DW

Item 1
Id 77412100
Date 2026-06-04
Title Wie Desinformation die Ebola-Bekämpfung im Kongo erschwert
Short title Wie Desinformation die Ebola-Bekämpfung im Kongo erschwert
Teaser Nicht nur eine hoch ansteckende Variante des Ebola-Virus bedroht die Demokratische Republik Kongo: Gerüchte und Falschinformationen behindern die Hilfe vor Ort. Die Muster sind nicht neu - und sie ließen sich bekämpfen.
Short teaser Falschinformationen behindern die Hilfe gegen Ebola im Kongo. Einige Muster sind aus der COVID-Pandemie bekannt .
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Rund 350 bestätigte Fälle, darunter 60 bestätigte Tote: Kaum drei Wochen nach Bekanntwerden der Ebola-Epidemie, die sich größtenteils in Kongos Provinz Ituri abspielt, sind die Auswirkungen auf die Gesellschaft sehr real. Und doch: "Die Gemeinschaft glaubt nicht an diese Krankheit. Trotz der Toten glauben die Menschen nicht daran." So sagt es John Tumujimbe, Leiter eines Teams für würdige und sichere Bestattungen in der Kleinstadt Mongbwalu, einem der Epizentren der Epidemie im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo.

Es ist die 17. Ebola-Epidemie, die in dem zentralafrikanischen Land registriert wurde, seit das Virus 1976 entdeckt wurde. Die Expertise ist vorhanden, um auf derartige Situationen zu reagieren. "Wir dachten zuerst an Malaria, Typhus oder Durchfallerkrankungen. Aber nach so vielen Todesfällen haben wir Proben ans INRB geschickt", sagt Tumujimbe. Das INRB - das nationale Institut für biomedizinische Forschung - bestätigte: Es waren Fälle von Ebola.

Aus Gerüchten wird Brandstiftung

Doch in Mongbwalu, das laut Gesundheitspersonal zum ersten Mal mit so einer Situation konfrontiert ist, wollen viele Menschen an diese Erklärung nicht glauben. "Als es die ersten Toten gab, wurde geredet, dass die Särge ein Problem wären. Von dort hat es sich verbreitet", erklärt ein Anwohner. Tumujimbe kennt diese Erklärung: "Damit ging es los: Die Menschen sprachen von einem Sarg, der Menschen umbringt. Und dann sind weitere Menschen gestorben." Ein anderes Gerücht machte die Runde, wonach Hilfskräfte und Sanitäter das Virus über die Antennen ihrer Fahrzeuge verbreiten würden.

Und es blieb nicht bei den Gerüchten. Ende Mai griff eine wütende Menge das Generalkrankenhaus von Mongbwalu an, forderte die Herausgabe der verstorbenen Angehörigen - und zündete ein Zelt der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) an. Die Organisation musste ihr Personal abziehen.

"Es gab eine Panik", berichtet Krankenhausleiter Richard Lokudi der DW. "So konnten mehrere Verdachtsfälle entkommen. 18 Patienten, die unter Beobachtung waren, sind verschwunden." Die Sorge des Personals: Die Menschen, die möglicherweise infiziert waren, könnten die Krankheit an die Menschen weitergegeben haben, bei denen sie Unterschlupf gefunden haben. Für die Bundibugyo-Variante des Ebola-Virus, die jetzt im Umlauf ist, gibt es noch keinen Impfstoff.

Die "Labor-Waffe": wiederkehrende Narrative

Christopher Nehring kennt diese Mechanismen. Der Sicherheitsforscher ist Spezialist für Desinformation. Für die Konrad-Adenauer-Stiftung, die der deutschen Partei CDU nahesteht, verfasste er als Co-Autor einen Bericht, der sich mit der aktuellen Ebola-Epidemie beschäftigt. Laut Nehring ähneln sich die Falschmeldungen bei jedem Gesundheitsnotstand. "Da heißt es, die Krankheit kommt als Biowaffe aus dem Labor. Die Impfung sei schädlicher als der Virus. Es gibt ein einfaches Heilmittel, das verschwiegen wird. Big Pharma, entweder als Profiteur oder Urheber der Krise. Die Krankheit sei überhaupt nicht real", zählt Nehring auf. "Das ist alles bekannt über Jahrzehnte. Und das variiert, das gibt es in 100 verschiedenen Variationen."

Nehringer stand für den Bericht im engen Austausch mit kongolesischen Faktencheckerinnen und Faktencheckern. Eine von ihnen ist Ange Kasongo, Gründerin von Balobaki Check mit Sitz in der Hauptstadt Kinshasa. Sie berichtet im DW-Interview von Gesprächen mit Bergleuten - der Goldbergbau ist in der Provinz Ituri wichtig für die Wirtschaft.

"Sie sagten, dass die Gerüchte und Mythen rund um den Tod zwar kursierten, dass aber die Leute dort nicht daran glaubten." Die Erklärung, die sie bekam: "Wenn ein Händler viel Gold verdienen oder fördern will, kann es sein, dass er auch auf mystische Handlungen zurückgreift, um seine Konkurrenten auszuschalten." Mit anderen Worten: Es ist auch der wirtschaftliche Druck, der einen offenen Umgang mit der Epidemie verhindert.

Dazu kämen politische Dimensionen in dem weiter andauernden bewaffneten Konflikt im Ostkongo. In privaten Unterhaltungen im Messenger WhatsApp sei etwa zu lesen, dass versucht werde, die Bevölkerung im Osten auszulöschen, berichtet Kasongo. Die Menschen vermuten eine Verschwörung zwischen Kongos Präsident Félix Tshisekedi und dem Virologen Jean-Jacques Muyembe. Das Team von Balobaki Check konnte aber keine Belege für diese These finden.

Fehlende Ressourcen können Desinformation verschärfen

Zu den Problemen, die die Ebola-Krise verschärfen, gehören auch, dass von der Weltgemeinschaft deutlich weniger Geld für Nothilfemaßnahmen zur Verfügung gestellt wird. Zu den drastischen Maßnahmen von US-Präsident Donald Trump, der 2025 den Austritt seines Landes aus der WHO umsetzte und massive Einsparungen bei der US-Entwicklungsbehörde USAID und dem Krisenmanagementprogramm CDC anordnete, kommen auch Einsparungen europäischer Regierungen.

Für Nehring ist ganz klar, dass das auch der Verbreitung von Fake News Vorschub leistet: "Wenn schon das Geld für die Gesundheitshilfe gestrichen ist, dann können Sie auch nicht über größere Budgets für die Gesundheitskommunikation reden", so Nehring.

Immerhin: Die Behörden seien sehr um eine klare Kommunikation bemüht, sagt Ange Kasongo. Doch auch sie zweifelt, ob dies ausreicht, um die lokale Bevölkerung zu erreichen. "Wie kann man dafür sorgen, dass die Informationen mündlich weitergegeben werden - nicht nur auf Französisch, nicht nur in den vier Landessprachen?" Wichtig ist es ihr zufolge, Gemeindevorsteher mit ins Boot zu holen und ihnen Zugang zu verlässlichen Informationen zu geben. Dann könnten sie zu Vermittlern werden, die diese Informationen in der Gemeinschaft weiter streuen.

Mitarbeit: Rachidi Kudra

Author Philipp Sandner
Item URL https://www.dw.com/de/wie-desinformation-die-ebola-bekämpfung-im-kongo-erschwert/a-77412100?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77376841_607.jpg
Image caption In Mongbwalu sterben Menschen an Ebola - und doch glauben manche in der Gegend im Nordosten Kongos nicht an an die Existenz der Krankheit
Image source Gradel Muyisa Mumbere/REUTERS
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Item 2
Id 77404435
Date 2026-06-03
Title China: Dissident verurteilt blutige Niederschlagung 1989
Short title China: Dissident verurteilt blutige Niederschlagung 1989
Teaser Am 4. Juni 1989 schossen Soldaten auf friedliche Demonstranten mitten in Peking. Tausende Menschen starben. Ex-Studentenanführer Wuer Kaixi spricht über seinen Kampf für Demokratie und den hohen Preis, den er zahlen muss
Short teaser Ex-Studentenanführer Wuer Kaixi spricht über seinen Kampf für Demokratie und den hohen Preis, den er zahlen muss.
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Wuer Kaixi hat in den letzten 37 Jahren an Gewicht zugenommen. Sein ergrautes Haar fällt ihm nicht mehr so über die Augen, wie er es 1989 als Student an der Pädagogischen Universität Peking gerne trug.

Doch manche Dinge haben sich nicht geändert.

Er war das prominenteste Gesicht der chinesischen Studentenbewegung 1989. Er stand in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni auf dem Platz des Himmlischen Friedens, als die Panzer in die Stadtmitte rollten und die Soldaten auf unbewaffnete Demonstranten schossen. Offizielle Statistik über die Todesopfer gibt es nicht. Schätzungsweise kamen bis zu 3000 Menschen ums Leben.

Wuer Kaixi, ein gebürtiger Uigure, stand auf Platz 2 der chinesischen Fahndungsliste. Er konnte mit Hilfe von Aktivisten aus Hongkong und seinem Vater, der Offizier der chinesischen Luftwaffe war, China illegal verlassen. Über Hongkong, Frankreich und USA ließ er sich später in Taiwan nieder.

Heute, 37 Jahre später, darf er nicht in die Volksrepublik China reisen. Ihm drohen die Verhaftung und hohe Gefängnisstrafe. Doch er schweigt nicht. Er äußert sich nach wie vor ebenso unverblümt über die chinesische Regierung.

"Was ich der Welt zu vermitteln versuche, ist die einfache Tatsache, dass die chinesische Regierung nicht nur eine Bedrohung für friedliche Dissidenten in China, sondern auch eine direkte Bedrohung für die gesamte Zivilisation der Menschheit ist", sagt der 57-Jährige auf einer Veranstaltung in Tokio am Mittwoch (03.06.2026).

Zu lange hätten Länder weggeguckt, wenn Peking im Lande andere Meinungen und Kritik unterdrücke, auch ethnische Minderheiten wie Tibeter und Uiguren. Sie hätten gehofft, China durch Engagement dazu zu bewegen, ein verantwortungsbewusstes Mitglied der Weltgemeinschaft zu werden.

Einige Länder hätten Handel und Wirtschaft über Menschenrechte gestellt, doch sie scheinen ihren Fehler erkannt zu haben.

Streben nach Demokratie

"China durfte 2001 der Welthandelsorganisation (WTO) beitreten und man hoffte, dass dies zu einer Zivilgesellschaft führen würde, aus der schließlich Demokratie hervorgehen würde", so Wuer Kaixi. Das sei zwar noch nicht geschehen.

"Japan, die USA und alle anderen Länder scheinen China missverstanden zu haben", sagt der ehemalige Studentenanführer im DW-Interview. "Sie glauben, China werde von Ideologie, Nationalismus oder Kommunismus geleitet, aber das ist falsch. Die Kommunistische Partei Chinas ist eine kriminelle Vereinigung, die von Profitgier getrieben wird."

Aber zumindest gehe US-Präsident Donald Trump die Situation aus einer anderen Perspektive an, nämlich aus der eines Geschäftsmannes, der bereit sei, Druck auszuüben. Die Realität in China sei, dass die chinesische Führung vom "Wiedererstarken der chinesischen Nation" und von der "friedlichen Wiedervereinigung mit Taiwan" spreche, bei der Peking nicht auf Gewalt verzichten wolle. Die Öffentlichkeit sei für die Ziele der Partei mit Propaganda gefüttert worden.

"Das Wiedererstarken Chinas ist der Führung egal. Alles, was sie interessiert, ist, ihrem Bankguthaben hinten eine weitere Null hinzuzufügen", sagt Wuer Kaixi. "Sie sind nichts als gewöhnliche Langfinger."

Warnung vor Handel mit China

Andere Regierungen, auch die deutsche Bundesregierung, warnt er vor Investitionen, die zwar wie reguläre Geschäftsvorgänge aussähen, aber nur ein einziges wahres Ziel verfolgten: die chinesische Führung zu bereichern und zu stärken.

Als Beispiel nennt er die Minderheitsbeteiligung des chinesischen Staatsunternehmens COSCO von 24,99 Prozent am Containerterminal Tollerort am Hamburger Hafen. Weitere Logistikunternehmen aus China betreiben Distributionszentren in der Hafenstadt und schaffen die Güterverbindungen im Rahmen der weltumspannenden Seidenstraßeninitiative. Deutschland werde sich schnell bewusst werden, welche Herausforderungen die Aktivitäten chinesischer Unternehmen mit sich bringen, sagt Wuer Kaixi.

Der Rückblick

Die Studentendemonstration 1989 formte sich im April nach dem Tod des reformfreudigen KP-Generalsekretärs Hu Yaobao. Aus der Trauerbewegung wurde landesweit eine Aktion für mehr Liberalisierung und Demokratie. Tausende Studierende hatten den Platz des Himmlischen Friedens belagert und dort eine Freiheitsstatue wie die in New York aufgestellt, als Symbol ihrer politischen Forderungen nach Reform in der Partei.

Wuer Kaixi war damals im zweiten Semester nach seinem Kollegjahr zuvor in Peking. Als die Studentenbewegung einen Anführer suchte, trat Wuer Kaixi in den Vordergrund. Ihm gelang es durch einen Aufruf zu einem Hungerstreik, den damaligen KP-Generalsekretär Zhao Ziyang zu einem direkten Gespräch mit Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu bewegen. Mit Zhao Ziyang kam auch der spätere Ministerpräsident Wen Jiabao dorthin.

Doch das Regime änderte schnell seine Meinung. Statt Verhandlungen wurden Waffen eingesetzt. Die Niederschlagung kam plötzlich: Tausende Soldaten stürmten mit Panzern und gepanzerten Mannschaftstransportwagen den Platz des Himmlischen Friedens und feuerten mit scharfer Munition. Tausende Demonstrierende, aber auch Sicherheitskräfte, kamen ums Leben.

Heute sei China ein "Tyrann", dem sich der Rest der Welt entgegenstellen müsse, sagt der Ex-Studentenanführer. Sich nicht gegen die Politik des Regimes zu wehren, das politischen Druck auf andere Regierungen ausübe und schwächeren Nachbarn Gebiete abnehme, würde Peking nur ermutigen, mehr zu fordern.

Hoher persönlicher Preis

Seine laute Kritik an China habe einen hohen Preis, sagt er. Er habe mehrfach versucht, nach China zurückzukehren und sich zu stellen. Er wolle verhaftet werden und sich vor Gericht zu den Vorwürfen der Regierung äußern. Doch er scheiterte an der Grenzkontrolle. Er hätte seine Eltern gerne noch einmal persönlich getroffen, selbst wenn es nur durch ein Gefängnisfenster gewesen wäre.

"Mein Plan für eine Rückkehr nach China hat sich nie geändert", sagt er. "Im Exil zu leben ist eine seelische und geistige Qual. Ich lebe nun schon seit 37 Jahren im Ausland. Und egal, wie gut ich mich darauf vorbereitet hatte, ich war dennoch nicht genug vorbereitet, als ich letztes Jahr den Anruf erhielt, dass mein Vater verstorben war."

Wuer Kaxis Eltern war von den chinesischen Behörden die Ausreise verweigert worden. "Jeden Tag wünsche ich mir, in dieses Land zurückkehren und meine Eltern umarmen zu können", sagt er. "Jetzt kann ich meinen Vater nie wieder umarmen, aber ich hoffe, dass ich eines Tages meine Mutter umarmen kann."

Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan

Author Julian Ryall (aus Tokio)
Item URL https://www.dw.com/de/china-dissident-verurteilt-blutige-niederschlagung-1989/a-77404435?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/6538836_607.jpg
Image caption Studentenanführer Wuer Kaixi (M.) auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989
Image source 64memo
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Item 3
Id 77232338
Date 2026-06-03
Title Immobilien: Serielle Sanierung in der Fabrik
Short title Immobilien: Serielle Sanierung in der Fabrik
Teaser Drei Viertel der Gebäude in Deutschland sind nicht energieeffizient. Ein Start-up setzt auf serielle Sanierung aus der Fabrik statt viel Handarbeit. Kann das den Sanierungsstau auflösen?
Short teaser Hoher Energieverbrauch, sinkende Sanierungsrate: Serielle Sanierung aus der Fabrik soll das ändern.
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Die klassische Sanierung von Gebäuden ist langsam, teuer und personalintensiv. Inzwischen gibt es dafür aber vielversprechende Alternativen, die sich in der Realität auch schon bewiesen haben.

Deutschland hat das große Problem, dass viele ältere Gebäude einen zu hohen Energieverbrauch haben. Werden sie saniert, sieht das normalerweise so aus: Ein Gerüst steht monatelang rund um das Gebäude, Handwerker bringen per Hand Dämmmaterial an die Hauswand, bauen neue Fenster ein und verputzen die Fassade. Gegebenenfalls wird auch die Technik erneuert und mit Solarmodulen ergänzt. Das Ganze ist allein schon wegen der vielen Handarbeit sehr teuer und die Bewohner leiden monatelang unter Lärm, Schmutz und dem Baustellenverkehr.

Klimaziele: Es wird viel zu wenig saniert

Kein Wunder, dass die Sanierungsrate in Deutschland sinkt und der Anteil erneuerbarer Wärmequellen nur langsam wächst. "In Deutschland sind drei Viertel der 21 Millionen Gebäude ineffizient", sagt Uwe Bigalke von der Deutschen Energie-Agentur (dena), ein bundeseigenes Unternehmen zur Umsetzung von Klimaschutz und Energiewende.

Laut dena sind diese Gebäude nicht oder nur unzureichend saniert und bräuchten damit fünf Mal so viel Energie wie gut sanierte Gebäude. Die Investitionen in Sanierungen seien 2024 so niedrig wie noch nie gewesen, beklagt die Agentur.

Noch wird im Gebäudesektor rund ein Drittel der gesamten Energie in Deutschland verbraucht. Da Deutschland sich das Ziel gesetzt hat bis 2045 klimaneutral zu werden, muss sich in diesem Bereich grundlegend etwas ändern. Rein rechnerisch müssten jeden Tag 2000 Gebäude komplett saniert werden, so Bigalke. Das erscheint schon allein wegen des Fachkräftemangels kaum möglich.

Sanierung in der Fabrik

Bei ecoworks wird Sanierung daher neu gedacht - weg von der Baustelle, rein in die Fabrik und zur Serienproduktion. Ecoworks war nach eigenen Angaben das Unternehmen, das 2019 mit derartiger serieller Sanierung in Deutschland begonnen hat. Das Grundprinzip: Es wird eine zweite Haut aus Fertigelementen rund um bestehende Gebäude gebaut.

Dafür wird das Gebäude zuerst von außen und innen gescannt. Aus diesem 3-D Scan entsteht ein digitaler Zwilling, mit dem sich die Sanierung am Computer planen und optimieren lässt. Die benötigten Bauteile wie Fassaden- oder Dachelemente werden dann industriell in der Fabrik vorproduziert. Dämmung, Fenster, Leitungen und Wohnraumlüftung sind in die Elemente integriert. Damit beauftragt ecoworks den größten Hersteller von Fertighäusern in Europa.

Auch ganze Energiemodule, die die komplette Haustechnik enthalten, wie Wärmepumpen, Warmwasserspeicher, Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung oder die Elektronik für Photovoltaik und Monitoring, werden vorgefertigt.

Am Ende müssen diese Teile nur noch am Gebäude montiert werden. Weil hier Roboter zum Einsatz kommen, braucht es weniger Fachkräfte und die Produktionszeiten sinken.

Die Kosten würden bei serieller Sanierung zwar immer noch über denen einer herkömmlichen Gebäudehüllensanierung mit einer Wärmedämmverbundfassade liegen, sagt Simone Alexia Saiegh von der dena. Allerdings werde dieser Unterschied derzeit "durch einen Zuschuss aus dem BEG-Förderprogramm ausgeglichen, sodass die Umsetzung weiterhin wirtschaftlich ist." Bei ecoworks liegen die Vollkosten eines industriell vorgefertigten Projekts (EH 55 EE) derzeit etwa zehn bis zwanzig Prozent über denen einer herkömmlichen, konventionellen Sanierung (Effizienzhaus 70).

Ziel: klimaneutrales Wohnen

Zwar dauert das gesamte Sanierungsprojekt durchaus noch ein Jahr, die eigentliche Arbeit am Gebäude verkürzt sich aber auf wenige Wochen.

Da beispielsweise Versorgungsleitungen in der Fassade integriert sind, werden bewohnte Wohnungen nicht mehr wochenlang zur Baustelle. So kann eine etwas höhere Kaltmiete nach der Sanierung durch Energieeinsparungen von 80 bis 90 Prozent kompensiert werden, heißt es bei dena. Damit würde sich die Sanierung quasi selbst finanzieren.

Durch die bessere Dämmung, Fotovoltaik auf dem Dach, Wärmepumpen und integrierter Belüftung kann im besten Fall aus einem CO2-intensivem Haus ein klimaneutrales Gebäude werden.

Weitere Kostensenkungen möglich

Das Marktpotential ist riesig und liegt allein in Deutschland bei 120 Milliarden Euro. Mit zunehmenden Erfahrungen bei serieller Sanierung werden die Kosten weiter sinken, glaubt man bei der dena. Schon jetzt seien die Kosten seit den ersten Pilotprojekten um ein Drittel gesenkt und das Bautempo verdoppelt worden.

Eine Universallösung ist serielles Sanieren aber nicht. Dena schätzt, das nur jedes dritte Mehrfamilienhaus dafür geeignet ist. Dafür lassen sich aber viele öffentliche Gebäude wie Schulen, Verwaltungsgebäude oder Sporthallen seriell sanieren, so Uwe Bigalke.

Auf dem Weg zum Einhorn

Laut dena könnten 25 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr durch den schnellen Markthochlauf serieller Sanierung bis 2045 eingespart werden. Auf diesen Zug sind inzwischen auch andere aufgesprungen. Neben ecoworks bieten etwa 50 Wettbewerber mittlerweile serielle Sanierung an.

Trotzdem wird ecoworks das Potential zugetraut, den Sprung zum sogenannten Unicorn (Einhorn) zu machen, also zu einem Unternehmen, das in den kommenden Jahren mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet wird. So steht das Unternehmen auf der Liste mit den am schnellsten wachsenden, wagniskapitalfinanzierten Technologieunternehmen in Europa, die von mehr als 90 namhaften Wachstumskapitalgebern im Rahmen der Tech Tour Growth 2026 erstellt wird.

Author Insa Wrede
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Image source ecoworks
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Item 4
Id 77408979
Date 2026-06-03
Title Ungarn: Wird der Streit um den Staatschef zur Staatskrise?
Short title Ungarn: Wird der Streit um den Staatschef zur Staatskrise?
Teaser Ungarns Staatspräsident Tamas Sulyok weigert sich zurückzutreten, wie es der neue Premier Peter Magyar fordert. Es ist der erste große Machtkampf mit dem abgewählten Orban-System. Nachgeben ist für Magyar keine Option.
Short teaser Ungarns Staatspräsident Tamas Sulyok weigert sich zurückzutreten, wie es der neue Premier Peter Magyar fordert.
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Als die DW-Reporterin Peter Magyar nach dem ungarischen Staatspräsidenten Tamas Sulyok fragt, wird Ungarns neuer Regierungschef emotional. Er nennt Sulyok eine "Marionette Orbans". Lange Zeit habe er dazu geschwiegen, wie unter seinem Amtsvorgänger Demokratie und Rechtsstaat missachtet worden seien. So ein Mann könne nicht weiter Staatsoberhaupt bleiben - man werde ihn "aus dem Amt entfernen", so wie Magyar es im Wahlkampf versprochen hatte.

Pressekonferenz im Bundeskanzleramt am 2.06.2026: Peter Magyar steht neben Friedrich Merz. Eigentlich soll es beim ersten Besuch in Berlin nach seinem Wahlsieg vor allem um die deutsch-ungarischen Beziehungen gehen. Doch nun schimpft Magyar fast fünf Minuten lang über Ungarns Präsidenten. Was ist da los?

Der Posten des Staatsoberhaupts ist in Ungarn im Wesentlichen repräsentativ. Im politischen Tagesgeschäft spielt der Präsident keine größere Rolle. Mehr noch: Ex-Premier Viktor Orban hatte das Amt regelrecht degradiert, indem er dort ihm treu ergebene, aber überwiegend wenig geeignete Kandidaten installiert hatte.

Doch nun steht der aktuelle Amtsträger, der Verfassungsjurist Tamas Sulyok, amtierend seit März 2024, im Zentrum des ersten großen Machtkampfes nach dem Ende des Orban-Regimes. Peter Magyar forderte ihn bereits mehrfach auf zurückzutreten - und setzte dafür ein Ultimatum bis zum 31.05.2026. Doch Sulyok weigert sich und will im Amt bleiben.

"Orbans Kugelschreiber"

Nun gerät der Streit um seine Person zu einem Testfall für den Systemwechsel. Denn Magyar hatte schon vor Monaten angekündigt, dass nach seinem Wahlsieg alle "Marionetten Orbans" auf herausgehobenen staatlichen Posten zurücktreten müssten. Neben dem Generalstaatsanwalt, den Chefs der Medienbehörde und des Rechnungshofes oder dem Präsidenten des Landesgerichtsamtes (OBH) steht Tamas Sulyok ganz oben auf der Liste.

Der Grund: Sulyok hatte selbst die rechtsstaatlich umstrittensten Gesetze Orbans sang- und klanglos unterzeichnet, ohne beispielsweise von seiner Befugnis Gebrauch zu machen, sie vor dem Verfassungsgericht prüfen zu lassen. Das trug ihm den Spitznamen "Orbans Kugelschreiber" ein.

Mehrheit will Rücktritt

Einen Tiefpunkt, der in Ungarn Geschichte machte, schuf Sulyok eigenständig: Als die westukrainische Stadt Mukatschewo (ungarisch: Munkacs), wo viele Angehörige der ungarischen Minderheit leben, im August 2025 einen schweren russischen Raketenangriff erlebte, verurteilte Ungarns Präsident diesen zwar. Er ließ aus dem entsprechenden Facebook-Post aber nachträglich das Wort "russisch" vor dem Substantiv "Angriff" streichen.

Derzeit wünschen sich laut einer Umfrage mehr als 60 Prozent der Ungarn, dass Sulyok zurücktritt. Rechtsstaatlich gibt es jedoch keine Handhabe, einen gewählten Präsidenten aus dem Amt zu jagen - auch wenn er, wie Sulyok, von der abgewählten Parlamentsmehrheit der Orban-Regierung ins Amt gebracht wurde.

Peter Magyar argumentiert nun, dass in Ungarn nicht einfach eine neue Regierung an die Macht gekommen sei, sondern dass es um einen Systemwechsel gehe. Das System zu ändern, sei nicht möglich, wenn Führungspositionen im Staat mit diskreditierten Gehilfen der alten Ordnung besetzt seien.

Kein Polen-Szenario

Dabei bräuchte Ungarns neuer Regierungschef den Präsidenten eigentlich nicht zu fürchten. Das ungarische Staatsoberhaupt hat so gut wie keine Befugnisse, die es ihm erlauben würden, die Regierungsarbeit ernsthaft zu behindern. Er kann Gesetze nur einmal ans Parlament zurückschicken. Nach einer erneuten Abstimmung muss er sie unterschreiben. Andere Kompetenzen wie die Ernennung des Regierungschefs oder der Minister sind an Parlamentsentscheidungen gebunden.

Ein Szenario wie in Polen, wo Präsident Karol Nawrocki viele Gesetze der Regierung von Premier Donald Tusk blockiert, ist in Ungarn also nicht möglich. Dennoch hat Magyar den Staatspräsidenten in den vergangenen Wochen in präzedenzloser Weise brüskiert. Er forderte ihn in seiner Antrittsrede als Regierungschef im Parlament in direkter persönlicher Ansprache zum Rücktritt auf, wozu Sulyok verlegen lächelte.

Immer wieder nannte Magyar Sulyok "Marionette" und warf ihm Totalversagen im Amt vor. Der Regierungschef kommt damit einem in großen Teilen der Gesellschaft vorhandenen Abrechnungsbedürfnis entgegen. Was auch eine Rolle spielt: Magyars politischer Aufstieg ab Februar 2024 begann nach dem Rücktritt von Sulyoks Vorgängerin Katalin Novak, die einen wegen Beihilfe zum Kindesmissbrauch Verurteilten auf Druck aus dem Orban-System begnadigt hatte.

Wegen massiver öffentlicher Proteste gegen diese Entscheidung war Novak zurückgetreten. Anschließend hatte Orban Sulyok im Amt installiert. Der hatte zum institutionellen Kindesmissbrauch in Ungarn eisern geschwiegen. Magyar würde daher die Wurzeln seines Aufstiegs kappen und sich unglaubwürdig machen, wenn er in der Frage von Sulyoks Rücktritt nachgäbe.

Hilfesuche bei Venedig-Kommission

Der Staatspräsident reagierte am vergangenen Sonntag (31.05.2026) auf das Ende des Ultimatums mit einem zynisch anmutenden Facebook-Video. Darin präsentierte er sich als Verteidiger von Rechtsstaat, Demokratie und der europäischen Grundwerte in Ungarn - unterlegt mit pathetischer Musik.

In dem Video sagt Sulyok, er habe sich wegen der Rücktrittsforderung hilfesuchend an die Venedig-Kommission des Europarats gewandt. Das hochrangig besetzte juristische Beratungsgremium wurde von der Orban-Regierung als "Soros-Anhängsel" verleumdet. Letzteres ist eine Anspielung auf den US-Börsenmilliardär und Philanthropen ungarisch-jüdischer Abstammung George Soros, der zuzeiten der Orban-Regierung immer wieder Opfer von Verleumdungskampagnen wurde.

Als am Montag (1.06.2026) im ungarischen Parlament über die Rücktrittsforderung an Sulyok debattiert wurde, warf die Fraktion der Orban-Partei Fidesz Premier Magyar vor, eine Diktatur errichten zu wollen. Der Regierungschef hatte dafür wie auch für das Sulyok-Video nur sarkastische Kommentare und Spott übrig. Er versprach, dass man einen Weg finden werde, Sulyok aus dem Amt zu entfernen.

Wie das geschehen soll, ließ Magyar offen. Die jetzige Verfassung bietet keine reale Möglichkeit, Sulyok abzusetzen, da ihm formal kaum Amts- und Pflichtverletzungen nachzuweisen sind. Um ihn loszuwerden, sei "kreative Juristerei" notwendig, prophezeit das Portal Telex.

So könnte etwa ein Verfassungszusatz eine Amtsbedingung für den Staatschef einführen, die Sulyok nicht erfüllt. Oder aber das Staatsoberhaupt würde künftig vom Volk statt vom Parlament gewählt - damit würde Sulyok sein Amt verlieren. Eines versprach Magyar immerhin: Es werde keine Lex Sulyok geben. Man werde "die Rechtsstaatlichkeit in Ungarn durch einen staatsrechtlichen Akt wiederherstellen".

Author Keno Verseck
Item URL https://www.dw.com/de/ungarn-wird-der-streit-um-den-staatschef-zur-staatskrise/a-77408979?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Ungarns neuer Premier Peter Magyar (li.) und der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz bei der Pressekonferenz im Bundeskanzleramt am 2.06.2026
Image source Thomas Trutschel/photothek.de/picture alliance
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Item 5
Id 77374864
Date 2026-06-03
Title Pankreaskrebs: Medikament verlängert Leben, heilt aber nicht
Short title Pankreaskrebs: Medikament verlängert Leben, heilt aber nicht
Teaser Das neue Medikament Daraxonrasib könnte die Überlebenszeit bei Bauchspeicheldrüsenkrebs verdoppeln – den Krebs jedoch nicht heilen. Eine erfolgreiche Therapie bleibt nur bei früher Diagnose möglich.
Short teaser Daraxonrasib könnte die Überlebenszeit bei Bauchspeicheldrüsenkrebs verdoppeln, aber heilen kann es den Krebs nicht.
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Bauchspeicheldrüsenkrebs ist tückisch - und führt in vielen Fällen schon wenige Monate nach der Diagnose zum Tod. Kein Wunder, dass sich eine Nachricht wie diese aufregend liest: Ein neues Medikament – Daraxonrasib – konnte in einer Studie die Lebenszeit von Patienten und Patientinnen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs verdoppeln.

Im Vergleich zu Erkrankten, die sich einer Chemotherapie unterzogen, lebten die Betroffenen nicht nur länger, auch ihre Lebensqualität war höher. Offenbar ging die Behandlung mit Daraxonrasib mit weniger starken Nebenwirkungen einher.

Die Studie sei "als ein revolutionärer Durchbruch für Patienten mit Pankreaskarzinom einzustufen", sagt Dietrich Ruess, Geschäftsführender Oberarzt und Leiter des zertifizierten Pankreaskarzinomzentrums, Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum Freiburg.

"Aus meiner Sicht ist das eine der wichtigsten klinischen Entwicklungen beim metastasierten Pankreaskarzinom seit vielen Jahren", sagt auch Dieter Saur, Professor für Translationale Tumorforschung, Technische Universität München (TUM), und Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg.

Daraxonrasib hemmt RAS-Gen

Der Grund für die Begeisterung der Experten: Daraxonrasib hemmt zielgerichtet das sogenannte RAS-Gen. Dieses Gen codiert für ein Protein, das in der Zelle Wachstums- und Teilungsprozesse anstößt. Bei etwa 90 Prozent der Menschen mit Pankreaskarzinom liegt eine Mutation dieses Gens vor: Es ist permanent aktiv – so werden Tumorentstehung und –wachstum begünstigt.

Die Studienteilnehmenden, die Daraxonrasib einnahmen, lebten im Mittel 13,2 Monate ab Beginn der Behandlung - im Vergleich zu 6,6 Monaten ab Beginn der Behandlung bei der mit Chemotherapie behandelten Kontrollgruppe.

Bei all der Freude über die Studienergebnisse sollte man nicht vergessen: Daraxonrasib heilt kein Pankreaskarzinom. Es bleibt dabei, in den meisten Fällen ist die Diagnose ein Todesurteil. "'Vielversprechend’ ist eigentlich ein zu starkes Wort", sagt Susanne Weg-Remers deshalb. Sie ist Ärztin und Leiterin des Krebsinformationsdienstes am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Bauchspeicheldrüsenkrebs: Kaum Frühwarnzeichen, geringe Überlebenschance

Bauchspeicheldrüsenkrebs entwickelt sich unbemerkt. Betroffene haben zu Beginn keine oder nur sehr unspezifische Symptome. Dazu gehören Schmerzen im Oberbauch, Rückenschmerzen, Übelkeit, Verdauungsstörungen sowie Appetit- und Gewichtsverlust.

Laut Robert Koch Institut (RKI) erkrankten 2023 etwa 20.000 Menschen in Deutschland an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Fast genauso viele starben.

"Idealerweise, aber das ist eben leider nur sehr selten der Fall, wird der Bauchspeicheldrüsenkrebs so früh entdeckt, dass er noch operabel ist", sagt Weg-Remers. In diesem Fall wird ein Großteil der Bauchspeicheldrüse entfernt, je nach Lage des Tumors auch Teile des Zwölffingerdarms und des Magens.

Anschließend erhielten die Betroffenen eine Chemotherapie, in manchen Fällen ergänzend eine Strahlentherapie, sagt Weg-Remers. Geforscht wird außerdem an einer mRNA-Impfung, die eine Rückkehr des Tumors verhindern soll. Doch selbst mit OP und Chemo stehen die Chancen nicht gut: Nach fünf Jahren leben noch 11 Prozent der Erkrankten.

Besondere Maßnahmen zur Früherkennung von Pankreaskarzinomen werden nicht empfohlen. Das habe mit der ungünstigen Lage der Bauchspeicheldrüse zu, die sich im Raum zwischen Bauchhöhle und Wirbelsäule befindet, so Weg-Remers.

"Mit den Untersuchungsmethoden, die wir zur Verfügung haben und die sich für ein Screening der Bevölkerung eignen würden, kann man die nur sehr schlecht untersuchen", erklärt sie. Ausnahmen bilden Menschen, die erblich vorbelastet sind und in deren Familien gehäuft Pankreaskarzinome vorkommen.

Trotz Forschung bisher keine vielversprechende Therapie bei Pankreaskarzinom

Kann der Tumor nicht operiert werden – weil er metastasiert, also in andere Körperbereiche gestreut hat – sterben die Erkrankten innerhalb weniger Monate. Diese Zeit kann möglicherweise durch Chemotherapien verlängert werden. Der Preis sind häufig schwere Nebenwirkungen.

Bei einer fortgeschrittenen Erkrankung sei es deshalb eine individuelle Entscheidung der Erkrankten, wie sie behandelt werden möchten, so Weg-Remers. Eine rein palliative Versorgung, bei der Medikamente gegen die Schmerzen und die Verdauungsstörungen gegeben werden, ist auch eine Möglichkeit.

Zielgerichtete Medikamente, die an einer bestimmten Stelle im Tumor ansetzen und dessen Wachstum hemmen, gebe es nur in sehr begrenztem Umfang, sagt Weg-Remers: "Da steht man, trotz sehr viel Forschung in den letzten Jahren, immer noch relativ am Anfang."

Die Freude über Daraxonrasib dürfte auch daher rühren: Es gibt aktuell nicht viel, was Ärzte und Ärztinnen für Betroffene tun können, außer ihnen etwas mehr Zeit zu verschaffen und diese so angenehm wie möglich zu gestalten.

Author Julia Vergin
Item URL https://www.dw.com/de/pankreaskrebs-medikament-verlängert-leben-heilt-aber-nicht/a-77374864?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77375964_607.jpg
Image caption Bauchspeicheldrüsenkrebs entwickelt sich zunächst unbemerkt - wird die Diagnose gestellt, ist es oft schon zu spät.
Image source Gladden W. Willis/OKAPIA KG/picture alliance
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Item 6
Id 77390886
Date 2026-06-03
Title Warum Yad Vashem nach Deutschland kommt
Short title Warum Yad Vashem nach Deutschland kommt
Teaser "Erinnere dich" - in Israel weiß jedes Kind, was mit diesem jüdischen Gebot gemeint ist: Vergiss nie den Holocaust. Die Gedenkstätte Yad Vashem möchte, dass die Menschen auch in Deutschland nicht vergessen.
Short teaser Vergiss nie den Holocaust: Die Gedenkstätte Yad Vashem möchte, dass nicht nur die Menschen in Israel sich erinnern.
Full text

So allgegenwärtig die Erinnerung in Israel an den Holocaust ist, so sehr verblasst sie andernorts, selbst im Land der einstigen Täter. Rund 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben laut einer Umfrage der Jewish Claims Conference im Jahr 2025 etwa 10 bis 12 Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland noch nie etwas vom Begriff "Holocaust" gehört. Rund 40 Prozent der 18- bis 29-Jährigen wissen nicht, dass während des Nationalsozialismus sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden.

Das ist einer der Gründe, warum Yad Vashem, die in Jerusalem beheimatete größte Holocaust-Gedenkstätte der Welt, eine Außenstelle in Deutschland errichtet. Es ist die erste außerhalb Israels. "Wir kommen nicht nach Deutschland, um die deutsche Demokratie zu stärken oder um vor dem Aufstieg einer rechtsextremen Partei in Deutschland zu warnen", so der Yad-Vashem-Vorsitzende Dani Dayan gegenüber der DW. "Wir haben das Zentrum gegründet, um über den Holocaust aufzuklären. Das ist ein gutes Werkzeug im Kampf gegen den Antisemitismus. Aber ich habe keinen Zweifel daran, dass unsere Arbeit die Demokratie stärken wird und eine starke Waffe sein wird, um vor dem Aufstieg einer Partei zu warnen, die ihre Wurzeln in der Nazi-Ideologie hat - und ich werde nicht zögern, sie ausdrücklich zu benennen: der AfD".

Das Gift des Antisemitismus

Über 2000 Jahre lang wurden Juden stigmatisiert und verfolgt, in blutigen Pogromen vertrieben und ermordet. Schon die Römer machten sie in politischen Krisen zu Sündenböcken, das Christentum stigmatisierte sie als "Gottesmörder", im Mittelalter folgte die Legende vom angeblichen jüdischen "Ritualmord" an christlichen Kindern - gefolgt von Schauprozessen und Pogromen. Antisemitismus als rassistische Ideologie fand ihren Höhepunkt schließlich im Holocaust.

"Nach der Shoah (der hebräische Begriff für Katastrophe oder Holocaust, Anm. der Red.) und der Verwüstung, die sie über Europa gebracht hat - nicht nur über das jüdische Volk, sondern auch über Deutschland und Europa -, dachte ich, dass wir wenigstens 100, 200 Jahre ohne Antisemitismus leben könnten. Aber wir sehen, dass das leider nicht der Fall ist", sagt Dayan. "In einer polarisierten Welt, wie wir sie heute in vielen Gesellschaften sehen, ist der Hass auf die Juden und den jüdischen Staat zur Lingua franca (gemeinsame Sprache, Anm. d. Red.) aller Extremisten weltweit geworden."

Antisemitische Übergriffe nehmen auch in Deutschland zu. Die Entscheidung, die Yad-Vashem-Außenstelle im Zentrum Münchens zu eröffnen, lag daher auch am hohen Sicherheitsstandard der bayerischen Metropole. Die historische Bedeutung der Stadt, nämlich dass hier der Aufstieg der Nationalsozialisten seinen Anfang nahm, war hingegen nicht ausschlaggebend für die Wahl Münchens. Und doch, das Zentrum wird in ein Gebäude am zentralen Karolinenplatz ziehen - dorthin, wo einst das Oberste Parteigericht der NSDAP seinen Sitz hatte.

Auch in Leipzig wird es eine Dependance geben. Aber natürlich, betont Dayan, seien diese Orte nicht nur für Bayern und Sachsen bestimmt, sondern für ein Publikum aus ganz Deutschland. "Ich halte es für sehr wichtig, die jüdische Perspektive auf den Holocaust, die Perspektive der Opfer und der Überlebenden, nach Deutschland zu bringen - ins Land der Täter."

Wobei es in Deutschland schon zahlreiche Gedenkstätten, Museen und Mahnmale gibt, die an die Grauen des Holocaust erinnern. Was also will das Münchner Yad-Vashem-Zentrum anders machen? "Es soll kein Museum mit Ausstellungsstücken und Originalobjekten ermordeter Juden sein", betont Dayan, sondern ein interaktives Bildungszentrum.

Wie genau dieses Bildungszentrum aussehen und wie es aufklären soll, darüber ist bislang kaum etwas bekannt. Warum man diese Außenstelle nicht in bereits bestehende Einrichtungen mit dem Schwerpunkt Holocaustvermittlung, wie dem NS-Dokumentationszentrum in München, einbindet, fragte sich beispielsweise der deutsch-israelische Publizist und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main, Meron Mendel . Schließlich betonte Dayan in der Vergangenheit, wie sehr er Deutschland für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen schätze.

Als der Unternehmer und damalige US-Regierungsvertreter Elon Musk bei einem AfD-Parteitag im Januar 2025 erklärte, Deutschland solle seine Erinnerungskultur hinter sich lassen, war der Yad-Vashem-Vorsitzende entsetzt. Das sei nicht nur eine Beleidigung für die Opfer und Überlebenden der Schoah, sondern auch eine Gefahr für die deutsche Demokratie, ließ Dayan damals wissen.

Kritik an Yad Vashem: Wie politisch ist die Gedenkstätte?

Als bekannt wurde, dass Yad Yashem Niederlassungen in München und Leipzig einrichtet, war die Reaktion aus deutschen Politikerkreisen einhellig positiv - auch bei der AfD.

Kritik kam von Meron Mendel: Yad Yashem sei nicht unabhängig, sondern der israelischen Regierung unterstellt, sagte er im Deutschlandfunk. Aktuell sei diese Regierung von Rechtsradikalen dominiert. Diese habe ein "klares Interesse" an einem Antisemitismus-Begriff, der Kritik am Staat Israel als antisemitisch einstuft". Es bestehe die Möglichkeit, dass auch eine der Regierung unterstellte Einrichtung entsprechende Deutungsmuster übernehme.

Auch Dani Dayan stand immer wieder in der Kritik. Von 2007 bis 2013 war er Vorsitzender des "Yesha-Rats", der Dachorganisation jüdischer Siedler in den besetzten palästinensischen Gebieten. Die Besatzung ist - so ein Gutachten des Internationalen Gerichtshofs - völkerrechtswidrig. Von 2016 bis 2020 amtierte Dayan als israelischer Generalkonsul in New York. Bei seiner Ernennung zum Vorsitzenden Yad Vashems 2021 fürchteten viele, die Arbeit der Gedenkstätte könne politisiert werden.

Dayan versprach damals, eine klare Trennlinie zwischen der Politik einerseits und dem Gedenken andererseits zu ziehen: "Ich habe einen Schutzwall zwischen mir und der Politik errichtet. Die Mission, die ich übernommen habe, ist mir heilig und ich werde sie niemals beschmutzen."

Und so weist er Meron Mendels Vorwurf der Politisierung der Gedenkstätte von sich. "Yad Vashem ist eine staatliche Einrichtung, aber keine Regierungsbehörde. Yad Vashem ist vollkommen unabhängig. Die Vorstellung, dass wir ein Werkzeug einer bestimmten Regierung sind, dieser Regierung oder irgendeiner anderen Regierung, ist völlig falsch", sagt er der DW. Er könne eine Vielzahl von Fällen aufzählen, in denen Yad Vashem und die israelische Regierung nicht nur unterschiedliche, sondern sogar diametral entgegengesetzte Positionen eingenommen hätten.

Im Übrigen habe die Netanjahu-Regierung schon versucht, ihn aus dem Amt zu entfernen. Doch der drohende Rauswurf 2023 wurde abgewendet. Dayan hatte sich trotz anfänglicher Skepsis großen Respekt in der Fachwelt erworben: "Mit großer Sorge beobachten wir die jüngsten Angriffe des israelischen Bildungsministers auf Dani Dayan", schrieben 123 Holocaustforscher aus aller Welt in einem offenen Brief. Dayan "dient der Institution auf herausragende Weise und ermöglicht es Yad Vashem damit, seinen unabhängigen und überparteilichen Charakter zu erhalten".

Was passiert, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt?

Dayan sagt, ihm sei vor allem eines wichtig: die Erinnerung an die sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocaust aufrechtzuerhalten - vor allem vor dem Hintergrund, dass es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird. "Die prägende Erfahrung, einem Überlebenden zuzuhören, der uns seine Geschichte erzählt, wird es für die Kinder, die heute geboren werden, nicht mehr geben." Ob Hologramme die Lücke füllen können, bezweifelt er. Auch dem Einsatz Künstlicher Intelligenz steht er skeptisch gegenüber.

In Yad Vashem hat man daher Wege entwickelt, um die Menschen auch anders emotional anzusprechen - in Theaterstücken beispielsweise und mit "immersiven" Erlebnissen, bei denen die Besucher mittels Musik und großflächigen Projektionen quasi in eine andere - jüdische - Welt eintauchen können.

Der Yad-Vashem-Vorsitzende befürchtet, dass Holocaust-Leugner nach dem Tod der letzten Überlebenden leichteres Spiel haben werden. Wir befänden uns zwar noch nicht wieder in den 1930er-Jahren, aber die Richtung dorthin sei eingeschlagen. "Aber es gibt einen Unterschied zwischen der Generation der 1930er-Jahre und der heutigen Generation: Die Menschen hatten in den 1930er-Jahren das Privileg, ja, die Naivität zu sagen: Sie können vielleicht Bücher verbrennen oder Synagogen anzünden, aber sie würden niemals Menschen verbrennen. Im Jahr 2026 haben wir dieses Privileg nicht, denn wir wissen, dass, wenn es einmal passiert ist, es auch ein zweites Mal passieren kann."

Author Suzanne Cords
Item URL https://www.dw.com/de/warum-yad-vashem-nach-deutschland-kommt/a-77390886?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77324080_607.jpg
Image caption Der Name Yad Vashem stammt aus der Bibel: "Und denen will ich ... ein Denkmal (Yad) und einen Namen (Shem) geben; einen ewigen Namen, der nicht vergehen soll."
Image source Fabian Sommer/dpa
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Item 7
Id 77388069
Date 2026-06-03
Title Russischer Angriff: Was im Tschernobyl-Museum in Kyjiw vernichtet ist
Short title Russischer Angriff: Was im Tschernobyl-Museum vernichtet ist
Teaser Historische Artefakte, alte Bibeln, Ikonen und mehr sind für immer verloren. Die DW hat mit der Direktorin des Tschernobyl-Museums in Kyjiw über Schäden nach dem russischen Angriff und einen Wiederaufbau gesprochen.
Short teaser Die DW hat mit der Museumsdirektorin über die Schäden nach dem russischen Angriff und einen Wiederaufbau gesprochen.
Full text

Das Nationale Tschernobyl-Museum in Kyjiw wurde in der Nacht vom 23. auf den 24. Mai durch massiven russischen Beschuss schwer beschädigt. Es befindet sich in einer ehemaligen Feuerwache aus dem 19. Jahrhundert, die eng mit der Katastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl und den heldenhaften Liquidatoren verbunden ist. Zum Zeitpunkt der Katastrophe im April 1986 war dort die Zentrale der Feuerwehr für die Region Kyjiw untergebracht. Sie trug die Hauptlast der Löscharbeiten im brennenden Atomkraftwerk.

Das Museum untersteht dem Innenministerium der Ukraine. Es wurde erst vor kurzem nach einer umfassenden Renovierung und Erneuerung der Ausstellung anlässlich des 40. Jahrestages der Katastrophe von Tschernobyl wiedereröffnet.

Als beim russischen Angriff eine Rakete ein Nachbargebäude traf, wurde das historische Gebäude des Tschernobyl-Museums schwer beschädigt. Die DW hat mit der Museumsdirektorin Witalina Martynowska über die verlorenen Exponate, den Zustand des historischen Gebäudes und die Pläne zum Wiederaufbau gesprochen.

DW: Frau Martynowska, welche konkreten Schäden hat das Museum beim jüngsten massiven russischen Angriff auf Kyjiw erlitten?

Witalina Martynowska: Am 24. Mai traf eine Rakete ein Nachbargebäude. Da es so nah ist, war unser Gebäude von dem Einschlag und der daraus resultierenden Druckwelle betroffen, was erhebliche Schäden verursachte. Unser Dach wurde zerstört. Das dritte, also oberste Stockwerk ist praktisch verschwunden. Dort befanden sich Unterrichtsräume für Kunst sowie eine Museumswerkstatt. Auch die Decken zwischen dem dritten und zweiten Obergeschoss sind eingestürzt, wodurch die zweite Ausstellungshalle zerstört und ein Teil der Exponate unwiederbringlich vernichtet wurde.

Was wurde am stärksten beschädigt?

Der Ausstellungsbereich, der der Geschichte der Stadt Tschernobyl, der Ethnografie Polesiens (historische Landschaft im nördlichen Grenzgebiet der Ukraine sowie und in den benachbarten Ländern - Belarus, Russland und Polen) und der Evakuierung der Bevölkerung aus der Sperrzone gewidmet war.

Zu den verloren gegangenen Exponaten gehören gerade Gegenstände aus dem ethnografischen Teil der Sammlung, darunter religiöse Objekte, alte Bibeln und Ikonen. Es waren Gegenstände, die von den ersten wissenschaftlichen Expeditionen in die Sperrzone nach der Atomkatastrophe ins Museum gebracht wurden. Nach ersten Schätzungen sind etwa 40 Prozent der Exponate verloren gegangen.

Sehen Sie in diesem Angriff einen Versuch Russlands, das ukrainische Gedächtnis und die ukrainische Identität auszulöschen?

Selbstverständlich. Unser Museum beherbergte die größte Sammlung von Artefakten im Zusammenhang mit der Atomkatastrophe: persönliche Gegenstände der Liquidatoren, freigegebene Dokumente. Vor 40 Jahren verschleierte der Feind die Wahrheit und brachte unzählige Menschen in Gefahr, obwohl er genau wusste, was in der Sperrzone geschah und wie die radioaktive Lage war. Nun, 40 Jahre später, unternahm er diesen Beschuss - im Wissen, dass das Museum restauriert, die Exponate neu präsentiert und viele Fakten in einem neuen Licht dargestellt werden.

Besitzen Sie digitale Kopien der verloren gegangenen Exponate?

Wir verfügen über zahlreiche digitale Kopien, doch die Digitalisierung von Museumssammlungen ist ein sehr langwieriges Verfahren. Ich glaube, dass es derzeit in der Ukraine kein einziges Museum mit einer vollständig digitalisierten Sammlung gibt. Die vorhandenen digitalen Kopien sind jetzt von sehr großem Wert. Leider sind aber nicht alle Objekte digitalisiert.

Ist der Schaden am Gebäude selbst kritisch? Wie sicher ist es derzeit, sich im Museum aufzuhalten?

Dies ist ein denkmalgeschütztes Gebäude. Kein einziger Raum ist unbeschädigt geblieben. Seit 2024 liefen hier Renovierungsarbeiten. Wir wissen ungefähr, wie lange man für die Renovierung eines solchen Gebäudes braucht, aber jetzt wird man nicht einfach renovieren müssen, sondern es müssen die tragenden Konstruktionen wiederhergestellt werden. Spezialisten wurden hinzugezogen, um eine umfassende technische Bewertung durchzuführen. Es wird ein entsprechender Bericht erstellt, in dem die durch den Beschuss verursachten Schäden und Zerstörungen bewertet werden. Danach werden wir wissen, wie wir weiter vorgehen sollen.

Ist es möglich, das Museum so wieder aufzubauen, wie es vor der Bombardierung war? Wird man die ursprüngliche Ausstellung wiederherstellen können, oder wird es eine neu konzipierte Fläche sein?

Ehrlich gesagt, das kann man jetzt noch nicht sagen. Unsere oberste Priorität ist vorerst, den technischen Zustand des Gebäudes zu beurteilen. Ich glaube nicht, dass es eine exakte Nachbildung des Zustands vor dem Beschuss geben wird, obwohl die aktuelle Ausstellung sehr modern, interaktiv und multimedial war. Gleichzeitig denke ich, dass das Museum nach seiner Wiederherstellung sogar noch stärker und moderner ausfallen könnte.

Was ist mit den geretteten Exponaten geschehen?

Wir konnten alle Gegenstände aus den Lagerräumen evakuieren. Rund 60 Prozent der Ausstellungsstücke konnten gerettet werden. Einige Exponate wurden beschädigt und wir werden Experten des Restaurierungszentrums mit der Begutachtung ihres Zustands beauftragen.

Was hat Sie persönlich am meisten betroffen, als Sie das Gebäude nach dem Einschlag sahen?

Ich kam sehr früh dorthin. Man hatte mich gegen fünf Uhr morgens informiert, und innerhalb von 20 Minuten war ich da. Als ich das brennende Gebäude sah, hatte ich noch gehofft, es würde nur das Dach brennen. Ich hatte noch keinen Zugang zum Innenhof und konnte deshalb die tatsächlichen Schäden nicht sehen. Die Hoffnung, es könnte noch alles gerettet werden, dauerte bei mir aber nur 30 Minuten an. Als mir das ganze Ausmaß klar wurde, stand ich buchstäblich minutenlang wie angewurzelt da. Danach musste ich mich zusammenreißen.

Als Direktorin kann ich es mir nicht leisten, jetzt einfach aufzugeben, denn meine Kolleginnen und Kollegen setzen Erwartungen in mich. Einige von ihnen arbeiten seit über 20 Jahren im Museum. Deshalb werden wir weitermachen - der Menschen wegen, um die Erinnerung lebendig zu halten, und um zu verhindern, dass diese Unmenschen glauben, sie könnten unsere Geschichte auslöschen. Ich bin zuversichtlich, dass wir in einem Jahr oder anderthalb Jahren die Türen des Museums wieder öffnen können.

Das Gespräch führte Lilia Rzheutska

Author Lilia Rzheutska
Item URL https://www.dw.com/de/russischer-angriff-was-im-tschernobyl-museum-in-kyjiw-vernichtet-ist/a-77388069?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77303912_607.jpg
Image caption Zerstörungen im Tschernobyl-Museum nach dem russischen Angriff
Image source Ukrainisches Innenministerium/Staatlicher Dienst für Notfallsituationen
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&image=https://static.dw.com/image/77303912_607.jpg&title=Russischer%20Angriff%3A%20Was%20im%20Tschernobyl-Museum%20in%20Kyjiw%20vernichtet%20ist

Item 8
Id 77381276
Date 2026-06-03
Title Mit Know-how aus Indien will ein Mittelständler wachsen
Teaser Ein Ingenieur aus Indien übernimmt die Führung eines Traditionsbetriebs in Rheinland-Pfalz. Er soll Digitalisierung vorantreiben und neue Märkte erschließen.
Full text

Der indische Manager Tarkeshwar Rao leitet nach seiner Zeit bei Audi Indien nun den traditionsreichen Mittelständler Orten im rheinland-pfälzischen Bernkastel-Kues. Das Unternehmen mit rund 120 Mitarbeitern produziert spezialisierte LKW-Aufbauten und wurde kürzlich von der indischen Holding Trentar übernommen, die auf High-Tech-Bereiche wie Raumfahrt, Energie und Drohnentechnologie setzt.

Diese Videozusammenfassung wurde mithilfe künstlicher Intelligenz aus dem Originalskript der DW erstellt. Vor der Veröffentlichung wurde sie von einem Journalisten bearbeitet.

Author Karl Harenbrock
Item URL https://www.dw.com/de/mit-know-how-aus-indien-will-ein-mittelständler-wachsen/video-77381276?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image source DW
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Item 9
Id 77396855
Date 2026-06-03
Title Erin Brockovich: Eine Umweltschützerin gegen den KI-Boom
Short title Erin Brockovich: Eine Umweltschützerin gegen den KI-Boom
Teaser Wissen Sie, wo ein Rechenzentrum in ihrer Nähe entstehen soll? Diese Frage können nun immer mehr US-Anwohner mit "Ja" beantworten. Dank einer Karte, die Erin Brokovich ins Leben gerufen hat. Warum das wichtig ist.
Short teaser Die US-Aktivistin will mit einer interaktiven Karte die Öffentlichkeit über geplante Rechenzentren aufklären.
Full text

Beim weltweiten Widerstand gegen den Bau-Boom neuer Rechenzentren mischt jetzt auch eine prominente US-Aktivistin mit: Erin Brockovich. Die 65-jährige ist auch bekannt durch den gleichnamigen Hollywood-Film mit Schauspielerin Julia Roberts. Nun hat die Umweltschützerin eine Online-Plattform ins Leben gerufen. Das "Brockovich Data Center" sammelt Informationen zu Planung und Bau neuer Rechenzentren und verortet sie auf einer Landkarte der USA.

"Diese Karte erfasst die tatsächlichen Spuren dieses Wettlaufs - und sie zeigt Muster von Wachstum, Konflikt und Unsicherheit auf", schreibt Brockovich auf ihrer Website. Seit dem Start der Plattform im April 2026 bekam sie tausende Hinweise. Damit wolle sie den Menschen in den USA eine Stimme geben und dabei helfen, einen Überblick über KI-Rechenzentren zu erhalten, erklärt sie weiter. "Die Öffentlichkeit sollte nicht als Letztes davon erfahren."

Weshalb regt sich Widerstand gegen Rechenzentren?

Zwar existieren Rechenzentren im Prinzip schon seit Jahrzehnten, doch die großen Big-Tech-Unternehmen haben den Bau neuer Anlagen weltweit extrem beschleunigt. Neben KI wächst auch die Nachfrage für Cloud-Dienste und Plattformen. Kritikerinnen wie Brockovich verweisen vor allem auf den enormen Energie- und Wasserverbrauch der Rechenzentren, die für den Betrieb der Server und zur Kühlung der Anlagen benötigt werden. Laut der Nichtregierungsorganisation Algorithmwatch mit Sitz in Berlin und Zürich kann eine einzelne Anlage so viel Energie verschlingen wie eine kleine Stadt.

In Ländern wie zum Beispiel Indien kann der Bau eines Rechenzentrums auch zur akuten Wasserknappheit führen. Anwohner berichteten der DW, sie hätten wegen der Anlage teilweise nur wenige Stunden am Tag Zugang zu Wasser.

Zudem führt die schnelle Abnutzung der Hardware in solchen Zentren zu hohen Mengen an Elektroschrott. Brockovich verweist auf ihrer Seite zudem auf die Lärmbelästigung für Mensch und Tier.

Auch wirtschaftlich gesehen ist es für viele Regionen nicht unbedingt ein Pluspunkt. Investoren stecken zwar oft Milliardensummen in den Bau solcher Zentren, schaffen damit aber kaum direkte Arbeitsplätze. Rechenzentren sind oft mehrere 10.000 Quadratmeter groß, darin arbeiten aber meist deutlich weniger als 100 Angestellte.

Wo wurden bislang die meisten Rechenzentren gebaut?

In den USA befinden sich mit rund 5400 mit weitem Abstand die meisten Rechenzentren weltweit, gefolgt von Deutschland, dem Vereinigten Königreich, China, Kanada, Frankreich, Australien, Niederlande und Russland, wie etwa das Portal Euronews mit Stand 2025 wiedergibt.

Viele weitere Rechenzentren sind weltweit geplant, typischerweise in eher ländlichen Gebieten. Neben den USA sollen auch in Ostasien tausende neue Anlagen entstehen. Laut der Plattform Germany Trade & Invest stehen vor allem China, Japan, Südkorea und Taiwan in den Startlöchern. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Saudi-Arabien und Katar bauen ihre Rechenzentren aus. In Deutschland steht vor allem der Großraum Frankfurt im Fokus neuer Vorhaben.

Wo wurden Rechenzentren bislang verhindert?

Auf Brockovichs Plattform werden nicht nur Hinweise auf neue Bauvorhaben registriert, sondern auch Moratorien. Dabei handelt es sich um eine Art Pausetaste, um die Auswirkungen eines Projekts zu prüfen. "Diese Moratorien variieren in Dauer und Umfang, verfolgen jedoch ein gemeinsames Ziel: Der Ausbau soll nicht schneller voranschreiten als die Planung", heißt es.

Auf der Plattform wird unter anderem von Moratorien in den US-Bundesstaaten North Carolina, Pennsylvania, Maryland, Florida, Texas und Maine berichtet. Aber nicht immer haben sie Erfolg. In Maine verabschiedete das Parlament im April 2026 ein Moratorium gegen neue Rechenzentren mit einer Leistung von mehr als 20 Megawatt. Gouverneurin Janet Mills verhinderte das Gesetz jedoch mit ihrem Veto.

Auch in anderen Weltregionen gärt es schon seit längerem, wie zum Beispiel in Irland und den Niederlanden. In Chile protestierte 2024 eine Umweltschutzgruppe erfolgreich gegen den Bau eines Rechenzentrums für KI-Anwendungen. Auch in Brasilien, das sich als neuer Hotspot für Rechenzentren versteht, formiert sich derzeit Widerstand, vor allem im Nordosten des Landes.

Ähnliche Entwicklungen sind auch in Deutschland zu beobachten: Zuletzt hatte der "Spiegel" im Mai 2026 berichtet, das US-Unternehmen Edgeconnex verzichte auf den Bau eines Gaskraftwerks zum Betrieb eines Rechenzentrums. Edgeconnex wolle das Projekt nicht gegen den Willen der Bevölkerung und der Stadtverordnetenversammlung durchsetzen, hieß es.

Die NGO Algorithmwatch verweist darauf, dass in vielen Fällen jedoch eine Beratung auf lokaler Ebene gar nicht erst stattfindet und Betroffene erst davon erfahren, wenn es vielleicht schon zu spät ist. So sollen in Spanien selbst Bürgermeister erst aus der Presse von neuen Vorhaben erfahren haben. Zumindest für die USA könnte dank Brockovichs interaktiver Karte ihres Data Centers diesem Gebaren nun ein Riegel vorgeschoben werden.

Author Stephanie Höppner
Item URL https://www.dw.com/de/erin-brockovich-eine-umweltschützerin-gegen-den-ki-boom/a-77396855?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77401866_607.jpg
Image caption "Die Öffentlichkeit sollte nicht als Letztes davon erfahren": Umweltaktivistin Erin Brockovich
Image source Michael Swensen/Getty Images/AFP
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Item 10
Id 77393308
Date 2026-06-02
Title Zypern - Insel im Spannungsfeld alter und neuer Konflikte
Teaser Der Zypern-Konflikt ist auch nach Jahrzehnten ungelöst. Jetzt bringen geopolitische Spannungen die Mittelmeerinsel zurück ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Steigen damit auch die Chancen für eine Wiedervereinigung?
Full text

Nach einem blutigen Konflikt ist Zypern seit mehr als 50 Jahren geteilt: in die "Türkische Republik Nordzypern" und die international anerkannte Republik Zypern im Süden. Grund sind Spannungen zwischen griechischen und türkischen Zyprioten sowie Griechenland und der Türkei.

Doch seit 2025 ist eine Lösung des Zypern-Konflikts wieder realistischer: Beide Volksgruppen werden von Befürwortern einer Wiedervereinigung regiert.

Während des Iran-Kriegs 2026 schlugen Drohnen auf der Mittelmeerinsel ein und rückten Zypern und seine Bedeutung für die Sicherheit der Europäischen Union wieder ins Rampenlicht.

Author Grzegorz Szymanowski, Marie Joslyn (Adaption: Thomas Schwarz)
Item URL https://www.dw.com/de/zypern-insel-im-spannungsfeld-alter-und-neuer-konflikte/video-77393308?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image source DW
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Item 11
Id 77393806
Date 2026-06-02
Title Iran: Schwiergie Beziehungen zu seinen Nachbarn
Short title Iran: Schwiergie Beziehungen zu seinen Nachbarn
Teaser Das Misstrauen zwischen dem Iran und den Ländern am Persischen Golf dürfte langfristig die regionale Stabilität, das Wachstum und die Zusammenarbeit beeinträchtigen.
Short teaser Das Misstrauen zwischen dem Iran und den Ländern am Persischen Golf dürfte die regionale Stabilität beeinträchtigen.
Full text

Seit Beginn des Kriegs hatten die Nachbarländer vom Iran Tausende von Raketen und Drohnen abgefangen. Die Ziele waren offenbar US-Militärstützpunkte und zivile Energieinfrastruktur in der Region.

Erst am Montag (1.6.26) hat der Kuwait nach eigenen Angaben einen Raketen- und Drohnenangriff aus dem Iran abgewehrt. Zuvor hatten die US-Streitkräfte Ziele im Iran angegriffen und die Radar- und Drohnenstandorte zerstört haben wollen.

Aufgrund ihrer geografischen Nähe zum Iran und ihrer Ausrichtung auf Washington sind die Länder des Golf-Kooperationsrats (GCC) besonders gefährdet, wenn die Spannungen eskalieren. Die Mitglieder sind Bahrain, Katar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate (VAE).

Für den wahrscheinlichen Fall, dass der Krieg früher oder später durch Verhandlungen beendet wird und das Regime der Islamischen Republik weiterhin den Iran regiert, wird die Frage für die Region lauten, wie die GCC-Länder und Teheran auf lange Sicht miteinander auskommen können.

GCC-Länder fordern Abrüstung im Iran

Die arabischen Golfstaaten haben Washington gegenüber schon deutlich gemacht, dass ein bloßes Beenden des Krieges dafür nicht ausreicht. Sie bestehen darauf, dass die Fähigkeit des Iran, die Region mit Raketen und Drohnen zu bedrohen, drastisch heruntergeschraubt werden muss.

"Sollten der Iran und die Vereinigten Staaten eine Einigung erzielen und der Iran seine feindselige Haltung gegenüber dem Westen aufgeben, müsste er wichtige diplomatische und wirtschaftliche Schritte unternehmen, um seine regionalen Verhältnisse und seine Beziehungen zu seinen Nachbarn zu verbessern", sagte Babak Dorbeiki, ein in London ansässiger Politologe und ehemaliger Mitarbeiter des iranischen Zentrums für strategische Forschung.

Dorbeiki erklärte gegenüber der DW, dass aus Teherans Sicht die GCC-Staaten, gegen die sich der aktuelle Krieg richte, keine „neutralen Akteure" seien, sondern eine gewisse Rolle bei den Druckkampagnen gegen den Iran gespielt hätten, sei es durch die Stationierung von US-Truppen, logistische Hilfe oder die indirekte Unterstützung militärischer Aktionen.

Kurzfristig, so Dorbeiki, würden Irans Nachbarn Teheran wahrscheinlich noch mit größerem Misstrauen und größerer Vorsicht begegnen. Das würde sich nicht nur auf die Diplomatie auswirken, sondern auch auf Handelswege, die regionale Infrastruktur sowie künftige Verkehrs- und Energiekorridore.

Golfstaaten streben regionale Stabilität an

Ende April trafen sich die Staats- und Regierungschefs der GCC-Länder erstmals in Saudi-Arabien, um über eine gemeinsame Reaktion auf die iranischen Angriffe zu beraten. Zwischen Kriegsbeginn am 28. Februar und der Verkündung eines Waffenstillstands am 8. April hat der Iran mehr als 4.000 Raketen und Drohnen auf Ziele im GCC abgefeuert, von denen die meisten abgefangen wurden.

