Mahler komponierte Teile seiner Sinfonien im österreichischen Salzkammergut, Theodor Fontane schrieb ein umfangreiches Buch über "Wanderungen in der Mark Brandenburg", und Thomas Mann liebte die Ostsee: Als mit seiner Familie den Sommer 1929 im Ostseebad Rauschen verbrachte - soll er folgenden begeisterten Satz gesagt haben: "Gibt es übrigens für eine Sommerfrische einen verführerischeren Namen als 'Rauschen'?". Später bezog er ein Sommerhaus im litauischen Nida.

Werbeplakate um 1900 zeigten strahlende Gesichter vor Bergen, Wälder mit funkelnden Seen und dampfende Kaffeetassen auf sonnigen Balkonen. Slogans wie "Erholen Sie sich im Herzen der Alpen" oder "Frische Luft - gesundes Herz" machten Lust auf den Sommer im Grünen.

Manche Orte warben auch gezielt mit ihren prominenten Gästen. Das österreichische Bad Ischl etwa warb in Prospekten mit den Namen berühmter Gäste, um noch mehr Städter anzulocken. Hauptattraktion war die Sommerresidenz der Kaiserlichen Familie, das österreichische Kaiserpaar Franz und Sisi ging in Bad Ischl ein und aus. Bis heute zeugen Gebäude und Plätze von der Sommerfrische berühmter Persönlichkeiten in Bad Ischl, und noch heute bezeichnet sich der Kurort als "beliebtester Sommerfrischeort Österreichs".

Sommerfrische 2.0: Zwischen Nostalgie und Lifestyle

Das Wort "Sommerfrische" aber droht auszusterben. Auf der "Duden" Seite wird es als "veraltend" bezeichnet. Wird damit eins der schönsten deutschen Wörter bald aus unserem Wortschatz verschwinden?

Nein, sagt Social Media und lässt Nutzer auf Instagram und TikTok vorführen, was #Sommerfrische im Jahr 2025 bedeutet: Sommerlicher Lifestyle. Gesundes Essen und Trinken, Picknicks, Wildblumensträuße und Bootstouren. Detox, wohin das Auge reicht. Alles ist frisch und leicht.

Die "Sommerfrische" erlebt ein Comeback: nicht nur als Hashtag, sondern auch in Hotelprospekten, Tourismusbroschüren und Lifestyle-Magazinen.

Natürlich kann man die Sommerfrische 2.0 nicht mehr mit früher vergleichen. Statt sechs Wochen Landurlaub sind es oft nur drei Tage Digital-Abstinenz in einer Almhütte oder ein verlängertes Wochenende am See.

Runterkommen, entschleunigen und genießen

In einer Zeit, in der der Alltag oft digital und schnelllebig ist, wo tägliche Nachrichten schlechte Laune verbreiten und immer mehr psychische Erkrankungen um sich greifen, sehnt man sich nach Entschleunigung: Sonnenuntergänge beobachten, barfuß durchs Gras laufen, einfach nur ein Buch lesen, liebe Freunde und gutes Essen. Besinnung auf das Wesentliche - und auf eine alte, charmante Tradition.

Einmal in die Welt einer Postkarte von 1905 eintauchen, den Duft von frisch gemähtem Gras riechen, dem sanften Plätschern eines Ruders auf einem See voller Seerosen lauschen, einen Schluck aus einem klaren Gebirgsbach genießen.

Item URL https://www.dw.com/de/sommerfrische-heute-nostalgie-trifft-social-media/a-73599427?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Sommerfrische im Ostseebad Usedom um 1914
Image source teutopress/picture alliance
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Item 51
Id 73611094
Date 2025-08-12
Title Superstar Madonna bittet Papst um Reise in den Gazastreifen
Short title Superstar Madonna bittet Papst um Reise in den Gazastreifen
Teaser Madonna war bislang eher dafür bekannt, die katholische Kirche mit ihren Shows und Videos zu provozieren. Wegen der hungernden Kinder im Gazastreifen appelliert die US-Popsängerin nun an Papst Leo.
Short teaser Madonna war dafür bekannt, die Kirche zu provozieren. Wegen des Hungers in Gaza appelliert sie nun an Papst Leo.
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Die Lage im Gazastreifen ist katastrophal. Die akute Mangelernährung bei Kindern hat in dem Palästinensergebiet am Mittelmeer laut UN einen Höchststand erreicht. Jetzt wendet sich eine der berühmtesten Frauen der Welt mit einer eindringlichen Forderung an das Oberhaupt der Katholischen Kirche. Pop-Ikone Madonna bittet Papst Leo XIV. in den abgeriegelten Gazastreifen zu reisen.

"Sie sind der einzige von uns, dem der Zugang nicht verweigert werden kann", schreibt sie auf ihren Social-Media-Kanälen. Die Tore für humanitäre Hilfe müssten weit geöffnet werden, um unschuldige Kinder zu retten. Sie wolle mit Blick auf den Israel-Hamas-Krieg niemanden beschuldigen, sondern helfen, das Leid aller Betroffenen zu lindern.

"Heiligster Vater, bitte schau auf Gaza und bring dein Licht zu den Kindern, bevor es zu spät ist", schreibt Madonna. "Als Mutter kann ich ihr Leid nicht ertragen."

Spendenaufruf für weibliche Gaza-Initiativen

Die 66 Jahre alte Künstlerin verband ihren Aufruf mit einem Spendenappell für die in Gaza tätige Hilfsorganisation "World Central Kitchen" aus den USA, die Friedensinitiative "Women Wage Peace" aus Israel und die palästinensische Frauenbewegung "Women of the Sun" sowie den Papst. Madonna selbst zeigte in der Vergangenheit keine besondere Verbindung zur katholischen Kirche.

Leo XIV. hatte sich Ende Juli zurückhaltend zur Zweckmäßigkeit eines persönlichen Besuchs in dem Kriegsgebiet geäußert. Dies sei "nicht unbedingt die Antwort".

Als ranghöchster Vertreter der katholischen Kirche in der Region war der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Pierbattista Pizzaballa, am 18. Juli mit dem griechisch-orthodoxen Patriarchen Theophilos III. nach Gaza gereist. Beide prangerten anschließend die humanitäre Not an. Die rechtsreligiöse Regierung von Premier Benjamin Netanjahu wies die Kritik zurück.

Israel reagiert mit seiner Militäraktion auf den brutalen Angriff der radikal-islamischen Hamas und anderer palästinensischer Terrorgruppen auf Ortschaften und ein Popfestival im Süden Israels am 7. Oktober 2023. Der dadurch ausgelöste Krieg hat im Gazastreifen zu einer humanitären Katastrophe geführt, auch weil Israel immer wieder Hilfslieferungen für das Palästinensergebiet blockiert. Die Hamas wird von zahlreichen Ländern weltweit als Terrororganisation eingestuft.

AR/haz/pg (kna, dpa, efe)

Item URL https://www.dw.com/de/superstar-madonna-bittet-papst-um-reise-in-den-gazastreifen/a-73611094?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Pop-Ikone Madonna: "Heiligster Vater, bitte schau auf Gaza"
Image source DPRF/STAR MAX/IPx/picture alliance
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Item 52
Id 73574145
Date 2025-08-11
Title Barbies Vorbild war ein deutsches Callgirl
Short title Barbies Vorbild war ein deutsches Callgirl
Teaser Vor 70 Jahren erschuf ein deutscher Zeichner die Karikatur Lilli. Aber erst durch die Unternehmerin Ruth Handler wurde aus der Männerphantasie Lilli der Main Character der Kinderzimmer weltweit - Barbie.
Short teaser Vor 70 Jahren erschuf ein deutscher Zeichner die Karikatur Lilli. Dann kam Ruth Handler - und aus Lilli wurde Barbie.
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Lillis Sprüche lesen sich wie Einstiegsszenen eines Erotikfilms: Mal erzählt sie von einem Fernlastfahrer, der bei einer Autopanne "kräftig mit angefasst" hat, ihr Kleid voller öliger Handabdrücke. Mal neckt sie einen Polizisten am Strand, an dem zweiteilige Badeanzüge verboten sind, mit der Frage: "Welches Teil soll ich ausziehen?"

Wer hätte gedacht, dass die sexualisierte Karikatur mit der üppigen Oberweite und dem roten Kussmund eines Tages die Leben von Millionen Kindern verändern würde? Sicherlich nicht ihr Schöpfer Reinhard Beuthien, der Lilli 1952 innerhalb von 40 Minuten als Comicfigur in der ersten Ausgabe der "Bild"-Zeitung zeichnete, um eine Lücke in der Zeitung zu füllen. Jahre später wurde aus der "Bild"-Lilli Barbie - die wohl bis heute berühmteste Puppe der Welt.

Heute sexistisch, damals frech und unabhängig

Laut "Bild"-Verleger Axel Springer war Lilli eine "kesse Sekretärin", doch diverse Quellen interpretieren sie eher als Luxus-Call-Girl oder Escort. Ob Sekretärin oder Escort, sicher ist: Als Kinderspielzeug war Lilli nicht gedacht. Denn mit ihren spärlich bekleideten Kurven, dem hohem blonden Zopf und den High Heels kam Lillis Ästhetik eher der eines Pin-up-Girls nahe.

Heute würde man sagen: Sie entsprach dem Male Gaze, dargestellt als Lustobjekt, reduziert auf ihren Körper, ganz den Bedürfnissen ihrer männlichen Schöpfer und Betrachter entsprechend. Die "Bild" beschreibt sie heute trotzdem noch mit den Worten "frech, sexy, unabhängig!".

Bei der überwiegend männlichen Leserschaft der Boulevard-Zeitung wurde Lilli schnell so beliebt, dass die "Bild" 1953 eine Plastikpuppe aus ihr machte. Zeitungsberichten zufolge war sie unter Männern ein beliebtes Geschenk, etwa für Junggesellenabschiede, verkauft in Tabakgeschäften, Bars und Kiosks.

Zwischen 1955 und 1964 brachte die "Bild" rund 130.000 Lillis mit diversen Outfits und Accessoires auf den Markt, um so auch eine weibliche Zielgruppe zu erreichen. Lilli wurde in kurzer Zeit zum Verkaufsschlager, sogar über deutsche Grenzen hinaus.

Ruth Handler machte aus Lilli Barbie

Vielleicht würde sie noch heute leicht bekleidet die Seiten der "Bild"-Zeitung zieren, so wie es unzählige echte, nackte "Bild-Girls" über Jahrzehnte hinweg taten - wäre da nicht Ruth Handler gewesen. Die Mitbegründerin der Spielzeugfirma Mattel entdeckte Lilli 1956 zufällig in einem Schaufenster bei einem Urlaub in Luzern in der Schweiz. Handler und ihre Tochter Barbara waren begeistert.

Also ließ Handler mehrere Lillis nach Los Angeles schicken und kaufte schließlich die Rechte an ihr. 1959 kam Barbie - benannt nach Handlers Tochter Barbara und Lilli wohlgemerkt aus dem Gesicht geschnitten - auf den Markt und verkaufte sich seither mehr als eine Milliarde Mal.

Barbie eroberte trotz wiederkehrender Kritik von Feministinnen die Kinderzimmer Welt, und Lilli? Die "freche, unabhängige" Sekretärin heiratete 1961 ihren Freund Peter und verschwand gänzlich von der Bildfläche.

Item URL https://www.dw.com/de/barbies-vorbild-war-ein-deutsches-callgirl/a-73574145?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Die "Bild"-Lilli war die Inspiration für Barbie
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Item 53
Id 73591851
Date 2025-08-11
Title Spiegel der Politik: Bollywoods Blick auf Kaschmir
Short title Spiegel der Politik: Bollywoods Blick auf Kaschmir
Teaser Die Bergregion Kaschmir in Himalaja galt lange als Kulisse für Liebesfilme. Mit zunehmenden politischen Spannungen wird heute der Landstrich in Bollywood-Filmen als Versteck für Terroristen und Separatisten dargestellt.
Short teaser Berglandschaft als Kulisse für Liebesfilme ist passé. Heute ist Kaschmir für Bollywood nur Versteck für Terroristen.
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In den vom Schnee bedeckten Bergen am Rande des Himalajas liegt ein Gebiet, das Jahrzehnte lang von Konflikten und dem Ruf nach Freiheit geprägt ist: Kaschmir. Die Bergregion wird von drei asiatischen Atommächten beansprucht: Indien, Pakistan und China. Indien verwaltet dort zwei Unionsterritorien Jammu und Kaschmir sowie Ladakh.

Die schwer zugängliche Region, die halb so groß wie Deutschland ist, weckt tiefe Emotionen in Südasien, als Projektion für Romantik und als Schauplatz von Gewalt. Kein Wunder, dass Kaschmir auch eine zwiespältige Rolle in den populären Filmen "Made in Bollywood" spielt.

"Sind wir hier oder nicht?", fragt sich der gleichnamige Protagonist im Film "Haider", den der indische Starregisseur und mehrfach international ausgezeichnete Filmemacher Vishal Bharadwaj 2014 auf die Leinwand brachte. Haider war nach dem Uni-Abschluss auf der Suche nach seinem verschollenen Vater in Kaschmir und nach Orientierung als geborener Kashmiri. "Wo sind wir dann hingegangen? Wenn wir existieren, für wen und wann?"

Der Polit-Thriller zeigte die gesamte Bandbreite dessen, was das Publikum mit der Bergregion verbindet - einer Familientragödie vor dem Hintergrund bewaffneter Konflikte und eben auch die atemberaubende Schönheit und die reiche Kultur in Kaschmir.

Ganz am Anfang nur Romanze

In den ersten Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 stellte Bollywood Kaschmir noch als konfliktfreie romantische Idylle dar: ein Tal inmitten schneebedeckter Berge mit farbenfrohen Tulpenbeeten und üppigen Deodar- und Chinar-Bäumen. So zum Beispiel im Film "Barsaat", übersetzt "Regen", aus dem Jahr 1949: Produziert hat ihn die indische Filmlegende Raj Kapoor, der als Charlie Chaplin von Indien bekannt war. Seine Kindheit hatte er in der heutigen pakistanischen Stadt Peschawar verbracht.

Der Produzent Kapoor führte auch Regie und spielte zudem die Hauptrolle. Für ihn war Kaschmir kein politisches Thema, sondern nur malerische Kulisse für Romantik. Dieses Beziehungsdrama handelt von der Flucht junger Menschen aus dem tristen Stadtleben und der Suche nach wahrer Liebe. Zwei Stadtjungen mit gegensätzlichen Charakterzügen verlieben sich während ihres Urlaubs in bodenständige Mädchen aus Kaschmir.

Spätere Filme wie "Kashmir ki Kali" ("Die Blüte von Kaschmir") aus dem Jahr 1964 von Regisseur Shakti Smanta setzten diesen Trend fort. Es ging immer um die großen zwischenmenschlichen Beziehungen in der Berglandschaft. Religion oder Politik waren nie Thema auf der Leinwand.

Kaschmir sei damals eine Spielwiese für indische Filmemacher gewesen, sagt der indische Drehbuchautor Sanjay Kak. "Bei Szenen über Kaschmir dürfen die Zuschauer ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Alle Dispute, die mit dem Ort der Handlung in Verbindung stehen, bleiben unerwähnt."

Der Erfolg im Kino brachte viele Touristen und Kinofans aus dem In- und Ausland dazu, Regionen im indischen Teil von Kaschmir zu besuchen. Für sie erschien Kaschmir wie das Paradies auf Erden. Nach und nach gewann Bollywood an Bedeutung bei der Bildung der öffentlichen Meinung über die schöne Bergregion.

Wendepunkt nach blutigen Konflikten

Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre wurde es wieder unruhig in der muslimisch geprägte Region Kaschmir. Im indischen Teil brach ein bewaffneter Aufstand aus. Es gab den Vorwurf, dass die Parlamentswahlen 1987 im damaligen indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir von der indischen Zentralregierung manipuliert worden seien. Die "Muslim United Front" (MUF), eine lokale Koalition islamischer politischer Parteien aus Kaschmir, der viele einen guten Wahlerfolg prophezeit hatten, verlor die Wahlen. Sie gewann lediglich vier von 76 Sitzen.

Die MUF hatte die Wahlergebnisse nicht anerkannt und forderte unabhängige Untersuchungen. Die Regierung in Neu-Delhi ließ jedoch bis zu ein Tausend MUF-Aktivisten festnehmen und foltern. Die Sicherheitskräfte konnten dabei gesetzlich legitimierte Maßnahmen ergreifen, die im Normalfall nur gerichtlich verordnet werden konnten. Enttäuschte junge Muslime wandten sich militanten Gruppierungen zu.

Diese Entwicklungen führten dazu, dass Kaschmir in den Kinosälen als ein Ort zunehmenden Extremismus sowie ein Landstrich der Angst und Spaltung dargestellt wurde. Ein Bild, das bis heute vorherrscht.

"Kaschmir ist durch die Turbulenzen der 1990er-Jahre in den Mittelpunkt des politischen und emotionalen Bewusstseins Indiens gerückt", sagt Meenakshi Bharat, Filmkritikerin und Autorin von "Hindi Cinema and Pakistan". "Die gesamte Branche Bollywood war als ein gesellschaftlicher Spiegel gezwungen, diese Veränderung und Erwartungen des Publikums zu adaptieren."

Infolgedessen veränderten sich die Filmnarrative. Kaschmir wurde zunehmend als Schlachtfeld dargestellt, auf dem indische Soldaten gegen die von Pakistan unterstützten Milizen kämpften. Filme wie "Roja" (1992) verbanden menschliche Geschichten mit Konflikt und Terrorismus.

"Der Film 'Roja' markierte wirklich den traurigen Wandel Kaschmirs von einem Ort der Romantik zu einem bedrohten verwüsteten 'Paradies'", sagt Filmkritikerin Bharat im DW-Interview. In diesem Film, der in der Tamil-Sprache produziert wurde, geht es um die Entführung eines Verschlüsselungsexperten vom indischen Geheimdienst aus Tamil Nadu. Damit sollte die Freilassung eines islamistischen Topterroristen und Separatisten aus Kaschmir zu erzwingen.

Für den Drehbuchautor Kak habe der Film die Fantasien des indischen Publikums über Nationalismus und Patriotismus "rekonstruiert". Seit "Roja" werden Militante aus Kaschmir häufig als gewalttätige Gegner dargestellt. Filmkritiker sehen die Gefahr, dass die muslimische Identität in der Region Kaschmir lediglich auf Terrorismus reduziert werde.

Narrativ "Kaschmir"

Anfang der 2000er-Jahre begannen Bollywood-Filme dann, die komplexen sozialen, politischen und emotionalen Realitäten Kaschmirs näher zu beleuchten, einschließlich seiner Konfliktgeschichte und des Traumas, das seine Bevölkerung aufgrund anhaltender Gewalt erlitten hat.

Diese unbewältigte Trauer ist geprägt vom Verschwindenlassen von Personen, Vertreibung und zerrütteten Familien. Daraus entstanden die Narrative für Drehbücher, die persönlichen tragischen Familiengeschichten mit extremistischen Ideologien in Verbindung bringen. Auf der anderen Seite stehen nach wie vor die indischen nationalen Sicherheitsinteressen und der nationalistische Patriotismus im Fokus.

Drehbuchautor Kak beschreibt die Bollywood-Filme als "staatsorientiert". Der rote Faden eines Bollywood-Films stimme weitgehend mit den politischen Ansichten der indischen Zentralregierung überein. Dieser Trend ist seit August 2019 noch deutlicher geworden, als Neu-Delhi den Sonderstatus von Kaschmir als teilautonome Region durch eine Verfassungsänderung mit dem Artikel 370 aberkannte.

Der damalige Bundesstaat Jammu und Kaschmir ist das einzige mehrheitlich muslimische Gebiet in Indien. Neu-Delhi begründete die Aberkennung der Teilautonomie Kaschmirs damit, dass diese eine "Grundursache" für die anti-indische Militanz gewesen sei. "Mit der politischen Veränderung hat sich auch die zeitgenössischen Filme verändert", sagt Drehbuchautor Kak gegenüber der DW.

"The Kaschmir Files" (2022) erzählt zum Beispiel eine fiktive Umsiedlungsgeschichte von Hindus in Kaschmir im Jahr 1990. Der Film stellt den Exodus als einen Völkermord dar. Diese Position wird im realen politischen Leben von Hindu-Nationalisten vertreten. Nach Ansichten der Kritiker fördere der Film ein "einseitiges" Storytelling, das das Risiko berge, antimuslimische Stimmungen zu verstärken und die Spaltungen zwischen den Religionen zu beschleunigen.

Schließlich kam im vergangenen Jahr der Film "Artikel 370" in die Kinos, der die Aufhebung des halbautonomen Status Kaschmirs filmisch in Szene setzte. Die Produktion hat umgerechnet zwei Millionen Euro gekostet. Der Agentenfilm hat im Box Office etwa elf Millionen Euro eingespielt. Das zeigt, dass patriotische Motive nicht nur den hindu-nationalistischen Machthabern gefallen, sondern auch von den Kinobesuchern gerne gesehen werden.

Im Film geht es um eine fiktive Undercover-Operation gegen Terroristen in Kaschmir, die später zu politischen Entscheidungen führte, Paragraf 370 über die Teilautonomie in Kaschmir zu verändern.

Bollywood müsse auch politische Stimmungen im breiten Publikum einfangen, sagt Filmkritikerin Bharat. "Jetzt ist es schwierig, nur die wunderschönen Täler in Kaschmir als makellose romantische Kulisse zu zeigen".

Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan

Item URL https://www.dw.com/de/spiegel-der-politik-bollywoods-blick-auf-kaschmir/a-73591851?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (460 x 259) https://static.dw.com/image/72600583_302.jpg
Image caption Ein indischer Soldat in Kaschmir im Mai 2025
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Item 54
Id 73591816
Date 2025-08-11
Title Was, wenn China und Indien kein russisches Öl mehr kaufen?
Short title Was, wenn China und Indien kein russisches Öl mehr kaufen?
Teaser Donald Trump stopft Schlupflöcher bei Sanktionen gegen Russland. Was bedeutet ein hartes Vorgehen gegen den russischen Ölhandel für die Weltmärkte - und für Wirtschaftsmächte wie China und Indien?
Short teaser Was bedeutet Trumps Vorgehen gegen russisches Öl für die Märkte - und für die Wirtschaftsmächte China und Indien?
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Indien und China kritisieren die angedrohten sekundären Sanktionen durch US-Präsident Donald Trump, weil die beiden Staaten weiter russisches Öl kaufen. Sekundäre Sanktionen sind Strafen für Geschäfte mit einem sanktionierten Land. Beide Nationen erklärten, ihre Energiesicherheit und wirtschaftliche Souveränität gegen das zu schützen, was Peking als "Zwang und Druck" seitens der Vereinigten Staaten bezeichnete.

Indien warf dem Westen unterdessen Heuchelei vor und betonte, dass die Europäische Union weiterhin russische Energie importiert, obwohl sie ihre Abhängigkeit davon seit Kriegsbeginn massiv reduziert hat.

Neu-Delhi wies außerdem darauf hin, dass Washington die Ölkäufe Indiens aus Russland, die kurz nach der russischen Invasion in die Ukraine hochgefahren wurden, aktiv unterstützt habe, um den globalen Ölpreis zu stabilisieren. Indiens Öleinkäufe aus Russland stiegen von 2021 bis 2024 um fast das 19-fache, von 0,1 auf 1,9 Millionen Barrel pro Tag, während Chinas Einkäufe um 50 Prozent auf 2,4 Millionen Barrel pro Tag zunahmen.

Petras Katinas, ein in Litauen ansässiger Energieanalyst am Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA), erklärte der DW, dass Indien - Russlands zweitgrößter Ölabnehmer - zwischen 2022 und 2024 bis zu 33 Milliarden US-Dollar an Energiekosten eingespart habe. Moskau hatte demnach große Preissenkungen angeboten, als die USA und Europa ihre Abhängigkeit von russischem Öl und Gas verringerten. Die Entscheidung zum Kauf von vergünstigtem russischem Rohöl wurde von Indiens langjähriger Politik "unterstützt", die Beziehungen zu den USA, Russland und China in der Waage zu halten, ohne einer Seite Vorrang einzuräumen, so Katinas. Neu-Delhi habe "der Energiesicherheit und Erschwinglichkeit Vorrang eingeräumt".

Trumps neue Sanktionsdrohung verunsichert die Märkte

Nachdem Trump bereits Zölle von 25 Prozent auf indische Importe verhängt hatte, unterschrieb er am Mittwoch ein Dekret, mit dem er dieselben Waren mit zusätzlichen Zöllen von 25 Prozent belegt - wegen Indiens Öl-Käufen aus Russland. Die Ölpreise stiegen daraufhin. Indische Medien berichteten, dass die neue Abgabe die Ölrechnung des Landes um bis zu elf Milliarden Dollar in die Höhe treiben könnte.

Neu-Delhi bezeichnete die zusätzliche Abgabe als "unfair, ungerechtfertigt und unangemessen". Trump erklärte, die Zölle würden in 21 Tagen in Kraft treten, um Indien und Russland Zeit zu geben, mit der Regierung über die Einfuhrzölle zu verhandeln.

Sekundäre Sanktionen wären ein weiterer schwerer Schlag für die russische Wirtschaft, die bereits unter den westlichen Sanktionen leidet. Russland Haushalt ist enorm unter Druck: Die Militärausgaben übersteigen mittlerweile sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Einige Analysten schätzen die reale Inflationsrate auf 15 bis 20 Prozent gegenüber den offiziellen neun Prozent.

Indien könnte Ölhandel mit Russland verringern

Für die globalen Märkte könnten neue Sanktionen einen Schock für die Energiepreise und Handelsströme bedeuten. Ähnlich wie 2022, als der Ölpreis in die Höhe schoss und Russland die westlichen Sanktionen umging, indem es mit zwei der größten Volkswirtschaften der Welt Energieabkommen zu ermäßigten Preisen abschloss.

"Hätte Indien [2022] kein russisches Rohöl gekauft, kann man nur spekulieren, wie hoch der Ölpreis gewesen wäre - 100 Dollar (86 Euro), 120 Dollar, 300 Dollar [pro Barrel]", sagt Sumit Ritolia, ein in Neu-Delhi ansässiger Ölanalyst des Handelsforschungsinstituts Kpler, zur DW. In den Wochen vor der Invasion bewegte sich WTI-Rohöl wischen 85 und 92 Dollar pro Barrel.

Trumps 25-prozentige Sekundär-Zölle könnten Indien nun keine andere Wahl lassen, als zumindest einen Teil seines Ölhandels mit Russland zurückzufahren. Weitere Sanktionen würden die Lage nur noch verschlimmern. Katinas sagt, sekundäre Sanktionen würden "den Einsatz erheblich erhöhen", den Zugang indischer Unternehmen zum US-Finanzsystem gefährden und Banken, Raffinerien und Reedereien angesichts ihrer Integration in die globalen Märkte ernsthaften Auswirkungen aussetzen".

Ölpreise könnten stark steigen

Sollten Russlands fünf Millionen Barrel pro Tag plötzlich vom Ölmarkt genommen werden, könnten die Ölpreise nach Ansicht von Analysten erneut steigen, da die betroffenen Länder sich um alternative Quellen bemühen müssten. Selbst die kürzliche Produktionssteigerung des Ölkartells OPEC wäre der Ersatz einer so großen Menge angesichts begrenzter Kapazitätsreserven und logistischer Einschränkungen kurzfristig außerordentlich schwierig.

"Es gibt keine Möglichkeit, diese fünf Millionen [Barrel] schnell genug zu beschaffen, um einen Anstieg der Ölpreise zu verhindern", sagte Alexander Kolyandr, Senior Fellow am Center for European Policy Analysis, der britischen Zeitung "The Independent".

Ritolia sagt der DW, indische Unternehmen könnten bis zu einem Jahr brauchen, um ihre Abhängigkeit von russischem Öl zu verringern, falls dies erforderlich sein sollte.

Ölpreisanstieg würde Inflation anheizen

Höhere Ölpreise würden sowohl in den USA als auch weltweit die Inflation vergrößern. Die US-Notenbank schätzt, dass jeder Anstieg des Rohölpreises um zehn Dollar die Inflation in den USA um etwa 0,2 Prozentpunkte erhöht. Die indische Zentralbank kam zu einem ähnlichen Schluss.

Im schlimmsten Fall, wenn die Preise von derzeit 66 Dollar pro Barrel auf 110 bis 120 Dollar pro Barrel steigen würden, würde ein Inflationsanstieg von etwa einem Prozentpunkt die Kosten für Verbraucher und Unternehmen in die Höhe treiben - insbesondere in den Bereichen Energie, Transport und Lebensmittel.

China verschont, während Indien leidet?

Katinas sagt, China, dessen Gesamthandel mit den USA mehr als viermal so groß ist wie der Indiens, könnte von den neuen US-Maßnahmen "ausgenommen sein". Mit einem Handelsvolumen von über 580 Milliarden US-Dollar zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt verfügt China aufgrund seiner schieren wirtschaftlichen Größe über eine Verhandlungsmacht, die Indien fehlt.

Chinas Macht über Seltene Erden - ein anhaltender Streitpunkt in den Beziehungen zwischen den USA und China - könnte ein weiterer Hebel sein, den Peking einsetzt, um Trumps Temperament zu zügeln.

Da Indien nicht über vergleichbare Einflussmöglichkeiten verfügt, hat Trump Anfang vergangener Woche seinen Druck auf Neu-Delhi verstärkt und erklärt, dass die voraussichtlichen Auswirkungen seiner neuen Sanktionen gegen Russland und Indien "ihre toten Volkswirtschaften gemeinsam zu Fall bringen" würden.

Indiens Öl-Importe aus Russland steigen

Indien profitiert inzwischen nicht mehr in gleichem Maße vom russischen Öl wie noch 2022, als die Preisnachlässe zwischen 15 und 20 Dollar pro Barrel lagen. Diese Marge hat sich laut Ritolia von Kpler nun auf etwa fünf Dollar verringert.

Um seine Kriegskasse wieder aufzufüllen, maximiert Russland aggressiv seine Energieeinnahmen, gestützt durch die steigende Nachfrage aus der Türkei - mittlerweile sein drittgrößter Ölkunde - und aus ganz Asien. Dort wird russisches Rohöl heimlich umetikettiert und reexportiert, um amerikanische Sanktionen zu umgehen.

Dennoch kaufen indische Raffinerien weiterhin. Die Importe erreichten im Juni mit 2,08 Millionen Barrel pro Tag ein Elf-Monats-Hoch und machten 44 Prozent der gesamten Rohölimporte Indiens aus.

Wie China und Indien handeln

Abgesehen von der Rhetorik reagiert China wahrscheinlich ähnlich wie früher auf sekundäre Sanktionen. Chinesische Banken lehnen russische Transaktionen zunehmend ab, selbst in Yuan. Das zwingt Moskau, sich auf undurchsichtige Zwischenhändler und Lösungen mit Drittstaaten einzulassen.

Für Peking sind Ölimporte eine Priorität, die weitgehend vor politischem Druck geschützt ist, während Indien sich eher absichern dürfte: Bei Druck werden die Einkäufe reduziert, aber das vergünstigte russische Rohöl wird nicht vollständig aufgegeben.

Ritolia spekuliert, dass Indien seine russischen Ölimporte "reduzieren" könnte, fügt jedoch hinzu: "Ich glaube nicht, dass sie in absehbarer Zeit auf Null gehen werden."

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen von Marco Müller adaptiert.

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Image caption China und Indien haben die EU als größten Importeur russischen Öls ersetzt
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Item 55
Id 73584288
Date 2025-08-09
Title Tom Hanks würdigt Apollo-13-Kommandanten Jim Lovell
Short title Tom Hanks würdigt Apollo-13-Kommandanten Jim Lovell
Teaser Jim Lovells Mondmission drohte 1970 in einer Katastrophe zu enden. Jetzt ist der NASA-Astronaut gestorben. Hollywood-Star Tom Hanks spielte Lovell im Film und würdigt ihn nun.
Short teaser Jim Lovell ist tot. Hollywood-Star Tom Hanks spielte den NASA-Astronauten im Film und würdigt ihn nun.
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"Houston, wir haben ein Problem" - diesen berühmten Satz sagte US-Schauspieler Tom Hanks in dem Hollywood-Film "Apollo 13" von 1995. Geschildert wird darin die im Jahr 1970 spektakulär gescheiterte US-Mondmission gleichen Namens. Kommandeur an Bord: Jim Lovell.

Nun ist Astronaut Lovell tot. Wie die US-Raumfahrtbehörde NASA mitteilte, starb Lovell bereits am Donnerstag im Alter von 97 Jahren in Lake Forest im Bundesstaat Illinois im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten.

Tom Hanks würdigte den berühmten Raumfahrer: "Es gibt Menschen, die wagen, die träumen und die andere an Orte führen, die wir allein nicht erreichen würden", so der Hollywood-Star. "Jim Lovell, der für eine lange Zeit weiter und länger ins All vorgedrungen ist als jeder andere Mensch auf unserem Planeten, war so ein Typ."

Und von der NASA heißt es, Lovell habe "mit seinem Leben und seinem Wirken über die Jahrzehnte Millionen Menschen inspiriert". Lovells Charakter und sein "unerschütterlicher Mut" hätten dazu beigetragen, den Mond zu erreichen, und ein drohendes Unglück in einen Erfolg verwandelt, "aus dem wir enorm viel gelernt haben", fasste es der amtierende Chef der US-Weltraumorganisation, Sean Duffy, in Worte.

Besonnener Chef der Unglücksmission Apollo 13

Lovell war Kopf der Crew des Fluges von Apollo 13, der 1970 nach einem technischen Defekt beinahe in einer Katastrophe endete. Durch das besonnene Handeln der Besatzung verlief alles glimpflich und das Raumschiff konnte ohne den geplanten Zwischenstopp auf dem Mond zur Erde zurückkehren.

Lovell war zuvor auch Teil der Crew der ersten Mondumkreisung mit Apollo 8 im Jahr 1968. Damit gehörte der Astronaut zu den ersten Menschen, die mit einer der riesigen Saturn-V-Raketen von der Erde abhoben und einmal um den Erdtrabanten herumflogen.

Lovell, der während der Mercury-, Gemini- und Apollo-Programme insgesamt 715 Stunden im All verbrachte, war einer der erfahrensten Astronauten seiner Generation. In die Geschichtsbücher geht er ein wegen Apollo 13.

Im April 1970 drohte die Mission zum Todesflug zu werden. Es kam zu einer schwerwiegenden Panne, als sich der damals 42-Jährige zusammen mit Fred Haise im Landemodul vom Mutterschiff abkoppeln wollte, um auf dem Mond aufzusetzen. In rund 320.000 Kilometern Entfernung zur Erde kam es zu einer Explosion an Bord - ausgelöst durch beschädigte Kabel in einem der Sauerstofftanks.

Der inzwischen legendäre Funkspruch "Houston, wir haben ein Problem" wurde allerdings von den Drehbuchautoren des Apollo-13-Films Lovell-Darsteller Hanks in den Mund gelegt. Er war nur angelehnt an einen ähnlichen Funkspruch der Crew.

In Wahrheit meldete Crew-Mitglied Jack Swigert als erster dem NASA-Kontrollzentrum, dass es ein Problem gegeben habe. Auf Nachfrage der Bodencrew wiederholte dann Lovell: "Houston, wir haben gerade ein Problem gehabt." Der Film basierte unter anderem auf Lovells Buch "Lost Moon".

Gratwanderung im All

Statt auf dem Mond zu landen, wurde das intakte Mondlandemodul notgedrungen zur Rettungskapsel für alle drei Astronauten - obwohl es nur für zwei Menschen und maximal zwei Tage Aufenthalt konzipiert war. Die Crew schaltete fast alle Systeme ab, um Energie zu sparen, kämpfte mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und konstruierte mit Bordmitteln und Klebeband eine Notlösung zur Luftfilterung.

Da eine direkte Rückkehr zu gefährlich war, nutzten sie die Mondanziehungskraft für ein Schleuder-Manöver zurück zur Erde. Am 17. April 1970 landete die Kapsel schließlich sicher im Pazifik - sechs Tage nach dem Start und mehr als drei Tage nach dem Ausfall der Stromversorgung an Bord. Die drei Astronauten wurden von der Crew des Flugzeugträgers "Iwo Jima" geborgen.

Obwohl Lovell nie den Mond betrat, wurde er durch diese dramatische Rettung zu einer Ikone der Raumfahrtgeschichte. US-Präsident Richard Nixon verlieh den Astronauten die Presidential Medal of Freedom. 1973 verließ Jim Lovell die NASA. Er arbeitete später in der Wirtschaft und betrieb ein Restaurant mit Raumfahrt-Andenken.

AR/se (afp, dpa)

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Image caption Ex-Astronaut Lovell (2020)
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Item 56
Id 73576060
Date 2025-08-09
Title Schock in der Schweiz: Ist der hohe Goldpreis an Trumps Zöllen schuld?
Short title Schweiz: Ist der hohe Goldpreis an Trumps Zöllen schuld?
Teaser Donald Trumps 39-Prozent-Zollsatz schockt die Schweiz. Die Goldverarbeitungsbranche rechnet mit schweren Einbußen. Die Exporteure von Uhren, Pharmaka und Schokolade fürchten um ihre Wettbewerbsfähigkeit in den USA.
Short teaser Donald Trumps 39-Prozent-Zollsatz schockt die Schweiz. Die Goldverarbeitungsbranche rechnet mit schweren Einbußen.
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Warum belegen die USA die Schweiz mit einem Zollsatz von 39 Prozent?

US-Präsident Donald Trump will gegen das Handelsbilanzdefizit mit der Schweiz vorgehen. Der Überschuss von knapp $38 Milliarden Dollar (32,7 Milliarden Euro) im Jahr 2024 zeige, dass Schweizer Unternehmen die USA "ausnutzen".

Trump verhängte deshalb auf Schweizer Einfuhren in die USA einen Zollsatz in Höhe von 39 Prozent. Dieser Zollsatz ist wesentlich höher als die 15 Prozent, die für Importe aus der EU gelten.

Die Schweiz ist kein EU-Mitglied. Die Vereinigten Staaten sind der wichtigste Einzel-Handelspartner der Schweiz mit rund 18 Prozent der Exporte im vergangenen Jahr.

Die wichtigsten exportierten Schweizer Produkte in die USA sind pharmazeutische Produkte, Präzisionsinstrumente, Uhren, Schmuck und Apparate. Umgekehrt importiert die Schweiz aus den USA vor allem pharmazeutische Produkte, Maschinen, Elektronik und einige Lebensmittel.

Trotz intensiver Gespräche und einem Besuch von Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter in Washington (7. August) ist es der Schweiz bisher nicht gelungen, mit den USA ein Rahmenabkommen abzuschließen, wie die EU, Japan oder das Vereinigte Königreich.

Warum ist Schweizer Gold das Problem?

Die Schweiz ist der größte Goldveredler weltweit. Zwar gibt es in der Schweiz keine nennenswerten Edelmetallvorkommen, doch befinden sich allein fünf der größten Goldraffinerien der Welt im Land.

Bis zu 70 Prozent der global geförderten Goldmenge werden in diesen Raffinerien eingeschmolzen und weiterverarbeitet. Jährlich werden mehr als 2000 Tonnen Gold in die Schweiz importiert und später wieder exportiert. Damit steht die Schweiz im Mittelpunkt des internationalen Goldhandels.

Die weltweit steigende Nachfrage nach Gold hat auch die Verarbeitung des Edelmetalls in der Schweiz angekurbelt. Laut der Schweizerischen Nationalbank (SNB) geht der aktuelle Überschuss in der Handelsbilanz zwischen den USA und der Schweiz nicht auf die Verarbeitung von Gold zurück, sondern auf die Wertsteigerung des Edelmetalls selbst.

Nach Angaben der Nationalbank erzielte die Goldverarbeitungsbranche nur Gewinne von wenigen hundert Millionen Dollar pro Jahr, obwohl der Gesamtwert des Schweizer Goldhandels mit den USA im ersten Quartal dieses Jahres mehr als 36 Milliarden US-Dollar betrug. Die USA sollten deshalb Gold aus der Handelsbilanz herausrechnen, so die Nationalbank.

"Goldexporte haben Aufmerksamkeit erregt, weil sie in diesem Jahr angestiegen sind. Historisch gesehen hat die Schweiz in puncto Gold ein Handelsdefizit mit den USA. Gold leistet keinen wesentlichen Beitrag zum strukturellen Handelsüberschuss der Schweiz mit den USA", erklärte Adrian Prettejohn, Ökonom für den Bereich Europa bei Capital Economics, in einer Mitteilung.

Die Schweizer Raffinerien bestätigen, dass ihre Gewinne aus der Verarbeitung von Gold zu Goldbarren, Anlagemünzen und Präzisionsteilen für die Uhrenindustrie, Elektronik und Schmuckindustrie gering sind.

Was bedeutet Zölle von 39 Prozent für die Schweiz?

Der Zollsatz, der seit dem 1. August in Kraft ist, trifft Luxus- und Konsumgüter wie Uhren, Hautpflegeprodukte und Kosmetik, Präzisionsinstrumente und Schokolade am härtesten. Schweizer Produkte werden für US-Verbraucher deshalb bald nicht mehr wettbewerbsfähig sein gegenüber ähnlichen Waren aus der EU oder Großbritannien, die mit deutlich niedrigeren Zöllen belegt sind.