Obwohl die Häufigkeit der iranischen Angriffe nachgelassen hat, befinden sich Wirtschaft und Infrastruktur der Golfstaaten angesichts der regionalen Instabilität weiterhin in einer prekären Lage. Während der GCC-Gespräche im April warnte das Außenministerium von Katar, dass ein „eingefrorener Konflikt" möglich sein, der sich „jedes Mal, wenn es einen politischen Grund gibt", wieder verschärfen könne.

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) forderten, dass der Iran die Angriffe auf Nachbarstaaten einstellen müsse, wenn die Diplomatie vorankommen soll. Saudi-Arabien warnte Teheran davor, das Königreich oder andere Golfstaaten weiterhin ins Visier zu nehmen.

Während des Konflikts mit den USA und Israel hat Teheran einige Länder vor den Kopf gestoßen, die ihm in der Vergangenheit zur Seite standen. Die VAE spielten zusammen mit den Nicht-GCC-Ländern Irak und Türkei eine wichtige Rolle in den Handels-, Finanz- und Re-Exportkanälen, die dem Iran inmitten internationaler Sanktionen Atempause verschafften.

Zwar gab es Rivalitäten, insbesondere auf den Öl- und Gasmärkten, doch hatte sich dennoch ein funktionierendes Gleichgewicht herausgebildet. Sollten sich die Golfstaaten aufgrund ihres Misstrauens gegenüber Teheran auf eine gemeinsame Haltung verständigen, könnten die Folgen über die Politik hinausreichen und sich auf Handel, Logistik und die langfristige regionale Entwicklung auswirken.

Macht der Lage

Reza Alijani, ein in Paris ansässiger Politologe, zeigte sich aber gegenüber der DW zuversichtlich, dass die räumliche Nähe des Iran zu seinen Nachbarn am Persischen Golf ein gewisses Maß an Annäherung erzwingen werde.

„Die Geografie wird immer mächtiger sein als die Politik. Diese Länder werden immer Nachbarn bleiben", sagte er.

Es gebe aber einen klaren Unterschied zwischen der Wiederherstellung der Beziehungen und der Wiederherstellung des Vertrauens, räumt Alijani ein. Das wahrscheinlichste Ergebnis werde daher keine echte Versöhnung, sondern eine taktische Verringerung der offenen Feindseligkeiten sein.

Gemeinsame Interessen, insbesondere in den Bereichen Energieexport, Handel und regionale Stabilität, könnten auf beide Seiten letztendlich zu einem begrenzten Modus Vivendi führen, glaubt der Experte.

Das würde jedoch nicht unbedingt zu einem Ende der Feindschaft führen. Es könnte einfach eine kühlere, vorsichtiger gehandhabte Rivalität bedeuten.

Irans Machtprojektion im Nahen Osten

Ein Großteil ihres regionalen Einflusses der Islamische Republik fußt auf Raketen, Drohnen und Stellvertretermilizen. Dieses Modell sollte stärkere Gegner abschrecken und den Einfluss Irans ohne direkte konventionelle Konfrontation ausweiten.

Nach dem aktuellen Krieg und der allgemeinen Schwächung von Stellvertretern des Iran bei den Konflikten in der Region, wie die Hisbollah und schiitische Milizen im Irak, dürften arabische Staaten größeren Wert auf eine integrierte Verteidigung, wirtschaftliche Koordination sowie alternative Energie- und Handelskorridore legen, die die Anfälligkeit gegenüber iranischem Druck verringern.

Dorbeiki möchte nicht ausschließen, dass sich das Misstrauen gegenüber Teheran möglicherweise als Motor für eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den arabischen Staaten und ihren Partnern erweisen werde. Das könne dazu führen dazu führen, dass der Iran von entstehenden Handelskorridoren, Verkehrsverbindungen und der künftigen Energieinfrastruktur zunehmend isoliert wird.

Allerdings könne sich die regionale Ordnung nicht vollständig stabilisieren, solange der Iran dauerhaft außerhalb dieser Ordnung bleibt.

Eine echte Normalisierung der Beziehungen setzt voraus, dass sich die Regionalpolitik Teherans grundsätzlich ändert. Das Verhältnis zum Westen müsse sich weniger konfrontativ gestalten. Es erfordere zudem nachhaltige Bemühungen, den Nachbarn zu versichern, dass der Iran bereit ist, Stabilität anzustreben, anstatt Macht durch Angst auszuüben. Derzeit dauern die Feindseligkeiten noch an. Das iranische Regime bleibt an der Macht und setzt seine gegenwärtige Politik weiter fort.

Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan

Author Daniel Ameri
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Image caption Brand einer Ölanlage in den Vereinigten Arabischen Emiraten nach einem iranischen Drohnenangriff am 14.03.2026
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Item 12
Id 77390873
Date 2026-06-02
Title Verliert Selenskyj einen Orden - und Polens Sympathie?
Short title Verliert Selenskyj einen Orden - und Polens Sympathie?
Teaser Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat mit einer Soldatenehrung Empörung in Polen ausgelöst. Präsident Karol Nawrocki will ihm den höchsten Orden Polens aberkennen. Kann Premier Donald Tusk die Wogen glätten?
Short teaser Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj löst Empörung in Polen aus. Verliert er die höchste Auszeichnung Polens?
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Am 26.05.2026 verlieh Wolodymyr Selenskyj, der Präsident der Ukraine, einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte den Ehrennamen "Helden der UPA". Zur Begründung hieß es, es gehe um die "Wiederherstellung der historischen Traditionen der nationalen Armee". Für die Beziehungen zu Polen, einem der wichtigsten Verbündeten der Ukraine im Kampf gegen Russland, bringt die Verleihung schwere Belastungen.

Die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) kämpfte nach dem Angriff Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion (1941) für einen unabhängigen ukrainischen Staat, und das zunächst auf deutscher Seite. Um die polnische Bevölkerung aus den Gebieten zu vertreiben, die die UPA für die Ukraine beanspruchte, begingen UPA-Angehörige zahlreiche Verbrechen an polnischen Zivilisten.

Entsprechend scharf fiel der Kommentar von Polens rechtskonservativem Staatschef Karol Nawrocki zur Verleihung des Ehrennamens aus: "Präsident Selenskyj hat leider bewiesen, dass die Ukraine, was die Mentalität, was die Glorifizierung der Banditen und Mörder der UPA anbetrifft, nicht bereit ist, ein Teil der europäischen Familie zu sein", so Nawrocki am vergangenen Freitag in der polnischen Hauptstadt Warschau.

"In der europäischen Familie kann man Banditen und Mörder, die Frauen und Kinder, die Polen ermordet haben, nicht verherrlichen", legte der Staatschef laut Fernsehsender Polsat nach. Nawrocki sprach sich dafür aus, Selenskyj den Orden des Weißen Adlers, die höchste polnische Staatsauszeichnung, abzuerkennen. Am kommenden Montag (08.06.2026) soll die zuständige Ordensjury über seinen entsprechenden Antrag beraten.

"Nawrocki heizt die antiukrainische Stimmung an"

Der ukrainische Staatschef hatte den Orden vor zwei Jahren auf Antrag des damaligen polnischen Präsidenten Andrzej Duda erhalten. Duda hatte das Militärbündnis mit der Ukraine zur Priorität der polnischen Außenpolitik gemacht. Die militärische und politische Unterstützung aus Warschau hat zum erfolgreichen Aufhalten des russischen Angriffs in der Anfangsphase des Krieges 2022 wesentlich beigetragen.

Anders als sein Vorgänger, scheute Nawrocki bereits im Wahlkampf 2025 nicht vor Ukraine-Kritik zurück. Er bewertete die Chance des Nachbarlandes auf einen EU-Beitritt skeptisch und kritisierte angeblich zu weitgehende soziale Leistungen für ukrainische Flüchtlinge in Polen. Ein Jahr nach seiner Wahl hat Nawrocki immer noch keinen Antrittsbesuch in Kyjiw abgestattet. Stattdessen empfing er Selenskyj im Dezember 2025 in Warschau. "Nawrocki nutzt die Gelegenheit und heizt die antiukrainische Stimmung an. Er bekam einen Vorwand und nutzt ihn rücksichtslos - urteilte am Montag die Tageszeitung Gazeta Wyborcza.

Tusk bemüht sich um Schadensbegrenzung

Donald Tusk, der proeuropäische Regierungschef Polens, bemühte sich zunächst um Schadensbegrenzung. Er betonte, die Entscheidung des ukrainischen Präsidenten habe die "polnische historische Sensibilität", verletzt. Jede Nation habe das Recht auf eigene Interpretation der Vergangenheit. Allerdings sollten sich Selenskyj und "unsere ukrainischen Freunde" bewusst sein, was "das düstere Erbe der UPA", für jede Polin und jeden Polen bedeute.

Tusk distanzierte sich von Nawrockis Vorschlag, Selenskyj den Orden zu entziehen. "Wenn wir uns über die Vergangenheit zerstreiten, wird jemand anderer die Zukunft gewinnen", warnte er und verwies auf Russland, "das sich darüber mit Sicherheit freuen wird".

Auch andere Vertreter der in Warschau regierenden Mitte-Links-Koalition äußerten sich empört zur Verleihung des Ehrennamens "Helden der UPA", appellierten aber gleichzeitig, jede Eskalation zu vermeiden. "Wir sollen nicht feindlich, aber hart reagieren", sagte Vizechef des Parlaments, Piotr Zgorzelski von der Bauernpartei (PSL) am 02.06.2026 dem Fernsehsender TVN. Selenskyj wolle die nationalistischen Kräfte in der Ukraine um sich scharen - und ignoriere dabei polnische Befindlichkeiten.

Kyjiw: Entscheidung nicht gegen Polen gerichtet

Das Außenministerium in Kyjiw versicherte am Freitag, die Verleihung sei nicht gegen Polen gerichtet. "Der Kampf der UPA symbolisiert für die ukrainische Armee ausschließlich den Widerstand gegen die imperiale Politik Moskaus", hieß es in einer Erklärung, wie die Polnische Nachrichtenagentur PAP berichtete.

Der Streit über die Vergangenheit überschattet seit Langem die polnisch-ukrainischen Beziehungen. Nach dem Zusammenbruch des Russischen Reiches am Ende des Ersten Weltkriegs (1917/18) erhoben sowohl Polen als auch Ukrainer Anspruch auf Gebiete, die bis Ende des 18. Jahrhunderts zu Polen gehört hatten, deren Bevölkerungsmehrheit aber ukrainisch war.

Beide Nationen lieferten sich 1918 blutige Kämpfe, unter anderem um Lwiw (polnisch: Lwów, deutsch: Lemberg). Dann wurde die Westukraine Bestandteil der polnischen Republik, der Osten des Landes geriet unter die sowjetische Herrschaft.

120.000 Todesopfer

Die Zahl der Opfer der Massaker, die die UPA im Zweiten Weltkrieg verübte und die in Polen als Völkermord gelten, wird auf mehr als 100.000 geschätzt. Bei Vergeltungsaktionen polnischer Partisanen wurden bis zu 20.000 Ukrainer getötet. Nach 1945 setzte die UPA ihren Kampf gegen die Sowjetisierung der Ukraine bis weit in die 1950er Jahre fort - und wird deshalb heute dort als Vorbild im Kampf gegen Russland verehrt.

Mit der russischen Vollinvasion gegen die Ukraine im Februar 2022 rückten die polnisch-ukrainische Auseinandersetzungen um die Vergangenheit in den Hintergrund. Nach anfänglicher Begeisterung für den Kampf des Nachbarstaats gegen den Aggressor und der Aufnahme von mehr als einer Million ukrainischer Flüchtlinge in Polen hat sich die Stimmung nun verschlechtert. Vor allem rechten Polinnen und Polen kritisieren die sozialen Leistungen für die Ukrainer im Land - und stellen Warschaus militärische Unterstützung für Kyjiw in Frage.

Tusks Dilemma: unterzeichnen oder Unterschrift verweigern?

Mit Kritik an Selenskyj will Nawrocki auch in der polnischen Innenpolitik punkten. Sein Vorstoß zielt auf Tusk - denn falls Polens Präsident anordnet, dass dem Ukrainer der Orden aberkannt wird, muss der Regierungschef diese Anordnung gegenzeichnen. Tut Tusk dies, beschädigt er das Verhältnis zum östlichen Nachbar, von dessen militärischem Erfolg gegen Russland auch Polens Sicherheit abhängt. Verweigert er dagegen seine Unterschrift, stempelt Polens Rechte ihn als Landesverräter ab, der die Gefühle der Polen ignoriert.

Ende Juni (25./26.06.2026) findet in Gdansk (Danzig) die 5. Wiederaufbaukonferenz für die Ukraine statt. Es wäre ein fatales Zeichen, wenn der Streit zwischen Polen und der Ukraine im Vorfeld dieser wichtigen internationalen Konferenz für den Wiederaufbau der Ukraine eskalieren würde.

Author Jacek Lepiarz ((aus Warschau))
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Image caption Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj besucht am 06.03.2026 eine Frontstellung der Armee der Ukraine
Image source Ukrainian Presidential Press Service/REUTERS
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Item 13
Id 77388000
Date 2026-06-02
Title Wem gehören die Milliarden auf "vergessenen" Bankkonten?
Short title Wem gehören die Milliarden auf "vergessenen" Bankkonten?
Teaser In Deutschland liegen Milliarden Euro unberührt auf inaktiven Konten. Erben wissen oft nichts von ihrer Existenz und es gibt kein zentrales Register. Was tun mit dem Geld?
Short teaser In Deutschland liegen Milliarden Euro auf inaktiven Konten. Erben wissen oft nichts davon. Was tun mit dem Geld?
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Mehr als vier Milliarden Euro sollen in Deutschland bei Banken und anderen Finanzinstituten auf sogenannten "vergessenen Konten" schlummern, so ein Bericht des Forschungsministeriums aus dem Jahr 2021. Unter Umständen sind es sogar noch mehr - andere Schätzungen gehen von bis zu neun Milliarden Euro aus. Die Banken selbst haben bislang keine Zahlen veröffentlicht.

Im Todesfall ist es für Angehörige und Erben oft nicht leicht, solche Konten zu finden, zumal viele Menschen mehrere Konten führen. Schwer zu entdecken sind Vermögen vor allem, wenn es beim Online-Banking keine schriftlichen Unterlagen oder gedruckte Kontoauszüge gibt, da die Informationen in E-Mail-Konten oder auf Festplatten gespeichert sind. Nicht-traditionelle Vermögenswerte wie Kryptowährungen oder NFTs sind sogar noch schwerer nachzuverfolgen.

Was sind solche ruhenden Konten?

In Deutschland gibt es keine offizielle Definition solcher Konten. Aufgegebene, vergessene oder ruhende Konten sind, wenn es sich um traditionelle Finanzwerte handelt, meist Bankeinlagen oder Wertpapiere - etwa Aktien und Anleihen -, bei denen über längere Zeit keine Aktivität stattfindet. Solche Konten können über Jahre hinweg inaktiv bleiben.

Da es keinen rechtlichen Rahmen gibt, bleibt der Umgang mit solchen Konten weitgehend den Banken selbst überlassen. Die meisten Institute gehen davon aus, dass es sich um ruhende Konten handelt, wenn der Kontoinhaber verstorben ist, sich keine Erben ermitteln lassen, es über viele Jahre hinweg keinen Kontakt zu dem Kontoinhaber gibt, Postsendungen zurückkommen und andere Kontaktdaten veraltet sind.

Diese Situation lässt den Banken zudem einen gewissen Spielraum, wie intensiv sie nach Eigentümern oder Erben suchen. Eine große Hürde stellen dabei die strengen Datenschutzbestimmungen in Deutschland dar.

Wie lassen sich aufgegebene Konten in Deutschland finden?

In Deutschland gehen ruhende Konten weder in das Eigentum der Banken über noch werden sie dem Staat übertragen. Die Banken sind verpflichtet, solche Konten auf unbestimmte Zeit zu führen, und die Eigentumsrechte - sei es des ursprünglichen Inhabers oder seiner Erben - verfallen nicht. Ein Konto kann vom deutschen Staat nur dann beansprucht werden, wenn er nach dem Erbrecht als Erbe festgestellt wird. Auf Grundlage von Regelungen zu herrenlosem Vermögen kann das Konto nicht an den Staat gehen.

Die wichtigste Maßnahme wäre laut Beatrice Eisenschmidt, Vorstandsmitglied des in Berlin ansässigen Verbands Deutscher Erbenermittler (VDEE), die Einrichtung eines zentralen Registers für ruhende Konten. Ein solches Register könnte helfen festzustellen, ob eine Person irgendwo Konten besessen hat.

Derzeit müssen Anfragen an verschiedene Bankenverbände gerichtet werden, was viel Zeit in Anspruch nimmt und teuer ist. Für Erben ist das oft ein Schuss ins Blaue, da sie unter Umständen nicht einmal wissen, ob überhaupt Vermögenswerte vorhanden sind.

"Für Erben entsteht damit häufig das Dilemma, dass die Erbnachweisführung kosten- und zeitaufwendig ist", sagt Eisenschmidt gegenüber der DW. "Viele Erben verfolgen die Recherchen bereits aus diesem Grund nicht weiter."

Versuche zur Einrichtung eines nationalen Registers

Vor fast einem Jahrzehnt schätzte Norbert Walter-Borjans, damals Finanzminister von Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands, dass sich rund zwei Milliarden Euro auf ruhenden Konten in Deutschland befinden. Er forderte die Einrichtung eines nationalen Registers für ruhende Vermögenswerte.

Seitdem wurden mehrere Versuche unternommen, ein solches Register aufzubauen. Die derzeitige Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz hat einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der die Schaffung eines zentralen, öffentlich zugänglichen Online-Registers vorsieht, in dem Erben nach entsprechenden Informationen suchen können. Bislang wurden jedoch noch keine neuen Regelungen verabschiedet. Was mit dem Geld geschehen soll, ist also weiterhin unklar.

Ruhende Konten: In einigen Ländern jederzeit rückforderbar

Im Vereinigten Königreich werden ruhende Konten in der Regel nach 15 Jahren in einen sogenannten "Reclaim Fund" überführt, nicht an den Staat. Dieser Fonds dient der Unterstützung sozialer und ökologischer Projekte. Erben haben trotzdem das Recht, das Geld zeitlich unbegrenzt zurückzufordern.

In Irland wird nach einem ähnlichem Zeitraum Geld aus ruhenden Konten an den Staat übertragen, der es dann für soziale Projekte verwenden muss. Vor der Übertragung sind die Institute verpflichtet, eine Bekanntmachung in zwei landesweiten Zeitungen zu veröffentlichen. Auch hier gibt es keine Frist für die Rückforderung der Konten einschließlich der aufgelaufenen Zinsen durch Erben.

In den USA regeln Gesetze der einzelnen Bundesstaaten den Umgang mit solchen Konten. In den meisten Fällen gilt ein Konto nach drei bis fünf Jahren ohne Aktivität als ruhend. Danach ist die Bank verpflichtet, den Kontoinhaber zu kontaktieren. Wird niemand ausfindig gemacht, übernimmt der Bundesstaat das Konto. Das ist in der Regel der Staat der letzten bekannten Adresse des Kontoinhabers. Dieses wird dann bei einem Büro für "Unclaimed Properties" geführt und es werden zum Teil Bekanntmachungen veröffentlicht. In den meisten Fällen können Eigentümer ihr Vermögen unbegrenzt zurückfordern.

In manchen Ländern geht das Geld an den Staat

In Frankreich sind Banken verpflichtet, zu versuchen, die Kontoinhaber zu kontaktieren. Nach zehn Jahren ohne Aktivität werden Konten sowie Lebensversicherungen jedoch an eine öffentliche Finanzinstitution, die Caisse des Dépôts (CDC), übertragen. Die Regierung stellt eine durchsuchbare Datenbank zur Verfügung, sucht jedoch nicht aktiv nach Kontoinhabern. Nach weiteren 20 Jahren gehen die Gelder in das Eigentum des französischen Staates über und können danach nicht mehr zurückgefordert werden.

Die Schweiz, die für ihre besonderen Bankenregelungen bekannt ist, verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Es wird von den Banken erwartet, dass sie die Vermögenswerte bewahren und ruhende Konten weiterhin im besten Interesse der Kunden verwalten. Um Erben zu unterstützen, gibt es eine zentrale Datenbank für solche Konten. Nach 60 Jahren ohne Kontakt werden Informationen zu den Konten veröffentlicht, und Erben haben ein Jahr Zeit, Ansprüche geltend zu machen. Danach erlöschen die Ansprüche, das Konto wird aufgelöst und an den Staat übertragen - einschließlich des Inhalts von Schließfächern.

Author Timothy Rooks
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Image caption Blick auf das Frankfurter Bankenviertel: Sitz etlicher deutscher Großbanken und der Repräsentanzen ausländischer Finanzinstitute
Image source Malte Ossowski/SVEN SIMON/picture alliance
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Item 14
Id 77343320
Date 2026-06-02
Title Legendäre Kriegerinnen: Die Geschichte der Amazonen
Short title Legendäre Kriegerinnen: Die Geschichte der Amazonen
Teaser Sie sollen sich eine Brust abgeschnitten haben, um besser Bogenschießen zu können, und männliche Nachkommen getötet haben. Was ist dran an den Mythen um die Amazonen, den Kriegerinnen der Antike?
Short teaser Sie sollen sich eine Brust abgeschnitten und ihre männlichen Nachkommen getötet haben. Was ist dran an den Mythen?
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Ihr Ruf bei den alten Griechen war nicht gerade der Beste: Die Amazonen galten als hartgesonnene und unerschrockene Kämpferinnen, die mit Pfeil und Bogen zu Pferde in die Schlacht zogen. Sie trugen Hosen, tätowierten sich und berauschten sich bei Orgien mit Drogen - so erzählte man es sich.

Kurzum: "Die Griechen waren regelrecht schockiert, denn im alten Griechenland hatten die Männer das Sagen", so die US-amerikanische Historikerin Adrienne Mayor gegenüber der DW. "Frauen wurden im Haus gehalten, webten und kümmerten sich um die Kinder."

Eine Gesellschaft, in der Frauen gleichberechtigt waren, sei für die patriarchalische Gesellschaft schwer vorstellbar gewesen. Deswegen dichtete man den Amazonen auch gleich ein paar Grausamkeiten an: Sie würden Männer versklaven, männliche Kinder verstümmeln oder gar ermorden. Gleichzeitig waren die Griechen so fasziniert von ihnen, dass sie sie als Statuen, in Wandmalereien oder auf Vasen verewigten. Es gab sogar Amazonenpuppen für die Kinder.

Ein griechischer Held konnte seine Tapferkeit am besten bewiesen, wenn er eine mächtige Amazonenkönigin besiegte. So wie Theseus, König von Athen, der die Anführerin Hippolyta entführt und zur Frau genommen haben soll - eine Geschichte, die der englische Dramatiker William Shakespeare 2000 Jahre später in seinem "Sommernachtstraum" aufgriff. Oder Achilles, der Penthesilea im Kampf erschlagen haben soll. Allerdings verliebte er sich in sie, als er der Sterbenden den Helm vom Haupt nahm und bedauerte seine Tat. Es gibt viele Varianten dieser Geschichten - doch der Ausgang ist aus Sicht der männlichen Erzähler immer klar: Die Männer behalten am Ende die Oberhand.

Wahrheit oder Fiktion: Gab es die Amazonen wirklich?

Erstmals schriftlich erwähnte der griechische Dichter Homer die Amazonen in seinem Epos "Ilias" über den Trojanischen Krieg (ca. 8 Jhdt. v. Chr.), andere folgten. Lange war man sich nicht sicher, ob die Fantasie mit den Geschichtenerzählern der Antike durchgegangen war und die kriegerischen Frauen nicht aus dem Reich der Legenden stammten.

Doch dank jüngster spektakulärer archäologischer Funde in der Ukraine, Südrussland, Kasachstan und Zentralasien gebe es nun auch Belege dafür, dass es in dem Zeitraum und an den Orten, an denen die Griechen die mythischen Amazonen ansiedelten, tatsächlich Kriegerinnen gegeben habe, sagt Mayor. "Bislang wurden mehr als 300 Gräber von Frauen ausgegraben, die mit Pfeilen, Streitäxten und Schwertern bestattet wurden, einige mit Kampfverletzungen."

Vorbild für die Amazonen seien die berittenen Bogenschützinnen verschiedener Skythen-Stämme, die rund um das Schwarze Meer und in den Steppen Eurasiens lebten, führt Mayor aus. "Die Griechen lernten die skythischen Frauen kennen, als sie dort Kolonien gründeten. Diese Nomaden führten einen relativ egalitären Lebensstil, bei denen Frauen auch Führungsrollen übernahmen."

Woher der Name "Amazone" stammt, ist allerdings ungewiss. Vielleicht vom altpersischen "ha-mazon", was Kriegerin bedeutet", überlegt Mayor. Eine andere Möglichkeit ist, dass er vom tscherkessischen Wort "Amezane" für "Wald- oder Mondmutter" hergeleitet wurde.

Ein Historiker namens Hellanicus (5. Jahrhundert v. Chr.) versuchte, dem Lehnwort eine griechische Bedeutung aufzuzwingen und übersetzte es als "ohne Brust". Diese Behauptung schürte den weitverbreiteten Irrglauben, Amazonen würden sich die rechte Brust entfernten, weil Brüste das Spannen eines Bogens oder das Werfen eines Speers behinderten. Kompletter Unsinn, meint Mayor: "Diese bizarre Idee wurde sogar schon in der Antike kritisiert, und kein antiker Künstler hat jemals einbrüstige Amazonen dargestellt."

Lesbische "Männerhasserinnen", die kleine Jungen töten?

Die antiken Gelehrten strickten trotzdem weiter an wilden Geschichten über die Amazonen. So machte die Vorstellung die Runde, sie würden in ihrer reinen Frauengemeinschaft nur weibliche Kinder dulden und Jungen nach der Geburt aussetzen, verstümmeln oder gar töten.

Da drängt sich die Frage auf: Wie pflanzten sie sich fort, wenn Männer in ihren Reihen wirkllich verpönt waren? Laut Mayor berichten antike griechische Historiker wie Herodot und Strabo, dass sich Gruppen von Kriegerinnen mit anderen Stämmen trafen, zu denen auch Männer gehörten. "Man hatte Geschlechtsverkehr und trennte sich anschließend wieder."

Von Ermordung oder Verstümmlung ist in diesen Niederschriften allerdings keine Rede: "Wenn die Kriegerinnen Kinder bekamen, behielten sie die Mädchen und schickten die kleinen Jungen zurück zum Stamm des Vaters", so Mayor. Das machte sie in den Augen neuzeitlicher Forscher zu Rabenmüttern, die einfach ihre Babys weggaben. Tatsächlich sei das aber in der Antike ein weit verbreiteter Brauch unter den Nomadenvölkern gewesen: Wenn der eigene Sohn bei einem anderen Stamm aufwuchs, sicherte man für die Zukunft gute Beziehungen.

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts kam dann die Behauptung auf, Amazonen seien lesbisch gewesen. Die russische Schriftstellerin Marina Zwetajewa hatte damals erklärt, Amazonen seien in der Antike ein Symbol für die lesbische Liebe gewesen; diese Vorstellung griffen andere Literaten und Historiker auf. Mayor widerspricht: "Die Griechen hatten keine Scheu vor Homosexualität, doch es gibt keine antiken Berichte darüber, dass die Amazonen lesbisch waren. Hätten sie das geglaubt, wäre das wohl irgendwo erwähnt worden."

Haben Amazonen die Hose erfunden?

Heute gehört die Hose ganz selbstverständlich zum Alltag. Im alten Griechenland allerdings trug man Gewänder aus großen, rechteckigen Stoffbahnen, die kunstvoll drapiert und mit Nadeln oder Gürteln zusammengehalten wurden. Die Erfindung der fremdartige "Hose" schrieben sie drei verschiedenen Kriegerköniginnen zu, so Mayor. Ob das stimme, sei nicht bewiesen, aber "sie waren definitiv Teil der Kernidentität mythischer und realer Kriegerinnen", sagt sie. "Eine äußerst praktische Kleidung für ein raues Leben zu Pferd in einem rauen Land und Klima. Hosen waren beim Reiten absolut notwendig, um Scheuerstellen zu vermeiden."

In antiken Kunstwerken tragen Amazonen Tuniken und Hosen oder Leggings aus Wolle oder Hanf. Nicht nur modisch waren sie damit ihrer Zeit voraus, sie schmückten sich auch mit Tätowierungen: "Aus skythischen Gräbern wurden natürlich mumifizierte Leichen von Männern und Frauen geborgen, die im Permafrost begraben waren und aus der Zeit von Herodot (5. Jahrhundert v. Chr.) stammen. Ihre Haut ist mit realen und fantastischen Tieren verziert, darunter Hirsche, Pferde, Tiger und Greifvögel", sagt Mayor. Für die Griechen war das ein weiteres Merkmal der unzivilisierten" Amazonen, galten Tattoos bei ihnen doch als Stigma, das man nur Strafgefangenen oder Sklaven stach.

Drogen am Lagerfeuer

Waren es Skythen oder Amazonen, die sich an Drogen berauschten? In Berichten des antiken Dichter Herodot ist nachzulesen: "Sie sitzen im Kreis um ein Feuer und werfen diese berauschende Pflanze auf die Glut. Während sie brennt, atmen die Menschen den Rauch ein und werden berauscht, so wie die Griechen vom Wein berauscht werden. Sie werfen immer wieder neues Material ins Feuer, werden noch berauschter und tanzen und singen johlend um das Feuer herum." Diese Pflanze, so Mayor, sei wohl Cannabis gewesen. "Archäologen haben Hanfverbrennungssets - kleine Holzkohle-Kohlenbecken, einige aus Gold, die verbrannte Hanfsamen enthielten - sowohl in Gräbern von Frauen als auch von Männern entdeckt."

Amazonen der Gegenwart

Starke und unabhängige Frauen hat es immer gegeben. Für Mayor tragen sie den "Geist der Amazonen" in sich. "Manchmal bleiben sie im Verborgenen, manchmal treten sie aus dem Schatten der Unterdrückung ins öffentliche Bewusstsein", sagt die Historikerin.

In der Populärkultur hat man Kriegerinnen in Filmen wie "Die Tribute von Panem"oder "Game of Thrones" verewigt. Im wahren Leben kämpften sie heute als Soldatinnen, so Mayor - unter anderem in der Ukraine, "der ursprünglichen Heimat der mythischen Amazonen".

Author Suzanne Cords
Item URL https://www.dw.com/de/legendäre-kriegerinnen-die-geschichte-der-amazonen/a-77343320?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Amazonen beflügeln seit Jahrtausenden die Fantasie
Image source Judaica-Sammlung Richter/picture alliance
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Item 15
Id 77380941
Date 2026-06-01
Title Gazastreifen: Israel weitet Zugriff immer weiter aus
Short title Gazastreifen: Israel weitet Zugriff immer weiter aus
Teaser Nach Vereinbarung einer Waffenruhe kontrollierte Israel gut die Hälfte des Gazastreifens. Regierungschef Netanjahu bestätigte nun, dass Israel das Gebiet weiter ausgedehnt hat. Und es könnte noch mehr werden.
Short teaser Nach Vereinbarung einer Waffenruhe kontrollierte Israel die Hälfte des Gazastreifens. Nun ist es schon deutlich mehr.
Full text

Israel hat bereits große Teile des Gazastreifens unter Kontrolle - nun will es ​seinen Einfluss noch vergrößern. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte laut der Nachrichtenagentur Reuters kürzlich, er habe das Militär angewiesen, zunächst 70 Prozent des palästinensischen Gebiets einzunehmen.

"Wir waren bei 50 (Prozent), wir sind auf 60 gegangen", sagte Netanjahu. "Meine Anweisung lautet, weiterzugehen - lassen Sie uns Schritt für Schritt vorgehen. (...) Zunächst einmal 70. Fangen wir damit an. Wir setzen sie von allen ‌Seiten unter Druck."

Laut der Deutschen Presse-Agentur (dpa) hatte zuletzt die Zeitung "Israel Hajom" unter Berufung auf einen ranghohen westlichen Diplomaten berichtet, Israel habe in den vergangenen Wochen seine Kontrolle im Gazastreifen erheblich ausgeweitet. Die Armee kontrolliere nun 64 Prozent des im Krieg weitgehend zerstörten Küstenstreifens, heißt es in dem dpa-Bericht.

Kommt ein neues Sperrgebiet?

Die Truppen seien jetzt entlang einer "Orangefarbigen Linie" stationiert, die die bisherige "Gelbe Linie" ersetzt habe. Im Rahmen eines von den USA vermittelten Waffenstillstands sollten sich Israels Truppen auf diese sogenannte "Gelbe Linie" zurückziehen, die den Umfang ​ihrer Kontrolle markiert.

Israel habe nun aber weitere elf Prozent des Palästinensergebiets unter seine Kontrolle gebracht, was 34 Quadratkilometern entspreche. Für den Bericht hatte es zunächst keine offizielle Bestätigung gegeben, hieß es bei dpa Mitte Mai.

Das Blatt "Israel Hajom" berichtete, der Schritt sei mit Zustimmung des Friedensrats erfolgt. Zuvor habe sich gezeigt, dass die radikal‑islamistische Hamas ihre Verpflichtungen verletzt und den Zeitplan für ihre Entwaffnung nicht eingehalten habe. Auch für diese Information gab es keine Bestätigung.

Reuters hatte jedoch kürzlich ebenfalls von einer Karte berichtet, die ein neues Sperrgebiet mit einer orangefarbenen Linie markierte.

"Gelbe Linie" bereits verlegt

Schon die aktuellen 64 Prozent sind deutlich mehr, als Israel eigentlich im Rahmen des Waffenstillstands zugestanden worden waren.

Die ursprünglich "Gelbe Linie" verschaffte Israel nur die Kontrolle über etwa 53 Prozent des Gazastreifens, der Rest sollte von der Hamas ​beherrscht werden, die von der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft wird.

Reuters hat zuletzt berichtet, dass Israel die Betonblöcke, die die "Gelbe Linie" ​vor Ort markieren, tiefer ‌in von der Hamas kontrolliertes Gebiet verlegt hat.

Flüchtlinge im eigenen Land

Die palästinensische Bevölkerung wird damit auf ein immer kleiner werdendes Gebiet gedrängt. Viele leben ohnehin schon in katastrophalen Verhältnissen und sind in den vergangenen Jahren schon mehrfach geflohen.

Laut dem jüngsten IPC-Bericht hat sich die Lage zwar etwas verbessert. Aber noch immer seien rund 1,6 Millionen Menschen im Gazastreifen - 77 Prozent der Bevölkerung - von hoher akuter Ernährungsunsicherheit betroffen, darunter mehr als 100.000 Kinder.

Das IPC-System (Integrated Food Security Phase Classification) ist ein international anerkanntes Instrument zur Messung und Klassifizierung von Hunger und Ernährungssicherheit.

Auch die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. "Schutt, Müll und Exkremente türmen sich in den Straßen, Kinder werden von Ratten gebissen und Krankheiten wie Durchfall breiten sich aus", heißt es in einem Bericht des UN-Kinderhilfswerks vom Mai 2026. Immer mehr Kinder benötigten laut UNICEF eine Behandlung im Krankenhaus, doch in Gaza sei kein Krankenhaus voll funktionsfähig.

"Pufferzone" gegen Angriffe auf Israelis

Netanjahu bezeichnet die von Israel in Gaza, aber auch in Syrien und ‌im Libanon eroberten Gebiete als "Pufferzonen" gegen mögliche militante Angriffe auf Israelis. Die Palästinenser betrachten die Ausweitung ‌der ​Zone in Gaza indes als Teil einer israelischen Strategie, sie dauerhaft zu vertreiben. Sie verweisen dabei auf Äußerungen hochrangiger Minister, darunter Verteidigungsminister Israel Katz, wonach Israel eine "freiwillige Migration" aus Gaza fördern wolle.

Auslöser des Krieges war ⁠ein Angriff der Hamas auf israelisches Gebiet vom Gazastreifen aus am 7. Oktober 2023. Dabei wurden nach israelischen Angaben rund 1200 ⁠Menschen getötet und 251 als Geiseln ​verschleppt. Auf den Angriff hatte Israel mit einer massiven Militär-Offensive reagiert. Dabei wurden nach palästinensischen Angaben rund 70.000 Palästinenser getötet und mehr als 100.000 verletzt. Zudem wurden Wohnhäuser, Straßen und andere Infrastruktur in dem kleinen Gebiet mit seinen rund zwei Millionen Einwohnern zerstört.

Mit Material von Reuters und dpa

Author Stephanie Höppner
Item URL https://www.dw.com/de/gazastreifen-israel-weitet-zugriff-immer-weiter-aus/a-77380941?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption "Von allen ‌Seiten unter Druck": Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu will die Kontrolle im Gazastreifen ausweiten
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Item 16
Id 77381028
Date 2026-06-01
Title Konflikt zwischen Israel und Libanon: Lösung nicht in Sicht
Short title Konflikt zwischen Israel und Libanon: Lösung nicht in Sicht
Teaser Israel rückt im Libanon weiter vor und erhöht damit den Druck auf die Hisbollah. Experten warnen, die Offensive rücke eine politische Lösung in weitere Ferne.
Short teaser Experten warnen, die Offensive Israels erschwere Verhandlungen und rücke eine politische Lösung in weitere Ferne.
Full text

Israel zeigt sich entschlossen: Seit dem vergangenen Wochenende weht die israelische Flagge auf der Festung Beaufort im Süden des Libanon. Derzeit kommt es zu Kämpfen zwischen dem israelischen Militär und der mit dem Iran verbündeten schiitischen Hisbollah-Miliz im südlichen Libanon. Die Hisbollah wird von den USA, Deutschland und mehreren sunnitischen arabischen Staaten als Terrororganisation eingestuft.

Eine Reise der deutschen Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) in den Libanon wurde aus Sicherheitsgründen kurzfristig abgebrochen. Während des Anflugs auf Beirut sei die Entscheidung wegen der sich zuspitzenden Sicherheitslage getroffen worden, teilte eine Sprecherin mit.

Zuvor hatten der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Israel Katz Angriffe auf "terroristische Ziele der Hisbollah" in den südlichen Vororten Beiruts angeordnet. Die Angriffe seien eine Reaktion auf wiederholte Verstöße gegen die Waffenruhe, erklärte die israelische Regierung.

Der Iran machte Israels Vorgehen unterdessen für das Ausbleiben eines Waffenstillstandsabkommens mit den USA verantwortlich. Libanesische Medien berichteten von Fluchtbewegungen aus den südlichen Vororten Beiruts; der libanesische Präsident Joseph Aoun sprach von einer "brutalen israelischen Aggression".

"Man spürt die Anspannung"

Wie angespannt die Lage inzwischen ist, beschreibt Merin Abbass, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut. Zwar gelte offiziell weiterhin eine Waffenruhe, tatsächlich laufe der Konflikt aber weiter. "Seit heute gibt es zudem konkrete Drohungen, die südlichen Vororte Beiruts zu bombardieren. Die ersten Evakuierungen haben bereits stattgefunden. Man spürt die Anspannung", sagt Abbas, der vor Ort in Beirut ist, im DW-Interview.

Die Eskalation wirft eine zentrale Frage auf: Was will Israel mit seinem militärischen Vorgehen erreichen? Offiziell geht es um die Schwächung und letztlich die Entwaffnung der Hisbollah. Nach israelischer Darstellung stellen deren Raketen- und Drohnenangriffe auf Nordisrael weiterhin eine unmittelbare Bedrohung dar.

Abbas verweist auf den innenpolitischen Druck, unter dem die israelische Regierung stehe. "Innerhalb Israels gibt es deutliche Kritik daran, dass der Kampf gegen die Hisbollah nicht entschlossen genug geführt werde." Das Vorrücken bis nördlich des Litani-Flusses zeige, dass die bisherige Strategie aus israelischer Sicht nicht ausreiche.

Auch Jan Wilkens, Nahost-Wissenschaftler am German Institute for Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg, sieht hinter dem Vorgehen das Ziel, die Hisbollah militärisch zu schwächen.

Zugleich verweist er auf die politischen Kosten der Offensive. "Aus völkerrechtlicher Perspektive sehen wir weiterhin einen fundamentalen Bruch der staatlichen Souveränität", sagt Wilkens im DW-Interview.

Sorge um politische Lösungen

Tatsächlich wächst unter Beobachtern die Sorge, dass Israels Vorgehen jene Kräfte im Libanon schwächt, die auf eine politische Lösung setzen. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) warnt, die Angriffe könnten staatliche Institutionen untergraben und damit indirekt die Argumentation der Hisbollah stärken, wonach allein bewaffneter Widerstand Sicherheit garantieren könne.

Ähnlich argumentiert Wilkens. Die Offensive verkleinere den Handlungsspielraum der libanesischen Regierung erheblich. "Die Basis für eine Vereinbarung, mit der alle Seiten dauerhaft leben können, schrumpft, je stärker Israel versucht, dem Libanon eine einseitige Lösung aufzuzwingen."

Nach Einschätzung von Abbas von der Friedrich-Ebert-Stiftung liegt der Kern des Problems in einer grundlegenden Asymmetrie. "Auf der einen Seite steht ein militärisch sehr starkes Israel, auf der anderen ein vergleichsweise schwacher libanesischer Staat." Während Israel auf einer weiteren Bekämpfung der Hisbollah bestehe, fordere die Regierung in Beirut, die kaum Einfluss auf die Hisbollah hat, zunächst die Einhaltung der Waffenruhe und die Rückkehr der Vertriebenen. "Seit Beginn der Gespräche hat sich an diesen Positionen kaum etwas geändert."

Hinzu komme, dass die Hisbollah selbst wenig Interesse an den Verhandlungen habe. Die fortgesetzten Raketen- und Drohnenangriffe auf Nordisrael könnten auch als Versuch verstanden werden, den diplomatischen Prozess zu sabotieren.

Zugleich warnte Wilkens davor, dass die Verhandlungen zunehmend dazu dienten, militärische Realitäten politisch abzusichern. "Das Vorrücken verengt den Verhandlungsspielraum für eine breite, konsensfähige Lösung."

Welche Rolle spielen die USA?

Eine Schlüsselrolle spielen die Vereinigten Staaten. Sie sind nicht nur Israels wichtigster Verbündeter, sondern zugleich die einzige externe Macht mit erheblichem Einfluss auf beide Seiten.

Das Washington Institute plädiert dafür, die Entwaffnung der Hisbollah-Miliz schrittweise voranzutreiben und die libanesischen Streitkräfte stärker zu unterstützen. Denkbar seien zudem Vermittlungs- und Koordinierungsfunktionen zwischen Beirut und Jerusalem.

Für Abbas bleibt jedoch entscheidend, dass militärischer Druck allein keine Lösung hervorbringen wird. "Man sollte durchaus Verständnis dafür haben, dass Israel seine Bevölkerung schützen und sich verteidigen möchte. Gleichzeitig wäre eine umfassende Zerstörung von Stadtvierteln der libanesischen Hauptstadt aus meiner Sicht unverhältnismäßig."

Deeskalation nur unter klaren Bedingungen

Eine Entschärfung des Konflikts sei weiterhin möglich, sagt Wilkens. Voraussetzung sei jedoch ein Ende der Gewalt. "Die Hisbollah muss ihre Kampfhandlungen einstellen, gleichzeitig muss sich Israel vom libanesischen Territorium zurückziehen." Erst dann könne eine Grundlage für tragfähige Verhandlungen entstehen.

Abbas fordert derweil stärkeren internationalen Druck. "Wenn ganze Städte und Dörfer zerstört werden, genügt es nicht, lediglich Besorgnis auszudrücken. Dann bedarf es deutlich klarerer politischer Reaktionen."

Ob es dazu kommt, ist offen. Fest steht jedoch: Je weiter die militärische Eskalation voranschreitet, desto schwieriger wird ein politischer Ausweg. Genau darin liegt derzeit die größte Gefahr - für Israel, den Libanon und die gesamte Region.

Author Kersten Knipp
Item URL https://www.dw.com/de/konflikt-zwischen-israel-und-libanon-lösung-nicht-in-sicht/a-77381028?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption 1. Juni 2026: Menschen fliehen nach dem israelischen Angriffsbefehl aus dem Süden des Libanon in den Norden des Landes
Image source Mohamed Azakir/REUTERS
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Item 17
Id 77378324
Date 2026-06-01
Title Serbien: Aus für die letzten kritischen Medien?
Short title Serbien: Aus für die letzten kritischen Medien?
Teaser Die Eigentümer von Euronews übernehmen mehrere regierungskritische Medien in Serbien. Journalisten und Publikum fürchten, dass weitere kritische Stimmen in dem Westbalkanland verstummen.
Short teaser Die Eigentümer von Euronews übernehmen regierungskritische Medien in Serbien. Journalisten und Publikum sind alarmiert.
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Als sich Ende Mai erneut Zehntausende Menschen auf dem Slavija-Platz in Serbiens Hauptstadt Belgrad zum Protest versammelt hatten, teilte N1-Chefredakteur Branislav Sovljanski eine Grafik auf X: Mehr als die Hälfte aller Zuschauer des Kabelanbieters SBB, auf dem N1 ausgestrahlt wird, hatte in diesem Moment den TV-Sender eingeschaltet, der die Demonstration live übertrug.

Eine Woche später klang Sovljanski deutlich vorsichtiger: Die Sorgen des Publikums um die redaktionelle Unabhängigkeit von N1 seien berechtigt - aber an der Arbeit des Medienunternehmens habe sich bislang nichts geändert. "Das wird auch so bleiben, solange unser Redaktionsteam hier ist", so Sovljanski weiter. "Das können wir unserem Publikum garantieren."

Kurz zuvor hatte der britische Investmentfonds BC Partners den Verkauf des Mediennetzwerks Adria News Network (ANN) an die portugiesische Beteiligungsgesellschaft Alpac Capital bestätigt, laut Medienberichten für 30 Millionen Euro. Vorbehaltlich der Zustimmung der Behörden soll N1 in Serbien, Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Slowenien den Besitzer wechseln. Hinzu kommen die serbische TV-Station Nova und die gleichnamige Zeitung, die Tageszeitung Danas, das Magazin Radar sowie Anteile an der Tageszeitung Vijesti in Montenegro.

"Franchise für Autokraten"

Alpac besitzt bereits das Euronews-Netzwerk, das 1993 als paneuropäischer Nachrichtensender gegründet wurde. Seit der Übernahme durch Alpac 2022 sei der Sender zum "Megafon der europäischen Rechten" geworden, sagen Kritiker. Andere sprechen von einer "Franchise für Autokraten", mit der Regierungen ihr Image medial aufpolieren könnten - von Serbien bis Georgien.

Alpac-Chef Pedro Vargas David gilt als enger Vertrauter des ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban. Sein Vater Mario David war Europaabgeordneter und langjähriger Orban-Berater. "Die Käufer schaffen kein Vertrauen", meint Zeljko Bodrozic, Vorsitzender des Unabhängigen Journalistenverbands Serbiens (NUNS).

Vorbereitung auf die Wahlen?

In Serbien sorgt der Deal für Unruhe. Kritiker sagen, Präsident Aleksandar Vucic, der das Land seit 2012 dominiert, kontrolliert bereits die nationalen Fernsehsender und die Boulevardmedien in dem EU-Kandidatenland auf dem Westbalkan. Allein im vergangenen Jahr absolvierte Vucic mehr als 400 Medienauftritte.

Vucic verspricht höhere Löhne und Investitionen - und bezeichnet die seit über eineinhalb Jahren anhaltenden Studentenproteste in Serbien als aus dem Ausland gesteuerte "farbige Revolution". N1 und andere kritische Medien würden junge Menschen "aufhetzen". Die Protestbewegung wiederum wirft Vucic Korruption, Verbindungen zur organisierten Kriminalität und Wahlmanipulation vor.

Auslöser der Proteste war der Einsturz des Vordachs am frisch renovierten Bahnhof von Novi Sad im November 2024, bei dem 16 Menschen starben. Die Studenten fordern Neuwahlen und wollen mit einer eigenen Liste antreten. Vucic stellt Wahlen in Aussicht, nennt aber keinen Termin.

Umfragen deuten darauf hin, dass es bei Wahlen zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der Studentenliste und Vucics Serbischen Fortschrittspartei (SNS) und deren Verbündeten kommen könnte. "Die Idee ist, uns vor den Wahlen zum Schweigen zu bringen", kommentiert ein Journalist eines regierungskritischen Mediums gegenüber der DW. "Jetzt werden wir verkauft. Vucic hat diese Schlacht gewonnen."

Verhaltene Kritik aus der EU

Noch im Februar hatte ANN gegenüber der DW erklärt, ein Verkauf sei nicht geplant. Entlassungen werde es nicht geben, die redaktionelle Unabhängigkeit bleibe gewahrt. Was hat sich seither geändert? Der britische Journalist Brent Sadler, der bei ANN redaktionell und geschäftlich verantwortlich ist, beantwortete Fragen der DW bis heute nicht.

Sollten N1 und die Schwesterredaktionen ihre kritische Linie aufgeben, bliebe in Serbien kein größerer Fernsehsender ohne staatlichen Einfluss, sagen Kritiker. Über diesen Sorgen habe NUNS die Europäische Journalisten-Föderation und andere Organisationen informiert, so Bodrozic. Die Kritik aus der EU an der Regierung des Beitrittskandidaten Serbien bleibt dennoch verhalten.

Zu den "Problemen" von N1 hat sich Präsident Vucic bereits mehrfach geäußert. Einfluss auf den Verkauf habe er nicht, betont er. "Es kommt mir nicht in den Sinn", so Serbiens Staatschef, "Fernsehsender zu verbieten" - auch wenn diese ständig zum Sturz der verfassungsmäßigen Ordnung aufriefen.

Author Nemanja Rujevic
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Image caption Die portugiesische Beteiligungsgesellschaft Alpac Capital, Besitzer von Euronews, kauft das Adria News Network (ANN), zu dem der TV-Sender N1 gehört
Image source Jelena Djukic Pejic/DW
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Item 18
Id 77320131
Date 2026-06-01
Title Jerusalem: Gewalt gegen Christen nimmt zu
Teaser Angriffe auf Christen in Israel haben drastisch zugenommen. Und sie werden immer hemmungsloser. Die Politik tue zu wenig, um das zu verhindern, sagen Kritiker. Viele Christen denken ans Auswandern.
Full text

In Jerusalem erlebt Abt Nikodemus C. Schnabel wachsende Anfeindungen: Täglich wird er bespuckt und beschimpft, inzwischen sogar am helllichten Tag, sogar von Soldaten. Auch andere Christen berichten von zunehmender Gewalt und Einschüchterung. Kürzlich sorgte ein Video im Internet für Empörung: Eine Nonne wird am helllichten Tag brutal umgestoßen und fällt mit dem Gesicht auf einen Bordstein.

Israelische Organisationen für interreligiösen Diskurs verzeichnen mehr Übergriffe und kritisieren Politik und Behörden für ihre laxe Haltung zu dem Problem. Ultrarechte Kräfte in Israel heizen die Spannungen gar an. Inzwischen fühlen sich viele Christen alleingelassen und denken ans Auswandern. Doch Abt Schnabel will die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben der Religionen nicht aufgeben.

Author Jan-Philipp Scholz
Item URL https://www.dw.com/de/jerusalem-gewalt-gegen-christen-nimmt-zu/video-77320131?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Israelische Organisationen dokumentieren eine zunehmende Zahl Angriffe auf Christen
Image source Florion Goga/REUTERS
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Item 19
Id 77311754
Date 2026-06-01
Title Serie von Anschlägen in Mosambik: Wer steckt dahinter?
Short title Serie von Anschlägen in Mosambik: Wer steckt dahinter?
Teaser Tödliche Gewalt erschüttert Mosambik. Besonders betroffen ist die Oppositionspartei ANAMOLA. Die Regierung spricht von Einzelfällen. Opposition und Zivilgesellschaft sehen jedoch Indizien für politische Auftragsmorde.
Short teaser Angesichts zunehmender Gewalt gegen Oppositionspolitiker sprechen Beobachter von Indizien für politische Auftragsmorde.
Full text

Die tödlichen Schüsse fielen am 9. Mai 2026. Anselmo Vicente, Koordinator der ANAMOLA-Partei in Chimoio in der zentralmosambikanischen Provinz Manica, wurde vor seinem Wohnhaus regelrecht hingerichtet. Laut Polizei war er gerade von einem Parteitreffen nach Hause zurückgekehrt. Nur wenige Tage später, am 15. Mai, stirbt mit Pedro Chauke ein weiteres ANAMOLA-Mitglied in der südmosambikanischen Provinz Gaza. Chauke wurde in seinem Haus erschossen, Zeugen beschreiben die Täter als "skrupellos und professionell".

Beobachter zählen beide Fälle zu einer eskalierenden Gewaltserie gegen Oppositionelle im ganzen Land. Besonders betroffen sind Anhänger der "Nationalen Allianz für ein freies und autonomes Mosambik", ANAMOLA, die Oppositionspolitiker Venâncio Mondlane nach den umstrittenen Wahlen vom 9. Oktober 2024 gegründet hatte.

Mondlane: Über 50 Tote

Im Exklusivinterview mit der DW erhebt ANAMOLA-Chef Venâncio Mondlane schwere Vorwürfe gegen Regierung, Justiz und Sicherheitskräfte in Mosambik. Diese seien "zumindest mitverantwortlich" für die Gewalt gegen seine Anhänger. Seit der Gründung der Partei im August 2025 seien 56 Mitglieder getötet worden, sagte Mondlane in dem Interview wenige Tage nach der Ermordung Vicentes, noch vor dem Mord an Pedro Chauke. Zudem habe ANAMOLA 436 Fälle von Gewalt dokumentiert, darunter Angriffe und Brandanschläge.

Mondlane, der die Wahl 2024 als manipuliert bezeichnet und landesweite Proteste angeführt hatte, spricht von gezielter politischer Repression seitens der Regierung von Präsident Daniel Chapo: "Die Regierung ist Komplize dieser Morde." Beweise habe seine Partei den Behörden übergeben, bislang ohne Konsequenzen.

Sind "Todesschwadronen" am Werk?

Seit Jahren gibt es in Mosambik Vorwürfe, wonach sogenannte "Todesschwadronen" ("esquadrões da morte") gezielt gegen Kritiker des Staates vorgehen sollen. Bereits während des Bürgerkriegs zwischen der Regierungspartei FRELIMO und der ehemaligen Rebellenbewegung RENAMO (1977-1992) kam es auf beiden Seiten zu schweren Menschenrechtsverletzungen und politischen Tötungen. Besonders seit etwa 2015 berichten Aktivisten, Journalisten und Menschenrechtsorganisationen erneut über mutmaßlich organisierte Gruppen innerhalb der Sicherheitskräfte, die Oppositionelle und kritische Stimmen einschüchtern oder ermorden sollen. Die Vorwürfe richten sich dabei vor allem gegen Einheiten der Polizei und anderer Sicherheitsorgane, denen eine Nähe zur regierenden FRELIMO nachgesagt wird.

Die Regierung in Maputo und die regierende FRELIMO-Partei weisen die Vorwürfe zurück. Der Sprecher der FRELIMO-Fraktion, Dias Letela, spricht von "Einzelfällen", die juristisch aufgearbeitet werden müssten. Ziel müsse sein, "die Schuldigen vor Gericht zu bringen". Die Regierung distanziere sich vollständig von den Morden.

Opposition: "Wer nicht folgt, stirbt"

ANAMOLA ist bislang nicht im Parlament vertreten, in dem die seit der Unabhängigkeit 1975 regierende FRELIMO derzeit 171 der 250 Parlamentssitze hält. Doch auch unter den drei derzeit im Parlament vertretenen Oppositionsparteien PODEMOS, RENAMO und MDM wächst die Nervosität.

Die MDM-Politikerin Judite Macuácua spricht von einem systemischen Problem. Kritische Stimmen würden von der ehemaligen marxistischen Befreiungsbewegung FRELIMO rigoros unterdrückt - notfalls mit Gewalt: "Jeder, der sich weigert, der offiziellen Linie zu folgen, dessen Urteil kann in Mosambik Tod lauten." Macuácua fordert unabhängige Ermittlungen und warnt vor einem Zusammenbruch politischer Freiheiten.

"Todesschwadronen greifen Demokratie an"

Auch zivilgesellschaftliche Gruppen fordern unabhängige Untersuchungen der Morde und Angriffe auf Oppositionspolitiker. Adriano Nuvunga, Direktor der Menschenrechtsorganisation CDD (Zentrum für Demokratie und Menschenrechte), spricht im DW-Interview von einem strukturellen Gewaltmuster: "In Mosambik gibt es ein extrem hohes Maß an politischer Intoleranz und Gewalt. Das war schon im Einparteienstaat so und hat sich auch seit Einführung des Mehrparteiensystems 1990 nicht grundlegend verändert. Die FRELIMO duldet weiterhin keinen Widerspruch."

Nuvunga erhebt schwere Vorwürfe gegen Regierung und staatliche Institutionen: "Was wir hier erleben, ist nicht nur ein demokratisches Defizit oder Staatsversagen. Wir haben es mit einem regelrecht kriminellen Staat zu tun." Die Angriffe seien systematisch organisiert: "In Mosambik gibt es Todesschwadronen. Und diese Todesschwadronen werden vom Staat eingesetzt. Sie töten, um Angst zu verbreiten, Opposition zu zerstören und Menschen von politischer Beteiligung abzuschrecken."

"Morde, Aggressionen, willkürliche Festnahmen"

Auch die Nichtregierungsorganisation DECIDE registriert seit den letzten Wahlen einen drastischen Anstieg politischer Gewalt gegen Oppositionelle. Sprecher Wilker Dias wirft der Regierung vor, Justiz und Staatsanwaltschaft zu kontrollieren. Mehrfach habe seine Organisation konkrete Fälle gemeldet - ohne sichtbare Ermittlungsfortschritte.

"Es geht um Morde an Mitgliedern politischer Parteien, aber auch um Angriffe, willkürliche Festnahmen und andere Formen politischer Verfolgung", sagt Dias der DW.

Viele Fälle könnten von Polizei und Justiz nicht aufgeklärt werden. Dies deute darauf hin, dass Angehörige sogenannter Todesschwadronen beteiligt sein könnten, wie es sie bereits im Einparteienstaat gegeben habe. "Die plausibelste Hypothese ist, dass diese Angriffe aus politischen Gründen erfolgen."

Viele Fragen, wenig Antworten

Ähnlich äußert sich die Anwaltskammer von Mosambik (OAM), die lange als regierungsnah galt. In einer offiziellen Mitteilung bezeichnete sie die jüngsten politisch motivierten Morde als "schwerwiegenden Angriff" auf Leben und Demokratie und forderte unabhängige Ermittlungen. Der mosambikanische Staat zeige sich nicht in der Lage, eine seiner grundlegenden Aufgaben zu erfüllen: die Sicherheit seiner Bürger zu gewährleisten.

Für den Menschenrechtsaktivisten und Anwalt Wilker Dias sind deutliche öffentliche Mitteilungen, wie die der OAM, ein Zeichen dafür, dass sich zunehmend Widerstand gegen politische Gewalt und Repression in Mosambik formiert.

Author Antonio Cascais
Item URL https://www.dw.com/de/serie-von-anschlägen-in-mosambik-wer-steckt-dahinter/a-77311754?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/73871315_607.jpg
Image caption Mosambik: Gewalt gegen Oppositionspolitiker durch "Todesschwadronen". Es gibt Vorwürfe gegen Einheiten der Polizei und anderer Sicherheitsorgane, mit Nähe zur regierenden FRELIMO.
Image source DW
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Item 20
Id 77350414
Date 2026-06-01
Title Wahl in schwieriger politischer Lage in Äthiopien
Short title Wahl in schwieriger politischer Lage in Äthiopien
Teaser Äthiopien wählt ein neues Parlament. Die siebte nationale Wahl erfolgt inmitten wachsender Konkurrenz um Einfluss am Horn von Afrika sowie verschärfter Spannungen zwischen Addis Abeba und Kairo um den Nil.
Short teaser Die Parlamentswahl in Äthiopien findet vor dem Hintergrund eines Machtkampfs um Einfluss am Horn von Afrika statt.
Full text

An diesem Montag sind Millionen Äthiopierinnen und Äthiopier zur Wahl aufgerufen. Das Land steht dabei vor erheblichen inneren Sicherheitsproblemen und einer zunehmenden Konkurrenz um Macht und Einfluss am Horn von Afrika.

Regionale Rivalitäten

Regionale Akteure wie Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, die Türkei und Israel versuchen, ihren Einfluss in der strategisch wichtigen Region auszubauen, die bereits durch den Konflikt im Sudan und Spannungen rund um das Rote Meer destabilisiert ist.

Analysten zufolge prägt die Rivalität zwischen Addis Abeba und Kairo um den Nil und den Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD) weiterhin die regionale Politik - einschließlich gegensätzlicher Bündnisse im sudanesischen Bürgerkrieg.

Zersplitterte Opposition

Die Oppositionsparteien seien vor dieser Wahl zersplittert und geschwächt, sagt Kebour Ghenna, Direktor der Organisation Initiative Africa und früherer Oppositionskandidat. "Die äthiopischen Wahlen sind weniger ein echter demokratischer Wettbewerb als vielmehr ein Mechanismus zur Aufrechterhaltung staatlicher Legitimität - in einem Umfeld geschwächter Opposition, regionaler Instabilität und wachsender geopolitischer Konkurrenz am Horn von Afrika", sagt er der DW in Addis Abeba.

Die Regierung weist Vorwürfe zurück, wonach der politische Handlungsspielraum enger werde. Regierungsvertreter verweisen auf Reformen der Nationalen Wahlbehörde Äthiopiens (NEBE), darunter eine digitale Wählerregistrierung und neue Kontrollsysteme. Zudem seien die Oppositionsparteien selbst für ihren Niedergang verantwortlich. Nach Angaben der NEBE haben sich mehr als 50 Millionen Menschen registrieren lassen. Mehr als 10.400 Kandidatinnen und Kandidaten verschiedener Parteien sowie unabhängige Bewerber treten auf Bundes- und Regionalebene an.

Sudan-Konflikt verschärft Spannungen

Sudanesische Behörden beschuldigten die Vereinigten Arabischen Emirate, Drohnenangriffe auf den Flughafen von Khartum vom äthiopischen Flughafen Bahir Dar aus gestartet zu haben. Äthiopien bezeichnete die Vorwürfe als haltlos und warf dem Sudan seinerseits vor, bewaffnete Gruppen innerhalb Äthiopiens zu unterstützen. Der Sudan beschuldigt die Emirate seit Längerem, die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) im inzwischen dreijährigen Bürgerkrieg zu unterstützen. Abu Dhabi weist dies zurück und erklärt, man strebe ein Ende des Konflikts durch Verhandlungen an.

Obwohl regionale Sicherheitsfragen im Wahlkampf eine wichtige Rolle spielen, sorgen sich viele Äthiopier vor allem um andere Themen. "Außenpolitische Themen haben für gewöhnliche Wähler in Äthiopien und Afrika generell nur begrenzten Einfluss - verglichen mit unmittelbaren sozialen und wirtschaftlichen Problemen wie Inflation, Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Korruption, steigenden Transportkosten und sinkendem Lebensstandard", sagt Kebour.

Analysten warnen zudem, dass Spannungen im Nahen Osten - insbesondere zwischen dem Iran, Israel und den Golfstaaten - auf das Horn von Afrika übergreifen könnten. Die Rivalitäten zwischen saudi- und türkeinahen Staaten einerseits und Ländern mit engeren Beziehungen zu den Emiraten und Israel andererseits verschärfen sich. Besonders Somaliland, die international nicht anerkannte Region im Norden Somalias, entwickelt sich zunehmend zu einem Brennpunkt.

Somilands Anerkennung durch Israel Ende 2025 verärgerte Somalia und führte zu Drohungen der mit Teheran verbündeten Huthi-Miliz im Jemen. Huthi-Führer Abdul-Malik al-Huthi erklärte laut der Nachrichtenagentur dpa, "jede israelische Präsenz in Somaliland" werde von den Huthi-Streitkräften als militärisches Ziel betrachtet.

Naher Osten in Somaliland präsent

Moses Chrispus Okello, leitender Forscher am Institute for Security Studies (ISS) in Addis Abeba, sieht ein hohes Eskalationsrisiko in Somaliland, wo Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate Interessen verfolgen. Auch im benachbarten Dschibuti könnten die Spannungen zunehmen, da dort die USA und weitere internationale Akteure militärisch präsent seien. Okello betont im DW-Interview, die Huthi hätten sich bislang nicht am Krieg der USA und Israels gegen den Iran beteiligt. Jede Eskalation im Nahen Osten erhöhe jedoch die Wahrscheinlichkeit eines Eingreifens.

"Sie haben in der Vergangenheit deutlich gemacht, dass jeder Freund Israels als Feind betrachtet wird. Selbst wenn sie sich derzeit zurückhalten, bedeutet das nicht, dass sie ihre Aktivitäten nicht sehr schnell wieder aufnehmen könnten", sagt er der DW. Sollte Israel seine Sicherheitspräsenz in Somaliland ausbauen, könnte dies nach Ansicht Okellos erneut Spannungen zwischen Somalia und Äthiopien auslösen. Bereits ein Memorandum of Understanding aus dem Jahr 2024 hatte Streit verursacht: Äthiopien wollte darin Zugang zum Roten Meer und wichtigen Handelsrouten erhalten - im Gegenzug für eine formelle Anerkennung Somalilands.

"Wenn Israel seine Aktivitäten verstärkt und diese mit anderen Beziehungen unter Einbeziehung Äthiopiens und Abu Dhabis verknüpft, könnte sich der Konflikt auf weitere Schauplätze ausweiten", sagte Okello.

Priyal Singh, ISS-Forscher in Pretoria, sieht in Israels Somaliland-Politik eher langfristige strategische Ziele. Eine militärische Zusammenarbeit halte er kurzfristig jedoch für unwahrscheinlich. "Ich erwarte vorerst keine harte sicherheitspolitische Kooperation zwischen Somaliland und Israel, weil die Lage rund um Iran weiterhin sehr dynamisch ist", sagt er der DW.

Spannungen zwischen Äthiopien und Eritrea halten an

Ministerpräsident Abiy Ahmed betont seit Jahren, das Binnenland Äthiopien brauche einen verlässlichen Zugang zum Meer. Dabei wird häufig der eritreische Hafen Assab genannt, der nur rund 75 Kilometer von der äthiopischen Grenze entfernt liegt - sehr zur Sorge der Regierung in Asmara.

Die International Crisis Group warnte bereits im Februar, Streitigkeiten über den Zugang zum Meer und regionale Sicherheitsfragen könnten Äthiopien und Eritrea erneut in einen Konflikt treiben. Okello hält einen unmittelbaren Kriegsausbruch jedoch derzeit für weniger wahrscheinlich - auch wegen der Spannungen im Nahen Osten.

"Ein Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien würde die USA, die Emirate und andere Akteure zusätzlich belasten, die bereits stark im Nahen Osten eingebunden sind. Das würde die sogenannten mittleren Supermächte auf zu viele Konfliktschauplätze gleichzeitig verteilen", sagt er.

Die USA haben in diesem Monat ihre Beschränkungen für Waffenexporte nach Äthiopien aufgehoben. Die Maßnahmen waren während des Tigray-Krieges verhängt worden. Berichten zufolge erwägt Washington zudem, einige Sanktionen gegen Eritrea zu lockern oder ganz aufzuheben.

Während sich Äthiopien auf die Wahl vorbereitet, blicken viele Menschen mit Unsicherheit auf die Zeit danach - in einer Region, die zunehmend von Unsicherheit, wirtschaftlichen Problemen und geopolitischen Rivalitäten geprägt ist.

Aus dem Englischen adaptiert von Antonio Cascais

Author Eskinder Firew
Item URL https://www.dw.com/de/wahl-in-schwieriger-politischer-lage-in-äthiopien/a-77350414?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption In Äthiopien wird gewählt - doch die Spannungen im Land und in der Region halten an
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Item 21
Id 77229484
Date 2026-05-31
Title Äthiopien wählt - droht ein Flächenbrand am Horn von Afrika?
Short title Äthiopien wählt - droht ein Flächenbrand am Horn von Afrika?
Teaser Äthiopien steht am Rande eines Krieges. Die Opposition wird unterdrückt und in Tigray wird nicht gewählt. Die Wahlen würden die Lage im Land nicht grundlegend verändern, glauben Experten.
Short teaser Äthiopien steht am Rande eines Krieges. Die Wahlen würden die Lage nicht grundlegend verändern, glauben Experten.
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Mit der Parlamentswahl an diesem Montag erhoffen sich Äthiopier Verbesserungen in ihrem Alltag. "Auch wenn ich mit der aktuellen wirtschaftlichen Lage nicht zufrieden bin, glaube ich, dass die regierende Partei "Prosperity" an der Macht bleiben wird", sagt ein 50-jähriger Mann in Addis Abeba der DW.

"Wenn der Frieden ins Land zurückkehrt, könnte es zu einer echten Entwicklung kommen. Das würde das derzeitige Inflationsproblem entschärfen." Auch ein 35-jähriger Wähler setzt Hoffnungen in die demokratischen Wahlen: "Ich hoffe, dass sie Frieden und Stabilität bringen werden", sagt er der DW.