Hans Gersbach, Ökonom am Konjunkturforschungsinstitut KOF in Zürich, schätzt, dass die Abgaben das Schweizer Bruttoinlandsprodukt im nächsten Jahr um 0,3 bis 0,6 Prozent senken würden, wenn sie lange Zeit bestehen blieben.

Analysten vom Londoner Unternehmen Capital Economics schätzen, dass Verhandlungen den Zollsatz von 39 Prozent wahrscheinlich senken könnten. Doch müsse die Schweiz höhere Zölle als die 27 Mitgliedstaaten der EU akzeptieren. Washington hat bisher keine Bereitschaft gezeigt, seine Haltung zu ändern und die Zölle zu senken.

Wie reagiert die Schweiz auf Trumps Zollsatz?

Die Schweizer Exekutive, der Bundesrat, hat erklärt, vorerst auf Gegenmaßnahmen verzichten zu wollen. Stattdessen favorisiere man Hilfen für exportorientierte Schweizer Unternehmen und setze weiter auf Verhandlungen mit Washington.

Die bisher praktizierte Verhandlungsbereitschaft der Schweiz hat die US-Zölle nicht abwenden können. Denn die Schweizer Regierung hatte bereits im vergangenen Jahr die Zölle auf fast alle US-Importe abgeschafft. Dadurch erhalten US-Produzenten praktisch freien Zugang zu den Schweizer Märkten.

Bei den jüngsten Gesprächen hatte die Schweiz laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem angeboten, 150 Milliarden Dollar mehr in die USA zu investieren. Sie spielte sogar mit dem Gedanken, US-Flüssigerdgas (LNG) zu importieren - dabei hat die Schweiz keinen direkten Zugang zum Meer.

Wirken sich die neuen Zölle auf den globalen Goldhandel aus?

Und es könnte noch schlimmer für Bern kommen: Nach einem Bericht der Financial Times (FT) vom 7. August, der sich auf ein Schreiben der US-Zollbehörden beruft, sind auch Ein-Kilo-Goldbarren aus der Schweiz von US-Zöllen betroffen.

Zunächst schien es so, als ob die Regierung Trump Gold zwar in die Berechnung der Zollsätze einbezogen, das Edelmetall selbst aber nicht mit Zöllen belegen wollte. Die Schweizer Gold-Raffineriebranche hatte deswegen bereits aufgeatmet.

Sollte sich das Schreiben der US-Zollbehörden bestätigen, könnte dies bedeuten, dass auch in der Schweiz verarbeitete Goldexporte in die USA mit einem Zoll von 39 Prozent belegt würden, was für die Branche ein schwere Schlag wäre.

Größere Konflikte und anhaltende Handelsspannungen haben auch die Kosten für den Transport, die Versicherung und die Finanzierung von Goldtransaktionen in die Höhe getrieben. Diese könnten nun ebenfalls weiter steigen.

Ironischerweise könnten Trumps Zölle in Höhe von 39 Prozent die internationale Nachfrage nach Gold noch weiter ankurbeln und den Goldpreis steigen lassen, da in Zeiten der Unsicherheit Anleger nach sicheren Anlagen suchen.

Der Handel mit Comex-Gold-Futures für Dezember erreichte am Freitag als Reaktion auf den FT-Bericht ein neues Allzeithoch von 3534 US-Dollar pro Feinunze.

Bleibt es bei der Entscheidung zum Gold-Zoll?

Die US-Regierung hat inzwischen angekündigt, mit einer Verordnung für Klarheit bei den Importzöllen für Goldbarren sorgen und damit auf die jüngste Unsicherheit am Markt zu reagieren. Das Weiße Haus werde bald mit einem Erlass "Fehlinformationen" korrigieren, sagte ein Regierungsvertreter am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters. Der Goldpreis gab nach der Ankündigung einen Teil seiner Gewinne wieder ab.

Der unabhängige Analyst Ross Norman sagte, die "wahrscheinliche Verhängung" der Zölle auf Schweizer Kilobarren bedeute, Sand in ein ansonsten gut geöltes Getriebe zu streuen. "Ich sage 'wahrscheinlich', da die Möglichkeit besteht, dass es sich um ein Versehen handelt."

Aus dem Englischen adaptiert von Uta Steinwehr. (Mit REUTERS)

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Image caption Die Schweiz raffiniert mehr als zwei Drittel des weltweiten Golds. Mit den neuen US-Zöllen könnte das Geschäft einbrechen
Image source Sven Hoppe/dpa/picture alliance
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Item 57
Id 73274472
Date 2025-08-09
Title Schostakowitsch: Warum er gerade heute so aktuell ist
Short title Schostakowitsch: Warum er gerade heute so aktuell ist
Teaser Vor fünfzig Jahren, am 9. August 1975, starb eines der größten Musikgenies des 20. Jahrhunderts - der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch. Sein Vermächtnis: sich treu zu bleiben.
Short teaser Vor fünfzig Jahren starb der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch. Sein Vermächtnis: sich treu zu bleiben.
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Als Dmitri Schostakowitsch vor 50 Jahren in Moskau an Lungenkrebs starb, bekam er ein Staatsbegräbnis, begleitet von Trauerreden, die Parteibonzen aus dem Kreml und Funktionäre des Komponistenverbandes hielten. Unter den Trauernden auch seine Witwe Irina, die Kinder Galina und Maxim und einige treue Freunde. Es folgte ein jahrzehntelanger Kampf um das Erbe und die Zuordnung des russischen Komponisten, der zu den größten Musikgenies des 20. Jahrhunderts gezählt wird. War Schostakowitsch ein "durch und durch sowjetischer Mensch"? Oder ein Dissident? Stellte er seine Kunst in den Dienst des Regimes? Oder waren seine Werke eine verschlüsselte Botschaft gegen die Diktatur?

Schostakowitsch: eine Jahrhundertfigur in furchtbaren Zeiten

Erst heute, fünf Jahrzehnte nach seinem Tod, wird man sich allmählich seiner Bedeutung bewusst.

"Für mich ist er einer der ganz Großen - neben Richard Strauß, Gustav Mahler oder Ludwig van Beethoven", sagt der lettische Stardirigent Andris Nelsons, der das Gewandhausorchester Leipzig leitet. "Ich verehre ihn seit meiner frühen Jugend. Keine Note überflüssig, keine Note langweilig. Und: All seine Musik ist tief menschlich, sie berührt einen unmittelbar!"

Zum Jubiläum hat Nelsons sämtliche fünfzehn Sinfonien des Komponisten eingespielt. Im Mai 2025 initiierte Nelsons ein beeindruckendesSchostakowitsch-Festival - mit orchestralen Werken und intimer Kammermusik - in Leipzig.

"Man kann im Bezug auf Schostakowitsch auch deswegen von einer Jahrhundertfigur sprechen, weil gerade seine bedeutendsten Werke die geschichtlichen Ereignisse im 20. Jahrhundert thematisieren, quasi dokumentieren", bestätigt Tobias Niederschlag, künstlerischer Leiter des Festivals "Internationale Schostakowitsch-Tage" im sächsischen Gohrisch. Sei es die gnadenlose russische Revolution, der Stalinismus, der Zweite Weltkrieg oder der Kalte Krieg: "Er war Chronist seiner Epoche", so Niederschlag. "Es waren furchtbare Zeiten, die ihm vom Schicksal zugewiesen wurden. Seine Botschaften, seine Warnungen sind heute aktueller denn je."

Vom Wunderknaben zum Volksfeind

Dmitri Schostakowitsch kommt in Sankt Petersburg 1906 zur Welt, die Eltern gehören zum kulturaffinen Bildungsbürgertum. Der Vater ist Sohn eines polnischen Widerstandskämpfers, der gegen das zaristische Russland kämpfte und nach Sibirien verbannt wurde.

Dmitri ist ein Wunderkind: 1925 entsteht die erste Sinfonie des damals 19-jährigen. Sie wird weltweit aufgeführt und gefeiert. Schostakowitschs Musik versprüht Witz und Humor und ist zugleich in ihrer Wucht und Perfektion eine Fortführung der großen symphonischen Tradition von Beethoven und Mahler. Sein wahres Idol aber trägt einen anderen Namen: Johann Sebastian Bach.

Schostakowitschs Gabe spricht sich schnell herum und auch im Kreml ist der Name des Komponisten wohlbekannt. Doch ein Genie von der Größe eines Schostakowitsch ist Josef Stalin ein Dorn im Auge. Jahrzehnte verbringt Schostakowitsch in einer quälenden Todesangst, um sich und seine Familie. Die vernichtende Kritik in der "Prawda" an seiner Oper "Lady Macbeth von Mzensk" 1936 ist eine versteckte Drohung. Und Andrei Schdanow, Stalins "kultureller Vollstrecker", sorgt dafür, dass Schostakowitsch und weitere zeitgenössische Komponisten gebrandmarkt werden. Im Februar 1948 beschließt das Zentralkomitee die Zerschlagung zeitgenössischer Musik. Dies kommt einer öffentlichen beruflichen Hinrichtung gleich. Erst Jahre später, nach Stalins Tod 1953, wird dieses "Berufsverbot" allmählich aufgeweicht - und Schostakowitschs Ruf rehabilitiert.

In seinen letzten zwei Lebensjahrzehnten wird der Komponist mit Staatspreisen überschüttet, aber auch immer wieder als sowjetischer Vorzeigekünstler vorgeführt.

Staatskünstler wider Willen?

Auf dieser Phase seines Lebens beruht die Annahme, Schostakowitsch sei ein regimetreuer Opportunist gewesen. Dem will Olga Digonskaja, die das private Schostakowitsch-Archiv in Moskau leitet, energisch widersprechen:

"Er war ein Mensch mit Stärken und Schwächen, er litt, er hatte Angst um sich und seine Familie. Als Künstler hasste er aber jegliche Unterdrückung", bilanziert sie.

"Vor allem aber war er ein Genie, das es trotz allem schaffte, mit seiner Gabe verantwortungsvoll umzugehen und es - ich scheue hier kein Pathos - in den Dienst der Menschheit zu stellen." Das höre man in jeder seiner Noten.

Unbekannte Aufzeichnungen

Eine Sensation hat das Jubiläumsjahr bereits hervorgebracht. Bei einer Fachkonferenz der deutschen Schostakowitsch-Gesellschaft berichtete Digonskaja von zuvor unbekannten Aufzeichnungen des Komponisten. Sie stammen aus den Jahren 1957 bis 1964. Jene Jahre des "Tauwetters" in der Sowjetunion zwischen der Stalin-Ära und der Breschnew-Zeit, als die russische Gesellschaft Hoffnungen auf eine freiere Zukunft hegte.

In den Zeilen, die Schostakowitsch damals versteckt und die von seiner inzwischen 90-jährigen Witwe sorgfältig aufbewahrt wurden, beantwortet der Komponist ganz deutlich die Frage nach seiner wahren Haltung: So vergleicht er Stalin direkt mit Hitler - wobei Hitler aus seiner Sicht nur ein unbegabter Epigone von Stalin ist - und fragt sich selbst: "Was quält mich? Gewissen, Angst, Scham..."

Ob diese Aufzeichnungen, die eine andere Sicht auf den Komponisten als Regimekritiker erlauben, zeitnah publiziert werden, ist nicht sicher. Schließlich werden zurzeit russlandweit Stalindenkmäler aufgestellt, kommen Künstler für ihre Haltung ins Gefängnis oder retten sich ins Exil. Da passt das Bild eines gebrochenen Zweiflers nicht ins Konzept.

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Image caption Vor 50 Jahren gestorben: der Komponist Dmitri Schostakowitsch
Image source Schostakowitsch-Archiv Moskau
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Item 58
Id 73548227
Date 2025-08-08
Title Wim Wenders: Kino und die "Kunst, verloren zu sein"
Short title Wim Wenders: Kino und die "Kunst, verloren zu sein"
Teaser Zum 80. Geburtstag des deutschen Filmemachers zeigt eine Retrospektive, wie seine globalen Reisen und seine filmische Vision zum Teil von der Schönheit der Orientierungslosigkeit geprägt wurden.
Short teaser Zum 80. Geburtstag zeigt der deutsche Filmemacher, wie Reisen und Irrwege sein filmisches Schaffen geprägt haben.
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Für Wim Wenders bedeutet der Zustand des Verlorenseins kein Versagen, sondern eine Form der Glückseligkeit. "Wenn man verloren ist, gibt man sich selbst völlig auf und ist da“, sagt er der DW. Und seit mehr als fünf Jahrzehnten lädt der deutsche Filmemacher sein Publikum dazu ein - sich in seinen Filmen zu verlieren, die durch unbekannte Landschaften und stille, emotionale Räume treiben.

Anlässlich Wenders' 80. Geburtstag im August präsentiert die Bundeskunsthalle in Bonn eine große Retrospektive, die sein umfangreiches Werk - darunter Filme, Fotografien, Radierungen und Schriften - zeigt, das sich um das immerwährende Thema dreht, was es bedeutet, sich durch die Welt zu bewegen.

Wim Wenders: Ein Wanderer, geboren zwischen Ruinen

Für Wenders ging es bei der Bewegung nie nur um die Strecke - es ging um Entdeckungen. Geboren kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 in Düsseldorf, wuchs er in einer Stadt auf, die fast vollständig in Trümmern lag. Bei der Eröffnung der Retrospektive erinnerte sich Wenders, der sich selbst oft als Reisender bezeichnet, an den surrealen Kontrast zwischen dem Nachkriegsdeutschland und den Bildern ferner Orte, die er im Lexikon seines Großvaters und den Zeitungen seines Vaters sah.

"Das war eine gewaltige Entdeckung für mich und die treibende Kraft meines Lebens. Die Welt war besser. Ich wollte immer alles darüber wissen … Wäre ich zu Hause geblieben, wäre ich jetzt nicht hier", sagt er der DW. Diese kindliche Sehnsucht, mehr zu sehen, weiter zu reisen, legte den Grundstein für ein kreatives Leben, das sich seitdem über Kontinente und Genres erstreckt.

Wenders' Roadmovies: Menschen auf der Suche

Wenders begann in den 1970er-Jahren mit dem Filmemachen und entwickelte sich neben seinen Landsleuten Werner Herzog und Rainer Werner Fassbinder zu einer Schlüsselfigur des Neuen Deutschen Films. Seine Roadmovie-Trilogie - "Alice in den Städten", "Falsche Bewegung" und "Im Lauf der Zeit" - thematisierte eines seiner zentralen Themen: Menschen in Bewegung, emotional und körperlich, auf der Suche nach Verbundenheit oder Zugehörigkeit.

Doch erst "Paris, Texas" (1984), eine eindringliche Auseinandersetzung mit Verlust und Erlösung im amerikanischen Südwesten, begründete seinen internationalen Ruf. Der Film handelt von einem Mann, der ohne Erinnerung aus der Wüste kommt und sich aufmacht, wieder Kontakt zu seinem kleinen Sohn aufzunehmen. Der Film gilt heute als Klassiker und brachte Wenders sowohl die Goldene Palme in Cannes als auch einen BAFTA-Preis für die beste Regie ein.

In "Der Himmel über Berlin" aus dem Jahr 1987 schweben Engel, ein beliebtes Motiv von Wenders, über dem geteilten Nachkriegs-Berlin und beobachten das Leben unter sich - bis sich einer von ihnen in die Welt der Menschen verliebt. Berichten zufolge diente der Film als Inspiration für "Stadt der Engel" aus dem Jahr 1998 mit Meg Ryan und Nicholas Cage in den Hauptrollen - einige Kritiker fanden jedoch, dass er Wenders‘ Original nicht gerecht wurde.

Das Spätwerk

Das vor zwei Jahren erschienene "Perfect Days" ist eine ruhige Charakterstudie in Tokio und folgt einem Hausmeister, dessen einfache Routinen Freude, Isolation und die Heiligkeit des Alltags offenbaren. Hauptdarsteller Koji Yakusho wurde dafür in Cannes als Bester Schauspieler ausgezeichnet und der Film außerdem als Japans Oscar-Beitrag 2024 ausgewählt.

"Anselm - Das Rauschen der Zeit" (2023) ist Wenders‘ 3D-Dokumentation über den gleichaltrigen deutschen Maler und Bildhauer Anselm Kiefer.

Buena Vista Social Club: Musikalische (Wieder-)Entdeckung

"Jeder Film ist eine Reise", sagte Wenders einmal, "nicht nur physisch, sondern eine Reise zum Verständnis von etwas." Und was wäre eine Reise ohne Soundtrack? Musik hat in Wenders Werken schon immer eine entscheidende Rolle gespielt. Ein bemerkenswertes Beispiel ist der 1999 für den Oscar nominierte Film "Buena Vista Social Club", in dem Wenders den Weg alternder traditioneller Son-Cubano-Musiker aus der Versenkung zum Ruhm schildert. Das gleichnamige, mit einem Grammy ausgezeichnete Album verkaufte sich nicht nur weltweit mehr als acht Millionen Mal, sondern weckte auch erneut das globale Interesse an traditioneller kubanischer Musik. Wenders hat auch Musikvideos gedreht, unter anderem für "Stay (Far Away, So Close!)" von U2, das die Band zum Soundtrack seines gleichnamigen Films, "In weiter Ferne, so nah!", besteuerte.

Neben seiner Filmkarriere ist Wenders seit langem ein produktiver Fotograf, bekannt für seine eindringlichen Bilder verlassener Orte, übersehener Winkel und langer, stiller Straßen. Sein fotografischer Blick spiegelt seinen filmischen wider: fokussiert auf Leere, Stille und die Würde des Raumes. Wenders' Reisen gehen derweil weiter. Neben China, das er schon mehrmals besucht hat, hat er Indien endlich auf seiner Wunschliste abhaken können. "Ich bin vier Wochen lang durch Indien gereist. Patagonien, einen meiner ältesten Träume, habe ich noch nicht besucht … Ich war nie in der Antarktis und am Nordpol. Ich habe kalte Zonen gemieden. Ich kenne alle warmen Zonen des Planeten, aber nicht alle kalten“, scherzt er gegenüber der DW.

Die Kunst des Sehens durch das Sich-Verirren

Wenders erinnert sich auch fast wehmütig an die vordigitale Ära - und daran, wie er sich in neuen Städten absichtlich verirrte. "In allen Großstädten der Welt habe ich versucht, mich zu verlaufen, als ich das erste Mal dort war. Und als es mir gelang, mich zu verlaufen, glaubte ich, dass ich die Stadt wirklich verstanden habe - aber erst dann."

Mit GPS auf jedem Smartphone und überall verfügbaren Karten kommt es selten vor, dass man sich wirklich verirrt, was es für Wenders umso wichtiger macht. "Wenn man sich verirrt hat, sieht man. Wenn man seine Karte hat und den Weg kennt, sieht man nicht so viel, wie wenn man sich verirrt hat.“ In der Ausstellung der Bundeskunsthalle muss man kein Wenders-Filmfan sein, um sich fesseln zu lassen. Seine Werke sprechen jeden an, der sich schon einmal fehl am Platz gefühlt oder sich nach mehr gesehnt hat. Seine Geschichten erinnern uns daran, dass wir, wenn wir verloren sind, vielleicht auf neue Sichtweisen stoßen - nicht nur auf die Welt, sondern auch auf uns selbst.

"W.I.M. Die Kunst des Sehens" läuft in der Bonner Bundeskunsthalle bis zum 11. Januar 2026.

Aus dem Englischen adaptiert von Katharina Abel.

Item URL https://www.dw.com/de/wim-wenders-kino-und-die-kunst-verloren-zu-sein/a-73548227?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Wird 80 Jahre alt: Wim Wenders, hier vor einer Szene aus "Der Himmel über Berlin"
Image source Christoph Hardt/Panama Pictures/picture alliance
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Item 59
Id 73564899
Date 2025-08-08
Title Taiwan: Serien und Spiele thematisieren Konflikt mit Festlandchina
Short title Taiwan: Serien und Spiele thematisieren Konflikt mit China
Teaser Filmemacher auf Taiwan kreieren eine fiktive TV-Serie über eine Invasion durch Festlandchina. Die Zuschauer sind gespalten. Auch die Gamingindustrie bietet große Auswahl an Militärspielen. Der Feind: die Kommunisten.
Short teaser Filmemacher auf Taiwan kreieren eine TV-Serie über Invasion durch China. Beim Online-Gaming gibt es ähnliche Angebote.
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Eine neue taiwanesische TV-Serie über eine fiktive chinesische Invasion führt derzeit die Hitliste im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und auf mehreren Streaming-Plattformen an. Sie eroberte den Spitzenplatz in kürzester Zeit: Die Premiere war erst am vergangenen Samstag (2.8.25).

Der Plot der zehnteiligen Reihe mit dem Titel "Zero Day Attack" gibt die Richtung vor: Ein chinesisches Kampfflugzeug ist 2028 spurlos verschwunden. Festlandchina nimmt diesen Zwischenfall als Vorwand, um die Inselrepublik von der Außenwelt abzuschneiden, die gerade einen neuen Präsidenten gewählt hat. Dieser steht kurz vor seinem Amtsantritt. Später werden Bodenattacken gestartet.

Wie die Serie endet, ist jetzt noch nicht bekannt. Ab August wird jede Woche eine Folge ausgestrahlt. Der Sendetermin für die letzte Folge ist 4. Oktober, kurz nach dem Nationalfeiertag der kommunistischen Volksrepublik am 1., und kurz vor dem Nationalfeiertag der Republik China am 10. Oktober.

Die Reaktionen der Zuschauer sind nach der ersten Folge unter der Überschrift "Krieg oder Frieden" gespalten. Einige lobten die Serie dafür, dass sie allen Taiwanesen beim Verständnis geholfen habe, wie die regierenden Kommunisten auf dem Festland Taiwan "infiltrieren". Andere glauben, der fiktive TV-Hit verbreite "eine Stimmung des nationalen Untergangs".

Taiwans umstrittener Status

Taiwan, offiziell Republik China, ist eine selbstverwaltete Demokratie mit circa 23 Millionen Einwohnern. Sie ist international isoliert und von den meisten Ländern nicht als ein souveräner Staat anerkannt, auch nicht von Deutschland. Die kommunistische Volksrepublik China betrachtet Taiwan als eine abtrünnige Provinz. Ein Gesetz legitimiert Peking die Anwendung von Waffengewalt im Falle einer Unabhängigkeitserklärung durch die Regierung auf der Insel.

Jahrzehnte lang vermieden taiwanesische Filmemacher weitgehend, Filmstoff zu den Konfliktsituationen auf beiden Seiten der Taiwanstraße, der Meeresenge zwischen dem Festland und der Insel Taiwan, zu produzieren. Schließlich wollten sie sich nicht den Zugang zum lukrativen chinesischen Medienmarkt verbauen.

Inzwischen sei der politische Konflikt aber kein Tabu mehr, sagt Yu-Hui Tai, Professor für politische Ökonomie der Kommunikation an der National Yang Ming Chiao Tung University in Taiwan. "Wir haben die Spirale des Schweigens durchbrochen", sagt Tai. "Es hat sich von etwas, über das wir nicht sprechen wollten, zu etwas entwickelt, das wir uns jetzt vorstellen und sogar simulieren können."

Inspiriert durch Angriffskrieg auf Ukraine

"Als ich die Schwere des Krieges in der Ukraine über Medien miterlebe, hatte ich das Gefühl, dass wir dieses Thema jetzt in Taiwan angehen müssen. Sonst gäbe es vielleicht nie wieder eine Chance", sagt Drehbuchautorin Cheng Hsin-mei gegenüber der DW. Die Dreharbeiten von "Zero Day Attack" begannen 2022, als russische Soldaten in die Ukraine einmarschierten.

Taiwan hat sich zu einem der umstrittensten Krisenherde der Welt entwickelt, da China seine militärische Kapazität in der Region verstärkt und regelmäßig Manöver rund um die Insel durchführt. Damit sagt Peking der starken Präsenz der US-Streitkräfte im asien-pazifischen Raum den Kampf an.

Schon im Mai feierte "Zero Day Attack" auf dem Kopenhagener Demokratie-Gipfel in Dänemark Premiere mit dem offiziellen Trailer und erhielt stehende Ovationen. Mitte August sind die ersten drei Folgen auf der Streaming-Plattform Amazon Prime in Japan zu sehen. Im September steht eine weitere Roadshow in der amerikanischen Hauptstadt Washington D.C. an.

Serie löst Kontroversen aus

Die Schauspielerinnen und Schauspieler kommen aus Taiwan, Hongkong und Japan. Das Budget der Serie beläuft sich auf 6,7 Millionen Euro. Nach Auskunft einer oppositionellen Parlamentarierin in Taiwan soll fast die Hälfte des Budgets mit Steuergeldern staatlich subventioniert worden sein. Der Anteil öffentlicher Zuwendungen ist in der Branche ungewöhnlich hoch.

Taiwan wird derzeit von der Peking-kritischen Demokratischen Fortschrittspartei DPP regiert. Die größte Oppositionspartei Kuomintang KMT wirft DPP nun Verschwendung öffentlicher Gelder vor, um damit in der Öffentlichkeit eine Stimmung des nationalen Untergangs zu schaffen.

Drehbuchautorin Cheng entgegnete, dass eine staatliche Filmförderung für die lokalen Film- und Fernsehproduktionen üblich sei. Das Gefühl des nationalen Untergangs sei auf die Realität zurückzuführen, dass "ein mächtiges autoritäres Regime nicht auf den Einsatz von Gewalt gegen Taiwan verzichten will."

Bei der Entwicklung des Plots habe sie sich mit Experten für nationale Sicherheit beraten, sagte Cheng. Moderne Kriegsführung setze eben "auf verschiedene Formen der Infiltration", um Angst zu schüren und so zur Kapitulation zu zwingen.

Realitätsnahe Kriegsspiele

Ähnlich wie die TV-Serie sind auch Computerspiele auf den Markt gekommen, die das Bewusstsein und Wissen über Chinas politische Infiltration schärfen sollen. Nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne wurde Anfang des Jahres das Kriegsstrategiespiel "2045" offiziell veröffentlicht, das einen chinesischen Militärangriff im Jahr 2045 simuliert. Im Spiel wird Taiwans Öffentlichkeit in sechs verschiedene Rollen aufgeteilt, darunter die Anti-China-Gruppe und die Einheit "Pro-Wiedervereinigung".

Ein anderes Handyspiel namens "Reversed Front" schuf einen virtuellen "orientalischen Kontinent", auf dem Spieler von Taiwan, Hongkong oder anderen umliegenden Gebieten aus in die Kommunistische Partei Chinas infiltrieren können. Im Juni verboten die Behörden in Hongkong das Handyspiel wegen "Verletzung des Nationalen Sicherheitsgesetzes". Das Verbot führte jedoch nur zu einem Anstieg der Downloads.

"Wir wollen ein realistisches Bild der politischen Landschaft in Ostasien vermitteln", sagt Johnny, Sprecher von Reversed Front, der aufgrund der Sensibilität des Themas ein Pseudonym verwendet. "Unabhängig von der Bedrohung oder den Infiltrationsmethoden aus Peking hoffen wir, dass Taiwan lernen kann, Gegenmaßnahmen zu ergreifen."

Panikmacher

Kritiker solcher Computerspiele mit Bezug auf die Realität warnen vor Panikmacherei. Der Besitzer eines Gamingshops berichtet der DW, dass die meisten Kunden zocken, um sich zu entspannen und zu erholen. Allerdings führe das Spielen von "2045" bei einigen Gamern zu emotionaler Anspannung.

"Das wird unvermeidlich zu Ängsten führen", sagte Tammy Lin, renommierte Professorin an der National Chengchi University in Taiwan. Ihre Forschungsschwerpunkte sind digitale Spiele und Medienpsychologie. "Für Taiwan ist dies ein Thema, das einem Albtraum gleicht und das die Menschen lieber nicht erwähnen möchten", sagt sie gegenüber der DW.

Tai, Professorin für politische Ökonomie der Kommunikation, sagt, es sei angesichts der tiefen parteipolitischen Spaltung Taiwans in Bezug auf die Beziehungen zum Festlandchina nur eine Selbstverständlichkeit, dass die Filme und Spiele viel Emotionen hervorrufen. "Wie wir den Dialog zwischen diesen Emotionen fördern können, anstatt sie aufeinanderprallen zu lassen, ist eine echte Bewährungsprobe für Taiwans Gesellschaft."

Das Pekinger Verteidigungsministerium hat die TV-Reihe "Zero Day Attack" bereits kritisiert und es als "politisch motivierte TV-Produktion" bezeichnet, die darauf abziele, "die Landsleute auf beiden Seiten der Taiwanstraße in einen Konflikt zu zwingen und sich gegenseitig zu schaden und zu ruinieren".

"Spaltung ist ein fruchtbarer Boden für Fake News", sagt Tai. "Die Frage ist: Wollen wir Angst schüren oder eine sachliche Debatte fördern?"

Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan

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Image caption Ein Fan beim Preview von "Zero Day Attack" hielt ein Transparent mit politischen Forderungen in der Hand: "Bei der Abstimmung am 26. Juli mit Ja-Stimmen den Kampf gegen Kommunisten unterstützen"
Image source Ann Wang/REUTERS
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Item 60
Id 73530020
Date 2025-08-07
Title Weltkatzentag: Miau! Katzen regieren die Welt
Short title Weltkatzentag: Miau! Katzen regieren die Welt
Teaser Katzen faszinieren seit Jahrtausenden: als Göttinnen, Glücksbringer und vor allem auf Social Media. Heute zählen Taylor Swift und Justin Bieber zu ihren Fans - selbst Wladimir Putin ist vor ihrer Starpower nicht sicher.
Short teaser Katzen faszinieren seit Jahrtausenden, heute mehr denn je. Selbst Wladimir Putin ist vor ihrer Starpower nicht sicher.
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Millionen Katzenfans weltweit wissen es: Eigentlich ist jeden Tag Weltkatzentag. Auf jeden Fall auf Social Media. Cat Content gehört zu den beliebtesten und meistgeklickten Inhalten überhaupt. Die meisten Follower auf Instagram, stolze 4,4 Millionen, hat derzeit nala_cat. Nala, ein Siam-Tabby-Mix, hat sogar ihre eigene Futtermarke auf den Markt gebracht, mit einem breit gefächerten "cat-a-log" an Geschmacksrichtungen.

Neben ihren pelzigen Lieblingen werden auch Megastars wie Taylor Swift, Miley Cyrus und Justin Bieber zu ganz normalen Menschen und posten gerne Fotos mit ihren Mitbewohnern.

Katzen als Stars - definitiv keine Erfindung des Social-Media-Zeitalters.

Die Katze: Seit mehr als 10.000 Jahren an unserer Seite

Denn unabhängig, wie Katzen sind, sind sie in Sachen Beliebtheit nicht auf das Internet angewiesen - die Liebe der Menschen zu den lautlosen Jägern währt schon länger als 10.000 Jahre. Mit Beginn der Landwirtschaft und der Lagerung von Vorräten begannen Katzen die Nähe der Menschen zu suchen. Das war um 9000 Jahre vor Christus im Gebiet des Fruchtbaren Halbmonds (nördlich der arabischen Halbinsel) im Nahen Osten. Bald wurden sie auch als Mäuse- und Rattenfänger auf Schiffen mitgenommen. So breiteten sie sich über fast die ganze Erde aus; heute finden sich Katzen auf jedem Kontinent - außer der Antarktis.

In fast allen Kulturen galten sie dabei gleichzeitig als nützlich und faszinierend. Als Schädlingsbekämpfer machten sie einen zuverlässigen Job, doch ihr nie ganz zähmbares Wesen regte schon immer die Fantasie der Menschen an.

Katzen in der Kulturgeschichte: Von Ägypten bis Ostasien

Im alten Ägypten etwa gab es die sanftmütige Bastet. Sie ist die göttliche Tochter des Re in Katzengestalt und galt als Hüterin des Hauses, die böse Geister und Krankheiten abhielt.

Die Ägypter schrieben ihren Katzen dieselben positiven Eigenschaften zu und verehrten sie zutiefst. Nach Überlieferungen des griechischen Geschichtsschreibers Herodot (490/480 - 424 v. Chr.) stellten sie zum Beispiel sicher, dass bei einem Hausbrand zuerst die Katzen gerettet wurden, bevor sie versuchten, den Brand zu löschen. Starb eines ihrer geliebten Tiere, so rasierten sie sich als Zeichen der Trauer die Augenbrauen, ließen es einbalsamieren und in einem geweihten Gefäß begraben.

Auch in der ostasiatischen Kultur haben Katzen eine lange und vielschichtige Geschichte, oft wurde ihre Anwesenheit verbunden mit Glück, Wohlstand und Schutz. Kein Wunder: In China verteidigten Katzen seit ihrer Domestizierung um 1400 v. Chr. unter anderem die kostbaren Seidenspinnerraupen- und Teeplantagen gegen Mäuse und Vögel. In Japan fanden Mensch und Katze erst rund 1800 Jahre später zueinander, lange sprach man ihr dort die Fähigkeit zu, sich in einen Dämon verwandeln zu können.

Maneki-Neko: Die winkende Glückskatze aus Japan

Heute ist die japanische Maneki-Neko, auf Deutsch "winkende Katze”, allgegenwärtig - nicht nur in Japan: Sie soll mit ihrer winkenden Pfote Glück und Reichtum anziehen. Die ewig lächelnde Glückskatze hat sich wie ihr reales Vorbild längst über weite Teile des Globus ausgebreitet.

Dabei macht es übrigens einen Unterschied, ob sie mit links oder rechts winkt: Katzen mit gehobener rechter Pfote stellen nach allgemeiner Überlieferung Kater dar, die Wohlstand und Glück anziehen sollen. Eine Maneki-Neko, die die linke Pfote hebt, gilt als Weibchen und dient dazu, Kundschaft und Besuch anzulocken.

Katzen im Mittelalter: Pest, Tod und Teufel

Doch die Samtpfoten waren nicht immer und überall auf der Welt beliebt. Ihre sprichwörtliche Zähigkeit mussten Katzen im Europa des Mittelalters unter Beweis stellen: Lange standen sie im Verdacht, die Urheber der Pest zu sein. Papst Innozenz VIII (1432 – 1492) hatte offenbar so große Angst vor Katzen, dass er sie offiziell zu "heidnischen Tieren, die mit dem Teufel im Bunde stehen” erklärte. Deshalb wurden sie lange gequält, gefoltert, verbrannt.

Katzen weltweit: Wo sie heute besonders beliebt sind

Zwar gibt es heute Regionen auf der Welt, in denen Katzen bestenfalls geduldet werden, dennoch werden sie als Haus- und Schmusetier weltweit immer beliebter. In Indien steigt die Zahlen der Katzenbesitzer rasant, 2019 etwa hatte sich die Zahl der adoptierten Katzen binnen fünf Jahren verdoppelt. Die mit Abstand meisten Hauskatzen allerdings, rund 74 Millionen, leben in den USA, gefolgt von China mit 53 Millionen.

Die größten Katzenfans allerdings leben in Russland: Mehr als jeder zweite Haushalt besitzt eine oder mehrere Katzen. Das ist historisch gewachsen: Im Gegensatz zu den Katholiken stand die orthodoxe Kirche Katzen aufgrund ihres Nutzens schon früh positiv gegenüber, und so wurden sie als Symbol für Wohlstand gern gesehene Mitbewohner in reichen Häusern. In der Sankt Petersburger Eremitage leben seit Jahrhunderten Dutzende vor allem männliche Katzen, um die umfangreichen Kellergewölbe weitgehend nagerfrei zu halten. Heute kann man echte Eremitage-Katzenmit Zertifikat adoptieren.

Für Futter und Pflege sorgen übrigens spendable Tierliebhaber - der russische Staat kommt nicht für die Tiere auf. Dennoch soll die große Katzenliebe der Russen nun auch Russlands Präsident Putin nützen: Er wird zukünftig in der populären Trickfilmreihe "Prostokwaschino" ein Duo mit dem Star der Serie, Kater Matroskin, bilden, um Russland und seine Kultur zu propagieren, erklärte die Leiterin der Kino-Produktionsgesellschaft Sojusmultfilm, Julianna Slaschtschewa. Der Kreml hat offiziell nichts dagegen. Den Katzen wird es, ihrer Natur entsprechend, egal sein.

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Image caption Entspannungskünstlerin: die Katze
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Item 61
Id 73537087
Date 2025-08-06
Title Fachkräfte: Willkommen in Bochum
Short title Fachkräfte: Willkommen in Bochum
Teaser Beim Werben um Fachkräfte aus dem Ausland setzt eine Stadt im Ruhrgebiet auf ungewöhnliche Mittel. Ein Welcome-Office soll neuen Bürgern den Einstieg erleichtern.
Short teaser Wie eine Stadt im Ruhrgebiet versucht, ausländischen Fachkräften den Einstieg zu erleichtern.
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Nach Erhebungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) fehlen schon heute über 530.000 qualifizierte Fachkräfte in Deutschland. Bis 2030 könnten der Fachkräftemangel laut IW auf fünf Millionen steigen.

Auch in der Ruhrgebietsstadt Bochum ist man überzeugt: Um den demografisch bedingten Aderlass aufzuhalten, müssen Arbeits- und Fachkräfte von außerhalb angeworben werden. Denn der Blick, den die Stadt vor zwei Jahren gemeinsam mit der Agentur für Arbeit nach vorne warf, fiel ernüchternd aus.

"In den kommenden zehn Jahren werden über 30.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in Bochum das durchschnittliche Rentenalter erreichen und damit aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden", sagt Dominik Kluba vom Referat des Oberbürgermeisters der DW.

Nach dieser Analyse fanden sich mehrere Institutionen in einer konzertierten Aktion zusammen, um qualifizierte ausländische Kräfte nicht nur zu finden, sondern sie nach der Ankunft auch zum Bleiben in Bochum zu bewegen. Eine Aufgabe, für die die Partner eigens ein sogenanntes Welcome-Office gegründet haben.

Unter dem Dach des Welcome-Office Bochum stehen neben der Stadt die Industrie- und Handelskammer Mittleres Ruhrgebiet (IHK), die Agentur für Arbeit, die Handwerkskammer Dortmund sowie die Ruhr-Universität als miteinander verzahnte Ansprechpartner zur Verfügung, erläutert Kluba, der das Welcome-Office leitet.

Schnell sei klar gewesen, dass für eine umfassende Betreuung von der Anerkennung einer Ausbildung bis hin zur Vermittlung einer Wohnung verschiedene Kooperationspartner benötigt werden. Die mussten dann nicht lange überzeugt werden, innerhalb eines Jahres stand die Vereinbarung.

Begleitung vom Sprachkurs bis zur Wohnungssuche

Zu den Aufgaben des Welcome-Office gehört auch die Unterstützung von Unternehmen, die selbst im Ausland Fachkräfte rekrutieren. "Wenn die Unternehmen sagen, eine Fachkraft kommt jetzt in zwei, drei Monaten nach Bochum, dann kontaktieren sie uns schon im Vorfeld. Denn da geht es auch schon um Themen wie Wohnungssuche und eventuell Kinderbetreuung", so Kluba. Schon zu diesem Zeitpunkt könne man als Brückenbauer agieren.

So kooperieren Kluba und sein Team mit dem Familienbüro, dem Bürgerbüro und dem Ausländerbüro der Stadt sowie auf dem kurzen Dienstweg mit der Ruhr-Universität und den Wohnungsgesellschaften.

Um die Ankunft möglichst reibungsfrei zu gestalten, hat die Industrie- und Handelskammer mit Frank Chuchrak eigens einen Anerkennungsberater in Vollzeit eingestellt. Er kümmert sich darum, dass im Ausland erworbene Qualifikationen schnell von den zuständigen Instanzen anerkannt werden. Allein wären die gesuchten Fachkräfte im deutschen Behördendickicht damit überfordert, so Chuchrak zur DW.

"Es gibt die Köchin aus Polin, aber auch die Zahnärztin aus Venezuela. Und je nachdem, welche Qualifikationen die Menschen mitbringen, gibt es sehr viele unterschiedliche Stellen, die für die Anerkennung zuständig sind." Denn ohne Anerkennung bleibe der Zugang zum Arbeitsmarkt erst einmal versperrt.

Auch Arbeitgeber suchen Beratung

Mittlerweile haben im Welcome-Office Bochum schon über 400 Beratungsgespräche stattgefunden. Die Agentur für Arbeit hilft dabei auch Arbeitgebern, die Mitarbeiter aus dem Ausland suchen.

Das neue Fachkräfte-Einwanderungsgesetz biete zwar viele Möglichkeiten, aber die Umsetzung sei nicht gerade leicht, sagt Gabriel Brandenberg von der Bochumer Agentur für Arbeit.

Aktuell bestehe etwa eine große Nachfrage nach Physiotherapeutinnen und -therapeuten. Praxen, die solche Fachkräfte suchen, können aktiv auf die zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur zugreifen und in die direkte Vermittlung gehen.

"Den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern können wir so auf kurzem Weg Menschen vorschlagen, mit ihnen ins Gespräch kommen und dann auch gemeinsam die Auswahl durchführen", so Brandenberg.