Hoffnung auf Stabilität

"Wahlen sind immer gut", sagt ein 26-Jähriger. "Aber den Problemen der Menschen, die mit Inflation zu kämpfen haben, wird zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt." Als junger Bürger sei er sehr besorgt über die Abwanderung vieler junger Äthiopier in andere Länder, weil es keine Arbeit gebe.

Entgegen allen Hoffnungen der notleidenden Menschen rechnen Experten damit, dass die Lage in einem der einwohnerstärksten Länder Afrikas fragil bleibt. "Die Wahlen in Äthiopien werden eine rein formale Angelegenheit sein, die der Regierung Legitimität verleiht. Es gibt keine Möglichkeit, die Regierung durch die Wahlen zu ändern oder herauszufordern", sagt Kjetil Tronvoll, Friedens- und Konfliktforscher am Oslo New University College. Sie sei eher eine symbolische Übung als ein politischer Wettstreit, schließt er.

Ähnliche Kritik kommt von politischen Parteien: Die Koalition für die Einheit Äthiopiens (CEU) - ein Bündnis aus mehreren Oppositionsparteien - forderte vorab, "den Krieg zu beenden, politische Gefangene freizulassen, den politischen Spielraum zu erweitern und Gespräche mit der echten Opposition und den Eliten als Voraussetzung für die Wahlen zu führen", so sagte es Pressesprecher Getnet Worku der DW.

Abraham Getu, Vorsitzender der CEU, betonte, die Umstände der Wahlen würden Ausschlag geben, ob die Koalition im Rennen bleibt oder sich zurückzieht. "Die Entscheidung wird von den aktuellen Gegebenheiten geleitet werden."

Experten: Wahlergebnis steht schon fest

Die Nationale Wahlkommission Äthiopiens (NEBE) hat Zahlen veröffentlicht, die auf den ersten Blick eine intakte Demokratie widerspiegeln: Demnach treten knapp 2100 Kandidaten für das nationale Parlament an, mehr als 8000 weitere für die Regionalparlamente. Sie gehen für 47 registrierte politische Parteien, teils auch als unabhängige Kandidaten ins Rennen.

Doch die regierende Prosperity Party hat die besten Startchancen: Sie hält aktuell 457 Parlamentssitze. In mehr als 60 der 547 Wahlkreise für das nationale Parlament stellt sie jetzt den einzigen Kandidaten - und ist als einzige Partei fast flächendeckend im Rennen. Allein die Partei EZEMA bewirbt sich mit 293 Kandidaten noch auf mehr als die Hälfte der Sitze.

Experten sind sich einig: In der Tendenz wird das so bleiben. Damit würde auch der Premierminister, der vom neu gebildeten Parlament gewählt wird, der alte sein: "Die Äthiopier werden am 1. Juni Premierminister Abiy Ahmed mit ziemlicher Sicherheit mit einer Mehrheit von über 90 Prozent wiederwählen", sagt der politische Analyst Martin Plaut der DW. "Das hat er beim letzten Mal erreicht, und das wird er auch dieses Mal erreichen."

Auch Plaut sieht die Wahl als eine Form der Legitimation für die Regierung - für die meisten Äthiopier reine Formsache. "Ob dies echte Auswirkungen auf das Leben der einfachen Menschen haben wird, ist unklar. Und ob es dann zu weiteren Unruhen und zu Konflikten entweder mit der nördlichen Region Tigray führen wird oder Premierminister Abiy in die Lage versetzt, einen Krieg mit Eritrea zu beginnen oder sich in weitere Konflikte im Sudan zu verwickeln - das wissen wir einfach nicht."

Premierminister Abiy Ahmed kündigte an, die Wahl signalisiere Stabilität und Fortschritt. Doch der Friedensnobelpreisträger von 2019, damals für demokratische Reformen gewürdigt, steht heute an der Spitze einer Nation, die entlang verschiedener Konfliktlinien tief gespalten ist.

Während sich die Regierung unter Führung seiner Prosperity Party (die 2019 als Nachfolgerin der aufgelösten EPRDF gegründet wurde) auf die bevorstehenden Wahlen vorbereitet, hat Äthiopien mit weit verbreiteten Aufständen und der drohenden Gefahr eines Krieges mit Eritrea zu kämpfen.

Neuer Krieg in Tigray?

Die Bestrebungen der dominierenden Partei TPLF in Äthiopiens Region Tigray, ihre Kontrolle über die Region wiederherzustellen, könnten laut Analysten zu einem erneuten Krieg mit der äthiopischen Bundesregierung führen.

Die Tigray People's Liberation Front (TPLF) stand der Bundesregierung zwischen 2020 und 2022 in einem Bürgerkrieg gegenüber, der mindestens 600.000 Menschenleben forderte und mit einem Friedensvertrag endete. Seither sind kaum politische Fortschritte erzielt worden. Erst vor Kurzem setzte die alte Führungsgarde der TPLF das entmachtete Regionalparlament wieder ein und ernannte TPLF-Führer Debretsion Gebremichael zum Vorsitzenden - ein Machtspiel, das den Frieden bedroht.

Die TPLF regierte Äthiopien drei Jahrzehnte lang, wurde aber 2025 als politische Partei verboten. Premierminister Abiy sieht sich in Tigray einer starken Front gegenüber: Mutmaßlich unterstützen der Nachbar Eritrea und das sudanesische Militär die TPLF. Auch schüren Abiys Forderungen nach einem eigenen Zugang zum Roten Meer die Spannungen mit Eritrea.

Zudem kämpfen Fano-Milizen in der Region Amhara und die Oromo Liberation Army in Oromia gegen die äthiopische Armee. Die Miliz kontrolliert teils wichtige Städte und Straßen der Region Amhara.

"Die Wahlen könnten in bestimmten Regionen des Landes zu lokaler Instabilität führen", sagt Tronvoll. Die Fano-Amhara-Rebellen und Oromia hätten Erklärungen gegen die Durchführung der Wahlen abgegeben. "Daher könnten sie versuchen, den Wahlvorgang in den lokalen Gemeinschaften, in denen sie präsent sind, zu stören oder den Prozess anzugreifen."

"Keine demokratischen Wahlen"

Aufgrund der Feindseligkeiten nimmt Tigray nicht an den Wahlen an diesem Montag teil. Doch wie kann eine "freie und faire" Wahl stattfinden, wenn etwa ein Drittel des Landes unter einer Form der Notstandsherrschaft, der Kontrolle ethnischer Milizen oder einer aktiven politischen Pattsituation mit einer umstrittenen Interimsverwaltung steht?

Die Wahlen sind laut Plaut nicht demokratisch: "Das sind keine echten Wahlen, und nicht als solche zu betrachten." Auch stehe das Land deswegen nicht am Scheideweg. Die Gefahren lägen in der komplexen politischen Situation, die auch nach der Wahl weiterbestehen werde, sagt er mit Blick auf die wachsenden Spannungen zwischen Äthiopien, Eritrea und Sudan.

Die Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) sind Äthiopiens stärkste Verbündete, aber dem Golfstaat wird von UN-Experten und internationalen Beobachtern seit Langem vorgeworfen, die paramilitärische RSF-Miliz im Sudan - die Miliz kämpft gegen die sudanesische Armee - verdeckt mit Waffen, Drohnen und Geld zu beliefern. Das könnte die ganze Region destabilisieren, so Plaut.

Durch seinen politischen Kurs hat Abiy Ahmed seinen Rückhalt in der Volksgruppe Oromo, der größten ethnischen Gruppe Äthiopiens, laut Berichten weitgehend verloren. Abiy stammt aus einer multi-ethnischen Familie: Sein Vater ist Oromo, seine Mutter Amhara. Doch er verlässt sich laut Plaut auf keine Seite: "Er spielt ein Spiel, er weiß es, zu manipulieren."

Nicht nur Oppositionelle werden laut Berichten unterdrückt und verhaftet. Die Regierung greift auch hart gegen Journalisten durch: Im Oktober 2025 wurden zunächst alle neun lokalen Korrespondentinnen und Korrespondenten der DW temporär suspendiert. Im Dezember 2025 durften sieben von ihnen die Arbeit wieder aufnehmen - in den verbleibenden Fällen verschärfte die Behörde die Maßnahme und entzog zwei der DW-Journalisten dauerhaft die Akkreditierung.

In einem laut Tronvoll "explosiven" politischen Klima betrachten die meisten Äthiopier diese Wahlen als "ausgemachte Sache". Er fügt an: "Sie wissen, dass sie die Machtverhältnisse nicht infrage stellen werden. Daher distanzieren sich viele vom Wahlgeschehen."

Mitarbeit: Seyoum Getu Hailu (Addis Abeba)

Author Martina Schwikowski
Item URL https://www.dw.com/de/äthiopien-wählt-droht-ein-flächenbrand-am-horn-von-afrika/a-77229484?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed - hier bei seiner letzten Amtseinführung 2021 - dürfte am 1. Juni wiedergewählt werden
Image source Eduardo Soteras/AFP/Getty Images
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Item 22
Id 77365415
Date 2026-05-31
Title Idol Mozart - Die Suche nach Schönheit in Krisenzeiten
Short title Idol Mozart - Die Suche nach Schönheit in Krisenzeiten
Teaser Mozarts Musik steht für Leichtigkeit und Schönheit. In Krisenzeiten wurde er regelrecht zum Idol stilisiert. Für die Menschen eine Flucht aus der Realität? Das Mozartfest Würzburg findet andere Antworten.
Short teaser In Zeiten von Krieg und Zerstörung werden gerne die Ideale der Klassik beschworen. Doch warum muss es Mozart sein?
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Wenn die Welt aus den Fugen gerät, suchen Menschen nach Halt. "Gerade jetzt, wo die Welt von Krisen geprägt ist und derart bedroht wird durch Kriege, entsteht eine neue Sehnsucht nach etwas, das die Menschen verbindet", sagt Evelyn Meining, Intendantin des Mozartfests Würzburg.

Wolfgang Amadeus Mozarts Genie und die Schönheit seiner Musik wurden in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder in Krisenzeiten beschworen, auch in der Gegenwart. "Er ist als Komponist eine Symbolfigur, gerade wenn die Zeiten als überreizt und polarisierend empfunden werden", sagt Meining im Gespräch mit der DW. "Idol Mozart - beschworene Schönheit" lautet deshalb in diesem Jahr das Motto des größten Mozartfestivals in Deutschland.

Mozart als Idol der Moderne

Wie gewaltig und ergreifend Mozarts Musik wirkt, zeigte sich bei der Eröffnung des Festivals mit dem Mozarteumorchester Salzburg. Die Salzburger spielten Mozarts vorletzte Sinfonie in g-Moll. Dazu erklangen auch Werke der Moderne von Maurice Ravel und Sergej Prokofjew, die Mozart verehrt haben.

Ravel bewunderte Mozart als "Idol einer untergegangenen Zeit". "Er teilte mit Mozart die Auffassung, dass Musik bezaubern müsse", sagt Evelyn Meining. Mit dem Werk "Le Tombeau de Couperin" bezieht sich Ravel auf den Barockkomponisten François Couperin. "Es ist eine musikalische Schönheit, die sich durch Klarheit, Eleganz und melodische Linearität auszeichnet, wie bei Mozart", erläutert Meining. Das Werk hat Ravel zwischen 1914 und 1917 während des Ersten Weltkriegs komponiert und den Freunden gewidmet, die im Krieg gefallen waren.

Auch Sergej Prokofjew verehrte Mozarts klassische Sinfonien und ihre Eleganz. Sein zweites Violinkonzert schrieb er Mitte der 1930er-Jahre. Aus dem Exil zurückgekehrt, fand er in Russland unter Stalin ein Regime vor, das Massenverhaftungen und Gräueltaten an Menschen verübte. Prokofjew propagierte ein Ideal der "neuen Einfachheit" und komponierte anders als avantgardistische Kollegen wieder melodisch. Der gelungene Beweis ist sein Violinkonzert, bei dem die chinesische Geigerin Tianwa Yang als Solistin vom zarten Beginn bis zum stürmischen Schluss mit einer Schönheit durch die Kraft ihres Ausdrucks imponierte. Sie wurde mit frenetischem Applaus gefeiert.

Mozart als Held der Krise

Was heute als schön und leicht in Bezug auf Mozarts Musik empfunden wird, ist tief durchdacht und oft schwer zu spielen. "In seiner Zeit hat Mozarts Musik die Menschen immer wieder irritiert oder sogar provoziert und überfordert", sagt Evelyn Meining, so etwa mit zunehmend dissonanten Klängen und seiner musikalischen Komplexität.

Nach Mozarts Tod (1791) hat ihn seine Frau Constanze zum Genie stilisiert. "Man hat ihn als nationalen Geist gebraucht, um sich in dieser Spaltung der Nationen auf etwas verständigen zu können." Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Europa durch den Zusammenbruch des alten feudalen Systems durch die napoleonischen Kriege geprägt. Die Bürger wollten Freiheit und nationale Einheit, während Fürsten die absolutistische Herrschaft wiederherstellen wollten.

Im 20. Jahrhundert wurde Mozart nach dem Zusammenbruch des alten Europas durch die Weltkriege zur Sehnsuchtsfigur. "Da haben viele Künstler und Intellektuelle nach etwas gesucht, was Maß und Ordnung und Menschlichkeit verkörperte und ihnen Halt gab in Zeiten des Zusammenbruchs und des Schreckens." Mozart habe Licht in die dunklen Zeiten gebracht, sagt Meining.

Mozart bewundern, aber nicht vor Ehrfurcht erstarren

Die Sologeigerin Tianwa Yang sieht Mozart mit seiner Musik auch heute noch als Idol. "Für uns als Musiker ist er jemand, der nicht von dieser Welt ist. Jemand aus einem anderen Universum". Dennoch müsse man vor diesem Idol keine ängstliche Ehrfurcht haben. "Wenn man die Musik hört und mag, fühlt man sich dem Komponisten nahe und denkt, man verstehe ihn, was aber vielleicht nicht stimmt. Es gibt aber eine bestimmte Verbindung mit ihm beim Spielen der Musik und das zählt."

Tianwa Yang ist in diesem Jahr "Artiste Etoile", also Fokuskünstlerin des Mozartfests. Sie beschäftigt sich nicht nur mit den Klassikern, sondern vor allen Dingen mit Musik der Gegenwart. Speziell für sie hat der bekannte Komponist und Klarinettist Jörg Widmann die Etüde Nummer 7 für Violine solo, die "Jupiteretüde", komponiert. Auch er setzt sich immer wieder mit den Klassikern auseinander, hier mit Mozarts Jupitersinfonie, die wie die g-Moll-Sinfonie zu Mozarts bekanntesten Werken zählt. Das Werk erklingt erstmals am 26. Juni in Würzburg.

Mozart mit Humor vom Sockel stürzen?

Mozart ist als Idol nicht unantastbar. Seine Musik soll auch für junge Leute zugänglich sein. Der deutsch-türkisch-armenische Komponist und Schriftsteller Marc Sinan legt in seiner humorvollen Lecture-Performance "Nichts ist heilig" offen, dass hinter den unantastbaren "Sockelheiligen" der Musikgeschichte Mozart, Bach und Beethoven auch Mechanismen der Macht, der Kultur und der Geschichte stecken. Er kratzte ein wenig an ihren Sockeln.

Durch seinen deutschen Vater wurde Sinan schon als Kind mit den Klassikern sozialisiert. Zusammen mit dem Eliot Quartett stellt er Fragen an diese Musikgrößen. "Und er öffnet seine Fragen durch seine nicht-europäische Herkunft in die Gegenwart der Migrationsgesellschaft", sagt Intendantin Meining "Ihn interessiert, wie es denn mit den Musikgeschichten anderer Länder aussieht". Etwa wie deren Musikkulturen und Traditionen auch in ihrer Schönheit gewürdigt werden. Doch eines kann Evelyn Meining verraten: Mozart wird es überstehen und am Ende nicht vom Sockel stürzen.

Author Gaby Reucher
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Image caption Eröffnung mit dem Mozarteumorchester Salzburg, das mit Hilfe von Mozarts Witwe Constanze 1841 gegründet wurde
Image source Dita Vollmond
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Item 23
Id 77317243
Date 2026-05-31
Title Blondine, Mythos, Rebellin: 100 Jahre Marilyn Monroe
Short title Blondine, Mythos, Rebellin: 100 Jahre Marilyn Monroe
Teaser Lange galt sie vor allem als Sexsymbol. Heute ist der Blick ein anderer: Marilyn Monroe als frühe Kämpferin für Selbstbestimmung in Hollywood - zwischen Ruhm, Kontrolle und feministischer Neubewertung.
Short teaser Einst wahrgenommen als bloßes Sexsymbol, gilt sie heute als frühe Kämpferin für Selbstbestimmung in Hollywood.
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Mit dieser Szene schuf Marilyn Monroe wohl einen der berühmtesten Momente der Filmgeschichte: das weiße Kleid über dem U-Bahn-Schacht, rote Lippen, platinblondes Haar, Hollywood-Glamour. Kaum eine Frau des 20. Jahrhunderts wurde so sehr zur Ikone stilisiert - und gleichzeitig so stark auf ihr Äußeres reduziert.

Auch in jener Septembernacht 1954, als in New York die legendäre Filmszene aus der Komödie "Das verflixte 7. Jahr" gedreht wurde: Hunderte Fotografen und Schaulustige sahen zu, wie Marilyn immer wieder über dem Lüftungsschacht posierte, das Kleid hochwirbelte und sie versuchte, dabei nicht zu viel preiszugeben und trotzdem so zu wirken, als habe sie gerade den Spaß ihres Lebens. Ironischerweise musste genau diese Szene später nachgedreht werden, weil die Tonaufnahmen aufgrund des Lärms unbrauchbar waren.

100 Jahre nach ihrer Geburt und mehr als 60 Jahre nach ihrem Tod erscheint Marilyn Monroe heute in einem anderen Licht. Längst gilt sie nicht mehr nur als Sexsymbol der 1950er Jahre, sondern auch als frühe Figur weiblicher Selbstbestimmung in einer von Männern dominierten Filmindustrie - widersprüchlich, verletzlich, klug und ihrer Zeit oft voraus.

Aus Norma Jean wird Marilyn Monroe

Geboren wurde sie am 1. Juni 1926 als Norma Jeane Mortenson in Los Angeles. Ihre Kindheit war geprägt von Pflegefamilien, Heimen und Unsicherheit. Früh lernte sie, dass Frauen in Hollywood vor allem nach ihrem Aussehen beurteilt wurden.

Ihre Karriere begann als Model, ehe sie von den Filmstudios entdeckt wurde. Aus Norma Jeane wurde "Marilyn Monroe" - ein Name, der wie eine Kunstfigur klang und genau das auch sein sollte. Hollywood formte sie zur verführerischen Blondine: sinnlich, verspielt, scheinbar naiv. Filme wie "Blondinen bevorzugt" oder die beiden Billy Wilder-Filme "Das verflixte 7. Jahr" und "Manche mögen's heiß" machten sie weltberühmt.

Literatur, Politik und Kunst

Doch hinter der öffentlichen Figur steckte eine Frau, die ernst genommen werden wollte - als Schauspielerin und als Mensch. Während die Studios sie auf stereotype Rollen festlegten, arbeitete Monroe intensiv an ihrer Schauspielausbildung, las Weltliteratur und interessierte sich für Politik, Kunst und Psychoanalyse.

Die Fotografin Eve Arnold hielt 1955 einen Moment fest, der dieses andere Bild von Monroe zeigt: Auf einem Spielplatz sitzt sie vertieft in James Joyces "Ulysses". In ihrem Fotoband "The Retrospect" erinnerte sich Arnold später daran, Monroe habe den Roman immer im Auto liegen gehabt und sich Passagen laut vorgelesen, weil sie den Klang des Textes liebte - auch wenn sie ihn schwierig fand.

Bis heute wird unter dem Foto behauptet, Monroe habe mit dem Buch nur für die Kamera posiert. Doch sie selbst widersprach immer wieder diesem Klischee und sagte mehrfach, Menschen hätten oft lieber eine Figur aus ihr gemacht, als sich dafür zu interessieren, wer sie wirklich war.

Selbstbewusst gegen die Unterhaltungsindustrie

Heute sehen viele Feministinnen in Monroe deshalb eine Frau, die früh gegen die Mechanismen der Unterhaltungsindustrie kämpfte. Sie verstand genau, wie sehr ihr Körper und ihre Ausstrahlung vermarktet wurden - und nutzte dieses Bild zugleich strategisch für ihren eigenen Aufstieg. Monroe war also nicht nur Opfer eines sexistischen Systems, sondern versuchte auch, dessen Regeln für sich zu nutzen.

Ein wichtiger Schritt war die Gründung ihrer eigenen Produktionsfirma Ende 1954. Für eine Schauspielerin war das damals höchst ungewöhnlich. Monroe wollte mehr Kontrolle über ihre Rollen, bessere Verträge und ernsthaftere Stoffe. Sie setzte höhere Gagen durch, widersprach Produzenten öffentlich und verweigerte Rollen, die ihr nicht gefielen. In einer Zeit, in der Studios ihre Stars fast vollständig kontrollierten, war das bemerkenswert selbstbewusst.

"Instabil und unprofessionell"

Gleichzeitig blieb Monroe gefangen in den Widersprüchen ihrer Zeit. Die Öffentlichkeit feierte ihre Weiblichkeit und erotische Ausstrahlung, dieselben Eigenschaften wurden später jedoch gegen sie verwendet. Medien beschrieben sie oft als instabil, schwierig oder unprofessionell - Begriffe, die bis heute auffallend häufig starke und mutige Frauen treffen, die sich Erwartungen widersetzen.

Auch ihr Privatleben wurde zur Projektionsfläche. Die Ehen mit Baseballstar Joe DiMaggio und Dramatiker Arthur Miller wurden ebenso öffentlich ausgeschlachtet wie ihre psychischen Krisen und ihre Medikamentenabhängigkeit.

Als Monroe 1962 im Alter von nur 36 Jahren starb, begann sofort die Mythenbildung. Bis heute ranken sich Verschwörungstheorien um ihren Tod. Besonders hartnäckig hält sich die Behauptung, sie sei wegen ihrer Kontakte zur Familie Kennedy zum Schweigen gebracht worden - Beweise dafür gibt es allerdings nicht.

#MeToo hat den Blick auf Monroe verändert

In den vergangenen Jahren hat sich der Blick auf Monroe erneut verändert. Die #MeToo-Debatte und Diskussionen über Machtmissbrauch in Hollywood haben dazu beigetragen, ihre Geschichte neu zu lesen. Viele erkennen heute, wie stark sie unter einem Studiosystem litt, das Frauen gleichzeitig idealisierte und kontrollierte.

Auch das Biopic "Blonde" (2022) griff diese Perspektive auf. Der Film mit Ana de Armas zeigte Monroe vor allem als verletzliche, traumatisierte Frau. Während einige Kritiker darin eine schonungslose Abrechnung mit Hollywoods Frauenbild sahen, warfen andere dem Film vor, Monroe erneut auf Leid und Opferrollen zu reduzieren.

Marilyn Monroe musste früh die Kosten weiblicher Sichtbarkeit tragen. Sie war begehrt, aber selten respektiert. Berühmt, aber kaum geschützt. Intelligent und gebildet, aber auf die Rolle des ständig verfügbaren Sexsymbols reduziert.

Vielleicht liegt genau darin ihr feministisches Vermächtnis: Marilyn Monroe zeigte schon in den 1950er Jahren, wie kompliziert weibliche Selbstbestimmung in einer Welt sein kann, die Frauen zugleich bewundert und kontrolliert. Dass ihr Bild hundert Jahre nach ihrer Geburt noch immer weltberühmt ist, zeigt, wie stark sie die moderne Popkultur geprägt hat.

Author Silke Wünsch
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Image caption Marilyn Monroe bei den Dreharbeiten zu "Das verflixte 7. Jahr"
Image source Matty Zimmerman/AP Photo/picture alliance
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Item 24
Id 77362981
Date 2026-05-31
Title Kriege und Krisen: Mehr Geld für Waffen in Asien-Pazifik
Short title Kriege und Krisen: Mehr Geld für Waffen in Asien-Pazifik
Teaser Das Budget für Rüstung wird weltweit größer. Auf der Sicherheitskonferenz in Singapur ging es ebenfalls um mehr Sicherheit durch mehr Waffen.
Short teaser Das Budget für Rüstung wird weltweit größer. Auf der Konferenz in Singapur ging es um mehr Sicherheit durch Waffen.
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Verteidigungsminister, Militärangehörige und Sicherheitsexperten aus der ganzen Welt hatten auf dem dem Shangri-La Dialog (SLD) in Singapur die dynamischste Region des Planeten im Blick: Asien-Pazifik. Wie steht es um die Sicherheitspolitik dort? Das war Thema bei der Konferenz, die das Internationale Institut für Sicherheitsstudien aus London (IISS) seit 2002 jährlich ausrichtet.

Was sind diesmal die zentralen Erkenntnisse?

1. Die Sicherheitslage in Asien-Pazifik verschlechtert sich

Bereits eine Woche, bevor der Shangri-La Dialog 2026 in Singapur begann, erklärte Lawrence Wong, der Premierminister des Stadtstaats: "Die Realität in dieser veränderten Welt ist, dass es mehr Volatilität geben wird - wir werden von einem Sturm zum nächsten gehen."

Tatsächlich sind mehrere Konflikte in Asien-Pazifik zuletzt eskaliert. Im Mai 2025 der kurze Krieg zwischen Indien und Pakistan. Der Krieg zwischen Thailand und Kambodscha endete erst im Dezember 2025. Im Februar 2026 erreichten die immer wieder aufflammenden Scharmützel zwischen Pakistan und Afghanistan mit pakistanischen Luftangriffen eine neue Intensität. Der Bürgerkrieg in Myanmar dauert an. Nach wie vor kommt es im Südchinesischen Meer regelmäßig zu Zusammenstößen. Die Zukunft Taiwans - der Brennpunkt vieler Sicherheitsfragen der Region - ist weiter ungewiss.

Überragendes Thema aber war der Wettstreit zwischen den USA und China, dessen rasant wachsendes Militär die Kräfteverhältnisse in Asien-Pazifik verschiebt.

Evan A. Laksmana, IISS Senior Fellow for Southeast Asian Security and Defense, fasst im jährlichen Sicherheitsbericht des SLD zusammen: "Regionale Staaten - ganz gleich ob große, mittlere oder kleine - können sich diesem sich verschlechternden Sicherheitsumfeld nicht entziehen."

Der vietnamesische Präsident und Generalsekretär To Lam, der mit seiner Keynote die Konferenz am Freitagabend eröffnete, betonte, dass Konkurrenz zwischen Staaten natürlich sei, dass sie aber eingehegt werden müsse: "Das zentrale Prinzip besteht darin, Differenzen innerhalb eines rechtlichen Rahmens zu steuern und Wettbewerb begrenzt, verantwortungsvoll und vorhersehbar zu machen. Eine nachhaltige regionale Ordnung kann nicht auf ständiger Angst und gegenseitigem Misstrauen aufgebaut werden."

Er betonte zugleich, dass Entwicklung und Sicherheit eng miteinander verknüpft sind. "Für viele Länder ist Entwicklung keine nachrangige Option nach Sicherheit."

2. Die Aufrüstung beschleunigt sich weiter

Die Antwort auf die sich verschlechternde Sicherheitslage auf dem SLD lautet allerdings nicht zuerst Entwicklung, sondern vor allem Aufrüstung.

Die Rüstungsausgaben in Asien-Pazifik sind laut dem Stockholm International Institute for Peace Research (SIPRI) im Jahr 2025 bereits um 8,1 Prozent auf 681 Milliarden US-Dollar gestiegen.

US-Verteidigungsminister Pete Hegseth ist das nicht genug. Er sagte in seiner Rede am Samstag, dass die USA bald 1,5 Billionen US-Dollar für Rüstung ausgeben würden, und forderte alle asiatischen Verbündeten der USA dazu auf, mehr in die eigene Sicherheit zu investieren. "Ein günstiges Kräftegleichgewicht erfordert leistungsfähige Verbündete mit echter militärischer Stärke, echter industrieller Kapazität und echtem politischen Willen. Zu lange hat die Sicherheit dieser Region überproportional auf der militärischen Macht der USA beruht, während viele unserer Verbündeten und Partner ihre eigenen Verteidigungsfähigkeiten verkümmern ließen."

Dabei lobte er explizit Südkorea, die Philippinen, Australien, Singapur, Malaysia, Thailand, Vietnam und Indien, die im Gegensatz zu den Europäern verstanden hätten, dass Frieden nur durch Stärke gesichert werden könne.

Die deutsche Delegation blieb ob der Kritik aus den USA gelassen. Man stehe in engem und guten Austausch. Staatsminister für Verteidigung Nils Hilmer sagte, dass Asien ähnliche Probleme wie Europa habe, nämlich nicht genügend Kapazitäten. Seit einer Verfassungsänderung, die mehr Rüstungsausgaben ermöglicht, habe Deutschland zumindest genügend Geld. "Das ist das erste Mal seit vielen Jahren, dass die Bundeswehr das Geld bekommt, das wir brauchen, und die wichtigste Aufgabe im Moment ist, die richtigen Rüstungsgüter zur richtigen Zeit in der richtigen Menge zu beschaffen."

Dass mehr Waffen nicht automatisch mehr Sicherheit und Frieden schaffen, spielte auf dem SLD allenfalls am Rand eine Rolle. Nur die Präsidentin des Internationalen Roten Kreuzes Mirjana Spoljaric merkte kritisch an: "Wo Waffen produziert werden, werden sie auch eingesetzt. Der massive Kauf von Waffen, die massive Produktion von Waffen und die massiven Investitionen in Verteidigung werden letztlich menschliche und materielle Verluste verursachen. Deshalb müssen wir diese Seite des Krieges von Anfang an mitbedenken, wenn wir Verteidigungsausgaben planen."

3. Taiwan lebt weiter in Ungewissheit

Bei seiner diesjährigen Rede erwähnte Kriegsminister Hegseth Taiwan mit keiner Silbe. Die de facto eigenständig regierte Republik China wird von der Volksrepublik China als "abtrünnige Provinz" gesehen. Peking schließt nicht aus, die "Wiedervereinigung" mit Gewalt zu erzwingen.

Bei seiner letzten Rede auf dem SLD im Jahr 2025 warnte Hegseth noch eindringlich vor dem "kommunistischen China", das möglicherweise kurz davor stehe, Taiwan anzugreifen - mit katastrophalen Folgen für die Welt.

Die Veränderung der Beziehungen zwischen den USA und China sind augenfällig. Sie waren zentrales Thema auf dem SLD, auch und insbesondere im Hinblick auf Taiwan. Präsident Donald Trump und Präsident Xi Jinping hatten sich Mitte Mai beim Staatsbesuch auf die von China vorgeschlagene Formel "konstruktive Beziehungen und strategische Stabilität" geeinigt. Hegseth benutzte in seiner Rede genau diese Formulierung, sprach von einem Equilibrium und erteilte hegemonialen Bestrebungen eine Absage: Die Region und die USA "teilen eine nüchterne Einschätzung des Sicherheitsumfelds und ein gemeinsames Verständnis, dass ein von einer einzelnen Hegemonialmacht dominierter Pazifik das regionale Kräftegleichgewicht stören und das Gleichgewicht untergraben würde, das wir alle zu bewahren suchen."

Der ehemalige chinesische Vizeaußenminister Cui Tiankai zeigt sich im Gespräch mit der DW auf dem SLD zufrieden: "Präsident Xi und Präsident Trump haben sich auf eine neue Vision für die chinesisch-amerikanischen Beziehungen geeinigt, nämlich konstruktive strategische Stabilität. Jetzt ist das Wichtigste, dass beide Seiten zusammenarbeiten, um diese Vision in die Realität umzusetzen."

Das schließt aus Cui Tiankais Sicht die Lieferungen von Waffen an Taiwan aus. "Wir sind grundsätzlich gegen solche Waffenverkäufe - jederzeit und in jedem Umfang. Das ist ganz klar. Weitere Waffenlieferungen sind nicht konstruktiv. Sie würden die Stabilität untergraben."

Auf die Frage aus dem Publikum an Hegseth, ob die Waffenlieferungen im Wert von 14 Milliarden US-Dollar an Taiwan, die der US-Kongress beschlossen, die dann aber im Mai von Trump auf Eis gelegt wurden, noch folgen würden, sagte Hegseth, dass die Entscheidung beim US-Präsidenten liege.

4. USA bleiben unersetzlich, sind aber nicht allmächtig

Der Langzeitbeobachter und ehemalige Diplomat Bilahari Kausikan sieht im Gespräch mit der DW auf dem SLD grundsätzliche Tatsachen bestätigt: "Tatsache ist: Europa kann Russland ohne die USA im Rücken nicht abschrecken. Und Asien kann China ohne die USA im Rücken nicht ausbalancieren. Es gibt nur ein Amerika, und wir müssen mit ihm arbeiten." Und er fügte hinzu: "Auf dieser Grundlage können dann kleine und mittlere Staaten - die nie völlig handlungsunfähig sind - entsprechend ihrer Interessen in bestimmten Bereichen zusammenarbeiten."

Zurzeit entstehen dabei in Asien neue, vielschichtige Sicherheitskooperationen. So arbeitet Japan enger zusammen mit Australien, den Philippinen, Indien, Neuseeland, Singapur und anderen. Der IISS-Japanexperte Robert Ward sagte der DW: "Was Japan versucht, ist, Netzwerke gleichgesinnter Partner in der Region aufzubauen. Es ist eine riesige Region. Und kein Land kann das allein leisten, nicht einmal die USA, die weit weg sind." Und diese zusätzlichen Sicherheitsnetzwerke dienten auch dazu, den Preis für Chinas Ambitionen zu erhöhen, so Ward: "Ein weiterer Grund für diese ist, die strategische Komplexität für China zu schaffen."

Der philippinische Verteidigungsminister Gilberto Teodoro Jr. schlug in die gleiche Kerbe: "Die USA sind an unserer Seite, aber auch Japan, Australien, Neuseeland, Kanada und Frankreich stehen an unserer Seite. Es gibt zunehmend mehr Partner für Abschreckung. Das wird so weitergehen," glaubt der Verteidigungsminister.

Auch Deutschland baut seine Zusammenarbeit aus. Staatsminister Hilmer sagt: "Wir sprechen nicht nur über strategische Entwicklungen, sondern entwickeln auch gemeinsam Strategien, zum Beispiel mit Japan und Singapur." Er betonte, dass es um praktische, greifbare Sicherheitspolitik gehe. So habe Deutschland zuletzt am weltgrößten maritimen Militärmanöver RIMPAC im Pazifik teilgenommen und werde 2026 wieder dabei sein.

Author Rodion Ebbighausen
Item URL https://www.dw.com/de/kriege-und-krisen-mehr-geld-für-waffen-in-asien-pazifik/a-77362981?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Hatte Lob für die Asiaten im Gepäck: US-Verteidigungsminister Pete Hegseth
Image source Edgar Su/REUTERS
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Item 25
Id 77337036
Date 2026-05-30
Title Hunger in Oleschky - Ukraine bittet um Evakuierung
Short title Ukraine-Krieg: Kiew bittet um Evakuierung von Oleschky
Teaser Die Not im besetzten Oleschky spitzt sich dramatisch zu: Wegen drohender Hungersnot bittet die Ukraine um die Evakuierung der Zivilbevölkerung. Denn dort sind zahlreiche Ukrainer von der Außenwelt abgeschnitten.
Short teaser Im besetzten Oleschky sind zahlreiche Ukrainer von der Außenwelt abgeschnitten. Nun will Kyjiw die Menschen retten.
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Die Lage im russisch besetzten Oleschky ist kritisch. Bei der Zerstörung des Kachowka-Staudamms im Süden der Ukraine im Jahr 2023 wurde die Stadt zunächst überflutet und dann bombardiert. Heute ist sie praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Trotzdem leben dort laut ukrainischer Militärverwaltung noch bis zu 2000 Menschen, meist Pensionäre und Personen mit eingeschränkter Mobilität - aber auch 47 Kinder.

Vor Russlands umfassender Invasion besaß Oleschky 24.000 Einwohner und lag in einem beliebten Urlaubsgebiet. Von den 13 Orten der Gemeinde wurden fünf im Zuge der russischen Besatzung völlig zerstört. In den übrigen Ansiedlungen aber leben noch immer Menschen.

Wie Oleschky zur Falle wurde

Heute ist es fast unmöglich, Oleschky zu verlassen. Die Stadt selbst und alle Zufahrtsstraßen sind von der russischen Armee vermint worden. Einst verband die Antoniwka-Brücke über den Dnipro Oleschky mit der Gebietshauptstadt Cherson, die unter ukrainischer Kontrolle steht. Doch die Brücke gibt es nicht mehr. Sie wurde im November 2022 von den Russen gesprengt, nachdem diese sich vom rechten aufs linke Ufer des Dnipro zurückgezogen hatten.

"In Oleschky sterben Menschen durch Minen, durch direkte Einschläge in Häuser oder durch Granatsplitter", erzählt Ksenia Archipowa, die selbst in Oleschky lebte und jetzt immer wieder einzelne Menschen von dort evakuiert, der DW. "Das Krankenhaus wird mit Generatoren betrieben, aber es gibt praktisch keinen Treibstoff. Schwierige Operationen wie etwa Amputationen nach Minenexplosionen sind unmöglich", berichtet sie.

Das bestätigt auch Natalia, die anderthalb Jahre unter russischer Besatzung lebte und Oleschky nach der Sprengung des Kachowka-Staudamms verlassen hat. "Die Menschen können kaum überleben, sie haben weder Strom noch Wasser. Medikamente werden fast gar nicht geliefert, Lebensmittel nur selten, und wenn doch, dann stehen alle in langen Schlangen, um wenigstens etwas zu kaufen, obwohl sie kaum Geld haben. Minen liegen an den Straßenrändern und explodieren, sobald ein Fahrradfahrer oder Fußgänger vorbeikommt. So sterben viele Menschen", sagt Natalia der DW.

Sie hat noch Verwandte und Bekannte in der Stadt, mit denen sie Kontakt hält, da Oleschky aufgrund der Nähe zur Stadt Cherson in Reichweite des ukrainischen Mobilfunknetzes liegt. Um ihre Handys aufzuladen, nutzen die Menschen Natalia zufolge Solarpaneele, die in teilweise zerstörten Häusern zurückgelassen wurden. Doch Natalia warnt, dass diese Kommunikation extrem gefährlich ist. Ukrainische SIM-Karten seien in den besetzten Gebieten verboten, wie auch jeglicher Kontakt zur ukrainischen Seite, sagt sie.

Kyjiw fordert humanitäre Korridore

Im vergangenen Winter geriet Oleschky zunehmend in Isolation. Die Verminung der Straßen nahm ein solches Ausmaß an, dass viele Unternehmer, die Lebensmittel aus den besetzten Gebieten in die Stadt brachten, dies aus Furcht um ihr Leben einstellten. Das führte im Februar beinahe zum Zusammenbruch der Lebensmittelversorgung, berichtet Tetjana Hasanenko, Leiterin der ukrainischen Militärverwaltung in der Region Cherson, der DW.

"Ab März herrschte in Oleschky faktisch eine Hungersnot, da es von Mitte Januar bis Februar fast keine Lebensmittel mehr gab. Erst am 4. Mai kam ein LKW mit Lebensmitteln in Oleschky an, doch weitere Lieferungen gab es nicht. Ohne Strom müssen die Leute über offenem Feuer kochen, die Kühlschränke funktionieren nicht", so Hasanenko.

Ihr zufolge will Kyjiw die Menschen retten. An den Bemühungen sind verschiedene Behörden beteiligt, darunter das Außenministerium, der Menschenrechtsbeauftragte, aber auch internationale Hilfsorganisationen. Erörtert wird die Einrichtung humanitärer Korridore, doch hänge diese nicht allein von der Ukraine ab. Russland missbrauche die Zivilbevölkerung von Oleschky als menschliche Schutzschilde, kritisiert die Leiterin der Militärverwaltung: "Wir haben es mit russischen Kriegsverbrechern zu tun. Ein humanitärer Korridor wäre nur unter Aufsicht internationaler Missionen - der Vereinten Nationen, des Roten Kreuzes oder anderer Organisationen - möglich."

Moskau gewährt keine Waffenruhe

Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez spricht von einer "humanitären Katastrophe". "Es gibt weder genug Lebensmittel oder Medikamente noch Trinkwasser", sagt er der DW. Anfang März erhielt er Hilferufe von Bewohnern der besetzten Stadt, worauf er sich an das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) wandte. Parallel führte er Gespräche mit Russlands damaliger Ombudsfrau Tatjana Moskalkowa.

Lubinez zufolge hatte sich das IKRK Ende April bereiterklärt, die benötigte Anzahl an Bussen bereitzustellen, um eine Evakuierung der Menschen aus Oleschky zu gewährleisten. Die Ukraine stimmte daraufhin technische Fragen einer möglichen Evakuierung aus Oleschky sowie aus benachbarten Ortschaften am linken Dnipro-Ufer ab, wurde Lubinez in ukrainischen Medien zitiert. Es sollen rund 6000 Zivilisten in Sicherheit gebracht werden, darunter auch 200 Kinder, so der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte. Derzeit erwartet Kyjiw von Moskau die Festlegung eines Datums für eine Waffenruhe, um mit der Evakuierung der Menschen beginnen zu können.

Ukraine bittet um internationale Hilfe

Unterdessen versucht der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte, die internationale Gemeinschaft auf die Lage in Oleschky aufmerksam zu machen. Das ukrainische Außenministerium teilte mit, Kyjiw wolle die prekäre humanitäre Lage in Oleschky und anderen Ortschaften im besetzten Teil der Region Cherson bei den Vereinten Nationen und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) ansprechen. "Wir rufen die internationale Gemeinschaft dringend zu konkreten Maßnahmen auf, um unsere Bürger im vorübergehend besetzten Teil der Region Cherson zu retten", heißt es in einer Erklärung des Außenministeriums.

Suche nach Wegen zur Evakuierung

Während die Behörden noch über Korridore verhandeln, versuchen einige Menschen, die Stadt auf eigene Faust zu verlassen. Ksenia Archipowa hilft ihnen dabei. "Um zu ihnen zu gelangen, gehen wir je hundert Meter voran und prüfen, wo Minen liegen, erst dann lassen wir ein Fahrzeug nachkommen, und so kommen wir schrittweise voran. Wir evakuieren jede Woche sieben bis zwölf Personen", erklärt sie. Finanziell unterstützt wird ihre Arbeit von der Hilfsorganisation "Save Ukraine". Archipowa berichtet, dass die Menschen zunächst ins russisch besetzte Skadowsk und danach über Russland zur ukrainisch-belarussischen Grenze gebracht werden. Dies sei derzeit der sicherste Weg, die russisch besetzten Gebiete zu verlassen und in das von Kyjiw kontrollierte ukrainische Staatsgebiet zu gelangen.

"Aber nur wer Ausweispapiere besitzt, kann Oleschky auf diesem Weg verlassen", betont Archipowa. Wer sie verloren habe, müsse warten, bis die Besatzer irgendwelche neuen ausstellen. "Menschen ohne Dokumente, deren ganzes Hab und Gut bei Angriffen abgebrannt ist, kommen an den Kontrollpunkten nicht vorbei. Daher rate ich ihnen, sich russische Pässe zu besorgen, nur um fliehen zu können. Dafür verlangen die Russen aber, dass drei Nachbarn ihre Identität nachweisen. Wo sollen sie diese hernehmen?", fragt Archipowa.

Ihr zufolge blieben diese Menschen zunächst in Skadowsk. Auch für Familien mit Kindern sei eine Ausreise schwierig, da für Kinder erst ein russischer Pass ausgestellt werden müsse. Auch sie müssten monatelang in Skadowsk verharren, bis sie einen erhalten. Mit einem rein ukrainischen Pass ist eine Ausreise aus den russisch besetzten Gebieten de facto unmöglich geworden. "Wer das versucht, muss furchtbare Kontrollen über sich ergehen lassen - sechs bis sieben Stunden lang", so Archipowa. Außerdem haben die russischen Besatzungsbehörden die Hürden für Menschen ohne russische Staatsbürgerschaft systematisch immer höher geschraubt, so dass Inhaber ukrainischer Dokumente hier weitgehend festsitzen.

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

Author Lilia Rzheutska
Item URL https://www.dw.com/de/hunger-in-oleschky-ukraine-bittet-um-evakuierung/a-77337036?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Die im Jahr 2022 zerstörte Antoniwka-Brücke über den Fluss Dnipro in der Region Cherson
Image source Celestino Arce Lavin/ZUMA/picture alliance
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Item 26
Id 77322411
Date 2026-05-30
Title Katherina Reiche - stützt oder bremst sie die Energiewende?
Short title Katherina Reiche - stützt oder bremst sie die Energiewende?
Teaser Bundeswirtschaftsministerin Reiche (CDU) will den Klimaschutz bezahlbar machen, wie sie sagt. Sie will Gaskraftwerke bauen und erlaubt bei neuen Heizungen in Deutschland wieder Öl und Gas. Das löst Kritik aus.
Short teaser Wirtschaftsministerin Reiche (CDU) will neue Gaskraftwerke bauen und erlaubt neue Gasheizungen. Das löst Kritik aus.
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Mindestens einmal wurde selbst dem Bundeskanzler der oft schroffe Ton seiner Wirtschaftsministerin zu viel: Heftig hatte Katherina Reiche, wie Friedrich Merz Mitglied der konservativen CDU, Finanzminister Lars Klingbeil von den Sozialdemokraten öffentlich angegriffen. Der Streit ging darum, wie man die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland angesichts der hohen Energiekosten nach Beginn des Krieges der USA und Israels gegen den Iran entlasten könnte.

Klingbeil machte sich für eine Übergewinnsteuer der Energiekonzerne stark, Reiche lehnte das ab und verkündete öffentlich, die SPD mache ständig Vorschläge, die "teuer, wirkungsschwach und verfassungsrechtlich fragwürdig sind".

Da ermahnte Kanzler Friedrich Merz seine konservative Parteifreundin. Aus dem Umfeld des deutschen Regierungschefs hieß es: "Der Bundeskanzler ist befremdet über den öffentlichen Schlagabtausch und mahnt Ministerin Reiche zur Zurückhaltung."

Streitbare Frau mit Erfahrungen in der Wirtschaft

Katherina Reiche (52) ist streitbar, oft angriffslustig und deshalb für viele eine Reizfigur. Sie war es schon, bevor sie vor gut einem Jahr überraschend Wirtschaftsministerin wurde. Umweltschützern und Klimaaktivisten galt sie schon lange als zu wirtschafts- und unternehmensnah, als Gegnerin einer ambitionierten Klimapolitik.

Nicht ohne Grund: Nachdem die Politikerin aus Luckenwalde in Brandenburg, 80 Kilometer südlich von Berlin, von 1998 bis 2015 im Bundestag gesessen hatte, ging sie in die Energiewirtschaft. Manche Kritiker bezeichnen sie als Lobbyistin.

Reiche war unter anderem Vorsitzende der Geschäftsleitung von "Westenergie", der größten Tochtergesellschaft des Energie-Riesen E.ON. Westenergie versorgt mit rund 10.000 Mitarbeitern etwa 6,6 Millionen Menschen, unter anderem in Nordrhein-Westfalen, mit viel fossiler Energie.

Reiche und das umstrittene Heizungsgesetz

Schon bald nach Amtsantritt im Ministerium im Mai 2025 machte Reiche klar: Den Versuch ihres Vorgängers Robert Habeck von den Grünen, die Energiewende auch bei den Heizungen in den Wohnungen in Deutschland voranzubringen, wollte sie rückgängig machen. Hintergrund: Rund 72 Prozent des Wohnungsbestandes in Deutschland werden mit Gas oder Öl beheizt. Der Gebäudesektor gilt neben dem Verkehr als derjenige, in dem das Land bislang die wenigsten Fortschritte in der Klimapolitik gemacht hat. Beide Sektoren verfehlen seit Jahren die Klimaziele.

Habeck wollte das ändern und schrieb in ein Gesetz, dass künftig neue Heizungen zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden müssten. Vor allem im Osten des Landes kam es zu heftigen Protesten dagegen. Habeck wurde vorgeworfen, den Menschen den Einbau teurer Wärmepumpen vorzuschreiben. Reiche strich diese Regelung und erklärte: "Das Heizungsgesetz hat Vertrauen gekostet und die Gesellschaft gespalten. Wir stellen die Weichen neu." Gleichzeitig verkündete die Ministerin ihren Plan, teure Gaskraftwerke zu bauen, wesentlich mehr, als Habeck geplant hatte.

Wirtschaftsexpertin Kemfert: Deutschland muss raus aus fossiler Abhängigkeit

Deswegen ist Franziska Brantner, eine von zwei Vorsitzenden der Oppositionspartei der Grünen, naturgemäß keine Freundin der Wirtschaftsministerin. Brantner war Staatsekretärin im Wirtschaftsministerium, bis die Grünen im vergangenen Jahr aus der Regierung ausschieden.

Im DW-Interview sagt Brantner, aus der früheren Tätigkeit der Ministerin könne man ihr keinen Vorwurf machen, aber: "Sie ist jemand, die Politik macht für die alten Energien, die uns teuer zu stehen kommen, die uns abhängig machen und uns nicht ermöglichen, in eine größere Unabhängigkeit zu gehen."

Ähnlich formuliert das Claudia Kemfert, Wissenschaftlerin beim "Deutschen Institut für Wirtschaft" (DIW) auf Anfrage der DW: "Entscheidend ist weniger ihre Vergangenheit als die aktuelle Politik. Problematisch wird es, wenn fossile Interessen erneut Vorrang vor Erneuerbaren, Speichern und Effizienz bekommen. Deutschland braucht Zukunftstechnologien statt neuer fossiler Abhängigkeiten."

Erst Zustimmung vom Industrieverband, jetzt Kritik

Zustimmung erhielt Reiche dagegen von Anfang an von den großen Industrieverbänden des Landes, weil sie ankündigte, bei der Energiepolitik vor allem auf die Bezahlbarkeit zu achten. Aber mittlerweile spart auch der mächtige "Bundesverband der Deutschen Industrie" (BDI) nicht mit Kritik.

Der Grund: Die Wirtschaft ist nicht wie erhofft angesprungen, was aber sicher auch an internationalen Verwerfungen liegt, etwa der unberechenbaren Zoll-Politik von US-Präsident Donald Trump und seit März auch am Krieg der USA und Israels gegen den Iran.

Jetzt fordert BDI-Chef Peter Leibinger von der Regierung - also auch von Reiche - erkennbare Reformen etwa bei den sozialen Sicherungssystemen wie Gesundheit, Rente und Pflege, deren Finanzierung für die Betriebe immer teurer werde: "Wenn die Regierung es nicht schafft, gemeinsame Reformen auf den Weg zu bringen, die in den Betrieben ankommen, ist diese Regierung gescheitert."

Kanzler Merz hält zu Reiche

Der Druck auf die selbstbewusste Ministerin wächst also. Bundeskanzler Friedrich Merz aber hält seine schützende Hand über Reiche: Als die Ministerin jüngst die Förderung für private Solaranlagen zusammenstrich, verteidigte der Kanzler sie im ARD-Fernsehen gegen Kritik. Reiche will keine Entschädigung mehr zahlen, wenn Solarstrom nicht ins Netz eingespeist werden kann, etwa bei Überlastung.

Dazu sagte Merz: "Wir zahlen für Strom, der nicht gebraucht wird, eine hohe Vergütung aus dem Bundeshaushalt. Katherina Reiche hat Vorschläge gemacht, wie wir das begrenzen, wie wir das dämpfen, wie wir das reduzieren."

Author Jens Thurau
Item URL https://www.dw.com/de/katherina-reiche-stützt-oder-bremst-sie-die-energiewende/a-77322411?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77120513_607.jpg
Image caption Die Ministerin und die fossilen Energien: Katherina Reiche beim Besuch der Öl-Raffinerie in Schwedt in ihrem Heimatland Brandenburg (Mai 2026)
Image source Patrick Pleul/AFP
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Item 27
Id 77340650
Date 2026-05-29
Title Deutschlands riskanter Drahtseilakt in China
Short title Deutschlands riskanter Drahtseilakt in China
Teaser Nicht erst beim Besuch von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche wurde sichtbar, wie abhängig die deutsche Wirtschaft von China als Absatzmarkt und Rohstofflieferant ist. Das hat Peking wiederholt demonstriert.
Short teaser Peking hat oft demonstriert, wie abhängig Deutschland von China ist, auch beim Besuch von Wirtschaftsministerin Reiche.
Full text

Im April war es nicht einmal ein Kilogramm, das China vom begehrten Seltenerdmetall Germanium nach Deutschland lieferte. Vom ebenso wichtigen Gallium gingen gerade einmal drei Kilogramm in den Export - und zwar nach Malaysia. Andere Länder gingen nach der Auswertung chinesischer Zolldaten komplett leer aus. Die Beispiele zeigen, wie China seine Macht bei Schlüsselelementen moderner Technologie ausspielt.

Ohne Germanium gäbe es keine schnelle Datenübertragung in Glasfaserkabeln und Nachtsichtgeräte würden genauso wenig funktionieren wie die hocheffizienten Solarzellen von Weltraumsonden und Satelliten.

Und ohne Gallium-Verbindungen gäbe es kein schnelles 5G-Internet, Schnellladegräte würden überhitzen und selbst Barcode-Scanner im Supermarkt würden nicht funktionieren. Das Fazit von Christian Hell vom Frankfurter Rohstoffhändler TRADIUM fällt ernüchtert aus: "Wenn selbst Deutschland, das bisher vergleichsweise zuverlässig beliefert wurde, leer ausgeht, ist das ein deutliches Signal."

Während Katherina Reiche fairen Wettbewerb für deutsche Unternehmen in China fordert und eine verlässliche Belieferung mit Seltenen Erden anmahnt, haben die Entscheidungsträger in Peking alle Trümpfe in der Hand. Und innerhalb der EU fehlt eine einheitliche Linie gegenüber China. Deutschland bremst ein härteres Vorgehen - aus Sorge vor Strafmaßnahmen gegen die eigenen Unternehmen.

Produktion in China für China

Wie stark deutsche Firmen in China engagiert sind, zeigt das Beispiel BASF. Der Chemieriese aus Ludwigshafen hat Ende März ein neues großes Werk im südchinesischen Zhanjiang eingeweiht - Kostenpunkt: fast neun Milliarden Euro.

Hier stellt BASF Basis- und Spezialchemikalien etwa für Chinas Automobil- und Kunststoffindustrie her. Während im Stammwerk Ludwigshafen der Wegfall russischer Energie zu Jobabbau und dem Herunterfahren der Produktion führte, kann BASF in China auf günstiges russisches Öl und Gas zurückgreifen.

Mit dem neuen Standort macht sich BASF aber zunehmend vom Wohlwollen der chinesischen Staats- und Parteiführung abhängig. Eine Abhängigkeit, die Washington scharf kritisiert. In der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA heißt es: "Der Ukraine-Krieg hatte den perversen Effekt, Europas, insbesondere Deutschlands, externe Abhängigkeiten zu vergrößern. Heute bauen deutsche Chemieunternehmen in China einige der weltweit größten Verarbeitungsanlagen und nutzen dafür russisches Gas, das sie im Inland nicht beziehen können."

Deutsche Unternehmen befeuern Chinas Überkapazitäten

Gleichzeitig tragen deutsche Unternehmen mit ihrer Produktion in China dazu bei, dass chinesische Überkapazitäten den Weltmarkt fluten. Während die Binnenkonjunktur lahmt, läuft die chinesische Exportmaschine auf Hochtouren. Die Politik der zwei Kreisläufe, die Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping propagiert, scheint für das Reich der Mitte aufzugehen: Sich von Importen unabhängig machen, während die Welt immer abhängiger von Gütern und Waren "Made in China" wird.

Dass China heute eine führende Industrienation ist, überrascht viele in Deutschland - obwohl die Entwicklung langfristig angelegt war. "Wir haben China unterschätzt, wie wir das immer schon taten und auch heute in vielen Bereichen noch tun", sagt China-Experte Manuel Vermeer im DW-Interview. "Das lernen wir jetzt sehr schmerzhaft. Und dann beschweren wir uns auch noch darüber, dass wir es nicht vorher gewusst haben", wundert sich Vermeer, der seit 40 Jahren deutsche Unternehmen im China-Geschäft berät.

Chinas langer Atem zahlt sich aus

In den Anfangsjahren profitierten deutsche Unternehmen von Joint Ventures und Marktzugang. Gleichzeitig gaben sie Know-how weiter - etwa in der Automobilindustrie. Heute ist die Rollenverteilung häufig umgekehrt. "Wir haben Anfang der 1980er Jahre die ersten deutschen Unternehmen nach China gebracht. Wir haben Joint Ventures gründen müssen, zum Beispiel im Automobilbereich. Die Chinesen haben sehr aufmerksam zugeschaut und zugehört und haben gelernt. Und wie wir alle wissen, haben sie uns inzwischen gerade in diesem Bereich weitgehend überholt. Sie bringen fantastische Autos auf die Märkte, die nicht nur gut aussehen und kostengünstig sind, sondern tatsächlich auch wirklich sehr, sehr gut sind", so Vermeer.

Deutsche Arroganz rächt sich

"Man dachte damals, wir gehen da rüber, wir zeigen den Chinesen das. Das können die dann auch gerne mal ein bisschen nachmachen. Aber mit der üblichen deutschen Arroganz gingen wir davon aus, dass die das sowieso nie richtig können, wie die Deutschen das eben mit ihren Spaltmaßen (der Abstand zwischen zwei benachbarten Bauteilen im Maschinen- oder Karosseriebau, d. Red.) und ihren hervorragenden Ingenieurfähigkeiten können.

Die Chinesen hätten zugehört und gelernt, um es irgendwann genauso gut oder noch besser zu können, als die Deutschen. "Auf diese Idee kann man hier eigentlich gar nicht. Und das wollte auch niemand hören im Maschinenbau, im Automotive-Bereich", so Vermeer. Dabei war die Entwicklung früh absehbar. Programme wie "Made in China 2025" oder Analysen von China-Experten warnten seit Jahren vor wachsendem Wettbewerbsdruck - besonders für Deutschland, Japan und Südkorea.

Vom Schüler zum Lehrer

"Wir haben es ihnen auch in den Joint Ventures beigebracht", so Manuel Vermeer. "Sie haben viel von uns kopiert, sicher auch manchmal mit nicht ganz legalen Mitteln. Beim chinesischen BMW-Partner Brilliance habe das bizarre Züge gehabt, erinnert er sich. Im Montagewerk Shenyang habe man nur durch eine Tür gehen müssen. "Auf der einen Seite wurde der BMW zusammengeschraubt, auf der anderen eben Brilliance und dann hat man das eben abgekupfert. Und bei Volkswagen war das ja auch nicht anders."

Katherina Reiche war sichtlich beeindruckt bei ihrer ersten Reise ins Wirtschaftswunderland China. Immer wieder staunte sie über die rapide Entwicklung der Volksrepublik zu einer führenden globalen Industriemacht. Dabei kam all das mit Ansage, nachzulesen in den von der kommunistischen Staats- und Parteiführung veröffentlichen industriepolitischen Planungspapieren.

"Wir haben schon vor 20 Jahren in den chinesischen Fünfjahresplänen…gesehen, dass man auf E-Mobilität setzt. Aber das haben wir damals nicht ernst genommen oder einfach nicht gelesen", sagt Manuel Vermeer.

Deutsche Industrie als Abendessen Pekings?

Die Ökonomen Sander Tordoir und Brad Setser warnen in einer Studie vor einem "China-Schock 2.0" und den "Kosten der deutschen Selbstzufriedenheit". Der erste China-Schock ab 2001 traf die USA hart, während Deutschland zunächst profitierte.

Nun sehen die Forscher des "Centre for European Reform" Europas größte Volkswirtschaft selbst unter Druck: "Deutschland bleibt zögerlich, obwohl China schon einen großen Teil seiner Industrie zum Mittagessen verspeist hat und sich nun darauf vorbereitet, mit dem Abendessen zu beginnen."

Ein Blick in den aktuellen Fünfjahresplan zeigt, wohin die Reise geht: China setzt auf Quanten-Computing, künstliche Intelligenz, humanoide Robotik und Brain-Machine-Interfaces. Der Kurs ist klar: weniger Abhängigkeit vom Westen, mehr Kontrolle über globale Lieferketten. Nicht nur Deutschland und Europa müssen sich warm anziehen.

Author Thomas Kohlmann
Item URL https://www.dw.com/de/deutschlands-riskanter-drahtseilakt-in-china/a-77340650?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76539672_607.jpg
Image caption Der neue Verbundstandort von BASF produziert im südchinesischen Zhanjiang für den chinesischen Markt und seine Export-Unternehmen
Image source BASF SE/dpa/picture alliance
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Item 28
Id 77226284
Date 2026-05-29
Title Hochfunktionale Depression: Wenn Leistung Leiden verdeckt
Short title Hochfunktionale Depression: Wenn Leistung Leiden verdeckt
Teaser Depressive Menschen sind antriebslos und schaffen selbst kleine Aufgaben nicht mehr? Nicht immer. Manche sind trotz Depression produktiv und leistungsfähig. Dann kann's ja nicht so schlimm sein? Ein gefährlicher Irrtum.
Short teaser Manche Menschen sind trotz Depression produktiv und hochfunktional. Dann kann's ja nicht so schlimm sein? Irrtum!
Full text

Dieser Artikel behandelt Themen wie Depressionen und Suizid. Die Inhalte können belastend oder emotional herausfordernd sein.

Wenn du dich selbst betroffen fühlst oder Suizidgedanken hast, bitte hole dir Unterstützung. In Deutschland erreichst du die TelefonSeelsorge rund um die Uhr kostenlos und anonym unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Auch ein Chat-Angebot ist verfügbar unter: https://www.telefonseelsorge.de/

Es ist Sonntagmorgen. Irgendwann zwischen fünf und sechs schrecke ich aus dem Schlaf hoch. Sofort habe ich tausend Dinge im Kopf, die erledigt werden müssen. Deshalb springe ich aus dem Bett. So ist das schon seit Jahren.

Ich kümmere mich um die Wäsche, den Hund, das Frühstück. Mache Sport und denke über die kommende Woche nach und darüber, wie anstrengend die wird. Ich bin müde. Immer eigentlich.

Kurz darauf erzählt mir mein Sohn, dass er seine Bankkarte verloren hat. Eine Kleinigkeit. Eigentlich. Aber in mir kippt etwas. Ich kann nicht mehr aufhören zu weinen und sage meinem Mann, dass ich fertig bin mit diesem Leben. "Kannst du dich um mein Kind kümmern, wenn ich nicht mehr da bin?"

Ein banaler Auslöser. Und genau das macht mir Angst.

Doch die Suizidgedanken beunruhigen mich nicht - im Gegenteil. Sie bringen Ruhe. Sie sind die Lösung, die Exitstrategie raus aus diesem Leben, das keinen Spaß macht, das sich nur noch schwer, leer und erschöpfend anfühlt.

Depression ohne Antriebshemmung

Vor zwei Jahren wurde bei mir eine Depression diagnostiziert. Einmal in der Woche gehe ich zur Therapie. Lange dachte ich, dass das reicht. Schließlich konnte ich immer zur Arbeit gehen, mich um die Familie und den Haushalt kümmern und soziale Kontakte pflegen.

Jetzt bin ich in einer Tagesklinik und von Menschen umgeben, für die es eine enorme Anstrengung ist, den Geschirrspüler auszuräumen. Die an manchen Tagen das Bett nicht verlassen können. An Arbeit oder Sport ist für viele schon seit langem gar nicht zu denken.

Mein Problem ist das Gegenteil: Je schlechter es mir geht, desto schneller bewege ich mich und hetze durch den Alltag. Irgendwo höre ich den Begriff "hochfunktionale Depression". Die Antriebshemmung, die häufig mit einer Depression einhergeht, fehlt hier. Die Betroffenen erscheinen leistungsfähig und produktiv. Der Begriff beschreibt, wie sich das Leben für mich anfühlt: wie ein auf Effizienz getrimmter Albtraum.

Warum "hochfunktionale Depression" keine offizielle Diagnose ist

Im ICD-10, dem internationalen Diagnoseschlüssel zur Klassifikation von Krankheiten, taucht der Begriff nicht auf. Um eine offizielle Diagnose, die Psychiater oder Psychologen stellen würden, handelt es sich also nicht.

Ulrich Hegerl ist Psychiater und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. Eine Depression ist eine Depression, sagt er. "Ich halte nichts von dem Begriff 'hochfunktionale Depression', das ist ein Modebegriff, wie es ihn immer wieder gibt."

Dass Menschen trotz Depression lange weiter funktionieren, erklärt er mit ihrer Persönlichkeit: "Menschen mit Depression sind häufig auch im gesunden Zustand eher Menschen, die für andere da sind, die sich einsetzen, die sehr verantwortungsvoll sind, niemanden enttäuschen wollen und deswegen auch oft mit allerletzter Kraft noch Leistung bringen."

Zu Hause würden sie dann völlig erschöpft ins Bett fallen, sagt Hegerl. Und dann ist es auch vorbei mit der Produktivität. "Erschöpfungsgefühl, innere Daueranspannung, Schuldgefühle, Appetitstörungen, Schlafstörungen, Grübelneigung, alle typischen Depressionszeichen finden wir bei Menschen mit 'hochfunktionaler Depression' wie bei allen anderen," sagt der Psychiater.

Auch Daniel Huys, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt in der Allgemeinpsychiatrie am LVR-Klinikum in Bonn, verwendet den Begriff in der Praxis nicht. In der Klinik gehe es um Schweregrade: leicht, mittel oder schwer.

"In der ICD-10 finden wir keine hochfunktionale Depression. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gibt", sagt Huys. Möglich sei, dass er Menschen, die die Diagnosekriterien einer Depression erfüllen, ihr Leben aber dennoch gestemmt bekommen, in seinem Klinikalltag nicht zu Gesicht bekommt. Dort landen eher Menschen, die die Anforderungen des Alltags nicht mehr erfüllen können und zusammenbrechen.

Depression versteckt hinter Leistung und Erfolg

Genau da liegt das Problem: "Das größte Missverständnis ist, dass das Leid einer Person oft heruntergespielt wird, nur weil sie nach außen erfolgreich oder produktiv wirkt“, sagt Adrianne McCullars. Sie ist promovierte Psychologin am Rogers Behavioral Health, einem Klinikverbund zur Behandlung psychischer Erkrankungen in Tampa, Florida.

Sie findet, der Begriff "hochfunktionale Depression" könne helfen, diese Form sichtbarer zu machen - eine, die oft übersehen werde. Auch von den Betroffenen selbst. Viele denken: Solange ich es immer noch schaffe aufzustehen und meinen Pflichten nachzukommen, kann es nicht so schlimm sein.

Doch das ist gefährlich: Depression ist die häufigste Ursache von Suiziden in Deutschland.

Adrianne McCullars widerspricht außerdem der Annahme, dass eine hochfunktionale Depression automatisch eine leichtere Form der Erkrankung ist. "Manche Menschen werden getrieben oder übermäßig produktiv, wenn sie depressive Symptome haben - als eine Art, mit diesen Symptomen umzugehen."

Produktiv trotz Depression: Wenn Leistung zur Bewältigungsstrategie wird

So habe ich es auch erlebt. Ich dachte: Wenn ich nur schnell alles erledige, wird die To-Do-Liste kürzer und mein Gefühl von Überforderung kleiner. Wenn ich in Bewegung bleibe, überrollt mich die Erschöpfung erst abends, wenn ich schlafen gehen kann. Wenn ich genug leiste, kann ich das bohrende Schuldgefühl in Schach halten, das ich permanent empfinde - gegenüber meiner Familie, meinen Kolleginnen und Kollegen, meinen Freundinnen und Freunden.

Dieses Funktionieren und Leisten - gesellschaftlich hochgelobt - könne eine Ablenkung sein, sagt Daniel Wagner. Er ist psychologischer Psychotherapeut mit eigener Praxis in Köln.

Wenn sich das schwere Leid einer Depression hinter großer Leistung und Erfolg versteckt, dann oft deshalb, weil Stille und Ruhe vermieden werden müssen, "in denen sich ein Zustand offenbart, der schwer auszuhalten ist", sagt Wagner.

Achtsamkeit bei Depression: So hilft bewusstes Innehalten

In der Therapie mit solchen Menschen gehe es deshalb darum "ins Spüren zu kommen, den Zugang zu Gefühlen ermöglichen und Regeneration zuzulassen", sagt Wagner. Achtsamkeitsübungen seien genau dafür gut - "organisiertes Abhängen" nennt der Psychotherapeut das.

Das können Atemübungen oder geführte Meditationen sein, bei denen es nicht darum geht, irgendetwas zu verändern, sondern nur präsent zu sein und zu beobachten. Wagner sagt, er baue solche Regenerationsphasen strukturiert in den Tagesablauf seiner Patientinnen und Patienten ein.