Ziel: Zum Bleiben bewegen

Das Angebot, alle Ansprechpartner unter einem Dach antreffen zu können, hat Lara Stirnberg auf Anhieb überzeugt. Sie arbeitet bei der Diakonie Ruhr, einem kirchlichen Wohlfahrtsverband, der Hilfe für Alte, Kranke, Kinder- und Jugendliche oder Geflüchtete anbietet.

Stirnberg ist zuständig für die Betreuung von ausländischen Kräften für die qualifizierte Pflegeausbildung. "Hier habe ich die Chance, alle Menschen am ersten Tag ins Welcome-Office zu bringen. Es wird einmal alles erledigt. Mehrere Termine sind selten notwendig."

Lara Stirnberg wird bald mit neuen Schützlingen ins Welcome-Office kommen, denn jedes halbe Jahr holt ihre Einrichtung 40 neue Kräfte aus dem Ausland. "Wir haben mehrere Auszubildende aus Indien, der Türkei, Marokko, Tunesien, Vietnam, China. Ohne sie geht es nicht mehr. Mit dem Blick auf die nächsten Jahre muss man tatsächlich sagen: Wir sind darauf angewiesen."

Das gilt nicht nur für den Bereich der Pflege. In einer Universitätsstadt wie Bochum geht es aber auch darum, ausländische Uni-Absolventen zum Bleiben zu ermuntern, betont Office-Leiter Kluba. "Wir möchten nicht nur die Fachkräfte aus dem Ausland gewinnen, sondern auch die, die schon hier sind und studiert haben."

Willkommens- und Bleibekultur beschränkt sich nicht auf die Arbeitswelt. Nach den Worten von Sven Frohwein von der IHK geht es auch um die soziale Einbindung. "Beispielsweise über Ehrenämter, aber auch über Sportvereine und andere Einrichtungen, um die Freizeit zu gestalten und neue Freundschaften zu schließen."

Das Ziel: ankommen in der neuen Heimat - und vielleicht nach einem Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft für immer bleiben. Das, sagt Thomas Sprenger, Sprecher der Stadt Bochum, sei "genau das, was wir uns erhoffen. Wir würden uns sehr darüber freuen."

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Image caption Das Welcome-Office soll durch den Bürokratie-Dschungel helfen
Image source Lutz Leitmann/Stadt Bochum
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Item 62
Id 73460101
Date 2025-08-05
Title Weltstillwoche: Muttermilch kann vor Brustkrebs schützen
Short title Weltstillwoche: Muttermilch kann vor Brustkrebs schützen
Teaser Stillen schützt nicht nur Babys, sondern auch Mütter – etwa vor Brustkrebs, Eierstockkrebs und Typ-2-Diabetes. Wie das funktioniert – und was Forschende bisher wissen.
Short teaser Stillen stärkt Babys Abwehr und schützt Mütter – nicht nur vor Brustkrebs, sondern auch vor anderen Krankheiten.
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Muttermilch gilt als perfektes Nahrungsmittel für Neugeborene: Sie versorgt Babys mit Nährstoffen, schützt vor Infektionen und passt sich sogar dem individuellen Bedarf an.

Darauf haben im Rahmen der jährlichen Weltstillwoche vom 1. bis 7. August die Weltallianz für Stillen(WABA) sowie die Weltgesundheitsorganisation(WHO) hingewiesen.

Doch auch Mütter profitieren. Denn Stillen wirkt sich nachweislich positiv auf die Gesundheit aus. Besonders deutlich wird das beim Brustkrebsrisiko: Je länger eine Frau stillt, desto größer der Schutz.

"Es gibt einige Studien, die gezeigt haben, dass Frauen, die gestillt haben, auch weniger Brustkrebs bekommen", sagt Professorin Regina Ensenauer, Vorsitzende der Nationalen Stillkommission. Sie leitet das Institut für Kinderernährung am Max-Rubner-Institut in Karlsruhe, bei dem die Stillkommission angesiedelt ist.

Neu ist diese Erkenntnis nicht. Auch im Europäischen Kodex zur Krebsbekämpfungwird Stillen empfohlen. Bereits 2002 ist eine Analyse von 47 Studien erschienen, wonach sich pro Jahr, in dem eine Frau stillt, ihr Brustkrebsrisiko um 4,3 Prozent reduziert im Vergleich zu einer Mutter, die nicht stillt.

Hormonelle Veränderungen beim Stillen

Doch die zugrunde liegenden Prozesse versuchen Forschende noch zu durchschauen. Auch Expertin Regina Ensenauer betont, dass die Zusammenhänge noch nicht ganz klar sind.

Eine Erklärung: Bei den meisten Frauen, die stillen, kommt es während der Stillzeit zu hormonellen Veränderungen, die die Rückkehr der Regelblutung nach der Geburt verzögern. Dadurch sind sie weniger Hormonen wie Östrogen und Progesteron ausgesetzt, die das Wachstum von Brustkrebszellen fördern können.

Außerdem verändert sich während der Schwangerschaft und Stillzeit das Brustgewebe. Forschende vermuten, dass krebserregende Stoffe, sogenannte Karzinogene, während der Stillzeit über die Brustdrüsen ausgeschieden werden können. In einer klinischen Studie wurde zudem ein Komplex in der Muttermilch nachgewiesen, der einige Krebszellen sogar abtöten kann.

Auch weniger Eierstock- und Gebärmutterkrebs

Doch Stillen kann nicht nur das Brustkrebsrisiko senken. Studien deuten darauf hin, dass auch Eierstock- und Gebärmutterkrebs sowie Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes seltener auftreten.

Wahrscheinlich hänge dies ebenfalls mit hormonellen und zellulären Veränderungen während der Schwangerschaft und Stillzeit zusammen. "Aber man muss ganz klar sagen, hier braucht es noch weitere Forschung, um die Zusammenhänge zu verstehen", sagt Regina Ensenauer.

Prävention auch ohne Stillen möglich

Brustkrebs gehört zu den häufigsten Krebserkrankungen bei Frauen. Laut der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) erkrankt weltweit etwa eine von 20 Frauenim Laufe ihres Lebens an Brustkrebs.

Doch nicht alle Frauen können oder wollen stillen – und auch Frauen ohne Kinder können aktiv zur eigenen Brustkrebsprävention beitragen. Stillen kann einen gewissen Schutz bieten, ist aber längst nicht die einzige Möglichkeit, um das Risiko zu senken.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) listet eine ganze Reihe an weiteren Empfehlungenzur Vorbeugung auf:

  • ausreichend Bewegung – etwa 3 bis 5 Stunden schnelles Spazierengehen pro Woche oder eine vergleichbar anstrengende körperliche Betätigung
  • Normalgewicht anstreben und/oder halten, insbesondere nach den Wechseljahren
  • keinen oder nur wenig Alkohol trinken
  • nicht rauchen
  • wenn möglich, eine Hormonersatztherapie vermeiden
  • Typ-2-Diabetes durch gesunde Ernährung und Gewichtskontrolle vermeiden oder eine bestehende Erkrankung entsprechend behandeln
  • sich ausgewogen ernähren – viel Obst, Gemüse und Ballaststoffe essen und wenig Fett und Fleisch

Laut DKFZ ließe sich damit bei etwa 1 von 3 Frauen in der westlichen Welt Brustkrebs nach den Wechseljahren vermeiden.

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Image caption Muttermilch versorgt Babies mit allen Nährstoffen und Abwehrkräften
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Item 63
Id 73436089
Date 2025-08-04
Title Bolivien: Streit um Lithium vor der Präsidentschaftswahl
Short title Bolivien: Streit um Lithium vor der Präsidentschaftswahl
Teaser Bolivien besitzt das meiste Lithium weltweit – doch politische Konflikte und Widerstand gegen Konzerne bremsen die Förderung. Die Präsidentschaftswahl könnte alles verändern.
Short teaser Bolivien besitzt das meiste Lithium weltweit – doch politische Konflikte und Widerstand bremsen die Förderung.
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In diesem August wird in Bolivien gewählt. Kaum ein Thema im Wahlkampf ist so emotional besetzt wie die Lithium-Förderung. Gegenseitige Vorwürfe und ein rücksichtsloses Vorgehen von internationalen Konzernen verhindern bislang eine Nutzung des Potentials.

Für seine Attacke auf den Kandidaten aus dem eigenen linken Lager nutzte Ex-Präsident Evo Morales wieder einmal die Lithium-Keule. "Hinter den Kulissen wird verhandelt" warf der Linkspolitiker, der Bolivien von 2006 bis 2019 regierte, bei einer Veranstaltung in Sucre seinem Rivalen, Präsidentschaftskandidat Andrónico Rodríguez, vor. Der in den Umfragen am besten positionierte Kandidat aus dem linken Lager dementierte den Vorwurf und entgegnete: "Jetzt fehlt nur noch, dass sie sagen, ich hätte mich mit Elon Musk getroffen."

Deutsches Joint-Venture untergegangen

Seit Jahren sind innenpolitische Rivalitäten das größte Hindernis für die Nutzung des bolivianischen Lithium-Potentials. Immer wieder werfen Politiker aller Lager einander geheime Absprachen oder Korruption vor. Auch die deutsche Bundesregierung musste das schmerzhaft erfahren. Im Jahr 2019 scheiterte ein deutsch-bolivianisches Joint-Venture inmitten des Wahlkampfes.

Die Opposition hatte dem Abkommen misstraut. Der damalige Präsident Evo Morales zog seine Zusage zurück, um die Gemüter im Wahlkampf zu beruhigen. Seitdem schaut die deutsche Industrie mit Ausnahme einiger punktueller Projekte im lithiumreichsten Land der Welt nur zu.

Unverzichtbar für E-Mobilität

Rund 23 Millionen Tonnen Lithium lagern nach heutigem Wissensstand auf bolivianischem Gebiet. Der überwiegende Teil davon im Salar de Uyuni. Und seit bekannt ist, dass es wohl nirgendwo so viel Lithium gibt wie in Bolivien, tobt in der Andennation ein politischer Machtkampf um den Rohstoff, der für die vor allem in westlichen Ländern propagierte Wende weg vom Verbrenner hin zur emissionsfreien E-Mobilität von Nöten ist.

Denn Lithium wird für die Speicherbatterien benötigt. Der Verband der deutschen Automobilindustrie unterstreicht die Bedeutung der Rohstoffe wie Lithium für die Branche: Für den Mobilitätsstandort Deutschland sei eine zuverlässige und preisstabile Verfügbarkeit dieser Rohstoffe notwendig, so der Verband.

Politische und technische Hürden

"Trotz zahlreicher Anstrengungen und internationaler Kooperation ist es dem staatlichen Unternehmen YLB (Yacimientos de Litio Bolivianos) bisher nicht gelungen die Schwierigkeiten zu überwinden", sagt Geowissenschaftler Dr. Thomas Cramer von der Universidad Nacional de Colombia in Bogota im Gespräch mit der Deutschen Welle. Er forscht zu Mineralien in Südamerika. "Auch sind Straßen, Energieversorgung und Anlagen zur Weiterverarbeitung teils noch im Aufbau oder fehlen, ebenfalls wie ein direkter Zugang zum Meer und damit einhergehende höhere Transportkosten."

Die Konkurrenz zieht davon

Während Bolivien bisher nur Pilotanlagen errichtete und geringe Ausbeute erreichte, sei Chile 2024 mit 49.000 Tonnen - und damit zweitgrößter Produzent nach Australien mit 88.000 Tonnen - an einer globalen Gesamtproduktion von 240.000 Tonnen beteiligt gewesen, berichtet Geowissenschaftler Dr. Cramer. Argentinien steuerte immerhin 18.000 Tonnen bei.

Das hohe Lithiumangebot auf dem Weltmarkt habe zu einem Preisrückgang geführt, der Investoren zögern lässt. Und wie in vielen anderen Ländern auch, sei in Bolivien der Bergbau keineswegs unumstritten. Verschiedene Akteure versuchten, "bei der Verteilung der zukünftigen Einnahmen und der unvermeidbaren negativen Impakte nicht benachteiligt zu werden", so Dr. Cramer. Zudem gäbe es Bolivien es kaum industrielle Tradition mit großtechnischer Lithiumproduktion, "während in Chile und Argentinien große, erfahrene Bergbauunternehmen aktiv sind".

Widerstand gegen Großkonzerne

Besonders rabiat gingen zuletzt Unternehmen aus Russland und China vor. Sie drängten darauf, dass die amtierende bolivianische Regierung Verträge in Rekordzeit durch die Parlamente peitschte. Doch weder die bolivianische Regierung noch die Unternehmen befragten die lokale Bevölkerung, wie es die bolivianische Verfassung vorschreibt.

Die indigene Bevölkerung der Provinz Nor Lipez warf den Unternehmen vor, diese "Consultas" nicht durchgeführt zu haben. "Die Verträge und ihre Anhänge sehen keine Konsultationsprozesse vor, um die vorherige, freie und informierte Zustimmung (CPLI) der indigenen Völker einzuholen, obwohl die Beeinträchtigungen der Süßwasserquellen innerhalb des indigenen Territoriums Nor Lípez stattfinden werden", heißt es in einem "Manifest für die bolivianische Öffentlichkeit", das von mehreren zivilgesellschaftlichen Organisationen unterschrieben wurde.

Die indigene Interessenvertretung der Region, kurz CUPCONL genannt, erteilte den betroffenen Unternehmen daraufhin ein Zutrittsverbot: "Die CUPCONL als alleinige und uneingeschränkte Eigentümerin der Territorien (…) beschließt, den Unternehmen Uranium One Group und Hong Kong CBC den Zutritt zu unserem territorialen Zuständigkeitsbereich zu untersagen." Zugleich kündigten die indigenen Gemeinden an, internationale Gerichte anzurufen, um ihre Interessen zu vertreten.

Während sich der Kampf um die Deutungshoheit vor den Präsidentschaftswahlen am 17. August und einem mutmaßlichen entscheidenden zweiten Durchgang im Oktober zuspitzt, hoffen vor allem internationale Investoren, dass es danach endlich eine klare politische und rechtliche Grundlage für das künftigen Vorgehen im Land gibt.

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Image caption Im größten Salzsee der Welt, dem Salar de Uyuni, lagern die größten Lithiumreserven der Welt.
Image source Georg Ismar/dpa/picture alliance
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Item 64
Id 73499366
Date 2025-08-04
Title Gefälschte Medikamente: Ein weltweites Problem
Short title Gefälschte Medikamente: Ein weltweites Problem
Teaser Die hohe Nachfrage etwa nach Abnehmspritzen ruft Fälscher auf den Plan. Mit Fake-Medikamenten ist leicht Kasse zu machen und zwielichtige Verkaufsplattformen sind schwer zu erkennen. Wie können sich Patienten schützen?
Short teaser Die hohe Nachfrage etwa nach Abnehmspritzen ruft Fälscher auf den Plan. Wie können sich Patienten schützen?
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Sind Medikamenten-Fälscher den Aufsichtsbehörden einen Schritt voraus? Experten und Branchenverbände haben Grund zur Befürchtung, dass die staatlichen Regulierer nicht mehr mithalten können. Die Herausforderung zeigt sich vor allem bei enorm nachgefragten Produkten wie Ozempic, Wegovy und Zepbound.

Die als "Abnehmspritze" bekannten Medikamente enthalten Wirkstoffe namens Semaglutid oder Tirzepatid, die ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt wurden. Sie führen aber auch zu einem erheblichen und anhaltenden Gewichtsverlust. Mit der Folge, dass mehr Menschen mit ihrer Hilfe abnehmen wollen, was zu Lieferengpässen führt. Fälschungen haben diese Lücke rasch gefüllt.

WHO: Jedes zehnte Medikament gefälscht

Medikamentenfälschungen sind ein globales Problem. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt: Jedes zehnte Arzneimittel ist eine Fälschung, ohne Garantie für einen gesundheitlichen Nutzen.

Dies ist vor allem ein Problem in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen, insbesondere in Teilen Afrikas und Asiens. Aber auch in Ländern mit höheren Einkommen besorgen sich etwa ein Prozent der Menschen Medikamente aus nicht regulierten Quellen.

In einigen Fällen können die Inhaltsstoffe dieser Produkte einfach nur wirkungslos sein. In anderen Fällen können jedoch Nebenwirkungen oder neue Gesundheitsprobleme auftreten. "Wer Online-Medikamente aus nicht lizensierten und nicht regulierten Quellen kauft, setzt sich potenziell unsicheren Produkten aus, die keiner angemessenen Bewertung oder Zulassung unterzogen wurden oder nicht den Qualitätsstandards entsprechen", erklärte die für Medikamente zuständige US-Aufsichtsbehörde FDA im Jahr 2023, als sie ihre ersten Warnungen zu diesem Problem herausgab.

Im Jahr darauf warnte die WHO vor gefälschten Chargen von Ozempic, die den Schwarzmarkt überschwemmen würden. Nach Angaben des britischen Apothekenverbands NPA hat jeder fünfte Brite im vergangenen Jahr versucht, Medikamente zur Gewichtsreduktion zu erwerben. Die hohe Nachfrage nach diesen Medikamenten berge das Risiko, dass Menschen "auf unregulierte Online-Anbieter statt auf regulierte Apotheken setzen".

Wo kaufen Menschen gefälschte Medikamente?

Unkontrollierte Arzneimittel werden über reine Online-Apotheken, internationale Arzneimittel-Shopping-Seiten und organisierte kriminelle Händler verkauft. Es sind keine Online-Shops von etablierten Apotheken, sondern Websites, die scheinbar Medikamente zu einem Bruchteil der normalen Kosten anbieten.

Online sehen die Produkte echt aus, bei der Lieferung zeigen sich auf den Verpackungen jedoch häufig Rechtschreibfehler oder falsche Angaben zu den Inhaltsstoffen.

Problematisch sind aber nicht nur gefälschte Medikamente oder Placebos. Bei den Aufsichtsbehörden wachsen die Bedenken hinsichtlich einer Praxis, bei der aus offiziell zugelassenen Arzneimitteln neue Medikamente für Patienten individuell zusammengemischt werden. In einigen Regionen der Welt, darunter auch in den USA, dürfen ausgebildete Pharmazeuten ihre Arzneimittel auf diese Weise selbst herstellen. In den USA haben sich einige Apotheken auf dieses "Compounding" spezialisiert. Sie werden jedoch weniger stark reguliert als Arzneimittelhersteller, die strenge Auflagen erfüllen müssen, um ihre Produkte auf den Markt zu bringen.

Um einem Lieferengpass entgegenzuwirken, erlaubte die US-Zulassungsbehörde FDA vorübergehend das Compounding von Medikamenten zur Gewichtsreduktion. Einige Apotheker verwendeten dabei Semaglutid-Salze - die von den Aufsichtsbehörden nicht zugelassen sind - anstelle von Semaglutid, was Nebenwirkungen zur Folge hatte. Und es waren nicht nur qualifizierte Compounding-Apotheken, die diese Medikamente in den USA herstellten. "Dies geschieht an Orten wie Fitnessstudios und Spas",sagte Saifuddin Ahmed, Gesundheitsexperte und Epidemiologe an der Johns-Hopkins-Universität in den USA der DW.

Inzwischen hat die FDA die Zulassung für diese selbst hergestellten Versionen der Abnehm-Medikamente zurückgezogen. Die Behörde befürchtet jedoch, dass unregulierte Online-Händler dennoch minderwertige Produkte anbieten.

Für Risiken sensibilisieren

"Ärzte schreiben nur das Rezept. Sie überprüfen nicht, wo der Patient das Medikament kauft", sagte Ahmed. Dabei sieht er auch die Mediziner mehr in der Pflicht, um für das Thema zu sensibilisieren.

Ahmed leitet die Initiative BESAFE der Johns-Hopkins-Universität. Sie untersucht Maßnahmen, mit denen die Einnahme von minderwertigen und gefälschten Medikamenten verhindert werden sollen. Umfragen von BESAFE haben ergeben, dass in den USA und Südafrika das Wissen darüber gering ist, wo man verschreibungspflichtige Medikamente sicher kaufen und Fälschungen oder unerwünschte Nebenwirkungen melden kann. Ahmed sagt, mehr Vertrauen zwischen Verbrauchern, Ärzten und Aufsichtsbehörden könne helfen, den Kauf von gefälschten und unregulierten Medikamenten zu vermeiden.

Um Verbraucher vor unsicheren Produkten zu schützen, hat die FDA die Kampagne BeSafeRx ins Leben gerufen. Hier erfahren die Verbraucher, worauf sie bei Online-Apotheken und online bestellten Arzneimitteln achten sollten.

In der Europäischen Union sind Sicherheitsmerkmale für Arzneimittel vorgeschrieben, darunter Standards für die Beschriftung. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA teilte der DW schriftlich mit: "Patienten sollten nur Online-Händler nutzen, die bei den zuständigen nationalen Behörden in den EU-Mitgliedstaaten registriert sind, um das Risiko zu verringern, minderwertige oder gefälschte Arzneimittel zu kaufen."

Europol, die Polizeibehörde der EU, ist für die Strafverfolgung von Arzneimittelkriminalität in den Mitgliedstaaten zuständig. Im Rahmen einer mehrmonatigen Operation im Jahr 2023wurden fast 1300 Personen angeklagt wegen Straftaten im Zusammenhang mit dem Handel mit gefälschten und missbräuchlich verwendeten Arzneimitteln und Dopingmitteln. Im Zuge der Operation wurden auch Waren wie Tabletten, Wirkstoffe, Rohmaterialien und Rohmaterialien beschlagnahmt - im Wert von 64 Millionen Euro.

Aus dem Englischen adaptiert von Uta Steinwehr.

Item URL https://www.dw.com/de/gefälschte-medikamente-ein-weltweites-problem/a-73499366?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Echt oder Fake? Für den Laien sind gefälschte Medikamente kaum zu erkennen
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Item 65
Id 73509319
Date 2025-08-03
Title Kommt 2026 kein Flüssiggas aus Katar in die EU?
Short title Kommt 2026 kein Flüssiggas aus Katar in die EU?
Teaser Nach einer Drohung von Katar, nicht wie geplant ab 2026 LNG in die EU zu exportieren, erwägt die EU einen Aufschub ihres Lieferkettengesetzes. Der Widerstand gegen die neue EU-Richtlinie wächst.
Short teaser Katar droht, 2026 kein LNG in die EU zu exportieren. Die EU will deshalb das Lieferkettengesetz verschieben.
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Als Deutschland nach der russischen Invasion in die Ukraine eine Energiekrise durchlebte, schloss die damalige Regierung im November 2022 ein Abkommen mit Katar über den Import von jährlich bis zu zwei Millionen Tonnen Flüssigerdgas (LNG).

Das Abkommen war Teil einer umfassenderen Strategie Europas, um die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern. Doch nun hat Katar vor kurzem damit gedroht, die für kommendes Jahr geplanten LNG-Lieferungen nach Europa einzustellen.

Nach einem Bericht von der Nachrichtenagentur Reuters beschwerte sich der Energieminister Katars in einem Brief an die belgische Regierung und die EU-Kommission über die hohen Anforderungen der neuen "EU-Richtlinie über die Sorgfaltspflicht von Unternehmen im Bereich der Nachhaltigkeit", auch bekannt als Lieferkettenrichtlinie.

Protest gegen EU-Auflagen

"Wenn keine weiteren Änderungen vorgenommen werden, werden der Staat Katar und QatarEnergy keine andere Wahl haben, als ernsthaft alternative Märkte außerhalb der EU für unser LNG und andere Produkte in Betracht zu ziehen, die ein stabileres und freundlicheres Geschäftsumfeld bieten", heißt es in dem Schreiben, das der Nachrichtenagentur Reuters vorliegt.

Die im vergangenen Jahr verabschiedete EU-Richtlinie verpflichtet große europäische Unternehmen, ihre globalen Lieferketten zu überprüfen, um Probleme wie Menschenrechtsverletzungen oder Umweltschäden zu erkennen und zu beheben. Außerdem schreibt sie Unternehmen vor, Klimaschutzpläne zu entwickeln, die mit dem Pariser Abkommen von 2015 in Einklang stehen.

Katar ist nach den USA und Russland der drittgrößte Exporteur von verflüssigtem Erdgas (LNG) Richtung Europa (siehe Grafik). Nach Angaben des Energie-Datenanbieters Kpler hat das Emirat seit Beginn des russischen Krieges in der Ukraine Anfang 2022 zwölf bis 14 Prozent des europäischen LNG-Bedarfs gedeckt und insgesamt 37,1 Millionen Tonnen Gas in den Block geliefert.

"Katar und einige andere Ölproduzenten und -exporteure sind noch nicht auf dem Weg zur Klimaneutralität", erklärt Andreas Goldthau, Professor an der Universität Erfurt in Deutschland, und Experte für Energiepolitik. Exporteure liefen Gefahr, von der EU mit Sanktionen belegt zu werden, wenn sie die Lieferkettenrichtlinie nicht einhielten.

Gemäß der Richtlinie können Unternehmen mit Geldstrafen von bis zu fünf Prozent des weltweiten Jahresumsatzes belegt werden, wenn sie keine Sorgfaltsprüfungen durchführen. Für QatarEnergy, das für 2024 Einnahmen in Höhe von 48,6 Milliarden US-Dollar (42,2 Milliarden Euro) ausweist, könnte dies eine Strafe in Höhe von 2,43 Milliarden US-Dollar bedeuten.

Eine wichtige rechtliche Frage ist offen: Kann Brüssel Nicht-EU-Unternehmen wie QatarEnergy hohe Geldstrafen auferlegen? Experten glauben, praktische Herausforderungen und handelspolitische Auswirkungen könnten es erschweren, Strafen durchzusetzen.

Wenn nicht, könnte die finanzielle Belastung auf die europäischen Partner übergehen. "Importeure mit Instanzen innerhalb Europas könnten aufgefordert werden, Zahlungen an QatarEnergy als stellvertretende Geldstrafen zurückzuhalten", spekuliert Goldthau.

Zwei Jahre Aufschub

Thierry Bros, Professor an der Universität Sciences Po in Paris, bezeichnete die Drohungen Katars gegenüber DW als "selbstbewussten Ansatz". "Anstatt sich auf langwierige Verhandlungen einzulassen", habe Katar "früh und entschlossen gehandelt, um sich für eine vollständige Befreiung von der Richtlinie zu positionieren", sagte er.

Ursprünglich sollten die EU-Staaten die Richtlinie bis zum nächsten Jahr in nationales Recht umsetzen, zunächst für Unternehmen mit mehr als 5000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von über 1,5 Milliarden Euro. Bis 2029 sollen dann auch kleinere Unternehmen mit 1000 oder mehr Beschäftigten der Richtlinie nachkommen müssen.

Angesichts des zunehmenden Widerstands von Ländern wie Deutschland, Frankreich und Italien sowie des Finanz- und Energiesektors hat die EU nun einen Aufschubum zwei Jahre bis Juni 2028 vorgeschlagen.

Mehr Gas-Importe aus den USA statt aus Katar?

Inmitten der Auseinandersetzungen mit dem Emirat stimmte die EU am 27. Juli im Rahmen des Zollabkommens mit US-Präsident Donald Trump dem Kauf von LNG aus den USA im Wert von 750 Milliarden Dollar (650 Milliarden Euro) zu und versetzte damit dem Vorgehen Katars einen schweren Schlag.

"Es ist mir ein Rätsel, warum Katar das gerade jetzt vorbringt", so Goldthau im DW-Gespräch. Schließlich habe Trump gerade ein Abkommen geschlossen, das Brüssel einen weiteren Vorwand gebe, sich den USA zuzuwenden.

Bros sieht das anders und glaubt, dass Katars Schritt genau zum richtigen Zeitpunkt erfolgt sei. Es könne Kapital schlagen aus Europas anhaltender Verwundbarkeit durch die Energiekrise, die durch den Krieg in der Ukraine ausgelöst wurde.

LNG-Nachfrage steigt weltweit

"Der LNG-Markt ist nach wie vor angespannt und wird es wahrscheinlich auch in den nächsten drei Jahren bleiben, sodass Katar genau zum richtigen Zeitpunkt Druck ausüben kann", sagt er.

Angesichts des prognostizierten Anstiegs der weltweiten LNG-Nachfrage auf über 600 Millionen Tonnen pro Jahr bis 2030 tragen die Erweiterung des North Field und die langfristigen Verträge dazu bei, das Emirat als wichtigen Energielieferanten für Europa zu positionieren.

Sollten die EU-Vorschriften jedoch zu beschwerlich werden, könnte Katar schneller nach Asien schwenken, wo die Nachfrage boomt und die Kosten für Vorschriften viel niedriger sind.

Dieser Text wurde aus dem Englischen adaptiert. Am 4.8.2025 wurde er aktualisiert, um einen Fehler zu beheben. Russland ist der zweitgrößte Lieferant für Flüssiggas nach Europa, nicht Australien. Wir bitte, das Versehen zu entschuldigen.

Item URL https://www.dw.com/de/kommt-2026-kein-flüssiggas-aus-katar-in-die-eu/a-73509319?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Ein Flüssiggas-Versorgungsschiff fährt in den Hafen von Mukran auf Rügen ein. Mit dem Import von LNG will Deutschland seine Abhängigkeit von der russischen Energieversorgung verringern
Image source Stefan Dinse/CHROMORANGE/picture alliance
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Item 66
Id 73503579
Date 2025-08-01
Title Donald Trumps Zölle: Was ist der aktuelle Stand?
Short title Trumps Zölle: Was ist der aktuelle Stand?
Teaser Nur wenige Stunden, bevor am 1. August weltweit neue US-Zölle in Kraft treten sollten, verhängte der US-Präsident umfassende weitere Zölle auf Importe. Damit verschärft er seine aggressive Handelspolitik.
Short teaser Nur wenige Stunden, bevor neue US-Zölle in Kraft treten sollten, verhängte der US-Präsident umfassende weitere Zölle.
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Im Wahlkampf hatte Donald Trump gesagt, Zoll sei "das schönste Wort im Wörterbuch". Am 2. April, gerade zehn Wochen im Amt, schockte der US-Präsident sowohl die Politik als auch die Wirtschaft weltweit: Er kündigte einen "Grundzoll" von zehn Prozent auf alle in die Vereinigten Staaten importierten Waren an.

Zusätzlich würden Waren von etwa 60 anderen Handelspartnern mit noch höheren, sogenannten Gegenzöllen belegt. Die sollten eine Vergeltung sein für die - so Trump - "unfairen" Handelspraktiken der "schlimmsten Übeltäter". Mit seiner ganz eigenen Vision vom globalen Handel will er angebliche Benachteiligungen für die USA ausgleichen.

An diesem Donnerstag unterzeichnete Donald Trump ein weiteres Dekret, mit dem er vielen Ländern neue und noch höhere Zölle auferlegte. Trump argumentiert: Handelsdefizite mit anderen Ländern seien ein nationales Sicherheitsrisiko, damit bestehe ein nationaler Notstand. Das ermögliche ihm, mit Präsidialerlassen das Parlament zu umgehen.

Die neue Verordnung legt Zölle für fast 70 Länder fest, die zwischen 10 Prozent und 41 Prozent betragen. Überraschend erklärte das Weiße Haus, die Maßnahmen würden für die meisten Länder erst nächste Woche in Kraft treten und nicht bereits an diesem Freitag. Das verschafft Zeit für weitere Gespräche.

Vereinbarungen mit den USA

In den vergangenen Wochen hatten einige Länder und die Europäische Union etwas günstigere Bedingungen ausgehandelt. So werden EU-Waren, die in die USA importiert werden, mit einem Basis-Zollsatz von 15 Prozent belegt. Dies betrifft auch den wichtigen Automobilsektor der EU. Seit Trumps Amtsantritt im Januar wurden hier 25 Prozent fällig. Im Gegenzug wird die EU den US-Unternehmen keinerlei Zölle auferlegen. Der Staatenbund hat sich laut dem Weißen Haus außerdem verpflichtet, Energie aus den USA im Wert von 750 Milliarden US-Dollar (656 Milliarden Euro) zu kaufen sowie rund 600 Milliarden Dollar in den USA zu investieren.

Das Abkommen muss noch von allen 27 EU-Mitgliedern unterzeichnet werden und ist bereits auf heftige Kritik gestoßen. Der französische Premierminister François Bayrou sagte, die EU habe kapituliert. Er bezeichnete den Tag der Vereinbarung als "düsteren Tag".

Das Vereinigte Königreich hatte im Mai als erstes Land ein Handelsabkommen mit Washington geschlossen. Britische Produkte unterliegen dem Basissteuersatz von zehn Prozent, mit Ausnahmen für einige Branchen. Noch verhandelt das Vereinigte Königreich über Ausnahmen für seine Stahl- und Aluminiumprodukte von den aktuell geltenden 25 Prozent. Im Gegenzug musste Großbritannien seinen Markt weiter für US-Ethanol und Rindfleisch öffnen.

Japan konnte im Juli ein Abkommen schließen. Das Ergebnis: 15 Prozent, darunter auch für Autos. 2024 machte diese Branche 30 Prozent der japanischen Exporte in die USA aus. Zölle von 50 Prozent auf Stahl und Aluminium aus Japan bleiben bestehen. Außerdem werde Japan 550 Milliarden US-Dollar in den USA investieren, teilte das Weiße Haus mit.

Südkoreas Basis-Zollsatz liegt nach Verhandlungen bei 15 Prozent - ursprünglich hatten die USA 25 Prozent angedroht. Südkorea ist einer der zehn wichtigsten Handelspartner der USA und wichtiger Verbündeter in Asien.

Washington hat außerdem Handelsabkommen mit den Philippinen, Vietnam, Indonesien und Pakistan geschlossen.

China - die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt - ist ein Sonderfall. Washington und Peking hatten die Zölle auf die Waren des jeweils anderen Landes auf über 100 Prozent angehoben, bis sie die Sätze für einen Zeitraum von 90 Tagen vorübergehend senkten. Diese Pause endet am 12. August. China reagierte aggressiv auf Trumps Drohung, 145 Prozent auf Importe zu erheben: mit eigenen Zöllen auf US-Waren sowie einem Verkaufsstopp für wichtige Seltene Erden und Komponenten, die von amerikanischen Rüstungs- und Hightech-Herstellern verwendet werden.

Hohe Zollsätze ohne Abkommen

Länder ohne bilaterale Handelsabkommen werden sich bald mit Zöllen von 25 bis 50 Prozent auseinandersetzen müssen. Nach Trumps jüngstem Dekret droht der Schweiz nun ein Zollsatz von 39 anstelle der angekündigten 31 Prozent. Dies könnte die wichtige Schweizer Pharmaindustrie hart treffen. Die Schweizer Regierung erklärte, sie wolle verhandeln.

Brasilien ist eine der wenigen großen Volkswirtschaften, die gegenüber den Vereinigten Staaten ein Handelsdefizit aufweisen. Das bedeutet, Brasilien importiert mehr aus den USA als dass es dorthin exportiert. Dennoch hat der US-Präsident wegen politischer Differenzen damit gedroht, 50 Prozent auf brasilianische Produkte zu erheben. Trump bezeichnet einen laufenden Prozess gegen den ehemaligen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro als "Hexenjagd" und fordert die Freilassung des ultrakonservativen Politikers. Der amtierende brasilianische Präsident Luiz Inacio Lula da Silva hat Trump seinerseits als "Imperator" bezeichnet und erklärt, er habe keine Angst davor, den US-Präsidenten öffentlich zu kritisieren.

Indien verärgert Trump wegen seines großen Handelsüberschusses mit den USA und seiner Handelsbeziehungen zu Russland. Daher kündigte Trump am Mittwoch einen Zoll von 25 Prozent auf indische Waren an, zuzüglich einer weiteren "Strafe", weil Indien russisches Öl kauft, das Moskau hilft, seinen Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren.

Zwei der größten Handelspartner der USA - Kanada und Mexiko - bleiben ebenfalls nicht verschont, obwohl der Handel zwischen den drei Nachbarn durch das US-Mexiko-Kanada-Handelsabkommen (USMCA) geregelt wird, das während Trumps erster Amtszeit ausgehandelt wurde.

Anfang Juli drohte Trump, die Zölle auf mexikanische Produkte ab dem 1. August von 25 Prozent auf 30 Prozent anzuheben. Der US-Präsident argumentierte, die Regierung von Präsidentin Claudia Sheinbaum habe nicht genug getan, um die gemeinsame Grenze zu sichern. Viele Waren, die unter dem USMCA-Freihandelsabkommen zertifiziert sind, blieben jedoch weiterhin von den Zöllen ausgenommen. Einen Tag vor der Frist verlängerte der US-Präsident die derzeitigen Zölle um 90 Tage, um mehr Zeit für Verhandlungen zu lassen.

In einem separaten Dekret kündigte Trump auch eine Zollerhöhung für Kanada an. Ab diesem Freitag werden statt 25 nun 35 Prozent fällig. Trump warnte Kanada außerdem vor weiteren Konsequenzen für den Handel, nachdem Premierminister Mark Carney angekündigt hatte, einen palästinensischen Staat anerkennen zu wollen. Nach Ansicht des Weißen Hauses habe Kanada außerdem "versagt, bei der Eindämmung der anhaltenden Flut von Fentanyl und anderen illegalen Drogen zu kooperieren". Auch Kanadas "Vergeltung" gegen Trumps Maßnahmen führt die Regierung als Grund für die Erhöhung an.

Aus dem Englischen adaptiert von Uta Steinwehr.

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Image caption US-Präsident Donald Trump geht mit seiner aggressiven Zollpolitik gegen das US-Handelsdefizit vor
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Item 67
Id 73492142
Date 2025-08-01
Title News kompakt: Trump verschiebt Zölle und verhängt neue Sätze
Short title News kompakt: Trump verschiebt Zölle und verhängt neue Sätze
Teaser Neues Hin und Her in der US-Handels-Politik: Die neuen Zölle kommen später, teilweise erhöht von Präsident Donald Trump. El Salvador billigt die unbegrenzte Wiederwahl des Staatschefs. Das Wichtigste in Kürze.
Short teaser Neues Hin und Her in der US-Handels-Politik: Die neuen Zölle kommen später, teils mit Zuschlag. Das Wichtigste in Kürze.
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Die USA haben das Inkrafttreten teils drastisch erhöhter Zölle um eine Woche verschoben. Ursprünglich sollten die von Präsident Donald Trump verhängten Einfuhrabgaben ab diesem Freitag gelten. Aus dem Weißen Haus in Washington wurde die Verschiebung damit begründet, dass den Grenz- und Zollbehörden mehr Zeit für die Umsetzung des neuen Systems gegeben werden soll.

Gleichzeitig verhängte Trump per Dekret neue Zölle gegen mehrere Länder. Kanada und die Schweiz treffen die erhöhten Sätze besonders hart. Für Schweizer Waren soll nun ein Zoll von 39 Prozent gelten. Die Abgaben auf Einfuhren aus Kanada erhöhte Trump auf 35 Prozent.

El Salvador billigt unbegrenzte Präsidenten-Wiederwahl

In einem Schnellverfahren hat das Parlament von El Salvador eine Änderung der Verfassung auf den Weg gebracht. Damit wäre eine unbegrenzte Wiederwahl von Präsident Nayib Bukele möglich, dessen Partei über die absolute Mehrheit verfügt. Nur die drei Vertreter der Opposition stimmten im Parlament in San Salvador dagegen. Die Änderungen müssen noch in einer zweiten Abstimmung bestätigt werden, was als sicher gilt.

Bukele regiert das mittelamerikanische Land seit 2019 mit eiserner Hand. Seit mehr als drei Jahren gilt zudem der Ausnahmezustand, wodurch wesentliche Grundrechte in El Salvador außer Kraft sind.

Wadephul setzt Nahostreise fort

Nach eindringlichen Worten an die israelische Führung reist Deutschlands Außenminister Johann Wadephul an diesem Freitag ins Westjordanland. Er trifft sich dort mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Bei den Gesprächen in Ramallah dürfte es unter anderem um die Gewalt israelischer Siedler gegen Bewohner des Westjordanlands gehen sowie um Überlegungen in der israelischen Regierung, das bereits von Israel besetzte Palästinensergebiet zu annektieren.

Wadephul hatte am Donnerstag bei seinem Besuch in Israel bereits deutliche Worte gefunden. Die durch den Israel-Hamas-Krieg ausgelöste Hungersnot im Gazastreifen bezeichnete er als "vollkommen untragbaren Zustand", der sich sofort ändern müsse. Andernfalls drohe der israelischen Regierung die internationale Isolierung, so der deutsche Außenminister in Jerusalem.

Lebenslange Haft für schwedischen IS-Terroristen

Wegen Beteiligung an einem grausamen Mord in Syrien hat ein Gericht in Schweden ein Mitglied der Terrororganisation "Islamischer Staat" zu lebenslanger Haft verurteilt. Der 32-jährige Schwede wird damit wegen eines schweren Kriegsverbrechens und Terrorvergehens belangt.

In dem Fall geht es um den Tod eines jordanischen Kampfpiloten in Syrien vor zehn Jahren. Er war nach dem Absturz seines Jets in die Hände des IS geraten und wurde von den Terroristen in einem Metallkäfig bei lebendigem Leib verbrannt. Das Stockholmer Gericht sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte den Piloten vor und während der Gewalttat bewacht und durch sein Handeln so maßgeblich zum Tod des Jordaniers beigetragen hat.