Ähnlich sind die Psychologen in der Klinik vorgegangen. Ich habe einen Wochenplan bekommen, mit dessen Hilfe ich jeden Tag strukturieren sollten. Arbeit, Haushalt, Sport und Dinge, die mir Spaß machen und guttun. Für mich ist der letzte Punkt immer noch das größte Problem und der wundeste Punkt.

In der Ruhe wird mein Kopf lauter, die Gefühle unangenehmer. Ich will am liebsten wieder losrennen. Mich vor der Verantwortung drücken, mit mir selbst umzugehen. Das bedeutet: stehen bleiben, aushalten, nichts tun.

Author Julia Vergin
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Image caption Äußerlich erfolgreich und produktiv, innerlich leer, erschöpft und hoffnungslos
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Item 29
Id 77333587
Date 2026-05-29
Title Warum sich Europa schneller erwärmt als andere Kontinente
Short title Klimawandel: Warum sich Europa am schnellsten erwärmt
Teaser Hitzewellen und Rekordtemperaturen: Kein Kontinent erwärmt sich so rasant wie Europa.. Warum ist es so heiß und welche Rolle die Arktis dabei spielt.
Short teaser Klimawandel im Rekordtempo: Warum Europa zum globalen Hitze-Hotspot wird und welche Rolle die Arktis dabei spielt.
Full text

Weite Teile Westeuropas leiden dieses Frühjahr unter einer intensiven Hitzewelle. Es herrschen ungewöhnlich heiße Temperaturen vom Vereinigten Königreich im Norden über Deutschland und Frankreich bis hinunter nach Spanien und Italien.

Grund für das für diese Jahreszeit untypisch heiße Wetter ist eine sogenannte Wärmekuppel. Ähnlich wie ein Deckel auf einem kochenden Topf schließt dabei ein Hochdrucksystem aus Nordafrika in der Atmosphäre heiße Luft über Europa ein. Da es sich nur sehr langsam bewegt, hält diese Wetterlage an.

Nach Angaben des Copernicus Climate Change Service der EU haben solche Wettersysteme in Europa in den letzten 25 Jahren zugenommen und zu häufigeren und extremeren Hitzewellen geführt.

Europa erwärmt sich doppelt so schnell

"Temperaturen in dieser Größenordnung waren früher selbst im Hochsommer außergewöhnlich", so Friederike Otto, Professorin für Klimawissenschaften am Londoner Imperial College in einer Erklärung.

"Diese rekordverdächtige Hitze trägt die Fingerabdrücke des Klimawandels." Es sei jedoch "noch zu früh, um zu berechnen, inwieweit dieses jüngste extreme Hitzeereignis durch den Treibhauseffekt aufgrund der Emissionen fossiler Brennstoffe verstärkt wurde."

Die von der Klimawissenschaftlerin Otto mitbegründete World Weather Attribution mit Sitz im Vereinigten Königreich hat Hitzewellen in Europa seit 2003 untersucht. Dabei zeigte sich, dass das extreme Wetter aufgrund des vom Menschen verursachten Klimawandels "sehr viel wahrscheinlicher und intensiver war".

Im Jahr 2025 haben 95 Prozent Europas überdurchschnittlich hohe Temperaturen erlebt, so der im April veröffentlichte Bericht über den Zustand des europäischen Klimas. Intensive Hitzewellen mit Temperaturen von über 30 Grad Celsius waren bis zum Polarkreis zu spüren. Und die Oberflächentemperatur der Ozeane war die "höchste seit Beginn der Aufzeichnungen".

"Europa ist der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt, und die Auswirkungen sind bereits gravierend", sagt Florian Pappenberger, Leiter des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage, einer der Agenturen, die hinter dem Bericht stehen.

Tatsächlich erwärmt sich Europa fast doppelt so schnell wie der weltweite Durchschnitt. Die Durchschnittstemperatur ist hier im Vergleich zum vorindustriellen Niveau des späten 19. Jahrhunderts um 2,5 Grad Celsius (4,3 F) gestiegen.

Weltweit haben die Analysten einen durchschnittlichen Anstieg von 1,4 Grad Celsius festgestellt.

Warum wird es in Europa schneller warm als anderswo?

Diese beschleunigte Erwärmung liegt auch an Lage des Kontinents. Europa ist mit der Arktis verbunden, der einzigen Region der Welt, die sich noch schneller erwärmt.

In der Nähe des Nordpols sind die Temperaturen im Schnitt inzwischen sogar mehr als 3,3 Grad Celsius höher als zu Beginn der Industrialisierung, so der Copernicus Climate Change Service der EU.

Während helles Eis am Pol Sonnenlicht reflektiert, nimmt eisfreies Meer, weil es dunkler ist, einen größeren Teil der Wärmestrahlung aus dem Sonnenlicht auf. Dieser Prozess ist als Albedo-Effekt bekannt. Und er ist auch in Europa zu beobachten.

Teile des Kontinents, die früher das ganze Jahr oder bis in den Spätsommer hinein gefroren waren, wie etwa die Hochgebirgsregionen der Alpen, sind heute zunehmend schneefrei. Weil der dunklere Boden weniger Sonnenstrahlung in den Weltraum zurückwirft, hat sich die Erwärmung beschleunigt.

Schwankende Winde, veränderte Wettermuster

Wissenschaftler bringen die Erwärmung in Europa auch mit den sich verändernden Winden des Jetstreams in Verbindung, dem Höhenwindstrom, der von Westen her auf Europa zuströmt.

Auch diese früher relativ stabilen Winde werden durch den Klimawandel gestört. Das führt zu extremeren Wettermustern, die in der Regel länger anhalten.

Eine Studie aus dem Jahr 2022 zeigt, dass sich der Jetstream jetzt für immer längere Perioden in zwei Äste, einen Doppel-Jetstream, teilt. Das führt zu mehr Hitzewellen in ganz Europa - insbesondere im Westen des Kontinents.

"In dieser Region, die mit dem Ausgang der Sturmfront vom Nordatlantik in Richtung Europa zusammenfällt, kommen die Wettersysteme normalerweise vom Atlantik und haben daher eine abkühlende Wirkung", so die Studienleiterin Efi Rousi damals in einer Erklärung.

"Während der Doppel-Jet-Zustände werden die Wettersysteme nach Norden abgelenkt und es können sich über Westeuropa anhaltende Hitzewellen entwickeln."

Saubere Luft erhitzt den Planeten

Paradoxerweise haben anscheinend auch die erfolgreichen Bemühungen, ein anderes Umweltproblem in den Griff zu bekommen, zur verstärkten Erwärmung in Europa beigetragen.

So weist der europäische Bericht über den Zustand des Klimas 2025 darauf hin, dass die strengeren Vorschriften zur Luftqualität seit den 1980er Jahren zwar die Luftverschmutzung verringert haben. Sie sind nun aber mit für die wärmeren Temperaturen verantwortlich.

Bevor die Luft sauberer wurde, trugen die winzigen, reflektierenden Sulfat- und Nitratpartikel aus Autoabgasen und Fabrikschornsteinen indirekt zur Abkühlung des Kontinents bei. Denn sie reflektierten Sonnenlicht und dadurch wurde "die durch den Anstieg der Treibhausgase verursachte Erwärmung teilweise ausgeglichen".

Klimawissenschaftler betonen jedoch, dass die Welt ihre Bemühungen um eine Reduzierung der Emissionen deshalb keineswegs aufgeben sollte.

Die Notwendigkeit, die Erwärmung auf ein Minimum zu beschränken, wird in einem aktuellen Bericht der Weltmeteorologiebehörde WMO, der UN und des britischen Met Office erneut hervorgehoben.

Die Studie prognostiziert für die nächsten fünf Jahre rekordverdächtige globale Durchschnittstemperaturen und hält es für "wahrscheinlich", dass die Welt vor 2031 ein neues heißestes Jahr aller Zeiten erleben wird.

"Die Aufgabe, die vor uns liegt, ist klar", sagte UN-Generalsekretär Antonio Guterres Anfang des Monats.

Er rief dazu auf, den Temperaturanstieg zu minimieren, um "eine sicherere, gerechtere und widerstandsfähigere Zukunft für alle zu schaffen". Letzte Woche stimmte die UNO für die weitere Unterstützung eines "schnellen, gerechten und ausgewogenen Übergangs weg von fossilen Brennstoffen". Der rasche Zubau erneuerbarer Energien seit dem Jahr 2000 hat die Erwärmungstrends bereits vom Worst-Case-Szenario wegbewegt.

Author Martin Kuebler
Item URL https://www.dw.com/de/warum-sich-europa-schneller-erwärmt-als-andere-kontinente/a-77333587?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Abkühlung tut Not: Besonders in den Städten führt die Hitze zu viel Stress für die Bewohner
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Item 30
Id 77328565
Date 2026-05-28
Title Ölknappheit bedroht globale Energiesicherheit
Short title Ölknappheit bedroht globale Energiesicherheit
Teaser Der Iran-Krieg zeigt globale Auswirkungen: Die strategischen Erdölreserven schrumpfen rapide, da viele Länder Notfallreserven an Rohöl freigeben, um die wirtschaftlichen Auswirkungen des Nahostkonflikts abzufedern.
Short teaser Viele Länder geben Ölreserven frei, um die wirtschaftlichen Auswirkungen des Nahostkonflikts abzufedern.
Full text

Der Iran-Krieg und die Schließung der Straße von Hormus - einer Wasserstraße, durch die vor dem Konflikt rund 20 Prozent des weltweiten Ölhandels abgewickelt wurden - haben einen Ölversorgungsschock von lang nicht bekanntem Ausmaß ausgelöst. Die Verknappung hat Länder weltweit dazu veranlasst, fieberhaft nach Alternativen zu suchen, um die wegbrechenden Vorräte auszugleichen.

Asiatische Länder, die stark von der Energieversorgung aus dem Nahen Osten abhängig sind, haben Maßnahmen ergriffen, um die Kraftstoffnachfrage zu dämpfen. Einige Länder haben bereits Maßnahmen zur Drosselung der Nachfrage und zur Kraftstoffeinsparung eingeführt, wie beispielsweise kürzere Arbeitswochen auf den Philippinen und eine reduzierte Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs in Ländern wie Pakistan.

Die Internationale Energieagentur (IEA) koordinierte im März die Freigabe massiver Ölreserven - rund 400 Millionen Barrel - aus den Notfallreserven der Industrieländer. Ziel dieser Maßnahme war es, eine ausreichende Versorgung sicherzustellen und die Rohölpreise zu stabilisieren.

Globale Reserven

Vor dem Krieg herrschte auf den globalen Rohölmärkten ein Überangebot. Die großen Volkswirtschaften hatten umfangreiche strategische Reserven aufgebaut, wobei China, die Vereinigten Staaten und Japan die weltweit größten Vorräte hielten.

Laut Daten der US-Energieinformationsbehörde (EIA) verfügte China im Dezember 2025 über fast 1,4 Milliarden Barrel Rohöl in seinen Reserven, darunter sowohl kommerzielle als auch staatliche.
Die USA hielten rund 413 Millionen Barrel in ihrer strategischen Ölreserve und weitere 411 Millionen Barrel in kommerziellen Rohölreserven.

Japan besaß die drittgrößten strategischen Ölreserven mit rund 263 Millionen Barrel allein in staatlichen Reserven. Indien hielt laut EIA rund 21 Millionen Barrel in seinen Vorräten. Diese strategische Reserven sollten vor allem Schutz vor kurzfristigen Ölpreisschocks bieten.

Die EU-Länder sind gesetzlich verpflichtet, Notfallreserven in Höhe von mindestens 90 Tagen Nettoimporten oder 61 Tagen Verbrauch vorzuhalten. Sie trugen rund 20 Prozent zu den 400 Millionen Barrel bei, die im Rahmen der von der Internationalen Energieagentur (IEA) koordinierten Maßnahme freigegeben wurden. Deutschland gab 19,5 Millionen Barrel frei, gefolgt von Frankreich (14,6 Millionen Barrel), Spanien (11,6 Millionen Barrel) und Italien (10 Millionen Barrel).

Laut S&P Global decken die Reserven derzeit etwa 9,5 Tage der Nettoölimporte ab. Berücksichtigt man jedoch die Reserven staatlicher Ölkonzerne, erhöht sich die Deckung auf etwa 74 Tage. Zusätzlich zu diesen strategischen Reserven standen Millionen Barrel russisches Rohöl, die auf noch nicht gelöschten Tankern lagerten, Käufern in Asien zur Verfügung, nachdem die USA die Sanktionen gegen dieses Öl vorübergehend ausgesetzt hatten, um das globale Angebot zu erhöhen.

Kritisches Niveau bald in Sicht

Diese Ölvorräte haben bisher dazu beigetragen, den Energieschock abzufedern und die Angebotsschwankungen zu bewältigen. Doch fast drei Monate nach Kriegsausbruch steht der Ölverkehr durch Hormus weiterhin still. Während die Unterbrechung anhält, wurden strategische Reserven und kommerzielle Vorräte weiterhin in rasantem Tempo abgebaut. Die IEA gab bekannt, dass die globalen beobachteten Ölvorräte im März und April in Rekordtempo um 246 Millionen Barrel gesunken sind.

Der Chef der internationalen Ölbehörde, Fatih Birol, warnte kürzlich, dass die Ölreserven "nicht unendlich" seien und weltweit "sehr schnell" sanken. Er betonte außerdem, dass es "viel Zeit" dauern werde, bis Produktion und Raffineriekapazität wieder das Vorkriegsniveau erreichen. Die US-Investmentbank Goldman Sachs gab letzte Woche eine ähnliche Warnung heraus und erklärte, die globalen Ölreserven würden in diesem Monat in Rekordtempo abgebaut.

"Bei der derzeitigen Abbaugeschwindigkeit könnten die kommerziellen Ölreserven bis Ende Juni ein kritisch niedriges Niveau erreichen", schrieb Neil Shearing, Chefökonom von Capital Economics, in einer Analyse vom 18. Mai. Sollte sich die Angebotslage nicht bald verbessern, "könnten die Preise stark steigen", warnte Shearing.

Auswirkungen auf die Preise

Die Situation hat Befürchtungen vor Versorgungsengpässen geweckt, insbesondere während der sommerlichen Nachfragespitze. Sollten die Lieferengpässe anhalten, "werden sich die Engpässe nicht in allen Regionen und Sektoren gleich stark bemerkbar machen", erklärte Antoine Halff, Wissenschaftler und Energieexperte am Center on Global Energy Policy der Columbia University, gegenüber der DW.

Er merkte an, dass asiatische Länder aufgrund ihrer starken Abhängigkeit von Energie aus dem Nahen Osten voraussichtlich am stärksten betroffen sein werden, während Flugreisen und Flugtreibstoff zu den am stärksten betroffenen Sektoren und Produktkategorien zählen. Dies werde auch zu einem Anstieg der Ölpreise führen, der "überall spürbar sein wird, auch in Ländern wie den USA, die von einer reichlichen heimischen Versorgung profitieren", so Halff.

Die Rohölpreise liegen bereits jetzt über dem Niveau vor dem Konflikt, was auf Angebotsengpässe und eine geopolitische Risikoprämie zurückzuführen ist. Gleichzeitig reagierten die Preise volatil und empfindlich auf Nachrichten: Sie fielen nach Meldungen über eine schnelle Beilegung des Konflikts und stiegen sprunghaft an, wenn Anzeichen darauf hindeuteten, dass die Straße von Hormus länger geschlossen bleiben würde.

Helima Croft, Leiterin der globalen Rohstoffstrategie bei RBC Capital Markets, glaubt, dass die Märkte die Herausforderungen bei der Beilegung des Konflikts unterschätzen. "Die Erwartungen an eine kurzfristige, vollständige Erholung des Hormus-Konflikts beruhen auf unrealistischen Annahmen über die Leichtigkeit der Lösung und die strategischen Kalkulationen aller Beteiligten", schrieb sie in einem Bericht.

Sollte der aktuelle Angebotsrückgang anhalten, schätzt die Expertin, dass "die kumulierten Rohölverluste bis Monatsende eine Milliarde Barrel übersteigen und sich 1,5 Milliarden Barrel annähern werden, wenn die Situation bis Juni unverändert bleibt." Dies werde die Ölpreise in Richtung der Höchststände von 2008 treiben. "Dann wird wahrscheinlich der Nachfrageeinbruch den Markt wieder ins Gleichgewicht bringen."

Weitere Ölreserven freigeben?

Angesichts schwindender Lagerbestände scheinen die Regierungen jedoch vor einer zweiten koordinierten Freigabe strategischer Reserven zurückhaltend zu sein. Der französische Finanzminister Roland Lescure, der kürzlich seine Amtskollegen der G7-Staaten empfing, erklärte gegenüber der Financial Times, die Vorräte seien "endlich" und könnten nicht freigegeben werden, "ohne in dieser Phase Klarheit über Dauer und Intensität des Konflikts zu haben".

Halff sagte, sollte Hormus noch länger blockiert bleiben, könnten die Regierungen "kaum etwas tun, um die Versorgung sicherzustellen und gleichzeitig die Preise im Zaum zu halten" (..) "Die Freigabe von Öl aus strategischen Reserven kann helfen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, da die Vorräte nicht unbegrenzt sind."

Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert.

Author Srinivas Mazumdaru
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Image caption Öl-Pipelines der "Strategic Petroleum Reserve" (SPR) in Bryan Mound nahe Freeport, Texas
Image source U.S. Department of Energy/dpa/picture alliance
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Item 31
Id 77312117
Date 2026-05-28
Title Seltene Erden: Bricht Brasilien Chinas Monopol?
Short title Seltene Erden: Bricht Brasilien Chinas Monopol?
Teaser Brasilien verzeichnet einen Run auf seine riesigen Reserven. Im Schatten von China positioniert sich das Land als neuer Anbieter der magnetischen Seltenerdmetalle. Große Konzerne wittern einen "Goldrausch".
Short teaser Brasilien verzeichnet einen Run auf seine riesigen Reserven. Große Konzerne wittern einen "Goldrausch".
Full text

In Brasilien bahnt sich ein neuer Rohstoffrausch an. Diesmal geht es nicht um Gold, Kaffee oder Kautschuk, sondern um das Gold im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz und erneuerbarer Energien: Seltene Erden.

"Die nächsten großen Projekte für Seltene Erden werden in Brasilien sein", ist Geologe Andrew Tunks, Vorstandsvorsitzender des australischen Bergbauunternehmens Meteoric Resources, überzeugt. "Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, aber irgendwann wird Brasilien mit China konkurrieren," sagt er im DW-Gespräch.

Das Unternehmen Meteoric investiert massiv in den Abbau Seltener Erden in Brasilien. Bei dem sogenannten "Caldeira-Projekt" der Firmaim brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais handelt es sich um das größte ionische Tonvorkommen weltweit.

Ionische Tonböden sind eine der wichtigsten Quellen für "mittlere" und "schwere" Seltene Erden (zum Beispiel Dysprosium, Terbium), die für Hochleistungsmagnete in Windrädern und E‑Mobilität besonders wichtig sind.

Run auf Reserven

Die Nachfrage nach Seltenerdmetallen für Magnete hat sich laut der Internationalen Energie Agentur (IEA)seit 2015 verdoppelt und wird bis 2030 voraussichtlich noch um mehr als 30 Prozent steigen. Die Elemente, insbesondere Neodym, Praseodym, Dysprosium und Terbium, werden unter anderem bei der Produktion von Elektrofahrzeugen, KI-Rechenzentren und in der Robotik benötigt.

Brasilien ist nach China das Land mit den größten Vorkommen an Seltenen Erden weltweit (siehe Grafik). Die Vorräte werden auf rund 21 Millionen Tonnen geschätzt. China führt das weltweite Ranking mit 44 Millionen Tonnen an.

Die steigende weltweite Nachfrage nach Seltenen Erden hat bei der brasilianischen Bergbaubehörde ANM zu einer Explosion von Anträgengeführt. Aktuell gibt es 2758 Projekte.

Zum Vergleich: Zwischen 1975 und 2020 wurden in Brasilien etwas mehr als 250 Anträge für den Abbau von Seltenen Erde eingereicht. Zwischen 2023 und 2024 waren es 1662.

USA übernehmen Mine in Brasilien

Brasiliens neuer "Goldrausch" zeigt sich auch an der Börse. Die Aktienkurse von Unternehmen, die im Land in den Abbau Seltener Erden investieren, gingen durch die Decke. So verzeichneten die Firmen Meteoric (Australien), Resouro Strategic Metals (Kanada), Appia Rare Earths and Uranium Corp (Kanada) und USA Rare Earths (USA) in den vergangenen zwölf Monaten Kursgewinne zwischen 65 Prozent und 122 Prozent ein.

Die Firma USA Rare Earths übernahm im April die einzige aktive Seltenerdmine Brasiliens von dem brasilianischen Bergbauunternehmen Serra Verde in Minaçu im brasilianischen Bundesstaat Goias. Preis: 2,8 Milliarden Dollar.

"Die Mine von Serra Verde ist die einzige außerhalb Asiens, die alle vier magnetischen Seltenen Erden in großem Maßstab liefert", erklärte CEO Barbara Humpton nach der Übernahme. Wie wichtig die Mine ist, zeige der 15-jährige Abnahmevertrag mit verschiedenen US-Regierungsbehörden.

Die Beteiligung deutscher Unternehmen an der Rohstoffgewinnung in Brasilien ist nach Angaben der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer in Sao Paulo noch "selektiv".

Deutschland verfolge jedoch das Ziel, seine Partnerschaften mit Brasilien im Kontext kritischer Mineralien, der Energiewende, der grünen Industrie sowie der Sicherung von Lieferketten auszubauen, versichert Bruno Vath Zarpellon, Bereichsleiter Geschäftsentwicklung der Außenhandelskammer, gegenüber der DW.

Konkurrenz mit China?

Serra Verde ist eine Ausnahme im brasilianischen Szenarium. Denn im Gegensatz zu China hat sich das Land bisher darauf beschränkt, seine Rohstoffe zu exportieren und nicht weiterzuverarbeiten und zu veredeln.

In China liegt der Anteil der Veredelung nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IAE) mittlerweile bei über 90 Prozent. Auch bei der Produktion von Permanentmagneten verfügt China mit einem Anteil von 95 Prozent über eine Monopolstellung.

Diese Abhängigkeit bekam die Elektronikindustrie im vergangenen Jahr zu spüren. Aufgrund der von China verhängten Exportkontrollen für Seltene Erden nach dem Zollstreit mit US-Präsident Donald Trump kam es zu Lieferengpässen.

Brasilien, aber auch andere Länder mit großen Rohstoffvorkommen wie Indien, Vietnam oder Schweden und Norwegen, wollen deshalb eigene Wertschöpfungsketten aufbauen. Meteoric-Chef Tunks weist darauf hin, dass dies einen langen Atem erfordert.

"Was den Bergbau angeht, könnte Brasilien relativ schnell konkurrenzfähig werden", so Tunks." "Aber bei der Produktion wird es noch einige Zeit dauern."

Einfacher Abbau der Lagerstätten

Aus geologischer Perspektive verfügt Brasilien im Vergleich zu anderen Ländern mit großen Reserven über einen Vorteil: Knapp 73 Prozent der Vorkommen im Land bestehen nach Angaben des geologischen Instituts (SBG) aus ionischen Tonböden.

"Es handelt sich dabei um Vorkommen, bei denen die Natur selbst einen Teil des Verarbeitungsprozesses übernommen hat, also um Granitgestein, das sich verändert oder zersetzt hat", erklärt Francisco Valdir Silveira, Leiter des brasilianischen Geologischen Instituts SBG. "Ionische Tonlagerstätten sind deshalb leichter abzubauen."

Geologe und Bergbauunternehmer Andrew Tunks sieht noch weitere Vorteile für Abbau und Aufbereitung von Selten Erden in Brasilien. "Aufbereitung erfordert viel Strom und Wasser. Unser Bergwerk in Brasilien wird zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie betrieben und Strom ist günstig", so Tunks. "Das gibt es in Australien einfach nicht. Dort ist es sehr trocken und Strom sehr teuer."

Tunks hofft, dass der "Goldrausch" in Brasilien einen anderen Verlauf nimmt als in seiner Heimat. "In Australien fördern wir riesige Mengen an Rohstoffen und schicken sie einfach nach China. Wir schaffen dabei keinen einzigen Cent an Mehrwert. Ich hoffe, dass Brasilien das besser hinbekommt."

Unter Mitarbeit von Heloisa Traiano.

Author Astrid Prange de Oliveira
Item URL https://www.dw.com/de/seltene-erden-bricht-brasilien-chinas-monopol/a-77312117?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77316833_607.jpg
Image caption Neues Abbaugebiet für Seltene Erden: Luftaufnahme der Mine "Project Caldeira" im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais
Image source Google Earth
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Item 32
Id 77318523
Date 2026-05-27
Title Wirtschaftsweise: Kein Aufschwung in Sicht
Short title Wirtschaftsweise: Kein Aufschwung in Sicht
Teaser Der Iran-Krieg hat die Hoffnung auf Wirtschaftswachstum zunichte gemacht. Das setzt Deutschland auch bei Rente und Gesundheit unter Druck. Experten fordern Abstriche am Sozialstaat.
Short teaser Der Iran-Krieg setzt der deutschen Wirtschaft zu. Experten fordern Abstriche am Sozialstaat.
Full text

Es dürfte kein angenehmer Termin für Friedrich Merz (CDU) gewesen sein. Der Bundeskanzler empfing am Mittwoch (27.5.) zusammen mit einigen Ministern seiner Regierung die sogenannten "Wirtschaftsweisen". So werden die fünf Professorinnen und Professoren auch genannt, die den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bilden - ein unabhängiges Beratergremium der Bundesregierung.

Beim gemeinsamen Mittagessen wollte man sich über das aktuelle Frühjahrsgutachten des Rats unterhalten. Das enthält nichts, worüber sich die Regierung freuen könnte. Es unterstreicht vielmehr, in was für einer schlechten Verfassung die deutsche Wirtschaft ist.

Stagnation statt Wachstum in Deutschland

"Wir mussten in unserem Gutachten die Wachstumsprognose für dieses Jahr leider nach unten korrigieren", sagte die Vorsitzende Monika Schnitzer vor dem Termin im Kanzleramt. "Wir erwarten für das laufende Jahr ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um nur noch 0,5 Prozent und für das kommende Jahr von 0,8 Prozent." Das BIP misst die Summe aller produzierten Waren und Dienstleistungen, also die Wirtschaftskraft.

Gleichzeitig klettert die Inflationsrate, also die Preissteigerung, 2026 auf drei Prozent. Das sind desaströse Zahlen, die das Gegenteil dessen sind, was der Bundeskanzler beim Amtsantritt seiner Regierung im Mai 2025 als Top-Priorität versprochen hatte: Die Wirtschaft rasch wieder in Schwung zu bringen.

Frust in der deutschen Wirtschaft

Die Unternehmer sind enttäuscht von der Regierung und beklagen sich immer lauter. "Der Wirtschaftsstandort Deutschland steht unter Druck wie selten zuvor in der Nachkriegsgeschichte", kommentierten die großen Wirtschaftsverbände, darunter der Bundesverband der deutschen Industrie, bei einer Wirtschaftskonferenz Ende März.

Jeder vierte Arbeitsplatz in Deutschland hängt an der Industrie. Autos, Maschinen, chemische und pharmazeutische Produkte - über Jahrzehnte waren sie Exportschlager und Deutschland lebte gut davon. Doch deutsche Unternehmen sind weltweit immer weniger wettbewerbsfähig und angesichts einer seit 2019 anhaltenden Schwäche zweifeln exportierende Unternehmen offen daran, ob es überhaupt noch gelingen kann, "das Ruder rumzureißen".

Energiepreise massiv gestiegen

Noch im Herbst war zumindest die Hoffnung da, dass die Konjunktur 2026 endlich wieder etwas anziehen könnte. Doch der Iran-Krieg machte einen Strich durch die Rechnung. Heizöl verteuerte sich um 40 Prozent, die Preise für Gas und Strom dürften ebenfalls weiter steigen.

20 Prozent des weltweiten Verbrauchs von Öl und Flüssiggas wurden vor dem Iran-Krieg durch die Meerenge von Hormus vor der iranischen Küste transportiert. Die faktische Sperrung trifft die ganze Welt, genauso wie die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump. Die USA sind der mit Abstand größte Importeur von Waren weltweit, kein anderes Land kauft so viel ein.

Die Weltwirtschaft wächst - nur nicht in Deutschland

Trotzdem leiden andere Länder weniger unter den Folgen der Krise. "Der globale Güterhandel und die Weltwirtschaft werden trotz der negativen Einflüsse immer noch um 2,25 Prozent wachsen", erklärte der österreichische Wirtschaftsökonom Gabriel Felbermayr, der erst vor kurzem in den Sachverständigenrat berufen wurde. "Zölle und Energiekrise treffen die deutsche Wirtschaft als Netto-Exporteur von Gütern und als Netto-Importeur von fossiler Energie besonders stark."

Zugleich nehme der Wettbewerbsdruck auf den Weltmärkten zu, vor allem durch China. Die Volksrepublik habe ihre Warenexporte nach Europa, dem wichtigsten Absatzmarkt deutscher ⁠Exporte, 2025 erneut gesteigert - "was die deutsche Industrie in der Heimat und in den Drittmärkten stark belastet", sagte Felbermayr.

Weniger Kinder, mehr Rentner

Das ausbleibende Wirtschaftswachstum lässt die vorhandenen strukturellen Probleme Deutschlands umso deutlicher nach vorne treten. Deutschland altert rapide. Die geburtenstärksten Jahrgänge der Nachkriegsgeschichte kommen in den nächsten Jahren ins Rentenalter. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung, die Geburtenrate ist weiter gesunken und die Zuwanderung nach Deutschland geht zurück. Die Alterung der Gesellschaft lässt auch die Kosten für die Versorgung von Kranken und Pflegebedürftigen steigen.

Die Sozialkassen werden in Deutschland von Arbeitnehmern und Arbeitgebern finanziert. Derzeit machen die Abgaben gut 42 Prozent der Lohnkosten aus. "Ohne Reformen wird der Beitragssatz aller Sozialversicherungen zusammen bis 2040 auf über 50 Prozent steigen", rechnet die Ratsvorsitzende Schnitzer vor. "Das heißt, weniger Netto vom Bruttolohn, die Menschen können weniger konsumieren, haben geringere Arbeitsanreize, die Arbeitskosten für die Unternehmen steigen, das ist schlecht für die Wirtschaft, also der Handlungsdruck ist massiv."

Gesundheit ist kostbar, in Deutschland aber auch teuer

Deutschland hat gemessen am Bruttoinlandsprodukt das zweitteuerste Gesundheitssystem aller OECD-Staaten. Die Leistung sei aber nur mittelmäßig, kritisiert der Wirtschaftsweise Martin Werding. Die Ausgaben müssten gedämpft, die Einnahmen stabilisiert werden. Auch die Prävention sei unterentwickelt, meint Werding. "Insbesondere zur Vermeidung gesundheitsschädlichen Verhaltens. Da geht es um frühes praktisches Einüben guter Ernährung in Kitas und Schulen, es geht aber auch um höhere Steuern auf Tabak, auf Alkohol, auf zuckerhaltige Getränke, die eine gewisse Lenkungswirkung entfalten."

Der Rat empfiehlt, dass sich die ältere Generation stärker an den Kosten beteiligt. Insgesamt müsse man "an Reformen ran, die auch schon wirklich zu Belastungen führen", so Schnitzer. Widerspruch kam von ihrem Kollegen Achim Truger. Der Professor für Sozioökonomie sagte, einige Vorschläge, insbesondere bei der Rente und bei der Pflege seien "ziemlich radikal". Er befürchtet soziale Härten.

Genau das ist auch der Grund, warum sich die Regierungskoalition der konservativen Parteien CDU/CSU und der Sozialdemokraten so schwer mit den Reformen tut. Sie haben zwar einen Gesetzentwurf zur Reform der Krankenversicherung vorgelegt, doch es bleibt abzuwarten, was von den geplanten Milliarden-Kürzungen am Ende durchgesetzt wird. Derzeit laufen verschiedene Interessensgruppen gegen den Entwurf Sturm. Auch der Vorschlag, Kinderlose höhere Beiträge zur Pflegeversicherung zahlen zu lassen, stößt auf Kritik.

Sorge auch um den Haushalt

Mit Sorge beurteilen die Sachverständigen auch die Haushaltspolitik der Bundesregierung. Die hohen schuldenfinanzierten Ausgaben für die militärische Aufrüstung und die Sanierung der maroden Infrastruktur in Deutschland bleibe nicht ohne Folgen. Das Haushaltsdefizit dürfte in diesem Jahr auf 3,7 Prozent des BIP steigen und im kommenden Jahr auf 4,3 Prozent. Das ist deutlich mehr als die drei Prozent, die nach dem Euro-Stabilitätspakt erlaubt sind.

Helfen könnte nur ein wirtschaftlicher Aufschwung. Dafür halten die Sachverständigen einige Vorschläge parat. Wichtig sei der Fokus auf den technologischen Fortschritt als Treiber der Wirtschaftskraft. Allein über Startups werde das aber nicht funktionieren, warnt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm. Die deutsche Industrie müsse grundsätzlich umdenken. "Es muss gelingen, dass die Unternehmen nicht so stark im Bereich Automobilindustrie investieren, sondern im Hightech-Bereich, im Gesundheitsbereich, das da eben die großen Forschungsausgaben getätigt werden."

Author Sabine Kinkartz
Item URL https://www.dw.com/de/wirtschaftsweise-kein-aufschwung-in-sicht/a-77318523?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Die Wirtschaftsweisen bei der Vorstellung ihres Frühjahrsgutachtens: (v.li.) Martin Werding, Achim Truger, Monika Schnitzer, Gabriel Felbermayr, Veronika Grimm
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Item 33
Id 77312067
Date 2026-05-27
Title EU macht Weg für Zollabbau auf US-Waren frei
Short title EU macht Weg für Zollabbau auf US-Waren frei
Teaser Die Staaten der Europäischen Union haben der Abschaffung von Importzöllen auf zahlreiche US-Waren zugestimmt. US-Präsident Trump hatte eine Frist zum 4. Juli gesetzt.
Short teaser Die Staaten der Europäischen Union haben der Abschaffung von Importzöllen auf zahlreiche US-Waren zugestimmt.
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Die Umsetzung einer Zollvereinbarung zwischen der Europäischen Union und den USA aus dem vergangenen Jahr geht weiter voran. Die 27 EU-Staaten segneten an diesem Mittwoch in Brüssel ein Gesetz ab, das europäische Industriezölle auf US-Industriewaren zeitweise abschafft, wie die Ratspräsidentschaft mitteilte. Die Bestätigung im Europaparlament steht noch aus, dürfte aber vor einer von US-Präsident Donald Trump gesetzten Frist am 4. Juli abgeschlossen sein.

Die Umsetzung in der EU dauerte Trump zu lange

Die Zollabschaffung betrifft Industriewaren wie Autos und Maschinen. Sie soll mit Inkrafttreten des Gesetzes greifen und am 31. Dezember 2029 auslaufen, also mehr als ein Jahr nach den nächsten Präsidentschaftswahlen in den USA. Sie ist das Kernstück der Vereinbarung zwischen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Trump vom vergangenen August. Der US-Präsident versprach im Gegenzug, auf die meisten EU-Produkte maximal einen Zoll von 15 Prozent zu erheben.

Die Umsetzung in der EU dauerte Monate - zum wachsenden Unmut in Washington. Das Europaparlament setzte seine Arbeit daran mehrfach aus, weil durch Trumps Drohungen und ein Urteil des Obersten US-Gerichtshofs gegen seine Zölle Unsicherheit aufkam. Trump erhöhte daraufhin den Druck und drohte mit Zusatzzöllen auf Autos, sollte die Umsetzung nicht bis Anfang Juli beschlossen sein.

Gesetz enthält Notfallklausel

Das EU-Gesetz enthält nun eine Notfallklausel, falls Trump die Vereinbarung bricht und seine Zölle erhöht. Die EU-Kommission kann die europäische Zollabschaffung mit Zustimmung der Mitgliedstaaten dann wieder aussetzen, einen Automatismus gibt es aber nicht. Das gleiche gilt, wenn die USA über 2026 hinaus weiterhin Zölle in Höhe von 50 Prozent auf Produkte erheben, die Stahl und Aluminium enthalten.

Darauf hatten sich die 27 EU-Länder in der vergangenen Woche mit Vertretern des Europaparlaments geeinigt. Die Abgeordneten müssen das Gesetz ebenfalls noch absegnen, eine Abstimmung ist für Mitte Juni in Straßburg geplant. Danach muss der Rat der 27 EU-Länder noch einmal offiziell zustimmen.

pg/pgr (rtr, afp)

Redaktionsschluss 17.30 Uhr (MESZ). Dieser Artikel wird nicht weiter aktualisiert!

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Image caption Trump hatte mit "deutlich höheren" Zöllen gedroht, weil die ​EU ihren Teil der Abmachung auch ​zehn Monate ‌später noch nicht umgesetzt hatte
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Item 34
Id 77247293
Date 2026-05-27
Title Warten auf den Wärmepumpen-Boom
Short title Warten auf den Wärmepumpen-Boom
Teaser Der Krieg im Nahen Osten gefährdet die Versorgung mit fossilen Brennstoffen. Auch in Deutschland steigen die Benzinpreise, wird das Gas teurer. Steigt als Antwort darauf jetzt die Nachfrage nach Wärmepumpen?
Short teaser Der Krieg im Nahen Osten gefährdet die Versorgung mit fossilen Brennstoffen. Was macht das mit den Wärmepumpen?
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Die Bundesregierung will den Kern des Heizungsgesetzes kippen, das die Vorgängerregierung beschlossen hatte. Dabei handelt es sich um die Vorgabe, dass nur noch Heizungen installiert werden dürfen, die zu mindestens 65 Prozent erneuerbare Energien nutzen. Die Regel sollte in wenigen Jahren alle neuen Heizungsanlagen umfassen.

Stattdessen sollen nun Öl- und Gasheizungen mit deutlich geringeren Beimischungen klimafreundlicher Gase länger in bestehende Gebäude eingebaut werden dürfen. Dieses Vorhaben hat das Kabinett beschlossen und folgt so einem Gesetzentwurf von Bauministerin Verena Hubertz (SPD) und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU).

Harsche Kritik

Das neue Gesetz mit dem Namen "Gebäudemodernisierungsgesetz" soll das geltende "Heizungsgesetz" ablösen. Die Bundesregierung würde es gerne noch vor der Sommerpause Mitte Juli durch das Parlament bringen.

Beobachter halten den Zeitplan für zu ambitioniert, zumal der Gesetzesentwurf nicht nur auf Zustimmung, sondern auch Kritik und scharfen Widerspruch stößt.



Zu den entschiedenen Gegnern dieses Vorhabens gehört auch der Nationale Normenkontrollrat (NKR), ein unabhängiges Beratungsgremium der Bundesregierung.

Dessen Chef Lutz Goebel bezeichnete den Gesetzentwurf laut Bild-Zeitung als eines der "handwerklich schwächsten und praxisfernsten Vorhaben, die dem Nationalen Normenkontrollrat in den vergangenen Jahren vorgelegt wurden". Es enthalte Formulierungen, die "kaum verständlich" seien. Probleme bei der Umsetzung des Gesetzes seien zu erwarten. Goebel: "Solche Gesetze tragen zur Frustration vieler Bürger gegenüber Staat und Politik bei."

Doch nicht so schlimm?

Dagegen nimmt Carsten Rolle, zuständig für Energie, Mobilität und Umwelt beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), das Vorhaben in Schutz: "Das Gebäudemodernisierungsgesetz ist besser als sein Ruf", schrieb er in einer Pressemitteilung.

Auch für Peter Adrian, den Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) ist der Gesetzentwurf "insgesamt ein Schritt in die richtige Richtung". Es reduziere starre Vorgaben und lasse "den Unternehmen mehr Wahlmöglichkeiten auf dem Weg zur Klimaneutralität im Gebäudebereich".

"Einige Veränderungen können zur Beruhigung der Debatte beitragen", so Frederik Lippert vom Heizgerätehersteller Vaillant. "Dazu gehört die Abschaffung der 65-Prozent-Regel, die im Markt vielfach als Zwang wahrgenommen wurde."

Das geplante Gesetz sieht nur noch vor, dass neue Heizungen mindestens zehn Prozent erneuerbare Energien nutzen.

Oder eine Bankrotterklärung?

Für Julius Neu vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ist das Gesetzesvorhaben deshalb "klimapolitisch eine Bankrotterklärung", teilte er der DW mit. "Mit der Abschaffung der 65-Prozent-Regel wird das wirksamste Instrument der Wärmewende abgeschafft." So würden "fossile Technologien künstlich verlängert und Menschen in die Gaskostenfalle laufen gelassen."

Hersteller von Wärmepumpen teilen die Kritik. Die Bundesregierung senke die "Anforderungen an neue Heizungen drastisch von 65 auf zunächst zehn Prozent erneuerbaren Anteil", so die Pressesprecherin des Branchenverbandes Wärmepumpe, Katja Weinhold, zur DW.

"Mit Blick auf die Krise im Nahen Osten und ihre Auswirkungen auf Energiepreise sowie Versorgungssicherheit in Deutschland und die Klimaziele ist dies ein völlig falsches Signal."

Eine Sprecherin der Kommunikationsabteilung der Robert Bosch GmbH wünscht sich für die Branche vor allem Planungssicherheit: "Für endgültige Klarheit ist es nun entscheidend, den Gesetzgebungsprozess zügig abzuschließen. Gleiches gilt für die Förderung, auch hier ist Verlässlichkeit maßgeblich für die Wirkung."

In der aktuellen Debatte sollte es weniger um politische Ziele gehen als darum, welche Lösungen technologisch und wirtschaftlich sinnvoll sind, sagt Weinhold. Mit der Wärmepumpe stehe "eine energieeffiziente und hochwertige Technologie bereit, die das Heizen langfristig sauber, kostengünstig und unabhängig macht."

Was Verbraucher wirklich brauchten, sei "eine verständliche und transparente Aufklärung über die Risiken, die mit der mittel- bis langfristigen Verfügbarkeit und Preisentwicklung von Brennstoffen einhergehen. Zudem sollte die Förderung stabil bleiben, um Anreize für Investitionen in moderne und zukunftsfähige Heizsysteme zu setzen", so die Verbandssprecherin.

Kein Grund zur Sorge

Beim Heizgerätebauer Vaillant ist man laut Frederik Lippert insgesamt optimistisch. "Wir gehen davon aus, dass sich die Transformation des Wärmemarkts auch mit dem neuen Gesetz fortsetzt."

Dafür spräche auch die weltpolitische Lage: "Die Schließung der Straße von Hormus im Zuge des Iran-Kriegs zeigt erneut, wie abhängig Deutschland und Europa von der Versorgung mit fossilen Energieträgern sind. Derzeit spricht viel dafür, dass sich dadurch die Nachfrage nach erneuerbaren Energien und damit auch nach Wärmepumpen weiter erhöhen wird."

Das sieht auch Julius Neu vom BUND so: "Es ist zu hoffen, dass die aktuelle Energiekrise im Zuge des Irankrieges viele Menschen dazu anregt, trotz des unverantwortlichen Gesetzesentwurfs auf Wärmepumpen zu setzen."

Author Dirk Kaufmann
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Image caption Installateure - hier bei der Montage einer Wärmepumpe - können beruhigt in ihre berufliche Zukunft schauen
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Item 35
Id 77297413
Date 2026-05-27
Title 20 Jahre Berlin Hauptbahnhof
Short title 20 Jahre Berlin Hauptbahnhof
Teaser Berlins Hauptbahnhof aus Glas und Stahl wurde im Mai 2006 eröffnet. Heute ist er ein zentraler Verkehrsknotenpunkt, der Ost und West verbindet - und eine Schlüsselrolle im wiedervereinigten Deutschland spielt.
Short teaser Der Berliner Hauptbahnhof wurde im Mai 2006 eröffnet. Ein zentraler Verkehrsknotenpunkt mit symbolischer Bedeutung.
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"Es ist ein symbolträchtiger Tag, weil dies einfach auch ein symbolträchtiger Ort ist." Mit diesen Worten eröffnete die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel den Berliner Hauptbahnhof im Mai 2006. "In unmittelbarer Nähe zu dem früheren Verlauf der Mauer wird jetzt so etwas wie ein nochmaliger Brückenschlag zwischen den verschiedenen Himmelsrichtungen vorgenommen, der auch die früher getrennten Teile Berlins auf eine ganz neuartige Weise miteinander verbindet", fuhr Merkel fort.

Der Standort des neuen Hauptbahnhofes im Zentrum von Berlin galt als besonders symbolisch: Er entstand auf einem Areal, das über Jahre vernachlässigt worden war – entlang eines historischen Niemandslands.

Berlins bewegte Ost-West-Geschichte

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Berlin in einen westlichen und einen östlichen Teil geteilt. West-Berlin war politisch an die Bundesrepublik gebunden, Ost-Berlin wurde Hauptstadt der DDR. Diese Teilung prägte auch das Schienennetz: In Ost-Berlin fungierte der Ostbahnhof als zentraler Knotenpunkt, während im Westteil der Fernverkehr vor allem über den Bahnhof Zoo lief.

Nach dem Mauerfall 1989 und der deutschen Einheit 1990 entstand der Plan für einen neuen Hauptbahnhof, der die Stadt nicht nur verkehrstechnisch, sondern auch symbolisch wieder zusammenführen sollte. Als Standort wurde das Gelände des ehemaligen Lehrter Bahnhofs gewählt.

Als dieser 1871 eröffnet wurde, entwickelte er sich rasch zum Endpunkt der wichtigsten Ost-West-Bahnverbindung in Deutschland. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Lehrter Bahnhof schwer beschädigt, die verbliebenen Teile wurden zwischen 1957 und 1959 schließlich abgerissen.

Erhalten blieb jedoch der gleichnamige S-Bahnhof. Er markierte in der geteilten Stadt im West-Berliner S-Bahn-Netz die letzte Station vor der Grenze zum Osten.

Zusammenführung des Schienen-Netzes

Nach der Wiedervereinigung 1990 musste Berlin auch verkehrstechnisch neu organisiert werden. Das jahrzehntelang getrennte Schienennetz wurde modernisiert und zu einem einheitlichen System ausgebaut. Der neue Hauptbahnhof wurde als zentraler Knoten dieses neuen Netzes konzipiert. Mehrere Ebenen mit Ost-West- sowie Nord-Süd-Strecken kreuzen sich im Stadtzentrum.

Den Architekturwettbewerb gewann der deutsche Architekt Meinhard von Gerkan (gestorben 2022) vom Büro gmp Architekten. Die Gleisführung war bereits durch die Deutsche Bahn vorgegeben. "Die Aufgabe bestand darin, auf dieser Grundlage ein Bauwerk zu erschaffen, das sich zur Stadt öffnet und gleichermaßen Orientierung und Übersichtlichkeit vermittelt", sagt gmp-Partner Stephan Schütz.

Der Entwurf versteht den Hauptbahnhof als "Kathedrale des Verkehrs". Prägend sind Glas und Stahl, die viel Tageslicht in die Halle lassen und für eine offene, klare Struktur sorgen.

Auffällig ist zudem die Ausrichtung des Gebäudes zur Kuppel des Reichstags. Sie bildet einen visuellen Bezugspunkt – ebenso wie der Bahnhof steht sie für das neu gestaltete, vereinte Berlin – ebenfalls aus Glas, als Symbol für demokratische Transparenz.

Eröffnung zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006

Der Bau des Berliner Hauptbahnhofs begann 1995 und dauerte rund elf Jahre. Eine große Herausforderung war die Lage direkt an der Spree mit hohem Grundwasserspiegel und sandigem Untergrund. Das machte aufwendige Bauverfahren und Abdichtungen für die unterirdischen Bahnsteige und Tunnelanlagen erforderlich. Zudem erschwerten Bomben-Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg die Bauarbeiten, die entschärft und abtransportiert werden mussten.

Kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wurde der Bahnhof eröffnet. Um Termine und Kosten einzuhalten, änderte die Deutsche Bahn Teile des ursprünglichen Entwurfs. Das Glasdach fiel kürzer aus, Bahnsteige blieben teilweise unüberdacht. Unterirdisch wurden statt der geplanten Gewölbe einfache Decken eingebaut.

Der Architekt Meinhard von Gerkan klagte gegen diese Änderungen – mit Erfolg. Ein Gericht sah darin eine Verletzung des Urheberrechts. 2008 einigten sich beide Seiten außergerichtlich, eine aufwendige Umgestaltung blieb aus. Das alles aber sei "Schnee von gestern", so Stephan Schütz. Die damalige Klage zeige aber, "wie stark wir uns als Büro und Meinhard von Gerkan als Person sich mit dem Bauwerk identifiziert haben".

Monument an der Spree

Am 28. Mai 2006 - zwei Tage nach der offiziellen Eröffnung - nahm der Berliner Hauptbahnhof den Betrieb auf. Heute passieren täglich rund 1.300 Züge und mehr als 300.000 Fahrgäste den Bahnhof, was ihn zu einem der verkehrsreichsten Knotenpunkte Deutschlands macht.

Der Bahnhof beherbergt zahlreiche Geschäfte und Restaurants, was einige Kritiker zu der Ansicht veranlasst, dass seine Gestaltung eher an ein mehrstöckiges Einkaufszentrum erinnert.

Wer sich jedoch mit der Geschichte dieses Giganten aus Glas und Stahl an der Spree beschäftigt, erkennt, dass er zugleich ein Denkmal der deutschen Wiedervereinigung ist – das nach Einbruch der Dunkelheit noch beeindruckender wirkt. Mit seinen beleuchteten Fassaden ist der Bahnhof heute eines der bekanntesten Wahrzeichen Berlins.

Adaption aus dem Englischen: Petra Lambeck

Author Elizabeth Grenier
Item URL https://www.dw.com/de/20-jahre-berlin-hauptbahnhof/a-77297413?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Ein Wahrzeichen: Der Berliner Hauptbahnhof bei Nacht, direkt an der Spree
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Item 36
Id 77300226
Date 2026-05-26
Title Wer gewinnt in der Straße von Hormus die Oberhand?
Short title Wer gewinnt in der Straße von Hormus die Oberhand?
Teaser Teheran setzt darauf, dass seine durch Sanktionen abgehärtete Wirtschaft die Krise in der Straße von Hormus überstehen kann. Washington hingegen kämpft mit hohen Ölpreisen, Inflationsdruck und globalen Rezessionsrisiken.
Short teaser Teheran setzt auf seine Resilienz, Washington kämpft mit hohen Ölpreisen und Inflationsdruck.
Full text

Die Krise vor der Küste Irans, die nun fast vier Monate andauert, ist von gegenseitigen Blockaden geprägt. Teheran verlangt von Schiffen bis zu 1,73 Millionen Euro für die sichere Durchfahrt durch die Straße, während die Vereinigten Staaten ein Marineembargo verhängt und Schiffe mit iranischen Ölexporten zurückweisen.

Diese gegenseitigen Blockaden haben keine Seite vorangebracht. Einige iranische Schiffe passieren weiterhin die Straße, und mehrere asiatische Reedereien haben sich bereit erklärt, Gebühren zu zahlen, obwohl diese gegen internationales Seerecht verstoßen.

Die fragilen Verhandlungen zwischen den USA und Iran zur Wiedereröffnung von Hormus sind unterdessen mehrfach ins Stocken geraten. Sie steigern die Gefahren einer Eskalation in der Straße von Hormus zu einem größeren regionalen Konflikt geweckt.

Wer gibt nach?

Trotz der von Pakistan angeführten Vermittlungsbemühungen und eines vorgeschlagenen einseitigen Memorandums zur Beendigung der Feindseligkeiten und zur Wiedereröffnung von Hormus scheint keine der beiden Seiten bereit zu sein, den ersten Schritt zu tun.

Dania Thafer, Geschäftsführerin des in Washington ansässigen Thinktanks Gulf International Forum, glaubt, dass die wiederholten militärischen Drohungen von US-Präsident Donald Trump - die darauf abzielten, den Einfluss der USA auf den Iran zu erhöhen - möglicherweise kontraproduktiv waren. "Die iranische Reaktion deutet auf das Gegenteil hin", sagte sie gegenüber der DW. "Sie interpretieren es so, als ob den USA der Wille zur Eskalation des Krieges fehle."

Trump steht im In- und Ausland zunehmend unter Druck, weitere Militäraktionen zu vermeiden. Verbündete am Golf wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar drängen zur Zurückhaltung. In den Staaten verstärken steigende Ölpreise und eine zunehmende Inflation die politische Lage im Vorfeld der US-Zwischenwahlen im November.

Irans Einnahmen schwinden schnell

Iran verliert laut Schätzungen von Miad Maleki, einem leitenden Mitarbeiter der konservativen, in Washington ansässigen Foundation for Defense of Democracies, im April täglich rund 375 Millionen Euro im Handel. Fast zwei Drittel davon entfallen auf Exporte, hauptsächlich von Rohöl.

Das bedeutet, dass die iranischen Staatsfinanzen durch die seit Freitag andauernde US-Blockade bereits einen geschätzten Verlust von 17 Milliarden US-Dollar erlitten haben. Laut Maleki kommen dazu noch wirtschaftliche Schäden in Höhe von rund 144 Milliarden US-Dollar, die durch die US-israelischen Angriffe in den ersten Kriegswochen verursacht wurden.

Burcu Özcelik, Senior Research Fellow am Royal United Services Institute in London, meint, der Iran habe durch seine Raketenangriffe auf Schiffe und Nachbarländer am Golf zwar eine "übermäßige Machtposition" erlangt, werde nun aber durch die Unterbrechung seiner eigenen Ölexporte "hart getroffen".(...) "Trotz Teherans Prahlerei über die Widerstandsfähigkeit des Regimes ist seine Wirtschaft nicht blockaderesistent", sagte Ozcelik gegenüber der DW.

Golfstaaten zwischen den Fronten

Experten beschreiben die Pattsituation als ein gefährliches Abwarten. Sowohl die USA als auch der Iran glauben, die Zeit auf ihrer Seite zu haben. Die Golfstaaten sind jedoch deutlich risikoscheuer und wirtschaftlich stärker gefährdet.

Ihre Frustration über die festgefahrene Situation hat sich in koordinierten Druck für einen diplomatischen Durchbruch verwandelt. Verschiedene Golfstaaten haben Trump dringend gebeten, die Pläne für weitere Angriffe auf Eis zu legen und den Verhandlungen mehr Zeit zu geben.

Intern warnten sie jedoch, dass ein eingefrorener Konflikt die Pläne zum Übergang ihrer Wirtschaften weg von fossilen Brennstoffen gefährden würde. Die Golfstaaten haben Hunderte von Milliarden Dollar in ehrgeizige Industrie- und Tourismusprojekte investiert. Sie unterstützen nachdrücklich die von Pakistan vermittelten Gespräche und eine gemeinsame Initiative der USA und der UN zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus ohne iranische Zölle oder Kontrollansprüche.

Der Iran strebt nach regionaler Sicherheitshegemonie

Als Macht, die die Region des Nahen Ostens neu gestalten will, nutzt der Iran den Krieg auch, um langfristige Vorteile zu erlangen. Thafer vom Gulf International Forum ist der Ansicht, dass die Ambitionen des Irans weit über den Krieg hinausgehen und das Land langfristig versuchen wird, die regionale Ordnung zu seinen Gunsten zu verändern: "Die Golfstaaten wollen die USA vertreiben und die Region unter ein iranisches Sicherheitskonzept stellen", sagte sie und fügte hinzu, dass dieser Ansatz trotz der Frustration der Golfstaaten mit Washington nicht in deren Interesse liege.

Washington zeigt sich zwar vorsichtig optimistisch hinsichtlich eines Durchbruchs in den Gesprächen, besteht aber auf der vollständigen Wiedereröffnung der Straße von Hormus, der Einstellung aller iranischen Urananreicherungsaktivitäten und einer Lockerung der Sanktionen nur im Gegenzug für weitreichende Zugeständnisse. US-Außenminister Marco Rubio erklärte am Freitag vor den in Schweden versammelten NATO-Außenministern: "Wir brauchen einen Plan B", falls der Iran keine Kompromisse eingeht.

"Die Herausforderung besteht darin, dass es kein magisches Ziel gibt, das die USA treffen können und das sofort zur Kapitulation des Regimes führt", sagte Özçelik. "Wenn zivile Infrastruktur angegriffen wird, könnte dies Teheran zu härteren Vergeltungsmaßnahmen gegen die Golfstaaten veranlassen."

Im Iran verschärft sich die Lage

Teheran beharrt trotz der zunehmenden Notlage der einfachen Bevölkerung, die sich wohl kaum bald bessern wird, auf seiner Linie. "Teherans Vorschläge, Gebühren für die Durchfahrt durch die Straße von Hormus oder für Unterseekabel zu erheben, deuten darauf hin, dass einige pragmatische Stimmen in Teheran erkannt haben, dass die iranische Wirtschaft und die Bevölkerung vor einer langwierigen Phase der Not stehen, selbst wenn eine Lockerung der Sanktionen vereinbart wird", so Özçelik.

Die jährliche Inflation im Iran ist auf über 54 Prozent gestiegen, die Preise für einige Lebensmittel haben sich mehr als verdoppelt. Ein landesweiter Internetausfall dauert nun schon über 80 Tage an und isoliert die Bürger weiter, wodurch das tägliche Leben stark beeinträchtigt wird.

"Während Trump dies [den Sieg im Krieg] als Teil seines politischen Vermächtnisses betrachtet, sehen die Iraner darin eine Frage des Überlebens des Regimes und der Zukunft ihres Landes", sagte Thafer.

Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert.

Author Nik Martin
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Image caption Der Flugzeugträger USS Abraham Lincoln bei der Seeblockade gegen Iran
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Item 37
Id 77235112
Date 2026-05-26
Title "007 First Light": Das neue James Bond-Videospiel
Short title "007 First Light": Das neue James Bond-Videospiel
Teaser James Bond ist zurück - charismatisch, risikobereit und impulsiv. Das Videospiel "007 First Light" erzählt die Geschichte vom Aufstieg des britischen Geheimagenten. Die Erwartungen sind hoch.
Short teaser James Bond ist zurück. 26 Jahre alt, charismatisch, risikobereit, impulsiv. Die Erwartungen an das Videospiel sind hoch.
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"007 First Light" zählte bei den Game Awards im Dezember 2025 zu den meisterwarteten Spielen für das Jahr 2026. Nun ist es so weit: Am 27. Mai erscheint das neue James-Bond Videospiel für Konsolen und PCs. Die Spielerinnen und Spieler schlüpfen dabei in die Rolle des britischen Geheimagenten. Der ist noch jung, erst 26 Jahre alt, aber trotzdem schon ein typischer Bond.

Erfunden wurde James Bond von dem britischen Schriftsteller Ian Fleming. 1953 erschien der erste Roman, neun Jahre später lief erstmals ein Bond-Film im Kino. Zunächst verkörperte Sean Connery den Geheimagenten, später übernahmen Roger Moore, Pierce Brosnan, Daniel Craig und andere die Rolle.

Bond-Darsteller in dem neuen Action-Spiel ist der irische Schauspieler Patrick Gibson. Es gibt Gerüchte, dass er auch im nächsten Bond-Film zu sehen ist. Doch das ist noch völlig unklar. Seit Jahren schon wird darüber spekuliert, wer die Nachfolge von Daniel Craig antritt.

Das Spiel wurde entwickelt vom dänischen Studio IO Interactive, das für die Videospielreihe "Hitman"- bekannt ist. Den Titelsong steuerte Lana Del Rey bei, Lenny Kravitz tritt als Bösewicht auf. Inhaltlich erzählt "007 First Light" die Vorgeschichte des Agenten: Es zeigt Bonds Weg vom Soldaten zum Geheimagenten des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 – einschließlich der berühmten "Lizenz zum Töten".

Das Bond-Franchise ist inzwischen mehr als 60 Jahre alt: Zu den zwölf Romanen gesellen sich mittlerweile 25 Filme und zahlreiche Videospiel-Adaptionen.

Der Feind, der uns verbindet

Was ist es also, das Menschen unterschiedlicher Generationen seit Jahrzehnten an Bond fasziniert? "Zum einen ist das Geheimnis der Zeitgeist, der immer getroffen wird", sagt die Kulturwissenschaftlerin Svenja Böhm. Sie hat ihre Dissertation über die Feindbilder in der James Bond-Reihe geschrieben. "Es werden bestimmte kulturelle Trends immer wieder verarbeitet, die gerade auftreten, aber auch Ängste der Bevölkerung."

Hinzu komme der Wiedererkennungswert: Dazu zählten die ikonische Musik, die exotischen Schauplätze, die teuren Autos sowie das Freund-Feind-Schema. "Das spielt eine klare Rolle, denn ohne Feind würde Bond nicht funktionieren." Über den Feind werde die eigene Identität konstruiert. "Je mehr der Feind behaftet ist mit sehr bösen Merkmalen oder eben Andersartigkeit, desto einfacher ist es, uns davon abzugrenzen. Das ist erstmal der Kerngedanke."

Bond wäre nicht James Bond, wenn es ihm nicht trotz aller Widrigkeiten in letzter Sekunde gelingen würde, im Auftrag ihrer Majestät, die Welt zu retten. Man kann das auch als Seitenhieb auf die USA verstehen. Die Weltmacht, die seit Jahrzehnten die Weltpolitik maßgeblich prägt, spielt bei Bond nämlich nur eine Nebenrolle, sagt die Anglistin Anette Pankratz. Tatsächlich hat Großbritannien seinen einstigen Status als globale Supermacht schon in den 1960er- und 1970er-Jahren eingebüßt. Die Bond-Reihe hält dennoch an der Vorstellung britischer Handlungsfähigkeit auf der Weltbühne fest.

James Bond trifft auf KI

Die James Bond-Reihe dient in erster Linie der Unterhaltung und zielt auf ein internationales Publikum ab. Der Plot ist schnell erzählt: Auf der Suche nach seinem Gegenspieler reist Bond um die halbe Welt, trinkt Martinis in schicken Bars, logiert in den besten Hotels, liefert sich Verfolgungsjagten und bandelt mit attraktiven Frauen an. Zwischendurch: Feuergefechte, Explosionen, rasante Action.

Das Spiel steht dem in seiner cineastischen Inszenierung in Nichts nach. "Die Geschichte spiegelt die Zeit wider, in der wir leben, so wie es Bond-Geschichten immer getan haben", sagt der Hauptautor von "007 First Light", Michael Vogt, in einem Videotagebuch. Die Romane, Filme und Spiele transportierten stets bestehende Werte und Normen sowie gesellschaftliche Ängste einer Epoche. Dementsprechend spielt nun KI-Technologie eine wichtige Rolle. Das Spiel wirft die Frage auf, was zuverlässiger ist: Künstliche Intelligenz oder menschliches Wissen, Herz und Intuition.

Neue Feindbilder im Laufe der Zeit

In den Bond-Romanen der 1950er-Jahre war die Sowjetunion ein zentrales Feindbild, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Svenja Böhm. Dem gegenüber stand das positive Selbstbild der Briten und des Westens. Ob kommunistische Bedrohung oder Angst vor Atomkrieg: "Fleming hat sich beim Schaffen seiner Schurken immer auch daran bedient. Dieses Ost-West-Thema ist sehr stark in den Romanen zu finden", sagt Danny Morgenstern. Er ist Vorsitzender des deutschen "James Bond Club" und hat unter anderem das Buch "Was Sie nie über James Bond zu fragen wagten" geschrieben.

Bereits mit den Filmen Anfang der 1960er-Jahre veränderte sich das Feindbild. Der Kalte Krieg blieb zwar präsent, doch andere Gegenspieler rückten zunehmend in den Vordergrund - wie etwa die fiktive Geheimdienstorganisation Spectre, die Ost und West gezielt gegeneinander ausspielt. Die klaren Grenzen zwischen Freund und Feind wurden weniger eindeutig, sagt Svenja Böhm.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Kriegs 1991 war das einstige Feindbild überholt. Hinzu kam zehn Jahre später die diffuse Angst vor Terroranschlägen, die seit dem 11. September in vielen Ländern Teile der Bevölkerung erfasste. Die Bond-Macher griffen auch diese Stimmung auf.

Misstrauen gegenüber dem Staat

In den neueren James-Bond Geschichten kommt die Bedrohung zunehmend aus dem Innern. Gegner sind häufig ehemalige Verbündete oder schwer greifbare Akteure im eigenen Umfeld und dadurch umso bedrohlicher. Die Zuordnung von Freund und Feind wird komplexer, was Gefühl der Unsicherheit verstärkt. "Das sind wirklich gesellschaftliche Ängste, die da verhandelt werden", sagt Svenja Böhm. "Es besteht ein Misstrauen gegenüber der Regierung, gegenüber Geheimdienstaktionen."

Auch "007 First Light" knüpft daran an: Die Spielerinnen und Spieler müssen in Bond-Manier, furchtlos, charmant und mit jeder Menge Gadgets, wie etwa einer Uhr, die elektrische Geräte in der Nähe an- oder ausschalten kann, einen ehemaligen Doppelnull-Agenten aufspüren und einer Verschwörung auf die Spur kommen.

Gibt es denn etwas, das wir von Bond lernen können? Svenja Böhm denkt eine Weile nach und sagt schließlich: "Das Vertrauen darauf: Alles wird gut." Was auch immer passiert, Bond wird es richten. Eine wohltuende Gewissheit in stürmischen Zeiten.

Author Kristina Reymann-Schneider
Item URL https://www.dw.com/de/007-first-light-das-neue-james-bond-videospiel/a-77235112?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77233260_607.jpg
Image caption Gestatten: Sein Name ist Bond, James Bond.
Image source IO Interactive / Amazon MGM Studios
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Item 38
Id 77267052
Date 2026-05-24
Title Ibrahim Mahama, einer der derzeit einflussreichsten Künstler
Teaser Kann Kunst die Welt verändern? Das ist zumindest der Anspruch des Künstlers aus Ghana, der mit seinen Werken auf globale Ungerechtigkeiten hinweist.
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Ibrahim Mahama gehört zu den einflussreichsten Künstlern unserer Zeit. Geboren in Ghana arbeitet er weltweit. Während der Kunstbiennale in Venedig zeigt er neue Arbeiten in einer Galerie. Seine Werke zeigen Missstände und globale Ungerechtigkeit auf. In der internationalen Kunstwelt ist Ibrahim Mahamaso geschätzt, dass er 2025 auf der Top-100-Liste der einflussreichsten Künstler auf Platz 1 landete. Sie wird einmal im Jahr vom britischen Kunstmagazin "Art Review" veröffentlicht.

Author Jana Oertel
Item URL https://www.dw.com/de/ibrahim-mahama-einer-der-derzeit-einflussreichsten-künstler/video-77267052?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Item 39
Id 77230943
Date 2026-05-23
Title Ohne Schokolade und Päckchen: Warum wir Pfingsten feiern
Short title Ohne Schokolade und Päckchen: Warum wir Pfingsten feiern
Teaser Viele Menschen, die neu nach Deutschland kommen, sind überrascht von der hohen Zahl an Feiertagen im Frühjahr. Einer davon ist Pfingsten – ein Fest, über dessen Bedeutung jedoch oft wenig bekannt ist.
Short teaser Alle freuen sich über die Pfingstferien, doch die Bedeutung des Festes ist vielen nicht bekannt.
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In Deutschland ist das Frühjahr von mehreren gesetzlichen Feiertagen geprägt, die auf christliche Traditionen zurückgehen: Karfreitag und Ostern erinnern an die Kreuzigung und Auferstehung Jesu, Christi Himmelfahrt an seine Aufnahme in den Himmel. Pfingsten gilt als das Fest, an dem die christliche Kirche ihren Anfang nahm. Es wird 50 Tage nach Ostern gefeiert. Seine Wurzeln liegen jedoch im Judentum.

Der Name "Pfingsten" geht auf das griechische Wort "pentēkostē" zurück und bedeutet "der Fünfzigste". Nach biblischer Überlieferung kam an diesem Tag der Heilige Geist auf die Jünger Jesu und weitere Gläubige herab. Die Anhänger Jesu hielten sich damals in Jerusalem auf, um das Fest "Schawuot" zu feiern, ein Erntefest, das sieben Wochen nach Pessach stattfindet und auch als der Tag gefeiert wird, an dem Mose die Zehn Gebote offenbart wurden.

Wunder der Verständigung

Die Jünger seien nach dem Tod und der Auferstehung Jesu erst mal orientierungslos gewesen, erklärt die Berliner Pfarrerin Aljona Hofmann von der evangelischen Gethsemanekirche. Sie hätten sich in ein Haus in Jerusalem zurückgezogen – unsicher, wie es weitergehen sollte. "Und dann kam eben der Heilige Geist über sie, diese Gotteskraft, und sie spürten in sich so eine Lebendigkeit, eine Stärke, die ihnen verloren gegangen war."

Diese Erfahrung trieb die Jünger dazu, von ihren Erlebnissen zu erzählen. Hofmann spricht von einem "Wunder der Verständigung": Menschen unterschiedlicher Herkunft hätten plötzlich miteinander kommunizieren können, trotz unterschiedlicher Sprachen.

Der Überlieferung zufolge gingen die Jünger danach auf die Straßen Jerusalems und zogen viele Menschen in ihren Bann. Rund 3.000 sollen sich daraufhin taufen lassen haben – ein entscheidender Schritt hin zur Entstehung einer organisierten christlichen Gemeinschaft.

Das Abstrakte greifbar machen

Pfingsten gilt in allen christlichen Konfessionen – im Osten wie im Westen – als Geburtsfest der Kirche. In vielen Ländern ist der Feiertag gesetzlich verankert. Für viele Menschen, unabhängig vom Glauben, ist er vor allem eines: ein zusätzlicher freier Tag im späten Frühjahr.

Liturgisch steht Pfingsten im Zeichen der Farbe Rot. Sie symbolisiert nach christlicher Tradition sowohl die Kraft als auch das Feuer des Heiligen Geistes – und gilt zugleich als Ausdruck von Energie und Aufbruch.

In Italien geht man noch einen Schritt weiter: Dort sind mit Pfingsten auch Rosen verbunden, deren Blütenblätter in manchen katholischen Kirchen von der Decke herabgestreut werden. Sie sollen die "Flammenzungen" symbolisieren, die laut biblischer Überlieferung Maria und die Apostel berührten. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diesen Brauch findet sich im Pantheon in Rom. Am Ende der Pfingstmesse lassen Feuerwehrleute tausende Rosenblätter durch die kreisrunde Öffnung der Kuppel in den Innenraum fallen.

Auch in einigen barocken Kirchen in Österreich, Süddeutschland und Frankreich gibt es solche Öffnungen in der Decke - sogenannte "Heilig-Geist-Löcher". Mancherorts wird zusätzlich eine Taubenfigur hinabgelassen, eines der zentralen Symbole des Heiligen Geistes in der christlichen Tradition.

Solche Rituale versuchen, ein schwer greifbares Konzept anschaulich zu machen. Gerade die Abstraktheit könnte erklären, warum Pfingsten weniger präsent ist als andere christliche Feste. Es sei ein Fest ohne greifbares Bild, sagt Pfarrerin Hofmann. Während Weihnachten mit der Geburt eines Kindes und Ostern zumindest symbolisch mit neuem Leben verbunden sei, bleibe der Heilige Geist für viele schwer fassbar. "Wie will man einen Geist beschreiben?"

Kleine, aber bedeutungsvolle Geschenke

Anders als Weihnachten oder Ostern ist Pfingsten kaum mit weltlichen Bräuchen verbunden. Es gebe auch ein Sprichwort, so Pfarrerin Hofmann, "dass die Geschenke zu Pfingsten am kleinsten" seien. Kein Weihnachtsmann, kein Osterhase – im Zentrum steht vielmehr die immaterielle "Gabe des Heiligen Geistes".

In ihrer Gemeinde wird Pfingsten seit Jahren mit einer ökumenischen Feier begangen, an der verschiedene christliche Konfessionen teilnehmen. Im Mittelpunkt steht ein gemeinsamer Gottesdienst, gefolgt von Kaffee und Kuchen sowie Grillwürstchen – ganz im entspannten deutschen Stil.

Für Hofmann verkörpert diese Begegnung das zentrale Motiv des Pfingstfestes: das "Wunder der Verständigung". Man müsse nicht gleich sein oder dieselbe Sprache sprechen, um einander zu verstehen, sagt sie. Unterschiede könnten bestehen bleiben – und dennoch entstehe Gemeinschaft. "Das ist schon auch ein Wunder, finde ich, dass Menschen sich näher kommen und sich verstehen, trotz aller Unterschiedlichkeit."

Gerade in einer zunehmend polarisierten Welt sei diese Erfahrung besonders wichtig. Die Fähigkeit, einander zuzuhören und trotz Differenzen in Verbindung zu bleiben, sei vielleicht die entscheidende Botschaft dieses oft unterschätzten Feiertags.

Adaption aus dem Englischen: Petra Lambeck

Author Tanya Ott
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Image caption Eine weiße Taube - in der christlichen Tradition Symbol für den Heiligen Geist
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Item 40
Id 77209156
Date 2026-05-22
Title Ist Kevin Warsh Trumps Notenbank-"Marionette"?
Short title Ist Kevin Warsh Trumps Notenbank-"Marionette"?
Teaser Noch nie war ein Vorsitzender der US-amerikanischen Notenbank so umstritten. Wer ist Kevin Warsh? Kann er die Unabhängigkeit der Fed bewahren oder wird er zum Handlanger des US-Präsidenten?
Short teaser Noch nie war ein Vorsitzender der US-amerikanischen Notenbank so umstritten. Wird er zum Handlanger des Präsidenten?
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Der neue Vorsitzende der US-Notenbank Federal Reserve, Kevin Warsh, hat sein Amt offiziell angetreten. Der 56-Jährige legte am Freitag im Beisein von US-Präsident Donald Trump den Amtseid im Weißen Haus in Washington ab.

Das war gleich doppelt ungewöhnlich: Der Fed-Chef wird üblicherweise weder im Weißen Haus vereidigt noch in Anwesenheit des Präsidenten - als Zeichen, dass die Zentralbank unabhängig ist von der Politik.

Bei Kevin Warsh zweifeln einige Experten und vor allem Demokraten an eben dieser Unabhängigkeit. So auch die demokratische Senatorin Elizabeth Warren, die Warsh bei einer Anhörung im April Trumps "Marionette" nannte und in die Mangel nahm: Unabhängigkeit erfordere Mut, sagte Warren dort. "Lassen Sie uns ihren Mut überprüfen, Herr Warsh. Hat Donald Trump die Wahl 2020 verloren?"

Kevin Warsh rang um eine Antwort. Er wolle die Politik aus seinem Amt heraushalten, erwiderte er dann. Warren hakte mehrmals nach, doch Warsh wollte diese Frage weder mit Ja noch mit Nein beantworten. Trump behauptet bis heute wahrheitswidrig, Joe Biden habe die Präsidentenwahl 2020 "gestohlen".

"Warshs Anhörung hat die Zweifel an seiner Unabhängigkeit nicht beseitigen können", so die US-Ökonomin Claudia Sahm auf DW-Anfrage. Diese Skepsis habe sich dann auch im Abstimmungsergebnis widergespiegelt. Nur 54 Senatoren stimmten für Warsh, 45 votierten gegen seine Wahl zum Fed-Chef.

"Noch nie wurde ein Fed-Vorsitzender mit so einer knappen Mehrheit bestätigt", so Sahm, die selbst länger für die Notenbank gearbeitet hat und heute Chefvolkswirtin der Anlagefirma New Century Advisors ist.

Eine Personalie mit Sprengkraft

Der Vorsitz der US-Notenbank ist einer der mächtigsten Posten in den USA, denn er sitzt einem Gremium von Notenbank-Gouverneuren vor, das über die Höhe der Leitzinsen entscheidet.

Und die haben großen Einfluss auf die Konjunktur, auf den Dollarkurs, auf Banken und Unternehmen und darüber, ob Produkte teurer oder billiger werden. Es geht dabei um Vertrauen, stabile Preise und letztlich auch um die Stabilität der gesamten Weltwirtschaft.

Klar ist: Kevin Warsh ist Donald Trumps Kandidat. Und der Präsident macht keinen Hehl daraus, was er von ihm erwartet. Wenn "Kevin" die Zentralbank leite, dann würden die Zinsen sinken, sonst wäre er "enttäuscht", sagte Trump. Das Kalkül des Präsidenten ist klar: Niedrige Zinsen sollen die Konjunktur beleben und so die Chancen der Republikaner bei den Zwischenwahlen im November erhöhen.

Warsh behauptet öffentlich, Trump habe nicht versucht, Einfluss auf ihn auszuüben: "Der Präsident hat mich in keinem unserer Gespräche jemals gebeten, mich im Voraus festzulegen, irgendeine Zinsentscheidung zu treffen oder zu bestimmen - und ich würde dem auch niemals zustimmen", beteuerte der 56-Jährige während seiner Anhörung im US-Senat.

Trump sägt an der Unabhängigkeit der Zentralbank

Wie Druck von Donald Trump aussehen kann, weiß Warshs Amtsvorgänger Jerome Powell aus eigener Erfahrung. Weil er während Trumps zweiter Amtszeit die Zinsen nicht weit genug senkte, überzog ihn Trump mit Beschimpfungen und ließ sogar das Justizministerium gegen Powell ermitteln.

Dabei ist die US-Notenbank offiziell unabhängig von Weisungen der Politik. Sollte sich das ändern, werde das massive Auswirkungen haben, sagt Ökonom Kenneth Rogoff im DW-Gespräch: "Die Unabhängigkeit der US-Notenbank hat im globalen Finanzsystem eine einzigartige Bedeutung. Denn der Dollar steht an der Spitze des globalen Finanzsystems. Wenn die USA instabil werden, betrifft das alle", so der Harvard-Professor.

Donald Trumps Handelspolitik und der Iran-Krieg belasteten international das Vertrauen in den US-Präsidenten. "Doch wenn ich mit Investoren spreche und sie frage, worauf sie wirklich achten, dann sagen sie: auf die Unabhängigkeit der Zentralbank", so Rogoff.

Warshs Lebenslauf: ein Bilderbuch

Kevin Warsh wuchs im Bundesstaat New York in einer Mittelschichtsfamilie auf und ging auf eine öffentliche Schule. Er schaffte den Sprung an die Elite-Universität Stanford, wo er Politikwissenschaften mit Schwerpunkt Wirtschaft und Statistik studierte. Zusätzlich machte er 1995 an der renommierten Harvard Law School einen Jura-Abschluss.

Es folgte eine Station im Investmentbanking bei der Großbank Morgan Stanley. Im Jahr 2002 ernannte ihn der damalige US-Präsident George W. Bush zu seinem Wirtschaftsberater. Im selben Jahr heiratete Warsh Jane Lauder, die Erbin des Kosmetikimperiums Estée Lauder.

Viel Geld und viele Verbindungen

Im Jahr 2006 wurde Warsh, damals gerade einmal 35 Jahre alt, als bisher jüngstes Mitglied in die Führungsriege der Fed berufen, das Federal Reserve Board of Governors. Hier machte er sich einen Ruf als geldpolitischer "Falke", weil er die Maßnahmen des damaligen Notenbank-Chefs Ben Bernanke öffentlich kritisierte.

Bernanke setzte in der Finanzkrise ab 2007 auf eine sehr lockere Geldpolitik, senkte die Leitzinsen maximal und kaufte Staatsanleihen im großen Stil. Im Streit mit Bernanke verließ Warsh 2011 die Fed wieder und arbeitete danach im Investmentbereich und an Universitäten.

Warsh verfügt über ein großes Vermögen. Das Office of Government Ethics, eine Regierungsstelle, die Interessenskonflikte von Staatsangestellten überprüft, stuft Warshs Nettovermögen auf bis zu 200 Millionen Dollar ein. Hinzu kommt das Vermögen seiner Ehefrau, das das Magazin "Forbes" auf zwei Milliarden Dollar schätzt.

Kann er alle besänftigen?

Der neue Chef der wichtigsten Notenbank der Welt bringt also sowohl Erfahrung innerhalb der Fed mit als auch Kenntnis über die Mechanismen und Vorlieben der Wall Street. Er wird also auch wissen, dass er jeglichen Eindruck vermeiden muss, der Kurs der Zentralbank würde von Donald Trump diktiert.

Wenn dieser Eindruck entstehe, würden die Märkte reagieren, sagt Ökonom Kenneth Rogoff: "Wenn man versucht, die Unabhängigkeit der Zentralbank zu untergraben, fragen die Märkte: Was haben die vor? Versuchen Sie, uns zu beeinflussen? Und sie treiben dann sofort die Zinsen in die Höhe - was natürlich genau das Gegenteil von dem ist, was die Regierung wollte."

Ökonomin Claudia Sahm ist sich sicher: "Bis zu diesem Punkt musste Warsh den Präsidenten beeindrucken, um den Job zu bekommen." Jetzt müsse er die Finanzmärkte und den Zentralrat der Fed überzeugen, dass er die Notenbank gut führen wird. "Es ist unwahrscheinlich, dass er alle zufriedenstellen kann."

Was passiert mit den Zinsen?

Warsh selbst hatte sich Medienberichten zufolge zuletzt für niedrigere Zinsen ausgesprochen - ganz im Sinne von Donald Trump. Das ist überraschend, denn das wirtschaftliche Umfeld spricht eher für das Gegenteil. Durch den Iran-Krieg und gestiegene Benzinpreise ist die Inflation im Auftrieb. Würde die Fed nun die Leitzinsen senken, dürfte das zwar die Wirtschaft ankurbeln, aber auch die Preise weiter anheizen.

Mehrere Mitglieder des zwölfköpfigen Fed-Zentralrats haben sich deshalb bereits gegen Zinssenkungen ausgesprochen. Sollte Kevin Warsh also tatsächlich unverzüglich Donald Trumps Kurs umsetzen wollen, müsste er sich dort durchsetzen.

Hinzu kommt: Der von Trump so verhasste Jerome Powell wird die Fed nach seinem Amtsende nicht verlassen. Bei seiner letzten Pressekonferenz als Notenbank-Chef kündigte er an, er werde als Vorstandsmitglied weiter in der Zentralbank verbleiben.

Powells Karriere zeigt auch, wie sehr sich Dinge ändern können. Donald Trump, der ihn heute "inkompetent", "Trottel" oder gar "korrupt" nennt, hatte Powell 2017 selbst für das Amt des Fed-Chefs vorgeschlagen.

Author Nicolas Martin
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Image caption Händeschütteln im Weißen Haus: Kevin Warsh (l.) und Donald Trump
Image source Alex Brandon/AP Photo/picture alliance
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Item 41
Id 76992963
Date 2026-05-22
Title Deutscher Mittelstand: KI als Kollege
Short title Deutscher Mittelstand: KI als Kollege
Teaser Großkonzerne nutzen Künstliche Intelligenz häufiger als kleine Firmen. Doch um wettbewerbsfähig zu bleiben, entwickeln auch Mittelständler zunehmend Wege, wie sie KI im Arbeitsalltag nutzen können.
Short teaser Um wettbewerbsfähig zu bleiben, entwickeln Mittelständler zunehmend Wege, wie sie KI im Arbeitsalltag nutzen können.
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"In der Produktion haben wir genug zu tun", betont Inna Hilgenberg, während schwarz-rote Shampoo-Flaschen in der Abfüllanlage beim mittelständischen Kosmetik- und Pharmaunternehmen Dr. Wolff vom Band laufen. "Eine Arbeitsanweisung zusätzlich zu diesen Aufgaben aus dem Ärmel zu schütteln, ist gar nicht so leicht", ergänzt sie.

So hat sie "WolffGPT" zu schätzen gelernt, das firmeneigene KI-Tool, mit dem sie praktisch jeden Tag arbeitet. Als stellvertretende Abteilungsleiterin Konfektionierung organisiert Hilgenberg den Personaleinsatz in der Abfüllung und Verpackung, achtet auf die Einhaltung von Hygiene und Sicherheit. Mit WolffGPT schreibt sie Arbeitsanweisungen, gestaltet Präsentationen, bearbeitet Word-Dateien und Excel-Tabellen. "Ich sehe nur Vorteile bei der KI", sagt sie.

Einige Mitarbeiter von Dr. Wolff nutzten ChatGPT schon früh in der Freizeit und hätten das gerne auch im Beruf getan. Doch das Bielefelder Unternehmen wollte dem Sprachmodell (LLM - Large Language Model) des US-Konzerns OpenAI keine Unternehmensdaten anvertrauen.

Daher hat Dr. Wolff die Plattform WolffGPT-Studio auf Basis großer Sprachmodelle entwickeln lassen und eigenständig die Anbindung an ausgewählte Systeme und Unternehmensdaten konfiguriert. So sind sensible Informationen geschützt und bleiben im Unternehmen.

KI bei großen Unternehmen weiter verbreitet

In Deutschland setzen große Unternehmen mit einer größeren Wahrscheinlichkeit KI ein. Laut der Trendstudie Zukunftstechnologien des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa) ist bei produzierenden Unternehmen generative KI für Texte, Bilder und Code am weitesten verbreitet. Mehr als 40 Prozent der befragten Unternehmen setzen schon KI ein, 37 Prozent wollen sie künftig einsetzen.

Im Mittelstand zwinge der zunehmende Wettbewerbsdruck viele produzierende Unternehmen, sich intensiver mit KI auseinanderzusetzen, um produktiver und effizienter zu werden. Das hat das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) herausgefunden. Gebremst würde der Einsatz von KI derzeit noch durch Vorbehalte in der Belegschaft.

Viele Mitarbeitende bei Dr. Wolff haben Interesse an KI

Inna Hilgenberg ist eine sogenannte KI-Pionierin bei Dr. Wolff. Dafür nahm sie an einer Online-Schulung in der KI-Akademie des Familienunternehmens teil. Nun unterstützt sie auch andere in ihrem Team, die mit KI arbeiten wollen. Unter den rund 930 Beschäftigten weltweit gibt es rund 110 KI-Pioniere in allen Niederlassungen und Arbeitsbereichen. "Das sind ganz normale Kollegen, die nicht unbedingt einen technischen Hintergrund haben müssen", betont Zhuo Li, der KI-Verantwortliche bei Dr. Wolff.

Diese KI-Pioniere lernen in rund zehn Stunden durch kurze Videos und kleine Aufgaben unter anderem, wie man gute Prompts formuliert und was mit den Daten passiert. In einem Teil ihrer Arbeitszeit identifizieren sie nun mögliche KI-Anwendungsfälle in ihrem Berufsalltag und entwickeln und erproben Prototypen dafür.

Und sie beantworten Fragen von anderen Mitarbeitenden. "Wir konnten in jedem Team Menschen finden, die gute Ideen, ein hohes Interesse an dem Thema und Lust haben, die Kenntnisse weiterzugeben", so Li. "Wir ermuntern jeden auszuprobieren, was KI als Werkzeug bringen kann."

KI soll Fachkräftemangel mildern

Mit KI wollen mittelständische Unternehmen den Fachkräftemangel mindern und Nachwuchskräfte anlocken. Meist würden einzelne Tätigkeiten von der KI übernommen und so Mitarbeitende entlastet, ohne dass Fachkräfte abgebaut würden, heißt es in der Studie des IfM. Von den untersuchten Unternehmen benutze bereits jedes vierte KI. So grundiert im Malerbetrieb etwa ein Malerroboter große Flächen und im Kühl- und Klimatechnikbetrieb planen digitale Assistenzsysteme Fahrtrouten.

Europaweit wendet nach Angaben der OECD erst jedes 17. kleine und mittlere Unternehmen KI an. Die internationale Organisation mit ihren 38 Mitgliedsstaaten bemängelte 2024 in einem Bericht, dass "schleppende Digitalisierung, unzureichende Konnektivität und ein geringes Verständnis für die möglichen Vorteile von KI" eine größere Verbreitung in Unternehmen behindern würden.

Vermutlich gebe es eine hohe Dunkelziffer bei der KI-Nutzung, glauben die Forscher beim IfM: Nicht jeder informiert seine Firma, wenn er sich vom Chatbot helfen lässt.

Selbstgebaute KI-Agenten entlasten die Teams

In der Akademie bei Dr. Wolff lernen Mitarbeitende auch, auf der WolffGPT-Plattform eigene Agenten zu erstellen, die spezifische Aufgaben erledigen, etwa das Beantworten gängiger Fragen beim IT-Support, das Standardisieren internationaler Abrechnungen in der Finanzabteilung oder das Formulieren von Social Media-Posts beim Marketing.

"In fast allen Funktionen haben wir schon selbstgebaute Agenten im Einsatz", erzählt der KI-Leiter. "Einige sind nur für zwei Leute relevant, andere werden mit mehreren Abteilungen geteilt. Sie erleichtern die Arbeit sehr", bestätigt Karoline Bauch, Expertin für KI-Kommunikation in der Personalabteilung von Dr. Wolff, die sich selbst schon manchen Agenten gebastelt hat.

"Die Akzeptanz ist definitiv sehr hoch. Als WolffGPT-Studio einmal für mehrere Stunden ausfiel, merkten wir, wie intensiv wir schon damit arbeiten", erzählt Bauch.

Einschließlich der Pioniere haben nach Firmenangaben knapp 90 Prozent aller Mitarbeitenden mit einem festen Computerarbeitsplatz seit Herbst die KI-Module absolviert. "Das passiert bewusst während der Arbeitszeit. Deswegen haben wir die Lerneinheiten kurz gehalten und jeder kann sie in seinem eigenen Tempo abschließen", so Bauch.

KI für jeden Mitarbeitenden

Bisher entlastet die KI vor allem bei Verwaltungs- und Kreativaufgaben, Anwendungen für die Produktion sind aktuell in der Entwicklung. Die virtuelle Weiterbildung steht aber der ganzen Belegschaft offen, denn das Grundwissen kann jeder gebrauchen - und sei es nur privat.

So können auch Beschäftigte aus dem Werk oder dem Lager in der Akademie lernen. Dafür müssen sie sich allerdings nach der Schicht an einem Computerarbeitsplatz anmelden, was eine höhere Hürde darstellt.

Der Anspruch, dass jeder KI verstehen und einsetzen soll, hat auch mit dem Selbstverständnis von Dr. Wolff als "Asterix unter den Römern" zu tun: ein relativ kleines Familienunternehmen, das sich gegen mächtige Konzernkonkurrenz aus Europa, Asien und den USA behauptet.

Author Matilda Jordanova-Duda
Item URL https://www.dw.com/de/deutscher-mittelstand-ki-als-kollege/a-76992963?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption KI kann Menschen bei der Arbeit entlasten
Image source Artlist
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Item 42
Id 76907885
Date 2026-05-22
Title Was Sterbende träumen - und was diese Träume bedeuten
Short title Was Sterbende träumen - und was diese Träume bedeuten
Teaser Kurz vor dem Tod berichten viele Menschen von intensiven Träumen. Die Forschung zeigt: Sie sind kein Zeichen von Verwirrung - und können Sterbenden wie Angehörigen helfen, Abschied und Beziehung neu zu begreifen.
Short teaser Kurz vor dem Tod berichten viele Menschen von intensiven Träumen. Forschung zeigt: Sie helfen beim Abschied.
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Florence sitzt am Küchentisch. Ihr Mann ist da, ihre Tochter auch. Sie lachen zusammen, essen Abendbrot - wie früher. Mit einem Unterschied: Beide - Mann und Tochter - sind seit Jahren tot.

"Es hat sich so real angefühlt", sagt Florence später. "Als wären wir nie getrennt gewesen." Es war kein gewöhnlicher Traum, sondern eine Begegnung. Nie zuvor habe sie Träume in dieser Intensität erlebt. Angst habe sie keine gespürt, vielmehr eine tiefe Beruhigung - die Gewissheit, dass sie beide wiedersehen wird. Fünf Tage später stirbt auch Florence.

Von solchen Erfahrungen berichten viele Menschen in den letzten Tagen ihres Lebens. Sie treten meist als Träume im Schlaf auf, manchmal als Vision im Wachzustand. Für die Betroffenen fühlen sie sich oft realer an als gewöhnliche Träume - für Außenstehende kann das befremdlich wirken.

In der Forschung werden diese Erlebnisse als End‑of‑Life Dreams and Visions (ELDVs) bezeichnet. Lange galten sie in der Medizin vor allem als Ausdruck von plötzlich auftretender Verwirrung (Delir) oder Medikamentenwirkungen. Doch heute ist klar: Diese Erklärung greift zu kurz.

Studie zeigt: Neun von zehn berichten von End-of-Life Dreams

Der US‑amerikanische Neurobiologe, Palliativmediziner und Hospizarzt Christopher Kerr beschäftigt sich seit den späten 1990er‑Jahren mit Träumen und Visionen am Lebensende. Die in diesem Artikel geschilderten Beispiele stammen aus seinen dokumentierten Fallberichten aus der Palliativforschung.

Über einen Zeitraum von rund zehn Jahren befragten er und sein Team mehr als 1400 Hospizpatienten und ‑patientinnen bis zu ihrem Tod - allerdings nur, wenn sie kognitiv klar waren und kein Delir zeigten.

Das Ergebnis: Rund 90 Prozent berichteten mindestens einmal von solchen Träumen oder Visionen - unabhängig von Alter, Herkunft oder sozialem Hintergrund. Kerr beschreibt diese Menschen nicht als verwirrt, sondern im Gegenteil: "als ungewöhnlich klar und aufmerksam". Sie wirkten fokussiert, wach, introspektiv.

Auch Elisa Rabitti, Psychologin und Hauptautorin einer aktuellen italienischen Studie zu ELDVs, betont diesen Punkt: "End‑of‑Life‑Träume treten typischerweise bei Menschen auf, die ihre Erlebnisse zusammenhängend schildern könnten - bei voller Aufmerksamkeit und Orientierung."

Reisen, Wiedersehen, Zugehörigkeit - typische Motive der Träume

Die Träume sind lebendig, bedeutungsvoll - und nehmen in Häufigkeit und Intensität zu, je näher der Tod rückt. Häufig enthalten sie Begegnungen mit verstorbenen Angehörigen oder Haustieren, die zurückkehren, um Trost zu spenden.

Viele Träume kreisen um Reisen, um Vorbereitung, um ein "Unterwegssein". Beziehungen werden neu belebt, Konflikte gelöst, Schuld und Reue angesprochen. "Je näher Menschen dem Tod kommen, desto häufiger beziehen diese Träume die Verstorbenen ein", so Kerr. Zeit und räumliche Distanz verlieren dabei ihre Bedeutung.

Religion spielt kaum eine Rolle bei den Visionen

Ob Menschen religiös sind oder nicht, spielt offenbar kaum eine Rolle. Nach Kerrs Erfahrung berichten religiöse wie nicht‑religiöse Menschen von ähnlichen Erlebnissen. Entscheidend seien universelle Themen wie Liebe, Verbundenheit und Vergebung - nicht Glaubenssätze.

Mit Nahtoderfahrungen sind ELDVs nicht gleichzusetzen. Nahtoderlebnisse treten meist abrupt in akuten Extremsituationen auf. End‑of‑Life‑Träume hingegen entwickeln sich über Tage oder Wochen hinweg. Sie sind weniger spektakulär - weniger von Licht‑ oder Tunnelmotiven geprägt - und stärker beziehungsorientiert.

Kerr beschreibt sie daher nicht als Offenbarungen, sondern als Momente innerer Ordnung: als das Gefühl, am Ende des Lebens wieder "geordnet" oder "zusammengefügt" zu sein.

Trost - oder notwendige Konfrontation

Die meisten dieser Erfahrungen sind tröstlich. In Kerrs Studien wurden sie überwiegend als beruhigend und sinnstiftend beschrieben. Manche seien jedoch auch belastend oder verstörend.

Gerade diese Träume könnten besonders transformierend sein, sagt Kerr, weil sie ungelöste Themen an die Oberfläche bringen, wie Schuldgefühle oder Reue.

Ein Beispiel ist Sierra. Sie ist in ihren Zwanzigern, hat ein kleines Kind und eine unheilbare Erkrankung. Lange kann sie ihre Diagnose nicht akzeptieren. Gespräche mit dem Behandlungsteam erreichen sie nicht. In einer Vision erscheint Sierra ihr verstorbener Großvater. Er sagt ihr, dass er sehr stolz auf sie sei - und dass alles in Ordnung ist. Danach verändert sich etwas. Sierra findet ihren Frieden. Eine Woche später verstirbt sie.

Für Kerr sind solche Träume keine Zufallsprodukte des Gehirns. "Diese Erfahrungen bieten eine natürliche therapeutische Möglichkeit", sagt er. Sie erreichten Menschen dort, wo medizinische Sprache oft an ihre Grenzen stoße.

Auch Rabitti betont: Träume eröffnen einen weniger bedrohlichen Zugang zum Sterben, während direkte Gespräche darüber überfordern können.

Warum Träume in den letzten Tagen intensiver werden

Dass ELDVs häufig in den letzten Tagen oder Wochen auftreten, hat biologische Gründe. Kerr beschreibt den Sterbeprozess als eine Phase zunehmenden Schlafs. "Niemand stirbt wach", merkt er an.

Mit veränderten Schlaf‑Wach‑Rhythmen richtet sich der Blick stärker nach innen. Äußere Anforderungen treten in den Hintergrund. "Man neigt dazu, über die Dinge nachzudenken, die am wichtigsten sind, und das sind meist unsere Beziehungen," sagt Kerr.

Biologisch lasse sich erklären, dass diese Träume auftreten, sagt er. Warum sie jedoch tröstlich sind, Konflikte sichtbar machen oder helfen, das eigene Leben einzuordnen, lasse sich nicht allein aus Hirnprozessen ableiten.

Was den Zeitpunkt betrifft, warnt Rabitti vor einer verkürzten Deutung. End‑of‑Life‑Träume seien keine verlässlichen Vorboten des Todes. Lebhafte Träume könnten auch Ausdruck einer normalen Lebensrückschau sein - ohne Bezug zum Sterbeprozess.

"Träume sagen den Tod nicht voraus - vielmehr kann der bevorstehende Tod mit bestimmten Träumen zusammenhängen", sagt sie. "Eine Korrelation ist noch kein Beweis für einen kausalen Zusammenhang." Eine Umkehr dieser Kausalität möge Schlagzeilen erzeugen, trage aber nicht zum Verständnis des Phänomens bei.

Was diese Träume für Angehörige bedeuten

Die Wirkung von ELDVs endet nicht mit dem Tod. Studien zeigen, dass Angehörige, die von solchen Träumen erfahren oder sie miterleben, oft leichter mit dem Verlust umgehen und den Abschied besser verarbeiten können.

So auch Jennifer. Ihr schwerkranker Partner Patrick träumt von seiner verstorbenen Großmutter, die ihm den fehlenden Bestandteil einer Soße verrät, die er nie hatte nachkochen können: einen Teelöffel Zucker. Obwohl er bereits sehr geschwächt ist, kocht er das Rezept noch einmal gemeinsam mit Jennifer nach. Wenig später stirbt er.

Für Kerr wird genau hier sichtbar, warum diese Träume eine Rolle spielen. "Wenn diese Erfahrungen richtig erklärt werden, sind sie wertvoll", sagt er. Dann werde der Tod nicht nur als etwas Biologisches wahrgenommen, das von Verfall und Leiden geprägt ist, sondern auch als etwas, das Liebe und Sinn enthalten könne. Genau diese Perspektive zu vermitteln, sei wichtig.

So erlebte es auch Jennifer. "Patrick hatte seinen Frieden gefunden", sagt sie. "Und ganz ehrlich: Wenn dein letzter Traum im Leben von Spaghettisoße handelt, gibt es kaum etwas Beruhigenderes." Ihr habe dieser Traum geholfen. Sie wusste: Patrick war bereit zu gehen.

"Wir haben das Sterben sterilisiert"

Für Kerr zeigen ELDVs eine Dimension des Sterbens, die die moderne Medizin lange vernachlässigt hat. "Beim Sterben geht es nicht um das Versagen einzelner Organe, sondern um den Abschluss eines Lebens", sagt er.

In den vergangenen Generationen habe man das Sterben zunehmend aus dem Alltag verdrängt: aus den Häusern, aus den Familien, aus der Gemeinschaft. "Wir haben das Sterben sterilisiert", sagt Kerr.

Die Folge sei eine Kluft zwischen dem, was Menschen sich für ihr Lebensende wünschen - wie Nähe und Vertrautheit - und dem, was sie häufig erleben: eine Medizin, die Sterben vor allem als technisch‑organisatorischen Prozess behandelt.

Dass Träume und Visionen am Lebensende heute wieder mehr Aufmerksamkeit erhalten, versteht Kerr als Reaktion auf diese Leerstelle. Vielleicht erzählen diese Träume weniger davon, wie wir sterben, als davon, was uns bis zuletzt trägt: Beziehungen, Nähe - und das Bedürfnis, dass jemand da ist.

Author Hannah Fuchs
Item URL https://www.dw.com/de/was-sterbende-träumen-und-was-diese-träume-bedeuten/a-76907885?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77136643_607.jpg
Image caption In vielen Träumen am Lebensende geht es um Beziehungen zu Menschen, die im Leben wichtig waren
Image source Daniel Reinhardt/dpa/picture alliance
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Item 43
Id 76531064
Date 2026-05-22
Title Kuba und die USA - eine wechselvolle Beziehungsgeschichte
Short title Kuba und die USA - eine wechselvolle Beziehungsgeschichte
Teaser Donald Trump ist nicht der erste US-Präsident, der Kuba übernehmen will. Schon 1848 wollten die USA die Insel kaufen - ohne Erfolg. Washington hatte trotzdem lange das Sagen. Bis zur Revolution 1959.
Short teaser Trump ist nicht der erste US-Präsident, der Kuba übernehmen will. Schon 1848 wollten die USA die Insel kaufen.
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Er könne mit Kuba machen, was er wolle, hatte Donald Trump Mitte März verkündet. Jetzt wurde die nächste Runde eingeläutet: Die USA wollen den ehemaligen kubanischen Präsidenten Raúl Castroanklagen. "Wir erwarten, dass er sich entweder freiwillig oder auf andere Weise hier einfinden wird", hieß es aus dem Justizministerium. Dem 94-Jährigen wird eine Verwicklung in den Abschuss von zwei US-Zivilflugzeugen vorgeworfen, bei dem 1996 vier Menschen starben.
Fast zeitgleich hat US-Außenminister Marco Rubio der kubanischen Bevölkerung in einer Videobotschaft auf X humanitäre Hilfe in Millionenhöhe in Aussicht gestellt - ausgerechnet am kubanischen Unabhängigkeitstag. Und Trump erklärte, die Vereinigten Staaten würden "Kuba befreien".

Er wäre nicht der erste US-Präsident mit Expansionsgelüsten, weiß der Historiker Michael Zeuske, Professor am Center for Dependency and Slavery Studies der Universität Bonn. "Schon Mitte des 19. Jahrhunderts haben die USA ihre Hand nach der Insel ausgestreckt", sagt er.

Kuba ist nicht zu verkaufen

Damals ist Kuba noch Kolonie der europäischen Großmacht Spanien. 1820 erklärt Thomas Jefferson, ehemaliger US-Präsident der noch jungen Vereinigten Staaten, man solle die erste Möglichkeit nutzen, Kuba den USA einzuverleiben.

Was John Quincy Adams, Außenminister unter James Monroe, drei Jahre später zu der Äußerung veranlasst: "Es gibt Gesetze der physikalischen wie der politischen Schwerkraft - und so wie ein im Sturm vom Baum gerissener Apfel keine andere Wahl hat, als zur Erde zu fallen, so kann auch Kuba, wenn gewaltsam aus seiner widernatürlichen Verbindung mit Spanien gelöst und unfähig, sich selbst zu schützen, nur der Schwerkraft der Nordamerikanischen Union folgen, die kraft desselben Naturgesetzes Kuba nicht von ihrem Busen stoßen kann."

1848 bietet James K. Polk, der elfte US-Präsident, den Spaniern 100 Millionen Dollar für Kuba, aber angeblich lässt die Kolonialmacht die USA wissen, man wolle die Insel lieber im Meer versenken. Spanien will an einer seiner wenigen verbliebenen Kolonien in Übersee festhalten. Nur sechs Jahre später entwerfen US-Diplomaten ein geheimes Dokument: Man habe das Recht, sich Kuba mit Gewalt zu nehmen, falls Spanien sich weiter weigern sollte, die Insel zu verkaufen. Doch auch daraus wird nichts.

Der "Apfel" ist reif

All diese Pläne basierten auf der sogenannten Monroe-Doktrin. Darin hatte Präsident James Monroe den europäischen Kolonialmächten 1823 die Botschaft geschickt: "Amerika den Amerikanern."

Augenscheinlich ging es um die Souveränität der jungen Nation in Nord- und Südamerika; doch die USA waren längst selbst auf Expansionskurs. Und lag es nicht nah, endlich den Apfel zu pflücken, der gerade mal 160 Kilometer entfernt von Florida, also quasi vor der eigenen Haustür lag?

Der spanisch-amerikanische Krieg

1898 bietet sich endlich ein Vorwand, die Insel zu übernehmen. Die Kubaner kämpfen seit Jahren erbittert darum, das spanische Kolonialjoch abzuschütteln. Washington zeigt starke Militärpräsenz im Land, die Botschaft: Wir schützen unsere Bürger, die hier vor Ort sind. Und so ankert wochenlang der US-amerikanische Panzerkreuzer USS Maine im Hafen von Havanna.

Am 15. Februar 1898 gibt es eine gewaltige Explosion, die den Rumpf des Schiffes aufreißt. Es sinkt innerhalb von Minuten. War ein Schwelbrand schuld, der die Munitionskammer erreichte? Oder haben die Spanier das Schiff torpediert, wie die USA behaupten? "Belegt ist das nicht, es gab nie einen Beweis, dass es ein Anschlag war", sagt Zeuske. Die Vereinigten Staaten erklären Spanien den Krieg.

Kuba wird zum Quasi-Protektorat

Der dauert nur knapp vier Monate und endet mit der Niederlage Spaniens, das seine letzten großen Kolonien verliert: Puerto Rico, Guam, Philippinen und - Kuba. Auf der karibischen Insel haben jetzt die Vereinigten Staaten das Sagen. Dass Kuba kein US-Bundesstaat wird, liegt vor allem an US-Senator Henry Moore Teller. Er agiert in Washington gegen die Annexion Kubas; wohl auch, damit die kubanische Zuckerernte nicht mit der seines Heimat-Bundesstaats Colorado konkurriert.

Unabhängig wird Kuba trotzdem nicht. Die USA wollen ihre Truppen nicht abziehen, wenn die neue Regierung nicht einem Zusatz namens "Platt-Amendment" zustimmt. "Sie mussten ihn in ihre Verfassung schreiben", so Zeuske. Der Zusatz definiert die künftigen Beziehungen der beiden Staaten. Was konkret heißt: Die USA dürfen in der Außenpolitik, in der Staatsverschuldung und im Gesundheitswesen mitreden, militärisch intervenieren und vor Ort Marinestützpunkte bauen. Guantanamo existiert noch heute.

Am 20. Mai 1902 endet die US-Militärbesatzung, die Republik Kuba bekommt ihren ersten eigenen Präsidenten. De facto aber bleibt Kuba ein Quasi-Protektorat des großen Nachbarn im Norden, wobei es den USA vor allem um Wirtschaftsinteressen geht. 1926 sind rund 60 Prozent der kubanischen Zuckerindustrie in US-amerikanischer Hand, außerdem investieren Geschäftsleute aus den USA ihr Geld massiv in Hotels, Bars und Casinos in Havanna.

Der lange Arm der Mafia

Vor allem ab 1920, als zuhause in den USA die Prohibition ausgerufen wird, kommen die Touristen in Scharen. Und kurz darauf auch die Mafia. Man ist nahe genug an den USA, aber weit genug entfernt, um dem langen Arm des FBI zu entwischen.

Havanna wird zur Weltstadt des Glückspiels, des Drogen- und Waffenhandels, der Geldwäsche und der Prostitution. Die Millionengewinne verschwinden in den Taschen der US-Mafia und des Batista-Clans. Diktator Fulgencio Batista versteht sich bestens mit Mafia-Boss Meyer-Lansky, der sein enger Geschäftspartner und inoffizieller Berater wird.

Die kubanische Revolution und ihre Folgen

Doch während die einen immer reicher werden und sich vergnügen, hungert die Bevölkerung - 1953 unternimmt Fidel Castro mit Aufständischen einen ersten Putschversuch, der brutal niedergeschlagen wird. Danach führt die "Bewegung des 26. Juli" einen Guerillakrieg, der damit endet, dass Batista 1959 flieht.

"Am Anfang suchte Castro noch ein gutes Verhältnis zu den USA", sagt Zeuske - aber dort sei man nicht daran interessiert gewesen, mit dem sozialistischen Umstürzler zu verhandeln. Zumal Castro die Enteignung von Raffinerien und Zuckerrohrplantagen in US-Besitz anordnet und sich der Sowjetunion annähert.

1960 verhängt Präsident Dwight D. Eisenhower ein Handelsembargo gegen Kuba. 1961 versuchen Exilkubaner mit verdeckter Unterstützung der CIA in der Schweinebucht zu landen, um Fidels Regime zu stürzen. Sie scheitern kläglich. Kuba hat die USA öffentlich bloßgestellt: "Fidel, campeón, te comiste el tiburón!", riefen die Menschen in den Straßen Havannas, "Fidel, Du Held, Du hast den Hai gefressen". Die Aktion treibt Castro noch mehr in die Arme der Russen. Vor der Haustür der USA entsteht ein tropischer Sowjet-Satellit.

Als die Sowjetunion 1962 dann Atomraketen auf Kuba stationiert, steht die Welt am Rande einer atomaren Katastrophe - bis die Russen die Waffen abziehen, weil die US-Amerikaner im Gegenzug garantieren, nicht militärisch auf Kuba zu intervenieren. Castro eliminieren wollen sie trotzdem: zunächst mit Auftragskillern. Als das nicht klappt, experimentiert der Geheimdienst mit vergifteten Zigarren, einem bakterienverseuchten Taucheranzug und einer mit Sprengstoff gefüllten Muschel. Beim kubanischen Volk sorgen die US-Anschläge auf Castro dafür, dass sich die Menschen nur noch mehr hinter ihren Staatschef stellen.

Ist Kuba "ready to fall"?

Zwei Mal sieht es später so aus, als würden sich beide Länder einander annähern: Unter den US-Präsidenten Jimmy Carter und Barack Obama gibt es Phasen der Entspannung. Doch Donald Trump dreht das Rad zurück.

Nachdem er Anfang Januar verkündete, Kuba sei "ready to fall" und dem Land den Ölhahn abdrehte, ergänzte er im März vor laufenden Kameras: "Ich glaube, ich werde die Ehre haben, Kuba einzunehmen." Kubas Replik kam sofort: Kuba sei ein souveräner Staat, so der kubanische Vizeaußenminister Carlos Fernández de Cossio gegenüber dem US-Senders NBC News. "Kuba wird es nicht akzeptieren, ein Vasallenstaat oder ein von einem anderen Staat abhängiges Land zu werden."

Einfach ist die Lage auf der Insel nicht. Seitdem nach Trumps Militärschlag gegen Venezuela kein Öl mehr von dem befreundeten Staat ins Land kommt, bricht die Energieversorgung regelmäßig zusammen. Die Touristen bleiben aus, der Müll stapelt sich auf den Straßen, die Lebensmittel verderben, weil der Kühlschrank nicht läuft.

"Was die Führung betrifft, was das Militär betrifft, was die Kontrolle des Territoriums betrifft, ist Kuba eine extrem harte Nuss", sagt Zeuske. "Auf der anderen Seite sind die Leute furchtbar unzufrieden mit ihrer Regierung, vor allen Dingen mit den Stromabschaltungen. Die Lage wird immer desolater. Viele junge Leute wollen nur noch weg."

Der Artikel wurde am 22.05.2026 aktualisiert.

Author Suzanne Cords
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Item 44
Id 74963496
Date 2026-05-21
Title Luftverkehr: Ticketsteuer sinkt, Ticketpreise auch?
Short title Luftverkehr: Ticketsteuer sinkt, Ticketpreise auch?
Teaser Die Senkung der Luftverkehrsteuer soll die Branche entlasten und Tickets billiger machen. Doch Experten befürchten, dass die Maßnahme angesichts steigender Kerosinpreise und anderer Standortkosten verpuffen könnte.
Short teaser Die Senkung der Luftverkehrsteuer soll die Branche entlasten und Tickets billiger machen. Wie sind die Aussichten?
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Wird Fliegen bald wieder billiger? Die Luftverkehrsteuer soll jedenfalls zum 1. Juli wieder auf das Niveau vor Mai 2024 sinken. Der Bundestag beschloss am Donnerstagabend in Berlin die von Union und SPD auf den Weg gebrachte Gesetzesänderung. Den Bund kostet das rund 350 Millionen Euro im Jahr. Neben den Koalitionsparteien stimmte auch die AfD für die Änderung, die Grünen und die Linke votierten dagegen.

"Wir sind natürlich dankbar über dieses Signal, die letzte Steuererhöhung zurückzunehmen, aber das ist noch keine Trendwende", erklärt Kay Lindemann, Leiter Konzernpolitik und Bevollmächtigter des Vorstands der LufthansaGroup, im DW-Gespräch.

Die Luftverkehrsteuer mache nur einen Teil der gesamten Abgabenkulisse aus, die sich in Deutschland seit 2019 verdoppelt habe. Lindemann: "Wenn wir uns in Deutschland zu sehr belasten, dann verlieren wir Flugzeuge an andere Standorte, weil die Standortbedingungen dort attraktiver sind, und damit wandert Wertschöpfung ab."

Kerosinpreise explodieren

Auch Experten dämpfen die Erwartungen: "Der Staat verzichtet auf Einnahmen, aber bei den Passagieren wird die Steuersenkung nicht ankommen", erklärt Luftfahrtberater Gerald Wissel von der Consultingfirma Airborne Consulting. "Die Maßnahme wird verpuffen."

Für Inlands- und Europaflüge sowie andere Kurzstrecken sollen künftig statt 15,53 Euro noch 13,03 Euro Luftverkehrsteuer anfallen. Bei Mittelstrecken (Zielländer zwischen 2500 und 6000 Kilometer Entfernung) ist eine Reduzierung von 39,34 Euro auf 33,01 Euro vorgesehen, bei Langstreckenflügen fallen künftig 59,43 Euro an und nicht mehr 70,83 Euro.

Allerdings sind die Kosten für Treibstoff durch den Iran-Krieg stark gestiegen. "Die jüngste Explosion der Kerosinpreise hat uns gezwungen, die ein Prozent unprofitabelsten Strecken aus dem Netz zu nehmen", erklärt Lufthansa Group Politikchef Lindemann.

Luftverkehrsteuer - Segen für den Haushalt

Für den Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft(BDL) "reicht die aktuelle Absenkung der Luftverkehrsteuer nicht aus, um die Wettbewerbsnachteile bei den staatlich induzierten Kosten gegenüber anderen europäischen Ländern auszugleichen", heißt es in einem Statement des Verbands.

Die Belastungen spiegeln sich in verhaltenen Wachstumsraten der Branche wider. Nach Angaben des Statistikamtes Destatisstieg die Anzahl der steuerpflichtig beförderten Fluggäste in Deutschland zwar von 62 Millionen Passagieren 2022 auf 84 Millionen Fluggäste im vergangenen Jahr. Allerdings ist das Vor-Corona-Niveau noch nicht wieder erreicht: 2019 wurden 96 Millionen Menschen befördert.

Im Gegensatz zu den Passagierzahlen haben die Einnahmen aus der Luftverkehrssteuer (siehe Grafik) das Vor-Corona-Niveau bereits weit übertroffen. Seit der Einführung der Abgabe 2011 unter der schwarz-gelben Regierungskoalition stiegen die Einnahmen von 963 Millionen Euro auf 2,1 Milliarden Euro im vergangenen Jahr.

Nicht nur in Deutschland, auch in vielen anderen Ländern gehören Luftverkehrssteuern- und Abgaben zum festen Bestandteil der nationalen Budgetplanung, wie auch eine Untersuchung der Internationalen Luftverkehrs-Vereinigung IATA(International Air Transport Association) zeigt.

"Die Luftverkehrssteuer und vergleichbare Steuern in anderen Ländern werden in Europa zusätzlich zu den Infrastrukturentgelten erhoben und fließen - in aller Regel - ohne Zweckbindung in den allgemeinen Haushalt," erläutert Frank Fichert, Professor für Touristik und Verkehrswesen an der Hochschule Worms, im DW-Gespräch.

Natürlich könne der Staat Steuern und Gebühren senken, allerdings müssten die Einnahmenrückgänge dann durch Mehreinnahmen an anderer Stelle kompensiert oder durch Einsparungen ausgeglichen werden - ein angesichts der aktuellen Haushaltslage schwer vorstellbares Szenario.

Weltweite Flotte veraltet

Fichert stellt klar: "Passagiersteuern sind deshalb ein wichtiger, aber nicht der einzige Faktor, der sich auf die Attraktivität eines Standortes auswirkt."

Ein weiterer, oft nicht thematisierter wichtiger Faktor sind fehlende Flugzeuge. Nach einer neuen IATA-Untersuchunghaben die Fluggesellschaften weltweit mit einem beispiellosen Mangel an Flugzeugenzu kämpfen, der noch ein weiteres Jahrzehnt andauern könnte.

Der Verband warnt vor einer "fehlenden Flotte" von mehr als 5000 Flugzeugen aufgrund von Produktionslücken in der Pandemiezeit, aufgeschobenen Stilllegungen und Auftragsrückständen.

Laut Luftfahrtexperte Wissel verdeckt die Kritik an den hohen Standortkosten in Deutschland genau dieses Problem. Billigflieger wie Easyjet und Ryanair hätten ihre Verbindungen in Deutschland nicht wegen hoher Gebühren und Abgaben reduziert, sondern weil ihnen "schlicht und ergreifend die Flugzeuge fehlen".

Das Durchschnittsalter der weltweiten kommerziellen Flotte beträgt mittlerweile 15 Jahre und sei damit das höchste in der Geschichte der Luftfahrt. Hinzu komme ein struktureller Pilotenmangel.

Ryanair und EasyJet streichen Flüge

Luftfahrtexperte Wissel erklärt, dass Ryanair und EasyJet besonders stark vom Flugzeugmangel betroffen sind. "Ryanair soll 400 Flugzeuge in der Auslieferung haben, 100 als Ersatz und 300 zum Wachstum", erklärt er. Das gleiche gelte für EasyJet.

Auf die beschlossene Senkung der Luftverkehrssteuer reagierten beide Fluglinien verhalten. EasyJet kündigte zwar an, die Sitzplatzkapazitäten 2026 zwischen zwei bis vier Prozent zu erhöhen. Dies liege unter dem konzernweiten Durchschnitt von rund sieben Prozent, sagte Deutschland-Chef Stephan Erler gegenüber dem Portal "Airliners".

Ryanair hat Verbindungen in Deutschland gestrichen. Der Konzern hatte Ende April angekündigt, am Flughafen in Berlin seine Basis mit sieben fest stationierten Flugzeugen zu schließen und ab Herbst ⁠die ​Zahl der Berlin-Flüge zu halbieren. Köln/Bonn büßt 44 Frequenzen ein.

Dieser Artikel wurde am 21.05.2026 aktualisiert.

Author Astrid Prange de Oliveira
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Image caption Weniger Verbindungen: Ryanair streicht Verbindungen von den Flughäfen in Berlin (BER) und Köln/Bonn
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Item 45
Id 77244072
Date 2026-05-21
Title EU-Kommission halbiert Wachstumsprognose für Deutschland
Short title EU-Kommission halbiert Wachstumsprognose für Deutschland
Teaser Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Auswirkungen des Iran-Kriegs hat die EU-Kommission ihre Wachstumsvorhersage für Deutschland deutlich gesenkt. Für den Euroraum sind die Aussichten kaum besser.
Short teaser Der Iran-Krieg macht die Hoffnung auf einen Wirtschaftsaufschwung in Deutschland 2026 zunichte.
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In ihrer an diesem Donnerstag veröffentlichten Frühjahrsprognose sagt die EU-Kommission ein Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,6 Prozent statt zuvor 1,2 Prozent für das laufende Jahr voraus. Zudem erwartet die Behörde einen Anstieg der Inflation im Euroraum auf drei Prozent 2026.

Für den gesamten Euroraum senkte die Brüsseler Behörde ihre Prognose für das laufende Jahr von 1,2 Prozent auf 0,9 Prozent des BIP. Für das Jahr 2027 stufte die Behörde ihre Prognose von 1,4 Prozent auf 1,2 Prozent herunter. Für Frankreich sieht die Kommission weniger schwere Auswirkungen voraus - hier soll die Wirtschaftsleistung 2026 um 0,8 Prozent wachsen, statt wie zuvor vorhergesagt um 0,9 Prozent.

Energiepreisschock als Auslöser

Auch die führenden deutschen Wirtschaftsinstitute hatten ihre Konjunkturprognose für Deutschland im April stark herabgestuft. Sie erwarten für 2026 ebenfalls eine Zunahme der Wirtschaftsleistung um 0,6 Prozent. Die Kommission geht davon aus, dass der Anstieg der öffentlichen Ausgaben in Deutschland "das gesamtwirtschaftliche Wachstum positiv unterstützen" werde. Für 2027 sagt die Behörde ein Wachstum von 0,9 Prozent voraus.

Die Kommission nannte als Grund für die schlechteren Aussichten die Erhöhung von Kosten und Preisen durch den Energiepreisschock infolge der Blockade der Straße von Hormus wegen des Iran-Krieges. Die Preiserhöhungen wirkten sich auf Reallöhne und Gewinnspannen aus und bremsten somit die Nachfrage.

Ende Februar hatten die ​USA zusammen mit Israel den Iran angegriffen. Dieser wehrt sich auch mit Angriffen auf mehrere Golf-Staaten. Energieanlagen wurden beschädigt ​und die Straße von Hormus - eine für den Öl- und Gas-Transport besonders wichtige Meerenge ​zwischen dem ‌Iran und Oman - ist weitgehend gesperrt. An den Tankstellen hat dies zu einem Preissprung geführt.

"Der Konflikt im Nahen Osten hat einen schweren Energieschock ausgelöst und Europa noch stärker auf die Probe gestellt, da es bereits mit einem instabilen geopolitischen und handelspolitischen Umfeld konfrontiert ist", erklärte EU-Wirtschaftskommissar Valdis Dombrovskis. Er forderte die EU auf, ihre Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen weiter zu verringern.

Hoffnung auf Normalisierung 2027

Da die Europäische Union Nettoimporteur von Energie ist, sind die 27 Mitgliedstaaten äußerst anfällig für Schwankungen der Energiepreise. Viele EU-Staaten haben versucht, die Energiekosten für Verbraucher und Unternehmen mithilfe von Steuersenkungen, Obergrenzen für Kraftstoffpreise und anderen Maßnahmen zu begrenzen. Brüssel hat die Länder jedoch dazu aufgerufen, nur zeitlich befristete und gezielte Maßnahmen zu ergreifen.

"Die Situation dürfte sich 2027 leicht verbessern", erklärte die Kommission. Voraussetzung ist aber, das sich die Lage auf den Energiemärkten entspanne.

In ihrer Prognose geht die Kommission zudem von einem starken Anstieg bei der Inflation aus. Demnach dürfte die Gesamtinflation im Euroraum bis Ende des laufenden Jahres 3,0 Prozent statt den im Herbst vorhergesagten 1,9 Prozent erreichen. Für 2027 sagte die Kommission eine Inflation von durchschnittlich 2,3 Prozent voraus. Im November war sie noch von 2,0 Prozent ausgegangen.

pg/pgr (dpa, afp, rtr)

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Image caption Die Gewinne vieler europäischer Unternehmen - hier ein Betrieb in der Metallindustrie in Deutschland - dürften schmaler ausfallen (Archivfoto)
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Item 46
Id 77238676
Date 2026-05-21
Title Musks SpaceX will mit Milliardenverlusten an die Börse
Short title Musks SpaceX will mit Milliardenverlusten an die Börse
Teaser SpaceX bereitet den wohl größten Börsengang der Geschichte vor. Trotz Milliardenverlusten wächst das Geschäft stark - und Milliardär Elon Musk sichert sich dauerhaft die Kontrolle.
Short teaser Trotz Milliardenverlusten wächst das Geschäft stark - und Milliardär Elon Musk sichert sich dauerhaft die Kontrolle.
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Der US-Raumfahrtkonzern SpaceX hat die offiziellen Unterlagen für seinen mit Spannung erwarteten Börsengang eingereicht. Das von Multimilliardär Elon Musk geführte Unternehmen könnte dabei eine Rekordbewertung von 1,75 Billionen Dollar erreichen. Damit würde SpaceX den bislang größten Börsengang der Geschichte - den des saudischen Ölkonzerns Aramco aus dem Jahr 2019 - deutlich übertreffen. Ein genaues Datum für den Gang an die Börse steht noch aus, am Markt wird jedoch mit einem Termin im Juni gerechnet.

Zunächst keine Dividende für Aktionäre

Aus den Börsenunterlagen geht hervor, dass SpaceX im vergangenen Jahr einen Verlust von rund 4,94 Milliarden Dollar verzeichnete. Ausschlaggebend waren umfangreiche Investitionen in die Entwicklung neuer Raketengenerationen sowie in Künstliche Intelligenz. Gleichzeitig wuchs der Umsatz deutlich auf 18,67 Milliarden Dollar (16 Milliarden Euro). Den größten Anteil steuerte das Satellitennetzwerk Starlink bei: Mit Einnahmen von 11,4 Milliarden Dollar legte dieser Bereich um nahezu 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu.

Die bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereichten Dokumente zeigen zudem, dass Musk seine dominierende Stellung im Unternehmen auch nach dem Börsengang behalten wird. Eine Aktienstruktur mit zwei Anteilsklassen sichert ihm 85,1 Prozent der Stimmrechte. Musk soll weiterhin in Personalunion als Vorstandschef, Technikvorstand und Verwaltungsratsvorsitzender agieren.

Darüber hinaus geben die Unterlagen Einblick in das eng verflochtene Firmengeflecht des Milliardärs sowie in neue Großaufträge. So hält der Elektroautobauer Tesla viele Aktien von SpaceX. Zudem schloss das Raumfahrtunternehmen im Mai einen umfangreichen Vertrag über Cloud-Dienstleistungen mit dem KI-Entwickler Anthropic ab. Die Vereinbarung soll SpaceX bis Mai 2029 monatlich Einnahmen von 1,25 Milliarden Dollar sichern.

Anleger, die kurzfristig auf Ausschüttungen hoffen, werden jedoch enttäuscht: SpaceX erklärte, auf absehbare Zeit keine Dividenden an seine künftigen Aktionäre zahlen zu wollen.

Zu SpaceX gehören auch Internetsatelliten und die Plattform X

Elon Musk steht nicht nur an der Spitze von SpaceX, sondern auch des Elektroautobauers Tesla. Die Anteile an beiden Unternehmen bilden die Grundlage seines Vermögens, das ihn zum derzeit reichsten Menschen der Welt macht. Nach Schätzungen des Finanzdienstes Bloomberg beläuft sich sein Vermögen aktuell auf rund 667 Milliarden Dollar.

Seit seiner Gründung im Jahr 2002 hat sich SpaceX zum weltweit führenden Raumfahrtunternehmen entwickelt. Der Konzern revolutionierte die Branche mit wiederverwendbaren Raketen und betreibt mit Starlink inzwischen ein Netzwerk von rund 10.000 Satelliten zur Bereitstellung globaler Breitbandverbindungen. Zudem integrierte Musk seine KI-Firma xAI sowie die Online-Plattform X in das SpaceX-Ökosystem.

Musk plant Kolonie auf dem Mars

Für die Zukunft skizziert Musk ambitionierte Pläne, darunter den Aufbau von KI-Rechenzentren im All. Die Idee basiert darauf, dass im Weltraum reichlich Sonnenenergie verfügbar ist und sich die Kühlung dort effizienter gestalten lässt. Kritiker verweisen jedoch auf erhebliche Hürden wie hohe Aufbaukosten und Risiken durch Strahlung, die elektronische Komponenten beschädigen könnte.

Auch Musks Vergütung ist an weitreichende Ziele gekoppelt. Dazu zählen unter anderem die Errichtung einer dauerhaften menschlichen Kolonie auf dem Mars sowie eben der Aufbau riesiger Rechenzentren im All. Eine zentrale Rolle spielt dabei die neue Schwerlastrakete Starship, deren nächster Testflug noch in dieser Woche erwartet wird.

pgr/se (dpa, rtr, afp)

Redaktionsschluss: 17:45 Uhr (MESZ) - dieser Artikel wird nicht weiter aktualisiert.

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Image caption Das SpaceX-Hauptquartier in Kalifornien
Image source Patrick T. Fallon/AFP
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Item 47
Id 77224821
Date 2026-05-20
Title Ebola-Patient in Berlin: Warum Deutschland übernimmt
Short title Ebola-Patient in Berlin: Warum Deutschland hilft
Teaser Ein Ebola-Patient wird in der Berliner Charité unter höchsten Sicherheitsstandards behandelt – in spezialisierten Isolierstationen, die weltweit zu den am besten ausgestatteten zählen.
Short teaser Warum die Charité den Ebola-Infizierten in Berlin aufnimmt und wie der Schutz vor Infektionen abläuft.
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Ein mit dem Ebola-Virus infizierter US-Arzt wird derzeit in einer Spezialstation der Berliner Charité behandelt. Er hatte sich bei einem Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo angesteckt. Die US-Behörden baten Deutschland wegen der kürzeren Flugdistanz um Unterstützung.

"Ein Ebola-Patient kann in einem sehr kritischen Zustand sein. Während eines Evakuierungsfluges sind die Behandlungsmöglichkeiten begrenzt – deshalb will man die Strecke möglichst kurz halten und gleichzeitig ein Zentrum mit sehr hohem medizinischen Standard erreichen", sagt Thomas Pärisch, Arzt und Leiter der Beratungsfirma Pandemic Shield, im DW-Gespräch.

Ebola tritt überwiegend in Teilen Afrikas auf und gilt dort als endemisch– das heißt, dass das Virus in bestimmten Regionen regelmäßig auftritt. Es handelt sich zudem um eine Zoonose, also eine Infektionskrankheit, die dauerhaft in der Tierwelt zirkuliert und immer wieder auf den Menschen übertragen wird.

Ebola-Behandlung in Hochsicherheitsstationen schützt vor Ansteckung

In Deutschland werden Ebola-Patienten und -Patientinnen ausschließlich auf sogenannten Sonderisolierstationen behandelt. Diese Einheiten sind vollständig vom restlichen Klinikbetrieb getrennt – so auch an der Charité. Für die Bevölkerung besteht nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums keine Gefahr.

Die technischen Sicherheitsmaßnahmen sind umfassend: Die Abluft wird gefiltert, Abwasser gesammelt und neutralisiert, kontaminierter Müll wie Schutzanzüge gesondert entsorgt. Auch die medizinische Versorgung findet weitgehend innerhalb der Einheit statt – von Diagnostik bis Intensivmedizin.

Ebola gehört zur höchsten Risikokategorie (Risikogruppe 4) – ebenso wie Lassa- oder Marburg-Viren.

"Infizierte Personen müssen daher unter den höchsten Sicherheitsstandards transportiert und behandelt werden", sagt Torsten Feldt, Oberarzt und Bereichsleiter für Tropenmedizin der Uniklinik Düsseldorf. Dazu gehören unter anderem Unterdruckräume, Luftfiltersysteme und spezielle Schutzanzüge mit eigener Luftzufuhr für das Personal.

Deutschlands Vorteil: Starkes Netzwerk und erfahrene Medizin-Teams

Deutschland verfügt über ein eng vernetztes System spezialisierter Zentren. Insgesamt gibt es sieben Behandlungszentren für hochinfektiöse und lebensbedrohliche Krankheiten. Sie sind Teil des STAKOB-Netzwerks am Robert Koch-Institut, eines bundesweiten Verbunds von Kliniken und Fachstellen.

Neben der technischen Ausstattung spielt vor allem das Personal eine entscheidende Rolle. "Am wichtigsten sind die gut ausgebildeten Teams, die ständig in Bereitschaft sind und regelmäßig für den Ernstfall trainieren", so Feldt.

Die Sonderisolierstation der Charité gilt als größte Einrichtung dieser Art in Deutschland und ist zudem die einzige, die Infektiologie und Intensivmedizin miteinander verbindet. Das Personal trainiere regelmäßig Abläufe und Notfallszenarien. Die Station ist in sich geschlossen und kann bis zu 20 Personen gleichzeitig isolieren, ohne den restlichen Klinikbetrieb zu beeinträchtigen.

Hinzu kommt internationale Erfahrung: Einige der beteiligten Ärzte und Ärztinnen waren bereits bei früheren Ausbrüchen im Einsatz, etwa in Westafrika. Deutschland habe sich dadurch "eine sehr gute Reputation erarbeitet", sagt Feldt.

Ebola-Fälle in Europa selten, doch Einsätze extrem aufwendig

Behandlungen dieser Art sind in Deutschland selten. Zuletzt wurden mehrere Patienten und Patientinnen während der großen Ebola-Epidemie in Westafrika 2014/2015 zur Behandlung eingeflogen.

Doch auch heute gilt: Jeder einzelne Fall bedeutet enorme logistische und medizinische Anstrengung. "Selbst für sehr erfahrene Ärzte ist die Behandlung solcher Fälle etwas Außergewöhnliches", sagt Pärisch.

Gleichzeitig zeigen Studien, wie entscheidend die Behandlung unter optimalen Bedingungen sein kann: Während der Ausbrüche in Westafrika lag die Sterblichkeit teils bei über 50 Prozent. Bei evakuierten Patienten und Patientinnen in Europa sank sie auf etwa 20 Prozent, berichtet Pärisch.

Intensive Behandlung entscheidet über Überleben

Die Therapie von Ebola ist komplex. Für Zaire-Ebola-Infektionen gibt es spezifische Medikamente, doch anderen Virusvarianten stehen oft nur experimentelle Ansätze zur Verfügung – oder die Behandlung bleibt symptomatisch.

Wichtig ist dabei die internationale Vernetzung, um mögliche Therapieoptionen zu diskutieren und verfügbar zu machen. Entscheidend ist aber erst einmal, dass eine optimale supportive Therapie erfolgt, durch die sich die Sterblichkeit erheblich senken lässt", sagt Feldt. Diese sei in den Einheiten gewährleistet – bis hin zur vollwertigen intensivmedizinischen Behandlung. Dadurch steigen die Überlebenschancen deutlich.

Allerdings bleibt eine zentrale Herausforderung bestehen: Für den aktuellen Ausbruch gibt es keinen zugelassenen Impfstoff. Zwar existieren Vakzine gegen bestimmte Ebola‑Stämme, doch sie wirken nicht gegen alle Varianten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) prüft daher derzeit, welche experimentellen Impfstoffkandidaten eingesetzt werden könnten – bis die zur Verfügung stehen, dürfte es allerdings noch Monate dauern.

Ebola eindämmen gelingt nur mit globaler Hilfe vor Ort

Der aktuelle Fall zeigt: Hochsicherheitsmedizin ist nicht nur eine nationale Aufgabe, sondern Teil der globalen Gesundheitsvorsorge.

Gleichzeitig wird deutlich, dass selbst modernste Medizin an Grenzen stößt. Entscheidend für die Eindämmung sind daher oft andere Faktoren: Die WHO betont, dass es vor allem auf Maßnahmen in den betroffenen Gemeinden ankommt – etwa Aufklärung, Vertrauen und die Einhaltung von Schutzmaßnahmen.

Zugleich macht der Fall ein strukturelles Problem deutlich: Hochspezialisierte Isoliereinheiten sind weltweit ungleich verteilt. "Diese High-Level-Isolationsstationen sind vor allem ein Phänomen des Globalen Nordens", sagt Thomas Pärisch. Dabei wäre es wichtig, solche Kapazitäten auch in Regionen des Globalen Südens aufzubauen – zumindest in politisch stabilen Ländern, wo entsprechende Infrastrukturen realistischer umzusetzen wären.

Author Hannah Fuchs
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Image caption Um kurz vor 3.00 Uhr am Mittwochmorgen erreicht der Ebola-Patient in einem speziell ausgestatteten Krankentransporter die Berliner Charité.
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Item 48
Id 77144281
Date 2026-05-20
Title Furchtlose Pionierin der Popmusik: Cher wird 80
Short title Furchtlose Pionierin der Popmusik: Cher wird 80
Teaser Sie feierte unzählige Erfolge und sorgte auch für ein paar Skandale: Cher hat schon immer genau das gemacht, was sie wollte. Jetzt wird die Stil-/Pop-/LGBTQ+-Ikone 80 Jahre alt.
Short teaser Sie feierte unzählige Erfolge und sorgte auch für ein paar Skandale: Cher hat schon immer gemacht, was sie wollte.
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Dass sie jetzt 80 wird, dürfte Cher herzlich egal sein. So wie ihr Konventionen und Erwartungen immer schon egal waren. Ihre Furchtlosigkeit hat sie zu einer der größten Ikonen der Popmusik gemacht. Neben ihrer einzigartigen Kontra-Alt-Stimme, die einen hohen Wiedererkennungswert hat, sind vor allem ihre Wandelbarkeit und ihre Bereitschaft, Neues auszuprobieren, der Grund dafür, dass Künstlerinnen wie Lady Gaga und Beyoncé sie als Vorbild bezeichnen.

Cher - die "Queen of the Comeback"

Cher hatte in sieben Jahrzehnten Nummer-1-Hits in verschiedenen US-Billboard-Charts (Hot 100, Adult Contemporary, Dance Club Songs). Das haben außer ihr nur die Rolling Stones geschafft. 1965 ging es los mit dem Klassiker "I Got You Babe”, im Duett mit ihrem damaligen Ehemann Sonny, und zuletzt erreichte "DJ Play a Christmas Song" Ende 2023 Platz 1 der Dance/Electronic Song Sales sowie der Adult Contemporary Charts.

Die "New York Times" hat Cher einmal als "Queen of the Comeback" bezeichnet, sie selbst schrieb dazu in ihren Memoiren: "Es ist tausendmal schwieriger, zurückzukommen, als berühmt zu werden. Berühmt zu werden ist schwer, aber ein Comeback zu schaffen ist fast unmöglich." Aber eben nur fast.