Selenskyj korrigiert umstrittenes Korruptionsgesetz

Nach einer Welle von Protesten hat das Parlament in der Ukraine ein Gesetz gebilligt, mit dem die Unabhängigkeit von zwei Anti-Korruptions-Behörden wiederhergestellt wird. Kurz nach der Abstimmung in Kyjiw unterzeichnete Präsident Wolodymyr Selenskyj die Vorlage.

In der vergangenen Woche hatte das Parlament die beiden Anti-Korruptions-Behörden der Generalstaatsanwaltschaft unterstellt und damit faktisch ihre Unabhängigkeit aufgehoben. In vielen ukrainischen Städten gab es daraufhin Demonstrationen. Auch die Europäische Union kritisierte das Vorgehen scharf. Aufgrund des Drucks aus dem In- und Ausland hatte Selenskyj innerhalb kurzer Zeit den neuen Gesetzentwurf vorgelegt.

Mutmaßlicher Brandanschlag auf deutsche Bahnstrecke

Nach einem Feuer in einem Kabelkanal an einer wichtigen Bahnstrecke im Westen Deutschlands geht die Polizei von einem Sabotageakt aus. Der Staatsschutz ermittele in alle Richtungen, sagte ein Sprecher. Zuvor hatten Brandermittler den Ort untersucht.

Das Feuer hatte am Donnerstag die Nord-Süd-Hauptstrecke der Deutschen Bahn zwischen Duisburg und Düsseldorf im Bundesland Nordrhein-Westfalen lahmgelegt. Es gab massive Beeinträchtigungen des Zugverkehrs, wie die Bahn mitteilte. Auch der Fernverkehr war betroffen. Inzwischen ist ein Bekennerschreiben einer linken Gruppe aufgetaucht. Die Polizei überprüft jetzt die Echtheit.

se/AR/wa/jj (dpa, afp, rtr, epd)

Dieser Artikel wurde um 9.30 Uhr (MESZ) erstellt und wird nicht weiter aktualisiert.

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Item 68
Id 73481406
Date 2025-07-31
Title Deutsche Bahn: Jeder dritte Fernzug ist unpünktlich
Short title Deutsche Bahn: Jeder dritte Fernzug ist unpünktlich
Teaser "Pünktlich wie die Eisenbahn" - das war einst ein Synonym für zeitliche Präzision in Deutschland. Diesem Ruf wird die Bahn AG weiter nicht gerecht.
Short teaser "Pünktlich wie die Eisenbahn", stand einst für zeitliche Präzision. Diesem Ruf wird die Bahn AG weiter nicht gerecht.
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Die Pünktlichkeit ist ein entscheidender Gradmesser für die Leistung der Deutschen Bahn. Im Vergleich zum Vorjahr sind Verbesserungen zu erkennen. Doch ihr eigenes Pünktlichkeitsziel hat die DB AG im ersten Halbjahr verfehlt. Auch international berühmt berüchtigt sind die Intercitys und ICEs des bundeseigenen Konzerns spätestens seit dem Chaos bei der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland vor einem Jahr.

Die DB-Fernverkehrszüge erreichten in der ersten Hälfte des laufenden Jahres lediglich 63,4 Prozent der Bahnhöfe pünktlich, wie die Bahn mitteilte. Für das gesamte Jahr strebt der Konzern eine Pünktlichkeitsquote von 65 bis 70 Prozent im Fernverkehr an.

Gründe für die vielen Verspätungen: das marode Schienennetz sowie zahlreiche Baustellen. Dabei ist die Bahn mit sich selbst großzügig: Als pünktlich geht ein Zug noch in die DB-Statistik ein, wenn er einen Halt maximal 5:59 Minuten später erreicht, als im Fahrplan vorgesehen. Das können für umsteigende Passagiere aber schon die entscheidenden Minuten sein, um einen Anschlusszug zu verpassen. Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2024 waren die Fernverkehrszüge etwas pünktlicher unterwegs, damals lag die Quote bei 62,7 Prozent.

Nächste Generalsanierung startet am Freitag

Zur Verbesserung der Pünktlichkeit setzt die Bahn auf Generalsanierungen hochbelasteter Strecken und eine engere Abstimmung von Baustellen mit dem Fahrplan. Eine Art Pilotprojekt war die Instandsetzung der Riedbahn. Die Strecke zwischen Frankfurt am Main und Mannheim wurde dazu von Juli bis Dezember für fünf Monate voll gesperrt. Ein Befreiungsschlag gelang durch die bisherigen Sanierungsprojekte bei der Pünktlichkeitsquote bisher aber nicht.

Am Freitag startet auf der Strecke Hamburg-Berlin die nächste Generalsanierung. Die Trasse wird dazu für neun Monate komplett gesperrt und umfassend modernisiert. Danach soll es auf der wichtigen Verbindung weniger Störungen geben und dort einige Jahre Baufreiheit herrschen.

Bis 2036 sollen so mehr als 40 Strecken fit gemacht werden für die Zukunft. Wann die erfolgten Generalsanierungen die Pünktlichkeit nach oben ziehen, ist offen. 2026 sind vier komplette Streckenerneuerungen geplant.

Plus bei der Reisendenpünktlichkeit

Die Bahn weist neben der betrieblichen Pünktlichkeit auch die sogenannte Reisendenpünktlichkeit aus. Dabei wird untersucht, wie viele Passagiere ihr auf der Fahrkarte vermerktes Ziel mit maximal 14:59 Minuten Verspätung erreicht haben. Im ersten Halbjahr gelang das 68,7 Prozent der Reisenden. Mehr als 30 Prozent kamen also deutlich später an ihr Ziel.

Immerhin konnte die DB AG ihren finanziellen Verlust verringern: Zwar schreibt der Konzern weiterhin rote Zahlen. Aber mit einem Minus von 760 Millionen Euro im ersten Halbjahr fiel er fast um eine Milliarde Euro niedriger aus als im entsprechenden Zeitraum 2024.

AR/se (dpa, afp)

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Image caption ICE am Hauptbahnhof Frankfurt am Main: Auch international berühmt berüchtigt
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Item 69
Id 73464207
Date 2025-07-30
Title Wie entstehen Tsunamis?
Short title Wie entsteht ein Tsunami?
Teaser Nach dem Erdbeben vor der russischen Halbinsel Kamtschatka herrschte Tsunami-Alarm. Aber wie genau entstehen solche Flutwellen, und was macht sie so gefährlich?
Short teaser Nach dem Erdbeben im Pazifik herrschte Tsunami-Alarm. Wie die Flutwellen entstehen und was sie so gefährlich macht.
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Am 30. Juli hat ein starkes Erdbeben den Meeresboden östlich der russischen Halbinsel Kamtschatka erschüttert. Mit einer Stärke von 8,8 war das Beben laut der US-Erdbebenwarte USGS das weltweit stärkste seit der Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011.

Für mehrere Pazifikregionen wurden Tsunamiwarnungen ausgegeben. In einigen Küstengebieten kam es zu Überflutungen, in anderen blieb die Welle aus.

Das Wort "Tsunami" stammt aus dem Japanischen und bedeutet "große Welle im Hafen". Der Name soll entstanden sein, weil japanische Fischer, die weit draußen auf einem scheinbar ruhigen Meer unterwegs waren, bei der Heimkehr völlig zerstörte Dörfer vorfanden. Genau dieses Phänomen macht einen Tsunami auch aus - und hängt mit seiner Entwicklung zusammen.

Wie entstehen Tsunamis?

Die Riesenwellen können entstehen, wenn Erdbeben, Erdrutsche, Vulkanausbrüche, Nuklearexplosionen oder auch Meteoriteneinschläge den Meeresboden erschüttern. Im Gegensatz zu normalen Wellen - die durch Wind oder Strömungen entstehen - gerät bei einem Tsunami die gesamte Wassersäule in Bewegung. Diese erstreckt sich über die gesamte Wassertiefe von der Oberfläche bis zum Meeresboden, was in der Tiefsee mehrere Kilometer betragen kann.

Die enorme Kraft von Tsunami-Wellen zeigt sich auch daran, dass Tiefseefische aus Wassertiefen um 1000 Meter an der Oberfläche erscheinen können.

Fast unbemerkt an die Küste

Tsunamis können sich mit bis zu 900 Kilometern pro Stunde ausbreiten und so binnen kurzer Zeit ganze Ozeane durchqueren. Auf hoher See ist diese Welle gewöhnlich aber nicht höher als zwei oder drei Meter und wird wegen ihrer großen Wellenlänge von Schiffen oft gar nicht bemerkt. Solange ein Tsunami also den tiefen Ozean durchquert, beträgt die Entfernung von Wellenkamm zu Wellenkamm 150 Kilometer oder mehr.

In flachen Küstengewässern und engen Buchten nimmt die Geschwindigkeit der Welle aber ab: Sie läuft zu enormen Höhen von bis zu 40 Metern auf und kann ganze Landstriche verwüsten.

Die Küstenform beeinflusst die Gestalt des Tsunamis weiter. Entweder kommt es zu mehreren schnell ansteigenden und wieder fallenden Fluten, zu einer Serie sich brechender Wellen oder in seltenen Fällen zu einer einzigen mächtigen Flutwelle mit einer steilen, sich brechenden Front. Wellenberge mit einer Höhe von bis zu 30 Metern entwickeln dabei eine unvorstellbare zerstörerische Kraft, oft bis weit ins Hinterland.

Tsunamis sind keine Seltenheit

Das höchste Tsunami-Risiko besteht wegen der großen Aktivität der Erdkruste rings um den Pazifik. Frühwarndienste versuchen mit Sensorbojen, Computern und Satelliten betroffene Gebiete rechtzeitig vor möglichen Riesenwellen zu warnen.

Eine der höchsten Wellen wurde am 27. August 1883 vom Ausbruch des Vulkans Krakatau ausgelöst: Etwa 30 Meter hoch brandete der Tsunami damals an die Küsten von Java und Sumatra, mehr als 36.000 Menschen kamen ums Leben.

1946 löste ein Erdbeben auf den Aleuten einen Tsunami aus: In Alaska kamen dabei fünf Menschen ums Leben, Stunden später auf Hawaii weitere 159. 1992 starben im östlichen Indonesien mehr als 2000 Menschen, als eine Insel kurzfristig ganz in den Wassermassen versank. Im Juli 1998 riss eine Flutwelle nach einem Beben vor Papua-Neuguinea mehr als 1200 Menschen in den Tod.

Bei einer schweren Tsunami-Katastrophe am 26. Dezember 2004 in Südostasien kamen mehr als 230.000 Menschen ums Leben. Die riesige Flutwelle, die durch ein Beben der Stärke 9,1 ausgelöst worden war, überrollte große Küstenabschnitte von Indonesien, Thailand, und Malaysia sowie Küstenabschnitte in Sri Lanka und Südindien.

Im März 2011 kam es vor der japanischen Küste zu einem schweren Erdbeben, das einen Tsunami auslöste bei dem über 18.000 Menschen umkamen und fast eine halbe Million Menschen ihre Wohnungen und Häuser verloren. Der Tsunami war auch Auslöser der Atomkatastrophe von Fukushima.

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Image caption "Die große Welle vor Kanagawa", Farbholzschnitt des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai (1830-1832)
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Item 70
Id 73324802
Date 2025-07-24
Title Können wir den Erdüberlastungstag umkehren?
Short title Können wir den Erdüberlastungstag umkehren?
Teaser Ein bisschen mehr als die Hälfte des Jahres 2025 ist vorbei, ab jetzt leben wir auf Pump: Die Menschheit hat die Ressourcen des Planeten aufgebraucht und lebt so, als hätten wir 1,8 Erden. Wie kehren wir das um?
Short teaser Ein bisschen mehr als die Hälfte des Jahres 2025 ist vorbei, ab jetzt leben wir auf Pump. Wie kehren wir das um?
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Am 24. Juli hat die Menschheit die ökologischen Ressourcen der Erde fürs gesamte Jahr aufgebraucht. Das hat die internationale Nachhaltigkeitsorganisation Global Footprint Networkgemeinsam mit der York Universität im kanadischen Toronto berechnet. Dieser sogenannte Erdüberlastungstag ist dieses Jahr eine gute Woche früher als letztes Jahr. Das liegt hauptsächlich an neuen Daten, die zeigen, dass Ozeane weniger CO2 absorbieren können als bisher gedacht.

Wir konsumieren zu viel und verbrauchen so mehr von der Natur als sie in einem Jahr erneuern kann. Das zeigt sich beispielsweise im Kahlschlag der Wälder, dem Verlust der Artenvielfalt und der CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Dies ist Teil eines Trends, der in den frühen 1970er Jahren begann.

Mathis Wackernagel, der das Global Footprint Network mitgegründet hat, sagt, der übermäßige Verbrauch von Ressourcen sei die Ursache für viele Umweltprobleme. Regelmäßig mehr an Ressourcen zu verbrauchen als der Planet auf natürliche Weise reproduzieren kann, habe einen kumulativen Effekt. "Selbst wenn wir auf dem gleichen Niveau bleiben, erhöhen wir die ökologische Schuldenlast der Welt," so Wackernagel im DW-Gespräch. "Diese Last ist messbar."

Überkonsum als globales Problem

Katar, Luxemburg und Singapur sind die ersten Länder, die ihre jeweiligen Erdüberlastungstage bereits im Februar erreichten. Die USA waren nicht weit davon entfernt. Wenn jeder auf dem Planeten so konsumieren würde wie eine US-amerikanische Person, wären die Ressourcen am 13. März erschöpft. Für Deutschland und Polen ist dies am 3. Mai der Fall, für China und Spanien am 23. Mai, Südafrika am 2. Juli.

Wackernagel sagt, dass ein hohes Einkommen "typischerweise zu einem höheren Ressourcenverbrauch führt". Aber das sei nicht der einzige Grund. Qatar beispielsweise ist mit einem Wüstenklima, wenig Regen im Jahr und sehr heißen, feuchten Sommern stark auf Klimaanlagen angewiesen, die durch Energie aus fossilen Brennstoffen betrieben werden. "Sie haben leichten Zugang zu fossilen Brennstoffen, daher ist die Nutzung günstig und hat einen großen ökologischen Fußabdruck", erklärt Wackernagel. Darüber hinaus benötige das Land auch viel Energie, um Salzwasser mittels Entsalzungsanlagen trinkbar zu machen.

Uruguay erreicht das Ressourcenlimit den Prognosen zufolge erst am 17. Dezember – das südamerikanische Land hat es erfolgreich geschafft, von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien zu wechseln und setzt dabei vor allem auf Wasser- und Windkraft sowie Biomasse.

Nur das nehmen, was die Erde ersetzen kann

Und dann gibt es die Länder, die innerhalb des Budgets des Planeten bleiben, wie etwa Indien, Kenia und Nigeria. Um im Rahmen zu bleiben, müsste der globale ökologische Fußabdruckder verfügbaren Biokapazität pro Person auf unserem Planeten entsprechen, die derzeit bei etwa 1,5 globalen Hektar liegt.

Biokapazität ist dabei definiert als Land und Ozeanfläche, die Ressourcen wie Nahrung und Holz bereitstellen, urbane Infrastruktur beherbergen und überschüssiges CO2 absorbieren.

Alles darüber hinaus, also was über der global verfügbaren Biokapazität liegt, bedeutet, dass wir zu viele Ressourcen verbrauchen.

Deutschland hat in etwa die gleiche Menge an Biokapazität pro Person wie der globale Durchschnitt zur Verfügung, verbraucht aber dreimal so viel, so Wackernagel. Obwohl Indien, das bevölkerungsreichste Land der Welt, mehr Ressourcen im Jahr verbraucht als es selbst ersetzen kann, bleibt es global gesehen "mit seinem Level an Konsum unter einem Planeten", sagt Wackernagel. Allerdings sollte das Maß 'ein Planet' nicht das Ziel sein, warnt er. Der Konsum müsse niedriger sein, damit auch anderen Arten Raum gegeben werde.

Jahrzehnte an Überkonsum zeigen den Verschleiß

Obwohl wir Ressourcen weit über das hinaus verbrauchen, was die Erde regenerieren kann, haben wir ein kollektives Verständnis, dass dies schon okay so sei, sagt Wackernagel. "Aber wir machen uns etwas vor."

Der Co-Präsident des Thinktanks Club of Rome, Paul Shrivastava, sagt, es sei an der Zeit, unser Verständnis von Volkswirtschaften zu überdenken. "Wir müssen von einer ausbeuterischen Denkweise der Wirtschaft zu einer regenerativen Denkweise übergehen," so Shrivastava im DW-Gespräch. Bergbau und die Gewinnung von Öl seien ausbeuterische Formen, denn: "Sobald wir es aus der Erde geholt haben, geben wir nichts zurück."

Laut Wackernagel geht es nicht darum, was wir für eine regenerative Lebensweise aufgeben müssen, sondern wie wir uns auf die Zukunft vorbereiten können und was dann einen Wert für uns haben wird.

Doch anstatt unsere Volkswirtschaften anzupassen, um die Überlastung zu reduzieren, werde versucht, noch das letzte Bisschen aus der Zahnpastatube herauszudrücken. "In den USA, wo ich lebe, konnte ich sehen, dass viele der Wahlthemen letztes Jahr sich genau darum drehten, beispielsweise um die Angst, nicht genug Energie zu haben." Es sei versäumt worden, das eigentliche Problem der Überlastung anzugehen und stattdessen darauf gedrängt, mehr fossile Brennstoffe aus dem Boden zu holen.

Wie können wir den Erdüberlastungstag umkehren?

Das Global Footprint Network hat eine Vielzahl an Lösungen in fünf Schlüsselbereichen ausgearbeitet, die das Datum des Erdüberlastungstag wieder nach hinten schieben könnten. Dabei ist der Energiesektor bei weitem der größte Faktor: Wenn CO2-Emissionen mit einem Preis belegt werden, der die wahren Kosten der Verschmutzung des Planeten widerspiegelt, könnte das dazu beitragen, das Datum um 63 Tage zu verschieben.

Sogenannte Smart Cities mit integrierten Verkehrssystemen, fortschrittlichem Energiemanagement und vorausschauender Sensorik zur Regulierung des Energieverbrauchs in Gebäuden könnten das Datum um weitere 29 Tage schieben.

Wenn Kohle- und Gaskraftwerke mit erneuerbaren Energien wie Solar und Wind ersetzt und so 75 Prozent der Elektrizität aus kohlenstoffarmen Quellen generiert würde, könnte das weitere 26 Tage bringen.

Lebensmittelverschwendung um die Hälfte zu reduzieren, würde 13 Tage zum jetzigen Datum dazu addieren; die Hälfte des globalen Fleischkonsums mit pflanzlichen Alternativen zu ersetzen, würde sieben Tage allein durch die Einsparung von CO2 und Landnutzung bedeuten. Nur ein fleischloser Tag pro Woche würde das Datum um rund zwei Tage nach hinten verschieben.

Interessen an der Aufrechterhaltung der Erdausbeutung

"Es gibt Eigeninteressen an der Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Systems" etwa in Bezug auf fossile Brennstoffe, sagte Shrivastava. Und auch wenn individuelle Entscheidungen, zum Beispiel weniger Fleischkonsum, Fahrrad statt Autos zu fahren und weniger weit zu reisen auf der sogenannten Power of Possibility Liste relativ weit unten rangieren, haben wir beim Wählen die Macht, einen Systemwandel zu fordern.

"Auch wenn wir all das als Einzelperson nicht kontrollieren, können wir mitreden und mit Leuten sprechen, die mitreden können," so Shrivastava. Das bedeute zum Beispiel, bei friedlichen Protesten mitzumachen oder lokale Politiker zu unterstützen, die eine ökologische Vision haben. Solch ein Wandel werde durch die Macht des Volkes kommen, ergänzt Shrivastava.

"Das Problem der Überlastung ist das zweitgrößte Risiko für die Menschheit dieses Jahrzehnt", so Wackernagel. "Das größte Risiko ist, nicht zu reagieren."

Redaktion: Tamsin Walker

Item URL https://www.dw.com/de/können-wir-den-erdüberlastungstag-umkehren/a-73324802?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Wie können wir die Ausbeutung unseres Planeten zurückdrehen?
Image source Sergey Nivens/Shotshop/picture alliance
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Item 71
Id 73383590
Date 2025-07-23
Title UN-Gericht: Staaten haften für Klimaschäden
Short title UN-Gericht: Staaten haften für Klimaschäden
Teaser Der Internationale Gerichtshof (IGH) in Den Haag hat den Schutz vor Klimawandel zur völkerrechtlichen Pflicht erklärt. Staaten müssen handeln – für heutige und zukünftige Generationen.
Short teaser IGH-Gutachten: Klimaschutz ist völkerrechtliche Pflicht – Staaten müssen Umwelt und Menschenrechte schützen.
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In einem wegweisenden Gutachten hat der Internationale Gerichtshof (IGH) in Den Haag erklärt, dass eine "saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt" ein Menschenrecht sei und dass das Versäumnis, die Erde vor den Auswirkungen des Klimawandels zu schützen, eine Verletzung des Völkerrechts darstellen kann.