Cher als Trendsetterin...

Auch modisch hat Cher immer wieder neue Trends gesetzt. Gemeinsam mit ihrem Mann Sonny trug sie maßgeblich dazu bei, dass die Schlaghose, die bis dahin nur von Marinesoldaten getragen worden war, zum wohl berühmtesten Accessoire der Hippie-Kultur wurde. Dazu trug sie bauchfreie Tops, was ebenfalls neu war und bei vielen konservativen Beobachtern Empörung auslöste. Im altehrwürdigen Hilton in London durfte das Paar damals nicht absteigen: Zu unkonventionell war ihre Garderobe.

Doch das war erst der Anfang. In ihren Fernsehshows in den Siebzigern trug Cher Outfits des Kostümdesigners Bob Mackie, die sie bis zu 30 mal pro Show wechselte. Oft waren sie gewagt: Cut-Outs, transparente Stoffe und Strass statt blickdichtem Stoff testeten die Grenzen des im Fernsehen Erlaubten aus.

Bei der Met Gala 1974 trug sie Mackies "Naked Dress”: eine hautenge Robe aus vollständig transparentem, fleischfarbenem Lycra, die mit Strasssteinen, Pailletten und weißen Federn an den Ärmeln und am Saum besetzt war. Das Kleid erzeugte die optische Täuschung, dass Cher bis auf die funkelnden Kristalle komplett nackt sei. Ein ikonisches Stück Modegeschichte, das noch heute von Stars gerne kopiert wird.

... ohne Angst vor Skandalen

Cher im "Naked Dress” zierte 1975 auch das "Time”-Magazin”. Das Cover galt für die damalige Zeit als so skandalös und freizügig, dass mehrere Städte in den USA den Verkauf der Ausgabe verboten oder die Magazine nur unter dem Ladentisch verkauften. Innerhalb weniger Stunden war das Heft - natürlich - überall ausverkauft.

Wer in den folgenden Jahren glaubte, Cher würde es nun etwas ruhiger angehen lassen, wurde 1989 eines Besseren belehrt: Dass sie mit "If I Could Turn Back Time” - einem Song, den sie erst nicht singen wollte, weil er ihr nicht gefiel - musikalisch ihr internationales Comeback schaffte, lag vor allem am dazugehörigen Video. Cher, bejubelt von (echten) Marinesoldaten, auf einem Kriegsschiff - im "Seatbelt Outfit”: einem transparenten Netz-Body, bei dem lediglich zwei schwarze Streifen in V-Form auf der Vorderseite das Wichtigste verdeckten, kombiniert mit einer Lederjacke.

Es war einer der größten Skandale der Popgeschichte. MTV verbannte das als jugendgefährdend eingestufte Video in die späten Abendstunden - was ihnen starke Quoten im Spätprogramm einbrachte. Designer Bob Mackie selbst empfand das Outfit im Nachhinein als "zu vulgär”, wie er in einer Dokumentation erzählte, doch Cher stand dazu. Sie trug das "Seatbelt Outfit” oder ähnliche Versionen danach immer wieder auf ihren Konzerten und trug es auch 2010, ausgerechnet bei den "MTV Music Video Awards", um Lady Gaga einen Preis zu überreichen.

AutoTune: Der "Cher-Effekt”

1998 gelang Cher nach einem musikalisch recht ruhigen Jahrzehnt noch einmal ein fulminantes Comeback. Die Dance-Nummer "Believe” wurde der größte Hit ihrer Karriere, weil sie etwas Unerhörtes wagte: den deutlich hörbaren Einsatz von AutoTune. Zuvor war die Software in Tonstudios lediglich genutzt worden, um unsaubere Töne dezent zu korrigieren. Chers Team jedoch setzte AutoTune als Stilmittel ein, um ihre Stimme zu verfremden und ihr einen roboterhaften Klang zu geben. Die Plattenbosse waren davon nicht überzeugt, doch Chers klare Aussage "You can change that over my dead body” (dt etwa: "Nur über meine Leiche könnt ihr das noch ändern") besiegelte die Sache. "Believe” erreichte Platz eins in 23 Ländern, wurde eine Hymne der LGBTQ+-Community - und Cher hatte Pionier-Arbeit geleistet: AutoTune, längst auch als "Cher-Effekt” bekannt, wurde stilbildend in Musikrichtungen wie Dance, Hip-Hop, Rap und R&B.

2024 wurde sie, nachdem sie sich mehrfach über ihre Nichtbeachtung beschwert hatte, in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Im selben Jahr veröffentlichte sie den ersten Teil ihrer Memoiren und landete direkt auf Platz eins der New York Times Bestseller Liste - natürlich. Dass Menschen Anstoß an ihrem 40 Jahre jüngeren Partner nehmen, quittierte sie im vergangenen November bei "CBS Mornings" mit der lapidaren Feststellung: "Andere Leute leben nicht mein Leben."

Author Katharina Abel
Item URL https://www.dw.com/de/furchtlose-pionierin-der-popmusik-cher-wird-80/a-77144281?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Hier war sie noch 78, jetzt wird sie 80 Jahre alt: Cher auf einer Filmpremiere in Los Angeles 2024
Image source Xavier Collin/Image Press Agency/NurPhoto/picture alliance
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Item 49
Id 77200716
Date 2026-05-19
Title CO2-Abscheidung im Zementwerk: Weltpremiere in Norwegen
Teaser Zementwerke erzeugen weltweit enorme Mengen an CO₂ - doch neue Anlagen sorgen dafür, dass es schon bei der Herstellung abgespalten werden kann. Aber wohin damit? In den Meeresboden.
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Zementhersteller produzieren viel klimaschädliches CO₂. Im norwegischen Brevik testet Heidelberg Materials nun die weltweit erste Anlage, die CO₂ direkt bei der Zementproduktion abscheidet und speichert.

Rund 50 Prozent der Emissionen werden mithilfe moderner Carbon-Capture-Technologie herausgefiltert, verflüssigt und per Schiff zu einer Offshore-Anlage transportiert, wo das CO₂ in 2.600 Metern Tiefe im Meeresboden verpresst wird.

Das milliardenschwere Projekt, stark vom norwegischen Staat gefördert, gilt als wichtiger Schritt auf dem Weg zur klimaneutralen Industrie – ist jedoch teuer und technisch aufwendig.

Diese Videozusammenfassung wurde mithilfe künstlicher Intelligenz aus dem Originalskript der DW erstellt. Vor der Veröffentlichung wurde sie von einem Journalisten bearbeitet.

Author Christian Pricelius
Item URL https://www.dw.com/de/co2-abscheidung-im-zementwerk-weltpremiere-in-norwegen/video-77200716?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image source Christian Pricelius/DW
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Item 50
Id 77146571
Date 2026-05-19
Title Portugal will Raumfahrtnation werden
Short title Raumfahrt: Portugal will zur neuen Weltraum-Nation werden
Teaser Ein eigener Weltraumbahnhof auf den Azoren: Portugal investiert massiv in die Raumfahrt und will Europas neuer Knotenpunkt für Satellitenstarts werden. Das kleine Land am Westende Europas hat ehrgeizige Pläne.
Short teaser Startplatz auf den Azoren: Portugal plant eigenen Weltraumbahnhof und hat ehrgeizige Pläne.
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Raketen starten auf den Azoren. Sie tragen in Portugal gebaute Satelliten ins All. Und die wiederverwendbaren Raumkapseln, die sie in den Weltraum gebracht haben, landen dann wieder im Atlantik bei den Azoren. Zukunftsmusik? Noch, aber zumindest teilweise bald Wirklichkeit. Das kleine Portugal will eine große Raumfahrtnation werden. Es baut dabei auf seine gut ausgebildeten Ingenieure, europäische Zusammenarbeit und eine kleine Insel.

"Portugal hat sich in den vergangenen 20 Jahren stark modernisiert. Unsere Universitäten bilden hervorragende Ingenieure aus. Es ist Humankapital entstanden, auf das wir aufbauen können", erklärt Ricardo Conde, der Präsident der 2019 gegründeten portugiesischen Raumfahrtagentur. Im Bereich Raumfahrt arbeiteten inzwischen rund 2000 hochqualifizierte Personen in rund 80 Unternehmen. Die hätten im vergangenen Jahr 200 Millionen Euro umgesetzt, in diesem Jahr werde es noch viel mehr sein: "Denn wir haben einen weiteren Trumpf - die Azoren."

Weltraumbahnhof auf den Azoren

Dort entsteht auf der eher verschlafenen Insel Santa Maria ein portugiesischer Weltraumbahnhof. "Das wird eine große Sache", versichert Ivo Vieira vom 'AED Cluster Portugal', der Interessenvertretung der Raumfahrtunternehmen. "2028 soll dort sogar der europäische Raumtransporter Space Rider landen." An riesigen Fallschirmen und gleich neben der alten Startbahn, die während des zweiten Weltkriegs von den Amerikanern gebaut wurde und jetzt kaum genutzt wird. "Voraussichtlich 2030 wird von dort eine Rakete einen südkoreanischen Satelliten in seine Umlaufbahn bringen. Mehrere Antennen zur Satellitenkommunikation arbeiten auf Santa Maria bereits."

Ein portugiesisches Cape Canaveral also? "Bei weitem kleiner und eher eine Ergänzung zum europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana", beschreibt Bruno Carvalho vom Spaceport-Betreiber 'ASC' das Projekt. "Wir werden ein kostengünstiger Startplatz für kleinere Raketen mit kleineren Satelliten sein. Innerhalb der EU, was strategisch sehr wichtig ist." Und mitten im Atlantik, also menschenleer. Das sei gut und wichtig für wiederverwendbare Raumfahrzeuge, die dort wassern können. 35 Personen sollen dort arbeiten, wenn alles fertig ist. Eine eher leichte Infrastruktur, die erstens billiger als die große amerikanische Konkurrenz ist. Zweitens sollen lokale Ressourcen genutzt und so die Wirtschaft auf der Insel gestärkt werden. Carvalho hofft: "Vielleicht können wir ja junge Leute, die die Insel verlassen haben, wieder zurückbringen."

Erste Wasserung in der EU

Der erste 'Splashdown' bei den Azoren soll schon in der zweiten Hälfte dieses Jahres stattfinden. "Die portugiesischen Behörden haben die erste Wasserung innerhalb der EU für unsere Transportkapsel Phoenix 2.1 genehmigt," freut sich Marta Oliveira, die portugiesische Mitbegründerin der deutschen 'Atmos Space Cargo'. Sie will Satelliten billig ins All schießen, mit wieder verwendbaren Raumkapseln: "Wir sind die FedEx des Weltalls", scherzt Oliveira. Nach oben kommen die Transporter zurzeit noch mit SpaceX. "Aber wir verhandeln auch mit europäischen Unternehmen." Runter kommen sollen sie im Atlantik bei der Azoreninsel Santa Maria. "Der Weltraumbahnhof von ASC erleichtert die Logistik und koordiniert den Kontakt mit den lokalen Behörden. Das ist ideal für uns."

Fehlen noch die Satelliten: "In Portugal gibt es drei Zentren, die Satelliten herstellen sollen", sagt Raumfahrtagenturpräsident Ricardo Conde. "Eines beim Konsortium 'CEiiA' in Porto im Norden, eines des multinationalen Unternehmens 'Open Cosmos' in der Universitätsstadt Coimbra in der Landesmitte und eines in Lissabon, das vor allem in Zusammenarbeit mit den Streitkräften baut." Es handele sich um kleinere Satelliten für kommerzielle, militärische und gemischte Einsätze wie Kommunikation, Erd- und Meeresbeobachtung sowie - immer aktueller - Waldbrandbekämpfung.

Kleine, aber effiziente Satelliten

Weit vorne in dieser Liga spielt das Konsortium CEiiA, das auch im Fahr- und Flugzeugbereich tätig ist. "In die Raumfahrt sind wir 2018 eingestiegen", erinnert sich André Dias, zuständig für den Bereich 'Downstream'. "Unser Ziel ist es, eine Industrie für hochauflösende Satelliten aufzubauen." Dafür soll ein weiteres Zentrum im nordportugiesischen Landesinneren bei der Stadt Guimarães entstehen, "eine Partnerschaft mit der Stadt und der dortigen Universität. Wir wollen unsere Produktionskapazität um das vier- bis fünffache vergrößern."

Zurzeit könne CEiiA vier zivile Satelliten bis zu 500 Kilogramm Gewicht pro Jahr bauen. Doch die Nachfrage wachse ständig und mit wachsenden Kapazitäten könnten auch internationale Aufträge nach Portugal gelockt werden. Dezentralisierung sei angesagt: "Von den großen europäischen Raumfahrtnationen wie Deutschland und Frankreich auf kleinere Länder wie Portugal. Es ist eine Art Demokratisierung der Raumfahrt. Wir spezialisieren uns auf kleinere Satelliten, die zwischen 20 und 30 Millionen Euro kosten, nicht auf die großen, die bis zu 500 Millionen kosten können."

Dennoch sind die Pläne der portugiesischen Raumfahrtagentur alles andere als bescheiden: "Bis 2030 werden wir 30 Satelliten im All haben, zum Teil in Zusammenarbeit mit Spanien", verspricht Agenturchef Conde. "Wir wollen internationale Player zur Zusammenarbeit ins Land bringen, setzen auf europäische Initiativen." Natürlich auch im militärischen Bereich, der immer wichtiger werde. Der Traum von der Raumfahrtnation Portugal wird schneller wahr, als viele dachten.

Author Jochen Faget
Item URL https://www.dw.com/de/portugal-will-raumfahrtnation-werden/a-77146571?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Erste Wasserung noch in diesem Jahr geplant: Die Transportkapsel Phoenix des deutschen Unternehmens Atmos Space Cargo
Image source Atmos
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Item 51
Id 77200065
Date 2026-05-18
Title Krise oder Wende? Deutschlands Chemiebranche kämpft
Short title Krise oder Wende? Deutschlands Chemiebranche kämpft
Teaser Hohe Energiepreise und Standortdebatten belasten die deutsche Chemieindustrie schwer. Doch trotz der Krise zeigt die Schlüsselbranche Resilienz. Warum die Chemie angeschlagen, aber noch lange nicht am Boden ist.
Short teaser Chemieindustrie in der Krise: Deutschlands Schlüsselbranche kämpft gegen den Abstieg. Lässt sich dieser Trend umkehren?
Full text

Deutschlands Chemieindustrie gilt als eine der tragenden Säulen der Wirtschaft und belegt Rang drei hinter Automobil- und Maschinenbau. Die Branche erwirtschaftet jährlich Umsätze in dreistelliger Milliardenhöhe und beschäftigt direkt rund eine halbe Million Menschen. In den vergangenen Jahren ist die Chemieindustrie in die Krise geraten. Hohe Energiekosten belasten das Geschäft, hinzu kommen wachsende Regulierung, eine anhaltend schwache Konjunktur und schärferer internationaler Wettbewerb.

Die chemische Produktion ist äußerst energieintensiv. Benötigt werden nicht nur Strom, sondern auch Wärme, Dampf und Druck. Steigende Energiepreise bedeuten für Unternehmen sinkende Rentabilität und geringere Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt. Seit Russlands Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 und dem damit verbundenen Wegfall des günstigen russischen Gases zählen deutsche Chemieunternehmen im internationalen Vergleich sehr hohe Energiepreise.

Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran in diesem Jahr hat die Herausforderungen noch verschärft. Er löste einen erneuten Energiepreisanstieg aus, störte Lieferketten und verursachte Engpässe bei wichtigen Rohstoffen.

"Die Energiepreise, insbesondere die Erdgaspreise, haben sich seit Beginn des Ukraine-Krieges verdoppelt", sagt Christof Günther, Geschäftsführer von InfraLeuna, das den Chemiepark Leuna in Sachsen-Anhalt betreibt, Deutschlands größten integrierten Chemiestandort. "Durch den Iran-Krieg haben sich die Preise vorübergehend erneut verdoppelt. Wir haben es also mit extrem hohen Energiekosten zu tun", so Günther zur DW.

Keine Trendwende in Sicht

Die Gesamtumsatz der deutschen Chemieunternehmen lag 2025 bei 220 Milliarden Euro, so der Verband der Chemischen Industrie (VCI). Gegenüber dem Jahr 2022 ist das ein Rückgang von 22 Prozent.

Der Branchenverband, der rund 2300 Unternehmen vertritt, sieht keine Zeichen einer Trendwende. Für das laufende Jahr sei eher mit Stagnation oder einem weiteren Rückgang zu rechnen. Der VCI betont, eine Senkung der Erdgaskosten sei unerlässlich, um Deutschland als Industriestandort zu stärken.

Denn Erdgas ist laut VCI für die Chemieindustrie nicht nur Energieträger, sondern auch kritischer Rohstoff zur Herstellung chemischer Produkte. Weil sich Erdgas also nicht schnell ersetzen lasse, stehen die Unternehmen unter einem dauerhaften Preisdruck, so der Verband.

"Alternativen wie Biomethan können die Transformation unterstützen, befinden sich aber noch in der Anlaufphase und sind derzeit nur in begrenztem Umfang verfügbar", teilt der Verband auf Anfrage der DW mit.

Wettbewerbsfähigkeit - aber wie?

Die Chemieindustrie habe ihre Möglichkeiten zum Energiesparen weitgehend ausgeschöpft, etwa durch Investitionen in energieeffiziente Produktion und in Recycling, sagt Anna Wolf, Expertin für den Chemiesektor am Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Die Verantwortung liege nun bei der Politik, sagt sie: Die müsse dafür sorgen, dass Energie "in ausreichenden Mengen, zu international wettbewerbsfähigen Preisen und über eine Infrastruktur bereitgestellt werden, auf die sich die Chemieindustrie mit ihren langen Investitionshorizonten tatsächlich verlassen kann".

Ohne zuverlässige und bezahlbare Energie sowie die notwendige Infrastruktur zu ihrer Lieferung werde "keine andere Maßnahme - ob in der Regulierung, im Handel oder bei der Innovation - ausreichen, um die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen", so Wolf zur DW. Erschwerend hinzu kommen die wirtschaftliche Stagnation in Deutschland und das schleppende Wachstum in Europa, die die Nachfrage nach Chemieprodukten dämpfen.

"Die Marktbedingungen haben sich in den vergangenen Jahren zum Nachteil der deutschen Chemieindustrie verschoben", sagt Martin Gornig, Forschungsdirektor für Industriepolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, zur DW. Neben der Energieproblematik liege dies vor allem an der schwachen Nachfrage nach Chemieprodukten in Europa, so Gornig. "Sollte die Wirtschaft in Europa wieder Fahrt aufnehmen, werden sich auch die Aussichten für die deutsche Chemieindustrie verbessern."

Weniger Arbeitsplätze, weniger Investitionen

Wegen der schwachen Wirtschaft haben viele Chemieunternehmen Investitionen aufgeschoben, ihre Produktion gedrosselt und Arbeitsplätze in Deutschland abgebaut.

Der Chemiekonzern BASF etwa hat in Deutschland ein striktes Sparprogramm eingeleitet - investiert aber gleichzeitig massiv im Ausland, vor allem in China. Das Unternehmen hat zudem angekündigt, selbst Bürotätigkeiten zur Auftragsabwicklung im Rahmen einer breit angelegten Umstrukturierung in asiatische Länder wie Indien und Malaysia zu verlagern.

Insgesamt hat die Chemiebranche in Deutschland seit 2022 mehr als 13.000 Arbeitsplätze abgebaut, berichtet das Fachportal chemeurope.com.

Trotz aller Probleme bleibt Deutschland aber für die Kernbereiche der chemischen Produktion der Unternehmen zentral. Experten halten eine vollständige Verlagerung ins Ausland für unwahrscheinlich - angesichts der komplexen und eng verflochtenen Produktionsprozesse und der gewachsenen Verflechtungen mit anderen Unternehmen im Land. Doch wenn sich die Geschäftsbedingungen nicht verbessern, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Firmen ihre Kapazitäten zunehmend außerhalb Deutschlands ausbauen.

Verlagerung ins Ausland ist gefährlich

Ifo-Expertin Wolf betont dabei, dass sich Deutschland und Europa nicht länger allein auf die Kräfte des Marktes verlassen dürfen. Sie sollten nicht hinnehmen, dass strategisch wichtige Branchen wie die Chemie ins Ausland abwandern, sobald sie an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen. "Diese Logik funktionierte in einer offenen Weltwirtschaft mit verlässlichen Partnern - doch verlässliche Partnerschaften sind rar geworden", so Wolf. In einer Welt zunehmend fragiler Bündnisse und unzuverlässiger Partner berge der Verlust systemrelevanter Industriezweige das Risiko, Europas Versorgungssicherheit zu untergraben, warnt Wolf.

Um die Chemiebranche und andere energieintensive Industrien zu stärken, plant die Bundesregierung eine Subventionierung der Stromkosten. Darüber hinaus setzt sich Berlin für eine Reform des europäischen Emissionshandels ein. Energieintensive Unternehmen empfinden das System, das den Ausstoß von CO2-Emissionen teurer macht, um das Klima zu schützen, als unfaire Belastung.

Die Bundesregierung strebt nun Änderungen an, um sicherzustellen, dass neben den Klimazielen die industrielle Wettbewerbsfähigkeit stärker beachtet wird. Der Chemieverband VCI begrüßt das, drängt jedoch auf mehr: Er forderte steuerliche Anreize, langfristig gesicherte Gaslieferungen und einen stärkeren Einsatz von Biomethan.

Zudem ruft der Verband dazu auf, langwierige Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und staatliche Vorgaben zu reduzieren, da diese Investitionen und Produktion hemmen. "Die Industrie braucht dringend verlässliche und international wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen. Einzelmaßnahmen reichen nicht mehr aus."

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übertragen

Author Srinivas Mazumdaru
Item URL https://www.dw.com/de/krise-oder-wende-deutschlands-chemiebranche-kämpft/a-77200065?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Das Stammwerk des nach Umsatz weltgrößten Chemiekonzerns BASF in Ludwigshafen
Image source BASF/dpa/picture alliance
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Item 52
Id 77199085
Date 2026-05-18
Title Ist Deutschland auf Klimakurs? Jein!
Short title Ist Deutschland auf Klimakurs? Jein!
Teaser Der Expertenrat für Klimafragen stellt seinen Bericht zum Stand der deutschen Klimapolitik vor. Darin zeigen die Wissenschaftler, wie Deutschland seine Klimaziele derzeit einhält und sie doch verfehlt.
Short teaser Der Expertenrat für Klimafragen stellt fest: Deutschland erreicht und verfehlt seine Klimaziele zugleich.
Full text

Deutschland hat 2025 sein Klimaziel übererfüllt. Vor allem die Industrie und die Energiewirtschaft haben hier mehr Emissionen eingespart als vorgesehen. Dieser auf den ersten Blick positive Trend, ist aber vor allem eine Momentaufnahme. Denn neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien hat insbesondere die schwache Konjunktur zu sinkenden Emissionen beigetragen.

Zu diesem Schluss kommt der Expertenrat für Klimafragen. Das wissenschaftliche Gremium berät die Bundesregierung bei der Erreichung von Deutschlands Klimazielen und erstellt Gutachten und Projektionen zu der Wirksamkeit der klimapolitischen Maßnahmen.

Deutschland will ab 2045 klimaneutral wirtschaften und ab 2050 sogar negative Emissionen erreichen. Mit den bisherigen Maßnahmen würden diese Ziele jedoch deutlich verfehlt, so die Ratsvorsitzende Barbara Schlomann.

Besonders die Bereiche Verkehr und Gebäude verfehlen derzeit ihre Klimaziele.

Positiv fällt auf, dass sich die Wälder in Deutschland leicht erholen. Sie sind nicht nur wichtige Ökosysteme, sondern gelten auch als sogenannte CO2-Senken. Das heißt, sie entnehmen der Luft Klimagase und wandeln sie in Biomasse um.

Insgesamt sieht der Trend dennoch düster aus. Denn natürliche Systeme wie Wälder, Moore, Graslandschaften oder landwirtschaftliche Ackerflächen, die eigentlich Kohlenstoff speichern, sind zu Treibhausgasquellen geworden.

Das passiert zum Beispiel wenn ein Moor trockengelegt wird. Dann wird das gebundene CO2 freigesetzt. Ohne zusätzliche Maßnahmen werden die Kohlenstoffspeicher bis 2050 durchgehend zu Treibern der Erderwärmung. Die Bundesregierung hatte sich ursprünglich das Ziel gesetzt diesen Trend umzukehren.

Der Rat empfiehlt der Bundesregierung, eine „Klimaschutzpolitik zu einer kohärenten politischen Gesamtstrategie“ weiterzuentwickeln.

Ratsmitglied Julia Pongratz hebt hervor, dass neue Ansätze wie die Stärkung der Kreislaufwirtschaft und die Elektrifizierung derIndustriesowie Anreize für eine Veränderung der Ernährungsgewohnheiten zwar in die richtige Richtung gingen, aber bei Weitem nicht ausreichten.

Wichtig sei dabei, dass soziale Verteilungsfragen und ökonomische Folgen stärker in den Blick genommen würden, betont Pongratz.

Die Sektoren mit dem stärken Einfluss auf die deutsche Klimabilanz sind Industrie, Energie und Verkehr. Durch Erneuerbare Energien sowie eine Modernisierung der Stromnetzte, Speicher- und Ladekapazitäten ließen sich vor allem letztere schneller auf den grünen Pfad bringen.

Bundesregierung hat nachgebessert – ein bisschen

Nachdem die Bundesregierung per Gerichtsentscheid schon zuvor beim Klimaschutz nachbessern musste, hat sie im März ein zusätzliches Klimaschutzprogramm vorgestellt.

Das Programm sieht unter anderem vor:

  • den Ausbau der Windkraft zu beschleunigen
  • die Förderung von Biokraftstoffen
  • die Förderung von E-Autos und Nahverkehr
  • sowie Strom statt Erdgas in der Industrieproduktion

Der Expertenrat bemängelt allerdings, dass die Maßnahmen noch zu allgemein seien. "Das heißt, es fehlt einfach noch ein konkreter Weg, um tatsächlich zu diesen Einsparungen zu kommen.”

Auch mit einer kompletten Erfüllung der Emissionseinsparungen durch das neue Programm, würde Deutschland seine Klimaziele immer noch nicht erreichen.

Nicht zuletzt gäbe es auch eine ganze Menge Akzeptanz- und Infrastrukturfragen die noch zu lösen seien, fügt Schlomann hinzu.

Umweltminister will Warnung "ernst nehmen"

Als Reaktion auf den Prüfbericht veröffentlichte Bundesumweltminister Carsten Schneider eine Stellungnahme, in der er erklärte, die Ergebnisse ernst zu nehmen und gründlich prüfen zu wollen.

Die Maßnahmen des neue Klimaschutzprogramms müssten jetzt konsequent umgesetzt werden, so Schneider, vor allem die Förderung für E-Autos.

"Die wichtigste Antwort auf die Warnung der Experten muss jetzt volle Vorfahrt für erneuerbare Energien sein. Ein zweiter relevanter Hebel ist die anstehende Reform des EU-Emissionshandels,” so Schneider.

Von letzterem verspricht man sich vor allem Anreize für die Industrie und den Energiemarkt auf Strom umzustellen.

Der Expertenrat überprüft, ob die Maßnahmen der Bundesregierung mit dem Klimaschutzgesetz vereinbar sind.Das Gesetz hat bestimmte Zielmarken auf dem Weg zu Klimaneutralität definiert.

Redaktion: Tamsin Walker, Neil King

Author Tim Schauenberg
Item URL https://www.dw.com/de/ist-deutschland-auf-klimakurs-jein/a-77199085?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76353550_607.jpg
Image caption Deutschland ist nach wie vor von fossilen Brennstoffen abhängig
Image source Patrick Pleul/dpa/picture alliance
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Item 53
Id 77149447
Date 2026-05-17
Title Wie Museen zu Orten der Begegnung werden
Short title Wie Museen zu Orten der Begegnung werden
Teaser Museen zeigen längst mehr als nur Kunst und Geschichte. Weltweit öffnen sie sich für Beteiligung, soziale Projekte und neue Zielgruppen - von Tanzkursen bis zu Bürgerforen und Jugendprogrammen.
Short teaser Tanzkurse, Bürgerforen, Jugendprogramme: Museen bieten längst mehr als nur Kunst und Geschichte.
Full text

Um 530 v. Chr. eröffnete im mesopotamischen Staat Ur - im heutigen Irak - das erste öffentliche Museum der Welt. Kuratorin war eine Priesterprinzessin, das Museum gehörte zu einem Palastkomplex und zeigte Fundstücke aus der Region mit Informationstafeln in mehreren Sprachen.

Rund 2.500 Jahre später haben sich Museen von reinen Lernorten zu Räumen entwickelt, in denen Besucher mit dem Gesehenen interagieren können. Möglich macht das moderne Technik - von digitalisierten Sammlungen über Social Media bis hin zu Virtual Reality.

Doch inzwischen geht der Wandel noch weiter: Der Fokus verschiebt sich weg von den ausgestellten Objekten hin zu den Menschen, die sie betrachten. Museen werden zunehmend zu Orten der Begegnung und Beteiligung.

Eine neue Museumsdefinition für eine neue Zeit

"Museen bewegen sich klar in diese Richtung", sagt der Museumsexperte, Berater und Wissenschaftler Sandro Debono im Gespräch mit der DW. Er verweist auf die aktuelle Definition des Internationalen Museumsrats ICOM, einer weltweiten Nichtregierungsorganisation zur Förderung kulturellen Erbes. Die 2022 verabschiedete Definition nennt ausdrücklich Inklusion, Vielfalt und gesellschaftliche Beteiligung als zentrale Aufgaben von Museen. Das ist ein deutlicher Unterschied zur früheren Definition, in der zwar vom Dienst an der Gesellschaft die Rede war - nicht aber davon, Menschen aktiv einzubeziehen.

Besonders in Lateinamerika seien solche Ansätze stark verbreitet, so Debono. Dort reichen Ideen von Museen als Orten der Teilhabe und Inklusion bis in die 1970er-Jahre zurück. Einige Jahrzehnte später entstand das Konzept, nicht die Objekte, sondern die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, insbesondere benachteiligte Gruppen. Ziel ist es, Selbstbestimmung, kulturelles Erbe und gesellschaftlichen Wandel zu fördern. Inzwischen werden diese Ideen weltweit aufgegriffen; selbst traditionelle Institutionen öffnen sich zunehmend dafür.

Für Julia Pagel, Generalsekretärin des Netzwerks Europäischer Museumsorganisationen (NEMO), ist das ein Schritt "von der Sammlung zur Verbindung". Im DW-Interview sagt sie, europäische Museen konzentrierten sich immer stärker auf Gemeinschaften. Staatliche Fördergelder seien zunehmend an gesellschaftliche Relevanz geknüpft. "Museen müssen sich von Orten, die man besucht, zu sozialen und zivilgesellschaftlichen Infrastrukturen entwickeln - zu vertrauenswürdigen Orten, an denen Menschen zusammenkommen und Ideen austauschen können."

Von Lyrik bis Tanz: Neue Formen der Beteiligung

Spezielle Führungen, Museumsnächte oder Konzerte gehören zwar schon lange zum klassischen Angebot vieler Museen. Doch heute gehen viele Beteiligungsformate weit darüber hinaus: Besucher nehmen an Aktivitäten teil, die oft gar nicht direkt mit der Sammlung verbunden sind.

Im National Museum of Singapore können ältere Menschen mit Gedächtnis- oder kognitiven Problemen Tanzkurse, Kunstworkshops oder Gesprächsgruppen besuchen. Das Museum wird so zu einem sozialen Treffpunkt für Menschen, die sonst oft vom öffentlichen Leben ausgeschlossen sind.

Im Hammer Museum in Los Angeles stehen unter anderem Lyriklesungen und Diskussionen mit Rechtsexperten über den Obersten Gerichtshof der USA auf dem Programm.

Zahlreiche Museen beteiligen sich außerdem an Programmen nationaler Gesundheitsbehörden, die Museumsbesuche als unterstützende Maßnahme gegen Depressionen oder Einsamkeit anerkennen.

Die Mauern des Museums einreißen

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist das Museu de Favela in Rio de Janeiro. Es bezeichnet sich selbst als "lebendiges Museum", dessen wichtigste Sammlung die Bewohner selbst seien. Das gemeinschaftlich organisierte Museum wurde 2008 gegründet. Bewohner der Favela sind in alle Bereiche eingebunden - von Ausstellungen mit Straßenkunst bis hin zu Vorträgen und Handwerkskursen, die von Einheimischen geleitet werden.

Doch auch klassische Museen geben der Bevölkerung zunehmend Möglichkeiten zur Mitgestaltung. In manchen Häusern werden Menschen ohne professionelle Museumsausbildung direkt an der Kuratierung beteiligt.

So startete die Galerie Matica Srpska im serbischen Novi Sad 2022 das Projekt "Novi Sad Citizens Choose". Dabei wählten bekannte Persönlichkeiten der Stadt jeweils ein Kunstwerk aus, das sie besonders anspricht und das anschließend in einer Sonderausstellung gezeigt wurde.

Museen als Orte der Begegnung

Andere Museen gehen noch weiter und holen Bürger direkt ins Museumsteam.

Die Bundeskunsthalle in Bonn versteht sich seit Langem als "aktiver Ort der Begegnung", sagt Katja Schöpe, die dort für Inklusion und Integration zuständig ist.

"Die Frage ist, wie wir ein offener und zugänglicher Ort bleiben können, der Menschen unabhängig von Herkunft oder Bildung anspricht und für eine vielfältige Gesellschaft relevant ist", sagte sie der DW.

Um das zu erreichen, gründete das Museum 2023 das "Gesellschaftsforum". Eigentlich war es nur als einmaliger Bürgerrat mit 31 Menschen aus der Region gedacht. Doch die Erfahrungen waren so positiv, dass daraus ein dauerhaftes Gremium entstand. Heute berät eine kleinere Gruppe regelmäßig darüber, wie Angebote verständlicher, offener und leichter zugänglich werden können. So gelangen neue Perspektiven ins Museum - und die Grenze zwischen Institution und Öffentlichkeit wird durchlässiger.

Auch das Stedelijk Museum in Amsterdam arbeitet mit sogenannten "Museum Outsiders". Seit 18 Jahren bringt dort jedes Jahr eine Gruppe von 15 Jugendlichen aus unterschiedlichen sozialen Hintergründen ihre Perspektiven in die Museumsarbeit ein - von Führungen über Marketing bis zur Programmgestaltung.

Beteiligung darf keine einmalige Aktion sein

In einer Wirkungsstudie des Museums, die gemeinsam mit ehemaligen Teilnehmern erstellt wurde, kamen die Autoren zu dem Schluss: Wenn Museen für junge und vielfältige Generationen relevant bleiben wollen, brauchen sie "intensive, fest verankerte, kontinuierliche, langfristige und inklusive Jugendprogramme".

"Einmalige Aktionen", heißt es in der Studie, "reichen nicht aus, um den Museumssektor inklusiver und vielfältiger zu machen."

Damit deckt sich diese Sichtweise mit der von Museumsexperte Debono: "Beteiligung ist heute das A und O", sagt er. "Museen setzen das zwar auf sehr unterschiedliche Weise um. Entscheidend ist aber vor allem, wie weit die Beteiligung tatsächlich geht."

Adaption aus dem Englischen: Silke Wünsch

Author Cristina Burack
Item URL https://www.dw.com/de/wie-museen-zu-orten-der-begegnung-werden/a-77149447?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Auch das ist Museum heute: Pilateskurs im Musée La Piscine in Roubaix
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Item 54
Id 77184862
Date 2026-05-17
Title Bulgarien gewinnt den Eurovision Song Contest 2026
Short title Bulgarien gewinnt den Eurovision Song Contest 2026
Teaser Bangaranga heißt der Song, mit dem die bulgarische Sängerin Dara den diesjährigen ESC für sich entscheiden konnte. Publikum und Jury sahen die 27-Jährige gleichermaßen auf Platz 1. Israel wurde Zweiter.
Short teaser Bangaranga heißt der Song, mit dem die bulgarische Sängerin Dara den diesjährigen ESC für sich entscheiden konnte.
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Jung, frisch und frech, mit etwas Zombieästhetik, Tänzern und Stühlerücken, ein tanzbarer Rhythmus und mit dem Wort "Bangaranga" ein eingängiger Refrain: Bulgarien hat bereits im nationalen ESC-Vorentscheid auf Dara gesetzt. Die Rechnung ging auf.

Dabei begann Daras Auftritt mit ihren Tänzerinnen und Tänzern eher unspektakulär: auf Stühlen. Das änderte sich nach wenigen Sekunden: Der Beat kam, die Zombies erwachten, und dann startete "Bangaranga" durch. Mit sehr tanzbaren Rhythmen und einer eigenwilligen, aber elektrisierenden Choreographie. Das hat nicht nur die nationalen Jurys der 35 Länder, die abgestimmt haben, überzeugt, auch das internationale Publikum sah das Ensemble ganz vorne.

Zweiter wurde Israel - vom deutschen Publikum hat es die höchste Punktzahl bekommen - gefolgt von Rumänien, Australien und Finnland. Deutschland hat 12 Punkte - insgesamt- erreicht, und ist damit auf Platz 23 gelandet, das Vereinigte Königreich ist Letzter geworden.

70 Jahre ESC

Zum siebzigsten Mal fand am Samstagabend (16. Mai 2026) der Eurovision Song Contest, kurz ESC genannt statt. 25 Länder traten im Finale des größten internationalen Musikwettbewerbs in der österreichischen Hauptstadt gegeneinander an.

Rap in Landessprache aus Moldawien, Garage-Rock aus Norwegen, eine Ballade aus Malta, ein bisschen Metal aus Serbien, Gothic aus Rumänien und Ethnopop aus Kroatien, und 80er-Jahre Italopop - das waren einige musikalische Ausreißer in diesem ESC-Jahrgang 2026. Ansonsten dominierten Tanznummern mit viel Pyrotechnik und Lichteffekten, kaum ein Künstler oder eine Künstlerin war allein auf der Bühne. Tatsächlich hat auch das Publikum die ruhigeren Songs nicht so goutiert wie die spektakulären Auftritte.

Die Wiener Stadthalle hatte rund 16.000 Menschen live vor Ort eine eindrucksvolle Kulisse geboten, die auch im TV gut rüberkam. Etwa 150 Millionen Zuschauer haben das Spektakel im Fernsehen verfolgt.

Seit 1983 wird der ESC in Australien übertragen und hat dort so viele Fans gewonnen, dass seit 2015 Down Under mit dabei ist - mehr oder weniger erfolgreich. In diesem Jahr wurde Delta Goodrem, die zu den hohen Favoritinnen zählte, trotz hervorragenden Gesangs und Stunt auf einem goldenen Flügel nur Vierte. Dennoch hat sie nun auch außerhalb Australiens viele neue Fans gewonnen: "Australien ist mein Lieblingsland in Europa", witzelte ein User.

ESC ist und bleibt politisch

Rund um den eigentlich betont unpolitischen ESC gab es wie auch in den vergangenen Jahren Diskussionen und Kritik, die sehr wohl politisch waren: Vor allem ging es um die Teilnahme Israels.

Hintergrund ist Israels Vorgehen im Gazastreifen nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Jahr 2023. Die European Broadcasting Union (EBU), die den Wettbewerb veranstaltet, wurde von Kritikerinnen und Kritikern aufgefordert, Israel vom ESC auszuschließen, doch die EBU hielt an Israels Teilnahme fest. Die Folge: Fünf Länder, die sonst zu den ESC-Veteranen zählen, haben 2026 nicht am ESC teilgenommen. Außer dem osteuropäischen Land Slowenien boykottierten auch Spanien, Irland, die Niederlande und Island den 70. Song Contest. Kein schönes Geschenk zum 70. Jubiläum des Wettbewerbs. Nur 35 Länder waren dabei, es ist die niedrigste Zahl seit der Einführung der Halbfinals im Jahr 2004.

Deutschlands Teilnehmerin nimmt's sportlich

In der 70-jährigen ESC-Geschichte hat Deutschland erst zweimal gewonnen: 1982 mit Nicoles Antikriegshymne "Ein bisschen Frieden" und 2010 mit der damals erst 19-jährigen Lena Meyer-Landrut und ihrem Song "Satellite". Danach ging es schwer bergab für die deutschen Kandidatinnen und Kandidaten - einen ersten Lichtblick gab es 2018 in Lissabon, als Michael Schulte den vierten Platz erreichte - für viele ziemlich überraschend.

Sarah Engels, die in diesem Jahr mit "Fire" eine ESC-taugliche Performance abgeliefert hat, mit viel Tanz, Haut und kräftiger Stimme, sieht ihren 23. Platz - also den drittletzten - sportlich und macht allen, die Lust auf Musik haben, Mut. Froh darüber, sich aus ihrem Bühnenoutfit schälen zu können, ist sie nach der Show zur Aftershowparty weitergezogen, die bis in die frühen Morgenstunden andauerte und viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie Fans und Freunde zum Abschluss des diesjährigen ESC noch einmal zusammenbrachte.

(sw/al/dpa)

Author Silke Wünsch
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Image caption Dara gewinnt für Bulgarien
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Item 55
Id 77132759
Date 2026-05-16
Title Keine Panik! Udo Lindenberg wird erst 80
Short title Keine Panik! Udo Lindenberg wird erst 80
Teaser Vom "Sonderzug nach Pankow" bis zum Chartrekord mit Apache 207: Udo Lindenberg hat die deutsche Rockmusik geprägt wie kaum ein anderer. Mit 80 Jahren gilt der Panikrocker als Symbol für deutsche Zeitgeschichte.
Short teaser Udo Lindenberg hat die deutsche Rockmusik entscheidend geprägt und gilt längst als Symbol für deutsche Zeitgeschichte.
Full text

Udo Lindenberg kommt aus Gronau, einer kleinen Stadt im Münsterland nahe der niederländischen Grenze. Dort ist man bis heute so stolz auf den berühmtesten Sohn der Stadt, dass ihm schon zu Lebzeiten ein Platz und eine überlebensgroße Statue gewidmet wurden. "Die Freiheitsstatue von Gronau" nannte Lindenberg das Denkmal bei der Enthüllung 2015 selbst. Dass die Figur Jahre später nach Materialermüdung umstürzte und restauriert werden musste, änderte nichts an ihrem Symbolwert: Udo steht wieder da - "stärker als die Zeit", wie sein bisher letztes reines Studioalbum (2016) heißt.

Bloß weg hier ...

Dabei wollte Lindenberg eigentlich immer nur weg aus der Provinz. Er wuchs mit drei Geschwistern in einfachen Verhältnissen auf, der Vater trank viel, das Elternhaus galt als kühl. Also trommelte Udo im Hinterhof auf Blechkisten, hing mit Freunden herum und träumte vom Aufbruch. Später schrieb er die Zeile: "Die beste Straße unserer Stadt, die führt aus ihr hinaus." Vieles an seiner Karriere klingt bis heute nach diesem Drang, Grenzen zu überwinden - geografische ebenso wie politische.

Seine Musikerkarriere begann als Jazztrommler. Schnell erspielte er sich einen gewissen Ruf in der Szene und wurde zunächst ein gefragter Studiomusiker. Er spielte mit Peter Herbolzheimer und bei Klaus Doldingers Band Passport - sogar das legendäre Intro der deutschen Kultkrimi-Serie "Tatort" trägt bis heute Lindenbergs Handschrift; dynamisch und knochentrocken trommelt er sich durch das gut 30 Sekunden lange Stück, das seit 1970 nahezu unverändert geblieben ist.

1971 startete er seine Solokarriere als Rockmusiker mit seinem ersten Album "Lindenberg". Doch erst mit seinem dritten Album "Alles klar auf der Andrea Doria" (1973) wurde er zu einer Figur, die deutsche Rockmusik dauerhaft veränderte.

Mit dem Panikorchester durch die "Bunte Republik"

Mit dem "Panikorchester" erfand Lindenberg einen eigenen Kosmos zwischen Rock'n'Roll, Theater, Ironie und politischer Haltung. Vor allem aber machte er deutschsprachige Rockmusik international sichtbar. Während viele deutsche Künstler lange versuchten, auf Englisch Erfolg zu haben, blieb Lindenberg konsequent deutsch - und mit seiner nuscheligen Stimme sowie seiner schnodderigen Umgangssprache unverwechselbar. Er wurde zu einer kulturellen Schlüsselfigur der alten Bundesrepublik und ihrem schwierigen Verhältnis zum anderen Deutschland: der DDR.

Deutsch-deutsche Geschichte

Besonders seine Verbindung dorthin machte ihn weltweit interessant. Mit dem Song "Sonderzug nach Pankow" provozierte er die SED-Führung unter Erich Honecker - dabei wollte "der kleine Udo" doch nur ein Konzert im "Arbeiter- und Bauernstaat" spielen. Tatsächlich durfte er im Oktober 1983 im Palast der Republik in Ostberlin vor etwa 4000 ausgesuchten linientreuen Zuschauern auftreten und wurde zu einem Symbol dafür, wie Popmusik politische Grenzen durchbrechen kann - obwohl er engmaschig von der Stasi beobachtet wurde.

Dieses Konzert zählt zur europäischen Kulturgeschichte des Kalten Krieges. Lindenberg steht damit nicht nur für Musik "made in Germany", sondern für ein Stück deutsch-deutscher Zeitgeschichte, das auch international verstanden wird: Es ging ihm um Freiheit, Protest und kulturellen Austausch trotz politischer Mauern.

Rekord im hohen Alter

Bemerkenswert ist jedoch vor allem, wie erfolgreich Lindenberg gerade im hohen Alter geblieben ist. Alkoholprobleme bescherten ihm einen Karriereknick, doch Udo erholte sich davon. Die vergangenen zwei Jahrzehnte zählen zu den stärksten Phasen seiner Karriere. 2008 erschien sein Comeback-Album "Stark wie zwei", Udos erste Nummer 1 in den deutschen Albumcharts. Mit seinem MTV-Unplugged-Projekt (2011) erreichte er ein junges Publikum, denn er arbeitete mit Künstlern unterschiedlichster Generationen zusammen und bewies, dass seine Musik weit über seine eigene Ära hinaus funktioniert.

Sein größter Triumph kam 2023: Gemeinsam mit Apache 207 landete er mit "Komet" einen Rekordhit, der wochenlang die Charts dominierte und zum erfolgreichsten Song seiner Karriere wurde - mehr als fünf Jahrzehnte nach seinen ersten Erfolgen. Zuletzt kamen noch ein paar Live-Compilations und das Best-Of-Album "Udopium". Das Biopic "Mach dein Ding" (2020) lief erfolgreich in den Kinos.

Stimme gegen Krieg und Nationalismus

Auch außerhalb der Musik baute Lindenberg seine Bedeutung weiter aus. Seine "Likörelle", mit Likör gemalte Aquarelle, werden international gesammelt und ausgestellt. Große Retrospektiven widmen sich inzwischen nicht nur dem Musiker, sondern dem Gesamtkunstwerk Udo Lindenberg - irgendwo zwischen Rockstar, Maler, Zeitzeuge und Kunstfigur. In Hamburg eröffnete im April 2026 die große Ausstellung "Udoversum".

Die großen Tourneen mit ihren spektakulären Bühnenshows mit bis zu 65 Musikern und Tänzern jeglicher Geschlechter und Hautfarben sind wahrscheinlich Vergangenheit - Tourpläne existieren zurzeit nicht. Doch Lindenberg bleibt präsent: als Stimme gegen Krieg und Nationalismus, als Symbol für Unabhängigkeit und immer noch als einer, der den deutschsprachigen Rock'n'Roll zum deutschen Kulturgut gemacht hat.

Mehr als 50 Alben, über tausend Chartplatzierungen und fast 60 Jahre Karriere sind eine unglaubliche Karrierebilanz - doch vielleicht ist sein größter Erfolg, dass er nie stehen geblieben ist. Udo Lindenberg hat seine eigene Geschichte immer weitergeschrieben.

Oder, wie man in Lindenbergs Sprache sagen würde: Keine Panik.

Author Silke Wünsch
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Image caption Udo Lindenberg live in Hamburg 2019
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Item 56
Id 76901411
Date 2026-05-16
Title Ohne Einwanderer geht in Portugal nichts
Short title Ohne Einwanderer geht in Portugal nichts
Teaser In Portugal leben etwa 1,5 Millionen Ausländer. Genaue Zahlen weiß niemand und die Dunkelziffer der Illegalen dürfte hoch sein. Die rechtsextreme Partei Chega hetzt gegen sie. Dabei geht ohne Ausländer so gut wie nichts.
Short teaser Ohne Immigranten müssten in Portugal viele Unternehmen schließen. Trotzdem hetzten radikale Rechte gegen sie.
Full text

'Immigranten dürfen nicht von Sozialleistungen leben', hetzen Plakate der rechtsradikalen Partei Chega seit den letzten Wahlen noch immer überall in Portugal. Das Land gibt sich neue, extrem verschärfte Ausländergesetze und immer mehr Bürger finden das richtig so. Obwohl höchstens rund 1,5 Millionen Ausländer, fast alle Arbeitsmigranten, in Portugal leben. Das sind etwa 14 Prozent der Landesbevölkerung. Doch Ausländerangst, ja Ausländerhass macht sich breit. Dabei - das zeigen die Zahlen - kann das Land ohne Ausländer nicht mehr überleben: Die Immigranten erhalten nicht mehr Sozialleistungen als Portugiesen und das Sozialsystem des Landes hätte Finanzierungsprobleme ohne sie. Viele Jobs blieben unbesetzt. Von der Bedienung im Café bis hin zu Landarbeitern, die Beeren für den Export in Länder wie Deutschland pflücken.

Eine Studie, veröffentlicht von der Einwanderungsbehörde AIMA und erarbeitet vom portugiesischen Migrationsobservatorium, belegt, wie groß der Beitrag der Gastarbeiter zu den Sozialsystemen des Landes ist: Im vergangenen Jahr zahlten rund 1,1 Millionen Ausländer in die Sozialversicherung ein, weil sie legal in Portugal arbeiteten. Das sind stolze 447 Prozent mehr als zehn Jahre vorher. Die Zahlungen sind sogar um 763 Prozent auf knapp 4,2 Milliarden Euro angestiegen - immerhin 14 Prozent aller Beiträge.

Immigranten halten Land am Laufen

Portugal brauche die Zahlungen der im Land arbeitenden Ausländer, bekräftigt der Soziologe Elísio Estanque, der viel zum Thema Arbeitsmigration geforscht hat. "Portugal ist eines der am stärksten überalterten Länder der EU. Die Sozialversicherung muss immer mehr Renten bezahlen und auch die Gesundheitsausgaben steigen stark. Da leisten ausländische Arbeiter mit ihren Beiträgen einen wichtigen Beitrag." Doch nicht nur das. Sie halten praktisch das Land am Laufen: "Die größte Immigrantengruppe, die Brasilianer, ist vor allem im Gewerbe- und Dienstleistungsbereich beschäftigt", erklärt der Soziologe Estanque. "Sie fahren die Uber-Autos, liefern Essen aus und es gibt kaum ein Geschäft, in dem keine Brasilianer arbeiten."

Die Brasilianerin Veronica Santos zum Beispiel: Sie ist vor drei Monaten nach Portugal gekommen und arbeitet in einem Restaurant in der mittelportugiesischen Stadt Leiria. Ihr Mann ist Hilfsarbeiter am Bau, beide hatten keine Probleme, einen Job zu finden. "Wir verdienen gutes Geld hier", sagt Veronica, die Entscheidung, nach Portugal zu kommen, sei richtig gewesen. Zuhause würde sie nicht nur weniger verdienen, gibt die junge Frau Mitte 20 zu bedenken: "Die Unsicherheit ist sehr groß in Brasilien, es gibt viele Verbrechen. Portugal ist viel sicherer." Sie und ihr Mann fühlten sich wohl in ihrer neuen Wahlheimat. Zum Thema wachsender Ausländerhass äußert Veronica sich diplomatisch. "Rassisten gibt es überall. In Portugal und auch in Brasilien. Da kann man wohl nichts machen."

Immigranten als Sündenbock

Rechtsradikale Parteien wie Chega machten die Immigranten zu Sündenböcken für die unsichere Lage, stellt João Neves, Wirtschaftsdozent an der Fachhochschule Leiria, fest. Doch hätten die populistischen Slogans nichts mit der Realität zu tun: "Ohne Gastarbeiter müssten ganze Wirtschaftszweige schließen. Es fehlt an portugiesischen Arbeitskräften. Und die wären selbst dann nicht zu finden, wenn die Löhne stark anstiegen."

Die Tourismusindustrie zum Beispiel, die für 20 Prozent des portugiesischen Bruttoinlandprodukts stehe, sei auf billige Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Ohne die müssten viele Hotels schließen. Auch viele landwirtschaftliche Betriebe, die vor allem Beeren anbauten und ins Ausland exportierten, hätten ohne Erntehelfer aus Asien keine Arbeiter. Und bei der Sozialversicherung müsste ein großes Loch gestopft werden: 2025 betrug der Überschuss zwischen Einnahmen und Ausgaben bei ausländischen Versicherten stolze 3,3 Milliarden. Geld von vor allem jungen Beitragszahlern, das die Sozialversicherung für Renten-, Arbeitslosen- und Krankengeldzahlungen für eher alte Portugiesen verwenden konnte.

Keine langfristige Einwanderungspolitik

Obwohl die ausländischen Arbeitskräfte dem Land eigentlich nur Vorteile bringen, wachsen Ressentiments und Vorurteile in Portugal. "In den vergangenen Jahren ist es für Ausländer sehr leicht gewesen, zum Arbeiten nach Portugal zu kommen. Es war ein unkontrollierter Ansturm, es gab keine Integrationspolitik. Es entstanden soziale Brennpunkte und das führte zu wachsender Ausländerangst," erinnert der Soziologe Elísio Estanque. Doch hätten die Fehler der Vergangenheit zu neuen Fehlern geführt: "Die Vorschläge der Rechtsradikalen, denen die Regierung sich immer mehr angenähert hat, sind unmenschlich, schlecht und keine Lösung für die Probleme des Landes." Zu versuchen, die Aufenthaltsdauer der Ausländer zeitlich zu begrenzen und möglichst auf ein halbes Jahr zu verkürzen, schaffe nur neue Schwierigkeiten: "Die Bereitschaft, sich noch mehr ausbeuten zu lassen, steigt. Denn die Immigranten wollen während ihres Aufenthalts möglichst viel Geld für ein besseres Leben in der Heimat verdienen. Sie sind also verletzlicher."

Portugal fehle eine langfristige und nachhaltige Einwanderungspolitik, findet auch Ökonom João Neves aus Leiria: "Dabei waren wir selbst einmal ein Auswanderungsland, viele Portugiesen sind aus dieser Region zum Arbeiten nach Europa gegangen. Das ist gerade einmal 60 Jahre her und wir haben ganz offensichtlich nichts daraus gelernt." Stimmt nicht ganz: Ausländische Arbeiter, die in ihre Heimat zurückkehren, können in Portugal nicht ihre Rentenbeiträge zurückerstattet bekommen, wie etwa in Deutschland. Dieses Geld behält die portugiesische Sozialversicherung.

Author Jochen Faget
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Image source Jochen Faget/DW
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Item 57
Id 77122260
Date 2026-05-12
Title Warum das Hantavirus nicht mit Corona vergleichbar ist
Short title Warum das Hantavirus nicht mit Corona vergleichbar ist
Teaser Zwischen 2018 und 2019 breitete sich das Andes‑Hantavirus in Argentinien von Mensch zu Mensch aus: 34 Infektionen, 11 Todesfälle. Die Analyse des Ausbruchs zeigt, warum sich auch die aktuelle Situation eindämmen lässt.
Short teaser Ein Blick auf 2018 zeigt, warum der aktuelle Hantavirus‑Ausbruch gestoppt werden kann.
Full text

Die Erinnerungen an die COVID‑Pandemie sind bei vielen Menschen noch sehr lebendig. Verständlich, dass die Sorge über eine mögliche internationale Ausbreitung des Hantavirus groß ist.

"Ich weiß, dass Sie besorgt sind", schreibt WHO‑Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus am 9. Mai 2026 in einem Brief an die Bevölkerung der spanischen Insel Teneriffa.

Das Kreuzfahrtschiff MV Hondius, auf dem sich das Hantavirus zwischen April und Mai ausgebreitet und drei Todesopfer gefordert hatte, sorgte für weitere Schlagzeilen, als es darum ging, im Hafen von Granadilla auf Teneriffa anzulegen. Von dort aus wurden die 147 Passagiere und Crewmitglieder in ihre Herkunftsländer zurückgebracht – darunter Deutschland, Frankreich und Australien.

"Ich weiß, dass Erinnerungen wach werden, die wir noch nicht vollständig verarbeitet haben, wenn man das Wort 'Ausbruch' hört und sieht, wie ein Schiff auf die eigenen Küsten zusteuert", schreibt Tedros.

Doch Experten geben Entwarnung: Zwischen SARS-CoV-2 und dem Hantavirus gibt es einen entscheidenden Unterschied.

"Hantaviren – und auch das Andes‑Virus – sind gänzlich andere Viren als Coronaviren", sagt Roman Wölfel, Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr, im DW-Gespräch. "Sie sind zwar von Mensch zu Mensch übertragbar." Das sei aber sehr viel schwieriger. "Der Kontakt muss wesentlich enger sein."

Zum Vergleich: Als das Coronavirus SARS‑CoV‑2 im Jahr 2019 erstmals auftauchte und COVID‑19 auslöste, war es für Forschende und medizinisches Personal völlig neu. Niemand wusste genau, um welchen Erreger es sich handelte, wie schnell er sich ausbreiten würde, wie man ihn stoppen oder behandeln könnte.

Das Hantavirus hingegen ist seit 1993 bekannt. Entsprechend klar sind auch die medizinischen Risiken eingeordnet.

Bekannt ist, dass es eine schwere Lungenerkrankung auslösen kann – das sogenannte Hantavirus‑Lungensyndrom (HPS). Deshalb wurden an Bord der MV Hondius entsprechende Schutz‑ und Abstandsmaßnahmen ergriffen, sobald Labortests bestätigt hatten, dass das Virus für die ersten Todesfälle verantwortlich war.

Wie wirksam selbst einfache Maßnahmen sein können, zeigt eine Analyse eines Hantavirus‑Ausbruchs in Argentinien im November 2018. Sie belegt, dass sich die Übertragung von Mensch zu Mensch deutlich verlangsamen lässt – zum Beispiel durch Abstandhalten.

"Beim Andes‑Virus braucht es einen sehr nahen Kontakt", erklärt Wölfel. "Das ist ganz anders als wir es von SARS‑CoV‑2 oder Influenzaviren kennen."

Hantavirus‑Ausbruch in Argentinien 2018–2019

In einer im Jahr 2020 veröffentlichten Studie beschreiben Forschende, wie sich die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Andes‑Virus – der gleichen Variante, die auch auf der MV Hondius nachgewiesen wurde – halbierte, als Gesundheitsbehörden während des Ausbruchs 2018/19 in Argentinien Infizierte isolierten und Kontaktpersonen in Quarantäne schickten.

Die Maßnahmen wurden eingeführt, nachdem sich bestätigt hatte, dass sich 18 Menschen bei einer Massenveranstaltung infiziert hatten.

"Diese Maßnahmen haben die weitere Ausbreitung sehr wahrscheinlich begrenzt", schreiben die Autoren im New England Journal of Medicine. Die Reproduktionszahl – also die durchschnittliche Zahl der Menschen, die eine infizierte Person ansteckt – sank von 2,12 vor den Maßnahmen auf 0,96 danach.

Auf der MV Hondius verlief die Situation dennoch anders. Zwar wurden bis zum 11. Mai 2026 nur sieben bestätigte Fälle und zwei Verdachtsfälle gemeldet, doch es dauerte deutlich länger, bis Gegenmaßnahmen ergriffen wurden.

Nachdem der erste Passagier am 11. April gestorben war, teilte der Veranstalter Oceanwide Expeditions mit, dass erst am 4. Mai – also mehr als drei Wochen später – das Hantavirus als Todesursache bestätigt wurde. Zwei Tage zuvor hatte die WHO bereits über eine "Häufung" von Infektionen an Bord informiert.

Als das Schiff schließlich auf Teneriffa anlegte, bestand jedoch kein Zweifel mehr an der Ursache der Erkrankungen. Die spanischen Gesundheitsbehörden erklärten, sie hätten "alle Maßnahmen" ergriffen, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

Passagiere, Crew und medizinisches Personal trugen Schutzmasken und Schutzkleidung, persönliche Gegenstände wurden in versiegelten Beuteln transportiert.

"Die Reduzierung von Kontakten und der Einsatz von FFP2‑Masken bei der Ausschiffung und beim Weitertransport der Passagiere sind durch das gestützt, was wir über dieses Virus wissen", sagt Giulia Gallo, Forscherin am britischen Pirbright Institute.

Virologe Wölfel beruhigt: "Es ist nicht zu erwarten, dass das Andes‑Virus zu einem wirklichen globalen Problem wird. Das ist nicht vergleichbar mit Influenza oder SARS‑Coronaviren."

Weltweit treten Hantavirus‑Infektionen vergleichsweise selten auf. Im Jahr 2025 zählte die WHO in Nord‑ und Südamerika 229 Hantavirus‑Fälle und 59 Todesfälle durch verschiedene Varianten des Virus. In der europäischen Region wurden im Jahr 2023 1885 Hantavirus-Infektionen gemeldet. Es gibt weder einen zugelassenen Impfstoff noch steht eine spezifische antivirale Therapie gegen das Hantavirus zur Verfügung.

Der Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt.

Author Zulfikar Abbany
Item URL https://www.dw.com/de/warum-das-hantavirus-nicht-mit-corona-vergleichbar-ist/a-77122260?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Nach dem ersten Todesfall dauerte es mehr als drei Wochen, bis der Hantavirus-Ausbruch auf der MV Hondius bestätigt wurde
Image source Hannah McKay/REUTERS
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Item 58
Id 77078937
Date 2026-05-11
Title Warum fehlt Hollywood diesmal in Cannes?
Short title Warum fehlt Hollywood diesmal in Cannes?
Teaser Es gibt in diesem Jahr keine Blockbuster-Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen. Ein Trend, der sich schon bei anderen Festivals abzeichnete.
Short teaser Die Internationalen Filmfestspiele 2026 müssen ohne Blockbuster-Premiere und große Stars auskommen.
Full text

Hollywood wird dieses Jahr nicht in Cannes vertreten sein.

Das weltweit bedeutendste Filmfestival beginnt am 12. Mai mit einer Reihe neuer Filme von einigen der renommiertesten Filmemacher des internationalen Arthouse-Kinos - Pedro Almodóvar, Asghar Farhadi, Paweł Pawlikowski, Cristian Mungiu -, jedoch ohne einen einzigen Film eines großen US-Studios. Es wird kein Spektakel auf dem roten Teppich geben, das mit der Premiere von "Mission: Impossible - The Final Reckoning" im vergangenen Jahr oder früheren Cannes-Premieren wie "Top Gun: Maverick" und "Mad Max: Fury Road" mithalten könnte.

Zeigt Cannes Hollywood die kalte Schulter? Nicht ganz.

Es sind US-Filme im Programm vertreten. Im Wettbewerb präsentiert Ira Sachs "The Man I Love" mit Rami Malek in der Hauptrolle, neben James Grays "Paper Tiger" mit Scarlett Johansson und Adam Driver. Außerhalb des Wettbewerbs gibt John Travolta sein Regiedebüt mit "Propeller One-Way Night Coach", einem Herzensprojekt rund um die Luftfahrt, und Andy Garcia führte Regie und spielt die Hauptrolle in dem Krimidrama "Diamond".

Was fehlt, sind die großbudgetierten Studio-Blockbuster - das publikumswirksame Gegengewicht zu Cannes' traditionellem Angebot an ernsthaftem Autorenkino. Der Popcorn-Snack zwischen den eher gehaltvollen Filmen.

Studios fürchten das Festival-Risiko

Das gilt allerdings nicht nur für Cannes. Auch bei der Berlinale im Februar fehlten die Studiofilme, sehr zur Enttäuschung der Promifans in der Stadt und der Boulevardpresse. Berlinale-Direktorin Tricia Tuttle deutete an, dass die großen Hollywood-Studios zunehmend zögern, große Filme auf Festivals zu präsentieren, da sie befürchten, dass eine negative Resonanz oder eine unangenehme Berichterstattung in den Medien die Aussichten auf einen Kassenerfolg schon Monate vor dem Kinostart beeinträchtigen könnte.

Sie verweist unter anderem auf die Filmfestspiele von Venedig 2024, wo Warner Bros. "Joker: Folie à Deux" vorstellte, Todd Phillips' Musical-Fortsetzung seines Milliarden-Hits "Joker". Die Kritiken waren vernichtend. Der Film spielte weltweit rund 200 Millionen Dollar ein, was deutlich unter den Erwartungen und dem geschätzten Budget lag. Die verhaltenen Kritiken aus Cannes zu "Indiana Jones and the Dial of Destiny" könnten ebenfalls die Performance des Films beeinträchtigt haben, wodurch er inflationsbereinigt zum schwächsten Teil der Abenteuer-Reihe wurde.

Die Politik ist ein weiterer Faktor. Große Filmfestivals sind zu Brennpunkten für Proteste und Debatten geworden, wobei Pressekonferenzen regelmäßig in Fragen zu Gaza, Trump und dem Iran abgleiten. In Berlin überschatteten politische Spannungen in diesem Jahr zeitweise die Diskussion über die Filme selbst. Für Hollywood-Studios könnte das Risiko, dass Stars oder Projekte in polarisierende globale Debatten hineingezogen werden, die Vorteile einer hochkarätigen Festivalpremiere einfach überwiegen.

Autorenkino im Rampenlicht

Ohne die großen Filmstudios setzt Cannes in diesem Jahr verstärkt auf internationales Autorenkino. Farhadi - zweifacher Oscar-Preisträger für "Nader und Simin - Eine Trennung" und "The Salesman" - kehrt mit "Parallel Tales" zurück, einem in Paris spielenden Drama mit Isabelle Huppert, Catherine Deneuve und Vincent Cassel.

Almodóvar, der Meister des spanischen Melodramas, hofft mit "Bitter Christmas" - einem Drama über eine Frau, die in der Weihnachtszeit von ihrem Partner verlassen wird - weiterhin auf seine erste "Palme d'Or", den Hauptpreis von Cannes; es ist sein siebter Film, der im Hauptwettbewerb des Festivals läuft.

Der russische Regisseur Andrej Swjaginzew, der lange Zeit nicht an der Croisette zu sehen war, präsentiert "Minotaur" - der Geschichte eines Geschäftsmannes, dessen Welt zusammenbricht.

Pawlikowski präsentiert "Vaterland", sein Thomas-Mann-Biopic mit Hanns Zischler und Sandra Hüller in den Hauptrollen, und der belgische Autor Lukas Dhont legt nach seinem Oscar-nominierten Film "Close" nun mit "Coward" nach, der in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs spielt.

Der rumänische Filmemacher Cristian Mungiu, der 2007 mit seinem Debüt "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" die Goldene Palme gewann, gibt mit "Fjord" sein englischsprachiges Debüt. In diesem Drama über ein Paar, dessen neues Leben im ländlichen Norwegen einen bitteren Verlauf nimmt, spielen Sebastian Stan und Renate Reinsve die Hauptrollen.

Auch Deutschland ist wieder dabei. Nachdem Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen" im vergangenen Jahr den Preis der Jury gewonnen hatte, nimmt nun eine weitere deutsche Filmemacherin, Valeska Grisebach, mit "Das geträumte Abenteuer" am Wettbewerb von Cannes teil - es ist ihr erster Spielfilm seit "Western" aus dem Jahr 2017, der in Cannes den Preis der Sektion "Un Certain Regard" gewann.

Außerhalb des Wettbewerbs ist der dänische Provokateur Nicolas Winding Refn mit "Her Private Hell" vertreten, während in der Sektion "Un Certain Regard" der queere US-Horrorfilm "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" von Jane Schoenbrun präsentiert wird, der schon jetzt als potenzieller Durchbruch für Aufsehen sorgt.

Ohne Hollywood an der Croisette wirkt Cannes in diesem Jahr weniger wie eine globale Marketingbühne, sondern eher wie das, was es schon immer sein sollte: ein Schaufenster für die herausragendsten Filmemacher der Welt.

Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel

Author Scott Roxborough
Item URL https://www.dw.com/de/warum-fehlt-hollywood-diesmal-in-cannes/a-77078937?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77065819_607.jpg
Image caption Die Internationalen Filmfestspiele Cannes gelten als bedeutendstes Filmfestival der Welt
Image source Festival de Cannes
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Item 59
Id 57494954
Date 2026-05-11
Title Räume der Erinnerung: Stararchitekt Daniel Libeskind wird 80
Short title Räume der Erinnerung: Stararchitekt Daniel Libeskind wird 80
Teaser Die Auseinandersetzung mit der Geschichte prägt Libeskinds Denken bis heute. Seine Bauten sind Orte der Erinnerung - verbunden mit einem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft.
Short teaser Bei der Umsetzung seiner Ideen geht es Libeskind oft um Erinnerungen und den hoffnungsvollen Blick in die Zukunft.
Full text

Der Ruhm kam spät: Daniel Liebeskind war schon Mitte 50, als der Bau des Jüdischen Museums in Berlin ihm zum internationalen Durchbruch verhalf. Doch danach häuften sich die wichtigen Aufträge: Er entwarf unter anderem das Militärmuseum in Manchester und verwirklichte einen Teil seiner Ideen beim New Yorker Mahnmal "Ground Zero".

Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist das große Thema, das Libeskind stets bewegt hat. Bei der Umsetzung seiner architektonischen Ideen geht es oft um Erinnerungen und den hoffnungsvollen Blick in die Zukunft. Und so durchbricht oder ergänzt Libeskind historische Gebäude gern symbolisch mit spitz in die Höhe ragenden, geometrischen, glitzernden Gebäudeteilen aus Titan und Glas, die wie Kristalle wirken.

Der Davidstern als Symbol für das jüdische Museum

Auch das Jüdische Museum in Berlin, 2001 fertiggestellt, lässt die historische Symbolik schon von außen erkennen. Das mit Titan-Zink verkleidete Gebäude ist inzwischen ein Wahrzeichen der Hauptstadt. Der zackige Grundriss soll an einen zerbrochenen Davidstern erinnern. Ein Symbol für die Juden, die in Nazideutschland in den Konzentrationslagern inhaftiert und umgebracht wurden. In diesem Jahr, 2026, feiert das Museum sein 25. Jubiläum mit der Ausstellung "Between the Lines" (Zwischen den Linien), die noch einmal die Entstehungszeit des Gebäudes Revue passieren lässt.

Als Libeskind 1989 den Auftrag zum Erweiterungsbau des Museums bekam, war er als Architekt noch unbekannt - aber seine Idee überzeugte. "Es gab keinen Wettbewerb für ein jüdisches Museum, sondern einen Wettbewerb für ein Berliner Museum mit jüdischer Abteilung", erzählte er in einem früheren DW-Interview. "Es war also eine ganz andere Idee, die ich dann zu meinem Design umgewandelt habe." Man könne Juden nicht als eine Art Abteilung der Geschichte behandeln, fand Libeskind. Sie seien schließlich ein Teil der Stadt und des öffentlichen Lebens.

Im Inneren des Museums schuf Libeskind Räume der Erinnerung; ein leerer zugespitzter Raum etwa, der bei den Besuchern ein beklemmendes Gefühl hinterlässt. "Ich habe etwas geschaffen, das für die Vergangenheit, aber mit einem Hoffnungsstrahl auch für die Zukunft Berlins unvergesslich ist."

Vom Holocaust geprägt

Am 12. Mai 1946 wurde Libeskind als Sohn jüdischer Eltern in der polnischen Stadt Łódź geboren. Daniel Libeskinds eigene Geschichte ist mit dem Holocaust eng verknüpft. Vater und Mutter überlebten das Konzentrationslager der Nationalsozialisten. 1957 emigrierte die Familie zunächst nach Israel, drei Jahre später dann in die USA. 1989 zog Daniel Libeskind mit seiner Familie und seinem Studio nach Berlin, um dort das Jüdische Museum zu planen.

Eigentlich ist Daniel Libeskind studierter Musiker, er galt als begabter Akkordeonspieler. Auch heute noch initiiert er gelegentlich musikalische Projekte. Zur Architektur kam er erst relativ spät. "Ich habe nur mein Instrument gewechselt von Musik zur Architektur", so Libeskind. "Architektur ist schon rein akustisch gesehen ein musikalischer Raum." So habe ein gutes Gebäude auch eine gute Akustik, die Orientierung biete. Musik wie Architektur kommunizierten nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen und der Seele.

Gebäude erzählen ihre Geschichten

Daniel Libeskind sucht in Gebäuden und an Orten die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit: Holocaust, Krieg, Zerstörung und Neubeginn. "Man muss vor Ort sein, und auf die Stimmen der Geschichte hören und die Dinge betrachten, die nicht direkt ins Auge fallen", erklärt Libeskind seine Herangehensweise bei der architektonischen Umsetzung. "Man muss das Ohr auf den Boden legen und auf die Stille hören", sagt er, dann falle einem auf, was nicht im Internet zu finden sei. "Dann machst du eine Skizze und kannst mit etwas Glück das Gebäude realisieren."

Einer dieser zerstörten Orte ist in New York der Platz, auf dem einst die "Twin Towers" des World Trade Centers gestanden hatten. Am 11. September 2001 wurden sie durch Terroranschläge zerstört. 2977 Menschen kamen ums Leben. Nachdem Daniel Libeskind im Februar 2003 die Architekturausschreibung zur Neubebauung des Areals rund um das einstige World Trade Center gewonnen hatte, zog er nach New York und richtete dort ein neues Studio ein, mit seiner Frau Nina Libeskind als Geschäftsführerin.

Ground Zero, ein Projekt mit Hindernissen

Wegen der Kosten und der Ausführung der Pläne von Libeskind gab es allerdings bei der Realisation Streitigkeiten, auch vor Gericht. Dennoch ist Daniel Libeskind heute stolz auf seine Beteiligung. Viele sagen zwar, von seinen ursprünglichen Entwürfen sei nicht viel geblieben, doch Libeskind erkennt ganz klar seine Handschrift. "Es stimmt nicht, dass es so sehr von meinem Masterplan abweicht. Wenn sie auf der Webseite meine Zeichnungen sehen, da ist vieles verwirklicht", sagt er. Es sei ein lebendiger Ort geblieben, kein Heiligtum. Auch die tiefen Schächte mit den Wasserfällen, die ins Unendliche hinabzustürzen scheinen, seien seine Idee gewesen und der Gedanke, dass man nicht genau dort ein neues Gebäude errichten könne, wo Menschen gestorben sind, wurde auch umgesetzt.

Die Lage und Höhe der Gebäude und auch der Charakter der Straßen folge seinen Zeichnungen, so Libeskind. Und der "Freedom Tower", das "One World Trade Center", sei - wie von ihm geplant - 1776 Fuß hoch. Eine Zahl, die das Jahr der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika symbolisiert.

Demokratie verteidigen

Zu seiner Wahlheimat USA hat Libeskind eigentlich ein gutes Verhältnis. Mit seiner Frau Nina lebt er im quirligen New Yorker Szeneviertel Tribeca (fußläufig zu Ground Zero). Aus dem Fenster könne er über ganz Manhattan blicken, er genieße die ganze Pracht der Stadt und der Menschen, die dort leben, erzählte er der Nachrichtenagentur dpa in einem Geburtstagsinterview. Auf die US-amerikanische Politik blickt er kritisch:US-Präsident Donald Trump verhalte sich autoritär, sagt der Architekt: "Die Demokratie wird Tag für Tag zerstört. Es ist eine sehr gefährliche Zeit in Amerika, und wir alle müssen etwas tun, um sicherzustellen, dass es nicht dazu kommt, dass Amerika zu einem weiteren Imperium mit einem Pharao wird."

Die politischen Entwicklungen in Deutschland sieht Libeskind ebenfalls mit Sorge. "Dieses Land hat unter dem Nazi-Regime gelebt und sollte es besser wissen", sagt er. "Wenn ich einige Reden der AfD lese und deren Haltung zur Geschichte betrachte, sollte das die Menschen zutiefst beunruhigen." Die Menschen, findet er, sollten die Demokratie stärker verteidigen.

Bis heute beginnt Libeskind neue Projekte. Angst vor dem weißen Blatt Papier habe er nicht. Architektur sieht er fast philosophisch; mit seinen Gebäuden möchte er Hoffnung machen. Zeigen, dass man etwas verändern kann, denn: "Architektur prägt unsere Vorstellung von der Welt."

Dieser Artikel wurde anlässlich des 80. Geburtstags von Daniel Libeskind aktualisiert (mit dpa).

Author Gaby Reucher
Item URL https://www.dw.com/de/räume-der-erinnerung-stararchitekt-daniel-libeskind-wird-80/a-57494954?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Daniel Libeskind hat noch viele Zukunftspläne
Image source Mike Wolff/dpa/picture-alliance
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Item 60
Id 68933004
Date 2026-05-11
Title Ist Deutschland auf die nächste Pandemie vorbereitet?
Short title Ist Deutschland auf die nächste Pandemie vorbereitet?
Teaser Pandemie Vorbereitung in Deutschland: Hat das Land aus Corona gelernt? Es gibt Fortschritte - doch im Gesundheitssystem bleiben große Schwächen. Ein Blick auf Risiken und Lehren.
Short teaser Deutschland ist besser vorbereitet als 2020 - aber strukturelle Probleme in der Pandemievorsorge bestehen weiterhin.
Full text

Rund sechs Jahre nach Beginn der Corona‑Pandemie stellt sich die Frage erneut: Wie gut ist Deutschland heute auf größere Gesundheitskrisen vorbereitet? Aktuelle internationale Ausbrüche wie das Andes‑Hantavirus zeigen, dass neue Erreger jederzeit auftreten können – auch wenn sie nicht zwangsläufig zu einer Pandemie führen. Die Erfahrungen aus COVID‑19 haben Reformen angestoßen. Doch viele strukturelle Probleme bestehen weiter.

Eine immer vernetztere Welt und der Klimawandel führen dazu, dass Infektionskrankheiten sich immer besser ausbreiten. Intensive Tierhaltung und das Vordringen des Menschen in den Lebensraum von Wildtieren begünstigen außerdem Zoonosen, also Erkrankungen, die zwischen Mensch und Tier übertragen werden.

Von einer neuen Pandemie könnte auch Deutschland wieder betroffen sein. Anlass für viele, sich zu fragen: Hat man hierzulande die richtigen Lehren aus der Corona-Pandemie gezogen? Und ist man jetzt besser vorbereitet?

Drehpunkt: die Krankenhäuser

Bilder aus der Corona-Pandemie, die sich eingebrannt haben: volle Intensivstationen und überlastetes Krankenhauspersonal. Auch in einer nächsten Pandemie wird ein Dreh- und Angelpunkt sein, wie gut Deutschlands Kliniken für den Ansturm aufgestellt sind. "Eine Versorgung in Gesundheitskrisen funktioniert nur dann gut, wenn die Krankenhäuser auch im Normalzustand gut funktionieren", so Christian Karagiannidis, der als Intensivmediziner an der Lungenklinik Köln-Merheim arbeitet. "Das haben wir momentan nicht in der Form, in der wir es bräuchten."

Ein weiteres Problem: Während das Pflegepersonal am Anfang der Corona-Pandemie beklatscht wurde, gerät es immer mehr in routinierte Vergessenheit – und wird älter. In Nordrhein-Westfalen (NRW), Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland, ist laut Pflegekammer NRW jede dritte Pflegekraft über 55 Jahre alt und geht bald in Rente. Nur 15 Prozent sind jünger als 30. Laut Pflegereport der Krankenkasse DAK fehlt der Nachwuchs, um die altersbedingten Leerstellen in den kommenden Jahren zu ersetzen. Ein "Kipppunkt der Pflege" droht.

Anlass zur Hoffnung gibt die Tatsache, dass Krankenhäuser während der Pandemie gelernt hätten, miteinander zu arbeiten und nicht in Konkurrenz zueinander, sagt Christian Karagiannidis. Außerdem: Das Bewusstsein, dass eine Bevorratung von Masken und Arzneimitteln eine gute Idee ist – das sei geblieben.

Eine Erkenntnis: auf Vorrat setzen

Für Krankenhäuser mag die Bevorratung auch funktionieren, auf nationaler Ebene zeichnet sich an dieser Stelle jedoch ein Umsetzungs-Problem ab: Zu Beginn der Corona-Pandemie, im Juni 2020, hatte die Bundesregierung den Aufbau der "Nationalen Reserve Gesundheitsschutz" beschlossen. Schutzausrüstung und Medizinprodukte, die während der Pandemie beschafft wurden, sollten zentral eingelagert werden. In weiteren Phasen sollte die Reserve mit in Deutschland produzierten Medikamenten und Medizinprodukten aufgestockt werden. So wollte man in Zukunft Lieferengpässe vermeiden. Jahre später stand das Projekt immer noch am Anfang. Abgelaufene Masken wurden vernichtet.

"Das könnte uns beim nächsten Mal wieder auf die Füße fallen", so Philipp Wiesener, der bei der Hilfsorganisation Deutsches Rotes Kreuz für nationales Krisenmanagement und gesundheitlichen Bevölkerungsschutz zuständig ist.

Auf der Habenseite: Während der Corona-Pandemie habe man gelernt, innerhalb kurzer Zeit Impfzentren hochzuziehen und große Bevölkerungsgruppen zu impfen, sagt Wiesener. Eine Reserve, auf die man auch beim nächsten Mal zurückgreifen kann.

Ein Anknüpfungspunkt: die Impfstoffe

Dass die Corona-Pandemie nicht noch größeren Schaden angerichtet hat, liegt auch an der schnellen Verfügbarkeit effektiver Impfstoffe. Ein günstiger Zufall: Impfstoffe standen damals nicht im Fokus der Forschung. Die mRNA-Technologie sollte eigentlich helfen, Krebs zu heilen. "Es war tatsächlich Glück, dass die Entwicklung der mRNA-Technologie so weit vorangeschritten war", sagt Emanuel Wyler. Und ergänzt optimistisch: "Es ist nicht so, dass wir dieses Glück beim nächsten Mal nicht auch haben."

Während der Pandemie haben sich mRNA-Impfstoffe als flexibles Instrument bewährt. Sie funktionieren jedoch nur, wenn man weiß, gegen welche Strukturen des Erregers sie sich richten sollen. Käme als nächstes SARS-CoV-3, wären die Menschen gut vorbereitet. Bei Pocken zum Beispiel wäre das aber gar nicht so klar, sagt Molekularbiologe Wyler. Hinzu kommt, dass die Menschheit gegen diese Erkrankung kaum noch Impfschutz hat. Ein "kleiner Albtraum" eben.

Die Frage ist aber auch, ob die Deutschen sich beim nächsten Mal überhaupt impfen lassen.

Die Gesellschaft ist skeptischer geworden

Denn kurz bevor die WHO den Corona-Notstand im Mai 2023 aufhob, waren in Deutschland mehr als 20 Prozent der Bevölkerung ohne Impfung. Und nicht wenigen fehlt inzwischen das Vertrauen in zukünftige Maßnahmen. In einer Umfrage, die ein Team um die Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt Ende 2022 durchführte, gab ein Drittel der befragten Deutschen an, dass sie bei einer nächsten Pandemie nicht mehr bei den Schutzmaßnahmen mitmachen würden. Ebenfalls würde fast ein Drittel der Befragten die Politiker und Politikerinnen gerne dafür maßregeln, wie sie mit der Pandemie umgegangen sind.

Die Pandemie hat zahlreiche Missstände offengelegt: Menschen mit geringerem Einkommen und Bildungsgrad waren systematisch benachteiligt. Digitalisierung in Gesundheitssystem und Schulen ist überfällig. Viele Kinder und Jugendliche leiden noch heute unter den Schulschließungen. Zahlreiche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen kritisieren eine fehlende systematische Datenerhebung zur Bewertung der Maßnahmen.

Intensivmediziner und -medizinerinnen haben gelernt, in Szenarien zu denken. Für Christian Karagiannidis ist daher klar, was nun an erster Stelle stehen müsste: "Wir müssten einmal durchspielen, was wäre, wenn jetzt die nächste Pandemie ausbricht. Und gucken: Sind wir gut vorbereitet?" Angefangen bei: Der Bundestag tritt zusammen. Zu: Wer sagt, dass es eine Krise ist? Wie reagieren wir darauf? Was passiert mit den Schulen? Haben wir die wesentlichen Daten in Echtzeit zur Verfügung? "Eigentlich bräuchte es ein Gesamt-Szenario, damit man sieht: Wo sind die Schwachstellen?"

Dieser Artikel wurde aus aktuellem Anlass nach dem Ausbruch des Andes‑Hantavirus aktualisiert.

Author Anna Carthaus
Item URL https://www.dw.com/de/ist-deutschland-auf-die-nächste-pandemie-vorbereitet/a-68933004?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Pandemie adé? Auch das nächste Mal könnte durch eine Atemwegserkrankung geprägt sein
Image source Kira Hofmann/dpa/picture alliance
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Item 61
Id 52369257
Date 2026-05-11
Title Endemie, Epidemie, Pandemie: Das sind die Unterschiede
Short title Endemie, Epidemie, Pandemie: Das sind die Unterschiede
Teaser Der aktuelle Ausbruch des Andes-Hantavirus wirft Fragen auf, die seit der Corona-Pandemie vielen vertraut sind. Doch was unterscheidet diese Begriffe – und was sagen sie wirklich über die Gefahr einer Krankheit aus?
Short teaser Endemie, Epidemie, Pandemie: Was aktuelle Ausbrüche bedeuten – und warum sie oft falsch eingeordnet werden.
Full text

Der Ausbruch des seltenen Andes‑Hantavirus auf dem Kreuzfahrtschiff MV Hondius wirft erneut Fragen auf: Wann spricht man von einem Ausbruch, wann von einer Epidemie – und ab wann von einer Pandemie? Die Begriffewerden häufig durcheinandergebracht. Dabei beschreiben sie nicht die Gefährlichkeit einer Krankheit, sondern deren Ausbreitung. Was bedeuten diese Begriffe genau?

Endemie: die ständige Bedrohung

Eine Krankheit, die in bestimmten Regionen regelmäßig auftritt, wird als endemisch bezeichnet. Bei einer Endemie bleibt die Zahl der Erkrankungen über die Zeit relativ konstant.

Sie ist höher als in anderen Gegenden, nimmt im Laufe der Zeit aber nicht weiter zu. In einem gewissen Zeitraum erkranken ungefähr immer gleich viele Menschen neu.

Ein typisches Beispiel ist die Malaria, an der jedes Jahr 300 Millionen Menschen weltweit erkranken, hauptsächlich in den Tropen.

Endemisch bedeutet dabei nicht harmlos: Auch endemische Krankheiten können schwer oder tödlich verlaufen. Entscheidend ist allein, dass ihr Auftreten räumlich begrenzt und zeitlich stabil bleibt.

Epidemie: nur in einer Region

Von einer Epidemie wird gesprochen, wenn eine Krankheit in einer bestimmten Region und in einem begrenzten Zeitraum ungewöhnlich häufig vorkommt.

Eine Pandemie ist eine Epidemie, die sich über die Grenzen eines bestimmten Landes oder auch eines Kontinentes ausbreitet.

Das bedeutet vor allem, dass die erfolgreiche Kontrolle der Krankheit von der Kooperation der Gesundheitssysteme verschiedener Länder abhängt. Es bedeutet nicht, dass eine Krankheit besonders gefährlich oder tödlich ist.

Wenn die Zahl der Erkrankungen in einer bestimmten Region über das normal zu erwartende (endemische) Level steigt, spricht man von einer Epidemie. Wenn die Krankheitsfälle lokal begrenzt sind, wird oft von einem Ausbruch gesprochen.

Eine Epidemie entsteht zum Beispiel, wenn sich die Virulenz eines bestimmten Erregers verändert: Ein Virus mutiert und wird dadurch ansteckender.

Auch wenn Krankheiten in ein bestimmtes Gebiet neu eingeführt werden, kann das zu Epidemie führen. Voraussetzung ist, dass eine Krankheit von Mensch zu Mensch weitergegeben werden kann.

Ein Beispiel dafür sind die Pocken, die seit Beginn des 16. Jahrhunderts von den europäischen Eroberern nach Amerika eingeschleppt wurden. Weil die indigene Bevölkerung vorher noch nie mit den Erregern in Kontakt war, hatte sie keinerlei Abwehrkräfte.

Einzelne Hochrechnungen gehen davon aus, dass bis zu 90 Prozent der indigenen Bevölkerung Amerikas den Pocken zum Opfer fiel.

Pandemie: weltweite Ausbreitung

Breitet sich eine Krankheit nicht nur regional, sondern über Länder und Kontinente hinweg aus, sprechen Experten von einer Pandemie.

Laut WHO und CDC werden Pandemien meistens von neu auftretenden Erregern oder Virustypen verursacht. Das können zum Beispiel Zoonosen sein, also Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden.

Wenn eine Krankheit für Menschen neu ist, werden nur sehr wenige Personen gegen das Virus immun sein. Impfungen gibt es in diesem Fall ebenfalls keine. Das kann dazu führen, dass sehr viele Menschen erkranken.

Wie gefährlich oder tödlich die Erkrankung verläuft, hängt von dem spezifischen Virus und dem Gesundheitszustand des einzelnen Menschen ab.

Selbst wenn eine Krankheit prozentual gesehen in den meisten Fällen harmlos verläuft, kann die absolute Zahl der schweren Erkrankungen bei einer Pandemie sehr hoch sein. Das liegt einfach daran, dass insgesamt sehr, sehr viele Menschen mit den Krankheitserregern infiziert sind.

Eine typische Krankheit, die immer wieder pandemische Ausmaße annimmt, ist die Grippe. An der Spanischen Grippe von 1918 starben mit 25 bis 50 Millionen Toten mehr Menschen als im 1. Weltkrieg. Auch die Schweinegrippe löste im Jahr 2009 eine Pandemie aus.

Allerdings können auch bei einer Pandemie einzelne abgeschiedene Gebiete von der Krankheit verschont bleiben, Insel oder Berggebiete beispielsweise. Der Flugverkehr begünstigt allerdings die Ausbreitung von Pandemien.

Die Begriffe Epidemie und Pandemie bezieht sich im Normalfall auf Infektionskrankheiten. Weil der einen dringenden Handlungsbedarf vermittelt, werden manchmal aber auch nicht übertragbare Krankheiten so bezeichnet. Diabetes-Epidemie, zum Beispiel.

Dieser Artikel wurde zuletzt nach dem Ausbruch des Andes-Hantavirus auf dem Kreuzfahrtschiff MV Hondius aktualisiert.

Author Sophia Wagner
Item URL https://www.dw.com/de/endemie-epidemie-pandemie-das-sind-die-unterschiede/a-52369257?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Item 62
Id 76977559
Date 2026-05-11
Title T-Rex-Leder aus dem Labor: Mehr Huhn als Dino?
Short title T-Rex-Leder aus dem Labor: Mehr Huhn als Dino?
Teaser Im Labor gezüchtetes Leder rückt zunehmend in das Blickfeld der Modebranche. In Amsterdam wird derzeit eine Handtasche aus "T-Rex-Leder" beworben. Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Behauptung gewagt.
Short teaser Eine Handtasche aus Dino-Leder wird in Amsterdam beworben. Aus wissenschaftlicher Sicht eine gewagte Behauptung.
Full text

Anfang April wurde in Amsterdam eine Handtasche aus "im Labor gezüchtetem T-Rex Leder" präsentiert - im Artis Zoo Museum, direkt neben einem riesigen Dinosaurier-Skelett. Sie wurde entworfen von Enfin Levé, einem Modelabel aus Polen, das mit experimentellen Kleidungsstücken wirbt. Im Fokus der Aufmerksamkeit aber ist weniger das Design, sondern das beworbene Material. "Es hat einen Charakter, wie wir ihn noch nie erlebt haben. Dicht, ursprünglich, nach seiner eigenen Logik funktionierend", postete das Label auf seinen Social Media Kanälen. Die Handtasche soll am 11. Juni in Paris versteigert werden.

Was aber genau ist damit gemeint, wenn von "T-Rex-Leder" die Rede ist? Dinosaurier sind vor rund 66 Millionen Jahren ausgestorben. Mitte der 1990er-Jahre löste der Film "Jurassic Park" einen weltweiten Dino-Hype aus und warf bei vielen Menschen die Frage auf, ob es tatsächlich möglich sei, Dinosaurier zu klonen. Doch die Antwort der Wissenschaft lautet klar nein, da DNA mit der Zeit zerfällt.

Diskussion um Dino-Proteine

Vor rund 20 Jahren fand ein Forscherteam in Montana im Nordwesten der USA Teile eines T-Rex-Skelettes. Ein spektakulärer Fund, der umso mehr für Aufmerksamkeit sorgte, als die Paläontologin Mary Higby Schweitzer kurz darauf bekannt gab, weiche Gewebereste, unter anderem Proteinfragmente, in den Knochen gefunden zu haben. Bis dahin war man davon ausgegangen, dass solche organischen Anteile im Laufe der Zeit ebenfalls zerfallen.

Doch die Skepsis in der Fachwelt war groß. Es könne sich bei den gefundenen Strukturen auch um das Resultat von Bakterien handeln, die den Knochen besiedelt hätten, war ein Argument. Die Debatte darüber, was Mary Schweitzer nun genau gefunden hat, hält bis heute an.

Nun beruht die besagte Handtasche in Amsterdam allerdings genau auf den Daten dieses Fundes in Montana - das geht aus einem Preprint von Thomas Mitchell und Ernst Wolvetang hervor, den Gründern von "The Organoid Company", die maßgeblich an der Herstellung des Labor-Leders mitgewirkt haben. "Es ist wie bei einem Puzzle: Man hat nur ein paar Teile und muss den Rest selbst ergänzen", beschreibt Mitchell in einem Instagram-Video die Vorgehensweise. Die Frage ist allerdings, ob die vorhandenen Puzzle-Teile wirklich vom T-Rex stammen oder nicht.

Jan Dekker, Postdoktorand an der Universität Turin im Bereich Paläoproteomik - der wissenschaftlichen Erforschung von Proteinen aus archäologischen und fossilen Funden - ist skeptisch. "Dinosaurier-Proteine sind sehr umstritten", so Dekker im Interview mit der DW. "Die Grenze, die wir normalerweise für die Überlebensdauer von Proteinen annehmen, wurde erst kürzlich auf etwa 20 Millionen Jahre verschoben." Der Tyrannosaurus Rex aber ist schon mehr als dreimal so lange ausgestorben. Dekker glaubt daher nicht, dass die Tasche in irgendeiner Form Dinosaurier-Bestandteile enthält. Eine entsprechende Interviewanfrage der DW bei der Presseverantwortlichen für das Projekt blieb unbeantwortet.

Mehr Huhn als Dino?

Leder aus dem Labor ist ein eher neues Thema im Bereich der Biotechnologie. Ziel ist die Herstellung eines Materials, das in seinen Eigenschaften herkömmlichem Leder ähnelt. Für das Material der Handtasche in Amsterdam wurden die Daten der gefundenen Proteinfragmente - ob sie nun vom T-Rex stammen oder nicht - als Grundlage genommen und mit Hilfe von KI ergänzt, sodass eine vollständige Proteinsequenz entsteht. Als Gerüst diente ein Huhn-Protein, da Vögel evolutionär gesehen als die nächsten lebenden Verwandten der Dinosaurier gelten.

Das alles sei überaus interessant, sagt Jan Dekker. Aber selbst wenn man akzeptieren würde, dass die zugrunde gelegten Proteinfragmente vom T-Rex stammen, würden noch immer rund 90 Prozent der Proteinsequenz auf einem Hühnchen basieren und nicht auf einem Dinosaurier. "Sie haben synthetisches Kollagen hergestellt – mithilfe eines KI-Modells, das mit einer Vielzahl verschiedener Tierarten trainiert wurde, vor allem mit Hühnern –, was an sich eine sehr interessante Entwicklung ist, aber es handelt sich dabei nicht um einen Dinosaurier. Tatsächlich ist es mehr Huhn als alles andere."

Luxus-Aura von Leder

In ihrer Pressemitteilung weisen die Produzenten der Handtasche darauf hin, dass im Labor gezüchtetes Leder den Luxus-Sektor bislang nicht überzeugt hätte. "Wir wussten, dass wir etwas radikal Neues probieren mussten", wird Bas Korsten von der Werbeagentur VML zitiert, die ebenfalls an dem Projekt beteiligt ist. Der T-Rex schien da eine willkommene Idee zu sein, schließlich faszinieren Dinosaurier Menschen rund um den Globus.

Diese Faszination teilt auch Jan Dekker. Sein Interesse aber gilt nicht der Vermarktung solcher Produkte, er nutzt die biomolekulare Forschung, um mehr über die Vergangenheit zu erfahren. Die Welt sei zu Zeiten der Dinosaurier eine gänzlich andere gewesen, was die Artenvielfalt angehe. Etwas über diese "völlig fremde, aber doch vertraute Welt" zu erfahren, sei seine Motivation. Und auch wenn er aus wissenschaftlicher Sicht nicht viel von dem Begriff "T-Rex-Leder" hält - wenn das bei manchen dazu führe, sich für Wissenschaft zu interessieren, dann sei das ja positiv.

Author Petra Lambeck
Item URL https://www.dw.com/de/t-rex-leder-aus-dem-labor-mehr-huhn-als-dino/a-76977559?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76966352_607.jpg
Image caption Wirkungsvoll inszeniert: die Dino-Handtasche in Amsterdam
Image source Piroschka van de Wouw/REUTERS
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Item 63
Id 76984176
Date 2026-05-10
Title "Vaterland": Thomas und Erika Mann auf einem Roadtrip
Short title "Vaterland": Thomas und Erika Mann auf einem Roadtrip
Teaser Regisseur Pawel Pawlikowski beleuchtet eine komplexe Phase im Leben der deutschen Intellektuellenfamilie Mann zu Beginn des Kalten Krieges. Der Film mit Sandra Hüller als Erika Mann feiert Premiere in Cannes.
Short teaser Der Film mit Sandra Hüller als Erika Mann beleuchtet eine komplexe Phase im Leben der deutschen Intellektuellenfamilie.
Full text

Unter den 21 Titeln, die in diesem Jahr um die prestigeträchtige Goldene Palme konkurrieren, ist Pawel Pawlikowskis "Vaterland" einer von denen, die im Vorfeld die meiste Beachtung gefunden haben. Für den polnischen Filmemacher ist es eine Rückkehr nach Cannes: 2018 gewann er dort mit "Cold War" den Preis für die beste Regie. Das historische Liebesdrama, das im kommunistischen Polen und in Paris spielt, wurde anschließend mit den wichtigsten europäischen Filmpreisen ausgezeichnet und erhielt mehrere Oscar-Nominierungen.

Pawlikowskis neuer Film ist eine weitere Auseinandersetzung mit der frühen Phase des Kalten Krieges. Er ist als Roadmovie angelegt, in dem der weltberühmte deutsche Schriftsteller Thomas Mann (gespielt von Hanns Zischler) und seine Tochter Erika (Sandra Hüller) 1949 nach ihrem Exil nach Deutschland zurückkehren und in einem amerikanischen Buick von Frankfurt in Westdeutschland nach Weimar in Ostdeutschland reisen. Diese gemeinsame Reise hat in Wirklichkeit nie stattgefunden, doch lohnt sich ein Blick auf die historischen Gegebenheiten.

Thomas Mann: Einer der bedeutendsten Intellektuellen

Romane wie "Buddenbrooks" (1901) und "Der Zauberberg" (1924) hatten Thomas Mann weltberühmt gemacht; 1929 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, kehrte er von einer Auslandsreise nicht mehr nach Deutschland zurück und ging ins Exil. Während dieser Jahre (1933 - 1952), die er überwiegend in der Schweiz und in den Vereinigten Staaten verbrachte, wurde er zu einer führenden Stimme im Kampf gegen den Nationalsozialismus und sicherte sich damit seinen Ruf als einer der bedeutendsten demokratischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts.

Berühmt ist etwa Manns Reihe von Radioansprachen mit dem Titel "Deutsche Hörer!", die er zwischen 1940 und 1945 während seines Exils in den USA über die BBC hielt und die sein Engagement im Widerstand dokumentieren.

Als 1905 Thomas Manns erstes Kind zur Welt kam, brachte er offen seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck, dass es ein Mädchen war: "Ich empfinde einen Sohn als poesievoller, mehr als Fortsetzung und Wiederbeginn meinerselbst unter neuen Bedingungen", schrieb er in einem Brief an seinen Bruder Heinrich Mann.

Erika Mann als treibende Kraft

"Und doch wurde diese Tochter diejenige unter seinen sechs Kindern, die für das poetische und das politische Tun des Vaters am wichtigsten war", sagt Irmela von der Lühe, Biografin von Erika Mann, im DW-Gespräch.

Tatsächlich trug Erika entscheidend dazu bei, dass ihr Vater Anfang 1936 damit begann, sich aktiv gegen das NS-Regime auszusprechen. Obwohl er bereits seit 1930 als Gegner des Nationalsozialismus bekannt war, hatte sich der Schriftsteller nach dem Machtwechsel nicht öffentlich zu diesem Thema geäußert; Erika drohte, den Kontakt zu ihrem "unemanzipierten Vater" abzubrechen, sollte er diese vorsichtige Haltung nicht aufgeben.

"Sie (Erika) ist selbst sehr früh mit den Nazis aneinandergeraten," erklärt von der Lühe. Als Kind der Goldenen Zwanziger und talentierte Kulturschaffende in Berlin lebte Erika Mann den unkonventionellen und experimentierfreudigen Lebensstil jener Zeit, bis ihr klar wurde, dass ihre Generation mehr Energie darauf hätte verwenden sollen, die fortschrittlichen Rechte und Freiheiten zu verteidigen, die sie unter der demokratischen Verfassung der Weimarer Republik genossen hatten.

1932 wurde Erika Mann von den Nazis angeprangert, weil sie öffentlich ein pazifistisches Gedicht vorgelesen hatte. Dies festigte ihre antifaschistischen Überzeugungen. Im Januar 1933 gründete sie das politische Kabarett "Die Pfeffermühle" in München. Sie verfasste den Großteil des Programms; die satirischen Stücke waren oft antifaschistisch geprägt. Nach zwei Monaten lösten die Nazis die Theatergruppe auf und zwangen das Ensemble ins Exil.

Da ihre Mutter, Katia Mann, aus einer wohlhabenden jüdischen Industriellenfamilie stammte, galten die Mann-Kinder nach der nationalsozialistischen Rassengesetzgebung ebenfalls als Juden.

Im Exil begann Erika Mann eine zweite erfolgreiche Karriere als Reporterin und Autorin, um der Welt deutlich zu machen, wie schnell die Demokratie unter Hitler zusammengebrochen war, obwohl Deutschland als "Land der Dichter und Denker" bekannt war.

"Das ist es, was ich immer bedeutend an ihr gefunden habe und was in meinen Augen bis heute bedeutend und ja leider Gottes auch wieder sehr aktuell ist", sagt von der Lühe.

Was 1949 geschah

Vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag Deutschland noch immer in Trümmern und war ideologisch gespalten: Am 7. Oktober 1949 wurde die Deutsche Demokratische Republik (DDR) offiziell gegründet, ein neuer sozialistischer Staat, der auf der sowjetischen Besatzungszone in Ostdeutschland nach dem Krieg basierte.

Nach dem Krieg erklärte Thomas Mann, dass er nicht in sein Heimatland zurückkehren werde. In seinen Veröffentlichungen vertrat er die Ansicht, dass alle Deutschen eine Mitverantwortung für die Verbrechen der Nazis trügen. Diese Theorie der deutschen Kollektivschuld befremdete diejenigen, die in Deutschland geblieben waren. Hatte die Familie Mann nicht all die Jahre ein angenehmes Leben im Exil geführt, während so viele andere unter Hitler gelitten hatten?

Thomas Mann erklärte sich 1949 bereit, im Rahmen der Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe erstmals nach Deutschland zurückzukehren. Er wurde eingeladen, in der westdeutschen Stadt Frankfurt den Goethe-Preis entgegenzunehmen, während ihm die ostdeutsche Stadt Weimar die Ehrenbürgerschaft und den Goethe-Nationalpreis verlieh.

In einer Rede, die er in beiden Städten hielt, betonte Mann, dass er keine ideologischen Spaltungen oder Besatzungszonen anerkenne: "Mein Besuch gilt Deutschland selbst, Deutschland als Ganzem, und keinem Besatzungsgebiet", sagte er.

Erika lehnte das Projekt jedoch ab. Irmela von der Lühe merkt an, dass die Einladung sogar im Mittelpunkt des zweiten großen Streits zwischen Erika und Thomas Mann stand, nach ihrer Meinungsverschiedenheit darüber, ob man 1936 öffentlich gegen die Nazis Stellung beziehen sollte. "Sie fand, dass Thomas Mann nicht einfach in ein Land fahren kann, wo er in den letzten Jahren so übel publizistisch beschimpft worden war", erklärt die Mann-Expertin.

Schicksalsschlag: Tod des Bruders und Sohnes Klaus

Zu diesen Anfeindungen gehörten Drohbriefe von Westdeutschen; der Deutschlandbesuch im Jahr 1949 fand unter Polizeischutz statt. Erschwerend kam hinzu, dass es auch das Jahr war, in dem Klaus Mann Suizid beging. Als zweites Kind von Thomas und Katia Mann war Klaus ebenfalls ein engagierter antifaschistischer Autor, und Erika stand ihm außerordentlich nahe.

Zu den vielen Faktoren, die zu Klaus' tiefer Enttäuschung beitrugen, gehörte auch die Art und Weise, wie er in den USA behandelt worden war: Dort standen die Manns unter dem Verdacht, Kommunisten zu sein. Erika befürchtete, dass der vielbeachtete Aufenthalt ihres Vaters in Weimar als Legitimierung des Kommunismus wahrgenommen werden könnte.

Auch wenn Pawel Pawlikowskis "Vaterland" auf realen historischen Figuren basiert, ist die Handlung rein fiktiv. Auf seiner gut dokumentierten Reise von Frankfurt nach Weimar wurde Thomas Mann von seiner Frau Katia begleitet. Erika war nicht dabei - sie hatte sich bewusst dafür entschieden, die Reise durch ihr ehemaliges Heimatland zu boykottieren.

Adpation aus dem Englischen: Katharina Abel

Author Elizabeth Grenier
Item URL https://www.dw.com/de/vaterland-thomas-und-erika-mann-auf-einem-roadtrip/a-76984176?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Sandra Hüller und Hanns Zischler als Erika und Thomas Mann in "Vaterland"
Image source Agata Grzybowska/Mubi/AP Photo/picture alliance
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Item 64
Id 76836252
Date 2026-05-10
Title Weißer Wasserstoff: Der verborgene Schatz im Untergrund
Short title Weißer Wasserstoff: Der verborgene Schatz im Untergrund
Teaser In der Erdkruste lagern Billionen Tonnen natürlichen Wasserstoffs. Kann ein Geologe in Bayern diese saubere und günstige Energiequelle erschließen?
Short teaser In der Erdkruste lagert sehr viel natürlicher Wasserstoff. Kann ein Geologe in Bayern ihn erschließen?
Full text

In einem Wald in Nordbayern schreitet Jürgen Grötsch über Wurzeln und unter tiefhängenden Ästen hindurch. "Kaum jemand weiß von diesem Ort", sagt er und klingt dabei so geheimnisvoll wie stolz.

Tief im Boden unter seinen Füßen hat er einen Schatz entdeckt, der viele Millionen Euro wert ist. Mehr als das: Wenn er den Schatz geborgen bekommt, könnte das ein neues Kapitel in der Erzeugung sauberer Energie aufschlagen. Die Rede ist von Wasserstoff, der natürlicherweise und erneuerbar aus dem Boden strömt.

Grötsch ist Geologe. Nach Jahrzehnten beim Fossilkonzern Shell forscht er nun an der Universität Erlangen-Nürnberg. Im Wald hat er zwei Studenten dabei, denn das "Schnüffeln" nach Wasserstoff, wie Grötsch es nennt, ist mühsame Handarbeit. Sie hämmern ein Meter tiefes Loch in den Waldboden, führen einen Gassensor ein und warten darauf, was das Messgerät finden wird.

"Bemerkenswert", sagt Grötsch, während der Wasserstoffwert auf dem Display immer weiter ansteigt. Bei knapp über 500 parts per million bleibt er stehen. 0,05 Prozent der Gas-Probe bestehen aus Wasserstoff. "Das ist tausendmal mehr als in der Luft um uns", sagt Grötsch. Und für ihn die Bestätigung, dass er auf einen Wasserstoff-Jackpot gestoßen ist.

Das Dilemma mit Wasserstoff

Seit Jahren preisen Unternehmenschefs und Politiker wie die Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen oder Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche Wasserstoff als Lösung zur Dekarbonisierung der Wirtschaft an. Die hohe Hitze, die bei der Verbrennung entsteht, ist notwendig für energiehungrige Industrien wie Schifffahrt oder Stahlherstellung.

Anders als bei Öl, Erdgas oder Kohle entstehen dabei aber keine CO2-Emissionen, sondern nur Wasser. Laut der Internationalen Energieagentur könnte sich die weltweite Nachfrage deshalb bis 2050 verdreifachen.

Doch es gibt einen Haken: Sämtlicher heutiger Wasserstoff muss extra hergestellt werden - und das wiederum geschieht meist mit billigen, fossilen Brennstoffen. Nur weniger als ein Prozent wird als "grüner Wasserstoff" im teuren Elektrolyse-Verfahren hergestellt, angetrieben mit Strom aus Wind- und Solarkraft.

Kommt die Lösung aus der Tiefe?

Natürlicher Wasserstoff, auch "weißer Wasserstoff" genannt, hingegen entsteht auf natürliche Art in der Erdkruste - seit Milliarden Jahren.

"Ein Großteil des Erdmantels besteht aus eisenreichem Gestein", sagt Grötsch. "Wenn es bei Temperaturen von 200 bis 350 Grad Celsius mit Wasser in Kontakt kommt, zieht das Eisen den Sauerstoff aus dem Wasser - und übrig bleibt reiner Wasserstoff."

Durch diese Reaktion, "Serpentinisierung" genannt, entsteht ein Großteil der vermuteten Vorkommen von natürlichem Wasserstoff.

Forscher der US-amerikanischen Behörde US Geological Survey schätzen, dass weltweit 5,6 Billionen Tonnen in der Erdkruste lagern. Das meiste davon zu tief, um es zu erreichen, doch bereits zwei Prozent reichten aus, um den Wasserstoffbedarf der Menschheit für 200 Jahre zu decken, schreiben die Wissenschaftler in einer Studie aus dem Jahr 2024.

Als leichtestes aller Elemente kann Wasserstoff aus dem Erdmantel durch Risse bis an die Erdoberfläche aufsteigen. Ein Teil entweicht in die Atmosphäre, doch der Großteil sammelt sich in Reservoirs aus porösem Gestein, etwa Sandstein, eingeschlossen unter dichteren Gesteinsschichten.

Eine weltweite Schatzsuche

Dutzende Unternehmen weltweit suchen nach solchen Reservoirs. Doch nur an einem Ort - im Dorf Bourakébougou in Mali - wird natürlicher Wasserstoff bereits gefördert und lokal zur Stromerzeugung genutzt.

Die Fördermenge ist gering, etwa 49 Tonnen im Jahr. Zum Vergleich: Eine Erdgasbohrung liefert im gleichen Zeitraum Hunderte bis Tausende Tonnen. Doch der Fall in Mali beweist, dass die Gewinnung von natürlichem Wasserstoff technisch möglich ist - und die aufwendige Herstellung überflüssig machen könnte.

Fast noch wichtiger: Der Wasserstoff fließt heute mit dem gleichen Druck aus der Quelle in Mali wie vor 14 Jahren, als die Anlage eröffnet wurde. "Technisch gesehen ist es eine erneuerbare Quelle, weil die Prozesse, die natürlichen Wasserstoff erzeugen, ständig weiterlaufen", sagt Kate Adie, Subsurface-Analystin beim Energieforschungs-Unternehmen Wood Mackenzie. Vorausgesetzt, es werde nicht mehr gefördert als sich im gleichen Zeitraum unter der Erde neu bilden kann.

In Bayern plant Jürgen Grötsch, natürlichen Wasserstoff für ein Euro pro Kilo zu verkaufen. Das entspräche dem Preis von Wasserstoff, der heute mit fossilen Brennstoffen hergestellt wird.

Ab 2030 will Grötsch jährlich 1000 Tonnen Wasserstoff aus einem bayerischen Reservoir in 1500 Metern Tiefe fördern. Das Gas solle von lokalen Unternehmen und Wärmenetzen genutzt werden, die zentral erzeugte Wärme an verschiedene Gebäude verteilen.

"Aus dem gleichen Reservoir wollen wir auch heißes Wasser fördern, mit dem man Häuser heizen kann", sagt der Geologe. Diese Geothermie sei das wirtschaftliche Rückgrat, falls das Geschäft mit dem Wasserstoff nicht funktioniert.

So einfach ist es (noch) nicht

Doch wie viele Pioniere auf diesem Gebiet steht auch Jürgen Grötsch vor einem rechtlichen Problem. Nur wenige Länder erkennen weißen Wasserstoff offiziell als natürliche Ressource an. Das macht es schwierig, an staatliche Fördermittel und Bohrgenehmigungen zu gelangen. Zumindest in Deutschland könnte weißer Wasserstoff noch 2026 per Gesetz anerkannt werden.

Die rechtlichen Blockaden schrecken wiederum private Investoren ab. Und bis auf wenige kleine Ausnahmen haben auch große Öl- und Gasunternehmen nicht in die Suche nach natürlichem Wasserstoff investiert.

"Sie lehnen sich zurück und lassen die Start-ups die Pioniere sein und das Risiko tragen", sagt Kate Adie. "Aber sobald eines dieser Start-ups eine kommerziell bedeutende Menge natürlichen Wasserstoffs produzieren kann, wird es einen Wettlauf um Fördergebiete geben."

Wood Mackenzies optimistisches Szenario sieht vor, dass bis 2050 jährlich 20 Millionen Tonnen natürlichen Wasserstoffs produziert werden könnten. Das wären laut der Schätzungen der IEA 6,7 Prozent des bis dahin benötigten Wasserstoffs.

"Es ist ein großes Abenteuer", sagt Grötsch, während er im Wald sein Werkzeug zusammenpackt. "Wir stehen da, wo die Öl- und Gasindustrie vor 150 Jahren stand. Wir beginnen eine neue Ära der Energieindustrie. Hoffentlich."

Redaktion: Sarah Steffen

Author Jonas Mayer
Item URL https://www.dw.com/de/weißer-wasserstoff-der-verborgene-schatz-im-untergrund/a-76836252?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Mit Messgeräten sucht der Geologe Jürgen Grötsch natürlichen Wasserstoff im Boden
Image source Florian Kroker/DW
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Item 65
Id 77095406
Date 2026-05-08
Title Faktencheck: Hantavirus ist keine neue Pandemie
Short title Faktencheck: Hantavirus ist keine neue Pandemie
Teaser Drei Tote nach Hantavirus-Infektionen auf einem Kreuzfahrtschiff – auf Social Media spekulieren Nutzer bereits über eine neue Pandemie. Was ist dran? Drei Behauptungen im Faktencheck.
Short teaser Tote nach Hantavirus-Infekten auf einem Kreuzfahrtschiff - im Netz kündigen Nutzer eine neue Pandemie an. Was ist dran?
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Hantavirus: Mehrere Infektionen auf einem Kreuzfahrtschiff, dazu ein Virusname, der der Öffentlichkeit noch nicht unbedingt bekannt war. Das reicht offenbar, um auf Social Media Erinnerungen an Corona wachzurufen, und um über eine neue Pandemie zu spekulieren.

Auslöser der Spekulationen ist die "Hondius", ein Kreuzfahrtschiff, das im April von Südargentinien aus gestartet war. Dort infizierten sich mehrere Menschen mit dem Hantavirus, genauer mit einer speziellen Virusvariante, dem Andes-Stamm. Drei Personen sind infolge der Infektion gestorben (Stichtag 7.5.2026), weitere Kontaktpersonen stehen derzeit unter Beobachtung.

Die DW hat drei virale Behauptungen über das Hantavirus einem Faktencheck unterzogen.

Videos aus der Corona-Pandemie

Behauptung: "Emmanuel Macron kündigt an, dass der Unterricht an Schulen und Universitäten aufgrund des Hantavirus ab Montag auf unbestimmte Zeit ausgesetzt wird", schreibt ein Nutzer auf der Plattform X. Auch andere Accountsteilten diese Behauptung mit einem Video von einer Ansprache des französischen Präsidenten. Die Posts wurden teils millionenfach gesehen.

DW Faktencheck: Falsch

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat diese Aussage tatsächlich einmal getroffen - allerdings im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, nicht mit dem Hantavirus. Eine Bilderrückwärtssuche zeigt: Das Original-Videostammt aus dem Jahr 2020 und wurde vom französischen Sender France 24 übertragen.

In der damaligen Fernsehansprachekündigte Macron Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie an. Dazu gehörten unter anderem die Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten oder Universitäten.

Aktuell gibt es keine Meldungen über Schulschließungen oder andere Maßnahmen wegen des Hantavirus. Die Nothilfekoordinatorin der WHO, Maria Van Kerkhoven, betonte in einer Pressekonferenz zum Infektionsgeschehen auf dem Kreuzfahrtschiff: "Die Situation ist nicht dieselbe wie vor sechs Jahren. [Das Hantavirus] Es verbreitet sich nicht auf dieselbe Weise wie Coronaviren. Dies ist nicht der Beginn einer Pandemie.".

Andesviren - eine Variante aus Südamerika

Behauptung: "Der Virusstamm wird von Mensch zu Mensch übertragen. Die Sterblichkeitsrate ist über 40 Prozent. Er ist bereits in den USA, Singapur, Großbritannien, der Schweiz, Südafrika, Kanada und den Niederlanden aufgetreten." Das schreibt ein Nutzerauf der Social Media Plattform X.

DW Faktencheck: Irreführend

Hantaviren kommen tatsächlich weltweit vor. Doch was der Nutzer hier macht, ist irreführend. Denn bei den auf dem Kreuzfahrtschiff vorkommenden Viren handelt es sich lediglich um den Andes-Stamm - die einzige Virusvariante des Hantavirus, die von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Der Nutzer vermischt in seiner Aussage hier verschiedene Virusvarianten, die sehr unterschiedlich sind.

In der Regel wird das Hantavirus vom Tier auf den Menschen übertragen. Die Ausnahme ist der Andes-Stamm, auf den sich der User hier bezieht und der auf dem Kreuzfahrtschiff kursiert.

Der Andes-Stamm des Hantavirus kann – anders als die meisten Hantaviren – von Mensch zu Mensch übertragen werden, hauptsächlich durch engen Kontakt. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO)können Infektionen in manchen Fällen schwerwiegend verlaufen, aber sie sind nicht leicht von Mensch zu Mensch übertragbar.

Weltweit treten nach WHO-Angabenjährlich etwa 10.000 bis über 100.000 Hantavirus-Infektionen auf. Die Viren unterscheiden sich je nach Region deutlich.

In Deutschland und weiten Teilen Europas verursachen sie meist mildere Erkrankungen. Die Sterblichkeitsrate liegt hier meist zwischen eins und 15 Prozent.

In Nord- und Südamerika treten Fälle seltener auf - meist nur einige hundert Fälle pro Jahr. Allerdings können dort schwere Lungenerkrankungen entstehen. Laut einer 2023 veröffentlichten Lancet-Studieverlaufen diese Fälle in etwa 30 bis 40 Prozent der Fälle tödlich.

Auf der Hondius handelt es sich nur um den Andes-Stamm, der sich auch von Mensch zu Mensch übertragen kann. Auf dem Schiff wurden bisher acht Fällegemeldet. Bei fünf der acht Fälle wurde eine Infektion mit dem Hantavirus bestätigt.

Fauci-Zitat ist erfunden

Behauptung: Ein anderer Social Media-Nutzer behauptet, dass der US-amerikanische Virologe Anthony Stephen Fauci wieder ins Rampenlicht rücke. Angeblich soll er gesagt haben: "Es könnte an der Zeit sein, wieder Masken zu tragen und Abstand zu halten." Die Behauptung hat etwa 1,3 Millionen Aufrufe auf der Plattform X.

DW Faktencheck: Falsch

Es gibt weder Medienberichte noch Hinweise darauf, dass der US-Virologe Anthony Fauci diese Aussage getroffen hat. Fauci war während der Covid-Pandemie ab Januar 2021 Chefberater von US-Präsident Joe Biden. Aufgrund seiner Analysen zur Corona-Pandemie geriet er immer wieder mit Trump aneinander und wurde zu einer Hassfigur der US-amerikanischen Rechten.

Eine Suche nach dem direkten Zitat ergibt keine Treffer. Hinzu kommt, dass der Account, der diese Behauptung verbreitete, sich selbst als Parodie-Accountbezeichnet - also offenbar bewusst auf die Sorgen und Ängste während der Corona-Pandemie anspielte.

Keine Übertragung durch Tröpcheninfektion

Unabhängig davon ist ein Vergleich mit der Corona-Pandemie nach wissenschaftlichem Stand irreführend. Hantaviren werden in der Regel nicht über Tröpfcheninfektionen übertragen, gegen die ein Mund-Nasen-Schutz eigentlich schützen soll. Die Ansteckungerfolgt meist vom Tier auf den Menschen.

Menschen infizieren sich etwa über die Ausscheidungen infizierter Nagetiere. Die Viren können auch in getrocknetem Zustand infektiös bleiben und über aufgewirbelten Staub eingeatmet werden. Möglich sind auch Infektionen durch kontaminierte Lebensmittel, verletzte Haut oder Tierbisse.

Eine Übertragung von Mensch zu Mensch gilt als selten und wurde bislang nur im sogenannten Andes-Stamm nachgewiesen. Dafür ist enger Körperkontakt erforderlich.

Anders war die Lage bei COVID-19. Das Corona-Virus verbreitete sich vor allem über Tröpfchen und Aerosole. Das Tragen einer Schutzmaskesollte deshalb das Risiko einer Ansteckung verhindern.

Author Silja Thoms
Item URL https://www.dw.com/de/faktencheck-hantavirus-ist-keine-neue-pandemie/a-77095406?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Vom Kreuzfahrtschiff ins Krankenhaus: Vor den Kapverdischen Inseln wurden mehrere Passagiere der "Hondius" mit Verdacht auf das Hantavirus evakuiert. Das Schiff ist mittlerweile auf dem Weg nach Teneriffa
Image source Misper Apawu/AP Photo/dpa/picture alliance
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Item 66
Id 77073717
Date 2026-05-08
Title Wie eine junge deutsche Hijabträgerin gegen die AfD kämpft
Short title Wie eine junge deutsche Hijabträgerin gegen die AfD kämpft
Teaser Als Miss-Germany-Kandidatin trug Büsra Sayed auf der Bühne einen Hijab. Das hat es noch nie gegeben - und missfiel der AfD. Doch die Unternehmerin konterte schlagfertig auf Instagram. Das Echo war überwältigend.
Short teaser Als Miss-Germany-Kandidatin trug Büsra Sayed auf der Bühne einen Hijab - zum Missfallen der AfD. Ihr Konter ging viral.
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Das Sprichwort "Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus" hat sich Büsra Sayed offenbar zu Herzen genommen. Denn sie hat es geschafft, aus einer Situation, die man als beleidigend oder traurig, in jedem Fall aber diskriminierend bezeichnen kann, einen großen Gewinn zu ziehen - wirtschaftlich, aber vor allem menschlich.

Was ist passiert?

Büsra Sayed hat im vergangenen März an der Wahl zur Miss Germanyteilgenommen und es bis in die Finalrunde geschafft. In diesem Wettbewerb geht es seit einigen Jahren nicht mehr nur ums Äußere, sondern um Empowerment - erfolgreiche Frauen stellen sich zur Wahl und sollen vor allem für ihre Persönlichkeit und ihre Leistungen ausgezeichnet werden. Büsra Sayed, 27 Jahre alt, ist Unternehmerin: Sie verkauft und trägt Hijabs.

Auch auf der Bühne der Miss-Germany-Wahl trug sie einen Hijab aus ihrer eigenen Kollektion. Das erregte in den deutschen Medien viel Aufmerksamkeit, denn Sayed war (gemeinsam mit einer zweiten Kandidatin) die erste Trägerin einer muslimischen Kopfbedeckung in der Geschichte des Wettbewerbs.

Wenige Tage später erreichte ihr Auftritt auch den Bundestag. In ihrer Rede zum Internationalen Tag der Frau empörte sich Beatrix von Storch, Abgeordnete der in Teilen rechtsextremen AfD: "Hijab im Miss-Germany-Finale. Und die eine hat nicht nur Hijab getragen, sie ist eine echte Hijab-Aktivistin. Sie vermarktet das."

Gemeint war Sayed. Von Storchs Fazit: "Wenn die Teilnahme so einer Islam-Aktivistin im Miss-Germany-Finale ein Fortschritt sein soll, dann leben wir in Absurdistan - und zwar in einem sehr gefährlichen Absurdistan."

Ein paar Wochen später erinnert sich Büsra Sayed im DW-Gespräch daran, was sie fühlte, als sie die Rede sah: "Tatsächlich war ich nicht schockiert. Ich habe mich sogar ein bisschen gefreut, weil ich mir dachte, noch mehr Sichtbarkeit für meine Mission, mit der ich bei Miss Germany angetreten bin, geht eigentlich gar nicht, als im Bundestag erwähnt zu werden."

Ihre Mission, die hatte sie vor dem Wettbewerb so formuliert: "Ich möchte bei Miss Germany eine Zukunft mitgestalten, in der Vielfalt sichtbar ist und jede Frau das Gefühl hat dazuzugehören. Auch mit Hijab. Nicht als Trend, sondern als Realität."

Virale Reaktion mit "AfD-Rabattcode"

Auf Beatrix von Storchs Rede reagierte Sayed in den Sozialen Medien - in ihrem bei ihren Followern schon bekannten Stil: mit Humor. Auf Instagram und TikTok erklärte sie, ihre "Freundin" von der AfD mache das erste Mal Werbung für sie und ihre Marke im Bundestag, "deswegen seid gefälligst nett zu ihr.” Nach einem Redeausschnitt endet Sayed mit dem Hinweis: "Das war ihre erste Kooperation, deshalb hat sie den Rabattcode vergessen: ‘AfD10', damit spart ihr zehn Prozent auf alle Hijabs."

Das Echo war enorm, das Reel hat inzwischen allein auf Instagram sechs Millionen Views. "Die Menschen haben nicht nur in den Kommentaren ihre Solidarität gezeigt, sondern auch bei uns im Shop, obwohl sie nicht muslimisch sind", erzählt Sayed. "Nicht-muslimische Frauen und Männer haben auf einmal Hijabs bestellt. Wir hatten Kommentare von christlichen Pfarrerinnen, die gesagt haben, wir bestellen jetzt auch Hijabs, einfach aus Solidarität. Das war total überwältigend."

Riesige Community

Sayeds Account hat mittlerweile mehr als 160.000 Follower. "Es sind viele tolle neue Menschen dazugekommen in meine Community, darauf bin ich sehr, sehr stolz. Und unser Hijab "AfD Blue" (den sie spontan ins Sortiment genommen hatte, Anm. d. Red.) ist mittlerweile fast ausverkauft."

Dabei ging es der Unternehmerin, das betont sie, mit diesen Reels gar nicht um Umsatzsteigerung. Sie nutzt die neu gewonnene Aufmerksamkeit für ihren Kampf gegen Diskriminierung. "Je näher Menschen in einer vielfältigen Gesellschaft zusammenrücken und je mehr Gleichberechtigung entsteht, desto mehr wird auch um diese neue Gleichheit gestritten,” schreibt sie auf Instagram und fordert einen ehrlichen Dialog.

Hass mit Liebe begegnen

Natürlich gab es nicht ausschließlich positives Feedback. Auch AfD-Anhänger finden sich in den Kommentaren. Für Büsra Sayed nichts Neues: "Ich habe ganz früh schon Hass-Kommentare bekommen, Diskriminierungserfahrungen gemacht. Und ich wusste damals als junge Büsra nicht, wie ich damit umgehen soll", erzählt sie. "Ich bin förmlich in eine Schockstarre verfallen, war nicht schlagfertig, war ängstlich. Aber für mich war klar, ich muss eine Art und Weise finden, damit umzugehen, denn es wird nicht von heute auf morgen aufhören, leider." Auf Hass reagiere sie mit Liebe - "aber die Grenze ziehe ich bei Gewaltandrohungen. Die bringe ich zur Anzeige, das ist ganz klar."

Auf Einladung der SPD-Abgeordneten Rasha Nasr hat sie kürzlich den Bundestag besucht. Natürlich gibt es auch darüber ein Reel.

Es waren aufregende Wochen für Büsra Sayed. Mit etwas Abstand blickt sie positiv auf die Erfahrung: "Es hat mir - und vielen anderen Menschen auch - Hoffnung gegeben zu sehen, wie viele Menschen laut waren und Zusammenhalt gezeigt haben. Sonst hört man nur die negativen Stimmen, weil die normalerweise lauter sind", sagt Büsra Sayed. "Von diesem Zusammenhalt brauchen wir definitiv mehr. Wir müssen sichtbar sein und gemeinsam gegen rechts wirken."

Author Katharina Abel, Kevin Santy
Item URL https://www.dw.com/de/wie-eine-junge-deutsche-hijabträgerin-gegen-die-afd-kämpft/a-77073717?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/77076680_607.jpg
Image caption Büsra Sayed trägt Hijab - das gefällt nicht allen
Image source Jens Kalaene/dpa/picture alliance
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Item 67
Id 77056576
Date 2026-05-07
Title ESC 2026: Zwischen Politik und Megashow
Short title ESC 2026: Zwischen Politik und Megashow
Teaser Streit um Israels Teilnahme und Boykotte in nie dagewesenem Umfang: Der Eurovision Song Contest in Wien steht schon vor dem Start unter Druck und zeigt, wie politisch Europas größte Musikshow geworden ist.
Short teaser Der ESC in Wien steht schon vor dem Start unter Druck und zeigt, wie politisch Europas größte Musikshow geworden ist.
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Der Eurovision Song Contest 2026 in Wien ist noch nicht gestartet - und steht trotzdem seit Monaten im Zentrum heftiger Debatten. Es geht weniger um die großen Pop-Inszenierungen als um die politischen Spannungen, die, obwohl es seit Jahren heißt, der Wettbewerb sei unpolitisch, immer schwerer zu ignorieren sind.

2015 war Wien zum letzten Mal Austragungsort des ESC. Und nun kehrt der Wettbewerb im 70. Jubiläumsjahr in eine Stadt zurück, die für Kultur und Vielfalt steht. Die Erwartungen sind hoch: Der Contest soll verbinden und ein Zeichen für Offenheit setzen. Das Motto lautet "United By Music - (In) The Heart Of Europe"

Doch genau das wird zu einer Herausforderung, die von Jahr zu Jahr wächst - parallel zu den politischen Krisen, die einige Teilnehmerländer betreffen.

Israel im Fokus von Protesten

Wie schon in den vergangenen Jahren steht Israel besonders im Fokus. Vor dem Hintergrund des Gaza-Kriegs fordern Aktivisten und Teile der Kulturszene erneut einen Ausschluss oder Boykott des Landes. Zuletzt unterschrieben mehr als 1100 Künstlerinnen und Künstler einen offenen Brief mit einer deutlichen Botschaft: Kein ESC, solange Israel dabei ist. Unterstützer der Initiative "No Music For Genocide" sind unter anderem internationale Stars wie Peter Gabriel, Massive Attack, Roger Waters, Macklemore oder Brian Eno.

Dagegen hatten rund 1.100 Mitglieder aus dem Showbusiness, darunter Helen Mirren, Amy Schumer und Gene Simmons, Ende April einen offenen Brief der pro-israelischen Initiative "Creative Community for Peace" unterzeichnet, in dem sie sich für die Teilnahme Israels aussprechen. "Wir sind schockiert und enttäuscht darüber, dass einige Mitglieder der Unterhaltungsbranche fordern, Israel wegen seiner Reaktion auf das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust vom Wettbewerb auszuschließen", heißt es in dem Schreiben.

Die Wiener Polizei rechnet besonders am Finaltag mit Stör- und Blockadeaktionen. Für den 16. Mai sei bisher eine Demonstration mit rund 3000 erwarteten Teilnehmern aus dem pro-palästinensischen Umfeld angemeldet worden, gab sie bekannt. Es sei aber von weiteren Aktionen auszugehen. Auch aus dem Ausland würden wohl Demonstranten anreisen.

Israel, das den Sänger Noam Bettan mit "Michelle", einem auf den ersten Blick gewöhnlichen Herzschmerz-Popsong, nach Wien schickt, soll jedoch nicht ausgeschlossen werden, da hält die European Broadcasting Union (EBU) an ihrer Linie fest: Der Wettbewerb sei ein Zusammenschluss von Rundfunkanstalten, nicht von Regierungen. Damit bleibt Israel Teil des ESC.

Selbst ein Big-Five-Land boykottiert den ESC

Einige Länder haben daher deutliche Konsequenzen gezogen: Irland, die Niederlande, Slowenien und Island - alles ESC-Veteranen - bleiben dem Wettbewerb fern. Auch Spanien hat sich dem Boykott angeschlossen, und damit ist eines der sogenannten Big Five-Länder (welche die größten Geldgeber des ESC sind) in diesem Jahr nicht dabei. Das gab es so noch nie.

Zudem wird der ESC in einigen Ländern nicht im TV übertragen. Das größte Musikevent der Welt, das zuletzt weltweit fast 170 Millionen Zuschauer vor die Bildschirme lockte, wird in diesem Jahr weniger Publikum bekommen.

Kritik am rumänischen Beitrag

Neben geopolitischen Themen sorgte zwischenzeitlich auch der rumänische Beitrag für Diskussionen. Das Lied "Choke Me" (in etwa: "Würge mich") von Alexandra Căpitănescu zeige "eine alarmierende Missachtung der Gesundheit und des Wohlbefindens junger Frauen", wird eine Rechtsprofessorin im "Guardian" zitiert. Căpitănescu singt unter anderem: "Alles, was ich brauche, ist deine Liebe, ich möchte, dass es mich würgt". Nach den Vorwürfen der Gewaltverherrlichung erklärte die Sängerin auf Reddit, dass "Choke Me" eine Metapher sei - für den Druck und die inneren Ängste, die man sich selbst auferlege; Titel und Refrain seien nicht wörtlich zu nehmen.

Die Reaktionen zeigen, wie sensibel das Umfeld geworden ist. Was früher als schrille Inszenierung durchgegangen wäre, wird heute genau durchleuchtet und interpretiert. Inzwischen aber hat sich die Aufregung um den Song gelegt - die ersten Proben sind vorbei, in wenigen Tagen beginnt das Spektakel.

Ukraine: Verbindung nach Deutschland

Die ukrainische Sängerin Viktoria Leléka tritt mit einem Song an, der in Berlin entstanden ist und mit einer Mischung aus Ethnopop und Musical die Herzen der ESC-Fans erobern möchte. In einem ARD-Interview erzählte sie, wie sehr sie Deutschland und seine Sprache mag, und wie wichtig es ihr ist, in einer Zeit der russischen Aggression gegen ihr Land ihrer Heimat und deren vielfältiger Kultur eine Stimme zu geben.

Die Ukraine gehört zu den erfolgreichsten Ländern des Wettbewerbs und gilt fast immer als Finalkandidat, zuletzt hatte das Kalush Orchestra mit "Stefania" den Wettbewerb 2022 gewonnen. In Zeiten politischer Spannungen wird Lelékas Beitrag "Ridnym" besonders aufmerksam verfolgt. Der Song beschreibt eine innere Transformation, den Umgang mit Angst und die Kraft, auch in ausweglosen Situationen Hoffnung zu schöpfen.

Favoriten und Trends

Musikalisch zeichnet sich ein typisches ESC-Jahr ab: große Emotionen, starke Bühnenbilder und immer wieder tanzbarer explosiver Elektropop.

Neben den üblichen Favoriten wie Dauerbrenner Schweden, Italien oder Frankreich hat sich in den vergangenen Tagen ein neuer Topact herausgeschält: Griechenland schickt den Künstler Akylas mit "Ferto" (in etwa "Gib her!") ins Rennen - mit einem treibenden Technosong, in dem es um unendlichen Konsum geht. Der Beitrag schnellt bei den Buchmachern nach oben - ob er sich dort hält, wird am kommenden Dienstag (12.05.) das erste Semifinale zeigen, dann wird Akylas den Song live performen.

Finnland steht mit dem Pop-Klassik-Duo Linda Lampenius x Pete Parkkonen ebenfalls im ersten Semifinale und auch diese beiden können sich gute Chancen auf den Sieg ausrechnen.

Für Österreich als Gastgeber und auch für Big-Five-Mitglied Deutschland sieht es dagegen nicht so gut aus, auch wenn beide traditionell fürs Finale gesetzt sind. Dieses wird am 16. Mai stattfinden und weltweit Millionen Zuschauer vor die Bildschirme locken.

ESC Asia - ein weiterer Ableger

Während Europa sich auf Wien konzentriert, richtet sich auch der Blick nach Asien: Am 14. November soll in der thailändischen Hauptstadt Bangkok der erste Eurovision Song Contest Asia stattfinden. Zehn Länder, darunter die Philippinen, Südkorea und Vietnam, haben bereits zugesagt.

Ein Versuch, den Contest in den USA zu etablieren, ist gescheitert. Der American Song Contest 2022 blieb eine einmalige Angelegenheit.

Dieser Artikel vom 05. Mai wurde am 07. Mai um einen Absatz zum offenen Brief von "Creative Community for Peace" ergänzt.