Der IGH, das höchste Gericht der Vereinten Nationen, unterstrich die Verpflichtung der Staaten, die Menschenrechte ihrer Bürgerinnen und Bürger angesichts steigender globaler Temperaturen zu schützen. Zudem müsse das Klima für "gegenwärtige und zukünftige Generationen" geschützt werden.

Bei der Verlesung des Urteils sagte IGH-Präsident Yuji Iwasawa: "Treibhausgasemissionen werden eindeutig durch menschliche Aktivitäten verursacht". Sie hätten "grenzüberschreitende Auswirkungen" mit weitreichenden Konsequenzen. Der Klimawandel sei eine "dringende und existenzielle Bedrohung", so der Vorsitzende des Gerichts in Den Haag

Er betonte, Staaten seien verpflichtet, bei der Verhinderung von Klimaschäden zusammenzuarbeiten und müssten sicherstellen, dass ihre nationalen Klimaziele so ehrgeizig wie möglich sind.

Größter Fall in der Geschichte des IGH

Den Prozess vor dem Gerichtshof hatten Studierende aus pazifischen Inselstaaten ins Rollen gebracht. Sie drängten ihre Regierungen dazu, eine rechtliche Klärung zu fordern.

Der Staat Vanuatu beantragte daraufhin beim IGH, über die Verpflichtungen der Staaten zum Schutz des Klimas und der Umwelt vor Treibhausgasemissionen nach internationalem Recht zu entscheiden - und damit auch zum Schutz heutiger und künftiger Generationen.

Im Dezember hörte das Gericht Aussagen von fast 100 Ländern und von zwölf Internationalen Organisationen zum Thema Klimawandel. Gaston Browne, Premierminister von Antigua und Barbuda, erklärte damals dem Gericht, der durch "ungehinderte Emissionen" verursachte Anstieg des Meeresspiegels trage die Küsten der Inseln ab und "verschlingt Land, das für unser Nation lebenswichtig ist".

Der karibische Archipel erodiert durch den Anstieg des Meeresspiegels und ist im Zuge des Klimawandels mit immer stärkeren Stürmen konfrontiert. Im Rahmen der Anhörungen im Dezember erklärten auch Staaten mit hohen CO2-Emissionen, wie etwa die Vereinigten Staaten, dass bestehende UN-Verträge – vor allem das Pariser Abkommen von 2015 – bereits rechtliche Verpflichtungen zum Handeln gegen den Klimawandel vorsehen.

In dem wegweisende Abkommen hatten sich 195 Nationen darauf verständigt, die globalen CO2-Emissionen zu reduzieren und die globale Erwärmung auf möglichst unter 1,5 Grad Celsius (im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter) zu begrenzen. US-Präsident Donald Trump hat inzwischen den Austritt seines Landes aus dem Abkommen verkündet.

Fachleuten zufolge war das Pariser Abkommen jedoch nie dazu gedacht, alle Gesetze rund um den Klimawandel zu definieren. Es biete vielmehr Raum für viele verschiedene Gesetze, sagt Joie Chowdhury, leitende Anwältin beim Zentrum für Internationales Umweltrecht (CIEL). Denn die steigenden Temperaturen beträfen "fast jeden Bereich unseres Lebens".

Mögliche Instrumente zur Durchsetzung von Maßnahmen gegen den Klimawandel seien daher auch bestehende internationale Vorschriften zu Menschenrechten, internationales Recht und Gesetzgebung zur staatlichen Verantwortung. "Die Klimaabkommen sind nach wie vor sehr wichtig, aber sie sind nicht die einzige Option", betont Chowdhury im Gespräch mit der DW.

Rechenschaft für historische Klima-Verantwortung

Mit der Klage vor Gericht bat Vanuatu auch um Klärung der rechtlichen Konsequenzen für Länder, die ihren Verpflichtungen zur Senkung ihrer Emissionen nicht nachgekommen sind.

Einigen Fachleute zufolge tragen Länder, die im Verlauf der Geschichte am meisten CO2 ausgestoßen haben – darunter die USA, China, Russland und die Europäische Union – die größte Verantwortung für die globale Erwärmung tragen.

"Die Emissionen der Vergangenheit spielen eine Rolle", so Chowdhury zur DW - dieser Schaden sei bereits angerichtet. "Das muss anerkannt und behoben werden."

Ärmere Länder – von denen viele die Auswirkungen des Klimawandels am schlimmsten zu spüren bekommen, obwohl sie am wenigsten zu dieser Krise beigetragen haben – fordern seit langem, dass reichere Nationen für die Schäden aufkommen, die durch extreme Wetterereignisse im Zusammenhang mit dem Klimawandel verursacht werden.

Vor zwei Jahren wurde bei den UN-Klimaverhandlungen in Dubai ein Fonds für Verluste und Schäden eingerichtet. Bislang sind jedoch nur rund 700 Millionen Dollar an Zusagen eingegangen. Das ist weit weniger als die Hunderte von Milliarden Dollar Kosten, die Fachleute für die Schäden beziffern, die der Klimawandel bis 2030 verursachen dürfte.

„Im Kern geht es hier um Verantwortung. Um ein Signal, die Ära der leeren Versprechungen zu beenden", fügt Chowdhury hinzu.

Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Menschenrechte

Das Gutachten des IGH ist eines von drei Gutachten, in denen internationale Gerichte in den vergangenen Monaten Verpflichtungen von Staaten im Bereich des Klimaschutzes darlegen.

Anfang dieses Monats veröffentlichte der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte ein Gutachten. Darin bekräftigt er, dass Staaten, also Regierungen, verpflichtet sind, die Menschenrechte ihrer Staatsangehörigen dadurch zu schützen, dass sie für eine gesunde Umwelt und ein stabiles Klima sorgen.

In dem Gutachten wurde auch die staatliche Verantwortung in Bezug auf Desinformation hervorgehoben. Die Gutachter stellten fest, dass Behörden der Bevölkerung den Zugang zu "zuverlässigen, wahrheitsgemäßen und vollständigen Informationen" nicht behindern dürfen.

Im Mai letzten Jahres gab der Internationale Seegerichtshof eine beratende Stellungnahme ab, in der Treibhausgase als eine Form von Meeresverschmutzung gelten.

Obwohl beratende Stellungnahmen, wie das aktuelle Gutachten des IGH, nicht rechtsverbindlich sind, haben sie doch ein erhebliches rechtliches und moralisches Gewicht.

Laut Umweltrechtsexpertin Chowdhury kann das neue IGH-Gutachten weitreichende Folgen für die COP30-Klimaverhandlungen im November in Brasilien haben. Es könnte bedeuten, dass "nicht alles verhandelbar ist", da einige Dinge jetzt klar rechtlich definiert wurden.

"Wir hoffen sehr, dass diese Klarheit einen expliziten rechtlichen Rahmen schafft, der es den Staaten und den am stärksten betroffenen Menschen an vorderster Front ermöglicht, Umweltverschmutzer für klimaschädliches Verhalten zur Verantwortung zu ziehen und Abhilfe und Wiedergutmachung zu erwirken", so Chowdhury.

Adaption aus dem Englischen: Patrick Grosse.

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Image caption Durch den steigenden Meeresspiegel verlieren immer mehr Menschen in den Küstenregionen ihre Heimat
Image source Patrick Meinhardt/AFP
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Item 72
Id 73358783
Date 2025-07-22
Title Türkei: War prähistorisches Çatalhöyük ein Matriarchat?
Short title Türkei: War prähistorisches Çatalhöyük ein Matriarchat?
Teaser Archäologen entdecken in der Türkei Hinweise auf eine matrilineare Gesellschaft vor 9000 Jahren. Frauen hatten mehr Grabbeigaben und lebten mit ihrer Familie – nicht mit der des Mannes. Dies legen DNA-Analysen nahe.
Short teaser DNA-Analysen belegen: Vor 9000 Jahren lebte in der Türkei eine matrilineare Gesellschaft in Çatalhöyük.
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Schon in den 1960ern hegten Archäologen den Verdacht, dass Çatalhöyük etwas Besonderes war. Nicht nur, weil es zu den ältesten, dauerhaft bewohnten Orten der Welt gehört.

Die Forschenden vermuteten auch, dass Frauen in der neolithischen Siedlung auf dem Gebiet der heutigen Türkei eine besondere gesellschaftliche Stellung innehatten. Das beruhte allerdings nur auf Figuren, die anatolischen Muttergottheiten ähnelten und die bei Ausgrabungen gefunden wurden.

Erst mit den modernen Methoden, die heutigen Archäologinnen und Archäologen zur Verfügung stehen, wurde aus dem Bauchgefühl Gewissheit: Die Gesellschaft im Çatalhöyük vor 9000 Jahren drehte sich um Frauen. Das internationale Forschungsteam, angeführt von Genetikern der Middle East Technical University in Ankara, spricht von einer "female-centered society".

Zu diesem Schluss kamen die Forschenden, nachdem sie 131 Skelette untersucht hatten, die unter den Wohnhäusern in der jungsteinzeitlichen Siedlung begraben lagen. Durch DNA-Analysen fanden sie heraus, dass die Menschen, die unter demselben Haus begraben wurden, zumeist miteinander verwandt waren – und zwar auf Seiten der Mutter.

Mit anderen Worten: Wenn Mann und Frau in Çatalhöyük eine Partnerschaft eingingen, lebte das neue Paar unter einem Dach mit den Eltern der Frau, nicht mit denen des Mannes. Die Haushalte bildeten sich also matrilinear.

Ein weiteres Zeichen für die wichtige Rolle der Frau: Bei verstorbenen Frauen und Mädchen fanden die Forschenden bis zu fünfmal so viele Grabbeigaben wie bei männlichen Leichnamen.

War Çatalhöyük ein Matriarchat?

Aus der jüngeren Vergangenheit kennen wir eher patrilineare Haushalte, in denen nach der Heirat die Frau zur Familie des Mannes zieht. Heißt die Umkehrung dieses Prinzips, dass die Menschen, die Çatalhöyük von circa 7100 bis 6000 v. Chr. bevölkerten, in einem Matriarchat lebten?

Nicht unbedingt, erklärt die prähistorische Archäologin Eva Rosenstock, die an den Ausgrabungen in Çatalhöyük beteiligt war.

"Die Lokalitätsregel, also, ob eine Gesellschaft matrilokal oder patrilokal ist, gibt erstmal keine Auskunft darüber, wer das Sagen hat", sagt Rosenstock, deren Fachgebiet an der Schnittstelle zwischen naturwissenschaftlicher und kulturwissenschaftlicher Archäologie liegt, im DW-Interview. "Aber beides geht häufig zusammen."

Kindertausch mit den Nachbarn

Brauchbare DNA für die nötigen Analysen zu bekommen war nicht einfach. Çatalhöyük liegt in einer Region mit kontinentalem Klima, in der starke Wetterschwankungen zwischen Sommer und Winter herrschen – widrige Bedingungen, unter denen selbst Zähne, die bis vor kurzem als eine der besten DNA-Quelle galten, nicht ewig halten.

Doch ein besonders harter Knochen ist eine noch bessere DNA-Quelle: Das sogenannte Felsenbein im Innenohr. "Das ist wie ein DNA-Tresor!", erklärt Rosenstock.

Bei der Analyse dieses Materials kamen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dann auf die matrilineare Verwandtschaft unter den Verstorbenen, die unter demselben Haus begraben waren.

Aber: nicht alle der begrabenen Verstorbenen unter einem Haus waren überhaupt miteinander verwandt. Die Forschenden gehen davon aus, dass es in der Gesellschaft in Çatalhöyük nicht unüblich war, auch Kinder zu tauschen, also das eigene Kind beispielsweise dem Nachbarn zu geben. So sollte vermutlich für sozialen Ausgleich oder Gleichberechtigung gesorgt werden, erklärt Rosenstock.

"Denn wenn das eigene Kind drei Häuser weiter aufwächst, dann setzt man sich eben dafür ein, dass nicht nur der eigene Haushalt das Beste bekommt", sagt die Archäologin. So könnten die Menschen damals versucht haben, eine gerechtere Verteilung von Ressourcen zu garantieren.

Und wie vollzog sich die Entwicklung von einer auf Gleichberechtigung bedachten Gesellschaft, in der Frauen im Mittelpunkt standen, zum Patriarchat? Darauf hat Rosenstock auch keine Antwort – noch nicht. "Das ist die nächste spannende Frage", sagt die Forscherin.

Item URL https://www.dw.com/de/türkei-war-prähistorisches-çatalhöyük-ein-matriarchat/a-73358783?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Auf den Spuren des Matriarchat: Die Archäologin Eva Rosenstock war schon 2008 an Ausgrabungen in Çatalhöyük beteiligt
Image source Çatalhöyük Research Project
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Item 73
Id 73302896
Date 2025-07-20
Title Vibrio-Bakterien in Europa: Sicher baden trotz Risiko
Short title Vibrio-Bakterien in Europa: Sicher baden trotz Risiko
Teaser Durch den Anstieg der Meereswassertemperaturen kommen Vibrio-Bakterien immer häufiger in der Ostsee, dem Schwarzen Meer und anderen Gewässern in Europa vor. So schützen Sie sich vor einer nicht ungefährlichen Vibriose.
Short teaser Vibrio-Bakterien gedeihen vor allem in der Ostsee und dem Schwarzen Meer. So schützen Sie sich vor einer Vibriose.
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Was Sie wissen müssen

  • Vibriose wird durch Vibrio-Bakterien verursacht, die in brackigem, warmem, salzarmem Küstenwasser leben.

  • Typische europäische Risikogebiete sind die Ostsee, die Nordsee und vor allem das Schwarze Meer.

  • Der Klimawandel begünstigt die Bedingungen für Vibrio-Bakterien.

  • Symptome: Durchfall, Bauchkrämpfe, Übelkeit, Fieber.

  • Schützen Sie sich, indem Sie rohe oder unzureichend gegarte Schalentiere vermeiden und nicht mit offenen Wunden in diesen Gewässern schwimmen.

Wissenschaftler führen viele Entwicklungen auf den Klimawandel zurück – manche lassen sich leichter belegen als andere.

Bei Infektionen mit Vibrio-Bakterien scheint der Zusammenhang jedoch eindeutig: Diese Bakterien gedeihen in warmem Wasser, insbesondere bei niedrigem Salzgehalt.

Auch in der Ostsee steigen die Meerestemperaturen an, während der Salzgehalt sinkt – beides Entwicklungen, die Forscher mit dem Klimawandel in Verbindung bringen.

Mit steigenden Temperaturen nehmen auch die Fälle von Vibrio-Infektionen in den nordischen Ländern rund um die Ostsee zu.

Vibrio-Infektionen sind in Europa relativ selten, aber Gesundheitsbehörden wie das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) warnen vor einem steigenden Risiko während heißer Sommermonate mit längeren Hitzewellen.

Was ist Vibriose?

Vibrio-Bakterien verursachen eine Vibriose und Cholera. In diesem Artikel konzentrieren wir uns auf Vibriose (auch als „nicht-cholera Vibriose“ bezeichnet).

Vibriose ist eine Infektion, die ernst und lebensbedrohlich werden kann – insbesondere bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem.

Die wichtigsten Vibrio-Arten, die beim Menschen Infektionen auslösen, sind:

  • Vibrio vulnificus

  • Vibrio parahaemolyticus

  • Vibrio alginolyticus

Es gibt jedoch mindestens ein Dutzend weitere Arten.

Einige Infektionen können zu Gewebsnekrosen führen, das bedeutet das Absterben von Gewebe rund um eine offene Wunde (bekannt als nekrotisierende Fasziitis).

Seltenere Infektionen mit Vibrio vulnificus können zu schweren Erkrankungen führen, die intensivmedizinisch betreut werden müssen oder sogar Amputationen erforderlich machen.

In den USA stirbt laut den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) etwa eine von fünf Personen innerhalb von zwei Tagen nach einer Vibrio vulnificus-Infektion.

Die CDC schätzt jährlich etwa 80.000 Erkrankungen und 100 Todesfälle durch Vibrio-Infektionen in den USA.

Wie steckt man sich mit Vibriose an?

Die meisten Menschen infizieren sich über den Verdauungstrakt, indem sie rohe oder unzureichend gegarte Schalentiere wie Austern, Miesmuscheln oder Venusmuscheln essen.

Eine Infektion kann auch entstehen durch:

  • Verschlucken von Wasser beim Schwimmen in infizierten Küstengewässern

  • Eindringen der Bakterien durch Hautverletzungen, z. B. beim Schwimmen oder wenn Flüssigkeit von Schalentieren in eine offene Wunde gelangt

Wer ist besonders gefährdet?

Menschen mit Vorerkrankungen haben möglicherweise ein höheres Risiko für eine Infektion. Dazu zählen Personen mit Leberschäden durch Hepatitis, Lebererkrankungen sowie übermäßigem Alkohol- oder Drogenkonsum. Aber auch Menschen mit Krebs, Diabetes, HIV oder Personen, die eine immunsuppressive Therapie machen oder die Medikamente zur Hemmung der Magensäure einnehmen, gehören zur Risikogruppe.

Vibriose ist nicht von Mensch zu Mensch übertragbar.

Wie kann man sich schützen?

Um eine Vibriose zu vermeiden, sollten Sie keine rohen oder unzureichend gegarten Schalentiere essen.

Gesundheitsbehörden empfehlen außerdem, nicht in brackigem oder salzhaltigem Wasser zu schwimmen, wenn Sie offene Wunden haben. Wenn Sie sich beim Schwimmen verletzen, verlassen Sie das Wasser, reinigen und desinfizieren Sie die Wunde und verbinden Sie die Wunde fachgerecht.

Wenn Sie eine Vorerkrankung haben, ein geschwächtes Immunsystem oder kürzlich operiert wurden, sprechen Sie mit Ihrem Arzt, bevor Sie in einem betroffenen Küstengebiet schwimmen gehen.

Was sind die Symptome einer Vibriose?

Die Symptome hängen von der Art der Infektion ab, ähneln aber häufig denen anderer Infektionen wie Grippe oder Magen-Darm-Erkrankungen:

  • Durchfall

  • Krämpfe

  • Übelkeit

  • Erbrechen

  • Fieber

  • Schüttelfrost

Anzeichen einer Sepsis durch Vibriose sind extrem niedriger Blutdruck und Blasenbildung um Hautläsionen.
Vibriose-Wundinfektionen können Symptome wie Rötung, Schmerzen, Schwellung und nässende Wunden verursachen.

Wo kommen Vibrio-Bakterien am häufigsten vor?

In Europa ist die Ostsee ein Risikogebiet für Vibrio-Bakterien. Betroffen sind Küstenregionen in Dänemark, Nordostdeutschland, Finnland, Estland, Lettland, Schweden, Litauen, Polen und Russland.

In der Nordsee leben die Bakterien entlang der niederländischen und belgischen Küsten. Im südlichen Europa ist aber vor allem das Schwarze Meer und damit die Menschen in Rumänien, Bulgarien, der Türkei und der Ukraine betroffen.

Die Gesamtzahl der Vibriose-Fälle in Europa liegt jährlich im mittleren dreistelligen Bereich. Ein signifikanter Anstieg wurde 2018 verzeichnet, als 445 Fälle gemeldet wurden.

Auch Nordamerika, Kanada und Südostasien sind betroffen.

Brackige Küstenregionen sind ideale Brutstätten für Vibrio-Bakterien – zum einen, weil dort Salz- und Süßwasser aufeinandertreffen, zum anderen, weil sie oft geschlossene Gewässer sind, in denen sich die Bakterien nahezu ungestört vermehren können.

Ist der Klimawandel schuld am Anstieg der Vibriose-Fälle?

Der Klimawandel hat keine Vibrio-Ausbrüche verursacht.

Das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) warnte jedoch am 11. Juli 2025, dass günstige Bedingungen für Vibrio-Bakterien durch den Klimawandel in Teilen Europas zunehmend häufiger auftreten.

Im Juni 2025 erklärte die Europäische Umweltagentur (EEA): "Die jüngsten marinen Hitzewellen haben zu beispiellosen Vibriose-Fällen entlang der Küsten der Ostsee und Nordsee geführt.“

Weitere Studien der letzten zehn Jahre legen nahe, dass durch den Klimawandel mehr Flusswasser in die Ostsee gelangt, was den Salzgehalt senkt.

Der Klimawandel ist also nicht die Ursache für Vibriose – aber er verstärkt die Bedrohung.

Der Artikel ist ursprünglich auf Englisch erschienen.

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Image caption Neben der Ostsee ist vor allem das beliebte Schwarze Meer von den Vibrio-Bakterien betroffen
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