Author Silke Wünsch
Item URL https://www.dw.com/de/esc-2026-zwischen-politik-und-megashow/a-77056576?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Nach elf Jahren ist der Eurovision Song Contest wieder zurück in Wien
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Item 68
Id 77056612
Date 2026-05-06
Title Pflanzen können "hören": Regengeräusche wecken Samen
Short title Pflanzen können "hören": Regengeräusche wecken Samen
Teaser Viele Menschen stellen sich Regengeräusche zum Einschlafen an. Für bestimmte Samen kurz vor dem Keimen läuft es genau umgekehrt: Sie werden bei Regen erst wach.
Short teaser Forschende haben herausgefunden, dass Reissamen auf die Vibration von Regentropfen reagieren und eher keimen.
Full text

Während sanftes Regenprasseln auf die meisten von uns eine beruhigende Wirkung hat, kann dasselbe Geräusch für Samen, die darauf warten zu keimen, ein Weckruf sein.

Pflanzen reagieren auf eine Vielzahl von Umweltreizen - einige auf Berührung, andere auf Chemikalien und die meisten auf Licht.

Nun haben Forschende am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den Vereinigten Staaten herausgefunden, dass manche Samen direkt auf das Geräusch fallenden Regens reagieren, indem sie schneller keimen.

Tatsächlich scheint es so, als würden Samen das Umweltsignal des Regens - das sie durch die erzeugten Vibrationen spüren oder "hören" - nutzen, um zu entscheiden, dass der richtige Zeitpunkt zum Keimen gekommen ist.

Wie Samen auf Regen reagieren

Die Forschenden am MIT führten Versuche mit Reissamen durch. Sie fanden heraus, dass akustische Schwingungen von Regentropfen die Samen aus ihrer Keimruhe rüttelten und sie dazu veranlassten, früher zu keimen, als sie es sonst getan hätten.

Ihre Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht. Sie liefern den ersten direkten Hinweis darauf, dass Pflanzensamen Geräusche wahrnehmen und darauf reagieren können.

Die Forschenden setzten Tausende von Reissamen kontrollierten Wassertropfen aus, die Regenfälle unterschiedlicher Intensität nachahmten, von leicht bis stark. Die Samen wurden in seichtes Wasser getaucht - Bedingungen, wie sie für den Reisanbau typisch sind.

Die Ergebnisse waren verblüffend. Samen, die dem Geräusch fallender Tropfen ausgesetzt waren, keimten 30 bis 40 Prozent schneller als Samen, die von Stille umgeben waren.

Alles eine Frage der Physik

Wenn ein Regentropfen auf Wasser oder eine feste Oberfläche trifft, erzeugt der dadurch entstehende Druck Schwingungen oder Druckwellen, die sich ausbreiten und als Schall wahrgenommen werden können. Im Wasser, also zum Beispiel auf einem Reisfeld, können diese Schwingungen besonders intensiv sein.

Nicholas Makris vom MIT, der die Studie gemeinsam mit seiner Kollegin Cadine Navarro verfasste, verglich die von den Samen aufgefangenen Druckwellen, nur wenige Zentimeter vom Aufprallpunkt eines Regentropfens entfernt, mit "dem Geräusch, das ein Mensch in der Luft wenige Meter von einem Düsentriebwerk entfernt hört".

Samen hören Regen nicht wirklich - sie spüren ihn eher

Der Begriff "Hören" suggeriert, dass es einen Teil der Pflanze gibt, der zuhört und entsprechend bewusst reagiert. Auch wenn das so nicht ganz stimmt - ein Körnchen Wahrheit enthält diese Vorstellung doch.

Frantisek Baluska, emeritierter Professor für Pflanzenphysiologie und Zellbiologie an der Universität Bonn, der nicht an der MIT-Studie beteiligt war, verweist auf andere Forschungsergebnisse, die darauf hindeuten, dass Pflanzensamen sogenannte Entscheidungszentren haben könnten. Diese Entscheidungszentren werden manchmal als winzige "Pflanzengehirne" beschrieben.

"Wir wissen, dass Pflanzen echte Lebewesen sind", sagt Baluska der DW. "Pflanzen erweisen sich zunehmend als kognitive Organismen."

Ähnlich wie bei der Vorstellung, dass Pflanzen Regen "hören" können, denken Pflanzen nicht so, wie wir Menschen uns "Denken" vorstellen. Es sei jedoch möglich, so Baluska, dass Samen anhand einer Art "kognitiven Bewertung" über die Keimung entscheiden.

Die Rolle von Schwerkraftsensoren bei der Keimung

Makris und Navarro glauben, dass die Vibrationen der fallenden Regentropfen auf winzige innere Strukturen einwirken, die als Statolithen bekannt sind. Dabei handelt es sich um dichte, sandartige Organellen im Inneren von Pflanzenzellen, die dabei helfen, die Schwerkraft zu erkennen.

Statolithen lagern sich am Boden der Zellen ab, von wo aus sie es einem Samen ermöglichen zu erkennen, wo oben und wo unten ist - so wachsen Wurzeln nach unten und Stängel nach oben.

Die Forschungsergebnisse des Teams deuten jedoch darauf hin, dass die Energie der durch Regen verursachten Schwingungen die normale Funktion der Statolithen stört.

"Wenn der Samen durch eine Schallwelle erschüttert wird, wird die Statocytenzelle [der Schwerkraftsensor, die Red.] erschüttert, und die Statolithen im Inneren der Zelle werden verschoben, genau wie Salz in einem Salzstreuer", erklärt Makris gegenüber der DW. "Diese Störung kann eine Wachstumsreaktion auslösen."

Regengeräusche hilfreich beim Finden der idealen Keimposition

Samen, die auf diese Schwingungen reagieren, befinden sich wahrscheinlich nahe der Oberfläche - wo Feuchtigkeit verfügbar ist, und nicht so tief, dass die austreibenden Triebe das Licht nicht erreichen können. Das bedeutet, dass das Geräusch des Regens ihnen helfen könnte, einzuschätzen, ob sie sich in einer idealen Position zum Wachsen befinden.

"Das menschliche Gehör ist so angepasst, dass es für den Menschen von Vorteil ist", sagt Makris. "Was wir bei den Pflanzensamen und Keimlingen beobachtet haben, ist offenbar auch für sie von Vorteil."

Laut Makris sei es ziemlich wahrscheinlich, dass auch Samen anderer Pflanzen auf ähnliche Weise auf das Geräusch von Regen reagieren wie Reissamen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Englisch.

Author Richard Connor
Item URL https://www.dw.com/de/pflanzen-können-hören-regengeräusche-wecken-samen/a-77056612?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Bestimmte Samen können Regenfall spüren, fanden Forschende am MIT heraus
Image source Hans-Joachim Schneider/CHROMORANGE/picture alliance
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Item 69
Id 55585604
Date 2026-05-04
Title Hantavirus auf Kreuzfahrt: Ansteckung, Symptome, Therapie
Short title Hantavirus auf Kreuzfahrt: Ansteckung, Symptome, Therapie
Teaser Drei Menschen starben auf einem Kreuzfahrtschiff im Atlantik, mutmaßlich am Hantavirus. Bei zwei Personen wurde die gefährliche Unterart Andes-Virus nachgewiesen. Was sind die Symptome und wie steckt man sich an?
Short teaser Hantavirus-Alarm auf einem Kreuzfahrtschiff im Atlantik: Was sind die Symptome der Krankheit und wie steckt man sich an?
Full text

Auf einem Kreuzfahrtschiff auf der Fahrt von Argentinien nach Kap Verde sind drei Reisende, ein niederländisches Paar und eine Deutsche, nach einem Hantavirus-Ausbruch verstorben. Ein 69-Jähriger, der sich ebenfalls mit dem Virus infizierte, wird nach Medienberichten in Südafrika intensivmedizinisch behandelt. Auch einige Crewmitglieder sind schwer erkrankt. Die Weltgesundheitsorganisation geht von insgesamt acht infizierten Hantavirus-Fällen aus. Drei konnten bisher nachgewiesen werden.

"Das Risiko für die allgemeine Öffentlichkeit bleibt niedrig", verkündete das Büro für die europäische Region der Weltgesundheitsorganisation in einer Pressemitteilung am Montag. "Es gibt keinen Grund zur Panik oder für Reise-Einschränkungen."

Am Mittwoch wurde bekannt, dass die verstorbene Niederländerin und der Patient, der aktuell in Südafrika behandelt wird, am Andes-Virus erkrankten. Diese Art des Hantavirus ist die einzige, die von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Sie hat eine höhere Sterblichkeitsrate als die meisten anderen Hantavirus-Arten.

Das betroffene Kreuzfahrtschiff ist die "Hondius" des niederländischen Betreibers Oceanwide Expeditions. Bei der Reise waren 149 Passagiere und Crewmitglieder an Bord.

Was ist das Hantavirus und wie steckt man sich an?

Das Hantavirus ist eine Zoonose. Es wird vom Tier auf den Menschen übertragen, mit Ausnahme des Andes-Virus. Diese Art kommt in Chile und Argentinien vor, wo sich die Kreuzfahrtpassagiere mutmaßlich infizierten. Für die Ansteckung ist enger, länger andauernder Kontakt zu einer erkrankten Person nötig.

Die natürlichen Wirte der Hantaviren sind hauptsächlich verschiedene Maus- und Rattenarten. Die Viren wurden aber auch schon bei Maulwürfen und Fledermäusen entdeckt. Die Erreger werden von infizierten Tieren über Speichel, Urin und Kot ausgeschieden.

Der Mensch infiziert sich über den Kontakt mit Ausscheidungen von infizierten Nagern - etwa, wenn kontaminierter Staub aufgewirbelt und die Erreger eingeatmet werden. Auch, wer Partikel mit der Nahrung aufnimmt, oder sich zum Beispiel nach Kontakt mit kontaminiertem Staub die Augen wischt oder die Nase putzt, kann erkranken. Die Viren können in der Umwelt mehrere Wochen überdauern. Ein direkter Kontakt mit erkrankten Tieren ist also gar nicht nötig, aber man kann sich auch durch den Biss eines infizierten Nagers anstecken.

Welche Symptome sind typisch?

Der Schweregrad des Verlaufs hängt von der Art des Hantavirus ab. Hantavirus-Arten, die in Europa und Asien auftauchen, verursachen normalerweise grippeähnliche Infektionen, mit über drei bis vier Tage anhaltendem hohen Fieber (über 38 Grad Celsius) sowie Kopf-, Bauch- und Rückenschmerzen, einige Erkrankte zeigen aber auch keine Symptome. In einigen Fällen kann sich die Erkrankung zu einem hämorrhagischen Fieber mit renalem Syndrom entwickeln. Es kann es zu Blutdruckabfall und Nierenfunktionsstörungen bis zum akuten Nierenversagen kommen. Laut der Online-Ausgabe des MSD Manuals für Patienten, einem medizinischen Handbuch der Pharmafirma Merck Sharp & Dohme, führt das hämorrhagische Fieber mit renalem Syndrom bei bis zu 15% der Patientinnen und Patienten zum Tod. Die Sterblichkeitsrate variiert je nach Art des Hantavirus.

Hantavirus-Arten, die in Nord- und Südamerika auftauchen, können ein pulmonales Syndrom auslösen. Dabei sammelt sich Flüssigkeit um die Lunge und der Blutdruck fällt; es kann zu schwerer Atemnot kommen. Bei rund 50% der Erkrankten führt das pulmonale Syndrom laut MSD Manual zum Tod.

Hantavirus in Deutschland

Hantaviren sind in Deutschland schon über viele Jahre bekannt. Zwischen 200 und 3000 Fällen treten üblicherweise pro Jahr auf.

Die Hantavirus-Art, die in Deutschland am häufigsten auftritt, ist das Puumalavirus. Dafür ist die Rötelmaus der häufigste Reservoirwirt. Bei dieser Hantavirus-Art liegt die Sterblichkeitsrate laut einer Studie im Fachblatt Lancet bei nur rund 1%.

Daneben sind in Deutschland humane Infektionen mit dem Dobrava-Belgrad-Virus beschrieben worden. Während das Puumalavirus ausschließlich im westlichen Teil Deutschlands vorkommt, ist die Verbreitung des Dobrava-Belgrad-Virus wegen des Vorkommens der Brandmaus als Reservoirwirt auf den östlichen Teil Deutschlands beschränkt. Auch das Seoulvirus löst in Deutschland vereinzelt Hantavirus aus.

Langzeiteffekte und Behandlung des Hantavirus

Jüngste Studien zeigen, dass das Hantavirus auch nach Abklingen der akuten Infektion gesundheitliche Folgen haben kann. Forschende haben herausgefunden, dass Erkrankte in den Jahren nach der Infektion ein erhöhtes Risiko für bestimmte Arten von Blutkrebs und für Herzkreislauf-Erkrankungen hatten. Die Mechanismen dahinter sind laut der Lancet-Studie noch nicht geklärt.

Die Behandlung des Hantavirus beschränkt sich im Wesentlichen auf die Behandlung der Symptome. Schwere Krankheitsverläufe können Dialyse oder künstliche Beatmung erfordern. In Europa sowie Nord- und Südamerika gibt es noch keine Impfungen gegen das Hantavirus. In China und Südkorea werden Impfstoffe eingesetzt, ihre Effizienz konnte laut der Lancet-Studie jedoch noch nicht wissenschaftlich belegt werden.

An neuen Therapien wird geforscht. Eine experimentelle Behandlungsmethode, die auf Antikörpern von Überlebenden beruht, konnte in ersten Versuchen verschiedene Hantavirus-Arten erfolgreich neutralisieren.

DNA-Impfstoffe gegen beispielsweise das Puumalavirus zeigten sich in ersten Versuchen bei Menschen als erfolgversprechend. Die Forschenden veröffentlichten ihre Ergebnisse im Fachblatt npj Vaccines im November 2024.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich am 4. Mai 2026 veröffentlicht. Am 5. Mai haben wir ihn mit neuen Informationen zu den verstorbenen und erkrankten Reisenden aktualisiert. Am 7. Mai haben wir Information zu den bestätigten Fällen des Andes-Virus hinzugefügt.

Author Hannah Fuchs, Carla Bleiker, Esteban Pardo
Item URL https://www.dw.com/de/hantavirus-auf-kreuzfahrt-ansteckung-symptome-therapie/a-55585604?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Diagnose des Andes-Hantavirus am Malbrán-Institut in Argentinien
Image source Argentine Health Ministry/AFP
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Item 70
Id 76813072
Date 2026-04-24
Title Energiekrise und Irankrieg: Schaffen Staaten nun den Ausstieg aus Öl und Gas?
Short title Neue Initiative: Schaffen Staaten den Ausstieg aus Öl & Gas?
Teaser In Kolumbien beraten mehr als 50 Staaten über einen praktischen Fahrplan zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Kann die Konferenz schaffen, was beim UN-Klimagipfel COP bisher nicht gelang?
Short teaser Über 50 Staaten beraten in Kolumbien über einen Fahrplan zum Ende von Öl und Gas. Was kann die Konferenz bringen?
Full text

Es ist der Beginn einer "neuen diplomatischen, politischen Bewegung" , zumindest in den Augen von Cristián Retamal.

Als wir mit dem ehemaligen Unterhändler für die chilenische Regierung bei internationalen Klimaverhandlungen sprechen, ist er auf dem Sprung nach Santa Marta in Kolumbien .

Dort findet vom 24. bis 29. April die erste weltweite Konferenz zum Ausstieg es aus den fossilen Brennstoffen statt.

Über 50 Länder schicken ihre Minister und Diplomaten zu dem Treffen.

Das Ziel ist im Idealfall ein Fahrplan, wie genau die Abhängigkeit von Fossilen Brennstoffen verringert werden kann, und wie der Ausstieg bestmöglich gelingt. Und vor allem: welche rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen dafür notwendig sind.

Die Konferenz findet auf Einladung der Niederlande und Kolumbiens statt, nachdem sich bei der UN-Klimakonferenz COP30 in Brasilien im vergangenen November ein breites Bündnis von mehr als 80 Ländern für einen Fahrplan zum Ausstieg gebildet hatte. Damals scheiterte der Vorschlag am Veto einiger Öl-Länder.

Am Ende konnte man sich beim Klimagipfel nicht einmal auf ein allgemeines Bekenntnis zur Abkehr von Kohle, Öl und Gas einigen – der Hauptursache für den Klimawandel.

"Wenn man sich die Geschichte ansieht, wurde das Thema Klima in den 90er Jahren auf UN-Ebene zu einem Thema, weil einige Länder beschlossen hatten, sich damit zu befassen und darauf zu drängen," so Retamal.

Von der Konferenz in Kolumbien könnte, so denkt er, möglicherweise eine Signalwirkung für einen Fahrplan zum Fossil-Ausstieg ausgehen.

Beispiellose "Allianz der Willigen"

Die kolumbianische Umweltministerin Irene Vélez Torres nennt das Treffen "beispiellos". Denn zu den teilnehmenden Ländern gehören nicht nur vom Klimawandel besonders gefährdete Inselstaaten im Pazifik, sondern auch große Öl- und Gasländer wie Kanada, Australien, das Vereinigte Königreich oder Norwegen.

Auch Deutschland und einige Länder der europäischen Union, sowie die EU-Kommission schicken Gesandte.

Als "historische" Konferenz bezeichnen auch einige Nichtregierungsorganisationen das Treffen bereits vorab.

Ob historisch oder beispiellos, was die Konferenz sicherlich ist: ein Treffen der Allianz der Willigen.

Schluss mit Subventionen für Fossile?

"Es ist Zeit für die Umsetzung, keine Diskussionen mehr über Ziele," so ein Sprecher des niederländischen Ministeriums für Klima und grünes Wachstum.

Die Niederlande wollten ihr Versprechen einhalten, sich von fossilen Brennstoffen zu verabschieden. Konkret wolle man darauf hinarbeiten, wie "eine Verringerung von Angebot und Nachfrage" zu erreichen sei.

Demnach ist die Allianz der Willigen unter anderem ein Zusammenschluss "für den Ausstieg aus den Subventionen für fossile Brennstoffe".

Zwar haben erneuerbare Energie weltweit massiv zugelegt, eine globaler Rückgang der Fossilen und damit auch bei der weltweiten Emissionen wird aber erst in den kommenden Jahren erwartet. Derzeit werden fossile Brennstoffe weltweit immer noch mit rund 0.92 Trillionen US-Dollar subventioniert. Das führt auch dazu dass Öl, Benzin und Kohle als preislich attraktiver erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind.

Eine neue diplomatische Bewegung für den Ausstieg

Zum anderen befeuert das Verbrennung von fossilen massiv die Erderwärmung. Zunehmende Hitze und Starkregen, heftigere Stürme oder Überschwemmungen sind nur einige Folgen, die dadurch immer extremer und teurer werden. Das verursacht schon heute schwere Schäden für die Menschen und Volkswirtschaften weltweit.

Aktuell zeigt der Irankrieg und die dramatisch hohen Öl- und Gaspreise und Lieferengpässe die Verwundbarkeit von Ländern, die auf fossile Brennstoffe angewiesen sind oder auf die Erlöse durch deren Verkauf.

"Der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen verringert sowohl die Abhängigkeit von externen Faktoren als auch die Belastung durch giftige Schadstoffe, ermöglicht eine stabilere Entwicklung und stärkt Selbstbestimmung und Demokratie," sagt Lili Fuhr, Fossil Economy Program Director vom Center für internationale Umweltrecht (CIEL)

Seit Jahre warnen Experten vor zu großer Abhängigkeit von Kohle, Öl und Gas für die Wirtschaft. Beispielsweise wurde mit dem russische Angriff auf die Ukraine in Europa schlagartig das Gas knapp. Die aktuelle Lage zeigt, dass diese Abhängigkeit immer noch hoch ist.

"Die Konferenz wurde sicherlich nicht im Kontext der aktuellen Situation hoher Ölpreise ins Leben gerufen. Aber es ist heute sicherlich ein Schlüsselargument, um ernsthaft den Weg aus weg von fossilen Brennstoffen zu diskutieren," ergänzt Retamal.

Der Ausstieg aus Öl, Gas und Kohle ist komplex

Trotz der Euphorie unter Teilnehmern und Beobachtern sei dieses erste Treffen in Santa Marta "kein Allzweckreiniger oder ein Zauberstab", sagt Madeleine Wörner, Energieexpertin der deutschen Nichtregierungsorganisation Misereor.

Man werde es nicht schaffen alle Probleme und Blockaden, die sich über Jahrzehnte aufgebaut haben, sofort zu beheben.

Auch Retamal geht davon aus, dass es einige Jahre dauern könnte, bis es zu einem verbindlichen Fahrplan oder gar einem Abkommen unter den Ländern kommt.

Denn beim Ausstieg geht es nicht nur darum fossile durch erneuerbare Energien zu ersetzten. Auch Handels- und rechtliche Fragen sind zu klären. Beispielsweise könnte der schweizerische Rohstoffkonzern Glencore bei einem raschen Ausstieg den Fossilen den kolumbianischen Staat verklagen, erläutert Wörner.

Glencore gehört die größte Kohlemine Lateinamerikas, "El Cerrejón" in Kolumbien.

Durch übliche Klauseln in den internationalen Handelsverträgen für den Investitionsschutz ausländischer Firmen, sogenannten "Schiedsgerichtsverfahren" (ISDS) haben Konzerne die Möglichkeit Schadensersatzforderungen für entgangene Gewinne zu verlangen.

Das könnte beispielweise passieren, wenn Glencores Mine früher schließen muss als geplant. Das sei nicht nur teuer, sondern könne auch bilateralen Streit nach sich ziehen, sagt Wörner. Das Gute sei, dass auch Vertreter aus der Schweiz nach Santa Marta kommen und diese Dinge direkt besprochen werden könnten.

Deutschland schickt keinen Minister

Co-Gastgeber Niederlande wird seine Klimaminister schicken, Kolumbien ebenfalls. Die niederländische Regierung erwartet, dass auch Kolumbiens Präsident Gustavo Petro dabei sein werde. Für Deutschland wird Staatssekretär Jochen Flasbarth vom Umweltministerium anreisen.

"Schade, dass die Bundesregierung hier nicht auf höchster Ebene auftritt," findet Wörner. In der Bundesregierung gebe es derzeit unterschiedliche Auffassungen über die deutsche Klimapolitik, deshalb sei man laut der Beobachterin von Misereor derzeit eher "Mitläufer" als Gestalter.

Die Konferenz ist nicht als Verhandlung angelegt, sondern als Dialog. In den ersten Tagen wird ein breites Spektrum zivilgesellschaftlicher Gruppen mit Wissenschaftlern und privater Wirtschaft über Lösungen diskutieren. Die politischen Vertreter der Länder kommen dann für die letzten zwei Tage zu den Beratungen dazu. Danach wird klarer sein, was die neue Bewegung wirklich erreichen kann.

Author Tim Schauenberg
Item URL https://www.dw.com/de/energiekrise-und-irankrieg-schaffen-staaten-nun-den-ausstieg-aus-öl-und-gas/a-76813072?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Kann ein Ausstieg es aus den umweltschädlichen fossilen Brennstoffen gelingen?
Image source Roberto Pfeil/dpa/picture alliance
RSS Player single video URL https://rssplayer.dw.com/index.php?lg=de&pname=&type=abs&f=https://tvdownloaddw-a.akamaihd.net/vps/webvideos/DEU/2026/BUSI/BUSIDEU260303_DWICOAL_CMS_01SMW_AVC_640x360.mp4&image=https://static.dw.com/image/76897730_607.jpg&title=Energiekrise%20und%20Irankrieg%3A%20Schaffen%20Staaten%20nun%20den%20Ausstieg%20aus%20%C3%96l%20und%20Gas%3F

Item 71
Id 76810741
Date 2026-04-21
Title Magma unter der Toskana: Neue Hoffnung für die Energiewende
Short title Magma unter der Toskana: Neue Hoffnung für die Energiewende
Teaser Forschende haben unter der Region im Westen Italiens ein riesiges Magma-Reservoir entdeckt – dank einer Technologie aus der Erdbeben-Forschung. Die Methode könnte auch beim Auffinden Seltener Erden helfen.
Short teaser Forschende haben ein riesiges Magma-Reservoir entdeckt – dank einer Technologie aus der Erdbeben-Forschung.
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Es brodelt gewaltig: Unter den grünen Hügeln der Toskana in Italien haben Forschende eine riesige Magmakammer entdeckt. Das geothermale Reservoir umfasst rund 6000 Kubikkilometer – etwa das 120-fache des Volumens des Gardasees.

Das Besondere an diesem Fund: An der Oberfläche ist von dem riesigen Magma-Pool nichts zu sehen. Während Reservoire einer solchen Größenordnung anderswo durch Aktivitäten wie Vulkanausbrüche, Kraterbildung oder Geysire auf sich aufmerksam machen, sieht man in der pittoresken italienischen Region rein gar nichts von der heißen Gesteinsschmelze im Untergrund.

Ein Team von Forschenden der Universität Genf in der Schweiz entdeckte die Magmakammer und veröffentlichte seine Ergebnisse im April in dem renommierten Fachblatt Nature. "Wir wissen, dass diese Region, die sich vom Norden in den Süden der Toskana erstreckt, geothermal aktiv ist", sagt Matteo Lupi aus dem Bereich Earth Sciences der Universität Genf, leitender Autor der Studie. "Aber uns war nicht klar, dass dort so ein großes Volumen an Magma liegt, das sich mit Supervulkan-Systemen wie dem unter Yellowstone [einem Nationalpark im Westen der USA, Anm. d. Red.] vergleichen lässt."

Trotz ihrer Größe stellt die Magmakammer keine Gefahr für die Menschen in der Toskana dar. "Irgendwann in der Zukunft wird es hier wahrscheinlich zu einem Ausbruch kommen", sagte Lupi der DW. "Aber wir sprechen von geologischen Zeitmaßstäben. Dann leben dort wahrscheinlich schon gar keine Menschen mehr." Trotzdem ist der Fund von großem wissenschaftlichem Interesse.

Den Lärm der Erde aufzeichnen

Gefunden haben die Forschenden das Reservoir mithilfe einer Technik namens "ambient noise tomography", oder Umweltgeräusch-Tomografie. Sie wird bereits in der Seismologie, die sich mit der Entstehung und Verbreitung von Erdbebenwellen beschäftigt, eingesetzt.

"Wir nutzen dabei Mikrofone, die seismische Geräusche aufzeichnen", sagt Lupi. "Die Erde macht schließlich immer Lärm." Diese Geräusche kommen von menschlichen Aktivitäten, aber auch von natürlichen Vorgängen wie dem Wechsel der Gezeiten oder Wind.

Wenn diese Schallwellen besonders lange von einem Messpunkt zum nächsten brauchen, ist das ein Anzeichen dafür, dass das Gestein unter der Erdoberfläche einen hohen Flüssigkeitsanteil hat – wie das zum Beispiel bei Magma der Fall wäre. Die Forschenden in der Toskana stießen auf solch langsame Schallwellen bei der Auswertung der 60 Sensoren, die sie für die Studie platziert hatten. "Auf einer Tiefe von 8 bis 10 Kilometern waren die Wellen besonders langsam", erzählt Lupi. Dort stieß sein Team dann auf die Magmakammer.

Wertvoller Sprung nach vorn für die Energiewende

Durch die Analyse der Aufnahmen konnten die Forschenden 3D-Aufnahmen der Region unter der Erdoberfläche erstellen. Die Fähigkeit, solche Aufnahmen zu erstellen und mithilfe der Technologie heiße Magmakammern zu entdecken, ist für die Zukunft der Energiewende sehr wertvoll. Denn Erdwärme, oder Geothermie, wird immer wichtiger. Sie gehört zu den erneuerbaren Energien und ist – anders als etwa Solarenergie – wetterunabhängig.

Lupi sagt, dass Unternehmen jetzt schon die von ihm und seinem Team verwendete Tomografie-Technologie nutzen könnten, um festzustellen, wo es sich besonders lohnt, nach Erdwärme zu bohren. Das Verfahren sei schnell und koste nicht einmal viel. "Der einzige Knackpunkt ist, dass konservative Firmen sich auf keine Technologie einlassen wollen, die sie nicht verstehen", sagt der Forscher. "In Asien gibt es schon viele Firmen, die mit der Methode arbeiten. In der Schweiz ist das Umfeld konservativer, da wird sie noch nicht viel genutzt."

Seltene Erden auch durch Tomografie auffindbar

Umweltgeräusch-Tomografie kann auch dabei helfen, Ablagerungen von Lithium oder Seltenen Erden zu finden. Diese Rohstoffe sind in der heutigen Zeit von hohem Wert, weil sie zum Beispiel in E-Auto-Batterien oder Computerchips verbaut werden. Aktuell ist die Welt für Seltene Erden noch hauptsächlich von China abhängig, wo bisher die meisten Vorkommen des Rohstoffs entdeckt wurden.

Author Carla Bleiker
Item URL https://www.dw.com/de/magma-unter-der-toskana-neue-hoffnung-für-die-energiewende/a-76810741?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76796115_607.jpg
Image caption In der Toskana steht bereits das älteste Geothermie-Kraftwerk der Welt, Larderello
Image source Matteo Lupi/UNIGE
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Item 72
Id 76832163
Date 2026-04-18
Title Straße von Hormus: So gefährlich sind Seeminen
Short title Straße von Hormus: So gefährlich sind Seeminen
Teaser Seeminen stellen im Iran-Krieg eine große Gefahr für Schiffe im Persischen Golf dar. Räumung und Entschärfung sind riskant - und bisher können Unterwasser-Drohnen nur einen Teil der Arbeit übernehmen.
Short teaser Seeminen stellen im Iran-Krieg eine Gefahr für Schiffe im Persischen Golf dar. Wie können Unterwasser-Drohnen helfen?
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Vor dem Hintergrund des Iran-Krieges haben sich mehr als ein Dutzend Länder auf einen internationalen Einsatz zur Absicherung der Straße von Hormus nach einem Ende der Kampfhandlungen geeinigt. Bundeskanzler Friedrich Merz stellte in Paris die Beteiligung der Bundeswehr beim Minenräumen und bei der Seeaufklärung in Aussicht.

Noch während der von Frankreich und Großbritannien einberufenen Konferenz am Freitag erklärte der Iran, dass die für den Welthandel wichtige Meerenge während der derzeitigen Waffenruhe geöffnet werden solle. Merz begrüßte die iranische Ankündigung und forderte zugleich, dass die Öffnung "zuverlässig" und "dauerhaft" sein müsse.

Eine Gefahr für Handelsschiffe

Bis auf weiteres bleiben der Persische Golf und die umliegende Region eine Gefahrenzone für Handelsschiffe, auch wenn der Iran eine Durchfahrt während der Waffenruhe erlaubt. Zu den Risikofaktoren gehören nicht nur ein möglicher Beschuss durch die Kriegsparteien, sondern auch Gefahren, die unter Wasser lauern könnten. Anfang April verkündeten die iranischen Revolutionsgarden, die Führung in Teheran habe die Meerenge verminen lassen.

"Wir wissen gar nicht genau, ob dort wirklich Minen liegen, aber die latente Gefahr reicht aus. Im Kriegsgebiet kann das aktuell niemand überprüfen", sagt Johannes Peters, Leiter der Abteilung für Maritime Strategie und Sicherheit am Institut für Sicherheitspolitik der Kieler Christian-Albrechts-Universität.

Wie funktionieren Seeminen?

Seeminen wurden schon im Ersten und Zweiten Weltkrieg eingesetzt. Damals handelte es sich um Ankertauminen: Mit einem Gewicht wurde ein Tau am Meeresboden fixiert, an dessen oberem Ende eine Kugel mit sogenannten Zündhörnern trieb. Fuhr ein Schiff oder ein U-Boot gegen diese Zündhörner, explodierte die Mine. Auslösung durch direkten Kontakt war damals die Funktionsweise. "Moderne Minen haben damit nur noch relativ wenig zu tun", so Peters zur DW.

Auch heute werden die Minen noch im Meeresboden verankert. Die Seekriegsmittel sollen schließlich einer Kriegspartei die Kontrolle über ein bestimmtes Areal sichern. "Dafür muss man sie ortsfest machen", erklärt Peters. Aber die Auslösung läuft nicht mehr über direkten physischen Kontakt.

Stattdessen arbeiten neuere Seeminen mit einer Auslösung durch Druckwellen, elektromagnetische Signale oder Schallwellen. Jede Schiffsbauart hat eine eigene Druck-, elektromagnetische- oder akustische Signatur, sendet also unterschiedliche Signale aus. Die Minen können darauf programmiert werden, beispielsweise nur auf die Schallwellen einer ganz bestimmten Schiffsart zu reagieren.

"Mithilfe von U-Booten kann man die akustische Signatur feindlicher Schiffe feststellen", sagt Peters. Darauf werden die Minen dann programmiert. "Die feindlichen Schiffe lösen mit ihrer akustischen Signatur die Minen aus, während man mit den eigenen Schiffen problemlos durch das verminte Gebiet fahren kann", erklärt der Experte.

Zeitaufwendige Minenjagd im Meer

Die Räumung, die sogenannte Minenjagd, ist zeitaufwendig. Wenn ein verdächtiges Objekt geortet wurde, muss zunächst festgestellt werden, ob von ihm eine Gefahr ausgeht. Sollte das der Fall sein, wird immer individuell entschieden, was mit dem Sprengsatz geschehen soll. Soll er zunächst geborgen werden? Oder muss die Mine unter Wasser entschärft oder kontrolliert zur Explosion gebracht werden? Diese gefährliche Aufgabe kann von Militärpersonal mit entsprechender Ausbildung übernommen werden, quasi dem "Kampfmittelräumdienst unter Wasser", wie Peters ihn nennt.

Manchmal geht es aber auch, ohne dass Menschenleben riskiert werden. "Wenn es möglich ist, setzen wir Drohnen ein um die Objekte, die wir finden, zu identifizieren und zu zerstören", sagte Mykola, Soldat eines ukrainischen Seeminen-Räumtrupps im Schwarzen Meer, gegenüber der DW Anfang dieses Jahres. Die russische Marine hat das Schwarze Meer im Rahmen von Wladimir Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine vermint.

Marine: Drohnen gegen Seeminen

Auch die deutsche Marine setzt bereits Drohnen bei der Minenjagd ein. "Wir nutzen autonome Systeme vorranging für das Absuchen des Meeresbodens", sagt Fregattenkapitän Andreas vom 3. Minensuchgeschwader der deutschen Marine, den wir aus Sicherheitsgründen nur mit seinem Vornamen zitieren. "Früher ist man dafür mit Sonar-ausgestatteten Booten direkt über das Minen-gefährdete Gebiet gefahren. Dank der unbemannten Systeme müssen sich 40 Mann nicht mehr in direkte Gefahr begeben."

Das heißt nicht, dass kein menschliches Personal gebraucht wird. Die Drohnen schicken Aufnahmen vom Meeresboden zurück, die dann ausgewertet werden müssen. Was ist nur Schrott und was wirklich eine gefährliche Seemine? Diese Entscheidung, und wie mit dem Sprengkörper umgegangen werden soll, übernehmen immer noch Menschen.

Die Nutzung von Drohnen für die Überprüfung des Meeresbodens macht die Marine effizienter, sagt Fregattenkapitän Andreas im DW-Gespräch. Trotzdem: Bis ein Seegebiet nach einem Krieg von Minen befreit ist, dauert es Jahrzehnte oder sogar noch länger. Das bestätigt auch Artjom, ein Ukrainer aus dem Minenräumtrupp im Schwarzen Meer. "Wir finden immer noch Minen aus dem Zweiten Weltkrieg, manchmal sogar aus dem Ersten Weltkrieg", sagt der Soldat. "Das zeigt, wie viel Jahre Arbeit wir vor uns haben."

Drohnen-Einsatz in Straße von Hormus wäre schwierig

Die Drohnen, die aktuell bei der Marine zum Einsatz kommen, können aufgrund der Batterielaufzeit nicht allzu lange im Meer eingesetzt werden. Das bedeutet, sie müssen recht nah an dem Gebiet "ausgesetzt" werden, das sie absuchen sollen.

"Man muss immer dicht dran sein", sagt Fregattenkapitän Andreas. "In einem sensiblen Umfeld wie der Straße von Hormus wäre das schwierig. Der Iran hat große Reichweiten und wir müssen unser Personal schützen."

Verschiedene Unternehmen arbeiten bereits an der Entwicklung von Drohnen, die länger unterwegs sein können. Eines von ihnen ist die Firma Euroatlas aus dem norddeutschen Bremen. Ihre Unterwasser-Drohne "Greyshark" kann aktuell rund sechs Stunden lang bei zehn Knoten Geschwindigkeit durchs Meer fahren, bei einer Geschwindigkeit von vier Knoten dreimal so lang. Im September 2026 wird die batteriebetriebene Version in Serie gehen, für Ende des Jahres ist die Serienproduktion einer "Greyshark"-Drohne mit Brennstoffzellenantrieb geplant. Diese soll dann mehrere Wochen autonom im Meer unterwegs sein können.

"Greyshark"-Drohne vielleicht schon bald im Einsatz

"In der Straße von Hormus sind Schiffe an der Wasseroberfläche durch Beschuss von Land gefährdet, und das betrifft auch Minensuchboote", sagt Markus Beer aus dem Bereich autonome Systeme bei Euroatlas. "Unter Wasser wäre die Aufklärungsarbeit [von Drohnen] gefahrlos möglich, ohne die Situation zu eskalieren."

Und: Der "Greyshark" könnte in sicherer Entfernung zu Wasser gelassen werden. "Die kleinen Drohnen, die heute bei der Minenjagd zum Einsatz kommen, haben nur wenige Stunden Ausdauer. Der 'Greyshark' kann viel weiter fahren", sagte Beer der DW. Außerdem macht die Drohne hochauflösende Bilder und kann Objekte, die sie auf dem Meeresboden entdeckt, selbst identifizieren.

Die deutsche Marine und auch andere Nationen konnten sich beim NATO-Manöver REPMUS 25 im vergangenen September vor der Küste Portugals bereits ein Bild über die Fähigkeiten des "Greyshark" machen.

Author Carla Bleiker
Item URL https://www.dw.com/de/straße-von-hormus-so-gefährlich-sind-seeminen/a-76832163?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Unterwasser-Drohnen wie dieses Modell sind bereits bei der Erkennung von Seeminen im Einsatz - so müssen sich weniger Menschen in Gefahr begeben
Image source Euroatlas
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Item 73
Id 76760889
Date 2026-04-15
Title Klitoris-Anatomie: Neue Studie zeigt vernachlässigtes Organ
Short title Klitoris-Anatomie: Neue Studie zeigt vernachlässigtes Organ
Teaser Hochauflösende Bilder machen das komplexe Nervennetz der Klitoris sichtbar. Und sie machen deutlich, wie groß die Wissenslücken in der Medizin, insbesondere bei Frauengesundheit, bis heute sind.
Short teaser Neue 3D‑Bilder machen das komplexe Nervennetz der Klitoris sichtbar - und die blinden Flecken der Medizin.
Full text

Was denken Sie: Wie groß ist die Klitoris? Wo liegt sie genau? Wie ist sie aufgebaut? Wenn Sie damit überfragt sind, geht es nicht nur Ihnen so. Selbst für viele Medizinerinnen und Mediziner sind diese Fragen bis heute erstaunlich schwer zu beantworten. Das liegt weniger am mangelnden Interesse Einzelner als an einem strukturellen Problem. Zentrale Organe des weiblichen Körpers wurden in der Medizin lange deutlich schlechter erforscht als ihre männlichen Gegenstücke.

Das männliche Pendant zur Klitoris ist der Penis: Beide haben den gleichen embryonalen Ursprung, besitzen Schwellkörper, erigieren bei Erregung und spielen eine zentrale Rolle beim Lustempfinden. Doch Fragen wie "Wie groß ist ein Penis?" oder "Wie ist er aufgebaut?" können viele eher beantworten. Das steht schließlich in jedem Biologiebuch.

Anatomie der Klitoris in 3D

Eine neue 3D-Studie aus den Niederlandenschließt die Klitoris-Wissenslücken nun ein Stück weiter. Ein Forschungsteam um Ju Young Lee am Amsterdam University Medical Center in den Niederlanden hat dafür zwei Körperspenden mit einem speziellen Röntgenverfahren untersucht: Synchrotronstrahlung - eine extrem hochauflösenden Form der Bildgebung. Sie ermöglicht Aufnahmen, die bis ins kleinste Detail reichen. Herkömmliche Verfahren wie MRT können zwar grobe Strukturen zeigen, die räumliche Darstellung feinster Nervenverläufe war bislang jedoch nicht möglich.

In den Aufnahmen wird erstmals sichtbar, wie komplex das Nervensystem der Klitoris tatsächlich ist. Die Forschenden konnten den Verlauf des dorsalen Klitorisnervs, also des wichtigsten sensorischen Nervs der Klitoris, vom Becken bis in die Klitoriseichel dreidimensional verfolgen. Innerhalb der Eichel verzweigen sich mehrere dicke Nervenstämme baumartig bis nahe an die Oberfläche - einige von ihnen bis zu 0,7 Millimeter stark. Entgegen früherer Annahmen verjüngen sich die Nerven nicht, sondern fächern sich weiter auf. Zudem zeigen die Bilder, dass Nervenäste nicht nur die Eichel versorgen, sondern auch in die Klitorisvorhaut und bis zum Schamhügel (Mons pubis) ziehen.

Organ im weiblichen Körper, das lange übersehen wurde

Dass die Klitoris so lange vernachlässigt wurde, liegt auch daran, dass sie über Jahrzehnte auf ihre sichtbare Spitze reduziert wurde. Tatsächlich liegt der Großteil des Organs im Körperinneren. Diese anatomische Realität wurde erst Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre systematisch beschrieben.

Eine zentrale Rolle spielte dabei die australische Urologin Helen O'Connell. Mithilfe von MRT‑Untersuchungen zeigte sie erstmals, dass die Klitoris kein kleiner äußerer Knubbel ist, sondern ein großes, komplexes Organ, das eine Gesamtlänge von acht bis zwölf Zentimetern erreichen kann: Die sichtbare Eichel ist nur der äußere Teil einer Struktur, die sich unterhalb des Schambeins erstreckt, die den Vaginaleingang umgibt und aus Schwellkörpern besteht, die sich bei Erregung mit Blut füllen.

Vergleichbar detaillierte Darstellungen des Penis existierten zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahrzehnten.

Klitoris bisher kein Forschungsschwerpunkt

Ju Young Lee ist ausgebildete Neurowissenschaftlerin, ihr Fokus lag lange auf dem Gehirn. In den vergangenen Jahren habe sich die Forschung jedoch zunehmend auch peripheren Nervensystemen zugewandt, etwa dem Darm. Auf einer großen europäischen Konferenz fragte sie einmal, ob jemand untersuche, wie Nerven in gynäkologischen Organen mit dem Gehirn kommunizieren. Die Antwort vom Podium: "Oh, darüber habe ich noch nie nachgedacht."

Lee ließ das Thema nicht los. Nach ihrer Promotion ging sie ans Amsterdam University Medical Center, das Teil des internationalen Projekts Human Organ Atlas Hub (HOAHub) ist - mit dem Ziel, den menschlichen Körper mithilfe von Synchrotron‑Bildgebung systematisch zu kartieren. Ein Google Earth für die Anatomie, gewissermaßen.

"Die Klitoris ist natürlich eines der menschlichen Organe", sagte Lee der DW. "Also war es wichtig, sie in das Projekt einzubeziehen."

Forschungsergebnisse helfen bei Entbindungen und gynäkologischen Operationen

Seit Veröffentlichung des Preprints haben sich laut Lee bereits Chirurgen gemeldet, die die Arbeit in ihrer Praxis als hilfreich empfanden.

"Das genaue Wissen über die Anatomie kann helfen, bei Operationen im Vulvabereich Nervenschäden zu vermeiden", sagt sie. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass die Ergebnisse vor allem bei Operationen im Vulvabereich helfen, wie bei der Entbindung, bei geschlechtsangleichenden Operationen und bei Rekonstruktionsoperationen nach Genitalverstümmelung.

Wie groß die Lücke zwischen Forschung und Alltag bislang ist, erlebt Mandy Mangler, Chefärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe in Berlin. Als sie die neuen Bilder sah, war sie begeistert - nicht, weil alles neu war, sondern weil es nun bisherige Vermutungen belegt. "Es gibt viel zu wenig wissenschaftliche Beschäftigung mit der Klitoris", sagt sie. "Dass die Nerven bis zum Vulvahügel und zu den Vulvalippen ziehen, war plausibel - jetzt ist es endlich gezeigt."

Für Mangler ist das ein entscheidender Punkt, etwa für Operationen im Vulvabereich, für Sexualmedizin, aber auch für die Versorgung nach genitalen Verletzungen. Im Medizinstudium spiele die Klitoris kaum eine Rolle, sagt sie. Die Folgen: Ärztinnen und Ärzte operierten im Vulvabereich, ohne die Nervenverläufe genau zu kennen. Schmerzen, Sensibilitätsstörungen oder sexuelle Probleme werden so später oft nicht mit Eingriffen oder Geburten in Verbindung gebracht.

Vergleich zwischen Penis und Klitoris verdeutlicht Gender Health Gap

Mangler zieht einen direkten Vergleich zur Männergesundheit. In ihrem Klinikalltag teilt sie sich den OP‑Trakt mit Urologen. "Ich sehe live, wie viel Aufwand betrieben wird, um bei Eingriffen am Penis die Nerven zu erhalten", sagt sie. "Da gibt es viel Forschung, Training und Bewusstsein. Bei der Klitoris schert sich keiner drum."

Für sie eine große Ungerechtigkeit und ein klassisches Beispiel für die Gender Health Gap: medizinische Standards, die für Männer selbstverständlich sind, fehlen bei Frauen - nicht aus bösem Willen, sondern aus historischer Vernachlässigung. Ein Thema, dem sich Mandy Mangler auch in ihrem neuen Buch "Don’t miss the clitoris" widmet.

Die Klitoris ist kein Einzelfall: Frauenkörper noch immer vernachlässigt

Dass zentrale Organe des weiblichen Körpers lange unterschätzt wurden, zeigt sich auch anderswo. Kürzlich gab es neue Forschung zum Eierstock: Ein Gewebe, Rete ovarii, das vor mehr als 100 Jahren beschrieben wurde, dann aber als funktionslos galt und aus Anatomiebüchern verschwand, könnte eine Rolle im Hormonhaushalt spielen und wichtig für die Embryonalentwicklung der Eierstöcke sein. Offenbar gibt es auch einen Zusammenhang zur Entstehung von Zysten. Nutzlos? Definitiv nicht.

Der rote Faden ist klar: Weibliche Anatomie wurde häufig vereinfacht oder als medizinisch zweitrangig behandelt.

Kein abgeschlossenes Bild der Klitoris

Auch die neue Klitoris‑Studie beantwortet nicht alle Fragen. In der öffentlichen Rezeption wird die Studie teils als erste "vollständige Darstellung" der Klitorisnerven beschrieben. Lee widerspricht dem ausdrücklich. "Als Wissenschaftlerin ist ein vollständiges Bild nicht möglich", sagt sie. "Neue Technologien werden immer neue Einblicke bringen." Es gebe noch viele fehlende Puzzleteile.

Untersucht wurden zwei postmortale Proben älterer Frauen. Wie sich Struktur und Funktion der Klitoris im Laufe des Lebens verändern - in Pubertät, Schwangerschaft, Menopause oder im Menstruationszyklus - ist weitgehend unerforscht. Auch diese Fragen möchte Lee künftig besser verstehen.

Mangler sieht ebenfalls noch großen Forschungsbedarf. Gleichzeitig betont sie, dass schon jetzt ein Umdenken nötig sei: "Bei jeder gynäkologischen Operation und in der Geburtshilfe sollten Anatomie und Physiologie der Klitoris mitgedacht und bewahrt werden - genauso selbstverständlich, wie wir es beim Penis tun."

Author Hannah Fuchs
Item URL https://www.dw.com/de/klitoris-anatomie-neue-studie-zeigt-vernachlässigtes-organ/a-76760889?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76761780_607.jpg
Image caption Die neuen Aufnahmen zeigen den komplexen Verlauf des Nervus dorsalis clitoridis (gelb), des wichtigsten sensorischen Nervs der Klitoris. Die Klitoriseichel ist in grau dargestellt.
Image source Ju Young Lee et al., 2026
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Item 74
Id 76746113
Date 2026-04-11
Title "Historische Leistung": Artemis-Crew kehrt zur Erde zurück
Short title "Historische Leistung": Artemis-Crew kehrt zur Erde zurück
Teaser Sie haben Dinge gesehen, die vor ihnen niemand sah - und sie haben den Weg bereitet für Größeres, das noch kommen soll. Die Astronauten der Mond-Mission "Artemis 2" meisterten auch den letzten Abschnitt ihrer Reise.
Short teaser Sie haben Dinge gesehen, die vor ihnen niemand sah - und sie haben den Weg bereitet für Größeres, das noch kommen soll.
Full text

Die ersten Menschen, die seit mehr als 50 Jahren in der Nähe des Mondes waren, sind nach rund zehn Tagen im All zurück auf der Erde. Die vier "Artemis 2"-Astronauten an Bord der "Orion"-Kapsel - die US-Astronauten Christina Koch, Victor Glover, Reid Wiseman und der Kanadier Jeremy Hansen - wasserten plangemäß im Pazifik nahe San Diego, wie die US-Raumfahrtbehörde NASA mitteilte. Es sei eine "Bilderbuch-Landung" gewesen.

Spezialkräfte der NASA und des US-Verteidigungsministeriums halfen den Astronauten aus der Kapsel und brachten sie dann per Helikopter zu einem Schiff der Marine. NASA-Chef Jared Isaacman nahm die vier persönlich in Empfang und gratulierte ihnen zu einer "historischen Errungenschaft". Die Crew sei "gesund und glücklich", hieß es von der Raumfahrtbehörde.

Trump geizt nicht mit Lob

Die Astronauten winkten lächelnd in die Kameras und streckten ihre Daumen in die Höhe. Sie sollen nach medizinischen Untersuchungen zurück nach Houston gebracht werden. US-Präsident Trump erklärte, die Mondmission sei "spektakulär" gewesen und die Landung "perfekt". Der kanadische Premierminister Mark Carney gratulierte zu einer "historischen Leistung".

Die Landung war ein kompliziertes Manöver, bei dem die Kapsel zeitweise eine Geschwindigkeit von über 38.000 Kilometern pro Stunde erreichte - mehr als die 30-fache Schallgeschwindigkeit. Beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre war das Raumschiff Temperaturen von mehr als 2700 Grad Celsius ausgesetzt. Die Oberfläche der "Orion"-Kapsel wurde durch einen Hitzeschild vor dem Verglühen geschützt. Für rund sechs Minuten fiel dabei planmäßig die Kommunikation mit dem Kontrollzentrum aus. Von Fallschirmen abgebremst, kam die Kapsel anschließend im Pazifik auf.

Kanadische Premiere

Die vier Astronauten waren in der vergangenen Woche an Bord der "Orion"-Kapsel mit dem Raketensystem "Space Launch System" vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral im US-Bundesstaat Florida abgehoben. Für Glover, Koch und Wiseman war es der zweite Flug ins All, für Hansen der erste. Koch ist die erste Frau an Bord einer Mondmission der NASA, Glover der erste nicht-weiß Mensch und Hansen der erste Kanadier.

Die grafische Darstellung des Flugverlaufs ähnelt einer riesigen Acht, die Erde und Mond umschließt. Die Astronauten legten insgesamt mehr als 2,3 Millionen Kilometer zurück. Sie entfernten sich etwa 406.771 Kilometer von der Erde und knackten damit den 1970 aufgestellten Rekord der "Apollo 13"-Mission von rund 400.171 Kilometern. Dem Mond näherten sie sich auf rund 6545 Kilometer an. Eine Landung war bei dieser Mission nicht geplant.

40 Minuten allein im All

Bei ihrem Flug um den Erdtrabanten herum konnten die Raumfahrer den Himmelskörper rund sieben Stunden lang beobachten. Insbesondere auf der Rückseite des Mondes konnten sie dabei auch aufgrund der Sonnenverhältnisse Dinge entdecken, die kein Mensch zuvor mit eigenen Augen gesehen hat. Für rund 40 Minuten war es, wie vorab erwartet, nicht möglich, mit dem Kontrollzentrum auf der Erde zu kommunizieren.

Gegen Ende des Vorbeiflugs am Mond konnten die Astronauten sogar noch eine Sonnenfinsternis verfolgen, bei der die Sonne aus der Perspektive von "Orion" hinter dem Mond verschwand.

Club der zwölf

Der erste Mensch auf dem Mond war am 20. Juli 1969 der US-Amerikaner Neil Armstrong, der bislang letzte - im Dezember 1972 - der 2017 gestorbene NASA-Astronaut Eugene Cernan im Rahmen von "Apollo 17". Insgesamt brachten die Vereinigten Staaten als bislang einziges Land mit den "Apollo"-Missionen zwischen 1969 und 1972 zwölf Astronauten auf den Mond.

"Artemis 2" soll nun ein großer Schritt in Richtung eines neuen Mondprogramms sein - mit dem Ziel bemannter Landungen und später einer permanenten menschlichen Präsenz auf dem Erdtrabanten. Schon bald werde die Besatzung der nächsten Mondmission "Artemis 3" bekanntgegeben werden, hieß es von der NASA. Der Weg zum Mond sei offen, sagte NASA-Manager Amit Kshatriya. "Aber es liegt mehr Arbeit vor uns als hinter uns."

jj/fab (dpa, afp, rtr)

Item URL https://www.dw.com/de/historische-leistung-artemis-crew-kehrt-zur-erde-zurück/a-76746113?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
Image URL (1920 x 1080) https://static.dw.com/image/76744936_607.jpg
Image caption Aus der Luft ins Wasser: Die "Orion"-Kapsel nach ihrer Landung im Pazifik
Image source NASA/Handout/REUTERS
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Item 75
Id 76736140
Date 2026-04-10
Title Startversuch für deutsche "Spectrum"-Rakete abgebrochen
Short title Startversuch für deutsche "Spectrum"-Rakete abgebrochen
Teaser Ein technisches Problem zwingt die deutsche Firma Isar Aerospace zum kurzfristigen Stopp der "Spectrum"-Mission. Für Europas Raumfahrt ist das ein Dämpfer - doch das Unternehmen hält an seinem Kurs Richtung Orbit fest.
Short teaser Startabbruch Andøya: für Europas Raumfahrt ein Dämpfer, für Isar Aerospace weiterer Ansporn, den Orbit zu erreichen.
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Der zweite Testflug der "Spectrum"-Rakete Raumfahrtunternehmens Isar Aerospace aus dem Süden Deutschlands ist am Donnerstagabend kurzfristig abgebrochen worden. Grund war ein vermutetes Leck in einem Druckbehälter, das kurz vor dem geplanten Start am Weltraumbahnhof Andøya Spaceport im Norden Norwegens entdeckt wurde.

"Isar Aerospace nimmt Abstand vom heutigen Startversuch, um ein Leck in einem Druckbehälter zu untersuchen", teilte das Unternehmen rund eine Stunde vor dem Abheben mit. In einer weiteren Mitteilung hieß es, die beteiligten Teams würden den Schaden nun analysieren und "die nächsten Schritte festlegen".

Die zweistufige, 28 Meter hohe Rakete sollte bei der Mission "Onward and Upward" erstmals mit Nutzlast starten: fünf Kleinsatelliten und ein wissenschaftliches Experiment sollten in eine erdnahe Umlaufbahn gebracht werden. Die "Spectrum" ist darauf ausgelegt, Nutzlasten von bis zu einer Tonne zu transportieren und gehört zur Klasse der sogenannten Microlauncher.

Start bereits mehrfach verschoben

Der nun abgebrochene Start reiht sich in eine Serie von Verzögerungen bei dem Projekt des in Ottobrunn im Bundesland Bayern ansässigen Start-ups. In den vergangenen Wochen wurden mehrere Startversuche aus technischen Gründen sowie wegen ungünstiger Wetterbedingungen abgesagt. In einem Fall hatte ein Fischerboot die Sicherheitszone nicht rechtzeitig verlassen.

Auch der erste Testflug im vergangenen Jahr verlief nicht wie erhofft: Die Rakete startete zwar erfolgreich, stürzte jedoch nach rund 30 Sekunden Flug ins Meer.

Trotz Rückschlägen zeigt sich Unternehmenschef Daniel Metzler zuversichtlich: "Absagen sind ein Teil der Raumfahrtindustrie", sagte er. "Jeder Versuch bringt uns wertvolle Erfahrungen und schult uns auf unserem Weg in den Orbit." Metzler betonte außerdem: "Es steht außer Frage, dass wir die Erdumlaufbahn erreichen und einen zuverlässigen Zugang zum Weltraum beweisen werden."

Europa will unabhängiger werden

Isar Aerospace, 2018 gegründet und mit mehr als 500 Millionen Euro finanziert, gilt als eine der großen Hoffnungen der europäischen Raumfahrt. Das Unternehmen wird unter anderem von der European Space Agency (ESA) unterstützt und gehört zu mehreren Firmen, die Europa unabhängiger von außereuropäischen Anbietern machen wollen.

Derzeit dominiert vor allem das Raketen-Unternehmen des Milliardärs Elon Musk den Markt für Raketenstarts. Sein Raumfahrtunternehmen SpaceX hat die teilweise wiederverwendbare Trägerrakete "Falcon 9" schon hunderte Male ins All geschickt. Europa ist bislang stark auf solche Anbieter angewiesen.

Nach Angaben von Metzler starteten die USA im vergangenen Jahr 198 Raketen, während Europa lediglich acht Starts verzeichnete. Der erste Testflug der "Spectrum"-Rakete im vergangenen Jahr war der erste Start einer Orbitalrakete in Kontinentaleuropa außerhalb Russlands. Die bekannten "Ariane"-Raketen der ESA heben regelmäßig vom Weltraumbahnhof in Kourou in Französisch-Guayana ab, also im Norden Südamerikas.

Auch die geopolitische Lage verstärkt den Druck zur Eigenständigkeit. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hatte bei einem Besuch in Andøya betont, unabhängige Startkapazitäten seien auch aus sicherheitspolitischen Gründen wichtig.

Große Nachfrage trotz fehlender Serienreife

Trotz der bisherigen Rückschläge ist die Nachfrage für "Spectrum"-Starts hoch. Nach Angaben des Unternehmens ist Isar Aerospace bereits bis 2028 ausgebucht. Der Anteil militärischer Anfragen habe sich innerhalb eines Jahres auf 60 Prozent vervierfacht.

Wann ein neuer Startversuch erfolgen könnte, ist noch offen. Unternehmenschef Metzler kündigte jedoch an: "Wir werden bald wieder startbereit auf der Startrampe stehen."

pgr/AR (dpa, afp, rtr)

Redaktionsschluss: 16:00 Uhr (MESZ) - dieser Artikel wird nicht weiter aktualisiert.

Item URL https://www.dw.com/de/startversuch-für-deutsche-spectrum-rakete-abgebrochen/a-76736140?maca=de-VAS_DE_NeuseelandNews-32453-html-copypaste
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Image caption Bereit zum Abflug: Die "Spectrum"-Rakete steht kurz vor dem Abbruch an der Startrampe (am Donnerstag)
Image source Isar Aerospace
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Item 76
Id 76593139
Date 2026-04-08
Title Ufos: "Die meisten Meldungen kommen von Rauchern"
Short title Ufos: "Die meisten Meldungen kommen von Rauchern"
Teaser Seit 50 Jahren jagt Hansjürgen Köhler ehrenamtlich Ufos. Für ihn ist es wissenschaftliche Aufklärungsarbeit. Manchmal wird er aber auch zum Kummerkasten.
Short teaser Seit 50 Jahren jagt Hansjürgen Köhler ehrenamtlich Ufos. Für ihn ist es wissenschaftliche Aufklärungsarbeit.
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Wer in Deutschland ein Ufo sichtet, kann seinen Fund bei CENAP melden - dem "Centralen Erforschungs-Netz außergewöhnlicher Himmels-Phänomene". Eine Meldestelle im Odenwald, betrieben von einem fünfköpfigen Team aus Ehrenamtlern rund um Hansjürgen Köhler.

Herr Köhler ist ein freundlicher Mann Ende 60, der sofort ins Erzählen kommt. In seinem früheren Leben war er Kaufmann, weil er kein Astronom werden durfte. Sein Vater riet damals zu "etwas Anständigem". Darum ist Herr Köhlers Jagd auf Ufos ein Hobby, das er mit Hingabe pflegt.

Während die NASA seit 2023 ihren ersten Ufo-Direktor beschäftigt, hat Deutschland seit 50 Jahren: Hansjürgen Köhler.

Die Aufklärungsquote ist hoch

Seit der Gründung von CENAP seien 13.621 Meldungen eingegangen, erzählt er. Die Aufklärungsquote sei hoch, bloß 89 Fälle seien bis heute ungelöst. In den vergangenen fünf Jahren hätten die Meldungen Jahr für Jahr zugenommen. Allein im vergangenen Jahr waren es 1.348 Fälle.

Viele Sichtungen lassen sich erklären: Raketen, Satelliten, helle Planeten oder Fixsterne. Ein Klassiker: Sirius, der hellste Stern am Firmament, links neben dem Himmelsjäger Orion. Manchmal auch Feuerkugeln oder Meteore - "da springt das Astronomieherz gleich in die Höhe", schwärmt Köhler.

Nicht nur CENAP sammelt solche Fälle. In Deutschland existieren mehrere Meldestellen, die Berichte über ungewöhnliche Himmelsphänomene entgegennehmen. Dazu zählen etwa die Deutsche Gesellschaft für UFO-Forschung (DEGUFO), MUFON-CES - die deutschsprachige Sektion des internationalen Mutual UFO Network - oder die Gesellschaft zur Erforschung des UFO-Phänomens (GEP).

Bei CENAP führen rund 40 Prozent der Meldungen laut Hansjürgen Köhlers Erfahrung auf Raumfahrttechnologie zurück. Als zusätzlicher Arbeitgeber sei vor ein paar Jahren Elon Musk hinzugekommen. Denn die Starlink-Satelliten können unter bestimmten Bedingungen extrem hell aufflammen ("extreme flaring") und lösen weltweit so vermehrt Ufo-Meldungen aus -sogar von Flugzeugpiloten.

Aber auch Flugzeuge, Helikopter oder Drohnen steckten häufig hinter den Sichtungen. Gerade Drohnen machen oft verrückte Flugmanöver, die viele Menschen irritieren, weiß Köhler. Und oft sind es schlicht Alltagsphänomene: Ballons aller Art, besonders Folienballons, weil sie das Sonnenlicht so schön reflektieren. Auch Lasershows oder Lichteffekte großer Events. So ein Laserstrahl könne schon mal Dutzende Kilometer weit reichen, selbst in beschauliche Orte, in denen man dem Gras beim Wachsen zuhören kann.

Die Hotline, die nie schläft

CENAP hat eine Hotline, die 24 Stunden am Tag besetzt ist. Außerdem können Menschen ungewöhnliche Himmelsphänomene über WhatsApp, E-Mail oder das Kontaktformular auf der Website melden. Köhler sieht sich in der Pflicht, jeder Meldung nachzugehen und innerhalb von 24 Stunden zu beantworten. Wenn eine Meldung eingeht, benötigt Herr Köhler Datum, Uhrzeit, Ort, Himmelsrichtung, Länge der Sichtung und Zeugenzahl, gerne auch Fotos oder Videos.

Seine Hauptbürozeit ist zwischen 22 und 24 Uhr. Zu dieser Zeit stehen die meisten Menschen auf dem Balkon und schauen in den Himmel, sagt er. Oft, weil sie dabei rauchen. Wenn viel los ist, etwas Spektakuläres am Himmel über Deutschland zu sehen ist, zum Beispiel ein Meteor oder der Wiedereintritt einer Raketenstufe, können schon mal 60 bis 80 Meldungen am Abend eingehen. "Dann ist der Abend gelaufen. Dann kannst du den Fernseher ausschalten, weil du weißt: Jetzt geht es rund", sagt Köhler.

Seine liebsten Fälle gehen zwischen 3 und 4 Uhr nachts ein. Dann springt er aus dem Bett, weil es oft spektakuläre Meteore sind, die mal wieder für ein Ufo gehalten werden. Je schneller sich die Menschen melden, desto besser. "Dann können wir gleich am PC sehen, was der Anrufer sieht" - und bestenfalls aufklären.

Astronomie-Wissen in der Allgemeinbevölkerung gering

Innerhalb der Ufo-Szene zählt Hansjürgen Köhler zu den Skeptikern. Er selbst distanziert sich von den "Ufo-Freaks", begreift sich mehr als Kriminologe mit Schwerpunkt Himmel denn als jemand, der an grüne Männlein in fliegender Untertasse glaubt.

Die astronomischen Kenntnisse in der Allgemeinbevölkerung seien ausbaufähig, findet er. Das sei ihm schon damals aufgefallen, als Jugendlicher in der Sternwarte. Ganz allein scheint er mit dieser Beobachtung nicht: Die International Astronomical Union (IAU) hat das Projekt "Big Ideas in Astronomy" ins Leben gerufen und definiert, was zum astronomischen Allgemeinwissen gehören sollte.

Doch nicht ausschließlich das fehlende Wissen, auch die eigene Wahrnehmung kann uns manchmal in die Irre führen: Die Psychologie nennt das Pareidolie - die Neigung des Gehirns, in zufälligen Mustern Bedeutungen oder Gesichter zu erkennen. So können wolkenähnliche Strukturen oder Lichtreflexe schon mal wie Ufos wirken. Menschen sind jedoch unterschiedlich anfällig dafür, "Gesichter" oder Formen in den Himmel zu projizieren - abhängig von Persönlichkeit, Stresslevel oder Erwartungshaltung.

Zwischen Kriminologie und Kummerkasten

Für die Aufklärung nutzt Köhler Astronomie-Programme, Infos der Raumfahrtagenturen, Flugverkehrsdaten (Quelle geheim) - und ruft bei besonderen Anfragen auch schon mal die Bundeswehr an. Und manchmal muss er vorgehen wie ein Detektiv.

Ein Fall aus den 1990er Jahren beschäftigt Köhler bis heute. Eine junge Frau sei mehrere Monate lang Abend für Abend hinter einem Ufo hergefahren, vom Ruhrgebiet bis nach Belgien. Einmal habe sie ein LKW überholt und gehupt - für sie das Zeichen, dass er das Ufo ebenfalls gesichtet hat.

Das Sonderbare: Das Ufo wechselte ständig seine Form, war mal größer, mal kleiner. Köhler fand heraus: Die Frau war halbblind. Ihre Brille kaputt, die Kontaktlinsen verloren. Das schrumpfende und wachsende Ufo war in Wahrheit der Mond in seinen verschiedenen Phasen. Skurril, sagt Herr Köhler, und irgendwie auch dramatisch. Am Ende sei die Frau vor allem wohl einsam gewesen.

Die Menschen, die sich bei ihm melden, seien "wie Du und Ich": jeden Alters, jeden Geschlechts, manchmal cool, manchmal aufgeregt. Eine Frau habe sich gemeldet, da hatte sie sich in ihrer Wohnung verbarrikadiert. Sie dachte, es wäre Krieg. In Wahrheit war es ein Meteor.

"Es hilft den Leuten, wenn sie bei mir landen", sagt Köhler. Wenn er aufklären kann, bedankten sich die Menschen. Sagten, dass sie jetzt wieder beruhigt schlafen können.

Auch die ESA fragt nach

Inzwischen leite ihm sogar die Europäische Raumfahrtagentur (ESA) Fälle weiter. Wie vor drei Jahren, als ein Forscherteam in Norwegen Polarlichter beobachtete und dabei etwas Komisches am Himmel sah. Herr Köhler fand heraus: In Wahrheit hatte eine Rakete gezündet. In der klirrenden Kälte war der Treibstoff kristallisiert. "Das macht einen Riesenzauber am Himmel."

Ein anderer Fall, der ihn vor einem halben Jahr beschäftigt hat: eine Sichtung von Aliens an einem Strand in Portugal. Dokumentiert von einer Frau durch akribische Skizzen. Am Lagerfeuer sitzend habe sie immer wieder Aliens gesehen, die im Meer verschwanden. Herr Köhler fand heraus: An dem Strand war eine Tauchschule. Was Ufologen vielleicht als Alien-Begegnung einsortiert hätten ("hanebüchen!"), klassifizierte Köhler als Tauchgang.

Ufo-Landung in der Zukunft nicht ausgeschlossen

Ob er damit rechne, dass eines Tages doch noch ein Ufo auf der Erde lande? "Bis zum heutigen Tag waren sie nicht da", sagt Köhler. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass wir nicht die einzigen Lebewesen in der Galaxie sind. Das wäre Platzverschwendung. "Dass sie heute kommen, kann ich nicht ausschließen." Aber er glaubt auch: Wenn sie auf dem blauen Planeten landen, und sehen, was hier abgeht, dann sind sie auch ganz schnell wieder weg.

Author Anna Carthaus
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Image caption Ein Ufo? Nein, Anfang März war im Westen Deutschlands ein Meteorit zu sehen - viele ungewöhnliche Himmelserscheinungen lassen sich wissenschaftlich erklären.
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